Kitabı oku: «Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Brasilien, Reise nach Rußland & Reisen in Europa», sayfa 8
Aber eine rechte Bindung wollte mir nicht gelingen; mich befremdete vor allem die heute wohl nicht mehr vorstellbare Art der Respektlosigkeit, mit der sich gerade die eigentlichen Parteigenossen zu Herzls Person stellten. Die östlichen warfen ihm vor, er verstünde nichts vom Judentum, er kenne ja nicht einmal seine Gebräuche, die Nationalökonomen betrachteten ihn als Feuilletonisten, jeder hatte seinen eigenen Einwand und nicht immer der respektvollsten Art. Ich wußte, wie sehr gerade damals vollkommen ergebene Menschen und besonders junge Menschen Herzl wohlgetan und notgetan hätten, und der zänkische, rechthaberische Geist dieses ständigen Opponierens, der Mangel an redlicher, herzlicher Subordination in diesem Kreise entfremdete mich der Bewegung, der ich mich nur um Herzls willen neugierig genährt hatte. Als wir einmal über dies Thema sprachen, gestand ich ihm offen meinen Unmut über die mangelnde Disziplin in seinen Reihen. Er lächelte etwas bitter und sagte: »Vergessen Sie nicht, wir sind seit Jahrhunderten an das Spielen mit Problemen, an den Streit mit Ideen gewöhnt. Wir Juden haben ja seit zweitausend Jahren historisch gar keine Praxis, etwas Reales in die Welt zu setzen. Die unbedingte Hingabe muß man erst lernen, und ich selbst habe sie noch heute nicht erlernt, denn ich schreibe noch immer zwischendurch Feuilletons und bin noch immer Feuilletonredakteur der ›Neuen Freien Presse‹, während es meine Pflicht wäre, keinen Gedanken außer dem einen zu haben, keinen Strich für irgend etwas anderes auf ein Blatt Papier zu tun. Aber ich bin schon unterwegs, mich da zu bessern, ich will die unbedingte Hingabe erst selbst lernen, und vielleicht lernen da die anderen mit.« Ich weiß noch, daß diese Worte auf mich tiefen Eindruck machten, denn wir alle verstanden nicht, daß Herzl sich so lange nicht entschließen konnte, seine Stellung bei der ›Neuen Freien Presse‹ aufzugeben – wir meinten, um seiner Familie willen. Daß dem nicht so war und er sogar sein eigenes Privatvermögen der Sache geopfert hatte, erfuhr die Welt erst viel später. Und wie sehr er selbst unter diesem Zwiespalt gelitten hat, erwies mir nicht nur dieses Gespräch, sondern auch viele Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern bezeugen es.
Ich sah ihn dann noch mehrmals, aber von allen Begegnungen ist mir nur eine als wichtige erinnerlich und unvergeßlich, vielleicht, weil sie die letzte war. Ich war im Ausland gewesen – nicht anders als brieflich mit Wien in Verbindung –, endlich traf ich ihn eines Tages im Stadtpark. Er kam offenbar aus der Redaktion, ging sehr langsam und ein wenig in sich gebeugt; es war nicht mehr der alte, schwingende Schritt. Ich grüßte höflich und wollte vorüber, aber er kam rasch emporgestrafft auf mich zu, bot mir die Hand: »Warum verstecken Sie sich? Sie haben das gar nicht nötig.« Daß ich so oft ins Ausland flüchtete, rechnete er mir hoch an. »Es ist unser einziger Weg«, sagte er. »Alles, was ich weiß, habe ich im Ausland gelernt. Nur dort gewöhnt man sich, in Distanzen zu denken. Ich bin überzeugt, ich hätte hier nie den Mut zu jener ersten Konzeption gehabt, man hätte sie mir zerstört, solange sie noch im Keimen und Wachsen war. Aber Gott sei Dank, als ich sie herbrachte, war schon alles fertig, und sie konnten nicht mehr tun, als das Bein aufheben.« Er sprach dann sehr bitter über Wien; hier habe er die stärksten Hemmungen gefunden, und kämen nicht von außen, von Osten besonders und nun auch von Amerika, neue Impulse, er wäre schon müde geworden. »Überhaupt«, sagte er, »mein Fehler war, daß ich zu spät begonnen habe. Viktor Adler, der war mit dreißig Jahren Führer der Sozialdemokratie, in seinen besten, ureigentlichen Kampfjahren, und von den Großen der Geschichte will ich gar nicht reden. Wenn Sie wüßten, wie ich leide im Gedanken an die verlorenen Jahre – daß ich nicht früher an meine Aufgabe herangekommen bin. Wäre meine Gesundheit so gut wie mein Wille, dann stünde alles noch gut, aber Jahre kauft man nicht mehr zurück.« Ich begleitete ihn noch lange des Weges bis zu seinem Hause. Dort blieb er stehen und gab mir die Hand und sagte: »Warum kommen Sie nie zu mir? Sie haben mich nie zu Hause besucht. Telephonieren Sie vorher an, ich mache mich schon frei.« Ich versprach es ihm, fest entschlossen, das Versprechen nicht zu halten, denn je mehr ich einen Menschen liebe, desto mehr ehre ich seine Zeit.
Aber ich bin dennoch zu ihm gekommen, und schon wenige Monate später. Die Krankheit, die ihn damals zu beugen begann, hatte ihn plötzlich gefällt, und nur zum Friedhof mehr konnte ich ihn begleiten. Ein sonderbarer Tag war es, ein Tag im Juli, unvergeßlich jedem, der ihn miterlebte. Denn plötzlich kamen auf allen Bahnhöfen der Stadt, mit jedem Zug, bei Tag und Nacht, aus allen Reichen und Ländern, Menschen gefahren, westliche, östliche, russische, türkische Juden, aus allen Provinzen und kleinen Städten stürmten sie plötzlich herbei, den Schreck der Nachricht noch im Gesicht; niemals spürte man deutlicher, was früher das Gestreite und Gerede unsichtbar gemacht, daß es der Führer einer großen Bewegung war, der hier zu Grabe getragen wurde. Es war ein endloser Zug. Mit einemmal merkte Wien, daß hier nicht nur ein Schriftsteller oder mittlerer Dichter gestorben war, sondern einer jener Gestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben. Am Friedhof entstand ein Tumult; zu viele strömten plötzlich zu seinem Sarg, weinend, heulend, schreiend in einer wild explodierenden Verzweiflung, es wurde ein Toben, ein Wüten fast; alle Ordnung war zerbrochen durch eine Art elementarer und ekstatischer Trauer, wie ich sie niemals vordem und nachher bei einem Begräbnis gesehen. Und an diesem ungeheuren, aus der Tiefe eines ganzen Millionenvolkes stoßhaft aufstürmenden Schmerz konnte ich zum erstenmal ermessen, wieviel Leidenschaft und Hoffnung dieser einzelne und einsame Mensch durch die Gewalt seines Gedankens in die Welt geworfen.
Die eigentliche Bedeutung meines feierlichen Einlasses in das Feuilleton der ›Neuen Freien Presse‹ wirkte sich für mich im Privaten aus. Ich gewann dadurch eine unerwartete Sicherheit gegenüber meiner Familie. Meine Eltern befaßten sich wenig mit Literatur und maßten sich keinerlei Urteil an; für sie, wie für die ganze Wiener Bourgeoisie, war bedeutend, was in der ›Neuen Freien Presse‹ gelobt wurde, und gleichgültig, was dort ignoriert oder getadelt wurde. Was im ›Feuilleton‹ geschrieben stand, schien für sie durch höchste Autorität verbürgt, denn wer dort urteilte und richtete, forderte schon durch die bloße Position Respekt heraus. Und nun denke man sich eine solche Familie aus, die mit Ehrfurcht und Erwartung ihren Blick täglich auf dieses eine erste Blatt ihrer Zeitung richtet und eines Morgens unglaubhafterweise entdeckt, daß der ziemlich unordentliche Neunzehnjährige, der an ihrem Tisch sitzt, der in der Schule keineswegs exzelliert, und dessen Geschreibe sie mit Wohlwollen als ›ungefährliche‹ Spielereien hingenommen (besser immerhin als Kartenspiel oder Flirt mit leichtfertigen Mädchen), an dieser verantwortungsreichen Stelle zwischen den berühmten und erfahrenen Männern das Wort ergreifen durfte für seine (zu Hause bisher nicht sehr geachteten) Meinungen. Hätte ich die schönsten Gedichte Keats’, Hölderlins oder Shelleys geschrieben, so würde dies nicht eine so völlige Umstellung im ganzen Umkreis bewirkt haben; wenn ich ins Theater kam, zeigte man sich diesen rätselhaften Benjamin, der auf mysteriöse Weise in das heilige Gehege der Alten und Würdigen eingedrungen war. Und da ich öfters und beinahe regelmäßig in dem Feuilleton publizierte, geriet ich bald in Gefahr, eine angesehene lokale Respektsperson zu werden; dieser Gefahr entzog ich mich aber glücklicherweise rechtzeitig, indem ich eines Morgens meine Eltern mit der Mitteilung überraschte, ich wolle das nächste Semester in Berlin studieren. Und meine Familie respektierte mich oder vielmehr die ›Neue Freie Presse‹, in deren goldenem Schatten ich stand, zu sehr, um mir meinen Wunsch nicht zu gewähren.
Selbstverständlich dachte ich nicht daran, in Berlin zu »studieren«. Ich habe dort die Universität ebenso wie in Wien nur zweimal im Verlauf eines Semesters aufgesucht, einmal, um die Vorlesungen zu inskribieren, und das zweitemal, um mir ihren vorgeblichen Besuch testieren zu lassen. Was ich in Berlin suchte, waren weder Kollegien noch Professoren, sondern eine höhere und noch vollkommenere Art der Freiheit. In Wien fühlte ich mich immerhin noch an das Milieu gebunden. Die literarischen Kollegen, mit denen ich verkehrte, stammten fast alle aus der gleichen jüdisch-bürgerlichen Schicht wie ich selbst; in der engen Stadt, wo jeder von jedem wußte, blieb ich unweigerlich der Sohn aus einer ›guten‹ Familie, und ich war müde der sogenannten ›guten‹ Gesellschaft; ich wollte sogar einmal ausgesprochen ›schlechte‹ Gesellschaft, eine ungezwungene, unkontrollierte Form der Existenz. Wer in Berlin an der Universität Philosophie dozierte, hatte ich nicht einmal im Verzeichnis nachgesehen; mir genügte es zu wissen, daß die ›neue‹ Literatur sich dort aktiver, impulsiver gebärdete als bei uns, daß man dort Dehmel und anderen Dichtern der jungen Generation begegnen konnte, daß dort ununterbrochen Zeitschriften, Kabaretts, Theater gegründet wurden, kurzum, daß dort, wie man auf Wienerisch sagte, ›etwas los war‹.
In der Tat kam ich nach Berlin in einem sehr interessanten, historischen Augenblick. Seit 1870, da Berlin aus der recht nüchternen, kleinen und durchaus nicht reichen Hauptstadt des Königreichs Preußen die Residenzstadt des deutschen Kaisers geworden war, hatte der unscheinbare Ort an der Spree einen mächtigen Aufschwung genommen. Aber noch war Berlin die Führung in künstlerischen und kulturellen Angelegenheiten nicht zugefallen; München galt mit seinen Malern und Dichtern als die eigentliche Zentrale der Kunst, die Dresdner Oper dominierte in der Musik, die kleinen Residenzen zogen wertvolle Elemente an sich; vor allem aber war Wien mit seiner hundertjährigen Tradition, seiner konzentrierten Kraft, seinem natürlichen Talent Berlin bisher noch immer weit überlegen geblieben. Jedoch in den letzten Jahren begann sich mit dem rapiden wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands das Blatt zu wenden. Die großen Konzerne, die vermögenden Familien zogen nach Berlin, und neuer Reichtum, gepaart mit einem starken Wagemut, eröffnete der Architektur, dem Theater hier größere Möglichkeiten als in einer anderen großen deutschen Stadt. Die Museen vergrößerten sich unter dem Protektorat Kaiser Wilhelms, das Theater fand in Otto Brahm einen vorbildlichen Leiter, und gerade, daß keine richtige Tradition, keine jahrhundertealte Kultur vorhanden war, lockte die Jugend zum Versuche an. Denn Tradition bedeutet immer auch Hemmung. Wien, an das Alte gebunden, seine eigene Vergangenheit vergötternd, erwies sich vorsichtig und abwartend gegen junge Menschen und verwegene Experimente. In Berlin aber, das sich rasch und in persönlicher Form gestalten wollte, suchte man das Neue. So war es nur natürlich, daß die jungen Menschen aus dem ganzen Reiche und sogar aus Österreich sich nach Berlin drängten, und die Erfolge gaben den Begabten unter ihnen recht; der Wiener Max Reinhardt hätte in Wien zwei Jahrzehnte lang geduldig warten müssen, um die Position zu erlangen, die er in Berlin in zwei Jahren eroberte.
Es war just in diesem Zeitpunkt des Überganges von der bloßen Hauptstadt zur Weltstadt, daß ich in Berlin eintraf. Noch war der erste Eindruck nach der satten und von großen Ahnen vererbten Schönheit Wiens eher enttäuschend; der entscheidende Zug nach dem Westen, wo sich die neue Architektur statt der etwas protzigen Tiergartenhäuser entfalten sollte, hatte eben erst begonnen, noch bildeten die baulich öde Friedrichstraße und Leipziger Straße mit ihrem ungeschickten Prunk das Zentrum der Stadt. Vororte wie Wilmersdorf, Nikolassee, Steglitz waren nur mit den Trambahnen mühsam zu erreichen, die Seen der Mark mit ihrer herben Schönheit erforderten in jener Zeit noch eine Art Expedition. Außer den alten ›Unter den Linden‹ gab es kein richtiges Zentrum, keinen ›Korso‹ wie bei uns am Graben, und vollkommen fehlte dank der alten preußischen Sparsamkeit eine durchgängige Eleganz. Die Frauen gingen in selbstgeschneiderten, geschmacklosen Kleidern ins Theater, überall vermißte man die leichte, geschickte und verschwenderische Hand, die in Wien wie in Paris aus einem billigen Nichts eine bezaubernde Überflüssigkeit zu schaffen verstand. In jeder Einzelheit fühlte man friderizianische, knickerige Haushälterischkeit; der Kaffee war dünn und schlecht, weil an jeder Bohne gespart wurde, das Essen lieblos, ohne Saft und Kraft. Sauberkeit und eine straffe, akkurate Ordnung regierten allerorts statt unseres musikalischen Schwungs. Nichts war mir zum Beispiel charakteristischer als der Gegensatz meiner Wiener und Berliner Zimmerwirtin. Die wienerische war eine muntere, geschwätzige Frau, die nicht alles in bester Sauberkeit hielt, dies und das leichtfertig vergaß, aber begeistert einem jede Gefälligkeit erwies. Die Berlinerin war korrekt und hielt alles tadellos im Stand; aber bei ihrer ersten Monatsrechnung fand ich in sauberer, steiler Schrift jeden kleinen Dienst berechnet, den sie erwiesen: drei Pfennige für das Annähen eines Hosenknopfes, zwanzig Pfennige für das Beseitigen eines Tintenflecks auf dem Tischbrett, bis schließlich nach einem kräftigen Addierstrich für ihre sämtlichen Bemühungen sich das Sümmchen von 67 Pfennigen ergab. Ich lachte zuerst darüber; charakteristischer aber war, daß ich selbst nach wenigen Tagen schon diesem peinlichen preußischen Ordnungssinn erlag und zum ersten und letzten Male in meinem Leben ein genaues Ausgabenbuch führte.
Von Wiener Freunden hatte ich eine ganze Reihe von Empfehlungen mitbekommen. Aber ich gab keine einzige ab. Es war doch der eigentliche Sinn meiner Eskapade, jeder gesicherten und bürgerlichen Atmosphäre zu entkommen und statt dessen losgelöst und ganz auf mich gestellt zu leben. Ich wollte ausschließlich Menschen kennenlernen, zu denen ich den Weg durch meine eigenen literarischen Bemühungen gefunden hatte – und möglichst interessante Menschen; schließlich hatte man nicht umsonst die ›Bohème‹ gelesen und mußte als Zwanzigjähriger wünschen, auch derlei zu erleben.
Einen solchen wild und wahllos zusammengewürfelten Kreis brauchte ich nun nicht lange zu suchen. Ich hatte von Wien aus längst an dem führenden Blatt der Berliner ›Moderne‹, das sich fast ironisch ›Die Gesellschaft‹ nannte und von Ludwig Jacobowski geleitet war, mitgearbeitet. Dieser junge Dichter hatte kurz vor seinem frühen Tode einen Verein mit dem für die Jugend verführerischen Namen ›Die Kommenden‹ gegründet, der einmal in der Woche sich im ersten Stock eines Kaffeehauses am Nollendorfplatz versammelte. In dieser der Pariser ›Closerie des Lilas‹ nachgebildeten riesigen Runde drängte sich das Heterogenste zusammen, Dichter und Architekten, Snobs und Journalisten, junge Mädchen, die sich als Kunstgewerblerinnen oder Bildhauerinnen drapierten, russische Studenten und schneeblonde Skandinavierinnen, die sich in der deutschen Sprache vervollkommnen wollten. Deutschland selbst hatte aus allen seinen Provinzen Vertreter zur Stelle, starkknochige Westfalen, biedere Bayern, schlesische Juden: all das mengte sich in wilden Diskussionen und mit voller Ungezwungenheit. Ab und zu wurden Gedichte oder Dramen vorgelesen, die Hauptsache aber war für alle das gegenseitige Kennenlernen. Inmitten dieser jungen Menschen, die sich bewußt als Bohème gebärdeten, saß rührend wie ein Weihnachtsmann ein alter, graubärtiger Mann, von allen respektiert und geliebt, weil ein wirklicher Dichter und wirklicher Bohèmien: Peter Hille. Dieser Siebzigjährige mit seinen blauen Hundeaugen blickte gutmütig und arglos in diese sonderbare Kinderschar, immer in seinen grauen Wettermantel gehüllt, der einen ganz zerfransten Anzug und sehr schmutzige Wäsche verdeckte; gerne ließ er sich jedesmal von unserem Drängen verleiten, aus einer seiner Rocktaschen ganz zerknüllte Manuskripte hervorzuholen und seine Gedichte vorzulesen. Es waren Gedichte ungleicher Art, eigentlich Improvisationen eines lyrischen Genius, nur zu locker, zu zufällig geformt. Er schrieb sie in der Straßenbahn oder im Café mit Bleistift hin, vergaß sie dann und hatte Mühe, beim Vorlesen in dem verwischten und verfleckten Zettel die Worte wiederzufinden. Geld hatte er niemals, aber er kümmerte sich nicht um Geld, schlief bald bei diesem, bald bei jenem zu Gast, und seine Weltvergessenheit, seine absolute Ehrgeizlosigkeit hatten etwas ergreifend Echtes. Man verstand eigentlich nicht, wann und wie dieser gute Waldmensch in die große Stadt Berlin geraten war und was er hier wollte. Aber er wollte gar nichts, nicht berühmt, nicht gefeiert sein, und war doch sorgloser und freier dank seiner dichterischen Traumhaftigkeit, als ich es je später bei einem anderen Menschen gesehen. Um ihn lärmten und überschrien sich die ehrgeizigen Diskutanten; er hörte milde zu, stritt mit keinem, hob manchmal mit freundlichem Gruß einem das Glas entgegen, aber er mischte sich kaum je in das Gespräch. Man hatte das Gefühl, als ob selbst während des wildesten Tumults in seinem struppigen und ein bißchen müden Kopf Verse und Worte sich suchten, ohne daß sie sich ganz berührten und fanden.
Das Wahrhafte und Kindliche, das von diesem naiven Dichter ausging – der heute selbst in Deutschland nahezu vergessen ist –, lenkte vielleicht gefühlsmäßig meine Aufmerksamkeit von dem gewählten Vorstand der ›Kommenden‹ ab, und doch war dies ein Mann, dessen Ideen und Worte später unzähligen Menschen bei der Lebensformung entscheidend sein sollten. Hier, in Rudolf Steiner, dem später als Begründer der Anthroposophie die prachtvollsten Schulen und Akademien von seinen Anhängern zur Durchsetzung seiner Lehre gebaut wurden, begegnete ich nach Theodor Herzl zum erstenmal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden. Persönlich wirkte er nicht so führerhaft wie Herzl, aber mehr verführerisch. In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft, und ich hörte ihm besser und kritischer zu, wenn ich nicht auf ihn blickte, denn sein asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz war wohl angetan, nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken. Rudolf Steiner war in jener Zeit noch nicht seiner eigenen Lehre nahegekommen, sondern selber noch ein Suchender und Lernender; gelegentlich trug er uns Kommentare zur Farbenlehre Goethes vor, dessen Bild in seiner Darstellung faustischer, paracelsischer wurde. Es war aufregend ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig; von seinen Vorträgen und manchem guten privaten Gespräch kehrte ich immer zugleich begeistert und etwas niedergedrückt nach Hause zurück. Trotzdem – wenn ich mich heute frage, ob ich damals diesem jungen Manne eine derartige philosophische und ethische Massenwirkung prophezeit hätte, muß ich es zu meiner Beschämung verneinen. Ich habe von seinem sucherischen Geiste Großes erwartet in der Wissenschaft, und es hätte mich keineswegs verwundert, von einer großen biologischen Entdeckung zu hören, die seinem intuitiven Geiste gelungen wäre; aber als ich dann Jahre und Jahre später in Dornach das grandiose Goetheanum sah, diese ›Schule der Weisheit‹, die ihm seine Schüler als platonische Akademie der ›Anthroposophie‹ gestiftet, war ich eher enttäuscht, daß sein Einfluß so sehr in das Breit-Reale und stellenweise sogar ins Banale gegangen. Ich maße mir kein Urteil über die Anthroposophie an, denn mir ist bis heute nicht deutlich klar, was sie will und bedeutet; ich glaube sogar, daß im Wesentlichen ihre verführende Wirkung nicht an eine Idee, sondern an Rudolf Steiners faszinierende Person gebunden war. Immerhin, einem Mann solcher magnetischen Kraft gerade auf jener frühen Stufe zu begegnen, wo er noch freundschaftlich undogmatisch sich Jüngeren mitteilte, war für mich ein unschätzbarer Gewinn. An seinem phantastischen und zugleich profunden Wissen erkannte ich, daß die wahre Universalität, derer wir uns mit gymnasiastischer Überheblichkeit schon bemächtigt zu haben meinten, nicht durch flüchtiges Lesen und Diskutieren, sondern nur in jahrelanger, brennender Bemühung erarbeitet werden kann.
Aber das Wesentliche lernt in jener aufnehmenden Zeit, wo Freundschaften sich leicht knüpfen und die sozialen oder politischen Unterschiede sich noch nicht verhärtet haben, ein junger Mensch eigentlich besser von den Mitstrebenden als von den Überlegenen. Wieder spürte ich – nun aber auf einer höheren und internationaleren Stufe als im Gymnasium –, wie sehr kollektiver Enthusiasmus befruchtet. Während meine Wiener Freunde fast alle aus dem Bürgertum stammten und sogar zu neun Zehnteln aus der jüdischen Bourgeoisie, wir somit uns nur duplizierten und multiplizierten mit unseren Neigungen, kamen die jungen Menschen dieser neuen Welt aus ganz gegensätzlichen Schichten, von oben, von unten, preußischer Aristokrat der eine, Hamburger Reedersohn der andere, der dritte aus westfälischem Bauerngeschlecht, ich lebte plötzlich in einem Kreise, wo es auch wirkliche Armut mit zerrissenen Kleidern und abgetretenen Schuhen gab, eine Sphäre also, die ich in Wien nie berührt. Ich saß am selben Tisch mit schweren Trinkern und Homosexuellen und Morphinisten, ich schüttelte sehr stolz – die Hand einem ziemlich bekannten und abgestraften Hochstapler (der später seine Memoiren veröffentlichte und auf diese Weise zu uns Schriftstellern kam). Alles, was ich in den realistischen Romanen kaum geglaubt hatte, schob und drängte sich in den kleinen Wirtsstuben und Cafés, in die ich eingeführt wurde, zusammen, und je schlimmer eines Menschen Ruf war, um so begehrlicher mein Interesse, seinen Träger persönlich kennenzulernen. Diese besondere Liebe oder Neugier für gefährdete Menschen hat mich übrigens mein ganzes Leben lang begleitet; selbst in den Jahren, wo es sich geziemt hätte, schon wählerischer zu werden, haben meine Freunde mich oft gescholten, mit was für amoralischen, unverläßlichen und wahrhaft kompromittierenden Leuten ich umging. Vielleicht ließ mir gerade die Sphäre der Solidität, aus der ich kam, und die Tatsache, daß ich selbst bis zu einem gewissen Grade mich mit dem Komplex der ›Sicherheit‹ belastet fühlte, alle jene faszinierend erscheinen, die mit ihrem Leben, ihrer Zeit, ihrem Geld, ihrer Gesundheit ihrem guten Ruf verschwenderisch und beinahe verächtlich umgingen, diese Passionierten, diese Monomanen des bloßen Existierens ohne Ziel, und vielleicht merkt man in meinen Romanen und Novellen diese Vorliebe für alle intensiven und unbändigen Naturen. Dazu kam noch der Reiz des Exotischen, des Ausländischen; fast jeder von ihnen brachte meinem Neugierdrang ein Geschenk aus fremder Welt. In dem Zeichner E. M. Lilien, dem Sohn eines armen orthodoxen Drechslermeisters aus Drohobycz, begegnete ich zum erstenmal einem wirklichen Ostjuden und damit einem Judentum, das mir bisher in seiner Kraft, seinem zähen Fanatismus unbekannt gewesen. Ein junger Russe übersetzte mir die schönsten Stellen der damals in Deutschland noch unbekannten Brüder Karamasow, eine junge Schwedin zeigte mir zum erstenmal Bilder von Munch; ich trieb mich um in den Ateliers bei (allerdings schlechten) Malern, um ihre Technik zu beobachten, ein Gläubiger führte mich in einen spiritistischen Zirkel – in tausend Formen und Vielfältigkeiten spürte ich das Dasein und wurde nicht satt. Die Intensität, die sich im Gymnasium nur in den bloßen Formen, im Reim und Vers und Wort ausgelebt, warf sich jetzt gegen die Menschen; von früh bis nachts war ich in Berlin mit immer neuen und immer anderen beisammen, begeistert, enttäuscht, sogar geprellt von ihnen. Ich glaube, ich habe in zehn Jahren nicht so viel geistiger Geselligkeit gefrönt wie in diesem einen knappen Semester in Berlin, dem ersten der vollkommenen Freiheit.
Daß diese ungemeine Vielfalt der Anregung eine außerordentliche Steigerung meiner Produktionslust bedeuten mußte, schien eigentlich logisch. In Wirklichkeit ereignete sich genau das Gegenteil; mein von der geistigen Exaltierung im Gymnasium zuerst steil hochgetriebenes Selbstbewußtsein schmolz bedenklich ein. Vier Monate nach der Veröffentlichung verstand ich nicht mehr, woher ich den Mut genommen, jenen unreifen Gedichtband herauszugeben; ich empfand die Verse noch immer als gutes, geschicktes, zum Teil sogar bemerkenswertes Kunsthandwerk, entstanden aus einer ehrgeizigen Spielfreude an der Form, aber unecht in ihrer Sentimentalität. Ebenso spürte ich seit dieser Berührung mit der Wirklichkeit bei meinen ersten Novellen einen Geruch von parfümiertem Papier; in totaler Unkenntnis der Realitäten geschrieben, verwerteten sie eine jeweils abgeschaute Technik in zweiter Hand. Ein Roman, den ich bis auf das letzte Kapitel fertig nach Berlin gebracht hatte, um meinen Verleger zu beglücken, heizte bald den Ofen, denn mein Glaube an die Kompetenz meiner Gymnasialklasse hatte einen harten Stoß bekommen mit diesem ersten Blick ins wirkliche Leben. Mir war, als ob ich in der Schule um ein paar Jahrgänge zurückversetzt wäre. Tatsächlich habe ich nach meinem ersten Versband eine Pause von sechs Jahren eingeschaltet, ehe ich einen zweiten veröffentlichte, und erst nach drei oder vier Jahren das erste Prosabuch publiziert; dem Rate Dehmels, dem ich noch jetzt dafür dankbar bin, entsprechend, nützte ich meine Zeit, um aus fremden Sprachen zu übersetzen, was ich noch heute für die beste Möglichkeit für einen jungen Dichter halte, den Geist der eigenen Sprache tiefer und schöpferischer zu begreifen. Ich übertrug die Gedichte Baudelaires, einige von Verlaine, Keats, William Morris, ein kleines Drama von Charles van Lerberghe, einen Roman von Camille Lemonnier, ›pour me faire la main‹. Gerade dadurch, daß jede fremde Sprache in ihren persönlichsten Wendungen zunächst Widerstände für die Nachdichtung schafft, fordert sie Kräfte des Ausdrucks heraus, die ungesucht sonst nicht zum Einsatz gelangen, und dieser Kampf, der fremden Sprache zäh das Eigenste abzuzwingen und der eigenen Sprache ebenso plastisch einzuzwingen, hat für mich immer eine besondere Art künstlerischer Lust bedeutet. Weil diese stille und eigentlich unbedankte Arbeit Geduld und Ausdauer forderte, Tugenden, die ich im Gymnasium durch Leichtigkeit und Verwegenheit überspielt, wurde sie mir besonders lieb; denn an dieser bescheidenen Tätigkeit der Vermittlung erlauchten Kunstguts empfand ich zum erstenmal die Sicherheit, etwas wirklich Sinnvolles zu tun, eine Rechtfertigung meiner Existenz.
Innerlich war mir mein Weg für die nächsten Jahre jetzt klargeworden; viel sehen, viel lernen und dann erst eigentlich beginnen! Nicht mit voreiligen Publikationen vor die Welt treten – erst von der Welt ihr Wesentliches wissen! Berlin mit seiner starken Beize hatte meinen Durst nur noch gemehrt. Und ich blickte mich um, in welches Land meine Sommerreise zu tun. Meine Wahl fiel auf Belgien. Dieses Land hatte um die Jahrhundertwende einen ungemeinen künstlerischen Aufschwung genommen und sogar in gewissem Sinne Frankreich an Intensität überflügelt. Khnopff, Rops in der Malerei, Constantin Meunier und Minne in der Plastik, van der Velde im Kunstgewerbe, Maeterlinck, Eekhoud, Lemonnier in der Dichtung, gaben ein großartiges Maß der neuen europäischen Kraft. Vor allem aber war es Emile Verhaeren, der mich faszinierte, weil er der Lyrik einen völlig neuen Weg wies; ich hatte mir ihn, der in Deutschland noch völlig unbekannt war, – die offizielle Literatur verwechselte ihn lange mit Verlaine, so wie sie Rolland mit Rostand vertauschte – gewissermaßen privatim entdeckt. Und jemanden allein zu lieben, heißt immer doppelt lieben.
Vielleicht ist es hier nötig, eine kleine Einschaltung zu machen. Unsere Zeit erlebt zu rasch und zuviel, um sich ein gutes Gedächtnis zu bewahren, und ich weiß nicht, ob der Name Emile Verhaerens noch heute etwas bedeutet. Verhaeren hatte als erster von allen französischen Dichtern versucht, Europa das zu geben, was Walt Whitman Amerika: das Bekenntnis zur Zeit, das Bekenntnis zur Zukunft. Er hatte die moderne Welt zu lieben begonnen und wollte sie für die Dichtung erobern. Während für die anderen die Maschine das Böse, die Städte das Häßliche, die Gegenwart das Unpoetische waren, hatte er für jede neue Erfindung, jede technische Leistung Begeisterung, und er begeisterte sich an seiner eigenen Begeisterung, er begeisterte sich wissentlich, um sich in dieser Leidenschaft stärker zu spüren. Aus den kleinen Gedichten des Anfangs wurden große, strömende Hymnen. ›Admirez-vous les uns les autres‹, war seine Parole an die Völker Europas. Der ganze Optimismus unserer Generation, dieser in der heutigen Zeit unseres grauenhaftesten Rückfalls längst nicht mehr verständliche Optimismus fand bei ihm den ersten dichterischen Ausdruck, und einige seiner besten Gedichte werden noch lange das Europa und die Menschheit bezeugen, die wir damals erträumt.
Verhaeren kennenzulernen, war ich eigentlich nach Brüssel gekommen. Aber Camille Lemonnier, dieser kräftige, heute zu Unrecht in Vergessenheit geratene Dichter des ›Mâle‹, von dem ich einen Roman selbst ins Deutsche übertragen, sagte mir bedauernd, daß Verhaeren nur selten von seinem kleinen Dörfchen nach Brüssel komme und auch jetzt abwesend sei. Um mich für meine Enttäuschung zu entschädigen, gab er mir Einführungen herzlichster Art an die anderen belgischen Künstler. So sah ich den greisen Meister Constantin Meunier, diesen heroischen Arbeiter und stärksten Bildner der Arbeit, und nach ihm van der Stappen, dessen Name in der Kunstgeschichte heute ziemlich verschollen ist. Aber doch, welch ein freundlicher Mann war er, dieser kleine, pausbackige Flame, und wie herzlich empfingen sie mich jungen Menschen, er und seine große, breite, heitere holländische Frau. Er zeigte mir seine Werke, wir sprachen lange an diesem hellen Vormittag von Kunst und Literatur, und die Güte dieser beiden Menschen nahm mir bald jede Scheu. Unverhohlen sagte ich ihnen mein Bedauern, in Brüssel gerade den zu versäumen, um dessentwillen ich eigentlich gekommen war: Verhaeren.
