Kitabı oku: «Avatar - Der Herr der Elemente: Der Schatten von Kyoshi»


Die deutsche Ausgabe von AVATAR – DER SCHATTEN VON KYOSHI
wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.
Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Bernd Sambale;
verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Jana Karsch;
Korrektorat: Peter Schild; Satz: Rowan Rüster/Cross Cult; Cover Artwork: Jung Shan Chang;
Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.
Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe: AVATAR – THE SHADOW OF KYOSHI
German translation copyright © 2020 by Cross Cult.
Original English language edition copyright
© 2020 Viacom International Inc. All rights reserved.
Nickelodeon, Nickelodeon Avatar: The Last Airbender and all related titles, logos and characters are trademarks of Viacom International Inc.
Originalausgabe veröffentlicht von Amulet Books, ein Imprint von ABRAMS.
Print ISBN 978-3-96658-317-6 (Dezember 2020)
E-Book ISBN 978-3-96658-318-3 (Dezember 2020)
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Ich erzähle diese Geschichte oft bei Panels oder Interviews, aber ich möchte sie hier für die Nachwelt festhalten. Es gab eine Zeit, da wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich hatte noch keinen Roman verfasst. Damals dachte ich darüber nach, fürs Fernsehen zu schreiben. Um das eigene Können zu zeigen, muss man unverlangt ein Drehbuch einreichen, etwa eine Episode zu einer aktuellen TV-Serie – also im Prinzip Fan-Fiction. Gerade hatte ich Buch II: Erde der Originalserie Avatar – Der Herr der Elemente gesehen, also schrieb ich ein Drehbuch darüber, wie Sokka, unzufrieden, weil er kein Bändiger ist, sich einen tollen Meister sucht, der ihn unterweist. Von ihm sollte er lernen, wie man mit Wing Chun und allerlei technischem Schnickschnack kämpft (rückblickend wäre das Ergebnis Asami ziemlich ähnlich geworden).
Bei diesen ersten Schreibversuchen hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich selbst einmal etwas zum Kanon der Avatar-Welt beitragen würde. Für diese Gelegenheit habe ich im wahrsten Sinne euch, den Fans, zu danken. Schon länger als ein Jahrzehnt brennt ihr für dieses Universum und ich könnte mir als Fan und Autor nichts sehnlicher wünschen, als euch mit meinem Schaffen weiterhin Freude zu bereiten. Diese Bücher sind euch gewidmet. Ich danke euch von Herzen.
Hochachtungsvoll,
F. C. Yee
INHALT
PROLOG
UNERLEDIGTE GESCHÄFTE
DIE EINLADUNG
VERGANGENE LEBEN
DAS WIEDERSEHEN
KULTURDIPLOMATIE
DIE AUFFÜHRUNG
DIE REKTORIN
GESCHICHTSSTUNDE
DER ZUSAMMENBRUCH
DAS NACHSPIEL
DAS RITUAL
DER FEUERWEISE
SPIRITUELLE ÜBUNGEN
DIE BOTSCHAFT
INTERMEZZO: ÜBERLEBEN
RESIGNATION
SCHWÄCHE
ESKALATION
DIE GEFÄHRTIN
DER ABGRUND
FORMEN VON LEBEN UND TOD
HAUSPUTZ
ZWEITE CHANCE
VERLORENE FREUNDE
INTERMEZZO: DER MANN AUS DER GEISTERWELT
WIEDER ZU HAUSE
DAS TREFFEN
EPILOG
DANKSAGUNGEN

PROLOG

»JUNGE!«
Yun kratzte sich am Hals, bis Blut kam. Noch immer konnte er den Schleim und die Zähne auf seiner Haut spüren.
»Junge! Stell dich nicht so an!«
Er dachte daran, wie Jianzhu das Räucherstäbchen entzündet hatte, an den klebrig-süßen Duft und die Taubheit, die sich in seinen Gliedmaßen ausgebreitet hatte. Stechquallengift, das wusste er aus seinem Training. Erst vor Kurzem hatte er angefangen, mit Sifu Amak Gifte zu studieren und sich eine gewisse Immunität anzutrainieren.
Yun blinzelte und blickte sich verwirrt um. Anstelle des Staubs der Bergbaustadt fanden seine Finger nur feuchtes, schwammiges Moos am Boden. Er befand sich in einem Mangrovenwald. Der Himmel leuchtete in der ekelhaft schummrigen Farbe von ätzender Säure.
Er kroch umher, Sumpfschlamm schmatzte unter seinen Knien. Kahle, knorrige Baumstämme, kaum mehr als Schemen, ragten ringsumher empor. Durch das lockere Flechtwerk der Äste blickte ein riesiges, leuchtendes Auge auf ihn herab.
Das Auge hatte gesprochen. Es hatte gesagt, er sei nicht …
Ein Schmerz, schrecklich und vertraut, fuhr in seinen Magen. Er krümmte sich zusammen, platschte mit seinen Unterarmen ins Sumpfwasser. Die Landschaft um ihn herum begann zu erbeben. Hier war kein Erdbändigen am Werk, sondern etwas Ursprünglicheres, etwas Unkontrollierbares.
Er war nicht. Hier endete der Satz. Er war nichts.
Das seichte Wasser tanzte wie Regentropfen auf einer Trommel und schoss in Fontänen aufwärts. Es kam und ging, rüttelte an den Bäumen, sodass sie gegeneinander schlugen wie Hirschgeweihe im Kampf. Yun warf sich zu Boden, die makabre Parodie eines Schülers, der sich vor seinem Meister verbeugt.
Jianzhu. Der Name füllte seinen Geist wie ein Schrei, ein einzelner schriller Ton aus einer kaputten Flöte. Seine Stirn klatschte in den brackigen Schlamm. Jianzhu.
»Hör auf, du armseliger kleiner Bengel!«, brüllte das Auge. Trotz seines Ärgers schien es vor ihm zurückzuschrecken, fürchtete sich offenbar vor seinem wilden Schmerz. Der Boden zuckte und flatterte wie das Herz eines Mannes, der in den Tod stürzte. Ein Trommelschlag, der vor dem drohenden Aufprall lauter und lauter wurde.
Yun wollte, dass es aufhörte. Er wollte, dass die Qual ein Ende hatte. Es tat so weh zuzusehen, wie alles, wofür er gearbeitet hatte, zu Funken und Staub zerstob. Der Schmerz fraß ihn von innen auf.
Dann lass ihn raus.
Seine eigene Stimme flüsterte ihm diese Worte zu. Nicht die des Auges, nicht Jianzhus Stimme.
Trag ihn nach draußen. Irgendwo anders hin.
Zu jemand anderem.
Der Riss begann bei seinen Füßen, ein Nadelstich in überdehnter Seide. Dann lief er ins Wasser hinein und zuckte über die Erde wie ein Blitz über den Himmel. Der Boden teilte sich, die gesamte Gewalt des Bebens entlud sich auf einen schnellen, verheerenden Schlag.
Und dann … Stille.
Yun konnte wieder atmen. Er konnte sehen. Das Beben hatte sich erschöpft, hatte einen langen Spalt im Boden hinterlassen, eine widernatürliche Wunde in der Landschaft. Sumpfwasser strömte hinein und verbarg einen Abgrund, in dessen Tiefe er nicht blicken wollte.
Alles war so viel klarer, wenn sich endlich Erleichterung eingestellt hatte. Yun nutzte die Atempause und sah sich um. Der modrige Hain war anders als alle Wälder, die er je gesehen hatte. Das schwache Licht des Himmels stammte nicht von der Sonne – er konnte keinen solchen Himmelskörper entdecken. Dies war das diffuse Abbild einer wirklichen Landschaft, mit allzu stark verdünnter Tinte gemalt.
Ich bin in der Geisterwelt.
Er wich vor der Kluft zurück, die sich vor ihm erstreckte, wollte nicht von der Strömung mitgerissen werden. Dann drehte er sich um, packte die freigelegten Wurzeln eines ledrigen Baums und zog sich auf trockeneren Boden. Der Geruch von Schwefel und Verwesung hing in der Luft.
Meister Kelsang hatte ihm von der Geisterwelt erzählt. Schön und wild sollte sie sein, voller Wesen jenseits jeder Vorstellungskraft. Das Reich der Geister bot sich seinem Besucher als Spiegel dar, ein Abglanz seiner Gefühlswelt, eine Wirklichkeit, die um die nicht greifbare Projektion seines eigenen Geistes herum Gestalt annahm.
Yun krümmte die Finger und merkte, dass sie so fest und real waren, wie sie es nur sein konnten. Er fragte sich, ob der sanfte Mönch jemals ein solch albtraumhaftes Moor erkundet hatte. Sie hatten nie darüber gesprochen, was geschähe, wenn man die Geisterwelt betrat, während man noch in seinem Körper steckte.
Es knackte im Geäst und er zuckte zusammen. Er war nicht allein. Das Auge. Aufmerksam beobachtete es ihn aus dem Schatten des Waldes heraus, umkreiste ihn auf durchscheinenden Tentakeln, die, wie er wusste, mit unzähligen menschlichen Zähnen gespickt waren. Er hatte ihren Biss gespürt, in den Bergen, als sie eine Kostprobe seines Blutes genommen hatten.
Schlagartig rauschte eine Welle von Panik durch seine Herzkammern. Yun wusste, dass seine Uhr abgelaufen war. Er versuchte, sich zu erinnern, wie Jianzhu den Geist genannt hatte. »Großvater … Glühwurm?«
Plötzlich kam das Auge auf ihn zugeschossen und ließ sich zwischen zwei Bäumen in seiner Nähe nieder. Yun schrie auf und stürzte rückwärts auf seine Ellenbogen. Er hatte einen Fehler gemacht: Indem er den Namen ausgesprochen hatte, hatte er eine entscheidende, unsichtbare Barriere eingerissen. Nun war er enger mit dem Auge verbunden und verletzlicher denn je.
»So nenne ich mich«, sagte der Geist. Großvater Glühwurms Pupille zuckte auf enervierende Weise umher und die Iris zog sich zusammen. Yun konnte diesen Blick beinahe körperlich spüren, als würde eine schleimige Zunge über seinen Körper lecken. »Und nun, Kind, bist du mir deinen Namen schuldig.«
Im Erdkönigreich gab es zahllose Märchen, die der Bevölkerung als Warnung dienen sollten, und Yun war wie ein Narr genau in eine solche Erzählung hineingestolpert, in die Rolle eines armen Feldarbeiters oder Holzfällers, der mit einem Fluch belegt oder einfach nur gefressen wurde. Wie er wohl verzehrt werden würde? Vielleicht würde er zu Brei zerrieben und dann vom Schleim absorbiert.
»Ich heiße Yun.« Seine Handflächen waren schweißnass, so groß war seine Angst inzwischen. In manchen dieser Geschichten überlebte der dumme Junge durch blanken Schneid. Yun war bereits zur Beute geworden; seine einzige Chance war, sich zu einer interessanten Beute zu machen. »Ich … Ich …«
Doch es gelang ihm nicht, sich zu fassen. Seine Eloquenz, mit dem er den Feuerlord und den Erdkönig, die Häuptlinge der Wasserstämme und die obersten Äbte beeindruckt hatte, ließ ihn im Stich. Avatar Yun hätte vielleicht das Selbstvertrauen aufgebracht, sich aus dieser Lage herauszureden, doch der existierte nicht mehr.
Großvater Glühwurm regte sich in den Bäumen und Yun wusste, dass er sterben würde, wenn er nicht schnell etwas sagte. All die Augenblicke, in denen ein anderer sein Schicksal in Händen gehalten hatte, schossen ihm durch den Kopf.
»Bitte zieh mich als deinen Schüler in Betracht!«, rief er schrill.
Konnte ein einzelnes Auge überrascht aussehen? Es war still im Wald, nur das Rauschen des Wassers war zu hören. »Ich … knie vor dir nieder, als demütiger Pilger auf der Suche nach Antworten«, sagte Yun. Er nahm eine Haltung an, die besser zu seinen Worten passte. »Bitte unterweise mich in den Lehren der Geisterwelt. Ich flehe dich an!«
Großvater Glühwurm brach in Gelächter aus. Er besaß keine Augenlider, die er hätte verengen können, aber der Augapfel drehte sich nach oben, als würde er sich amüsieren. »Junge, hältst du das hier für ein Spiel?«
Alles ist ein Spiel, dachte Yun und versuchte, sein Zittern zu unterdrücken. Ich werde dieses hier in die Länge ziehen, so gut ich nur kann. Eine Runde lang überlebe ich noch.
Avatar Yun existierte nicht mehr. Er würde wieder Yun, der Schwindler, sein müssen. »Du kannst es mir wohl kaum verübeln, dass ich einem Geist Fragen stellen möchte, der weiser noch ist als die weisesten Menschen.« Im Zweifelsfall immer schmeicheln. »Die größten Weisen des Erdkönigreichs haben es sechzehn Jahre lang nicht geschafft, den Avatar zu identifizieren. Dir hingegen ist das in wenigen Sekunden gelungen.«
»Hmpf. Wenn man einen Kampf ausgefochten hat wie seinerzeit Kuruk und ich, dann ist es unmöglich, seinen Geist nicht wiederzuerkennen. Schon als Jianzhu seine Reinkarnation auf meine Tunnel zuführte, habe ich gespürt: Es musste eins von euch Kindern sein.«
Bei dem Wort Tunnel wurde Yun hellhörig. »Du hast Wege zur Menschenwelt? Mehr als nur einen?«
Großvater Glühwurm lachte wieder. »Ich weiß, was du vorhast«, höhnte er. »Und es beeindruckt mich gar nicht. Ja, ich kann Übergänge zum Reich der Menschen erschaffen. Nein, du wirst mich weder austricksen noch überreden, dich zurückzuschicken. Du bist nicht die Brücke zwischen den Geistern und den Menschen, Junge. Du bist der Stein, den der Bildhauer wegschlagen musste. Die Verunreinigung im Erz. Ich habe dein Blut gekostet und du bist nichts. Nicht einmal dieses Gespräch bist du wert.«
Das Auge kroch näher. »Ich kann sehen, wie sehr dir die Wahrheit missfällt«, wisperte er in tröstendem, beinahe lieblichem Tonfall. »Mach dir nichts draus. Wer braucht schon die Avatarschaft? Du wirst deinen eigenen Lebenszweck schon finden – und deine eigene Unsterblichkeit. Sobald ich mich an deinem Blut gestärkt habe, wird ein Teil deines Wesens ewiglich in mir fortleben.«
Bei jedem Spiel bestand die Gefahr, dass der Gegner irgendwann die Lust daran verlor. Jäh schoss Großvater Glühwurm durch den Wald auf Yun zu und teilte mit seinen Schleimtentakeln die Bäume wie einen Perlenvorhang.
»Und jetzt sei dankbar«, brüllte der Geist. »Denn nun werden wir beide eins!«

UNERLEDIGTE GESCHÄFTE

BRUDER PO hatte Kuji einmal erzählt, der Spitzname des Dao sei »Mut aller Männer«: Nahm man das robuste Schwert in die Hand, mit dem sich der Feind hingebungsvoll niedermetzeln ließ, fühlte man sich sogleich tapferer.
Kuji fühlte sich jedoch keineswegs tapferer, als er mit klammen Fingern das Heft seines Dao umklammert hielt und die Tür bewachte. Zudem kam ihm die Klinge auch nicht sonderlich robust vor. Es war ein rostiges, abgestoßenes Exemplar, das so aussah, als würde es zerspringen, wenn er allzu kräftig damit in der Luft herumfuchtelte. Als jüngstes Mitglied der Triade der Goldenen Schwinge musste er am Ende der Schlange warten, wenn die Waffen ausgehändigt wurden. Dieses Schwert stammte vom Boden der Kiste.
»Jetzt bist du ’n richtiger Soldat, was?«, hatte jemand gewitzelt, als man ihm das Schwert in die Hand gedrückt hatte. »Nicht wie wir Mordgesellen.«
Bruder Po stand mit seiner kleinen Axt in der Hand an der Tür. Es war die Lieblingswaffe der meisten gestandenen Kämpfer der Triade. Nach außen hin wirkte er ruhig, doch Kuji konnte sehen, wie sein Kehlkopf beim Schlucken auf und ab hüpfte, wie er es immer tat, wenn er beim Pai-Sho einen riskanten Zug spielen wollte.
Wenn irgendetwas Kuji Sicherheit gab, dann war es das Revier seiner Bande: Loongkau war praktisch eine Festung. Auf den ersten Blick sah der Häuserblock nicht anders aus als die Nachbardistrikte in Ba Sing Ses Unterem Ring. Der sichtbare Teil wuchs planlos wie ein Pilz ein paar Stockwerke in die Höhe. Er trotzte der Schwerkraft und spottete jeder vernünftigen Architektur.
Es war jedoch ein offenes Geheimnis, dass der Komplex sich illegalerweise Ebene um Ebene tief in die Erde hinein fortpflanzte. Immer neue Untergeschosse waren gegraben worden, ohne dass dem Ganzen ein solider Plan oder ein Verständnis für Sicherheit zugrunde gelegen hätte. Alles wurde nur behelfsmäßig durch Holzreste, Lehmziegel und zusammengeklaubte, rostige Metallstücke abgestützt. Dennoch bestand Loongkau nach wie vor und war noch nicht in sich zusammengebrochen, was das Wirken der Geister sein mochte.
Das Innere des Komplexes bestand aus gewundenen Gängen, verschachtelten Räumen, Treppen und leeren Schächten. Armselige Kammern, die den Bewohnern als Behausungen dienten, saßen hier dicht an dicht wie Waben in einem Bienenstock und ließen nur Platz für enge Gassen. Loongkau war voller Fallen, so auch das Zimmer, in dem Kuji und Po warteten. Das war einer der Gründe, warum sich die Gesetzeshüter der Stadt nie an diesen Ort wagten.
Bis jetzt. Der Boss hatte einen Hinweis bekommen, dass die Festung der Goldenen Schwinge genau heute angegriffen werden würde. Jeder Bruder hatte Posten zu beziehen, bis die Bedrohung abgewehrt war. Kuji wusste nicht, was für ein Feind die Ältesten so in Aufregung versetzt haben vermochte. Um Loongkau zu belagern, schätzte er, wären mehr Polizisten nötig, als der Untere Ring zur Verfügung hatte.
Der Plan war dennoch solide. Wenn Eindringlinge in die unteren Etagen gelangen wollten, mussten sie einer nach dem anderen durch einen Engpass, der an diesem Zimmer vorbeiführte. So konnten sich Kuji und Ning jeden von ihnen einzeln vorknöpfen.
Es war zudem unwahrscheinlich, dass sie in einen Kampf geraten würden – zumindest redete Kuji sich das ein. Ein Stockwerk über ihnen schlich Halsabschneider Gong umher, der beste Attentäter, den der Boss hatte. Gong konnte einen Mungodrachen in seinem Versteck im Dschungel aufspüren und töten. Mit all den Köpfen, die er schon abgeschlagen hatte, hätte er eine ganze Scheune füllen können …
Im Stockwerk über ihm knallte etwas. Eine Stimme war nicht zu hören. Das kleine Zimmer fühlte sich plötzlich weniger wie ihr Revier und mehr wie ein Verschlag an, in dem sie wie eingepferchte Tiere festsaßen. Po gestikulierte mit seinem Beil. »Wir werden hören, wenn sie die Treppe runterkommen«, flüsterte er. »Dann schlagen wir zu.«
Kuji neigte seinen Kopf in die Richtung und lauschte angestrengt. Er wollte unbedingt mitbekommen, wenn sich jemand näherte, also lehnte er sich vor – und verlor prompt das Gleichgewicht, sodass er stolperte. Po verdrehte die Augen. »Du bist zu laut«, zischte er.
Wie um ihm Recht zu geben, flog plötzlich die Tür aus den Angeln, und jemand kam hereingeschossen und prallte mit Kuji zusammen. Der kreischte und fuchtelte mit seinem Dao, traf den Angreifer jedoch nur mit dem Knauf am Kopf. Po schnappte sich den Kerl und holte mit dem Beil aus, doch im letzten Moment hielt er inne.
Es war Halsabschneider Gong. Er war bewusstlos und blutete. Seine Handgelenke waren in die falsche Richtung verbogen und seine Knöchel waren mit seinem eigenen Würgedraht zusammengeschnürt. »Bruder Gong!«, rief Po und vergaß dabei selbst, leise zu sein. »Was ist passiert?«
Ein Krachen ertönte – nicht vom Flur her, den sie bewachen sollten, sondern von der gegenüberliegenden Wand. Zwei Arme mit Panzerhandschuhen an den Händen waren dort durch die Backsteine gebrochen und hatten sich in einem Würgegriff um Pos Hals gelegt. Kuji sah, wie seine Augen weiß vor Angst wurden, dann wurde Po mitten durch die Wand aus dem Zimmer gezerrt.
Kuji starrte ungläubig und wie betäubt das Loch an. Po war ein großer Mann, doch innerhalb eines Wimpernschlags war er fort gewesen, als wäre er einem Rabenadler zum Opfer gefallen. Hinter dem Loch, durch das er verschwunden war, war nichts als Finsternis.
Draußen knarrten die Dielen, als jemand darüber hinwegschritt, als wäre völlige Stille ein Mantel, den der Feind nach Belieben anlegen und abwerfen konnte. Tritte schwerer Stiefel kamen näher und näher.
Etwas schob sich durch den Türrahmen, sodass vom schwachen Licht des Flurs fast nichts mehr zu sehen war: Eine große, unglaublich große Gestalt trat herein. Eine schmale Spur aus Blut zog sich quer über ihre Kehle, als wäre ihr der Kopf abgeschlagen und wieder festgeklebt worden. Unter der Wunde bauschte sich ein Gewand aus grüner Seide. Das Gesicht war eine weiße Maske, die Augen nichts weiter als rote Striche – wie die eines Ungeheuers.
Zitternd hob Kuji sein Schwert. Er bewegte sich so langsam, als würde er durch Schlamm schwimmen. Das Wesen sah zu, wie er sein Schwert schwang, den Blick auf die Klinge geheftet, und irgendwie wusste Kuji, dass es ihn ohne Schwierigkeiten würde abwehren können. Wenn es denn wollte.
Die Klinge des Dao grub sich in die Schulter seines Gegners. Ein metallenes Knacken erklang, dann fuhr ein jäher Schmerz in Kujis Wange. Das Schwert war zerbrochen und die Spitze war zurückgeprallt und hatte ihn im Gesicht getroffen.
Das war ein Geist, musste einer sein. Einer, der durch Wände gehen und über Böden schweben konnte, eine Bestie, der man mit Klingen nichts anhaben konnte. Kuji ließ den Griff seines nutzlosen Schwertes fallen. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, man könne sich gegen das Böse schützen, indem man den Avatar anrief. Schon als Kind hatte er gewusst, dass sie sich das nur ausgedacht hatte. Aber das hieß ja nicht, dass er sich nicht in diesem Augenblick entscheiden könnte, daran zu glauben.
»Der Avatar behüte mich«, flüsterte er, solange er noch sprechen konnte. Er fiel auf den Hintern und krabbelte rückwärts in die Zimmerecke. Der Schatten des Geistes bedeckte ihn vollständig. »Yangchen, behüte mich!«
Die Geisterfrau folgte ihm und senkte ihr rot-weißes Gesicht zu seinem herab. Ein Mensch hätte sich sicher abfällig über Kuji geäußert, so wie er mit eingezogenem Kopf dort kauerte. Die kalte Missachtung in ihren Augen war jedoch schlimmer, als Mitleid oder sadistisches Belustigung es je hätten sein können.
»Yangchen ist gerade nicht hier«, sagte sie mit voller, gebieterischer Stimme. Ihr Klang hätte schön sein können, wäre die Gleichgültigkeit darüber, ob er lebte oder starb, nicht so deutlich darin zu hören gewesen. »Dafür bin ich hier.«
Kuji schluchzte auf, als sie sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger ihrer großen, kräftigen Hand packte. Ihr Griff war behutsam, ließ jedoch keinen Zweifel daran, dass sie ihm ohne Mühe den Unterkiefer herausreißen könnte, wenn ihr danach verlangte. Die Frau hob sein Gesicht. »Und jetzt sag mir, wo ich deinen Boss finde.«

Kyoshis Hals juckte furchtbar. Die Garrotte war mit gemahlenem Glas überzogen gewesen, und obwohl sie keine tiefen Schnitte abbekommen hatte, reizten die winzigen scharfen Splitter noch immer ihre Haut. Recht geschah es ihr – wie nachlässig sie gewesen war! Der Drahtmann der Bande war zwar leise gewesen, aber keinesfalls so lautlos wie die Gesellschaft, in der sie sich während ihrer Daofei-Tage bewegt hatte.
Außerdem war sie ein Risiko eingegangen, den Jungen nicht ebenso auszuschalten, wie sie es mit seinen Älteren getan hatte. Aber er hatte sie an Lek erinnert: Wie er versucht hatte, mit seinem dummen Milchgesicht hart auszusehen, während man ihm ansehen konnte, wie sehr er nach der Anerkennung seiner eingeschworenen älteren Brüder lechzte. Sein purer, idiotischer Wagemut. Er war zu jung, um Mitglied einer Bande in den Slums von Ba Sing Se zu sein.
Heute keine Ausnahmen mehr, dachte sie, als sie über den rostenden Müll und die Trümmer hinwegstieg. Sie hatte noch immer die Gewohnheit, alle Gleichaltrigen als Jungen und Mädchen anzusehen. Diese Wortwahl machte sie weich, und das war gefährlich. Ihr würde bestimmt niemand Gnade erweisen, nur weil sie noch keine achtzehn war. Der Avatar konnte sich den Luxus, einfach ein Kind zu sein, nun mal nicht leisten.
Sie bahnte sich ihren Weg durch den Flur, der kaum breiter war als sie. Durch Risse in den Wänden fiel nur wenig Licht. Leuchtkristalle waren teuer und Kerzen ein Brandrisiko, daher war Licht in Loongkau Luxus. Die Rohre, die sich wie ein verschlungenes Netzwerk aus Wurzeln über ihr entlangzogen, waren an vielen Stellen undicht. Tropfen landeten auf ihrem vergoldeten Haarschmuck, den sie trotz der Enge trug. Sie hatte sich daran gewöhnt, die zusätzliche Höhe auszugleichen, und schließlich musste sie sich seit ihrer Kindheit ohnehin ständig bücken.
Der Gestank von Schweiß und trocknender Farbe waberte durch die Korridore, zeugte von den eingepferchten Verhältnissen, in denen die Leute hier hausten. Was ihr wohl erst auf den tieferen Ebenen für Gerüche in die Nase steigen würden? In diesem Block drängten sich mehr Menschen zusammen als in jedem anderen des Unteren Rings und nicht alle Einwohner waren Verbrecher.
Loongkau war ein Auffangbecken für die Ärmsten der Armen. Menschen, die sonst nirgendwo hingehen konnten, hockten hier zusammen und wendeten all ihren Fleiß auf, um sich als Müllsammler, Schwarzhändler (»Das ist vom Wagen gefallen!«), Ärzte ohne Zulassung oder schmierige Futterbudenbetreiber durchzuschlagen. Sie waren gewöhnliche Bürger des Erdkönigreichs, die versuchten, am Rande des Gesetzes über die Runden zu kommen. Im Großen und Ganzen also Kyoshis Leute.
Im Zwielicht dieses Baus fanden auch gewaltsamere Naturen ein Zuhause: Die Banden aus dem Unteren Ring wurden immer größer, je mehr Daofei zuströmten. Banditen, die ihr Territorium auf dem Land nicht mehr behaupten konnten, suchten Schutz in Ba Sing Se und anderen großen Städten. Sie mischten sich unters Volk und verbargen sich unter den einstmaligen Schutzsuchenden, die sie in vergangenen Jahren drangsaliert hatten.
Die gehörten nicht zu Kyoshis Leuten. Tatsächlich waren viele von ihnen vor ihr auf der Flucht. Da jedoch jedes Apartment ebenso gut verängstigte Anwohner beherbergen konnte, die nichts mit den Schurken, die sie jagte, zu tun hatten, hielt sie sich zurück. Wenn sie mit herkömmlichem Erdbändigen große Brocken aus ihrer Umgebung riss, könnte es zu gefährlichen Einstürzen kommen und Unschuldige könnten verletzt werden.
Sie verließ den Flur und gelangte in einen kleinen Marktbereich. Sie kam an einer Kammer voller Fässer vorbei, aus denen helle Farbe auf den Boden tropfte – eine Heimfärberei –, und an einem verlassenen Schlachterstand, in dem Schwärme von Ameisenfliegen surrten. In Jianzhus Arbeitszimmer hatte es Aufzeichnungen über die politische und wirtschaftliche Situation in Ba Sing Se gegeben und Kyoshi hatte auch eine kleine Anmerkung über die äußerst geschäftstüchtigen Bewohner dieses Wohnblocks gefunden. Kurioserweise besaß das Land, auf dem er erbaut war, wegen seiner günstigen Lage im Unteren Ring anscheinend sogar einigen Wert. Händler des Mittleren Rings hatten in der Vergangenheit versucht, den Komplex zu kaufen und die Anwohner zu vertreiben, doch wegen der Bedrohung, die von den Banden ausging, waren solche Projekte immer gescheitert.
Kyoshi hielt an einem Bottich voller verdorbenem Mangotrester an. Das war die Stelle. Sie bändigte sich einen kleinen Kreis aus Steinen und Schutt und stellte sich darauf. Dann verschränkte sie die Arme über der Brust und machte sich so schmal wie möglich.
Sie wollte gerade ihren Plan in die Tat umsetzen, da bemerkte sie ein winziges Objekt in der Ecke. Es war ein Spielzeug, eine Puppe, die aus den Resten des Kleides einer feinen Dame gefertigt war. Jemand hatte großen Aufwand betrieben, um seinem Kind eine Puppe aus Stoff zu nähen, der aus dem Oberen Ring stammte.
Kyoshi starrte sie an, bis sie blinzeln musste, dann rief sie sich in Erinnerung, weswegen sie hier war. Sie stampfte mit dem Fuß auf.
Ihre kleine Erdplattform, die nur durch ihr Bändigen zusammengehalten wurde, wurde so hart wie die Spitze eines Bohrers. Sie brach durch die Tonplatten und verrotteten Holzstreben und sank so rasch in die Tiefe, dass ihr Magen einen Satz machte. Sie gelangte ins nächste Stockwerk, dann ins nächste darunter, immer weiter hinab.
In Jianzhus taktischen Anleitungen hieß es, bei Kämpfen in beengten Verhältnissen gebe es die meisten Opfer an bestimmten Stellen wie Türen und Treppen. Kyoshi hatte beschlossen, diese Teile des Gebäudes auszulassen und sich ihren eigenen Weg zu bahnen. Sie zählte vierzehn Stockwerke – mehr, als sie geschätzt hatte –, dann krachte sie durch eine letzte Zimmerdecke und kam auf festem Erdboden auf. Der tiefste Punkt von Loongkau.
Kyoshi trat von ihrer Plattform, Staub und Reste vom Mauerwerk rieselte von ihren Armen. Sie blickte sich um. Hier gab es keine Wände, nur Stützpfeiler, die das große Gewicht der Stockwerke darüber hielten. Hier gibt’s ja sogar einen Ballsaal, dachte sie ironisch. Der leere Saal ähnelte den Empfangshallen reicher Adliger wie Lu Beifong. Im Avatarsanwesen in Yokoya gab es einen ähnlichen Raum.
Sie konnte bis zum Ende blicken, da leuchtende Kristalle in die Wände eingelassen waren. Es war, als hätte jemand sämtliches Licht des Gebäudes in diesem Raum gehortet. Es gab einen Schreibtisch, der wie eine hölzerne Insel in der Leere stand. Und hinter dem Schreibtisch saß ein Mann, den Kyoshi kannte und der seine Ambitionen offenbar noch immer nicht aufgegeben hatte.
»Hallo, Onkel Mok«, sagte Kyoshi. »Lange nicht gesehen, was?«
Mok, dem früheren zweiten Mann der Gelbnacken, traten vor Überraschung beinahe die Augen aus dem Kopf. Kyoshi war wie ein Fluch, den er nicht loswurde. »Du!«, fauchte er und sank ein wenig hinter seinem Schreibtisch zusammen, als ob ihn das imposante Möbelstück irgendwie beschützen könnte. »Was willst du hier?!«
»Ich hab Gerüchte gehört, dass sich ein neuer Boss in Loongkau eingenistet hat und die Beschreibung kam mir bekannt vor. Da wollte ich selbst mal nachsehen. Ich hab gehört, diese Gruppe bezeichnet sich jetzt selbst als Dreieck oder so? Hab ich das richtig verstanden? Irgendwas mit drei Seiten.« Kyoshi fand es schwer, den Überblick zu behalten. Die ganzen Daofei, die in die Städte strömten, trugen ihre hochtrabenden Gebräuche in die Welt der städtischen Kleinkriminellen hinein: ihre Geheimniskrämerei, ihre Traditionen.
»Die Triade der Goldenen Schwinge!«, schrie er, wutentbrannt über ihr Desinteresse am Zeremoniell seiner Bande. Aber Kyoshi scherte sich schon lange nicht mehr um die Gefühle von Männern wie Mok. Sollte er sich ruhig ordentlich aufregen.
Das Trommeln der Schritte wurde lauter. Die Männer auf den mittleren Etagen, die Kyoshi auf ihrem Weg nach unten umgegangen hatte, kamen nacheinander in den Raum geströmt und umzingelten sie. Sie reckten ihr Äxte, Hackmesser und Dolche entgegen. Als Moks Männer noch durchs Land gezogen waren, hatten sie ausgefallenere Kampfgeräte vorgezogen, doch hier in der Stadt hatten sie ihre Neun-Ringe-Schwerter und Meteorhämmer gegen schlichtere Waffen eingetauscht, die sich in einer Menschenmenge leichter verstecken ließen.
Mit der Verstärkung von mehr als zwei Dutzend Männern fühlte Mok sich sichtlich wohler und fragte in ruhigerem Tonfall: »Also, Mädchen, was willst du nun? Abgesehen davon, mal bei deinen Ältesten vorbeizuschauen?«
»Ich will, dass ihr alle eure Waffen niederlegt, das Grundstück räumt, freiwillig zum Gerichtshaus eines Magistrats marschiert und euch verurteilen lasst. Das nächste ist nur sieben Blöcke entfernt.«
Ein paar Schergen brachen in Gelächter aus. Einer von Moks Mundwinkeln hob sich. Kyoshi mochte der Avatar sein, aber sie war weit in der Unterzahl und in einem geschlossenen Raum gefangen. »Wir weigern uns«, sagte er und machte eine ausladende Handbewegung.
»Na schön. Wenn das so ist, hätte ich nur noch eine Frage.« Kyoshi blickte von einem zum anderen. »Gibt’s wirklich nicht mehr von euch?«
Die Triadenmitglieder warfen sich gegenseitig verwirrte Seitenblicke zu. Mok machte dicke Backen vor Wut und wurde rot wie eine Beere in der Sonne.
Sie wollte nicht unverschämt sein, es war reiner Pragmatismus. Ihr Sinn für Ordnung und Effizienz drang an die Oberfläche. »Sonst kann ich auch warten, bis alle da sind«, sagte sie. »Ich will nicht noch mal zurückgehen und jedes Stockwerk absuchen müssen.«
»Reißt sie in Stücke!«, kreischte Mok.
Die Mordgesellen drangen von allen Seiten auf sie ein. Sie zog einen ihrer Fächer. Beide wären etwas übertrieben gewesen.

Kyoshi trat über den Haufen stöhnender Triadenmitglieder hinweg. Immer wenn einer sich nicht regte, stupste sie ihn mit dem Schuh an, bis sie sah, dass er noch atmete.
Moks Robe, die über der Stuhllehne gehangen hatte, war während der Schlägerei heruntergefallen. Er hatte seinen Stuhl ein paar Handbreit nach hinten gerückt, um die Flucht zu ergreifen, da legte ihm Kyoshi die Hand auf die Schulter und drückte ihn wieder auf die Sitzfläche zurück.
»Bleib ruhig sitzen, Onkel«, sagte sie. Bei aller Feindschaft war er schließlich immer noch älter als sie.
Zorn und Furcht rangen in Mok um Vorherrschaft, das konnte Kyoshi bis in die Fingerspitzen spüren. »Jetzt willst du mich also kaltblütig ermorden, wie du’s mit Xu gemacht hast. Blitze und zahllose Messer sollen dich zerfetzen, weil du deine eingeschworenen Brüder erschlagen hast!«
Dass Mok sie eine Mörderin nannte, störte sie mehr, als sie erwartet hätte. Xu Ping An hatte sich auf ein Duell eingelassen und er hatte sofort versucht, sie umzubringen. Sobald sie die Oberhand gewonnen hatte, hatte sie ihm Gelegenheit zur Kapitulation gegeben. Aber der frühere Anführer der Gelbnacken hatte ihr deutlich gezeigt, dass es für ihn keine Rettung geben konnte.
Trotz alledem dachte sie in schlaflosen Nächten immer wieder an Xu. Ständig stahl sich der niederträchtige Mann in ihren Geist, wenn sie eigentlich von denen, die sie liebte, hätte träumen können. Ja, sie dachte viel über Xu nach: Wie schwer er sich in ihrem Griff angefühlt hatte und wie sie am Ende des Kampfes einen Entschluss gefasst hatte.
Kyoshi schüttelte den Kopf. »Beim Lei Tai ist alles erlaubt«, sagte sie. Ihr Handeln laut zu rechtfertigen war eine bittere, unwirksame Medizin, die sie sich dennoch zu schlucken zwang. »Ich werde dich nicht umbringen. Du und deine Männer habt hier hinter den Mauern überraschend schnell Fuß gefasst, wenn man bedenkt, dass ihr den größten Teil eurer Zeit damit verbracht habt, als Banditenbande auf dem Land die Bauern zu drangsalieren. Du hast einen Kontaktmann in Ba Sing Se – und ich will wissen, wer das ist.«
Mok straffte sich und presste die Lippen aufeinander. Wahre Daofei gaben der Obrigkeit gegenüber niemals Informationen preis, selbst dann nicht, wenn es ihnen Vorteile bringen würde. »Mädchen, der Tag, an dem du mich zum Singen bringst, ist der Tag, an dem ich … auaaa!«
Kyoshi packte mit den Fingern zu und erinnerte ihn auf diese Weise daran, dass sich die Dinge geändert hatten, seit sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Sie drückte auf die Nerven in seinem Arm, bis ihm klar wurde, wie ihre neue Beziehung zueinander aussah.
»Es war jemand aus dem Mittleren Ring!«, gestand Mok, sobald er aufgehört hatte, vor Schmerz zu quieken. »Wir haben nur über Mittelsmänner kommuniziert. Ich kenne seinen Namen nicht!«
Kyoshi ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. Sie hatte erwartet, er würde ihr einen Verbrecher aus dem Unteren Ring nennen, jemanden von hier, der ihm vielleicht früher die Bruderschaft geschworen hatte. Der Mittlere Ring war die Domäne der Händler und Akademiker. Irgendetwas passte hier nicht zusammen.
Mok umklammerte seine Schulter und zog sich hastig vom Schreibtisch zurück. »Wai!« rief er in Richtung der Tür hinter sich. »Jetzt!«
Kyoshi hatte sich ablenken lassen und den dritten großen Bruder der Gelbnacken vergessen. Die Tür flog auf und Kyoshi blieb keine Zeit zu reagieren.
Bruder Wai kam mit erhobenem Messer und gefletschten Zähnen auf sie zugesprungen. Den Lederriemen, den er sonst über dem Loch getragen hatte, wo einmal seine Nase gewesen war, hatte er abgelegt, was sein ausgemergeltes Gesicht umso mehr wie einen Totenschädel aussehen ließ. Schon damals bei den Gelbnacken war Wai ein schneller, bösartiger Mann gewesen, und daran hatte sich nichts geändert.
Als er allerdings erkannte, dass es sich bei dem Eindringling um Kyoshi handelte, mit Make-up und in voller Montur, da keuchte er und erstarrte mitten im Ansturm. Wai war einer der wenigen Augenzeugen gewesen, die sie im Avatarzustand gesehen hatten, und diese Erfahrung hatte den spirituellen Mann tief beeindruckt. Er trat zurück, um ihr mehr Raum zu geben, stieß dabei fast seinen Bruder um und fiel auf die Knie. Das Messer, das er gerade noch auf Kyoshi gerichtet hatte, legte er wie eine Opfergabe vor ihr nieder.
»Das ist doch nicht dein Ernst!«, schrie Mok, doch Wai senkte sein Haupt und warf sich dem Avatar zu Füßen.

Kyoshi trat aus dem Inneren des Wohnblocks auf die Straße hinaus. Der Tag war heller und heißer geworden. Eine Polizeieinheit, uniformierte Wachen aus Ba Sing Se, wartete bereits auf sie. Links und rechts vom Ausgang hatten sie sich aufgereiht. Junge Beamte, die den Avatar noch nie gesehen hatten, starrten Kyoshi an, als sie aus der Dunkelheit hervorkam. Einer ließ seinen Schlagstock fallen und hob ihn hastig wieder auf. Kyoshi ging an den einfachen Wachleuten vorbei, beachtete das Geflüster nicht, nahm ihre Verbeugungen kaum zur Kenntnis, und trat zu Captain Li an der Tür. Er war ein blässlicher Mann, der diesen Job offensichtlich schon zu lange machte, wegen seiner Spielschulden aber noch nicht in den Ruhestand gehen konnte. »Die Absperrung ist eingerichtet«, keuchte er mit seiner Pfeifenraucherstimme. »Hier draußen gibt’s so weit keine Schwierigkeiten.«
Die meisten Bewohner des Unteren Rings gingen ihren Geschäften nach und kümmerten sich nicht um die anwesenden Gesetzeshüter, doch Kyoshi bemerkte ein paar, die mit gespieltem Desinteresse zusahen, wahrscheinlich Kundschafter anderer fragwürdiger Organisationen. Mit Captain Li zusammenzuarbeiten hieß, dass Kyoshi ihren Daofei-Eid stark strapazierte. Niemals würde sie ein Lakai des Gesetzes werden, das hatte sie ihrer älteren Daofei-Schwester Kirima geschworen, während ihr älterer Daofei-Bruder Wong eine Klinge über ihren Kopf gehalten hatte.
Allerdings war Li ihr Werkzeug, ihr Informant gewesen – nicht andersherum. Von ihm hatte sie alles erfahren, was sie gebraucht hatte, um ihre Rechnung mit Mok zu begleichen, und er hatte auch die nötigen Leute für die anschließende Razzia bereitgestellt. »Ist das Gebäude sicher?«, fragte Li. Er schob seinen Hut zurück und tupfte sich die Stirn mit dem Ärmelaufschlag ab.
»Die Triadenmitglieder sind alle besiegt und können weggeschafft werden«, sagte Kyoshi. »Ihr solltet einen Arzt kommen lassen.«
»Ich kümmere mich natürlich sofort darum«, antwortete Li. Am gelangweilten Tonfall konnte Kyoshi klar erkennen, wie wenig ernst er ihren Vorschlag nahm. Er hob die Finger an die Lippen und stieß einen Pfiff aus. »In Ordnung, Jungs! Holt das Gesindel da raus!«
Die Wachleute stürmten in den Wohnblock hinein. Sie hatten freie Bahn, nun, da Kyoshi jeden Winkel auf Gefahren überprüft hatte. Sie wartete geduldig auf das Ergebnis ihrer Arbeit. Die Triade der Goldenen Schwinge musste bei Tageslicht gezählt und katalogisiert werden. Alles Geheimnisvolle würde sich verflüchtigen, wenn man sie erst mal wie Reissäcke wegschleppte. Das hoffte sie zumindest.
Aus dem Dunkel Loongkaus drangen laute Stimmen und Kampfeslärm hervor. Zwei Polizisten zerrten einen Mann ins Freie, der nicht unter Kyoshis Angreifern gewesen war. Er war ärmlich gekleidet, allerdings fiel ihm eine Brille von der Nase. Er musste ein Juwelier oder Schneider gewesen sein, dass er sich so etwas Teures hatte leisten können.
Bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Brille von einem Stiefel zermalmt. Mit wachsendem Schrecken sah Kyoshi zu, wie weitere Polizisten herauskamen. Sie führten eine Frau vor sich her, die Hand in ihrem Genick. Sie hatte ein weinendes Kind auf dem Arm. Der Mann mit den schlechten Augen hörte das Kind und fing an, sich im Griff der Wachleute zu winden.
Das waren keine Mitglieder der Triade. Es war eine der armen Familien, die in diesem Block lebten. »Was machen Eure Leute da?«, schrie Kyoshi in Lis Richtung.
Er blickte sie verwirrt an. »Wir entfernen das kriminelle Element. Gewisse Leute warten schon lange darauf, diesen Schandfleck abzureißen.« Er zögerte wie ein Feilscher, der nicht zu viel Geld ausgeben wollte. »Wollt Ihr auch einen Anteil? Da müsst Ihr meinen Ansprechpartner im Mittleren Ring fragen.«
Der Mittlere Ring. Auf einen Schlag begriff sie.
Jemand mit großen, lukrativen Plänen für Loongkau hatte die Einwohner aus dem Block entfernen wollen, hatte dafür aber einen Vorwand gebraucht. Diese Person hatte zugelassen, dass die Triade sich dort niederließ, damit das Gesetz und der Avatar sich einmischen würden. Und dann hatte er Captain Li bestochen, damit er Unschuldige und Verbrecher gleichermaßen herausschaffte.
»Hört auf!«, befahl Kyoshi. »Hört sofort damit auf!«
»Ach je«, jammerte Li ohne einen Funken Ehrlichkeit. »Das tut mir leid, Avatar, aber ich erfülle nur meine Pflicht. Ich habe die Befugnis, im eigenen Ermessen diese Räumlichkeiten von Verbrechern zu befreien.«
»Mama!«, schluchzte das kleine Mädchen – das war mehr, als Kyoshi ertragen konnte. »Papa!«
Kyoshi zog ihre Fächer und ließ sie aufschnappen. Dann hob sie aus der Schicht direkt unter dem Staub der Straße, wo der Lehm noch feucht und formbar war, Erdbrocken herauf. Faustgroße Klumpen schossen davon und klatschten Li und seinen Männern auf Mund und Nase, wo sie wie Maulkörbe haften blieben.
Die Wachen ließen die Familie los und griffen sich panisch ins Gesicht, doch gegen Kyoshis Erdbändigen konnten sie mit bloßen Fingern nichts ausrichten. Li sank auf die Knie, seine Augen traten hervor.
Allzu bald würden sie nicht ersticken. Kyoshi steckte ihre Fächer weg. Dann schritt sie langsam die Reihe der Wachen ab, riss jedem das Stirnband herunter und überprüfte die quadratischen Metallsiegel des Erdkönigs, die am Stoff befestigt waren.
In die Abzeichen aller Beamten von Ba Sing Se waren Identifikationsnummern eingraviert, ein Beleg für die ungeheure Bürokratie der Stadt. Obwohl diese Männer gerade immer weniger Luft bekamen, verstanden sie doch, was es bedeutete, dass sie ihnen ihre Stirnbänder abnahm und unter ihrer Robe verstaute. Sie musste nur zu einer Verwaltungsbehörde gehen und sich nach ihrer Identität erkundigen, dann würde sie sie später problemlos wiederfinden können. Die meisten Einwohner von Ba Sing Se hatten die Gerüchte gehört, was Avatar Kyoshi ausmachte und wie sie mit Menschen umging.
Li hob sie sich bis zum Schluss auf. Als sie die Runde gemacht hatte und endlich bei ihm ankam, war er bereits puterrot angelaufen. Sie riss ihm das Stirnband unter der Mütze hervor, dann ließ sie den Lehm von seinem Mund herabfallen und befreite auch seine Männer von ihren Knebeln. Lis Einheit stürzte geschlossen zu Boden, alle rangen nach Atem. Der Captain landete auf der Seite, sein Atem rasselte wie Würfel in einem Becher. Sie beugte sich über ihn, doch bevor sie etwas sagen konnte, schleuderte er ihr einen Namen entgegen, in der Hoffnung, dass sie ihn dann verschonen würde. Er hatte wirklich kein Rückgrat. »Wo – so lautet sein Name! Der Mann, der mich bezahlt, ist Minister Wo!«
Kyoshi musste die Augen schließen, um ihre Frustration zu verbergen. In Ba Sing Se musste es mindestens ein Dutzend Minister mit dem Namen Wo geben. Der Name allein brachte ihr gar nichts. Die Stadt war zu groß. Das Erdkönigreich war zu groß. Sie konnte mit der Korruption nicht Schritt halten, die aus allen Löchern drang.
Sie holte tief Luft. »Jetzt hört mir mal genau zu, Captain«, sagte sie, so ruhig sie konnte. »Ihr werdet die Triadenleute wegschaffen und sonst niemanden. Dann treibt Ihr Papier und Pinsel auf und schreibt mir ein umfassendes Geständnis, in dem Ihr von diesem Wo erzählt und jede Bestechung auflistet, die Ihr jemals von ihm gekriegt habt. Und jeder Pinselstrich nichts als die Wahrheit. Haben wir uns verstanden, Captain Li? Ich werde es mir hinterher ansehen. Und ich will, dass Ihr Euer ganzes Herzblut in dieses Geständnis legt.«
Er nickte. Kyoshi richtete sich auf und bemerkte, dass die Frau und ihre Tochter sie mit großen angsterfüllten Augen anstarrten. Sie machte einen Schritt auf sie zu, wollte sie fragen, ob sie verletzt waren.
»Fasst sie nicht an!« Der Mann, der seine Brille verloren hatte, warf sich zwischen Kyoshi und seine Familie. Nahezu blind, hatte er wohl nicht erkannt, dass sie nur helfen wollte. Oder er hatte es erkannt, glaubte aber dennoch, dass sie eine Bedrohung darstellte.
Weiter entfernt, um die Absperrung herum, hatte sich eine Schar von Schaulustigen versammelt. Sie tuschelten und frische Gerüchte nahmen ihren Anfang: Der Avatar hatte nicht nur die Bewohner Loongkaus auseinandergenommen, Kyoshi hatte auch ihren unersättlichen Zorn gegen die Polizisten des Erdkönigs gerichtet.
Die Blicke der gewöhnlichen Bürger und der verängstigten Familie ließen ihre Haut kribbeln, verursacht durch ein Gefühl, das korrupte Männer wie Li oder Mok nie bei ihr hätten auslösen können. Es war Scham. Sie schämte sich dessen, was sie getan hatte, was sie war.
Ihr Make-up verbarg die Röte ihrer Wangen und die Furchen in ihrer Stirn. Ein letztes Mal legte sie Li vielsagend die Hand auf die Schulter, dann ging sie so gemächlich, wie sie gekommen war. Sie ließ Loongkau zurück wie eine teilnahmslose Statue auf dem Rückweg zu dem Altar, der sie zum Leben erweckt hatte. Die Farbe in ihrem Gesicht verbarg jedoch die Wahrheit, die sich auf ihren Zügen abzeichnete: Sie floh vom Schauplatz ihres Verbrechens, während ihr Herzschlag drohte, ihren Brustkorb zu zertrümmern.

DIE EINLADUNG

WER SICH DARÜBER BEKLAGTE, wie lange man brauchte, um Ba Sing Se zu durchqueren, rechnete gewöhnlich die verstopften Straßen mit ein. Für Kyoshi stellten sie kein Problem dar: Menschenmengen teilten sich vor ihr wie das Gras vor dem Wind.
Außerdem stand ihr eine Abkürzung zur Verfügung: Sie konnte Wasser bändigen und mit einem provisorischen Floß die Regenwasserkanäle nutzen, die aus dem Oberen Ring bis ganz nach unten in die Ackerbauzone führten, wo mit dem Wasser die Pflanzen bewässert wurden. Das ging extrem schnell, sofern man den abgestandenen Geruch aushalten konnte.
Gegen Abend erreichte sie den Mittleren Ring. Trotz der Tatsache, dass die Häuser hier alle Hausnummern hatten und die Straßen nach einem ordentlich geplanten Schema verliefen, fand sie sich zwischen den einförmigen, weiß gestrichenen Gebäuden mit ihren grünen Dachziegeln nur schwer zurecht. Ihr Weg führte sie über hübsche Brücken, die sich über sanft dahinströmende Kanäle spannten, an Teehäusern vorbei, aus denen der Duft von Jasminblüten strömte, und unter Bäumen hindurch, die ihre blassrosafarbenen Blüten auf die Wege streuten. Während ihrer Kindheit in der Gosse von Yokoya hatte Kyoshi sich das Paradies ziemlich genau wie den Mittleren Ring vorgestellt: sauber, ruhig, und wohin man blickte, gab es etwas zu essen.
Ladenbesitzer, die gerade ihre Böden fegten, blickten überrascht zu ihr auf, wandten sich aber bald wieder ihrer Arbeit zu. Sie kam an einer Schar schnatternder Schüler in dunklen Roben vorbei, die in ihre Richtung glotzten und sich mit den Ellenbogen anstießen, ihrem Blick aber nicht auswichen. Menschen, die sich in ihrer Stellung im Leben wohlfühlten, neigten weniger zur Furcht. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass Gefahr in irgendeiner Gestalt auf ihrer Türschwelle erscheinen könnte.
Kyoshi schlüpfte ungesehen in eine dämmrige Nebenstraße. Mit einem Schlüssel, den sie in ihrer Schärpe aufbewahrte, öffnete sie eine schlichte Tür ohne Namensschild oder ein sonstiges Kennzeichen. Sie gelangte in einen Hausflur, ebenso verwinkelt und voller Treppen wie Loongkau, dabei jedoch wesentlich sauberer. Am Ende fand sich ein Durchgang zu einer kleinen Wohnung im ersten Stock, in dem lediglich ein Bett und ein Schreibtisch standen. Dieses Zimmer gehörte zu den diversen Immobilien, die Jianzhu ihr hinterlassen hatte, und es diente ihr als Unterschlupf, in dem sie die Nacht verbringen konnte, wann immer sie sich nicht offiziell bei der Dienerschaft des Erdkönigs anmelden wollte. Sie schnallte ihre Armschienen ab und warf sie im Vorbeigehen aufs Bett.
Dann ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und warf die entwendeten Stirnbänder auf den Tisch. Die Abzeichen klirrten wie beim Glücksspiel gewonnenes Geld. Mit mehr Vorsicht legte sie ihren Kopfschmuck ab. Eine Brise fuhr ihr durchs Haar. Sie kam durch das Fenster hereingeweht, von dem aus sie den Unteren Ring in seiner ganzen Weite und Armut überblicken konnte: Gerade versank die Sonne hinter den braunen Verschlägen und Hütten, die sich auf dem Land ausbreiteten wie Leder, das in der Sonne trocknet.
Ihre Wohnung besaß eine ungewöhnliche Lage. Viele Häuser des Mittleren Rings boten keinen Ausblick auf den Unteren Ring. Die Händler und Bankiers, die in diesem Distrikt lebten, gaben viel Geld aus, um sich den unerfreulichen Anblick zu ersparen.
Kyoshis Finger entwickelten ein Eigenleben und bildeten ordentliche Stapel aus den Abzeichen. Eine dumpfe Erschöpfung machte sich schmerzhaft pochend in ihrem Kopf breit. Heute war eine weitere Bürde auf ihrem Stapel von Aufgaben und Verantwortungen gelandet: Sie würde Loongkau noch einen Besuch abstatten müssen, um zu schauen, ob alle Einwohner sicher waren und nicht von irgendwem aus ihren Behausungen vertrieben worden waren. Außerdem würde sie Lis Hinweis nachgehen müssen, sonst würden der Captain und seine Unterstützer davon ausgehen, dass sie bloß warten mussten, bis der Avatar wie eine Wolke über ihren Köpfen weitergezogen war, ehe sie ihre korrupte Aktivität wieder aufnehmen konnten.
Sie wusste, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Sich einen einzelnen korrupten Gesetzeshüter in Ba Sing Se herauszugreifen, war im Großen und Ganzen nicht effektiver, als würde man einen Regentropfen aus dem Ozean schöpfen. Es sei denn …
Es sei denn, sie statuierte ein Exempel an Li und demjenigen, der ihn bestochen hatte. Sie könnte ihnen so sehr zusetzen, dass sich herumsprach, was geschah, wenn der Avatar jemanden erwischte, der wehrlose Menschen zu seinem eigenen Vorteil ausbeutete.
Es wäre schnell. Effizient. Brutal.
Jianzhu hätte so etwas sicher gutgeheißen.
Kyoshi schlug mit beiden Händen auf den Tisch. Die aufeinandergestapelten Abzeichen fielen klappernd auf die Tischplatte. Wieder einmal war sie in die Denkweise ihres verstorbenen »Gönners« verfallen. Ihre eigene Stimme hatte ihr seine Worte zugeflüstert, so inniglich, wie die Avatare angeblich mit ihren früheren Inkarnationen sprechen konnten.
Sie zog eine Schublade auf und holte ein Handtuch hervor, das in einer kleinen Schale mit einer speziellen Lösung gelegen hatte. Sie zog das feuchte Tuch mit Nachdruck über ihr Gesicht und versuchte, zusammen mit dem Make-up auch den tiefer liegenden Schmutz wegzuwischen, den sie in ihrem Inneren spürte.
Angewidert schauderte sie. Sie hatte Li mit genau der gleichen Technik den Atem geraubt, die Jianzhu gegen sie angewandt hatte. Eigentlich hätte sie einen heftigen Widerwillen empfinden müssen, schließlich wusste sie, wie sich das anfühlte: langsam zu sterben, während die eigene Lunge kollabierte. Beim Umgang mit Li war sie so leicht in Jianzhus Haut geschlüpft wie in ihre Kleider.
Die ebenso ein Geschenk von ihm gewesen waren.
Wieder schlug sie mit der Faust auf den Tisch und hörte, wie das Holz protestierend knirschte. Es kam ihr so vor, als führte jeder Schritt, den sie als Avatar tat, in die falsche Richtung. Kelsang hätte niemals Gewalt als Taktik in Erwägung gezogen. Er hätte versucht, die Lage der Bewohner von Loongkau und des Unteren Rings zu verbessern, bis sie der Herrschaft der Triade und der Unterdrückung seitens des Mittleren Rings etwas hätten entgegensetzen können. Er hätte als ihre Stimme fungiert.
Das war es, was Kyoshi tun musste: im Wesentlichen das Gleiche, was Kelsang für sie getan hatte, das verlassene Kind, das er in Yokoya gefunden hatte. Es war die richtige Vorgehensweise und auf lange Sicht am effektivsten.
Nur würde es dauern. Eine sehr … sehr lange Zeit.
Jemand klopfte an die Tür. »Herein«, sagte sie.
Ein junger Mann öffnete die Tür. Er trug das wallende orangefarbene Gewand der Luftnomaden. »Geht es Euch gut, Avatar Kyoshi?«, fragte Mönch Jinpa. »Ich habe Lärm gehört und … aah!«
Der Papierstapel, den er im Arm hatte, flog in die Luft, als er erschrocken zusammenzuckte. Kyoshi fing an, Kreisbewegungen mit der Hand zu vollführen, bändigte die Luft und fing die Papiere in einem Miniaturtornado ein, bevor sie sich im ganzen Raum verteilen konnten. Jinpa überwand seine Überraschung, fuhr mit den Händen von unten aufwärts durch den Luftwirbel und legte so den Stapel wieder zusammen – allerdings ragten nun überall die Ecken heraus.
»Verzeiht, Avatar«, sagte er, nachdem er ihre Post zusammengeklaubt hatte. »Ich war überrascht wegen Eures, äh …« Er deutete auf sein eigenes Gesicht, um nicht unhöflich auf ihres zeigen zu müssen.
Sie hatte den Rest der Schminke noch nicht fertig abgewischt. Wahrscheinlich sah sie wie einer jener Schädel aus, die Ärzte zur Veranschaulichung verwendeten, die Hälfte der Haut heruntergezogen. Kyoshi griff nach dem Tuch, um die Arbeit zu beenden. »Mach dir nichts draus«, sagte sie und fuhr vorsichtig mit dem Tuch an ihrem Augenwinkel entlang, damit sie nichts von dem Präparat, das die Farbe auflöste, ins Auge bekam.
Jinpa widersetzte sich ihrem Befehl und blickte weiterhin besorgt drein. »Außerdem blutet Ihr am Hals.«
Ach ja. Genau. Mit ihrer freien Hand öffnete sie einen Fächer und zielte mit dem Blatt auf die Garrottenwunde an ihrer Kehle. Durch Erdbändigen wurden die Glassplitter aus ihrer Haut gezogen und ballten sich vor ihr zu einem Klumpen zusammen. Einen Moment lang schwebte er in der Luft, dann fiel er zu Boden, als sie ihre Aufmerksamkeit einem Krug in ihrer Nähe zuwandte.
Ein dünner Wasserstrahl schlängelte sich aus dem Gefäß hervor und legte sich um Kyoshis Hals. Das Wasser war kühl und linderte den Juckreiz. Sie konnte spüren, wie sich ihre Haut wieder zusammenfügte. Jinpa sah ihr mit großen, sorgenvollen Augen bei ihrer kruden Selbstverarztung zu.
»Müsste Heilwasser nicht leuchten?«, fragte er.
»Hab ich noch nie hingekriegt.« Die Büchereien des Anwesens in Yokoya waren voller dicker Schwarten, die die medizinische Nutzung des Wasserbändigens behandelten, aber Kyoshi hatte bisher weder Zeit noch einen ordentlichen Lehrer gehabt, um sich dieses Wissen anzueignen. Trotzdem hatte sie so viele der Texte gelesen, wie sie konnte, und die Wunden, die sie sich als Avatar einhandelte, gaben ihr reichlich Anlass, an sich selbst zu üben.
Eines hatte sie sich jedenfalls geschworen: Wie begrenzt ihr Wissen auch sein mochte oder wie unzureichend ihre Technik – nie wieder würde sie tatenlos zusehen, wie jemand, der ihr etwas bedeutete, vor ihren Augen einfach starb.
Sie schleuderte das Wasser in den Krug zurück und fuhr mit dem Finger über die Narbe, die an ihrem Hals zurückgeblieben war. Wenn das so weitergeht, seh ich bald wie Tante Muis Flickendecke aus. Die Narbe würde sie mit mehr Make-up oder einem höheren Kragen verstecken können. Die fleckigen, geheilten Brandwunden an ihren Händen, die sie Xu Ping An zu verdanken hatte, erinnerten sie jedoch daran, dass ihr bald die Körperteile ausgehen würden, an denen sie sich verletzen und die sie dann verstecken könnte. »Was gibt es für Neuigkeiten?«
Jinpa nahm Platz und zog einen der vielen an den Avatar gerichteten Briefe heraus, deren Siegel er bereits gebrochen hatte. Dieses Privileg hatte sie ihm eingeräumt. Während sie sich zum ersten Mal als Avatar im Südlichen Lufttempel aufgehalten hatte, hatte er ihr fortwährend mit der Planung und Kommunikation geholfen. Irgendwann hatten die Älteren seines Ordens nur noch mit den Schultern gezuckt und ihn offiziell als Kyoshis Sekretär eingesetzt. Ohne seine Hilfe wäre sie völlig überfordert gewesen und irgendwann einfach zusammengebrochen.
»Statthalter Te berichtet untertänigst: Das Dorf Zigan hat seine vormals höchste Einwohnerzahl überschritten und kann sich nun einer neuen Schule und einer Kräuterklinik rühmen, die den ärmsten Bürgern beide unentgeltlich zur Verfügung stehen«, las Jinpa laut vor. »Na, so was. Die Familie Te ist nicht gerade für ihre Großzügigkeit bekannt. Ich frag mich, was plötzlich in den jungen Sihung gefahren ist.«
Ja, was nur? Te Sihung hatte als erster Amtsinhaber des Erdkönigreichs erfahren, dass Kyoshi der Avatar war – kurz nachdem sie beschlossen hatte, ihn beim Überfall der Daofei auf sein Haus nicht zu ermorden. Gleich nach ihrer öffentlichen Enthüllung hatte sie Te klargemacht, dass er nach wie vor in ihrer Schuld stand und sie ihn weiterhin beobachten würde. Das Wissen, dass seine Macht ihn nicht immun gegen Konsequenzen machte, hatte anscheinend sein Mitgefühl und sein Können als Statthalter beflügelt.
Gute Neuigkeiten waren derzeit selten. »Was noch?«, fragte sie Jinpa in der Hoffnung auf mehr.
Er zog den Mund schief. »Der Rest der Briefe sind Ersuche um Audienzen von Adligen, die Ihr bereits abgewiesen oder gar nicht erst beachtet habt.«
»Alle?« Sie beäugte den hohen Papierstapel und runzelte die Stirn.
Jinpa zuckte mit den Schultern. »Ihr habt bereits eine Menge Adlige abgewiesen oder ignoriert. Die Leute des Erdkönigreichs sind eben besonders hartnäckig.«
Kyoshi widerstand dem Drang, den ganzen Stapel in Brand zu setzen. Sie musste nicht alle Briefe lesen, um zu wissen, dass jeder einzelne irgendeine Forderung stellte, dass der Avatar in einer geschäftlichen, politischen oder finanziellen Angelegenheit zugunsten des Schreibers entscheiden möge.
Das hatte sie schon nach den ersten paar Stichproben verstanden. Wann immer Kyoshi eine unverfängliche Einladung zu einem Bankett akzeptierte, eine spirituelle Zeremonie leitete oder einen neuen Kanal oder eine Brücke segnete, kam irgendwann der Gastgeber, der Statthalter oder der mit dem größten Landbesitz – oftmals handelte es sich dabei um ein- und dieselbe Person – und wollte mit ihr unter vier Augen über materielle Dinge sprechen, mit denen sie Kuruk oder die große Yangchen niemals behelligt hätten. Aber Kyoshi war ja nicht wie die anderen, richtig? Sie verstand, wie im Erdkönigreich Geschäfte gemacht wurden.
Sie verstand es tatsächlich. Das bedeutete allerdings nicht, dass es ihr auch gefiel. Dieselben Weisen, die Jianzhus letztem Willen und Testament zum Trotz vehement ihre Avatarschaft abgestritten hatten, dieselben Adligen, die sie des Betrugs bezichtigt hatten, obwohl sie mit angesehen hatten, wie Kyoshi Wasser und Erde über ihrem Kopf herumwirbeln ließ, sie alle wurden schlagartig zu wahrhaftigen Gläubigen, wenn sie annahmen, dass es ihnen helfen würde, sich innerhalb der endlosen Hierarchien des Erdkönigreichs mehr Wohlstand und Macht einzuverleiben. Der Avatar konnte ein Urteil darüber fällen, wo die Grenze zwischen zwei Provinzen zu liegen hatte und welcher Statthalter auf reichem Getreideland die Steuern eintreiben können würde. Der Avatar konnte einer Handelsflotte helfen, ihre Route schneller und sicherer zu bewältigen und so das Leben der Seeleute schützen, doch am Ende sicherte sie so vor allem den Auftraggebern gewaltige Profite.
Kyoshi hatte schon bald gelernt, solche Gesuche zu ignorieren und sich auf das zu konzentrieren, was sie mit ihren eigenen Händen erreichen konnte. »Diese Nachrichten können warten«, sagte sie. Insgeheim hoffte sie, die ganze Korrespondenz würde einfach verpuffen, wenn sie nur hinreichend kalt und herrisch klang.
Jinpa bedachte sie mit einem sanften, aber tadelnden Blick. »Avatar … Ihr mögt mir verzeihen, aber ein wenig müsst Ihr Euch schon mit den gehobenen Kreisen abgeben. Ihr könnt Euch der Frage nach der Führung des Erdkönigreichs nicht auf ewig entziehen.«
Das Erdkönigreich hat keine Führung, dachte Kyoshi. Ich hab geholfen, denjenigen umzubringen, der einem Anführer am nächsten gekommen wäre.
»Die Pflichten, die Ihr in Eurer Position habt, gehen über die eines mächtigen Bändigers hinaus«, fuhr er fort. »Ihr habt das Land von den größten Banditengruppen befreit, und wie Ihr diesen Mok aufgespürt und davon abgehalten habt, weiterhin Unschuldige zu verletzen, war höchst beeindruckend. Aber jetzt verausgabt Ihr Euch nur noch und mischt immer wieder dieselben Halunken auf. Den Boden des Verbrechensfasses zu schrubben, ist das denn wahrhaftig schon das Beste, was Ihr für die Vier Nationen tun könnt? Ganz zu schweigen von den Risiken für Eure persönliche Sicherheit.«
»Davon verstehe ich eben was.« Und nur so kann ich sicher sein, dass das, was ich tue, richtig ist.
Dieses Gespräch hatten sie bereits geführt, und zwar viele Male, doch Jinpa wurde es nicht müde, immer wieder davon anzufangen. Anders als die anderen Luftnomaden, die sie kennengelernt hatte und die ihre Loslösung von der Welt sehr schätzten, trieb er sie immer wieder an, sich eingehender mit ebenjenen zu befassen, die sie ausnutzen wollten. Er war nicht viel älter als Kyoshi, etwas über zwanzig, daher war es seltsam, wenn er mit ihr sprach wie ein Politiklehrer mit einem widerspenstigen Schüler.
»Irgendwann müsst Ihr auf einer größeren Bühne stehen«, sagte Jinpa. »Der Avatar schlägt Wellen in der Welt, ob er will oder nicht.«
»Ist das so eine Redensart bei deinen mysteriösen Freunden, von denen du mir nichts erzählst?«
Angesichts ihres ungeschickten Versuchs, das Thema zu wechseln, zuckte er nur mit den Schultern. Auch das frustrierte sie an Jinpa: Anders als Kirima oder Wong ließ er sich nicht auf irgendwelche Wortgefechte mit ihr ein. Er hatte zu viel Respekt vor ihr – ein Problem, das ihre alten Gefährten nicht gekannt hatten, selbst dann nicht, als sie erfahren hatten, dass sie der Avatar war.
Sie fragte sich, was geschehen würde, wenn der Mönch jemals die übrig gebliebenen Mitglieder der Fliegenden Operngesellschaft kennenlernte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er ihnen seine Hilfe anbieten würde, um ihrem Daofei-Leben zu entkommen. Und im Gegenzug würden sie wahrscheinlich versuchen, ihm seinen Bison zu klauen.
Nur eines würde sie dazu bewegen können, mit den Weisen zu sprechen. »Es steht aber in keinem Brief irgendwas über …«
»Meister Yun? Leider nicht. Er bleibt weiterhin verschollen.«
Kyoshi ließ ihren Atem langsam durch die Zähne entweichen. Während der Zeit, als die Welt noch geglaubt hatte, Yun wäre der Avatar, hatte er einen großen Aufwand betrieben, mit der Elite des Erdkönigreichs zu verhandeln. Was bedeutete, dass nur sie sein Gesicht kannten. Einen Mann irgendwo im Erdkönigreich aufzuspüren, wenn niemand wusste, wie er aussah, und ihnen einen Hinweis geben konnte, war so, als versuchten sie, in einer Kiesgrube einen bestimmten Kiesel zu finden. »Dann sollten wir die ausgesetzte Belohnung noch einmal erhöhen.«
»Ich weiß nicht, ob das was bringt«, entgegnete Jinpa. »Die prominenten Persönlichkeiten des Erdkönigreichs haben einen großen Gesichtsverlust hinnehmen müssen, weil sie Meister Yun fälschlicherweise als Avatar eingestuft haben. An ihrer Stelle würde ich gar nicht wollen, dass er wieder auftaucht. Ich würde so tun, als wäre das alles nie passiert. Ich hab gehört, Lu Beifong würde niemandem in seinem Haushalt, nicht einmal Gästen, erlauben, von Jianzhu oder seinem Schüler zu sprechen.«
Für einen Luftnomaden bekam Jinpa erstaunlich viel politischen Klatsch zu hören, aber gewöhnlich stimmten seine Beobachtungen. Lu – wie ein verfluchter Dorn im Auge. Als Jianzhus Unterstützer trug er in Kyoshis Augen ebenso viel Schuld an dem Fehler, wies aber nach wie vor alle Verantwortung von sich.
Sie hatte Lu Beifong persönlich gebeten, Yun zu finden, in der Erwartung, der alte Mann würde wenigstens einen Hauch großväterlicher Verbundenheit zeigen. Stattdessen hatte er nur kaltherzig auf den Brief hingewiesen, den er wie zahllose andere Weise im ganzen Erdkönigreich bekommen hatte. In diesem Brief stand, Kyoshi sei der Avatar – und dass Yun tot sei. Lu hatte sich zwischen den letzten Worten Jianzhus und Kyoshis wirrem Bericht vom Vorfall in Qinchao entscheiden müssen und hatte sich das ausgesucht, was am bequemsten für ihn war. Was ihn anging, hatte sich der Skandal erledigt. Ein Sieg des neutralen Jing.
Jinpa schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. »Es verlangt ja niemand, dass Ihr die Suche nach dem falschen Avatar aufgebt, aber vielleicht …«
»Nenn ihn nicht so!«
Ihre Rüge hallte im Zimmer wider. Sie musste nur daran denken, wie leicht alle Yun aufgegeben hatten, erst Jianzhu, dann Lu und der Rest des Erdkönigreichs, und sofort stieg frischer Zorn in ihr hoch. Jinpa wich ihrem Blick aus und senkte den Kopf. Während sie betreten schwiegen, wippte er nervös mit dem Fuß. Sie brauchte keine Bändigerfähigkeiten, um das Beben im Boden zu spüren.
»Ich werde jedem wichtigen Passkontrollpunkt Meister Yuns Beschreibung zukommen lassen«, sagte er schließlich. »Deren Arbeit besteht darin, Namen und Gesichter abzugleichen. Die gucken genauer hin als der durchschnittliche Beobachter.«
Das war eine gute Idee. Besser als alle, die ihr bisher gekommen waren. Nun tat es ihr doppelt leid, dass sie die Beherrschung verloren hatte. Sie musste sich für ihren Ausbruch entschuldigen, musste aufhören, solche Ausbrüche zu haben, wenn sich die Distanz zwischen Jinpa und ihr jemals verringern sollte.
Sie fürchtete sich jedoch vor dem, was Freundschaft mit sich brachte. All ihre bisherigen Wegbegleiter hatte sie in Gefahr gebracht. Und sie konnte ihre Erinnerungen an einen gewissen Luftnomaden nicht abschütteln, an seine Witze, seine Wärme, sein Lächeln.
»Kümmere dich darum«, sagte Kyoshi knapp.
Jinpa nickte. Dann zögerte er, als müsste er sich überlegen, wie er seine nächsten Worte am besten formulieren sollte. »Ich habe nicht alle Briefe von heute geöffnet. Einen hat ein Sonderkurier gebracht.«
»Die Hälfte aller Briefe werden von irgendwelchen ›Sonderkurieren‹ gebracht«, erwiderte Kyoshi verächtlich. Solche Schreiben kamen immer schrecklich pompös daher, auf die Umschläge war in greller grüner Tinte Dringend oder Ausschließlich für den Avatar bestimmt gestempelt. Es waren die üblichen Tricks, mit denen die Erdweisen um ihre Aufmerksamkeit buhlten.
»Dieser ist aber wirklich etwas Besonderes.« Jinpa griff in seine Robe und zog eine Postrolle hervor, die er dort verstaut hatte.
Sie war rot.
Auf dem Verschluss der stabilen Metallröhre prangten goldene Flammen. Inmitten der farblosen, aber fürs Erdkönigreich typischen Einrichtung ihres Apartments wirkte die Rolle wie ein glühendes Kohlenstück in einem ausgetrockneten Wald. Eine Armee von Wachssiegeln hielt die Nähte zusammen.
Jinpa überreichte ihr die Rolle mit beiden Händen, als handele es sich um ein wertvolles Relikt. »Ich glaube, sie kommt von Feuerlord Zoryu persönlich.«
Es war das erste Mal, dass ein Staatsoberhaupt sie direkt anschrieb. Kyoshi war dem Feuerlord noch nie begegnet und er hatte ihr bisher auch noch keine Nachrichten geschrieben. Ihr bisher einziger Kontakt mit der Regierung der Feuernation hatte stattgefunden, als die Neuigkeit ihrer Avatarschaft die Runde gemacht hatte: Damals war ein Abgesandter nach Yokoya geschickt worden. Der gut gekleidete Minister hatte zugesehen, wie sie nacheinander ein Quäntchen jedes der vier Elemente heraufbeschworen hatte, und er hatte jedes Mal genickt und einen Vermerk in seine Notizen gekritzelt. Er hatte Kyoshi seine Ehre erwiesen, war höflich zum Abendessen geblieben und am nächsten Morgen gen Heimat aufgebrochen, um seinen Bericht abzuliefern. Sie hatte es sehr zu schätzen gewusst, wie wenig Kummer er ihr im Gegensatz zu ihren eigenen Landsleuten bereitet hatte.
Die Siegel zu brechen und die Hülle zu öffnen kam ihr vor, als würde sie ein historisches Artefakt beschädigen. Sie gab acht, dass die ursprüngliche Form des Wachses weitestgehend erhalten blieb, dann entrollte sie das Papier in der Hülle.
Das Schreiben kam direkt zum Punkt, entbehrte jeglicher Schnörkel, die Erdkönigreichsbeamte für nötig erachteten, um sich bei ihr einzuschmeicheln: Lord Zoryu brauche die Unterstützung des Avatars in einer national bedeutsamen Angelegenheit. Wenn sie als sein Ehrengast in den Königspalast kommen und am Szeto-Fest teilnehmen würde, einem wichtigen Feiertag der Feuerinseln, dann könne er ihr alles Weitere persönlich erklären.
»Und was steht drin?«, fragte Jinpa.
»Es ist eine Einladung, die Feuernation zu besuchen.« Ein Debüt auf der Weltbühne. Sie schluckte die Nervosität herunter, die ihr plötzlich die Kehle zuschnürte.
Jinpa sah, dass sie zögerte, und legte flehentlich die Hände zusammen. »Genau hiervon spreche ich, Avatar. Die Vier Nationen werden es nicht zulassen, dass Ihr für immer das Licht der Öffentlichkeit scheut. Bitte sagt nicht, dass Ihr ausgerechnet den Feuerlord brüskieren wollt.«
Kyoshi grübelte. Sie bezweifelte, dass der Herrscher der Feuernation leichtfertig um ihre Hilfe bitten und ihre Zeit verschwenden würde. Und die Scherereien mit ihrem eigenen Volk sorgten dafür, dass sie nervlich ziemlich am Ende war. Ein Tapetenwechsel wäre vielleicht genau das Richtige.
»Und es ist ein Festtag«, fügte Jinpa hinzu. »Ihr könntet sogar Spaß haben. Ihr dürft nämlich gelegentlich Spaß haben!«
Man konnte sich darauf verlassen, dass ein Luftnomade auf Spaß als letztes Argument zurückgreifen würde. »Du kannst dem Feuerlord schreiben, dass ich mich geehrt fühle und die Einladung gern annehme«, sagte sie. »Morgen fangen wir mit der Reiseplanung an. Für heute hab ich genug von Geschäftsdingen, glaub ich.«
Jinpa verbeugte sich feierlich und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie froh er war, dass sich der Avatar endlich seiner Verantwortung stellte. »Niemand hat Ruhe nötiger als der Avatar.« Er verließ das Zimmer und ging zu dem Büro, das sie am Ende des Flurs eingerichtet hatten.
Wieder allein, betrachtete Kyoshi schweigend das cremefarbene Papier. Den Teil des Briefs, der für sie den Ausschlag gegeben hatte, die Einladung anzunehmen, hatte sie Jinpa verschwiegen.
Es war eine besondere Neuigkeit, ganz am Ende der Botschaft des Feuerlords. Die frühere Schulleiterin der Königlichen Akademie war endlich heimgekehrt, nach langer Genesung in Agna Qel’a, der Hauptstadt des Nördlichen Wasserstamms –, und zwar in Begleitung ihrer Tochter. Vielleicht würde der Avatar die beiden ja gern treffen, da sie miteinander in Yokoya Umgang gepflegt hatten? Die beiden würden sie jedenfalls gern wiedersehen.
Umgang gepflegt. Kyoshi hatte nicht gewusst, dass man so erleichtert und zugleich so verzweifelt sein konnte. Sie war noch nicht einmal in der Feuernation und sah schon vor sich, wer dort auf sie warten würde, jenes wilde Feuer schierer Hitze und Streitlust. In der Finsternis ihrer Erschöpfung sah sie von fern her ein Licht, das nach ihr rief.
Rangi.
Sorgfältig faltete Kyoshi den Brief zusammen und steckte ihn in ihre Robe, dorthin, wo ihr Herz vor Aufregung pochte. So sehr sich ihr Sekretär auch wünschen mochte, dass sie Ruhe bekam: Heute Nacht würde sie kaum ein Auge zutun.

VERGANGENE LEBEN

JINPAS BISON YINGYONG hatte nur fünf Beine statt der üblichen sechs. Als Kalb war er von einem Raubtier angegriffen worden und hatte dabei sein linkes Vorderbein verloren. Nun, als Erwachsener, krängte er wegen der Verletzung ein wenig beim Fliegen, weswegen Jinpa hin und wieder sanft mit den Zügeln gegensteuern musste, damit sie auf geradem Kurs blieben.
Kyoshi hatte sich an Yingyongs Schlängelflug gewöhnt. Kelsangs Bison Pengpeng war mit der Aufzucht ihrer eigenen Jungen beschäftigt. Sie hatte sich ihren Ruhestand im Südtempel redlich verdient und Kyoshi hatte nie erwartet, dass ihre Bindung von Dauer sein würde. Pengpeng hätte sie vielleicht weiter geduldet, sie vielleicht sogar gemocht, aber diese wunderbaren Tiere schlossen sich in ihrem Leben nur einem einzigen Luftnomaden an.
Auf ihrem Weg zur Feuernation flogen Jinpa und sie etwas tiefer als sonst, nahe über den grünen Wassern des Mo-Ce-Meers, wo die Luft warm war und man gut atmen konnte. Das schöne Wetter machte dies möglich. Wolkenfetzen trieben über den blauen Himmel und warfen immer wieder einen Moment lang ihre Schatten auf sie.
Wenn Kyoshi irgendetwas aus der Zeit vermisste, nachdem sie auf Pengpengs Rücken aus Yokoya geflohen war, dann waren es jene kurzen Momente des Reisens zwischen all den Ereignissen. Viele hätten wohl angenommen, dass es sie beruhigte, auf einem Bison dahinzuschweben, den Wind im Gesicht, doch Kyoshi schätzte etwas ganz anderes an den Flügen: Solange sie in der Luft war, konnte sie ausnahmsweise sicher sein, dass sie ganz automatisch ihr Bestes tat. Schneller als mit einem Himmelsbison kam man nun mal nicht von einem Punkt zum anderen. Sie musste sich nicht über andere Optionen den Kopf zerbrechen.
Eine ungesicherte Tasche kam auf dem Sattel ins Rutschen. Jinpa zog noch einmal kurz an den Zügeln und Yingyong korrigierte sich. Kyoshi packte die Tasche und klemmte sie unter ein Tau. »Geht’s ihm gut?«, fragte sie. »Braucht er eine Pause?«
»Nee, ihm geht’s gut«, sagte Jinpa. »Der faule Junge hat sich von einem Schwarm Flugaale ablenken lassen. Stimmt’s, Junge? Wer ist ein fauler Junge mit Aufmerksamkeitsstörung, der sich leicht ablenken lässt?« Er kratzte Yingyong zärtlich hinter dem Ohr. »Aber wenn Ihr anhalten wollt, dann bietet sich uns ein Stück voraus eine Gelegenheit. Es ist ein interessanter historischer Schauplatz: Avatar Yangchen hat dort angeblich zum ersten Mal Wasser gebändigt. Wollt Ihr euch das ansehen?«
Das wollte sie tatsächlich gern. Sie empfand eine brennende Neugier für einen der größten Avatare der Geschichte, ihre Vorgängerin, die vor zwei Generationen Avatar gewesen war. Yangchen war die Frau, die alles richtig gemacht hatte. Bis auf den heutigen Tag riefen die Leute sie an, wenn sie Schutz oder Glück suchten. Kyoshi wünschte oft, sie besäße den Intellekt eines wahren Gelehrten, um Yangchens Wirken als Anführerin wirklich verstehen zu können. Sie schlug sich mit ihrem Allgemeinwissen über den gesegneten Luftavatar durch, der erfolgreich das Gleichgewicht und die Harmonie auf der Welt bewahrt hatte.
Wenn sie das nächste Mal in Yokoya war, würde sie sich eingehender in Yangchens Lebenswerk einlesen. In den großen Büchereien des Herrenhauses musste es jede Menge nützliches Material dazu geben. Jetzt gerade war sie jedoch in Eile. »Wir müssen nicht landen. Ich kann von oben einen Blick drauf werfen.«
»Natürlich, Avatar. Ich sag Bescheid, wenn wir da sind.«
Kyoshi ließ sich in ihren Sitz zurücksinken. Der Brief unter ihrer Jacke schabte leicht am Stoff und kratzte lautstark an ihren Nerven.
Sie hatte schon lange nicht mehr mit Rangi kommuniziert. Botenfalken kamen mit der extremen Kälte des Nordens nicht zurecht, wo sich ihre Mutter Hei-Ran auskurierte. Als neuer Avatar war Kyoshi ständig unterwegs. Das Anwesen war so weit vom Nördlichen Wasserstamm entfernt, wie es ein Punkt im Erdkönigreich nur sein konnte. Es schien, als hätte sich die Welt verschworen, um sie voneinander getrennt zu halten und zum Schweigen zu bringen.
Sie wollte an etwas anderes denken. Oder mit jemand anderem reden. Es fiel ihr immer noch schwer, sich ungezwungen mit Jinpa zu unterhalten, und für nur eine Person war ein Bisonsattel eigentlich viel zu groß und wirkte unangenehm leer. Sie war es eher gewöhnt, sich mit wenigstens vier anderen um den Platz streiten zu müssen, mit den Schultern zu schubsen und sich darüber zu beklagen, wer am meisten aus dem Mund stank, weil er zu scharf gegessen hatte.
Nach einer Weile spürte sie, wie sich Yingyong wieder auf die Seite legte, schärfer diesmal. »Und … wo ist nun diese Insel?«, fragte sie Jinpa. Sie hielt sich an der Reling fest, um die Balance zu halten. Das Meer unter ihr war eine glatte Fläche. Eine Landmasse hätte sich nirgendwo verstecken können.
Jinpa lehnte sich in den Kreis hinein und suchte das Wasser ab. »Hmm. Nach allem, was ich gelesen hab, müsste es hier irgendwo sein. Ich sehe nichts, abgesehen von dem dunklen Fleck dort unter der Oberfläche.«
»Ach, wenn wir’s nicht finden, können wir auch einfach weiterfliegen. Es ist nicht so wichtig …«
KYOSHI.
Sie schrie auf, als plötzlich ein stechender Schmerz von einer Schläfe zur anderen durch ihren Schädel schoss. Er packte sie im Genick und alles verschwamm ihr vor den Augen. Ihre Hände wurden taub und verloren den Halt am Sattel. Kopfüber fiel sie über die Reling und stürzte vom Bison, noch immer den Klang des eigenen Namens im Ohr.

Der Schmerz ließ auf dem gesamten Weg in die Tiefe nicht von ihr ab. Scharf wie ein Dolch schoss er zwischen ihren Schläfen hin und her, bis er einen Ausgang fand: abwärts die Wirbelsäule entlang, von der aus er über ihren ganzen Körper herfallen konnte. Ihr war kaum bewusst, wie schnell und wie tief sie fiel.
KYOSHI.
Ein Mann mit einer tiefen Stimme rief nach ihr, seine Worte wurden vom Wind zerrissen, der an ihren Ohren vorbeizischte. Die Stimme gehört nicht Jinpa.
KYOSHI.
Der Schock, ins kalte Salzwasser einzutauchen, war eine Erleichterung nach der heißen Qual. Sie wusste nicht, wo oben und unten war. Ihre Gliedmaßen trieben schwerelos im Wasser. Als sie die Augen öffnete, spürte sie das erwartete Brennen des Salzwassers nicht.
Aus dem endlosen Blau tauchte eine Gestalt vor ihr auf, die ebenso schlaff im Wasser trieb wie sie. Ihr Gegenüber war nur undeutlich zu sehen, wie eine Tuschezeichnung, die jemand in einen Fluss geworfen hatte, doch sie wusste, wer diese Erscheinung war, die in die Felle des Wasserstamms gehüllt war.
Avatar Kuruk.
… KYOSHI … BRAUCHE DEINE HILFE, UM …
Die Stimme ihres direkten Vorgängers im Avatarzyklus war viel lauter im Wasser, seinem natürlichen Element. Sie donnerte in ihren Ohren.
… KYOSHI … DU MUSST … ICH KANN NICHT …
Eine Hand fuhr in Kuruks Leib und löste seine Erscheinung auf wie Tinte im Wasserglas. Sie packte Kyoshi am Kragen und zog sie nach oben. Das Salzwasser, das ihr bisher nichts ausgemacht hatte, biss ihr nun umso heftiger in die Augen. Sie vergaß, dass sie immer noch im Meer war, schnappte instinktiv nach Luft und bekam einen Schwall Wasser in die Kehle. Falls Kuruks Zauber sie bisher vor dem Ertrinken bewahrt hatte, so war er nun gebrochen.
Jinpa schlug mit den Beinen und zerrte sie, während er sie mit einer Hand festhielt, auf das gebrochene Sonnenlicht zu. Zuerst versuchte Kyoshi, ihm noch zu helfen, indem sie selbst schwamm. Beschämend lange strampelte sie herum, bis ihr wieder einfiel, dass sie eine Wasserbändigerin war – umgeben von Wasser. Rasch hob sie die Arme und brachte Jinpa und sich selbst an die Oberfläche.
Sie brachen hindurch und spuckten Wasser. Kyoshi hustete und keuchte, bis sie endlich wieder atmen konnte. Yingyong schwebte nahebei in der Luft und knurrte besorgt.
»Geht es Euch gut?!«, rief Jinpa prustend. »Seid Ihr verletzt?«
»Mir fehlt nichts«, sagte Kyoshi. Der Kopfschmerz hatte sich weitestgehend in den Ozean hinein verflüchtigt. »Ich hab nur das Gleichgewicht verloren und bin rausgefallen.«
»Rausgefallen?« Jinpa war so wütend auf sie, wie es ein Luftbändiger nur sein konnte. Er hatte die Stimme erhoben. Und er guckte böse.
»Es war Kuruk.« Kyoshi presste die Hände gegen die Schläfen, um das dumpfe Pochen zu lindern. Dank ihres Bändigens mussten sie sich keine Mühe geben zu schwimmen. »Er hat versucht, mir irgendwas zu sagen.«
»Avatar Kuruk?! Ihr … Ihr habt mit Avatar Kuruk gesprochen? Es sah aus, als hättet Ihr einen Anfall!«
»Normalerweise ist es nicht so schlimm. Die letzten paar Male hat es nicht so wehgetan.«
Jinpas Kiefer drohte, sich auszuhaken und ins Meer zu plumpsen. »So was ist schon mal passiert und Ihr habt mir nichts davon erzählt? Kyoshi, wenn ein Avatar mit einem vergangenen Ich kommuniziert, sollte das eine heilige Erfahrung sein, kein lebensbedrohlicher Krampfanfall!«
Kyoshi schnitt eine Grimasse. Das wusste sie doch! Sie wusste selbst, wie dünn und brüchig ihre spirituelle Verbindung war. Sie hatte es durch Versuch und Irrtum herausgefunden.
Genau einmal hatte sich ihr der Avatar der Wasserstämme in seiner ganzen Gestalt gezeigt, im Südlichen Lufttempel. Er hatte die Dreistigkeit besessen, sie um Hilfe zu bitten, um sich dann ebenso schnell wieder in Luft aufzulösen. Allein und desorientiert war sie zurückgeblieben und hatte sich gefragt, was sie mit solch einer nutzlosen Vision bloß anfangen sollte.
Die Erfahrung hatte sie jedoch daran erinnert, dass sie Zugang zu einer wahren Fundgrube weltlichen Rats hatte, in der Gestalt ihrer vergangenen Leben. Dieser ungeheure Erfahrungsschatz voller Weisheit war quasi zum Greifen nah. Wenn sie doch nur ihren eigenen Geist meistern könnte.
Kyoshi hatte versucht, mit vorigen Generationen des Zyklus in Kontakt zu treten. An heiligen Stätten des Südlichen Lufttempels hatte sie meditiert, in Schreinen am Wegesrand im Erdkönigreich, die den großen Avataren Yangchen und Salai gewidmet waren, an Orten natürlicher Schönheit auf Bergen und neben dahinströmenden Flüssen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es leicht sein würde. Sie hatte gelesen, dass Spiritualisten meist ihr ganzes Leben damit verbrachten, die Kunst von Meditation, Trance und Erleuchtung zu erlernen. Kyoshi war voll darauf gefasst gewesen, von der Stille des Versagens begrüßt zu werden, wenn sie versuchte, mit ihren vorigen Inkarnationen zu sprechen.
Worauf sie jedoch nicht gefasst gewesen war: dass sie lediglich Bruchstücke von Kuruk bekommen würde.
Und zwar nur von Kuruk.
Jedes … einzelne …Mal!
Ihre Meditationen hatten immer den gleichen Effekt. Sie wandte sich nach innen, versuchte, in Einklang mit ihrer Vergangenheit zu kommen, und dann traf sie auf die verschwommene Gestalt des Wasseravatars, der irgendwelche abgehackten Sätze voller Unsinn ausspuckte. Sie hatte versucht zu entschlüsseln, worum er sie bitten wollte, aber ihre Verbindung zu ihm schien einfach nicht stark genug zu sein.
Außerdem taten ihr die Sitzungen mit all dem Zähneklappern und den Zuckungen nicht gut. Darum hatte sie nie einen Weisen, der die Geisterwelt bereits besucht hatte, gefragt, ob er ihre Meditation anleitete. Sie hatte sich vor einer Reaktion wie der Jinpas gefürchtet, wenn jemand ihr dabei zusah, wie sie so offenkundig und schmerzlich scheiterte. Schlimm genug, dass sie als Avatar Schwierigkeiten hatte, mit ihren früheren Inkarnationen Kontakt aufzunehmen. Dass sie jedoch gewaltsam weggestoßen und quasi zur Tür hinausgejagt wurde wie ein Dieb, der sich für seinen Einbruch das falsche Haus ausgesucht hatte, das war etwas ganz anderes. Kyoshi hatte keinen Bedarf, ihre Legitimität noch mehr infrage gestellt zu sehen, als das ohnehin schon der Fall war.
Am Ende hatte sie ihre Versuche aufgegeben. Von Kuruk hatte sie ohnehin von Anfang an nicht viel gehalten, und wenn er als Einziger von tausend willens war, mit ihr in Kontakt zu treten, dann konnte sie darauf verzichten. Gelegentlich ließ er ihr jedoch keine Wahl und erschien ungebeten.
»Das ist keine große Sache«, sagte sie zu Jinpa. »Hin und wieder hab ich eine Vision von Kuruk oder ich hör seine Stimme. Ich verstehe aber nie, was er sagen will.«
Jinpa konnte nicht fassen, dass sie darüber sprach wie über ein Knie, das schmerzte, bevor es regnete. »Kyoshi«, sagte er und musste um die Seelenruhe seiner Ahnen beten, um angesichts ihrer Unfähigkeit nicht einen Zusammenbruch zu erleiden und in Tränen auszubrechen. »Wenn ein Avatar der Vergangenheit eine Botschaft hat, dann ist das gewöhnlich von größter Bedeutung.«
»Na schön!«, schrie sie. »Sobald wir die Gelegenheit haben, finden wir einen großen erleuchteten Meister, von dem ich lernen kann, mit Kuruk zu sprechen! Können wir uns jetzt bitte wieder um unsere andere höchst dringliche Mission kümmern? Oder willst du irgendwie auf einen Rutsch alles in Ordnung bringen, was mit mir nicht stimmt?«
Der verletzte Ausdruck und die tiefe Enttäuschung auf dem Gesicht des Mönchs sprachen Bände. Kyoshi war nicht nur ein schlechter Avatar, sie war auch noch eine schlechte Herrin für ihren Sekretär, die ihn nicht nur anschrie, sondern ihn sogar beleidigte. Nicht einmal Jianzhu hatte seine Bediensteten derart zur Schnecke gemacht. Eigentlich hätte sie es besser machen müssen, schließlich wusste sie selbst, wie das war.
Und Jinpa hatte sie vor dem Ertrinken bewahrt. Hätte sie statt leichter Reisekleidung ihre schweren Gewänder und ihre Armschienen getragen, dann wäre sie vielleicht so schnell untergegangen, dass er sie nicht mehr hätte einholen können.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Jinpa, es tut mir wirklich leid. Ich habe kein Recht, so mit dir zu sprechen.« Mit Yun wäre er sicher besser ausgekommen. Die beiden wären enge Freunde geworden und hätten von früh bis spät Pai Sho gespielt. »Ich … ich wünschte, du könntest einem Avatar dienen, der diesen Titel verdient.«
Ihre Entschuldigung schien nicht ganz das zu sein, was er erwartet hatte, aber er nahm sie mit dem üblichen sanften Lächeln hin. Er kletterte auf Yingyongs Widerrist und fing an, seine nasse Robe auszuwringen. Kyoshi seufzte, tauchte das Gesicht ins Wasser und hoffte, sie könnte ihre Scham einfach abwaschen.
In der Tiefe entdeckte sie jedoch etwas, das sie ihren inneren Aufruhr mit einem Schlag vergessen ließ.
Der dunkle Fleck, den Jinpa von oben aus gesehen hatte, war ein zertrümmertes, versunkenes Atoll – nur mächtigstes Bändigen konnte diese Insel derart zerstört haben. Die Struktur des Riffs war überall von tiefen Rissen durchzogen, riesige Erdbrocken lagen herum und ganze Korallenbänke waren durch unfassbar heftiges Wasserbändigen glatt geschliffen worden.
Kyoshi wusste die verräterischen Zeichen der Zerstörung zu deuten: Dies war Yangchens Insel. Hierher war Kuruk mit seinen Gefährten gekommen, um zum ersten Mal zu versuchen, in den Avatarzustand zu gelangen. Vielleicht hatten sie es nicht gewusst. Oder sie hatten den Ort in der Hoffnung ausgewählt, der große Luftavatar würde ihnen spirituellen Beistand leisten. Doch Kuruk hatte die Kontrolle verloren und das Atoll versenkt.
Ein Ort, der Yangchen und den Luftnomaden heilig gewesen war, war vernichtet worden. Wegen seiner Fahrlässigkeit. Als sie sich wieder in den Sattel hinaufzog, nahm sie sich Jinpas Gemütsruhe zum Vorbild. Denn gerade schossen ihr einige ziemlich harsche Ansichten durch den Kopf. Je weniger sie im Augenblick über Kuruk nachdachte, desto besser.

DAS WIEDERSEHEN

SIE FLOGEN GERADEWEGS auf eine Kette aktiver Vulkane zu und auch wenn die Vorstellung seltsam erscheinen mochte, sie fühlten sich besser und besser, je näher sie dem Gebiet kamen. Endlich näherten sie sich der Feuernation.
Jinpa wich wohlweislich den Schwaden giftigen Rauchs aus, die aus den Kratern hervorquollen, lenkte Yingyong stattdessen in Schlangenlinie über die Thermalquellen dazwischen, sodass sie auf Stößen heißer Luft dahinhüpften. Das fast schon spielerische Auf und Ab genügte, um Kyoshi für kurze Zeit ein selbstvergessenes Lächeln auf die Lippen zu zaubern.
Auf den kleineren Inseln sahen sie Ansammlungen von Häusern, gewöhnlich an den Küsten, doch manchmal auch höher oben in den Bergen, wo es an den Hängen Almen gab und im Schatten Tee angebaut wurde. Gemeinsam erinnerten die Landmassen an den schlanken Schwanz einer Echse, der Richtung Körper an Umfang zunahm und schließlich in die Insel mit der Hauptstadt mündete, wo sich auch der Hafen des Ersten Feuerlords befand.
Sie stießen hinab und konnten einen Blick auf die Stadt werfen, die um den größten Hafen der Feuernation gewachsen war. Dort wurden bereits die Vorbereitungen für die kommende Feier getroffen: Rote Papierlaternen hingen an Schnüren kreuz und quer über den Straßen, an manchen Stellen so dicht, dass die Karren und Gehsteige darunter nicht mehr zu sehen waren. Von überallher drang das laute Hämmern der Verkäufer an ihr Ohr, die ihre hölzernen Stände aufbauten. In einer Nebenstraße erspähte Kyoshi einen halb fertiggestellten Festzugswagen, auf dessen Plattform eine Gruppe von Tänzern in perfektem Einklang ihre Choreografie übte.
»Da scheint ja schwer was los zu sein«, sagte Kyoshi. Insgeheim wünschte sie sich, dort unten mit den anderen gewöhnlichen Leuten feiern zu können, statt an einem Staatsempfang teilnehmen zu müssen. Dort würde man deutlich weniger von ihr erwarten.
»Ihr wisst ja, wie die Leute der Feuernation sind«, sagte Jinpa und winkte einer Gruppe Kinder auf einem Dach zu, die voller Begeisterung und mit großen Augen zu dem fliegenden Bison über ihren Köpfen aufschauten. »Immer zugeknöpft, bis sie plötzlich richtig loslegen.«
Sie ließen die Hafenstadt hinter sich zurück und flogen die Schräge des Kraters hinauf, der die große Insel dominierte. Bäume und Ranken klammerten sich hartnäckig an die steile, steinige Oberfläche und die feuchte Luft machte ihnen das Atmen schwer.
»Sollen wir hier landen und uns ankündigen?«, fragte Jinpa. Er zeigte auf die steinernen Wachtürme und Bunker, die in den Rand des toten Vulkans hineingebaut waren.
Kyoshi schüttelte den Kopf. Ungeduld stieg in ihr auf und drohte überzuschwappen wie Flutwasser über einen Deich. »Im Brief stand, wir sollen direkt zum Palast kommen.«
Tatsächlich zeigten die Wachen keinerlei Reaktion, als sie über sie hinwegflogen. Sie standen einfach nur in ihren spitzenbewehrten Rüstungen da und beobachteten mit starren Gesichtern, wie sie vorübersausten. Als Yingyong den Kraterrand überwand, tauchte vor ihnen, grandios wie ein Feuerwerk, die Hauptstadt auf.
Die königliche Kraterstadt. Hier lebten der Feuerlord und der Hochadel dieses Landes. Anders als Ba Sing Se, das Macht mit Ausdehnung gleichsetzte, bündelte diese Stadt ihren Status wie eine Speerspitze. Türme ragten hoch in den Himmel auf, Schulter an Schulter mit ihren rot geschindelten Nachbarn. Kyoshi musste an Pflanzen denken, die miteinander ums Sonnenlicht wetteiferten und sich dabei immer höher reckten, damit sie nicht zurückblieben und umkamen.
Mehrere Seen funkelten am Grund der Caldera, doch einer war weit größer als alle anderen. Die offiziellen Namen wusste Kyoshi nicht mehr. Außerhalb der Feuernation bezeichnete man sie oft als die Königin und ihre Töchter, denn sie waren berühmt für die kristallklare Schönheit ihres Wassers. Angeblich stand die Todesstrafe darauf, die Seen mit Booten zu befahren, doch nun sah Kyoshi, dass das nur ein albernes Gerücht war: Schon jetzt dümpelten Laternenboote auf der spiegelnden Oberfläche, in Vorbereitung auf das Fest.
Im Zentrum der Senke stand der Königspalast, ernst und karg. Er war von einem Ring beigefarbener Pflastersteine umgeben, sodass jeder, der sich zu Fuß näherte, in eine beunruhigend exponierte Lage versetzt wurde, direkt vor den Schutzwällen und Wachtürmen. Nur hinter den inneren Mauern wuchs scheu ein Garten, spärlich wie der Bart eines jungen Mannes. Kyoshi nahm an, dass es sich um eine Sicherheitsmaßnahme handelte: Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass sich Diebe oder Attentäter ungesehen von Baum zu Baum schlichen.
Da die Sicherheit derart gewährleistet war, erhob der Palastkomplex Pracht zum obersten Prinzip. Aus der Mitte ragte eine Turmspitze in den Himmel, flankiert von zwei goldenen Pagoden mit einem Übermaß an sich aufwölbenden Traufen, die den Anschein erweckten, als wären die Dächer mit Tierklauen verziert. Der Bau glich eher einem großen Schrein als einer Residenz. Die steilen Winkel der Dächer hätten es Eindringlingen schwer gemacht, von oben einzudringen.
Kyoshi ohrfeigte sich innerlich dafür, dass sie das Heim des Feuerlords derart auskundschaftete. Wie schlummernde Samen nach einem frischen Regen sprossen die alten Gewohnheiten der Fliegenden Operngesellschaft aus ihrem Gedächtnis hervor.
»Wisst Ihr, wo wir landen sollen?«, fragte Jinpa und riss sie aus ihren Gedanken. »Mir ist etwas unbehaglich dabei, einfach über die Mauer hinwegzufliegen. Familien, die Ballisten besitzen, haben dafür bestimmt eher wenig übrig.«
»Am Haupttor, aber nicht zu nah dran.« Als ehemalige Dienerin wusste Kyoshi, dass die höheren Stände es schätzten, wenn die Besucher ihre Residenz in genau der richtigen Art und Weise betraten: Tief beeindruckt und voller Ehrfurcht sollten sie durch eine sorgsam entworfene Ausstellung der Kultur und Macht wandeln. Und die herrschende Familie stand in der Feuernation nun mal an höchster Stelle.
Yingyong landete auf der Allee, die den Steinring in zwei Hälften teilte. Sie stiegen ab und legten den Rest des Wegs zum Torhaus zu Fuß zurück: Am Boden bewegte sich der Bison wegen des fehlenden Beins mit einem ziemlich holprigen Gang, bei dem man sich nur schwer im Sattel halten konnte. Das Gepäck wäre ihm von den Schultern gerutscht, wenn es nicht sicher festgebunden gewesen wäre.
Sie erreichten das schwere Eisentor, imposant und unnachgiebig, das weder Gucklöcher noch einen Sichtschlitz oder sonst irgendeine Möglichkeit besaß, um hindurchzuspähen. Kyoshi fragte sich gerade, ob sie klopfen sollte, da durchbrach ein metallisches Mahlen die unbehagliche Stille. Irgendwo im Inneren griffen die Räder schwerer Maschinen ineinander und ächzten unter der Last. Das Tor bewegte sich, nicht nach außen oder innen, sondern geradewegs nach oben.
Dahinter kam ein Mädchen zum Vorschein – Zoll für Zoll, als wäre der Anblick dieser Person, diese Inkarnation roher Kraft, für bloße Sterbliche nicht auf einmal zu ertragen. Und manchmal glaubte Kyoshi das. Die erhabene Schönheit der Kraterstadt und des Königspalastes waren nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die sich in diesem Moment vor ihr offenbarte.
Das Tor beendete seine qualvolle Reise mit einem lauten metallischen Knall. Der Bogengang dahinter wurde von Fackeln erhellt, von denen keine so hell leuchtete wie das Paar bronzefarbener Augen, das Kyoshi von oben bis unten musterte. Abgesehen davon, dass sie nun die Rüstung eines höherrangigen Offiziers trug, mit weniger Spitzen und überhängenden Klappen und mit mehr Goldbesatz, sah Rangi noch immer genauso aus wie vorher. Ihr tintenschwarzes Haar war nachgewachsen und besaß wieder seine alte Länge. Ihre Haltung war genauso starr und unbeugsam, wie Kyoshi es in Erinnerung hatte.
Auch hüllte sie sich nach wie vor in dieselbe Aura unanfechtbarer Überlegenheit. In Rangis Gegenwart zu sein bedeutete, ihren Ansprüchen nicht zu genügen. Wenige Sekunden Stille genügten, um Kyoshi zum Zittern zu bringen.
Ihre schlimmsten Ängste bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche. Es war genug Zeit vergangen, dass Rangi zu Kyoshis Ehemaliger geworden sein konnte: ehemalige Lehrerin, ehemalige Leibwächterin, ehemalige … eben alles.
Dann wurde die Stille von einem Geräusch durchbrochen, das Kyoshi bisher nur ein einziges Mal gehört hatte: Rangi, die so sehr lachte, als würde sie ersticken.
Die Feuerbändigerin stützte sich mit der Hand an der nächsten Wand ab und rang nach Luft, als hätte sie die ganze Zeit über den Atem angehalten, während das Tor sich geöffnet hatte. »Ich musste rennen … den ganzen Weg über das Grundstück … um beeindruckend auszusehen, wenn ich dich begrüße«, keuchte sie. »Ich glaub, ich bin nicht mehr in Form.«
Der eisige Schraubstock, der sich um Kyoshis Herz gelegt hatte, wurde auseinandergesprengt und es konnte wieder schlagen. »So hast du das also immer gemacht?« Seit sie sie kannte, hatte Rangi stets irgendwo auf sie gewartet, meist lächerlich früh am Morgen, oder sie war in letzter Minute plötzlich und auf dramatische Weise wie aus dem Nichts aufgetaucht. Zu wissen, dass sie einfach nur mit Höchstgeschwindigkeit von hier nach dort gehetzt war, nahm dem Mysterium ein wenig den Zauber.
Rangi grinste und nickte, während sie langsam wieder zu Atem kam. »Wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, dass mich jemand von der Feuernation so sieht. Der einzige tote Winkel der Verteidigungsanlagen ist genau hier – direkt unter dem Tor selbst. Was bedeutet, dass ich das hier tun kann.«
Sie legte die Hände um Kyoshis Nacken und zog sie zu sich unter den Bogen, geradewegs in einen glühend heißen Kuss hinein.

KULTURDIPLOMATIE

KYOSHI VERGAß SCHLAGARTIG, warum sie eigentlich hier war. Wo sie war. Wo oben und unten war. Rangi küsste all ihre Erinnerungen fort. Sie verschmolzen miteinander, bildeten eine Legierung.
Und dann brach Rangi den Kuss ab und trat einen Schritt zurück – womit sie aus Kyoshis Sicht ungeheure Grausamkeit an den Tag legte. »Willkommen in der Feuernation, Avatar«, sagte sie, wieder ganz professionell. Sie glättete eine Haarsträhne, die verrutscht war, verhielt sich aber sonst so, als hätte sie Kyoshi nicht gerade allein mit ihren Lippen um den Verstand gebracht.
Der Avatar taumelte noch immer, war zu benommen, um zu antworten. »Herrin Rangi, sagte Jinpa und lief flink um Kyoshi herum, um ihre Gastgeberin zu begrüßen. Auf Luftnomadenart legte er die Handflächen zusammen und verbeugte sich vor ihr. »Schön, Euch endlich persönlich kennenzulernen.«
Kyoshi wurde unwillkürlich rot. Jinpa wusste, wer Rangi war, aber sie war nicht sonderlich begeistert, dass ihr Sekretär einen solch intimen Moment mitbekam. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was er später in seine Notizen schreiben würde: Tag eins von Kyoshis erstem Besuch der Feuernation, würde er für die Nachwelt festhalten. Avatar Kyoshi küsst unangemessenerweise die Liebe ihres Lebens, auf der Schwelle zur sichersten Festung der Welt.
»Bruder Jinpa«, sagte Rangi so freundlich, wie sie es selten gegenüber jemandem war. »Ihr beehrt mich mit Eurer Anwesenheit. Ihr könnt den Bison ruhig am Tor lassen: Unsere Stallmeister wissen, wie man sich um die Reittiere jeder Nation kümmert.« Sie beugte sich vor und zwinkerte ihm zu. »Ich werde sie wissen lassen, dass ich ihnen das Leben zur Hölle mache, wenn sie Euren Gefährten schlecht behandeln.«
Jinpa lachte, bis er Kyoshis Blick auffing und begriff, dass das kein Scherz gewesen war. Das Lachen blieb ihm im Hals stecken. Er ging zurück und löste Yingyongs Zügel. »Sei ein guter Junge und bleib«, hörte Kyoshi ihn dem Bison ins Ohr flüstern, woraufhin das Tier kummervoll brummte. »Ja, ich weiß, sie ist Furcht einflößend. Mir passiert schon nichts.«
Sobald sie Yingyong in guten Händen wussten, gingen Kyoshi, Rangi und Jinpa den Tunnel entlang. Er war dafür entworfen, Menschen darin umzubringen. Die Wände waren mit Eisenplatten ausgekleidet, in die kleine Löcher gebohrt waren, durch die man Pfeile und Feuerstöße schießen konnte. Der Boden wirkte solide, allerdings schien sich darunter ein Hohlraum zu befinden, was wohl bedeutete, dass die Verteidiger sie mit einem Hebel plötzlich in die Tiefe stürzen lassen konnten.
Ein kurzes Husten echote durch den Gang, dann wurde es gewaltsam unterdrückt. Es stammte weder von Kyoshi noch von ihren Begleitern. Ihr Blick zuckte umher, glitt erneut über die Wände. Wenn hinter jedem Loch ein Soldat stand, dann schaute ihnen gerade ein ganzer Trupp dabei zu, wie sie vorbeigingen.
Kyoshi versuchte nervös, alles in diesem eisernen Schlund im Auge zu behalten, bis sie endlich auf der anderen Seite der Mauer auf einen gepflasterten Platz herauskamen. Das karge Grün des Gartens ließ keinerlei beruhigende Wirkung entstehen. Ein einzelner Minister erwartete sie. Er war in die rote und schwarze Seide der Zivilbehörden gekleidet und machte einen ganz und gar unglücklichen und verspannten Eindruck.
»Avatar Kyoshi«, sagte er. Er verbeugte sich tief und sein langer Schnurrbart hing schlaff herab. »Ich bin Kanzler Dairin, der oberste Palasthistoriker. In Feuerlord Zoryus Namen begrüße ich Euch in unserem Land.«
»Die Ehre ist ganz meinerseits, Kanzler«, erwiderte Kyoshi. »Wo ist der Feuerlord? In seiner Nachricht hieß es, wir hätten wichtige Angelegenheiten zu besprechen.«
Dairins Miene wirkte noch säuerlicher als zuvor. »Im Moment ist er … indisponiert. Ihr werdet Feuerlord Zoryu heute Abend kennenlernen.«
Eine derart brüske Begrüßung hatte Kyoshi nicht erwartet. Andererseits musste sie zugeben, dass gerade sie nicht das Recht hatte, jemanden für seinen Mangel an Diplomatie zu kritisieren.
Rangi schritt ein, um von der peinlichen Stille abzulenken. »Ich glaube, der erste Punkt auf der Agenda ist die Palasttour, Kanzler«, sagte sie. »Kyoshi hat mir ständig damit in den Ohren gelegen, dass sie unbedingt mehr von einem der führenden Avatargelehrten unserer Welt erfahren will.«
Ihre Schmeichelei wirkte, als würde man einem wütenden Kind ein Bonbon in den Mund stecken. Dairin konnte nicht zeigen, wie sehr er sich freute, ohne zu riskieren, albern auszusehen. »Natürlich«, sagte er und gab sich redlich Mühe, eine noch missmutigere Miene aufzusetzen. »Ich kann Euch versichern, die Führung ist sehr lang und umfassend. Hier entlang, bitte.«

Gemeinsam mit den anderen schritt Kyoshi feierlich durch die königlichen Korridore, wie es schon ihre Vorgänger seit der Vereinigung der Feuerinseln getan hatten. Die großen Hallen des Palastes waren völlig verwaist, was nur eine Möglichkeit zuließ: Die Dienerschaft beobachtete sie und ging ihnen aus dem Weg; Wachen und Bedienstete verschwanden hinter Ecken, um die Augen des Avatars nicht mit ihrer Anwesenheit zu beleidigen. Diesen Trick kannte Kyoshi sehr gut. Er erzeugte die Illusion von Ruhe und Abgeschiedenheit, obwohl es einer ganzen Armee an fleißigen Leuten bedurfte, um ein derart großes Anwesen in Schuss zu halten.
Während sie weitergingen und dabei so taten, als wären sie allein, wies Dairin sie auf Kästen aus klarem Kristall hin, in denen Schriftrollen mit Poesie und Leitsätzen lagen, die von diversen Feueravataren stammten. Kyoshi nickte, wie es sich gehörte, als er ihr in Nischen ausgestellte Juwelen und vergoldete Haarnadeln zeigte, die sie in früheren Leben getragen haben musste.
Kein einziges Spielzeug, stellte sie fest. Dafür viele Jians, Daos, Dolche mit Gravuren. Die Relikte jeder Nation besaßen ihre eigene Persönlichkeit und Feuer und Luft hätten nicht unterschiedlicher sein können.
Jinpa stellte Dairin allerlei Fragen und bat nach jeder Antwort wie ein eifriger Student um weitere Ausführungen. Die beiden gingen voraus und Kyoshi und Rangi fielen ein wenig hinter ihnen zurück. Jinpa zwinkerte Kyoshi über die Schulter verstohlen zu, um sie wissen zu lassen, dass er den beiden Bummlern absichtlich die Gelegenheit verschaffte, miteinander zu reden.
Kyoshi musste ihm unbedingt eine Gehaltserhöhung geben. Sie zahlte ihm zwar gar nichts – der Mönch diente dem Avatar aus einem selbst auferlegten Pflichtgefühl heraus –, aber eine Gehaltserhöhung hatte er trotzdem verdient. »Wie geht es deiner Mutter?«, fragte Kyoshi Rangi im Flüsterton. Das letzte Mal, als sie Hei-Ran gesehen hatte, hatte ihr Leben am seidenen Faden gehangen.
»Gut genug, dass sie heute Abend mit dir sprechen will, auf deinem Empfang«, erwiderte Rangi ebenso leise.
Als wäre dieser Besuch nicht ohnehin schon nervenaufreibend genug. Gleichzeitig war sie unendlich froh zu hören, dass Hei-Ran wieder gesund war. Das erklärte auch, wie ungezwungen Rangi sich verhielt, wie es ihr gelang, einfach dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten. »Und wer ist nun dieser Dairin?«, fragte Kyoshi. »Ich dachte, es gäbe in der Feuernation einen speziellen Minister, der für die Beziehungen zum Avatar zuständig ist.«
»Eigentlich ist das auch so. Ich weiß nicht, warum nur Dairin geschickt wurde, um dich zu begrüßen. Vielleicht hat Lord Zoryu irgendwelche Probleme mit seiner Dienerschaft, aber ich trau mich nicht zu fragen. Dank meiner Verbindung zu dir hab ich hier ein paar Privilegien, aber in Wirklichkeit bin ich im Palast nur eine Oberleutnantin.«
Kyoshi musste beinahe lachen. »Nur« eine Leutnantin, ein Rang, nach dem viele Erwachsene in der Feuernation vergeblich strebten. Rangis auf so beiläufige Weise überambitioniertes Wesen war eines der vielen kleinen Dinge, die Kyoshi an ihr vermisst hatte.
»Erzähl mir von deinem Sekretär.« Rangi machte eine Kopfbewegung in Jinpas Richtung.
Was gab es da zu erzählen? »Er ist in irgendeinem geheimen Pai-Sho-Klub und manchmal verhält er sich völlig anders als andere Luftnomaden. Ich werde noch nicht so recht schlau aus ihm. Aber er hat mir bisher gut …«
»Und nun gelangen wir zur Königlichen Porträtgalerie«, sagte Dairin laut und blieb abrupt stehen.
Kyoshi wäre um ein Haar mit ihm und Jinpa zusammengestoßen. Rangi konnte sie gerade noch an der Rückseite ihrer Tunika festhalten. Sie stellte sich vor, wie sich diese Neuigkeit in der Feuernation verbreitet hätte: Der Avatar hat seine gesamte Entourage beim Palastrundgang umgekegelt.
Der Kanzler hatte jedoch nicht bemerkt, dass er beinahe niedergetrampelt worden wäre. Voller Stolz blickte er an den Wänden empor. »Ich könnte Tage hier verbringen und würde es nicht müde«, seufzte er schwärmerisch.
Die Galerie hatte seine Verehrung durchaus verdient: Sie gehörte zu den beeindruckendsten von Menschenhand errichteten Werken, die sie bisher gesehen hatte. Gemälde der Feuerlords zierten die eine Seite, sie reichten vom Boden bis zur Decke und waren dreimal so groß wie ihre lebendigen Vorbilder. In rot-schwarzer Gewandung und von goldenem Glorienschein umgeben blickten die Herrscher der Feuernation wie ein Geschlecht von Riesen auf ihr Publikum herab.
Obwohl es ihr erster Besuch hier war, erkannte Kyoshi sofort, dass jedes Porträt Jahre an Arbeit gekostet haben musste, vielleicht sogar das Werk einer ganzen Künstlerlaufbahn war. Das Porträt des verstorbenen Feuerlords Chaeryu, das jüngste Werk der Galerie, war noch nicht vollendet. Vorzeichnungen im Hintergrund des Bildes, in der Nähe der Füße, warteten darauf, mit Goldeinlegearbeiten und Orangetönen gefüllt zu werden.
Rangi stupste sie an und zeigte zur anderen Seite der Galerie. Den Feuerlords gegenüber standen die Feueravatare, in entsprechender Größe und Pracht gemalt und ebenso atemberaubend in ihrer künstlerischen Herrlichkeit. Zwischen diesen Porträts gab es mehr Platz. Es kam grob ein Avatar auf vier Feuerlords und die Lücken waren nicht ganz ebenmäßig, was Kyoshi darauf schließen ließ, dass die Bildnisse ihrer Vorläufer eine Chronik abbildeten, die sich durch die Halle erstreckte.
Vor Avatar Szeto blieb die Besuchergruppe stehen. Auf dem Porträt trug er sein Markenzeichen: seinen hohen Ministerhut. Im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren, Feuerlords wie Avataren, ließ er keinen Feuerball über seiner Handfläche schweben, sondern hielt einen Abakus empor, der ebenso liebevoll ausgearbeitet war wie all die abgebildeten Flammen oder Waffen, die seine Landsleute führten. Das Rechenwerkzeug war mit echten Perlen versehen und das Rechenergebnis zeigte eine Zahl, die Glück verheißen sollte.
In der anderen Hand hielt er einen Stempel: Der Künstler hatte sich die Freiheit genommen, ihn riesengroß zu machen. Es war unwahrscheinlich, dass der echte Stempel derart gigantisch oder aus solidem Zinnober gewesen war, wie es das Bild zeigte: Szeto hätte jedes Schriftstück, das er bewilligen wollte, von oben bis unten zugestempelt.
»Und hier haben wir den Namensgeber unseres Festes«, erklärte Dairin. »Diesem Mann verdankt die Feuernation unendlich viel.«
»Könnt Ihr mir mehr von Avatar Szeto erzählen?«, fragte Kyoshi. »Ich fürchte, ich weiß nicht so viel über ihn, wie ich sollte.«
Der Kanzler räusperte sich und setzte zu einem langen Vortrag an.
»Während Szetos Kindheit stand die Feuernation am Rande des Abgrunds: Sie wurde von Seuchen und Naturkatastrophen geplagt«, begann er. »Der Zorn der Geister war fürchterlich und Feuerlord Yosor war kaum in der Lage, der Spaltung des Landes entlang der alten Bruchlinien der Klans Einhalt zu gebieten.«
»Der Klans?«, fragte Kyoshi.
Dairin seufzte, als er begriff, dass er nun auch noch eine Förderstunde in Geschichte geben müssen würde. »Jedes Adelsgeschlecht der Feuernation stammt von einem der alten Kriegsherren ab, aus der Zeit, bevor das Land geeint war. Aus dieser Zeit besitzen die Geschlechter nach wie vor gewisse Rechte, etwa die Regierungsgewalt über ihre Heimatinseln und das Recht, Haustruppen zu unterhalten. Während Lord Yosors Regentschaft sandten die Klans ihre Krieger gegeneinander aus: Mit ihrem vergeblichen Ringen um Macht und Ressourcen verheerten sie das Land. Viele Historiker, ich selbst eingeschlossen, sind der Ansicht, dass die Feuerinseln ohne Szetos Intervention zersplittert und in ihrer Entwicklung weit zurückgeworfen worden wären – in die finstere Zeit von Toz dem Grausamen und der anderen Warlords der Voreinheitszeit, die so viel Leid über unser Volk gebracht haben.«
Kyoshi war überrascht, wie sehr diese Geschichte dem Aufstand der Gelbnacken ähnelte. Als jemand, der unter gewöhnlichen Leuten aufgewachsen war, hatte sie immer nur gehört, die Feuernation sei ein Vorbild für Harmonie und Effektivität, ein Kontrapunkt zum Gezanke in den politischen Kreisen des Erdkönigreichs. Allzu weit lag die Ära Szetos nicht zurück.
Für diesen Teil der Tour musste sie kein Interesse heucheln oder auf Jinpa bauen. »Was hat er getan, um die Ordnung wiederherzustellen?«, fragte sie.
»Er hat sich für eine Anstellung beworben«, sagte Dairin. »Er war der Avatar, daher wäre für all seine materiellen Bedürfnisse gesorgt gewesen und all seine Erlasse wären beherzigt worden; dennoch nahm Szeto einen Regierungsposten als Minister des Königshofs an und unterstand damit prinzipiell denselben Regeln und Vorschriften wie jeder andere Bürokrat. Er nahm seine Regierungsarbeit auf und saß an einem Schreibtisch. Überdies bestand er darauf, dass er allein aufgrund seiner Leistung befördert würde und seine Karriere nicht auf Kosten der Dienstälteren vorangetrieben wurde, nur weil er der Avatar war.«
»Und das hat geholfen?«, fragte Kyoshi ungläubig.
»Es hat sich als brillante Strategie erwiesen«, sagte Rangi. »Statt überall in der Nation von einer Notlage zur nächsten zu hetzen, konzentrierte er seine Anstrengungen auf einen einzigen zentralen Ort, von dem aus er seinen Einfluss allmählich ausweitete. Szeto war ein extrem fähiger Bürokrat, Buchhalter und Diplomat. Und da er für die königliche Familie arbeitete, gab es keinerlei Trennung zwischen der legalen und der spirituellen Autorität im Land. Seine Siege waren zugleich die Siege des Feuerlords.«
Dairin nickte, zufrieden, dass die Jugend von heute angemessen über die Vergangenheit der Nation unterrichtet wurde. »Sobald er zum Großen Ratgeber befördert worden war, sah sich Avatar Szeto in der Lage, die offenen Feindseligkeiten zwischen den rivalisierenden Adelshäusern zu beenden. Ein andauernder Frieden folgte, während er weiterhin mit Würde und Exzellenz dem Land diente.«
»Er hat der Wertminderung des Münzgeldes ein Ende gesetzt«, sagte Rangi. »Das hat die Wirtschaft im letzten Moment vor dem Zusammenbruch bewahrt.«
»Eine der Schriftrollen, an denen wir auf dem Weg hierher vorbeigekommen sind«, fügte Jinpa hinzu, »besagt, dass die ersten offiziellen Programme, die er aufgesetzt hat, dazu bestimmt waren, die Bauern in Zeiten der Hungersnot zu entlasten.«
»Und was am wichtigsten war: Er hat über alles ordentlich Protokoll geführt«, sagte Dairin. Wie aus einer Gewohnheit heraus wischte er sich mit dem Finger den Augenwinkel, als hätte es ihn in der Vergangenheit schon zu Tränen gerührt, über Szeto nachzusinnen, und er wollte nun auf Nummer sicher gehen. »Wahrlich, Avatar Szeto ist zu einem Ideal geworden, dem wir Beamten seither nacheifern, und er ist im Allgemeinen ein strahlendes Beispiel für die Werte der Feuernation: Effizienz, Präzision, Loyalität.«
Kyoshi blickte mit frischer Bewunderung zu dem mürrischen Mann mit dem langen Gesicht auf, zu dessen Ehren sie hier ein Fest feiern würden. Dieser Szeto, beziehungsweise diese Version ihrer selbst, gefiel ihr. Eine starke Arbeitsmoral und ein Händchen fürs Organisatorische waren Eigenschaften, für die sie Respekt empfand. Vielleicht hätte sie lieber versuchen sollen, mit ihm zu kommunizieren, statt sich so sehr auf Yangchen zu versteifen.
Dairin erlaubte ihnen gnädigerweise, sich alle Kunstwerke anzuschauen, die sie interessierten. Kyoshi kehrte noch einmal zum Porträt Lord Chaeryus zurück. Mehr über ihn zu wissen konnte ihr nur helfen, sich bei seinem Sohn, dem gegenwärtigen Feuerlord Zoryu, beliebt zu machen.
Sie versuchte, etwas von der Symbolik zu interpretieren. Chaeryus Thema schien die Pflanzenwelt zu sein. Sie sah gebündelte Reishalme, eine reiche Ernte. Es gab einen skizzierten Umriss, der noch ausgemalt werden musste, ein detailliertes Arrangement mit zwei Blumen in einer Vase: In dem Pflanzgefäß stellte eine große Steinkamelie eine kleinere Pfingstrose in den Schatten.
Das war seltsam. Kyoshi war mit den Grundlagen des Blumensteckens im Feuernationsstil vertraut und eine solch unausgewogene Aufteilung war eigentlich verpönt. Im echten Leben würde die größere Pflanze sämtliches Sonnenlicht bekommen und die kleinere würde eingehen.
»Kanzler«, sagte sie. »Darf ich Euch etwas zu diesen Blumen fragen?«
Bei dem Wort Blumen verkrampfte sich Dairin eigentümlicherweise und kam mit besorgter Miene zu ihr herübergeeilt. Er wartete gar nicht erst auf ihre Frage, sondern starrte fieberhaft die Vorzeichnung an, als erwartete er eine unerfreuliche Enthüllung.
Er brauchte etwas länger als Kyoshi, um die Umrisse zu erkennen, doch als es ihm schließlich gelang, war seine Reaktion unverkennbar: Der Kanzler wurde bleich, fing an zu zittern und Schweißperlen traten auf seine Nase.
»Sprecht abgesehen vom Feuerlord mit niemandem darüber«, wisperte Dairin ihr eindringlich zu.
»Moment mal, was?« Kyoshi hatte ihn deutlich gehört, verstand aber nicht, warum er sich so verhielt, als ginge es hier um Leben und Tod.
Der Kanzler klatschte so laut in die Hände, dass Rangi und Jinpa, die sich noch Gemälde anschauten, zusammenzuckten. »Die Führung ist vorbei!«, verkündete er. Sein Blick zuckte zum Eingang der Galerie hinüber, als würde er sich vor dem leeren Raum fürchten. »Avatar, bitte entschuldigt: Ich rede und rede, dabei seid Ihr bestimmt müde von der Reise. Ich werde Euch Eure Unterkünfte zeigen. Unverzüglich.«

Die Böden und Wände des Avatarsquartiers im Feuerpalast waren so überfrachtet mit Antiquitäten und Kunstwerken, dass es sich gut und gerne um ein kleines Museum hätte handeln können. Kyoshi konnte sich schon darauf freuen, die restliche Zeit ihres Besuches über Landschaftsgemälde in Scharlachtönen, zinnoberrote Skulpturen von sich putzenden Vögeln und aus karminrotem Garn gewobene Wandteppiche anzustarren. Alles war so überwältigend rot, dass es ihr schwerfiel, Entfernungen richtig abzuschätzen. Das Zimmer, in dem sie schlafen würde, kam ihr so groß vor wie die unterste Etage von Loongkau.
»Es ist, als würde man direkt in die Sonne gucken«, sagte Jinpa. Er presste sich die Handflächen auf die Augen und blinzelte.
»Selbst ich musste mich erst wieder an so viel Rot gewöhnen«, sagte Rangi. Sie setzte sich auf die Ecke von etwas, das für Kyoshi wie eine große Plattform aussah und leicht federte. Dieses scharlachrot bezogene Quadrat, groß genug, um darauf ein Lei Tai abzuhalten, musste das Bett sein. »Agna Qel’a ist genauso überwältigend, nur ist es dort das Eis. An den hellsten Stellen muss man eine Spezialbrille tragen, sonst wird man schneeblind.«
Als sie den Norden erwähnte, krampfte sich Kyoshis Magen zusammen. Es erinnerte sie daran, wie weit Rangi gereist war, damit die Heiler vom Wasserstamm die Vergiftung ihrer Mutter behandeln konnten. Zudem diente es als Warnung, dass sie als Avatar jederzeit abrupt gefordert sein könnte und mit einem Wimpernschlag keine Zeit mehr haben würde. Kyoshi war noch nicht am Nordpol gewesen und auch nicht zu Besuch gekommen, als Rangi sich dort aufgehalten hatte – sie konnte von Glück sagen, dass Rangi deshalb nicht wütend auf sie war.
Sie fragte sich, ob sie Dairins geheimnisvolles Verhalten in der Galerie ansprechen sollte, ließ es dann aber, weniger, um seinen Wunsch nachzukommen, sondern eher, weil Rangi und sie Wichtigeres zu besprechen hatten. Sie wandte sich Jinpa zu. »Kannst du uns eine Weile allein lassen?«, fragte sie und machte eine Geste zur Tür.
»Nicht so schnell«, sagte Rangi. »Bitte berichtet, Bruder Jinpa.«
Der Mönch trat vor wie ein Rekrut an seinem ersten Tag und begann zu berichten, ohne Kyoshi zu beachten. »Trotz meiner wiederholten Ermahnungen hat sie nicht ordentlich gegessen.«
»Hmm.« Rangi presste missbilligend die Lippen aufeinander. »Ja, sie ist manchmal störrisch.«
»Hey!«, sagte Kyoshi. »Hört auf, über mich zu reden, als wäre ich nicht da!«
Jinpa fuhr fort, allerlei Fälle von Fehlverhalten an den Fingern abzuzählen. »Sie kriegt kaum Schlaf. Nachts finde ich sie dann zusammengesunken über einem Buch, einer Karte oder einer Anleitung. Sie nimmt sich nicht genug Zeit, um sich von ihren Verletzungen zu erholen. Und sie besteht darauf, wahllos irgendwelchen Berichten von Gewaltausbrüchen überall im Erdkönigreich persönlich nachzugehen! Wisst Ihr eigentlich, wie schwer sie es mir macht, ihren Zeitplan zu verwalten?«
Kyoshi hatte sich angesichts des Besuchs vor allem Möglichen gefürchtet. Dieses Szenario hingegen, in dem ihr Sekretär und ihre Leibwächterin sich gegen sie verbündeten, hatte sie nicht vorhergesehen. »Habt ihr beide hinter meinem Rücken Nachrichten ausgetauscht?!«
»Nur das eine Mal«, sagte Rangi. »Als ich deine Einladung abgeschickt hab, hab ich auch ihm einen Brief geschrieben. Nur so konnte ich einen ehrlichen Lagebericht darüber bekommen, ob du gut auf dich achtgibst. Und das hast du ja offenbar nicht gemacht.«
»Hat sie nicht«, bestätigte Jinpa. »Ganz im Gegenteil. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie pickt sich absichtlich die gefährlichsten Situationen raus und stürzt sich hinein, ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit!«
»Gar nicht wahr!«
»Ach, dann bist du wohl aus Versehen mit dem Hals voran auf einen scharfen Gegenstand gestürzt?«, fragte Rangi und funkelte Kyoshi böse an. »Hast du gedacht, mir wären deine neuen Narben entgangen? Kommt mir ganz so vor, als würdest du meine Lieblingsstellen absichtlich kaputt machen.«
Dass er sich diese Last endlich mal von der Seele reden konnte, machte Jinpa ganz emotional. Er wischte sich die Augen. »Sie ist so anstrengend«, murmelte er in seine Faust und schniefte leise.
Rangi erhob sich vom Bett und tätschelte ihm den Rücken. »Ich weiß. Ich weiß, dass sie das ist. Sie ist unmöglich. Du hast dich heldenhaft um sie gekümmert und jetzt bin ich da, um dir zu helfen.«
»Ich bin der Avatar!«, rief Kyoshi, ein letzter verzweifelter Versuch, sich vor weiteren Vorwürfen zu schützen. »Nicht irgendein hilfloses Kind!«
Dabei stampfte sie mit dem Fuß auf und untergrub sich damit selbst. Rangi und Jinpa kniffen die Augen zusammen und tauschten einen vielsagenden Blick. Sind wir da auch sicher? Ich bin mir nicht so sicher.
Kyoshi tat der Kopf weh. Sie hatte viele Monate damit verbracht, dicke Schutzwälle um sich herum zu errichten, hatte sich im Königreich den Ruf erarbeitet und das Selbstbild entwickelt, dass mit ihr nicht zu spaßen sei. Nicht einmal eine Stunde hatte Rangi hier in der Feuernation gebraucht, um diese Mauern niederzureißen und Jinpa hereinzulassen.
Sein Grinsen zeigte ihr, dass dies seine Rache war, so herrlich wie ein guter Wein, den man bis zum richtigen Moment reifen lässt. So zahlte er es ihr heim, dass sie ihm so oft befohlen hatte, nicht über ihre Verletzungen zu sprechen, dass sie seine Ermahnungen, die Bücher wegzulegen und sich ein wenig auszuruhen, immer wieder in den Wind geschlagen hatte. Endlich wusste sie, was sie von dem jungen Mann zu halten hatte, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten und sich mit Anstand und Mitgefühl um sie gekümmert hatte.
Eine dreckige Petze war er. »So kannst du nicht über mich sprechen!«, fuhr sie ihn an. Dem Daofei-Kodex zufolge wurden Petzen mit Blitzen und Messern bestraft. »Ich bin deine Vorgesetzte!«
»Das mag ja sein, aber das Sagen hat offensichtlich sie.« Er neigte seinen kahlen Kopf in Rangis Richtung, augenscheinlich hocherfreut, dass er diese neue Methode gefunden hatte, den Avatar zu bändigen. »Wenn nur Quieken hilft, damit Ihr gesund bleibt, dann haut mich mit einer Feder und nennt mich ein Schweinehuhn.«
»Raus hier«, schnauzte Kyoshi ihn an.
Jinpa wechselte wieder einen Blick mit Rangi, während er rückwärts durch die Tür hinausging. Schaut nur, wie sie versucht, hart zu sein. So niedlich.
Und dann, plötzlich, waren Kyoshi und Rangi zum ersten Mal nach langer Zeit endlich allein. Es war, als hätte ein Geist ihr einen Wunsch gewährt, ehe sie bereit dafür war. Sie hatte das Gefühl, ihre Worte sorgsam wählen zu müssen, um ihn nicht zu vergeuden.
Rangi nahm ihr die Entscheidung ab. »Wie läuft alles im Herrenhaus?«, fragte sie ruhig. Sie hatte zusammen mit Kyoshi dort gelebt. Yokoya war auch ihr Zuhause gewesen, bis zu jener Nacht, in der sie mitten im Sturm geflohen waren.
»Es ist weniger los.« Das Anwesen war nicht mehr so voller Leben und Trubel wie zu Kyoshis Dienstzeit. Der größte Teil der Belegschaft hatte sofort gekündigt, nachdem die Ermittler des Erdkönigs den Vergiftungsfall abgeschlossen hatten. Kyoshi, die neue Herrin, hatte sie nicht ersetzt, da sie ohnehin keinen großen Haushalt führen wollte. Daher blieben die meisten Flure leer und die Gärten wurden vernachlässigt. Die Dörfler mieden das größtenteils verwaiste Haus und munkelten, es würde Pech bringen. »Tante Mui ist noch da und tut, was sie kann. Ich weiß nicht, warum sie noch nicht gegangen ist.«
»Na wegen dir!« Rangi blickte sie schmerzerfüllt und frustriert an, als hätte jemand in einer alten Wunde herumgestochert, die schon längst hätte verheilt sein sollen. »Sie will dir beistehen, Kyoshi.«
Sie schien mehr dazu sagen zu wollen, entschied sich jedoch dagegen. Sie mussten alle anderen Dinge ausräumen, um so viel Platz wie möglich zu schaffen, damit sie zu ihrem nächsten Thema gelangen konnten. Eine Zeit lang starrten sie beide dieselbe Ansammlung blutroter Fäden an, die in den Teppich eingewebt worden waren.
Wieder einmal ergriff Rangi zuerst das Wort. »Und Yun?«
Sie erinnerte sich gut an eins der Versprechen, die sie Rangi damals gegeben hatte, bevor sie an Bord des Schiffes gegangen war, das sie in den eisigen Norden bringen würde: Was es auch kosten möge, sie würde ihren gemeinsamen Freund finden. Diesen Schwur hatte sie irgendwie zwischen all den Tränen und festen Umarmungen untergebracht, von denen ihre Schultern noch Tage später geschmerzt hatten. Die Hafenarbeiter und Matrosen auf dem Pier, die murrend einen Bogen um sie hatten schlagen müssen, weil beide nur noch aneinander gedacht hatten, waren ihre einzigen Zeugen gewesen.
Doch in den Weiten des Erdkönigreichs hatte sich die Kraft ihres Schwurs alsbald verflüchtigt. Schnell hatte sie begriffen, dass es tatsächlich unmöglich war, jemanden ohne jeden Ansatzpunkt auf dem größten Kontinent der ganzen Welt zu finden – nicht einmal, wenn die Person so berühmt war wie Yun. Sie hatte keinen Shirshu, um seine Witterung aufzunehmen, keine spirituellen Trigramme, mit denen sie seinen Aufenthaltsort hätte bestimmen können. In den Dörfern, durch die sie wegen ihrer Avatarpflichten kam, die einfachen Leute zu fragen, ob sie einen gewissen Erdbändiger gesehen hatten, war lachhaft. Eine graue Hand hat er? Kenn ich, mein Cousin hat auch solche Hautprobleme.
Rückblickend war von ihren großartigen Absichten nicht mehr übrig geblieben, als ihre kurzen Briefe an Weise zu schreiben, denen nicht mal in den Sinn kam, ihr zu helfen. Warum sollten sie auch? Nicht nur Lu Beifong zog es vor zu glauben, dass Yun tot war.
»Ich dachte, wenn ich rauskriege, wie er überlebt hat, finde ich vielleicht einen Hinweis«, sagte Kyoshi. »Aber ich hab nur Dokumente zu Volkserzählungen gefunden, in denen berichtet wurde, dass Menschen in körperlicher Form von Geistern verschleppt wurden, und keiner von ihnen hat überlebt. Ich hab keine Erklärung dafür, wie er zurückkommen konnte.« Oder warum er sich verändert hat.
Sie rieb sich die Augen. Es schmerzte sie so sehr, ihr Scheitern noch einmal zu durchleben, dass sie kaum geradeaus schauen konnte. »Am nächsten dran war noch die Erzählung über den Sohn eines Provinzstatthalters während der Hao-Dynastie. Er war von einem Geist besessen. Seinem Bericht nach ist ein Drachenvogel durch seinen Körper geflogen, hat sein körperliches Erscheinungsbild verändert und ihm ungewöhnliche Fähigkeiten verliehen.«
»Ist das die Lösung?«, fragte Rangi. »Vielleicht fällt es Menschen, die von Geistern berührt worden sind, leichter als anderen, die Grenze zwischen der Geisterwelt und dem Reich der Menschen zu überschreiten.«
»Schwer zu sagen. Der Text hat von keinem Übertritt zwischen den Welten berichtet. Es heißt nur, dem Jungen wären Federn und ein Schnabel gewachsen, als der Drachenvogel in seinen Körper gefahren ist. Äußerlich hat Yun nicht anders ausgesehen als damals in Qinchao. Aber er ist nicht mehr derselbe. Das weiß ich einfach.«
Kyoshi war in ihrem roten Gemach nach Schreien zumute. Mehr hatte sie nicht zusammenkratzen können, um ihren Freund aufzuspüren: eine alte Geschichte und eine wilde Vermutung. Rangi konnte sie nichts vormachen. Das ganze Gewicht ihrer vergeblichen, vergeudeten Bemühungen lastete auf ihren Schultern.
»Kyoshi … hast du je in Erwägung gezogen, dass er sich abgewandt haben könnte?«
Sie schaute bei Rangis Frage verwirrt auf. »Wovon?«
»Von uns.« Rangi schluckte, es schien sie zu schmerzen, die Worte auszusprechen. »Nach allem, was du mir erzählt hast, glaube ich, er will gar nicht gefunden werden.«
Als Kyoshi protestieren wollte, hob Rangi die Hand. »Denk mal drüber nach. Er hätte auf so viele Arten mit dem Avatar in Kontakt treten können. Er kennt die Weisen des Erdkönigreichs. Er hätte ihnen eine Nachricht hinterlassen können. Dass du nichts von ihm gehört hast, spricht Bände.«
Kyoshi konnte glauben, dass die Adligen des Erdkönigreichs, was Yun betraf, lieber ihre Köpfe in den Sand steckten. Aber Rangi? Wie konnte sie nur?
»Du meinst also, dass wir ihn vergessen sollen«, sagte Kyoshi. Sie spürte, wie ihr die Brust eng wurde. »Ihn aus unserem Gedächtnis zu tilgen, wie Lu Beifong und der Rest der Weisen es wollen.« Wie Jianzhu es wollte.
»Nein, Kyoshi, das meine ich nicht. Ich spreche davon, dass wir unserem Freund erlauben sollten, zu uns zurückzukehren, weil er es will, nicht weil wir es fordern. Ich will, dass die Menschen, die mir was bedeuten, auch mal ihre Ruhe haben, statt ständig zwanghaft über andere nachzudenken.« Sie seufzte.
»Du hast gesagt, es wäre ihm gut gegangen, als du ihn gesehen hast«, fuhr Rangi fort. »Ich glaub, wir müssen uns über sein Überleben keine Gedanken machen. Jemand mit Yuns Talenten kommt überall im Erdkönigreich blendend zurecht. Ich würde meine Ehre dafür verwetten, dass er auftaucht, sobald er bereit ist. Und wenn’s so weit ist, dann nehmen wir ihn für alles, was passiert ist, ins Gebet.
Und danach«, verkündete sie mit der Kraft eines frischen Schwurs, »kehren wir drei gemeinsam nach Yokoya zurück und lassen uns von Tante Mui das größte Abendessen kochen, das wir je gegessen haben. So sollte unser Plan aussehen.«
Kyoshi rang sich ein Lächeln ab. Jianzhu. Das Teehaus in Qinchao. Wie Yun dem Griff jenes infernalischen Geistes entkommen und ins Tageslicht zurückgekehrt war. Vielleicht wäre es möglich, den Knoten zu lösen – vorausgesetzt, dass sie es immer noch mit ihrem alten Freund zu tun hatten.
Alle drei vereint, so wie damals, bevor die Avatarschaft eine Ecke des Dreiecks abgetrennt hatte. Sie wollte jene alte Zeit wiederhaben, mehr als alles andere auf der Welt. Doch im Innersten fürchtete sie sich vor der Wahrheit, die die Welt ihr immer wieder aufzwingen wollte: Kyoshi bekam selten, was sie wollte, wenn überhaupt jemals.
Rangi sah, dass sie nicht zu ihr durchdrang. Sie beschloss, etwas anderes zu versuchen, und näherte sich, wobei sie die Hüfte betont hin und her schwingen ließ. »Weißt du, bis zur Feier sind’s noch ein paar Stunden«, hauchte sie mit glühender Stimme. Sie streckte den Arm aus und fuhr mit Daumen und Zeigefinger sanft über den Aufschlag von Kyoshis Waffenrock. »Ich hab eine Idee, wie ich dich bis dahin auf andere Gedanken bringen kann.«
Ein dummes Grinsen breitete sich auf Kyoshis Gesicht aus. Sie beugte sich hinunter, bis sie an ihrem Ohr Rangis Lippen spürte.
»Stand-Training«, flüsterte Rangi. Plötzlich hatte sie Kyoshi fest an den Kleidern gepackt. Mit einer raschen Bewegung trat sie Kyoshis Füße auseinander, bog ihre Knie mit Gewalt durch und zwang sie in einen tiefen Stand.
»Weißt du, wie leicht es war, dich am Tor aus dem Gleichgewicht zu bringen?!«, schrie Rangi. »Du hast nicht geübt! Ich dachte, ich könnte darauf bauen, dass du in meiner Abwesenheit nicht verweichlichst, aber da hab ich mich wohl geirrt!«
Kyoshi stotterte bestürzt: »Aber … ich dachte, wir …«
»Was wir tun, wenn niemand zusieht, bestimmt, wer wir sind!« Rangi schien entschlossen, ihr die verpassten Trainingsmonate aus dem Leib zu prügeln, so oder so. »Zwanzig Minuten ohne Pause, sonst landest du wieder bei null, was dein Training angeht! Dann kannst du zusammen mit irgendwelchen zehnjährigen Versagern von der Akademie Feuerkniebeugen machen. Willst du das? Na?«
Als sich das Brennen in ihren Beinen und in ihrem unteren Rücken auszubreiten begann, begriff Kyoshi, dass es ein Fehler gewesen war herzukommen. Wieder mit Rangi vereint zu sein bedeutete, dem grausamsten und strengsten Menschen, den sie kannte, ausgeliefert zu sein: dem Feuerbändigungs-Sifu des Avatars.
»Tiefer!«, brüllte Rangi.

DIE AUFFÜHRUNG

ALS KYOSHI AUS DEM Ankleidezimmer trat, fühlte sie sich den Prüfungen, die vor ihr lagen, ein klein wenig besser gewachsen. Sie hatte mittlerweile Übung mit den vielen Schichten ihrer Ausstattung und konnte sie nun ohne Hilfe anlegen. Als sie ins Schlafzimmer kam, zog sie die Schärpe fest, als würde sie einen Schild festschnallen.
Rangi saß auf einem dick gepolsterten, thronartigen Stuhl. »Du hast Veränderungen vorgenommen«, sagte sie und begutachtete die Stellen, an denen die Farben anders waren, als sie sie in Erinnerung hatte.
»Ich hab den ursprünglichen Stoff immer wieder geflickt, aber irgendwann war er einfach zu abgenutzt. Also hab ich mir neue Muster ausgesucht, die mir gefielen, und ein paar Teile ersetzen lassen.« Trotz Kyoshis üblem Ruf hatten sich die besten Schneider Ba Sing Ses förmlich überschlagen bei der Aussicht darauf, Kleidung für den Avatar nähen zu dürfen. Gratiswerbung war schließlich immer noch Gratiswerbung.
Rangi fiel ein Detail ins Auge und sie legte die Stirn in Falten. »Das Kettenhemd als Innenfutter hast du aber beibehalten. Hast es sogar verstärken lassen.«
In dem Kommentar schwang einiges mit. Kyoshi konnte Rangi ansehen, was für Gedanken ihr durch den Kopf gingen. Welchen Gefahren hast du dich ohne mich ausgesetzt? Sie versuchte, irgendwas zu sagen, das ihre Freundin beruhigen würde. »Sicherheit geht vor, nicht wahr?«
Rangi seufzte. »Kyoshi, das ist doch nicht alles. Du bist heute Abend der Ehrengast. Du hättest die feinsten Gewänder der Welt anziehen können, hast dich aber stattdessen für dieselben alten Klamotten entschieden, in denen du immer kämpfst. Das hier ist ein kleiner, informeller Empfang mit einer Handvoll Gäste, persönlich eingeladen von Feuerlord Zoryu. Du ziehst nicht in die Schlacht. Du musst nicht ständig im Krieg sein.«
Kyoshi erinnerte sich noch gut ans letzte Mal, als sie sich erlaubt hatte, sich ohne jede Sorge ganz und gar zu entspannen. Jedes Detail von damals hatte sich in ihre Erinnerung eingebrannt.
Es war ein sonniger Nachmittag im Dorf Zigan gewesen und er war ihnen umso lichter erschienen, da sie gerade die Gelbnacken überlebt und in die Flucht geschlagen hatten. Ihre inzwischen verheilten Hände hatten noch schwach nach der Tinktur aus Heilkräutern gerochen. Kyoshi war die Straße entlangspaziert, mit Rangi an ihrer Seite.
Und mit Lek.
Sie fragte sich oft, wie Rangi über jene Tage dachte, ob die Zeit, die sie mit der Fliegenden Operngesellschaft verbracht hatten, real für sie war oder nur ein Mantel, den man auf dem Weg zur ordentlichen Avatarschaft abwarf. Würde Rangi auf der Feier Kyoshis andere Bändigungsmeister erwähnen? Würden ihre Taten in der Daofei-Stadt Hujiang, der rechtswidrige Überfall auf Statthalter Tes Anwesen, zur amüsanten Anekdote taugen? Oder würde sie so tun, als hätte es die Bande nie gegeben? Im Hinblick auf das große Ganze war ihre Reise sicherlich kaum mehr als ein kurzer Augenblick.
Kyoshi schluckte die Bitterkeit herunter, die mit Gewalt in ihr emporzuquellen drohte. »Dann lässt du mich wohl nicht meine Armschienen tragen.«
»Selbstverständlich nicht! Wir können dir ein Paar Handschuhe besorgen, wenn du willst, aber in diesem Land würde wegen deiner Hände kaum jemand eine Miene verziehen. Die meisten der Gäste heute Abend verstecken hier und da Duellnarben unter ihrer Kleidung.«
»Du nicht.« Alles, was Kyoshi von Rangis Haut hatte sehen dürfen, war makellos.
Rangi schnaubte. »Weil ich keine Duelle verliere.«
Sie sprang vom Stuhl auf und wirbelte herum, sodass sie den Saum ihres Kleides von allen Seiten begutachten konnte. Rangi trug ein formelles Seidengewand, in dem sie so elegant wirkte wie das Staubgefäß einer Blume, umgeben von blutroten Blütenblättern. Sie sah liebreizender aus als ein Garten nach einem Regenschauer.
»Es mag dir albern und verschwenderisch vorkommen, aber der äußere Anschein spielt hier im Palast eine große Rolle«, sagte Rangi. »Die Art und Weise, wie die Adligen der Feuernation sich kleiden und benehmen, drückt ihre Klanzugehörigkeit und ihren Rang aus. Unsere Standesgenossen bemerken die kleinsten Details und weisen ihnen Bedeutung und Absichten zu.«
Sie glättete eine Falte in Kyoshis Rock. »Weit draußen im Erdkönigreich hat keiner so genau hingesehen. Darum sind wir auch mit so vielen Mätzchen durchgekommen. Hier in der Feuernation haben uns alle im Blick. Bitte merk dir das gut. Alle. Beobachten. Uns.«
Kyoshis Anspannung wuchs und ihr Magen grollte unglücklich. »Wir ziehen also nicht in die Schlacht«, sagte sie. »Es ist schlimmer.«
Rangi widersprach ihr nicht. »Deine Sachen werden fürs Erste genügen, aber wenn das Fest voranschreitet, solltest du dir was anderes anziehen. Außerdem, das müsste dir aber auch klar sein: keine Gesichtsbemalung während der Feiertage.«
Kyoshi wollte protestieren, aber Rangi pikste sie mit dem Finger mitten in den Solarplexus. »Die Schminke ist da, um mit unseren eingeschworenen Brüdern und Schwestern Dinger zu drehen«, flüsterte sie und in ihren Augen funkelten Erinnerungen. »Nicht um sich unter Buckler und Spießer zu mischen, die nichts vom Kodex verstehen.«
Kyoshi starrte sie an. Dann schloss sie die junge Frau, die ein gutes Stück kleiner war als sie selbst, langsam und bedächtig in die Arme und küsste sie auf die Stirn. Rangi erwiderte die Umarmung mit enormer Kraft.
Kyoshi hätte nie irgendwelche Zweifel zulassen sollen. Die Feuerbändigerin hatte zwar nicht offiziell den Eid abgelegt, doch die Fliegende Operngesellschaft, das waren auch ihre Freunde. Und Freunde waren Rangi so heilig wie Ehre. Kyoshi hatte so lange ohne ihre Mitte gelebt, dass sie fast vergessen hatte, wie es sich anfühlte. Rangi machte sie wieder zu einem Menschen, brachte sie ins Gleichgewicht, machte sie vollkommen.
»Koste es lieber jetzt aus«, murmelte Rangi, als Kyoshi mit ihren Lippen ihr Haar streifte. »Wenn wir unter Leuten sind, darfst du auf keinen Fall meinen Kopf, mein Gesicht oder meine Haare berühren.«
Aber gerade das waren doch Kyoshis Lieblingsstellen. »Wirklich? Aber bisher hast du das doch immer zugelassen.«
Rangi löste sich von Kyoshi und überprüfte den Sitz ihrer Haarnadeln. »Im Erdkönigreich war das egal, aber hier gilt es als die respektloseste Geste, die man sich vorstellen kann, den Kopf von jemandem zu berühren, der nicht zur engsten Familie gehört. Am besten vermeidest du es komplett, andere Leute anzufassen, mich eingeschlossen. Mir gefällt es ebenso wenig wie dir, aber jetzt sind wir nun mal im Palast und müssen die Etikette einhalten.«
Sie beäugte Kyoshi misstrauisch, da sie wegen des Größenunterschieds oft genug von ihr auf den Kopf geküsst worden war. »Ich mein’s ernst. Hände weg vom Hals aufwärts.«
»Schon gut, ich hab’s kapiert!«
Jemand klopfte an die Tür. »Avatar, Herrin Rangi, es wird Zeit«, rief Jinpa mit gedämpfter Stimme. Sie traten zu ihm auf den Gang hinaus.
Der Mönch hatte sich für die Version des traditionellen Luftnomadengewandes entschieden, bei der eine Schulter bedeckt und die andere frei war. Ein Arm und die Seite seines Torsos waren bis zur Taille entblößt und offenbarten, wie erstaunlich muskulös dieser hoch aufgeschossene junge Mann war.
»Was?«, fragte Jinpa, als sie ihn schweigend anblickten. »Zu ländlich?«
Rangi zuckte mit den Schultern. »Gewöhnlich laufen die Leute nicht ohne Hemd im Königspalast rum, aber für Nationalkleidung gibt es bestimmt Ausnahmen. Das ist schon in Ordnung.«
Kyoshi war froh, dass Rangi kein Wort zu ihren Fächern gesagt hatte. Sie steckten in ihrer Schärpe und gingen wohl als Hofmode durch, wenn sie nicht gerade jemandem mit den schweren Dingern eins überzog. Es war ironisch, dass sie sie zuerst für weniger nützlich als ein Schwert gehalten hatte. Angesichts der beängstigenden Aufgabe, die vor ihr lag, würde sie den Trost, den sie boten, gut gebrauchen können.
Sie stieß den Atem durch die zusammengebissenen Zähne aus. »Na gut. Dann statten wir dem Feuerlord mal einen Besuch ab.«

»Ihr beiden seid nutzlos«, flüsterte Kyoshi und gab sich redlich Mühe, ihren Ärger gleichmäßig auf Rangi und Jinpa zu verteilen, die links und rechts von ihr knieten. »Ihr seid gefeuert.«
»Lord Zoryu hat mir versprochen, dass zwanzig bis dreißig Leute kommen würden, höchstens!«, erwiderte Rangi leise, während sie ihr verkniffenes Lächeln aufrechterhielt. »Eine kleine Zusammenkunft!«
»Sieht das für dich nach einer kleinen Zusammenkunft aus?!«
Über fünfhundert goldene Augenpaare blickten dem Avatar und seinen Begleitern entgegen. Die drei hockten auf einem erhöhten Podium, das in Windeseile im Garten errichtet worden sein musste. Von Yingyongs Rücken aus hatten sie noch keine Spur davon gesehen. Der gesamte Adel der Feuernation schien anwesend zu sein – alle standen stramm und schauten einzig und allein Kyoshi an.
Ein kleines Stück von der Zuschauerschar entfernt stand eine Reihe von Trommlern. Sie stießen Schreie aus und schlugen mit ihren Stöcken auf Trommeln so groß wie Weinfässer. Erhu-Spieler sägten so wild über die Saiten ihrer Instrumente, dass ein Haufen zerstörter Bögen hinter ihnen lag. Die Opfer ihrer Darbietung warfen sie über die Schulter und zogen frische Bögen aus Köchern zu ihren Füßen, ohne auch nur ein einziges Mal aus dem Takt zu kommen. Die Geschwindigkeit und martialische Intensität der Musik standen im krassen Gegensatz zur beinahe meditativen Stille der Zuhörer. Kyoshi konnte nicht einschätzen, ob ihnen die Aufführung gefiel oder nicht. Nur hin und wieder sah sie einen Höfling in ihrer Nähe kaum merklich anerkennend nicken.
Sie hätte gleich wissen müssen, dass etwas nicht stimmte. Dairin hatte sie direkt vor ihren Quartieren aufgegabelt, sie durch eine Reihe unergründlicher Korridore gescheucht und dabei erklärt, es habe in letzter Minute eine Programmänderung gegeben. Und hier waren sie nun und wurden in gleichem Maße mit Ehre und Taubheit bedacht.
Kyoshi selbst hatte als Dienerin bei ein paar Großveranstaltungen mitgearbeitet und wusste, dass ein Gastgeber nur dann sämtliche Register zog, wenn er etwas zu beweisen hatte. Aber warum hätte der Feuerlord sich unsicher fühlen sollen? Es sei denn, er glaubte, sie würde ihn anhand des Aufwands bewerten, den er für seine Feier betrieb. Wenn sie je zu Lord Zoryu durchdringen sollte, würde sie ihm versichern, dass ein derartiges Aufhebens wirklich unnötig war.
Im Augenblick befand sich der Feuerlord sehr weit weg, auf der anderen Seite dieses Meers aus Adligen: Er saß auf einer Plattform, die der von Kyoshi gegenüberlag. Aus der Entfernung konnte sie kaum mehr als den Goldbesatz auf den schwarzen Schulterstücken der Rüstung ausmachen, die er über seinem Gewand trug, und ein paar seiner hervorstechendsten Merkmale: Der Feuerlord war ein junger Mann mit einem spitzen Kinn und einer hohen Stirn. Mehr konnte sie nicht erkennen, sonst hätte sie die Augen zusammenkneifen müssen, und das wäre unhöflich gewesen, zudem hätte es die ganze Versammlung mitbekommen.
Als wäre die Situation nicht unbehaglich genug, war ausgerechnet Lu Beifong hier. Der alte Mann saß am Rand der Menge auf einem Klapphocker. Eine kleine Gruppe von Weisen aus dem Erdkönigreich stand um ihn herum. Wenn sie von den Gesichtern ausging, die sie erkannte, musste er sie handverlesen haben, und zwar allein nach dem Kriterium, wer Kyoshi am wenigsten leiden konnte.
»Es tut mir leid, Avatar«, sagte Jinpa und rutschte unbehaglich auf seinen Knien herum: Er war diese Haltung nicht gewöhnt, da die Luftnomaden mit gekreuzten Beinen meditierten. »Aus keiner meiner Quellen ging hervor, dass eine Delegation aus dem Erdkönigreich erscheinen würde. Ich werde versuchen, sie von Euch fernzuhalten, damit sie Euch nicht mit irgendwelchen belanglosen Gesuchen belästigen.«
Die Vorführung endete mit einem Knall, bei dem die Musiker im Chor aus voller Lunge einen letzten Schrei ausstießen. Diejenigen, die beim Musizieren gesessen hatten, sprangen auf und breiteten die Arme weit aus, und die Trommler hielten ihre Stöcke wie Siegesfahnen über dem Kopf hoch. Schwer atmend verharrten sie einen Augenblick lang in dieser Pose.
Das Publikum spendete höflichen Applaus, der ebenso abrupt endete, wie er begann. Die Musiker ließen sich nicht anmerken, ob sie über die verhaltene Reaktion enttäuscht waren oder nicht. Wortlos begannen sie, ihre Instrumente einzupacken, während die versammelten Aristokraten sich einander zuwandten. Die ohrenbetäubende Musik wurde durch das Gemurmel feiner Konversation ersetzt.
»Das war alles?«, fragte Kyoshi und ihre eigene Stimme kam ihr plötzlich zu laut vor. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, dass Dairin ihnen ein Zeichen gab, die Plattform zu verlassen. Sie stiegen zu dem Kanzler hinab. »Und was passiert jetzt?«, fragte sie ihn.
»Der Etikette einer Palastgartenfeier gemäß … mischt Ihr euch nun unter die Gäste, wobei ihr allmählich in Richtung des Feuerlords schlendert«, erklärte Dairin. Er wirkte so nervös wie Tante Mui vor einem Bankett und sein Schnurrbart zuckte vor Anspannung. »Er wird seinerseits das Gleiche tun. Dies gestattet beiden, sich als Gleichgestellte zu begegnen, so vollkommen wie zwei Blätter, die auf der Oberfläche eines Teichs aufeinander zutreiben. Diese Art, einen Gast zu empfangen, ist eine der höchsten Ehren, die die Herrscherfamilie gewähren kann. Mir steht es nicht zu, an Eurer Seite zu verweilen.«
»In Ordnung«, sagte Kyoshi. Diese Zielvorgabe war eindeutig. »Hingehen und mit dem Feuerlord sprechen. Verstanden.«
»Nein!«, sagte Rangi, die sofort durchschaut hatte, was in Kyoshis Kopf vorging. »Du kannst nicht direkt zu Lord Zoryu gehen, das wäre den anderen Gästen gegenüber unhöflich.« Im Schutz der Plattform, die sie gegen die Blicke der anderen Gäste abschirmte, zupfte sie hastig Kyoshis Aufschläge und die Schärpe zurecht und fegte Fussel und Blütenpollen vom Stoff.
»Muss ich etwa mit jedem sprechen, dem ich über den Weg laufe?«
»Nein! Nur bestimmte Individuen besitzen den nötigen Status, um in deiner Gegenwart zu sprechen!«
Kyoshi geriet in Verzweiflung. »Und woher weiß ich, wer die sind?«
»Diejenigen, die das Recht haben, den Avatar anzusprechen, werden diejenigen vorstellen, die es nicht haben«, sagte Rangi. »Merk dir dies: In der Feuernation stellt immer der Höherrangige den Niederrangigen vor. Die Vorstellung ist der Schlüsselmoment und bestimmt den Verlauf der ganzen Konversation.«
Sie bemerkte die Angst in Kyoshis Gesicht. »Du darfst direkt ansprechen, wen du willst, ohne Einleitung, bis hinauf zum Feuerlord, ihn eingeschlossen. Vom Avatar selbst gegrüßt zu werden, ist ein großer Segen. Aber ich möchte dir unbedingt empfehlen, dir diese Ehre für Lord Zoryu aufzusparen. Jinpa und ich werden bei dir sein, aber wir dürfen nur dann sprechen, wenn die Situation es zulässt.«
Sie musste sich so viel merken, dass ihr Kopf anfing wehzutun. »Ich geh hier noch ein!«, stöhnte Kyoshi und rieb sich die Stirn.
»Sorgt Euch nicht, Avatar«, sagte Jinpa. Er trat vor und ließ die Schultern kreisen. »Als Euer Kammerdiener habe ich Euch heute Abend schon einmal enttäuscht. Das passiert mir nicht noch einmal.«

Seiner Tapferkeit zum Hohn fiel Jinpa der Schar von Adligen zuerst zum Opfer: Als sie in die Menge traten, wurde er sofort von einer kleinen Gruppe Höflinge in Beschlag genommen, die sich die Gelegenheit, sich mit einem Luftnomaden zu unterhalten, auf keinen Fall entgehen lassen wollten. Offenbar galt ein Luftbändiger bei den meisten Anwesenden als Freiwild.
Sie mussten ihn zurücklassen, während er versuchte, Fragen über den Westlichen Lufttempel und seine außergewöhnliche, auf den Kopf gestellte Architektur zu beantworten. Kyoshi nahm an, dass er viele der inneren Details aus dem Stegreif erfand, schließlich lebten im Westtempel ausschließlich Nonnen.
Ihr erhabener Status als Avatar hielt die Gäste davon ab, sich ihr zu nähern, verhinderte jedoch nicht, dass man sie eingehend musterte. Die Höflinge erwiesen ihr Respekt, indem sie den nötigen Abstand wahrten. Dadurch entstand eine kleine Blase, die sich mit Kyoshi und Rangi im Zentrum fortbewegte, was die Seitenblicke und das plötzliche Verstummen von Gesprächen, wenn sie vorübergingen, während sie über den Rand eleganter Gläser hinweg angestarrt wurden, nur noch offensichtlicher machte.
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