Kitabı oku: «Die Beobachtung als Methode in der Kommunikations- und Medienwissenschaft»

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Prof. Dr. Volker Gehrau lehrt Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster.


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1. Auflage 2002 (ISBN 978-3-8252-2355-7)

2. Auflage 2017

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2017

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UTB-Band Nr. 2355

ISBN (Print) 978-3-8252-4841-3

ISBN (EPUB) 978-3-8463-4841-3

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Methode der Beobachtung

2.1 Gegenstand

2.1.1 Definition

2.1.2 Abgrenzung

2.1.3 Entwicklung

2.2 Varianten und Merkmale

2.2.1 Interne versus externe Beobachtung

2.2.2 Selbst- versus Fremdbeobachtung

2.2.3 Teilnehmende versus nicht-teilnehmende Beobachtung

2.2.4 Offene versus verdeckte Beobachtung

2.2.5 Wissentliche versus unwissentliche Beobachtung

2.2.6 Feld versus Laborbeobachtung

2.2.7 Beobachtung mit versus ohne Stimulus

2.2.8 Standardisierte versus nicht-standardisierte Beobachtungsprotokolle

2.2.9 Manuelle versus apparative Beobachtungsprotokolle

2.2.10 Direkte versus indirekte Beobachtung

2.2.11 Unvermittelte versus vermittelte Beobachtung

2.2.12 Kombinationen von Beobachtungsvarianten

2.3 Reflexion und Qualitätssicherung

2.3.1 Qualitätssicherung bei quantitativen Beobachtungen

2.3.2 Qualitätssicherung bei qualitativen Beobachtungen

2.3.3 Forschungsethik

Literatur

3 Durchführung von Beobachtungsstudien

3.1 Qualitative und quantitative Beobachtungsstudien

3.2 Qualitative Beobachtung: Konstitution des Forschungsfeldes

3.2.1 Forschungsfeld und Forschungsfrage

3.2.2 Feldzugang

3.3 Qualitative Beobachtung: Aktivitäten im Feld

3.3.1 Transparenz herstellen und Regeln vereinbaren

3.3.2 Teilnehmen

3.3.3 Beobachten

3.3.4 Erhebung weiterer Daten

3.4 Qualitative Beobachtung: Protokollierung und Auswertung

3.4.1 Feldnotizen

3.4.2 Beobachtungsprotokolle

3.4.3 Aufbereitung und Analyse weiterer Daten

3.4.4 Codierung

3.4.5 Theoretical Sampling

3.4.6 Beobachtungsbefunde

3.5 Quantitative Beobachtung: Konzeption

3.5.1 Fragestellung

3.5.2 Untersuchungsanlage

3.6 Quantitative Beobachtung: Auswahl

3.6.1 Grundgesamtheit und Beobachtungsobjekte

3.6.2 Auswahlverfahren

3.6.3 Beobachtungsobjekt und Beobachtungsfall

3.7 Quantitative Beobachtung: Erhebungsverfahren

3.7.1 Vorüberlegungen

3.7.2 Operationalisierung

3.7.3 Formatierung

3.7.4 Standardisierung anderer Protokollierungsformen

3.8 Quantitative Beobachtung: Feldphase

3.8.1 Pretest

3.8.2 Schulung

3.8.3 Feldzugang

3.8.4 Datenerhebung

3.8.5 Auswertung und Darstellung

4 Die Beobachtung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft

4.1 Gegenstand und Entwicklung

4.2 Kommunikatorforschung

4.3 Publikumsforschung

4.4 Interpersonale und medienvermittelte Kommunikation

4.5 Methodenstudien

4.6 Perspektiven

Literatur

Vorwort

Wenn Menschen Informationen brauchen, beobachten sie ihre Umwelt, das heißt sie nehmen ihre Umwelt bewusst mit ihren Sinnen – insbesondere visuell und auditiv – wahr. Auch im Kontext erfahrungsbasierter Wissenschaften ist die Beobachtung seit jeher zentrale Methode der Informationsbeschaffung, so auch in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften. Wissenschaftliche Beobachtungsverfahren haben in jüngster Zeit durch technische Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Zum einen ermöglichen Geräte die automatisierte Aufzeichnung von Verhalten, Bewegungen oder (Körper-) Reaktionen auch über längere Zeiträume. Zum anderen hinterlassen Menschen bei der Mobilkommunikation und bei der Nutzung des Internets Spuren, die sich auslesen und in Bezug auf das zugrunde liegende Verhalten analysieren lassen. Beides führt bereits jetzt zu einem gewissen Boom von Beobachtungsverfahren in speziellen Fächern, welche Anregungen für andere Disziplinen bieten können. Auch der Bedeutungsgewinn qualitativer und ethnographischer Forschungen geht mit einem wachsenden Interesse an Beobachtungsverfahren einher. Vor dieser Entwicklung hatte die Beobachtung in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften eher an Bedeutung verloren, insbesondere zugunsten der wissenschaftlichen Befragung, weil es einfacher und deutlich kostengünstiger ist, Personen zu ihrem Verhalten zu befragen als sie dabei zu beobachten. Oft ist aber erinnertes und berichtetes Verhalten kein guter Indikator für tatsächliches Verhalten. Deshalb war und ist die Beobachtung gerade in Bereichen, in denen komplexe individuelle und soziale Verhaltensweisen im Mittelpunkt stehen, die geeignetere Methode.

Recherchen vor der Konzeption dieses Buches ergaben, dass im Gegensatz zur Befragung, Inhaltsanalyse oder anderer spezieller Erhebungsverfahren zur Beobachtung kein aktuelles Einführungsbuch existiert. Und vorhandene ältere Darstellungen zur Beobachtung berücksichtigen die Anforderungen und Chancen nicht, die die Beobachtung durch die technische und methodologische Entwicklung erfährt. So reifte der Entschluss, eine aktuelle und übergreifende Darstellung der wissenschaftlichen Beobachtung zu verfassen. Die Darstellung ist unabhängig von Disziplinen sowie Forschungstraditionen konzipiert und kann damit nicht allen spezifischen Ansprüchen gerecht werden zumal der übergreifende Charakter bestimmte eher unübliche Entscheidungen nötig machte:

Entscheidung 1: Disziplinäre Verortung. Das vorliegende Buch ist ein Band einer Reihe einführender Methodenbücher zur Beobachtung, die jeweils unterschiedliche Sozial- und Verhaltenswissenschaften fokussieren. Die Grundidee und Grundlage zu dieser Reihe lieferte das Buch Die Beobachtung in der Kommunikationswissenschaft (Gehrau 2002). Die methodischen Teile dieses Buches wurden im Wesentlichen von Volker Gehrau aktualisiert und so verfasst, dass sie ohne Bezüge und Beispiele zu einem bestimmten Fach auskommen und verständlich sein sollten. Die speziellen Abschnitte zur qualitativen Beobachtung wurden von Christoph Weischer und Volker Gehrau neu hinzugefügt. Diese allgemeinen methodischen Teile werden durch die fachwissenschaftlichen Vertreterinnen und Vertreter jeweils um Beispiele aus den einzelnen Disziplinen ergänzt. In einer ersten Runde werden so gleichzeitig drei Bände publiziert: Die Beobachtung in der Erziehungswissenschaft (van Ophuysen, Bloh & Gehrau 2017), Die Beobachtung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft (Gehrau 2017) sowie Die Beobachtung in der Soziologie (Weischer & Gehrau 2017). Die gemeinsame Arbeit an den Büchern führte uns einerseits immer wieder vor Augen, wie stark die theoretische und methodische Einbettung der Beobachtung in und zwischen den jeweiligen Disziplinen variiert. Andererseits wurde deutlich, wie inspirierend der Blick über den Tellerrand des eigenen Faches sein kann. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden, haben wir uns dafür entschieden, alle Variationen gleichberechtigt zu diskutieren. Dies impliziert, dass durchaus Aspekte vorgestellt werden, die in der jeweiligen Disziplin von eher untergeordneter Bedeutung sind, wohingegen andere Aspekte, die sonst klar im Zentrum stehen, hier vergleichsweise kurz angerissen werden. Das mag zu Unzufriedenheit in einzelnen Bereichen führen, soll aber anregen, auch über alternative Beobachtungsvarianten nachzudenken, auch wenn sie in der jeweiligen Disziplin bislang (noch) nicht realisiert wurden.

Entscheidung 2: Quantitatives versus Qualitatives Paradigma. Mit dem vorliegenden Buch wird der Versuch unternommen, qualitative und quantitative Beobachtungsansätze gleichberechtigt darzustellen. Bislang haben alle uns bekannten Darstellungen einen klaren Fokus, oft wird sogar ausschließlich eine Variante diskutiert. Das ist insofern verständlich, als sich beide Varianten grundlegend unterscheiden und viele (Teil-) Disziplinen nahezu ausschließlich nach einer Variante vorgehen. Der interdisziplinäre Ansatz der vorliegenden Buchreihe sowie der Anspruch der beteiligten Autorinnen und Autoren machen es aber erforderlich, beide Varianten möglichst angemessen zu präsentieren. Die vorliegende Fassung ist der erste Versuch, diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Ob dies gelungen ist, mögen die Leserinnen und Leser entscheiden. So werden in dem Buch fast durchgängig Beispiele und Besonderheiten sowohl qualitativer als auch quantitativer Zugänge nebeneinander vorgestellt. Lediglich im dritten Kapitel werden zunächst die typischen Schritte und Entscheidungen qualitativer Beobachtungsstudien beschrieben und anschließend die typischen Schritte und Entscheidungen quantitativer Beobachtungsstudien. So können Leserinnen und Leser, die sich nur für eine der beiden Varianten interessieren, deren Durchführung in unterschiedlichen Spielarten kennenlernen, ohne die jeweils andere zur Kenntnis nehmen zu müssen. Nichtsdestotrotz ist es unseres Erachtens für alle anregend, sich auch mit der jeweils anderen Variante vertraut zu machen.

Entscheidung 3: Wege der Vermittlung. Wissen über Beobachtung als Methode der Datenerhebung kann über drei verschiedene Wege vermittelt werden: (1) über die Darstellung der methodischen Besonderheiten wissenschaftlicher Beobachtungen, (2) über die Darstellung der Anforderungen bei der praktischen Durchführung von Beobachtungsprojekten oder (3) über die Darstellung exemplarischer Beobachtungsstudien in einem Fach. Die Kapitel zwei bis vier des vorliegenden Buches sollen alle drei Zugänge ermöglichen, und zwar in einer Darstellungsweise, die auch in anderer als der hier vorgeschlagenen Reihenfolge verständlich sein sollte. Insofern ist es den Leserinnen und Lesern überlassen, wie sie in das Thema einsteigen möchten. Die drei Kapitel unterscheiden sich auch deutlich in ihrem Rückgriff auf einschlägige Literatur. So wird in Kapitel zwei (Methode) auf die für die Beobachtung relevante Methodenliteratur verwiesen und zwar insbesondere auf solche, die disziplinübergreifend wichtig erscheint. Da bestimmte Disziplinen besondere methodische Anforderungen an die Beobachtung stellen, wird an entsprechenden Stellen aber auch mit fachspezifischen Methodenbüchern gearbeitet. Hingegen folgt das Kapitel drei (Praktische Durchführung) eher der Logik eines Tutorials, in dem unterschiedliche Varianten, Wege und dazugehörige Entscheidungen aufgezeigt werden. Dieses Kapitel verbleibt ohne zusätzliche Literaturhinweise, da es weitgehend auf Ideen aus der Literatur des vorherigen Kapitels zurückgreift. Um die Lesbarkeit zu fördern und um den Fokus nicht auf einzelne Positionen und Vorlieben bei der Beobachtung zu verengen, wurde bewusst ohne Einzelverweise gearbeitet. Im abschließenden vierten Kapitel (Exemplarische Studien) liegt der Fokus auf der fachspezifischen Anwendung wissenschaftlicher Beobachtungen. Dies erfolgt weitgehend anhand der Darstellung publizierter empirischer Studien aus der jeweiligen Disziplin, in der jeweils fachtypische Fragestellungen untersucht werden.

Wir hoffen, uns mit den skizzierten Entscheidungen nicht gänzlich zwischen die Stühle gesetzt zu haben und bei den Leserinnen und Lesern Interesse an der Beobachtung zu wecken und relevantes, anwendbares Wissen über diese zu vermitteln.

Münster, Sommer 2017

Bea Bloh, Volker Gehrau, Stefanie van Ophuysen und Christoph Weischer.

1 Einleitung

„Wie geht's?“ Diese Frage stand hinter einem Beobachtungsverfahren, das Bestandteil der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1933/1975) war. Die Forschergruppe hatte das Ziel, die Auswirkung der hohen Arbeitslosigkeit auf die Befindlichkeit der Bewohnerinnen und Bewohner Marienthals Anfang des 20. Jahrhunderts zu untersuchen. Dabei verwendeten sie ganz unterschiedliche Datenerhebungsverfahren. Sie beobachteten z.B., wie die Bewohner von Marienthal einen öffentlichen Platz überquerten. Die so erhobenen Daten förderten ein Bild einer müden Gesellschaft zutage, in der es kaum Antrieb und Hoffnung gab, und die gleichzeitig durch einen doppelten Zeitverlauf gekennzeichnet war. Als Maß dafür diente einerseits die Gehgeschwindigkeit – Frauen gingen deutlich schneller als Männer – und andererseits die Häufigkeit des Stehenbleibens. Männer blieben öfter stehen als Frauen. Die Männer hatten durch die Arbeitslosigkeit die Zeitstruktur verloren – die Zeit verging für sie, ohne dass Wichtiges geschah. Bei den Frauen strukturierte demgegenüber die Arbeit für Haus und Familie noch einen Großteil des Lebens – ihre Zeit war verarbeitete Zeit (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 1933/1975 sowie Diekmann 1995: 459–466). Mit einer klassischen Befragung hätte man wahrscheinlich eher geschönte Auskünfte über die Befindlichkeit der Menschen in Marienthal erhalten; so wie bei den typischen Antworten auf die Frage: „Wie geht's?“

Ähnlich wie die Forscherinnen und Forscher in der Marienthal-Studie beobachten auch Menschen im Alltag ihr Umfeld und insbesondere die darin agierenden Personen, um alltagsrelevante Informationen zu erhalten. Die zur Informationsgewinnung im Alltag genutzten Vorgehensweisen gehen jedoch über das Beobachten hinaus. Sie lassen sich grob in drei Bereiche einteilen, wobei die Grenzen unschärfer sind als hier idealtypisch dargestellt. Ausgangspunkt des Illustrationsbeispiels sei eine Person, die auf einen Platz in einer größeren Stadt kommt, dort eine Gruppe von Menschen vorfindet, die auf ungewöhnliche Art miteinander interagieren. Sie möchte verstehen, was die Gruppe macht. Dazu wird sie vermutlich zunächst stehenbleiben und zuschauen, was die Menschen in der Gruppe tun. Wenn das zu keinem befriedigenden Resultat führt, wird die Person wahrscheinlich jemanden fragen, was die Gruppe macht. Wenn auch das nicht die gewünschte Erkenntnis bringt, wird sie eventuell noch versuchen, Informationen über aktuelle Veranstaltungen oder über den Ort zu recherchieren, um herauszufinden, was dort gerade passiert. In diesem Beispiel werden drei Arten der alltäglichen Informationsbeschaffung genannt, die sich in ähnlicher Weise als Methoden der wissenschaftlichen Datenerhebung wiederfinden lassen. Dem Geschehen zuzusehen ähnelt der wissenschaftlichen Beobachtung, mit Menschen zu reden, um von diesen bestimmte Informationen zu erhalten, entspricht der Grundidee wissenschaftlicher Befragungen, und die Suche von Informationen in Texten zum interessierenden Phänomen weist Parallelen zur wissenschaftlichen Inhaltsanalyse auf.

Wenngleich sich die wissenschaftlichen Datenerhebungen mittels Beobachtung, Befragung und Inhaltsanalyse durchaus deutlich von den angesprochenen Alltagspraktiken unterscheidet (die wissenschaftliche Beobachtung ist insbesondere systematisch angelegt und dokumentiert ihr Vorgehen ebenso wie ihre Ergebnisse) sind die Grundlogik des jeweiligen Vorgehens und die dabei auftretenden Probleme dennoch ähnlich gelagert. Diese entstehen bei der Gewinnung der nötigen Angaben (Können diese überhaupt erlangt werden?) und deren Interpretation (Können aus diesen die nötigen Informationen gezogen werden?). Aus der Analogie zwischen wissenschaftlicher Datenerhebung und alltäglichem Problemlösen lassen sich also nicht nur die grundlegenden Verfahren Beobachtung, Befragung und Inhaltsanalyse ableiten, sondern auch ihre Besonderheiten.

Eine Einschränkung der Beobachtung ist weitreichend: Es können nur Sachverhalte beobachtet werden, die sich beobachten lassen, also sinnlich oder apparativ von außen feststellen lassen. Dinge, die im Privaten, Geheimen oder im Inneren einer Person stattfinden, können nicht beobachtet werden. Bei zu untersuchenden Dingen, die beobachtet werden können und dürfen, treten typischerweise zwei weitere Fragen auf. Zunächst muss reflektiert werden, ob das Beobachtete natürlich war und nicht durch die Beobachtung selbst bzw. die Beobachter erst veranlasst oder in relevanter Weise beeinflusst wurde. Vor allem ist zu erwarten, dass Personen, die wissen, dass sie beobachtet werden, eher akzeptierte und sozial erwünschte Verhaltensweisen ausführen und unerwünschte vermeiden werden. In diesem Punkt weist die Beobachtung Parallelen zur Befragung auf, weil auch bei dieser typischerweise eher gewünschte Angaben gemacht und unerwünschte vermieden werden. Beide Verfahren sind also von möglicher Reaktivität betroffen. Das zweite Problem der Beobachtung liegt in der Identifikation und Interpretation beobachteter Aspekte. Beides ist stark abhängig von denjenigen, die die Beobachtung durchführen. Hier ergeben sich Parallelen der Beobachtung zur Inhaltsanalyse, da es bei beiden nötig ist, denjenigen, die die Datenerhebung ausführen, klar zu machen, wann Aspekte auf welche Art festzuhalten sind und wann nicht. Dadurch ergeben sich bei beiden Verfahren Probleme der Reliabilität bzw. der Objektivität. Beim Verständnis der wissenschaftlichen Beobachtung ist es deshalb nötig, an bestimmten Stellen auch die wissenschaftliche Befragung und die wissenschaftliche Inhaltsanalyse zu betrachten.

Basisverfahren der Datenerhebung


Die „wissenschaftliche Beobachtung“ ist der Gegenstand der weiteren Darstellung und wird ab jetzt zur Vereinfachung als „Beobachtung“ bezeichnet. Sie ist das klassische Verfahren, um Verhalten und Reaktionen von Personen zu erfassen. Hierin ist sie beiden anderen Datenerhebungsverfahren deutlich überlegen. In Inhaltsanalysen lassen sich nur Handlungsergebnisse der Autoren bzw. Produzenten der Text erfassen. Zwar umfassen die Texte selbst auch Handlungen der dargestellten Akteure. Diese sind aber nur sehr eingeschränkt als Indikatoren für Alltagshandlungen brauchbar, da ihre Darstellung stark von den Aufbereitungsregeln der jeweiligen Textsorte geprägt ist. Deshalb sagt der Umgang von Ärzten mit Patienten in Krankenhausserien wahrscheinlich mehr über die Produktionslogik von Serien aus als über den Krankenhausalltag. Solange es sich bei zu untersuchenden Verhaltensweisen um außergewöhnliche und bewusst ausgeführte Handlungen handelt, lassen sich diese auch in Befragungen ermitteln, z.B. dem Vorgehen beim Kauf eines teuren Fahrrades. Wird das interessierende Verhalten aber im Alltag oft und unbewusst ausgeführt, wie z.B. das Grüßen anderer Personen, lassen sich diesbezüglich kaum brauchbare Informationen erfragen. Beobachtungen sind auch dann als Mittel der Datenerhebung angezeigt, wenn mit dem Untersuchungsobjekt nicht angemessen kommuniziert werden kann, z.B. weil es noch nicht reden kann (wie Kleinkinder) oder Forschende und Untersuchte keine gemeinsame Sprache sprechen. Beobachtungsstudien sind zwar aufwändig, liefern aber, wenn es um Verhalten und Reaktionen von Menschen geht, alltagsnahe und aussagekräftige Ergebnisse. Phänomene, die quasi im Inneren einer Person stattfinden, die sein Wissen, seine Gefühle, Vorstellungen und Gedanken betreffen, lassen sich hingegen in der Regel nicht direkt beobachten. Eine Ausnahme stellen z.B. starke Emotionen wie Ekel dar, die sich über die Mimik einer Person erfassen lassen.

Wegen ihrer Stärken im Bereich der Erfassung von Verhalten und Reaktionen von Personen wird die Beobachtung in den unterschiedlichen sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen bei Fragestellungen zum Alltagverhalten eingesetzt. Das betrifft in unterschiedlichen Fachdisziplinen unterschiedliche typische Anwendungsfelder der Beobachtung. Hier einige nicht systematisch ausgewählte Beispiele: In ethnologischen Studien wird beobachtet, wie sich das Alltagsleben in einfachen Gemeinschaften gestaltet oder wie sich Alltagspraxen in Subkulturen entwickeln und vollziehen. In der Soziologie wird beobachtet, wie der Alltag in Familien abläuft oder wie Alltagsgespräche stattfinden. Forschende in den Wirtschaftswissenschaften beobachten die Arbeitsweisen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie das Kaufverhalten von Konsumentinnen und Konsumenten. In der Kommunikations- und Medienwissenschaft wird beobachtet, wie Kommunikatoren Medienangebote erstellen und das Publikum diese Medienangebote im Alltag nutzt. Aggressionsverhalten junger Erwachsener ist ebenso Gegenstand psychologischer Studien wie die Exploration eines Spielzimmers von Kleinkindern. In der Sportwissenschaft werden Sportlerinnen und Sportler beim Training und bei Wettkämpfen beobachtet. In Rahmen erziehungswissenschaftlicher Studien wird beobachtet, wie sich Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte im Unterricht verhalten oder Kleinkinder in Kitas untereinander interagieren. In der Politikwissenschaft wird das Verhalten von Politikern und Politikerinnen im Wahlkampf beobachtet oder diejenigen, die gesellschaftspolitische Entscheidungen treffen, werden bei den dazu durchgeführten Handlungen beobachtend begleitet. In den Verkehrs- oder Geowissenschaften wird beobachtet, wie Personen Distanzen überbrücken und wie sie sich in bestimmten Verkehrssituationen verhalten. Selbst in medizinischen Studien wird beobachtet, wie die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten erfolgt oder welche gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen Menschen mit bestimmten Krankheitsrisiken zeigen. Die Liste der Disziplinen ließe sich problemlos erweitern. So unterschiedlich die aufgeführten Beispiele auch sein mögen, ein Merkmal haben sie alle gemeinsam: Es handelt sich um relativ eindeutige Verhaltensweisen, die sich gut extern beobachten lassen, aber kaum über Befragungen zu erheben wären, weil die Befragten die zu untersuchenden Verhaltensweisen eher unbewusst und beiläufig ausführen und deshalb über diese in Befragungen nur ungenau Auskunft geben können. Man könnte diese Beispiele als das klassische Terrain der Beobachtung bezeichnen.

Mit der Verbreitung von Computern und dem Siegeszug von Internet, sozialen Netzwerken und mobiler Kommunikation hat sich schließlich ein neuer Typ von Beobachtungsstudien entwickelt: die Beobachtung von Verhaltensspuren, die bei der Nutzung von digitalen Endgeräten und Angeboten anfallen. Durch Erfassung und Aufbereitung solcher Verhaltensspuren lassen sich große Teile des heutigen Arbeits- und Alltagsverhaltens nachvollziehen und analysieren. Je nachdem, welche technischen und inhaltlichen Bereiche der Kommunikation und welche Akteure man dabei betrachtet, lassen sich relevante Informationen für unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und Fragestellungen generieren. Die Daten müssen dafür nicht mehr extra erhoben werden, da sie technisch sowieso anfallen. Sie müssen jedoch aufbereitet und analysiert werden, was gegebenenfalls auch einen erheblichen Aufwand mit sich bringen kann. Vordergründig mag diese Entwicklung in Richtung von Big-Data-Studien gehen. Das ist aber nicht zwangsläufig, da sich so auch typische qualitative und quantitative sozial- und verhaltenswissenschaftliche Studien mit Verhaltensspuren im Netz durchführen lassen.

Die umfassende Darstellung dieser Vielfalt an möglichen wissenschaftlichen Beobachtungsverfahren, ihrer methodischen Voraussetzungen und Implikationen ist Thema der folgenden Kapitel.

Literatur

Diekmann, Andreas (2010). Empirische Sozialforschung. Reinbek: Rowohlt.

Jahoda, Marie, Lazarsfeld, Paul F. & Zeisel, Hans (1933/1975). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziologischer Versuch über die Wirkung langandauernder Arbeitslosigkeit. Leipzig: Hirzel / Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

2 Methode der Beobachtung
2.1 Gegenstand

Die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung ist ein empirisches Verfahren zur Untersuchung menschlicher Verhaltensweisen und Reaktionen im weitesten Sinne. Sie grenzt sich damit von naturwissenschaftlichen Beobachtungsverfahren ab, mit denen z.B. physikalische Zustände wie die Temperatur eines Gases gemessen oder das Verhalten von Tieren in ihrem natürlichen Umfeld erfasst wird. Es ist aber auch von einer Verwendung des Begriffs Beobachtung als Synonym für alle Arten von empirischen Untersuchungen zu unterscheiden. Entsprechende Studien analysieren z.B. Phänomene anhand von hoch aggregierten Daten im Zeitverlauf und werden oft als Beobachtungen der Kriminalitätsentwicklung, Beobachtung von Marktbewegungen oder Beobachtung von Gesellschaftstrends bezeichnet.

2.1.1 Definition

Die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung ist die systematische Erfassung und Protokollierung von sinnlich oder apparativ wahrnehmbaren Aspekten menschlicher Handlungen und Reaktionen, solange diese nicht rein auf durch Forschende initiierte Kommunikation basieren oder in Form editierter Dokumente vorliegen. Sie dient einem wissenschaftlichen Ziel, ist prinzipiell wiederholbar und legt alle relevanten Aspekte offen.

Diese Definition basiert auf einer systematischen Zusammenstellung wissenschaftlicher Definitionen und der daraus resultierenden Arbeitsdefinition von Gehrau (2002: 25–27) sowie der berechtigten Kritik daran von Brosius, Haas und Koschel (2016: 183–185). Zum besseren Verständnis lohnt es, die wesentlichen Komponenten einzeln zu betrachten:

• Bei der Beobachtung handelt sich um ein systematisches Vorgehen, d.h., es gibt Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens und Reflektierens, denen die wissenschaftliche Beobachtung folgt. Das bedeutet allerdings nicht notwendigerweise, dass das Vorgehen standardisiert stattfindet. Auch nicht-standardisierte Beobachtungen folgen bestimmten Regeln und sind nicht der Willkür der Forschenden überlassen.

• Das Interessierende wird protokolliert bzw. erfasst, d.h., es wird in ein Symbolsystem für die weitere Bearbeitung überführt, wobei nicht festgelegt ist, ob es sich dabei um Texte oder Zahlen handelt.

• Gegenstand der Beobachtung sind theoretisch alle Aspekte menschlichen Handelns bzw. menschlicher Reaktionen. Das schließt sowohl alle Verhaltensweisen ein als auch körperliche Reaktionen wie z.B. Herzklopfen oder Schwitzen.

• Die beobachteten Aspekte müssen sinnlich oder apparativ wahrnehmbar sein. Sie müssen also entweder von einem Menschen gesehen, gehört oder auch gerochen werden oder durch entsprechende Apparate erfasst werden können.

• Beobachtungen dienen einem wissenschaftlichen Ziel und damit zumindest einem avisierten Erkenntnisgewinn. Ob sie aber z.B. Theorien entwickeln helfen oder diese testen sollen, ist nicht entscheidend.

• Ihr Vorgehen ist so angelegt, dass es zumindest in ähnlicher Form von anderen Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern wiederholt werden kann, um zu überprüfen, ob die Resultate replizierbar und die daraus gezogenen Schlüsse angemessen sind.

• Dazu ist es nötig, dass alle für das Vorgehen relevanten Entscheidungen expliziert und offengelegt werden, so dass sie kritisiert und nötigenfalls in Folgestudien verbessert werden können.

• Die Aspekte der von Forschenden initiierten Kommunikation und der editierten Dokumente grenzt die Beobachtung von der Befragung sowie der Inhaltsanalyse ab.

In einigen Forschungskontexten ist es kaum möglich, Beobachtungen, Befragungen und Inhaltsanalysen voneinander zu trennen, da sie parallel durchgeführt werden und das durch sie entstandene Material gemeinsam ausgewertet wird. Entsprechende Settings waren insbesondere zu Beginn der wissenschaftlichen Beobachtung häufig vorzufinden.

2.1.2 Abgrenzung

Zunächst einmal lässt sich die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Beobachtung von der Alltagsbeobachtung durch ihre Systematik und ihr wissenschaftliches Ziel abgrenzen. Alltagsbeobachtungen dienen zwar auch der Orientierung und dem Informationsgewinn; sie dienen aber keinem primär wissenschaftlichen Zweck. Wissenschaftliche Beobachtungen sollen demgegenüber Alltagsphänomene explorieren und beschreiben, um daraus wissenschaftliche, insbesondere theoretische Aussagen entwickeln oder die Gültigkeit entsprechender wissenschaftlicher Aussagen anhand von Alltagsphänomenen überprüfen zu können. Darüber hinaus geht die wissenschaftliche Beobachtung systematisch vor. Sie folgt also nicht allein dem Gutdünken der Forschenden, sondern Regeln, welche die Erreichung des wissenschaftlichen Ziels sicherstellen und von unterschiedlichen Forschenden auf ähnliche Weise befolgt werden.

Die Einschränkung, dass Beobachtungen nicht auf primär von Forschenden initiierter Kommunikation beruhen, soll die Beobachtung von der Befragung abgrenzen. Streng genommen könnte man bei der Befragung behaupten, es handele sich um eine Beobachtung der Antworten der Untersuchten. Zwar kann man die Antworten der Untersuchten mit Recht als Handlungen verstehen, die sich beobachten lassen. Solche Handlungen sind aber insoweit unnatürlich, als sie nur wegen der Untersuchung stattfinden. Es handelt sich nicht um eigenständige Handlung, weil diese von den Untersuchenden durch deren Fragen initiiert wurden. Wichtiger ist aber die Tatsache, dass allein die Untersuchung selbst Anlass für die Handlungen ist, die so in keinem natürlichen Kontext stattfinden würden. Insofern handelt es sich bei der Befragung um eine Untersuchungssituation und Konstellation, die gänzlich anders gelagert ist als bei der Beobachtung. In Befragungen und zwar selbst in nichtstandardisierten Interviews werden alle interessierenden (Antwort-) Handlungen von den Forschenden initiiert und ihr Ablauf bestimmt. Die eigentlichen Handlungen der Untersuchten interessieren den Forschenden dabei in der Regel gar nicht, sondern allein die darüber transportierten Inhalte. In Beobachtungsstudien wäre von Interesse, wie geantwortet wird: schnell oder langsam, hektisch oder überlegt etc. In Befragungsstudien interessiert demgegenüber, was geantwortet wird. Parallelen zwischen der Beobachtung und der Befragung ergeben sich z.B. Beispiel dann, wenn der verbale Informationsaustausch oder von den Forschenden initiiertes Verhalten beobachtet wird, wobei die Beobachteten angehalten sind, ihr Verhalten zu kommentieren, dem parallelen sogenannten Lauten Denken. Auch wenn Beobachtungen von Personen durchgeführt werden und die Beobachteten wissen, dass sie beobachtet werden, weist die Beobachtung deutliche Parallelen zur Befragung auf. In beiden Verfahren treten ähnliche Probleme in Bezug auf die Rekrutierung der Untersuchten sowie von Einflüssen der Untersuchenden auf die Untersuchten auf.

Mit editierten Dokumenten soll eine Grenze zwischen Beobachtung und Inhaltsanalyse gezogen werden: Beobachtungen sind auch anhand von aufgezeichneten Handlungen oder Handlungsspuren möglich. Damit können auch Videoaufnahmen oder z.B. Briefe Gegenstand von Beobachtungsstudien sein. Die Beobachtung interessiert sich dann für die dort festgehaltenen, natürlichen Alltagshandlungen. Anders sind Medieninhalte oder z.B. offizielle Dokumente anzusehen. In diesen mögen zwar Alltagshandlungen nachgespielt oder erwähnt werden, diese sind aber nicht selbst festgehalten. Das Festgehaltene folgt einer bestimmten Aufbereitungs- oder Editierlogik und nicht der Logik von Handlungen im natürlichen Kontext. Medieninhalte und Dokumente lassen sich inhaltsanalytisch untersuchen und zwar sowohl in Bezug auf die Art ihrer Aufbereitung als auch in Bezug auf die mit ihnen vermittelten Inhalte. Dabei können zwar auch Handlungen und Reaktionen von Menschen Gegenstand der Analyse sein; diese können aber nicht als Alltagshandlungen angesehen werden. Vom Vorgehen sind beide allerdings oft sehr ähnlich, z.B. die Inhaltsanalyse einer Sportübertragung und die Beobachtung von Sportausübung anhand von Videos. Dementsprechend ergeben sich Ähnlichkeiten bei beiden Verfahren in Bezug auf die Art der Codierung des Materials und der dabei auftretenden Fehler durch die Codierer.

2.1.3 Entwicklung

Eine einheitliche Darstellung der Entwicklung der Beobachtung liegt nicht vor. Stattdessen verweisen Autoren unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen auf verschiedene Ursprünge, aus denen sich die (teilnehmende) Beobachtung entwickelt hat. Kalthoff (2006: 146; vgl. auch Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 13) geht dabei am weitesten zurück und verweist auf die Entdecker als Ursprung der ethnologischen Forschungstradition. Gemeint sind hiermit ebenso Abenteurer oder Missionare wie Kartographen oder Handelsreisende, die im 18. und frühen 19. Jahrhundert in die neuen Kolonien gereist sind, dort einige Zeit gelebt haben, um die Kultur kennen zu lernen und dann Reiseberichte oder Dokumentationen in Europa publiziert haben. Zunächst sollten diese helfen, die Kolonien von Europa aus sinnvoll zu administrieren. Darüber hinaus wurden mit ihnen Techniken entwickelt, unterschiedliche Kulturen und deren gesellschaftlichen Praktiken zu dokumentieren und zu analysieren. In dieser Tradition ist z.B. die Publikation Die Argonauten des westlichen Pazifiks von Malinowski (1922) über die Lebensweise der Landbevölkerung in Neuguinea und Malinesien zu erwähnen (Schönhagen 2011: 305). Diese frühen ethnographischen Praktiken werden inzwischen sehr kritisch betrachtet (vgl. Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 19–20). Atteslander (2010: 74) verweist bei seinen Angaben zur Geschichte der Beobachtung auf die Publikation Zur Lage der arbeitenden Klasse in England von Engels aus dem Jahr 1845. Dieser hatte einige Jahre in Manchester verbracht, um die englische Industrialisierung, insbesondere im Bereich der Weberei kennen zu lernen. Dazu trug er sowohl umfassendes statistisches Material zusammen als auch Erfahrungen aus vielfältigen Beobachtungen und Befragungen vor Ort. Vor allem in Bezug auf die zum Teil unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Entsprechende Berichte wurden im England der damaligen Zeit unter dem Stichwort Social Survey erstellt (Atteslander 2010: 74). In den Ausführungen von Diekmann (2010: 548–549) wird daneben auf literarische und journalistische Formen als Vorgänger der Beobachtung hingewiesen. Namentlich erwähnt werden Sincalaires Roman über die Zustände in Chicagoer Schlachthöfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie die Publikationen von Kisch zur Lebenssituation von Obdachlosen in London, Hopfenpflückern in Böhmen oder Fischern auf Rügen. Einig sind sich alle Autoren darin, dass der Grundstein zur Etablierung der (teilnehmenden) Beobachtung als Verfahren der wissenschaftlichen Datenerhebung durch die Studien der sogenannten Chicagoer Schule in den 1920er-Jahren gelegt wurde (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 20–25). Unterschiedliche Wissenschaftler begleiteten Personen oder Gruppen, die am Rande der Chicagoer Gesellschaft lebten, über einen längeren Zeitraum, beobachteten und befragten sie, um darüber dichte und authentische Beschreibungen des jeweiligen sozialen Lebens zu erhalten. Als Beispiele werden oft die Studien „Street Corner Society“ von Whyte (1943) oder „The Gang“ von Trasher (1927) genannt (z.B. Dieckmann 2010: 549–550).

Den wohl wichtigsten europäischen Beitrag lieferten Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1933) mit ihrer Studie Die Arbeitslosen von Marienthal. In dieser dokumentieren sie das Leben in einem kleinen von Massenarbeitslosigkeit betroffenen Ort nahe Wien. Sie erhoben sozialstrukturelle Angaben, befragten Betroffene und beobachteten sie; so diente z.B. das eingangs des Buches erwähnte Gehen über einen öffentlichen Platz als Indikator für die individuelle Motivation und Zielstrebigkeit. Mit dieser Studie sind die ersten, ernsthaften Bestrebungen verbunden, die beobachteten Angaben zu standardisieren, indem jene gezählt und gemessen wurde (siehe auch Dieckmann 2010: 552–560). Als Paradebeispiel für ein voll standardisiertes Beobachtungsverfahren wird von vielen Autoren (z.B. Friedrichs 1980: 276–278) die Interaktionsprozessanalyse von Bales (1956) herangezogen. Mit dieser lässt sich die verbale Interaktion innerhalb kleiner Gruppen anhand von zwölf Kategorien in sechs Dimensionen beschreiben. Die Kategorien waren das Ergebnis theoretischer Vorüberlegungen sowie empirischer Vortests, die auf das Minimum der notwendigen Kategorien reduziert wurden. In den verschiedenen Fachkontexten werden unterschiedliche Standardisierungsbestrebungen verfolgt. In der psychologischen sowie der erziehungswissenschaftlichen Literatur werden z.B. gern die Aufgaben genannt, die Piaget kleinen Kindern aufgegeben hat, um anhand der Lösungsstrategien ihren kognitiven Entwicklungsstand festzustellen (z.B. Sedlmeier & Renkewitz 2013: 104–105). Im Kontext der Wirtschaftswissenschaft nennen z.B. Hague, Hague und Morgan (2013: 81) die systematische Analyse von Verkäufen in Läden sowie die vor Ort durchgeführten Beobachtungen des Käuferverhaltens in den 1930er-Jahren in den USA sowie GB als Initialzündung der heute üblichen systematischen Beobachtungen im Bereich Marketing und Marktforschung.

Seit Mitte des letzten Jahrhunderts findet eine deutliche Differenzierung wissenschaftlicher Beobachtungstechniken statt. Diese wird insbesondere durch die technische Entwicklung und methodische sowie methodologische Diskussionen in den einzelnen Fächern vorangetrieben. Automaten und Sensoren machten Beobachtungsverfahren möglich, die nicht mehr von menschlichen Beobachtern durchgeführt werden mussten. So ließ sich z.B. mittels Lichtschranken oder Drehsperren feststellen, wie viele Personen pro Zeiteinheit einen bestimmten Punkt passieren. Sensoren hielten Trainings- oder Arbeitsleistungen fest. Geräte zur Erfassung von aktuellen Körpermerkmalen wie der Herzfrequenz oder der Hautleitfähigkeit ließen Rückschlüsse auf Erregungszustände von Personen zu und führten zur Etablierung sogenannter physiologischer Messungen. Nicht zuletzt wurden so auch sehr spezielle apparative Messverfahren entwickelt wie z.B. die Telemetrie zur genauen Erhebung der Reichweite bestimmter Fernsehsender und Fernsehsendungen, die sogenannte Einschaltquote. Für jedes einzelne Fach ließen sich hier wahrscheinlich mehrere solcher Spezialverfahren anführen. Der letzte große Schub für die Differenzierung und Verbreitung wissenschaftlicher Beobachtungsverfahren ergab sich durch das Internet und die mobile Kommunikation. Bei dieser lässt sich quasi jede ausgeführte Handlung bei deren Durchführung technisch beobachten oder nach deren Ausführung anhand von Spuren technisch auslesen und analysieren.

Die kurze Skizze von Vorläufern und Entwicklungen der wissenschaftlichen Beobachtung macht sichtbar, dass eine Vielzahl von Studien und Verfahren als wissenschaftliche Beobachtung anzusehen sind, die sich in Bezug auf ihre Varianten und Merkmale aber deutlich voneinander unterscheiden.

2.2 Varianten und Merkmale

Gehrau stellte 2002 eine Metaanalyse von wichtigen Methodenbüchern vor, in denen die Beobachtung als Verfahren wissenschaftlicher Datenerhebung eingehend behandelt wurde. Die dabei diskutierten Varianten und Merkmale der Beobachtung wurden systematisiert und in drei grobe Bereiche eingeteilt: (1) den Beobachter betreffend, (2) die Beobachtungssituation betreffend sowie (3) das Erhebungsverfahren betreffend. Aus den untersuchten Publikationen wurden dann einzelne Merkmale extrahiert und den drei Bereichen zugeordnet.

Systematik von Beobachtungsvarianten


Drei Merkmale betreffen den Beobachter: intern versus extern, selbst versus fremd und teilnehmend versus nicht-teilnehmend; vier charakterisieren die Situation: offen versus verdeckt, wissentlich versus unwissentlich, Feld versus Labor, mit Stimulus versus ohne Stimulus; und vier spezifizieren die Datenerhebung: strukturiert versus nicht strukturiert, direkt versus indirekt, vermittelt versus unvermittelt sowie manuell versus automatisch1 (siehe Abbildung). Die Metaanalyse zeigte, dass auf drei Merkmale von Beobachtungen in allen Publikationen ausführlich eingegangen wurde: Teilnehmend versus nicht-teilnehmend, offen versus verdeckt sowie standardisiert versus nicht-standardisiert. In knapp der Hälfte der Publikationen wurden zudem Unterschiede zwischen Selbst- versus Fremdbeobachtung bzw. Feld- versus Laborbeobachtungen erörtert. Die anderen Aspekte wurden jeweils nur in einer oder zwei Publikationen berücksichtigt, meist jeweils aufgrund einer speziellen Fachperspektive. Offenbar sind die Fragen, ob internes oder externes Beobachtungspersonal sowie ob dabei Stimuli zum Einsatz kommen oder nicht, für viele Autoren und Autorinnen keine Frage der Konzeption von Beobachtungen, sondern von deren Durchführung. Auch die Aspekte direkt versus indirekt, vermittelt versus unvermittelt sowie manuell versus apparativ scheinen dann an die Frage nach dem Einsatz von Technik geknüpft zu sein. Da all diese Punkte aber grundlegende Auswirkungen auf die Art der Beobachtung und die damit verbundenen methodischen Probleme haben, werden sie im Weiteren als eigenständige Varianten bzw. Grundmerkmale von Beobachtungen behandelt.

Gehrau und Hamachers (2017) haben die vorliegende Systematik als Basis einer Inhaltsanalyse aktueller internationaler Fachzeitschriftenpublikationen im Bereich der Kommunikationswissenschaft genutzt. Die Frage, ob Interne oder Externe beobachtet haben, ließ sich anhand der Publikationen nicht klären. Ansonsten erwies sich die vorliegende Systematik als geeignet, um die entsprechenden Publikationen zu den jeweiligen Beobachtungsstudien zu klassifizieren. Probleme ergaben sich lediglich in Bezug auf die Frage, ob wissentlich oder unwissentlich beobachtet wurde. Dies lag aber nicht an Problemen bei der Anwendung des entsprechenden Kriteriums, sondern in dessen Erfassung, da in den analysierten Beiträgen oft nicht das entsprechende Vorgehen deutlich gemacht wurde.

Für das vorliegende Buch wurde 2017 eine erneute Sichtung aktueller Fachbücher durchgeführt. Dabei zeigten sich unterschiedliche Aspekte. Neuauflagen derjenigen Bücher, die bereits 2002 von Gehrau berücksichtigt wurden, haben ihre Beobachtungskapitel wenn überhaupt nur wenig geändert. Neuere technische Entwicklungen werden in diesen meist nicht berücksichtigt. Das ist bei den neu hinzugezogenen Büchern durchaus anders. In der Regel diskutieren diese deutlich mehr unterschiedliche Merkmale und Varianten von Beobachtungen. Infolgedessen ist die Matrix aus Publikationen versus Varianten deutlich besser ausgefüllt. Es finden sich keine Merkmale mehr, die nur in einem oder in zwei Methodenbüchern diskutiert werden. Vor allem diejenigen Merkmale und Varianten, die mit Beobachtungstechnik verbunden sind, werden deutlich häufiger in Betracht gezogen. Insofern scheint sich die Beobachtung in der aktuellen Methodenliteratur gegenüber früheren Publikationen als modernes und technikaffines Erhebungsverfahren etabliert zu haben.

Bei den nachfolgend aufgezeigten Varianten der Beobachtung handelt es sich um idealtypische Beschreibungen, die anhand von Gegensätzen dargestellt werden. Im Forschungsalltag handelt es sich aber nicht um Entscheidungen zwischen den Gegensätzen, sondern um Abstufungen zwischen den jeweiligen Extrempolen, die aber aus Gründen der Textlänge und Lesbarkeit nicht in ihren möglichen Zwischenvarianten dargestellt werden.

2.2.1 Interne versus externe Beobachtung

Die Unterscheidung interne versus externe Beobachtung gibt an, wer die eigentliche Beobachtung durchführt, also das Beobachtete protokolliert. Bei der internen Beobachtung protokollieren die Forscher und Forscherinnen, die die Beobachtungsstudie konzipiert haben. In externen Beobachtungen erstellen demgegenüber Personen die Beobachtungsprotokolle, die nicht dem Forscherteam angehören, das die Studie konzeptioniert hat. Um eindeutig externe Beobachtungen handelt es sich, wenn externe Dienstleister mit der Durchführung der Feldarbeit beauftragt werden. Der zentrale Unterschied zwischen internem und externem Beobachtungspersonal liegt in dessen Vorwissen bzw. der Vertrautheit mit der Untersuchungsanlage. Internes Beobachtungspersonal kennt die Fragestellung der Untersuchung sowie die vorgesehene Art der Protokollierung genau. Sie sind sensibilisiert, um relevante Aspekte zu bemerken und durch die Beteiligung an der Vorbereitung trainiert, diese angemessen zu protokollieren. Extern beauftragtes Personal weiß zunächst einmal weder über die Fragestellung der Studie noch die vorgesehene Technik der Protokollierung; es kennt nur das, was es vom Forscherteam vermittelt bekommt. Aus dieser Perspektive sind z.B. Studierende, die an der Datenerhebung in einer Beobachtungsstudie mitarbeiten, als Interne zu betrachten, wenn sie an der Konzeption der Studie beteiligt waren. Wurden sie demgegenüber lediglich für die Datenerhebung angelernt und angestellt, handelt es sich auch bei ihnen um externe Beobachter.

Die Frage, ob es sich um interne oder externe Beobachtungen handelt, spielt in der aktuellen Methodenliteratur kaum noch eine Rolle. Das war Mitte des letzten Jahrhunderts anders, als die ersten großen Abhandlungen zur wissenschaftlichen Beobachtung verfasst wurden, wenngleich die Problematik nicht als interne versus externe Beobachtung bezeichnet wurde. Stattdessen ging es um Beobachtungsfehler, die aufgrund der Selektion und Interpretation der Beobachtenden entstehen, sowie allgemein um das Streben nach Objektivität bei der Beobachtung. Die ersten systematischen Ausführungen hierzu stammen von Katz (1953) und wurden von Friedrichs und Lüdtke (1977: 34) in die Forderung nach Trennung von Forscher(n) und Beobachter(n) konkretisiert.

Die interne Beobachtung stammt aus der ethnographischen Tradition, in der Forscher oder Forscherinnen über längere Zeiträume fremde Kulturen und Gesellschaften beobachtet haben (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 13–20). Sowohl die Authentizität als auch die Praktikabilität sprechen für ein solches Vorgehen, da die Forschenden selbst gut wissen, welche Aspekte für ihre Forschung protokollierungswürdig sind und wie diese angemessen interpretiert werden können. Externe hätten kaum brauchbare Protokolle anfertigen können, welche von den Forschenden angemessen interpretiert werden können, sofern diese nicht beobachtend selbst vor Ort gewesen sind. In seiner Theorie der Beobachtung macht König (1967; 1973) aber die Probleme dieser Konstellation deutlich. Diese resultieren aus der Unmöglichkeit unschuldiger Wahrnehmungen (König 1973: 10). Individuelle Wahrnehmungen sind die Grundlage wissenschaftlicher Beobachtungen, so dass in erster Linie Aspekte beobachtet werden, für die die Beobachtenden sensibilisiert sind bzw. die sie erwarten. Und haben die Beobachtenden erst einmal etwas Bestimmtes festgestellt, dann kann es im Folgenden zu selektiver Wahrnehmung kommen, die König (1973: 7) als die „Unbelehrbarkeit der einmal bezogenen Position“ bezeichnet. Das dürfte interne wie externe Beobachter gleichermaßen betreffen. Problematisch ist auch eine Fokussierung der internen Beobachter auf diejenigen Aspekte, die das Forscherteam erwartet bzw. unterstellt. Um entsprechende Fehler zu vermeiden, fordert König (1973: 29) die Wiederholung von Beobachtungen durch weitere Personen und damit die Ergänzung der intrapersonalen Evidenz durch interpersonale Gültigkeit (König 1973: 29). In Analogie dazu diskutieren Friedrichs und Lüdtke (1977: 30–33) die Probleme aus der Perspektive der Objektivität und damit der Forderung, dass das Resultat wissenschaftlicher Datenerhebung möglichst unabhängig von der Person sein soll, die die Daten erhebt, was bei der Beobachtung allerdings nie vollständig erreicht werden kann.

Deshalb fordern Friedrichs und Lüdtke (1977: 34) nicht nur: „Es sollten nicht länger Forscher (oder Forscherteam) und Beobachter dieselben Personen sein.“ Sondern auch: „Die Forscher sollten mehrere Beobachter (mindestens zwei) schulen und für sich ins Feld schicken.“ Das Forschungsteam muss die externen Beobachter dann nicht nur im Vorgehen schulen, sondern auch die Regeln des Vorgehens festlegen, Definitionen und Operationalisierung vornehmen und in angemessenem Umfang den wissenschaftlichen Hintergrund offen legen. König (1973: 35) betont an dieser Stelle die Notwendigkeit der Sensibilisierung und Formalisierung. Sensibilisierung betrifft die Motivation des Beobachtungspersonals, nach relevanten Informationen zu suchen und bereit zu sein, sich gemäß der Forschungsfrage auf die Beobachtung einzulassen. Formalisierung beschreibt die Notwendigkeit, die Ideen des Forschungsteams in Definitionen festzuhalten und dem Beobachtungsteam angemessen zu vermitteln. Friedrichs und Lüdtke (1977: 219–227) schlagen darüber hinaus vor, dem Beobachtungsteam Supervision anzubieten und zwar nicht nur in Bezug auf das Vorgehen beim Protokollieren, sondern auch in Bezug auf ihre Rolle in der Beobachtungssituation.

Aber selbst bei guter Formalisierung der Beobachtungsinstruktionen plus ausführlicher Schulung und angebotener Supervision sind bei externen Beobachtern Probleme zu erwarten. Diese resultieren daraus, dass angestelltes Beobachtungspersonal selten so motiviert und akkurat beobachten wird wie Mitglieder des Forschungsteams. Zumal die Beobachtung für viele eine Pflicht und Notwendigkeit zum Geldverdienen sein wird, was zu einem unmotivierten Abarbeiten des Notwendigen führen könnte, wenn nicht sogar Anreiz zum Fälschen von Daten bietet. Größere Beobachtungsstudien, die von vielen extern angeworbenen Personen durchgeführt werden, haben mit denselben Problemen zu kämpfen wie entsprechende Befragungen oder Inhaltsanalysen. Sie können nur durch angemessene Bezahlung, stetige Motivation und angemessene Kontrolle des Personals minimiert werden. Zudem sollte dem Beobachtungsteam nicht zugemutet werden, was das Forscherteam selbst nicht tun wollen würde. Dazu zählt einerseits der Umgang mit komplexen Anweisungen, die sich in der Beobachtungssituation nicht angemessen umsetzen lassen, andererseits betrifft das die Rolle und das Verhalten im Beobachtungsfeld, z.B. beim Einholen von Genehmigungen zur Beobachtung. Externes Beobachtungspersonal wird nur adäquat arbeiten, wenn die Beobachtung selbst praktikabel angelegt ist.

Ideal wäre eine Kombination aus interner und externer Beobachtung. Das Forschungsteam selbst würde auch im Feld beobachten und Erfahrung mit dem Beobachtungsinstrument sammeln. So könnte es selbst besser beurteilen, worin die Einschränkungen des methodischen Vorgehens bestehen. Zudem entstünde ein authentischer Eindruck vom Beobachtungsfeld, der später bei der Datenauswertung und Interpretation das Risiko von Fehlschlüssen minimiert, weil das Forschungsteam den Forschungsgegenstand aus eigener Anschauung kennt. Das Forschungsteam wäre aber gezwungen, ihr Vorgehen zu formalisieren und zu kommunizieren, so dass Externe es verstehen. Nicht zuletzt ergeben sich so Möglichkeiten der Entlastung durch Arbeitsteilung, was nach Friedrichs und Lüdtke (1977: 34) dem Forschungsteam und dem Forschungsprojekt zugutekommt.

2.2.2 Selbst- versus Fremdbeobachtung

Das Charakteristikum Selbst- versus Fremdbeobachtung gibt an, wen die Beobachtenden beobachten, sich selbst oder andere. Üblicherweise werden bei wissenschaftlichen Beobachtungen andere beobachtet. In bestimmten Konstellationen ist es allerdings nötig und sinnvoll, sich selbst zu beobachten. Dazu zählen zum einen private oder sogar intime Situationen, in denen es Personen weder zuzumuten ist, in diesen beobachtet zu werden, noch Beobachtern und Beobachterinnen zugemutet werden kann, andere in solchen Situationen beobachten zu müssen. Abgesehen davon kann auch das Forschungsinteresse Selbstbeobachtungen nahelegen und zwar immer dann, wenn psychische Prozesse von Interesse sind, die sich nicht anhand extern feststellbarer Merkmale beobachten lassen.

Die Selbstbeobachtung, auch Introspektion genannt, hat sich aus früheren Studien der Psychologie entwickelt. Wissenschaftler haben Theorien über psychologische Phänomene aufgestellt und diese an sich selbst getestet, indem sie ihre eigenen Reaktionen beobachtet und protokolliert haben. Da es sich bei den meisten um Hochschullehrer handelte, charakterisieren Sedlmeier und Renkewitz (2013: 109) die Selbstbeobachtung mit „Professoren beobachten sich selbst“. Entsprechende Studien haben zwar zu interessanten Ergebnissen geführt; sie waren allerdings wissenschaftlich umstritten, da die Ergebnisse notwendigerweise durch die Person geprägt waren und sich kaum replizieren lassen. Insbesondere die Verhaltenspsychologie orientierte sich stärker an den wissenschaftlichen Kriterien der Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Wiederholbarkeit und lehnte daher Selbstbeobachtungen als Datenerhebungsverfahren ab, so dass Mitte des letzten Jahrhunderts in der Psychologie nur noch selten Selbstbeobachtungen durchgeführt wurden. Auch in der Soziologie war infolgedessen Introspektion in Misskredit geraten (König 1956: 20), ebenso wie in vielen anderen Fächern.

Seitdem werden Beobachtungen fast ausnahmslos als Fremdbeobachtungen organisiert. Dabei werden dem Beobachtungspersonal Ziele und Regeln vorgegeben, mithilfe derer sie das Verhalten oder Reaktionen von anderen Personen beobachten. Allein diese Konstellation zwingt dazu, nach explizierbaren Regeln vorzugehen, die die Beobachtung zumindest ansatzweise kontrollierbar, nachvollziehbar und wiederholbar macht. Unter solchen Bedingungen lassen sich vom Forscherteam die Qualität und Brauchbarkeit der Beobachtungsprotokolle einschätzen. Bei der Selbstbeobachtung kann das demgegenüber nur die Person, die sich selbst beobachtet hat. Huber (1993: 128) weist über die fehlende externe Kontrolle hinaus darauf hin, dass sich mit Selbstbeobachtungen keine unbewussten Prozesse erfassen lassen und die Selbstbeobachtung die zu beobachtenden Prozesse stören könnte. Zumal das Beobachtete oft nur unzureichend erinnert wird. Er sieht den Sinn von Selbstbeobachtung deshalb allenfalls in der Exploration und Generierung von Hypothesen.

Es ist aber weder sinnvoll noch notwendig, die Selbstbeobachtung gänzlich aus dem Repertoire der Verfahren wissenschaftlicher Datenerhebung zu verbannen. In solchen Fällen werden statt Beobachtungen dann oft Befragungen zu den entsprechenden Verhaltensweisen durchgeführt. Die Antworten der Befragten basieren aber auch auf Selbstbeobachtungen. Da die Befragten jedoch vorher weder angewiesen noch geschult wurden, ist nicht plausibel, dass diese Angaben besser sein sollten als die von Personen, die zuvor angewiesen und geschult wurden, sich selbst bei bestimmten Verhaltensweisen genau zu beobachten. Döring und Bortz (2016: 329) verweisen auf Parallelen zwischen der Selbstbeobachtung und der Befragungstechnik des Lauten Denkens bzw. des Vorgehens in Tagebuchstudien sowie der Autoethnographie. Häder (2015: 311) weist auf die Parallelen von Selbstbeobachtung und soziologischen Zeitbudgetstudien hin.

Ein weiterer Grund, warum Selbstbeobachtungen das Repertoire wissenschaftlicher Methoden sinnvoll ergänzen können, liegt darin, dass sie in vielen Fällen die einzige Möglichkeit sind, an die nötigen Daten zu gelangen; Sedlmeier und Renkewitz (2013: 110) führen hier insbesondere die Forschung zu Bewusstseinszuständen an. Allerdings müssen solche Beobachtungen so weit wie möglich kontrolliert stattfinden. Die Personen, die sich selbst beobachten sollen, müssen genaue Anweisungen zum Vorgehen erhalten und eingehend geschult werden (Sedlmeier & Renkewitz 2013: 109). Wichtig ist dabei vor allem, die relevanten Aspekte an sich selbst zu erkennen und sie sich so lange merken zu können, bis die Möglichkeit gegeben ist, sie zu protokollieren. Hierzu finden sich in der Psychologie unterschiedliche Techniken zur Selbsterfahrung, die allerdings nicht dazu verleiten dürfen, die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Selbstbeobachtung und dem eigenen Streben nach Selbsterfahrung zu überschreiten.

Eine ganz neue Qualität hat die Selbstbeobachtung durch die technische Entwicklung erhalten. Es gibt eine Reihe von Geräten, mit denen Personen ihr eigenes Verhalten sowie physiologische Körpermerkmale ohne großen Aufwand aufzeichnen können. Es handelt sich z.B. um Fitnessuhren, die sowohl Körpermerkmale wie den Herzschlag feststellen können als auch Position, Bewegung oder Geschwindigkeit. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Apps und Computerprogrammen, mit denen Personen auf einfache Weise Angaben über sich selbst festhalten können. Das entsprechende Verhalten wird als Self-Tracking (Neff & Nafus 2016) bezeichnet. Mit Quantified Self hat sich zudem eine Bewegung von Menschen gegründet, die regelmäßig Daten über sich selbst erheben und sich über Probleme und Erfahrungen austauschen (quantifiedself.com). Entsprechende Daten werden bereits im wissenschaftlichen Kontext genutzt und zwar insbesondere zu Fragen von Gesundheit und Fitness. Die Frage der Kontrolle, Nachvollziehbarkeit und Wiederholbarkeit der Datenerhebung ist beim Self-Tracking gegeben und individuelle Interpretationen spielen praktisch keine Rolle. Es handelt sich trotzdem um Selbstbeobachtungen, da die Beobachteten die Protokollierung der Daten an sich selbst vornehmen und selber steuern und entscheiden, wann das geschieht.

2.2.3 Teilnehmende versus nicht-teilnehmende Beobachtung

Das dritte Kriterium für Beobachtungsstudien spezifiziert die Art, wie sich das Beobachtungspersonal am beobachteten Geschehen beteiligt. Bei der teilnehmenden Beobachtung agieren die Beobachtenden im Beobachtungsfeld wie diejenigen, die beobachtet werden. Demgegenüber agieren bei nichtteilnehmenden Beobachtungen die Beobachtenden nicht, sondern konzentrieren sich unbeteiligt auf das Durchführen der Beobachtung. Laut König (1977: 49) und Häder (2015: 310) geht die Terminologie der teilnehmenden Beobachtung auf eine Publikation von Lindemann (1924) zurück.

Die teilnehmende Beobachtung gilt als der Prototyp zur Datenerhebung in der Kulturanthropologie, der Ethnologie (Atteslander 2010: 94) bzw. der Ethnographie (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015). In dieser Variante der Beobachtung nehmen die Forschenden über einen längeren Zeitraum am von ihnen untersuchten gesellschaftlichen und kulturellen Geschehen teil, beobachten dieses und versuchen, es angemessen zu protokollieren. Ein entsprechendes Vorgehen findet sich auch in den frühen soziologischen Studien insbesondere zu gesellschaftlichen Randgruppen. Ziel der Teilnahme am beobachteten Geschehen ist es, das Geschehen selbst durch angemessene Beteiligung möglichst wenig zu stören und einen möglichst authentischen Eindruck vom Geschehen zu erhalten, um das Beobachtete nachvollziehen und verstehen zu können. In den benannten Wissenschaften galt die teilnehmende Beobachtung als die einzige Möglichkeit, über entsprechende Gruppen und deren Verhaltensweisen angemessene und vor allem authentische Informationen zu erhalten. Um mit den beobachteten Personen und Verhaltensweisen vertraut zu werden, dauerten solche Beobachtungsstudien typischerweise sehr lange. Ein Vorteil langandauernder Beobachtungen liegt darin, dass sich die Beobachteten an die Beobachtung und vor allem an die beobachtenden Personen gewöhnen und infolgedessen weniger durch die beobachtende Person gestört werden (Friedrichs 1980: 283–284).

Allerdings bringt die Teilnahme am Geschehen auch grundlegende Probleme mit sich. Ein Problem beschreibt Häder (2015: 310) mit dem Begriff Distanzverlust und rekurriert damit auf die Anforderung an die Beobachtenden, eine kritische Distanz zum Forschungsobjekt zu wahren. Mayntz, Holm und Hübner (1972: 101) geben zu bedenken, dass wenn die Beobachterinnen und Beobachter versuchen, am Geschehen teilzunehmen und ihre Rolle möglichst gut spielen, es zu einer Identifikation mit der Rolle oder sogar zu einer Rollenübernahme kommen kann. Dadurch würde eine distanziert objektive Beobachtung nahezu unmöglich und beim Beobachter könnten ähnliche Probleme auftreten wie bei der Selbstbeobachtung. Diesem Problem kann mittels Regeln bei der Teilnahme begegnet werden. In der Literatur werden dazu meist zwei Idealtypen skizziert (z.B. Atteslander 2010: 93):

Der „Beobachter als Teilnehmer“ ist in erster Linie Beobachter und nimmt am Geschehen nur so weit teil wie nötig. Demgegenüber ist der „Teilnehmer als Beobachter“ hauptsächlich am Geschehen beteiligt und versucht dabei so gut wie möglich zu beobachten. Grundsätzlich kann aber jede Form der Teilnahme das beobachtete Geschehen verändern, so dass dieses nicht mehr dem natürlichen Verlauf entspricht. Das Geschehen ist dann als Reaktion auf die aktive Teilnahme der Beobachtenden zu verstehen, was in der Literatur unter dem Stichwort Reaktivität vor allem als Problem der teilnehmenden Beobachtung diskutiert wird. In der Ethnographie (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015: 66–70) wird das Problem allerdings auch als Vorteil gesehen, da die Forschenden Veränderungen, die durch ihre Teilnahme am Geschehen entstehen, wiederum zum Gegenstand der Forschung machen können und daraus Erkenntnisse ziehen. Hier ähnelt das Vorgehen der Beobachtung mit Stimulus. Die Ethnographie sieht die Teilnahme am Geschehen oft als notwendige Voraussetzung, um das Geschehen überhaupt adäquat verstehen zu können. In den meisten wissenschaftlichen Kontexten hingegen wird ein Eingriff des Beobachtungspersonals in den zu beobachtenden Handlungsverlauf als problematische Verzerrung betrachtet.

Auch deshalb werden in vielen Bereichen Beobachtungsstudien nichtteilnehmend durchgeführt. Bei solchen Beobachtungen konzentrieren sich die Beobachtenden nur auf die Beobachtung und die Protokollierung des Geschehens. In der Psychologie (Sedlmeier & Renkewitz 2013: 106) und in der Marktforschung (Fantapié Atobelli 2011: 94) sind nicht-teilnehmende Beobachtungen der Standard. Der Hauptgrund für den Verzicht auf die Teilnahme liegt darin, dem Beobachtungspersonal eine konzentrierte Protokollierung des Geschehens ohne zusätzliche Aufgabe zu ermöglichen. Atteslander (2010: 92) sagt, nur der passive Beobachter „ist in der Lage, sekundenschnell hochstrukturierte Aufzeichnungen zu machen“. Nach Huber (1993: 133) bindet die Teilnahme am Geschehen einen Teil der Aufmerksamkeit, was zwangsläufig das Beobachten erschwert. Darüber hinaus soll auch Reaktivität vermieden werden, also Reaktionen der Beobachteten auf die Aktionen der Beobachtenden. Friedrichs (1980: 282) weist aber zu Recht auf die wenig diskutierten reaktiven Effekte durch Nicht-Teilnahme hin. Wenn Personen bei einem Geschehen anwesend sind, ohne sich an diesem in irgendeiner Form zu beteiligen, so werden diese in der Regel von den anderen als Störung empfunden. Als einen entscheidenden Grund dafür führt Friedrichs (1980: 282) die fehlenden sozialen Rollen für anwesende Nicht-Mitglieder eines sozialen Systems an. Mitglieder haben Rollen, die mit entsprechenden Verhaltensweisen verbunden sind. Damit sind Personen, die keinerlei entsprechende Verhaltensweisen zeigen, automatisch Nichtmitglieder, die allein durch ihre Anwesenheit die Gruppe und ihre Dynamik stören. Aus dieser Überlegung leitet Friedrichs (1980: 283) Bedingungen ab, in denen die Störung durch Nicht-Teilnahme als eher gering einzuschätzen sind: Erstens, wenn die Konstellation keine oder nur unspezifische Interaktionserwartungen an die Beobachtenden mit sich bringt, z.B. weil mehrere unbeteiligte Personen anwesend sind. Zweitens, wenn das beobachtete Geschehen für die Beteiligten so absorbierend ist, dass Anwesende kaum wahrgenommen werden. Und drittens, wenn es für die Anwesenheit und Tätigkeit der Beobachtenden einen aus Sicht der Beobachteten plausiblen Grund gibt.

In der Praxis empfiehlt es sich, einen Mittelweg zwischen nichtteilnehmend und teilnehmend vorzusehen, wenn die Beobachtenden vor Ort inmitten des Geschehens beobachten. Dieser ließe sich als passivteilnehmend charakterisieren. Ein Minimum an Teilnahme am Geschehen ist nötig, um das Geschehen selbst nicht als Fremdkörper zu stören. In einem Gespräch könnten sie z.B. Aufmerksamkeit durch Ansehen der jeweiligen Sprecher zeigen und gelegentlich z.B. durch Nicken Zustimmung signalisieren. Ihre Teilnahme sollte aber passiv sein, d.h., sie sollten selbst keine eigenen Impulse in den Handlungsverlauf geben, bei dem skizzierten Gespräch also keine eigenen gesprächsrelevanten Inhalte beitragen. Wenn es die Situation erfordert, dass die Beobachtenden Informationen für die Protokollierung festhalten, dann sollte diese Tätigkeit als Teil ihrer Rolle am Geschehen vor Ort erklärt werden. Bei der Beobachtung eines Gespräches könnte eine solche Erklärung z.B. im Führen des Protokolls liegen, wenn es sich um Gespräche in Gremien handelt. Besonders wichtig ist eine natürliche aber passive Teilnahme der Beobachtenden, wenn die Beobachteten nicht nur nicht gestört werden sollen, sondern gar nicht bemerken dürfen, dass sie beobachtet werden.

2.2.4 Offene versus verdeckte Beobachtung

Unter offener versus verdeckter Beobachtung wird hier die Frage diskutiert, ob das Beobachtungspersonal (und im Prinzip auch die Beobachtungstechnik) getarnt sein sollte oder nicht. Die Tarnung kann sowohl dazu dienen, die Beobachteten nicht wissen zu lassen, dass sie beobachtet werden, als auch dazu, sie trotz ihres grundsätzlichen Wissens, dass sie beobachtet werden, während der Beobachtung möglichst wenig daran zu erinnern. Durch beides soll vermieden werden, dass die Beobachteten ihr Verhalten ändern, weil ihnen in der Situation bewusst ist, dass sie beobachtet werden. Im Band von Webb und anderen (1975: 147) wird deshalb vom sichtbaren Beobachter gesprochen. Dann ist die Beobachtung als reaktives Verfahren einzuschätzen, bei dem ein Teil der Ergebnisse eine Reaktion auf das Datenerhebungsverfahren darstellt. Behnke (2010: 260) sagt deshalb: „Die verdeckte Beobachtung ist unter dem Aspekt der Reaktivität im Prinzip vorzuziehen, wirft aber forschungsethische Probleme auf“. Die forschungsethischen Probleme resultieren daraus, dass die Beobachteten mit der Tarnung bewusst getäuscht werden. Darüber hinaus wird ihre Entscheidung eingeschränkt, ob sie beobachtet werden wollen oder nicht.

Die Frage nach der Tarnung des Beobachtungspersonals sowie der dazugehörigen Technik ist auch relevant, weil sie in der Regel mit Einschränkungen für die Durchführbarkeit verbunden ist. Eine insbesondere in der Psychologie sowie der Marktforschung lange Zeit übliche Tarnung besteht in der Beobachtung durch einen Einwegspiegel (Kuß, Wildner & Henning 2014: 311). Mit entsprechendem Vorgehen ist aber automatisch eine große räumliche Distanz zwischen Beobachtungspersonal und Beobachteten sowie meist ein eingeschränktes Sichtfeld verbunden, was die Möglichkeit zur Protokollierung verändert. Dabei mag negativ zu Buche schlagen, dass relevante Aspekte so nicht gesehen werden können, positiv hingegen, dass die Materialien und Hilfsmittel zur Beachtung frei und ungestört genutzt werden können. Vor der Konzeption der Beobachtung muss deswegen genau abgewogen werden, ob eine Tarnung der Beobachtung nötig ist, wie diese sinnvollerweise aussehen könnte und welche Auswirkungen sie auf die Durchführbarkeit der Protokollierung mit sich bringt. Dabei spielt oft auch eine Rolle, wie am Beobachtungsgeschehen teilgenommen wird, denn das könnte Teil der Tarnung sein.

In der Beobachtungsliteratur wird der Begriff offene Beobachtung (vor allem im Kontext der teilnehmenden Beobachtung) oft für qualitative Untersuchungsanlagen gebraucht, bei denen die Art der Protokollierung nicht festgelegt ist. Um Missverständnisse zu vermeiden, wird der Begriff offen für nicht-standardisierte Erhebungsverfahren vermieden und hier für die Frage nach der Tarnung reserviert.

Die Unterscheidung zwischen offener und verdeckter Beobachtung wird in praktisch allen Einführungskapiteln zur Beobachtung diskutiert, allerdings fast ausnahmslos mit einem anderen Fokus, nämlich der Transparenz. Bei der verdeckten Beobachtung dürfen die Beobachteten nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Dabei wird die Frage der Tarnung, um auch den eingeweihten Beobachteten die Beobachtungssituation möglichst nicht bewusst werden zu lassen, eher am Rande behandelt. Und die Vorgehensweise bei Beobachtungen und dabei auftretender Probleme besser differenzieren zu können, wird die grundsätzliche Frage, ob die Beobachteten wissen, dass sie beobachtet werden, hier nicht als offen versus verdeckt, sondern als wissentlich versus unwissentlich erörtert.

2.2.5 Wissentliche versus unwissentliche Beobachtung

Die Terminologie wissentliche versus unwissentliche Beobachtung stammt von Huber (1993:132). Sie argumentiert von den Beobachteten aus und spezifiziert, ob diese wissen, dass sie beobachtet werden, oder nicht. Solange die Beobachteten gar nicht wissen, dass sie beobachtet werden, können sie ihr Verhalten nicht danach ausrichten, indem sie z.B. sozial unerwünschte Verhaltensweisen vermeiden oder Verhaltensweisen zeigen, um den Beobachtenden zu helfen oder zu gefallen. Wissen Sie es aber, ist eine Ausrichtung ihres Verhaltens gemäß üblicher Konventionen oder Erwartungen naheliegend.

Wissentliche Beobachtungen sind somit zu den reaktiven Verfahren zu zählen, weil die Untersuchten auf die Untersuchung reagieren. Unter methodischen Gesichtspunkten bringt das oft Schwierigkeiten mit sich, weil sich im Nachhinein nicht differenzieren lässt, welche beobachteten Verhaltensweisen natürlich und welche der Reaktivität geschuldet sind. Aus ethischen Gründen sollten Personen, bevor sie untersucht werden, vorab informiert und um Einverständnis gebeten werden (Huber 1993: 132). Wird dem entsprochen, handelt es sich quasi automatisch um eine wissentliche Beobachtung, da die Beobachteten durch das Vorgespräch zur Klärung des Einverständnisses grob informiert sind. Auch andere Merkmale von Beobachtungsstudien, wie z.B. deren Durchführung im Labor oder mittels an den Personen angebrachten Geräten, führen dazu, dass die Untersuchten zwangsläufig gewahr werden, dass sie untersucht werden. Verschiedene Studien belegen zwar den negativen Einfluss von Reaktivität, der allerdings mit fortschreitender Beobachtungszeit in der Regel deutlich abnimmt (Webb, Campbell, Schwartz & Sechest 1975: 147–148).

Wissen die Beobachteten aber nichts von der Beobachtung, so handelt es sich um ein nicht-reaktives Datenerhebungsverfahren. Wenn dabei das Verhalten bestimmter Personen eingehend beobachtet wird, ergeben sich ernsthafte ethische Probleme, weil den Untersuchten die Entscheidung zur Teilnahme verwehrt wird. Das kann aber nötig werden, wenn das Wissen der Untersuchten die Untersuchung selbst unmöglich macht. In entsprechenden Fällen sollten die Personen zumindest im Nachhinein informiert und um Einverständnis gebeten werden. Die individuellen Daten müssen vernichtet werden, falls das Einverständnis nicht gegeben wird.

Anders sind Beobachtungen zu beurteilen, die an öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen durchgeführt werden und lediglich allgemeines Verhalten ohne Bezug zu der individuell ausführenden Person berücksichtigen. Ethisch sind zwar solche Untersuchungen auch nicht gänzlich unbedenklich; sie sind aber deutlich unproblematischer, weil den Untersuchten nicht geschadet wird und sie als Person anonym bleiben. Zunächst mag es kaum sinnvoll erscheinen, Beobachtungen quasi ohne Bezug zu individuellem Verhalten und ausführenden Individuen in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften durchzuführen. Webb und Kollegen (1975) haben aber schon vor gut 50 Jahren eine auch heute noch lesenswerte Sammlung nicht-reaktiver Messverfahren vorgelegt, von denen etliche als unwissentliche Beobachtungen einzuordnen sind wie z.B. das Erfassen von Kleidung, Ausdrucksverhalten, räumlichen oder persönlichen Konstellationen oder auch der Zeit, die bestimmte Verhaltensweisen in Anspruch nehmen. Durch die technische Entwicklung vor allem in den Bereichen Internet und mobiler Kommunikation ergeben sich hierzu immer neue Möglichkeiten. Bei deren Verwendung für wissenschaftliche Zwecke muss allerdings immer deren ethische Angemessenheit geprüft werden.

2.2.6 Feld versus Laborbeobachtung

Zur Entscheidung, ob im Feld oder im Labor beobachtet wird, finden sich Angaben in praktisch allen Publikation zur Beobachtung. Eine ausführliche Diskussion der Vor- und Nachteile ist demgegenüber selten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen klar eine der beiden Varianten bevorzugen. Feldbeobachtungen finden an den Orten statt, an denen sich das zu beobachtende Verhalten üblicherweise abspielt: an öffentlichen Plätzen, in Bars, Restaurants, Supermärkten, Klassenzimmern oder zuhause in Privaträumen. Laborbeobachtungen finden demgegenüber in künstlichen Situationen statt, bei denen meist in geschlossenen Räumen die interessierende Situation nachgestellt wird. In Laborbeobachtungen werden bestimmte Handlungen von einzelnen Personen sehr genau untersucht. Dem entsprechend werden psychologische Studien oder z.B. Produkttests der Marktforschung vornehmlich im Labor durchgeführt. Im Gegensatz dazu eignen sich Feldstudien zur Beobachtung von sozialem Alltagsverhalten. Daher sind Feldbeobachtungen der Standard in der Ethnologie, der Soziologie sowie den Medien- und Kulturwissenschaften.

Huber (1993:129) sieht insbesondere folgende Vorteile bei der Durchführung im Labor: Es können optimale Bedingungen zur Durchführung der Beobachtung geschaffen werden. Das betrifft sowohl die Sicht auf das zu Beobachtende als auch den Einsatz von Geräten. Darüber hinaus können im Labor Störfaktoren weitgehend ausgeschlossen bzw. kontrolliert werden. Ferner können Aspekte der Situation gezielt manipuliert werden, wenn z.B. bestimmte Stimuli gesetzt werden sollen. Die Situation bringt aber auch Nachteile mit sich. So ist es fraglich, wie gut sich das im Labor Beobachtete auf Alltagssituationen außerhalb des Labors übertragen lässt. Zudem macht es die Laborsituation nahezu unmöglich, Personen unwissentlich zu beobachten. Darüber hinaus wird die Untersuchungssituation für viele ungewohnt sein und ihnen immer wieder die Tatsache ins Bewusstsein rufen, dass sie gerade untersucht werden. Insofern eignen sich Laborstudien eher dazu, individuelle Mechanismen zu untersuchen und weniger zur Untersuchung sozialen Alltagsverhaltens.

Dieses lässt sich besser in seinem natürlichen Umfeld beobachten. Huber (1993: 130) betont, Alltagsverhalten werde in seinem natürlichen Umfeld durch die Untersuchung deutlich weniger beeinflusst und privates Verhalten wird praktisch nur dort zu beobachten sein, weil es sich im Labor quasi nicht künstlich erzeugen lässt. Darüber hinaus lassen sich Ergebnisse aus Feldbeobachtungen besser generalisieren und eröffnen die Möglichkeit, unwissentliche und damit nicht-reaktive Beobachtungen durchzuführen. Auf der anderen Seite ist die Beobachtungssituation im Feld kaum kontrollierbar. Störungen z.B. durch andere Personen oder unvorhergesehene Ereignisse lassen sich nicht ausschließen und die Bedingungen, um das Interessierende zu erkennen und zu protokollieren, sind meist nicht ideal. Zudem lässt sich privates und insbesondere intimes Verhalten auch in Feldbeobachtungen in der Regel nicht untersuchen.

In der Beobachtungspraxis sollte deshalb immer vorab genau überlegt werden, ob und wie bei Feldbeobachtungen durch leichte Eingriffe in die Situation größere Kontrolle und bessere Machbarkeit erreicht bzw. durch angemessene Gestaltung von Labor- und Untersuchungsräumen eine zumindest alltagsnahe Untersuchungssituation geschaffen werden kann.

Von besonderer Bedeutung sind Feldstudien bei der Ethnograhphie (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015) bzw. qualitativen Einzelfallstudien (Brüsemeister 2008). Bei diesen ist die Definition des Feldes quasi konstitutiv für die gesamte Studie. Breidenstein und Kollegen (2015: 46–60) unterscheiden dabei: (a) die Selbstkonstitution eines Feldes, wenn dieses quasi natürliche Grenzen hat wie eine Schulklasse, (b) räumlich, zeitlich und sozial, analytische Konstitution eines Feldes, wenn diese aufgrund des Forschungsinteresses definiert wird, und (c) Prozesskonstitution, bei der das Feld in Interaktion zwischen den Gegebenheiten und dem Forschungsinteresse im Zuge der Durchführung festgelegt werden. Darüber hinaus stellt bei der Feldforschung die Organisation des Feldzugangs eine besondere Herausforderung dar, deren Fundierung und Realisation ebenso aufwändig sein kann wie die dann folgende Erhebung der Daten, zumal der praktische Aufwand für den Feldzugang den der Datenerhebung weit übersteigen kann, wenn dafür Sprachen gelernt, in ferne Länder gereist, Gesetzen und Auflagen entsprochen und das Vertrauen der zu beobachtenden Personen gewonnen werden muss.

2.2.7 Beobachtung mit versus ohne Stimulus

Wenn ein ungestört, natürlich ablaufender Verhaltensprozess beobachtet wird, dann handelt es sich um eine Beobachtung ohne Stimulus. Wird aber vom Forscherteam in den Verhaltensprozess eingegriffen oder dieser künstlich initiiert, so findet die Beobachtung mit Stimulus statt.

Beobachtungen ohne Stimulus sind der Normalfall und sind zu bevorzugen, weil die Handlungen natürlich entstehen und ablaufen. So ist am besten sicherzustellen, dass valide und generalisierbare Daten erhoben werden. Beobachtungen ohne Stimulus sind angezeigt, wenn Verhalten beobachtet werden soll, das in der gewählten Untersuchungssituation typischerweise häufig auftritt. Es ist aber kaum möglich, in diesem Setting Handlungen zu untersuchen, die nur selten auftreten, da über extrem lange Zeiträume beobachtet werden müsste, um auch nur wenige dieser Handlungen beobachten zu können (Sedlmeier & Renkewitz 2013: 104).

Sollen spezielle Handlungen oder seltene Verhaltensweisen beobachtet werden, so ist es nötig, die entsprechenden Handlungen zu stimulieren. Das kann durch Instruktionen oder Interventionen geschehen. Interventionen sind gezielte Eingriffe in den Handlungsverlauf, um die zu untersuchenden Handlungen zu provozieren. Wenn z.B. die Reaktion auf bestimmte Handlungen untersucht werden soll, ist es naheliegend, das Initiieren der Handlung von einer getarnten Person aus dem Forschungsteam ausführen zu lassen, um dann die Reaktion der untersuchten Personen zu beobachten. So ließe sich z.B. durch systematische Intervention beobachten, unter welchen Bedingungen Personen anderen helfen (Sedlmeier & Renkewitz 2013: 105). Eine andere Art der Intervention liegt in der Bereitstellung bestimmter Gegenstände, wenn der Umgang mit diesen beobachtet werden soll. Z.B. könnten in einer Wartesituation bestimmte Zeitschriften ausgelegt werden, um zu beobachten, welche Personen sich wie lange welche Zeitschriften ansehen. Beobachtungen mit Interventionen ähneln klassischen Experimentalsettings. Etwas anders funktionieren Beobachtungen mit Instruktionen. Bei diesen werden den Beobachteten Aufgaben gestellt oder sie werden gebeten, bestimmte Dinge zu tun. Die Aufgaben oder Bitten sollen dann diejenigen Verhaltensweisen initiieren, die beobachtet werden sollen. Ein klassisches Beispiel solcher Beobachtungen stammt von Piaget, der kleinen Kindern Aufgaben stellte und ihre Lösungsstrategien beobachtete, um damit bestimmte Entwicklungsstufen der Kinder zu identifizieren (Sedlmeier & Renkewitz 2013: 105). Huber (1993: 130–132) betrachtet die Methode des gleichzeitigen Lauten Denkens als eine Variante der Beobachtung mit Instruktionen. Bei dieser erfüllen die Beobachteten bestimmte Aufgaben und sind aufgefordert, parallel dazu ihre Gedanken zu äußern und ihre Handlungen zu erklären.

Zwar wäre es theoretisch besser, ohne Stimulus zu beobachten. In der Praxis ist es bei vielen interessierenden Verhaltensweisen aber nicht praktikabel. Beim gezielten Setzen von Stimuli muss eine Veränderung gegenüber dem natürlichen Verhalten zwar unterstellt werden, wie groß aber die Differenz zwischen natürlichem und stimuliertem Verhalten ist, lässt sich nur empirisch prüfen (Huber 1993: 130).

2.2.8 Standardisierte versus nicht-standardisierte Beobachtungsprotokolle

Die Art der Standardisierung betrifft die Art, wie die beobachteten Informationen protokolliert werden. Aus dieser Perspektive ist die wissenschaftliche Beobachtung ein systematisches Vorgehen, um beobachtete Handlungen, Handlungspuren oder Körperreaktionen in ein Zeichensystem zu überführen, das es den Forschenden möglichst einfach macht, aus dem Beobachteten die gewünschten Erkenntnisse zu ziehen. Die Standardisierung betrifft sowohl die Art der Durchführung als auch den eigentlichen Vorgang des Protokollierens. Die Frage nach der Standardisierung wird in allen Methodenbüchern diskutiert, in der Regel unter dem Begriff systematische versus unsystematische Beobachtung. Hier wird die Unterscheidung in nicht-standardisiert versus standardisiert bevorzugt, weil auch nicht-standardisierte Beobachtungen nach bestimmten Systemen vorgehen und insofern nicht als unsystematisch anzusehen sind. Zudem legt die technische Entwicklung nahe, die standardisierten Beobachtungen in zwei unterschiedliche Teilbereiche zu unterteilen: die standardisierte Beobachtung und die apparative Beobachtung. Wird die Beobachtung als die systematische Überführung beobachteter Aspekte in ein Zeichensystem verstanden, so arbeiten die drei Beobachtungsvarianten mit unterschiedlichen Zeichensystemen, die mit unterschiedlichen Problemen verbunden sind. Bei der nicht-standardisierten Beobachtung werden interessierende Aspekte in Text überführt. Bei den typischen standardisierten Beobachtungen werden die interessierenden Aspekte mit Zahlen festgehalten. Apparative Beobachtungen protokollieren die interessierenden Aspekte demgegenüber als Datenreihen.

Nicht-standardisierte Beobachtungsprotokolle werden von Personen erstellt. Sie beobachten das Geschehen, machen sich Notizen und erstellen ein Beobachtungsprotokoll, das im Wesentlichen aus Text besteht. Solche Beobachtungen sind fester Bestandteil der qualitativen Sozialforschung. Sie stammen aus der Ethnologie, sind aber auch in der Soziologie sowie der Medien- und Kulturwissenschaft verbreitet. Darüber hinaus kommen nichtstandardisierte Beobachtungen oft zum Einsatz, um unbekannte Gesellschaftsbereiche und bislang wenig untersuchte Verhaltensweisen zu explorieren und gegebenenfalls Theorien und Hypothesen zu entwickeln. Weil solche Beobachtungen nicht von bestimmten Modellen oder Hypothesen ausgehen, sondern inhaltlich offen angelegt sind, werden sie zum Teil auch als offenqualitative Beobachtungen bezeichnet. Da in der vorliegenden Systematik der Begriff „offen“ für nicht getarnte Beobachtungen vorgesehen ist, wird hier „offen“ nicht im Sinne von nicht-standardisiert verwendet. Die Art, wie die Beobachtenden das Geschehen protokollieren, ist nicht festgelegt, sondern den Beobachtenden überlassen. Darüber hinaus ist auch dem Beobachtungspersonal überlassen, wann sie protokollieren und inwiefern sie ihre eigene Interpretation dabei einfließen lassen. Nicht zuletzt gibt es bei nichtstandardisierten Beobachtungen keine klare Trennung zwischen Datenerhebung und Datenauswertung. Zum einen umfassen die Protokolle schon Anteile der Auswertung und Interpretation. Zum anderen ist es in vielen qualitativen Methoden vorgesehen, nach jedem Erhebungsschritt eine Auswertung vorzusehen, um nötigenfalls die folgenden Erhebungsschritte entsprechend anzupassen. Das Vorgehen dabei ist durchaus systematisch, es folgt aber keinen festgelegten Standards, sondern orientiert sich jeweils am vorhandenen Material.

Die nicht-standardisierte Beobachtung gilt als valide, weil das beobachtete Geschehen umfassend protokolliert werden kann und je nach Verlauf Aspekte umfassen kann, die nicht erwartet wurden. Die Durchführung solcher Beobachtungen ist allerdings schwierig, da gleichzeitig das Geschehen beobachtet und das Relevante protokolliert werden muss. Thierbach und Petschick (2014: 862–864) differenzieren deswegen zwischen Feldnotizen und Beobachtungs- bzw. Feldprotokollen. Feldnotizen bestehen aus kurzen Sätzen sowie Kürzeln, die allein den Anforderungen der jeweiligen Beobachtenden entsprechen und während der Beobachtung schnell gemacht werden können. Aus diesen werden nach der eigentlichen Beobachtung die Beobachtungsprotokolle erstellt, die im Gegensatz zu den Feldnotizen nicht nur für die beobachtende Person verständlich sein müssen, sondern für das gesamte Forschungsteam. Die Art, wie solche Protokolle inhaltlich aussehen und gestaltet sind, ist sehr unterschiedlich. Lüders (2009: 396) vergleicht das Erstellen ethnographischer Protokolle mit dem Verfassen literarischer Texte und infolgedessen die Beobachter und Beobachterinnen mit Autoren und Autorinnen. Klammer (2005: 208–216) vergleicht demgegenüber das Vorgehen bei nicht-standardisierten Beobachtungsprotokollen mit dem Vorgehen von Journalisten bei der Recherche und Erstellung von Beiträgen. Bei nichtstandardisierten Beobachtungsprotokollen ist es wichtig sicherzustellen, dass alle relevanten Aspekte in das Protokoll aufgenommen werden. Hierzu zählen insbesondere Angaben zu den beteiligten Personen, zum Ort der Beobachtung, zur Situation sowie zu Art und Zweck der ablaufenden Handlungen (Selltiz, Jahoda, Deutsch & Cook 1972: 245–257). Das Hauptproblem dabei ist die Absorption des Beobachtungspersonals, die zum einen dazu führt, dass nicht alle relevanten Aspekte bemerkt werden, und zum anderen dazu, dass Aspekte, die dem Beobachtungspersonal vor Ort normal erscheinen, nicht in die Protokolle aufgenommen werden. Deshalb ist es wichtig, möglichst umfangreiche Feldnotizen anzufertigen und Techniken zu lernen, um sich relevante Dinge möglichst lange und genau merken zu können.

Zumeist wird bei einem nicht-standardisiertem Vorgehen zunächst der Protokolltext erstellt und anschließend analysiert, also relevante Aspekte selektiert, paraphrasiert und kategorisiert. Allerdings ist in vielen Varianten qualitativer Sozialforschung (Bürsemeister 2008) oder der Ethnographie (Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand 2015) keine Trennung zwischen Erstellen von Protokollen und Auswerten von Protokollen vorgesehen. Diese Trennung ist z.B. nicht möglich, wenn bei der Erstellung des Protokolls aus den Feldnotizen sowohl das eigentliche Geschehen festgehalten wird, als auch inhaltliche Interpretationen sowie methodische Reflexionen, die aus einer anderen Wissenschaftsperspektive nicht zu Erhebung, sondern zur Auswertung gerechnet würden. Nach dem Forschungsprinzip der Grounded Theory (z.B. Strauss & Corbin 1996) wird die Art der Datenerhebung ständig auf der Basis erster Auswertungen angepasst und z.B. das axiale und selektive Codieren der Angaben aus den Protokollen als integraler Bestandteil der Datenerhebung verstanden.

Bei der standardisierten Beobachtung ist demgegenüber vorab genau festgelegt, wie die Beobachtung durchzuführen ist: Was die zu beobachtenden Einheiten sind, wie die Beobachtung abläuft und wie die Protokolle erstellt werden. Die standardisierte Beobachtung hat Validitätsprobleme, wenn die Festlegungen und Standardisierung nicht gut zur tatsächlichen Beobachtungssituation und zum beobachteten Geschehen passen. Demgegenüber haben standardisierte Beobachtungen Vorteile bei der Reliabilität und Objektivität, weil sichergestellt und kontrolliert werden kann, ob die Art der Beobachtung stabil ist und von unterschiedlichen Personen in gleicher Art durchgeführt wird. Das Herzstück standardisierter Beobachtungen sind die Beobachtungsanweisungen plus die standardisierten Protokollbögen. In den Anweisungen ist festzulegen, wie vorzugehen ist und welche Kategorien mit welchen Ausprägungen erfasst werden. In den Protokollbögen werden dann die entsprechenden Zahlencodes eingetragen und gegebenenfalls durch kurze Texte ergänzt. Damit wird sichergestellt, dass das Beobachtungspersonal in kurzer Zeit sehr viele Informationen festhalten kann. Da in standardisierten Beobachtungen vornehmlich mit Zahlencodes gearbeitet wird, liegen die Informationen unterschiedlich skaliert vor und können später mit den üblichen statistischen Verfahren ausgewertet werden.

Die Gestaltung der Beobachtungsanweisungen und der standardisierten Protokollbögen hängt stark von der untersuchten Fragestellung sowie der Beobachtungssituation ab. In Anlehnung an Döring und Bortz (2016: 342) lassen sich hier nicht-komplexe Beobachtungen und Verhaltensbeobachtungen differenzieren. Nicht-komplexe Beobachtungen zielen auf einfach zu erfassende Merkmale ab, die gezählt werden können. Entsprechende Beobachtungen werden z.B. in der Marktforschung benutzt, um die Beachtung von Regalen und Produkten zu erfassen, oder in der Sozialforschung, um den Zustand und die Qualität von Wohngebieten oder einzelnen Häusern einzuschätzen (siehe z.B. Häder 2015: 320–323). Verhaltensbeobachtungen sind demgegenüber komplexer, weil sie vom Beobachtenden die Interpretation des beobachteten Geschehens erfordern. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Interaktionsprozessanalyse von Bales (1976), die den Umgang von Personen in Gesprächen erfasst (siehe z.B. Friedrichs 1980: 278–280). Andere typische Beispiele betreffen das Spielen von Kindern (siehe z.B. Schnell, Hill & Esser 2011: 384–385) oder das Verhalten in Schulklassen (siehe z.B. Döring & Bortz 2016: 350). Verhaltensbeobachtungen sind aber auch deshalb komplex, weil die beobachteten Verhaltensweisen auf verschiedenen Ebenen (z.B. Individual- und Gruppenverhalten) erfasst werden müssen. Ein gutes Beispiel dazu liefert Friedrichs (1980: 297–300) aus einer Gefängnisstudie.

Beide dargestellten Varianten von Beobachtungen werden von Personen durchgeführt. In einer dritten Variante erheben stattdessen Apparate die interessierenden Sachverhalte. Die entsprechenden Sachverhalte müssen nicht manuell festgehalten werden. Die Protokolle bestehen rein aus zeitbezogenen Zustandsangaben meist in Form von digitalen Datenreihen. Oft repräsentiert ein einzelner Dateneintrag ein kurzes Zeitintervall, wobei sich die Beobachtung oft über lange Zeiträume erstreckt. In dieser Konstellation werden also Handlungen direkt in Daten überführt. Weil diese Überführung automatisch funktioniert, treten dabei praktisch keine Probleme der Reliabilität und Objektivität auf, fraglich ist aber immer, wofür die Daten stehen und ob sie valide sind. Die Daten lassen sich in Messungen bzw. Parameter umwandeln und stehen danach für statistische Auswertungsverfahren zur Verfügung. Bei der standardisierten Erhebung besteht oft das Problem, dass ausreichend viele Angaben ausreichend schnell codiert werden müssen. Bei der hochstandardisierten apparativen Erhebung stellt sich demgegenüber eher das Problem von zu vielen, zu individuellen und oftmals zu unspezifischen Daten. Diese müssen dann geeicht, gefiltert und aggregiert oder auch in Bezug zu anderen Daten gesetzt werden, bevor sie sinnvoll ausgewertet und interpretiert werden können.

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