Kitabı oku: «Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Brasilien, Reise nach Rußland & Reisen in Europa», sayfa 11

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Und sie lohnte sich. Zwischen zwei mächtigen Sergeanten und dadurch in seiner mageren Schmächtigkeit noch grotesker wirkend, erschien ein armer Teufel, ziemlich abgerissen, ohne Kragen, mit einem kleinen, hängenden Schnurrbart und einem trüben, sichtlich halbverhungerten Mausgesicht. Es war, wenn ich so sagen darf, ein schlechter Dieb, was sich ja auch durch seine ungeschickte Technik erwiesen, daß er sich nicht gleich am frühen Morgen mit dem Koffer davongemacht hatte. Er stand mit niedergeschlagenen Augen, leise zitternd, als ob ihn fröre, vor dem Polizeigewaltigen, und zu meiner Schande sei es gesagt, daß er mir nicht nur leid tat, sondern daß ich sogar eine Art Sympathie für ihn empfand. Und dieses mitfühlende Interesse wurde noch verstärkt, als ein Polizeibeamter auf einem großen Brett feierlich angeordnet alle die Gegenstände vorlegte, die man bei der Leibesvisitation gefunden hatte. Eine seltsamere Kollektion war kaum zu erdenken: ein sehr schmutziges und zerrissenes Taschentuch, ein um einen Schlüsselring musikalisch gegeneinanderklingendes Dutzend von Nachschlüsseln und Dietrichen in allen Formaten, eine abgegriffene Brieftasche, aber glücklicherweise keine Waffe, was zum mindesten bewies, daß dieser Dieb sein Metier in zwar kennerischer, aber doch friedlicher Weise ausübte.

Es wurde zunächst die Brieftasche vor unseren Augen untersucht. Sie ergab ein überraschendes Resultat. Nicht daß sie etwa Tausend-oder Hundertfrankennoten oder überhaupt eine einzige Banknote enthalten hätte – sie barg nicht weniger als siebenundzwanzig Photographien von stark dekolletierten berühmten Tänzerinnen und Schauspielerinnen sowie drei oder vier Aktphotographien, wodurch kein weiteres Delikt offenkundig wurde, als daß dieser hagere, wehmütige Bursche ein leidenschaftlicher Liebhaber der Schönheit war und die ihm unerreichbaren Sterne der Pariser Theaterwelt wenigstens im Bilde an seinem Herzen ruhen lassen wollte. Obgleich der Unterpräfekt mit strengem Blick diese Akt-und Nacktphotographien Blatt für Blatt betrachtete, entging mir nicht, daß ihn diese sonderbare Sammlerlust bei einem Delinquenten solchen Standes ebenso amüsierte wie mich selbst. Denn auch meine Sympathie für diesen armen Verbrecher hatte sich abermals um ein beträchtliches durch seine Neigung für das Ästhetisch-Schöne gesteigert, und als der Beamte an mich – nun feierlich die Feder in die Hand nehmend – die Frage richtete, ob ich wünsche ›de porter plainte‹, also Klage gegen den Verbrecher zu erheben, antwortete ich mit einem raschen und selbstverständlichen Nein.

Hier ist vielleicht zum Verständnis der Situation eine neuerliche Einschaltung vonnöten. Während bei uns und in vielen anderen Ländern im Falle eines Verbrechens die Anklage ex officio erfolgt, das heißt, der Staat selbstherrlich die Justiz in seine Hände nimmt, ist in Frankreich dem Geschädigten die freie Wahl anheimgestellt, Anklage zu erheben oder nicht zu erheben. Persönlich scheint mir diese Art der Rechtsauffassung gerechter als das sogenannte starre Recht. Denn sie gibt die Möglichkeit, einem andern Menschen das Schlimme, das er zugefügt, zu vergeben, während zum Beispiel, wenn in Deutschland eine Frau ihren Geliebten in einem Eifersuchtsanfall mit dem Revolver verletzt, alles Flehen und Bitten des Betroffenen sie nicht vor der Verurteilung schützen kann. Der Staat greift ein, reißt die Frau, die der in der Erregung Angefallene vielleicht um dieser Leidenschaft willen noch mehr liebt, gewaltsam von der Seite des Mannes und wirft sie ins Gefängnis, während in Frankreich die beiden Arm in Arm nach gewährter Verzeihung heimkehren und die Sache unter sich als ausgetragen betrachten können.

Kaum hatte ich mein entschiedenes ›Nein‹ ausgesprochen, so ereignete sich ein dreifacher Zwischenfall. Der hagere Mensch zwischen den beiden Polizisten richtete sich plötzlich auf und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blick der Dankbarkeit an, den ich nie vergessen werde. Der Unterpräfekt legte zufrieden die Feder hin; auch ihm war es sichtlich angenehm, daß meine Weigerung, den Dieb zu verfolgen, ihm weitere Schreibereien ersparte. Aber anders mein Hauswirt. Er bekam einen puterroten Kopf und begann heftig auf mich einzuschreien, das dürfe ich nicht tun, dieses Gesindel, ›cette vermine‹, müsse ausgetilgt werden. Ich hätte keine Vorstellung, was diese Sorte für Schaden anrichte. Tag und Nacht müsse ein anständiger Mensch auf der Hut sein vor diesen Schuften, und wenn man einen laufen lasse, so bedeute das Ermutigung für hundert andere. Es war die ganze Ehrlichkeit und Redlichkeit und zugleich Kleinlichkeit eines in seinem Geschäft gestörten Kleinbürgers, die da explodierte; er forderte mich im Hinblick auf die Scherereien, die er mit der Sache gehabt habe, geradezu grob und drohend auf, meine Pardonierung zu revozieren. Aber ich blieb fest. Ich hätte, sagte ich entschlossen, meinen Koffer wieder und somit keinerlei Schaden zu beklagen, damit sei alles für mich erledigt. Ich hätte zeit meines Lebens noch nie gegen einen anderen Menschen eine Klage eingebracht und würde mit viel behaglicherem Gefühl heute mittags ein feistes Beefsteak verzehren, wenn ich wüßte, daß nicht meinethalben jemand anders unterdessen Gefängniskost essen müßte. Mein Wirt ripostierte in immer größerer Erregung, und als der Beamte erklärte, nicht er, sondern ich hätte zu entscheiden und durch meine Weigerung sei die Sache erledigt, drehte er sich plötzlich scharf um, verließ wütend das Zimmer und schlug knallend die Tür hinter sich zu. Der Unterpräfekt stand auf, lächelte dem Verärgerten nach und reichte mir in stillem Einverständnis die Hand. Damit war der amtliche Akt vollbracht, und ich griff schon nach meinem Koffer, um ihn nach Hause zu tragen. Aber in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Hastig näherte sich mir der Dieb in demütiger Weise. »Oh non, Monsieur«, sagte er. »Ich trage ihn schon zu Ihnen nach Hause.« Und so marschierte ich, während hinter mir der dankbare Dieb den Koffer trug, wieder die vier Straßen zu meinem Hotel zurück.

Auf diese Art schien eine ärgerlich begonnene Affäre in heiterster und erfreulichster Weise abgeschlossen. Aber sie zeitigte in rascher Folge noch zwei Nachspiele, denen ich aufschlußreiche Beiträge zur Kenntnis der französischen Psyche verdanke. Als ich am nächsten Tage zu Verhaeren kam, begrüßte er mich mit einem maliziösen Lächeln. »Du hast ja sonderbare Abenteuer hier in Paris«, sagte er spaßend. »Vor allem habe ich gar nicht gewußt, daß du ein so schwerreicher Bursche bist.« Ich verstand zuerst nicht, was er meinte. Er reichte mir die Zeitung, und siehe, da stand ein ungeheurer Bericht über den Vorfall von gestern, nur freilich, daß ich die wirklichen Tatsachen in dieser romantischen Dichtung kaum wiedererkannte. Mit eminenter journalistischer Kunst war geschildert, wie in einem Hotel der Innenstadt an einem vornehmen Fremden – ich war vornehm geworden, um interessanter zu sein – der Diebstahl eines Koffers verübt worden sei, der eine Reihe kostbarster Wertobjekte, darunter einen Kreditbrief auf zwanzigtausend Franken, enthalten habe – die zweitausend hatten sich über Nacht verzehnfacht – sowie andere unersetzbare Gegenstände (die in Wahrheit ausschließlich in Hemden und Krawatten bestanden hatten). Zunächst habe es unmöglich geschienen, eine Spur zu finden, da der Dieb mit ungeheurem Raffinement und anscheinend unter genauester Kenntnis der Lokalität die Tat verübt habe. Aber der souspréfet des Arrondissements, Monsieur ›un tel‹, habe mit seiner ›bekannten Energie‹ und seiner ›grande perspicacité‹ sofort alle Maßnahmen getroffen. Auf seine telephonische Verständigung hin wären innerhalb einer einzigen Stunde sämtliche Hotels und Pensionen von Paris auf das genaueste untersucht worden, und seine Maßnahmen, mit gewohnter Präzision ausgeführt, hätten in kürzester Frist zur Verhaftung des Übeltäters geführt. Der Polizeipräsident habe dem ausgezeichneten Beamten für diese hervorragende Leistung unverzüglich seine besondere Anerkennung ausgesprochen, weil er durch seine Tatkraft und Weitsicht wieder einmal ein leuchtendes Beispiel für die musterhalte Organisation der Pariser Polizei gegeben. – An diesem Bericht war natürlich nicht das mindeste wahr; der ausgezeichnete Beamte hatte sich nicht eine Minute von seinem Schreibtisch weg bemühen müssen, wir hatten ihm den Dieb mit dem Koffer fertig ins Haus geliefert. Aber er hatte die gute Gelegenheit benutzt, für sich persönlich publizistisches Kapital zu schlagen.

Hatte sich derart für den Dieb sowie für die hohe Polizei die Episode erfreulich gestaltet, so doch keineswegs für mich. Denn von dieser Stunde an tat mein früher so jovialer Hauswirt alles, um mir den weiteren Aufenthalt im Hotel zu verleiden. Ich kam die Treppe hinab und grüßte höflich seine Frau in der Portiersloge; sie antwortete mir nicht und wandte das biedere Bürgerinnenhaupt beleidigt ab. Der Valet räumte mein Zimmer nicht mehr richtig auf, Briefe verloren sich auf rätselhafte Weise. Selbst in den nachbarlichen Geschäften und im Bureau de Tabac, wo ich wegen meines reichlichen Konsums an Rauchwaren sonst als rechter ›copain‹ begrüßt wurde, begegneten mir mit einemmal frostige Gesichter. Geschlossen stand die beleidigte kleinbürgerliche Moral nicht nur des Hauses, sondern der ganzen Gasse, ja sogar des Arrondissements gegen mich, weil ich dem Dieb ›geholfen‹ hatte. Und mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als mit dem geretteten Koffer auszuziehen und das behagliche Hotel so schmählich zu verlassen, als ob ich selbst der Verbrecher gewesen.

London wirkte nach Paris auf mich, wie wenn man an einem überheißen Tag plötzlich in den Schatten tritt: im ersten Augenblick überläuft einen unwillkürlich ein Frösteln, aber rasch sind Augen und Sinne eingewöhnt. Ich hatte mir zwei bis drei Monate England von vornherein gleichsam als Pflicht vorgesetzt – denn wie unsere Welt begreifen und in ihren Kräften bewerten, ohne das Land zu kennen, das diese Welt seit Jahrhunderten in seinen Schienen rollen ließ? Auch hoffte ich, meinem rostigen Englisch (das übrigens nie wirklich fließend geworden ist) einen Schliff zuteil werden zu lassen durch fleißige Konversation und rege Geselligkeit. Dazu kam es leider nicht: ich hatte – wie wir Kontinentalen alle – wenig literarischen Kontakt jenseits des Kanals, und bei allen Breakfast-Gesprächen und small talks in unserer kleinen Pension über Hof und Rennen und Parties fühlte ich mich jämmerlich unzuständig. Wenn sie Politik diskutierten, konnte ich nicht folgen, weil sie von Joe sprachen, ohne daß ich wußte, daß sie Chamberlain meinten, und ebenso die Sirs immer nur bei den Vornamen nannten; gegen das Cockney der Kutscher wiederum war mein Ohr lange wie mit Wachs vertaubt. So kam ich nicht so rasch vorwärts, wie ich gehofft hatte. Ein bißchen gute Diktion versuchte ich in den Kirchen von den Predigern zu erlernen, zwei oder drei Male kiebitzte ich bei Gerichtsverhandlungen, ich ging in die Theater, um richtiges Englisch zu hören – aber immer mußte ich mühsam suchen, was in Paris einem überflutend entgegenkam: Geselligkeit, Kameradschaft und Heiterkeit. Ich fand niemanden, um die Dinge zu diskutieren, die mir die wichtigsten waren; den Gutgesinnten unter den Engländern erschien wiederum ich durch meine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen Sport, Spiel, Politik und was sie sonst beschäftigte, wahrscheinlich als ziemlich ungehobelter und lederner Geselle. Nirgends gelang es mir, mich einem Milieu, einem Kreis innerlich zu verbinden; so habe ich eigentlich neun Zehntel meiner Londoner Zeit arbeitend in meinem Zimmer oder im Britischen Museum verbracht.

Zuerst versuchte ich es freilich redlich mit dem Spazierengehen. In den ersten acht Tagen hatte ich London durchtrabt, bis mir die Sohlen brannten. Ich klapperte alle Sehenswürdigkeiten des Baedekers von der Madame Tussaud bis zum Parlament mit studentischem Pflichtgefühl ab, ich lernte Ale trinken und ersetzte die Pariser Zigarette durch die landesübliche Pfeife, ich gab mir in hundert Einzelheiten Mühe, mich anzupassen; aber weder gesellschaftlich noch literarisch kam ich in einen wirklichen Kontakt, und wer England nur von außen sieht, der geht am Wesentlichen vorbei – geht vorbei wie an den millionenreichen Kompanien in der City, von denen man von außen nichts anderes wahrnimmt als eben das wohlgeputzte stereotype Messingschild. In einem Klub eingeführt, wußte ich nicht, was dort tun; schon der Anblick der tiefen Ledersessel reizte mich wie die ganze Atmosphäre zu einer Art geistiger Schläfrigkeit, weil ich dies weise Entspannen nicht wie die andern durch konzentrierte Tätigkeit oder Sport mir verdient hatte. Diese Stadt schied eben energisch den Müßiggänger, den bloßen Beobachter, sofern er nicht millionenreich das Odium zu einer hohen und geselligen Kunst zu erheben wußte, als Fremdkörper aus, während Paris ihn vergnüglich mitrollen ließ in seinem wärmeren Getriebe. Mein Fehler war gewesen, das erkannte ich zu spät: ich hätte in irgendeiner Form der Beschäftigung diese zwei Londoner Monate verbringen müssen, als Volontär in einem Geschäft, als Sekretär in einer Zeitung, dann wäre ich wenigstens einen Fingerbreit tief in das englische Leben eingedrungen. Als bloßer Beobachter von außen habe ich wenig erlebt und erst viele Jahre später während des Krieges eine Ahnung des wirklichen England gewonnen.

Von den Dichtern Englands sah ich nur Arthur Symons. Er wiederum vermittelte mir eine Einladung zu W. B. Yeats, dessen Gedichte ich sehr liebte, und von dem ich aus bloßer Freude einen Teil seines zarten Versdramas ›The shadow Waters‹ übersetzt hatte. Ich wußte nicht, daß es ein Vorlesungsabend werden sollte; ein kleiner Kreis von Auserwählten war geladen, wir saßen ziemlich gedrängt in dem nicht weiträumigen Zimmer, ein Teil sogar auf Schemeln oder auf dem Fußboden. Endlich begann Yeats, nachdem er neben einem schwarzen (oder schwarzüberzogenen) Stehpult zwei armdicke, riesige Altarkerzen entzündet hatte. Alle andern Lichter im Raume wurden gelöscht, so trat plastisch der energische Kopf mit den schwarzen Locken aus dem Kerzenschimmer. Yeats las langsam mit einer melodischen dunklen Stimme, ohne je ins Deklamatorische zu verfallen, jeder Vers erhielt sein volles metallisches Gewicht. Es war schön. Es war wahrhaft feierlich. Und das einzige, was mich störte, war die Preziosität der Aufmachung, das schwarze, kuttenartige Gewand, das Yeats etwas Priesterliches gab, das Schwelen der dicken Wachskerzen, die, glaube ich, einen leichtgewürzten Duft aushauchten; dadurch wurde der literarische Genuß – und das bot anderseits für mich einen neuartigen Reiz – eher eine Zelebrierung von Gedichten als eine spontane Vorlesung. Und ich erinnerte mich unwillkürlich im Vergleich, wie Verhaeren seine Gedichte vorlas: in Hemdsärmeln, um mit den nervigen Armen den Rhythmus besser taktieren zu können, ohne Pomp und Inszenierung, oder wie Rilke aus einem Buche gelegentlich ein paar Verse sprach, einfach, klar in dem stillen Dienst am Wort. Es war die erste ›inszenierte‹ Dichtervorlesung, der ich je beigewohnt, und wenn ich mich trotz aller Liebe für sein Werk etwas mißtrauisch gegen diese Kulthandlung wehrte, so hat Yeats dennoch damals einen dankbaren Gast gehabt.

Aber die eigentliche Dichterentdeckung, die mir in London geschah, galt keinem Lebenden, sondern einem derzeit noch recht vergessenen Künstler: William Blake, diesem einsamen und problematischen Genie, das mich mit seiner Mischung von Unbeholfenheit und sublimer Vollendung noch heute fasziniert. Ein Freund hatte mir geraten, mir im printroom des Britischen Museums, den damals Lawrence Binyon verwaltete, die farbig illustrierten Bücher ›Europa‹, ›America‹, ›Das Buch Hiob‹ zeigen zu lassen, die heute Rarissima des Antiquariats geworden sind, und ich war wie verzaubert. Hier sah ich zum erstenmal eine jener magischen Naturen, die, ohne klar ihren Weg zu wissen, von Visionen wie mit Engelsflügeln durch alle Wildnisse der Phantasie getragen werden; Tage und Wochen versuchte ich tiefer in das Labyrinth dieser naiven und doch zugleich dämonischen Seele einzudringen und einige Gedichte von ihm deutsch wiederzugeben. Ein Blatt von seiner Hand zu besitzen, wurde beinahe zur Gier, schien aber zunächst eine fast nur traumhafte Möglichkeit. Da erzählte mir eines Tages mein Freund Archibald G. B. Russel, schon damals der beste Kenner Blakes, in der Ausstellung, die er veranstalte, sei eines der ›visionary portraits‹ zu verkaufen, seiner (und meiner) Meinung nach die schönste Bleistiftzeichnung des Meisters, der ›King John‹. »Sie werden ihrer nie müde werden«, versprach er mir, und er hat recht behalten. Von meinen Büchern und Bildern hat dieses eine Blatt mich mehr als dreißig Jahre begleitet, und wie oft hat der magisch-erleuchtete Blick dieses irren Königs von der Wand auf mich geblickt; von allem Verlorenen und Fernen meiner Habe ist es diese Zeichnung, welche ich auf meiner Wanderschaft am meisten misse. Der Genius Englands, den zu erkennen in Straßen und Städten ich mich vergebens bemüht, plötzlich war er mir offenbar geworden in Blakes wahrhaft astraler Gestalt. Und ich hatte zu vieler Weltliebe wieder eine neue gewonnen.

Umwege auf dem Wege zu mir selbst

Paris, England, Italien, Spanien, Belgien, Holland, dies neugierige Wandern und Zigeunern war an sich erfreulich und in vieler Hinsicht ergiebig gewesen. Aber schließlich benötigt man doch – wann wußte ich es besser als heute, da mein Wandern durch die Welt kein freiwilliges mehr ist, sondern ein Gejagtsein? – einen stabilen Punkt, von dem aus man wandert, und zu dem man immer wieder zurückkehrt. Eine kleine Bibliothek hatte sich in den Jahren seit der Schule angehäuft, Bilder und Andenken; die Manuskripte begannen sich zu dicken Paketen zu stauen, und man konnte diese willkommene Last schließlich nicht ständig in Koffern durch die Welt schleppen. So nahm ich mir eine kleine Wohnung in Wien, aber es sollte keine wirkliche Bleibe sein, nur ein pied-à-terre, wie die Franzosen so eindringlich sagen. Denn das Gefühl des Provisorischen beherrschte bis zum Weltkrieg in geheimnisvoller Weise mein Leben. Bei allem, was ich unternahm, beredete ich mich selbst, es sei doch nicht das Eigentliche, das Richtige – bei meinen Arbeiten, die ich nur als Proben auf das Wirkliche empfand, und nicht minder bei den Frauen, mit denen ich befreundet war. Damit gab ich meiner Jugend das Gefühl des noch nicht zum Äußersten Verpflichtetseins und gleichzeitig auch das ›diletto‹ des unbeschwerten Kostens, Probens und Genießens. Schon in die Jahre gelangt, da andere längst verheiratet waren, Kinder und wichtige Positionen hatten und mit geschlossener Energie versuchen mußten, das Letzte aus sich herauszuholen, betrachtete ich mich noch immer als den jungen Menschen, als Anfänger, als Beginner, der unermeßlich viel Zeit vor sich hat, und zögerte, mich in irgendeinem Sinne auf ein Definitives festzulegen. So, wie ich meine Arbeit nur als Vorarbeit zum ›Eigentlichen‹, als Visitenkarte betrachtete, die meine Existenz der Literatur bloß ankündigte, sollte meine Wohnung vorläufig nicht viel mehr als eine Adresse sein. Ich wählte sie absichtlich klein und in der Vorstadt, damit sie meine Freiheit nicht durch Kostspieligkeit belasten könnte. Ich kaufte mir keine sonderlich guten Möbel, denn ich wollte sie nicht ›schonen‹, wie ich es bei meinen Eltern gesehen, wo jeder einzelne Fauteuil seinen Überzug hatte, der nur für Besuche abgenommen wurde. Bewußt wollte ich vermeiden, mich in Wien festzuwohnen und dadurch sentimentalisch an einen bestimmten Ort gebunden zu sein. Lange Jahre schien mir dies Mich-zum-Provisorischen-Erziehen ein Fehler, aber später, da ich immer von neuem gezwungen wurde, jedes Heim, das ich mir baute, zu verlassen, und alles um mich Gestaltete zerfallen sah, ist dies geheimnisvolle Lebensgefühl des Sich-nicht-Bindens mir hilfreich geworden. Früh erlernt, hat es mir jedes Verlieren und Abschiednehmen leichter gemacht.

Viele Kostbarkeiten hatte ich in dieser ersten Wohnung noch nicht zu verstauen. Aber schon schmückte jene in London erworbene Zeichnung von Blake die Wand und eines der schönsten Gedichte Goethes in seiner schwungvoll freien Handschrift, – damals noch das Kronstück meiner Sammlung von Autographen, die ich schon im Gymnasium begonnen hatte. Mit derselben Herdenhaftigkeit, wie unsere ganze literarische Gruppe dichtete, hatten wir damals Dichtern, Schauspielern, Sängern ihre Unterschriften abgejagt, die meisten von uns allerdings diesen Sport wie ihre Dichterei zugleich mit der Schule aufgegeben, während sich bei mir die Passion für diese irdischen Schatten genialer Gestalten nur noch steigerte und gleichzeitig vertiefte. Die bloßen Signaturen wurden mir gleichgültig, auch die Quote der internationalen Berühmtheit oder Preisbewertung eines Mannes interessierte mich nicht; was ich suchte, waren die Urschriften oder Entwürfe von Dichtungen oder Kompositionen, weil mich das Problem der Entstehung eines Kunstwerks sowohl in den biographischen wie in den psychologischen Formen mehr als alles andere beschäftigte. Jene geheimnisvollste Sekunde des Übergangs, da ein Vers, eine Melodie aus dem Unsichtbaren, aus der Vision und Intuition eines Genies durch graphische Fixierung ins Irdische tritt, wo anders ist sie belauschbar, überprüfbar als auf den durchkämpften oder wie in Trance hingejagten Urschriften der Meister? Ich weiß von einem Künstler nicht genug, wenn ich nur sein geschaffenes Werk vor mir habe, und ich bekenne mich zu Goethes Wort, daß man die großen Schöpfungen, um sie ganz zu begreifen, nicht nur in ihrer Vollendung gesehen, sondern auch in ihrem Werden belauscht haben muß. Aber auch rein optisch wirkt auf mich eine erste Skizze Beethovens mit ihren wilden, ungeduldigen Strichen, ihrem wüsten Durcheinander begonnener und verworfener Motive, mit der darin auf ein paar Bleistiftstriche komprimierten Schöpfungswut seiner dämonisch überfüllten Natur geradezu physisch erregend, weil der Anblick mich so sehr geistig erregt; ich kann solch ein hieroglyphisches Blatt verzaubert und verliebt anstarren wie andere ein vollendetes Bild. Ein Korrekturblatt Balzacs, wo fast jeder Satz zerrissen, jede Zeile umgeackert, der weiße Rand mit Strichen, Zeichen, Worten schwarz zernagt ist, versinnlicht mir den Ausbruch eines menschlichen Vesuvs; und irgendein Gedicht, das ich jahrzehntelang liebte, zum erstenmal in der Urschrift sehe, in seiner ersten Irdischkeit, erregt in mir ehrfürchtig religiöses Gefühl; ich getraue mich kaum, es zu berühren. Zu dem Stolz, einige solcher Blätter zu besitzen, gesellte sich noch der fast sportliche Reiz, sie zu erwerben, ihnen nachzujagen auf Auktionen oder in Katalogen; wieviel gespannte Stunden danke ich dieser Jagd, wie viele erregende Zufälle! Da war man um einen Tag zu spät gekommen, dort hatte sich ein begehrtes Stück als Fälschung erwiesen, dann wieder ereignete sich ein Wunder: man besaß ein kleines Manuskript Mozarts und hatte es doch nur mit halber Freude, weil ein Streifen Musik davon weggeschnitten war. Und plötzlich taucht dieser von fünfzig oder hundert Jahren von einem liebevollen Vandalen abgeschnittene Streifen in einer Stockholmer Auktion auf, und man kann wieder die Arie zusammenfügen, genauso wie Mozart sie vor hundertfünfzig Jahren hinterließ. Damals waren meine literarischen Einnahmen freilich noch nicht zureichend, um in großem Stil zu kaufen, aber jeder Sammler weiß, wie sehr es die Freude an einem Stück steigert, wenn man sich eine andere Freude versagen mußte, um es zu erwerben. Außerdem setzte ich alle meine Dichterfreunde in Kontribution. Rolland gab mir einen Band seines ›Jean Christophe‹, Rilke sein populärstes Werk, ›Die Weise von Liebe und Tod‹, Claudel die ›Annonce faite à Marie‹, Gorkij eine große Skizze, Freud eine Abhandlung; sie wußten alle, daß kein Museum ihre Handschriften liebevoller hütete. Wieviel ist heute davon in alle Winde zerstoben mit anderen geringeren Freuden!

Daß das sonderbarste und kostbarste literarische Museumsstück zwar nicht in meinem Schranke, aber doch im gleichen Vorstadthaus sich barg, entdeckte ich erst später durch einen Zufall. Über mir wohnte in ebenso bescheidener Wohnung ein grauhaariges, ältliches Fräulein, ihrem Beruf nach Klavierlehrerin; eines Tages sprach sie mich in nettester Weise auf der Stiege an, es bedrücke sie eigentlich, daß ich bei meiner Arbeit unfreiwilliger Zuhörer ihrer Lehrstunden sein müsse, und sie hoffe, ich werde durch die unvollkommenen Künste ihrer Schülerinnen nicht allzusehr gestört. Im Gespräch ergab sich dann, daß ihre Mutter bei ihr wohnte und, halb blind, das Zimmer kaum mehr verließ, und daß diese achtzigjährige Frau niemand geringerer war als die Tochter von Goethes Leibarzt Dr. Vogel und 1830 von Ottilie von Goethe in persönlicher Gegenwart Goethes aus der Taufe gehoben. Mir wurde ein wenig schwindlig – es gab 1910 noch einen Menschen auf Erden, auf dem Goethes heiliger Blick geruht! Nun war mir immer ein besonderer Sinn der Ehrfurcht für jede irdische Manifestation des Genius zu eigen, und außer jenen Manuskriptblättern trug ich mir an Reliquien zusammen, was ich erreichen konnte; ein Zimmer meines Hauses war in späterer Zeit – in meinem ›zweiten Leben‹ – ein, wenn ich so sagen darf, kultischer Raum. Da stand der Schreibtisch Beethovens und seine kleine Geldkassette, aus der er noch aus dem Bett mit schon vom Tode berührter, zitternder Hand sich die kleinen Beträge für die Dienstmagd geholt; da war ein Blatt aus seinem Küchenbuche und eine Locke seines schon ergrauten Haars. Eine Kielfeder Goethes habe ich jahrelang unter Glas gehütet, um der Versuchung zu entgehen, sie in die eigene unwürdige Hand zu nehmen. Aber wie unvergleichlich diesen immerhin leblosen Dingen war doch ein Mensch, ein atmendes, lebendes Wesen, das noch Goethes dunkles, rundes Auge bewußt und liebevoll angeblickt – ein letzter dünner Faden, der jeden Augenblick abreißen konnte, verband durch dies gebrechliche irdische Gebilde die olympische Welt Weimars mit diesem zufälligen Vorstadthaus Kochgasse 8. Ich bat um die Verstattung, Frau Demelius besuchen zu dürfen; gerne und gütig wurde ich von der alten Dame empfangen, und in ihrer Stube fand ich mancherlei vom Hausrat des Unsterblichen wieder, das von Goethes Enkelin, ihrer Kindheitsfreundin, ihr geschenkt worden war: das Leuchterpaar, das auf Goethes Tisch gestanden, und ähnliche Wahrzeichen des Hauses auf dem Weimarer ›Frauenplan‹. Aber war sie nicht selbst das eigentliche Wunder mit ihrer Existenz, diese alte Dame, ein Biedermeierhäubchen über dem schon dünnen, weißen Haar, deren zerfalteter Mund gerne erzählte, wie sie die ersten fünfzehn Jahre ihrer Jugend in dem Hause am Frauenplan verbracht, das damals noch nicht wie heute Museum war und das die Dinge unberührt seit der Stunde bewahrte, da der größte deutsche Dichter sein Heim und die Welt für immer verließ? Wie immer alte Leute, sah sie diese ihre Jugendzeit mit stärkster Gegenständlichkeit; rührend war mir ihre Empörung, die Goethegesellschaft habe eine schwere Indiskretion begangen, indem sie die Liebesbriefe ihrer Kindheitsfreundin Ottilie von Goethe ›jetzt schon‹ publiziert habe – ›jetzt schon‹ – ach, sie hatte vergessen, daß Ottilie schon ein halbes Jahrhundert tot war! Für sie war Goethes Liebling noch da und war noch jung, für sie waren die Dinge Wahrheit, die uns längst Vorzeit und Legende geworden! Immer fühlte ich geisterhafte Atmosphäre in ihrer Gegenwart. Da wohnte man in diesem steinernen Haus, sprach durchs Telephon, brannte elektrisches Licht, diktierte Briefe in eine Schreibmaschine, und zweiundzwanzig Stufen empor, und man war in ein anderes Jahrhundert entrückt und stand im heiligen Schatten von Goethes Lebenswelt.

Ich bin später noch mehrmals Frauen begegnet, die mit ihrem weißen Scheitel emporreichten in heroische und olympische Welt, Cosima Wagner, der Tochter Liszts, hart, streng und doch großartig in ihren pathetischen Gesten, Elisabeth Förster, Nietzsches Schwester, zierlich, klein, kokett, Olga Monod, Alexander Herzens Tochter, die als Kind oft auf Tolstois Knien gesessen; ich habe Georg Brandes als alten Mann erzählen hören von seinen Begegnungen mit Walt Whitman, Flaubert und Dickens, oder Richard Strauss schildern, wie er Richard Wagner zum ersten Male gesehen. Aber nichts hat mich so berührt wie das Antlitz jener Greisin, der letzten unter den Lebenden, die von Goethes Auge noch angeblickt worden ist. Und vielleicht bin ich selbst wiederum schon der letzte, der heute sagen darf: ich habe einen Menschen gekannt, auf dessen Haupt noch Goethes Hand einen Augenblick zärtlich geruht.

Für die Zeit zwischen den Fahrten war nun der Rastpunkt gefunden. Doch wichtiger war eine andere Heimstatt, die ich gleichzeitig fand – der Verlag, der durch dreißig Jahre mein ganzes Werk bewahrt und gefördert hat. Eine solche Wahl bedeutet eine Entscheidung im Leben eines Autors, und sie hätte für mich nicht glücklicher fallen können. Einige Jahre vorher hatte ein dichterischer Dilettant kultiviertester Art den Gedanken gefaßt, seinen Reichtum nicht auf einen Rennstall zu verwenden, sondern auf ein geistiges Werk. Alfred Walter Heymel, als Dichter selbst eine unbeträchtliche Erscheinung, entschloß sich, in Deutschland, wo das Verlagswesen wie überall hauptsächlich auf kommerzieller Grundlage geführt wurde, einen Verlag zu begründen, der ohne Blick auf materiellen Gewinn, ja sogar in Voraussicht dauernder Verluste, als Maßstab nicht die Verkäuflichkeit, sondern die innere Haltung eines Werkes für seine Veröffentlichung entscheidend machte. Unterhaltungslektüre, so einträglich sie auch sein mochte, sollte ausgeschlossen bleiben, dagegen auch dem Subtilsten und dem Schwerzugänglichen Unterkunft geboten werden. Ausschließlich Werke reinsten Kunstwillens in reinster Form der Darbietung bei sich zu versammeln, war die Devise dieses exklusiven und zuerst nur auf das schmale Publikum der wirklichen Kenner angewiesenen Verlages, der mit der stolzen Absicht der Isolation sich ›Die Insel‹ und späterhin ›Insel-Verlag‹ nannte. Nichts sollte dort gewerbsmäßig gedruckt werden, sondern jeder Dichtung buchtechnisch eine äußere Form gegeben, die ihrer inneren Vollendung entsprach. So wurde jedes einzelne Werk mit Titelzeichnung, Satzspiegel, Type, Papier jedesmal neu zum individuellen Problem; selbst die Prospekte ebenso wie das Briefpapier erhoben sich bei diesem ehrgeizigen Verlage zum Gegenstand passionierter Sorgfalt. Ich erinnere mich zum Beispiel nicht, in dreißig Jahren einen einzigen Druckfehler in einem meiner Bücher gefunden zu haben oder selbst in einem Brief vom Verlag eine korrigierte Zeile: alles, auch die kleinste Einzelheit, hatte die Ambition des Musterhaften.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
13 kasım 2024
Hacim:
1051 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9788027212965
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Telif hakkı:
Bookwire
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