Kitabı oku: «Malmotta - das Unbekannte»

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Walther Kabel

Malmotta – das Unbekannte

Saga

Malmotta – das UnbekannteCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1951, 2019 Walther Kabel und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711638071

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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1. Kapitel – Das Grab in der Savanne

Es lohnt sich, darüber zu berichten, wie ich Kapitän Peter Bolk, den Eigentümer eines jämmerlichen Küstenfahrers, einen Deutschen von Geburt, kennenlernte. Mein Weg abseits des Alltagsweges hatte mich in die Urwaldregion der südöstlichen Grenzgebiete Abessiniens geführt, und hier hatte ich Patumengi, den Häuptling der Dokozwerge kennengelernt.

Patumengi erwartete Peter Bolk, der ihn regelmäßig alle drei Monate besuchte.

»Das ist er, Olaf ... » flüsterte der Zwergenhäuptling grinsend.

Er hatte Grund zum besonderen Lächeln.

Was da nahte, war ein Unikum, ein Original, eine Rarität. Ich hätte mir den Mann weit eher in die Gefilde Karl Mayscher Indianerromantik hineingewünscht als hier in die Urwaldregion des südöstlichen Grenzgebiete Abessiniens.

Ich nahm mein Fernglas und beäugte das Wunder.

... Peter Bolk war ein hagerer Mensch mit einem ungepflegten weißen Patriarchenbart, mit einer dicken blauroten Nase im tiefgebräunten, tiefgekerbten fleischlosen Gesicht: ein mit Haut und Haaren überzogener Totenkopf.

Anzug?!

... Ein längst ausgedienter blauer Jackenanzug mit goldenen Ankerknöpfen, ein Gummikragen, eine speckige schwarze Schleife, hohe Schaftstiefel, in denen die zerknüllten Hosen staken ...

Und doch ...

Selbst die Kapitänsmütze, mochte sie noch so verwittert sein, saß keck auf einem Ohr, und der Gesamteindruck Peter Bolks verbesserte sich entschieden bei kritischer Würdigung der Einzelheiten seiner Erscheinung.

Daß er um die doppelreihige Jacke einen Ledergurt geschnallt hatte, an dem die Futterale zweier Pistolen hingen – daß er vor sich am Sattelknopf eine kurze Winchesterbüchse griffbereit baumeln ließ – daß er auf dem Rücken am Riemen ein Messingfernrohr von museumsreifer Antike sehen ließ ... – Nebensachen alles!

Patumengi trat ins Freie.

Patumengi ist etwa 1,10 Meter groß, aber sein Kopfputz aus Federn läßt ihn dreißig bis vierzig Zentimeter dazumogeln.

Er, intimer Vertrauter eines abessinischen Kaisers, er, so alt, daß er seine Jahre nur mehr schätzen kann, er, Gebieter von tausend Dokozwergen, verteilt auf sechs Baumsiedlungen – er mit einem durch Silberspangen zusammengehaltenen Leopardenfell, mit dem zerknitterten, mehr gelblichen als braunen Gesicht, begrüßte den Ankömmling mit der natürlichen Würde eines Greises, dessen Vergangenheit mehr Abenteuer aufweist, als in einem Dutzend Romane sich zusammendrängen ließ – er sprach zu Käpten Bolk in seinem seltsamen Kauderwelsch, das vielleicht an das Englische erinnerte:

»Sei willkommen in meinem Reiche, du Sohn des Meeres – hier ist mein Freund Abelsen – schenke ihm deine Seele, denn seine eigene Seele ist wie die weite Steppe, die im Sonnenlicht daliegt und keine Schatten besitzt.«

Peter Bolk schien jedoch dieser blumigen Empfehlung nicht recht zu trauen. Aus seinen klaren blauen Augen traf mich und meinen Fennek ein nadelscharfer Blick.

»Seit wann hast du dir den Gentleman als Prunkstück zugelegt, alter Patu?!«

Patumengo nahm diese kühle Abweisung gelassen hin.

»Dein Herz ist hart,« sagte er nachsichtig. »Ich kenne dich ... Ich kenne auch Olaf Abelsen. Er war mit im Berge des Affen, o Sohn des Meeres.«

Peter Bolks Mißtrauen war nicht so leicht zu zerstreuen.

»Mister Abelsen,« meinte er grobschlächtig, »was sind Sie von Beruf?«

Er hatte sein Tier niederknien lassen und war abgestiegen. Er hielt sich gebückt, seine Gestalt wirkte schlaff und altersgebeugt, er schien ohne geistige und körperliche Spannkraft zu sein, er hatte die trägen Bewegungen eines Menschen, der vom Leben nichts mehr erwartet, dem alles gleichgültig ist, dem das Schicksal mißlaunige Nackenschläge verabfolgte, bis der davon Betroffene eben zusammenbrach.

Aber – seine Augen.

Sie waren jung, fast zu jung, sie leuchteten in einem Feuer, das entschieden alles andere an dieser Persönlichkeit Lügen strafte, in ihnen schimmerte die klare Weite der Ozeane, funkelte der Nachglanz toller Orkane mit zuckenden Blitzen.

»Mein Beruf, Mr. Bolk?« erwiderte ich belustigt. »Einst Ingenieur, dann Sträfling, zur Zeit steckbrieflich Verfolgter, Weltentramp, Abenteurer, Nichtstuer, meinetwegen auch Opfer der irrenden Dame Justitia, die man vorsichtshalber stets mit einer Bilde vor den Augen darstellt – ein dickes Brett wäre besser. – Wünschen Sie noch mehr?«

Seine Blicke durchforschten mein Gesicht.

»Patumengi ist Menschenkenner,« murmelte er. »Und – alle zwanzig Jahre kehrt sie wieder – die Tatsachen sind nicht wegzuleugnen ...«

Seine Züge bekamen etwas Träumerisches.

»Alle zwanzig Jahre – es stimmt schon ...«

Er wandte den Kopf zur Seite, dann aufwärts. Er starrte in den lichtblauen Himmel, der vom Sonnenglast erfüllt war. Ein paar Aasgeier schwebten träge über einer fernen Baumgruppe ...

Patumengi raunte mir zu: »Du siehst, er hat seine Anfälle, er ist krank ...«

Peter Bolks Gesichtsmuskeln zuckten wie im Krampf. Er bemerkte nicht einmal, daß mein Mukki-Fennek, echter nubischer Wüstenfuchs, schlauer als ein Pudel, anhänglicher als der treueste Hund, seine hohen stark gefetteten Schaftstiefel beschnupperte. Fenneks buschige Rute reckte sich langsam hoch, die Fledermausohren richteten sich auf, und Mukki stieß ein ganz sanftes, leises Kak-Kak- Kak-Kak aus.

Mukki ist mir sicherster Charakterdeuter. Peter Bolk mochte geisteskrank, verkommen, entgleist sein: ein übler Wicht war er niemals. Der Fennek »riecht« die Abgründe der Seele.

Nun senkte der Käpten den Kopf, sein Gemurmel erstarb, er bückte sich, streichelte Fenneks gelbliches Seidenhaar und sagte dazu:

»Sie lieben Tiere, Abelsen ...«

»Ja!«

»Das spricht für Sie. – Habt ihr eure Dromedare in der Nähe?«

Der Zwergenkönig spähte in die Ferne. »Ich hörte drei Schüsse, o Sohn des Meeres, und dort kreisen die Geier ...«

Peter nickte. »Sie waren wieder hinter mir her, die Schufte ... Und dann waren sie vor mir, alter Patu. Aber mit solchen Schlichen fängt man Käptn Bolk nicht ... Reiten wir hinüber. Sie sind tot. Lebend wollten sie mich haben. Die Würfel fielen gegen sie. Es war ein ehrlicher Kampf von meiner Seite, Abelsen.«

Er schaute mich an. »Die drei kämpften unehrlich. Einer mag Pferdedieb in Texas gewesen sein. Er warf den Lasso wie ein Jongleur, aber meine Kugeln waren flinker.«

Patumengi hatte unsere Dromedare durch einen Pfiff herbeigelockt. Wortlos trabten wir zu den fernen Büschen. All das war sehr seltsam.

Wortlos betrachtete ich die Toten, drei Kerle wie Strauchdiebe. Jedem saß die Kugel im Hirn.

Bolk sagte kalt: »Das sind sie ... Vor zwanzig Jahren waren sie jung ... Sie wußten viel, und sie klebten sich an meine Fährte, bis sie mich fanden ... Narren!! Als ob’s auf Malmotta Gold gegeben hätte!« Er lachte bitter. »Gold?! Immer wieder dieser verfluchte blanke Dreck, Abelsen! Immer noch werden die Menschen zu Halsabschneidern dieses jämmerlichen Metalls wegen! – Buddeln wir sie ein ... Der da hieß Joicker, der da Mortensen, der Petersen ... um den tut’s mir leid, das war noch der Anständigste. Aber auch sein Herz war nur noch ein Spritfaß, die Kerle hatten den Alkoholwurm im Schädel – wie ich, denken Sie nun, Abelsen, und sie lächeln sicherlich ironisch ... Mein Würmchen, ja, das nährt sich nur in den Stunden banger Zweifel.« Ein nadelscharfer Blick traf mich. »Glauben Sie an die periodische Wiederkehr gewisser Erdumwälzungen? Sie sind doch ein Studierter ...«

Der ganze Mann und sein zusammenhangloses Gerede und seine unbegreifliche Kaltblütigkeit als Vernichter dreier Menschenleben waren mir ein Rätsel.

Ich kam nur zu der betrübenden Schlußfolgerung, daß es mit Peter Bolks Geisteszustand doch weit schlechter bestellt war, als Freund Patumengi mir dies ebenfalls sehr geheimnisvoll angedeutet hatte.

Er blickte mich immer noch durchdringend an.

»... Vielleicht,« fügte er hinzu, »vielleicht könnte ich sie brauchen ... Hätten Sie Lust zu einer Seereise ins Unbekannte, Abelsen?! Ihr Gesicht gefällt mir. Mein Würmchen darf Sie nicht stören. Jeder hat einen Gehirnknacks. Die Grenzlinien zwischen Gehirn und Irrsinn sind ziemlich verschwommen. Ich bin kein Genie, auch kein Verrückter. Ich ... warte nur. Nein, ich wartete. Denn die Zeit ist um, und dieser Besuch beim alten Patu mein letzter. Heute über zwölf Tage sticht mein frischgepinselter Schoner in See. Ich habe alles genau berechnet ... Wir kommen dann gerade zur rechten Zeit an.

Er hatte bereits begonnen, ein natürliches Sandloch zu vergrößern. Patumengi half ihm

Irgendein dunkler Trieb zwang mich dazu, gerade die Taschen des toten Petersen zu durchsuchen. Peter Bolk verlangte keine Antwort von mir, kümmerte sich auch nicht weiter um mein Tun – und Petersen sollte Deutscher gewesen sein. In meinen Adern floß zur Hälfte deutsches Blut. Das Wort »Mutter« war für mich noch immer wie ein Gebet.

Petersen war in grünen Kord gekleidet. Sein fahles Gesicht zeigte mir klare Linien einer besseren Vergangenheit.

Ich steckte seine Brieftasche, seine billige Nickeluhr und ein Medaillon, das er um den Hals auf der Brust trug, zu mir. Als ich den Jackenzipfel, der stark gewölbt war, befühlte, fand ich noch ein Ledersäckchen. Es war schwer und enthielt zu meinem Erstaunen tropfenförmige Goldklümpchen in Erbsengroße.

»Käptn, sehen Sie her ...«

Bolk zuckte die Achseln. »Weiß ich!! Gestohlen, geraubt! Schmeißen Sie das Zeug in das Sandloch – Vorwärts!« Seine Stimme war hart, seine Augen funkelten.

Patumengis kleine schmierige Hand griff nach dem Säckchen.

»Freund Olaf, aus der Erde kam's, die Erde erhält es zurück. Es klebt Unheil an diesen Körnern!«

Ich wandte mich ab als sie die Toten einscharrten und Sand und Steine zum Hügel wölbten. Mir war seltsam zumute. Vielleicht ist es das innige Vereintsein mit der Natur, das mir nun bereits seit Jahren beschieden ist und das meine feinsten Sinne geschärft und jenes »Unterbewußtsein« wachgerufen hat, von dessen Vorhandensein nicht nur der exakte Wissenschaftler, sondern ebensosehr der unzivilisierte Naturmensch Zeugnis ablegen kann. Ich ahnte irgend etwas Bedrohliches voraus. Ich kannte die drei Erschossenen nicht, ich kannte erst recht nicht ihre Beziehungen zu Peter Bolk. Ich sagte mir, daß der Kapitän doch sehr triftige Gründe für diesen letzten Besuch bei Patumengi gehabt haben müsse. Von der Küste hierher waren es gut acht Tagesritte. Aus rein freundschaftlichen Gefühlen würde Bolk wohl kaum in diese Einöde sich hineingewagt haben – nur um dem Zwergenkönig die Hand ein letztes Mal kameradschaftlich zu drücken. Acht Tage Dromedarreise, hier vielleicht zwei Ruhetage – dann wieder zurück zur Küste – wer nimmt diese Strapazen ohne triftigen Grund auf sich?!

... Und dann Bolks drei Verfolger! Wirklich nur drei?!

Sie hatten ihn hier überholt, hatten ihm hier in den Büschen aufgelauert ... Es stimmte schon, was er von dem Lassowurf angedeutet hatte. Er hatte darüber nicht viel Worte gemacht, das war wohl überhaupt nicht seine Art, aber mir war der rote dicke Streifen rund um seinen Hals über dem wenig dekorativen, zerplatzten Gummikragen nicht entgangen. Sie mußten ihn beinahe erwürgt haben, die drei, und seine Schüsse waren zweifellos in Notwehr abgegeben worden – ich sah seine Handlungsweise nun doch in weit milderem Licht an.

Rätsel ... viele Fragen ... – Und die Antwort darauf?! Die mußte ich mir wohl selbst suchen, Patumengi und der Käpten würden mich kaum so leicht in ihre Geheimnisse einweihen.

Dort, wo die Büsche eine lange grüne Zunge nach Norden in die Steppe vorstreckten, fand ich die drei Dromedare der Toten. Ich war sehr einfach den nur schlecht verwischten Spuren der Leute gefolgt.

Es waren ziemlich elende Kreaturen, diese drei Reittiere, sie hatten auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit dem schlanken vornehmen Wuchs meines eigenen Bischarin, das noch ein Andenken an verflossene Tage darstellte, als hier in den ostafrikanischen Ebenen und Wäldern eine stolze herrische Frau mit ihren Bischarin-Kriegern aufgetaucht war.

Vorbei!

Auch das ... war einmal! Wie so vieles andere ... ! Menschen kreuzten meinen Weg, Menschen gewann ich lieb, Menschen zerrannen mir wie Nebelschwaden vor dem Wind des Schicksals.

Ich betrachtete die drei abgehetzten Kreaturen, die widerkäuend im Grase ruhten und mich hochmütig anglotzten. Seltsam, daß gerade im Auge der Dromedare soviel dummer Hochmut liegt ...

Sie waren gesattelt, gezäumt, in der Erde staken die Weidepflöcke mit den Halsriemen, das Gras war rund um die Tiere bis auf einzelne Büschel abgerupft. Wie übermüdet mußten sie sein, daß sie im Liegen gefressen hatten!

Mit dem Sattelzeug war auch nicht viel Staat zu machen. Die Wasserschläuche waren leer, in den beschabten Satteltaschen entdeckte ich nur armseligen Kram, nur das Tier des Deutschen Petersen brachte mir einen geringen Aufschluß über diesen Mann. Seine Papiere hatte ich noch nicht durchgesehen – hier stieß ich auf eine lederne Kartentasche, in der ich vier sehr genaue Seekarten eines bestimmten Teils des Stillen Ozeans fand. In die linke obere Ecke jeder Karte was mit Tintenstift geschrieben:

Johann Friedrich Petersen, Hamburg.

Also ein Seemann! riet ich.

Ich steckte auch die Karten zu mir. Fennek-Freund stupste mich in demselben Moment mit dem Näschen. Im Nu hatte ich die Büchse halb erhoben ... Ein Blick auf Mukki ... Er starrte sprungbereit auf einen dunklen dichten Strauch jenseits der Tiere ...

Ich sah etwas, das mich veranlaßte, mich sofort niederzuwerfen: es war ein Büchsenlauf und – und eine Hand ... Nur das!

Mithin ein vierter Wegelagerer! – Ich hatte es ja geahnt ... Und dieser Vierte würde wohl nicht der einzige Überlebende sein! Sollte ich Patumengi und Bolk warnen?!

Wieder ein prüfender Blick auf Fennek-Freund. Aber der hatte seine Haltung geändert, er saß neben mir, die buschige Rute lang nach hinten gedrückt, die Riesenohren zur Seite gestellt, und sein Interesse galt lediglich noch einem Stein, unter dem das Loch einer Mäusefamilie lockend hervorgähnte. Wenn Mukki für solche Leckerbissen Neigung verspürte, war jede Gefahr beseitigt. Auf Fennek konnte ich mich unbedingt verlassen. Sein Geruchssinn war so glänzend, daß dagegen selbst der mir als bestes »Nasentier« bekannte Leopard nicht aufkam.

Ich erhob mich – zwei Sprünge brachten mich in Deckung hinter einen dicken kurzstämmigen Feigenbaum – ein Blick in die Steppe zeigte mir den davonjagenden Fremden, der einen scheinbar sehr guten Gaul ritt und einen dunkelgrünen Anzug trug, dazu hellgelbe Schnallgamaschen und einen breitrandigen hellen Filzhut.

Sollte ich hinter ihm drein?! Hatte es Zweck, ihn zu verfolgen?! Würde nicht sein Vorsprung allzu groß werden, wenn ich erst mein Bischarin herbeiholte?!

Holen?!

Ich pfiff, ich steckte den gekrümmten Zeigefinger in den Mund, der schrille Ton durchschnitt die Luft – die Dromedare der Toten spitzten die Ohren, dann ein Rauschen der Büsche, mein Bischarin jagte herbei – und dann hinaus in die wellige sonnige Steppe, deren Buschinseln und Waldstreifen über dem gelbgrünen Grase wie Wolken im Nebelmeer zu schwimmen schienen.

Nebel?!

Nebel?!

Nein – nur Blütenstaub all dieser unzähligen Katsa-Kriechpflanzen, die zweimal im Jahre an ihren vielverzweigten Ästen gelbe Äpfel treiben – Äpfel die man nicht berühren darf, die nichts sind als feinster Staub, den schon ein schärferer Lufthauch hochtreibt – und diese eigentümliche Erscheinung, die der Uneingeweihte stets für Sandwolken halten wird, steigerte sich noch zu richtigem dickem Nebel, als ein paar fauchende Sturmfanfaren über die Savanne jagten und das Heraufziehen des im Westen drohenden Gewitters anzeigten.

Der Reiter war verschwunden ...

Mein Bischarin trabte weit ausholend in dieses treibende Gewölk des ätzenden Blütenstaubs hinein – und ich riß das Tier nicht zurück, zu spät fiel mir ein, daß Freund Patumengi mich vor diesen Stellen, wo die Katsa so zahlreich vorkommt, eindringlich gewarnt hatte – erst meine tränenden Augen, der Hustenreiz in der Kehle, das immer stärker werdende Brennen der Augen und ein Seitensprung meines Dromedars mahnten mich an die nicht geringe Gefahr dieser übereifrigen Hetze.

Die Tiere waren klüger als ich. Fennek-Mukki hatte längst kehrtgemacht, der arme kleine Kerl hatte ja den verderblichen Staub am allerstärksten schlucken müssen – ich so hoch zu Dromedar bekam den unwillkommenen Segen nur verdünnt zu kosten aber es genügte!

Fennek, Bischarin – beide entflohen dem ätzenden gelben Nebel, beide führten mich dorthin zurück, wo Patumengi einem Halbblinden dann aus dem Sattel half und ihn mit Vorwürfen überschüttete.

So endete dieses Abenteuer.

Es war zugleich der Anfang der seltsamen Geschichte von Malmotta.

2 Kapitel – Ganze Tage in Baobabs

Und nun sitze ich, über den Augen eine feuchte Binde, auf der Veranda des Palastes des Zwergenkönigs, und neben mir hockt Patumengis Urenkelin, die kleine zierliche Doko-Prinzessin, ein Püppchen in klarem Leinen mit feuerroter Seidenschärpe, und erneuert beständig die kühlenden Kompressen.

Wenn sie sie wechselt, wenn ich die Augen zu öffnen wage, dann sehe ich vor mir durch die blattlosen Zweige des Baobab-Baumes, in dessen Wipfel dieses Bambushaus hineingebaut ist, eine Anzahl anderer Baobabs und kleinerer Hütten, sehe ich die leichten Leitern, auf denen die Doko hinab- und hinaufsteigen zu ihren luftigen sicheren Behausungen – und senke ich den Blick hinab zur Baumlichtung, so gewahre ich die Ziegen, Schafe, Hunde, Dromedare des Zwergenvolkes, bewacht von kleinen gelbbraunen Dokos mit überlangen Bogen und vergifteten Pfeilen ...

Dann ist das alles mir immer wieder aufs neue wie ein Traum ...

Wer ahnt draußen in den riesengroßen Steinhaufen der Weltstädte mit ihrem Gestank und ihrem Lärm und ihrer Verlogenheit einer übereifrigen habgierigen Bevölkerung etwas von diesen Doko-Siedlungen?! Wer sah je Affenbrotbäume wie diese hier, eine ganzen Wald – Stämme, deren Alter nachweislich mehrere tausend Jahre beträgt – Baumriesen, bekannt vielleicht dem Namen nach aus den verschiedenen Regionen Afrikas als Baobab, Mbuju, Mowana oder Tabaldie.

Mit einem Stammdurchmesser von mindestens zwölf Metern – mit riesigen weißen Blüten, die sehr rasch wieder abfallen, die dann die halbmeterlangen melonenähnlichen »Affenbrot«-Früchte hervorbringen, deren säuerliches Fruchtmark die Doko in tonnenförmige Tongefäße tun, gären lassen und nachher trinken – ein Zaubersaft, erquickend, leicht berauschend ...

Viele der Baobabs sind innen hohl und dienen den Zwergen als Ställe für das Vieh. Alle aber haben die Eigentümlichkeit, daß sich die halbkugelige gigantische Baumkrone unten bis zur Erde hinzieht, sich auf den Boden stützt – also Säle oder Gemächer bildet, in die nur vereinzelt ein verlorener Sonnenstrahl dringt.

Das hier ist Patumengis Reich, dieser ferne, große unbekannte Baobab-Wald – hier hausen die kleinen Menschlein unter Freund Patus strengem Regiment, abgeschlossen gegen die Außenwelt durch einen öden Steppengürtel, und doch wieder nicht abgeschlossen genug vor der Raubgier wilder, ziehender Somalihorden, die frech über die Grenzen kommen und stehlen und morden möchten.

Patu hat das ihnen so ziemlich abgewöhnt. Patu hat hundert Krieger, die ganz modern bewaffnet sind – Patu besitzt Winchesterbüchsen, Pistolen, Patronen – und kennt kein Erbarmen! Wehe dem braunschwarzen Somal, der das Doko-Gebiet betritt ... Späher schützen das kleine Reich, riesige Signaltrommeln melden jeden verdächtigen Fremden, und drüben in der Steppe sah ich die langen Erdhügel, unter denen die Feinde der Doko den ewigen Schlaf gefunden.

Das ist Patumengis Reich.

Als ich es zum ersten Male durchquerte, als wir damals von dem Berge der Affen kamen und Freund Patu mir die Überraschung nicht verderben wollte und alles nur in kargen Worten vorher angedeutet hatte, da habe ich gestaunt, da habe ich still und tief bewegt des Gnomenkönig Hand gedrückt und mich nicht mehr darüber gewundert, daß gerade er der Vertraute eines abessinischen Kaisers gewesen ...

Jetzt?!

Patus Urenkelin legt mir Kompressen auf, und ihr Puppengesichtchen strahlt vor Freude, mir dienen zu können ...

Blaues Leinen und feuerrote Seidenschärpe regen sich ...

Prinzessin Matugira schiebt mir die Zigarre zwischen die Lippen und lacht und streichelt meinen Stachelbart. Seit vier Tagen unrasiert.

... Sie lacht und kichert und reibt mein Luntenfeuerzeug an und sagt in ihrem Urgroßvater-Kauderwelsch, ich solle nur ziehen ...

Ich ziehe ...

Die Zigarre brennt, und wir setzen unser vorsichtiges Gespräch fort.

Patu und Peter Bolk sind in die Steppe hinaus – irgendwohin ...

Wohin?! – Ich weiß es nicht. Keiner weiß es. Auch die zierliche Matugira, die zwölf Jahre alt ist und sehr bald heiraten wird, gibt stets vor, nichts zu wissen ...

Sie schwindelt.

Sie schwindeln alle hier, alle, die mich halbblinden Kranken hier besuchen kommen und mir die Zeit vertreiben wollen und ... die alle nicht ahnen, daß Olaf Karl Abelsen in diesem Falle der größte Schwindler ist.

Es ist ja gar nicht mehr so schlimm mit meinen Augen. Ich kann sie getrost minutenlang offenhalten – gewiß, sie tränen, aber das rührt wohl mehr von dem Küchendunst her, der hier in der Baumkrone bei dieser abendlichen Windstille zäh zwischen den Ästen, Zweigen und Früchten hängenbleibt.

Es ist ein unehrliches Spiel, dessen ich mich schämen müßte, wenn ich nicht immer an den Gefangenen dort drüben dächte – an den Fremden, den ich verfolgte, der auch in die Katsa-Nebel geriet, dessen armes Pferd zusammenbrach in schwerer Atemnot und den Patumengis Leibwache herbeischleppte und da unten in dem einen hohen Baobab einsperrte ...

Nur ein einziges Mal habe ich das Gesicht dieses Fremden erblickt, und ich war betroffen von der weichen Schönheit dieses gebräunten Antlitzes und dem hellen Glanz des blonden Haares.

Soll dieser Ärmste, blutjung, mehr Jüngling als Mann, ewig hier im Doko-Reiche festgehalten werden?! Was haben sie mit ihm vor?!

Ich weiß, es nicht. Patu und Bolk reden nie über ihn, und gerade das erscheint mir verdächtig und bedrohlich.

Die kleine Prinzessin plappert und redet, Fennek-Mukki liegt mir zu Füßen, die Abendsonne vergoldet den riesigen Wald, die Tiere unten in den Lichtungen drängen sich zusammen – Feuer der Hirten flackern auf, Leoparde und Wildhunde lieben das Ziegenfleisch, und der Urwald hat Schluchten und Dornendickichte, murmelnde Quellen, Bäche und alle Wunder dieses seltsamen Grenzlandes, das noch zum Reiche Abessinien gehört und doch ein Reich für sich ist ...

Der Abend ist da.

Die Nacht ist da.

Matugira holt mir die Mahlzeit, es kommen zwei Unterhäuptlinge, reden, reden ...

Ich wünsche anderes.

In dieser Nacht werde ich mein luftiges Gemach des großen Bambuspalastes heimlich verlassen und den Fremden sprechen.

Matugira füttert mich mit Hirsekuchen und Taubenfleisch und gibt mir Baobab-Wein zu trinken. Ich habe das ekle Gefühl, daß ein Judas Ischariot hier Gastfreundschaft in Anspruch nimmt. Andererseits: Man treibt hier auch mit mir kein ehrliches Spiel! Ich glaube einigen Anspruch auf Patumengis Dankbarkeit zu besitzen. Er hätte mir über Peter Bolk längst reinen Wein einschenken können. Weshalb diese Geheimniskrämerei? Er kennt mich doch. Ich dränge mich niemandem auf und dränge in fremde Angelegenheiten nicht hinein. Ich verlange nur das, was man als Freund vom Freunde fordern kann. Sollte ich nun auch durch den alten Patu enttäuscht werden?!

Die Puppenprinzessin und die höflichen Unterhäuptlinge reden und reden, und meine Gedanken sind in dem Baumgefängnis bei dem blonden Gefangenen mit dem zarten feinen jungen Gesicht.

Ich antworte und gähne – und die Herren empfehlen sich, und Matugira führt mich in mein Gemach.

Wie gesagt, das Haus ist groß, ist sehr groß, ist zierlich gebaut, überreich geschmückt, die Türpfosten sind geschnitzt und die Zwischenwände noch mit bunten Bastmatten behängt. Der Palast ist in der Krone des ältesten Baobab errichtet worden. Der Stamm hat einen Durchmesser von etwa fünfzehn Metern, der Dom der Krone ist ein Riesensaal, durch festgestampften Lehm, durch den sich rote Tonstreifen ziehen, sauber gedielt – er ist der Versammlungsraum der Doko-Führer, ihr Parlamentsgebäude. Unten in dem hohlen Baumkoloß wohnt der Ober-Fetischmann des Gnomenvolkes, ein ebenfalls uralter Knabe mit einem listig-freundlichen, zerknitterten Gesicht.

Mambi heißt er. Er ist mir sehr gewogen, denn ich begegne ihm mit allem Respekt und ausgesuchter Höflichkeit.

Mein Gemach hat drei Meter im Quadrat, eine Tür aus Baumrinde, eine große Fensteröffnung und einige Prunkmöbel europäischen Ursprungs: einen Plüschsessel mit drei Beinen, einen Regulator, der nicht geht, und einen runden Tisch mit zersprungener Glasplatte, unter der sich eine grellbunte Stickerei befindet.

Das Bett ist ein Rahmen aus Bambusstangen, mit Fellen bespannt – feine wollene Decken bilden das Bettzeug, und eine Petroleumhängelampe, die sogar brennt, erhöhen den Luxus ins ungemessene.

Die Doko gehen sehr früh zur Koje. Gegen neun Uhr ist im Hause alles still.

Nur neben mir, wo Matugiras Großmutter jede Nacht wie ein Nashorn prustet und schnarcht, wird es nie ruhig. Die alte Zwergendame hat sich dem heimlichen Trunk ergeben, und ihre Nachtkonzerte werden von schrillem Traumgeschnatter und gelegentlich angstvollen Schreien unterbrochen. Das stört.

Zum Glück hatte ich nur die eine Nachbarin. Mein »Zimmer« liegt an der Ostecke, dicht am Haupteingang.

Matugira ist gegangen, hat mir die Hand gedrückt, hat Fennek mitgenommen, damit er sich draußen im Wald noch ein wenig auslüftete – und so weiter. Meine Uhr zeigt halb zehn, als sie ihn lautlos zurückbringt – ich liege bereits und täusche Schlaf vor, sie verschwindet, Fennek springt wie stets auf das Bett und rollt sich an meiner Brust zusammen. Was nicht immer angenehm, denn ich liebe allzu starken Rosenduft nicht, und Fenneks Afterdrüse, Viole genannt, riecht tatsächlich nach Rosen wie bei allen afrikanischen Fenneks. Die Natur liebt solche Duftscherze.

Ich liege und grübele und lausche dem fernen Grollen eines Gewitters. Es ist die Zeit, wo sich in den Vorbergen des Tafellandes Abessinien die Kanonaden des Himmels jeden Tag vernehmen lassen und die ungeheuren Regenfälle sogar dem dürstenden Boden der Steppe ihr fruchtbares Naß spenden. Es ist die Zeit, wo aus den Schluchten der nördlichen Gebirge wütende schäumende Flüsse werden und ihre Wassermassen sogar bis nach den nubischen Wadis (Tälern) ihre ersehnte Feuchtigkeit tragen.

Fennek schläft. Er liegt zusammengerollt als gelblicher Haarring da, seine feinen Härchen kitzeln mein stoppeliges Kinn, und ich erinnere mich an die dringende Notwendigkeit, meinen Rasierapparat einmal wieder zu benutzen.

Fernher kommt das Stimmengewirr der Tiere der Doko, verschlafenes Blöken und Meckern und heiseres Kläffen, auch wohl ein dumpfer Krach zuweilen: ein Blitz der meilenweit nordwärts niederfuhr und seine Schallwellen bis hierher sandte.

Dann setzte das leise feine Tröpfeln ein. Regen klatscht auf das Rindendach des Palastes, das mit Rindenstückchen von drei Meter im Quadrat belegt ist. Auch diese spendet der heilige Baobab, dessen Holz so weich ist, dessen faustdicke Rinde sich lockert, wenn sie die Doko mit Holzhämmern tagelang klopfen. Dann schneiden sie mit den schwertähnlichen Messern die losen Stücke heraus, bestreichen die große Stammwunde mit nassem Ton und schnüren Bast darüber. Ein alter Baobab verträgt vier bis fünf solcher »Wunden« – aber, wie gesagt – sie müssen verbunden werden.

Rasieren ...

Man kommt doch nicht los von diesem Kulturzwang der Sauberkeit. Ich habe mich an einen Vollbart nie gewöhnen können, und ich habe neue Rasierklingen, Seife, vieles andere mit aus dem Zauberberg der Affenkönigen, der Herrin der Unterwelt, hierher genommen.

Ich zünde die Lampe an ... Fennek beobachtet mich sehr mißbilligend. Gestörte Nachtruhe.

Ich seife mich ein, und ich werde wieder ich selbst. Ich prüfe meine Augen – die Entzündung ist zurückgegangen. Es wird schon werden.

Ich schnalle den Ledergurt um, und leise öffne ich die Tür, schleiche zur Leiter, klettere hinab. Fennek wollte mit. Er ist gehorsam. Seine großen blanken Augen beäugten mich noch mißbilligender.

Die Bambusleiter knarrt, aber das Grollen und Tröpfeln übertönt die verräterischen Geräusche.

Der hohle Baumgigant, das Gefängnis des blonden Fremden, hat eine Pforte aus Balken und Latten und Leder und drei Riegel. Ich bin die letzte Strecke gekrochen, und das nächste Hirtenfeuer trifft den Baobab von der anderen Seite – hier ist Schatten, Dunkelheit.

Ich öffne die Riegel und ziehe die schwere Pforte etwas auf. Ein Glück, daß ich nie allzu vertrauensselig bin. Der Hieb mit einem schweren Tonkrug, der für meinen Kopf bestimmt war, geht daneben.

»Lassen Sie den Unsinn!« – mein Flüstern findet Antwort ...

»Entschuldigen Sie ... ich glaubte ... » – die rauhe Stimme verstummt, ich schlüpfe hinein und der Fremde fügt hinzu: »Ich wollte fliehen...«

Ich sehe nichts von ihm. Es ist hier stockdunkel.

»Wer sind Sie?«

Eine Weile schweigt er.

»In welcher Absicht kommen Sie, Mr. Abelsen?!«

»In guter ... Brauchen Sie Hilfe? Was hat man mit Ihnen vor?«

Wieder eine Pause. »Man wird mich später freilassen, Mr. Abelsen. Patumengi versprach es mir.

»Wann?«

»Gestern. – Man behandelt mich nicht schlecht, aber der Waffenschmuggel wird schwer bestraft, und der Schuft Bolk will erst das Hafennest hinter sich haben.«

Bisher hatte ich der heiseren Stimme des Fremden keinerlei Erregung angemerkt. Jetzt, als er über Peter Bolk redete, war der Ton erfüllt von Haß und finsterer Feindseligkeit. Noch anderes schwang in diesem schrillen Ton mit: eine eisige Ruhe, eine kalte Entschlossenheit.

»Gehörten Sie mit zu den dreien, die den Käpten überfielen?« fragte ich geradezu.

»Ja und nein.« Die Antwort kam ohne Zaudern. »Bolk ist ein Schurke – vielleicht waren auch Joick und Mortison nichts Besseres, aber der Deutsche Petersen kann nur als Verführter gelten.«

Wir standen hier in der Finsternis des Bauminnern dicht voreinander. Ich spürte den Atem des Fremden trotz der Modeluft und der faulenden Holzwände, und dieser Atem wehte mich an wie etwas ganz Besonderes.

»... Ich folgte den dreien – ich war allein,« fuhr der junge Mensch bitter fort. »Ich hätte früher eingreifen sollen ... Sie ahnen nicht, was ich hier gelitten habe und noch leide – nicht durch die Zwerge, denn sie sind sanft, gut, hilfsbereit, soweit man das von diesen Wilden verlangen kann. Aber Bolk ... » – die Stimme versagte ihm, ein Laut wie ein kurzes Aufschluchzen traf mein Ohr, ebenso jäh kam der finstere Nachsatz: »Bolk wird es büßen, so wahr ich Jan Terpe heiße!!«

»Jan ... Terpe ... » wiederholte ich. »Ein Deutscher, junger Mann?«

Er lachte eigentümlich schrill.

»Auch das! Aber mehr ein Südseeinsulaner, Mr. Abelsen, einer von Malmotta ... Kennen Sie die Insel?!

»Nein.«

Wieder das eigentümliche kurze Auflachen. »Glaube ich Ihnen gern! Ich dachte, Bolk hätte sie erwähnt.«

»Das tat er wohl, aber er ist etwas wirr im Kopf, glaube ich – aus seinen Reden wird niemand klug ...«

Der Fremde schwieg.

Ich fand sein Verhalten zumindest recht sonderbar. Ich gewann von ihm denselben Eindruck, den auch das Verhältnis zwischen Patumengi und Bolk auf mich gemacht hatte: Geheimnisvoll! – Bolks Beziehung zu dem Dokokönig war ja nun geklärt: Waffenschmuggel!! Aber dieser Jan Terpe?!

Ich sagte eindringlich: »Junger Mann, Sie kannten also Petersen genauer? Reden Sie ganz offen mir gegenüber. Ich verrate nichts. Ich will nur Klarheit haben.«

Draußen erhob sich gedämpfter Lärm. Ich vernahm das Schnauben von Dromedaren, Patumengis scharfe Stimme rief irgend etwas – für mich war es höchste Zeit zu verschwinden.

»Ich komme wieder,« flüsterte ich ...

Schon war ich draußen, schloß die Riegel, schlüpfte geduckt davon und erreichte atemlos mein kleines Gemach – dicht hinter mir erklommen Patumengi und Bolk die Leiter, sie hatten doch wohl noch gemerkt, daß jemand in den Bambuspalast schlüpfte – ich riß mir förmlich die Kleider vom Leibe, kroch unter die Wolldecke und kehrte das Gesicht der Wand zu.

Ich hörte Patus hastiges Wispern, Bolks melancholischen Baß – dann knarrten die Stämme des langen Flures, das Knarren verebbte ... Die beiden hatten offenbar Bolks Kammer betreten. Die Gefahr, daß mein kurzer Ausflug entdeckt sei, war vorüber.

Fennek leckte mir die Hand, beschnüffelte mich und kuschelte sich an meinen Rücken. Ich streichelte ihn, und durch mein Hirn zogen Gedankenbilder in bunter Reihe ... Namen, Menschen, Ereignisse.

Malmotta?!

Was war es wohl mit dieser Insel?! Erst hatte der Käpten sie erwähnt, nun hatte Jan Terpe sich als gebürtiger Malmottaner bekannt. Joicker, Mortison, Petersen mußten die Insel gleichfalls einst besucht haben ... Einst! Wann?! Und weshalb waren sie dann so eifrig hinter Käpten Bolk hergewesen?!

Gold etwa?!

Goldgier?!

... Mir fiel das Ledersäckchen ein ... Patumengi hatte es in das gemeinsame Grab der drei geschleudert ...

Da waren überall die Enden von Fäden ... Aber es waren nur kurze Stücke, und sie ließen sich nicht aneinanderknoten ...

Ich schlief ein.

Im Nebenraum schnarchte die uralte trunkfeste Großmutter des Püppchens Matugira ...

War ich über ihrem röchelnden Sägen erwacht?!

Ich fuhr hoch ...

Durch die Fensteröffnung fiel das Morgenzwielicht in die enge saubere Kammer und auf Peter Bolks hagere gebeugte Gestalt.

»Ich nehme Sie mit, Abelsen,« sagte er kurz. »Wollen Sie?! Kennen Sie die Südsee?!«

Traumbefangen murmelte ich nur:

»Malmotta?«

»Ja!!«

Und er richtet sich straff auf.

»Ja!! – Geloben Sie mir als anständiger Kerl hier in die Hand, daß Sie schweigen werden – dann sehen Sie Malmotta, nur dann! Es ist nichts Unehrenhaftes bei alledem – auch mein Wort darauf!«

Unsere Hände fanden sich in kräftigen Druck.

»Wir reiten in einer Stunde,« erklärte der Käpten dann. »Ziehen Sie sich an ... Packen Sie ihre Sachen ...«

Er ging hinaus, und jetzt erst gewahrte ich auch Patumengi, der still in dem alten Plüschsessel kauerte.

»Freund Olaf, mein Herz wird leer werden,« meinte er klagend. »Und doch lasse ich dich gern gehen, Freund Olaf. Peter Bolk ist ein Mann des Meeres, und seine Seele ist rein wie die Luft an den steinigen Ufern von Batimar ...«

Der plötzliche Aufbruch hatte die ganze Doko-Siedlung auf die Beine gebracht. Es gab zahlloses Händeschütteln. Es gab blumenreiche Reden.

Und – die Pforte des Gefängnisses Jan Terpes hing schief in den Angeln.

Ich sah es und schwieg.

Das Fehlen meines Jagdmessers aus der Lederscheide erklärte manches. Jan Terpe mußte es mir entwendet haben, als wir im Finstern im hohlen Baobab so rasch Abschied genommen und ich mich dabei gegen die Pforte gelehnt hatte ...

Bolk, Patu und ich trabten in die Steppe hinaus.

3. Kapitel – An den Ufern von Batimar

... Es ist für heute genug. Ich lege die Feder weg und greife nach der erloschenen Zigarre. Gedankenvoll reibe ich das Zündholz an und rauche still und blicke durch das kleine Fenster der Heckkajüte auf die schlanken Palmen und zerrissenen nackten Felsen, die diese schmale Meeresbucht, gleichzeitig Mündung eines armseligen Flüßchens, einrahmen. Sie türmen sich hier am Nordufer hoch empor, sie schwellen an zu einem von Kugelkakteen und anderen ungemütlichen Pflanzen dicht bedeckten Berge. Er hat keinen Namen, und auch das Flüßchen ist namenlos. Wir befinden uns hier mit dem Schoner »Astarte« in dem gottverlassensten Küstenstrich des südwestlichen Roten Meeres. Das nächste Hafennest heißt Batimar.

– Nehmen wir an, es heißt so. Ich habe Käpten Bolk meine Diskretion zugesichert, und ich will selbst in diesen Tagebuchblättern Peter Bolks Vertrauen nach Möglichkeit gerecht werden. Also ... Batimar. Hafennest.

Gestern abend sind wir in diesem Versteck der Astarte angelangt. Zwei abgehetzte müde Reiter, sechs Dromedare, ein Fennek. Es war kein Vergnügungsritt von Patumengis fernem Reich bis hierher. Es war Erleben, Leben, Wagen, Jagen – es war doch ein Vergnügen!

Meine Zigarre brennt, und wenn ich in die Rauchwölkchen emporstarre, formen sie sich zu gelbbraunen Zwergengesichtern, zu riesigen Bäumen und Bambushütten, die wie Nester in den Kronen hängen.

Patumengis Reich ...

Es war.

Auch das liegt hinter mir. Wochenlang dort Gast, wochenlang dort die Schönheiten der weiten Steppen genossen und die Gastfreiheit der Doko, die meine Freunde sind – noch immer.

In all diesen Wochen hat meine Feder geruht. Zum Schreiben gehört Tinte. Tinte war nicht da, aber ... Trägheit auf meiner Seite. Ich faulenzte voll Behagen, ich ließ mir von Patumengi alles zeigen, was die Umgebung bot, wir ritten, jagten, redeten, und wenn ich wollte, könnte ich hier aus des Sagenschatz des Zwergenvolkes manches so recht Ursprünglich-Schöne berichten. Es ist erstaunlich, wie ein so kleines Völkchen von Gnomen an seinen Märchen festhält, und wie die Fetischmänner, die Herren Priester, den neuen Generationen diese Märchen und Sagen geradezu einhämmern, damit nichts in Vergessenheit gerate.

Und dann kam eben Peter Bolk, der Waffenschmuggler.

Der Punkt ist geklärt. Der kleine uralte Patumengi als weitsichtiger Herrscher wollte seine Untertanen mit den neuesten Erzeugnissen der Waffenindustrie versehen, lernte Bolk in Batimar kennen und zeigte ihm heimlich einen Sack voll tropfenförmiger Goldkörner. Auch der Käpten brauchte Geld, und Peter wartete – volle zwanzig Jahre.

Worauf?!

... Das hängt mit Malmotta zusammen.

Mehr weiß ich nicht. –

Wie gesagt – Ruhepause in dieser Arbeit des Niederschreibens unvergeßlicher Erinnerungen. Hinaus ins Freie, empor auf den Berg mit dem Fernrohr, damit ich mir Batimor auf diese Weise anschaue.

Fennek trabt vor mir her durch die Dornen. Auf dem Schoner lümmeln sich nur Chinesen herum – Peter und die übrigen sind heimlich hinein nach Batimar, den Proviant zu ergänzen. Nachts wollen sie zurück sein – wenn alles gut geht.

Fennek-Mukki findet diese Bucht ideal. Es ist ein Mäusequartier. Fennek stört dieses Paradies und mordet und frißt. Datteln sind ihm ja lieber. Mäuse sind nicht sein Hauptgericht. Er ist halb Vegetarier, halb Fleischfresser. Wie alle Wüstenfüchse aus Ägypten.

So erreichen wir dann den Berggipfel. Wir nehmen uns nicht weiter in acht, denn diese öde Landschaft birgt keine Gefahren. Nur im Süden, wo sich des abessinischen Herrschers Polizei und Zöllner und Spürnasen in Batimar breitmachten, ist windiger Boden.

Desto erstaunter bin ich, als ich, um ein letztes Gestrüpp biegend, durch Mukki energisch gewarnt werde.

Ich pflege nie und nirgends hart aufzutreten. Ich bin kein Leisetreter. Aber die Wildnis, meine Heimat, fördert das Federn des Schrittes und das stete Wachsein.

Ich luge um den Busch, ich sehe zehn Schritt vor mir auf einem Stein im Schatten einer verkrüppelten Palme eine Frau in Weiß, nur ihren Rücken.

Sie sitzt gebeugt, die Hände um die Knie geschlungen, neben ihr liegen vier Dinge, die allerlei erraten lassen: eine kleine Pistole im Futteral, eine Reitgerte und ... eine Thermosflasche, deren Becherdeckel abgeschraubt ist.

Eine rasche Ideenverbindung bringt diese Miß mit der eleganten Privatjacht in engste Beziehung, die in Batimar ankern soll, wie Li, der Koch der Astarte, uns gestern nacht gleich nach der Ankunft erzählt hat.

Immerhin: Eine Kühnheit für eine Dame, sich hier in diese Einsamkeit zu wagen. Das Küstenland von Abessinien ist keine Luxuspromenade der Riviera.

Ich hüstele ...

»Entschuldigen Sie die Störung, Miß ...«

Man bleibt doch immer noch Kulturmensch, und der neue weiße Anzug nebst Zubehör, den ich seit heute früh trage, macht mich zum Gentleman.

Äußerlich.

Sie dreht langsam den Kopf, greift aber sehr flink nach der Pistole.

Unter dem hellen Strohhut mit Nackenschleier blickt mich ein stark gepudertes, stark getuschtes, trotzdem hübsches und vielleicht junges Wesen an und mustert mich lange und ... lächelt.

Ihr Blick – die Augenbrauen sind nur getuschte Striche – ruht auf Mukki.

»Was ist das für ein Tier, Sir?«

Die Stimme ist weich ... die englische Sprache klingt näselnd – es ist schade, daß diese wundervoll geformten Lippen so knallrot, so aufdringlich in Herzform gefärbt sind. Noch mehr bedaure ich, daß die Miß so außerordentlich hochmütig dreinschaut und für meinen Fennek mehr Interesse zeigt als für mich.

Sie ist hübsch.

Sie hat einen weichen Glanz in den dunklen Augen ...

»Es ist ein Fennek, Miß ...» erklärte ich ihr, und dann fügte ich, Gentleman, hinzu: Mein Name ist Lensen, Miß ...«

Namen sind billig. Mancher Name wird im Steckbrief allerdings je nach Sachlage höher bewertet.

»Ein Fennek?« – Ich kam nicht in Frage. »Ist er verkäuflich? Er gefällt mir, Sir.«

Jetzt lachte ich. »Und wenn Sie mir Millionen bieten würden! Mukki ist für nichts zu haben – es sei denn, ich stürbe ...«

Sie erhob sich ... Der Umriß ihrer schlanke Figur zeichnete sich gegen den glasklaren Himmel ab.

»Wie töricht, Mr. Lensen ... Geld ist Macht. Sind sie so reich?!«

Sie spottete meiner.

»Allerdings ... Reicher als ein Milliardär, denn – ich bin frei, Miß, mich bindet nichts, die Welt ist meine Heimat, die Einsamkeit mein Palast, die Wildnis mein prunkvolles Gemach ... – Sie werden das nicht verstehen ...» setzte ich achselzuckend hinzu. »Ich bin eben ... Abenteurer aus Neigung.«

»Schade!« Ihre Blicke streiften abermals meinen Mukki ... Dann erschienen um ihren Mund, auf der Stirn ein paar harte Falten. »Nur ein Tier – wie lächerlich. Überlegen Sie es sich ... sofort!«

Das war ein sehr merkwürdiges Gebaren. Das war beinahe eine Drohung.

»Sofort?!« Ich bückte mich und nahm meinen Freund in die Arme. »Gut – sofort, nämlich – nie!!«

Zwischen den halbgesenkten Lidern traf mich ein noch drohendes Aufblitzen dieser dunklen Rätselaugen.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr.

»Zwei Minuten ...» sagte sie kühl. »Hundert Pfund, Mr. Lensen – das sind zweitausend Mark. Zwei Minuten – bitte!«

Ich konnte nur den Kopf schütteln. »Miß, Sie scheinen mich sehr wenig zu kennen, ich ...«

Sie hatte sich schon wieder gesetzt, drehte mir den Rücken zu und blickte gen Osten auf das Rote Meer hinab.

Ich war Luft.

Seltsame Dame!! Mir war doch bereits so manches rare Exemplar des anderen Geschlechts über den Weg gelaufen ... dies hier?! Englische Lady in Reinkultur, aber Lady mit etwas Asphaltduft ...

Ich hatte meinen Freund Mukki noch immer im Arm. – Ich – mich von ihm trennen?! Das Tierchen war im Verlauf von abenteuerlichen Jahren ein Stück meiner selbst geworden.

Ich streichelte ihn, setzte ihn auf die Erde, nahm mein Fernrohr, lehnte mich an einen spitzen Steinblock und zog das Rohr auseinander, stellte es auf die fernen Häuser von Batimar ein, sah den Turm der uralten Jesuitenkirche, sah die helle Linie der gekrümmten Mole und die ankernden arabischen Küstensegler, einen kleinen Frachtdampfer und die weiße schöne Jacht.

Ich sah die elenden Hütten, ein paar Steingebäude, Wellblechschuppen...

Das war das Hafennest, in dessen Kneipen Peter Bolk sich das lohende Hirn durch Fusel betäubt hatte ...

Und dann ... legte sich eine Hand auf meine Schulter ...

»Mr. Lensen, vier Minuten – hier ist das Geld!«

Ich schnellte herum ... Das war denn doch eine Anmaßung, eine Frechheit, die ...

Meine Gedanken stoppten ...

Wo war Fennek?!

Und dort hinter der Frau – zwei Kerle in Matrosentracht, zwei stämmige Kerle ... grinsend, in den Pfoten die Pistole ...

Oho!! War᾿s so gemeint?!

Die Frau wiederholte kühl: »Hier ist das Geld!«

Sie streckte mir die Scheine hin. Und ich – packte zu ...

Hatte ihr Handgelenk packen wollen, hatte mich verrechnet ... Aalglatt war sie, blitzschnell war sie hinter ihren Leuten ...

»Mr. Lensen,« sagte sie ohne jede Erregung, »Ihr Fennek ist bereits unterwegs nach Batimar. Wollen Sie ihn wiederhaben, finden Sie sich samt ihrem Gepäck sieben Uhr abends auf der Molenspitze ein! Sie verstehen mich: Punkt sieben Uhr – Molenspitze. Und sollten Sie vielleicht die Absicht haben, die Polizei zu verständigen – ich rate Ihnen entschieden ab. Ihr Freund Bolk wird gesucht, das wissen Sie ...!

Mir war doch in all diesen Jahren, seit zwei schwankende Drähte mich über eine Zuchthausmauer ins Freie getragen hatten, schon so manches begegnet. Im Grunde gab es nichts, was ich nicht schon kennengelernt hatte – so glaubte ich bisher.

Dies hier: Was sollte es?! Der Frau kam es ja gar nicht auf meinen Fennek an. Mich wollte sie haben! Mit Gepäck – sieben Uhr – Molenspitze!! Das war eindeutig genug. – Was lag ihr an mir?!

Mir?!

Ich ...

Olaf Karl Abelsen, Freund eines Coy Cala, Freund von Kerlen mit Eisennerven und stählernen Seelen!

Mich – so fangen?!

»Ich ... werde kommen, Miß,« erklärte ich höflich, »ich nehme an, daß sie ein ganz besonderes Interesse an meiner Person haben ... Weshalb soll ich einer Dame nicht gefällig sein? – Nur, ließe sich das nicht schon hier erledigen, Miß?!«

Ich lächelte harmlos ...

Und mit diesem Lächeln schoß ich vorwärts ...

Meine Fäuste können Schmiedehämmer sein. Meine Fäuste trafen – zwei Matrosen flogen hintenüber in das dornige Gestrüpp – meine Hände schnellten zur Seite, umkrallten die Gelenke der Frau – sie schrie leise auf, aber der Schrei war noch nicht verhallt, als sich auch schon der Riemen der Thermosflasche um ihre Gelenke wand ...

»So, Miß!«

Ein Blick traf mich ... Flammen lohten aus diesen Augen ...

Ich ... lachte, hob die Pistolen der armen Schächer auf, befahl den Japsenden, nach Luft Ringenden:

»Vorwärts – geht vor mir her! Und – wer zu fliehen wagt – ich schieße wirklich nie daneben!«

Stark zerschunden krochen sie aus den Disteln.

Ich ... lachte ...

»... Ihr hättet anderswo in die Lehre gehen müssen – marsch – auch Sie, Miß!!«

Der kleinere der beiden flüsterte stockend:

»Mr. Lensen ... die ... die Dame ist die Herzogin von Bellcastle!!«

»... Und wenn es die Königin von England in Person wäre: Mit mir spielt man nicht!!«

»Bravo!« sagte da halb hinter mir eine vergnügte Männerstimme. »Bravo, Mr. Lensen! Die Frau Herzogin liebt kleine Scherze mit Männern ... Gestatten Sie: Alfred Eversham ist mein Name, Doktor Alfred Eversham, bis heute mittag Schiffsarzt der Jacht »Star of London«, heute mittag fristlos entlassen mit halbem Jahresgehalt, weil ich mich weigerte, dieses Banditenstückchen mitzumachen. Von mir haben sie nichts zu fürchten, im Gegenteil, Ihre Hoheit die Frau Herzogin sieht mich nun auf der Gegenseite ...«

Alfred Eversham war ein Prachtkerl. Auch äußerlich. Ein Gentleman, den das Monokel im braungebrannten Gesicht tadellos kleidete, ein überschlanker jungen Mann, vielleicht Nähe der dreißig – überschlank, weil kein Lot Fett vorhanden.

In der Linken hielt er seine Zigarette, in der Rechten eine kleine Momentkamera. Er hielt sie vor die Brust, visierte – es knackte ...

»Das Bild hebe ich mir auf,« meinte er belustigt. »Ihre Hoheit mit gefesselten Händen, die Stewards John und Jack als zahme Hündchen, man wird sich in London totlachen!«

Jane Bellcastle kniff die Lippen ganz schmal.

»Sie ... Sie sind ein ...«

»... ein Mitglied der schottischen Linie der Evershams von Grandballay – stimmt!« kam er ihr zuvor. Ein Sohn Lord Evershams, ein Sohn Lady Evershams, geborene Lady Farferlan-Wendmore ... Das ist alles amtlich abgestempelt. Neues brauchen Sie nicht hinzufügen. Es genügt vollauf.«

Jane Bellcastle drehte ihm schroff den Rücken zu ...

»Auch die Teilansicht ist schön,« nickte er bissig. »Mr. Lensen, ich verhalte mich hier natürlich vollkommen neutral. Was beabsichtigen Sie zu tun?«

»Meinen Fennek zurückholen, Mr. Eversham,« und ich lächelte ihn an. »Zunächst werde ich diese drei Herrschaften auf den Schoner nötigen, das weitere findet sich schon ... Kommen Sie mit?«

»Gern, sehr gern ...«

»Dann – vorwärts, John and Jack – keine Dummheiten!! Bitte, Hoheit, schließen Sie sich freundlichst an ... Es bleibt Ihnen wirklich nichts anderes übrig. Die Partie haben Sie endgültig verloren.«

»Es scheint so,« nickte Eversham todernst. »Es scheint durchaus so ...«

Die beiden Stewards, sicherlich Vertraute dieser sehr unternehmungslustigen Dame, marschierten unter dem sanften Zwange zweier Pistolenmündungen voraus.

Jane Bellcastle sprach kein Wort mehr.

So langten wir unten am Buchtstrande an, schritten über die Laufplanke, und Li und Fu, Koch und Steuermann, versorgten die Stewards mit einigen haltbaren Stricken und sperrten diese Gäste vorn in die Segelkammer ein.

Jane durfte in die Heckkajüte, und mit einem »Entschuldigen Sie meine Härte,« nahm ich ihr den Flaschenriemen ab.

Sie war von grenzenlosem Hochmut auch jetzt –, sie setzte sich in den einzigen Korbsessel und sagte nur: »Schicken sie John nach Batimar zur Jacht ... Unsere Pferde stehen noch an der Südseite des Berges. John wird meinen Kammerdiener Aristide noch einholen, hoffe ich, Aristide soll den Fennek zurückbringen ...«

Ich stand so, daß ich durch die offene Tür das Deck übersehen konnte ...

»Hallo, Li!!«

Der Koch wackelte herbei.

»Li, bringe den Gefangenen herbei, der John heißt – etwas fix, bitte!

John kam, und die schöne eigenwillige Dame mußte ihm ihre Wünsche vortragen. Ich fügte hinzu:

»Halt John – noch etwas ... Solltet ihr das Versteck des Schoners verraten, so seht ihr eure Hoheit nicht wieder! Merk dir das, Bursche!«

»Sehr wohl, Sir ...« Dieser John hinkte noch immer stark.

Eversham hatte sich in die Sofaecke gesetzt. Aber Jane Bellcastle erklärte, daß sie unsere Gegenwart entbehren könne ... »Verlassen Sie beide die Kajüte – bitte!! Ihr Anblick langweilt mich ... Wir haben uns nichts mehr zu sagen ...«

Von mir aus – ich war einverstanden, ich winkte Eversham, wortlos gingen wir an Deck, drückten die Tür zu und nahmen unter dem Sonnensegel Platz. Der Schoner Astarte besaß zwei Bordstühle, und Eversham wählte bedächtig den bequemeren, hielt mir dann sein Zigarettenetui hin und meine leise:

»Es ist das erste wirklich komische Abenteuer, das ich erlebt habe, Mr. Lensen. – Bitte, hier ist Feuer ...«

»Danke .., – Finden Sie es wirklich nur komisch?!«

»Ja – wenn ich Sie und mich ausschalte, das heißt, wenn die Dinge von einem Außenstehenden beurteilt werden könnten. Es war sehr komisch, wie John und Jack in die Dornen flogen und wie Sie diese Frau, die ungeheuer trainiert und kräftig ist, gleichfalls abfertigten. Ein Dämpfer schadet ihr nichts ...«

Alfred Eversham betrachtete mich eingehend.

»Sie ... sind ein Prachtkerl, Mr. Lensen!«

»Hm – wollen Sie mich anpumpen?«

»Nein. Aber warnen ...«

»Wovor?!«

»Vor dieser Frau und ... » er zögerte ... »und ihrem Haß! Jane Bellcastle haßt Sie aus irgendeinem Grunde.«

»Da müssen Sie sich doch wohl irren, Herr Doktor. Ich habe noch nie von ihr gehört, sie nie gesehen – bis heute. Woher der Haß?!«

Er rauchte bedächtig, machte eine unbestimmte Handbewegung und erwiderte: »Trotzdem kennt sie Sie sehr genau, Mr. Lensen, das ging aus der Szene von heute vormittag auf der Jacht hervor, als sie mich bat, ihr zu helfen, Sie an Bord zu locken oder zu ... zwingen. Sie hatte einen längeren Jagdausflug unternommen, kehrte erst heute früh nach Batimar zurück.« Er zögerte abermals ... »Als ich mich weigerte, warf sie mich hinaus, verbot mir, an Bord zu bleiben ... Was sie von Gefühlen für Sie verriet, war ... kalter Haß, glauben Sie mir. Und noch eins: Kapitän Bolk und seine Leute sitzen im Gefängnis, Jane hat sie angezeigt, Jane muß hier sehr viele bezahlte Spione haben.«

Ich setzte mich aufrecht ...

»Bolk verhaftet?«

»Es stimmt leider ... Die alte Jesuitenkirche ist jetzt Gefängnis geworden – ich wollte mir den uralten Bau ansehen, der Herr Gefängnisdirektor zeigte mir gegen eine Fünfpfundnote seine neuesten Pensionäre: Bolk und sechs Mann von der Astarte! Er flüsterte mir noch zu, daß Peter Bolk wegen Waffenschmuggels harte Strafe erhalten würde ... Leider wüßte niemand, wo der Schoner steckte ...«

Ich war mit einem Male sehr nachdenklich geworden.

»Wie lange war denn Jane Bellcastle auf der Jagd?« fragte ich gespannt

»Etwa drei Wochen – mit eingeborenen Führern – mit einer ganzen Karawane, die sie weiter im Innern in der Stadt Ali Baggo zusammengestellt hatte ...«

Ich überlegte einiges, rechnete etwas, verglich und fragte schließlich nach:

»Hat Jane Bellcastle je die Namen Joicker, Mortison und Petersen erwähnt?«

Eversham nickte eifrig: »Aber natürlich ... Das waren ja die Kerle, die sie hier auftrieb und die die Jagdexpedition vorbereiten mußte ...«

Ich pfiff leise durch die Zähne.

»So ... so. – Und – kennen Sie auch den Namen Jan Terpe, Doktor?«

»Nein, Lensen, den habe ich nie gehört«

Das war für mich eine große Enttäuschung. –

Steward John erschien am Ufer mit Fennek am Riemen.

Ihre Hoheit Jane Bellcastle verließ gleich darauf die Astarte ohne jeden Gruß mit ihren beiden Getreuen, nachdem sie ihr Wort verpfändet hatte, uns hier nicht weiter zu behelligen und uns nicht zu verraten.

Ich glaubte damals, ich würde sie niemals Wiedersehen.

Es war der größte Irrtum, dem ich je anheimgefallen war. –

Eversham blieb bei mir.

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