Kitabı oku: «Fakemedizin»

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Originalausgabe

1. Auflage 2021

Verlag Komplett-Media GmbH

2021, München

www.komplett-media.de

ISBN E-Book: 978-3-8312-7075-0

ISBN print: 978-3-8312-0580-6

Lektorat: Dr. Katharina Theml, Wiesbaden

Korrektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Satz und Layout: Daniel Förster, Belgern

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Ich danke meinem Vater für das Zwiebelschmalz, das er mir mit Liebe zubereitet hatte, wenn ich als Kind an Husten litt.

Bei ihm bedanken können sich auch die Fakemediziner, um die es in diesem Buch geht. Und zwar dafür, dass er mit ihren Angeboten nie konfrontiert wurde. Die Scharlatane hätten ordentlich am Watschenbaum gerüttelt.

Inhalt

Prolog

Eine Bestandsaufnahme

10 Prämissen zur Fakemedizin

Es gibt keine »Alternativmedizin«

Was heißt eigentlich »Schulmedizin«?

Warum funktioniert der faule Zauber?

Das »wilde Denken« lässt uns nicht los

Die »Granderisierung« der Welt

Die Schaffung eines Marktes

Gurus – 11 Porträts

Jim Humble: Der Bischof mit der Chlorbleiche

»Leonard Coldwell«: Der smarte Hochstapler, der Krebs ganz locker heilt

Robert Franz: Der Naturbursche mit dem Pharmavertrieb

Christoph Fasching: Der mit den Viren Klartext redet

Rüdiger Dahlke: Die Plaudertasche, die für jede Krankheit eine Erklärung hat

João de Deus: Der Wunderheiler, der am Fließband heilt

Rudolf Steiner: Der Universaldilettant, der Zynismus in sanfte Farben kleidet

Ryke Geerd Hamer: Der Rabauke, der den Juden die Leviten liest

Peer Eifler: Der Guru, der wacker gegen die Maskenpflicht kämpft

Sucharit Bhakdi: Der Professor, dessen Fehlalarm sich als Fail erwies

Braco: Der Zauberer, dessen Blick betört

21 Facetten der Scharlatanerie

Homöopathie I: Alles eine Frage der Etikettierung

Homöopathie II: Bei der Arzneimittelprüfung geht es rund

Homöopathie III: Doktorspiele ohne Schamgrenzen

Homöopathie IV: Die tiefen Abgründe der Obskuranten

Homöopathie V: Eine Sache für Gerichte

Krebsheilung: Irre Versprechen für Verzweifelte

Fernheilung: Echte Wunderheiler machen sich nicht die Finger schmutzig

Informationsmedizin: Ärzte ohne Skrupel

Aurachirurgie: So unblutig können Operationen ablaufen

Essenzen mit dem Spirit der steirischen »Sonnenhexe«

Bioresonanz: Sie misst sogar den Vitalwert von Leberkäse

Heilung zum Aufmalen: Vom Ötzi bis in die Gegenwart

Berührungslos heilen mit dem Prana-Zauberstab

Das Vitaminmärchen: Ein perfekter Clou der Pharmaindustrie

Germanische Neue Medizin: Wenn Laien Doktor spielen

Anthroposophische Medizin: Endlich machen Krankheiten Sinn

Corona Fails I: Bizarre Ratschläge von Ärzten

Corona Fails II: Schamanenheiler laufen zur Höchstform auf

Impfgegner I: Die irre Welt der Seuchenfreunde

Impfgegner II: Eine wilde Propagandaschlacht

Impfgegner III: Die Stunde der Verschwörungsplauderer

Ein Resümee

Ein paar Tipps

Prolog

Der Medizinmann bei den Zande – das ist ein Volk in Zentralafrika – kann den Sonnenuntergang hinauszögern. Das geht recht einfach. Der Medizinmann legt dazu einen Stein in die Astgabel eines Baumes.

Der deutsche Arzt Jens Wurster behauptet, eine Corona-Erkrankung heilen zu können. Auch das geht einfach: Der homöopathische Herr Doktor legt dazu Zuckerkügelchen auf die Zunge seiner Patienten.1

Die beiden verstehen ihr Handwerk. Es hat aber nichts mit Heilung oder Medizin zu tun. Warum die beiden nicht mit einem nassen Fetzen aus ihren Städten oder Dörfern verjagt werden? Das ist die Frage, die dieses Buch stellt. Ich kann Ihnen leider nicht allzu viel Spaß beim Lesen wünschen. Das Lachen ob mancher Praktiken von Ärzten, Schamanen und Scharlatanen im Namen von Heilung und Medizin bleibt uns nämlich schnell einmal im Hals stecken. Ich wünsche Ihnen aber, dass dieses Buch Ihre Sinne schärft, um faulen Zauber erkennen und Fakemedizin widersprechen zu können.

Der Medizinmann bei den Zande zaubert aber nicht nur mit der Sonne, deren Untergang er verzögert. Er »operiert« auch. Er schmiert Patienten, die an Bauchschmerzen leiden, eine Paste aus zerstoßener Rinde, Holzkohle und allerlei zermalmten Insekten auf den nackten Bauch, dazu murmelt er heilsame Sprüche.

Weniger kompliziert geht der Wiener Arzt Michael Pani an die Sache heran. Der Kinderarzt hat bis zum Frühjahr 2020 über einen Webshop kleine Therapiefläschchen vertrieben. Auf der Webseite des Arztes konnten wir lesen, dass die Fläschchen mit Informationen gegen Bakterien und Viren aufgeladen sein sollen.2 Verreiben muss der Mediziner nichts. Er macht sich im Gegensatz zu seinem Kollegen in der afrikanischen Savanne die Finger nicht schmutzig. Pani rät seinen Patienten, die magischen Fläschchen 20 Minuten vor (!) die Brust zu halten. Die heilsame Information springe dann schon auf den Körper über. (Das Angebot mit den wundersamen Fläschchen ist auf wundersame Weise von der Webseite des Mediziners verschwunden, nachdem ich in der Stiftung Gurutest erstmals darüber berichtet hatte.)

Noch smarter ist die Medizin des bayerischen Arztes Mathias Künlen. Er verschickt gegen Vorabkasse Zettel mit QR-Codes. Die sollen vom Patienten an ein Glas Wasser gehalten werden. Wird das Wasser getrunken, soll die Heilung beginnen. Der QR-Code für Frauen, die an Wechseljahresbeschwerden leiden, ist auf der Webseite medicodes.net für 39 Euro zu haben, der Code gegen Reizdarm kostet nur 19 Euro.

Ich vermute, dass sich der Medizinmann der Zande in Afrika ein wenig fremdschämen würde, wenn er erfährt, was sich seine Kollegen in Mitteleuropa erlauben. Ich muss mich nicht weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich behaupte: Die soeben skizzierten Beispiele sind pure Scharlatanerie. Diese Scharlatanerie konnte sich in den letzten Jahrzehnten in Mitteleuropa unter dem Label »Alternativmedizin« etablieren. Sie wird propagiert von schillernden Gurus, die als Influencer des Irrsinns den Boden bereiten für Scharlatane. Scharlatane, die haltlose Heilversprechen abgeben – völlig unabhängig davon, ob sie das als ausgebildete Ärzte tun, die ihr Berufsethos verraten, oder als selbst ernannte Heiler ohne Ausbildung. »Alternativmedizin«, das ist zudem ein schier unüberblickbares Sammelsurium von Anwendungen, Medikationen, Zaubermitteln und Gerätschaften, die eines gemeinsam haben: Für die Heilung sind sie so wirksam wie ein gegen den Uhrzeigersinn in den Schnee gepinkeltes Herz. Im Gegensatz zu diesem kosten sie fast ausnahmslos Geld.

»Alternativmedizin« ist offensichtlich Teil unseres Lebens. Man entgeht ihr und Diskussionen darüber nur mit Mühe. Sie ist Teil eines Phänomens, das man – vereinfacht gesagt – unter der Bezeichnung Esoterik zusammenfasst. Der Markt dafür ist fast unüberschaubar groß und facettenreich: Wir finden Heilsteine und Engelsprays, die unser Gemüt erhellen sollen, Wahrsagereien, Mondholz, Talismane, Seminare für mehr Bewusstsein und eine bessere Erdung, Ausbildungen zum Schamanen, Retreats beim Schamanen und Trommeln für den praktizierenden Schamanen. Wir können uns durch einen Wust an erbaulicher und verschwurbelter Literatur arbeiten, die Kilometer von Buchregalen füllt.

Irgendwann landen wir aber mit Sicherheit bei den in diesem Buch beschriebenen »alternativmedizinischen« Produkten und Praktiken. Mit Esoterik und »Alternativmedizin« wird in Mitteleuropa ein weitaus höherer Umsatz gemacht als mit Alkohol.

Es scheint, wir haben nicht nur schlechte Leberwerte.

1 Natur und Heilen, Homöopathie – Behandlungserfolge bei COVID-19, Oktober 2020

2 https://web.archive.org/web/20190803075422/, http://www.drpani.at/immunstaerkung-2/

Eine Bestandsaufnahme

Ich befasse mich seit fast zehn Jahren mit Esoterik, Fakemedizin und Verschwörungsplaudereien. Ich schreibe darüber in meinem Blog Stiftung Gurutest in der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Der Name der Kolumne ist provokant, das ist Absicht. Eine Reihe von Fragen wird immer wieder an mich gerichtet. Die häufigste: Warum tue ich mir das an? Meine Antwort lautet: Ich lasse mich ungern für dumm verkaufen, und ich will auch nicht, dass jemand meine Mitmenschen für dumm verkauft. Wenn ich mit Bekannten über kleine Zipperlein plaudere, die uns hie und da plagen, werde ich fast täglich mit »Alternativmedizin« konfrontiert. Mir werden homöopathische Notfalltropfen angeboten, wenn ich scherzhaft meine Angst vor dem Zahnarzt erwähne. Bekannte erzählen bedeutungsschwer, dass der Energetiker mit Bioresonanz herausgefunden hat, was die Ursache für die Frühjahrsmüdigkeit ist: Vitamine! Und davon hatte er zufällig ein paar im Schrank zum Verkauf. Ein feines Set homöopathischer Globuli scheint ohnehin in fast keinem Haushalt zu fehlen. Bin ich ein paar Wochen ein wenig schlapp beim Radfahren, raten mir Kollegen von der wöchentlichen Radausfahrt, mich doch einmal von einem Energetiker austesten zu lassen.

Diesen Leuten ist oftmals gar nicht bewusst, dass das, was sie da propagieren, Pseudomedizin ist. Die Leute, die ich und vermutlich auch Sie kennen, sind nicht dumm. Aber sie fallen auf ein Marketing der Pseudomedizin herein, das ausgefuchst ist.

Was mich unter anderem motiviert hat, dieses Buch zu schreiben: Die Mehrzahl der Reaktionen auf meine Beiträge ist positiv. Ich erhalte täglich E-Mails von Personen, die sich bedanken, mir Hinweise zu Gurus und Scharlatanerien geben und mich bitten, denen mal – schreibend – eine vor den Latz zu knallen. Mein Blog verzeichnete mehr als 6 Millionen Aufrufe (Stand November 2020), unter meinen Beiträgen finden sich gut 50.000 Kommentare von Lesern.

Das Thema interessiert und bewegt Menschen, hie und da werde ich für Reportagen zu Interviews gebeten oder zu Fernsehdiskussionen eingeladen. Besonders prickelnd ist es, dabei einem der von mir »getesteten« Gurus gegenüberzusitzen. Im November 2019 war ich zu einem Talk im ORF mit Rüdiger Dahlke geladen. Die Plaudertasche unter den Gurus fand es nicht sehr prickelnd, von einem »Nobody« wie mir als »Kalauer-Mediziner« bezeichnet zu werden. Er drohte sogar, die Diskussion zu verlassen.

Bedrückend sind indes Zuschriften von Ärzten oder Angehörigen, die von verschleppten oder verweigerten Therapien bei ernsten Krankheiten berichten, weil ein selbst ernannter Heiler oder ein skrupelloser Arzt schwer kranken Menschen haltlose Heilversprechen macht. Leute, die mich – in der Regel von anonymen E-Mail-Accounts – beschimpfen, gibt es auch. Die sind aber in der Minderheit, und in meinem Papierkorb ist ausreichend Platz.

Die zweite Frage ist zumeist eine Anklage: Wie komme ich als Nichtmediziner dazu, mich über »Alternativmedizin« auszulassen? Ich stelle dann zumeist die Gegenfrage: Muss ich Pilot oder Flugzeugkonstrukteur sein, um feststellen zu können, dass der fliegende Teppich aus dem Märchen 1001 Nacht niemals abheben wird? Eben. Ich schreibe nicht über Medizin, ich schreibe über Pseudomedizin und versuche, sie bestmöglich zu dechiffrieren.

Von dieser Seite kommt auch meist der Vorwurf, ich würde nicht fair an die Sache herangehen, ich sei voreingenommen und ließe »die andere Seite nicht zu Wort kommen«. Das muss ich zurückweisen. In der Regel zitiere ich die Ärzte, Gurus und Scharlatane sehr ausführlich. Ich klicke mich zu diesem Zweck durch stundenlange YouTube-Filmchen und wühle mich durch Webseiten, Bücher, Newsletter und Flyer der zumeist sehr mitteilungsbedürftigen Akteure. Ich nehme diese Leute einfach beim Wort, etwas Entlarvenderes gibt es kaum.

Hie und da muss ich zu journalistischen Tricks greifen, um Informationen zu bekommen. Auf eine offene Anfrage in meinem Namen reagieren die Akteure in der Regel nicht. Mein Name ist nicht mehr ganz unbekannt in der Esoterikszene. Ein Aurachirurg, den ich mit meinem echten Namen für eine Stellungnahme kontaktiert hatte, schrieb mir zurück: »Ich habe mir Ihre Artikel angesehen und bin nicht bereit, Ihnen zu antworten.«

Großes Verlangen, von mir thematisiert oder porträtiert zu werden, hat in der Szene kaum jemand. Brauchbare und entlarvende Informationen erhalte ich in der Regel dann, wenn ich mich mit einer Fake-Identität als Patient ausgebe. Kaum wittern die Akteure einen Kunden, wird geplaudert und die Heilung vom blauen Himmel herunter versprochen. Wittern die Akteure einen wohlbestallten Kunden, sind sie beim Plaudern und Schwurbeln gar nicht mehr zu stoppen. Meine Vorgehensweise ist natürlich ein wenig »g’feanzt« – wie wir Österreicher sagen. Und ich weiß, das gibt Abzüge auf meinem Karma-Konto. Aber: Dem einen oder anderen skrupellosen Heilversprecher hat eine Veröffentlichung von mir bereits die Flügel gestutzt. Immer wieder verschwinden dubiose Heilangebote von Webseiten, nachdem ich in meiner Kolumne darauf hingewiesen habe. Wenn künftig weniger ahnungslose Kranke auf solche Scharlatane hereinfallen, dann hat sich die Sache gelohnt, finde ich.

In diesem Buch beschränke ich mich auf jenen Teil der Esoterik, die den Anspruch erhebt, bei Gesundheitsthemen mitreden zu können – und das ist eben die »Alternativmedizin«. Alles andere würde den Rahmen sprengen. Das Buch nennt die Dinge beim Namen und verpasst der »Alternativmedizin« einen neuen. Aus einem ganz einfachen Grund: Wenn etwas nachweislich hilft oder heilt, dann ist es Medizin (und keine »Schulmedizin«), wenn etwas nicht hilft oder heilt, dann ist es keine Medizin und auch keine »Alternativmedizin«, sondern: Fakemedizin.

Diese Bezeichnung ist bewusst gewählt, und sie spielt natürlich auf den Begriff Fake News an. Diese machen uns seit einigen Jahren das Leben schwer, sie überfluten die sozialen Medien, populistische Politiker nutzen sie schamlos für ihre Agenda. Dass Fake News oftmals die Agenda der Fakemedizin bedienen, ist evident. Wenn wir in einem dubiosen Internetkanal lesen, dass Bill Gates den Corona-Virus in die Welt gesetzt hat, um uns mit einer Impfung, deren Serum er längst in seinem Kühlschrank gelagert hat, einen Chip einzupflanzen, mit dem uns eine Elite künftig fernsteuern kann, dann wissen wir: Es sind Fake News. Fake News sind und bleiben Falschmeldungen, und zwar völlig unabhängig davon, ob sie Donald Trump oder Millionen von Menschen gefallen. Ebenso ist und bleibt Fakemedizin Unsinn, auch wenn Millionen Menschen darauf schwören.

Dieses Buch gibt Ihnen einen Überblick über wesentliche Akteure der Fakemedizin und allerlei Praktiken und Schulen und Tand. Ich habe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bei den Recherchen zu diesem Buch poppten an allen Enden neue Scharlatane und Fakemedizin-Angebote auf, von denen ich noch nie gehört hatte. Eine vollzählige Auflistung wäre der Irrsinn, es würde nicht ein Buch füllen, sondern ganze Regale. Es gibt noch viel zu tun für die Stiftung Gurutest.

Die Auswahl, die ich getroffen habe, ist daher ein buntes Potpourri. Es reicht von lustigen Vögeln, über die man mit etwas gutem Willen noch lachen kann, über messerscharf kalkulierende Tandverkäufer, über deren Chuzpe man sich ärgern muss, über zynische Seuchenfreunde, die sich selbst gern als Impfkritiker zu verharmlosen versuchen, bis zu ideologisch motivierten Agitatoren, deren menschenverachtenden Anschauungen man mit aller Vehemenz entgegentreten muss.

Der Fokus des Buches ist natürlich auf die Fakemediziner gerichtet, die sich bei uns in Mitteleuropa tummeln. Aus guten Gründen: Die zu Beginn angeführten Schilderungen von der Zauberei des Medizinmanns bei den Zande in Afrika sind fast 100 Jahre alt und längst Geschichte. Bedeutend öfter als von zentralafrikanischen Medizinmännern werde ich von heimischen Schamanen, Heilern und pseudomedizinischen Ärzten belästigt. Die Zaubereien dieser Ärzte mit Informationsmedizin, Homöopathie und Ähnlichem sind topaktuell, das Angebot an Fernheilungen diverser Schamanen und rasanter Krebstherapien selbstbewusster Heilpraktiker und Energetiker ist enorm. Dabei scheint stets die Frechheit zu siegen. Ein österreichischer Humanenergetiker macht mir da schon einmal das Angebot, Krebs »mit guten Chancen für die Behandlung«1 in seiner selbst gebastelten »Therapiekapsel« zu therapieren. Der Kostenvoranschlag für drei Stunden Therapie: 25.000 Euro. Alternativmedizinischer Schrott und Tand wird allerorten feilgeboten und verkauft sich scheinbar umso besser, je unverschämter das Versprechen ist.

Ein elektronisches Kästchen mit dem schönen Namen Ravo-­Zapper verspricht, die Krankheiten einfach aus unserem Körper wegbrummen zu können. Um knappe 500 Euro wandert das Teil in den Warenkorb, 100 unterschiedliche Frequenzen sind im Preis enthalten, sie werden einfach im Display ausgewählt, und sie helfen bei Alkoholismus, Impotenz, Migräne, Neurodermitis, Krebs und 95 weiteren Leiden. Man muss in dem Gerät nur die richtige Programmnummer einstellen.

Allerlei Gurus bereiten in Büchern und Vorträgen vor einem Millionenpublikum den Boden für eine Atmosphäre, in der man über den ernsthaften und gewissenhaften Wissenschaftler lacht, während man dem kalauernden Schlangenölverkäufer mit aufmerksamer Miene sein Ohr schenkt.

Was ich ebenfalls oft gefragt werde: Ob ich denn nicht akzeptieren könne, dass es »zwischen Himmel und Erde« mehr geben kann, als wir mit unserem Verstand erfassen können?«

Meine Antwort darauf ist erstens: Was wir mit unserem Verstand nicht fassen können, das wird uns wohl auf ewig verborgen bleiben. Zweitens: Ich lasse mir ungern von jemandem erzählen, dass ausgerechnet er etwas fassen kann, wofür es mir und dem Rest der Welt an Verstand fehlt. Drittens: Mit meinem Verstand kann ich sehr gut erfassen, dass die Anbieter der Fakemedizin mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, auch wenn sie sich gern eine wenig zwischen Himmel und Erde schwebend darzustellen versuchen. Dieses Buch appelliert daran, unseren Verstand zu nutzen, um mit Scharlatanen Tacheles reden zu können.

Die große Fangfrage an mich wird selten ausgelassen: Ob ich denn selbst völlig immun bin gegen Spirituelles, Übersinnliches, Magie oder Unerklärliches. Ich gebe zu: Wenn mir eine Zeitung in die Hand fällt, lese ich schon mal mein Horoskop und freue mich natürlich, wenn die gute Fee, die ein paar Zeilen über mein Sternzeichen getippt hat, mir just an dem Tag Glück im Spiel, in der Liebe im Beruf und im Sport prophezeit. (In meinem Lebenslauf gebe ich an, kein Sternzeichen zu haben. Da dürfen Sie sich ein Augenzwinkern hinzudenken. Ich bin Schütze, und was esoterischen Unsinn betrifft, bin ich sogar Scharfschütze.)

In meinem Auto befindet sich eine kleine Christophorus-Plakette. Christophorus ist der Patron der Reisenden. Die silberne Plakette hat mir meine Mutter geschenkt, zusammen mit dem klaren Auftrag, sie auch wirklich im Auto anzubringen. Der Christophorus trägt zu meiner Sicherheit im Auto bei. Vermutlich fällt er mir manchmal ins Auge und erinnert mich daran, dass sich jemand um mich sorgt. Und vielleicht fahre ich deswegen tatsächlich vorsichtig, und sei es unbewusst. Das kleine Totem in Form eines münzgroßen Heiligenbildes wirkt also. Der Punkt ist aber der: Ich würde deswegen nicht darauf verzichten, mich anzugurten. Müsste ich die Wahl treffen zwischen Christophorus und dem Sicherheitsgurt, so würde ich den Sicherheitsgurt wählen. Auf die Christophorus-Plakette alleine würde ich mich im Straßenverkehr nicht verlassen. Würde ich die Argumentation der Fakemediziner auf den Straßenverkehr übertragen, dann hieße es: Mit dem Christophorus bist du auf der sicheren Seite, das ist sanfter als der Sicherheitsgurt der Autoindustrie. Vertrau lieber auf deine Selbstsicherheitskräfte und nicht auf eine Mechanik, die auf deine individuelle Konstitution im Straßenverkehr keine Rücksicht nimmt. Und vergiss nicht, gegen das Karma kommst du ohnehin nirgendwo sicher an.

Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr kletterte ich in den Bergen, in jungen Jahren durchaus extrem. Meinen Kletterhelm in wilden Jahren schmückte das Abziehbild eines Engels aus dem Wallfahrtsort Maria Taferl, ein kleiner Davidstern und die erste Sure des Korans. Hie und da fragte mich in den Bergen jemand, was das bedeuten soll. Ich sagte scherzhaft: Ich bereite mich auf alle Eventualitäten vor in der Nordwand der Westlichen Zinne. Sollte ich den Heldentod in den Bergen erleiden, so bin ich auf der sicheren Seite beim Eintritt ins Paradies, egal ob der Pförtner Christ, Muslim oder Jude ist. Hinduistische und buddhistische Symbole habe ich keine auf meinem Helm. Noch ein paar Karmarunden mit unvorhersehbaren Reinkarnationen als Lastenesel, als Fan des FC Bayern oder als Vegetarier, darauf kann ich verzichten.

Anfang der neunziger Jahre forschte ich im Sudan und ritt mit Nomaden und ihren Kamelherden durch die Wüste. Die Atmosphäre im Sudan war damals etwas aufgeladen, marodierende Viehräuber überfielen manchmal Herden und Hüter. Alle Nomaden, mit denen ich unterwegs war, trugen auf ihren Oberarmen kunstvoll vernähte Lederetuis. In die waren Zaubersprüche eingenäht, die eine Art islamischer traditioneller Heiler verfasste, ein Sufi. Die Zaubersprüche versprachen Glück in der Liebe, Gesundheit und noch wichtiger: Glück auf der Suche nach saftigen Weiden, Glück beim Finden der wenigen Tränken. Mir wollte man unbedingt einen Zauberspruch zum Schutz vor Gewehrkugeln aufschwatzen. Ich blieb hart und sagte: »Wenn geschossen wird, dann lauf ich weg und verstecke mich hinter einem Felsen.« Die Nomaden haben über meine Antwort gelacht. Sie haben die Sache auch nicht so ernst genommen, denn der beste Schutz vor fremden Kugeln waren die Kugeln in den eigenen Gewehren, die sie selbstverständlich dabeihatten, wenn es mit den Herden auf Tour ging.

10 Prämissen zur Fakemedizin

Zurück zu den Zaubereien, die mir mitten in Europa angeboten werden. Die Phänomene, Angebote und Versprechen, über die ich in diesem Buch schreibe, stelle ich nicht zur Diskussion, sondern an den Pranger. Das klingt hart, aber irgendjemand muss es nun mal machen, und ich denke, dass ich die Argumente für diese durchaus apodiktische Aussage auf meiner Seite habe. Im Folgenden skizziere ich kurz, von welchen Prämissen und Überzeugungen ich ausgehe. Lesen Sie sich das gut durch, sonst werden Sie sich schwertun mit dem Buch.

1 Ich muss nicht rund und um die Erde segeln – zumindest nicht, um zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist. Es gibt tatsächlich eine wachsende Anzahl von Menschen, die behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist. Wenn wir es mit diesen Flat-Earthern zu tun haben, reicht ein Verweis auf Geografen, Physiker und Astronomen. Die erklären Phänomene wie Ebbe, Flut, Gravitation und die Bahnen der Gestirne recht schön. Deren Modelle für die Kugelform der Erde bauen wunderbar aufeinander auf. Die in dieser Sache firmen Wissenschaftler können die Gestalt der Erde und die Ausgestaltung des Universums recht gut veranschaulichen, und sie erklären uns plausibel, warum sich eine Scheibe im Universum verdammt schwertäte. Wer die Kugelform der Erde anzweifelt, der darf gern die Segel setzen, zum Rand der Scheibe segeln und uns Fotos von dort schicken. Und ab diesem Zeitpunkt bin zumindest ich beeindruckt und still. Bis dahin gilt allerdings für die Astrophysik und die Geografie, was auch für die Medizin gilt, und damit kommen wir zu Regel Nummer 2:

2 Die Regeln der Wissenschaft gelten immer. Wer behauptet, dass er mit Fernheilung Krebs besiegen kann, muss die Beweise dafür bringen. Wer behauptet, dass in wirkstofffreien Zuckerkugeln eine imaginäre Information gespeichert ist, die uns heilt, der muss Beweise dafür liefern. Die Beweise müssen belastbar und reproduzierbar sein, so einfach ist das. Die Beweislast liegt beim Anbieter. Es ist nicht meine Aufgabe, nachzuweisen, dass die von den anthroposophischen Medizinern angebotenen Mistel-Präparate Krebs nicht heilen. Natürlich darf jemand behaupten, dass er mit Weißwurst-Senf, den er auf einem Fensterbrett in Form von Mandalas verschmiert, Multiple Sklerose heilt. Allerdings muss der Weißwurst-Mandala-Experte den Beweis für die Wirksamkeit bringen. Machen wir es kurz: Das mit der Beweisführung, das wird nicht geschehen. Fakemedizin scheut Wissenschaft, Fakten, Messbares, Nachvollziehbares und die Evidenz wie der Teufel das Weihwasser. Bei fast allen Scharlatanerien, mit denen ich Sie in diesem Buch konfrontiere, werden Sie auf der Webseite oder in den Foldern der Anbieter irgendwo einen Disclaimer finden, der das implizit bestätigt. Dort lesen wir im zumeist Kleingedruckten, dass die Anbieter »darauf aufmerksam machen, dass die Methode von der Schulmedizin nicht anerkannt wird«, oder »... bitte bedenken Sie, dass mein Angebot keinen Arzt ersetzt« oder dass »die Schwingungsglobuli nur auf der energetischen Ebene wirken« und lediglich »dazu da sind, die Selbstheilungskräfte zu stärken«. Auf ein Ärztezentrum nahe meiner Heimatstadt Steyr bin ich aufmerksam geworden, als ich mich auf die Suche nach einem Facharzt für Interne Medizin gemacht habe. Auf der Webseite bieten die Ärzte dort von Aderlass bis Quantenheilung allerlei an, das mit diesem Hinweis versehen ist: »Es wird darauf hingewiesen, dass viele dieser Methodiken seitens der westlichen Schulmedizin derzeit nicht anerkannt werden.« Danke für den Hinweis, aber ich suche mir lieber Ärzte, die anerkannte und wirksame Methoden anwenden. Wären das keine Ärzte, sondern Kfz-Mechaniker, sie würden die Bremsleitung meines Autos vermutlich mit Luft füllen, dafür ein ordentliches Honorar verlangen, mich aber freundlich warnen: »Leider müssen wir Sie darauf hinweisen, dass unsere Methoden, die Bremsen zu reparieren, vom westlichen Schulmechanikertum derzeit nicht anerkannt werden.« Das ist ein kluger Schachzug, um als Mechaniker auf der sicheren Seite zu sein, wenn es nach der Reparatur kracht. Was man bei derlei Ärzten sinngemäß zwischen den Zeilen liest: »Lieber Patient, wir bieten Ihnen auch Schrott an. Danke für Ihr Interesse und danke vorab dafür, dass Sie nicht lästig nachfragen, ob der irgendwie wirken kann. Und wenn er nicht hilft, ist das ohnehin nicht unsere Schuld.« So funktioniert das Geschäftsmodell Fakemedizin. Der diskrete Disclaimer ersetzt die Evidenz. Die schöne Verpackung ersetzt den Beweis für die Wirksamkeit. Egal ob Fernheiler oder Homöopathen, sie werden – ebenso wie die Flat-Earther – auch in Zukunft daran scheitern, ihre Thesen beweisen oder eine Wirkung nachweisen zu können. Die Erde ist keine Scheibe und Fakemedizin wirkt nicht.

3 Ich muss dem Regenmacher nichts glauben. Ich bin Ethnologe. Der Ethnologe begibt sich – etwas vereinfacht gesagt – in eine »fremde Kultur«, er beobachtet das Leben dort, nimmt daran teil, er lässt sich etwas erzählen, und er dokumentiert das. Die Ethnologie ist allerdings keine rein deskriptive Wissenschaft. Als Ethnologe gebe ich nicht nur wieder, was ich gesehen und gehört habe und was mir in den Notizblock diktiert wurde. Ich muss allfällige fremde Phänomene auch interpretieren und in unsere Denkweise übersetzen. Das ist eine Herausforderung, vor allem wenn es um immaterielle Manifestationen einer Kultur geht: Spirituelles, Religiöses, Schamanismus, Voodoo und Ähnliches. Wenn mir am Blauen Nil, im Hochland von Neuguinea oder am Amazonas ein Regenmacher vorgestellt wird, werde ich als Ethnologe dort natürlich nicht sagen: »Hört mir auf mit dem Blödsinn, keiner kann Regen machen.« Ich höre mir natürlich geduldig an, wie der Regenmacher den Regen herbeizaubert, und höre den Leuten, die dem Regenmacher vertrauen, und den Bauern, die sehnlichst auf den Regen warten, zu. Natürlich ist die Technik des Regenmachens letztlich nicht relevant. Was wirklich wichtig ist und relevant: Ich muss herausfinden und hinterfragen, warum die Menschen dem Regenmacher glauben, warum sie seiner Zauberei eine Wirksamkeit attestieren. Natürlich wissen wir, dass ein Regenmacher keinen einzigen Tropfen Niederschlag herbeizaubern kann. Das scheinbar Irrationale oder Geheimnisvolle lässt sich in der Regel rational recht einfach erklären. Der Regenmacher ist vermutlich ein Mann, der ein Wissen über Wolken und das Entstehen von Wetter hat. Das hat er vermutlich von seinem Vater gelernt, der die Profession des Regenmachens in der Familie bewahrt haben will. Vielleicht hat der Regenmacher auch einfach ein Wissen über den Jahresverlauf des Klimas, er hat die Fähigkeit, sich die Tage, Wochen und Monate zu notieren oder hat gar so etwas wie einen Kalender, der dem »gewöhnlichen Volk« nicht bekannt ist. All das sind Dinge, die in einer schriftlosen Gesellschaft durchaus außergewöhnlich sind und die allerhand Informationsvorsprung bedeuten. Und der Regenmacher wäre dumm, wenn er nicht bei einer durch Cumulus-Wolken angekündigten Regenfront oder kurz vor dem Beginn der Regenzeit ein kleines Regenmacher-Fest organisiert, bei dem er auch ein wenig die Hand aufhalten darf für seine Dienstleistung. Die Wahrheit ist oft so herrlich unromantisch. Man muss scheinbar unerklärlichen Phänomenen nur ein wenig auf den Zahn fühlen. Ich mache beim Homöopathen, beim Heilpraktiker und beim Energetiker nichts anderes als beim Regenmacher. Ich lasse mir ins Notizheft zitieren, wie der Zauber wirkt, ich höre tapfer und aufmerksam zu, lese die Bücher der Gurus, lausche ihren Vorträgen, ziehe meine Schlüsse und stelle die entscheidende Frage: Warum glaubt eine erkleckliche Anzahl der Menschen in meiner Gesellschaft diesen ­Leuten? Interessant ist nicht, wie Homöopathen oder andere Heilversprecher zaubern (oder zu zaubern vorgeben), sondern welchen Stellenwert die Kunden und Patienten dieser Zauberei einräumen. Wenn etwas nicht wirkt, ist es irrelevant, wie es nicht wirkt. Interessant ist, wie sich die Kundschaft des Regenmachers und des Fakemediziners täuschen lässt oder warum sie bewusst nicht genau hinsieht oder die Täuscherei zwar erkennt, aber verteidigt.

4 Wenn es ernst wird, landen alle beim echten Arzt. Was macht der Geistheiler, wenn er an einer akuten Blinddarm­entzündung leidet? Wandert er zum Schamanen ins Nachbardorf? Lässt er sich russische Heilzahlen auf den Bauch malen? Schließt er sich an ein Bioresonanzgerät an, um den entzündeten Wurmfortsatz mit der passenden Frequenz wegzubrummen? Oder sucht er doch ehestmöglich ein sauberes Krankenhaus auf? Auf welche Narkose vertraut der überzeugte Homöopathie-Kunde, ehe der Chirurg sein Skalpell ansetzt? Der Homöopathie-Hersteller Remedia aus Eisenstadt im Burgenland, zum Beispiel, preist auf seiner Webseite gut 5.000 verschiedene homöopathische Mittel an: Darunter sind Fundstücke wie die indische Kakerlake, Leopardenurin, die Muttermilch des Dackels oder die Käseschmiere von der Haut Neugeborener und: Cola Light. Alles ist sauber verschüttelt und sehr, sehr verdünnt und wird in Globuli aus Zucker feilgeboten. Allerdings, wenn es jetzt pressiert und der Chirurg das Messer am Bauch ansetzen muss, um uns rasch von unserem schmerzenden Appendix am Darm zu befreien, dann gibt es unter den 5.000 Mittelchen kein einziges, das uns in den für eine Operation nötigen Tiefschlaf versetzt. Vermutlich ist selbst der überzeugteste Homöopathie-Gläubige in dieser Situation recht froh darüber, dass Big Pharma proper wirkende Anästhetika entwickelt hat. Diese befördern uns in Sekundenschnelle zuverlässig ins Reich der Träume und holen uns erst dann wieder von dort ab, wenn die blutige Metzelei in unseren Eingeweiden erfolgreich über die Bühne gegangen ist und unsere Wunden gut versorgt sind. Das sind die Momente, in denen wir den kalten Apparaten der »Schulmedizin« und den Ärzten mit den scharfen und sterilen Messern vertrauen. Der Fernheiler, der sich gegen einen feinen »Energieausgleich« mordsmäßig auf unser Leiden zu konzentrieren verspricht, der hat in dieser Situation keinen Auftrag, und unsere Sozialversicherungsnummer ist ein wenig mehr wert als alle russischen Heilzahlen zusammen. Zusammengefasst: Das, was wir unter westlicher Medizin verstehen, was uns hilft, wenn wir krank sind und uns im Ex­tremfall das Leben rettet, ist nichts anderes als evidenzbasierte Medizin, und die ist das Maß der Dinge. Gurus und Scharlatane wissen das am besten. Sie erzählen es nur ihren Kunden nicht, aus verständlichen Gründen. Der brasilianische Wunderheiler João de Deus soll täglich bis zu mehreren Tausend Kunden geholfen haben – quasi im Vorbeigehen. Als er selbst an Magenkrebs erkrankte, gönnte er sich eine Privatklinik mit den besten Ärzten des Landes.

5 Religion spielt hier keine Rolle. Ich werde immer wieder kritisiert, dass ich etwas inkonsequent sei: weil ich zwar Esoterik und den Glauben an irrationale Heilmethoden kritisiere, nicht aber Religionen und deren irrationale Erzählungen. Da ist zunächst etwas dran. Diese Kritik nehme ich ernst, ich glaube, ihr aber begegnen zu können. Zugegeben: Ich glaube nicht daran, dass Moses das Rote Meer einfach so mithilfe seines Wanderstabs geteilt hat, dass Jesus Brot und Fische vermehrt hat, um ein Fest zu schmeißen. Dass der Prophet Mohammed mit einem Schimmel vom Tempelberg direkt in den Himmel geritten ist, halte ich für blühende Fantasie, das Konzept der Wiedergeburt bei den Buddhisten deute ich als recht nette Erbauungsphilosophie, mit der sich die Anhänger den Zustand der Welt schönreden. Auf die Wiederkehr des Messias warten – zumindest metaphorisch gesehen – Christen, Muslime und Juden in leicht unterschiedlichen Versionen, ich wünsche viel Geduld. Es gibt viele Gründe, Religionen zu kritisieren und zu hinterfragen. Mit Religionskritik, die zumal viel profunder ist, als meine Ausführungen hier sein können, beschäftigen sich kompetente Autoren. Fakemedizin blüht allerdings quer durch alle Milieus und Religionen. Religiosität der Akteure, so irrational sie im Wesen auch sein mag, ist kein Indiz dafür, dass die Person in medizinischen Fragen irrational handelt. Wir alle kennen Krankenhäuser, die von christlichen Orden oder von Diözesen geführt werden. Dort misst man der evidenzbasierten Medizin und einer Behandlung auf dem neuesten Stand der Wissenschaft einen ebenso großen Stellenwert zu, wie es in kommunalen, konfessionslosen Krankenhäusern der Fall ist. Ich kenne gläubige Christen und gläubige Muslime, die Ärzte sind. Die denken nicht einmal im Entferntesten daran, ihren Patienten Gebete oder Besuche von Kirchen, Moscheen oder Walfahrtsorten als Alternative zu echter Medizin und evidenzbasierten Therapien anzubieten. Gleichzeitig kenne ich ungläubige und an Religion völlig desinteressierte Menschen, die als Ärzte, Heilpraktiker oder Energetiker keinerlei Scham haben, ihren Patienten »alternativmedizinischen« Unfug aufzuschwatzen. Wenn es um Fakemedizin geht, ist Religion oder Religiosität mit Sicherheit nicht das Kriterium für Scharlatanerie. Dass im französischen Wallfahrtsort Lourdes Schindluder mit der Hoffnung gläubiger Kranker und deren Angehöriger betrieben wird, steht außer Frage. Derlei unwürdige Schauspiele werden aber auch von gläubigen Christen kritisiert. Und ehrlich gesagt: Pilgerreisen nach Lourdes sind – im Vergleich zu Pilgerreisen zu dubiosen Heilern – derzeit ziemlich out. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: Wenn eine Apotheke beginnt, ernsthaft heilsames Weihwasser aus einer Quelle wie Lourdes zu verkaufen – eine Welle der Empörung wäre wohl die Folge. Zuckerkugeln ohne Wirkstoffe hingegen haben den Sanctus der Apotheker- und Ärztekammern. Der Gesetzgeber bereitet seit Jahrzehnten seine schützenden Schwingen über den Unfug aus. Die schiebt der Apotheker mit lachendem Gesicht über den Tresen. Dass sich Glaubensgemeinschaften und Religionen diese Ungleichbehandlung gefallen lassen, spricht fast für deren Gutmütigkeit.

6 Bitte keinen Whataboutismus! Ich weiß, dass bei Ärzten und in Krankenhäusern vieles falsch läuft. Dass oftmals zu viele und zu starke Medikamente verschrieben werden, dass sich Ärzte zu wenig Zeit nehmen (können) für Patienten. Ich weiß, dass Krankenhauskeime ein enormes Problem darstellen, und dass sie Menschenleben kosten. Mir ist bewusst, dass es Kliniken gibt, die lieber einmal zu viel als einmal zu wenig operieren, weil es Geld bringt. Das alles sind keine Geheimnisse, derlei wird in wissenschaftlichen Studien aufgearbeitet, Gesundheitsökonomen und Sozialmediziner nehmen sich solcher Sachen an. Es gibt auch seriöse Literatur dazu. Doch die Tatsache, dass in der Medizin vieles falsch läuft, ist kein Argument dafür, dass in der Fakemedizin irgendetwas richtig läuft. Ich weiß, dass die Pharmaindustrie keine Wohlfahrtseinrichtung ist. Sie kümmert sich nicht darum, dass wir gesund sind. Sie kümmert sich darum, mit Medikamenten auf dem Markt erfolgreich zu sein. (Genauso wenig kümmert es die Automobil- oder die Erdölindustrie, ob wir unsere Eltern auf dem Land besuchen können, und genauso wenig sorgt sich die Lebensmittelindustrie darum, dass wir satt sind. Die Automobilindustrie versorgt uns lediglich mit Autos, die wir glauben besitzen zu müssen, die Erdölindustrie versorgt uns mit dem Sprudel, der die Autos fahren lässt, und die Lebensmittelindustrie bedient den Markt mit Leckereien, von denen sie zu Recht annimmt, dass sie uns schmecken und dass wir sie kaufen.) Und nachdem es weder bei Arzneien, Autos und Lebensmitteln ein Monopol gibt, strengt sich die Industrie an. Die Autos müssen tatsächlich fahren, die Bremsen müssen funktionieren, Wurst und Käse müssen uns tatsächlich schmecken, und Arzneimittel heilen tatsächlich Krankheiten und lindern Leiden. Wäre das nicht so, würden sie am Markt nicht bestehen können. Auch mit den Praktiken der pharmazeutischen Industrie beschäftigen sich seriöse Kritiker. Der pharmazeutischen Industrie muss – wie allen anderen Industrien und mächtigen Konzernen – auf die Finger geschaut und geklopft werden. Sie muss wie alle anderen Industrien kritisiert werden, und sie wird das auch. Allerdings: Niemand spielt der Pharmaindustrie einen Streich, wenn er anstelle von Medizin Fakemedizin konsumiert. Er agiert lediglich wie jemand, der sein Auto mit Fanta anstelle von Benzin betankt, um es der Automobil- und Erdölindustrie zu zeigen.

7 Ich habe nichts gegen ganzheitliche Medizin. Mir gefallen nur die Leute nicht, die diesen Begriff missbrauchen. Eine ganzheitliche Medizin betrachtet den Menschen aus möglichst vielen Facetten seines Seins und bezieht diese in die Behandlung und Heilung mit ein. Eine ganzheitliche Medizin erfasst Krankheiten im Kontext von sozialen Lebensumständen, Umwelt und Persönlichkeit. Eine ganzheitliche Medizin erkennt, dass die Kopfschmerzen alleinerziehender Mütter, die sich mit prekären Jobs über Wasser halten müssen, und die Kopfschmerzen wohlbestallter Hofratswitwen aus dem Cottage-Viertel nur bedingt über einen Kamm geschoren werden können. Eine ganzheitliche Medizin ist sich darüber im Klaren, dass gegen chronische Atemwegserkrankungen in Millionenstädten, in denen die Sonne wegen des Smogs monatelang nicht zu den Menschen durchdringt, nicht nur tolle, neue Medikamente indiziert sind. Eine ganzheitliche Medizin erkennt den Menschen als Individuum, dessen Psyche selbstverständlich mit seiner Physis korrespondiert. Einer ganzheitlichen Medizin fehlt dafür – und das wissen wir alle – vor allem die Zeit, und oftmals auch die nötige Empathie der Ärzte. In diese Bresche springen die Anbieter von Fakemedizin mit Verve. Sie nehmen sich Zeit, lassen sich diese entgelten und nutzen sie, um ihren Tand und ihren faulen Zauber an den Mann und an die Frau zu bringen. Fernheilung gegen Vorauskasse, Zuckerkugeln aus der Apotheke und QR-Codes gegen Haarausfall und Heilsymbole gegen Corona sind trotzdem kein Beitrag zu einer ganzheitlichen Medizin. Dass unser Medizinsystem und die Kommunikation mit dem Kranken Defizite aufweist, bedeutet nicht, dass Scharlatanerie einen Beitrag zu einer ganzheitlichen Medizin leistet.

8 Fakemedizin hat mit Naturheilkunde nichts zu tun. Fake­medizin ist weder sanft, alternativ oder ganzheitlich, und sie ist ebenso wenig natürlich. Humbug ist kein Teil der ­Natur, so sehr sich die Anbieter des Humbugs auch in diese hineinzu­reklamieren versuchen. Vor allem die fakemedizinische Königsdisziplin Homöopathie hat der Öffentlichkeit in den letzten Jahrzehnten erfolgreich die Erzählung geprägt, als »Naturheilkunde« eine Alternative zur angeblich sterilen und kalten Medizin zu sein. Stimmige Bilder wurden mitgeliefert: Kaum eine Publikation zur Homöopathie kommt ohne Blätter tiefgrüner Pflänzchen aus, über die Tautropfen kullern, die inhaltslosen Zuckerkugeln der Disziplin werden geschickt daneben drapiert. Allerdings gilt auch hier die unromantische Feststellung: Wo nichts drinnen ist, ist auch keine Natur drinnen. Natürlich gibt es wirksame Naturheilmittel und Phytopharmaka – vom Salbeitee gegen Halsschmerzen bis zum Beifuß, dessen Extrakte gegen Malaria helfen. Die Natur ist Teil der Medizin, nicht der Fakemedizin.

9 Kranke tragen keine Schuld. Wer vom Jugendalter an täglich 30 Zigaretten inhaliert, darf sich im Alter nicht beklagen, wenn die Lunge sich schwer beleidigt zeigt. Das wissen wir und wohl auch der Betroffene. Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass das kein Grund ist, dem Lungenkranken eine bestmögliche Behandlung zu verweigern. Vermutlich kennen wir alle in unserem Freundes- und Bekanntenkreis Menschen, die von einer Krankheit betroffen sind, für die es keine kausale Erklärung gibt. Hautkrebs bei Menschen, die sich nie unnütz der Sonne ausgesetzt haben, ein Schlaganfall, der einen 40-jährigen Nichtraucher von den Beinen holt, der immer Sport getrieben, kaum Alkohol getrunken und gesund gegessen hat. Diese Geschichten schreibt das Schicksal. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Krebserkrankungen in 29 Prozent der Fälle auf Umweltbedingungen und Lebensstil zurückzuführen sind, in nur fünf Prozent der Fälle hat die Erkrankung genetische Ursachen. In 66 Prozent der Fälle erfolgen die Krebsmutationen durch Zufall während der Zellteilung.2 Diese zwei Drittel sind ein gefundenes Fressen für die Fakemediziner. Nicht weil sie eine Therapie für die Erkrankung hätten, sondern weil sie die Krankheit bedeutungsschwer einem Defizit im geistigen Mindset des Menschen zuschreiben. Der Erkrankte darf sich dann nicht nur über ein bei ihm diagnostiziertes Karzinom den Kopf zerbrechen, sondern auch über den Beitrag seines unzulänglichen Denkens und Geists dazu. Sehr hemdsärmelig geht der Kalauer-Mediziner Rüdiger Dahlke in seinen zahlreichen Büchern an die Sache heran. Egal ob Schnupfen oder Krebs, Dahlke hat eine flache Metapher parat. Bei Brustkrebs ortet Dahlke jovial einen »Egotrip« der Zellen, der durch eine Vernachlässigung der Prinzipien »Versorgung von Kindern und Familie« oder »im Bereich Beziehung und Partnerschaft« begründet sei.3 Mit anderen Worten: Die Frauen sind selbst schuld am Krebs mit der Vernachlässigung ihrer Rolle als Frau. Auf die Spitze treibt die Schuldzuweisung die anthroposophische Medizin, die Krankheit im Wesentlichen als karmische Notwendigkeit betrachtet. Krankheit sei die Konsequenz aus einem imaginären, früheren Leben des Kranken. Das Durchmachen der Krankheit sei die Chance, das schlechte Karma zu verarbeiten. Das klingt so wunderbar tiefsinnig und ist nichts anderes als zynische Menschenverachtung: Wer krank ist oder an einer Krankheit stirbt, hat es aus Sicht der Anthroposophen auch verdient: »Blame the Victim« (»Gib dem Opfer die Schuld«) nennt man diese Attitüde, sie ist widerlich.

10 Dieses Buch ist politisch. Fakemedizin ist ein Angriff auf die Wissenschaft – und auch das hat mich zu dem Buch motiviert. Ein Angriff auf die Wissenschaft ist – auch wenn das pathetisch klingt – immer auch ein Angriff auf die Demokratie. Der wissenschaftliche Diskurs und die redliche Argumentation sind Populisten ein Dorn im Auge. Für Populisten ist wahr, was massentauglich ist. Das Johlen ersetzt den Peer-Review, die platte Parole die Diskussion samt ihren Zwischentönen. Dass Populisten des rechten und rechtsextremen Spek­trums oftmals ein Herz für Fakemedizin haben, kommt nicht von ungefähr. Der ehemalige US-Präsident Donald Trump hat die Fake News von Autismus, der angeblich durch Impfungen hervorgerufen werde, verbreitet. Ganz offensichtlich wurde ein Schulterschluss von Rechtsextremisten, Impfgegnern und Vertretern der Neuen Germanischen Medizin bei den Demonstrationen gegen die vermeintliche Corona-Diktatur, die seit April 2020 ihr Unwesen treiben. Eine ideologiefreie Impfkritik gibt es nicht. Wer Krankheiten als Resultat schlechten Karmas betrachtet, agiert politisch. Ich erlaube mir, auf politische Hintergründe des Phänomens und der Anbieter von Fakemedizin hinzuweisen. Das bedeutet nicht, dass ich alle, oftmals arglosen Nutzer, damit gleichsetze. Nicht alle Spielarten der Fakemedizin haben einen offensichtlichen politischen Hintergrund, fast alle sind aber mit politischen Hintergründen aufgeladen. Über eines müssen wir uns aber im Klaren sein, und das auszusprechen darf auch den freudigen Anwendern von Fakemedizin zugemutet werden: Es gibt nichts Politischeres als die Dummheit!

Es gibt keine »Alternativmedizin«

»Schulmedizin«. Das Wort fällt so sicher wie das Amen im Gebet, wenn wir mit schlauen Anbietern oder überzeugten Kunden der »Alternativmedizin« diskutieren. Der Hardcore-Anwender »alternativer« Heilmethoden wird bei dem Begriff ein wenig die Nase rümpfen, die »Schulmedizin« verteufeln oder sie zumindest rundum ablehnen. Der gemäßigte User oder Anbieter wird der »Schulmedizin« generös einen Bereich zuweisen, in dem sie neben der »sanften« oder »alternativen« Medizin »auch ihre Berechtigung« hat. Das geschieht meistens dann, wenn wir höflich darauf hinweisen, dass die neue Hüfte der Oma, die ihr plötzlich wieder schmerzfreies Gehen ermöglicht, kaum mit Aurachirurgie implantiert werden konnte. Wer auf sanfte Medizin schwört, kann bei einer Hüftoperation, die ein durchaus blutiges Gemetzel sein kann, maximal mit großen traurigen Augen zusehen. Der Esoteriker versucht sich dabei in der Regel mit diesem Kalauer aus der Bredouille zu ziehen: »Ja, da ist die ›Schulmedizin‹ eh gut, aber ...«

Der Haken an der Sache: Es gibt kein »Aber«, und es gibt keine »Schulmedizin«. Dass wir das Wort heute in vielen Fällen unbedacht verwenden und dass dies auch Vertreter der evidenzbasierten Medizin hie und da tun, ist ein Erfolg der »Alternativ­medizin«, die es so pauschal ebenfalls nicht gibt. Der Begriff »Schulmedizin« hat zudem eine sehr bedenkliche Geschichte.

Den Vermarktern der »Alternativmedizin« ist mit der Etablierung des Begriffspaars »Alternativmedizin« und »Schulmedizin« als weithin akzeptierte Antipoden ein großer Wurf gelungen, das müssen wir neidlos anerkennen. Die begriffliche Dichotomie erzeugt den Anschein, dass es eine »Alternativmedizin« gebe, die auf Augenhöhe mit der echten Medizin agiere. Natürlich sind die Begriffe »Alternativmedizin« und »Schulmedizin« Unsinn. Es lässt sich ganz einfach auf den Punkt bringen: Wenn eine Operation, ein Medikament, eine Therapie oder jede andere Form psychischer oder physischer Intervention wirkt – und zwar nachweislich –, dann sprechen wir von Medizin. Das kann die neueste Chemotherapie sein oder der Käsepappeltee gegen Magenschmerzen. Das kann Hühnersuppe bei Erkältungen sein oder das Antibiotikum gegen Borreliose nach einem Zeckenbiss. Wenn etwas nicht über den Placeboeffekt hinauswirkt, dann ist das keine »sanfte« Medizin oder »Alternativmedizin«, sondern Fakemedizin oder schlichtweg: keine Medizin. Dieses Wort bringt den Sachverhalt einfach besser auf den Punkt.

Mancher Leser wird jetzt einwenden, dass die Nachbarn darauf schwören, dass Globuli bei den Kindern bei Ohrenschmerzen immer helfen würden, dass die Bachblüten-Notfalltropfen den Hund zu Silvester immer beruhigen, wenn draußen das Silvesterfeuerwerk tobt, und dass Hunderttausende Menschen, denen der Wunderheiler João de Deus in den letzten Jahrzehnten in Brasilien ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit und Heilung geschenkt hat, nicht irren können. Um das aufzuklären, müssen wir uns mit ein paar Phänomenen und Begriffen auseinandersetzen: Placebo, Anekdote, Evidenz.

Evidenz in der Medizin sagt nichts anderes aus, als dass eine Wirksamkeit empirisch nachgewiesen werden kann. Dieses Prinzip stellt sicher, dass nur Medikamente und Therapien zugelassen werden, die ihre Wirksamkeit beweisen können. Empirie und Evidenz sind der Pseudomedizin ein Dorn im Auge, weil sie die Grundlage ihrer eigenen Beweisführung bloßstellen: die Anekdote. Wie bereits erwähnt: Wenn die Nachbarn darauf schwören, dass die Kinder bei Ohrenschmerzen irrsinnig gut auf Globuli ansprechen, ist das eine Anekdote. Sie ist subjektiv geprägt und naturgemäß beeinflusst von Erwartungshaltungen und der persönlichen Präferenz der Person, die Auskunft gibt: Wer bei Kindern mit Ohrenschmerzen Homöopathie einsetzt, wird selbstverständlich eine Wirkung bezeugen – vor allem weil er weiß, dass Homöopathie mehr als umstritten ist. Alles andere würde ja das Eingeständnis bedeuten, bei seinen Kindern mit wirkungslosen Mitteln herumzudoktern. Das gilt für die Kunden von jedwedem esoterischen oder pseudomedizinischen Tand. Wer sich teure und wirkungslose Bioresonanz-Geräte kauft, lügt sich gern selbst und auf Anfrage auch andere an. Wer das nicht tut, gibt ja zu, einem teuren Schmäh aufgesessen zu sein. Das will niemand, und das ist das Erfolgsrezept der Fakemedizin. Sie sorgt dafür, dass sich ihre Kunden mit ihr gemein machen, sie gegen Zweifel und Kritik verteidigen. In der Werbebranche gilt: Von einem durchschlagend erfolgreichen Marketing spricht man dann, wenn die Kunden freiwillig und mit Überzeugung den überhöhten Preis oder das Unnütze eines Produkts verteidigen.

Evidenz und Empirie stellen sicher, dass persönliche Erwartungen und Präferenzen bei den Versuchen und Studien, die eine Wirksamkeit beweisen sollen, keine Rolle spielen. Dafür sorgt eine sorgfältige und im Idealfall doppelte Verblindung. Ein Beispiel, sehr vereinfacht dargestellt: Wenn 200 Probanden ein neues Arzneimittel gegen Kopfschmerzen testen, erhalten 100 Probanden ein Placebo ohne Wirkstoffe und 100 Probanden ein Verum – ein Präparat mit Wirkstoffen. Die Verblindung ist ideal, wenn nicht nur der Proband, sondern auch der Arzt und der Apotheker nicht wissen, ob an den Probanden ein Placebo oder ein Verum ausgegeben wird. Die Auswahl erfolgt per Zufall. Die Auswertung erfolgt von Personen, die Placebo und Verum codiert haben und im Setting der Beratung, Medikation und Abgabe der Mittel gar nicht mit den Probanden in Kontakt kommen. Damit fallen persönliche Vorbehalte oder auch hohe Erwartungen der Testpersonen gegenüber dem Medikament weg.

Der Proband hat zwangsweise ein Vorurteil gegenüber einem Medikament. Er wird entweder sagen, das wird wieder nicht viel helfen bei meinen Kopfschmerzen, oder er wird sagen: Hoffentlich ist das mal ein Medikament, das hilft. Eine völlig neutrale Position ist unrealistisch, und das ist auch menschlich. Der Vergleich zwischen Verum- und Placebo-Gruppe bügelt diese bestehenden Vorbehalte aus. Wer ein Placebo bekommen hat und eine positive Wirkung bekundet, scheidet als Referenz für die Wirksamkeit natürlich aus.

Um als Medizin zugelassen zu werden, muss das Medikament natürlich in der Verum-Gruppe signifikant bessere Werte erzielen. Gleichzeitig werden in der Versuchsanordnung die echten Nebenwirkungen des Medikaments erfasst. Die Erfahrung zeigt, dass Personen nach Einnahme eines Medikaments sehr oft über Magenschmerzen, Schwindel oder Unwohlsein klagen. Das beruht auf Erfahrungen, die man tatsächlich mit Medikamenten gemacht hat, weil es diese Nebenwirkungen natürlich gibt oder weil man davon gehört hat, dass sie häufig vorkommen. Dass diese vermuteten Nebenwirkungen auch bei Probanden auftreten, die nur ein Placebo erhalten haben, ist der Beweis für den gleichnamigen Effekt. Beschwerden, die das Medikament allerdings wirklich und spezifisch hervorruft, müssen in der Verum-Gruppe natürlich signifikant höher vorkommen als in der Placebo-Kon­trollgruppe. Und vor denen warnen uns die Hinweise auf Nebenwirkungen im Beipacktext echter Medikamente.

Um es auf den Punkt zu bringen: Keine einzige »alternativ­medizinische« Methode wird in einer seriösen Versuchsanordnung, mit der die Wirksamkeit von Mitteln oder Behandlungen festgestellt werden kann, ein Ergebnis erzielen, in der das getestete Medikament in der Verum-Gruppe ein besseres Ergebnis zeigt als jene der Placebo-Gruppe. Oder noch besser gesagt: Jeder Schwachsinn, den wir uns auszudenken imstande sind, und der mit dem Brimborium von Medizin oder Heilung versehen wird, kann einen Placeboeffekt bewirken.

Lassen wir unsere Fantasie spielen: Wenn Sie Bauchschmerzen haben und Ihrem Arzt vertrauen und er Ihnen sagt, dass sie zu Hause im Garten Senftuben an Apfelbäume nageln sollen, dann kann sich bei einem Teil von Anwendern durchaus ein Placebo­effekt einstellen. Das beweist allerdings nur, dass es einen Placeboeffekt gibt. Es beweist nicht, dass Senftuben an Apfelbäumen etwas bewirken. So einfach ist das. Ein Placeboeffekt ist kein Beweis für die Wirksamkeit von Globuli, Fernheilungen, Aurachirurgie oder schamanischen Räuchereien. Er ist vielmehr der Beweis für ihre Wirkungslosigkeit.

Pseudomediziner und deren Anhänger, just wenn sie argu­men­tativ in die Ecke getrieben werden, weisen gern darauf hin: Es sei doch wunderbar, dass es den Placeboeffekt gebe, die »Schulmedizin« verstehe das nicht, natürlich könne man sich den Placebo­effekt zunutze machen und so weiter. Das ist Unsinn. Der Placebo­effekt ist Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, und wir kennen ihn aus der Praxis: Wenn uns nach einer durchzechten Nacht der Kopf gewaltig brummt und wir unser Leid mit einem Aspirin ein wenig zu lindern versuchen, stellt sich die Wirkung des Medikaments oftmals schneller ein, als das Medikament tatsächlich wirken kann. Bis der Wirkstoff ins Blut gelangt und dort verteilt ist, wo er benötigt wird, dauert es nämlich länger. Wer jetzt den Schluss zieht, nur noch Placebos zu schlucken, wenn es wo zwickt, sitzt leider einem Trugschluss auf. Auf die Dauer und vor allem, wenn es darauf ankommt, lässt sich der Körper leider nicht so leicht belügen.

Nochmals zurück zur Begrifflichkeit. Es gibt keine »Alternativ­medizin«, ebenso wenig wie es eine Alternativphysik gibt. Auch wenn Sie ganz fest dran glauben. Aber wenn wir mit dem Auto gegen eine Mauer knallen, dann gelten Newtons Gesetze von der Trägheit der Masse, ganz ohne Zweifel. Das ist der Grund dafür, dass wir uns im Auto angurten. Es gibt auch keine Alternativbiologie, die Erdbeeren im Schnee gedeihen lässt, und keine Alternativgeografie.

Okay, die gibt es, wie bereits erwähnt, doch. Die Flat-Earther wehren sich tapfer und mit allen Mitteln und Tricks der naturwissenschaftlichen Argumentation dagegen, die Erde als Kugel zu akzeptieren. Bislang scheitern sie an der Beweisführung, und bis es so weit ist, dass die Scheibenform der Erde tatsächlich bewiesen ist, beobachten wir diese Leute mit Staunen und Faszination. Einen Grund dafür, ihnen an den Instituten für Geografie einen Lehrstuhl für Flache-Erde-Theorien zu überlassen, gibt es allerdings nicht.

Die Medizin ist eine recht pragmatisch agierende Wissenschaft. Sie sucht sich aus dem Potpourri der Naturwissenschaften zusammen, was sie benötigt. Der Anästhesist stünde ohne Chemie auf verlorenem Posten, kein Medikament könnte entwickelt werden ohne die Grundlagen der Biologie, die Behandlung abgenützter Bandscheiben wäre ohne die Basics der Physik schwierig. Und sogar die Materialwissenschaftler von der Technischen Universität, die ansonsten an Leichtbauteilen für Flugzeuge tüfteln, können mit ihrer Expertise ein wenig dazu beigetragen, haltbare und verträgliche Legierungen für die bereits angesprochene künstliche Hüfte unserer Großmutter zu entwickeln. Und natürlich vergessen wir nicht die Psychologie, die ein wenig zu erhellen vermag, was sich in unserem Kopf abspielt, wenn wir mit Krankheiten kämpfen. Die Psychosomatik ist weder aus der medizinischen Forschung noch aus der Praxis wegzudenken. Kein ernst zu nehmender Mediziner leugnet die Bedeutung unseres Denkens, unsere Lebenseinstellung, psychischer und sozialer Umstände für die Entstehung von Krankheiten und für die Genesung.

Der Begriff »Schulmedizin« wäre – wenn überhaupt – auf die Homöopathie anzuwenden. Die Homöopathie beharrt nämlich auf den Prinzipien, die ein Arzt vor mehr als 200 Jahren postulierte, so, als hätte sich die Welt seit damals nicht mehr weitergedreht. Würde die Medizin ähnlich wie die Homöopathie einer Schule im Wort sein, dann wünsche ich uns viel Spaß im Krankenhaus: Dann würden wir heute bei fast allen Krankheiten mit den Therapien der Zeit vor 200 Jahren behandelt werden. Die waren in der Regel grauslich, schmerzhaft und nicht wirksam: Aderlass, künstlich herbeigeführtes Erbrechen und durch allerlei Mittelchen provozierte Durchfälle. Wir können beruhigt sein, in den letzten 200 Jahren hat sich einiges getan in der evidenzbasierten Medizin.

Was heißt eigentlich »Schulmedizin«?

1832 tauchte die Bezeichnung »Mediziner der Schule« erstmals auf. Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, bezeichnete damit abfällig Ärzte, die seiner Theorie nicht folgen wollten. Hier sei eine kleine Fußnote gestattet. Im Vergleich zu dem, was die »Schulmedizin« zur Zeit Hahnemanns an Therapien offerierte, war die Homöopathie durchaus ein Fortschritt. Besser als Patienten sich die Seele aus dem Leib zu kotzen und sie zur Ader zu lassen, waren die wirkungslosen Mittel Hahnemanns wohl allemal.

Das von Homöopathen geprägte Wort »Schulmedizin« erhielt durch den Nationalsozialismus einen neuen und durchaus nachhaltigen Drive. Ein kurzer Disclaimer: Ich verfolge mit den Ausführungen auf den folgenden Seiten nicht die Absicht, Anwender oder Kunden von Fakemedizin in ein rechtes Eck zu stellen. Was ich den Lesern nicht ersparen kann, ist der Nachweis dafür: Das Wort »Schulmedizin« hat eine eindeutige Geschichte, und wir müssen uns davon verabschieden, den Begriff wertneutral verwenden zu können.

In den Jahrzehnten, in denen die Nazis ihre rassistischen Ideen zu spannen und die braunen Truppen ihre Stiefel zu schnüren begannen, gelangen der medizinischen Forschung bahnbrechende Entwicklungen. Paul Ehrlich gelang im Jahr 1909 die erste medikamentöse Behandlung von Syphilis – das war der Grundstein für das, was wir heute als Chemotherapie kennen. 1923 wurde der erste Impfstoff gegen Diphterie entwickelt. Die Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming in den späten zwanziger Jahren kam ein gutes Jahrzehnt zu spät – es hätte in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs hunderttausenden Verwundeten das Leben gerettet.

Der Blut- und Boden-Ideologie der Nazis war die Medizin und deren Forschung allerdings suspekt. Sie entsprach nicht dem, was die vermeintlichen Herrenmenschen von einer Medizin erwarteten: Eine Medizin habe, so der perverse Gedanke der Braunhemden, der arischen Rasse zugutezukommen und ganz besonders dem deutschen Volk. Dass an den Universitäten viele jüdische Mediziner erfolgreich wirkten, verstärkte den Hass der Nazis auf die Wissenschaft.

Was die Medizin in jener Zeit erforschte, hatte das Potenzial – auch wenn es etwas pathetisch klingt –, der gesamten Menschheit von Nutzen zu sein. Bakterien und Viren scheren sich bekanntlich einen Dreck um die Nation des Körpers, in dem sie sich ausbreiten, und das Blut kennt definitiv weder eine überlegene noch eine minderwertige Rasse. Die Schutzimpfung für den Arier in den Kolonien schützte auch den »Buschmann«, und ein »Primitiver« – so er geimpft wurde – schützte den deutschen Herrenmenschen.

Doch die Nationalsozialisten erwarteten etwas ganz anderes von der Medizin: Forschung für den deutschen »Volkskörper« und nicht für angeblich unterlegene Völker. Die wissenschaftliche Medizin stand unter den Nationalsozialisten schnell als »verjudete Schulmedizin« am Pranger. Konnte kein jüdischer Forscher als Hintermann einer Entwicklung ausfindig gemacht werden, tat es auch der Begriff »marxistische Schulmedizin«, um die aus der Sicht der Nazis nivellierende Heilkunde und sozialmedizinische Ansätze zu diskreditieren.

Wir ahnen es: Die Nazis entwickelten ein Faible für »Alternativmedizin«. 1933 verkündete Reichsärzteführer Gerhard Wagner im Deutschen Ärzteblatt die »häufige Überlegenheit« der »Alternativmedizin« gegenüber der »Schulmedizin«. Der deutsche Arzt und Autor Erwin Liek – ein glühender Anhänger von Euthanasie und Eugenik – brachte das Credo der willfährigen Mediziner seiner Zeit auf den Punkt: »Es ist mein Glaube, dass das deutsche Volk berufen ist, nach und nach eine ganz neue, rein deutsche Heilkunst zu entwickeln.«4 In dieser sollten »das Heilwissen der Heilpraktiker und das Heilwissen der ›Schulmediziner‹« eine neue Synthese eingehen.

Das kommt uns bekannt vor. Der Begriff »Schulmedizin« kommt heute ohne den Zusatz »verjudet« aus, pejorativ verwendet wird das Wort dennoch. Das Wort »Schulmedizin« hat den Anspruch darauf, ideologiefrei verwendet zu werden, verloren. Auch dann, wenn Homöopathiefreunde, anthroposophische Ärzte und die sprichwörtliche Anti-Vax-Mom aus dem Boboviertel es ideologiefrei verwenden wollen. Zwischen den Zeilen und in unterschiedlichsten Chiffren schwingt bei der Abneigung gegen die »Schulmedizin« oftmals mit, was die Nazis der »verjudeten Schulmedizin« vorwarfen.5

Das ist vielen, die den Begriff »Schulmedizin« verwenden, natürlich nicht bewusst. Treibt man es auf die Spitze, so lassen sich auch ideologische Gemeinsamkeiten im Denken von Fakemedizin und Nationalsozialismus feststellen: Die Feindseligkeit gegenüber Wissenschaftlichkeit und Evidenz und die Nonchalance im Umgang mit Fakten. Eine bizarre Fußnote des braunen Wissenschaftsverständnisses macht das deutlich: Die Nazis haderten nicht nur mit der »Schulmedizin«, sondern tatsächlich auch mit der »Schulphysik«. Der »jüdischen Relativitätstheorie« Albert Einsteins wollte man eine »arische Physik« entgegenstellen, die auf dem »unverbildeten deutschen Volksgeist« beruhen sollte. Wer heute Einstein infrage stellt oder auch nur das Wort »Schulphysik« verwendet, wird wohl bei jedem Frühschoppen dieser Welt aus der Gaststube gelacht.

Der »unverbildete Geist«, den die Nazis ersehnten, taucht immer wieder auf. Der österreichische Allgemeinmediziner Klaus Bielau behauptete im Sommer 2019 in einer ORF-Dokumentation zum Thema Impfen allen Ernstes, »aus einer konsequent ganzheitlichen Sicht gibt es die Theorie der Ansteckung nicht«.6 Bielau ist – und das ist bezeichnend – überzeugter Impfgegner. Dieses Soziotop stellt – im übertragenen Sinn – so etwas wie den »bewaffneten Arm der ›Alternativmedizin‹« dar. Die Schnittpunkte der Seuchenfreunde mit der rechten Szene sind bestens dokumentiert. Impfgegner aus alternativen, grünen und veganen Milieus reagieren in der Regel verschnupft bis empört, wenn sie auf diese Geistesverwandtschaft angesprochen werden. Allerdings gedeiht die Attitüde der Seuchenfreunde nicht im ideologischen Vakuum. Die Anti-Vax-Mom der Gegenwart, die ihr Kind mit keinem »Giftcocktail« von Big Pharma »vollspritzen lassen« will, stand schon 1933 Modell – in einem Sonderdruck des Nazi-Hetzblatts Stürmer. Die Anti-Vax-Mom der Nazis ist blond und hält ein deutsches Baby auf dem Arm. Der »naturferne und verirrte Mediziner« hat eine Spritze in der Hand und eine Hakennase, und er lächelt offenkundig verlogen. Der Stürmer legt der Frau die Worte in den Mund: »So ist mir sonderbar zumut – Gift und Jud tut selten gut.«

Impfungen gegen ansteckende Krankheiten sind Medizin und Signal zugleich: Der »Untermensch« schützt den »Arier« und vice versa, der Starke und Gesunde übt sich in Solidarität gegenüber dem Schwachen und Verletzlichen. Der Herdenschutz ist den Nazis suspekt, weil die Herde weitaus größer ist als das, was sie als eigenes »Volk« und daher als schützenswert ansehen. Der Rechte wünscht sich die Auslese der Lebensunwerten durch die Natur, was uns nicht umbringt, macht uns stärker. Das vulgär-darwinistische Denken hat überdauert. Wer heute in »impfkritischen« Foren Diskussionen verfolgt, wird das entlang zweier Phänomene beobachten: am Zynismus, der Kranken gegenüber gezeigt wird, und an einer bizarren Verklärung von Krankheit.

Maserntote von heute sind nicht etwa Opfer einer Impfmüdigkeit, die von den Seuchenfreunden und derer hartnäckiger Anti-Impf-Propaganda mitverursacht wurde. Die Opfer hätten – Impfungen hin oder her – ohnehin eine zu »schwache Konstitution«. Mit anderen Worten: Die Natur putzt aus, die Schwachen bleiben zurück und werden aussortiert. Die Krankheiten der eigenen Kinder werden als Stahlbad eines natürlichen Erwachsenwerdens verklärt.

Ganz offen antisemitisch argumentieren heute die Anhänger der »Germanischen Neuen Medizin« (GNM). Die Juden – so der geschmacksbefreite Narrativ dieser Esoterik-Sekte – würden mit Impfungen und Chemotherapien einen »Holocaust am Deutschen Volk« begehen. Bei sich selbst und daheim in Israel hüteten die Juden sich vor dem Teufelszeug – behaupten zumindest die Jünger des im Jahr 2017 verstorbenen Gurus Ryke Geerd Hamer. Die »GNM« mag eine »alternativmedizinische« Randgruppe mit zahlenmäßig relativ wenigen Anhängern sein. Die Lehre Hamers wird allerdings auch von »gemäßigten« Alternativmedizinern wohlwollend zitiert. Der Autor und Guru Rüdiger Dahlke schreibt, dass seine »Krankheitsdeutungen« zu »drei Viertel« mit Hamers Thesen übereinstimmen. Dahlke ist nicht irgendjemand. Er ist Bestsellerautor und hat sich mit flachen Metaphern zu schweren Krankheiten einen Namen gemacht – je nach Sichtweise – als Doyen »alternativmedizinischer« Weisheit oder als banaler Kalauer-Mediziner.7 Dahlke empfiehlt der »Schulmedizin« generös eine »vorbehaltlose Überprüfung der Thesen Hamers«. Wir empfehlen, das Wort »Schulmedizin« samt seines Ballasts auf dem Misthaufen der Geschichte zu entsorgen. Wir haben ein wunderschönes Wort für Arzneien und Behandlungen, die wirken und helfen: Medizin.

1 per E-Mail, 4. September 2020

2 C. Tomasetti/B. Vogelsterin, Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions, 2015

3 R. Dahlke, Krankheit als Symbol, 1996, S. 37

4 W. Gerabek, Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin/New York, 2004, S. 47

5 https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/schulmedizin-und-arische-physik/

6 ORF 1, Immun gegen Fakten. Die wundersame Welt der Impfgegner, 22. April 2020

7 https://youtu.be/oIICv4ln44Q ODER: Welt im Wandel TV, Rüdiger Dahlke, Krankheit als Sprache der Seele, 6. Oktober 2015

Warum funktioniert der faule Zauber?

Das hätten wir geklärt: Es gibt also keine »Alternativmedizin«, und mit dem Begriff »Schulmedizin« samt seiner ideologischen Last haben wir aufgeräumt. Was nachweislich hilft und heilt, ist Medizin, was nicht hilft oder keine Wirkung hat, ist Fakemedizin. Mit diesen Feststellungen sind die Würfel aber noch nicht gefallen, wir können die Augen nicht vor der Realität verschließen. Fakemedizin wird nachgefragt, sie ist erfolgreich am Markt und in aller Munde, sie wird in den Medien oftmals kritiklos als sanfte Alternative präsentiert und gelobt.

Fakemedizin wird aber nicht deswegen nachgefragt und angewandt, weil sie wirksam oder erfolgreich wäre. Fakemedizin erfüllt offensichtlich Bedürfnisse, die außerhalb des objektiv Feststellbaren und Messbaren liegen, und die nichts mit Heilung zu tun haben,

Das »wilde Denken« lässt uns nicht los

Kehren wir noch einmal kurz zu den eingangs erwähnten Zande im zentralafrikanischen Südsudan zurück. Wir müssen dazu eine kleine Zeitreise unternehmen und uns in ein Afrika vor knapp 100 Jahren zurückdenken. Irgendwo an der Wasserscheide der beiden Ströme Nil und Kongo lebten und leben die Zande. Das Dreiländereck von Zentralafrikanischer Republik, dem Südsudan und der Repu­blik Kongo ist auch heute noch ein wenig abseits gelegen. Die Zande waren vor knapp 100 Jahren jedenfalls noch eine Gesellschaft ohne nennenswerte Kontakte zur sogenannten Zivilisation, wie wir sie kennen. Auch nachdem die Kolonialmächte ihre Pflöcke in die rote Erde des schwarzen Kontinents schlugen und die Kirchen ihre ersten Missionen eröffneten, ging es im Land der Zande sehr langsam voran mit der Modernisierung. Vor nicht ganz 100 Jahren verbrachte der britische Ethnologe Edward Evan Evans-Pritchard zwei Jahre bei den Zande. Er war es auch, der den Zauber des Medizinmannes beobachtete, der den Sonnenuntergang mit einem Stein in einer Astgabel verzögern wollte. Und das war beileibe nicht der einzige Zauber, den der Forscher bei den Zande dokumentierte. Evans-Pritchard hielt fest: »Mangu, Hexerei, das war eines der ersten Worte, die ich bei meinem Aufenthalt im Zandeland hörte. Und von nun an sollte ich es jeden Tag hören.«1

Dieses Schicksal teile ich mit dem britischen Sir. Ich höre auch jeden Tag etwas von Mangu. Bei uns heißt Mangu Homöopathie, Bioresonanztherapie oder Informationsmedizin.

Evans-Pritchard schrieb nach seinem Aufenthalt im Südsudan das Buch Hexerei, Magie und Orakel bei den Zande, es gilt als Meisterwerk der Ethnologie. Das 1937 erschienene Werk ist aus mehreren Gründen interessant: Evans-Pritchard begegnet den Objekten seiner Forschung mit Respekt. Das ist beachtlich für die damalige Zeit. Der Ethnologe beschreibt die Zande als ausgesprochen heitere und freundliche Menschen, mit denen es sich gut plaudern lässt. Er begegnet seinen Forschungsobjekten auf Augenhöhe und kanzelt die Zaubereien und Hexereien, von denen die Zande ausführlich und gern erzählen, nicht als Zeugnisse von »Primitivität« oder »Wildheit« ab.

Allerdings, und das ist der ganz entscheidende Punkt: Obwohl er die Praktiken der Medizinmänner und der Hexer detailliert schildert, gibt Evans-Pritchard niemals zu verstehen, dass er der Zauberei und dem Wirken der Medizinmänner Glauben schenkt. Später sollte man Evans-Pritchards bahnbrechende Arbeit so charakterisieren: Ihm sei als Erstem der Versuch gelungen, »fremde Denksysteme auf ihre eigene Logik hin zu untersuchen«.

Und die Logik der Zande rund um ihre Medizinmänner lässt sich rational erklären. Evans-Pritchard stellt die richtigen Fragen dazu. Eine davon lautet: Warum glauben die Menschen bei den Zande dem – aus unserer Sicht offensichtlich falschen – Zauber? Um auf das Beispiel mit dem verzögerten Sonnenuntergang zurückzukommen – es gibt einen recht banalen Grund dafür, dass die Zande dem Glauben schenkten: Die Zande hatten vor 100 Jahren keine Uhren. Sie hatten auch keine andere Methode zur Messung von Zeit. Sie hatten nicht einmal eine Vorstellung, dass es so etwas wie eine Uhr geben könnte, und sie hatten – und das macht sie durchaus sympathisch – offenbar auch kein Verlangen nach einer Uhr. Und das ist einer der Gründe dafür, dass der Medizinmann im Land der Zande leichtes Spiel hat bei seinem Spiel mit der Sonne und der Zeit.

So gut wie niemand aus dem Volk der Zande hatte vor 100 Jahren eine Möglichkeit, mal schnell in eine Bibliothek zu spazieren, um sich über Aberglauben und Magie schlauzumachen. Die Zande konnten nicht einmal wissen, dass es Bibliotheken gibt. Niemand hatte die Möglichkeit, ein Experiment zu wagen und dem Medizinmann zu sagen: »Hey, das ist fauler Zauber, den du da veranstaltest. Ich habe hier eine Stoppuhr mitgebracht, wir schauen uns das jetzt mit dem Hinauszögern des Sonnenuntergangs ein wenig genauer an.« Mit anderen Worten: Die Medizinmänner der Zande konnten sich einigermaßen sicher sein, dass niemand in ihrem Dorf oder in ihrer Gesellschaft ihren Zauber zu widerlegen vermochte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle in der Gesellschaft der Zande sich jeden Bären aufbinden ließen: Im Kapitel »Die Stellung der Medizinmänner in der Gesellschaft« in Evans-Pritchards Buch erfahren wir vom Unmut mancher im Land der Zande gegenüber den Rosstäuschern. Der Autor schreibt: »Viele sagen, dass die meisten Medizinmänner Lügner sind und einzig daran interessiert, reich zu werden.«

Die Zande brachten vor 100 Jahren im tiefen Afrika offenbar kritischere Geister hervor, als unsere Gesellschaft es heute tut. Das ist etwas überspitzt formuliert, aber wer schon einmal in einem Kreis von impfkritischen Eltern gesessen oder mit überzeugten Anwendern von Homöopathie diskutiert hat, der kann ohne Weiteres zu diesem Schluss kommen. Im Gegensatz zu den Zande steht uns jede Bibliothek offen. Wir können Studien einsehen, wir sind stolz auf unsere Bildung, und trotzdem konsumieren wir – im wahrsten Sinne des Wortes wie verrückt – das, was die Zande Mangu nennen: Magie, Zauberei. Unzählige Studien und Metastudien belegen, dass homöopathische Arzneimittel nicht besser wirken als ein Placebo – und trotzdem schwören Millionen Menschen darauf.

Der Grund dafür ist das »wilde Denken«, dem eine Gesellschaft offenbar nicht entkommen kann. Wir verstehen uns als Zivilisation, die sich von angeblich Primitivem abhebt, wir sind stolz auf die Aufklärung, auf Schrift und Wissenschaft und Fortschritt, wir fliegen zum Mars und statten Roboter mit künstlicher Intelligenz aus, wir fragen Siri und Alexa, und sie antworten uns tatsächlich, und wir verharren – ohne dass es uns bewusst ist – im »wilden Denken«. Das ist ein Begriff, der uns der Sache näherbringt. Er wurde von dem 2009 verstorbenen französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss geprägt. Das Konzept des »wilden Denkens« ist ein Ansatz zum Verstehen menschlicher Gesellschaften, die – etwas vereinfacht gesagt – auf »mythischer Weltanschauung« beruhen. Damit meint Lévi-Strauss Menschen wie die Zande, Kulturen und Gesellschaften vor und außerhalb eines Lebens, das wir gern mit den Labels Zivilisation und Aufgeklärtheit versehen. Aber, und das ist der entscheidende Ansatz im Konzept von Lévi-Strauss: Das »wilde Denken« erlebt in modernen Industriegesellschaften in neuen Manifestationen eine Renaissance.

Das ist der Punkt: Der »Wilde« ist nicht nur der Medizinmann der Zande, der im finsteren Afrika vor 100 Jahren heilt, zaubert und orakelt. Es ist auch der Arzt aus dem Zillertal, der sich nicht geniert, Zahlenreihen und Halbkreise als Schutz vor dem Corona-Virus zu empfehlen, der darüber ein Filmchen dreht und das an seine Freunde und Bekannten schickt. Der »Wilde« ist auch der Aurachirurg, der mit dem Messer über einem anatomischen Atlas herumfuchtelt und jemanden, der dahinter sitzt, zu »operieren« vorgibt. Der Glaube, dass ein Wirkstoff, der in einem Verhältnis von einem Tropfen zum Tausendfachen Volumen des Atlantiks verdünnt ist, auf einem Zuckerkügelchen seine Wirkung entfacht. Was soll das anderes sein als »wildes Denken«?

Letztlich ist das Konzept des »wilden Denkens« etwas Versöhnliches, Kulturübergreifendes. Es lässt uns verstehen, dass es in allen Gesellschaften, auf allen Kontinenten und vermutlich unabhängig von formaler Bildung und Entwicklung oder dem, was man als »Zivilisationsgrad« versteht, ein Bedürfnis gibt: nach einem »wilden Denken«, das sich aus Bequemlichkeit oder warum auch immer dem Hausverstand, der Ratio und der Nüchternheit entzieht. Es gibt eine Sehnsucht im Menschen, sich dem Medizinmann anzuvertrauen, auch wenn man ahnt, dass der sein Spiel treibt. Dem Medizinmann in Afrika, der die Sonne beim Untergehen aufhält; dem Medizinmann bei uns, der uns Zuckerkugeln auf die Zunge legt. So absurd die Versprechen eines Schamanen oder das Angebot »alternativmedizinischer« Ärzte auch sein mag, auf den gar nicht so diskreten Charme der Scharlatanerie fällt nun einmal ein Teil der Menschen herein, und das sogar mit einer Freude.

Aber es gibt Hoffnung: Es gibt in allen Gesellschaften eine reichlich große Anzahl von Menschen, die Hausverstand, redliche Argumentation und Rationalität in Ehren halten und den Schlangenölverkäufern die Stirn bieten. Ich habe es bereits angeführt: Auch im Land der Zande im tiefen Afrika vor 100 Jahren zweifelten Menschen an der Zauberkraft ihrer Medizinmänner. Das gibt Hoffnung darauf, dass sich kritisches Denken auch bei uns schön langsam durchsetzt.

Zur Ehrenrettung der Zande und Afrikas sei gesagt: Die Zande und ihre Medizinmänner, das war vor 100 Jahren. Mittlerweile gibt es Zande, die Medizin studiert haben, die Ärzte sind und die von der Zauberei ihrer Großväter nichts mehr wissen wollen. Im Kongo und im Südsudan gibt es Krankenhäuser, die Menschen nach den Regeln der Medizin behandeln, wenngleich die ärztliche Unterversorgung in diesen und vielen anderen Ländern der Welt eine Schande ist. Aber selbst im Land der Zande weiß man mittlerweile zu schätzen, was Medizin kann: Wer Kopfweh hat, der ist dankbar für ein Aspirin, das ist in Afrika nicht anders als in Europa. Man weiß auch im Land der Zande den Segen der Impfungen gegen Krankheiten zu schätzen, die vormals die Menschen bei einer Epidemie dahinrafften.

Ich war als Student mehrere Jahre in Afrika unterwegs, zwischen Kairo und Kapstadt kenne ich alle Länder, darunter auch den Sudan. Auf dem Campus der Universität der Khartoum lernte ich eine junge Zande-Frau kennen. Sie studierte Medizin, ich scherzte mit ihr und ihren Freundinnen, dass ich von ihrem Volk und von deren Zauberkünsten gelesen hatte. Kaum hatte ich das angesprochen, breitete sei eine Decke aus. Sie würde mir jetzt meine Zukunft vorhersagen. Dann warf sie allerlei Steine und ein paar Muscheln darauf und blickte ernst. Das Orakel ergab: Ich würde in politische Unruhen geraten und Mädchen kennenlernen. Ich bedankte mich und merkte an: Ich befinde mich im Sudan, in dem seit Jahren ein brutaler Bürgerkrieg tobte, für den Hinweis mit den Unruhen brauche ich kein Orakel. Außerdem war ich ein 21-jähriger Mann, und in dem Alter ist man als Mann so gut wie hinter jedem Rock her. Das teilte ich der Studentin mit, und sie und ihre Freundinnen lachten. Sie haben das selbst nicht ernster genommen als wir, wenn wir in der Tageszeitung unser Horoskop lesen. Vor ein paar Jahren kontaktierte mich die Frau via Facebook. (Es ist eine der schönen und verbindenden Seiten von Facebook, dass ich immer wieder Kontaktanfragen von Menschen aus fremden Ländern erhalte, die sich an einen Fremden erinnern können – und das teilweise nach Jahrzehnten.) Nach der Unabhängigkeit des Südsudan hat sie in der südsudanesischen Hauptstadt Juba eine Stelle als Krankenhausärztin angenommen. Sie impft Kinder gegen Masern und Gelbfieber, und gibt ihren Patienten wenn es sein muss Antibiotika und keine Paste aus zerstoßenen Rinden und zerkochten Termiten und Heuschrecken, wie es einst Evans-Pritchard von ihren Großvätern beschrieb. Die Medizinmänner unter den Vorfahren ihres Volkes gereichen ihr weder zur Ehre noch zur Schande.

Was wir daraus lernen: Das »wilde Denken« ist kein Stempel für sogenannte »Wilde«, wir finden es überall, am Weißen Nil, im Mostviertel und im Ruhrgebiet, und es kann überwunden werden.

Abschließend sei zur Ehrenrettung Afrikas gesagt: Auch vor 100 Jahren spielte Magie nicht in allen Gesellschaften auf dem schwarzen Kontinent eine große Rolle. Evans-Pritchard forschte nach seinem Aufenthalt bei den Zande bei den Nuern im Süd­sudan. Als er dort beharrlich nach Magie und Zauberei zu fragen begann, reagierten die Nuer mit Kopfschütteln. Sinngemäß gaben sie ihrem britischen Gast zu verstehen: »Was hast du bloß mit deiner Besessenheit nach Magie?« Die Nuer erwiesen sich als begnadete Rinderzüchter, sie verehrten ihre prächtigen Herden und wollten – so die Schilderungen Evans-Pritchards – tagein, tagaus über gar nichts anderes reden als über ihre Rinder. Magie, ­Medizinmänner und Ähnliches, das ging den Nuern offensichtlich irgendwo unterhalb des Rückens vorbei. Die Nuer sind mir sehr sympathisch. Sie zeigen uns: Das »wilde Denken« ist kein Schicksal, man kann sich davon befreien, auch als Gesellschaft.

Die »Granderisierung« der Welt

Sie haben sicherlich schon einmal belebtes Wasser getrunken, vermutlich »Granderwasser«, in einem Hotel oder einem Gasthof, und mit Sicherheit hat das Haus mit dem »belebten« oder »energetisierten« Wasser stolz geworben. Das Tiroler Unternehmen Grander ist Marktführer im Gewerbe des »Wasserbelebens« und macht damit Millionenumsätze, vermutlich nicht trotz, sondern gerade wegen des offensichtlichen Humbugs. Die sogenannte »Wasserbelebung nach Grander« – sie ist eine wunderbare Metapher für den Erfolg von Esoterik und Pseudomedizin – und ein weiterer Beweis für die Beständigkeit des »wilden Denkens«.

In dem Fall versteckt sich das »wilde Denken« hinter einer angeblichen »Technologie«: Sie beruht, vereinfacht gesagt, darauf, dass Leitungswasser an einem geheimnisvollen »Informationswasser« vorbeifließt. Das »Informationswasser« ist ein geheimnisvolles Ur-Granderwasser – nur die Familie Grander kennt dafür das »Rezept« –, und es befindet sich in den Wasserbelebungsgeräten. Diese werden in die Wasserleitung eingebaut, das Informationswasser befindet sich in abgeschlossenen Kammern. Das Leitungswasser rinnt – getrennt durch zentimeterdichtes Metall – daran vorbei. Eine wie immer geartete Manipulation des Trinkwassers oder einen Kontakt mit dem geheimnisvollen Ur-Granderwasser gibt es dabei nicht. Das Leitungswasser wird weder erhitzt noch bestromt oder verquirlt, es kommt mit keinen biowirksamen oder chemischen Stoffen in Berührung, es wird nicht gesiebt, ­geschüttelt oder gekühlt. Nichts wird dem Wasser zugesetzt oder entzogen. Das behauptet Grander auch nicht. Das Unternehmen behauptet in beeindruckend ehrlicher Schlichtheit: Das Leitungswasser erhält beim Vorbeifließen am Ur-Granderwasser »Informationen«. Das klingt verdächtig nach Homöopathie, und das ist kein Zufall, die Phänomene ähneln sich frappant.

In die Kammern mit dem geheimnisvollen Ur-Granderwasser könnte man getrost auch Buttermilch, Marillenmarmelade oder Luft füllen, auch ein starkes Gift würde unserem Leitungswasser nichts anhaben. Das Wasser, das wir nach dem Einbau einer Grander­anlage trinken, ist in jedem Fall exakt das Wasser, das wir vor dem Einbau einer Granderanlage getrunken haben.

Damit wäre alles gesagt. Aus dieser Perspektive ist es natürlich unsinnig, der Grandertechnologie und dem Wesen des Ur-Granderwassers weiter auf den Zahn zu fühlen. Seit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2006 darf man diesen Zinnober als »aus dem Esoterikmilieu stammenden, parawissenschaftlichen Unfug« bezeichnen. Geschadet hat dieses Urteil dem Unternehmen kaum.

Auch hier gilt: Die angeblichen Mechanismen der Wasserbelebung sind irrelevant. Nicht das, was das Unternehmen als Grandertechnlogie bezeichnet, interessiert uns. Was unser Interesse weckt, das sind die Mechanismen, die Menschen dazu bringen, diesen Unfug zu akzeptieren, zu verteidigen oder Geld dafür auszugeben.

Die »Granderisierung der Welt« – das ist die Transformation des »wilden Denkens« ins Marketing, ist das sichtbare Symptom für die Lust, belogen zu werden, mitzuspielen bei einer Chimäre und darauf auch noch stolz zu sein.

Wer sich die Granderwasser-Technologie für sein trautes Heim leistet – und dabei ist man schnell eine vierstellige Summe los –, der will kein besseres Wasser. Er will lediglich besser dastehen. Er kommuniziert mit seiner Umwelt, mit Bekannten und Freunden und gibt zu verstehen: Ich gebe mich nicht zufrieden mit dem Wasser, das bei uns aus der Leitung kommt, ich lege was drauf für etwas Besonderes. Und das klappt, solange niemand dem Besonderen auf den Zahn fühlt.

Bei der Fakemedizin ist es ganz ähnlich. In der Regel muss dafür bezahlt werden, über die Pflichtbeiträge zur Krankenversicherung hinaus. Wer mit seinen Kindern zum Homöopathen geht, der signalisiert: Ich kann mir das leisten. Mir sind meine Kinder mehr wert als euch eure Kinder wert sind, die nur Medizin von der Stange und vom Kassenarzt bekommen. Das Honorar, das bei den Fakemedizinern aller Arten abgeliefert wird, wird nicht umsonst bezahlt. Umsonst ist es nur, was die gesundheitliche Wirkung betrifft. Die gesellschaftliche Wirkung ist phänomenal: Es befördert jemanden, der zuvor auf die »Gratis-Medizin« für die dumpfe Masse angewiesen war, zum Patrizier, der sich etwas Besonderes gönnt.

Beim Thema Granderwasser kommt – zumindest in Mittel­europa – noch ein Aspekt dazu. Wir sind in der glücklichen Lage, aus der Leitung Trinkwasser beziehen zu können, um das uns vermutlich 99 Prozent der Weltbevölkerung beneiden. Sauberes, einwandfreies Trinkwasser ist ein Privileg, dessen wir uns ebenso wenig bewusst sind wie des Privilegs einer umfassenden Versorgung mit medizinischer Versorgung auf höchstem Niveau. Wer sich damit ostentativ nicht zufrieden gibt, der signalisiert, egal ob mit Granderwasser für den Haushalt oder mit der Bioresonanzanalyse, Globuli oder teuren und sinnlosen Vitaminpräparaten: Das Gute genügt mir noch lange nicht.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Grander nimmt seine Kunden in Geiselhaft. Wer Tausende Euro für »Grander-Technologie« ausgibt, wird das Produkt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch verteidigen. Alles andere würde ja bedeuten: Ich habe mich übers Ohr hauen lassen, ich bin auf einen Humbug reingefallen. Auf der Webseite Granders werden zahlreiche Gemeinden angeführt, die in den Schwimmbädern ihrer Kommunen Granderanlagen installiert haben. Sie erzählen wahre Wunderdinge: Die Gäste gingen nun viel lieber ins belebte Wasser, das fühle sich jetzt so geschmeidig an auf der Haut, der Bedarf an Chlor habe deutlich abgenommen. Was sollten die Bürgermeister oder sonstige Verantwortliche sonst sagen? »Es tut uns leid, wir haben öffentliches Geld ausgegeben für eine nutzlose Anlage?«

Genauso wirken die Referenzen der Fakemedizin, und hier geht es um mehr als um Geld. Wer auf Fakemedizin vertraut, wird in der Regel von positiven Effekten berichten. Alles andere würde bedeuten: »Da geht es um meine Gesundheit, und ich Dummkopf habe ernsthaft geglaubt, dass mir die irren Versprechen eines Scharlatans helfen.«

Noch ein Detail am Rande: Das Unternehmen Grander hatte und hat auch in Krankenhäusern bei der Vermarktung einigen Erfolg. Bis vor wenigen Jahren fand man in Broschüren und auf den Webseiten der oberösterreichischen Landeskrankenhäuser den stolzen Hinweis, dass das Trinkwasser im Haus »gesundes Granderwasser« sei. Mittlerweile – und nach einigen kritischen Berichten der Stiftung Gurutest – sind alle diese Hinweise verschwunden.

Die Schaffung eines Marktes

Ich erinnere mich gern an meine Kindheit zurück und sogar an kleine Krankheiten. Sie sicherten mir die Zuwendung der Eltern. Wenn ich an Husten litt, bereitete mir mein Vater »Zwiebel­schmalz« zu – in der Pfanne in Schmalz geröstete Zwiebeln. Das ölige Extrakt schmierte er mir auf die Brust, die ätherischen Ausdünstungen der heißen Zwiebel habe ich bis heute in der Erinnerung meiner Nase abgespeichert, ebenso den Geschmack der heißen und öligen braunen Schoten, deren Überreste ich aus der Pfanne mit Schwarzbrot und Salz naschen durfte. Wenn ich mir den Knöchel verstauchte, wickelten mir die Eltern in Essig getunkte Tücher um den Fuß. Bei Fieber wurde mein Hals in kalte Topfenwickel gehüllt. Zum Arzt oder in die Apotheke gingen meine Eltern nur dann, wenn es wirklich pressierte, und das war Gott sei Dank nur selten. Ich wuchs mit »Traditioneller Europäischer Heilkunde« auf, die aber keiner so nannte und an der niemand verdiente. Mit Zwiebel, Essig und Topfen für Kranke lässt sich nicht das große Geld machen.

Die Marketingstrategen der pharmazeutischen Industrie haben das erkannt und in ihren Strategiesitzungen vermutlich so dargestellt: ein Tortendiagramm, bei dem zwei Drittel der Fläche mit den Begriffen »keine Medizin bzw. traditionelle Hausmittel« belegt waren und ein Drittel mit den Begriffen »Pharmazeutika, Arztbesuch etc.«. Alsdann haben die klugen Köpfe beschlossen, das große Tortenstück, das mit »keine Medizin bzw. traditionelle Hausmittel« beschriftet war, bestmöglich zu erobern. Im Marketingsprech heißt das: Das Marktsegment sei zu kommerzialisieren. Die traditionellen Heilmittel sollten durch ein kommerzielles Angebot ersetzt werden. Die Zielgruppe muss beim Konsum des Angebots das Gefühl haben, die Sache durchschaut zu haben und besonders intelligent zu handeln.

Und das ist in den letzten Jahrzehnten gelungen. Heute wickeln Mütter und Väter bei kleinen Blessuren keine Essigtücher um die Knochen ihrer Kinder, und sie rösten keine Zwiebel mehr, wenn die Kinder husten. Heute pilgern sie in die Apotheke und kaufen homöopathische Arnica C 30 bei kleinen Verletzungen oder teure Vitaminpräparate, um das Immunsystem gegen den Ansturm der Viren und Bakterien vermeintlich zu stärken.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich es erlebt. Wer auf »Alternativmedizin« schwört, verteufelt die Pharmaindustrie, wann immer es geht, und geht gleichzeitig bei ihr shoppen. Niemand gibt derart viel Geld aus für den Tand pharmazeutischer Unternehmen als jene, die über Big Pharma schimpfen.

1 E.E. Evans-Pritchard, Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande, Oxford, 1937

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