Kitabı oku: «Essentielle Verwirklichung»

Yazı tipi:

A.H. Almaas

Essentielle Verwirklichung

Band 1 der Reihe

Der diamantene Weg des Herzens

Übersetzung aus dem Amerikanischen

Peter Brandenburg


Arbor Verlag Freiamt

Impressum

Originaltitel: Diamond Heart Book One – Elements of the Real in Man

Copyright © 1987 A-Hameed Ali

Copyright © der deutschen Ausgabe: 1998 Arbor Verlag Published by Arrangement with

Diamond Books, Berkeley California, USA Dritte Auflage, 2006

Titelfoto: Klaus Ender Bearbeitung: Lienhard Valentin

Alle Rechte vorbehalten

E-Book 2021

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-151-4

Inhalt

Vorwort

In der Welt – aber nicht von der Welt

Die Theorie der Löcher

Der Diamantene Weg innerer Arbeit

Glaube und Verbindlichkeit

Adel und Leiden

Wert

Wahrheit und Mitgefühl

Vertrauen

Essenz ist das Leben

Der Wert des Ringens

Wahrheit

Zulassen

Erwachsenwerden

Die Beziehung des Schülers zur Lehre

Der makellose Krieger

Neugier

Honig Sammeln

Ridhwan Schule

In diesem Tonkrug sind Canyons und fichtenbewachsene Berge, und den Schöpfer von Canyons und fichtenbewachsenen Bergen! Alle sieben Ozeane sind darin, und Hunderte Millionen Sterne.

Die Säure, die Gold prüft, ist da, und der Eine, der über Juwelen urteilt.

Und die Musik von den Saiten, die niemand berührt, und die Quelle allen Wassers.

Wenn du die Wahrheit willst, werde ich dir die Wahrheit sagen: Freund, höre: der Gott, den ich liebe, ist darin.

Kabir

aus: The Kabir Book, Übersetzung von Robert Bly

Vorwort

Wir leben in einer Welt voller Geheimnis, Wunder und Schönheit. Aber die meisten von uns nehmen an dieser wirklichen Welt selten Anteil und sind sich eher einer anderen Welt bewußt, die vor allem aus Streit, Leiden und Sinnlosigkeit besteht. Diese Situation liegt vor allem daran, daß wir unser volles menschliches Potential nicht verwirklichen und leben. Dieses Potential kann durch die Verwirklichung und Entwicklung der menschlichen Essenz aktualisiert werden. Die menschliche Essenz ist der Teil von uns, der angeboren und wirklich ist und der an der wirklichen Welt teilhaben kann.

Diese Reihe, Der diamantene Weg des Herzens ist eine Niederschrift von Vorträgen, die ich vor Gruppen, die sich der inneren Arbeit widmen, in Kalifornien und Colorado im Verlauf mehrerer Jahre als Teil der Arbeit dieser Gruppen gehalten habe. Der Zweck dieser Vorträge ist es, Menschen Anleitung und Orientierung zu geben, die sich der schwierigen Arbeit essentieller Verwirklichung mit aller Intensität widmen.

Die Vorträge sind auf eine Weise aufgebaut, daß sie die verschiedenen Zustände und Stufen der Verwirklichung in der Reihenfolge zeigen, wie sie der typische Schüler erlebt, wenigstens bei unserer Lehrmethode: dem Diamantenen Weg. Sie beginnen mit den Zuständen, dem Wissen und den Fragen, die am meisten gebraucht werden, um mit der Arbeit an sich selbst anzufangen, schreiten dann zu Stufen zunehmender Tiefe und Differenziertheit weiter und gipfeln in detailliertem Verständnis der reifsten Zustände und Voraussetzungen von Verwirklichung.

Jeder Vortrag erhellt einen bestimmten Zustand von Essenz oder Sein. Die relevanten psychologischen Themen und Barrieren werden genau und eingehend diskutiert. Dabei wird modernes psychologisches Verständnis in Beziehung zum Seinszustand und in Beziehung zu Denken und Bewußtsein, Leben und Prozeß innerer Entfaltung des Einzelnen benutzt.

Daher ist diese Reihe nicht nur eine detaillierte und spezifische Hinführung für den Schüler, sondern auch ein Ausdruck und eine Manifestation der Entfaltung der menschlichen Essenz, wie sie das Geheimnis, das Wunder, die Feinheit und den Reichtum der wirklichen Welt, unser wahres Erbe, enthüllt. Jeder Vortrag ist eigentlich der Ausdruck eines bestimmten Aspektes oder einer Dimension von Sein, wie er sich als Reaktion auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Schüler im Bewußtsein des Lehrers einstellt. Der Lehrer handelt als eine Verkörperung solch einer Realität und als ein Kanal für das lebendige Wissen, das Teil dieser Verkörperung ist.

Es ist mein Wunsch, daß mehr meiner Mitmenschen an unserer wirklichen Welt teilhaben und die unglaubliche Schönheit und Integrität schmecken, ein Mensch und eine volle Manifestation der Liebe zur Wahrheit zu sein.

In der Welt – aber nicht von der Welt

Es gibt eine Redewendung bei den Sufis: „In der Welt, aber nicht von der Welt sein.“ Dieser Satz kann viele Bedeutungen haben. Die Bedeutung hängt von der Situation sowie eurer eigenen Entwicklung und Fähigkeit zu verstehen ab. „In der Welt aber nicht von der Welt“ sein ist eine Frage der Orientierung. Ich werde über einige der Bedeutungen dieses Satzes sprechen, damit ihr eine besseres Verständnis davon bekommt, was wir hier machen.

Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann ist es praktisch ganz Essenz, oder reines Sein. Seine Essenz ist natürlich nicht dasselbe wie die Essenz eines entwickelten oder verwirklichten Erwachsenen. Es ist die Essenz eines Babys – nicht differenziert, alles in einem großen Bündel. Wenn das Kind heranwächst, beginnt sich als Ergebnis von Interaktionen mit der Umwelt und besonders mit den Eltern die Persönlichkeit zu entwickeln. Da die meisten Eltern mit ihrer Persönlichkeit und nicht mit ihrer Essenz identifiziert sind, erkennen oder ermutigen sie die Essenz des Kindes nicht. Nach ein paar Jahren ist die Essenz also einfach vergessen und statt der Essenz entwickelt sich die Persönlichkeit. Essenz wird durch verschiedene Identifikationen ersetzt. Das Kind identifiziert sich mit dem einen oder anderen Elternteil, dieser oder jener Erfahrung und mit allen möglichen Vorstellungen von sich selbst. Während das Kind heranwächst, werden diese Identifikationen, Erfahrungen und Vorstellungen als seine Persönlichkeit verfestigt und strukturiert. Das Kind, und später der Erwachsene, hält diese Struktur für sein wahres Selbst. Doch war die Essenz von Anfang an da und ist immer noch da. Obwohl sie nicht gesehen und erkannt wurde, sogar auf vielerlei Weise zurückgewiesen und verletzt wurde, ist sie immer noch da. Um sich zu schützen, ist sie in den Untergrund gegangen, untergetaucht. Was sie verbirgt, ist die Persönlichkeit.

Eine Persönlichkeit zu haben ist nichts Schlechtes. Man muß eine haben. Ohne sie könnte man nicht überleben. Wenn ihr aber die Persönlichkeit als das nehmt, was ihr in Wahrheit seid, dann entstellt ihr die Realität, weil ihr nicht nur eure Persönlichkeit seid. Die Persönlichkeit ist aus Erfahrungen der Vergangenheit, aus Vorstellungen, aus Anschauungen, aus Identifikationen zusammengesetzt. Ihr habt das Potential, eine wirkliche Individualität zu entwickeln, die persönliche Essenz, die etwas anderes als die Persönlichkeit ist, die den Verlust der Essenz verdeckt. Aber dieses Potential wird gewöhnlich von dem, was wir unser Ego nennen, unserem eigenen erworbenen Gefühl von Identität, in Besitz genommen.

Wenn jemand glaubt, er selbst sei das Ego, die Identifikationen, Vorstellungen und Erfahrungen der Vergangenheit, dann sagt man von ihm, er sei „nicht in der Welt, sondern von dieser Welt“. Er ist sich nicht bewußt, wer er in Wirklichkeit ist; er ist sich seiner Essenz nicht bewußt. Das ist schwer zu verstehen, wenn wir nicht wenigstens ab und zu unserer eigenen Essenz bewußt sind.

Das Ego oder das Gefühl der Ich-Identität nimmt also die Stelle dessen ein, was wir die wirkliche Identität nennen – und die Persönlichkeit als Ganze nimmt den Platz von Essenz ein. Die Persönlichkeit ist ein Ersatz, gleichsam ein Hochstapler.

Auf jeden Fall ist die Welt einfach die Welt. Sie ist für Essenz und Persönlichkeit die gleiche. Was existiert existiert. Aber wie die Welt gesehen wird, ist verschieden. Ein Mensch, der „nicht in der Welt, sondern von der Welt“ ist, lebt auf die Persönlichkeit anstatt auf Essenz hin orientiert.

Hier sind ein paar Beispiele dafür, wie die Identifikation mit eurer Persönlichkeit die Wirklichkeit entstellt und natürlich zu Leiden führt. Ihr wollt euch in der Welt beweisen, unabhängig, autonom, stark, erfolgreich sein und einen Platz für euch selbst schaffen. Das ist ein großes Thema, eines der Hauptanliegen überhaupt. Fast jeder hat dieses Ziel. Aber das kann ein Ziel sein, das einer essentiellen Orientierung oder einer Orientierung an der Persönlichkeit entspringt. Das ist ein sehr großer Unterschied. Sich selbst in der Welt niederlassen und unabhängig sein bedeutet den persönlichen Aspekt von Essenz entwickeln und ihn zu etablieren. Das ist eine vollkommen innere Leistung. In Wirklichkeit habt ihr also vielleicht eine sehr tiefe Sehnsucht danach, zu verwirklichen, wer ihr wirklich seid, eine Sehnsucht nach eurer wahren Identität, danach, wahrhaft unabhängig und nicht von eurem Unbewußten oder vergangenen Umständen beeinflußt zu sein. Wahre Unabhängigkeit bedeutet, nicht von der Vergangenheit abhängig zu sein. Sein, wer ihr wirklich seid, bedeutet, von all den Identifikationen aus der Vergangenheit frei zu sein, die euer falsches Identitätsgefühl bilden. Sein, wer ihr wirklich seid, hängt nicht davon ab, was ihr in der Welt tut. Was auch immer ihr in der Welt tut, kann ein Ausdruck davon sein, wer ihr wirklich seid, aber es definiert euch nicht. Wenn ihr eure persönliche Essenz, euer eigenes wahres Gefühl von Identität seid, dann hat alles, was ihr tut, essentielle Orientierung. Gewöhnlich denkt ihr, daß der Beruf, den ihr wählt – was immer es ist: Gärtner, Physiker, Mutter – euch das Gefühl gibt, wer ihr wirklich seid. Aber das bedeutet, daß ihr damit identifiziert seid, ein Teil der Welt zu sein. Es bedeutet eine Entstellung der Wirklichkeit.

Wenn jemand anfängt, an sich selbst zu arbeiten, hat er gewöhnlich keine Vorstellung von dem Unterschied zwischen Entscheidungen, die von der Persönlichkeit motiviert, und Entscheidungen, die von Essenz motiviert sind. Er hat vielleicht undeutliche Begierden und Vorlieben und glaubt, daß es ihm hilft, er selbst zu sein, wenn er dieses statt jenes tut. Zu Beginn gibt es kein klares, leitendes Prinzip. Und wegen der Ich-Identifikationen fehlt ihm nicht nur ein leitendes Prinzip, er glaubt an das, was die Persönlichkeit ihn zu tun drängt, und verteidigt es auch sehr vehement. „Dies bin ich; das ist es, was ich bin; am besten wird dies gemacht.“ Und natürlich fühlt er sich jedesmal, wenn seine Pläne für die Zukunft oder seine Vorstellungen davon, wer er ist, in Frage stehen, sehr bedroht. Diese Strukturen in Frage zu stellen, bedeutet die Möglichkeit, alles was er glaubt, zu zer stören. Das Streben der Persönlichkeit nach Unabhängigkeit und Identität ist in Wirklichkeit also ein entstellter Reflex, einen bestimmten Aspekt von Essenz zu brauchen oder zu wollen, den wir den „persönlichen Aspekt“ nennen. Darauf wird in bestimmten Geschichten der Sufis, etwa denen von der Prinzessin „Kostbare Perle“ oder der „Unschätzbaren Perle“ oft angespielt. Es gibt viele Geschichten von dieser Prinzessin – der persönlichen Essenz – wie sie aus einem Gefängnis befreit wird, das natürlich das Gefängnis der Persönlichkeit ist, also dessen, was falsch in uns ist. In anderen Geschichten ist es die Suche nach einem kostbaren Edelstein, der die Suche nach persönlicher Essenz darstellt.

Wie wendet man „in der Welt, aber nicht von dieser Welt sein“ auf diese Situation an? „In der Welt, aber nicht von der Welt sein“ bedeutet, daß ihr weiter tut, was ihr tut, daß ihr weiter eure Karriere als Physiker, Gärtner, Mutter usw. verfolgt, aber euch dauernd erinnert und dessen bewußt seid, daß dies nur eine Reflexion von etwas anderem ist, daß das, was ihr am Tiefsten wünscht, tatsächlich die Verwirklichung eines Teils von euch ist. Und die Hauptanstrengung und Arbeit, die zu tun ihr euch entschieden habt, ist darauf gerichtet, diesen bestimmten Teil von euch zu verstehen und ihn zu verwirklichen. Wenn ihr so lebt, dann ist es zwar wahr, daß ihr in der Welt seid, aber eure Motivation ist eine andere; ihr seid nicht von dieser Welt. Der Sinn eures Lebens besteht nicht darin, ein Physiker oder ein Gärtner oder eine Mutter zu sein. Euer Sinn besteht darin, die kostbare Perle, eure persönliche Essenz zu finden. Wenn ihr Physiker seid, könnt ihr einen Preis nach dem anderen verliehen bekommen; wenn ihr Rechtsanwalt seid, könnt ihr Generalstaatsanwalt werden. Aber ihr werdet euch weiter unerfüllt fühlen, wenn ihr die Perle nicht findet. Ihr werdet immer noch mehr tun, mehr versuchen, mehr beweisen müssen usw. Ihr könnt euer Leben damit verbringen, nach immer besseren Ergebnissen zu streben.

Versteht bitte nicht falsch, was ich sage. Ich sage nicht, daß ihr nicht anstreben sollt, was ihr anstrebt. Ich sage nicht, daß ihr zuhause sitzen und darüber nachdenken sollt, was die kostbare Perle ist. Ich meine, daß alles was ihr tut eine Entstellung des Eigentlichen ist, bis ihr euch an Essenz orientiert, bis ihr die persönliche Essenz verwirklicht habt. Aber gerade weil eure Persönlichkeit eine Entstellung des Eigentlichen ist, kann sie auf das Eigentliche hinweisen. Dadurch, daß ihr sie versteht, könnt ihr zu sehen anfangen, was die Reflexion reflektiert.

Der Ausdruck lautet also nicht: „nicht von dieser Welt“, sondern „in der Welt, aber nicht von dieser Welt.“ „In der Welt“ bedeutet, nicht auf irgendeinem Berg meditieren, nicht in einem Kloster leben. Ihr lebt wirklich das Leben der Welt. Euer Leben ist ein Abenteuer, und was immer ihr in der Welt tut, ist kein Ziel an sich, sondern der Prozeß, ein Tiegel, um das Gold aus dem Erz zu schmelzen.

Wenn ihr einmal wißt, daß ihr die persönliche Essenz seid, spielt keine große Rolle mehr, was ihr tut. Ihr entscheidet euch für das, was euer wirkliches Selbst erweitert und fördert. Es kann nie ein Gefühl andauernder Erfüllung geben, bevor ihr diesen essentiellen Teil von euch verwirklicht habt. Nichts anderes kann seinen Platz einnehmen.

Ein anderes Beispiel: das Thema, mit einem anderen Menschen zusammen zu sein und dabei unabhängig zu bleiben. Es sieht so aus, als müßtet ihr einen Teil von euch opfern, einen Kompromiß machen. Ihr möchtet das nicht tun: ihr möchtet euch unabhängig fühlen. Ihr möchtet nah, intim, geliebt und liebevoll und doch ihr selbst sein, ohne euch aufzugeben oder einen Kompromiß zu machen.

Ihr seid noch „in der Welt“. Wie kann es euch in diesem Fall möglich sein,“nicht von der Welt“ sein? Wir müssen zuerst etwas von der Natur von Beziehungen verstehen. Der Kern des Bedürfnisses nach einer intimen Liebesbeziehung ist die Sehnsucht danach, eine bestimmte Beziehung zu aktualisieren, die ihr in der frühen Kindheit mit eurer Mutter hattet. Als ihr ein Baby, etwa vier oder fünf Monate alt wart, wart ihr in einem Zustand, den man „symbiotische Einheit“ nennt. In diesem Zustand wart ihr essentiell mit eurer Mutter verschmolzen. Es gab noch kein Gefühl von „Ich bin ich“ und „Du bist jemand anders“. Es gab nur totale, nichtdifferenzierte Einheit mit wunderbaren, lustvollen, warmen, schmelzenden Empfindungen. Wenn ihr darüber nachdenkt, was ihr in einer Beziehung wollt, werdet ihr also gewöhnlich finden, daß ihr dem anderen Menschen so nahe sein möchtet, daß es nicht länger zwei Menschen, zwei getrennte Individuen gibt. Da ist eine tiefe Sehnsucht danach, in den anderen Menschen hinein zu schmelzen, ohne Grenzen, so daß da nicht einmal mehr zwei Menschen sind, die einander lieben; da ist nur ein Zustand von Liebe. Es ist wie ein großer Teich – ein wunderbarer, goldener Teich – wie Honig, durch den die Sonne hindurchscheint. Ein goldener Schoß. Ihr fühlt euch sicher, geschützt, schmelzend; euer Körper ist ganz Lust, euer Kopf existiert nicht mehr, alles ist ganz wunderbar. Und weil wir diese Erfahrung in unserer Kindheit mit der Mutter hatten, sind wir sehr tief davon überzeugt, daß wir diesen Zustand nur mit einem anderen Menschen wieder haben können. Wir suchen also nach dem richtigen Menschen, diesem Jemand. Genau genommen suchen wir nach diesem Gefühl von Verschmelzen, nach diesem goldenen, schmelzenden Gefühl.

Aber wir haben nicht gesagt, wie wir das erreichen können, ohne dabei „von dieser Welt“ zu sein. Gut, zuerst müssen wir verstehen, daß der Zustand vollständiger Verschmelzung, von vollkommenem Verschwinden in eine schmelzende Art von Lust ein Zustand von Essenz ist. Und ihr könnt diesen Zustand ganz für euch allein haben. Ihr müßt nicht mit jemand anders zusammen sein, um diesen Zustand zu haben. Ihr könnt diesen Aspekt von Essenz für euch allein erfahren, überall – mit eurer Katze, mit dem Teppich, mit eurem Auto oder mit einem anderen Menschen – mit irgendetwas. Aber unser Glaube, daß wir jemanden brauchen, um dieses goldene verschmelzende Gefühl zu haben, ist sehr stark. „Wenn ich einfach nur in deinen Armen schmelzen könnte, wenn du mich einfach liebtest, wäre alles wunderbar.“ Ihr glaubt, das ist es. Für die meisten Menschen ist es leichter, den Zustand der Verschmelzung mit jemand anders zu erfahren, weil für sie die Tatsache, daß man jemanden hat, die Bedingung für diesen Zustand ist. Aber die Suche richtet sich in Wirklichkeit auf einen bestimmten Aspekt von Essenz. In diesem Fall also bedeutet „in der Welt, aber nicht von dieser Welt“ sein nicht, daß ihr Beziehungen einfach vergeßt und euch irgendwo eine Höhle sucht oder zum Nordpol wandert und mit den Eisbergen verschmelzt. Obwohl es in Ordnung ist, wenn ihr das tut, wenn ihr wollt. Es ist nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, was immer ihr auch tut, ob ihr in einer Beziehung seid oder nicht, daß ihr in euch hineinschaut und herausfindet, welche Barrieren euch davon abhalten, den Teil von euch zu erfahren, der sich verschmolzen und schmelzend fühlen kann, unabhängig davon, mit wem ihr gerade zusammen oder wo ihr seid.

Die Sehnsucht nach diesem essentiellen Zustand wirkt nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in dem Wunsch, Kinder zu haben; Menschen möchten diesen Zustand der Verschmelzung mit einem Kind erleben.

Wenn Menschen nach ästhetischen Erfahrungen suchen – schönen Landschaften oder ähnlichem –, dann wollen sie in Wirklichkeit das Gefühl haben, mit dem zu verschmelzen, was um sie herum ist. Sie glauben, daß die eine oder andere Bedingung erfüllt sein muß. Beziehungen können also ein Schmelztiegel sein, in dem man eine bestimmte goldene Substanz entdecken kann.

Ich habe zufällig zwei Beispiele gegeben, die eng miteinander zusammenhängen. Das erste Beispiel hat mit Unabhängigkeit zu tun, mit Ich-selbst-sein, und bringt das Thema der Identität zur Sprache – den persönlichen Aspekt von Essenz. Das andere Beispiel hat mit Beziehungen zu tun und zeigt den Konflikt zwischen der Tatsache, daß man ein getrenntes Selbst ist, und dem Verschmelzen, bei dem man oft das Gefühl hat, die Identität zu verlieren.

Um herauszufinden, was wirklich da ist, achtet ihr darauf, wie ihr in eurer aktuellen Situation in der Welt da seid, und das ist ein entstelltes Spiegelbild der wahren Sachlage. Eure Karriere, eure Interessen und Beziehungen sind sehr wichtig – aber sie sind nur insofern wichtig, als sie euch zu tieferem Verständnis von euch selbst führen.

Der Zenmeister Hakuin wurde von seinen Nachbarn als jemand gepriesen, der ein reines Leben lebte.

Ein schönes japanisches Mädchen, dessen Eltern ein Lebensmittelladen gehörte, lebte in seiner Nähe. Plötzlich entdeckten ihre Eltern, aus heiterem Himmel, daß sie schwanger war.

Das ärgerte sie. Das Mädchen wollte nicht sagen, wer der Vater war, aber nach langem Drängen nannte sie schließlich Hakuin.

In großer Wut gingen die Eltern zu dem Meister. „Tatsächlich?“ war alles was er sagte.

Nachdem das Kind geboren war, wurde es zu Hakuin gebracht. Mittlerweile hatte er seinen Ruf verloren, was ihn nicht störte, aber er kümmerte sich sehr um das Kind. Er beschaffte sich Milch von den Nachbarn und alles, was das Kind sonst noch brauchte.

Ein Jahr später konnte die junge Mutter es nicht länger aushalten. Sie sagte ihren Eltern die Wahrheit – daß der wirkliche Vater des Kindes ein junger Mann war, der auf dem Fischmarkt arbeitete. Die Mutter und der Vater des Mädchens gingen sofort zu Hakuin, um ihn um Verzeihung zu bitten, sich ausführlich zu entschuldigen und das Kind zurückzuholen.

Hakuin war ganz bereitwillig. Alles was er sagte, als er das Kind übergab, war nur: „Tatsächlich?“[1]

Alles ändert sich dauernd. Manchmal geht es ihm schlecht, manchmal gut. Es ist ihm gleich. Für ihn macht es keinen Unterschied. Es hat nichts damit zu tun, wer er ist. Wer er ist, ist immer gleich. Was um ihn herum geschieht, ist unwichtig. Er ist immer der, der er in Wahrheit ist.

Eure Essenz ist sehr intelligent und sehr großzügig. Es ist ihre Art, euch einen Konflikt vor die Füße zu werfen, damit ihr dadurch, daß ihr den Konflikt oder die Barriere anschaut, etwas herausfindet, was ihr wissen müßt. Die Situation, die euch so gegeben wird, ist hinsichtlich Timing, Ort, den involvierten Menschen, euren Fähigkeiten, den Fähigkeiten der Menschen um euch herum und allem anderen bis zu jeder Einzelheit, perfekt. Die Situation ist so, daß ihr, wenn ihr sie wirklich zu verstehen versucht, etwas von eurer Essenz verstehen werdet. Sie ist nicht dazu da, euch das Leben schwer zu machen. Es wird nur schwer für euch, wenn ihr nur die Manifestation, nur den Konflikt selbst als ein Problem anschaut. Wenn ihr sie aus der Perspektive des Ego, der Identifikation anschaut, dann werdet ihr leiden und leidet weiter. Wenn ihr aber seht, daß ihr auf euer Gesicht fallt und dann leidet, weil ihr über etwas gestolpert seid, das euch im Weg lag, als ihr nicht hingeschaut habt, dann werdet ihr mehr über das, was war, mehr über diese Barriere herausfinden wollen.

Was wir hier tun, ist also, die Barrieren anschauen, die ihr in diese Gruppen mitbringt, um an ihnen zu arbeiten. Wir nehmen sie auseinander, analysieren sie, untersuchen, woher sie stammen, aus eurer Kindheit, euren Beziehungen und eurem Leben jetzt in dieser Welt. Und aus diesem Material gewinnen wir mit der Zeit das wirkliche und kostbare Metall, oder die Edelsteine, die darin verborgen sind. Deshalb gibt es dieses ganze Material überhaupt. Ihr glaubt, daß ihr dadurch, daß ihr an eurem Thema von Unabhängigkeit arbeitet, schließlich unabhängig und in der Lage sein werdet, euch selbst zu unterstützen, eine Menge Geld zu verdienen, zu tun, was ihr wollt und so weiter. Das ist alles wahr, aber es ist nicht der wichtigste Faktor. Der wichtigste Aspekt besteht darin, etwas in euch zu entwickeln. Dann folgt das Übrige fast ohne Anstrengung.

Also „in der Welt, aber nicht von dieser Welt.“ Wir leben in der Welt und wir tun, was jeder andere tut: Kleider tragen, essen, in den Gemüseladen gehen, einen Beruf haben, sich lieben, sich streiten, alles. Doch unser Fokus ist anders. Wir identifizieren uns nicht mit dem Teil von uns, der ißt, einkauft, arbeitet und so weiter. Wir lernen, die Fähigkeit zu entwickeln, sich dessen bewußt zu sein, was geschieht, sich aber zur gleichen Zeit nicht damit zu identifizieren; wir entwickeln das, was wir Bewußtheit und Desidentifikation nennen. Wie ihr wißt, sind dies die wichtigsten Dinge, die ihr braucht, um mit der Arbeit, euch selbst zu verstehen, voranzukommen. Ihr müßt euch dessen bewußt sein, was in euch und außerhalb von euch geschieht. Die Welt ist wie ein großes Klassenzimmer, und die Situationen, in die ihr in der Welt geratet, sind eure Fächer, in denen ihr bestimmte Aspekte von euch selbst, bestimmte Aspekte eurer Essenz entwickeln könnt. Die ganze Welt ist eine große Universität, die viele Fächer anbietet: Kurse über Sexualität, Kurse über Arbeit, Beziehungen, Abhängigkeit und Unabhängigkeit und so weiter.

Schritt für Schritt werden wir uns unseres Lebens und der Situation, in der wir uns befinden, mit allen Konflikten und Barrieren bewußt, ohne dabei ganz zu glauben, daß das alles ist, was es gibt. Je mehr wir in der Lage sind, aufmerksam und nicht identifiziert zu sein, um so mehr können wir die wirkliche Wahrheit sehen, die da ist, wie Goldadern in Gestein – die Wahrheit, das Gold in all dem Erz. Die Entwicklung dieser Fähigkeit, aufmerksam zu sein und zugleich die Identifikationen mit dem Wahrgenommenen aufzulösen, führt mit der Zeit dazu, daß wir unsere Essenz erfahren.

„In der Welt, aber nicht von dieser Welt“ beschreibt nicht nur einen Menschen, der frei ist. Der Ausdruck beschreibt Essenz selbst. Das ist ihr tieferer Aspekt. Was ist also die Welt, die Welt, „in“ der wir sind, ohne „von ihr“ zu sein? Die Welt ist natürlich eine Vielheit von Dingen. Aber die Welt, wie wir sie wahrnehmen, besteht vor allem aus Mentalem: Gedanken und Bildern, Emotionen und Sinneswahrnehmungen. Alles was ihr von der Welt und von euch wißt, beruht auf Gedanken, Bildern, Emotionen und Sinneswahrnehmungen. Was wißt ihr sonst? Letztlich geht die Welt, wie ihr sie wahrnehmt, auf eure Sinneswahrnehmungen, eure emotionalen Reaktionen und auf eure mentalen Bilder und die Gedanken zurück. Zum Beispiel ist ein Baum ein Baum und Teil der Welt, aber was ist er für euch? Ein bestimmtes Bild in eurem Kopf: wie er aussieht, ein Gefühl in bezug auf ihn, Sinneswahrnehmungen wenn ihr ihn berührt – rauhe Rinde, glatte Rinde. Wenn ihr in einem Sessel sitzt: was ist der Sessel für euch in eurer unmittelbaren Erfahrung? Eine Sinneswahrnehmung von etwas unter eurem Hintern, stimmt‘s? Ein Bild von ihm in eurem Kopf, eine Vorstellung von ihm, die euch veranlaßt, so zu sitzen statt ein wenig anders. Das ist die Welt.

Essenz ist nun „in der Welt, aber nicht von dieser Welt“. Sie besteht nicht aus Sinneswahrnehmungen, Emotionen oder mentalen Ereignissen. Aber sie ist „in der Welt“. Sie lebt da mit diesen Dingen. Sie ist wie Gold im Gestein. Sie ist nicht das Gestein, sie ist im Gestein. Essenz ist in den Sinneswahrnehmungen, Emotionen, mentalen Ereignissen, aber ist nicht selbst Sinneswahrnehmung, Emotion oder mentales Ereignis. Diamanten und Smaragde – kostbare Steine – sind in der Erde, aber sie sind nicht die Erde selbst. Sie sind etwas anderes. So ist Essenz in euch. Sie ist nicht euer Fleisch, sie ist nicht identisch mit euren Emotionen oder Gedanken. Aber sie ist in sie eingebettet. Essenz ist in euch wie Gold im Gestein, wie kostbare Steine in der Erde.

Da das so ist, könnt ihr ein wenig Forschung, ein wenig Bergbau treiben, um sie zu finden. Ihr könnt im Körper, in den Emotionen und in den mentalen Ereignissen graben, um die kostbare Substanz zu finden. Zum Beispiel könnt ihr Körperarbeit machen, um die Empfindsamkeit eures Körpers zu entwickeln. Ihr könntet entdecken, was da ist, was Essenz ist. Ihr könntet eure Emotionen und eure Sinnewahrnehmungen erforschen, bis ihr ihrer so bewußt seid, daß ihr feine Unterschiede erkennen könnt. Ihr seht, daß das, wovon ihr so sicher wart, daß es eine Emotion ist, keine Emotion ist; daß das, was da ist, keine körperliche Sinneswahrnehmung ist, sondern ihr es nur immer dafür gehalten habt – nah, sehr nah an einer körperlichen Sinneswahrnehmung, aber nicht wirklich eine. Essenz ist etwas Physisches, das nicht zum physischen Körper gehört. Sie ist wie etwas, das zwar physisch, aber auf einer anderen Ebene und auf eine andere Weise existiert.

Es gibt eine tiefere Bedeutung von „in der Welt, aber nicht von dieser Welt“. Wenn man sie einmal entdeckt hat, dann macht Essenz eine Entwicklung, eine alchimistische Verfeinerung durch, bis sie ihre eigentliche Natur erreicht – die wahre Natur von Essenz, die die Natur von allem ist. Sie ist meine Natur, aber sie ist auch eure Natur. Sie ist die Natur von Vögeln, Katzen, Bäumen, Steinen, von allem. Sie ist nicht der Stein, auch nicht die Katze, nicht euer Körper, sie ist weder mit euch noch mit mir identisch. Sie ist die wirkliche Natur von alldem. Sie erlaubt alledem zu existieren. Die wirkliche Natur der Essenz, die Natur von allem, ist das, was manchmal Gott genannt wird.

Gott, die Essenz der Essenz, ist überall – im physischen Körper, in den Sinneswahrnehmungen selbst, in den Gedanken selbst, im Belebten, im Unbelebten – in allem. Aber er ist nicht mit ihnen identisch. Gott, die Essenz der Essenz, ist also „in der Welt, aber nicht von dieser Welt“, und das ist seine tiefste Bedeutung. Es gibt einen wichtigen Aspekt von „in der Welt, aber nicht von dieser Welt“ sein, auf den ich hier hinweisen möchte. Er ist das Erkennen von dem, was Essenz ist und was nicht Essenz ist, und das bedeutet erkennen und anerkennen, daß Essenz in euch wirkt, daß sie ein wirklicher Faktor ist.

Essenz entwickelt sich sehr schnell, sobald sie gesehen und erkannt wird. Sie gedeiht durch Anerkennen. Wenn ihr sie nicht erkennt, schläft sie weiter. In dem Moment, in dem ihr sie erkennt, beginnt sie zu wachsen; sie lebt von Licht. Das ist für bestimmte Aspekte eurer Arbeit hier sehr wichtig; wir müssen erkennen, welche Faktoren wirklich zu unserer Verwandlung und unserer Entwicklung beitragen. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, ihr habt ein oder zwei Jahre lang an euch gearbeitet, kommt zu dieser Gruppe und arbeitet an bestimmten Themen in eurem Leben, und einige Änderungen beginnen sich in euch zu vollziehen. Es kann sein, daß sich euer Herz öffnet oder ihr klarer werdet. Ihr sagt dann vielleicht: „Oh, mein Herz hat sich geöffnet, weil ich diese wunderbare Frau getroffen habe; sie ist so toll, mein Herz hat sich einfach für sie geöffnet und seitdem ist es immer offen.“ Ihr erkennt eure essentielle Arbeit also nicht an, ihr gebt etwas anderem die Anerkennung. Wenn ihr das tut, beraubt ihr euch der Möglichkeit, daß diese essentielle Arbeit weitergeht und euch mehr Verständnis der Wahrheit bringt. Ihr gebt eure Anerkennung dahin, wohin sie nicht gehört. Wenn ihr das tut, entwertet ihr eure Arbeit. Ihr habt zwei Jahre Arbeit darauf verwandt, euch zu verstehen, aber ihr sagt, es hat nichts bewirkt. Eure Offenheit, eure Ausdehnen, die Fülle, die ihr spürt, fallen euch demnach zu, weil ihr dieser wunderbaren Frau begegnet seid. Oder ihr sagt, eure Kundalini habe sich geöffnet, weil jemand euch diese Massage gegeben oder jemand auf eine besondere Weise an eurem Kreuzbein gearbeitet hat. Und ihr ignoriert völlig die Tatsache, daß ihr fünf Jahre lang mit allen möglichen Emotionen gearbeitet habt, und wenn ihr diese Arbeit nicht getan hättet, jemand euer Kreuzbein mit Schmirgelpapier hätte bearbeiten können und ihr nicht das Geringste gespürt hättet.

Wenn ihr euch einmal erkältet und ihr fühlt zur gleichen Zeit, daß euer Herz offen ist, könnt ihr zu dem Schluß kommen, daß euer Herz offen ist, weil ihr euch erkältet habt. Ihr schreibt der Erkältung das Verdienst zu, eurer Erkrankung, statt vier Jahre Arbeit, die es geöffnet hat. Die Erkältung ist wahrscheinlich in Wahrheit eher Ausdruck eines Widerstandes gegen weitere Öffnung. Krank werden ist häufig Ausdruck eines Widerstandes gegen Ausdehnung.

Diese Unterscheidungsfähigkeit ist sehr wichtig, nicht nur in bezug auf Orientierung – worüber wir früher gesprochen haben –, sondern auch in bezug darauf, welches die wirklichen Einflüsse in eurem Leben sind. Wenn ihr die Anerkennung nicht dem gebt, der sie verdient, dann entwertet ihr, was wirklich zu diesen Veränderungen geführt hat, was das Wachstum in Wirklichkeit bewirkt hat – eure eigene Arbeit, eure Fähigkeiten, eure eigene Essenz.

Meiner Erfahrung nach haben viele meiner Freunde ihre Essenz erfahren, aber nicht verstanden, was es war, weil sie meistens entwerteten, was sie selbst getan hatten. Jedesmal wenn sie zu etwas anderem weitergingen, zu einer anderen spirituellen Lehre oder Disziplin, zu einer anderen Methode der Selbsterforschung, entwerteten sie, was sie eben gelernt hatten und warfen alles weg. Sie warfen ihr Verstehen weg und was sie bekommen hatten, was von Wert war. Dann mußten sie wieder ganz von vorn anfangen. Ich hatte Glück, ich entwertete nichts. Immer wenn ich zu etwas Anderem weiterging, verstand ich genau, was ich bei dem gelernt hatte, bei dem ich bisher gewesen war. Und ich fand, daß das von ziemlicher Tragweite ist.

Manchmal ist es nicht leicht zu sagen, was zu Verstehen und Klarheit in eurem Leben beiträgt. Aber wenn ihr erkennen könnt, was es ist, dann bewegt ihr euch zunehmend auf eure Essenz zu, weil nur Essenz das kann. Wenn ihr aber eure Entwicklung äußeren Dingen zuschreibt, dann urteilt ihr nicht nur falsch, ihr verlangsamt auch den Prozeß, der in Wirklichkeit zu eurer Entwicklung beigetragen hat, oder haltet ihn sogar an. Ihr sagt eurer Essenz: „Auf dich kommt es nicht an.“ Und das ist ein Angriff auf eure Essenz; ihr greift eure Essenz an. Die eigene Essenz entwerten ist ein Aspekt eures Ego oder eures Über-Ich. Nach meiner Beobachtung erkennen Menschen oft nicht an, was wirklich geschieht oder welches die Kraft ist, die in ihnen wirkt, und zwar genau aus dem Grund, weil es etwas in ihnen gibt, das sich dagegen wehrt, Essenz zu sehen und zu erfahren. Es ist nicht nur ein Fehler in der Beurteilung; es steckt eine aktive Motivation dahinter. Es ist eine Abwehrfunktion des Über-Ich. Nicht nur das – andere Menschen sehen vielleicht eure Veränderungen, schreiben sie aber etwas anderem zu, so daß ihr praktisch keine Unterstützung oder Anleitung von der Welt um euch herum bekommt. Wenn Menschen die wirkliche Kraft in euch nicht anerkennen, die zu den Veränderungen in eurem Leben geführt hat, dann aus dem Grund, weil sie einen Widerstand dagegen haben, diese Kraft in sich selbst wahrzunehmen. Sie selbst wollen die Wahrheit nicht sehen, deshalb wollen sie sie in euch nicht anerkennen. Meiner Erfahrung nach ist es wichtig, daß ich weiß, was wirklich meine Veränderungen und meine Entwicklung bewirkt. „In der Welt, aber nicht von der Welt“ erstreckt sich darauf, die wirklichen Ursachen zu sehen, die wirklichen Kräfte, die in allem wirken, was wir tun.

Gibt es Fragen, Kommentare?

S.: Ist es möglich, daß manche Menschen – ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll – daß manche Menschen mehr Essenz haben, die sich in ihnen bewegt und arbeitet und sich zeigt, als andere Menschen, auch wenn sie ihrer Essenz vollkommen unbewußt sind?

A.H.: Ja, das kommt vor. Das sind die Menschen, die Gurdjieff „dumme Heilige“ nennt, was bedeutet: Sein ohne Wissen.

S.: Und andere Menschen fühlen sich zu ihnen hingezogen, weil sie diese Eigenschaft wollen oder brauchen?

A.H.: Sicher. Manchmal haben sich Menschen essentiell entwickelt, ohne an sich zu arbeiten, einfach weil sie von Anfang an nicht allzu beschädigt wurden.

S.: Und dann ist ihre Essenz da, sichtbarer, wegen eines Zufalls, oder einer Begabung…

A.H.: Eins dürfen wir hier nicht vergessen, Essenz hat nichts mit Begabung zu tun. Ein Mensch kann sehr talentiert, aber zugleich vollkommen mit seiner Persönlichkeit identifiziert sein. Essenz ist, wie ich schon sagte, „in der Welt, aber nicht von der Welt.“ Talent ist Teil dieser Welt. Natürlich kann Essenz die Entwicklungsmöglichkeiten der Talente, die schon da sind, fördern und zur Reife bringen. Aber intelligent oder nicht intelligent, auf die eine oder andere Weise kreativ sein, das hat nichts mit Essenz zu tun.

1 Paul Reps: „Ohne Worte, ohne Schweigen“, München 1993

Die Theorie der Löcher

Heute werden wir einen Gedanken diskutieren, der für unsere Arbeit hier grundlegend ist. Es ist die Theorie der Löcher. Menschen sind unter normalen Umständen voll von dem, was wir „Löcher“ nennen. Was ist nun ein „Loch“? Ein Loch bezieht sich auf jeden Teil von euch, der verloren gegangen ist, das heißt jeden Teil von euch, dessen ihr euch nicht mehr bewußt seid. Was dann bleibt, ist ein Loch, in einem gewissen Sinn ein Mangel. Und das, dessen wir uns nicht mehr bewußt sind, ist natürlich unsere Essenz. Wenn wir unserer Essenz nicht bewußt sind, hört sie auf, sich zu manifestieren und ist verloren. Dann haben wir ein Gefühl von Mangel. Ein Loch ist also nichts anderes als die Abwesenheit eines bestimmten Teils unserer Essenz. Es kann der Verlust von Liebe, von Wert, der Verlust der Fähigkeit für Kontakt, Verlust von Stärke, von Willen, von Klarheit, von Lust, von irgendeiner dieser Qualitäten von Essenz sein. Es gibt viele solche Qualitäten. Wenn sie aber verloren sind, sind sie es nicht für immer; sie sind niemals für immer weg. Man ist einfach von ihnen abgeschnitten.

Nehmen wir zum Beispiel die Qualität von Wert, von Selbstwertgefühl. Wenn ihr von eurem Selbstwertgefühl abgeschnitten seid, dann ist der aktuelle Zustand des Abgeschnittenseins ein Gefühl, daß etwas ein Loch in euch zurückgelassen hat; da ist es leer. Dann hat man ein Gefühl von Mangel, ein Gefühl von Unterlegenheit, und man möchte es mit Wert von außen füllen – Anerkennung, Lob, was auch immer. Man versucht also, das Loch mit Scheinwert zu füllen, der von außen kommt.

Jeder Mensch läuft mit einer Menge Löcher herum, aber gewöhnlich ist man sich ihrer nicht bewußt. Gewöhnlich ist man sich bewußt, daß man etwas begehrt: „Ich möchte dies, ich möchte das. Ich möchte dieses Lob, ich möchte hier erfolgreich sein, ich möchte, daß dieser Mensch mich liebt, ich möchte diese oder jene Erfahrung.“ Die Existenz von Begierden und Bedürfnissen zeigt die Existenz von Löchern an.

Natürlich sind diese Löcher in eurer Kindheit, teilweise als Ergebnis von traumatischen Erfahrungen oder Konflikten mit eurer Umwelt, entstanden. Unter solchen Umständen wird man von einer dieser Qualitäten abgeschnitten. Vielleicht schätzten eure Eltern euch nicht wert, das heißt, sie behandelten euch so, als seien eure Wünsche oder eure Präsenz unwichtig. Sie handelten nicht so, daß euch das Wissen vermittelt wurde, daß ihr zählt. Sie ignorierten euren essentiellen Wert. Und weil euer Wert nicht gesehen oder anerkannt, vielleicht sogar angegriffen oder herabgesetzt wurde, wurdet ihr von dem Teil von euch abgeschnitten, und es blieb ein Loch, ein Mangel.

Später, wenn wir zu jemandem eine tiefe Beziehung haben – je tiefer sie ist, um so mehr geschieht das –, füllen wir diese Löcher mit dem anderen Menschen. Manche unserer Löcher werden mit dem gefüllt, wovon wir glauben oder fühlen, daß wir es vom anderen bekommen. Wir fühlen uns wertgeschätzt, weil dieser bestimmte Mensch uns schätzt, und das füllt unsere Löcher. Wir sind uns nicht bewußt, daß wir es mit seiner Wertschätzung füllen, wir fühlen uns einfach voll, wenn wir mit ihm zusammen sind; wir fühlen uns wertvoll. Wenn ich mit diesem Menschen zusammen bin, fühle ich also wirklich, daß ich wertvoll bin, aber unbewußt fühle oder weiß ich, daß der andere Mensch meinen Wert besitzt. Der andere bewirkt nicht nur, daß ich mich wertvoll fühle, sondern alles was er mir gibt, ist ein Teil von mir, ist Teil dieser Fülle, die ich erfahre.

Unbewußt sehe ich also den Teil des Menschen, der mich meinen Wert fühlen läßt, nicht als getrennt von mir. Ich sehe ihn als einen Teil von mir, als dieses Loch füllend. Ich weiß nicht, daß es ein Loch gibt, ich fühle nur die Fülle. Wenn der Mensch stirbt oder die Beziehung endet, fühle ich nicht, daß ich diesen Menschen verliere, ich habe das Gefühl, daß ich verliere, was das Loch gefüllt hat. Der Verlust des Menschen wird also nicht als ein Verlust einer getrennten Person empfunden. Er wird als ein Verlust von euch selbst erlebt, weil ihr unbewußt diesen Menschen als jemanden gesehen habt, der einen Teil von euch füllte. Auf diese Weise wurde er oder sie ein Teil von euch, so daß ihr den Verlust dieses Menschen als den Verlust von einem Teil von euch selbst erfahrt, und deshalb fühlt ihr da ein Loch. Deshalb ist es so schmerzhaft. Es fühlt sich an, als würdet ihr aufgeschnitten und etwas würde aus euch entfernt. Um das geht es bei der Wunde und dem Schmerz – dem Schmerz des Verlustes. Manchmal fühlt ihr euch so, als ob ihr euer Herz verloren hättet; manchmal habt ihr das Gefühl, daß ihr eure Sicherheit verloren habt, eure Stärke, euren Willen – je nach dem, welches Loch der andere Mensch für euch gefüllt hat. Manchmal vermittelt der andere euch Willen, gibt euch Stärke oder Unterstützung, oder Liebe oder Wert. Wenn ihr also einen Menschen verliert, der euch nahe war, fühlt ihr das Loch, was immer es war, das dieser Mensch gefüllt hat.

Das ist es, was Menschen meinen, wenn sie sagen: „Wir passen zueinander.“ Jeder paßt in die Löcher des anderen. Dies paßt in dieses Loch; jenes paßt in jenes Loch; sie fühlen sich wie eins. Sie scheinen nicht länger getrennt zu sein. Aber wenn man sie trennt, dann bleiben da eine Menge Löcher. Wenn diese zwei Menschen zusammenleben, dann fühlen sie sich voll und vollständig. Sie ergänzen sich, sie bilden ein Ganzes. Aber ein anderer Mensch füllt selten alle eure Löcher. Ihr habt verschiedene Menschen, verschiedene Aktivitäten in eurem Leben, aber sie füllen doch nicht all eure Löcher. Es werden ein paar Löcher übrig bleiben, die das Gefühl aufrecht erhalten, unbefriedigt zu sein. Und natürlich werden Löcher nicht vollständig und perfekt gefüllt. In dem Moment, in dem sich der andere Mensch ein bißchen verändert oder etwas sagt, das euch ein schlechtes Gefühl gibt, spürt ihr das Loch, den Mangel: „Oh, im Grunde glaubt er gar nicht, daß ich etwas wert bin.“ Ihr seid wütend und verletzt, weil das Loch bloßgestellt wird. Das Gefühl, unbefriedigt zu sein, bleibt also, weil der andere eure Löcher nicht immer vollkommen füllt, besonders wenn er möchte, daß ihr seine Löcher füllt.

S.: Wenn man Beziehungen verändert oder ein Mensch, der einem nahe steht, sich ändert, dann muß es auch eine Veränderung an den entsprechenden Löchern geben.

A.H.: Richtig. Wenn es irgendeine Veränderung gibt, dann verändern sich auch die Löcher. Manche Löcher werden leer, manche werden gefüllt. Der andere muß sich anpassen, man muß seine Löcher auf eine andere Weise füllen, und das bedeutet gewöhnlich, daß man mit einigen dieser Löcher anders umgehen muß – ihre Anwesenheit fühlen und sie vielleicht verstehen.

Wir können jetzt also eher verstehen, warum der Verlust von jemandem, der einem sehr nah, der sehr intim mit einem verbunden gewesen ist, so schmerzhaft ist. Nachdem man mit diesem Menschen lange Zeit zusammen gewesen ist, ist man so daran gewöhnt, zusammenzupassen, daß man glaubt, daß der andere ein Teil von einem selbst ist. Der Verlust dieses Menschen bedeutet einen Teil von sich selbst zu verlieren.

Hier kommt ein anderer Faktor ins Spiel: wenn ihr Verlust und Trennung erlebt, dann habt ihr die Möglichkeit zu erkennen, daß das, was euch gefüllt hat, nicht wirklich ihr selbst wart. Wenn ihr bei der Verletzung und dem Schmerz des Verlustes bleibt, ohne zu versuchen, diesen Schmerz mit etwas anderem zuzudecken, dann ist es möglich, daß ihr die Leere fühlt, das Loch fühlt und erkennt. Wenn ihr euch dann erlaubt, den Mangel, die Leere zu fühlen, dann kann es sein, daß ihr den essentiellen Teil von euch selbst findet, der das Loch wirklich füllt, von innen her und ein für alle Mal. Es ist nicht einmal ein Füllen; es ist einfach die Beseitigung des Loches, der Schluß der Identifikation mit dem Mangel. Auf diese Weise gewinnt ihr einen Teil von euch selbst zurück. Ihr kommt mit dem Teil eurer Essenz in Kontakt, den ihr verloren hattet, und von dem ihr dachtet, nur jemand anders könnte ihn euch verschaffen.

Das kann sehr schmerzhaft sein. Die meisten Menschen empfinden einen Verlust von Selbstwertgefühl, wenn eine Beziehung endet. Deshalb benutze ich gerade dieses besondere Beispiel des Selbstwertgefühls. Wenn ihr aber bei diesem Gefühl bleibt und aufmerksam seid und euch fragt: „Wieso fühle ich mich so wertlos, wieso fühle ich mich wie ein Nichts, nur weil dieser Mensch nicht mehr da ist? Warum habe ich das Gefühl, daß ich soviel weniger wert bin?“ Wenn ihr bei diesem Gefühl bleibt, ohne zu versuchen, es zu ersetzen, und nur aufmerksam seid und es zu verstehen versucht, dann werdet ihr den Mangel und das Loch erfahren. Wenn ihr diesen Mangel und seine Quelle versteht, dann könnt ihr euch vielleicht sogar an das bestimmte Ereignis oder das Muster von Ereignissen erinnern, das einmal zu eurem Verlust von Wert geführt hat.

Ein Loch wird gewöhnlich mit einem Teil unserer Persönlichkeit gefüllt, der die Erinnerung an das enthält, was verloren wurde: die Erinnerung an die Situation, die zu dem Verlust geführt hat, die Erinnerungen an die Verletzungen und Konflikte. Wir müssen durch die Verletzung auf der tiefsten Ebene hindurchgehen, an das Loch selbst nahe herankommen, und dann werden wir die Erinnerung an das sehen, was verloren wurde. Wenn wir die Erinnerung sehen, an das, was verloren wurde, dann wird die Essenz, die verloren wurde, wieder zu fließen beginnen.

Jeder tiefe Verlust ist also eine Gelegenheit zu wachsen, mehr von euch selbst zu verstehen, Löcher zu erfahren, von denen ihr glaubt, daß sie nur von jemand anders gefüllt werden können. Aber Menschen wehren sich gewöhnlich sehr dagegen, Verlust tief zu fühlen. Diese Abwehr hat vor allem den Sinn, zu vermeiden, das Loch zu fühlen. Man weiß nicht, daß das Loch, das Gefühl des Mangels, Symptom für den Verlust von etwas Tieferem ist, dem Verlust von Essenz, die wiedergewonnen werden kann. Man glaubt, auf der tiefsten Ebene wirklich das Loch, der Mangel zu sein, und daß es nichts darunter gibt. Man glaubt, etwas stimme nicht mit einem, daß mit einem grundsätzlich etwas nicht stimmt. Das Gefühl, daß etwas nicht stimmt, ist unbewußtes Wissen von der Präsenz des Loches, und man wird alles tun, um das Loch nicht zu fühlen, den Mangel wirklich nicht zu fühlen. Man glaubt, daß das Loch einen verschlingt, wenn man ihm nahe kommt. Wenn innere Arbeit einen zum Beispiel an das Loch von Liebe bringt, kann es sein, daß man sich von einer erschütternden Einsamkeit und Leere bedroht fühlt. Andere Löcher können das Gefühl drohender Vernichtung in den Vordergrund bringen. Kein Wunder, daß man ihnen nicht nahe kommen will! In unserer Arbeit hier aber haben wir etwas Überraschendes gesehen: Wenn wir aufhören, uns dagegen zu wehren, ein Loch zu fühlen, dann ist die wirkliche Erfahrung nicht schmerzhaft. Wir erfahren einfach leeren Raum, ein Gefühl, daß da nichts ist – aber nicht ein bedrohliches Nichts – sondern eine Weite, ein Zulassen. Diese Weite macht möglich, daß Essenz auftauchen kann, Essenz und nur Essenz kann das Loch, diesen Mangel von innen heraus beseitigen.

S.: Kann ein Loch sich als Wut manifestieren?

A.H.: Ja. Ihr könnt Wut als Wirkung des Mangels empfinden, besonders als Abwehr dagegen, ein Loch zu fühlen. Die meisten Gefühle, besonders die, die automatisch wie unter Zwang auftauchen, sind die Wirkung von Löchern. Wenn es keine Löcher gibt, gibt es auch keine solchen Emotionen. Welche sind diese Emotionen? Es gibt Trauer, es gibt Verletztheit, es gibt Eifersucht, Wut, Haß, Angst. Alle sind die Wirkung von Löchern. Wenn ihr keine Löcher habt, habt ihr keine dieser Emotionen. Dann habt ihr nur Essenz. Deshalb werden solche Emotionen auch manchmal Leidenschaften oder falsche Gefühle oder Pseudogefühle genannt.

Unsere ganze Gesellschaft ist daraufhin orientiert, uns zu lehren, daß wir unseren Wert von außen bekommen, um unsere Löcher zu füllen – daß wir Wert, Liebe, Stärke, usw., von außen bekommen. Wir sprechen davon, wie wunderbar es ist, etwas für andere Menschen zu tun oder sich zu verlieben oder einen sinnvollen Beruf zu haben – solche Dinge. Die Gesellschaft ist überhaupt so organisiert, daß Menschen gegenseitig ihre Löcher füllen. So ist die Zivilisation eingerichtet – um das Füllen von Löchern herum. Zivilisation, wie wir sie kennen, ist ein Produkt der falschen Persönlichkeit. Sie ist das Produkt der falschen Persönlichkeit und sie ist das Zuhause der falschen Persönlichkeit. Sie unterhält und nährt die falsche Persönlichkeit.

S.: Ist das immer schon so gewesen?

A.H.: Ich glaube nicht. Ich glaube, daß es schrittweise so geworden ist. Ich glaube, daß es eine gewisse Zeit gedauert hat, bis die falsche Persönlichkeit der Zivilisation so dominierend werden konnte. Je mechanischer wir werden, um so mehr geht es in der Kultur darum, Löcher zu füllen. Viele sagen, daß es in der Vergangenheit mehr Liebe und Präsenz gegeben hat, mehr Anerkennung der Realität, mehr Essenz, und daß die Menschen mit ihrer Essenz stärker in Kontakt waren, als sie es jetzt sind.

Habt ihr vom Goldenen Zeitalter gehört? Im Goldenen Zeitalter haben alle Menschen ihre Essenz erfahren, keine Löcher. Dann kam das Silberne Zeitalter, als Essenz abnahm und die Löcher in Erscheinung zu treten begannen; dann folgte das Bronzene Zeitalter. Jetzt sind wir im Eisernen Zeitalter. Es ist das dunkelste, schwerste. Eisen ist eigentlich nichts als Abwehr. Manchmal können wir die Qualität von Eisen in unserer eigenen Abwehr fühlen: die Härte, die Entschlossenheit, uns zu schützen. Das ist eine Weise, in der man die Gegenwart sehen kann – dominiert von der Abwehr von Löchern.

Uns selbst zu erlauben, die Löcher zu ertragen und durch sie hindurch auf die andere Seite zu gehen, ist jetzt schwieriger, weil alles in der Gesellschaft dagegen ist. Die Gesellschaft ist gegen Essenz. Jeder um euch herum, wo immer ihr hingeht, versucht Löcher zu füllen, und Menschen fühlen sich sehr bedroht, wenn ihr nicht versucht, eure eigenen auf die gleiche Weise zu füllen wie sie. Wenn jemand nicht versucht, seine Löcher zu füllen, dann läßt das andere Menschen oft ihre eigenen Löcher fühlen. Also wird es immer schwerer, die innere Arbeit zu tun. Und zugleich wird die innere Arbeit auch immer notwendiger.

Deshalb ist es so wichtig eine Gruppe wie diese zu haben, wo es eine Gemeinschaft von Menschen gibt, die sich derselben Aufgabe widmen: sich selbst zu verstehen. Ihr habt die Unterstützung vieler Menschen, die sich selbst erlauben, die Löcher zu fühlen, anstatt sie zu füllen. Es ist sehr schwierig, fast unmöglich, das allein zu tun, weil alles in der Umwelt dagegen ist.

S.: Du hast etwas über den Zusammenhang zwischen Löchern und Emotionen gesagt und daß Essenz keine Emotionen hat. Das verstehe ich nicht.

A.H.: Wenn ihr eure Gefühle versteht, dann gelangt ihr zu eurer Essenz. Aber das bedeutet nicht, daß eure Gefühle eure Essenz sind.

S.: Heißt das, daß ich, wenn ich meine Essenz bin, wenn ich dauernd meine Essenz bin, daß ich dann nichts fühle?

A.H.: Nein, das heißt es nicht. Es gibt wirkliche Gefühle und es gibt Pseudogefühle. Die Pseudogefühle sind Versuche, das Loch zu füllen, das aus der Abwesenheit wirklicher Gefühle besteht.

S.: Das heißt dann, daß das, was in dem Loch ist, ein falsches Gefühl ist?

A.H.: Ja. Wenn ihr zum Beispiel euren Wert verliert, wenn ihr an irgendeinem Punkt im Laufe eures Lebens von ihm abgeschnitten werdet, dann bleibt da ein Loch zurück. Das Loch wird als ein Gefühl von Unterlegenheit erfahren oder als ein Mangel an Selbstwertgefühl. Aber das ist nicht ein wirkliches Gefühl. Es ist die Abwesenheit des wirklichen Gefühls von Wert oder des wirklichen Gefühls von Selbstwert.

Unterlegenheit wird dann durch den Versuch überdeckt, sich überlegen zu fühlen, die Unterlegenheit abzuwehren. Manchmal fühlt ihr euch dann allen überlegen. Aber das ist auch kein wirkliches Gefühl; es ist der Versuch, ein anderes Pseudogefühl zu verbergen. Und wenn dann jemand etwas tut oder sagt und ihr euch unterlegen fühlt, dann werdet ihr auf ihn wütend. Stimmts? Das ist wieder ein Pseudogefühl. Und alle diese Pseudogefühle kommen auf, weil ihr nicht mit dem wirklichen Gefühl wirklichen Wertes in Kontakt seid. Es sind Kompensationen. Alle diese Schichten von Pseudogefühlen sind die Folge davon, daß ihr von eurem wirklichen Wert abgeschnitten seid. Sie sind insofern wirklich, als ihr sie fühlt. Aber insofern sie eine Folge des Verlustes von dem sind, was wirklich ist, sind sie nicht wirklich. Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wenn ihr von einem wirklichen Gefühl abgeschnitten seid, versucht etwas anderes seinen Platz einzunehmen: die Emotionen. Wenn ihr diese Emotionen fühlt, könnt ihr dadurch also zu einem Verstehen gelangen; ihr könnt dahin gelangen, daß ihr seht, was ihr verloren habt und es erfahren. Wenn ihr das wirkliche Gefühl von wirklichem Wert erfahrt, dann werdet ihr sehen, daß es sich sehr von den Pseudogefühlen unterscheidet, die den Verlust verdeckten und schützten. Emotionen sind Reaktionen, während essentielle Zustände, wie Selbstwertgefühl, Zustände des Seins sind. Sie sind keine Reaktionen.

S.: Wenn man also diese Pseudogefühle, diese Emotionen hat, was ist letztlich darunter? Was ist die Essenz?

A.H.: Was in diesem Fall auf dem Grund von Unterlegenheit, Überlegenheit, Wut und Verletztheit ist, ist der wirkliche Wert selbst, der ein bestimmter Aspekt von Essenz ist. Habt ihr Plato gelesen? Erinnert ihr euch an die Platonischen Ideen oder die Platonischen Formen? Sokrates hat gesagt, daß niemand einen je die Formen lehren kann. Die einzige Möglichkeit, von ihnen zu wissen, besteht darin, sich an sie zu erinnern, weil man sie verloren und eine Erinnerung an sie hat, obwohl man sich dessen vielleicht nicht bewußt ist. Dadurch daß man die Erinnerung wiedererlangt, gelangt man zur Idee. Und wohin man zurückkehrt, das sind nicht Emotionen: man kommt zu seiner Essenz zurück. Essenz ist etwas so Reales wie euer Blut. Sie ist keine Reaktion. Aber wir brauchen Emotionen. Wir müssen uns unserer Emotionen bewußt werden, damit wir unsere Essenz verstehen und erkennen; Emotionen sind ein Führer und zeigen dahin, wo Essenz verloren wurde. Verstehen der Emotionen kann dabei helfen, die Knoten der Abwehrmechanismen zu lösen, mit denen wir die Erfahrung der Löcher vermeiden, und die unsere Trennung von Essenz aufrechterhalten. Manche Menschen jedoch sind nicht einmal mit ihren Emotionen in Kontakt. Sie sind nicht nur von ihrer Essenz, sondern auch von ihren Emotionen abgeschnitten. Sie sind sehr weit von sich selbst entfernt. Sie haben nur ihre Gedanken, die die Ergebnisse der Emotionen sind.

Auf folgende Weise können wir also uns selbst verlieren und dahin gelangen, uns dann hauptsächlich mit unseren Gedanken zu identifizieren: Erst ist da die Essenz, dann der Verlust der Essenz, dann die daraus resultierenden Emotionen, dann der Verlust der Emotionen oder der Konflikt um sie, der alle möglichen Arten von Gedanken entstehen läßt.

Die meisten Menschen fragen sich, wenn man keine Emotionen fühlt, was fühlt man dann? Je mehr ihr Essenz fühlt, um so weniger fühlt ihr Emotionen. Ihr werdet noch Empfindungen haben, und sie werden tiefer und stärker sein; aber wenn ihr Essenz fühlt, werden eure Emotionen nicht tiefer und stärker sein. Eine Emotion ist nur eine Reaktion der Nervensystems. Essenz ist nicht eine Reaktion des Nervensystems. Da ist etwas da, das euch füllt. Ein Teil von euch ist präsent. Manche nennen die essentiellen Aspekte die „wirklichen Gefühle“. Aber was man gewöhnlich Gefühle oder Emotionen nennt, ist nicht Essenz. Liebe, Frieden, Wert, Stärke und Wille sind Aspekte von Essenz. Das ist die Art von Ding, die ihr erfahrt. Sie sind Essenz. Anstatt Wut zu erfahren, erfahrt ihr Stärke, ruhige Stärke; anstatt sich überlegen oder unterlegen zu fühlen, erfahrt ihr Wert; ihr erfahrt euch selbst als eine abgerundete Präsenz, die voll und stark ist.

S.: Die Arbeit selbst füllt eine Menge meiner Löcher aus, und zwischen den Zeiten, die wir hier arbeiten, fange ich an, Panik zu fühlen. Ich glaube, das Gefühl der Fülle, das ich mit der inneren Arbeit habe, ist qualitativ davon verschieden, wenn ich mich mit einem anderen Menschen fülle. Auch gibt mir die Arbeit, die ich hier tue, die Sicherheit, die Leere zu fühlen. Oft kommt das Gefühl der Fülle, das ich von der inneren Arbeit habe, gleich nachdem du mir geholfen hast, mich sicher genug zu fühlen, daß ich das Loch fühlen kann.

A.H.: Ja. Die Situation der inneren Arbeit hier ist ein wenig komplizierter als normale Situationen. Was ihr in der Außenwelt tut, könnt ihr auch mit der inneren Arbeit tun. Menschen versuchen tatsächlich, ihre Löcher damit zu füllen, daß sie hier sind. Aber da gibt es auch die andere Seite, die darin besteht, daß die innere Arbeit selbst darauf ausgerichtet ist, die Mängel, die Löcher zu erfahren, und nicht nur die Fülle.

Die zwei Prozesse gehen hier zusammen, Hand in Hand. Zwischen den Zeiten, zu denen wir uns hier treffen, fühlt ihr, daß ihr diese Fülle wieder verliert. Gut, wenn die Fülle daher kam, daß ihr die innere Arbeit dazu benutzt habt, das Loch auf die übliche Weise zu füllen, dann könnt ihr ihren Verlust genau wie den Verlust von irgendetwas anderem nutzen und erkennen, was ihr verloren habt und versuchen, das Loch zu erfahren, um es zu verstehen.

Menschen benutzen hier oft die innere Arbeit, um ein bestimmtes Loch zu füllen, einen bestimmten Mangel auszugleichen. Man fühlt vielleicht: „Ich bin in einer Gruppe von intelligenten, aufrichtigen Leuten, die die Wahrheit suchen; ich muß wunderbar sein.“ Später gehen natürlich alle nachhause. Dann fühlt man: „Vielleicht bin ich eigentlich gar nicht so wunderbar.“ Laßt euch dann dieses Loch erfahren, um es zu verstehen. Zu anderen Zeiten jedoch können andere Prozesse in der Arbeit der Gruppe euch dahin führen, daß ihr euch voll fühlt: die allgemeine Präsenz einer bestimmten wirklichen Fülle, die euch mit eurer eigenen Fülle in Kontakt bringt. Dann nach einer Woche, wenn ihr noch nicht so tief damit in Kontakt seid, werdet ihr euch ihrer bewußt und stellt sie in Frage. Das ist ein anderer Prozeß. Vielleicht habt ihr euch voll gefühlt, ohne zu verstehen, was geschah, oder es gibt andere Themen, die freigelegt und durchgearbeitet werden müssen, damit ihr die Fülle behalten könnt.

Aber die Fülle der inneren Arbeit ist nicht dieselbe wie die Fülle, die Menschen erfahren, wenn sie ihre Löcher füllen. Die Erfahrung, die man hat, wenn man ein Loch füllt, wird gewöhnlich nicht wirklich als Fülle erfahren. Ihr erfahrt keine Fülle, wenn jemand eure Löcher füllt. Es fühlt sich immer wacklig und nicht wirklich befriedigend an. Es fühlt sich wie eine vorübergehende Erleichterung an. Da ist ein Gefühl von Gier, von Festhalten; ihr möchtet nicht, daß der andere weggeht. Ihr möchtet nicht, daß er seine Art ändert, wie er sich euch gegenüber verhält. Auf einer tiefen Ebene ist es in Wirklichkeit eine Blockierung, nicht Offenheit. Die Fülle der inneren Arbeit hingegen ist die Abwesenheit von Blockierung.

Manchmal kommen bei dieser Arbeit eine Menge Löcher auf einmal ans Licht. Es kann also ein bißchen verwirrend sein. Stimmts? Gewöhnlich werden am Anfang, wenn jemand zum erstenmal zur inneren Arbeit in die Gruppe kommt, viele Löcher auf einmal erfahren. Der Zweck der Arbeit ist, die Löcher freizulegen und den Menschen aus seinem Inneren heraus mit diesen Löchern umgehen zu lassen. Wir versuchen nicht, Löcher von außen zu füllen.

Wir könnten hier leicht alles mögliche tun, um Leuten wunderbare Erfahrungen zu vermitteln. Wir könnten Meditationen und bestimmte Übungen veranstalten, und alle könnten wunderbare Dinge fühlen. Die würden aber nicht bleiben, bevor man nicht wirklich mit seinen Mängeln, seinen Löchern konfrontiert wird und durch sie hindurchgeht. Es ist kein einfacher und auch kein kurzer oder leichter Prozeß. Es braucht Zeit und eine Menge Anstrengung. Ein Loch zu erfahren und nicht aus dem Mangel heraus zu handeln, ist wegen des mächtigen Triebs, es zu füllen, sehr schwer. Manchmal habt ihr das Gefühl, als ginge es um Leben und Tod.

S.: Als ich heute morgen draußen frühstückte, habe ich gemerkt, was für ein großes Loch die Kellnerin füllte.

A.H.: Ja. Viele Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt damit, daß sie die Löcher anderer Menschen füllen. Viele Berufe sind dazu da, die Löcher von Menschen zu füllen. Ich habe keine moralistische Haltung gegenüber dem Füllen von Löchern. Ich denke nicht, daß es eine Sünde oder daß es schlecht ist. Ich denke nicht, daß man sich deswegen schuldig fühlen oder sich bestrafen sollte, weil man Löcher füllt. Manchmal füllt man seine eigenen Löcher, manchmal die anderer Menschen. So what? Wir sprechen hier über das Verstehen der Dinge. Ich baue keine Religion um Löcher. „Du sollst nicht deine Löcher füllen!“ Ihr könnt alles, was ihr tut, im Hinblick auf die innere Arbeit betrachten, im Hinblick auf Löcher oder das Füllen von Löchern. Ihr werdet sehen, daß ihr dauernd entweder ein Loch füllt oder ein Loch duldet, oder ihr erfahrt das Wirkliche, das verloren war. Das passiert dauernd, in jedem Augenblick. Bei dieser Arbeit werden die Löcher, mit denen ihr zu tun habt, immer größer.

Zuerst die kleineren, dann die größeren Löcher, bis ihr zu dem größten gelangt, das der Verlust von allem ist. Es wird Tod genannt. Stimmts? Wenn man stirbt, verliert man alles. Man muß dieses Loch akzeptieren, um alles zurückzubekommen. Eines der letzten Löcher ist also der Verlust des Körpers selbst. Den physischen Tod zu erfahren ist ganz genauso. Man erfährt ein großes Loch, ein schwarzes, dunkles, leeres Loch mit nichts darin.

Ihr versucht dieses Loch mit dem Körper zu füllen. Wenn ihr den Körper loslaßt, wenigstens in eurem Bewußtsein – ich meine nicht, daß ihr notwendigerweise physisch sterbt –, dann seht ihr plötzlich das vollständige Ich, euch selbst vollständig, wer ihr wirklich seid, den, den ihr gewöhnlich mit eurem Körper zu ersetzen versucht. Die meisten Menschen glauben, daß sie ihr Körper sind.

Eine unserer tiefsten Identifikationen ist die mit dem Körper. Das ist ein Grund, warum wir Begierden und Sehnsüchte nach physischen Lüsten, nach Lüsten des Körpers haben. Ich glaube die Basis für die tiefste Sehnsucht, die Sehnsucht nach physischer Lust, ist ein Loch. Das Loch ist die Abwesenheit, das Abgeschnittensein von den wirklichen Freuden, den essentiellen Freuden.

Natürlich will das keiner glauben. „Wenn ich das loslasse, was bleibt mir dann noch? Wenn ich nicht zweimal am Tag Kekse esse, alle zwei Tage Sex habe und dies und jenes tue, woran soll ich dann Freude haben?“ Aber das ist eines der letzten Löcher, das erforscht werden muß. Am Anfang müssen wir die Löcher erfahren, die mit Liebe, Mitgefühl, Wert, Stärke, Willen, Frieden und ähnlichem zu tun haben, diesen Dingen, die wir von außen zu bekommen versuchen.

Ihr tut in eurem Leben, was immer ihr tut, und ihr untersucht einfach, was geschieht. Das ist alles, was ihr tun müßt: es untersuchen, damit ihr es versteht. Eine Art der inneren Arbeit war in der Vergangenheit, sich in ein Kloster zurückzuziehen, allem vollkommen zu entsagen. Es ging nicht wirklich darum, alles abzulehnen; es war ein Versuch, Löcher zu erfahren. Mit der Zeit nahmen solche Praktiken natürlich eine moralistische, religiöse Bedeutung an – die Vorstellung, daß es schlecht ist, bestimmte Arten von äußerem Kontakt zu haben. Der Zweck solcher Retreats ist aber, sich selbst zu erlauben, die Löcher zu fühlen und sie nicht zu füllen, und zu erkennen, worum es bei ihnen geht.

Ich erinnere mich an ein Diagramm, das ich einmal sah und das Meher Baba gemacht hatte – der Mann, der sagt: „Don’t worry, be happy.“ Mit diesem Diagramm versucht er zu beweisen, daß Gott alles ist, und damit dieses Alles vollständig ist, muß es ein Nichts als Teil von sich haben. Und aus diesem Nichts kommt die Welt. Er sagt, alles, was wir wissen, ist das Ergebnis des Nichts, das in dem Alles ist. Und wir müssen dieses Nichts erkennen, um in der Lage zu sein, alles zu wissen. Man muß also ein Nichts haben, sonst ist man nicht vollständig. Vollständigkeit heißt, daß man alles hat. Alles schließt ein Nichts ein.

Noch etwas über die Theorie der Löcher. Wie ich sagte, entstehen die Löcher, wenn wir ein Kind sind. Als Baby hat man keine Löcher; man wird vollkommen geboren. Wenn man heranwächst, wird man aufgrund der Interaktionen mit der Umwelt und bestimmter Schwierigkeiten, die einem widerfahren, von bestimmten Teilen von sich selbst abgeschnitten, und zwar je nach dem Entwicklungsstadium, in dem man gerade ist, von einem entsprechenden Teil. Jedesmal, wenn man von einem Teil von sich selbst abgeschnitten wird, manifestiert sich ein Loch. Die Löcher füllen sich dann mit der Erinnerung an den Verlust und denThemen des Verlusts. Nach einer gewissen Zeit füllt man einfach die Löcher auf. Womit man die Löcher füllt, das sind die falschen Gefühle, Vorstellungen, Überzeugungen von sich selbst, Strategien, wie man mit der Umwelt umgehen kann. Diese Filter nennt man in ihrer Gesamtheit die Persönlichkeit – die falsche Persönlichkeit, oder was wir die falsche Perle nennen.

Wie ihr seht, ist die falsche Persönlichkeit also ein Ergebnis von Verlusten von Teilen des Selbst. Nach einer Weile aber glauben wir, daß wir diese sind. Alle glauben, sie seien das, was sie füllt. Die falsche Persönlichkeit versucht, den Platz des Echten, Wirklichen, Eigentlichen einzunehmen. Deshalb verwenden wir hier eine Menge Arbeit auf das Verstehen unserer Persönlichkeit. Unsere Arbeit führt dazu, daß wir die Geschichte der Entwicklung unserer falschen Persönlichkeit studieren, bis wir schließlich in der Lage sind, die Erinnerung an die Situation zu erfahren, in der sich das bestimmte Loch gebildet hat. Auf diese Weise könnt ihr eure Essenz zurückgewinnen, Stück für Stück, bis ihr vollständig seid.

Wie ihr seht, sage ich diese Dinge auf eine sehr allgemeine Weise. Wir können viel genauer sein. Wir können jede einzelne Qualität betrachten, erkennen, wann sie verloren wurde und was das Ergebnis ist. Manchmal gehen Kombinationen von Qualitäten verloren. Zum Beispiel kann es sein, daß ihr eure Stärke, euren Willen und eure Liebe verliert, und diese bilden dann ein zusammengesetztes Loch. Eine ganze psychologische Perspektive kann also um dieses Verstehen gebaut werden – die Psychologie der Löcher –, die die Psychologie der Persönlichkeit, der falschen Perle ist.

S.: Ich habe oft bemerkt, daß ich ein Loch fühle, wenn ein Mann mich entwertet, und ich gerate dann in Panik und möchte etwas haben, das da hineingleitet, bevor Kompensationen es wieder auffüllen. Wenn das geschieht, fühle ich mich nicht stark genug, um dabei zu bleiben, bevor es sich mit Panik und Sehnsucht und Selbstabwertung füllt und ich mich mit diesen Gefühlen wieder identifiziere. Wäre es einfach eine Sache der Übung, mich das Loch stark genug fühlen zu lassen?

A.H.: Ja. Das ist das, was ich meine. Wir arbeiten daran, zu lernen, diese Gefühle zu ertragen, bei ihnen zu bleiben und nicht zu versuchen, sie mit etwas anderem zu füllen. Manchmal passiert das einfach, das Auffüllen passiert automatisch. Deshalb wird die Persönlichkeit automatisch genannt. Es läuft ganz mechanisch ab. Alles geschieht nach einer Weile automatisch. Man weiß nicht einmal, daß man etwas füllt.

S.: Wie verlangsamt man den Prozeß – einfach indem man beobachtet, wie er geschieht?

A.H.: Ja, indem ihr anschaut, wie er abläuft, wenn ihr auch eine gewisse Bewußtheit dafür habt, daß ihr versucht, ein Loch zu füllen. Aber ihr versucht nicht, das Loch zu füllen. Ihr könnt euch das Ziel setzen: „Die nächsten zwei Wochen werde ich nicht versuchen, Bestätigung von außen zu bekommen.“ Oder: „Jedesmal wenn ich merke, daß ich von außen Bestätigung bekommen möchte, werde ich das nur beobachten und nicht entsprechend handeln.“ Das ist eine Möglichkeit, wie man es machen kann. Wirklich, alles was wir bei dieser inneren Arbeit tun ist, mit diesen Themen umgehen. Heute betrachten wir es aus einer besonderen Perspektive, die euch ein bestimmtes Verständnis geben kann, um eure Arbeit zu erleichtern.

Die falsche Persönlichkeit ist in dem Sinn mechanisch, als sie automatisch versucht, wenn ihr eine essentielle Qualität von euch selbst verloren habt und es da ein Loch gibt, es mit falschen Qualitäten von außen zu füllen. Dann wird dieser Teil eurer falschen Persönlichkeit gebildet. Die Aktivität der Persönlichkeit geht in zwei Richtungen. Auf der einen Seite versucht sie immer, das Loch zu vermeiden, Schmerz zu vermeiden und Lust zu erleben. Das geht automatisch. Andererseits versucht die Persönlichkeit immer, das Loch zu füllen, sobald etwas passiert, das den Mangel freilegen kann. Auch das geht automatisch. Deshalb ist es notwendig, daß wir uns selbst genau beobachten. Die meisten Menschen sind so sehr mit ihrem Versuch identifiziert, die Löcher zu füllen, daß sie nicht glauben, es sei möglich, es nicht zu tun. Ein Mensch, der nach jemandem sucht, der ihn liebt, weiß nicht, daß es eine Alternative gibt. Er glaubt, dies sei das Beste, was er tun kann und kann sich nichts anderes vorstellen. Die meisten Menschen stellen diese Dinge niemals in Frage. Es geht so mechanisch. Sie sagen, so seien sie eben. So sei die Welt. Wenn du dich klein fühlst, suche jemanden, der dich toll findet. Was kann man sonst tun? Das ist wirklich das, was die meisten Menschen denken. Wenn ihr das Gefühl habt, daß ihr nicht wert seid, geliebt zu werden, dann findet jemanden, der euch mag. Man identifiziert sich mit diesen Mustern gewöhnlich so vollkommen, daß es keine Chance von Veränderung gibt. Um anzufangen, an so einem Muster zu arbeiten, muß man zuerst immer wieder beobachten, wie es abläuft, und einsehen, daß es wirklich nicht funktioniert. Menschen kommen gewöhnlich nicht hierher um zu arbeiten, bevor sie angefangen haben zu erkennen, daß ihre Methode nicht funktioniert. Sonst kommen sie nicht. Sonst glauben sie an ihre Strategien so vollkommen, daß sie denken, es werde funktionieren, wenn sie nur besser darin werden und es noch ein paar Jahre länger tun. Vielleicht haben sie noch nicht den richtigen Menschen oder noch nicht die richtige Situation gefunden. Wenn sie nur ein bißchen mehr Geld verdienen, werde alles gut werden.

Alle diese Rationalisierungen halten die meisten Menschen in Gang. Für die, die sich selbst beobachten, wird offensichtlich, daß diese Muster ihnen nicht verschaffen, was sie eigentlich wollen. Das sind die Menschen, die normalerweise hierher kommen, um zu arbeiten, und ihnen ist es möglich, etwas anderes zu erfahren. Aber ich meine nicht, daß Leute, die zu der inneren Arbeit kommen, sich entschlossen haben, ihre Löcher zu erfahren. Nein. Wenn jemand zum ersten Mal hierher kommt, dann will er in Wirklichkeit bessere Methoden finden, die Löcher zu füllen. Deshalb kommen alle hierher. „Ich werde einen besseren Weg finden, wie ich jemanden dazu bringen kann, mich zu lieben; Ich werde besser in meiner Entschlossenheit, abzunehmen; Ich werde Möglichkeiten finden, dies oder jenes zu sein.“ Das ist das, was jeder in Wirklichkeit möchte. Ihr kommt also und findet langsam heraus, daß es bei der inneren Arbeit um etwas anderes geht. Und ihr werdet frustriert, weil wir immer wieder sagen: „Nein, Löcher füllen funktioniert nicht.“ Ihr fühlt die Löcher immer mehr. „Aber ich möchte es füllen, mir geht es immer nur schlecht. Wann wird es endlich besser? Was kann ich tun, damit ich dieses schreckliche Zeug nicht fühlen muß?“

Es dauert lange, bis man versteht, daß es nicht funktioniert, wenn man das Loch zu füllen versucht. Auch jetzt, da ihr mir zuhört, versucht ihr, Löcher mit einem gewissen Verstehen zu füllen. Manche von euch glauben schon, daß die Worte, die ich sage, die Löcher füllen werden. „Wenn ich nur weiß, worum es geht, dann müßte es schon besser werden.“ Was ich sage, ist dann wirksam, wenn ihr anfangt, eure Löcher zu fühlen, eure Leere zu fühlen. Wenn ihr sie mit Worten oder Vorstellungen füllt, füllt ihr sie einfach nur wieder.

„Jetzt weiß ich endlich, worum es geht. Es geht um Löcher füllen. Gut! Jetzt weiß ich, wie es geht. Jetzt kann ich mich ausruhen, die nächsten zwei Wochen brauche ich nichts zu tun.“ Manche Menschen versuchen, Löcher jetzt auf eine andere Weise zu füllen: „Oh – das mache ich also mit meinem Mann! Ich versuche, ihn zu benutzen, meine Löcher zu füllen. Okay, jetzt werde ich die nächsten zwei Wochen nicht mit ihm sprechen.“ Und so füllt sie jetzt Löcher, indem sie sie dazu benutzt, ihren Mann anzugreifen. Es ist sehr schlau, wie wir versuchen, unsere Löcher zu füllen. „Aha! jetzt werde ich keinen neuen Job suchen; ich werde nicht versuchen, mehr Geld zu verdienen, weil das nur Löcher füllen wäre, und er sagt, mehr Geld verdienen funktioniert nicht.“ Und diese Gedanken werden anhalten und weiter versuchen, immer ein anderes Loch zu füllen.

Ich glaube, diese Perspektive hilft uns dabei, einen Überblick über die Gesellschaft zu bekommen. Das Loch übernimmt die Macht. Fast andauernd versucht unsere Gesellschaft, Löcher in Menschen zu füllen. Was glaubt ihr, benutzen Werbesendungen? Die Macht der Werbespots ist die Macht der Löcher. Sie appellieren an eure Löcher, immer. Sie finden ein bestimmtes Loch und versuchen, euch die beste Füllung dafür zu verkaufen. Gute Werbeagenten können mit diesen Löchern sehr effektiv umgehen. Sie sehen ihr Produkt und welche Löcher es füllen könnte; sie appellieren an dieses Loch. Und so machen sie Millionen.

S.: Appelliert Werbung an schon existierende Löcher, oder kreiert sie irgendwie neue?

A.H.: Ich glaube nicht, daß sie ein neues Loch kreieren, wirklich kreieren könnte. Eure Löcher sind in eurer Kindheit entstanden. Aber sie betonen die existierenden Löcher und appellieren auf verschiedene Weise an sie. Zum Beispiel das Bedürfnis, schön zu sein. Manche Frauen haben das Gefühl, daß sie nicht schön sind, und es gibt viele Möglichkeiten, diesen Mangel anzusprechen. Jeden Tag gibt es etwas anderes. Die Form ändert sich, aber im Grunde wiederholen sie immer die gleichen Appelle. Werbung stimuliert und verstärkt den Mechanismus des Löcherfüllens. Sie stimuliert die Begierden, die aus den Löchern resultieren. In euren Löchern gibt es Bilder von dem, wovon ihr glaubt, daß ihr es von außen braucht oder wollt. Unser Unbewußtes besteht aus Bildern, mit denen wir Löcher füllen, und wir suchen dauernd außen nach dem, was in diesen Bildern ist. Werbung funktioniert auf einer bestimmten Ebene des ganzen Mechanismus’ und das ist die Ebene der Begierde selbst. Sie versuchen Begierde zu stärken. Sie sagen, wenn ihr dieses Produkt kauft, dann werdet ihr schön sein; wenn ihr jenes kauft, werdet ihr glücklich sein, oder reich oder unsterblich.

S.: Warum könnte Werbung nicht benutzt werden, um die Begierde nach Essenz zu stimulieren?

A.H.: Weil man nicht viel Geld verdienen würde.

S.: Wäre das nicht eine mächtige Begierde, die Begierde nach Essenz?

A.H.: Oh, es ist die mächtigste. Es gibt Menschen, die Werbung machen, die an unsere Sehnsucht nach Essenz appelliert. Die Kirche, alle religiösen Systeme sind Werbung für das. Aber sie appellieren auf einer tiefen Ebene. Natürlich können sie sehr selten Menschen wirklich zu ihrer Essenz führen.

S.: Ist die Begierde, die Löcher anderer Menschen zu füllen, nur eine andere Weise, die eigenen zu füllen?

A.H.: Ja. Manchmal vermeidet man die eigenen Löcher dadurch, daß man glaubt, andere Leute hätten Löcher und man selbst nicht.

S.: Oder dadurch, daß man andere als bedürftig sieht? A.H.: Kann auch sein. Es gibt einen Mechanismus, die eige nen Löcher dadurch zu vermeiden, daß man sie nach außen projiziert: „Andere Menschen sind bedürftig und ich werde ihnen helfen.“

Dieser Prozeß des Löcherfüllens ist nicht oberflächlich oder einfach, er ist sehr tief und subtil; er geht an die Wurzeln eures eigenen Seins. Es verlangt sehr tiefe Arbeit, diesen Prozeß der Persönlichkeit aufzulösen, ihn umzukehren und zu Essenz zurückzukehren.

Der Diamantene Weg innerer Arbeit

Wir nennen unseren Ansatz innerer Arbeit, die wir hier tun, den Diamantenen Weg. Was meinen wir damit? Gehen wir Wort für Wort vor. Warum nenne ich diesen Weg „diamanten“? Es gibt zwei Ebenen der Bedeutung des Ausdrucks „Diamantener Weg“. Eine ist die wörtliche Bedeutung, die andere ist metaphorisch. Die wörtliche Bedeutung ist schwerer zu greifen, weil sie das Verständnis voraussetzt, daß man sie erfahren hat.

Erst einmal will ich über die metaphorische Bedeutung sprechen. „Diamantener Weg“ ist eine Methode, die die Eigenschaften des Diamanten benutzt, ich nenne das die diamantene Wahrnehmung. Der Diamant hat eine besondere Präzision und er kann harte Stoffe schneiden, ohne selbst zerstört zu werden. Der Ansatz, den wir benutzen, ist fokussiert und präzise, wie Laserchirurgie. Wie ein Diamant ist unser Ansatz auch dauerhaft, wertvoll und kostbar.

Was bedeutet nun „die (innere) Arbeit“? Das Verständnis von“innerer Arbeit“, wird uns genauer verstehen lassen, was wir hier tun.

Soweit wir wissen haben sich Menschen immer dadurch von Tieren unterschieden, daß Menschen unter einer bestimmten Art von Schmerz leiden, die andere Kreaturen nicht kennen. Alle Formen von Leben erleiden Krankheit, Unfälle, Tod. Menschen aber erfahren außerdem emotionale und geistige Leiden und Ängste. Wir wissen, daß im Verlauf der aufgezeichneten Geschichte Menschen emotionales Leid, Unzufriedenheit, Mangel an Befriedigung und Mangel an Frieden erlebt haben. Was ihr jetzt erfahrt, ist nicht neu. Das hat es immer gegeben. Vielleicht ist diese Art Leiden heutzutage größer und tiefer als vor Tausenden von Jahren, aber im allgemeinen ist es immer noch das gleiche.

Auch haben immer ein paar Menschen gelebt, die davon wußten, daß der größte Teil dieses Leidens auf die Entfremdung des Menschen von sich selbst zurückgeht. Der größte Teil unserer Unzufriedenheit stammt nicht aus Krankheit oder materiellen Problemen, sondern daher, daß wir nicht wir selbst sind. Am Leiden, das von Krankheit oder Alter verursacht wird, kann man nicht viel tun. Manche Menschen haben aber erkannt, daß emotionales Leiden nicht in gleicher Weise unvermeidlich ist. Es kommt daher, daß wir nicht wissen, wer wir sind, daß wir unser Sein, unsere wahre Natur nicht kennen, daß wir nicht frei sind, wir selbst zu sein. Es ist diese Entfremdung, die uns mit einem Gefühl von Leere, von tiefem Leiden leben läßt. Mit der Zeit führt das dann zu körperlichen Beschwerden, psychosomatischen Krankheiten und ähnlichem.

Neben diesem Wissen von der Ursache unseres Leidens hat auch das Wissen davon existiert, wie man einen Menschen zurück zu sich selbst führt, wenn er das will und in der Lage ist, zu tun, was nötig ist. Die „Arbeit“ steht also für jeden Weg oder jede Schule oder Methode, die die Tatsache des Leidens sowie die Ursache unnötigen Leidens erkennt und dahin arbeitet, einen Menschen zu seiner wahren Natur zurückzuführen, um so das unnötige Leiden, das von jener Spaltung in uns verursacht ist, zu eliminieren.

Das Ziel der inneren Arbeit ist jedoch nicht in erster Linie, Leiden zu beseitigen. Die Sehnsucht, zur wahren Natur zurückzukehren, ist ein angeborener Impuls, der in der Gegenwart ebenso wie in der Abwesenheit von Leiden da ist. Je mehr wir mit uns in Kontakt sind, um so mehr fühlen wir diese angeborene Sehnsucht, zu wissen und zu sein, wer wir wirklich sind. Wir wollen die Freiheit, so zu leben, wie wir leben müßten, um unser ganzes Potential zu erfüllen. Wenn wir das nicht tun, leiden wir. Aber dieses Leiden ist, nicht das Problem, dessen Lösung die innere Arbeit zum Ziel hat. Es ist einfach ein Hunger danach, unser wahres Selbst frei zu leben; es ist ein Signal dafür, daß wir zu unserer wahren Natur zurückkehren möchten.

Der Zweck vieler Schulen und Methoden, im Verlauf der Geschichte war, Menschen zu sich selbst zurückzubringen. Der Impuls hin zur eigenen wahren Natur hat auch Religionen und spirituelle Bewegungen auf der ganzen Welt inspiriert.

Wie ihr wißt, können Worte, wie Worte eben sind, die Erfahrung des Wertes der inneren Arbeit, die einige von euch gemacht haben, nicht vermitteln. Wir sehen, daß die innere Arbeit sehr alt ist; sie existiert schon so lange wie die Menschheit.

Worin besteht unser Ansatz, der Diamantene Weg der inneren Arbeit, also jetzt genauer betrachtet? Um dem Verständnis des Diamantenen Weges näher zu kommen, können wir die Schwierigkeit der inneren Arbeit anschauen.

Die, die die innere Arbeit tun oder die Schulen für diese Arbeit gegründet haben, sind immer davon ausgegangen, daß es sehr schwer ist, diese innere Arbeit wirklich zu tun und zu dem zurückzukehren, wer wir sind. Man hat auch immer angenommen, daß nur sehr wenige Menschen, nur ein kleiner Teil der Menschheit, versuchen wird, den Weg der Rückkehr einzuschlagen, und daß noch weniger irgendwohin gelangen werden, und daß wiederum noch weniger den Weg wirklich zu Ende gehen. Wir alle haben Geschichten über die Barrieren und die Gefahren der inneren Arbeit gehört. Der Weg war immer gefährlich, deshalb haben sehr wenige ihn ausprobiert, sehr, sehr wenige sind ihn bis ans Ende gegangen und haben das Ziel erreicht.

Man hat immer angenommen, daß es in der Natur der inneren Arbeit liegt, daß sie schwierig und gefährlich ist. Jetzt lernen wir aber, im Gegensatz zu den Annahmen der Vergangenheit, daß es nicht in der Natur der inneren Arbeit liegt, so schwierig zu sein. Der Grund, daß es bis jetzt so schien, liegt unter anderem im Mangel einer bestimmten Art von Wissen, dem psychologischen Wissen.

Man hat zum Beispiel angenommen, daß ein Mensch enormen Willen und sehr feste Entschlossenheit braucht, um die innere Arbeit tun zu können.

Die Aufgabe braucht wirklich ungeheuren Willen und Entschlossenheit, und in der Vergangenheit hat man dem Schüler oft den Mangel an ausreichendem Willen vorgeworfen – der Lehrer sagt, daß der Schüler sich der Arbeit nicht genug hingibt, nicht entschlossen genug ist, seinen Willen nicht genug benutzt.

Und das ist wahr. Das ist bei der inneren Arbeit immer so gewesen und ist auch heute noch so. Die Lehrer drängen also die Schüler und tun alles mögliche, sie durchzubringen – sie tun, was immer die Schüler dazu bringen kann, Willen, und Entschlossenheit einzusetzen, um weiter zu arbeiten.

Jetzt aber verstehen wir, daß ein Mensch seinen Willen nicht gebrauchen kann, wenn dieser Wille aus bestimmten Gründen blockiert und verdrängt ist. Und wir wissen, daß er aus bestimmten Gründen blockiert und verdrängt wird. Unsere Arbeit in dieser Gruppe hat uns gezeigt, daß einer der vielen Gründe für die Verdrängung des Willens die Angst davor ist, sich kastriert zu fühlen. Diese unbewußte Angst ist gut bekannt und in der psychoanalytischen Literatur breit dokumentiert, aber ihre Verbindung mit dem Willen wird im allgemeinen nicht gesehen.

In dem Moment also, in dem ein Mensch versucht, seinen Willen zu gebrauchen, beginnt er eine schreckliche Angst zu fühlen, die Angst vor Kastration, sei es sexueller Kastration oder der seines Selbst, seiner Energie, seines Willens. Dieser Mensch weiß nicht einmal, daß diese Angst da ist. Er weiß nur, daß sein Wille ihm nicht zu Verfügung steht, daß er nicht mit Entschlossenheit handeln, keine schwierigen Dinge tun kann.

Unabhängig davon, wie sehr man jemanden drängt – wie wird er nun seinen Willen finden, wenn er das Gefühl hat, daß ihm etwas Schreckliches zustoßen wird, wenn er ihm nahe kommt? Diese Angst kann sich als ein Gefühl manifestieren, daß ihm

„etwas passieren wird“, oder kann die Form haben: „Ich werde sterben“ oder „Ich werde einen Unfall haben“ – etwas der Art. Gleichgültig wie überzeugend der Lehrer ist, er kann nicht nahe genug an diese Ängste heran. Nicht daß er seinen Willen nicht gebrauchen wollte, er weiß nur nicht wie, er kann nicht. Aufgrund von Verdrängung hat er keinen Zugang zum Willen. Aufgrund bestimmter unbewußter Ängste ist der Wille abgeschnitten; und weil diese Ängste unbewußt sind, hat das Bewußtsein keine Kontrolle über sie; wenn man sich gegen sie stemmt, werden sie stärker. Es ist wie mit Gummi – wenn man dagegen drückt, gibt es nicht nach, sondern drückt gegen einen zurück.

Oder ein Lehrer sagt einem Schüler vielleicht, er solle sich hingeben, und der Schüler weiß, daß es das Beste ist, sich hinzugeben, aber er weiß nicht, wie er es machen soll. Er ist voller Angst – „Was meinst du, mich hingeben?“ Für das Unbewußte bedeutet Hingabe Verlust, bedeutet, einen Teil von sich selbst hingeben, Auflösung – schreckliche Dinge.

Ein anderes Beispiel ist das Thema der Verbindlichkeit. Man hat in den Schulen der inneren Arbeit immer gesagt, daß sehr wenige Menschen diese Arbeit tun, weil die meisten sich innerlich nicht hinreichend verbindlich auf sie einlassen. Sie wollen sich auf den Weg nicht verbindlich einlassen, weil sie Angst haben, ihre persönliche Freiheit zu verlieren.

Der Lehrer wirft dem Schüler vor, daß er nicht verbindlich genug dabei ist. Er sagt: „Du solltest verbindlicher bei der Sache sein“ oder „Du weißt einfach nicht, was gut für Dich ist“. Es kann gut sein, daß das wahr ist, aber es löst nichts. Schüler versuchen, sich innerlich zu verpflichten, aber wir wissen jetzt, daß das Thema der Verbindlichkeit in Beziehung zu einigen sehr tiefen Schwierigkeiten steht. Wir wissen zum Beispiel, daß man mit seinen unbewußten Ängsten um Ablösung und Trennung umgehen muß, um wirklich in der Lage zu sein, sich der inneren Arbeit ganz hinzugeben. In uns allen gibt es eine tiefe Angst davor, unser Identitätsgefühl, unser Gefühl dafür wer wir sind, unsere Unabhängigkeit, unsere Individualität zu verlieren. Obwohl es keinen wirklichen Verlust dieser Dinge bei der inneren Arbeit gibt – in Wirklichkeit ganz das Gegenteil – gibt es für diese Ängste echte Gründe, Gründe, die auf unbewußte Überzeugungen zurückgehen, die in der Kindheit entstanden sind. Das Unbewußte glaubt, daß man sich verliert, wenn man sich innerlich verpflichtet und bindet. Und in einem bestimmten Sinne ist das auch wahr; wenn wir die innere Arbeit tun, machen wir eine Art Ablösungsprozeß von der falschen Persönlichkeit durch, von der wir zu Beginn glauben, daß wir sie sind. Um also eine innere Verbindlichkeit zur inneren Arbeit aufrechtzuhalten, ist es schließlich nötig, diese Ängste vor dem Verlust der Identität durchzuarbeiten. Nur dann ist es möglich, unsere wahre Identität zu erkennen und zu entwickeln.

Natürlich macht es eben wegen dieser unbewußten Überzeugungen in bezug auf Verbindlichkeit für die meisten Menschen keinen Sinn, sich der inneren Arbeit zu verpflichten, um sich zu finden. „Was soll das heißen, mich verbindlich einzulassen?“ sagt das Unbewußte. „Was bleibt dann von mir übrig, wenn ich mich einlasse?“ Wir wissen von unserer Arbeit hier, wie einschneidend, wie zwingend diese Ängste sind – und sie sind unbewußt. Zuerst wissen wir nicht einmal, daß es sie gibt. Wir stehen einfach unter ihrem Einfluß. Wir können diese Schwierigkeiten in unseren Beziehungen sehen – wir wissen, wie schwer es ist, sich auf Beziehungen einzulassen und sich zu binden, auch wenn wir fühlen, daß wir den Menschen gefunden haben, den wir gewollt haben, und unsere Sorgen jetzt vorbei sein müßten. Das Unbewußte sagt: „Einen Moment mal, was passiert jetzt mit mir?“ Dieselben unbewußten Konflikte werden zu wirken anfangen, wenn ihr euch der inneren Arbeit verpflichten wollt.

Wir sehen also wieder, daß es immer schwer gewesen ist, die innere Arbeit zu tun, weil die Verbindlichkeit, der Wille, das Verstehen uns im allgemeinen nicht zu Verfügung stehen, und zwar aufgrund verdrängter Ängste und Widerstände, die vollkommen unbewußt sind und die unser Verhalten bestimmen und die stärker werden, wenn wir dagegen angehen.

Da die falsche Persönlichkeit die Barriere ist, die wir durchstoßen müssen, um zu unserer wahren Natur zu gelangen, hat innere Arbeit immer verlangt, daß man bestimmte Handlungsweisen und Verhaltensmuster, die Manifestationen der falschen Persönlichkeit sind, ändert. Als Hilfe für die Schüler, ihre Identifikation mit der Persönlichkeit zu lösen, haben Methoden und Schulen innerer Arbeit also zum Beispiel gelehrt, nicht egoistisch, sondern großzügig und mitfühlend zu sein. Wenn man Schülern aber sagt, sie sollten nicht egoistisch sein, hat man es nur mit der Persönlichkeit zu tun, und zwar auf eine Weise, von der wir jetzt wissen, daß sie nicht besonders gut funktioniert. Zum Beispiel haben wir bestimmte Ängste und Mängel, die uns gierig machen, und wir hören nicht einfach auf, gierig zu sein, wenn man uns dazu auffordert. Unbewußt glaubt ihr vielleicht, daß ihr kämpfen müßt, damit ihr genug von allem bekommt, um zu überleben, auch wenn das unter den tatsächlichen Umständen zweifellos nicht wahr ist. Ob ihr das bewußt glaubt oder nicht, ihr empfindet Gier, solange dieser unbewußte Glaube existiert. Die unbewußten Ängste und Blockaden, die als Barrieren gegen die Erfahrung von Essenz und gegen den Fluß körperlicher und feinstofflicher Energien wirken, kann man mit feinstofflichen Sinnesorganen als eine bestimmte Art Dunkelheit, als eine Blockierung des Energieflusses im Körper wahrnehmen. Viele Techniken sind im Laufe der Jahre entwickelt worden, um diese Barrieren, diese dunklen Flecke zu umgehen – die Energie in Bewegung zu bringen.

Manche Methoden benutzen Übungen oder Haltungen, um bestimmte Barrieren zu umgehen. Manche Methoden arbeiten daraufhin, mit schierer Willenskraft oder Entschlossenheit durch die dunklen Flecke hindurchzustoßen: zehn Jahre lang zehn Stunden Meditation am Tag, solche Dinge. Diese Methoden sind sehr mächtig, und sie funktionieren, aber gewöhnlich nur bei dem Glücklichen, der von vorneherein nicht viele oder nicht so starke Barrieren hat.

Jene, die innere Arbeit tun, haben gewußt, daß diese Barrieren mit Konditionierung zu tun haben, und daß die falsche Persönlichkeit aus Konditionierung entsteht. Man hat viel über die Eigenschaften der falschen Persönlichkeit gewußt: wie sie sich verhält, wie sie sich von Essenz wegbewegt. Manche Methoden haben sich darauf konzentriert, „Gegengifte“ in der Form von verschiedenen Meditationen, Übungen, Visualisierungen, Yogahaltungen und so weiter, gegen jede dunkle Qualität zu entwickeln. Mit diesen Methoden mußten die Lehrer intensiv arbeiten, um Schüler durch Barrieren zu treiben und zu ziehen, aber gewöhnlich mit begrenztem Erfolg.

Wegen der Schwierigkeit des Weges wurden Schüler zur inneren Arbeit früher, besonders in den ernsthaften Schulen, nur angenommen, wenn sie verzweifelt diese innere Arbeit tun wollten, verzweifelt genug, ihr Leben dafür einzusetzen. Die Lehrer haben gewußt, daß der Weg niemals vollendet werden konnte, außer ein Schüler war bereit, sein Leben einzusetzen. Wegen der Ängste und der Widerstände, die auf dem Wege liegen, war es sonst einfach zu schwierig. So gab es alle möglichen Auswahlprozeduren – jemand konnte jahrelang auf die Probe gestellt werden, bevor er in die Arbeit aufgenommen wurde. Das war nötig, weil es für den Lehrer nur Zeitverschwendung ist, Zeit mit einem Schüler zu verbringen, der auf dem Weg keinen Fortschritt machen wird und in den meisten ernsthaften Schulen ist es immer noch so.

Wir sehen also wieder, daß nur sehr wenige Menschen in der Lage waren, die innere Arbeit zu tun, Essenz zu erkennen, und um die Fülle dessen zu wissen, was es bedeutet, wahrhaft ein Mensch, ein Erwachsener der Spezies und nicht ein Baby zu sein. Die meisten Menschen sind im Hinblick auf ihre essentielle Entwicklung nur ein paar Jahre alt. Es gibt sehr wenige Erwachsene. Die Entwicklungen der Psychologie, vor allem in diesem Jahrhundert, zeigen uns, wie Menschen in ihrer Konditionierung aus der Kindheit feststecken und davon kontrolliert werden. Der im Westen entstandene Ansatz von Psychologie und Psychotherapie, ist eine neue Weise an das Problem des emotionalen Leidens der Menschheit heranzugehen. Seit Freud ist viel Wissen über das Unbewußte und über die Persönlichkeit dazugekommen. Psychologie, die Wissenschaft von der Psyche und vom Bewußtsein, liefert viel Wissen, das in der inneren Arbeit bisher gefehlt hat. Aber die, die das Wissen und die praktischen Anwendungen der Psychologie entwickelt haben, sind im allgemeinen nicht die, die an der inneren Arbeit teilnehmen. Sie erkennen das Leiden in der menschlichen Natur und arbeiten daran, dieses Leiden zu erleichtern, indem sie versuchen, die Konflikte in einem Menschen auf einer emotionalen Ebene zu lösen.

Essenz jedoch wird in der Psychologie und Psychotherapie in der Regel nicht in Betracht gezogen. Die Entfremdung von Essenz wird nicht gesehen. Man sieht, daß Menschen nicht mit ihren Emotionen und ihren Wahrnehmungen in Kontakt sind. Es wird gesehen, daß Menschen von komplexen Strukturen unbewußter Überzeugungen, Annahmen, Ängste und Abwehrmechanismen kontrolliert werden. Aber diese zusätzliche Dimension, die Existenz wahren Seins, wird in der psychologischen Theorie im allgemeinen nicht gesehen und so auch nicht berücksichtigt.

Als ein Ergebnis der Entwicklung psychologischen Wissens und therapeutischer Techniken haben viele Individuen äußerst wirksame Arbeit daran geleistet, sich selbst zu verstehen und das Leiden in ihrem Leben vermindert. Dieses psychologische Wissen ist auch für die Kultur im ganzen von Nutzen.

Psychologische Theorien und therapeutische Ansätze vermehren sich heutzutage, aber keiner dieser Ansätze scheint vollständig zu sein, und sie haben nur in verschiedenen Graden Erfolg. Aus der Perspektive der inneren Arbeit ist klar, daß diese Ansätze nicht vollkommen erfolgreich darin sein können, das Leiden zu beseitigen, wenn sie nicht die Tatsache der Essenz und unserer Entfremdung von ihr berücksichtigen. Die fundamentale Ursache unseres Leidens ist nicht emotionaler Konflikt. Wir haben emotionale Konflikte, weil uns die Kenntnis unserer wahren Natur fehlt.

In der Psychologie jedoch werden emotionale Konflikte als die Ursache von Leiden gesehen: Probleme mit der Umwelt in der Kindheit schaffen Konflikte in unserem Unbewußten, die ihrerseits Schwierigkeiten in unserem alltäglichen Leben verursachen. Aber was allgemein nicht gesehen wird ist, daß diese Konflikte in der Kindheit die Wirkung haben bzw. die Form annehmen, daß wir uns von den essentiellen Teilen unserer selbst entfremden, die die Quelle von Glück, Freude und Erfüllung sind.

Nehmen wir als ein einfaches Beispiel einen Mann, dessen Mutter ihn als Kind, wann immer er Wut ausdrückte, zurückwies, sich zurückzog oder erschreckt reagierte. Da in früher Kindheit die Mutter mit Liebe und Verschmelzen identifiziert ist, wird dieser Mann, wenn er jetzt Wut empfindet, tief den Verlust dieser Liebe und des Verschmelzens fürchten. In seiner Vergangenheit waren Eigenschaften von Liebe und Verschmelzen mit Wut nicht vereinbar; die Mutter entzog dem kleinen Jungen die Liebe, wenn er Wut ausdrückte. Stärke und Sexualität sind Wut nahe verwandt – zu beiden gehört die Energie von Trennung oder Aggression. Wenn dieser Mann also Liebe und Verschmelzen mit einem anderen Menschen oder mit einer Situation empfindet, wird er eine Bedrohung seiner Stärke und Sexualität fühlen. Das ist das Gewebe aus Schmerz und Verwirrung, das wir in unserem täglichen Leben empfinden. Den essentiellen Zuständen, die zum Beispiel mit Liebe, Wut oder Sexualität verbunden sind, können wir uns nicht nähern ohne Angst, Furcht oder sogar Panik zu erfahren, wie viele von euch hier in ihrer Arbeit gesehen haben.

Was bedeutet das nun? Unsere Kindheitserfahrungen von Frustration, Konflikt und Zurückweisung resultieren in dem Verlust essentieller Zustände. Da es gerade diese Qualitäten sind, nach denen wir uns sehnen, müssen die Verwirrung und die Unzufriedenheit in unserem Leben als Erwachsene gerade in diesem Verlust begründet sein. Der Verlust wird als ein Gefühl von Leere, Bedeutungslosigkeit, Totheit und Mangel, an der Stelle essentieller Zustände erfahren.

Wenn wir das bisher Gesagte zusammenfassen, sehen wir, daß die Effektivität der Schulen der inneren Arbeit durch einen Mangel an Wissen von spezifischen unbewußten Barrieren begrenzt war, die uns daran hindern, die entsprechenden essentiellen Zustände zu erfahren, aus denen unsere wahre Natur besteht. Die Effektivität von Psychotherapie war und ist durch ihre Unwissenheit von essentiellen Zuständen begrenzt, so daß Lösungen auf der Ebene des Ego und der Emotionen gesucht werden, also nicht auf den Ebenen, auf denen wir letztlich Befriedigung finden können.

In den letzten zehn Jahren haben manche Menschen begonnen, diese beiden Ansätze zu integrieren. Sie haben, je nach ihrer Erfahrung und ihrem Wissen, einen gewissen Erfolg gehabt. Aber das ist noch nicht der Diamantene Weg der inneren Arbeit. Bisher waren die Versuche, innere Arbeit mit dem Wissen von Konditionierung und der Struktur des Unbewußten zu integrieren, sehr allgemein. Für manche waren sie effektiv, sie halten aber immer noch eine unnötige Spaltung zwischen dem Schüler, der noch zum großen Teil mit seiner falschen Persönlichkeit identifiziert ist, und seiner Erfahrung von Essenz aufrecht. Bisher sieht das Konzept vor, daß die psychologische Arbeit die Schüler von A nach B bringen soll. Dann bringt innere Arbeit sie von B nach

C. Psychologische Arbeit wird unternommen, um die falsche Persönlichkeit aufzulösen, und nur dann existiert die Möglichkeit für essentielle Entwicklung.

Der Diamantene Weg unterscheidet sich von diesen Ansätzen insofern, als er an der Wahrnehmung und Auflösung der falschen Persönlichkeit zugleich mit der Wahrnehmung und Entwicklung essentieller Zustände arbeitet. Um zu erklären, wie diese Methode wirkt, werde ich die „Theorie der Mängel“, die wir aus Gründen, die wir später sehen werden, auch „Theorie der Löcher“ nennen, zusammenfassen.

In der ganzen Geschichte und Literatur der inneren Arbeit sehen wir, daß Wissen von dem, was wir hier „Essenz“ nennen, das Ziel der inneren Arbeit genannt werden könnte. In der westlichen Philosophie finden wir Plato, der über reine Ideen, oder die Platonischen Formen sprach. Plato, ein Schüler von Sokrates (der auch die innere Arbeit machte), schrieb über die Gespräche des Sokrates mit seinen Schülern über die sogenannten „ewigen Wahrheiten“ – die wir hier die Qualitäten von Essenz nennen, wie Mut, Wahrheit, Demut, Liebe – und wollte zeigen, wie Menschen etwas über diese Dinge erfahren. Sokrates bewies schließlich, daß wir diese Dinge nicht von jemand anders lernen können. Niemand kann euch zum Beispiel die Eigenschaft Mut lehren, oder Liebe. Er zeigte in seinen letzten Argumenten, daß wir diese Dinge nur wissen können, indem wir uns an sie erinnern. Jeder besitzt eine gewisse Erinnerung an diese essentiellen Formen. Wir haben in unserer Arbeit hier gesehen, daß ein beständiges Charakteristikum der Erfahrung von essentiellen Zuständen das Gefühl ist, daß ihr sie schon kennt, daß ihr schon früher hier gewesen seid, daß ihr euch an eine irgendwie grundlegendere Realität erinnert, die ihr im Prozeß des alltäglichen Lebens vergessen habt. Wir wissen also, daß diese Erinnerung an Essenz existiert, obwohl wir uns im allgemeinen ihrer nicht bewußt sind, und wir wissen, daß der Prozeß der Erinnerung an unsere Essenz der Prozeß der Erinnerung an uns selbst, der Rückkehr zu unserer wahren Natur ist.

Etwas anderes, was wir wissen müssen, um zu verstehen, wie unsere Methode funktioniert, ist die Tatsache, daß Essenz nicht ein großes Etwas ist, nicht ein Zustand oder eine Erfahrung, eine einzige Seinsweise. Es ist nicht ESSENZ, ein großes Ding. Essenz hat oder ist viele Zustände, viele Qualitäten. Es gibt Wahrheit; es gibt Liebe; es gibt Mitgefühl; es gibt objektives Bewußtsein; es gibt Wert; es gibt Willen; es gibt Stärke; und es gibt Freude. All das ist Essenz; es sind verschiedene Qualitäten von Essenz. Sie sind verschiedene Facetten des Diamanten und reflektieren verschiedene Farben.

Obwohl man in der inneren Arbeit immer gewußt hat, daß Essenz viele Facetten hat, haben die meisten Schulen eine Qualität oder eine Gruppe von Qualitäten mehr als andere betont. Manche Schulen stellen zum Beispiel Liebe in den Mittelpunkt. Sie wenden dann bestimmte Techniken an, um Liebe zu entwikkeln. Sie sprechen über Liebe. Sie beten. Sie singen. Sie verehren den Guru. Sie beten Gott an. Sie „geben sich der Liebe hin“.

Andere Ansätze betonen Dienst, Arbeit. Sie gehen mehr vom Bauchzentrum aus. Andere betonen Wahrheit oder die Suche nach Wahrheit. Wieder andere, zum Beispiel Gurdjieff, betonen den Willen – den äußersten Einsatz aller Kräfte, die man hat.

Welche Aspekte von Essenz bei einer bestimmten Methode besonders betont werden, hängt von der Erfahrung und dem Charakter des Lehrers oder dem Begründer der Methode ab. Oft hat zum Beispiel ein Lehrer einen bestimmten Teil von sich tiefer durcharbeiten müssen als andere Teile. Dann ist bei ihm die Qualität von Essenz, die mit diesem Teil assoziiert ist, vielleicht sehr stark entwickelt; und da der Lehrer durch diese Qualität das Verständnis und die Verkörperung seiner Essenz erreicht hat, entwickelt er seine Lehrmethode um diese Qualität herum.

Es hat nur sehr wenige Schulen gegeben, die mit der Totalität der Essenz arbeiteten. Es gibt also eine deutliche Uneinheit zwischen den verschiedenen Lehren: Mohammed spricht sehr anders als Jesus, und der Buddha sagt es auf seine Weise. Gegenwärtige Lehrer sagen verschiedenes – manche sagen, man solle sich Gott hingeben, manche man solle nach der „blauen Perle“ suchen; manche sagen, man soll eine bewußte Anstrengung machen, um nach dem eigenen Willen zu suchen; manche sagen, die Antwort sei die Leere. Und da die meisten dieser Leute nicht wissen, daß Essenz viele Qualitäten hat, denkt jeder, die anderen hätten unrecht. Wenn ihr wißt oder fühlt, daß große Anstrengungen des Willens euch zur Essenz führen, dann erscheint es euch als deutlich, daß es nicht mit Liebe geht. Liebe kann für euch dann eher Schwachheit oder Sentimentalität bedeuten. Wir sehen, daß in manchen Gruppen, wenigstens für eine bestimmte Zeit, Willen also wirklich auf Kosten der Qualität der Liebe entwickelt wird, weil sie irgendwie unvereinbar erscheinen.

Wir wissen, daß wir etwas über Essenz lernen, indem wir uns an sie erinnern, und daß sie viele verschiedene Qualitäten hat. Ihr habt alle eine unmittelbare Erfahrung dieser Dinge gehabt. Wann und warum haben wir dann das vergessen, woran wir uns jetzt zu erinnern versuchen? Jeder wird mit Essenz geboren, und wenn ihr wachst, entwickelt sich euer physischer Körper, und auch eure Essenz entwickelt sich, einem bestimmten Muster entsprechend.

Das neugeborene Baby ist vor allem in dem Zustand, den wir die Essenz der Essenz nennen, einem nichtdifferenzierten Zustand von Einheit. Mit etwa drei Monaten ist das Baby in einem Zustand der „Verschmelzung“, der für die Entwicklung der Beziehung mit der Mutter nötig ist. Nach diesem Zustand der Verschmelzung entwickelt sich Stärke, dann Wert, Freude, die persönliche Essenz, und so weiter. Aber aufgrund von Einmischung durch und Konflikt mit der Umwelt gelingt diese Entwicklung natürlich nur zum Teil. Jedesmal wenn es zu Schmerz oder einem Trauma kommt, nimmt eine bestimmte Qualität von Essenz ein wenig ab. Welche Qualität davon betroffen ist, hängt von der Art oder dem Zeitpunkt des Traumas ab. Manchmal wird unsere Stärke, manchmal unsere Liebe, unser Selbstwertgefühl oder unser Mitgefühl, Freude oder Intuition verletzt und dann schließlich blockiert.

Wenn eine Qualität von Essenz schließlich blockiert ist, bleibt an Stelle dieser Qualität ein Gefühl von Leere, eines Mangels, ein Loch zurück, wie wir in unserer Diskussion der Theorie der Löcher gesehen haben. Ihr habt in eurer Arbeit hier erfahren, wie ihr diese Leere in eurem Körper wirklich als ein Loch wahrnehmen könnt, wo eine Qualität von Essenz abgeschnitten ist. Es entsteht in einem Menschen also das Gefühl, daß etwas fehlt, und deshalb stimmt etwas nicht. Wenn wir solchen Mangel erleben, versuchen wir das Loch, das wir in uns spüren, zu füllen. Weil Essenz an dieser Stelle abgeschnitten ist, können wir das Loch nicht mit Essenz füllen. Wir versuchen also, es mit ähnlichen, falschen Qualitäten zu füllen, oder wir versuchen, es von außen zu füllen.

Angenommen unsere Liebe für unser Mutter wurde zurückgewiesen und nicht wertgeschätzt. Dann ist diese Liebe in uns verletzt. Um die Erfahrung dieser Verletzung zu vermeiden, machen wir einen bestimmten Teil unseres Körpers taub oder wie tot, und so sind wir dann von dieser süßen Eigenschaft der Liebe in uns selbst abgeschnitten. Wo diese Liebe sein sollte, haben wir eine Leere, ein Loch. Wir versuchen dann die Liebe, von der wir das Gefühl haben, daß sie uns fehlt, außerhalb von uns selbst zu bekommen. Wir möchten jemanden haben, der uns liebt, so daß das Loch innen mit Liebe gefüllt wird. Wir wissen genau, was wir wollen, aber wir vergessen, daß es unsere Liebe war, die verloren wurde; wir denken, daß wir etwas außerhalb von uns verloren haben, deshalb versuchen wir, es von außen wieder zurückzubekommen.

Mit dem „Loch“ sind Erinnerungen an die Situationen verbunden, die zu der Verletzung geführt haben, sowie an jene Qualität, die verloren ging. Es ist alles da, aber verdrängt. Wir erinnern uns nicht an das, was geschehen ist und was wir verloren haben; uns bleibt nur ein Gefühl von Leere und das falsche Gefühl oder die falsche Vorstellung, mit der wir versuchen, die Leere zu füllen. Mit der Zeit sammeln sich diese Löcher an und während sie von verschiedenen Emotionen und Überzeugungen gefüllt werden, wird das Material, das sie füllt, zum Inhalt unserer Identität, zu unserer Persönlichkeit. Wir glauben, daß wir diese Dinge sind. Die Persönlichkeit wird um die deutlichsten Mängel herum strukturiert. Manchen Menschen bleibt hier und da ein Stück Essenz. Bei einigen, deren Probleme in der Kindheit sehr schlimm waren, ist alles verdrängt. Das führt zu einem subjektiven Gefühl von Stumpfheit, beinahe Totsein und zu ebensolchem Aussehen.

Dieses Wissen macht die innere Arbeit, die wir hier tun, den Diamantenen Weg, möglich. Jetzt sind wir in der Lage, sehr klar und präzise zu sein. Wir haben einen klar erkennbaren Weg vor uns, auf dem wir Menschen zurück zu sich selbst führen können. Erst lernt ihr, euch selbst zu spüren, aufmerksam auf euch zu sein, damit euch die nötigen Informationen zu Verfügung stehen. Die meisten Menschen gehen ohne dieses Selbstgewahrsein durch das Leben, weil sie versuchen, die Gefühle der Leere und der Falschheit und das Gefühl, daß in ihrem Leben etwas nicht stimmt, zu vermeiden. Ihr lernt also, eurer selbst gewahr zu sein, und ihr beginnt, eure Persönlichkeit anzuschauen.

Was ermöglicht es euch, das zu tun? Was eurer Arbeit Kraft geben kann ist alles, was ihr an Willen habt und was ihr an Liebe und Verstehen für euch selbst habt. Ihr müßt eine gewisse Offenheit, bewußt oder nicht, für eure Sehnsucht haben, zu eurer wahren Natur zurückzukehren. Außerdem müßt ihr ein gewisses Verständnis davon haben, daß Schwierigkeiten aus eurem Inneren stammen, aus euren eigenen Konflikten. Wenn ihr im Grunde glaubt, daß eure Probleme dadurch gelöst werden können, daß ihr mehr Geld verdient, schöner werdet, Kinder habt, ein besseres Auto bekommt und so weiter, könnt ihr die innere Arbeit nicht tun. Die Arbeit beginnt damit, zu sehen, daß die Schwierigkeiten aus unserem Inneren kommen, und zu spüren, daß die Erfüllung, die wir suchen, auch von innen kommen wird. Dann benutzen wir verschiedene Formen der alten Techniken, wie Meditation, um verschiedene Teile der Essenz zu stärken. Wir benutzen auch verschiedene psychologische Techniken, um die Blocks gegen die Themen um die verschiedenen Aspekte von Essenz zu verstehen. Wir sehen hier in unserer Arbeit, daß jeder Mensch zu jedem beliebigen Zeitpunkt seines Lebens in sich selbst bestimmte Verhaltensweisen um ein bestimmtes Thema beobachten kann. Wenn ihr weiter an diesen Dingen arbeitet, dann werdet ihr beobachten, daß ihr euch so verhaltet, um eine bestimmte Mangelstelle oder ein bestimmtes „Loch“ zu füllen. Mittlerweile können wir sehen, welche Qualitäten von Essenz mit welchen Arten von Themen aus der Vergangenheit in Beziehung stehen. Diese Beziehungen zwischen dem essentiellen Zustand, dem „Loch“ bzw. dem Gefühl von Leere, das aus dem Verlust dieses Zustandes folgt, und den Emotionen und Überzeugungen, die wir erzeugen, um diese Löcher zu füllen, und schließlich die Konflikte in unserem Leben, die aus der resultierenden falschen Persönlichkeit entstehen, diese sind alle verstanden. Diese Beziehungen und Muster sind bei allen Menschen die gleichen. Wenn also ein Mensch hier in der Gruppe arbeitet, kann ich an seinem Thema, erkennen, um welchen essentiellen Zustand und um welchen Mangel es geht.

Zum Beispiel steht der Verlust des Willens meist in Beziehung zu Ängsten um Kastration, wie wir früher diskutiert haben. Der Verlust von Stärke steht in Beziehung zur Unterdrükkung von Wut und auch Angst vor Trennung von der Mutter. Der Verlust von Mitgefühl geht immer auf auf eine Unterdrükkung von Schmerz oder Verletztheit zurück. Jedes „Loch“ wird im allgemeinen von derselben Sache gefüllt, mit Variationen, die durch die Kindheitsgeschichte sowie durch den kulturellen und sozialen Hintergrund eines Menschen bedingt sind. Mitgefühl kann zum Beispiel von Sentimentalität und der Überzeugung ersetzt werden, man sei ein liebevoller Mensch; Intuition kann durch exzessive Tätigkeit der Phantasie und Stärke durch zur Schau gestellte Härte ersetzt werden.

Wenn man gründlich mit der Gruppe von Themen arbeitet, die zu einem bestimmten Zustand in Beziehung stehen und wenn man einen Aspekt der falschen Persönlichkeit als Versuch aufdeckt, ein Loch zu füllen, wenn man ganz in dieses Gefühl von Leere geht, auch durch die Angst, sie zu fühlen, hindurch – ganz und gar, den ganzen Weg – dann wird man zu dieser Qualität gelangen, die man verloren hat. Das haben wir hier in unserer Arbeit immer wieder gesehen.

Psychotherapeuten arbeiten mit diesen Themen, aber im allgemeinen gehen sie nur bis zum Mangel zurück, indem sie die ursprünglichen Themen erkennen und verstehen oder sogar lösen. Sie sehen nicht, daß die Leere da ist, weil Essenz fehlt. Sie sehen nur das Gefühl von Leere und die Konflikte, die das Ergebnis der Geschichte der Kindheit sind.

Ich bin sicher, daß Klienten in der Therapie manchmal zu essentiellen Zuständen gelangen. Der normale Therapeut erkennt sie aber nicht, und die Klientin selbst wird sie nicht als bedeutsam wahrnehmen. Sie wird nur wissen, daß sie sich wunderbar und erleichtert fühlt; sie wird manchmal sogar ein intensives Gefühl haben, daß sie „zu sich nachhause gekommen“ ist. Aber der essentielle Zustand wird nicht als das erkannt, was er ist; die Erfahrung wird vom Therapeuten übersehen und vom Klienten wieder verloren, und niemals weiter verfolgt oder entwickelt.

Wenn ihr aber mit einem Lehrer arbeitet, der weiß, daß es möglich ist, durch die Erfahrung von Verlust hindurchzugehen, ganz zurück bis zu dem, was verloren wurde, und der diese essentiellen Qualitäten erkennt, dann ist es möglich, eure wahre Natur zu erkennen und zu entwickeln. Wir sind hier nicht daran interessiert, einfach nur in eure Kindheit zurückzugehen um eure Konditionierung und eure Konflikte zu verstehen. Wir sind daran interessiert, zu dem ursprünglichen „Loch“ zurückzugehen und es einfach zu erfahren, ohne zu versuchen, es zu füllen. Wenn ihr in der Therapie an dem Konflikt arbeitet, daß ihr euren Vater wolltet und euer Vater für euch emotional nicht erreichbar war, dann empfindet ihr tiefen Schmerz und ihr fühlt euch kastriert. Ihr seht, daß ihr in der Gegenwart euren Vater nicht bekommen könnt; also besteht die Lösung darin, daß ihr eine Beziehung zu einem anderen Mann aufbaut (manchmal dem Therapeuten selbst), um diese „Löcher“ zu füllen, und das ist dann die therapeutische Lösung.

So geht es aber nicht. Man kann versuchen, den Mangel des Verlustes von Liebe mit der Liebe eines anderen Menschen zu ersetzen. Aber da es eure eigene Liebe ist, euer eigener Wille, nach dem ihr euch letztlich sehnt, werdet ihr euch von der Liebe und der Unterstützung durch den Vaterersatz unbefriedigt fühlen, wen auch immer ihr benutzt, um den Mangel zu füllen.

Ihr wißt jetzt, daß ihr eure eigene Liebe oder euren eigenen Willen nur erfahren könnt, wenn ihr die Erfahrung der „Löcher“ und Mängel, die mit ihnen assoziiert sind, zulaßt, anstatt zu versuchen, sie zu füllen. Das ist sehr schwierig und macht Angst. Viele spirituelle Disziplinen benutzen bestimmte Techniken, damit Schüler mit diesen Dingen in Kontakt bleiben können. Wenn ihr es aber schließlich könnt, stellt sich die wirkliche Lösung ein, und zwar nicht dadurch, daß nur der emotionale Konflikt gelöst, sondern daß die verlorene Qualität wiedergewonnen wird. Die Präsenz der Qualität von Liebe in euch wird schließlich das Problem der Liebe für euch beseitigen. Die Präsenz von Willen ist das, was das Gefühl von Kastration, Kraftlosigkeit oder Ohnmacht beseitigen wird. Nichts anderes kann das. Und ihr habt gesehen, daß man an allen Emotionen, Gedanken, Schwierigkeiten mit dieser Arbeit beginnen und sie durcharbeiten kann, bis zurück zum ursprünglichen Mangel. Dadurch daß ihr bei diesem Prozeß bleibt und jedem Thema ganz folgt, werdet ihr schließlich die Erinnerung an das haben, was ihr verloren habt. Dadurch daß ihr euch erinnert, werdet ihr es haben, wie Sokrates sagte. Alles was ihr verloren habt, könnt ihr wiedergewinnen, wenn ihr auf diese Weise arbeitet. Alles.

Es gibt keine Trennung zwischen psychologischen Themen und Essenz. Sie sind miteinander verflochten und verwoben. Das ist der Grund, weshalb ihr nicht einfach damit anfangen könnt, die falsche Persönlichkeit zu beseitigen, und wenn das getan ist, Essenz erfahren und sie entwickeln. Ohne die Wiedererlangung dessen, zu dessen Ersatz Persönlichkeit geschaffen wurde, kann die Persönlichkeit einfach nicht aufgelöst werden.

Der Diamantene Weg kann präzise sein, weil wir wissen, daß jeder Aspekt von Essenz mit bestimmten psychologischen emotionalen Konflikten verbunden ist. Wir können also die mächtigen psychologischen Techniken benutzen, die uns dahin führen, daß wir unsere Konflikte, Verdrängungen, Widerstände und Widerstandsmuster wahrnehmen, verstehen und uns dieser Dinge einfach nur bewußt werden. Wir brauchen nicht gegen die Widerstände, die dunklen Stellen, anzugehen, wir setzen sie einfach dem Licht aus. Dann ist das Weitergehen leicht. Wir können durch diese Stellen hindurchgehen, statt sie umgehen zu müssen. Sie zu umgehen oder durch sie hindurchzustoßen ist der schwere, der lange Weg. Unser Weg hat mehr mit Verstehen, mit der präzisen diamantenen Klarheit zu tun.

Wir können dieses Verstehen in Beziehung zu anderen psychologischen Ansätzen oder Schulen innerer Arbeit betrachten. Wir haben gesehen, daß andere Schulen andere Aspekte von Essenz betonen. Wir können uns jetzt anschauen, wie verschiedene psychologische Ansätze verschiedene Mängel oder „Löcher“ betonen. Jede psychologische Schule wurde im Grunde von ihren Gründern entwickelt, indem sie an den vorherrschenden Mängeln arbeitete, die sie wahrnahm, und ein gewisses psychologisches Wissen entwickelte, das mit den Themen um diese Mängel her-

um zu tun hatte.

Zum Beispiel Freud. Was betonte er? Zuerst natürlich erkannte er die Existenz des Unbewußten, und er sah, daß das verdrängte Material des Unbewußten vor allem aus der Aggression und der sexuellen Libido besteht. Die aggressive Kraft nennen wir hier die Stärke, und Libido ist eine Kombination zweier „lataif“ (feinstofflicher Aspekte von Essenz) auf der linken und der rechten Seite des Körpers. Freud beschäftigte sich also mit Themen um den Mangel dieser Qualitäten. Außerdem erkannte er die Kastrationsangst, die zu einem Verlust des Willens führt, wie hier besprochen. Der Psychologie Freuds geht es also im wesentlichen um diese drei Mängel, und sie ist in dieser Hinsicht durchaus effektiv. Sie kann wirklich bis zu essentiellen Qualitäten führen, die mit ihnen assoziiert sind.

Reich beschäftigte sich hauptsächlich mit der Qualität Lust, d. h. dem Mangel, der mit dem Verlust von Lust zu tun hat, besonders sexueller Lust. Reichianische Techniken zielen darauf, einem Menschen zu zeigen, wo er mit seinem Körper nicht in Kontakt ist, und ihm zu zeigen, wo er Lust nicht ertragen kann. Reichianische Arbeit ist darauf angelegt, in und durch die Barrieren hindurch zur Lust zu gelangen.

Worum ging es Fritz Perls? Das Hier und Jetzt; zu lernen im Hier und jetzt zu sein, ohne Erklärung, ohne Vergangenheit. Daß Perls nach Japan ging, um bei einem Zenmeister zu lernen, ist ein Hinweis darauf, um welches Loch es bei Perls’ Ansatz ging. Warum hat er sich für einen Zenmeister interessiert? Die Qualität, um die es den Zenbuddhisten geht, ist die Essenz von Ganzheit – ganz hier und jetzt zu sein heißt, die wahre Natur der Dinge sehen, was wir den Aspekt von Brillanz und was Schüler des Zen die Buddhanatur nennen. Zenbuddhisten halten sich nicht damit auf, an irgendeiner der besonderen Qualitäten zu arbeiten; sie wollen direkt zum Ziel gelangen. Perls wußte das intuitiv, obwohl ihm nicht wirklich klar war, wonach er suchte. Er muß etwas von dieser Qualität besessen haben, die man Brillanz nennt, die ihn zum Zen hinzog und schließlich zu seiner Entwicklung der Gestalttherapie führte, die im Grunde genommen dasselbe Ziel hat. Ich glaube, er hatte das Gefühl, daß sie von dieser Qualität etwas wußten, was ja auch wahr ist, also ging er zum Zen, um dort zu lernen. Ihm war es aber zu schwer und zu langsam. Kaum einer von zehntausend Schülern schafft es mit dem Ansatz des Zen, und auch das nur nach Jahren von zehn Stunden Sitzen am Tag und die Wand Anstarren. Keine Ablenkung, nichts. Wenn ihr es aushaltet vielleicht zwanzig Jahre lang zu sitzen, alle Widerstände kommen und durch euch hindurchgehen zu lassen, seht ihr schließlich vielleicht die Natur der Wand. Das ist dann „die vollkommene Natur“.

Weil diese Qualität die stärkste in Perls war, entwickelte er den Ansatz des Kontinuums von Gewahrsein („awareness continuum“) und die verschiedenen Techniken, die sich als so hilfreich dabei erwiesen haben, falsche Persönlichkeit und ihre Funktionsmuster zu erkennen.

Die Neofreudianer, die Ich-Psychologen beschäftigen sich vor allem mit dem Mangel an Wert, Selbstwertgefühl, dem Mangel an Liebe, der mit Objektbeziehungen zu tun hat, und dem Mangel von persönlicher Essenz, die die wahre Individualität ist. Ihr genaues Wissen davon, wie diese „Löcher“ entstehen, ist erstaunlich spezifisch. Sie wissen nicht, daß alle diese Qualitäten existieren, weil Neofreudianer hauptsächlich auf einer Ichebene arbeiten. Ihr Wissen ist jedoch sehr nützlich; wir benutzen es hier mit großem Gewinn, wenn Menschen daran arbeiten, etwas über ihre persönliche Essenz, ihren Wert und ihre Fähigkeit, wirkliche Liebe für einen anderen Menschen zu erfahren, zu lernen.

Wenn wir mit dem Diamantenen Weg arbeiten, können wir mit solchenTechniken genau herausfinden, welche emotionalen Konflikte zu dem Verlust einer bestimmten Qualität von Essenz beigetragen haben. Wir können damit direkt in die Leere selbst hineingehen und uns an den Aspekt erinnern, der verloren wurde. Dieser Ansatz versagt nie.

Um ein Beispiel zu geben, das wir hier in unserer Arbeit immer wieder gesehen haben: wer mit seiner Bindung an seine Mutter zu tun hat und ganz in die Gefühle von Bedürfnis, von Sehnsucht, von Schmerz über nie von der Mutter gestillte Bedürfnisse hineingeht, wird am Ende in einen Zustand gelangen, den wir die verschmelzende Qualität von Essenz nennen. Es ist eine wunderbare verschmelzende Art von Liebe; ihr verliert eure Grenzen und verschmelzt mit allem.

Ihr seht also: obwohl wir im Verlauf dieser inneren Arbeit mit dem Diamantenen Weg Aufgaben der Psychotherapie erfüllen, gilt mein Interesse hier nicht der Psychotherapie. Mein Interesse richtet sich auf die innere Arbeit. Ohne wirkliche Arbeit an der Essenz, gibt es keine Lösung unseres Leidens und keine Chance, unsere wahre Natur zu verwirklichen.

Es besteht keine Notwendigkeit für uns, hier nur an Problemen und Symptomen zu arbeiten, und es besteht auch keine Notwendigkeit, uns von der Welt in einem Kloster zu isolieren, um an Essenz zu arbeiten. Es ist sogar so, daß wir diese Arbeit tun müssen, während wir in der Welt sind. Gerade während wir in Beziehungen leben oder im Beruf, oder Ärger mit unserem Auto haben oder finanzielle Probleme haben, haben wir genau das Material, das wir für die innere Arbeit brauchen. Wie wir sehen, erlaubt uns der Gebrauch psychologischer Techniken zusammen mit den Methoden innerer Arbeit, das Ziel der inneren Arbeit auf eine leichtere, effektivere Weise zu erreichen, als dies in der Vergangenheit meist möglich war. Es ist notwendig, daß unsere Suche nach Verstehen und Wahrheit hier die wichtigsten Dinge sind, denn sie werden uns schließlich zu der Möglichkeit führen, alle Aspekte unserer Essenz zu erfahren und zu entwikkeln.

Wir lernen, daß es nicht funktioniert, wenn wir versuchen, einen Aspekt von Essenz ohne die anderen zu entwickeln. Wir versuchen zum Beispiel nicht, allein Liebe zu entwickeln. Liebe ist nur ein Aspekt von Essenz. Wir wollen nicht, daß ihr nur liebevoll seid. Wenn ihr Liebe, aber keinen Willen habt, wird eure Liebe nicht einmal wirklich sein. Oder wenn ihr Willen, aber keine Liebe habt, werdet ihr mächtig und stark sein, aber ohne eine Vorstellung von wirklicher Menschlichkeit, Freude oder Liebe. Wenn ihr Liebe und Willen, aber kein objektives Bewußtsein habt, dann sind eure Liebe und euer Wille vielleicht auf die falschen Dinge gerichtet. Eure Handlungen werden nicht genau oder angemessen sein. Nur die Entwicklung aller Qualitäten wird uns befähigen, volle, wirkliche, wahre Menschen zu werden.

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