Kitabı oku: «Drachenwispern», sayfa 5

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11

Lächelnd sah Elynia sich um. Sie war nun seit zwei Wochen in den dicken Mauern Celions und hatte ein kleines, aber liebevoll eingerichtetes Quartier bezogen. Die Zeit seit ihrer Ankunft war ereignislos und ziemlich langweilig gewesen, da man ihnen verboten hatte, ihre Zimmer zu verlassen. Aber nun saß sie in einem großen Raum, zusammen mit all den anderen Rekruten und wartete auf ihre Einführung. Neugierig wanderte ihr Blick über die anderen Anwesenden und sie versuchte, sie einzuschätzen. Am auffälligsten waren zwei hochgewachsene Menschen mit sonnengebräunter Haut und ausgeprägter Muskulatur, die sich deutlich unter ihren dünnen Leinenhemden abzeichnete. Sie standen abseits in einer Ecke und bedachten jeden, der ihnen zu nahe kam mit einem finsteren Blick, der nur zu deutlich besagte, dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen war. Und Elynia zweifelte nicht daran, dass sie einem auch mit bloßen Händen gefährlich werden konnten, denn in Celion war das Tragen von Waffen streng verboten, doch sie war sich sicher, dass die beiden am liebsten ein ganzes Arsenal von Mordinstrumenten mit sich führten. In der Mitte des Raumes stand eine Gruppe von fünf Zwergen mit langen Bärten und dicken, schwieligen Händen und tuschelten leise in ihrer eigenen, kratzigen Sprache. Und dann gab es noch sie. Abgeschottet von dem Rest lehnte sie sich in einem Stuhl zurück und wartete, was passierte. Ihr war wohl aufgefallen, dass sie der einzige weibliche Rekrut war und entnahm den abschätzigen Blicken der anderen, dass sie allesamt der Überzeugung waren, dass sie aus diesem Grund nicht hierher gehörte, doch das störte sie nicht, denn sie war diese Form der Behandlung inzwischen gewöhnt. Dennoch fühlte sie sich ein bisschen einsam. Aber noch gab sie die Hoffnung nicht auf, zumindest ein bis zwei Freunde zu finden, denn auch wenn sie unter den Rekruten die einzige Frau war, hatte sie in den Mauern Celions doch schon viele weibliche Mitglieder der Aquiron gesehen. Dann vernahm sie Schritte vor der Tür und richtete ihren Blick auf die Klinke. Die anderen hatten nichts gehört und zuckten zusammen, als sich die Tür plötzlich mit einem Knarren öffnete, doch Elynia sah gelassen zu. Es trat ein breitschultriger Zwerg ein, dessen schwarze Augen den Ausdruck eines abgehärteten Veteranen zeigten und dem eine lange Narbe von der Stirn über das linke Auge bis zur Wange das Gesicht verunstaltete. In Elynias Augen waren Zwerge mit ihren dicken, kurzen Beinen und den breiten Nasen in ihren aufgedunsenen Gesichtern von Natur aus hässlich, doch dieser Zwerg war ein besonders unansehnliches Exemplar, wenn er auch ausgesprochen groß für einen Vertreter seiner Rasse war. Der Zwerg stapfte mit schweren Schritten durch den Raum und stellte sich dann an die Stirnseite, während er mit grimmiger Miene jeden Einzelnen musterte. Sie hatte das Gefühl, dass sein Blick auf ihr besonders lange lastete. Automatisch erhob sie sich und stand stramm. Auch die anderen wirkten angespannt und hatten sich aufgerichtet und den Rücken durchgestreckt.

Als der Zwerg zu sprechen begann, klang es in Elynias Ohren wie das tiefe Grummeln von Steinen: »Mein Name ist Olk und es ist meine Aufgabe, euch als Rekruten in Celion willkommen zu heißen. Aber eigentlich steht mir nicht der Sinn danach und ich will euch auch keine falschen Hoffnungen machen, sondern nur kurz klarstellen, wo ihr hier seid und was ihr hier seid. Diese Feste ist seit drei Jahrtausenden der Sitz der Aquiron, hier befinden sich die Quartiere der Mitglieder und es laufen alle wichtigen Informationen in diesen Hallen zusammen. Und dann beherbergen wir noch ein paar Frischlinge wie euch. Es gibt zwei Arten von Rekruten. Jene, die eine gewisse Veranlagung besitzen und somit einen entscheidenden Beitrag dazu leisten können, das Böse fernzuhalten, und die Soldaten, wozu auch ihr zählt. Eure einzige Aufgabe ist es, die magischen Bataillone mit eurem Leben zu schützen und dabei ist es mir völlig egal, ob ihr ein Auge, ein Bein oder auch euer Leben verliert, solange ihr euren Zweck erfüllt. Wir sind die Armee und somit die Schachfiguren, die anderen sind die Schachspieler. Ihr kommt hierher, aus den verschiedenen Löchern der Welt gekrochen, und haltet euch für Soldaten, aber ihr seid nur Kinder, die noch nichts von der Wirklichkeit gesehen haben. Wer auch immer euch erzählt hat, ihr wäret hierauf vorbereitet, hat gelogen und gehört öffentlich ausgepeitscht. Denn ihr habt keine Ahnung, mit welchen Gegnern ihr bald konfrontiert sein werdet. Deshalb spart es euch, Freundschaften zu schließen, denn noch ehe eure Ausbildung vollendet ist, werdet ihr nicht mehr alle leben. Manche von euch schaffen es vielleicht einen Monat, in seltenen Fällen auch mal ein Jahr … andere nicht.« Bei diesen Worten streifte sein Blick ein weiteres Mal Elynia und sie erwiderte ihn trotzig, »Hier ist es egal, woher ihr kommt oder was ihr gewesen seid. Mich interessiert es einen Dreck, ob ihr Prinzen oder Bettler seid. Denn ihr seid ihr alle gleich. Eure Ausbildung wird hart. Es stört mich nicht, euch bis zur absoluten Erschöpfung anzutreiben. Es interessiert mich auch nicht, wenn ihr euch wegen der Anstrengung übergeben müsst, solange ihr danach saubermacht. Aber wer ein schwaches Herz hat und keinen unbeugsamen Willen zeigt, der wird tot sein, noch ehe er den Aquiron beitritt.«

So endete der Vortrag und Elynia sah die finsteren Blicke, die die anderen Rekruten sich zuwarfen. Einer der Zwerge war sogar kreidebleich geworden und zitterte. Die Menschen hingegen waren hartgesotten genug, um sich nichts anmerken zu lassen. Sie hingegen konnte sich ein nervöses Lächeln nicht verkneifen. Elynia hatte sich schon immer beweisen wollen und nach einer Herausforderung gesucht und konnte es kaum erwarten, endlich in diese neue Welt einzutauchen. Der Gedanke an mystische Wesen konnte sie nicht schrecken, im Gegenteil, sie freute sich auf die Gelegenheit, sich mit ihnen zu messen. Und nach der Einführung des Zwerges glaubte sie auch nicht, dass sie ihre Zukunft einsam verbringen musste, denn wenn es wirklich zwei Gruppen bei den Aquiron gab und dies hier die militärische war, konnte sie aus eigener Erfahrung sagen, dass die anderen bald vergessen würden, dass sie eine Elfe war und kein Elf, denn Soldaten maßen ihre Mitstreiter stets an ihren Leistungen und an nichts anderem. Und sie hatte keine Sorge, hierbei imponieren zu können. Das Räuspern des Zwerges lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn. Er hatte eine zerknitterte Liste aus dem Wams gezogen und fuhr mit seinem Vortrag fort.

»Wie ich eben schon angedeutet habe, seid ihr die Beschützer der magischen Mitglieder. Konkret bedeutet dies, dass jeder von euch einen Schützling zugeteilt bekommt. Diesen werdet ihr mit eurem Leben schützen. Auch das Training werdet ihr mit eurem Partner bestreiten. Ich erwarte nicht, dass ihr euer Gegenstück mögt, aber ihr werdet ihm treu sein, was auch passieren mag. Wenn ich nun eure Namen aufrufe, geht ihr durch die Tür zu eurer Rechten und lernt euren Partner kennen.«

Diese Ankündigung überraschte Elynia dann doch und sie zwirbelte nervös und neugierig ihr langes Haar zwischen den Fingern. Sie fragte sich, wie ihr Partner wohl sein mochte und wartete ungeduldig darauf, dass ihr Name aufgerufen wurde.

»Sain Atlas«, der größere der Menschen nickte dem anderen kurz zu und verließ dann entschlossen den Raum, »Arin Hump, Stiglitz Mai …«

Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, während einer nach dem anderen den Raum verließ, zunächst die Zwerge, dann der zweite Mensch. Schließlich blieb sie alleine zurück und sah den Veteran abwartend an, während sie sich darauf vorbereitete, selbst in den Nebenraum zu gehen. Doch der Zwerg packte die Liste wieder ein und machte Anstalten zu gehen. Perplex und vor den Kopf gestoßen erstarrte sie. Dann beeilte sie sich, zu dem Zwerg aufzuschließen.

»Verzeiht«, sprach sie ihn an, doch er fiel ihr grunzend ins Wort: »Verzeiht, Sir!«

Elynia nickte ergeben und setzte neu an: »Verzeiht, Sir. Aber was ist mit mir?«

Der Zwerg blieb stehen und musterte sie mit unergründlichem Blick, dann sagte er nur: »Ich brauche dich nicht. Was ich hier brauche, sind Krieger. Unerbittliche Kämpfer und keine Frauen und Kinder. Außerdem gibt es nicht genügend magische Rekruten für alle. Du wirst am Training teilnehmen. Beweise mir, dass du würdig bist, hier zu sein, dann bekommst du vielleicht eine Chance«, ehe er sich abwandte und ging.

Elynia sah ihm mit einer Mischung aus unbändiger Wut und Verzweiflung nach. Dann kehrte sie in ihr Quartier zurück, schloss die Tür hinter sich ab und warf sich aufs Bett, wo sie zornig und enttäuscht in das Kissen zu schimpfen begann.

12

Ardun döste auf dem Rücken seines Pferdes, als sie ein weiteres Mal die Nacht durchritten. Nach der dritten Nacht in Folge konnte ihn die Dunkelheit nicht mehr so faszinieren wie zu Beginn und er verfiel immer häufiger in eine Art Wachschlaf. Dabei vertraute er blind darauf, dass sein Pferd dem Lians folgte, da dieses offensichtlich die Leitstute war. So nickte er auch jetzt wieder ein und döste vor sich hin, ehe er von einer wütenden Stimme aufschreckt wurde.

»Ich hab dir doch oft genug gesagt, dass du nicht auf die Irrlichter reinfallen sollst! Komm sofort zurück!«, schrie Lian wutentbrannt.

Verwirrt sah Ardun auf. Er befand sich immer noch auf seinem Pferd fast direkt hinter der Elfe, doch diese sah ihn nicht an, sondern richtete ihren Zorn anscheinend auf etwas vor ihr. Aber selbst als er sich anstrengte, konnte Ardun nicht ausmachen, was sie so erzürnte. Alles, was er sah, waren zwei kleine Glühwürmchen, die vor ihr auf und ab schwebten.

»Ist alles in Ordnung mit Euch?«, wollte er vorsichtig wissen.

Aber die Elfe antwortete ihm nicht, sondern begann erneut, auf die Glühwürmchen zu schimpfen, dass sie Ardun einfach seinem Schicksal überlassen würde und er selbst schuld war, wenn er auf solch einfache Listen hineinfiel. Stirnrunzelnd schloss er zu ihr auf, um sie an der Schulter zu packen und sanft zu rütteln. Sie wischte seine Hand weg, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Doch während er sie berührte, veränderte sich das Bild vor seinen Augen. Schockiert stellte er fest, dass er sich selbst sah. Er war vom Sattel abgestiegen und hielt das Pferd nur noch an den Zügeln, während er mit verzückter Miene ein wunderhübsches Mädchen betrachtete, dessen lockiges, braunes Haar ihre weichen Geschichtszüge umschmeichelten und das in ein hauchdünnes Kleid gekleidet war, welches nicht viel Spielraum für Fantasie ließ. Sie lächelte seinem zweiten Ich kokett und aufreizend zu und Ardun sah sich selbst ihr folgen. Dann war es vorbei und er sah wieder nur zwei Glühwürmchen, die sich langsam auf den Wald zubewegten, als die Elfe sich von seiner Hand befreite. Er saß wie vom Donner gerührt da, während Lian weiterhin lauthals fluchend von ihrer Stute abstieg und den Lichtern folgte. Ohne lange zu überlegen sprang auch Ardun aus dem Sattel und nahm sich noch kurz Zeit, die beiden Pferde anzubinden, ehe er ihr folgte. Er versuchte alles, um sie wieder zur Vernunft zu bringen, rief laut ihren Namen, stieß sie, wedelte ihr vor den Augen herum, doch sie war völlig in dem Bann gefangen und nahm ihn nicht wahr. Daher beschränkte er sich alsbald darauf, ihr stumm zu folgen, seinen Dolch gezückt und immer darauf bedacht, möglichst viel von seiner Umgebung im Blickfeld zu haben. Allerdings gestaltete sich dies schwierig, da die Glühwürmchen, welche er inzwischen als Irrlichter erkannt hatte, sie immer tiefer in den Wald hinein und weg von den Pferden führten, wo die Bäume enger standen und die dichten Kronen fast jegliches Sternenlicht schluckten, sodass nur die Irrlichter selbst einen schmalen Lichtkegel warfen. In seiner Verzweiflung stach Ardun sogar mit dem Dolch nach einem der Irrlichter, doch es wich schwebend mit einer Leichtigkeit aus, die klarmachte, dass er es niemals treffen würde. Gleichzeitig hörte er ein helles, amüsiertes Lachen erklingen. Ihm blieb also nichts weiter übrig, als den Irrlichtern und Lian immer weiter ins Herz des Waldes zu folgen und bereit zu sein, sie gegen ein Raubtier zu verteidigen, falls dieses sie angriff. Immer weiter liefen sie ohne ersichtliches Ziel und die Luft um sie herum wurde zunehmend stickiger. Aber immerhin traute sich auch kein wildes Tier an sie heran, was allerdings nicht bedeutete, dass Ardun nicht bei jedem Rascheln im Laub zusammenzuckte und mehr als einmal stach er erschrocken nach einem Baum, dessen dunkle Silhouette plötzlich in der Dunkelheit vor ihm auftauchte, denn seine Nerven lagen blank und er fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut. Dann durchbrach plötzlich ein seltsames Geräusch die Lautkulisse des Waldes. Es war wie ein Schleifen über den Erdboden. Mit pochendem Herzen und auf das Schlimmste gefasst wollte Ardun stehenbleiben und lauschen, doch die Irrlichter erlaubten ihm eine solche Pause nicht, sie schienen sogar Gefallen daran zu finden ihn zu ärgern und erhöhten sogar das Tempo, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihnen nachzuhasten, hinein ins Ungewisse, denn er konnte nur noch seinen eigenen schweren Atem und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren hören. Weiter und weiter liefen sie und nach einer Weile vernahm er wieder das seltsame Geräusch. Nur dass es diesmal sehr viel näher und lauter war. Gleichzeitig nahm die undurchdringliche Finsternis des Waldes ab und er erkannte einen schwachen Lichtschein. Kurz darauf erhob sich vor ihnen der schummrig erleuchtete Eingang zu einer Höhle, die sich abschüssig in den Waldboden fraß. Lian steuerte direkt auf den Zugang zu. Ardun versuchte ein weiteres Mal verzweifelt, sie aufzuhalten, doch ihm blieb derselbe Misserfolg beschieden wie zuvor. Daher blieb ihm nichts anderes übrig, als der Elfe widerwillig unter die Erde zu folgen. Ihm schlug ein modriger Geruch entgegen, vermischt mit dem Gestank von Fäulnis und Verwesung. Und eins war sicher, der lange Gang war sicherlich nicht unbewohnt. Denn an den Wänden waren in unregelmäßigen Abständen kleine Laternen angebracht, die flackernd Licht spendeten. Einige waren auch schon erloschen. Und durch den Stollen hallte das schleifende Geräusch, welches Ardun schon zuvor aufgefallen war. Und noch immer war Lian wie in Trance und folgte den nur noch schwach glimmenden Irrlichtern immer tiefer hinein. Der Gang führte lange bergab und wurde nur selten von schmalen Abzweigungen unterbrochen. Während sie immer weiter hinab gingen, nahm Ardun seinen Umhang ab, den er gegen die nächtliche Kälte getragen hatte, denn es wurde mit jedem Schritt wärmer. Kurz darauf begann er sogar zu schwitzen und musste stehenbleiben, um sich den Schweiß aus den Augen zu wischen. Deshalb bemerkte er zunächst auch nicht die Kreatur, welche soeben um die nächste Biegung gekommen war und sie jetzt mit einem überraschten Grunzen bedachte. Sie hatte ledrige, grüne Haut und überproportional lange Arme, die bis zum Boden reichten, sodass die Klauen über die Erde gezogen wurden und dabei ein schleifendes Geräusch erzeugten. Das Gesicht war seltsam eingedrückt, als wäre das Wesen gegen eine massive Wand gerannt und eine große schweineähnliche Schnauze prangte darin. Als Ardun endlich den salzigen Schweiß aus seinen brennenden Augen entfernt hatte, sah er den Goblin. Mit einem freudigen Aufgrunzen machte das hässliche Geschöpf kehrt und rannte auf seinen kurzen Beinchen zurück, dahin, woher es gekommen war. Ardun stieß einen wüsten Fluch aus und setzte ihm nach. Von allen finsteren Orten, an die die Irrlichter sie hätten führen können, musste es ausgerechnet ein Goblinstollen sein. Ardun wusste, dass es Ärger bedeutete, wenn er den, der sie gesehen hatte, nicht stoppen konnte, denn auch wenn Goblins an sich schwach waren, durfte man ihre Flinkheit unter der Erde nicht unterschätzen. Und sie lebten zu hunderten in Kolonien und konnten selbst die besten Krieger durch ihre schiere Überzahl überwältigen. Wenn der Goblin also mit Hilfe zurückkehrte, sah er schwarz für sich und Lian, die ihm in einem Kampf in ihrem tranceartigen Zustand kaum eine Hilfe sein würde. Und ein Kampf wäre unvermeidbar, denn Goblins ernährten sich ausschließlich von Fleisch und sahen in anderen Lebewesen nichts anderes als eine schmackhafte Nahrungsquelle. Keuchend erhöhte er seine Laufanstrengungen und holte den Goblin nach zwei Biegungen ein, als dieser gerade um die nächste Ecke verschwinden wollte. Mit einem gewagten Hechtsprung bekam Ardun die dünnen Beine zu packen und sie kugelten gemeinsam um die Biegung, ehe er es schaffte, sich auf das Wesen zu wälzen und es mit den Knien zu Boden zu drücken, während er es mit den Fäusten bearbeitete. Doch sein ursprünglicher Plan, den Goblin mit einem Schlag gegen die Schläfe auszuschalten, schlug fehl, da die ledrige Haut zu hart war und ihm nur die Haut an den Knöcheln aufplatzte, während der Goblin keinen Schmerz zu fühlen schien und zappelnd versuchte, sich zu befreien. Ardun hatte keine Wahl. Er zog seinen neuen Dolch und rammte die Klinge dem Goblin in die Kehle. Ein dunkler Blutschwall schoss ihm entgegen, während der Goblin in seinem aussichtslosen Todeskampf röchelnd zappelte. Dann endlich erschlaffte sein Körper und er richtete sich erleichtert auf. Doch seine Freude verflog augenblicklich, als er sah, wo er gelandet war. Der Stollen hatte sich in eine flache, aber breite Höhle geöffnet, aus der Ardun zwei Dutzend gelber Augenpaare entgegenleuchteten. Und ausgerechnet jetzt trat auch noch Lian hinter ihm aus dem Stollen. Die Irrlichter waren verschwunden. Ardun hielt den Dolch drohend vor sich, in der Hoffnung, den Goblins, welche ihm nur bis zur Brust reichten, Angst einzuflößen, doch er hatte seine Rechnung ohne die Kaltblütigkeit der Ungetüme gemacht. Mit wildem Grunzen stürzten sie sich auf die Eindringlinge. Sein Dolch schoss nach links und rechts, sauste auf Schädel und Gliedmaßen nieder und schnitt durch Sehnen, Knochen und Fleisch wie durch Butter, doch wann immer ein Goblin quiekend zu Boden ging, sprangen zwei weitere an seiner Stelle nach. Und Ardun war nach wie vor ein unerfahrener Kämpfer, das hatte sich mit den wenigen Stunden bei Lian nicht geändert, und er zuckte jedes Mal zusammen, wenn die kleinen Klauen ihm eine weitere Kratzwunde an Armen und Beinen zufügten. Gepeinigt schrie er auf, als sich ein Goblin in seiner Wade festbiss. Dann traf ein Schlag seinen verletzten rechten Arm und er ging zu Boden, während sich die Goblins auf ihn stürzten. Ardun schlug und trat um sich, aber seine erbitterte Gegenwehr wirkte unbedeutend gegen die animalische Wildheit der Goblins. Etliche Klauen packten ihn und trugen ihn in eine Ecke zu einem Käfig aus alten Knochen, in den er grob geworfen wurde. Mit der Elfe wurde nicht anders verfahren, obwohl diese nicht einmal den Versuch einer Gegenwehr unternahm. Er presste stöhnend den Arm an seine Seite.

13

An diesem Morgen hatte Elynia sich viel Respekt errungen. Und neue erbitterte Feinde gewonnen. Denn schon in den frühen Tagesstunden hatten die Rekruten antreten müssen, für ihre erste Prüfung. Sie dachte mit einem Gemisch aus Stolz und Bitterkeit daran zurück. Ein wie üblich schlecht gelaunter Zwerg hatte sich vor ihnen aufgebaut, seinen breiten Brustkorb aufgeplustert und sie angeschrien: »Ihr hattet inzwischen mehr als genug Zeit, euch in Celion einzugewöhnen. Ich hoffe doch, ihr genießt den Luxus der geräumigen Zimmer und eurer eigenen Domizile.« Seine Stimme hatte nur so vor Sarkasmus getrieft und er hatte sich ein süffisantes Lächeln gestattet, »Ihr seid weich geworden! Soldaten sollen nicht in weichen Betten schlafen, sondern auf Matratzenlagern in einer Kaserne. Allerdings ist dieser pathetische Magierrat, der hier in Celion leider das Sagen hat, der Meinung, ihr müsstet auf dieselbe Art und Weise verhätschelt werden wie ihre weinerlichen Zauberlehrlinge. Daher sehen wir uns genötigt, selbst Maßnahmen zu ergreifen. Aber wir sind keine Monster. Wir wollen euch eure Habe nicht einfach entreißen. Im Gegenteil. Euch wird die Möglichkeit gegeben, euch selbst zu beweisen und somit die Erlaubnis zu erringen, euren Besitz zu behalten. Gleichzeitig ist dies eure erste Prüfung. Derjenige, der mir das Kopftuch von Quwen«, er deutete auf ein kleines, untersetztes Geschöpf, einen Gnom, welcher wohl sein persönlicher Diener war, »bringt, darf seinen Besitz behalten. Das Tuch wurde gestern Abend entwendet und irgendwo im Wald versteckt. Viel Glück … ihr werdet es brauchen.«

»Das ist einfach!«, tönte der kleinere der beiden menschlichen Rekruten, »Ich war früher Waldführer, ihr anderen braucht es also gar nicht erst versuchen.«

Sein Kumpel klopfte ihm johlend auf die Schulter.

»Gibt es Regeln?«, rief einer der Zwerge laut. Der Kommandant schüttelte den Kopf.

»Ihr müsst mir nur das Tuch bringen, egal wie ihr es erlangt.«

Der Fragesteller lächelte zufrieden und zog demonstrativ und für alle gut hörbar einen Schleifstein über die Klinge seiner Axt.

»Los geht’s!«

Schon in den ersten Sekunden erkannte Elynia, welche der Anwärter überhaupt eine Chance hatten und wer von Anfang an ausgeschieden war. Nämlich all jene, die sogleich in den Wald sprinteten und auf gut Glück mit ihrer Suche begannen. Nur fünf gingen die Suche langsamer an. Elynia schlüpfte geschmeidig hinter die erste Baumreihe und beobachtete die übrigen. Der grobschlächtige Zwerg setzte sich gemütlich pfeifend auf einen Stein und begann, seine Waffe zu schärfen. Die anderen beiden seiner Art sahen unentschlossen und faul aus und schienen nicht so recht zu wissen, was sie tun sollten. Sie befand sie alle für uninteressant. Die beiden Männer hingegen blieben auch in dieser Prüfung unzertrennlich. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich angeregt, aber so leise, dass Elynia nicht verstehen konnte, was gesprochen wurde. Dann stapfte der kleinere von den beiden, der ehemalige Waldführer, zu dem Gnom, der immer noch in einer Ecke kauerte.

»He, du Wicht«, blaffte er den Diener an, »her mit dir!« Gleichzeitig schnappte er blitzschnell nach dem kleinen Wesen, welches ängstlich den Kopf zwischen den dünnen Schultern einzog. Die Finger des groben Mannes konnten die Fußknöchel des Gnoms mühelos umfassen und kurz darauf baumelte Quwen kopfüber etwas unterhalb des Gesichts seines Peinigers. Dieser betrachtete sich eingehend die Fußsohlen des Gnoms und untersuchte auch genau die Spuren, welche das Geschöpf im Sand hinterlassen hatten. Obwohl Elynia diesen Mann nicht leiden mochte, musste sie doch eingestehen, dass diese Vorbereitung professionell wirkte. Wenn irgendjemand eine Chance hatte, den Spuren des Gnoms im Dickicht zu folgen, dann dieser Mann. Daher beschloss sie, sich an seine Fersen zu heften und auf einen geeigneten Moment zu warten, um ihm das Tuch zu entreißen. Allerdings befürchtete sie, dass sich dieses Unterfangen schwieriger als erhofft gestalten könnte, denn der Waldführer war nicht nur von seinem ständigen Begleiter, seinem riesenhaften Kumpanen und Bodyguard, umgeben, sondern schien auch ein gewiefter Kerl zu sein, denn trotz der Aussage des Kommandanten, dass ein Unbekannter das Kopftuch entwendet hatte, hatte dieser Mensch einzig die Füße des Gnoms begutachtet. Das hieß, er war wohl zu derselben Idee wie Elynia gelangt: Es war höchst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet zum Zeitpunkt der ersten Prüfung der Rekruten jemand in das Gemach des Zwergenkommandanten eingedrungen war und so etwas Unwichtiges wie das Schmuckstück des Dieners entwendet hatte. Viel wahrscheinlicher schien es, dass all dies den Gedanken des Kommandanten entsprungen war und er den Gnom persönlich angewiesen hatte, das Tuch irgendwo im Wald zu deponieren. Elynia musste also äußerst vorsichtig bei ihrer Verfolgung vorgehen und ein Schatten werden, ständig da und doch unbemerkt. Hinter ihrem Baum verborgen wartete sie darauf, dass die beiden die Fährte aufnahmen. Dann kam ihr eine Idee. Sie musste verhindern, dass die Männer neben den gesuchten Spuren des Gnoms auch solche von ihr fanden. Aber ihre Suche beschränkte sich mit Sicherheit auf den Waldboden. Sie wären blind für das, was über ihnen war. Deshalb machte sie sich kurzerhand an das Erklimmen des Baumes, unter dem sie stand. Die Bäume standen sehr dicht und hatten ausladende Kronen, sie würde sich also problemlos fortbewegen können. Elynia hatte gerade die oberen Äste der Eiche erreicht, als sie sich erneut nach den Männern umdrehte. Schockiert musste sie feststellen, dass der Platz völlig verlassen und leer war. Fluchend suchte sie mit ihrem Blick die Umgebung ab. Die Männer waren verschwunden. Zornig wegen ihres Pechs kletterte Elynia von Baumwipfel zu Baumwipfel. Sie wollte die Hoffnung schon aufgeben, da ertönte plötzlich eine selbstzufriedene Stimme etwas links unter ihr.

»Ha! Siehst du, genau wie ich es mir gedacht habe.« Erleichtert bewegte sie sich in die Richtung des Sprechers und erblickte sogleich den dunklen Haarschopf des größeren Mannes direkt unter sich in den Büschen. Den kleineren entdeckte sie erst, als sie die Äste etwas auseinanderschob und sich zwischen den Blättern vorbeugte, denn er hockte am Boden, dicht über irgendetwas gebeugt. Bei dem Versuch zu erkennen, um was es sich handelte, beugte sich Elynia immer weiter vor. Plötzlich gab der Ast unter ihr ein lautes Krachen von sich. Sie erstarrte mitten in der Bewegung und starrte ängstlich zu den Männern hinunter. Keiner von ihnen sah zu dem heimlichen Beobachter hinauf. Mit pochendem Herzen zog sich Elynia wieder ein Stück zurück. Sie musste vorsichtiger sein. Und auch ohne selbst zu sehen, was der Waldführer gefunden hatte, konnte sie aus seiner zufriedenen Miene schließen, dass es sich um die gewünschte Fährte handelte. Bestätigt wurde diese Annahme dadurch, dass sie sich sogleich weiter ins Dickicht begaben. Und Elynia folgte ihnen auf dem Fuß, zwei Schritte über ihren Köpfen. Der Waldmann führte sie immer weiter, bis direkt in das Herz des Waldes. Die Bäume hier hatten lange, gerade Stämme und waren ob ihres Alters sehr hoch, daher befand sie sich schon bald dreieinhalb Schritte über den Männern, sodass sie nicht mehr hören konnte, was gesagt wurde. Sie erreichten eine kleine Lichtung. Dort lag gut sichtbar auf einem bemoosten Findling ein rotes Samttuch, welches mit goldenen Ornamenten bestickt war. Die Männer stürzten sich sogleich auf den Halsschmuck und bewunderten lachend ihre Siegestrophäe. Jetzt blieb Elynia als einzige Möglichkeit offen, die beiden zu überwältigen und ihnen das Tuch abzuluchsen. Aber die muskulösen Staturen der Männer ließen sie daran zweifeln, ob es ihr tatsächlich gelingen konnte. Gerade baldowerte sie einen gewagten Plan aus, da ertönte ein tiefes Knurren. Hinter dem Felsen schob sich ein mächtiger schwarzer Bär aus einer Höhle, die man von der Seite, von der aus sie die Lichtung erreicht hatten, nicht hatte sehen können. Der wütende Waldbewohner machte auf die Elfe einen äußerst aggressiven Eindruck. Hatten die beiden Männer vielleicht zuvor noch mit dem Gedanken gespielt, sich auf einen Kampf einzulassen, war diese Idee in eben jenem Moment verworfen, in dem sich der Bär vor ihnen auf die Hinterläufe aufrichtete, sodass er selbst den größeren Mann weit überragte und mit seinen Pranken brüllenden durch die Luft fuhr. Während die Männer sich postwendend zur Flucht wandten, zögerte Elynia, ihnen zu folgen. Einer Intuition folgend verharrte sie in der Baumkrone, bis der Bär die Verfolgung aufnahm und von der Lichtung verschwand. Mit plötzlicher Eile sprang sie von ihrem Ast und landete mit katzenhafter Leichtfüßigkeit auf dem harten Waldboden. Ein rascher Blick über die Schulter genügte ihr, um sich zu vergewissern, dass der Bär tatsächlich nicht zugegen war. Flink schlüpfte sie in den dunklen Höhleneingang. Der Geruch von Moder schlug ihr entgegen und als sie weiter ins Höhleninnere vordrang, schallte jeder ihrer Schritte krachend von den Wänden wieder. Angewidert blickte sie zu Boden und erkannte einen dichten Teppich aus alten, abgenagten Knochen. Die früheren Opfer des Bären. Hauptsächlich erkannte Elynia Tierüberreste, Hirsche, Rehe und selbst Wildschweine, aber auch mindestens drei Menschen oder Elfen waren dem Tier schon zum Opfer gefallen. Elynia konnte aber auch angesichts solcher Hürden nicht zimperlich sein beim Vordringen, denn mit jeder Sekunde, die verstrich, konnte der Bär zurückkehren und dann schwanden ihre Chancen, mit heiler Haut zu entkommen, weiter. Aber das Wagnis hatte sich gelohnt. Mit einem freudigen Aufschrei fand sie zwischen den Knochen, wonach sie gesucht hatte. Ein schmutziges, graubraunes Tuch, welches vom vielen Tragen ganz ausgefranst war. Und in einer Ecke, feinsäuberlich angebracht, die Initialen Qw. Sie hatte das wahre Halstuch des Gnoms gefunden. Zufrieden packte sie es unter ihr Hemd und trat dann zügig den Rückweg an. Keine Sekunde zu früh verließ sie die Höhle, denn aus dem Dickicht trottete der heimkehrende Bär. Mit einem Anflug von Erleichterung stellte Elynia fest, dass von seiner Schnauze kein Blut troff, das von einer frischen Mahlzeit zeugte. Jetzt blieb ihr nur noch, einen großen Bogen um den Waldbewohner zu schlagen und zum Trainingsgelände zurückzukehren. Nichts kam ihr in den Weg und als sie aus den Bäumen trat, waren schon alle anderen wieder versammelt, einschließlich des Kommandanten. Doch den zermürbten Gesichtern der anderen war leicht zu entnehmen, dass sie allesamt aufgegeben hatten. Neugierig suchte sie nach den beiden Männern und fand sie am Rand stehend. Im Gegensatz zu den übrigen sahen sie nicht nur enttäuscht, sondern regelrecht außer sich vor Zorn aus. Der größere trug einen blutigen Verband um den Kopf, ganz so, als wäre er mit einem schweren Stock verprügelt worden. Nicht weit entfernt fand Elynia auch die Ursache. Der Zwerg, welcher sich am Morgen nach der Erlaubnis, Waffen zu tragen, erkundigt hatte, hielt das edle Tuch in den Händen. Am Stiel seiner Axt klebte Blut. Als Elynia sich am Rand der Gruppe postierte, wirkte der Kommandant zufrieden. Dann sah er sie, einen nach dem anderen, grimmig an.

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9783991075288
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