Kitabı oku: «Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Brasilien, Reise nach Rußland & Reisen in Europa», sayfa 10
Was an Léon Bazalgette, diesem Freund meiner Freunde, dessen Name ungerechterweise in den meisten Darstellungen der neuen französischen Literatur vergessen wird, inmitten dieser dichterischen Generation das Außerordentliche bedeutete, war, daß er seine schöpferische Kraft ausschließlich für fremde Werke einsetzte und somit seine ganze herrliche Intensität für die Menschen aufsparte, die er liebte. In ihm, dem geborenen ›Kameraden‹, habe ich den absoluten Typus des aufopfernden Menschen in Fleisch und Blut kennengelernt, den wahrhaft Hingegebenen, der seine Lebensaufgabe einzig darin sieht, den wesentlichen Werten seiner Zeit zu ihrer Wirkung zu verhelfen und nicht einmal dem berechtigten Stolz frönt, als ihr Entdecker oder Förderer gerühmt zu werden. Sein aktiver Enthusiasmus war nichts als eine natürliche Funktion seines moralischen Bewußtseins. Etwas militärisch aussehend, obwohl leidenschaftlicher Antimilitarist, hatte er im Umgang die Kordialität eines echten Kameraden. Jederzeit bereit, zu helfen, zu beraten, unerschütterlich in seiner Ehrlichkeit, pünktlich wie ein Uhrwerk, kümmerte er sich um alles, was einen betraf, aber niemals um seinen persönlichen Vorteil. Zeit war ihm nichts, Geld war ihm nichts, wenn es einen Freund galt, und er hatte Freunde in aller Welt, eine kleine, aber erlesene Schar. Zehn Jahre hatte er daran gewandt, Walt Whitman den Franzosen durch die Übersetzung aller Gedichte und eine monumentale Biographie nahezubringen. Mit diesem Vorbild eines freien, weltliebenden Mannes den geistigen Blick seiner Nation über die Grenzen zu lenken, seine Landsleute männlicher, kameradschaftlicher zu machen, ward sein Lebensziel: der beste Franzose, war er zugleich der leidenschaftlichste Anti-Nationalist.
Wir wurden bald innige, brüderliche Freunde, weil wir beide nicht vaterländisch dachten, weil wir beide fremden Werken mit Hingebung und ohne jeden äußeren Vorteil zu dienen liebten und weil wir geistige Unabhängigkeit als das primum und ultimum des Lebens werteten. In ihm lernte ich zum erstenmal jenes »unterirdische« Frankreich kennen; als ich später las, wie bei Rolland Olivier dem deutschen Johann Christoph entgegentritt, glaubte ich beinahe unser persönliches Erlebnis gestaltet zu sehen. Aber das Schönste in unserer Freundschaft, das mir Unvergeßlichste, blieb, daß sie ständig einen heiklen Punkt überkommen hatte, dessen beharrliche Resistenz unter normalen Umständen sonst eine ehrliche und herzliche Intimität zwischen zwei Schriftstellern hätte verhindern müssen. Dieser heikle Punkt war, daß Bazalgette alles, was ich damals schrieb, mit seiner prachtvollen Ehrlichkeit dezidiert ablehnte. Er liebte mich persönlich, er hatte die denkbarste Achtung für meine Hingabe an das Werk Verhaerens. Immer, wenn ich nach Paris kam, stand er getreu an der Bahn und grüßte als erster mir entgegen; wo er mir helfen konnte, war er zur Stelle, wir stimmten in allen entscheidenden Dingen besser als sonst Brüder zusammen. Aber zu meinen eigenen Arbeiten sagte er ein entschlossenes Nein. Er kannte Gedichte und Prosa von mir in den Übersetzungen von Henri Guilbeaux (der dann im Weltkriege als Freund Lenins eine wichtige Rolle gespielt hat) und lehnte sie frank und schroff ab. All das habe keinen Zusammenhang mit der Wirklichkeit, rügte er unerbittlich, das sei esoterische Literatur (die er gründlich haßte), und er ärgere sich, weil gerade ich das schreibe. Unbedingt ehrlich zu sich selbst, machte er auch in diesem Punkte keine Konzessionen, nicht einmal die der Höflichkeit. Als er zum Beispiel eine Revue leitete, bat er mich um meine Hilfe – das heißt, er bat mich darum in der Form, daß ich ihm aus Deutschland wesentliche Mitarbeiter verschaffen sollte, also Beiträge, die besser waren als meine eigenen; von mir selbst, seinem nächsten Freunde, verlangte und veröffentlichte er beharrlich keine Zeile, obwohl er gleichzeitig aufopferungsvoll und ohne jedes Honorar die französische Übertragung eines meiner Bücher für einen Verlag aus treuer Freundschaft revidierte. Daß unsere brüderliche Kameradschaft durch diesen kuriosen Umstand in zehn Jahren nicht eine Stunde lang eine Minderung erlitten, hat sie mir noch besonders teuer gemacht. Und nie hat mich eine Zustimmung mehr gefreut als gerade die Bazalgettes, als ich während des Weltkrieges – selbst alles Frühere annullierend – endlich zu einer Form persönlicher Aussage gelangt war. Denn ich wußte, sein Ja zu meinen neuen Werken war ebenso ehrlich, wie es durch zehn Jahre sein schroffes Nein gewesen.
Wenn ich den teuren Namen Rainer Maria Rilkes, obwohl es ein deutscher Dichter war, auf das Blatt der Pariser Tage schreibe, so geschieht dies, weil ich in Paris am öftesten und besten mit ihm beisammen gewesen bin und sein Antlitz wie auf alten Bildern immer vor dem Hintergrund dieser Stadt abgehoben sehe, die er wie keine andere geliebt. Gedenke ich heute seiner und jener anderen Meister des wie in erlauchter Goldschmiedekunst gehämmerten Worts, gedenke ich dieser verehrten Namen, die wie unerreichbare Sternbilder meine Jugend überleuchtet haben, so drängt sich mir unwiderstehlich die wehmütige Frage auf: werden solche reine, nur dem lyrischen Gebilde zugewandte Dichter in unserer gegenwärtigen Zeit der Turbulenz und allgemeinen Verstörtheit abermals möglich sein? Ist es nicht ein verschollenes Geschlecht, das ich in ihnen liebend beklage, ein Geschlecht ohne unmittelbare Nachfolge in unseren, von allen Orkanen des Schicksals durchstürmten Tagen diese Dichter, die nichts begehrten vom äußeren Leben, nicht Anteil der breiten Masse, noch Ehrenzeichen und Würden und Gewinn, die nichts erstreben, als in stillem und doch leidenschaftlichem Bemühen Strophe an Strophe vollendet zu binden, jede Zeile durchdrungen von Musik, leuchtend in Farben, glühend von Bildern. Eine Gilde bildeten sie, einen fast mönchischen Orden mitten in unserem lärmenden Tag, sie, diese bewußt vom Täglichen Abgewandten, denen im Weltall nichts wichtiger war als der zarte und doch das Gedröhn der Zeit überdauernde Laut, wenn ein Reim, zu den andern sich fügend, jene unbeschreibliche Regung entäußerte, die leiser war als der Ton eines fallenden Blattes im Wind und doch die fernsten Seelen mit ihrer Schwingung berührte. Aber wie erhebend für uns jungen Menschen war die Gegenwart solcher sich selbst Getreuen, wie vorbildlich diese strengen Diener und Wahrer der Sprache, die einzig dem geläuterten Wort ihre Liebe gaben, dem Wort, das nicht der Zeit und der Zeitung, sondern dem Dauernden und Überdauernden galt. Fast beschämend war es, auf sie zu blicken, denn wie leise lebten sie, wie unscheinbar, wie unsichtbar, der eine bäuerlich auf dem Lande, der andere in einem kleinen Beruf, der dritte wandernd über die Welt als ein passionate pilgrim, alle von wenigen nur gekannt, aber von diesen wenigen um so leidenschaftlicher geliebt. Da war einer in Deutschland und einer in Frankreich, einer in Italien und doch jeder in derselben Heimat, denn sie lebten einzig im Gedicht, und indem sie so mit strengem Verzicht alles Ephemere mieden, formten sie, Kunstwerke bildend, ihr eigenes Leben zum Kunstwerk. Wunderbar scheint es mir immer wieder, daß wir in unserer Jugend solche makellosen Poeten unter uns gehabt. Aber ich frage mich deshalb auch immer wieder in einer Art heimlicher Sorge: werden auch in unseren Zeiten, in unseren neuen Lebensformen, die den Menschen aus jeder inneren Sammlung mörderisch hinausjagen wie ein Waldbrand die Tiere aus ihren verborgensten Verstecken, solche völlig der lyrischen Kunst verschworenen Seelen möglich sein? Ich weiß wohl, immer wieder ereignet sich das Wunder eines Dichters in den Zeiten, und Goethes bewegliche Tröstung in seiner Nänie auf Lord Byron bleibt ewig wahr: »Denn die Erde zeugt sie wieder, wie sie sie von je gezeugt.« Wieder und wieder werden in begnadeter Wiederkehr solche Dichter erstehen, denn immer verleiht von Weile zu Weile die Unsterblichkeit dies kostbare Unterpfand auch der unwürdigsten Zeit. Aber ist nicht gerade die unsere eine, die auch dem Reinsten, dem Abseitigsten keine Stille erlaubt, jene Stille des Wartens und Reifens und Sinnens und Sich-Sammelns, wie sie jenen noch vergönnt war in der gütigeren und gelasseneren Zeit der europäischen Vorkriegswelt? Ich weiß nicht, wieviel alle diese Dichter, Valéry, Verhaeren, Rilke, Pascoli, Francis Jammes, heute noch gelten, wieviel sie einer Generation sind, der statt dieser zarten Musik durch Jahre und Jahre das klappernde Mühlrad der Propaganda und zweimal der Donner der Kanonen die Ohren durchdröhnt. Ich weiß nur und fühle die Pflicht, es dankbar auszusagen, welch eine Lehre, welch eine Beglückung die Gegenwart solcher heilig der Perfektion Verschworenen inmitten einer schon sich mechanisierenden Welt für uns gewesen ist. Und rückschauend auf mein Leben, gewahre ich kaum bedeutsameren Besitz, als daß es mir erlaubt war, manchem von ihnen menschlich nahe zu sein und daß mehrfach an meine frühe Verehrung dauernde Freundschaft sich binden durfte.
Von allen diesen hat vielleicht keiner leiser, geheimnisvoller, unsichtbarer gelebt als Rilke. Aber es war keine gewollte, keine forcierte oder priesterlich drapierte Einsamkeit wie etwa Stefan George sie in Deutschland zelebrierte; die Stille wuchs gewissermaßen um ihn, wohin er ging und wo er sich befand. Da er jedem Lärm und sogar seinem Ruhm auswich – dieser ›Summe aller Mißverständnisse, die sich um seinen Namen sammeln‹, wie er einmal so schön sagte –, netzte die eitel anstürmende Woge der Neugier nur seinen Namen und nie seine Person. Rilke war schwer zu erreichen. Er hatte kein Haus, keine Adresse, wo man ihn suchen konnte, kein Heim, keine ständige Wohnung, kein Amt. Immer war er am Wege durch die Welt, und niemand, nicht einmal er selbst, wußte im voraus, wohin er sich wenden würde. Für seine unermeßlich sensible und druckempfindliche Seele war jeder starre Entschluß, jedes Planen und jede Ankündigung schon Beschwerung. So ergab es sich immer nur durch Zufall, wenn man ihm begegnete. Man stand in einer italienischen Galerie und spürte, ohne recht gewahr zu werden, von wem es kam, ein leises, freundliches Lächeln einem entgegen. Dann erst erkannte man seine blauen Augen, die, wenn sie einen anblickten, seine an sich eigentlich unauffälligen Züge mit ihrem inneren Licht beseelten. Aber gerade diese Unauffälligkeit war das tiefste Geheimnis seines Wesens. Tausende Menschen mögen vorübergegangen sein an diesem jungen Manne mit dem leicht melancholisch niederhängenden, blonden Schnurrbart und den durch keine Linie besonders bemerkenswerten, ein wenig slawischen Gesichtsformen, ohne zu ahnen, daß dies ein Dichter und einer der größten unseres Jahrhunderts war; seine Besonderheit wurde erst in näherem Umgang offenbar: die ungemeine Verhaltenheit seines Wesens. Er hatte eine unbeschreibbar leise Art des Kommens, des Sprechens. Wenn er in ein Zimmer eintrat, wo eine Gesellschaft versammelt war, geschah es dermaßen lautlos, daß kaum jemand ihn bemerkte. Still lauschend saß er dann, hob manchmal unwillkürlich die Stirn, sobald ihn etwas zu beschäftigen schien, und wenn er selbst zu sprechen begann, so immer ohne jede Affektation oder heftige Betonung. Er erzählte natürlich und einfach, wie eine Mutter ihrem Kind ein Märchen erzählt und genauso liebevoll; es war wunderbar, ihm zuzuhören, wie bildhaft und bedeutend auch das gleichgültigste Thema sich ihm formte. Aber kaum spürte er, daß er in einem größeren Kreise der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wurde, brach er ab und senkte sich wieder in sein schweigsames, aufmerksames Lauschen zurück. In jeder Bewegung, in jeder Geste war dies Leise; selbst wenn er lachte, war es bloß mit einem gerade nur andeutenden Ton. Sordiniertheit war ihm Bedürfnis, und nichts konnte ihn darum dermaßen verstören wie Lärm und im Raum des Gefühls jede Vehemenz. »Sie erschöpfen mich, diese Menschen, die ihre Empfindungen wie Blut ausspeien«, sagte er mir einmal, »und Russen nehme ich darum nur mehr wie Likör in ganz kleinen Dosen zu mir.« Nicht minder als Gemessenheit im Betragen, waren ihm Ordnung, Sauberkeit und Stille geradezu physische Bedürfnisse; in einer überfüllten Trambahn fahren zu müssen, in einem lärmenden Lokal zu sitzen, verstörte ihn für Stunden. Alles Vulgäre war ihm unerträglich, und obwohl er in engen Verhältnissen lebte, zeigte seine Kleidung immer ein Summum von Sorgfalt, Sauberkeit und Geschmack. Sie war gleichfalls ein durchdachtes, ein durchdichtetes Meisterwerk der Unauffälligkeit, und immer doch mit einer unscheinbaren, ganz persönlichen Note, einem kleinen Nebenbei, an dem er sich heimlich freute, etwa einem dünnen silbernen Armbändchen um das Handgelenk. Denn bis in das Intimste und Persönlichste ging sein ästhetischer Sinn für Vollendung und Symmetrie. Einmal sah ich ihm in seiner Wohnung vor der Abreise zu – er lehnte meine Hilfe mit Recht als unzuständig ab –, wie er seinen Koffer packte. Es war ein Mosaiklegen, jedes einzelne Stück beinahe zärtlich in den sorgfältig ausgesparten Raum eingesenkt; ich hätte es als Frevel empfunden, dieses blumenhafte Beisammensein durch einen helfenden Handgriff zu zerstören. Und dieser sein elementarer Schönheitssinn begleitete ihn bis ins nebensächlichste Detail; nicht nur, daß er seine Manuskripte sorgfältig auf schönstem Papier mit seiner kalligraphisch runden Hand schrieb, daß wie nachgemessen mit dem Zollstab jede Zeile zur andern in gleicher Schwebe stand: auch für den gleichgültigsten Brief wählte er erlesenes Papier, und regelmäßig, rein und rund ging seine kalligraphische Schrift hart heran bis an das Spatium. Niemals erlaubte er sich, selbst in der hastigsten Mitteilung, ein durchgestrichenes Wort, sondern immer schrieb er, sobald ein Satz oder ein Ausdruck ihm nicht vollwertig schien, mit seiner großartigen Geduld den ganzen Brief noch ein zweites Mal. Nie gab Rilke etwas aus der Hand, was nicht ganz vollendet war.
Diese Sordiniertheit und gleichzeitige Gesammeltheit seines Wesens wirkte auf jeden bezwingend, der ihm näherkam. Wie man sich Rilke selbst unmöglich heftig denken konnte, so auch keinen andern, der in seiner Gegenwart durch die ausströmende Schwingung seiner Stille nicht jede Lautheit und Anmaßung verloren hätte. Denn sein Verhaltensein schwang aus als eine geheimnisvoll fortwirkende, eine erziehliche, eine moralische Kraft. Nach jedem längeren Gespräch mit ihm war man für Stunden oder sogar Tage unfähig irgendeiner Vulgarität. Freilich setzte anderseits diese ständige Temperiertheit seines Wesens, dieses Nie-sich-voll-geben-Wollens jeder besonderen Herzlichkeit eine frühe Grenze; ich glaube, daß nur wenige Menschen sich rühmen dürfen, Rilkes ›Freunde‹ gewesen zu sein. In den sechs veröffentlichten Bänden seiner Briefe findet sich fast nie diese Ansprache, und das brüderlich vertrauliche Du scheint er seit seinen Schuljahren kaum irgend jemandem gewährt zu haben. Seiner außerordentlichen Sensibilität war es unerträglich, irgend jemanden oder irgend etwas an sich allzu nah herankommen zu lassen, und insbesondere alles stark Maskuline erregte bei ihm ein geradezu physisches Unbehagen. Frauen gab er sich leichter im Gespräch. Ihnen schrieb er viel und gern und war viel freier in ihrer Gegenwart. Vielleicht war es die Abwesenheit des Gutturalen in ihren Stimmen, das ihm wohltat, denn er litt geradezu an unangenehmen Stimmen. Ich sehe ihn noch vor mir in einem Gespräch mit einem hohen Aristokraten, ganz in sich zusammengedrückt, mit gequälten Schultern und nicht einmal die Augen hebend, damit sie nicht verraten sollten, wie sehr er unter dessen unangenehmem Falsett physisch litt. Aber wie gut, mit ihm zu sein, wenn er jemandem wohlgesinnt war! Dann spürte man seine innere Güte, obwohl sie in Worten und Gesten sparsam blieb, wie eine wärmende, heilende Ausstrahlung bis hinein in die innerste Seele.
Scheu und zurückhaltend wirkte Rilke in Paris, dieser herzerweiternden Stadt, weitaus am aufgetansten, vielleicht auch, weil man hier sein Werk, seinen Namen noch nicht kannte und er als Anonymer sich immer freier und glücklicher fühlte. Ich besuchte ihn dort in zwei verschiedenen Mietzimmern. Jedes war einfach und schmucklos und bekam doch sofort Stil und Stille durch seinen waltenden Schönheitssinn. Nie durfte es ein mächtiges Mietshaus sein mit lärmenden Nachbarn, lieber ein altes, wenn auch unbequemeres, in dem er sich heimisch machen konnte, und den inneren Raum wußte er sich, wo immer er war, durch ordnende Kraft sofort sinnvoll und seinem Wesen entsprechend zu gestalten. Immer waren nur ganz wenige Dinge um ihn, aber immer leuchteten Blumen in einer Vase oder Schale, vielleicht geschenkt von Frauen, vielleicht von ihm selber zärtlich heimgebracht. Immer leuchteten Bücher an der Wand, schön gebunden oder in Papier sorgsam eingeschlagen, denn er liebte Bücher wie stumme Tiere. Auf dem Schreibtisch lagen die Bleistifte und Federn in kerzengerader Linie, die Bogen des unbeschriebenen Papiers zu einem Rechteck gereiht; eine russische Ikone, ein katholisches Kruzifix, die ihn, glaube ich, auf allen seinen Reisen begleitet haben, gaben der Arbeitsstelle einen leicht religiösen Charakter, obwohl seine Religiosität an kein bestimmtes Dogma gebunden war. Jeder Einzelheit spürte man an, daß sie sorgsam gewählt und zärtlich behütet war. Lieh man ihm ein Buch, das er nicht kannte, so bekam man es zurück, in Seidenpapier faltenlos eingeschlagen und wie ein Festgeschenk mit buntem Bande verschnürt; ich erinnere mich noch, wie er mir als kostbare Gabe das Manuskript der ›Weise von Liebe und Tod‹ in mein Zimmer brachte, und bewahre noch heute das Band, das es umhüllte. Aber am schönsten war es, mit Rilke in Paris spazierenzugehen, denn das hieß, auch das Unscheinbarste bedeutsam und mit gleichsam erhelltem Auge sehen; er bemerkte jede Kleinigkeit, und selbst die Namen der Firmenschilder sprach er, wenn sie ihm rhythmisch zu klingen schienen, gerne sich laut vor; diese eine Stadt Paris bis in ihre letzten Winkel und Tiefen zu kennen, war für ihn Leidenschaft, fast die einzige, die ich je an ihm wahrgenommen. Einmal, als wir uns bei gemeinsamen Freunden begegneten, erzählte ich ihm, ich sei gestern durch Zufall an die alte ›Barrière‹ gelangt, wo am Cimetière de Picpus die letzten Opfer der Guillotine eingescharrt worden waren, unter ihnen André Chenier; ich beschrieb ihm diese kleine rührende Wiese mit ihren verstreuten Gräbern, die selten Fremde sieht, und wie ich dann auf dem Rückweg in einer der Straßen durch eine offene Tür ein Kloster mit einer Art Beginen erblickt, die still, ohne zu sprechen, den Rosenkranz in der Hand, wie in einem frommen Traum im Kreis gewandelt. Es war eines der wenigen Male, wo ich ihn beinahe ungeduldig sah, diesen so leisen, beherrschten Mann: er müsse das sehen, das Grab André Cheniers und das Kloster. Ob ich ihn hinführen wolle. Wir gingen gleich am nächsten Tage. Er stand in einer Art verzückter Stille vor diesem einsamen Friedhof und nannte ihn ›den lyrischsten von Paris‹. Aber auf dem Rückweg erwies sich die Tür jenes Klosters als verschlossen. Da konnte ich nun seine stille Geduld erproben, die er im Leben nicht minder als in seinen Werken meisterte. »Warten wir auf den Zufall«, sagte er. Und mit leicht gesenktem Haupt stellte er sich so, daß er durch die Pforte schauen konnte, wenn sie sich öffnete. Wir warteten vielleicht zwanzig Minuten. Dann kam die Straße entlang eine Ordensschwester und klingelte. »Jetzt«, hauchte er leise und erregt. Aber die Schwester hatte sein stilles Lauschen bemerkt – ich sagte ja, daß man alles an ihm von ferne atmosphärisch fühlte –, trat auf ihn zu und fragte, ob er jemanden erwarte. Er lächelte sie an mit diesem seinem weichen Lächeln, das sofort Zutrauen schuf, und sagte offenherzig, er hätte so gerne den Klostergang gesehen. Es tue ihr leid, lächelte nun ihrerseits die Schwester, aber sie dürfe ihn nicht einlassen. Jedoch riet sie ihm, zum Häuschen des Gärtners nebenan zu gehen, von dessen Fenster im Oberstock habe er einen guten Blick. Und so ward auch dies ihm wie so vieles gegeben.
Mehrmals haben sich noch unsere Wege gekreuzt, aber wann immer ich an Rilke denke, sehe ich ihn in Paris, dessen traurigste Stunde zu erleben ihm erspart geblieben ist.
Menschen dieser seltenen Art waren ein großer Gewinn für einen Beginnenden; aber die entscheidende Lehre hatte ich noch zu empfangen, eine, die für das ganze Leben gelten sollte. Sie war ein Geschenk des Zufalls. Bei Verhaeren waren wir in eine Diskussion mit einem Kunsthistoriker gekommen, der klagte, die Zeit der großen Plastik und Malerei sei vorüber. Ich widersprach heftig. Sei nicht Rodin noch unter uns, nicht geringer als Gestalter als die Großen der Vergangenheit? Ich begann seine Werke aufzuzählen und geriet wie immer, wenn man gegen einen Widerspruch kämpft, in fast zornigen Schwung. Verhaeren lächelte in sich hinein. »Jemand, der Rodin so liebt, sollte ihn eigentlich kennenlernen«, sagte er am Ende. »Morgen bin ich in seinem Atelier. Wenn es dir recht ist, nehme ich dich mit.«
Ob es mir recht war? Ich konnte nicht schlafen vor Freude. Aber bei Rodin stockte mir die Rede. Ich vermochte nicht einmal das Wort an ihn zu richten und stand zwischen den Statuen wie eine von ihnen. Sonderbarerweise schien ihm diese meine Verlegenheit zu gefallen, denn beim Abschied lud der alte Mann mich ein, ob ich nicht sein eigentliches Atelier in Meudon sehen wollte, und bat mich sogar zu Tisch. Die erste Lehre war gegeben: daß die großen Männer immer die gütigsten sind.
Die zweite war, daß sie fast immer in ihrem Leben die einfachsten sind. Bei diesem Manne, dessen Ruhm die Welt erfüllte, dessen Werke unserer Generation Linie um Linie gegenwärtig waren wie die nächsten Freunde, aß man so simpel wie bei einem mittleren Bauern; ein gutes, kräftiges Fleisch, ein paar Oliven und fülliges Obst, dazu kräftigen Landwein. Das gab mir mehr Mut, zum Schluß sprach ich schon wieder unbefangen, als wären dieser alte Mann und seine Frau mir seit Jahren vertraut.
Nach Tisch gingen wir hinüber in das Atelier. Es war ein mächtiger Saal, der die wesentlichsten seiner Werke in Repliken vereinigte, dazwischen aber standen und lagen zu Hunderten köstliche kleine Einzelstudien – eine Hand, ein Arm, eine Pferdemähne, ein Frauenohr, meist nur in Gips geformt; ich habe heute noch genau manche dieser von ihm nur zur eigenen Übung gestalteten Skizzen in der Erinnerung und könnte von dieser einen Stunde stundenlang erzählen. Schließlich führte der Meister mich zu einem Sockel, auf dem hinter feuchten Tüchern sein letztes Werk, ein Frauenporträt, verborgen war. Er löste mit seinen schweren, verfurchten Bauernhänden die Tücher ab und trat zurück. Ein »admirable!« stieß ich unwillkürlich aus gepreßter Brust und schämte mich schon dieser Banalität. Aber mit der ruhigen Objektivität, in der kein Korn Eitelkeit zu finden gewesen wäre, murmelte er, sein eigenes Werk betrachtend, nur zustimmend: »N’est-ce pas?« Dann zögerte er. »Nur da bei der Schulter… Einen Augenblick!« Er warf die Hausjacke ab, zog den weißen Kittel an, nahm einen Spachtel zur Hand und glättete mit einem meisterlichen Strich an der Schulter die weiche, wie lebend atmende Frauenhaut. Wieder trat er zurück. »Und dann hier«, murmelte er. Wieder war mit einem winzigen Detail die Wirkung erhöht. Dann sprach er nicht mehr. Er trat vor und zurück, blickte aus einem Spiegel die Figur an, murrte und gab unverständliche Laute von sich, änderte, korrigierte. Sein Auge, bei Tisch freundlich zerstreut, zuckte jetzt von sonderbaren Lichtern, er schien größer und jünger geworden. Er arbeitete, arbeitete, arbeitete mit der ganzen Leidenschaft und Kraft seines mächtigen, schweren Körpers; jedesmal wenn er heftig vor-oder zurücktrat, krachte die Diele. Aber er hörte es nicht. Er bemerkte es nicht, daß hinter ihm lautlos, das Herz in der Kehle, ein junger Mann stand, selig, einem solchen einzigen Meister bei der Arbeit zusehen zu dürfen. Er hatte mich gänzlich vergessen. Ich war für ihn nicht da. Nur die Gestalt, das Werk war für ihn da und dahinter unsichtbar die Vision der absoluten Vollendung.
Das ging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, ich weiß nicht mehr, wie lange. Große Augenblicke sind immer jenseits der Zeit. Rodin war so vertieft, so versunken in seine Arbeit, daß kein Donner ihn erweckt hätte. Immer härter, fast zorniger wurden seine Bewegungen; eine Art Wildheit oder Trunkenheit war über ihn gekommen, er arbeitete rascher und rascher. Dann wurden die Hände zögernder. Sie schienen erkannt zu haben: es gab für sie nichts mehr zu tun. Einmal, zweimal, dreimal trat er zurück, ohne mehr zu ändern. Dann murmelte er etwas leise in den Bart, legte so zärtlich, wie man einen Shawl um die Schultern einer geliebten Frau legt, die Tücher um die Figur. Er atmete auf, tief und entspannt. Seine Gestalt schien wieder schwerer zu werden. Das Feuer war erstorben. Dann kam das Unfaßbare für mich, die große Lehre: er zog den Kittel aus, nahm wieder die Hausjacke auf und wandte sich zum Gehen. Er hatte mich total vergessen in dieser Stunde der äußersten Konzentration. Er wußte nicht mehr, daß ein junger Mensch, den er doch selbst in das Atelier geführt, um ihm seine Werkstatt zu zeigen, erschüttert hinter ihm gestanden hatte mit gepreßtem Atem, unbeweglich wie seine Statuen.
Er trat zur Türe. Wie er sie abschließen wollte, entdeckte er mich und starrte mich fast böse an: wer war dieser junge fremde Mensch, der sich eingeschlichen hatte in sein Atelier? Aber im nächsten Augenblick erinnerte er sich und kam fast beschämt auf mich zu. »Pardon, Monsieur«, begann er. Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen. Ich faßte nur dankbar seine Hand: am liebsten hätte ich sie geküßt. In dieser Stunde hatte ich das ewige Geheimnis aller großen Kunst, ja eigentlich jeder irdischen Leistung aufgetan gesehen: Konzentration, die Zusammenfassung aller Kräfte, aller Sinne, das Außer-sich-Sein, das Außer-der-Welt-Sein jedes Künstlers. Ich hatte etwas gelernt für mein ganzes Leben.
Es war meine Absicht gewesen, Ende Mai von Paris nach London zu gehen. Aber ich war genötigt, meine Abreise um vierzehn Tage vorzuverlegen, weil mir meine bezaubernde Wohnung durch einen unvermuteten Umstand unbehaglich geworden war. Dies geschah in einer sonderbaren Episode, die mich sehr amüsierte und mir gleichzeitig belehrenden Einblick in die Denkart ganz verschiedener französischer Milieus gab.
Ich war über die zwei Pfingstfeiertage von Paris fort gewesen, um mit Freunden die herrliche Kathedrale von Chartres, die ich noch nicht kannte, zu bewundern. Als ich am Dienstagmorgen, in mein Hotelzimmer zurückkehrend, mich umkleiden wollte, fand ich meinen Koffer nicht, der friedlich alle diese Monate in der Ecke gestanden hatte. Ich ging hinunter zum Besitzer des kleinen Hotels, der tagsüber abwechselnd mit seiner Frau in der winzigen Portiersloge saß, ein kleiner, feister, rotwangiger Marseiller, mit dem ich oft heiter gespaßt und sogar manchmal im gegenüberliegenden Cafe Trick-Track, sein Lieblingsspiel, gespielt hatte. Er wurde sofort furchtbar aufgeregt und schrie erbittert, während er mit der Faust auf den Tisch hieb, die geheimnisvollen Worte: »Also doch!« Noch indes er sich – er hatte wie immer in Hemdsärmeln gesessen – hastig den Rock anzog und Schuhe statt seiner bequemen Pantoffeln, erklärte er mir die Sachlage, und vielleicht ist es nötig, zuerst an eine Sonderheit der Pariser Häuser und Hotels zu erinnern, um sie verständlich zu machen. In Paris haben die kleineren Hotels und auch die meisten Privathäuser keine Hausschlüssel, sondern der ›concierge‹, der Hausmeister, schließt, sobald von außen geläutet wird, die Tür automatisch von der Portiersloge auf. In den kleineren Hotels und Häusern bleibt nun der Besitzer oder der Concierge nicht die ganze Nacht in seiner Portiersloge, sondern öffnet von seinem Ehebette aus durch den Druck auf einen Knopf meist im Halbschlaf – die Haustür; wer das Haus verläßt, hat ›le cordon, s’il vous plaît‹ zu rufen und ebenso jeder, der von außen hereingelassen wird, seinen Namen zu nennen, so daß sich theoretisch kein Fremder nachts in die Häuser einschleichen kann. – Um zwei Uhr morgens hatte nun in meinem Hotel die Glocke von außen geläutet, jemand eintretend einen Namen genannt, der dem eines Hotelbewohners ähnlich schien und einen der noch in der Portiersloge hängenden Zimmerschlüssel abgenommen. Eigentlich wäre es Pflicht des Cerberus gewesen, durch die Glasscheibe die Identität des späten Besuchers zu verifizieren, aber offenbar war er zu schläfrig gewesen. Als aber dann nach einer Stunde wiederum, nun von innen, jemand ›Cordon, s’il vous plaît‹ gerufen habe, um das Haus zu verlassen, sei es ihm doch, nachdem er schon die Haustür geöffnet hatte, merkwürdig vorgekommen, daß jemand nach zwei Uhr morgens noch aus dem Hause gehe. Er sei aufgestanden und habe auf die Gasse nachblickend festgestellt, daß jemand mit einem Koffer das Haus verlassen habe und sei sofort in Schlafrock und Pantoffeln dem verdächtigen Manne nachgefolgt. Sobald er aber gesehen, daß jener sich um die Ecke in ein kleines Hotel Rue des Petits Champs begab, habe er natürlich nicht an einen Dieb oder Einbrecher gedacht und sich friedlich wieder ins Bett gelegt.
Aufgeregt über seinen Irrtum, wie er war, stürzte er mit mir zum nächsten Polizeiposten. Es wurde sofort in dem Hotel in der Rue des Petits Champs Nachfrage gehalten und festgestellt, daß sich zwar mein Koffer noch dort befand, nicht aber der Dieb, der offenbar ausgegangen war, um seinen Morgenkaffee in irgendeiner nachbarlichen Bar zu nehmen. Zwei Detektive paßten nun in der Portiersloge des Hotels in der Rue des Petit Champs auf den Bösewicht; als er arglos nach einer halben Stunde zurückkehrte, wurde er sofort verhaftet.
Nun mußten wir beide, der Wirt und ich, uns zur Polizei begeben, um der Amtshandlung beizuwohnen. Wir wurden in das Zimmer des Unterpräfekten geführt, der, ein ungeheuer feister, gemütlicher, schnurrbärtiger Herr, mit aufgeknöpftem Rock vor seinem sehr unordentlichen und mit Schriftstücken überhäuften Schreibtisch saß. Die ganze Amtsstube roch nach Tabak, und eine große Flasche Wein auf dem Tisch zeigte, daß der Mann keineswegs zu den grausamen und lebensfeindlichen Dienern der heiligen Hermandad zählte. Zuerst wurde auf seinen Befehl der Koffer hereingebracht; ich sollte feststellen, ob Wesentliches darin fehlte. Der einzige scheinbare Wertgegenstand war ein nach den Monaten meines Aufenthalts schon reichlich abgeknabberter Kreditbrief auf zweitausend Franken, der aber selbstverständlich für jeden Fremden unbrauchbar war und tatsächlich unangetastet auf dem Grunde lag. Nachdem ein Protokoll aufgenommen, daß ich den Koffer als mein Eigentum anerkenne und nichts aus demselben entwendet worden sei, gab nun der Beamte Order, den Dieb hereinzuführen, dessen Aspekt ich mit nicht geringer Neugier entgegensah.
