Kitabı oku: «Chefvisite. Die unerwartete Rückkehr des Auferstandenen»

Yazı tipi:

Albrecht Gralle

Chefvisite

Die unerwartete Rückkehr des Auferstandenen

Roman


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-004-1

© 2017 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelgrafik: Dietmar Reichert

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Teil I – Fahren

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

Teil II – Gehen

15

16

17

18

19

20

21

22

Teil III – Sitzen

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24

Teil IV – Aufstehen

25

26

27

28

29

30

31

Nachbemerkung

Weitere Bücher

Teil I

1

Wir fuhren von Tel Aviv nach Jerusalem mit einem Leihwagen. Ein guter Freund von uns heiratete dort, und wir waren zur Hochzeit eingeladen. Vor ungefähr zwanzig Jahren waren meine Frau und ich schon einmal in Israel gewesen. Ich war gespannt, wie sich das Land verändert hatte.

Tel Aviv wie eh und je: eine moderne internationale Stadt mit allem, was dazugehört. Pulsierendes Leben. Inzwischen waren eine Menge Hochhäuser dazugekommen und die latente Angst vor Anschlägen. Dann: Jerusalem. Geschäftig, durchweht von Geheimnissen. Die Altstadt: eng und laut und voller Gerüche.

An einem Schabbat, Ende September, geschah es. Eine mörderische Hitze lastete tagsüber auf der Stadt, obwohl die heiße Zeit ja schon vorbei war. Ich konnte nicht schlafen, und da unser Freund in der Nähe des Ölbergs wohnte, stand ich auf, um mir die Beine zu vertreten und etwas kühle Luft zu genießen. Natürlich nahm ich den Schlüssel mit und schloss die Haustür ab. In Israel musste man mit allem rechnen.

Es war nicht mehr ganz dunkel, der Himmel hatte eine fahle Färbung angenommen, und ich konnte in dem Dämmerlicht den Weg schon gut erkennen. Hinter einer Wolkenbank ahnte ich den Sonnenaufgang. Die Luft fühlte sich angenehm kühl an, eine Wohltat nach der schweißtreibenden Nacht.

Ich ging den Trampelpfad, der neben dem Haus vorbeiführte, nach oben. Ein paar Hunde jaulten um die Wette, und eine Polizeisirene schrillte weit entfernt durch die Stadt.

Inzwischen war es heller geworden. Plötzlich blieb ich stehen, ich hatte ein Geräusch gehört und versteckte mich hinter einer der wild wachsenden Akazien.

Da sah ich einen Mann den Berg herabkommen. Ich traute meinen Augen nicht. Er war vollkommen nackt. Vor einem der Häuser blieb er stehen, öffnete ein Tor und nahm sich von einer Wäscheleine eine Hose und ein Hemd herunter, die er in aller Ruhe anzog.

Als er weiterging, sah ich, dass auf der Leine nichts fehlte.

Ich zwinkerte mit den Augen. Vielleicht hatte ich mich auch getäuscht.

Der Mann ging jedenfalls weiter und kam direkt auf mein Versteck zu. Ich wich zurück und bekam Angst.

Er blieb vor mir stehen und sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben! Wahrscheinlich wunderst du dich, woher ich komme, was? Ein nackter Mann, der vom Ölberg heruntersteigt! Und ich kann übrigens nicht nur Brote vermehren, sondern auch Hosen und Hemden.“

„Ja“, nickte ich, „ich habe mich … ahm … gewundert“, und überlegte fieberhaft, wie ich möglichst schnell von hier verschwinden könnte. Gleichzeitig hielt mich irgendetwas fest. Ich war erstaunt, dass er Deutsch mit mir sprach. Und seine Stimme war so freundlich und gleichzeitig sehr bestimmend und präzise, eine seltsame Mischung. Seine Augen blickten mich an, als hätte er sich seit zwanzig Jahren nach mir gesehnt und wäre froh, mich endlich zu treffen. Meine Angst verschwand.

„Es war mal wieder soweit“, fuhr er fort. „Ich bin zurück.“

„Aha“, sagte ich und setzte gleich hinzu: „Und woher … woher kommen Sie?“

„Du kannst mich duzen“, sagte er lächelnd. „Ich heiße Jeschua.“

Ich stellte mich mit Oliver Sanders vor und wiederholte meine Frage: „Also, woher kommst du?“

Er deutete nach oben. „Aus dem Himmel, obwohl er ja nicht oben ist. Er ist um uns herum und liegt gleich um die Ecke. Die ganze Erde ist ja erfüllt mit seiner Herrlichkeit.“

„Aus dem Himmel“, wiederholte ich nicht gerade geistreich und blickte auf seine nackten Füße. „Ist es nicht ein bisschen steinig, hier barfuß zu gehen?“

„Oh, das macht mir nichts“, wehrte er ab. „Ich habe keinen zerbrechlichen Körper mehr. Das war nur beim ersten Mal so. Ich kann auch durch Wände gehen, wenn es sein muss. Dieser Körper ist eine deutliche Verbesserung. Du wirst selbst einmal so einen erhalten, wenn du auferstehst und eintauchen wirst in die vollkommene Freude! Keine Kopfschmerzen, keine Gicht, kein Rheuma, kein Durchfall und nie mehr Muskelkater.“

Ich blickte ihn an, und in seinem Blick lag so viel Freude und Zuwendung, dass in mir der Verdacht aufstieg, es könnte tatsächlich Jesus sein. Zumindest war Jeschua die hebräische Form davon.

„Du bist …?“, fragte ich vorsichtig weiter.

„Ja, ich bin es. Gehen wir in die Altstadt. Ich mag die Atmosphäre, wenn die Stadt erwacht und man den ersten Kaffee zusammen trinkt.“

Er ging tatsächlich völlig entspannt über den Schotter. Als ob er Hobbit-Füße hätte mit einer dicken Hornschicht unter der Fußsohle.

„Darf ich dich mal … anfassen?“, fragte ich.

„Bitteschön.“

Ich berührte vorsichtig seinen Unterarm. Er fühlte sich deutlich wärmer an als 37 Grad, und es war mir, als ob etwas wie eine sanfte Kraft durch meine Finger floss.

„Da kommt kein Messer durch, keine Kugel, nicht einmal eine Atomexplosion könnte diesem Körper etwas anhaben“, sagte Jeschua.

Ich strich über seinen Bart, und er knisterte, als ob er elektrisch aufgeladen wäre.

„Es fühlt sich nach sehr viel Kraft und Energie an“, sagte ich.

„Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft“, zitierte er und fügte hinzu: „Wenn ich will, kann dieser Körper so hart wie ein Diamant werden oder so durchlässig wie Radiowellen.“

Als wir in die engen Gassen Jerusalems eintauchten, fingen die Händler gerade an, ihre Waren auszubreiten. Eine Gruppe von jungen Männern hing vor einem großen Gebäude herum. Vielleicht suchten sie Arbeit. Hinter einer Biegung sahen wir ein Café. Ein Mann mit einem dünnen Kinnbart und einem Burnus um den Kopf nickte uns zu und winkte uns heran.

Jeschua sprach mit ihm arabisch und bestellte uns zwei Tassen Kaffee und eine Schale mit Nüssen. Ich blickte auf die Uhr. Es war kurz vor sieben.

Der Kaffee war stark, schwarz und heiß.

Jeschua schien ihn zu mögen.

„Aber wieso kannst du essen und trinken mit diesem himmlischen Körper?“, fragte ich leise, um jedes Aufsehen zu vermeiden. „Ich dachte, im Himmel sei alles irgendwie ätherisch, leicht, luftig und so weiter.“

„Der Himmel ist härteste Realität“, erwiderte er. „Eigentlich die Realität an sich. Und ein himmlischer Körper schließt alles ein, was ein irdischer kann, aber er geht darüber hinaus. Das habe ich damals doch auch schon gezeigt. Ich habe nach meiner Auferstehung mit meinen Schülern Fische und Brote gegessen und habe ihnen am Tag vor der Kreuzigung versprochen, Wein mit ihnen zu trinken im Reich Gottes. Das war alles ernst gemeint.“

„Aber wie geht das? Du hast doch gesagt, es sind zwei … Wirklichkeiten?“

Jeschua lächelte. „Du willst es aber genau wissen, was?“

„So etwas interessiert mich“, sagte ich. „Was wirklich spannend ist, das sind doch immer die Details, zum Beispiel bei einem Mord oder bei der Liebe.“

„Ja, da ist etwas dran. Nun, die himmlische Wirklichkeit kann das Irdische aufnehmen und verwandeln, aber nicht umgekehrt. Mein irdischer Körper wurde ja auch aufgenommen und verwandelt. Der Tod ist verschlungen in den Sieg … Und die Geschmacksnerven eines Auferstehungskörpers sind hundertmal intensiver. Dieser Kaffee ist frisch, und die Bohnen sind erstklassig. Natürlich nichts gegen das Getränk im Himmel, das dem Kaffee ähnlich ist.“

Ich fasste es nicht: Kaffee im Himmel? Ob es dort auch Kaffeeautomaten gab? Wahrscheinlich eher nicht.

Jeschua sagte etwas zu dem Wirt, der daraufhin lachte.

„Meine Güte“, sagte ich. „Die Auferstehung! Darüber streiten sich die Theologen seit Hunderten von Jahren. Ob du geistig auferstanden bist oder symbolisch, ob dein toter Körper gestohlen wurde oder ob du wiederbelebt wurdest oder nur scheintot warst. Es gibt zig Variationen.“

„Ja, das Wort Auferstehung kann missverständlich sein“, nickte er. „Bei meiner Auferstehung wurde ja keine Leiche neu belebt. Bei mir war es eher eine Verwandlung. Aber die Evangelien erzählen das doch alles: das leere Grab, die Begegnungen im Garten oder die beiden Wanderer auf dem Weg nach Emmaus, die Szene am See Genezareth – fremd und dann doch wieder bekannt …“

„Den meisten fällt es schwer, an so etwas zu glauben“, sagte ich und fragte: „Aber warum kommst du nackt aus dem Himmel? Gibt es da keine Kleider?“

„Doch schon, aber die bewegen sich nicht nach irdischen Regeln. Sie gehorchen der Schwerkraft des Himmels, und das würde hier komisch aussehen. Sie fangen an zu flattern, wenn es hier windstill ist, weil sie sich nach deinen Stimmungen richten. Sie wechseln die Farben, wenn dir danach ist. Das würde auffallen. Auch die Engel mussten sich irdische Kleider besorgen, wenn sie auf der Erde sichtbar wurden und nicht gleich auffallen wollten.“

„Das wusste ich nicht.“

„Jedenfalls“, sagte Jeschua, „es war kein Zufall, dass du mir begegnet bist. Irgendjemand sollte alles einmal aufschreiben. Ich finde, es ist an der Zeit, dass es einen Bericht über meine Wiederkunft gibt und über andere Ereignisse, die sich anbahnen. Ich werde übrigens daran arbeiten, dass sich dieses Buch überall verbreitet.“

„Ich kann nicht schreiben“, sagte ich.

„Dann such dir jemand, der das für dich erledigt. Ich werde dir dabei helfen. Mach dir auf alle Fälle Notizen.“

„Wieso gerade ich?“, fragte ich weiter.

„Darauf werde ich nicht antworten“, sagte Jeschua. „Aber bilde dir nicht ein, dass du deshalb etwas Besonderes bist.“

Ich merkte, dass es keinen Sinn hatte, an dieser Stelle weiterzubohren und steuerte auf ein neues Thema zu: „Ich dachte immer, deine Wiederkunft geschieht mit Macht und Herrlichkeit, mit Trompeten und Posaunen, und so weiter.“

„Meine Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit steht auf einem ganz anderen Blatt. Das verborgene Reich Gottes ist noch nicht vollendet und muss noch weiterwachsen, bis die Zeit reif ist für den Durchbruch meiner letzten Wiederkunft. Das Potenzial der Menschen“, fuhr er fort, „ist noch längst nicht ausgeschöpft. Sie sind nicht so böse und so dumm, wie immer behauptet wird. Schließlich sind sie Ebenbilder Gottes. Und meine Erlösung hat viele positive Kräfte auf dieser Erde freigesetzt, Samenkörner, die ausreifen müssen. Aber ab und zu muss ich doch nach dem Rechten sehen, damit sich die Dinge im Sinne des Reiches Gottes entwickeln und sich der ganze Aufwand mit der Passionsgeschichte gelohnt hat.“

„Aber warum dann dieses ganze Gerede von der Wiederkunft?“

„Nun, es ist gut, das Ziel zu kennen, und übrigens erscheine ich jedes Mal in Macht und Herrlichkeit bei allen, die mit mir verbunden sind und sterben und damit in den Himmel entrückt werden. Ich zeige ihnen ihr neues Zuhause, wie ich es versprochen habe. Insofern ereignet sich die Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit jeden Tag bei Tausenden von meinen Freunden, wenn sie hinüberwechseln. Aber eben noch nicht so bald auf der Erde. Das braucht noch Zeit.“

„Und wieso“, fragte ich, „wussten wir nichts von deinen heimlichen Wiederkünften?“

„Oh“, sagte er lächelnd und rührte in seinem Kaffee, „ihr hättet es wissen können. Es steht alles geschrieben.“

„Wo denn?“, fragte ich.

„Zum Beispiel bei Lukas. Da gibt es eine Szene auf dem Ölberg. Die Engel sagen sehr klar und deutlich am Tag der Himmelfahrt: Ihr Leute aus Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird genauso wieder herabkommen, wie ihr ihn jetzt habt in den Himmel entschwinden sehen.

Da steht nichts von Pauken und Trompeten und Macht und Herrlichkeit. So still wie ich gegangen bin, genau so still werde ich immer wieder zu euch zurückkommen. Unerkannt, und nur von Einzelnen wahrgenommen. Man sollte das, was Engel sagen, wirklich einmal ernst nehmen.“

„Wann war denn deine letzte Ankunft gewesen?“

„Das vorletzte Mal vor ungefähr dreihundert Jahren. Eine Schwellenzeit in Europa: neues Denken, Freiheit des Einzelnen, der Aufschwung der Wissenschaften, Aufbrüche in den Kirchen. Dann war ich 1945 hier, als die Welt in Trümmern lag. Ich habe Hoffnung ausgesät bei Leuten, denen alles genommen worden war. Es gab viel zu tun … Fast war ich versucht, Ende der achtziger Jahre wiederzukommen, um die Ost-West-Barrieren abzubauen, aber es gelang uns auch so durch die intensive Arbeit des Heiligen Geistes – und durch Gorbatschow.“

Er blickte auf eine altmodische Uhr an der Wand und sagte: „Du musst demnächst zurück, sonst wirst du vermisst. Wir treffen uns am Samstag in einer Woche in Hannover, bei der Marktkirche gegen Mittag. Dann sehen wir weiter.“

Er reichte mir die Hand.

Ich schüttelte sie. Sie war warm und vollgepackt mit Energie. Eigenartiges Gefühl.

„Hast du denn Geld bei dir?“, fragte ich.

„Kein Problem. Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, da werde ich wohl ein bisschen Geld auftreiben können.“

Das waren seine abschließenden Worte, die mir auf dem Rückweg in mein Quartier noch lange in den Ohren klingelten, vor allem quälte mich die Frage:

Warum leben wir in dieser chaotischen Welt, wenn er doch alle Macht in Händen hat und alles ändern könnte? Aber das habe ich erst später begriffen.

2

Ansgar Kolnik fuhr den Wagen vor das Haus und stieg aus. Er beeilte sich, so schnell er konnte, nach oben in seine Wohnung zu kommen. Seit gestern war er wie elektrisiert. Sein einsames Leben als Witwer war bisher in ruhigen Bahnen verlaufen, denn mit seinen einundachtzig Jahren hatte er sich noch relativ gut gehalten. Er ging nur mit Stock, ohne Rollator, durch die Gegend, fuhr mit dem Auto kürzere Strecken. Und das Gehör funktionierte halbwegs. Erst vor Kurzem hatte er eine Hörhilfe beantragt.

Sein Leben floss in einer geruhsamen Routine dahin. Er war inzwischen nicht mehr traurig über den Verlust seiner Frau, die vor fünf Jahren gestorben war. Jetzt, wo er seinen Haushalt einigermaßen selbst versorgte, mit der Tochter in der Nähe, verspürte er sogar ein gewisses Maß an Freiheit. Niemand versuchte, ihn von seinen Ideen abzubringen oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Neulich hatte er in einer gemischten fröhlichen Runde gesagt: „Seitdem ich allein lebe, mache ich komischerweise alles richtig.“ Die Männer hatten alle gelacht, die Frauen weniger.

Und so gingen die Tage gemächlich dahin. Bis gestern.

Seit gestern wurde Ansgars Leben wieder aufregend, denn er hatte etwas entdeckt, und das hing mit dem Neubau gegenüber zusammen.

Das Haus, das in seiner Straße gerade fertig geworden war, hatte ihn schon die ganze Zeit interessiert. Er hatte die Bauabschnitte genau verfolgt und fasziniert zugesehen, wie sich alles allmählich zusammenfügte und perfekter wurde. Fast zu perfekt, dachte er.

Im Vorgarten hatte man Anfang September Rollrasen ausgelegt, zwei Zwergahornbäume gepflanzt, die schon drei Meter hoch waren, Büsche und Sträucher waren dazugekommen. Eine perfekte Rinne aus hellen Kieselsteinen umgab die Grundmauern. Schaukel und Klettergerüst wurden gesetzt.

Das Haus machte den Eindruck, als habe man es in einem Katalog fix und fertig bestellt, und nun wurde es genauso aufgebaut. Makellos.

Was Ansgar erstaunt hatte, waren auch die beiden Männer im Blaumann gewesen, die vorgestern in einem Pickup vorfuhren, einen Rasenmäher ausluden und professionell den Rasen mähten. Dabei gehörte zu der kleinen Familie ein kräftiger Vater, der den lächerlich kleinen Rasen mit Links hätte mähen können.

Vorgestern hatte sich Ansgar nun ein Fernglas besorgt und fast zwei Stunden in seinem Sessel hinter der Wohnzimmergardine verbracht. Dieses perfekt sterile Haus ließ ihn nicht los.

Was ihn neben der Perfektion besonders beschäftigte, waren die beiden Mädchen, die mit der jungen Familie eingezogen waren.

Beide waren blond, ungefähr zwischen acht und zehn Jahre alt und trugen ausgesuchte Kleider, die den Eindruck vermittelten, dass man sie nicht schmutzig machen sollte.

Jeden Morgen um halb acht wurden sie von einem schwarzen Volvo abgeholt, obwohl die Grundschule in Fußentfernung lag.

Seit einer Woche wusste er, dass die Mädchen nicht in die übliche Grundschule gingen, sondern in eine, die weiter entfernt lag, vielleicht in eine Privatschule oder in eine Walddorfschule. Das hatte er von Frau Tondorf im Erdgeschoss erfahren.

Aber das war es nicht, was ihn zum Nachdenken brachte und ihn aufgerüttelt hatte.

Gestern hatte er herausgefunden, dass die Mädchen nicht jeden Tag dieselben waren.

Von Weitem hätte man keinen Unterschied gemerkt. Aber durch das Fernglas hatte Ansgar gesehen, dass die blonden Mädchen von vorgestern und die blonden Mädchen von gestern verschiedene Kinder waren. Die Gesichter unterschieden sich in Kleinigkeiten: andere Lippen, bestimmte Wirbel an den Haaren, eine etwas andere Art zu gehen …

Und Ansgar war deswegen heute pünktlich zurückgekommen, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, an dem der schwarze Volvo vorfuhr und die beiden Mädchen ausstiegen. Immer um halb eins.

Er blickte auf die Uhr. Noch eine Minute. Tatsächlich! Der schwarze Volvo bog um die Ecke und hielt vor dem Musterhaus mit dem Rollrasen.

Die Türen gingen auf, und die Mädchen stiegen mit ihren Taschen aus dem Wagen.

Ansgar saß bewegungslos hinter der Gardine, das Fernglas vor den Augen, und starrte hinüber.

Dann ließ er es sinken.

„Wieder zwei neue Mädchengesichter mit blonden Haaren“, murmelte er. „Insgesamt also schon sechs verschiedene Mädchen.“

Ansgar zuckte zusammen, weil das Telefon klingelte.

Er rappelte sich aus seinem Sessel hoch und ging in den Flur zum Telefon.

„Ja, ja, ist ja schon gut, ich komme!“, sagte er zu dem Apparat und nahm ab.

„Ansgar Kolnik?“

„Ich bin’s Papa!“, sagte seine Tochter.

„Uta! Was gibt’s?“

„Wie geht’s dir denn?“

„Ganz gut. Aber du rufst sicher nicht bei mir an, nur um zu fragen, wie es mir geht.“

„Na ja, das wäre schon ein Grund gewesen. Aber außerdem wollte ich dich fragen, ob deine Lieblingsenkelin Frida drei Tage bei dir wohnen darf?“

„Oh!“, entfuhr es Ansgar.

„Wieso? Ist es dir nicht recht? Hast du wichtige Verpflichtungen?“ Die letzte Frage mit leicht ironischem Klang.

„Seid ihr denn beide unterwegs?“, fragte er zurück.

„Ich möchte zu einer Fortbildung, und dein Schwiegersohn ist von seiner Geschäftsreise noch nicht zurück. Bitte, sag ja, Papa.“

Ansgar Kolnik überlegte. Es passte ihm im Grunde nicht. Gerade jetzt, wo er diese Entdeckung gemacht hatte, wollte er eigentlich ungestört seine Beobachtungen fortsetzen. Aber seine Enkelin musste ja auch zur Schule, und er hätte dann immer noch genügend Zeit für sein neues Hobby. Es stimmte schon: Er mochte Frida gerne und wusste, dass es umgekehrt auch der Fall war.

„Wann willst du sie denn bringen?“

„Am besten heute Nachmittag gegen vier. Außerdem ist der Weg zum Gymnasium von dir aus viel kürzer für sie.“

„Das weiß ich doch, Uta, Ich bin nicht verblödet.“

„Tut mir leid.“

„Gut, dann sehen wir uns, tschüs.“ Er legte auf. Noch nie hatte er es gemocht, minutenlange Verabschiedungsfloskeln am Telefon zu gebrauchen.

Er setzte sich in seinen Sessel, nahm das Fernglas wieder zur Hand und sah zu dem Haus hinüber.

Er meinte, eine Bewegung hinter den Gardinen zu erkennen. Sein Blick glitt an dem Haus entlang und blieb an einer Ecke hängen. Eine neue Regentonne stand neben dem Rohr, das von der Dachrinne kam. Aber es gab keine Öffnung zur Tonne hin.

Was bedeutete das alles?

Warum werden diese Mädchen ausgewechselt? Was für einen Sinn hatte das? Ist diese Familie nur eine Fassade? Was passiert in diesem Haus?

Wenn es eine geheime Firma ist, warum die Kinder? Dann hätte man doch auch ein kinderloses Paar nehmen können!

Ansgar legte das Fernglas auf ein Beistelltischchen neben seinem Sessel und ging in die Küche. Heute gab es Würstchen und Kartoffelsalat. Er hatte in den verschiedenen Angeboten im Supermarkt eine Packung entdeckt, die nicht ganz so künstlich schmeckte.

3

Ich fuhr nach Hannover, nachdem wir von Israel zurückgekommen waren. Dazwischen lagen Tage, an denen meine Gefühle eine Berg- und Talfahrt durchlebten. Erst allmählich begriff ich, was da auf mich zukam: Der auferstandene Christus spaziert durch das einundzwanzigste Jahrhundert, und ich bin dabei. Ich habe ihn angefasst und kann ihn mit allen Fragen löchern, die bisher niemand beantworten konnte. Ich verstand auch, warum damals viele Menschen von seiner Ausstrahlung berührt worden waren und ungewöhnliche Dinge für ihn taten.

In der ersten Nacht nach unserer Begegnung konnte ich kein Auge zutun, denn ich überlegte mir tausend Fragen, die ich ihm stellen würde: Wohin steuert die Menschheit? Ist die Erde ökologisch noch zu retten? Gibt es Sex im Himmel? Wird Schottland unabhängig? Was passiert mit den USA? Und: Können wir uns als Deutsche eine Zukunft ohne Flüchtlinge überhaupt noch leisten oder sterben wir vorher aus? Und so weiter.

Zurück nach Hannover. Viel Altstadt gibt es ja nicht, aber die Gegend um die Marktkirche herum ist mit ein paar schönen Häusern und Altstadtatmosphäre geschmückt.

Ich stieg am Kröpke aus der U-Bahn und ging zu Fuß zu unserem Treffpunkt. Es war ein frischer Herbsttag. Die Sonne schien, aber keine drückende Hitze hing über der Stadt. Ein Wind fegte ab und zu über die Markisen der Straßencafés und Geschäfte, fuhr in die Alleebäume der Georgstraße und wirbelte ein paar Blätter über den Gehsteig.

„Ich muss nach Hannover, um einen alten Freund zu treffen“, hatte ich zu meiner Frau gesagt. Noch getraute ich mich nicht, mit ihr darüber zu sprechen, dass ich ein Date mit Jeschua hätte, der gerade mal wiedergekommen sei und mich treffen wolle. Das klang mir dann doch zu bizarr, und ich war inzwischen selbst nicht mehr sicher, ob sich jemand mit mir einen Scherz erlaubt hatte. Aber die Berührung eines auferstandenen himmlischen Körpers vergisst man nicht.

So ging ich also etwas angespannt durch die Packhofstraße zum Hans-Lilie-Platz, an den Fachwerkhäusern vorbei, bis ich vor der massigen Backsteinkirche stand.

Nur zur Information: Ich bin ein einigermaßen überzeugter Christ, habe diverse Zweifel durchlebt, glaube aber inzwischen alles, was im Glaubensbekenntnis steht, und das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Ich finde es einfach albern, Glaubensgrundsätze über Bord zu werfen, die tausendfünfhundert Jahre gegolten haben, nur weil es ein paar intellektuelle Gegengründe gibt. Was ist denn so schlimm daran, an die Jungfräulichkeit Marias zu glauben? Schließlich sieht doch jeder, dass sich der Giersch auch mühelos vermehrt, ohne Sex gehabt zu haben.

Ich will nur sagen, dass die ganzen Wundergeschichten für mich kein Problem mehr sind. Warum sollten gelähmte Leute nicht gesund werden, wenn jemand durch Handauflegung Energie in ihren Körper fließen lässt? Warum sollte nicht jemand über das Wasser gehen können? Wir schaffen es sogar, über den Boden zu schweben, wenn wir verliebt sind oder auf den Nerven anderer Leute herumzutrampeln, ohne unterzugehen. Die meisten glauben unbesehen, was die Werbung ihnen verspricht, dagegen ist eine Totenauferweckung eine Lappalie.

Ich kenne die Bibel einigermaßen. Meine Lieblingsbücher sind das erste Buch Mose, Jesaja und die Evangelien.

Ich schaute auf die Uhr: halb eins. Von Jeschua keine Spur. Ich ging um die Kirche herum, betrachtete das Lutherdenkmal und las die Worte: „Christus vivit.“

Wie wahr!

Vielleicht sollte ich hineingehen, überlegte ich, und betrat die Kirche, die zum Glück offen war.

Ich meinte vorne vor dem Altar, eine Gestalt zu sehen. Das könnte er sein.

Tatsächlich stand Jeschua vor dem Altarbild und betrachtete interessiert die Szenen aus seinem Leben, besonders die Kreuzigungsgruppe in der Mitte. Alles vergoldet.

„Hallo!“, sagte ich mit einem leichten Hall in der Stimme.

Er drehte sich um und lächelte mir kurz zu. Inzwischen war er ganz normal angezogen: lange Hose, Hemd, ein dünner Pullover und bequeme Sportschuhe. Ich hoffte, dass er das alles diesmal gekauft hatte.

„Friede mit dir“, war seine Antwort. Es war seltsam. So etwas wie eine ungewohnte Ruhe kam über mich. Ich erinnerte mich an ein Lied, das wir damals als Jugendliche gesungen hatten: Ich weiß, was Friede ist, er liegt wie zarter Tau auf meiner Haut.

„Ja … ahm … ebenfalls Friede. Da bin ich also“, sagte ich überflüssigerweise.

„Interessant, wie die Künstler diese furchtbaren Szenen vergoldet haben“, sagte er.

„Na ja, vielleicht kann man sie dann besser ertragen“, schlug ich vor.

„Mag sein“, murmelte er. „Es war hart genug für mich.“

Wir schwiegen ein paar Augenblicke. Dann sagte ich: „Mir ist es immer noch ein Rätsel, wie du das alles durchgestanden hast. Stundenlang in glühender Hitze am Kreuz hängen, die Nägel durch die Handgelenke getrieben, die Füße angenagelt. Dornen in der Kopfhaut, und man kann sich nicht kratzen … Ich würde durchdrehen.“

Er zuckte die Schultern. „Ich hatte natürlich vorher mental trainiert, um die Schmerzen aushalten zu können. Das geht bis zu einem gewissen Grad. Gedanken setzen mehr Kräfte frei, als man denkt, aber länger als ein Tag ist kaum machbar.“

„Und dann hat dich Gott auch noch verlassen“, fügte ich hinzu.

„Das ist Unsinn“, meinte er.

„Aber es steht doch im … ich glaube im Markusevangelium.“

„Oh ja, das stimmt schon. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, von Gott verlassen zu sein, weil ich alles Menschliche durchleben musste, aber natürlich war mein Vater da. In meiner schlimmsten Stunde zieht er sich doch nicht zurück, schließlich sind wir eine untrennbare Einheit. Ich bin seine menschliche Seite. Er ist immer gegenwärtig.“

„Musste sich Gott nicht zurückziehen, weil die Sünde der ganzen Welt auf dir …“

Jeschua blickte mich streng an, und ich hörte auf zu sprechen.

„Wenn Gott sich jedes Mal vor der Sünde zurückgezogen hätte, wäre die Welt gottlos geworden und schon längst untergegangen.“

„Aha“, sagte ich nur. „Aber … aber wenn Gott gegenwärtig ist, gilt das auch für die Hölle?“

„Sicher“, nickte er, „natürlich indirekt. Es gibt keine Energie, die an Gott vorbei existiert. Aber die Leute dort wissen es nicht oder wollen es nicht wissen.“

Das war mir neu, und ich musste es erst mal verdauen. Wenn Gott in der Hölle ist, dann müsste er auch in den Überschwemmungsgebieten, in der Wüste, bei den Terroristen und im Unterhaltungsprogramm des Fernsehens sein.

„Übrigens: Hast du Hunger?“, fragte Jeschua, der Auferstandene.

„Na ja, es ist Mittag und seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen.“

„Gut, dann gehen wir etwas essen“, meinte er, drehte sich um und ging den Gang zurück. Ich folgte ihm. Was sollte ich auch sonst tun als getaufter Nachfolger?

Wir fanden ein argentinisches Steakhouse in der Georgstraße, bei dem man draußen sitzen konnte.

„Ich lade dich ein!“

„Oh“, meinte ich, „vielen Dank. Wie machst du das eigentlich mit dem Geld? Wo bekommst du es her?“

„Das würdest du gerne wissen, was?“

„Das wäre praktisch.“

„Alles Materielle kann unendlich vermehrt werden, aber nur von Leuten, die sich in einer übergeordneten Dimension befinden …“

„Aber du konntest es doch vor deiner Auferstehung auch schon, oder nicht?“

„Ich bin die Ausnahme.“

„Okay.“

Der Kellner kam und erklärte uns, dass man sich einen Salatteller selbst zusammenstellen sollte, wir müssten ihm nur sagen, welches Fleisch und wie viel wir wollten.

Ich bestellte das Beste und Teuerste und dachte mir: Jemanden, der Geld vermehren kann, den kann man eigentlich kaum schädigen.

Jeschua bestellte sich Wein zu seinem Steak. Warum war er eigentlich nicht Vegetarier?

Ich nahm lieber Wasser und verzichtete auf den Wein, damit ich nicht während der nächsten Stunden müde wurde. Für mich war das ja eine Art Arbeitsessen.

„Ich habe mich oft gefragt“, fing ich an, als wir unseren Salat zusammengestellt hatten und unsere Steaks gebracht wurden, „was du eigentlich die ganze Zeit im Himmel so machst.“

Er sagte nichts und deutete auf unsere Teller.

„Erstmal essen und genießen“, meinte er.

Wir aßen schweigend.

Dann sagte er: „Ich weiß, dass du viele Fragen hast, du liebst ja die Details, aber ich möchte dich schon mal vorwarnen, dass du nicht alles verstehen wirst. Manchmal muss ich zu Bildern greifen oder zu Symbolen. Weißt du, der Himmel ist ein Ort, wo die Urbilder zu Hause sind. Was auf der Erde eine irdische Ausprägung hat, das gibt es im Himmel im Original. Stell dir vor, du hast einen wunderschönen Garten, und du entwirfst Zeichnungen davon für Leute, die so platt sind wie ein Blatt Papier ….“

Es fiel mir schwer, mir das vorzustellen.

„Zu deiner Frage: Was ich oder was wir so machen? Bei uns im Himmel ist es nicht so, dass wir mal was machen und mal nicht. Ich bin mit dem ganzen Universum verbunden, und wenn ich mich jetzt konzentrieren würde, wüsste ich, womit Menschen, Pflanzen, Tiere in einem anderen Sonnensystem und in einer anderen Milchstraße sich gerade beschäftigen. Du siehst einen himmlischen Menschen vor dir, aber ich bin nur die Oberfläche Gottes, sein abgemildertes Bild. Gott in seiner Herrlichkeit könntest du keine Sekunde ertragen …“

Er blickte mich an, und vor meinen Augen ging eine Verwandlung vor sich, Licht schien durch ihn hindurch, und die Erde begann zu beben, oder es kam mir so vor.

Ich ließ meine Gabel fallen und sagte: „Hör auf!“

Ein paar Leute drehten sich um.

„Verstehst du, die ganze Wirklichkeit ist mit mir verbunden, jede Sekunde. Wenn nicht, würde alles auseinanderbrechen. Das ist unsere Arbeit, wir halten alles am Laufen.“ Er überlegte und sagte dann: „Die Kraft, die die Welt im Innersten zusammenhält, um Goethe zu zitieren.“

„… und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns …“, flüsterte ich.

„So ist es!“, nickte er und trank einen Schluck Wein.

„Hm“, sagte er, „ich hätte die wirklich teure Sorte nehmen sollen, aber als Begleitung zu einem Steak ganz okay.“

„Und was hast du vor, während du deine … ahm … Inspektion oder Chefvisite machst?“

Er lächelte. „Ich inspiziere nichts. Was hier läuft, das weiß ich alles schon, aber ich muss Dinge anstoßen, Worte, wie Samen auf die Erde streuen, Anregungen geben, nach dem Rechten sehen.“

„Merkwürdig“, sagte ich. „Jemand, der allmächtig ist und mit einem Fingerschnipsen alles zum Guten wenden könnte, müsste doch keine Entwicklungen anstoßen!“

Jeschua seufzte. „Es ist immer wieder das Gleiche. Die Menschen hier verstehen einfach nicht das Konzept der Allmacht Gottes. Als Gott seine Energie von sich wegschickte, um eine Schöpfung entstehen zu lassen, schuf er gewisse Gesetzmäßigkeiten. Er hat gemacht, dass die Dinge sich machen und kann das nicht dauernd umstoßen. Er konnte die Evolution in gewisse Bahnen lenken, das schon, aber die Welt der Menschen muss sich in einer bestimmten Freiheit entwickeln können, sonst taugt sie nichts. Und deshalb muss ich Entwicklungen anstoßen und kann nur darauf hoffen, dass Menschen sie annehmen. Ich kann Menschen nicht einfach wie ein Zauberer verändern. Wäre ja auch sonst ziemlich langweilig. Wir sind allmächtig in dem Sinn, dass alle Macht von uns kommt. Aber …“, er deutete mit der Gabel auf meinen Teller. „Dein Fleisch wird kalt.“

Wir aßen weiter, und schließlich fragte ich ihn nach seinen konkreten Plänen.

„Ich werde wohl die muslimische Welt besuchen müssen“, sagte er, „da läuft gerade etwas schief. Gott ließ den Islam entstehen, um die Menschen, die den christlichen Glauben nicht annahmen, wenigstens von ihrer Vielgötterei abzubringen, aber zur Zeit läuft es wirklich aus dem Ruder.“

„Und Deutschland?“

„Deutschland ist gar nicht so schlecht. Nach der großen Katastrophe haben die Deutschen immerhin dazugelernt, aber klar, ein paar Dinge muss ich hier auch in Gang bringen …“

„Und wie … wie kommen wir da hin? Fliegen wir durch die Luft wie Superman?“

Jeschua wehrte ab: „Nein, nein, wir fliegen ganz normal mit dem Flugzeug oder reisen mit der Bahn. Ich möchte nicht auffallen.“

Oh, dachte ich, dann muss ich mit meiner Frau doch ernsthaft reden, wenn ich so oft unterwegs bin. Das wird ihr nicht gefallen.

„Ich begleite dich nach Hause“, sagte er. „Deine Frau wird es verstehen.“

Es klang, als ob er meine Gedanken hören konnte, wahrscheinlich war es auch so.

„Ich musste mich damals um Petrus‘ Schwiegermutter persönlich kümmern. Die arme Frau war vor lauter Sorge krank geworden. Kann man gewissermaßen verstehen, wenn die Männer in einem Familienbetrieb kurzzeitig ausfallen.“

Wir ließen uns noch den Nachtisch schmecken, Crème Brûlée, sehr lecker, und traten wieder auf die Georg-Straße. Zwischendurch musste ich mir sagen: Ich bin jetzt mit dem wiedergekommenen Christus unterwegs, weil alles so normal schien. Nein, es gab noch einen kurzen Zwischenfall, als ein Auto ihn streifte und der Seitenspiegel zerbrach. Pech für das Auto.

4

Wir fuhren mit dem Nahverkehrszug nach Süden. Unterwegs rief ich zu Hause an, dass ich einen Übernachtungsgast aus dem Nahen Osten mitbringen würde.

„Diesen alten Freund, von dem du geredet hast?“, fragte meine Frau. „Kenne ich ihn?“

„In gewissem Sinne ja“, sagte ich, „aber du wirst ihn nicht gleich erkennen. Alles Nähere dann nachher.“

Ich blickte Jeschua von der Seite an. Er trug einen kräftigen Vollbart, wie es inzwischen bei jungen Männern üblich ist, und einen eher kurzen Haarschnitt. Nein, meine Frau würde ihn auf Anhieb nicht erkennen.

Obwohl, an seinen Handgelenken sah ich Narben. Das wäre ein Hinweis.

„Immer noch die Narben?“, fragte ich und deutete auf sein Handgelenk. Inzwischen hat man ja herausgefunden, dass die Nägel damals nicht durch die Handteller getrieben wurden, die wären sofort gerissen. Handgelenke hielten mehr aus.

Er blickte auf seinen Unterarm. „Ja, immer noch die Narben. Ich trage sie wie einen Orden.“

Mir fiel dazu nichts ein. Nach einer Weile sagte er: „Ich werde während der Fahrt so tun, als ob ich schlafe. In Wirklichkeit bin ich woanders. Ist jetzt zu kompliziert, um dir das zu erklären.“

Er lehnte seinen Kopf gegen die Lehne und schloss die Augen.

Als der Schaffner kam, gab ich ihm unser Niedersachsenticket, so brauchte ich meinen Mitfahrer nicht zu wecken.

Der Schaffner hätte es sicher nicht verstanden, wenn ich gesagt hätte: „Neben mir sitzt ein Auferstandener, der gerade eingeschlafen ist.“

Meine Frau holte uns am Bahnhof ab und bemühte sich, höflich und freundlich zu meinem Gast zu sein, der relativ schweigsam war.

Sie zeigte ihm das Gästezimmer und das Bad, und ich hörte, wie sich die beiden eine Zeitlang unterhielten.

Als sie nach unten kam, ließ sie sich auf die Wohnzimmercouch fallen und sagte nur: „Mein Gott, das wird uns niemand glauben! Und diese umwerfende Freundlichkeit!“ Nach einer Weile fragte sie: „Was isst eigentlich so jemand?“

Ich zuckte die Schultern. „Ich glaube alles, was wir auch essen. Er verwandelt Essen in etwas anderes.“

„Das tun wir ja auch.“

„Ich habe ihn aber noch nicht gefragt, ob er einen Magen und Gedärme und so weiter hat …“

„Ist vielleicht eine ziemlich intime Frage. Und was ist mit Duschen?“

„Braucht er wahrscheinlich nicht, und wenn, dann eher mit himmlischem Wasser, mit dem Original.“

„Dem Original?“

„Ja. Unser Wasser ist nur die irdische Variante, eine Art Bleistiftzeichnung von echtem Wasser.“

„Das muss ich nicht verstehen, oder?“

Sonst lief an dem Tag alles ganz normal, außer, dass unser Gast ein seelsorgerisches Naturtalent ist. Wir erzählten ihm abwechselnd unsere Probleme und wurden das Gefühl nicht los, dass uns noch nie jemand so intensiv zugehört hatte.

Nachts hörte ich Geräusche von oben, dort, wo das Gästezimmer ist. Ein hohes, sanftes Klingeln, manchmal einen tiefen Ton wie von einer Orgel. Aber irgendwann schlief ich dann wieder ein.

Natürlich wollte er mit uns in den Gottesdienst. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Wir sind nicht gerade eine Vorzeigekirche und haben ein paar schwierige Zeiten erlebt, aber er versprach mir, sich zurückzuhalten.

„Ich habe kein Interesse daran, die Leute zu verwirren“, meinte er, als er in meinem Pyjama sein Frühstücksei schälte. „Ich rege nur an.“

„Zum Glück läufst du nicht in einem langen Gewand mit Jesuslatschen herum, das könnte manche zum Nachdenken bringen.“

Er lachte: „Also, dass ich in Liedtexten vorkomme, das bin ich ja gewohnt, und diese vielen Bilder und Statuen überall auch einigermaßen, aber dass mein Name für eine Schuhsorte herhalten muss, ist schon bizarr.“

Ich gab ihm nach dem Frühstück ein frisches Hemd und eine von meinen Hosen.

„Was machst du, wenn die Leute dir die Hand geben wollen und denken, du hast Fieber?“, fragte ich, als wir ins Auto stiegen.

„Damit muss ich leben.“

Unsere Kirche ist nicht so groß wie die Marktkirche, aber das schien ihn nicht zu stören. Ich stellte ihn als einen Freund aus Israel vor, was in gewisser Weise ja auch stimmte.

Er verfolgte interessiert den Gottesdienst. Wir singen eine Mischung von neuen und alten Liedern und haben eine Band vorne. In diesem Zusammenhang klang es etwas seltsam, als Jeschua mit uns das Lied sang: Mein Jesus, mein Retter.

Bei uns ist es üblich, dass Gäste ein Grußwort sagen, wenn sie das wollen. Ich hatte leider zu spät daran gedacht, dass Friedhelm an diesem Sonntag die Ansagen machte, der dazu neigte, Gäste nach vorne zu bitten.

Friedhelm fragte doch tatsächlich, ob unser Gast aus Israel nicht ein paar Grüße loswerden wollte und forderte ihn geradezu auf, ans Mikro zu treten.

Jeschua wollte nicht unhöflich sein und marschierte durch den Mittelgang nach vorne. Ich befürchtete Schreckliches.

Jemand, der mit dem Universum verbunden ist, weiß doch, was alles bei uns gelaufen ist, dass wir uns nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatten, dass einige bis heute im Clinch miteinander waren und so weiter. Im Grunde die üblichen Machtspiele unter dem Deckmantel frommer Worte. Alles keine Dinge, auf die man als Kirchenmitglied stolz sein kann.

Er ging langsam nach vorne, und ich merkte, dass einige Damen ihn interessiert betrachteten. Da erst ging mir auf, dass er wahrscheinlich als Mann eine starke Ausstrahlung auf Frauen ausübte.

Jetzt ist auch alles egal, dachte ich, es kommt, wie es kommt.

Er bedankte sich ganz höflich und sagte, dass er den Eindruck habe, er sei hier willkommen und erzählte von Israel, und dann begann er mit ein paar Sätzen zu erklären, wer Gott ist, dass er die reine Liebe und an allem interessiert sei, was uns bewegt.

„Gott ist nicht der Spielverderber, für den viele ihn halten. Auch wenn er einem hart und gerecht vorkommt, denken Sie daran, es fließt alles aus seiner Liebe. Und er hat einen großen Respekt vor Ihrer Freiheit und lässt viele unmögliche Entwicklungen in dieser Welt zu. Sie können gerne nach dem Gottesdienst zu mir kommen, wenn Sie mal jemanden brauchen, bei dem sie sich aussprechen wollen, ich reise ja wieder ab.“

Dann setzte er sich, aber ich spürte schon, dass die Leute nachdenklich vor sich hinblickten. Es war nicht so sehr der Inhalt, der mich und wahrscheinlich die anderen ebenfalls beeindruckt hatte, das war ja nichts Neues, aber wie er es gesagt hatte …

Während er redete, hatte ich plötzlich das Gefühl, so wie gestern Abend, dass ich ihm alles erzählen könnte, auch die merkwürdigsten Sachen.

Ich muss wohl nicht extra betonen, dass sich nach dem Gottesdienst eine riesige Schlange von Leuten bildete, die alle mit ihm reden wollten. Das Mittagessen konnten wir knicken.

5

Ansgar fuhr mit dem Finger über die Platte seines Tischchens, während er überlegte. Eine feine Spur blieb auf der Staubschicht zurück. Er wischte mit seinem Ärmel darüber und blinzelte nach draußen in die Sonne. Es herrschte eine angenehme Herbststimmung: Ein blauer Himmel breitete sich über der Siedlung aus. Die vorbeifahrenden Autos glänzten unter dem Licht eines milden Vormittags. Frida, seine Enkelin, war in der Schule und würde erst gegen halb zwei zurückkommen. Er saß wieder in seinem Sessel, ein Glas Wasser neben sich, und beobachtete das Haus. Heute hatte er herausgefunden, dass es bisher vier blonde Mädchenpaare gab, denn morgens, als der schwarze Volvo vor dem Haus hielt, stiegen zwei neue Mädchen in den Wagen.

Er hatte sich gestern Nachmittag, bevor Frida kam, eine Kamera mit starkem Zoom gekauft und sich einen Ordner zugelegt, in dem er die Bilder und andere Beobachtungen aufbewahren wollte. Durch die digitale Technik konnte er die Bilder gleich ausdrucken und abheften. Er war froh, dass er den Umgang mit dem PC und dem Internet auf seine alten Tage noch gelernt hatte. So konnte er auch mit ein paar Freunden E-Mails austauschen.

„Es ist unglaublich“, murmelte er. Von Weitem hätte man gedacht, dass immer dieselben Mädchen in das Auto stiegen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es verschiedene Mädchenpaare waren. Aber wo kamen sie her, oder wie kamen sie unbemerkt in das Haus? Denn die Mittagsmädchen, die um halb eins gebracht wurden, waren nicht dieselben wie die Morgenmädchen. Das hatte er auch herausgefunden. Er fand es auch merkwürdig, dass die Mädchen schnell im Haus verschwanden und nicht einmal zum Spielen herauskamen. Aber andererseits war es verständlich, denn ihre falsche Identität wäre aufgefallen, wenn sie mit anderen Kindern gespielt hätten. Die Schaukel und das Klettergerüst standen umsonst im Vorgarten.

Vielleicht sind die Spielgeräte nur Attrappen aus Leichtmetall, dachte Ansgar.

„Ich muss irgendwann einen Blick in dieses Haus werfen“, sagte er sich und überlegte, wie er das anstellen könnte. Er brauchte irgendeinen Vorwand, um zu klingeln.

Kurz entschlossen stand er auf, zog seine Schuhe an, verließ seine Wohnung und kaufte im Supermarkt nebenan einen Ball. Er verschmierte etwas Dreck auf der Oberfläche, wischte mit einem Lappen leicht darüber, klemmte sich den Ball unter den Arm, griff nach seinem Stock und ging zu dem Haus hinüber.

Es gab eine Klingel, aber kein Namensschild.

Zaghaft drückte er auf den Knopf. Nichts. Er drückte noch einmal. Diesmal fester und länger. Jetzt meinte er Geräusche zu hören, ein schnelles Tappen von Füßen, das plötzlich verstummte, dann sah er, wie das Licht im Spion sich änderte. Er wurde beobachtet.

Endlich öffnete sich die Tür. Ein Mann mit Anzug und Krawatte stand vor ihm. Es war der Mann, den er neulich mit einer Frau und den zwei Mädchen (welchen?) vor dem Haus gesehen hatte. Der Vater? Der Pseudovater?

War es Absicht, dass er sich so im Türrahmen breit machte, damit Ansgar nicht in das Innere des Hauses blicken konnte?

„Ja?“, fragte der Schlipsträger, und seine Augen bewegten sich rasch hin und her, als wolle er sich vergewissern, dass ihn niemand beobachtete.

„Guten Tag, Herr …?“

Der Mann reagierte nicht.

„Und? Was wollen Sie?“

„Ich bin ihr Nachbar von gegenüber“, sagte Ansgar, „und habe neulich den Ball auf der Straße gefunden. Und da dachte ich mir, er könnte vielleicht Ihren beiden Mädchen gehören.“

Absichtlich ließ er den Ball fallen, sodass er in den Flur rollte und der Mann gezwungen war, sich danach zu bücken.

„Oh, Entschuldigung – ist mir aus der Hand gerutscht.“

Ansgar nützte die Gelegenheit, um einen Blick in den Flur zu werfen.

Was er erkennen konnte, war ein völlig funktionaler Flur. Keine Garderobe, kein Spiegel. Eine Glühbirne hing von der Decke, obwohl die Leute schon seit Wochen darin wohnten.

Der Mann hatte den Ball aufgehoben und gab ihn mit einem mechanischen Grinsen zurück.

„Vielen Dank, der Ball gehört uns nicht.“

„Aber vielleicht wollen Sie die Mädchen fragen, ob er nicht doch ihnen …?“

„Die Mädchen spielen gar nicht mit einem Ball. Sie … sie haben andere Spiele.“

„Ach so“, meinte Ansgar, „na dann …“ Plötzlich kam ihm eine Idee: „Wollen Sie nicht mal einen Nachmittag mit den beiden herüberkommen und mich besuchen? Meine Enkelin ist auch gerade da. Sie ist im ähnlichen Alter. Dann können wir auf eine gute Nachbarschaft anstoßen?“

Der Mann blickte Ansgar an, als sei er nicht ganz bei Trost.

„Nein, vielen Dank, wir sind sehr beschäftigt und legen keinen Wert auf eine enge Nachbarschaft. Auf Wiedersehen!“

Die Tür fiel ins Schloss, und Ansgar stand verblüfft mit dem Ball in der Hand davor.

Auf jeden Fall, dachte er, als er in Gedanken zu seiner Wohnung zurückging, ist das kein übliches Wohnhaus. Irgendetwas Merkwürdiges geht hier vor.

Er hängte den Mantel an den Haken und ging in die Küche. Zeit, das Essen vorzubereiten. Heute hatte er sich entschlossen, Maultaschen zu kochen. Die Brühe machte er aus einer Instantpackung, schnitt drei Mohrrüben und eine Stange Lauch klein und legte die Maultaschen, die es fertig zu kaufen gab, in die brodelnde Brühe.

Zehn Minuten sollten sie nur leicht kochen, und dann würde alles von selbst gar werden. Das ideale Gericht für ihn. Und Frida mochte es auch. Die Röstzwiebeln aus Dänemark streute man darüber, wenn die Maultaschen im Teller schwammen.

Kurz nach halb zwei kam Frida. Er hatte ihr einen Schlüssel gegeben, weil das Haus keine Sprechanlage hatte.

Sobald sie zur Tür hereinkam, änderte sich die Stimmung in der Wohnung. Sie brachte Wind und Sonne mit.

„Es riecht nach Maultaschen in der Brühe!“, rief sie und warf ihre Schultasche in die Flurecke.

„Richtig!“, nickte ihr Opa und sagte: „Hände waschen, und dann wird gegessen.“

Frida war ein Einzelkind. Ansgars Tochter Uta und ihr Mann Sören hätten gerne noch mehr Kinder gehabt, aber es war bei diesem einen Kind geblieben. Manchmal schien es ihm, als ob sich alle Energie in diesem Mädchen geballt hätte. Frida war aber deswegen nicht unruhig. Manchmal konnte sie stundenlang konzentriert bei einer Bastelei sitzen oder ein Buch lesen, aber wenn sie von irgendetwas gepackt war, dann sprühte sie förmlich vor Unternehmungsgeist.

Ihre Frisur änderte sie fast jeden Tag. Die halblangen schwarzen Haare konnte sie in alle möglichen Formen bringen. Heute trug sie Pferdeschwanz.

Ansgar stellte den dampfenden Topf auf den Tisch, neigte seinen Kopf und betete: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“

„Amen!“, rief Frida und plapperte gleich los: „Was hast du denn heute so gemacht, Opa?“

„Na ja“, brummte er, „ehrlich gesagt nicht viel. Ich war einkaufen, hab mich kurz mit den neuen Nachbarn unterhalten, etwas gelesen und für uns gekocht. Weißt du, bei mir geht alles etwas langsamer und gemütlicher ab. Und du?“

Frida zerteilte eine Maultasche mit dem großen Löffel und steckte den einen Teil genießerisch in den Mund.

„Deutsch, Englisch, Mathe, Bio. Uff! Ich finde, im Gymnasium muss man irgendwie mehr lernen als in der Grundschule.“

„Klar“, nickte ihr Großvater. „Das schaffst du nicht mit Links.“

Sie löffelten eine Zeitlang stumm die Maultaschensuppe. „Du, Opa?“

„Ja?“

„Warum beobachtest du denn so genau das Haus gegenüber?“

Ansgar erstarrte. Er durfte sich jetzt nichts anmerken lassen.

„Mich interessiert eben die neue Nachbarschaft.“

„Und warum fotografierst du das Haus und die vielen Mädchen?“

„Woher weißt du das?“

„Hm, du weißt ja, ich bin total neugierig. Und als ich heute Nacht aufgewacht bin, habe ich ein bisschen herumgeschnüffelt und deinen Ordner entdeckt.“

Ansgar überlegte. Sollte er Frida von seinen Vermutungen erzählen? Warum eigentlich nicht?

„Na gut, dann kann ich es dir auch erzählen … Jedenfalls, in dem Haus gehen seltsame Dinge vor. Erstens: Es ist zu perfekt. Zweitens: Die Nachbarn sollen den Eindruck haben, dass eine ganz normale Familie mit zwei Mädchen in dem Haus wohnt, aber in Wirklichkeit sind es bisher vier Mädchenpaare, die alle ähnlich aussehen. Jeden Tag kommen neue, mittags und morgens.“

Ansgar schwieg und sah Frida an. Schließlich sagte sie: „Ja, das habe ich bei den Bildern auch gemerkt. Und weißt du, was ich denke?“

„Nein.“

„Ich denke, wir sind hier, um herauszufinden, was da los ist.“

Ansgar grinste. „Aha, so einfach ist das!“

„Klar“, nickte Frida. „Uns ist es aufgefallen, und deswegen müssen wir es auch herausfinden.“

Ansgar überlegte und sagte dann: „Ich hab übrigens heute unter einem Vorwand da drüben geklingelt, um einen Blick in das Haus zu werfen.“

„Und?“

„Es sieht so aus, als ob in dem Haus gar nicht richtig gewohnt wird. Da geht irgendetwas anderes vor sich. Aber was?“

„Mensch, das ist ja total spannend. Lass uns einen Plan machen.“

„Ja, aber vorher werden Hausaufgaben gemacht.“

6

Wir fuhren vom Gottesdienst nach Hause, saßen nachmittags draußen im Garten und aßen ein paar belegte Brote. Die Herbstsonne schien noch ziemlich intensiv. Unnötig zu erwähnen, dass Jeschua keine Sonnenmilch brauchte.

Wir hatten gerade gemeinsam überlegt, wie wir das Reisen organisieren sollten. Da meine Frau Charlotte einen normalen Beruf hatte und sich nicht einfach ein paar Wochen frei nehmen konnte, vereinbarten wir mit Jeschua, dass sie jeweils an den Wochenenden nachkommen würde.

„Aber bevor wir auf Reisen gehen“, sagte er zu mir, „solltest du einen Reinigungsprozess durchlaufen, damit du meine Gegenwart auf Dauer aushalten kannst.“

Ich fing an zu schwitzen. „Was für einen … einen Reinigungsprozess?“

Ich sah im Geist eine himmlische Waschmaschine, in die man mich stecken würde, und den anschließenden Schleudergang wollte ich mir erst gar nicht vorstellen.

„Denk an Jesaja, an Paulus und an die anderen“, sagte er. „Alle Leute, die mit Gott in Berührung kamen, mussten für ihren Dienst gereinigt oder geläutert werden.“

Ich erinnerte mich an die Berufung Jesajas, dessen Lippen mit glühenden Kohlen gereinigt wurden, natürlich nicht buchstäblich.

„Du vergleichst mich mit Jesaja, dem Giganten des Alten Testaments? Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“

„Ich wollte dir nur Beispiele nennen. Ich selbst wurde auch in der Wüste gereinigt, bevor ich in die Öffentlichkeit trat. Eine sechswöchige Fastenkur.“

„Aber … aber warum denn? Ich soll dich doch nur begleiten und hinterher alles aufschreiben oder aufschreiben lassen.“

Jetzt lächelte Jeschua und sagte: „Es ist schon merkwürdig. Kein Jahrhundert hat so viel Wert auf äußere Reinigung gelegt wie dieses Jahrhundert. Es gibt tausend verschiedene Reinigungsmarken, vor jeder OP wird alles gründlich gereinigt und sterilisiert. Es gibt Reinigungsmilch für das Gesicht, es gibt Abführmittel, um den Darm vor einer Darmspiegelung zu reinigen. Millionen von Menschen arbeiten in Reinigungsfirmen, aber ausgerechnet der wichtigste Teil des Menschen, die Seele, scheint von der Reinigung ausgeschlossen zu sein. Niemand scheint es zu kümmern, dass euer Inneres mit der Zeit verdreckt, abstumpft und langsam einrostet!“

Ich schwieg betroffen und hörte ihm weiter zu.

„Ich habe euch doch die Vergebung zurückgelassen, damit ihr euch immer wieder reinigen könnt. Die Katholiken haben immerhin noch die Vergebung in Form eines alten Beichtrituals beibehalten, aber ihr Evangelischen denkt, man muss nur den Satz aussprechen: Ich bekenne meine Schuld, und alles sei weggewischt. Das wäre so ähnlich, wie wenn eine Putzfrau bei einem verdreckten Zimmer ausrufen würde: Ich bekenne, dass dieses Zimmer dreckig ist, ich glaube an die Reinigungskraft von Bürste und Seife. Und dann würde sie darauf hoffen, dass sich das Zimmer von selbst reinigt.

„Ja, aber“, begann ich, „muss ich jetzt in mich gehen und alles hervorholen, was ich an Falschheiten und Sünden in den letzten Jahren begangen habe und sie vor Gott präsentieren?“

„Keine Angst, diese Arbeit macht der Heilige Geist in dir. Du musst nur bereit sein, dich deinen Verkrustungen, blinden Flecken und Sünden zu stellen, sie Gott hinhalten, und er wird dir vergeben. Das ist wie das Bad in einem Kristallsee. Herrlich erfrischend.“

Er überlegte kurz und fügte hinzu: „Ich will dich aber nicht bedrängen. Wenn du nicht gereinigt werden willst – okay. Alles im Reich Gottes geschieht freiwillig. Aber dann musst du damit rechnen, dass dir meine Gegenwart mit der Zeit auf die Nerven geht, dass du müde und lustlos wirst, kraftlos und ohne Elan. Es ist für mich kein Problem, jemand anderen zu finden. Also: überleg dir’s.“

„Und was ist mit meiner Frau, muss die auch so ein … ein Reinigungsdings über sich ergehen lassen?“

Ich sah, wie Charlotte unruhig wurde.

„Kümmere dich nicht um deine Frau, sie geht ihren eigenen Weg.“

Jeschua schüttelte den Kopf: „Was ist bloß passiert?“, seufzte er, „das schönste Geschenk, die Vergebung, fürchtet ihr wie der Teufel das Weihwasser. Ich dreh mal eine Runde durch eure Siedlung, dann hast du Zeit, dir alles einmal gründlich zu überlegen.“

Er stand auf und ging los, ohne sich umzudrehen.

Wir waren zunächst sprachlos. Die Sache, die so spektakulär angefangen hatte, ging plötzlich ans Eingemachte.

„Na ja“, meinte Charlotte, „er hat ja irgendwie recht, oder? Manche Leute putzen vor jeder Reise ihre Wohnung oder ihr Auto, aber an die Seele denkt niemand.“

„Seele, Seele“, murmelte ich. „Klar, die Katholiken glauben noch daran, aber in der protestantischen Theologie vermeidet man den Begriff. Der Mensch sei eine Einheit, heißt es. Was man früher Seele nannte, bedeutet einfach die lebendige Seite des Menschen, eine Funktion des Körpers. Gott schafft nach dem Tod alles neu …“

„Ach so“, führte Charlotte meine Gedanken weiter, „und wenn es keine richtige Seele gibt, dann muss sie auch nicht gereinigt werden?“

„So ähnlich. Ich dachte immer, die Vergebung ist eine Beziehungssache und nicht eine Bürste mit himmlischer Seife.“

„Aber wenn Jeschua das sagt? Er muss es schließlich wissen. Als er zu dem Verbrecher am Kreuz sagte: Heute wirst du mit mir im Paradies sein, dann hat er doch damit gerechnet, dass die gesamte Persönlichkeit dieses Mannes nach dem Tod woanders sein würde, oder nicht?“

„Ja schon. Seele – das ist ein völlig veralteter Begriff und …“

Ich hörte mit Sprechen auf, weil Jeschua wieder auftauchte.

„Na? Hast du dich entschieden?“

Ich seufzte. „Wir diskutieren gerade, ob es überhaupt eine Seele gibt, die dreckig werden kann.“

„Richtig, die Seele ist inzwischen aus der Mode gekommen. Vielleicht hilft es ja, wenn ihr sie mal kurz sehen könnt. Dazu muss ich eure inneren Augen öffnen. Augenblick mal.“

Ich wollte gerade sagen, wie das vor sich gehen sollte, da veränderte sich plötzlich die Umgebung. Ich war geplättet.

Neben mir und um uns herum standen eine Menge menschlicher Gestalten. Einige von ihnen leuchteten in wunderbaren Farben, andere sahen dunkel aus oder hatten eine dumpfe Ausstrahlung.

Ich sah zu meiner Frau hinüber und merkte, dass ihr Körper von innen leuchtete und einen silbrigen Glanz versprühte.

„Die meisten Seelen um euch herum können euch jetzt nicht sehen, eure Körper sind für sie zu grob und verdecken sie. Natürlich gibt es keine Seele ohne Körper. Die Leute um euch herum haben einen geistigen Körper. Einige von ihnen sind Engel mit einem himmlischen Körper, die können euch sehen.“ Er nickte einem dieser leuchtenden Gestalten zu und redete zu ihm in einer fremden Sprache, die sich seltsam anhörte, reich an Vokalen und sehr melodisch.

Und schon war die Versammlung von Seelen verschwunden.

„Dass ihr das sehen konntet, ist eine Ausnahme“, sagte Jeschua. „Es ist nicht gut, die anderen dauernd wahrzunehmen, das würde euch nur verwirren. Aber habt ihr die dunklen, dumpfen Gestalten gesehen?“

Wir nickten.

„Das waren Seelen, die nicht das Vergnügen hatten, durch die Vergebung gereinigt zu werden. Es ist ungefähr so, als ob du wochenlang im Garten gearbeitet hast, aber es gibt keine Dusche weit und breit. Also, was ist? Wollt ihr generalüberholt werden oder nicht?“

Die Sache mit den dunklen Seelen hatte mich überzeugt. „Okay, ich bin bereit.“

„Ich auch“, sagte Charlotte.

7

Jeschua fuhr sich durch die Haare, blickte mich an und gab mir dann den Tipp, ein leeres Blatt zu nehmen, mich zurückzuziehen und alles aufzuschreiben, was mir an Dingen einfiel, die in letzter Zeit nicht richtig gewesen, die schief gelaufen sind und die ich nun bereute.

Dann sollte ich mit dem vollgeschriebenen Blatt zu ihm kommen, und er würde mir vergeben.

Ich dachte zuerst, wie soll ich bloß dieses Blatt füllen? Aber als ich dann anfing, allen vergangenen Mist aufzuschreiben, der mir in den Sinn kam, wurde es immer mehr, und ich musste das Blatt umdrehen. Menschen kamen mir in den Sinn, mit denen ich mich verkracht hatte, kleine Unehrlichkeiten, Notlügen, verpasste Gelegenheiten, wo ich eigentlich etwas hätte tun sollen und es nicht getan hatte, die scheinbar harmlose Fahrerflucht nach einem verunglückten Einparken und so weiter. Irgendwann versiegten die Einfälle, und ich ging zu Jeschua und wollte ihm mein Blatt geben.

„Laut vorlesen“, sagte er nur.

„Aber du weißt doch schon alles.“

„Egal. Das gehört zum Ritual.“

Ich überwand mich und las es ziemlich leise vor.

Als ich fertig war, fragte er: „Bereust du das alles?“

„Klar, und wie.“

„Gut. Ich vergebe dir.“

Dann war es still. Zuerst dachte ich. Und jetzt? War ja alles ein bisschen prosaisch. Ich spürte nichts.

„Woher weiß ich denn, dass es vergeben ist?“, fragte ich.

„Abwarten“, sagte Jeschua.

Ich wartete, und dann kam eine Woge über mich wie eine riesige Welle, und mir kam es vor, als ob der ganze Dreck weggespült wurde.

Mein Inneres fühlte sich frisch an, und ein Friede breitete sich in meinem Körper aus wie ein Orgelton, der immer reicher und klangvoller tönte.

Ich fing an zu weinen und konnte gar nicht aufhören. Aber es war ein gutes Weinen.

Ich stand auf, wankte nach draußen in den Garten und setzte mich auf eine Bank. Ich brauchte frische, kühle Herbstluft. Hinter mir hörte ich wie Jeschua sagte: „Und das lasst ihr euch entgehen?“

Ich war nun also generalüberholt oder gereinigt und bereit, meinen Reisedienst mit Jeschua anzutreten. Meine Frau war dann nach mir dran, kam ziemlich aufgelöst aus dem Reinigungszimmer und setzte sich neben mich. Stumm blickten wir über den Rasen und sahen, wie durch die Lavendelbüsche der Wind strich.

Seltsam, dachte ich, da zitieren wir Christen regelmäßig im Glaubensbekenntnis den Satz: Ich glaube an die Vergebung, aber kaum jemand wendet ihn praktisch an.

Mir fiel eine Geschichte ein, die ich mal gelesen hatte. Ein Seifenfabrikant hatte eine neue Seife auf den Markt geworfen und verdiente ganz gut damit. Als er einen Priester traf, kam er mit ihm ins Gespräch und sagte: „Mit dem Glauben ist es ja so eine Sache. Seit zweitausend Jahren gibt es nun schon den christlichen Glauben, aber hat sich deshalb irgendetwas Grundlegendes geändert? Es gibt immer noch genügend Elend. Die Menschen ändern sich eben nicht. Meine Seife hat mehr verändert als zweitausend Jahre Kirchengeschichte.“

Der Priester sagte nur: „Gut. Sie haben eine neue Seife entwickelt, und jetzt schauen Sie sich mal dieses Kind an: total dreckig.“

Der Seifenfabrikant lachte: „Aber man muss doch die Seife anwenden.“

„Genau“, nickte der Priester, „man muss den Glauben anwenden.“

Wie gesagt: Wir waren jetzt startklar und gespannt, wie es mit uns und Jeschua weitergehen sollte.

Die Terrassentür öffnete sich, und Jeschua setzte sich auf einen der Stühle neben uns. Er hatte ein Tablett mit Tassen, etwas Gebäck und eine Kanne Tee. Außerdem hatte er unsere Jacken mitgebracht. Allmählich wurde es kühl nur im Hemd. Wir gossen uns Tee ein und tranken einen Schluck.

Jeschua gab mir eine Kreditkarte und sagte mir: „Besorge uns zwei Flüge nach New York.“

„Hin und zurück?“

„Nein, nur einfach. Wir müssen die Rückreise spontan buchen. Und dann nimmt sich Charlotte für das kommende Wochenende kurzfristig einen Flug, um uns zu treffen. Ich lasse ihr auch eine Kreditkarte zurück.“

„Einen Flug wohin?“

„Das weiß ich noch nicht. Ich bin nicht mehr allwissend und muss auf Eingebungen achten.“

„Okay“, sagte ich. „Business oder Touristen?“

„Bist du schon mal Business Class geflogen?“, fragte Jeschua. „Bisher noch nicht.“

„Dann buche Business. Ist für uns alle ein bisschen entspannter. Wir werden noch oft genug auf schlechten Straßen fahren.“

„Gut. Mit Vergnügen. Ich brauche aber für dich einen vollen Namen, Adresse mit Geburtsdatum und allem. Hast du überhaupt einen Pass?“

Er stand auf, ging ins Haus und kam tatsächlich mit einem Pass zurück. Neugierig nahm ich ihn in die Hand. Es war ein deutscher Pass, und unter dem Passbild stand: Josua Davidsen und eine Adresse in Hannover. Geboren: zweiundzwanzigster September 1987.

„Josua ist im Grunde das gleiche wie Jeschua, aber klingt hier normaler.“

„Und wie kommst du zu dieser Adresse?“, fragte ich und goss mir noch eine Tasse Tee ein.

„Eine reguläre Adresse. Ich stehe ganz offiziell im PC des Einwohnermeldeamtes.“

„Keine Ahnung, wie du das gemacht hast.“

„Vor dreihundert Jahren war das noch nicht nötig. Aber jetzt wird hier alles registriert.“

Ich zuckte die Schultern. „Im Himmel doch auch, oder nicht? Selbst unsere Haare sollen gezählt sein.“

Jeschua lachte. „Ich sehe schon, du scheinst dich in der Bibel auszukennen. Aber das hat einen anderen Grund, warum der Himmel so gründlich ist.“

„Und welchen?“

„Das hat etwas mit der Liebe zu tun. Was man vom Einwohnermeldeamt nicht unbedingt sagen kann.“

8

Wir fuhren mit einem Taxi und unserem Handgepäck durch das Verkehrsgewühl von New York. Jeschua hatte mich überredet, nur Handgepäck mitzunehmen.

„Lass uns zuerst einmal hier ankommen“, sagte Jeschua. „Ich liebe den Central Park. Besonders jetzt, wenn die Blätter bunt sind.“

Er fing sofort ein Gespräch mit dem Taxifahrer an, natürlich sprach er fließend Englisch, stellte sich mit Joshua vor und erfuhr, dass der Fahrer Ken hieß. Ich fragte mich, warum Jeschua gleich so vertraulich einstieg.

Er wird seine Gründe haben, dachte ich mir und blickte aus dem Fenster.

Ich war überrascht, in dieser Riesenstadt so viel Natur zu sehen. Ein herrlicher Tag, irgendwie luftig, die Wolkenkratzer wirkten leicht wie aus Styropor. Sogar Fußgänger entdeckte ich. Ich dachte immer, in Amerika würde kaum jemand zu Fuß gehen. Unterwegs musste ich notgedrungen mit anhören, was Jeschua mit dem dunkelhäutigen Ken redete. Sie hatten gerade über den hohen Energieverbrauch der Amerikaner gesprochen, und nun fragte ihn Jeschua, was er zum Waffenkonsum meinte. Ob er es gut fände, dass jeder Amerikaner sich beliebig viele Waffen kaufen könnte.

„Klar, Josh“, sagte der Fahrer. „Du kannst dir nicht vorstellen, was für abgedrehte Kunden manchmal bei mir mitfahren, und da hab ich im Türfach eine geladene Glock 25 liegen, unter meinem Sitz eine G 27, und jetzt besorge ich mir etwas ganz Neues: eine Pistole, die wie ein Smartphone aussieht. Wenn dir jemand eine Knarre an den Kopf hält, sagst du: ‚He, lass mich nur noch kurz meine Mama anrufen‘, und peng – ist der Kerl erledigt. Ist doch genial, oder?“

Er freute sich wie über einen guten Witz. Jeschua lachte nicht.

„Wenn alle bewaffnet sind, Ken“, sagte Jeschua, „dann erhöht sich doch die Gefahr, dass du irgendwann abgeknallt wirst, bevor du in dein Taxi steigst. Vielleicht von dem Mann, dessen Bruder du mit deinem Smartphone gerade ermordet hast. Was nützen dir dann deine Waffen im Auto?“

„Mann! Ermordet! Das klingt so hässlich. Aber egal, die Waffen geben mir eben ein sicheres Gefühl.“

„Und wenn du Angst bekommst und einfach losknallst und eine Mutter oder einen Familienvater dabei umbringst?“

„Pech. Man muss eben ständig auf der Hut sein. Wir Amerikaner lieben unsere Waffen. Wir sind damit aufgewachsen, sie gehören zum Leben dazu wie Mac Donald‘s oder Stars and Stripes. Und – he! Du kannst in diesem Land nur etwas durchsetzen, wenn du der Stärkere bist.“

„Und stark sein heißt Waffen haben?“, fragte Jeschua, und ich spürte förmlich, dass der arme Kerl gerade in eine Falle tappte.

„Klar.“

„Du kommst doch irgendwo aus dem Süden, oder? Georgia vermutlich?“

„Stimmt.“ Der Mann grinste.

„Und wie war das noch mit Martin Luther King? Wie viele Waffen hatte er gehabt, als er die Rassengesetze veränderte?“

„Keine Ahnung.“

„Er trug keine bei sich. Er trug unter seinem Hemd Gottvertrauen. Seine Waffe war Gewaltlosigkeit. Und er hat etwas bewirkt. Schien am stärkeren Hebel zu sitzen. Komisch, oder?“

„Na ja“, meinte Ken. „Sie haben ihn aber abgeknallt.“

„Aber bis heute redet man von ihm. Oder denk an Jesus. Auch jemand ohne Waffen, und an jeder Ecke gibt es hier eine Kirche von ihm.“

Ken fuhr schweigend weiter. Schließlich sagte er: „Okay, Josh, eins zu null für dich, aber ist es nicht besser, wenn man den Leuten beibringt, wie man mit Waffen umgeht, als immer alles zu verbieten?“

„Hört sich gut an. Aber manche Dinge kriegt man nicht anders in den Griff. Probier es doch mal aus, Ken. Eine Woche im Taxi ohne Waffen.“

Ich sah, wie Ken das Gesicht verzog, als ob er in eine Zitrone gebissen hätte.

„Na gut“, meinte Jeschua, „eine Woche ist zu lang für dich. Ich gebe dir fünfhundert Dollar, wenn du es einen Tag lang schaffst, ohne eine Waffe herumzufahren.“

„Fünfhundert Dollar? Wirklich?“

„Ich bin noch ein paar Tage hier. Sagen wir, wir treffen uns morgen um dieselbe Zeit am Flughafen.“

Ken lachte: „Bist du verrückt? Woher willst du wissen, ob ich das eingehalten habe?“

„Glaub mir“, sagte Jeschua. „Ich weiß es einfach.“

Ken sagte eine Weile nichts, fuhr schweigend weiter, überholte einen uralten Ford. Schließlich hielt er an und meinte: „Wir sind da. Central Park West, the Lake. Wenn ihr rechts reingeht, stoßt ihr automatisch auf den Lake. Macht achtzehn Dollar. Und Josh – ich probier‘s. Morgen um die gleiche Zeit am Flughafenausgang bei den Taxis, außer, wenn ich vorher abgeknallt werde.“ Er lachte. Jeschua lachte nicht.

„Ich werde da sein, Ken. Natürlich bezieht sich das Waffenverbot auch auf Messer, Pfeffersprays, Baseballschläger und Elektroschocker.“

Wir standen schon draußen. Ken beugte sich aus dem Fenster und rief Jeschua hinterher: „Und wer sagt meiner Witwe Bescheid?“

„Das mach ich schon“, sagte Jeschua und winkte ihm noch einmal zu.

Wir gingen weiter und näherten uns dem Park.

„Komische Wette“, meinte ich. „Und mit welchen wichtigen Leuten wirst du heute sprechen?“

„Das erste wichtige Gespräch habe ich gerade geführt“, sagte Jeschua.

„Was? Mit einem Taxifahrer?“

„Für Gott ist jeder Mensch wichtig. Während ich hier bin, kommt es darauf an, den richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Warten wir‘s ab.“

Wir betraten eine andere Welt. Einfach faszinierend, mitten in dieser geschäftigen Stadt einen riesigen Park zu haben. Leute waren unterwegs, einige saßen auf einer Bank und aßen etwas, zwei Jogger sprinteten an uns vorbei, weiter hinten standen ein paar Jugendliche zusammen, vielleicht, um einen Straßenkünstler zu bewundern.

Ich merkte, dass ich müde wurde, die Zeitverschiebung steckte noch in meinen Knochen. Als der See auftauchte, steuerte ich auf eine Bank zu.

„Müde?“, fragte Jeschua.

„Ja. Zuhause wäre es jetzt abends. Wirst du eigentlich nie müde?“

Jeschua setzte sich zu mir und sagte: „Der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“

Es hörte sich an wie ein Zitat. Wahrscheinlich aus der Bibel.

„Aber“, fuhr er fort, „das heißt nicht, dass im Himmel nur Hochbetrieb herrscht. Manche Engel schlafen regelmäßig. Und Menschen, die noch nicht lange im Himmel sind, schlafen auch. Sie haben diesen Rhythmus verinnerlicht. Weißt du, das Schlafen in der anderen Welt ist ganz anders als hier. Es ist kein erschöpfter Schlaf, sondern ein Hinübergleiten in einen leichteren Zustand, bei dem alles zur Ruhe kommt. Wer es mag, der kann sich einen funkelnden Sternenhimmel wünschen oder einen sanften Nachtregen …“

„Das hört sich gut an“, murmelte ich. „Ich liebe es, wenn es nachts regnet.“

„Natürlich schlafen auch die Kinder, die hier sterben“, sagte Jeschua, „besonders, wenn sie traumatisiert sind.“

„Dann stimmt es also, dass die andere Welt der berühmte Ausgleich ist?“

„Oh ja“, er nickte ernst. „Ohne den Ausgleich im anderen Leben, würde die groteske Ungerechtigkeit in dieser Welt doch überhaupt keinen Sinn ergeben, alles wäre dann ein riesiges, zufälliges Chaos.“

„Viele denken, dass es so ist.“

„Ich weiß. Traurig, aber wahr.“ Er öffnete seinen Rucksack und holte eine Tüte heraus.

„Was ist das?“

„Fishburger, Pommes-frites und Wasser.“

„Wo hast du das denn so schnell …“, wollte ich fragen, bis mir die Geschichte von der Speisung der Fünftausend einfiel, obwohl es eigentlich keine Kunst gewesen wäre, sich irgendwo etwas zu kaufen. War Jeschua nicht vor der Taxifahrt kurz weg gewesen?

Der Fishburger schmeckte großartig. Vielleicht aber auch nur, weil ich Hunger hatte.

Wir aßen ein paar Augenblicke schweigend.

„Was hast du als nächstes vor?“, fragte ich.

„Ich bin hier verabredet mit einer Frau“, sagte Jeschua.

„Ach, sieh mal einer an“, rutschte es mir heraus.

„Sie weiß es aber noch nicht.“

Er trank einen Schluck und setzte dann hinzu: „Am besten, ich lasse dich hier sitzen, du machst eine Siesta, ich unterhalte mich mit meiner Freundin und komme dann hierher zurück. Außerdem wäre sie etwas befangen, wenn wir zu zweit bei ihr auftauchten. Und du könntest dir inzwischen ein paar Notizen machen, von dem, was bisher passiert ist.“

Er stand auf und ging. Mir kam es vor, dass das keine Vorschläge waren, sondern Befehle, allerdings in einem freundlichen Ton.

Da saß ich nun im Central Park in New York, war unterwegs mit dem Auferstandenen und hatte gleich zwei Arbeitsaufträge erhalten: Schlafen und Notizen machen. Ich entschied mich für das erste, stützte meinen Ellenbogen auf die Lehne der Bank und legte meinen müden Kopf in die Handfläche. Hätte ich geahnt, was noch alles auf mich zukommt, wäre ich wahrscheinlich nicht eingeschlafen. Es ist nur gut, dass wir die Zukunft nicht kennen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
201 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783961400041
Yayıncı:
Telif hakkı:
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