Kitabı oku: «Im Licht des Mondes», sayfa 4

Yazı tipi:

„Schöner Name.“

„Danke …“

Er blickt mir lange in die Augen. Flirtet er gerade mit mir? Da ist etwas in seinem Blick … ich weiß auch nicht so genau. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Immerhin bin ich in letzter Zeit ziemlich durch den Wind.

„Also, wollen wir da lang? Wir könnten einen schönen Rundgang über den Musikpavillon machen. Den Ausblick hast du bestimmt schon bewundert, oder?“

„Ja, ich liebe die Stelle“, gestehe ich und er zwinkert mir zu und legt den Arm auf meinen Rücken, um mich etwas vorzuschieben.

„Dann haben wir ja schon einmal was gemeinsam.“

Wie meint er das denn jetzt? Interpretiere ich wirklich zuviel hinein? Ich komme nicht dazu, weiter über sein Verhalten nachzudenken, denn Emanuel führt das Gespräch fort.

„Ich denke, ich weiß die Antwort bereits, aber rein Formhalber: wie gefällt es dir auf Linderhof?“

„Gut, es ist wirklich schön hier.“

„Noch keinen Bergkoller gekriegt?“

Bergkoller? Klingt interessant. Bei der Aussage schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht.

„Nein, ganz und gar nicht. Ich liebe die Alpen.“

„Das ist schön. Ich kenne nur zwei Arten von Personen: entweder man liebt die Berge oder man hasst sie.“

Ich nicke stumm, kann mir aber nicht vorstellen, mich jemals an den majestätischen Riesen einmal satt zu sehen. Ich freu mich bereits auf den ersten Schnee wie ein kleines Kind auf den Weihnachtsmann …

„Du bist nun auch bei den Bukischen Jüngern dabei?“

Irgendwie verursacht mir die Nennung des Kultes einen ziehenden Knoten im Magen. Ich versuche, mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen. Wie soll Emanuel mein Befinden verstehen, wenn ich es selbst nicht einmal zu deuten weiß?

„Also schriftlich ja …“

„Aber?“

Ich zucke unbeholfen mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Frau Loire meinte, man käme deswegen auf mich zu, doch bisher scheint es mir eher so, als …“ Ich stocke. Wie soll ich ihm erklären, dass ich mich ausgeschlossen fühle, ohne dabei völlig kindisch zu klingen?

„Ach so. Keine Sorge.“ Seine Hand streift meine und für einen kurzen Moment bin ich mir nicht sicher, ob er sie ergreifen möchte. Ich schiele unsicher in Emanuels Richtung und begegne seinen dunkelgrünen, hypnotisierenden Augen. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich bilde mir den Flirt nicht ein. Sein Verhalten überrumpelt mich. Sein kleiner Finger streichelt sanft über meinen Handrücken und ich? Ich bin dermaßen überfordert, dass ich einfach nichts tue.

„Du musst dir keine Gedanken machen, das kommt noch. Die Rituale unterstehen bestimmten Zyklen und Mondphasen. Wir werden noch auf dich zukommen. Und wenn du magst, stelle ich mich freiwillig als dein Pate zur Verfügung.“

„Pate?“, wiederhole ich ungläubig und frage mich, wozu man so etwas braucht. Er liest die Sorge aus meinem Gesicht und reagiert sofort.

„Das hört sich wichtiger an, als es ist. Es ist einfach der Form halber. Der Pate ist deine Ansprechperson bei Fragen und hilft dir falls nötig. Mehr nicht. Und ich dachte, da du anscheinend noch nicht richtig mit den anderen ins Gespräch gekommen bist, könnte ich das doch machen. Also nur, falls du nichts dagegen hast …“

„Nein, ich würde mich freuen“, entgegne ich und lächle ihn dankbar an. „Ich bin wirklich froh, mich endlich mal mit jemandem zu unterhalten … außerhalb der Arbeit.“

„Verstehe. Die anderen meinen es nicht böse. Der Oktober ist immer ein sehr stressiger Monat. Das hat nichts mit dir zu tun. Abgesehen davon gebe ich zu, dass man hier zu Lande etwas reservierter ist. Zumindest die Meisten. Doch du wirst sehen, wenn du das erste Ritual hinter dir hast und richtig dabei bist, dann wird auch der Rest Vertrauen zu dir fassen. Hab etwas Geduld.“

„Danke. Ehrlich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut das gerade tut.“

„Keine Ursache. Jeder von uns hat hier mal neu angefangen und wie sagt man so schön: jeder Anfang ist bekanntlich schwer. Die meisten haben das leider nur wieder vergessen.“

Ich nicke und lasse meinen Blick durch die wundervolle Gegend schweifen.

„Als Gärtner habt ihr hier bestimmt voll viel zu tun, oder?“

„Sagen wir mal: langweilig wird uns nicht. Und im Übrigen unterhalte ich mich gerne mit dir. Ich mag dich und würde mich freuen, wenn ich dich unterstützen kann oder wir mal zusammen was trinken gehen können. Rein freundschaftlich versteht sich.“

„Klar, versteht sich wohl von selbst“, antworte ich und dieses Mal bin ich es, der ihm zuzwinkert. Sofort schleicht sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, das ihn ziemlich verwegen aussehen lässt. Mir ist klar, dass es zu früh ist, um mit jemanden anzubandeln. Ich bin noch nicht über Shuzee hinweg und ein Arbeitskollege ist wohl auch nicht die beste Wahl. Allerdings bin ich wirklich erleichtert, endlich mit jemandem in Kontakt zu kommen und ein bisschen Flirten schadet doch nicht, oder? Abgesehen davon hat er echt wahnsinnig attraktive Muskeln und seine Augen ziehen mich magisch in den Bann, sodass ich gar nicht anders kann, selbst wenn ich wollte.

Kapitel 6

Kanji:

„Lass ihn nicht entkommen!“

„Pass auf! Er biegt nach rechts ab!“, ruft mir Link zu, während wir den Kater nicht aus den Augen lassen und ihm dicht auf den Fersen sind. Der Vierbeiner ist flink und scheint einfach nicht müde zu werden. Im Gegensatz zu mir. Jetzt verfluche ich mich dafür, dass ich mein Ausdauertraining habe schleifen lassen. Es gab so viele Dinge, die mir in den letzten Monaten, na gut, vielleicht auch Jahren, wichtiger erschienen. Party, Freunde, Männer … das Übliche halt. Ich schiele keuchend zu Link. Anders als ich hat er keine Probleme, die Geschwindigkeit zu halten.

Mein Atem beginnt zu rasseln und ich hoffe, dass das Biest bald einen Fehler begeht, während unsere Verfolgungsjagd durch die schlammigen Straßen der Baracken andauert. Geschickt weicht der vermeintliche Dämon allen Hindernissen aus. Vermeintlich deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich tatsächlich eine dämonische Aura wahrgenommen habe. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht geirrt habe, doch eigentlich sind Katzen in unserer Gegend so gut wie ausgestorben. Tiere sind seit dem Krieg in den meisten Gebieten nicht mehr gern gesehen. Auch wenn Würzburg sehr sicher und fortschrittlich ist, Katzen genießen einen schlechten Ruf, was nun mal eben von den Dämonen kommt, die in deren Gestalt Menschenleben rauben. Es würde mich nicht wundern, wenn es bald keine der Fellknäuel mehr gibt. Die Menschheit hat leider ohnehin schon viele Tierrassen ausgerottet und bei Katzen wäre es wohl nicht die schlechteste Wahl. Wobei … ich denke die Dämonen würden es schaffen und sich in etwas anderes zum Lebensammeln zu verwandeln.

„Ich rufe die vier Erzengel zu Hilfe!“ Links Worte reißen mich aus meinen Gedanken und ich fluche leise auf. Verdammt. Ich muss mich besser konzentrieren. Wie stark habe ich denn bitteschön nachgelassen? Das darf auf keinen Fall so weiter gehen. Zu meiner Freude hat mein Partner den Vierbeiner fast eingeholt – anscheinend geht dem Biest doch die Puste aus. Noch während des Laufs spricht er weiter, das handliche Kreuz mit dem geweihten Blut hoch erhoben in der linken Hand. Es ist mir peinlich, aber ich röchle noch immer hinterher und bin nicht fähig, aufzuschließen.

„Samuel, Michael, Raphael und Gabriel – gebt uns Euer Licht und führt das verlorene Wesen fortan von der irdischen Welt!“

Obwohl ich einige Meter hintendran bin, spüre ich die wahnsinnige Hitze, die von dem Artefakt ausgeht und höre das Blubbern des Engelblutes in ihm. Gleißende Lichtfäden schießen aus dem Kreuz hervor, ziehen sich in Sekundenschnelle über den Boden, holen das Wesen ein und umkreisen es. Angsterfüllt bleibt der Vierbeiner stehen, bäumt seinen Rücken und faucht meinen Partner mit gesträubtem Fell an. Link ist einfach unglaublich. Dass er den Dämon einholen konnte und den magischen Bannkreis tatsächlich auch aus dem Rennen heraufbeschwören kann, ist eine wahre Kunst. Er ist ein Meister als Anwärter. Ich kann mich glücklich schätzen, ihn als Partner zu haben. Ein Grund mehr, mich endlich mal wieder mehr ins Zeug zu legen. Ich komme neben ihm zum Stehen, zücke mein eigenes Artefakt und schmettere es gegen den Bannkreis, wo es schwebend haften bleibt und nun auch blendendes Licht gen Firmament schickt wie eine Lichtsäule.

„Die Boten des Himmels rufe ich an: Gewährt uns eure Dienste und nehmt das Untier aus dieser Welt, werfet es ins Licht, dass der Rest seiner verlorenen Seele erfüllet und bekehret werde von der Macht des einzig wahren Gottes! Amen!“

Der Bannkreis beginnt elektrisiert zu funkeln und zu sprühen. Ein siegessicheres Schmunzeln umspielt meine Lippen. Das ist unser erster Dämon seit Monaten. Wurde mal wieder Zeit, dass wir einen fangen, doch die Freude wird jäh zerstört, als das wehmütige Schreien des Vierbeiners ausbleibt. Weder krümmt er sich vor Schmerzen, noch löst er sich auf und lässt einen schwarzen Edelstein zurück. Nein. Er beruhigt sich langsam wieder und beginnt, mit der Pfote nach den Lichtfäden zu schlagen. Ein erquickendes Mauen erklingt, als er sich begeistert im Spiel darauf stürzen will. Es passiert nichts. Mein Herz macht einen Sprung in die Hose. Meine Scham und Enttäuschung könnte nicht größer sein. Na super, wir haben tatsächlich eine echte Katze gefunden …

Link löst den Bann- und Läuterungskreis auf, woraufhin sich das Fellknäuel irritiert umschaut. Mein Blick verharrt verdrossen auf dem Tier, bis mein Partner amüsiert losprustet. Sofort wird sich das Tier der Situation wieder bewusst und springt mit schnellen Sätzen davon. Als mein Kumpel meinen angesäuerten Gesichtsausdruck sieht, kann er gar nicht mehr an sich halten. Dass er sich nicht lachend am Boden hin und her kugelt, ist gerade alles.

„Mensch, Kanji! Du solltest mal dein Gesicht sehen!“ Tränen laufen über seine Wangen und er hält sich den Bauch, während er aus dem Prusten gar nicht mehr herauskommt. Wie kann er nach dem Reinfall nur derart gut drauf sein? Lustig ist anders. Ich dampfe regelrecht von innen.

„Du findest das wirklich witzig, oder?“, knurre ich, was ihn nur noch lauter aufjohlen lässt.

„Ja, du anscheinend nicht.“

„Ich finde es frustrierend, dass die ganze Aktion einfach nur peinlich und umsonst war! Jetzt stell dir mal vor, dass unsere Verfolgungsjagd eines tatsächlich harmlosen Stubentigers im Orden die Runde macht. Den Ruf würden wir nicht mehr los!“

„Ach, jetzt sei doch nicht so! Außerdem hat es keiner mitbekommen.“

Er wischt sich die Tränen aus den Augen und kommt langsam von seinem Lachflash herunter. Meine Stimmung ändert sich allerdings nicht. Die ganze Verfolgungsjagd war nicht nur schweißtreibend, sondern auch noch unnötig. Ärgerlich.

„Jetzt aber mal ehrlich: es tut mir leid.“

„Kanji, du musst dich nicht entschuldigen. Dermaßen viel Spaß hatte ich schon lange nicht mehr bei unseren Patrouillen. Chill.“

„Du vielleicht … mir wird nur bewusst, wie ich nachgelassen habe. Echt ätzend.“

Ich lasse deprimiert die Schultern sinken und ernte ein aufmunterndes Klopfen seinerseits.

„Mach dir nichts draus. Das zeigt lediglich eins.“

„Und das wäre?“

„Na, dass wir bereits viel zu lange in Würzburg sind. Es ist eine schöne Stadt, keine Frage, aber beruflich fehlt die Herausforderung.“

Ich denke kurz über seine Worte nach, doch er hat vollkommen recht. Die Straßen und Gassen sind sicher.

„Stimmt. Wann wurde in Würzburg das letzte Mal ein Dämon zur Strecke gebracht?“

„Nicht nur das“, ergänzt Link. „In den gesamten Nachbarstädten im gesamten Kreis gab es auch ewig keine Opfer mehr. Das Gebiet ist sauber wie wir letztens bereits festgestellt haben. Wir sind viel zu viele Anwärter auf einem Haufen.“

„Die Versetzung der Anwärterpaare durch die Mönche dauert für meinen Geschmack noch viel zu lange.“

„Na ja, wahrscheinlich haben sie Angst, dass plötzlich zu wenig hier sind und die Morde wieder zunehmen.“

„Pfh… kann ich mir nicht vorstellen.“

„Du weißt doch, wie die alten Tattergreise sind. Abgesehen davon sind viele unserer Kollegen auch sehr bequem geworden.“ Er zwinkert mir zu und ich versetze ihm prompt einen Stoß in die Seite.

„Schon klar, ich hab verstanden.“

„Ich weiß nicht, was du meinst“, entgegnet er, aber sein breites Grinsen besagt etwas ganz anderes.

„Wer’s glaubt! Aber im Gegensatz zu unseren werten Kollegen bin ich gelangweilt und gewillt das zu ändern. Es wird echt Zeit, dass wir den Antrag einreichen.“

Link nickt und streicht sich seine schwarzen Haare aus dem Gesicht.

„Ich habe bereits einen Bogen für uns mitgenommen. Magst du dir die Gebiete anschauen und …“

„Nein“, unterbreche ich ihn lächelnd. „Füll du ihn aus und ich komme einfach mit. Egal wohin. Das Thema hatten wir schon.“

„Bist du sicher?“

„Ja, klar.“

„Möchtest du vielleicht nicht doch vorher mit Howard darüber sprechen und es abklären?“

„Ach quatsch. Das passt schon. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Beziehung hält.“

„Du hörst dich nicht gerade optimistisch an, sondern eher, als hättest du mit der ganzen Sache bereits abgeschlossen.“ Er runzelt nachdenklich die Stirn und mustert mich mit einem undurchschaubaren Blick. Ich seufze und zucke mit den Schultern.

„Abgeschlossen nicht, ich hab nur irgendwie wieder so ein seltsames Gefühl.“

„Kanji, bei aller Freundschaft: du hast immer ein komisches Gefühl.“

„Ich habe vielleicht einfach kein Händchen für Typen.“

„Ich sag nur, da wäre noch Trower …“

Ich lache leise vor mich hin. Typisch Link.

„Nee, lass mal. Danke.“

„Magst du überhaupt eine Beziehung? Vielleicht … “

„Komm mir jetzt bitte nicht mit Mehr der offenere Typ“, meine ich genervt und fahre mir durchs Haar. „Ich hätte gerne eine feste, tiefgehende Beziehung. Es war einfach nur nicht der Richtige dabei. Weißt du eigentlich, dass ich dich dafür echt beneide?“

„Du beneidest mich? Wegen Seiji? Darfst du, aber er gehört mir. Doch Trower …“

„Link“, ermahne ich ihn, worauf er lediglich abwinkt und schweigt. Wir schauen für einige Minuten schweigend in den sternenklaren Himmel. Die Gestirne erinnern mich an funkelnde kleine Edelsteine und machen mir meine tiefe Sehnsucht umso schmerzlicher bewusst.

„Jetzt mal ehrlich, Link. Ich möchte einfach auch meinen ganz bestimmten Menschen finden mit dem ich alles teilen kann und endlich ankommen. Einfach nur ankommen …“

„Das wirst du. Da bin ich mir sicher.“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“ Ich seufze und wir treten den Rückweg an.

„Was machst du eigentlich an Halloween? Ist ja nur noch paar Tage hin.“

„Puh … kein Plan. Du weißt, die amerikanischen Feiertage sind nicht mein Ding.“

„Macht nichts, ich verzeihe dir, du Halloweenmuffel. Das heißt, du hast Zeit?“

Ich grinse schief und nicke ergeben. Er wird ohnehin nicht locker lassen. Da bin ich mir sicher.

„Seiji kommt ein paar Tage rüber und wir wollen einen gemütlichen DVD Abend mit Gruselmenü machen. Was sagst du? Howard darfst und sollst du natürlich gerne mitbringen.“

„Hört sich gut an. Ich denke, wir sind dabei. Ich schreibe ihm gleich mal.“

Ich zücke mein Handy und sende meinem Freund die Halloweenpläne zu. Ich hoffe, er hat nichts anderes vor. Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Allerdings würde ich notfalls auch allein zu Link und Seiji fahren. Ein gemütlicher Abend mit gutem Essen und ein paar Horrorstreifen scheint mir momentan genau das Richtige zu sein. Ein sehnsüchtiger Blick zu den leuchtenden Sternen bestätigt mir, dass mir zur Zeit nicht der Sinn nach großen Partys steht.

„Und hey, richte ihm aus, dass wir auch noch Platz für seine Cousine hätten.“

Ich wirble empört zu Link herum, dessen Grinsen nicht breiter sein könnte.

„Blödmann!“, rufe ich spaßig, während er lachend meinem Schlag ausweicht und laut prustend die Flucht ergreift.

Kapitel 7

Colin:

Siebzehn Uhr. Feierabend. Seufzend schließe ich das Büro ab und sehe mich um. Wie erwartet verstreuen sich die restlichen Angestellten in verschiedene Richtungen. Mittlerweile bin ich schon zwei Wochen hier und immer noch mit niemandem groß in Kontakt. Emanuel habe ich bisher nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er doch keine Lust, etwas mit mir zu unternehmen und wollte nur freundlich sein. Wie dem auch sei, heute ist Halloween und irgendwie habe ich an diesem Tag immer etwas unternommen. Sei es in einer Kneipe was zu Trinken, einen gemütlichen Filmabend mit Freunden zu organisieren oder eine Party, meistens von Shuzee ausgehend.

Gedankenversunken verlasse ich den Hauptsitz und spaziere zu den Angestelltenwohnungen. Ich muss etwas tun. Heute möchte ich wirklich nicht allein in meinem Zimmer sitzen oder einfach nur spazieren gehen. Nur was soll ich unternehmen? Ich habe mich bereits in den umliegenden Dörfern umgesehen, die nur aus Baracken bestehen. Mehr als ein oder zwei Einkaufsmöglichkeiten gibt es dort nicht. Vielleicht sollte ich es ein paar Kilometer weiter weg probieren. Oberammergau soll etwas größer sein. Einen Versuch ist es definitiv wert. Entschlossen betrete ich meine Wohnung und springe unter die Dusche.

***

Ich werfe noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die Haare sitzen und die Klamotten sollten reichen. Ich bin niemand, der sich gerne in übertrieben knappe Disco Outfits zwängt. Abgesehen davon weiß ich gar nicht, ob es dort eine Kneipe gibt. Deshalb habe ich mich auch für eine figurbetonte blaue Jeans und ein eng anliegendes, dunkelgrünes Longshirt entschieden. Als ich gerade Mantel, Schal und Handschuhe anlege, klopft es plötzlich an meine Tür. Verwundert verharre ich in der Bewegung und lausche, was natürlich völlig dämlich ist, denn sie öffnet sich nicht von allein. Als es erneut klopft, mache ich einen Sprung nach vorne und drücke die Klinke herunter. Vor mir steht Emanuel, grinsend über das ganze Gesicht.

„Hey, hab ich dich grad noch erwischt. Du hast was vor?“

„Ähm, nicht direkt. Also heute ist Halloween und ich wollte die Umgebung mal checken, ob es irgendwo ein paar interessante Kneipen gibt.“

„Klar gibt es die.“ Sein Grinsen wird noch breiter, falls das überhaupt möglich ist. „Das heißt, du hast nichts Bestimmtes im Auge?“

„Nein, nicht wirklich“, gestehe ich. „Ich dachte, ich probiere mein Glück einfach mal in Oberammergau.“

Er lehnt sich an den Türrahmen und verschränkt die Arme vor seiner Brust.

„Oberammergau – gute Wahl. Hättest du was dagegen, wenn ich dich begleite? Ich kenne dort eine coole Location.“

„Klar, gerne.“ Die Antwort kommt ganz automatisch über meine Lippen. Ich kann mein Glück kaum fassen. Ich wäre auf jeden Fall gegangen, doch zu zweit fühle ich mich nicht so verloren und abgesehen davon kennt er sich hier aus. Ein Zweifel keimt dennoch in mir auf. Ich hoffe nur, er schleppt mich nicht in irgendeinen Club oder Disco für Teenies. Immerhin trennen uns ein paar Jahre. Shuzee hat solche Locations gerne besucht und ich kam mir immer irgendwie fehl am Platz vor.

„Super, dann gib mir zwei Minuten, damit ich mir was über schmeißen kann und ich bin sofort wieder bei dir.“

Ich nicke, doch das sieht er bereits nicht mehr, da er wie von der Tarantel gestochen herumwirbelt und den Gang hinunter rennt. Er scheint das mit den zwei Minuten ernst zu meinen. Schmunzelnd schaue ich ihm hinterher. Ich bin gespannt, was der Abend bringt.

***

Tatsächlich hat Emanuel nur ganze zwei Minuten gebraucht, um mich abzuholen. Nun sitze ich staunend auf seinem Beifahrersitz und schaue aus dem Fenster. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Ich hatte befürchtet, dass Oberammergau genauso aus Baracken besteht wie Graswang und die restlichen umliegenden Dörfer, die ich mir bisher angesehen habe. Zum Glück habe ich mich geirrt. Alte, recht gut erhaltene Fachwerkhäuser mit verblassten Gemälden auf den Fassaden tummeln sich am Rand der gewundenen Straßen und erinnern an ein Märchendorf längst vergangener Zeit. Wundervoll. Viel zu schnell findet Emanuel einen Parkplatz und hält an.

„Da wären wir. Nur eine Straße weiter und wir sind da.“ Er zwinkert mir zu und steigt schwungvoll aus. Ich tue es ihm gleich, wenn auch nicht ganz so energisch. Mein Blick gleitet noch immer an den eindrucksvollen Häusern entlang und ich frage mich, warum ich nicht früher hierher gekommen bin. Kleine Geschäfte laden zum Einkaufen ein und ich denke, den ein oder anderen freien Tag kann ich hier gerne verbringen.

Emanuel führt mich um eine Kurve in eine Seitenstraße und läuft bis zum Ende durch. Dort angelangt, ein sehr gutes Stück von der Stadt entfernt, bleibt er vor einem großen Gebäude stehen, das zum Teil blaue Wände und teilweise eine hölzerne Fassade vorweist. Gedankenverloren lasse ich meine Augen prüfend darüber wandern. In der Mitte ist eine massive Holzplatte mit der Aufschrift „Stronger“ angebracht.

„War das mal ein Hotel?“

„Dicht dran. Es war vor dem großen Krieg eine Jugendherberge. Mittlerweile kommen keine Touristenschwärme mehr hierher, sodass sich eine Neueröffnung nicht einmal ansatzweise gelohnt hätte“, erläutert er mir. „Zum Glück kam Timmy auf die Idee, aus dem Gebäude einen Club zu machen.“

„Timmy?“

„Der Besitzer des Ladens. Der Sohn eines Neureichen. Er ist okay – wie könnte er auch nicht? Immerhin erschuf er uns etwas, wo wir Feiern und Trinken können. Es ist dir vielleicht schon aufgefallen: die Gegend ist nicht unbedingt das, was man eine Party Metropole nennt.“

Ich nicke leicht, aber schweige. Also doch ein Club. Mal schauen, wie lange ich es hier aushalte. Mein Arbeitskollege mustert mich von der Seite und ich zwinge mir ein Lächeln auf das Gesicht. Ich sollte nicht gleich so negativ an die Sache rangehen. Immerhin hat er mich extra mitgenommen und ich bin froh, endlich etwas Anschluss gefunden zu haben.

„Nicht gut?“

„Quatsch. Ich bin einfach etwas skeptisch, aber sehr gespannt, wie das Stronger von Innen aussieht“, versuche ich es im versöhnlichen Ton und kann ihn damit beruhigen. Begeistert greift er nach meinem Arm und zieht mich in die überschaubare Schlange vorm Eingang. Binnen fünf Minuten betreten wir die Location und geben unsere Jacken, Schals und Handschuhe an der Garderobe ab.

„Bereit?“ Er grient mich über beide Backen an, als würde er mir den ultimativen Schatz des Universums präsentieren. Oder in diesem Fall: von Oberammergau.

„Klar. Wenn du es bist?“

Er lacht und schiebt mich eilig vom Eingangsbereich in den rechteckigen und geräumigen Hauptraum. Entgegen meiner Erwartung fühle ich mich gleich wohl. Zwar ist der Saal riesig, doch die Anzahl der Besucher relativ überschaubar, weswegen nicht alle wie die Motten aufeinander sitzen. Das rustikale Ambiente vermittelt sofort ein Gefühl der Geborgenheit und die Musik könnte für mich nicht besser sein. Ein bunter Mix aus den 90er und 80er Jahren hallt mir entgegen. In der Mitte des Raumes befindet sich die Theke und wirkt wie eine Insel. Zu meinem Erstaunen bugsiert mich Emanuel jedoch nicht an die Bar, sondern an einen der vielen Holztische am Rand, der noch frei ist. Mein Blick gleitet über die diversen beweglichen Glitzerbilder, wie ich sie von früher kenne. Ein Schmunzeln umspielt meine Lippen. Tatsächlich habe ich die Dinger vor Jahren einmal gesammelt.

Das Stronger gefällt mir. Auch das Publikum ist komplett gemischt. Die jüngsten Gäste schätze ich auf Anfang Zwanzig und die Ältesten auf Ende Fünfzig. Ich bewege mich damit im Mittelfeld, was mich erleichtert verschnaufen lässt. Auch was den Kleidungsstil betrifft, ist alles dabei, sodass ich gut ins Bild passe.

„Und? Was sagst du?“ Mit einer kindlichen Neugier sieht er mich an und entlockt mir damit ein Lächeln.

„Ich finde es echt cool. Hätte ich nicht gedacht“, gestehe ich und er klatscht daraufhin triumphierend in die Hände.

„Ha, hab ich mir doch gedacht. Timmy ist schon ein komischer Vogel. Er ist Mitte Zwanzig, aber steht total auf Retro Zeug. Die Musik, die Einrichtung … einfach alles. Ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie auch witzig. Magst du was trinken? Die erste Runde geht auf mich.“

„Gerne, dann übernehme ich die nächste.“

„Ist Tequila okay?“

Das habe ich schon eine Ewigkeit nicht mehr getrunken. Aber warum nicht? Doch wenn er fährt, sollte er keinen Alkohol trinken.

„Sicher … “

„Macht es dir was aus, wenn ich einen mit trinke? Danach steige ich auf Cola um.“

„Sollte passen“, antworte ich und lächle ihn an. Gutheißen kann ich es nicht ganz. Allerdings muss er selbst einschätzen können, ob er noch fahrtüchtig ist. Im Notfall nehme ich mir eben ein Taxi. Oh mein Gott – bin ich spießig geworden?

„Okay, bin sofort wieder zurück.“ Er flitzt schnurstracks zur Raummitte und ich nutze die Gelegenheit und sehe mich ein bisschen genauer um. Ich habe schon gehört, dass in Bayern die Leute konservativer und nicht sehr offen sein sollen, was Homosexualität angeht. Dennoch scheint das hier nicht der Fall zu sein. Das Publikum ist wirklich bunt gemischt, auch was die Neigungen und wohl sexuellen Vorlieben angeht. Zwar sieht man nicht viele offensichtlich schwule oder lesbische Pärchen, doch die ein oder anderen sind dabei und machen kein Geheimnis daraus. Niemand stört sich daran. Das Stronger werde ich mir auf jeden Fall merken.

Keine fünf Minuten später kehrt Emanuel mit den Getränken zurück und setzt sich mir gegenüber.

„Ist zwar etwas spät, aber auf deinen Start bei uns in Linderhof!“

„Danke.“

Wir stoßen an und nehmen beide einen großen Schluck aus der Flasche. Für ein paar Minuten schweigen wir und während er sich umsieht, mustere ich ihn nochmals. Er sieht richtig gut aus und ich wundere mich, warum er heute Abend nicht etwas vorhat. Nicht dass ich was dagegen habe, wenn er mit mir abhängt, doch ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er wirklich Single ist. Soll ich ihn fragen? Lieber nicht. Dafür ist es wohl zu früh und es erscheint mir unpassend. Abgesehen davon liegt es nahe, dass er eine Gegenfrage stellt und ich bin noch nicht bereit, über Shuzee zu sprechen.

„Bist du schon aufgeregt?“ Seine Frage trifft mich unerwartet und ich blinzle ihn irritiert an.

„Entschuldigung, was meinst du?“

„Kein Ding, kam ja jetzt auch ohne Einleitung. Das passiert mir ab und an“, er sieht mir tief in die Augen. „Das erste Ritual der bukischen Jünger wird bald stattfinden.“

„Oh…“, ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe und in meinem Magen erwacht ein kleines Tier – eine Kreuzung aus Nervosität und Neugier. „Muss oder kann ich mich irgendwie vorbereiten?“

„Nein, ganz easy. Du musst nichts im Voraus machen. Das Ritual erklärt sich von selbst und ist nicht schwierig.“

„Ähm … ein paar Details zum Ablauf wären trotzdem sehr nett.“

Er lacht leise auf und seine Lippen formen sich zu einem breiten Grinsen.

„Du musst dir keine Sorgen machen. Ehrlich.“

Ich warte darauf, dass er fortfährt und mir zumindest einen kleinen Hinweis gibt, doch nichts.

„Verstehe ich deine Reaktion richtig und du willst mir den Ablauf nicht erklären?“, frage ich mit einem Seufzen, was ihm wiederum ein Lachen entlockt.

„Ich würde gerne, aber das ist nicht erlaubt. Alles was ich dir dazu sagen kann ist, dass du unbesorgt sein kannst. Es ist harmlos. Wie ich bereits vor ein paar Tagen schon erwähnte: es ist enttäuschend langweilig.“

„Okay … und an welchem Tag steht mir das Aufnahmeritual bevor?“

„Also es ist nicht direkt die Aufnahmezeremonie, sondern eher das einführende Ritual“, korrigiert er mich und das Tier in meinem Magen wächst misstrauisch an.

„Einführendes Ritual? Wie viele Riten gibt es denn?“

„Einige“, ist alles, was er mir mit einem erneuten Zwinkern zur Antwort gibt.

„Und wann …?“

„Das darf ich dir leider nicht verraten.“

Ich massiere mir für ein paar Sekunden die Schläfe. Das Ganze bereitet mir so langsam Kopfschmerzen. Er zieht mir die Nase lang, verrät mir jedoch nicht das Geringste. Ich war wohl besser dran, als ich gar nichts ahnte.

„Ha ha, du magst wohl keine Überraschungen, oder?“

„Wie kommst du nur darauf?“, entgegne ich mit einem sarkastischen Unterton. „Sorry, aber ich bin mehr der Planungstyp. Mit Überraschungen kann ich nicht gut umgehen“, füge ich erklärend hinzu. Emanuel kratzt sich peinlich berührt seinen Hinterkopf und schaut mich entschuldigend an.

„Da bin ich ja gewaltig ins Fettnäpfchen getreten. Tut mir echt leid.“

„Schon okay. Kannst du ja nicht wissen. Ist eine dumme Eigenart von mir, die ich einfach nicht ablegen kann.“

„Nee, wirklich. Das wollte ich nicht. Ich dachte eher, dass du dich freust, wenn es bald beginnt, sodass auch die anderen auftauen und du mit ihnen warm werden kannst. Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?“

„Das musst du nicht.“

„Ich weiß, aber ich möchte.“ Seine dunkelgrünen Augen nehmen mich gefangen, sodass ich mich nicht abwenden kann. Ich öffne leicht die Lippen, allerdings schließe ich sie ungesagt wieder. Keine Ahnung, was ich von ihm verlangen könnte, zumal das wirklich nicht nötig ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass er sich damit nicht zufriedengeben wird und … verdammt, diese magisch grünen Augen! Ich weiß nicht, was es ist, was mich darin gefangen hält. Irgendetwas in ihnen lässt meine Alarmglocken läuten und trotzdem bin ich nicht fähig, mich ihrem Bann zu entziehen. Emanuels Mundwinkel zucken verführerisch. Was macht dieser Kerl nur mit mir?

„Okay, ich denke, dem Wunsch komme ich gerne nach“, flüstert er und bevor ich nachfragen kann, was er damit meint, beugt er sich zu mir über den Tisch. Alles geht so schnell, dass ich nicht reagieren kann. Oder möchte ich es vielleicht auch gar nicht? Seine Hand streicht mit kurz über die Wange hinunter zu meinem Kinn, um mich zu ihm zu bugsieren. Für den Hauch einer Sekunde überlege ich, mich ihm zu entziehen, doch dann lasse ich es zu, dass seine Lippen die meinen verschließen. Ich wollte einen Neuanfang und hier bekomme ich ihn. Wieso also dagegen wehren? Mit diesem Gedanken schmeiße ich meine Zweifel über Board, schließe die Augen und lasse mich von dem aufregend kribbelnden Gefühl treiben.

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