Kitabı oku: «Kraftvoll beten»
Jeder betet.
Aber niemand findet es einfach.
Wir alle brauchen ein wenig Hilfe.
Pete Greig lehrt seit mehr als zwanzig Jahren über das Beten – und leitet eine Bewegung für immerwährendes Gebet. Jetzt fließt sein Lebenswerk zum ersten Mal in seine Antwort auf die Frage ein, die sich letztlich jeder stellt: Wie betet man?
Diese Einführung in das größte Abenteuer des Lebens wird dich tiefer in deine Beziehung zu Gott führen und dir helfen, dich besser zu sammeln und still zu werden, die Stimme Gottes deutlicher zu erkennen, besser in der Lage zu sein, deine Enttäuschungen zu verstehen und auch mehr auf wunderbare Durchbrüche zu hoffen. Sie ist voll ehrlicher, mühsam erworbener Weisheit und durchsetzt von Geschichten aus dem wirklichen Leben – manche humorvoll, andere bewegend –, und will dein Gebetsleben ausstatten und inspirieren. Auf der Reise durch das Vaterunser entfaltet Pete Greig neun wesentliche Aspekte des Gebets: Stille, Anbetung, Bitte, Fürbitte, Ausdauer, Kontemplation, Zuhören, Beichte und geistlicher Kampf.
Von einem der aufmerksamsten und visionärsten Kommunikatoren unserer Zeit geschrieben für die, die seit Jahren beten, ebenso wie für die, die beten wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen, ist Kraftvoll beten der einfache, lebensverändernde Leitfaden, auf den wir alle gewartet haben.

© Copyright 2019 Pete Greig
© Copyright Vorwort Nicky Gumble
© Copyright der deutschen Ausgabe 2020 Asaph-Verlag
1. Auflage 2020
Titel der englischen Originalausgabe: How to Pray
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothea Appel
Lektoriert von Cornelia Geister
Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Übersetzung Hoffnung für alle entnommen (© 1983, 1996, 2002, 2015 Biblica, Inc.®, hrsg. von Fontis – Brunnen Basel), andernfalls folgendermaßen gekennzeichneten Übersetzungen: L: Luther 21 © La Buona Novella Inc. Bible Publishing House, CH-6343 Rotkreuz, S: Schlachter © 2000 Genfer Bibelgesellschaft
Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf
Satz: Samuel Ryba
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH
ISBN 978-3-95459-608-9
Bestellnummer 148037
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Fontis Media GmbH, Baukloh 1, 58515 Lüdenscheid,
fontis@fontis-media.de oder www.fontis-shop.de
Für Danny zum 18. Geburtstag
„Du aber … gehörst Gott … Bemüh dich mit aller
Kraft darum, das Richtige zu tun, Gott zu dienen,
ihm zu vertrauen und deine Mitmenschen von Herzen
zu lieben. Begegne ihnen mit Geduld und Freundlichkeit.
Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“
(1. Timotheus 6,11-12)
Ich gebe es Euch, so gut wie ich es habe und wie ich mich selbst beim Beten verhalte. Unser Gott und Herr gebe es Euch – und jedem anderen –, es besser zu machen.
(Martin Luther in einem Brief an seinen Barbier Peter Beskendorf, Frühling 1535)1
VATER UNSER IM HIMMEL,
GEHEILIGT WERDE DEIN NAME.
DEIN REICH KOMME. DEIN WILLE GESCHEHE,
WIE IM HIMMEL, SO AUF ERDEN.
UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE.
UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD,
WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSERN SCHULDIGERN.
UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG,
SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN.
DENN DEIN IST DAS REICH
UND DIE KRAFT UND DIE HERRLICHKEIT
IN EWIGKEIT.
AMEN.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Wie man dieses Buch in ein paar Minuten liest
Einführung: Wie man dieses Buch am besten nutzt
Wie man nach dem Muster P.R.A.Y. betet
1.Gebet überall. Warum beten?
2.Einfach bleiben. Anfangen
Schritt 1: Pause – Ruhe
3.Entschleunigung und Fokus. Wie man still wird vor Gott
Schritt 2: Rejoice – Freude
4.Anbetung. Wie man Gott ehrt
Schritt 3: Ask – Bitte
5.Bitten. Wie man Gott bittet
6.Fürbitte. Wie man Gott für die Anliegen anderer bittet
7.Nicht erhörtes Gebet. Wie man mit Enttäuschung umgeht
Schritt 4: Yield – Hingabe
8.Betrachtung. Wie man ohne Worte betet
9.Hören. Wie man Gottes Stimme hört
10.Bekenntnis und Versöhnung. Wie man mit Gott ins Reine kommt
11.Geistlicher Kampf. Wie man geistliche Autorität ausübt
12. Amen
Endnoten
Weiterführende Lektüre
Dank
GEBETS-VORBILDER
Vorbild im einfachen Gebet: Susanna Wesley, England
Vorbilder in der Entschleunigung und im Fokussieren: Die Wüstenväter und -mütter, Ägypten
Vorbild in der Anbetung: Bruder Lorenz, Frankreich
Vorbild im Bittgebet: Corrie ten Boom, Holland
Vorbild in der Fürbitte: Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Deutschland
Vorbild im Umgang mit nicht erhörtem Gebet: Joni Eareckson Tada, Amerika
Vorbild im betrachtenden Gebet: Blaise Pascal, Frankreich
Vorbild im Hören: Amy Carmichael, Indien
Vorbild im Bekennen und in der Versöhnung: Desmond Tutu, Südafrika
Vorbild im geistlichen Kampf: Der heilige Patrick, Irland
Vorwort
Nicky Gumbel
Ich bin sehr froh, dass Pete Greig dieses Buch geschrieben hat. Beten ist das Wichtigste in unserem Leben. Durch Beten entwickeln wir eine Beziehung zu unserem Vater im Himmel. Jesus betete und lehrte uns, dasselbe zu tun. Das Gebet bringt uns Frieden, erfrischt unsere Seele, stillt unseren geistlichen Hunger und versichert uns der Vergebung. Das Gebet verändert nicht nur uns, es verändert auch Situationen. Gott erhört Gebet. Aber wie sollen wir beten?
Viele Jahre lang hoffte ich, dass jemand ein einfaches, aber umfassendes Buch darüber schreiben würde, wie man betet. Ich konnte nur Bücher finden, die vor Jahrzehnten geschrieben worden waren und die Zeit nicht überdauert hatten.
Das ist eine echte Marktlücke. Im Alphakurs haben wir immer einen Vortrag darüber, warum und wie man betet. Wir empfehlen gerne Bücher, hatten aber Schwierigkeiten, eines zu finden, das zu dieser Einheit über das Thema Gebet passt. In den letzten Jahren habe ich Petes früheres Buch God On Mute empfohlen. Aber darin geht es um einen speziellen Aspekt – warum manche Gebete scheinbar nicht erhört werden. Dennoch habe ich es empfohlen, weil Pete eine Legende in der Welt des Gebets ist – als Mitbegründer der Gebetsbewegung 24-7 – und weil sich bei ihm die Leidenschaft fürs Gebet mit einer bemerkenswerten Schreibbegabung verbindet.
Stell dir also meine Freude vor, als Pete mir sagte, dass er ein Buch mit dem Titel How to Pray schreibt (auf Deutsch: Kraftvoll beten). Es hat mich sehr geehrt, dass er mich fragte, ob ich das Vorwort dafür schreiben würde.
Jetzt habe ich das Manuskript gelesen und finde, dass das Buch alles ist, wonach ich mich sehnte, und mehr. Dieser Autor weiß, wovon er spricht. Er schreibt, wie er spricht – mit großer Eloquenz. Er drückt sich deutlich, aber leicht verständlich aus und ist ausgesprochen praktisch und wunderbar anschaulich durch interessante Anekdoten, Geschichten und Beispiele.
Pete leitete früher die Gebete in der Gemeinde Holy Trinity Brompton, sodass ich persönlich die Kraft von Petes Gebeten erlebt habe – sowohl für mich selbst als auch für unsere Kirche, die Nation und die Welt. Wenn du, wie ich, versucht hast, Gebet in einer Gruppe zu leiten, wirst du wissen, wie außerordentlich schwierig es ist, das gut zu machen. Pete macht es immer perfekt – mit Humor, aber nie heftig; mit Kraft und Autorität, aber auch mit Leichtigkeit.
Dies ist in der Tat ein Buch, das erklärt, wie man betet. Mir zum Beispiel hat es schon sehr geholfen, und ich bin sicher, dass jeder Leser ermutigt und unterstützt wird, mehr wie Jesus zu beten – und Gott besser kennenzulernen.
Hier ist endlich ein einfacher Gebets-Leitfaden für normale Leute – das Buch, auf das ich gewartet habe.
Nicky Gumbel
Holy Trinity Brompton
London 2019
Wie man dieses Buch in ein paar Minuten liest

Wie man nach dem Muster „P.R.A.Y.“ betet (Kapitel 1–2)
„Die Jünger sagten: ‚Herr, lehre uns beten!‘“
Jeder Pilger hat irgendwann einen Stein im Schuh. Du wachst eines Morgens auf und denkst: „Ich kenne den Schöpfer von 100 Milliarden Galaxien – und mehr ist nicht dabei?“ Du liest die Apostelgeschichte und fragst dich: „Warum geschieht das heute nicht mehr so?“ Deine Welt bricht zusammen und du brauchst dringend ein Wunder. Du siehst hoch zu den Sternen am Himmel und fühlst Dinge, die größer sind als fromme Worte. Du sagst dir: „Wenn das wahr ist, muss es mehr Macht, mehr Geheimnisse, mehr persönliche Erfahrungen geben.“ Und so wendest du dich schließlich an Gott, etwas unsicher, ob es dir auch wirklich ernst damit ist, und sagst: „Herr, lehre mich beten.“ Und er antwortet: „Ich dachte schon, du würdest nie fragen!“
Pause – Ruhe (Kapitel 3)
„Jesus sagte: ‚Wenn ihr betet …“
Zum Anfangen müssen wir aufhören. Um voranzukommen, müssen wir innehalten. Dies ist der erste Schritt zu einem tieferen Gebetsleben: Leg deine Wunschliste weg und warte. Sitz still. Schweige. „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Ps. 46,11 L). Sei ganz da in Raum und Zeit, damit sich deine abgelenkten Sinne in Gottes ewiger Gegenwart sammeln können. Schweigen und Stille bereiten Geist und Seele darauf vor, von einem Ort des größeren Friedens, des Glaubens und der Anbetung aus zu beten. Tatsächlich ist das an sich schon eine wichtige Form des Gebets.
Rejoice – Freude (Kapitel 4)
„Sagt: ‚Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name.‘“
Beim Anblick der Nordlichter denkt niemand: „Wow, ich bin unglaublich!“ Staunen und Bewundern entspricht unserem Wesen, und daraus folgt, dass wir Lob äußern. Das Vaterunser beginnt mit einer Einladung zur Anbetung: „Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name.“ Nachdem wir am Anfang einer Gebetszeit zur Ruhe gekommen sind, ist Ehrerbietung die natürlichste und angemessenste Reaktion auf die Gegenwart Gottes. Überspring diesen Schritt nicht. Den Namen des Vaters zu heiligen ist die wichtigste und erfreulichste Dimension des Gebets. Bleib eine Weile dabei und freue dich an Gottes Segnungen, bevor du um mehr bittest. Wie der Flug für den Adler, der Galopp für das Pferd, wie der Sprung für den Lachs, so ist Anbetung das, wozu Gott dich bestimmt hat.
Ask – Bitte (Kapitel 5–7)
„Dein Reich komme, dein Wille geschehe …
Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Beten ist von ganz unterschiedlicher Bedeutung für all die verschiedenen Menschen. In seiner einfachsten und unmittelbarsten Form jedoch heißt Beten, Gott um Hilfe zu bitten – wie der Soldat vor der Schlacht, der Fußballfan im Finale, die verzweifelte Mutter in der Krankenhauskapelle es tun. Das Vaterunser lädt uns ein, Gott um alles zu bitten, vom täglichen Brot bis zum Kommen seines Reichs, für uns selbst (Bitte) und für andere (Fürbitte). In diesem Abschnitt untersuchen wir die außerordentliche, wunderwirkende Kraft des Gebets, aber auch die Fragen, mit denen wir konfrontiert sind, wenn unsere Gebete unbeantwortet bleiben.
Yield – Hingabe (Kapitel 8–12)
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen!“
Der letzte Schritt im Tanz des Gebets ist die Ergebung oder Hingabe – eine geballte Faust öffnet sich langsam, ein ausgepowerter Sportler lässt sich ins Eisbad sinken, die Mohnblumen auf der Wiese wenden sich der Sonne zu. Der Gegenwart Gottes „wie im Himmel, so auch auf der Erde“ geben wir uns hin durch betrachtendes Gebet und indem wir auf sein Wort, das unser „tägliches Brot“ ist, hören. Wir ergeben uns der Heiligkeit Gottes durch Schuldbekenntnis und Versöhnung und beten: „Vergib uns unsere Sünden, wie auch wir anderen vergeben.“ Wir unterstellen uns seiner Macht im geistlichen Kampf und bitten unseren Vater, uns „vom Bösen zu befreien“. Und in all dem geschieht dies: Indem wir uns Gott ergeben, überwinden wir. Indem wir von uns selbst leer werden, werden wir erfüllt, und indem wir im Gebet unser Leben hingeben, kann es schließlich selbst zu einem Gebet werden – dem Vaterunser.
Einführung
Wie man dieses Buch am besten nutzt

Wo doch ein solcher Gott euch liebt, könnt ihr ganz schlicht beten. So nämlich: … (Matthäus 6,9, The Message)
Als einer unserer Söhne hörte, dass ich ein Buch darüber schreibe, wie man betet, sagte er: „Aber das ist doch ganz leicht. Man fängt einfach mit ‚Lieber Gott‘ an, erzählt ihm etwas und sagt dann ‚Amen‘.“
In gewisser Weise hat er recht. Manchmal machen wir das Gebet viel komplizierter, als es sein muss. Dieses Buch wurde als einfacher Leitfaden für ganz normale Leute geschrieben. Es ist eine Einführung in ein umfangreiches Thema, an junge Christen und solche Nachfolger Jesu gerichtet, die vielleicht nicht Theologie studiert haben und sich nicht als Ninja-Gebetskrieger betrachten, aber dennoch gerne wachsen und ihre Beziehung zu Gott vertiefen möchten. Dies kann eine wunderbare, interessante Entdeckungsreise werden.
* * *
Ich habe das Glück, am Stadtrand zu wohnen, dort, wo die freie Natur anfängt. Oft laufe ich durch den Wald, um den Golfplatz herum oder bis zum höchsten Punkt eines Hügels, von wo aus man dreißig Meilen weit sehen kann. Ich laufe auf einem gepflasterten Weg, wenn ich wenig Zeit habe oder wenn es regnet und ich nicht gerade durch den dicksten Schlamm waten will. Aber um diese „Hauptarterie“ herum verläuft ein Gewirr von Venen und Kapillaren – geheimen Trampelpfaden und zugewachsenen Stegen, die vertrauter sind mit Dachs, Damhirsch und Waldkauz als mit Menschenfüßen.
Welchen Weg ich nehme, ist vom Wetter, von meiner Zeit und meiner Lust abhängig. An sonnigen Tagen gehe ich gerne in die Hügel und genieße die Aussicht. Im Herbst stromere ich über Waldwege, die so weich sind, als wären sie mit einem dicken Teppich belegt, und suche nach Bovisten und Champignons in Hexenringen. Im Sommer machen wir auf versteckten Lichtungen abends ein Lagerfeuer und schlagen dort manchmal auch unser Zelt auf.
Dieses Buch ist ein „einfacher Führer“ durch die komplexe, lebendige Gebetslandschaft. Zieh die Stiefel an – wir gehen nicht auf asphaltierter Straße. Ich weiß, dass es Zeiten gibt, in denen wir alle nur den schnellstmöglichen Weg zu Gott brauchen – wenn man vom Fahrrad auf ein geparktes Auto zuschleudert, ist die ganz direkte Kommunikation angebracht: „Hilfe!“ Aber es gibt im Gebet mehr als nur Bitten, und Gott hat es nicht eilig. Manches Beten ist eher ein Erkunden als ein Flehen: Waldwege, auf denen man sich geborgen fühlt, und Stellen, die so schön sind, dass man anhalten und Gott mit flüsternder Stimme Lob sagen muss. Es gibt geheime, intime Lagerplätze und Pfade, die dich in die Berge führen, wo du einen weiten Blick unter einem größeren Himmel genießt. Klettern ist anstrengend. Ist man aber erst einmal am Ziel, dann weiß man, dass sich die Mühe gelohnt hat. Unterwegs werden wir Heilige entdecken, die an bestimmten Stellen in dieser abwechslungsreichen Landschaft ihr Zuhause gefunden haben. Auch ihre Geschichten wirst du in diesem Buch finden. Die Geschichten anderer werden am Ende der meisten Kapitel unter der Überschrift „Vorbilder“ beschrieben. Einige dieser Heiligen ließen sich in der Kontemplation, im betrachtenden Gebet, nieder. Andere haben sich einen Ausguck in den Baumkronen der prophetischen Einsicht gebaut. Und schließlich wirst du dein eigenes Lieblingsgelände auf deinem Weg mit Gott finden.
Ich muss dich jedoch warnen, dass keiner dieser Wege zu Gott führt. So funktioniert es einfach nicht. Es gibt nicht die eine bessere Art zu beten. Wenn du nach dem Heiligen Gral suchst, gehe dorthin zurück, wo du angefangen hast. Auf all den vielen Gebetswegen wird der Herr dich jedoch begleiten. (Er zieht gerade seine Wanderstiefel an.) Er wird mit dir schweigen und auch mit dir reden. Das Gespräch wird verebben und fließen. Er wird dir Dinge erzählen, die du noch nicht wusstest, und dich Dinge fragen, die du noch niemandem erzählt hast. Gelegentlich wirst du ihn aus den Augen verlieren, aber nie für lange. Manchmal wird er eine Pause oder einen bestimmten Weg vorschlagen, aber meistens wird er deiner Führung folgen und dich bei jedem Schritt auf dem Weg begleiten, bis du schließlich den Kreis schließt, nach Hause kommst und weißt, dass du erkannt bist.
Natürlich haben wir eine Karte dabei: das berühmteste Gebet der Welt, das Vaterunser, das uns Jesus selbst zu genau diesem Zweck geschenkt hat, nämlich um uns beten zu lehren. In diesen alten, vertrauten Worten werden wir neun verschiedene Wege des Gebets entdecken: Stille, Anbetung, Bitte, Fürbitte, Ausdauer, Kontemplation, Hören, Beichten und geistlichen Kampf. Und unsere Reise wird in einem einfachen, vierstufigen Rhythmus ablaufen: P.R.A.Y. – Pause, Rejoice, Ask, Yield (auf Deutsch: Ruhe – Freude – Bitte – Hingabe). Ich bin kein großer Fan von Akronymen – sie riechen nach wissenschaftlichen Lehrbüchern und übermäßig ernsten Predigten, aber dieses hier funktioniert gut, weil es simpel und sinnvoll ist und unter der Oberfläche auch tiefgründig. Sieh in diesen vier Schritten nicht strenge Regeln – nicht die Sprossen einer Leiter in den siebten Himmel –, sondern eher Tanzschritte: fließend, interaktiv und offen für kreative Interpretationen. Gib P.R.A.Y. eine Chance und es wird deinem Gebetsleben eine einfache Struktur und einen unkomplizierten Ablauf verleihen, egal ob du alleine oder in einer Gruppe betest. (Für Kinder möchtest du das knifflige Wort „yield/Hingabe“ allerdings vielleicht gegen „Yes!“ tauschen.)
* * *
Ich schreibe dieses Buch seit fast zwei Jahrzehnten, seit ein paar wichtige Entdeckungen unbeabsichtigt die 24-7-Gebetsbewegung ins Leben gerufen haben: Erst kam meinen Freunden und mir die überraschende Erkenntnis, dass Beten eigentlich so ziemlich das Wichtigste im Leben ist, und danach, dass wir es furchtbar schlecht konnten. Seit diesem wenig verheißungsvollen Beginn befinden wir uns in einem Abenteuer, nämlich diese einfache, schwierige, unvermeidliche Sache zu erforschen, die das Herzstück von Leben, Glauben und Kultur ist. Was in diesem Buch gelehrt wird, hat seinen Ursprung daher weniger in Bibliotheken, Seminaren und auf Kanzeln als vielmehr in den praktischen Entdeckungen, die wir in Hunderten von Pop-up-Gebetsräumen gemacht haben, in denen in den letzten zwanzig Jahren Tag und Nacht gebetet wurde.
Am Ende jedes Kapitels wird ein „Vorbild im Beten“ vorgestellt, dessen Leben die besondere Art von Gebet veranschaulicht, mit der wir uns gerade beschäftigt haben.
Wie man nach dem Muster P.R.A.Y. betet
„Einmal war er an einem Ort und betete. Und als er aufgehört hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: ‚Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.‘“ (Lukas 11,1 L)
Jeder Pilger hat irgendwann einen Stein im Schuh. Du wachst eines Morgens auf und denkst: „Ich kenne den Schöpfer von 100 Milliarden Galaxien – und mehr ist nicht dabei?“ Du liest die Apostelgeschichte und fragst dich: „Warum geschieht das heute nicht mehr so?“ Deine Welt bricht zusammen und du brauchst dringend ein Wunder. Du siehst hoch zu den Sternen am Himmel und fühlst Dinge, die größer sind als fromme Worte. Du sagst dir: „Wenn das wahr ist, muss es mehr Macht, mehr Geheimnisse, mehr persönliche Erfahrungen geben.“ Und so wendest du dich schließlich an Gott, etwas unsicher, ob es dir auch wirklich ernst damit ist, und sagst: „Herr, lehre mich beten.“ Und er antwortet: „Ich dachte schon, du würdest nie fragen!“

1: Gebet überall
Warum beten?
„Einmal war Jesus an einem Ort und betete...“

Mehr Dinge werden durch das Gebet bewirkt, als diese Welt erträumt. Darum lass deine Stimme Tag und Nacht zu mir aufsteigen wie eine Wasserfontäne. (Alfred Lord Tennyson, Idylls of the King)1
Auf dem Berg Athos, zweitausend Meter über dem Meeresspiegel der Ägäis, beten bärtige orthodoxe Mönche, wie sie es seit 1800 Jahren tun. Dreißig Meilen nördlich von Lagos versammeln sich über eine Million nigerianische Christen monatlich zu einem Gebetstreffen auf dem riesigen Gelände der Redeemed Christian Church of God. An den Ufern des Ganges bei Varanasi baden hinduistische Pilger auf der Suche nach Reinigung und Hoffnung im heiligen Wasser. Irgendwo in Manhattan kommt eine Gruppe von Süchtigen im Rahmen eines Zwölf-Schritte-Programms zusammen und bemüht sich, „durch Gebet und Meditation den bewussten Kontakt mit Gott zu verbessern“.2 Hoch in den Bergen des Himalaja läuten Glocken, und vor saphirblauem Himmel tanzen Reihen von bunten Gebetsfahnen auf der Leine. Tief in den Mammutbaum- und Douglasienwäldern der kalifornischen Lost Coast halten Zisterzienserinnen Gebetswachen am Mattole River, wo Lachse springen und Forellen durch das Wasser gleiten.
Jeder vierte Mensch betet allein schon an Ostern jedes Jahr das Vaterunser. Jeder sechste Mensch verbeugt sich bis zu fünfmal täglich gen Mekka. Vor der Jerusalemer Klagemauer stehen schwarz gekleidete chassidische Juden und schaukeln vor und zurück wie alternde Gruftis in einer stummen Disco. Schlecht gerollten Zigaretten gleich, klemmen Tausende von handgeschriebenen Gebeten zwischen den riesigen Steinen der Mauer, die einst Teil des Herodes-Tempels waren. Es lohnt sich, am Anfang eines Buches wie diesem innezuhalten und den unendlichen Gesang der menschlichen Sehnsucht wahrzunehmen: einen Chor aus Seufzern und Schreien und Glockengeläut, aus Flüstern auf Entbindungsstationen, himmlischen Oratorien und gesprühten Graffiti. Wie Rabbi Heschel es ausdrückt: „Das Gebet ist unsere bescheidene Antwort auf die unbegreifliche Überraschung des Lebens.“3
Muttersprache
Das englische Wort „prayer“ (Gebet) kommt von dem lateinischen „precarius“. Wir beten, weil das Leben prekär ist. Wir beten, weil das Leben wunderbar ist. Wir beten, weil wir merken, dass wir zwar vieles nicht können, die einfachsten Wörter wie „bitte“, „danke“, „wow!“ und „Hilfe!“ aber beherrschen. Ich betete, als ich unsere Kinder zum ersten Mal im Arm hielt. Ich betete, als mir die Arbeit über den Kopf stieg und ich merkte, dass ich sie nicht schaffe. Ich betete, als meine Frau bewusstlos über den Krankenhausflur geschoben wurde. Ich betete in der Nacht, als ich die Polarlichter sah.
Der kanadische Psychologe David G. Benner beschreibt Gebet als „Muttersprache der Seele“ und stellt fest, dass „unsere natürliche Haltung einer aufmerksamen Offenheit für das Göttliche“ entspricht.4 Wir sehen diese Haltung bei vielen großen Männern und Frauen, die nicht unbedingt für ihre tiefe Religiosität bekannt sind. Abraham Lincoln z. B. gab zu: „Viele Male trieb mich die überwältigende Überzeugung auf die Knie, dass ich nirgendwo sonst hingehen konnte. Meine eigene Weisheit … schien für den Tag nicht auszureichen.“5
Der Unternehmer Conrad Hilton, Gründer der gleichnamigen Hotelkette, widmet den letzten Teil seiner Autobiografie überraschenderweise dem Thema Beten. „In einem erfolgreichen Leben“, erklärt er, „ist Gebet die Nabe, die das Rad zusammenhält.“6
In ihrem teils autobiografischen Roman One True Thing beschreibt Anna Quindlen die Qual, als Neunzehnjährige zusehen zu müssen, wie ihre Mutter Chemotherapie bekam – „Tropfen für Tropfen für Bitte-Gott-lass-es-wirken-Tropfen. Oh ja, ich betete in dieser Kabine“, schreibt sie. „Aber ich betete für mich, ohne Form, nur unausgesprochene Gefühle, nur ein Wort: Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte.“7
Der Rockstar Dave Grohl gibt zu, verzweifelt gebetet zu haben, als sein Schlagzeuger Taylor Hawkins auf dem englischen V-Festival eine Überdosis nahm. „Im Gehen sprach ich laut mit Gott“, erinnert er sich an die nächtlichen Fußwege zurück zum Kensington’s Royal Garden Hotel, nachdem er seinen Freund besucht hatte, der im Krankenhaus im Koma lag. „Ich bin nicht religiös, aber ich wurde fast verrückt, ich hatte solche Angst, ich war verzweifelt und verwirrt.“8
Elizabeth Gilbert beginnt ihre Bestseller-Memoiren Eat, Pray, Love mit diesen Worten: „Hallo, Gott. Wie geht’s? Ich bin Liz. Nett, dich kennenzulernen. … Ich war immer schon ein großer Fan deiner Werke. Ich habe noch nie direkt mit dir geredet.“ Und dann fängt sie an zu weinen: „Kannst du mir bitte helfen? Ich brauche unbedingt Hilfe. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Ihre Tränen versiegen und sie erlebt einen Frieden, „so ungewöhnlich, dass ich kaum wagte auszuatmen, weil ich Angst hatte, ihn zu verscheuchen. Ich weiß nicht, wann ich je solch eine Ruhe verspürt hätte. Dann hörte ich eine Stimme. Es war nicht die Stimme von Charlton Heston und sie sagte mir auch nicht, ich solle einen Baseballplatz bauen. Es war meine eigene Stimme, aber eine Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte.“9
Meine Freundin Cathy an der Universität von Wichita war eine militante Atheistin. Als sie eines späten Abends ihr schlafendes Baby ansah, überwältigte sie der Wunsch, für dieses allergrößte Geschenk Danke zu sagen – irgendjemandem oder irgendetwas. Da sie ihr Staunen mit keinem Mann oder Freund teilen konnte, flüsterte Cathy verlegen ein paar Worte der Dankbarkeit in die Stille. Dabei schien sich die Atmosphäre zu verändern. Der Raum wurde erfüllt von Liebe – Welle für Welle; es war anders als alles, was sie je erlebt hatte. In dieser Nacht kniete Cathy neben ihrem schlafenden Baby nieder und wandte sich von ihrem leidenschaftlichen Atheismus ab. Noch heute, über dreißig Jahre später, ist sie eine Nachfolgerin Jesu.
Ähnlich fühlte sich der irische Dichter Patrick Kavanagh vom unergründlichen Wunder des Lebens bewegt zu beten. Er beschreibt diesen Impuls in seinem Gedicht Canal Bank Walk als „das heftige Verlangen meiner Sinne“:
O unworn world enrapture me, encapture me in a web
Of fabulous grass and eternal voices by a beech.
Feed the gaping need of my senses, give me ad lib
To pray unselfconsciously with overflowing speech,
For this soul needs to be honoured with a new dress woven
From green and blue things and arguments that cannot be proven. 10
(O unverbrauchte Welt verzücke mich,
umhülle mich mit einem Netz
aus wunderbarem Gras und den ewigen
Stimmen bei einer Buche.
Stille das heftige Verlangen meiner Sinne
und lass mich aus dem Stehgreif,
unbefangen und mit überströmenden Worten beten können.
Denn diese Seele muss mit einem neuen Gewand
geehrt werden, gewebt aus Grünem und Blauem
und aus unbeweisbaren Argumenten.)
Mensch sein heißt beten
Von amerikanischen Präsidenten über irische Dichter, einem Rockstar in London bis zur alleinerziehenden Mutter in Wichita: Seit Anbeginn der Zeit ist Gebet „das unbeweisbare Argument“, das „heftige Verlangen“ jeder menschlichen Seele. Man vermutet, dass über 35000 Jahre alte Höhlenmalereien im indonesischen Maros und in Chauvet in Frankreich geistliche Anrufungen sind. Die Hügelruinen am Göbekli Tepe in der modernen Türkei gelten als Überreste eines Tempels, der 6000 Jahre älter ist als das neolithische Stonehenge in England, welches möglicherweise etwa 3000 Jahre vor Christus ein Ort des Gebets war.
Und wie wird das in Zukunft sein? Ist Beten nur der abnehmende Schatten einer primitiven Morgendämmerung? Eine Umfrage nach der nächsten macht klar: nein.11 Dreihundert Jahre nach der Aufklärung ist die Welt eher mehr als weniger religiös.12 Ich wohne in England, das als eine der säkulareren Nationen in Westeuropa gilt, aber auch hier sagt ein Viertel derer, die sich als „nicht religiös“ bezeichnen, sie wären dennoch „einmal pro Monat spirituell aktiv, normalerweise, indem sie beten“.13 Der bedeutende Londoner Chirurg David Nott ist ein gutes Beispiel für diesen scheinbaren Widerspruch. Er arbeitet in drei britischen Kliniken, doch seinen Urlaub verbringt er bewusst in den gefährlichsten Kriegsgebieten der Welt. „Ich bin nicht religiös“, versicherte er Eddie Mair in einem Interview auf BBC Radio 4:
Aber hin und wieder muss ich beten und ich bete zu Gott und bitte ihn, mir zu helfen, denn manchmal leide ich schrecklich. Nur ab und zu finde ich die richtige Frequenz, um mit ihm zu sprechen, und ich bezweifele absolut nicht, dass es einen Gott gibt. Ich brauche ihn nicht jeden Tag. Ich brauche ihn ab und zu, aber wenn ich ihn brauche, ist er wirklich da.14
Dieses Interview übte auf die Zuhörer eine tiefgreifende Wirkung aus. Tatsächlich war der experimentelle Künstler Patrick Brill (besser bekannt unter seinem merkwürdigen Pseudonym „Bob and Roberta Smith“) so bewegt von David Rotts Zeugnis, dass er die folgenden vier Monate damit zubrachte, jedes einzelne Wort davon Buchstabe für Buchstabe auf eine riesige Leinwand zu übertragen, die dann als Herzstück der Sommerausstellung der Londoner Royal Academy in der zentralen Halle aufgehängt wurde – jener Jahresausstellung zeitgenössischer Kunst, die die populärste des Landes und die älteste der Welt ist.
Von primitiven Höhlenmalereien bis zu weiß getünchten Wänden der Royal Academy – der universelle Impuls zu beten durchdringt die menschliche Ethnologie und Archäologie, Soziologie und Psychologie. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Mensch sein heißt beten. Man sollte also weniger fragen, warum wir beten, als vielmehr, wie wir beten und zu wem. Für Milliarden Menschen findet sich die Antwort auf solche Fragen in dem revolutionären Leben und den Lehren Jesu Christi.
Die Bibel und das Gebet
Am nächsten Morgen stand Jesus vor Tagesanbruch auf und zog sich an eine einsam gelegene Stelle zurück, um dort allein zu beten. (Markus 1,35)
Der Größte, der je gelebt hat, war vor allem ein Mann des Gebets. Vor seinem öffentlichen Wirken fastete er über einen Monat lang in der Wüste. Bevor er seine zwölf Jünger auswählte, betete er eine ganze Nacht lang. Als er die furchtbare Nachricht von der Hinrichtung seines Cousins Johannes hörte, „fuhr er mit einem Boot in eine entlegene Gegend. Er wollte allein sein.“15 Nach der Speisung der Fünftausend war er verständlicherweise müde, reagierte aber auf das Wunder, indem er auf einen Berg stieg und betete.
Als die Belastungen des Ruhms ihn zu erdrücken drohten, betete Jesus.16 Als er im Garten Gethsemane, den eigenen Tod vor Augen, vor Angst Blut schwitzte und von seinen Freunden enttäuscht war, betete er.17 Sogar in den Stunden unvorstellbarer körperlicher und geistlicher Qualen am Kreuz schrie Jesus zu dem, der ihn scheinbar verlassen hatte.18
Jesus betete und betete und betete.
Aber dabei blieb es nicht. Nach seiner Auferstehung gebot Jesus den Jüngern, seinem Beispiel zu folgen, sodass schließlich die Kirche geboren wurde: „Sie alle trafen sich regelmäßig …, um gemeinsam zu beten.“19 Mit deren exponentiellem Wachstum folgten die Apostel dem Beispiel ihres Herrn weiter und räumten dem Gebet eine entschieden höhere Priorität ein als drängenden Aufgaben aus ihrer Leitungsverantwortung.20
In der Stadt Joppe „stieg Petrus auf das flache Dach des Hauses, um dort ungestört zu beten“ und empfing eine schockierende Vision von nicht koscheren Tieren, die zum Essen dargereicht wurden; eine epochale Offenbarung, die das Evangelium aus seiner jüdischen Wiege in die riesigen Erntefelder der heidnischen Welt katapultieren sollte.21
Die gleiche Gebetsbereitschaft sehen wir bei Paulus, von dem es unmittelbar nach seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus heißt: „Er betet gerade.“22 Seine Briefe sprudeln über von Bitten, spontanen Lobgesängen und leidenschaftlichen Ermahnungen zu beten. Wir stehen im aktiven Kampf gegen dunkle geistliche Mächte, erinnert er die Epheser (Eph. 6). Wir sind Teil einer gewaltigen himmlischen Gebetsversammlung, sagt er den Römern (Röm. 8). Wir werden von Wahrheiten erbaut, die sich nur im Gebet offenbaren, schreibt er den Korinthern (1. Kor. 14).
Die Priorität des Gebets sehen wir auf beinahe jeder Seite der Bibel und in allen Kapiteln der Kirchengeschichte. Es ist weder ein Randthema noch ein optionales Extra für Verzweifelte oder Fromme. Es gehört weder zu einer anderen Zeit in der Geschichte noch zu einer anderen Art von Leuten, die spiritueller, disziplinierter oder erfahrener sind als du und ich. Gebet ist von großer und allumfassender Bedeutung für jeden von uns. „Gebet ist mehr als eine brennende Kerze“, erklärt der Theologe George A. Buttrick. „Es ist die Ansteckung mit Gesundheit. Es ist der Puls des Lebens.“23 Eine echte Beziehung mit Gott bedeutet täglichen Umgang mit ihm, wie ihn Adam und Eva im Garten Eden pflegten. Es bedeutet, so vertraut mit ihm zu sprechen wie Mose, mit dem der Herr „von Angesicht zu Angesicht“ sprach, „so, wie Freunde miteinander reden“.24 Und es bedeutet, aufmerksam auf seine Stimme zu hören, wie Jesus sagte: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“25
Seinen eigenen Gebetsort finden
Bevor Jesus seinen Jüngern das Vaterunser gab, „war er an einem [bestimmten] Ort“.26 Das ist von Bedeutung. Es scheint bestimmte Orte gegeben zu haben, an denen er am liebsten betete. An anderer Stelle riet er seinen Jüngern: „Wenn du beten willst, zieh dich zurück in dein Zimmer, schließ die Tür hinter dir zu …“27 Die Örtlichkeit war eindeutig von Belang. Und dann, ein wenig später, am Pfingsttag, heißt es: „Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten“, sodass die Jünger „etwas wie züngelndes Feuer“ sahen, „das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ“. Nur Augenblicke später „wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg. 2,2-4).28 Ist das nicht ein interessanter Verlauf? Der Heilige Geist erfüllte den Ort, bevor er die Menschen erfüllte.
Die alten keltischen Christen verstanden sehr gut, dass der Heilige Geist sowohl Orte als auch Menschen durchdringen kann, und beschrieben solche heiligen Stätten anschaulich als „thin places“, „dünne“ oder „lichte Orte“. Dein lichter Ort kann einfach ein bestimmter Stuhl in deinem Haus sein, eine Bank im Park, eine gesegnete halbe Stunde lang der Weg zur Arbeit, ein 24-7-Gebetsraum29, in dem du regelmäßig eine Schicht übernimmst, vielleicht sogar die heilige Stätte namens Badezimmer.
„Ich rate dir auch dringend“, schreibt der geistliche Lehrer Richard Foster, „einen Ort zu suchen, an dem du dich konzentrieren kannst – einen Garten, einen Abstellraum, einen Dachboden, vielleicht sogar einen bestimmten Stuhl – irgendeine Stelle, die nicht zum alltäglichen Ablauf gehört und wo du nicht abgelenkt wirst. Nutze diesen Platz als dein heiliges ‚Zelt der Begegnung‘.“30
Selbst wenn du eigentlich gar nicht wirklich beten willst, kann ein Ort des Gebets es oft leichter machen. Schon allein deine Anwesenheit ist eine Absichtserklärung, du sagst damit: „Herr, ich möchte nicht hier sein. Trotzdem – hier bin ich!“ Diese Erfahrung habe ich bei meinen täglichen Zeiten mit Gott und bei Terminen in 24-7-Gebetsräumen oft gemacht. Ich mag anfangs nicht immer da sein wollen – oft fahre ich ohne Lust zum Gebetsraum, überzeugt, dass ich eigentlich keine Zeit dafür habe und dass 24-7-Gebet die schlechteste Idee der Weltgeschichte ist –, aber ich stelle mich zur Verfügung, einfach, indem ich da bin. Bei solchen Gelegenheiten begegnete mir Gott oft am stärksten. Nach Jahrzehnten von Nacht-und-Tag-Gebet bin ich heute überzeugt, dass 99 Prozent einfach in der Anwesenheit besteht; in der Leistung, bewusst da zu sein für den Gott, der jederzeit und immer für uns da ist.
Wo ist dein Stuhl?
Ein Werbemanager bekehrte sich, meinte aber, für eine tägliche Gebetszeit keine Zeit zu haben. „Für Sie ist das einfach“, sagte er zu seinem neuen Pastor. „Sie haben jede Menge Zeit, aber ich bekomme einfach nicht noch etwas in meinem Leben unter.“ Am Anfang dieses Buchs magst du ähnliche Gedanken haben: „Für Pete ist das ja kein Problem“, denkst du vielleicht, „er ist schließlich der 24-7-Typ. Er schreibt den ganzen Tag Bücher und spricht mit den Eichhörnchen. Mein Leben sieht völlig anders aus – hektisch und stressig.“
Aber der Pastor konterte mit einer kleinen Herausforderung. „Wissen Sie“, sagte er, „für die Dinge, die mir viel bedeuten, habe ich noch immer Zeit gefunden.“ Der frischbekehrte Werbemanager ging los und kaufte sich einen besonders schönen Schaukelstuhl, den er zu Hause vors Fenster stellte. Ab sofort stand er jeden Tag zwanzig Minuten früher auf und setzte sich zum Bibellesen und Beten in den Stuhl. Das gehörte nun einfach zu seinem Tagesablauf, und nach und nach bemerkten seine Frau und seine Kollegen, dass er gesammelter, friedevoller und freundlicher wurde. Dieser Schaukelstuhl wurde zu seinem „lichten Ort“.
Aus Monaten wurden Jahre, aus einer täglichen Disziplin eine heilige Gewohnheit, und eines Morgens, als er dasaß und schaukelte, machte ihm der Herr den Vorschlag, seinen Beruf aufzugeben, das Haus zu verkaufen und von Chicago nach Colorado zu ziehen, wo eine Gemeinde seine Hilfe brauchte. Es war ein lebensverändernder Moment, der für seine ganze Familie einen neuen und außerordentlich fruchtbaren Lebensabschnitt eröffnete.
Einige Jahre später wurde bei ihm eine aggressive Form von unheilbarem Krebs diagnostiziert, aber er hielt seinen allmorgendlichen Termin mit Gott in diesem Stuhl ein. In seinen letzten Tagen fand er dort im Gebet Kraft für die allerschwerste Veränderung.
Am Tag der Beerdigung bemerkte ein Freund, wie die trauernde Witwe den Schaukelstuhl anschaute. „Was machst du jetzt damit?“, fragte er. „Oh, wir werden ihn unseren Kindern und Enkelkindern vererben“, meinte sie. „Es ist mir ein sehr lieber Gedanke, dass sie so in diesem Stuhl sitzen, wie mein Mann es getan hat, ihr Herz erleichtern, auf den Herrn hören und ihr Leben von ihm leiten und gestalten lassen.“31
Wo steht dein „Stuhl“? Für meine Frau ist er ein täglicher Spaziergang mit dem Hund und ein wöchentlicher Termin mit Gott in einem bestimmten Café. Für eine Lehrerin, die zu unserer Gemeinde gehört, ist er ihr Klassenzimmer, in dem sie jeden Tag eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn leise über jedem einzelnen Tisch betet. Für eine Studentin aus einer sehr strengen Sikh-Familie ist er ihr Auto. „Fahren ist meine Zuflucht“, erzählte sie mir. „Ich stelle Anbetungsmusik an, ganz laut, und meine Familie kann mich nicht davon abhalten!“ Wo auch immer du deinen Stuhl findest, versuche ihn täglich zu besuchen. Mach ihn zu deinem lichten Ort, einem heiligen Raum, der dir hilft, in allem Hin und Her des Lebens mit Gott zu leben und zu sprechen.
Herr, lehre uns beten
Vor zweitausend Jahren richteten die Jünger eine der größten Bitten aller Zeiten an Jesus, der gerade von seiner regelmäßigen Zeit mit Gott und seinem Gebetsort zurückkam: „Herr“, sagte einer von ihnen, „lehre uns beten“. Jesu Antwort auf diese einfache, bescheidene Bitte war erstaunlich großzügig. Er putzte seine Jünger nicht herunter, sagte nicht: „Das solltet ihr aber inzwischen wirklich können!“ Stattdessen gab er ihnen das größte Gebet der Weltgeschichte. Diese Männer führten später ein außergewöhnliches Gebetsleben. Sie beteten, bis Häuser ins Wanken gerieten. Durch die Kraft des Gebets holten sie Petrus aus einem Hochsicherheitsgefängnis heraus. Manchmal wurden Kranke schon geheilt, wenn nur ihr Schatten auf sie fiel. Sie empfingen die Art von Offenbarung, die einen kulturellen Paradigmenwechsel bewirkte. Und was das Bemerkenswerteste ist: Eines Tages fanden sie in sich die Gnade, im Angesicht des Todes für ihre Folterer zu beten.
Die Jünger wurden zu mächtigen Gebetskämpfern, aber das geschah nicht automatisch. Gebet wurde nicht vom Himmel auf sie heruntergebeamt. Die Apostel wurden nicht automatisch damit ausgestattet. Sie lernten auf die harte Tour beten, und ihr Unterricht fing damit an, dass sie an einem bestimmten Tag diese simple, berührend verletzliche Bitte aussprachen: „Herr, lehre uns beten.“
Und natürlich tat er das.
* * *
In diesem einleitenden Kapitel habe ich den historischen und biblischen Hintergrund des Gebets und die universelle Bedeutung von heiligen Orten dargestellt, von der Klagemauer in Jerusalem bis zu einem Schaukelstuhl in Colorado. Ich habe deutlich gemacht, dass beten zu lernen wirklich alles andere als merkwürdig, sondern vielmehr die natürlichste, wichtigste und wunderbarste Sache der Welt ist. Ich wollte dich ermutigen, dem Beispiel Christi zu folgen und zum Beten regelmäßig „einen bestimmten Ort“ (oder auch mehrere) aufzusuchen. In späteren Kapiteln (3 bis 12) werden wir uns auf einzelne Dimensionen des Gebets konzentrieren, z. B. auf Anbetung, Bitte, Fürbitte und Kontemplation. Aber zunächst einmal behandeln wir die grundlegende Frage, die in diesem Buch im Mittelpunkt steht: Wie betet man auf der simpelsten Ebene, im eigentlichen Sinn des Wortes?
Weiterführende Literatur: Richard Foster, Gottes Herz steht allen offen.
2: Einfach bleiben
Anfangen
„Herr, lehre uns beten.“

Der beste Rat zum Thema Gebet, den ich je bekam, war: Einfach bleiben, echt bleiben, dranbleiben.
Du musst einfach bleiben, damit die natürlichste Sache der Welt nicht kompliziert, verschroben und unnatürlich wird.
Du musst echt bleiben, denn wenn das Leben höllisch wehtut, wirst du versucht sein, so zu tun, als ob es dir gut ginge. Und wenn du etwas vermasselst, wirst du versucht sein, dich vor Gott zu verstecken (was nie wirklich funktioniert) und am Ende vor dir selbst (was ganz gut funktioniert).
Und du musst dranbleiben, denn das Leben ist schwer, die Schlacht ist heiß und Gott ist kein Algorithmus. Der Glaubensweg verlangt von uns allen eine gewisse Hartnäckigkeit, nicht zuletzt auf dem Gebiet des Betens.
* * *
Es war der heiligste Moment meines Tages: Gutenachtgebet mit meinem Sohn. Hudson war warm und sauber, roch nach Seife und steckte schon in seinem Superhelden-Schlafanzug. Sehr bald würde er eingeschlafen sein. Es würde wieder Ruhe herrschen im Haus. Alles würde gut sein.
„Keine bösen Träume, Herr“, betete ich im Flüsterton. „Lass Huddy wissen, wie sehr du ihn liebst, und lass ihn Christ werden, wenn er groß ist.“
„Nein!“, posaunte mir eine Kleine-Jungen-Stimme ins Ohr.
„Nein, Daddy!“, wiederholte er ungehalten, ja empört. „Ich will nicht Christ werden, wenn ich groß bin!“
„Ach so“, meinte ich etwas ernüchtert und bemühte mich, mir keine Enttäuschung anmerken zu lassen.
„Ähm – und willst du mir auch sagen, warum nicht?“
„Wenn ich groß bin, Daddy“, verkündete er und schob seine Hühnerbrust vor, „wenn ich groß bin, will ich Batman werden.“
„Ach so“, sagte ich noch einmal und zog ihn ein bisschen näher zu mir. Ein Weilchen saßen wir still da.
„Ich glaube“, wagte ich mich schließlich vor, „es ist möglich, beides zu sein.“
Sicher gibt es Tage, wo ich lieber eine Reihe persönlicher Superkräfte hätte statt mich mit langwierigem und verwirrendem Beten abzuplagen. Gott weiß, dass es uns nicht immer leichtfällt, in seiner Gegenwart einen Satz zu formulieren. Wie der Psalmist sagt: „Er vergisst nicht, dass wir nur Staub sind.“1 Er versteht, dass wir manchmal keine Worte haben, abgelenkt, überfordert oder verwirrt sind. Es verunsichert ihn nicht, wenn wir gelegentlich an seiner Existenz zweifeln. Er sieht unser verletztes und gebrochenes Herz und weiß, dass es ja manchmal so aussieht, als würden Gebete nichts nützen. Er ärgert sich nicht im Geringsten darüber, dass wir das Gespräch mit ihm gelegentlich etwas langweilig finden. Oder dass wir manchmal lieber das Empire State Building vermessen würden als nur ganz schlicht die Anleitung zu befolgen: „Geh in dein Zimmer und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen.“2
Die Sache ist aber die: Er hat uns gern. Sehr gern.
Gott möchte noch viel lieber Zeit mit uns verbringen als wir mit ihm. Das ist eine Tatsache, und sie ist atemberaubend. Es bedeutet, dass er dich bereits wohlwollend erwartet, wenn du im Gebet zu ihm kommst. Denk daran, wenn du das nächste Mal in einen Gebetsraum gehst oder dich mit der Bibel hinsetzt. Er runzelt nicht die Stirn. Du langweilst ihn nicht. Er ist wahrscheinlich froh darüber, dass du gerade dieses Buch liest!
In den nächsten Kapiteln werden wir auf verschiedene Aspekte des Gebets eingehen, aber das Herz, das all dem Leben gibt, ist Liebe. Wenn Beten für dich nicht ein Ausdruck von Freundschaft ist, dann bleibt dir nichts als Theorie und Technik. Wie der alte Seemann in Coleridges berühmtem Gedicht sagte: „Der betet gut, der Liebe hegt …“3
Gebet ist das Natürlichste der Welt, weil wir für die Freundschaft mit Gott geschaffen wurden. Aber wie sieht das praktisch aus? Wie können wir einfach bleiben, wo Beten doch so verwirrend und schwierig sein kann? Wie sollen wir echt bleiben, wenn es in unserer Welt und in uns selbst so viel Täuschung und Heuchelei gibt? Und wie sollen wir dranbleiben, wenn wir alle (ganz ehrlich) manchmal am liebsten aufgeben würden?
1. Einfach bleiben
Jesus warnt uns genau davor, beim Beten übermäßig kompliziert zu werden:
Die Welt ist voll sogenannter Gebetskrieger, die mit Methoden hausieren gehen, wie man von Gott bekommt, was man will. Fallt auf diesen Unsinn nicht herein. Es ist euer Vater, mit dem ihr es zu tun habt, und er weiß besser als ihr selbst, was ihr braucht. Wo solch ein Gott euch liebt, könnt ihr ganz schlicht beten.4
Und dann schenkt er den Jüngern das Vaterunser, das in seiner Ursprungssprache nur einunddreißig Wörter lang und in Reimform war. Jesus hat uns ein Gedicht geschrieben!5 Nachdem er sich für schlichtes Beten ausgesprochen hatte, gab er ein Beispiel mit einem kurzen, sich reimenden Prototyp, dessen englische Übersetzung in dreißig Sekunden gesprochen werden kann und in einen einzigen Tweet passt. Wie der Erzbischof Justin Welby sagt, ist das Vaterunser „so einfach, dass kleine Kinder es auswendig lernen können, und gleichzeitig so tief, dass es durch ein ganzes Gebetsleben trägt“.6
* * *
Wenn du noch nicht lange gläubig bist, hast du vermutlich alle möglichen Fragen zum Thema Gebet. Ich erinnere mich an eine elegante Dame, die mich eines Sonntags nach dem Gottesdienst ansprach. „Ich bin erst seit Kurzem Christ“, sagte sie. „Ist es in Ordnung, wenn ich unter der Dusche mit Gott spreche?“
Ich fuhr einen Freund durch die Stadt. Er war eben erst gläubig geworden, und ich schlug vor, gemeinsam zu beten. „Auf keinen Fall!“, schrie er und wollte mir fast ins Lenkrad greifen – vor lauter Angst, ich würde jetzt die Augen schließen.
Es gibt für Christen sehr wenige Regeln, was das Beten angeht. Ja, natürlich kannst du unter der Dusche beten oder auch beim Autofahren. Wir müssen nicht die Augen schließen, eine bestimmte Haltung einnehmen, uns auf bestimmte Art kleiden, rituelle Waschungen vornehmen oder eine festgelegte Wortfolge benutzen, um von Gott gehört zu werden. Manches davon kann hin und wieder hilfreich sein. Aber der Schreiber des Hebräerbriefs macht sehr deutlich, dass uns Gottes Gegenwart durch Jesus jederzeit und überall frei verfügbar ist (Hebr. 10,19).
Gott lädt dich ein, einfach, direkt und wahrhaftig genauso verrückt und wunderbar zu beten, wie er dich geschaffen hat. Spaziere durch den Regen. Schreib Gebete auf deine Schuhsohlen. Sing den Blues. Rappe. Dichte italienische Sonette.
Setze dich schweigend in den Wald. Geh laufen, bis du Gottes Lächeln spürst. Stürze dich eine Wasserrutsche runter und schreie dabei Halleluja, wenn das ganz ehrlich dein Ding ist. „Ich bete immer“, sagte der indianische Pastor Richard Twiss, der zum Sicangu-Oyate-Stamm in South Dakota gehört:
Ich bete nicht nur, indem ich Gott anspreche. Meine Gebete sind Fragen, Dialoge, das Abbrennen von Salbei und Weihrauch. Wenn ich im Pow-wow tanze, ist jeder Schritt ein Gebet: Ich tanze meine Gebete für die Menschen. Manchmal stelle ich mir meine Gebete vor, ich fantasiere meine Gebete; sie sind nicht immer hörbar.7
2. Echt bleiben
Leiere nicht gedankenlos Gebete herunter wie Leute, die Gott nicht kennen. Sie meinen, sie würden bei Gott etwas erreichen, wenn sie nur viele Worte machen. Folgt nicht ihrem schlechten Beispiel, denn euer Vater weiß genau, was ihr braucht, schon bevor ihr ihn um etwas bittet. (Mt. 6,7–8)
Jesus lädt uns ein, das Gebet einfach und echt zu halten. Einmal erzählte er eine verblüffende Geschichte von zwei Männern, die zum Beten in den Tempel gingen. Einer der beiden, ein Pharisäer, stellte sich selbstsicher hin und hakte all die richtigen religiösen Kästchen ab mit seinem formidablen Fasten und Zehntengeben. Aber der andere Mann, ein verachteter Zolleinnehmer, „blieb verlegen am Eingang stehen und wagte es nicht einmal aufzusehen, schuldbewusst betete er: ‚Gott, sei mir gnädig und vergib mir, ich weiß, dass ich ein Sünder bin!‘ Ihr könnt sicher sein“, schloss Jesus seine Erzählung, „dieser Mann“ – der Zolleinnehmer, nicht der andere – „ging von seiner Schuld befreit nach Hause“.8 Der Trappistenmönch Thomas Merton sagte: „Gott ist viel zu real, als dass man ihn irgendwo anders als in der Realität finden könnte.“9
Anne Lamott hat ein erfrischend respektloses Buch über das Gebet geschrieben. Die drei Wörter Help, Thanks, Wow („Hilfe, danke, wow!“), so sagt sie, sind die einzigen Gebete, die wir je brauchen. Sie macht auf brillante Weise deutlich, wie wichtig es ist, beim Beten radikal ehrlich zu sein.
Ich glaube, dass du Gott nahe bist, wenn du die Wahrheit sagst. Wenn du zu Gott sagst: „Ich bin erschöpfter und deprimierter, als ich es mit Worten sagen kann, und ich mag dich im Moment überhaupt nicht und ich möchte mit den meisten Leuten, die an dich glauben, nichts zu tun haben“, dann bist du möglicherweise so ehrlich wie noch nie. Erzählst du mir, du habest zu Gott gesagt: „Es ist alles hoffnungslos, ich habe keine Ahnung, ob du existierst, aber ich bräuchte Hilfe“, dann muss ich beinahe weinen. Weil ich so stolz auf dich bin. Weil du den Mut aufgebracht hast, echt zu sein – echt ehrlich.10
Mit Gott kämpfen
In einer finsteren Nacht, als meine Frau Sammy im Krankenhaus auf ihre Hirnoperation wartete, lange bevor wir wussten, dass sie es überleben würde, kam mein Freund Dan vorbei, um mit mir zu beten.
„Herr, wenn es jetzt deine Zeit ist, Sammy heimzuholen“, wagte sich Dan schließlich vor und sprach damit meine schlimmste Befürchtung aus, „dann gib Pete bitte die Kraft, das Unerträgliche zu tragen.“ Es war bestimmt nicht leicht, so zu beten. Es war eine Bitte in Übereinstimmung mit dem Glauben und der Bibel, aber ich wollte davon nichts hören. „Nichts da“, unterbrach ich ihn ohne eine Entschuldigung. „Auf keinen Fall, Gott. Nur über meine Leiche!“ Ich war aufgesprungen und lief im Zimmer auf und ab. „Wenn du vorhast, mir meine Frau zu nehmen … Wenn du vorhast, den beiden kleinen Jungs ihre Mama zu nehmen, dann kriegst du es mit mir zu tun.“
Dan wirkte etwas nervös, aber das war mir egal.
„Und dann musst du dir in Zukunft auch jemand anderen suchen, der PR für dich macht“, fuhr ich fort. „Ich kündige. Ich steige aus. Ich laufe nicht rum und sage den Leuten, dass du gut bist, wenn du mir jetzt nicht den Beweis dafür gibst.“ Tränen strömten mir über das Gesicht. „Gott, es ist mir völlig egal, was dein Wille ist. Ich will dir sagen, was mein Wille ist – ich möchte, dass meine Frau lebt. Ich möchte, dass unsere Jungen ihre Mama behalten. Und wenn ihr Name auf irgendeinem Wandplaner im Himmel steht, wenn sie an diesem Ding sterben soll, dann will ich, dass du dich um uns kümmerst. Du musst es tun.“
Ich heulte fast in meinem Schmerz, während der arme Dan einfach dasaß und sich wahrscheinlich fragte, ob man zu so einer Respektlosigkeit „Amen“ sagen könnte.
Es war eines meiner ehrlichsten Gebete. Eine Weile schämte ich mich dafür, wie ich in jener Nacht versucht hatte, mit Gott zu kämpfen, schämte mich, dass ich nicht genug vertraut hatte und nicht heilig genug gewesen war, um die große Hingabe Jesu in seiner dunkelsten Stunde nachzuempfinden: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
Aber dann zeigte mir der Herr ganz behutsam, dass er meine Bereitschaft, um Sammys Leben zu kämpfen, tatsächlich gut gefunden hatte. Er liebte sie ja auch. Dass er nichts anderes von mir erwartet hätte. Dass er selbst den Vater angefleht hatte: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“, bevor er das andere schaffte.
Ehrlich vor Gott
Die Bibel ist oft viel ehrlicher als die Gemeinde. Es ist dir wahrscheinlich schon aufgefallen, wie viele Psalmen (sie sind das jüdische Gebetbuch) nicht fröhlicher Jubel sind, sondern Schmerzensschreie. „Den ganzen Tag über klage und stöhne ich, bis er mich hört“ (Ps. 55,18). Das ist eine Menge Klagen und Stöhnen!
Einer der größten Patriarchen der Bibel, Jakob, rang in einer Gebetsnacht so heftig mit Gott, dass er eine Verletzung davontrug, die bis ans Ende seines Lebens nie auskurierte.
Mose jammerte über das Volk, das er nach Gottes Berufung führen sollte: „Warum tust du mir das an? … Musst du mir wirklich die Verantwortung für dieses ganze Volk aufhalsen? … Bin ich etwa die Mutter dieser Menschen? Habe ich sie zur Welt gebracht?“11
Der Prophet Jeremia schnauzte Gott an – anders kann man es nicht sagen: „Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen! Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen. Und nun werde ich lächerlich gemacht – tagaus, tagein; alle verhöhnen mich!“12
Das wirklich Bemerkenswerte an all den unhöflichen, respektlosen, selbstmitleidigen Gebeten in der Bibel ist nicht, dass sie überhaupt gesprochen wurden, sondern dass man sie nie gestrichen hat. Diese unverschämten Gebete wurden von Antihelden gebetet, die zu heftigem Narzissmus, krasser Dummheit und auch äußerstem Edelmut in der Lage waren. Ein bisschen wie du und ich.
Die wie unsere schlechtesten Gebete aussehen, könnten in Gottes Augen tatsächlich unsere besten sein. Die, die am wenigsten von andächtigen Gefühlen gestützt werden, … entstammen vielleicht einer tieferen Ebene als dem Gefühl. Gott scheint manchmal am vertrautesten zu uns zu sprechen, wenn er uns sozusagen unvorbereitet erwischt. (C.S. Lewis)13
3. Dranbleiben
Wie wichtig es ist, unermüdlich zu beten und dabei nicht aufzugeben, machte Jesus durch ein Gleichnis deutlich. (Lukas 18,1)
Egal wie einfach und ehrlich wir beten, es kommt leicht vor, dass wir den Mut verlieren und aufgeben wollen, weil das Beten nichts zu bringen scheint. Deshalb reicht bloßes Einfachbleiben und Echtbleiben nicht aus. Jesus sagt auch, dass wir „unermüdlich beten und dabei nicht aufgeben“ sollen. Das ist für jeden von uns derart wichtig, dass ein ganzes Kapitel dieses Buches dem Umgang mit Enttäuschungen über spät oder gar nicht erhörte Gebete gewidmet ist. Aber an dieser Stelle nur so viel: Gebet kann große Ähnlichkeit mit dem Aufeinanderstapeln von Dominosteinen haben. Wir beten dasselbe, was wir schon hundertmal gebetet haben, und plötzlich fällt der ganze Turm in sich zusammen. Der Durchbruch ist da. Das Wunder geschieht. Nicht, weil wir endlich die richtige Formel gefunden hätten. Es geschieht, weil wir nicht ein Gebet zu früh aufgegeben haben.
Der wegweisende Missionspädagoge Frank Laubach, durch dessen Alphabetisierungsprogramme über sechzig Millionen Menschen lesen lernten, verglich Gebet mit Steinwürfen in einen Sumpf: Die Steine versinken, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Tätigkeit erscheint sinnlos. Mach das aber lange genug weiter, höre nicht auf, Steine in den Sumpf zu werfen, dann wird dieser irgendwann ausgefüllt sein. Eines Tages wird der Stein, den du wirfst, nicht mehr versinken. Und dann entsteht fester Boden.
Ich habe festgestellt: Um „dranzubleiben“ – immer wieder Steine in den Sumpf zu werfen –, gehört die Disziplin einer täglichen Ruhezeit zu den wichtigsten Schlüsseln. Jesus hat einmal seine Freunde eingeladen: „Kommt, nur ihr allein, abseits an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus“14, und seitdem nehmen sich Millionen seiner Anhänger jeden Tag ein wenig Zeit, um sich mit Jesus an einen ruhigen Ort zurückzuziehen.
Als jemand, der im Bereich Selbstdisziplin viel zu kämpfen hat – dass ich ins Fitnessstudio gehe, den Schokoladenkuchen ablehne, mich vor Mitternacht schlafen lege, Zahnseide benutze und, ja, sogar regelmäßige Gebetszeiten einhalte –, als so jemand zögere ich, eine starre Routine zu befürworten. Ich will dir nichts Schweres oder nicht Einhaltbares aufbürden, wenn du im Gebet wachsen willst. Aber um diese große Wahrheit, die in der Schrift gelehrt, von Christus vorgelebt und ausnahmslos von allen unseren Glaubenshelden vertreten wird, kommen wir nicht herum: Man kann nicht im Gebet wachsen ohne ein gewisses Maß an Anstrengung und Unbehagen, Selbstdisziplin und Selbstverleugnung. So wie du ohne regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung nicht körperlich fit werden kannst, so wird dein geistliches Wachstum zu einem sehr großen Teil durch die Gebetsübungen bestimmt, mit denen du es aufbauen und aufrechterhalten willst.
Die Beschaffenheit der Romantik
Frisch verliebt, waren Sammy und ich wie besessen voneinander, in fast peinlichem Ausmaß. Wir telefonierten stundenlang und wollten ständig zusammen sein. Wenn Sammys Name fiel, schlug mein Herz höher. Verabredungen waren unnötig, denn wir steckten sowieso die meiste Zeit zusammen. Aber inzwischen sind wir seit einem Vierteljahrhundert verheiratet und es ist, sagen wir mal einfach, nicht mehr ganz so intensiv! Ohne die Disziplin geplanter Ehe-Abende könnten ohne Weiteres Wochen vergehen, in denen wir nicht richtig miteinander reden oder in irgendeine Form von Romantik investieren.
GENUSS OHNE DISZIPLIN VERBRAUCHT SICH MIT DER ZEIT.
Ich bin sicher, dass ein verliebtes Pärchen, das uns heute sieht, denken könnte: „Lass uns bloß nie so werden wie Pete und Sammy. Wir müssen unbedingt darauf achten, dass unsere Beziehung immer leidenschaftlich und spontan bleibt. Wir wollen nicht so langweilig und vorhersehbar enden, dass wir sogar die Romantik planen müssen!“
Die Sache ist aber die: Die Beziehung zwischen Sammy und mir ist heute, nach fünfundzwanzig Jahren, erfüllender, als wir es damals in der ersten Zeit der heftigen Verliebtheit hätten verstehen können. Und es war die Disziplin täglicher Kommunikation, häufiger Eheabende, regelmäßigen Vergebens und der jährlichen Erneuerung unseres Eheversprechens, die unsere Liebe lebendig gehalten hat. Niemand ist dafür geschaffen, jahrelang auf der Höhe emotionaler Intensität zu leben. Das wäre ungesund, nicht auszuhalten, nicht real. Genuss ohne Disziplin verbraucht sich mit der Zeit, das ist unausweichlich. Der Schwung lässt nach. Aber wenn Genuss und Disziplin miteinander tanzen lernen, dann geht es Beziehungen gut. Sie reifen und halten. Sammy und ich mögen nicht mehr das junge, verliebte Pärchen sein, das Pheromone ausdünstet wie ein Lkw Diesel. Aber dank der heiligen Gewohnheiten, die wir über viele Jahre hinweg gemeinsam gepflegt haben, sind wir heute ein Vierteljahrhundert näher daran, eins dieser schrumpeligen alten Paare zu werden, die man manchmal auf der Straße sieht – Hand in Hand und irgendwie immer noch verliebt.
So wie eine solide Ehe auf Rhythmus und Routine aufgebaut sein muss, so überlebt und gedeiht auch unsere Beziehung zu Gott nur durch Disziplin in Bibellesen, Gemeinschaft, Bekennen und Beten. „Sonst“, sagt der Bibelübersetzer Eugene Peterson, „sind wir auf die Gnade von Hormonen, Wetter und Verdauung angewiesen. Und die kennen keine Gnade.“15 Ein Christ, der nur betet, wenn er sich danach fühlt, mag überleben, aber er wird nicht wachsen und gedeihen. Sein riesiges, ureigenes Potenzial wird verkümmern, denn Gnade braucht ein bisschen Platz, um in den Rissen im Leben eines Menschen Wurzeln zu schlagen.
Wenn je jemand eine Entschuldigung gehabt hätte, nicht in irgendwie reglementierter Weise zu beten, dann sicher der sündlose Sohn Gottes. Jesus hätte so leicht argumentieren können (wie es heutzutage manche Leute tun): „Sieh mal, eigentlich ist alles, was ich tue, Gebet. Mein Leben ist ein ständiges Gespräch mit dem Vater. Wenn ich schlafe, wenn ich einen Becher Wasser trinke, ist das Gebet. Ich brauche keine besonderen Zeiten und Orte. Ich brauche keine einschränkenden Regeln.“ Aber lies die Evangelien und du wirst sehen, dass Jesus eifrig betete und ständig Möglichkeiten schuf, um mit seinem Vater allein sein zu können.
Einfach und erfreulich soll es sein!
Manche beten lieber zu Beginn des Tages, so wie es Jesus oft tat: „Am nächsten Morgen stand Jesus vor Tagesanbruch auf und zog sich an eine einsam gelegene Stelle zurück, um dort allein zu beten.“16 Andere finden es morgens schwierig und nehmen sich am Abend Zeit, bevor sie schlafen gehen. Das machte Jesus auch: „Abends verließ er die Stadt und verbrachte die Nächte am Ölberg.“17 Pendler beten oft eine halbe Stunde im Auto oder im Zug oder versorgen sich mit Gottes Wort. Vielbeschäftigte Mütter von Kleinkindern finden es vielleicht am einfachsten, sich während des Tages kleine Zeit-Häppchen zu nehmen. Susanna Wesley, die Mutter von John und Charles (und unser „Gebets-Vorbild“ am Ende dieses Kapitels) pflegte sich die Schürze über den Kopf zu ziehen. Immer wenn sie das tat, wussten ihre zehn – richtig: zehn – Kinder, dass sie betete und nicht gestört werden durfte.
Egal, welche Tageszeit für dich am besten sein mag – um vom sporadischen, spontanen Ansatz zu einer nachhaltigen, verändernden Gebetsgewohnheit zu wechseln, gibt es einen Schlüssel: Halte dein Beten so einfach und erfreulich wie möglich.
•Einfach. Die Entscheidung, bis an dein Lebensende täglich vor Sonnenaufgang aufzustehen und eine Stunde lang ununterbrochen Fürbitte zu tun, wird sich schwerlich als tragfähig erweisen. Viel besser wäre ein erreichbares Ziel – anfangs vielleicht nur eine Viertelstunde täglich zu einem geeigneten Zeitpunkt an einem günstigen Ort. Du wirst angenehm überrascht sein, wie leicht das ist und wie oft du die Stille Zeit überziehen wirst. Mehr noch: Bleibst du zwei Monate lang dabei, könnte es nach der Aussage von Psychologen eine lebenslange Gewohnheit werden.18
•Erfreulich. Es ist auch wichtig, die tägliche Andacht so schön wie möglich zu machen. Meistens freue ich mich auf meine Momente der Stille, in denen ich mit dem Herrn allein bin, morgens mit einem großen Becher Kaffee in der Hand, mittags, wenn ich eine Pause einlege und das Vaterunser bete, und spätabends beim Spaziergang unter Sternen. Ich bin gespannt, wenn ich die Bibel aufschlage und überlege: „Was wird mir der Herr heute sagen?“ Es ist ein Vorrecht, meine Anliegen mit dem lebendigen Gott besprechen zu können.
Ich werde oft gefragt, wie mein persönlicher Gebetsrhythmus aussieht. Erst wollte ich etwas so Privates nicht preisgeben, aber dann habe ich beschlossen, es doch zu tun – ganz einfach in der Hoffnung, dass es anderen Menschen helfen kann, ihre eigene einfache, erfreuliche Gebetsstruktur zu entwickeln. Vorsorglich muss ich aber zwei Dinge sagen. Erstens: Denke bitte nicht, du müsstest meine Routine kopieren. Meine Umstände und Vorlieben sind möglicherweise ganz anders als deine. Zweitens: Du musst verstehen, dass ich es oft nicht schaffe. Oft ist viel los und ich lasse mich leicht ablenken. Wenn das passiert, versuche ich, mich nicht dafür herunterzumachen. Ich fühle mich überhaupt nicht weniger geliebt oder berufen oder nützlich für den Herrn. Ich stehe einfach nur wieder auf und fange von vorn an.
Normalerweise esse ich drei richtige Mahlzeiten am Tag und versuche, daran angelehnt, mich auch geistlich dreimal täglich zu nähren: morgens, mittags und abends.
•Morgens: Stille Zeit. Fast jeden Morgen beginne ich meinen Tag, indem ich kurz in der Bibel lese und bete. Ich wechsele etwa vierteljährlich zwischen verschiedenen Andachtsbüchern, die ich gut finde. Dazu gehören Nicky Gumbels „Bible in One Year“, das „Celtic Daily Prayer“ der Northumbria Community und die „Divine Hours“ von Phyllis Tickle.19
•Mittags: Vaterunser. Jeden Mittag erinnert mich die Weckfunktion meiner Uhr daran, eine Pause zu machen und das Vaterunser zu beten. Das ist etwas, was ich ziemlich schnell (und, wenn ich in der Öffentlichkeit bin, im Stillen) mache, aber manchmal schaffe ich es, langsamer zu beten und jede Zeile persönlich zu nehmen und tiefer zu ergründen.
•Abends: Examen. Vor dem Zubettgehen setze ich mich oft schweigend hin oder gehe kurz mit den Hunden raus, um den Tag zu verarbeiten. Das ist meine eigene Version einer alten Gebetshilfe des heiligen Ignatius namens „Examen“ (oder „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, siehe Kapitel 10). In diesen Momenten klage und juble und flehe ich nicht: Ich bringe meine Seele zur Ruhe, denke dankbar an den Tag zurück, der nun zu Ende geht, und bereite mich innerlich auf den Schlaf vor.
Zwischen diesen drei Fixpunkten flechte ich Beten auch auf andere Weise in mein Alltagsleben ein. Zum Beispiel bemühe ich mich, dreimal pro Woche im Fitnessstudio nicht nur meinen Körper zu trainieren, sondern auch meine Seele, indem ich Anbetungsmusik, Predigten oder interessante Podcasts höre, während ich auf dem Crosstrainer schnaufe. Beim Abendessen hat unsere Familie das Ritual entwickelt, das große, klobige Festnetztelefon auf dem Tisch kreiseln zu lassen. Dem, auf den es dann zeigt – auch wenn das ein nichtchristlicher Gast ist – werden zwei große Privilegien gewährt: Er darf das Tischgebet sprechen (Gott für das Essen danken) und jedem Einzelnen am Tisch irgendeine Frage stellen. Wir hatten schon alle möglichen Verhöre im Lauf der Jahre: peinlichstes Erlebnis? Früheste Erinnerung? Das Schlimmste, was du je gegessen hast? Das Ungezogenste, was du je getan hast? Es ist eine wunderbare Regel, die alle in die Sakramente der Gemeinschaft und des Danks einbezieht.
Das sind also die einfachen, erfreulichen Gewohnheiten, die meinen Tag durchsetzen und mir die Gegenwart und Gesprächsbereitschaft Gottes stärker bewusst machen. Wenn du Mäuschen spielen könntest, wärst du wahrscheinlich nicht beeindruckt, so einfach und kurz sind meine Gebetszeiten oft, so oft vergesse ich auch mal eine, so nebensächlich ist das meiste, was ich mit dem Herrn bespreche, und so oft muss ich sagen: „O Herr, es tut mir wirklich leid.“
* * *
In diesem Kapitel habe ich drei der wichtigsten Bausteine des christlichen Gebetsverständnisses dargelegt: Einfachheit, Ehrlichkeit und Ausdauer. Ich habe dich auch ermutigt, deine eigene einfache, erfreuliche Gebetsgewohnheit zu entwickeln, z. B. täglich Stille Zeit zu halten.
Aber vielleicht ist es gar nicht deine größte Schwierigkeit, Raum und Zeit zum Beten zu finden. Vielleicht betest du schon regelmäßig. Du findest es aber etwas trocken und sehnst dich nach mehr Tiefgang. Gehen wir also den ersten Schritt im „P.R.A.Y.“-Prozess. Wie kaum etwas anderes steht diese Schlüsselerkenntnis für ein tieferes, erfüllteres Gebetsleben unserem Instinkt und unserer Kultur entgegen, ganz leicht wird sie ignoriert: Um anzufangen muss man aufhören. Um im Gebet voranzukommen, müssen wir lernen innezuhalten („Pause“)!
Weiterführende Literatur: Gary Thomas, Sacred Pathways (dt.: Neun Wege, Gott zu lieben).
VORBILD IM EINFACHEN GEBET
Susanna Wesley
Mutter des Methodismus
Die Gesundheit von Susanna Wesley, die als „Mutter des Methodismus“ gilt, war angegriffen, ihre Ehe mit einem mittellosen Prediger zutiefst dysfunktional, sie verlor neun Kinder im Säuglingsalter und zog zehn weitere fast allein auf. Ihr Haus wurde niedergebrannt. Zweimal. Ihr Mann wurde inhaftiert. Zweimal. Und dennoch haben ihre einfachen, ehrlichen, ausdauernden Gebete zweifellos die Welt verändert.
Susanna Wesley bewies eindrückliche Führungsqualitäten, lange bevor ihre Söhne John und Charles berühmt wurden. Als ihr Mann, der Pfarrer von Epworth, wegen finanzieller Misswirtschaft ins Gefängnis kam und sein Vertreter auf der Kanzel in der Evangeliumsverkündigung kläglich versagte, nahm Susanna die Dinge selbst in die Hand. Sie begann in der Küche eine Sonntagsschule für ihre eigenen Kinder zu halten, aber so viele Nachbarn wollten daran auch teilnehmen, dass die Versammlung sehr bald in die Scheune verlegt werden musste. Es dauerte nicht lang, da kamen jeden Sonntag 200 Menschen, um Susanna anzuhören, die Predigten las, Psalmen sang und Gebete sprach. Die beinahe leere Kirche nebenan kümmerte derweil vor sich hin.
Susanna unterrichtete ihre Kinder täglich sechs Stunden und erzog ihre Töchter in gleicher Weise wie ihre Söhne. Zusätzlich widmete sie jedem Kind eine Stunde pro Woche ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Wie um alles in der Welt schaffte sie das bloß? Wie überlebte sie den Verlust von neun Kindern und das Herzeleid einer instabilen Ehe, ohne zu zerbrechen oder verbittern? Und wie führte sie einen so turbulenten Haushalt und richtete gleichzeitig eine Sonntagsschule ein und unterrichtete zehn Kinder, von denen zwei zu internationalem Einfluss und Ruhm gelangen sollten?
Susanna Wesley war vor allem eine Frau des Gebets. Da, wo sie täglich auf den Herrn wartete, bekam sie immer wieder neue Kraft.20
Aber leicht war das alles nicht. Sie konnte sich im Haus nirgends zum Beten zurückziehen. Wenn Susanna also Zeit mit dem Herrn verbringen wollte, zog sie sich die Schürze über den Kopf. Damit war sie in ihrem Gebetsraum und ihre Kinder wussten, dass sie nicht gestört werden durfte. Auf diese Weise schüttete sie Gott ihr Herz aus, betrauerte ihre verstorbenen Kinder, leistete Fürbitte für ihren unerträglichen Mann und betete für jedes ihrer Kinder mit Namen. Gewaltiger hätten solche einfachen, unter einer Schürze geflüsterten Gebete einer Mutter kaum erhört werden können.
Susanna Wesley ist ein Beispiel für die weltverändernde Macht des einfachen, ausdauernden Gebets. Sie merkte, dass sie berufen war, Menschen zu Jüngern zu machen – nicht in fremden Ländern, sondern unter ihrem eigenen kleinen „Volksstamm“ zu Hause. Und dieser Aufgabe widmete sie sich ohne Unterlass. Indem sie treu für diese zehn Kinder betete, wurde Susanna Wesley, eine Hausfrau mit einem schwierigen Leben in einer kleinen englischen Provinzstadt, zur Mutter von heute etwa achtzig Millionen Methodisten in über 130 Nationen.
Ein Gebet von Susanna Wesley
Hilf mir, Herr, nicht zu vergessen, dass Religion nicht auf Kirche oder Gebetskammer beschränkt bleiben und auch nicht nur in Gebet und Meditation ausgeübt werden soll, sondern dass ich überall in deiner Gegenwart bin. Möge ich deshalb stets nach sittlichen Maßstäben reden und handeln. Möge sich alles, was in meinem Leben geschieht, als nützlich und förderlich erweisen. Mögen alle Dinge mich lehren und mir Gelegenheit geben, tugendhaft zu handeln, täglich zu lernen und dir immer ähnlicher zu werden. Amen.
SCHRITT 1: RUHE
Entschleunigung und Fokus
Seid still und erkennt, dass ich Gott bin. (Psalm 46,11 L)
Um anfangen zu können, muss man aufhören. Um voranzukommen, müssen wir innehalten. Dies ist der erste Schritt zu einem tieferen Gebetsleben: Leg deine Wunschliste weg und warte. Sitz still. Schweige. Sei ganz da in Raum und Zeit, sodass sich deine abgelenkten Sinne in Gottes ewiger Gegenwart sammeln können. Schweigen und Stille bereiten Geist und Seele darauf vor, von einem Ort des größeren Friedens, des Glaubens und der Anbetung aus zu beten. Tatsächlich ist das an sich schon eine wichtige Form des Gebets.

3: Entschleunigung und Fokus
Wie man still wird vor Gott

Alle Probleme der Menschheit wurzeln in der Unfähigkeit des Menschen, schweigend allein in einem Zimmer zu sitzen. (Blaise Pascal, Pensées)1
Die menschliche Seele ist wild und scheu. Der Psalmist vergleicht sie mit einem Hirsch, der nach frischem Wasser lechzt.2 Die keltische Volkstradition stellte sie als edles und scheues Wild dar. Der Lärm des Lebens verschreckt sie, sie weigert sich, auf Kommando hervorzukommen wie manches sklavisch ergebene, gezähmte Haustier. Aber wenn wir still sind, zeigt sie sich, neugierig und quicklebendig.
Wie im Leben hat auch im Gebet alles seine Zeit, „Schweigen und Reden“ (Pred. 3,7). Wenn wir den, der im „leisen Säuseln“ spricht, besser verstehen wollen, müssen wir uns mit der Stille anfreunden.3 Wenn wir die Gegenwart dessen zu Gast haben wollen, der sagt: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“, müssen wir selbst präsenter sein.4 Wir erwarten, dass er mit Donnerstimme spricht, aber meistens flüstert er. Wir erwarten, dass er in Nagelstiefeln kommt, aber er geht auf Zehenspitzen und versteckt sich in der Menge. Wir erwarten, dass er außergewöhnlich ist, aber er kommt „als unser Leben verkleidet“ zu uns.5
Man beginnt also das Beten am besten damit, dass man aufhört zu beten. Innehält. Still wird. Seine Gebetsliste aus der Hand legt und Gott seine Agenda überlässt. Genügend lange nicht mehr zu Gott spricht, um das Wunder zu erahnen, wer er wirklich ist. Dass man still ist vor dem Herrn und auf ihn wartet.6
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Wenn ich, als unsere Söhne noch ziemlich klein waren, nach einer mehrtägigen Reise wieder nach Hause kam, wurde ich manchmal von ihrem Geschrei begrüßt: „Dad, hast du mir was mitgebracht?“, oder: „Dad, Danny will nicht teilen!“, oder sogar: „Dad, was gibt’s zum Abendessen?“
„Schön, dass ihr mich so vermisst habt!“, rief ich dann in Richtung Kinderzimmer. „Nimmt mich vielleicht auch mal wer in den Arm?“ Ich wollte, dass sie zuerst anerkannten, dass ich wieder da war, bevor sie mich mit Bitten bombardierten. Sie sollten mich anschauen und einfach sagen: „Willkommen zu Hause, Daddy!“
In gewisser Weise hält es Jesus auch so in den ersten Zeilen des Vaterunsers. Bevor wir mit einer langen Liste loslegen mit all dem, was wir brauchen – das tägliche Brot, Vergebung der Sünden, Befreiung vom Bösen –, sollen wir, so sagt er, innehalten, Gott liebevoll mit „Unser Vater“ und ehrerbietig mit „Geheiligt werde dein Name“ ansprechen.
Das Gebet kann leicht zu einer Fortsetzung meiner allzu häufig hektischen Lebensweise werden. Abgelenkt und getrieben komme ich in den Vorhof des Königs – ohne mich darauf einzustellen, ohne Einleitung, ohne langsamer zu werden oder meine Augen zu ihm zu erheben, um seinem Blick zu begegnen. Aber die Weisen lehren uns, dass wahres Gebet nicht so sehr etwas ist, was wir sagen oder tun; es ist etwas, was wir werden. Nicht Transaktion, sondern Beziehung. Und deshalb beginnt das Gebet damit, dass wir ihn, zu dem wir kommen, angemessen begrüßen.
Das Gleichnis vom rasenden Windhund und dem wilden Hundefresser-Stuhl
Eines sonnigen Morgens erlebte die malerische, kopfsteingepflasterte Hauptstraße von Guildford ein außergewöhnliches Spektakel: Ihre beschauliche Ruhe wurde vom lauten Jaulen eines Hundes und einem seltsamen, metallischen Scheppern jäh durchbrochen. Ein Windhund kam um die Ecke geschossen, den langen Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Inmitten von schreienden Passanten raste er hin und her, fast verrückt vor Angst, unerbittlich verfolgt von einem dieser billigen Bistrostühle aus Chrom. Der Stuhl, der am anderen Ende der Hundeleine hing, wirkte ganz wie ein lebendiges Wesen, wie eine tänzelnde Schlange, die hinter dem entsetzten Hund herjagte, ihn anfiel und biss. Vielleicht saß der Besitzer noch im Café, wartete in aller Unschuld auf sein Frühstück und ahnte nichts von der verzweifelten Situation seines vierbeinigen Freundes. Eine Bewegung muss schuld gewesen sein, dass der Stuhl ruckte, weshalb der Hund aufsprang, weshalb der Stuhl hüpfte, weshalb der Hund losjagte, weshalb der Stuhl einen Satz machte, weshalb der Hund jaulte, weshalb die Passanten schrien, weshalb der Hund immer hektischer raste, unablässig verfolgt von diesem schauerlichen Stück Metall und all diesen schreienden Fremden, die ihn zu packen versuchten. Je schneller er rannte, desto wilder wurde der metallische Verfolger, desto höher sprang er, desto härter schlug er auf, desto lauter knallte und schepperte und klapperte er auf dem Kopfsteinpflaster. Soweit ich weiß, ist der Hund noch heute auf der Flucht.
Wir alle können leben wie dieser rasende Windhund. Von irrationalen Ängsten getrieben und orientierungslos, von ganzen Rudeln blutdürstiger Bistrostühle verfolgt, viel zu panisch, um einfach stehen zu bleiben. Und so spricht Gott mit fester Stimme in die Disharmonie des menschlichen Tuns. Der Meister gebietet dem Geschöpf: „Sitz!“ Jesus tadelte den Sturm. „Er lässt mich lagern“, wie es der berühmte Psalm ausdrückt [im Englischen in Form einer Anweisung: „He makes me lie down“, A. d. Ü.]. Und natürlich fällt es uns extrem schwer zu gehorchen. Tun wir es jedoch, dann rückt alles wieder in die richtige Perspektive, aus Schreckgespenstern werden wieder Bistrostühle.
Wie kommt es, dass so viele Leute heute das Einfache am Marathonlauf attraktiv finden, Langstreckenradsport betreiben oder angeln? Angeln ist nach wie vor das beliebteste Hobby in Großbritannien. Dass so viele Achtsamkeit, Yoga und den Kult der Entrümpelung praktizieren? (Ironischerweise sind gerade diese schlichten Dinge heute alles Multimillionen-Dollar-Geschäfte.) Warum ziehen wir uns Abend für Abend das Netflix-Angebot rein, ohne groß darüber nachzudenken, und sehen im 7-Uhr-34-Zug nach Waterloo unverwandt auf unsere Smartphones wie Mönche auf Ikonen? Wir scheinen uns immer mehr zu Aktivitäten hingezogen zu fühlen, die den ständigen Anforderungen der Welt Einhalt gebieten und uns zwingen, ein paar Ewigkeits-Momente lang die Konzentration auf eine einzige, einfache Sache zu richten. Hot-Yoga? Tetris? Ein Seeufer in strömendem Regen? Egal was – Hauptsache, es bringt diese nervtötenden Bistrostühle zur Ruhe.
Gott versteht unser tiefes Bedürfnis nach Stille, Ordnung und der Freiheit, nicht die letzte Verantwortung zu tragen, denn so hat er uns geschaffen: für ein einfaches, in Zeitabschnitte gegliedertes, friedliches Leben. Er selbst ruhte und richtete den Sabbat ein. Jeden lädt er ein, innezuhalten: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“7 Das lateinische Wort für dieses „Seid still“ lautet vacate – es ist genau das Wort, von dem unser Wort Vakanz (unbesetzter Arbeitsplatz) oder das englische Wort für Ferien, vacation, kommen. Mit anderen Worten: Gott lädt uns ein, frei zu nehmen, Urlaub zu machen, zu entspannen, Freizeit zu genießen, denn in diesem Kontext ist seine Gegenwart erfahrbar. Vielleicht könnten wir den Vers so umschreiben: „Warum nimmst du nicht einmal frei vom Gott-Spielen und lässt mich zur Abwechslung Gott sein?“
DU MUSST STILLE UND EINSAMKEIT SUCHEN, ALS HINGE DEIN LEBEN DAVON AB, DENN IN GEWISSER WEISE IST ES TATSÄCHLICH SO.
Eugene Peterson sagt, „die grundlegende Entscheidung des Lebens ist selten, wenn überhaupt je, ob man an Gott glaubt oder nicht, sondern ob man ihn anbetet oder mit ihm konkurriert“.8 Einer der Hauptunterschiede zwischen dir und Gott ist, dass Gott nicht meint, er wäre du! In den Momenten der Stille zu Beginn einer Gebetszeit liefern wir uns Gott aus, beenden unsere Konkurrenz zu ihm, verabschieden uns von unserem Messiaskomplex und hören auf, die Welt retten zu wollen. Wir geben die Erwartung auf, dass sich alles um unsere Vorlieben dreht; wir richten unsere Prioritäten wieder auf den Herrn aus und erkennen mit einem Seufzer der Erleichterung an, dass er die Zügel in der Hand hält und nicht wir. Erstaunlicherweise dreht sich die Erde ganz prima auch ohne unser Dazutun. Langsam richten sich unsere zerstreuten Gedanken mehr auf die Mitte aus. Die Bistrostühle kommen endlich zur Ruhe.
Sela
Das Wort sela erscheint 71-mal in den Psalmen, dem hebräischen Gebetbuch. Vielleicht war es eine technische Anweisung für die, die den Psalm aufsagten, oder für die Musiker, die ihn spielten, aber keiner weiß wirklich mit Sicherheit, was es ursprünglich bedeutete oder warum es da steht. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Anweisung, „innezuhalten“ und die Bedeutung der gebeteten Worte zu „wägen“.
Wann immer möglich, versuche ich zu Beginn einer Gebetszeit Sela zu praktizieren, indem ich ein paar Minuten still dasitze (oder manchmal laufe), ohne irgendetwas zu sagen oder zu tun. Das geht natürlich am besten in einer ruhigen Umgebung, aber auch in einem überfüllten Zug lässt sich Ruhe finden, ebenso am Schreibtisch in einem geräuschvollen Büro und erst recht unbeobachtet in der modernen Einsiedlerklause: einer Toilette. Vor dem Beten still innezuhalten hilft uns, unsere zerstreuten Gedanken zu sammeln und uns mit Herz und Verstand auf die Anbetung vorzubereiten.
Hast du ein Smartphone, dann stelle es jetzt am besten auf Flugmodus. So beugst du nicht nur Unterbrechungen vor, sondern übst auch dein Gehirn im Ausschalten von Ablenkungen, sodass du stärker präsent bist, wann und wo auch immer du dich im Gebet Gott zuwendest.
Vor Beginn innezuhalten klingt simpel – kaum ein eigenes Kapitel wert –, aber es ist selten einfach. Ohne Ausnahme rebelliert mein Inneres gegen Stille aller Art. Der Windhund rast. Die Versuchung, mich kopfüber auf meine Gebetsliste zu stürzen, ist fast unwiderstehlich. In der ungewohnten Stille treten tyrannische Forderungen und Ablenkungen auf wie eine Blaskapelle, die in meinem Schädel herummarschiert. Ein Augustinermönch beschreibt das einprägsam als das „innere Chaos in unserem Kopf – wie eine wilde Cocktailparty, bei der wir uns wie der verlegene Gastgeber vorkommen“.9
Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig es für dein geistliches, mentales und körperliches Wohlbefinden ist, dass du lernst, das unablässige Geschwätz der Welt täglich ein paar Minuten lang zum Schweigen zu bringen und in der Tiefe deiner Seele still zu werden. Du musst Stille und Einsamkeit suchen, als hinge dein Leben davon ab, denn in gewisser Weise ist das so. Wenn du gestresst bist, setzen deine Nebennieren das Hormon Cortisol frei, was die Fähigkeit zu klarem Denken und gesunder Entscheidungsfindung beeinträchtigt. Aber wenn du ruhig dasitzt, senkt sich der Cortisolspiegel und die Dinge werden klarer. Das herumwirbelnde Sediment des Lebens setzt sich recht schnell ab. Du wirst dir deiner eigenen Gegenwart in Raum und Zeit und auch der sanften, einnehmenden Gegenwart Gottes stärker bewusst.
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