Kitabı oku: «Forschungsreise ins innere Universum»
A. H. Almaas
Forschungsreise ins innere Universum
Aus dem Amerikanischen von Peter Brandenburg
unter Mitarbeit von Wendy und Jörg Hecker

Arbor Verlag Freiburg im Breisgau
Inhalt
Einführung in die Diamond-Body-Reihe
Vorwort des Herausgebers
Bemerkung an den Leser
Teil 1: Mysterium und Inquiry
1 Warum erforschen?
2 Offenheit bei der Inquiry
3 Das Abenteuer des Seins
4 Spacecruiser Inquiry
Teil 2: Die grundlegenden Elemente der Inquiry
5 Gewöhnliches Wissen
6 Grundwissen
7 Nichtwissen
8 Dynamisches Fragen
9 Die Wahrheit lieben
10 Der persönliche innere Faden
11 Reise ohne Ziel
Teil 3: Diamantene Führung
12 Die Führung des Seins
13 Wahre Führung für die Inquiry
14 Führung als Geschenk an die Seele
15 Führung und Verstehen
Teil 4: Die essentiellen Aspekte in der Führung
16 Inquiry und die essentiellen Aspekte
17 Gelb: Freude am Entdecken
18 Rot: Mut und Abenteuer
19 Weiß: Durchhalten
20 Grün: Eingestimmte Führung
21 Schwarz: Die Kraft zum Durchschneiden
22 Wissen im Verstehen
23 Wahrheit im Verstehen
24 Diamantene Klarheit
25 Fokussierte Inquiry
26 Persönliche Inquiry
27 Brillante Inquiry
Epilog
Danksagung
Impressum
Copyright © 2002 by A-Hameed Ali
Copyright © 2007 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag, Freiamt by arrangement with Shambala Publications, Inc.,
P.O. Box 308, Boston, MA. 02117
Titel der amerikanischen Originalausgabe: Spacecruiser Inquiry
Alle Rechte vorbehalten
Titelfoto: © 2007, Klaus Ender
Korrektorat: Dr. Richard Reschika

www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-150-7
Für unsere Lehrer und Führer, die uns in jeder Phase unseres Lebens anleiten.
Und auch für alle Entdecker und Forscher, die das Abenteuer der Entdeckung lieben.
Einführung in die Diamond-Body-Reihe
Diese Buchreihe versucht, die Methodologie des Diamond Approach™ zu beschreiben, einer zeitgenössischen spirituellen Lehre mit eigenem direkten Verständnis und ihrer eigenen Sicht der Realität. Die Diamond-Body-Serie bezieht sich auf die Praxis und die Verkörperung des Diamond Approach, als Gegenstück zur Diamond-Heart-Serie, die sich auf die unmittelbare Erfahrung der wahren Natur auf diesem Weg bezieht, und zur Diamond-Mind- Serie, die sich dem objektiven Wissen und begrifflichen Verständnis dieser Lehre widmet.
Die Serie wird von direkter Diskussion der Methodologie bis zur Veranschaulichung verschiedener Anwendungen innerhalb unterschiedlicher Kontexte, bis hin zur Integration einiger klassischer Methoden der spirituellen Arbeit in diese Lehre reichen. Einige Bände dieser Serie veranschaulichen die Methodologie durch wirkliche Arbeit an Elementen im Wissensschatz, der der Lehre des Diamond Approach eigen und ihr origineller Beitrag ist, wie die Aspekte der spirituellen Essenz, die Dimensionen der Realität, und die Facetten des Geistes (mind).
Um die Rolle und die Funktion der Methodologie in einem Ansatz zu spiritueller Arbeit zu würdigen, müssen wir verstehen, wie die Methodologie sich zur Sicht der Realität, auf der er basiert, und zu der Lehre, die aus dieser Sicht hervorgeht, verhält. Dieses Verständnis wird helfen, die Rolle dieser Reihe von Büchern bei der Offenbarung, bei der Enthüllung des Diamond Approach zu erhellen.
Während der gesamten Geschichte haben Menschen das Bedürfnis nach intentionaler, fokussierter Arbeit und Führung empfunden, um über die durchschnittliche menschliche Entwicklung, wie sie in den meisten Gesellschaften bekannt ist, hinaus zu kommen. Viel von unserem menschlichen Potential liegt in Bereichen, die für das normale Bewußtsein nicht zugänglich oder auch nur sichtbar sind. Dies gilt besonders für das spirituelle Potential der Menschheit, das die Basis menschlichen Bewußtseins und die Quelle wahrer und dauerhafter Erfüllung, von Frieden und von Befreiung ist.
Diese Situation hat im Laufe der Jahrhunderte zur Entstehung und zur Entwicklung mehrerer Lehrschulen, Schulen innerer Arbeit, geführt, die sich auf die Entwicklung des ganzen Menschen spezialisieren – besonders die Aktualisierung der Tiefe des menschlichen Potentials. So eine spirituelle Schule baut gewöhnlich auf einer Lehre auf, die einem bestimmten Logos entstammt – einem unmittelbaren Verständnis von der Realität und der Situation von Menschen in dieser Realität. Durch die Lehre enthüllt der Logos einen Weg zur Aktualisierung unseres menschlichen Potentials. Die Methodologie des Weges spiegelt auch die Weisheit wider, die aus diesem direkten Verständnis hervorgeht. Sie ist nicht nur eine willkürliche Sammlung von Techniken, die darauf abzielen, Schülern zu helfen, zu bestimmten inneren Zuständen zu gelangen. Die Methodologie wird den Weg erfolgreich entfalten, wenn sie ein zuverlässiger Ausdruck des besonderen Logos dieser Lehre ist. Man könnte sagen, daß die Anwendung und die Praxis der Methodologie einer Lehre den spezifischen Schlüssel darstellt, den man braucht, um die Tür der Erfahrung und der Weisheit des Logos dieser Lehre zu öffnen.
Dieses Verständnis der Beziehung zwischen Logos, Lehre, Methode und Realität weist noch eine wichtige Implikation auf. Während eine Methodologie innerhalb des Logos einer bestimmten Lehre praktiziert wird, offenbart sich objektive Realität in Formen, die für die Reise der Selbstrealisierung, die mittels dieser Lehre unternommen wird, relevant sind. Anders gesagt, es kann sein, daß sich eine profunde und grundlegende Manifestation der Realität, die eine Lehre kennzeichnet, niemals den Anhängern einer anderen Lehre zeigen wird, weil jede Lehre sich durch einen anderen Logos zur Realität orientiert.
Eine Möglichkeit, wie man das verstehen kann, ist folgende: Weil jede Lehre in ihrer Reise der Entfaltung unterschiedliches Terrain durchquert, wird dieselbe zugrundeliegende Realität unterwegs in unterschiedlichen Formen offenbart. Bedenken Sie, daß zum Beispiel die Inuit des Polarkreises mehr als zwanzig Formen von Schnee und Eis erkennen. Dies sind wahre Formen der physischen Realität, die von jemandem, der in gemäßigten Breitengraden lebt, nie erkannt werden, weil das Klima und die Anforderungen der Umwelt unterschiedlich sind. Auf ähnliche Weise werden die Anhänger einer spirituellen Lehre bestimmten Erfahrungen objektiver Realität begegnen, die für die Reise der Seele angemessen sind, die von dieser Lehre angesprochen wird.
Sich dessen bewußt zu sein, ist besonders wichtig, um in den Büchern, die aus dem Diamond Approach hervorgehen, Beschreibungen von essentieller Realität zu verstehen. Die Methodologie des Diamond Approach bereitet die Seele darauf vor, zu erleben, wahrzunehmen und zu würdigen, daß Sein nicht nur erscheint, wie es zu jedem beliebigen Punkt ihrer Reise gebraucht wird, sondern auch in bestimmten Formen – die wir essentielle Aspekte nennen – , die sich als Antwort auf die sich ständig verändernden Bedürfnisse der individuellen Seele einstellen. Obwohl diese Zustände und Qualitäten als universell und für sämtliche menschlichen Seelen und für die Realität selbst grundlegend bezeichnet werden, bedeutet das nicht, daß Menschen, die tiefe spirituelle Arbeit auf der Basis eines anderen Logos machen, der Realität in Form von essentiellen Aspekten begegnen werden. Andere Lehren richten die Seele darauf aus, andere Wege der Realisierung zu beschreiten, also kann es sein, daß essentielle Realität auch anders erscheint.
Der zentrale Faden von Weisheit, der die Methodologie des Diamond Approach informiert und prägt, besteht darin, daß unser normales menschliches Bewußtsein nicht das Wissen und das Können besitzt, das dafür notwendig sind, um den inneren Weg der Realisierung zu beschreiten. Die Intelligenz unseres spirituellen Grundes, auf dem wir uns bewegen, neigt aber dazu, unser Bewußtsein und unsere Erfahrung spontan in Richtung Befreiung zu führen. Dieser spirituelle Grund, der das eigentliche Wesen der Realität ist, ist bedingungslos liebevoll und mitfühlend, indem er seine Weisheitsschätze jedem enthüllt, der bereit ist, sich für sie zu öffnen. Wir müssen einfach die Wahrheit über unsere gegenwärtige Erfahrung erkennen und die inneren Haltungen und Fertigkeiten erlernen, die die wahre Natur der Realität einladen, sich selbst zu offenbaren. Um das zu erreichen, bringt diese Methodologie klassische spirituelle Techniken und neue Übungen zusammen, die uns helfen können, für unsere wahre Natur offen und empfänglich zu sein.
Die Aufgabe, die Lehre und den Logos für diese Methode zu vermitteln, ist die zentrale Aufgabe der Ridhwan™-Schule, ihrer Lehrer und der ganzen Literatur des Diamond Approach. Wie bei jeder echten spirituellen Lehre hängt das Maß, in dem sich dieser Logos offenbart, davon ab, wie getreu die Methode angewandt wird. Und das Können bei der Anwendung der Methodologie entwickelt sich mit der Zeit, in dem Maß, in dem die Erfahrung und das Verständnis der Lehre reifen.
Da aber diese Methode einem wahren Logos der Realität entstammt und deshalb der objektiven Realität eigen ist und zu ihr gehört, ist sie für jeden zugänglich und erlernbar, ungeachtet der Tatsache, ob man mit der Ridhwan-Schule in Kontakt ist oder nicht – wenn man nur in der Lage ist, die Wahrheit dieser Sicht für sich allein zu erkennen. Das bedeutet, daß es möglich ist, sich mit diesem Logos zu verbinden und seine besondere Methode zu praktizieren, indem man die Lehre ernsthaft allein für sich studiert. Das zu tun, verlangt aber ein hohes Maß an Aufrichtigkeit, Hingabe und Intelligenz. Das ist die Einschränkung des gedruckten Wortes gegenüber der direkten Überlieferung, zu der es kommen kann, wenn man mit jemandem in Kontakt ist, der als Modell die Lehre verkörpert. Daher können wir nur auf einen begrenzten Nutzen hoffen, wenn die Methode ohne die aktive Führung durch die Lehre und den Lehrer praktiziert wird.
Dennoch glauben wir, daß es von Wert ist, eine Hinführung zu einem Verständnis der Methodologie des Diamond Approach anzubieten. Dies ist nicht nur zum Nutzen der Schüler, die sich unmittelbar dieser Arbeit widmen, sondern auch der Leser, die einige Elemente der Methode für sich allein erlernen und praktizieren möchten. Zudem hoffen wir, daß diese Serie dadurch nützlich sein wird, daß sie würdigt, was dieser Ansatz zu einem allgemeinen Verständnis der Realität, der menschlichen Natur und davon, was es bedeutet, das volle menschliche Potential zu aktualisieren, beiträgt.
Weil der Kern dieser Methodologie eine disziplinierte Einladung an die Realität ist, ihre Geheimnisse zu offenbaren, bietet die Diamond-Body-Serie die einzigartige Chance, sowohl die Verfolgung des inneren Weges der Realisierung als auch die Erforschung der tieferen Prinzipien von Untersuchung und Studium zu unterstützen, die in jeder Forschungsdisziplin relevant sind. Wenn man die Elemente der Methodologie des Diamond Approach benutzt, kann das nicht nur zu einem Erwachen und zu einer Offenheit für Aspekte unseres inneren Potentials führen, sondern auch zur Entwicklung von Fertigkeiten, die für das Studium auf anderen Gebieten der Natur- und Geisteswissenschaften von Nutzen sein können.
Dies ist die universelle Botschaft des Diamond Approach: Wenn wir lernen, wie wir unsere wahre Natur einladen können, sich zu offenbaren, wird sie uns in Richtung der Realisierung unseres spirituellen Grundes führen und zugleich unser Potential in allen Facetten des Lebens aktualisieren.
A. H. Almaas
Captain Cook, Hawaii 2000
Vorwort des Herausgebers
Forschungsreise ins innere Universum nimmt einen einzigartigen Platz innerhalb der Literatur des Diamond Approach ein, weil dieses Buch die zentrale Praxis dieses Ansatzes detailliert artikuliert. Der Fokus liegt hier nicht auf dem spirituellen Wissen, das aus der Praxis hervorgeht, sondern eher darauf, was es bedeutet, Inquiry als Übung und Praxis der Selbstrealisierung im eigentlichen Sinne anzuwenden.
Inquiry, wie sie beim Diamond Approach angewendet wird, ist eine dynamische, aufregende Erforschung mit offenem Ende der Unmittelbarkeit unserer Erfahrung. Durch die Untersuchung der Prinzipien, der Herausforderungen und des Gewinnes von Inquiry stellt dieses Buch dar, was es bedeutet, diese Praxis als einen spirituellen Weg anzuwenden, der die Tür zum Mysterium dessen öffnet, wer und was wir wirklich sind.
Die Übung der Inquiry basiert auf einem einfachen, aber bedeutsamen Prinzip: daß sich das Sein jedem großzügig offenbart, der es liebt, die Wahrheit der Realität zu wissen, und der bereit ist, sich dem Nichtwissen von ganzem Herzen hinzugeben und dabei offen und neugierig darauf zu bleiben, was Wahrheit ist. Praxis, die auf diesem Prinzip beruht, kann einen von der einfachsten Entdeckung über die eigene Motivation in einer bestimmten Handlung bis hin zu der profundesten Bewußtheit des Wesens der Absoluten Realität bringen.
Mehr als jedes andere Buch von Almaas – außer Facets of Unity: The Enneagram of Holy Ideas – verkörpert dieses Buch die Kernmetapher des Diamond Approach: So wie ein Diamant viele Facetten hat – jede einzelne ist hell und klar und offenbart eine andere Perspektive des ganzen Kristalls –, so bietet jedes einzelne Kapitel dieses Buches eine etwas andere Sicht desselben Kernprinzips, um ein tieferes, auf Erfahrung beruhendes Verständnis davon zu vermitteln, was die Übung der Inquiry ist.
In Teil Eins gibt Almaas sowohl eine Orientierung als auch einen weiteren Kontext für die Inquiry als Weg spiritueller Entfaltung. In Teil Zwei betrachtet er die grundlegenden Elemente des Prozesses der Inquiry, darunter das Wesen von Wissen, die Erfahrung von Nichtwissen, die Liebe zur Wahrheit, den Prozeß des Fragenstellens und den persönlichen inneren Faden. Teil Drei fokussiert auf die Führung des Seins, die durch die Inquiryübung eingeladen wird. Dieser leuchtende Reichtum unserer wahren Natur, der die innere Reise der Seele führt, ist das, was Almaas die Diamantene Führung (Diamond Guidance) nennt. Teil Vier ist der Untersuchung dieses Reichtums gewidmet und wie er realisiert und angewendet werden kann.
In diesem letzten Teil des Buches betrachtet Almaas viele der essentiellen Formen, die die Diamantene Führung ausmachen, darunter Neugierde, mutige Direktheit, Mitgefühl, Wahrheit, Klarheit, die Qualität des Persönlichen sowie Intelligenz. Jedes dieser Kapitel über essentielle Aspekte fungiert als Tür zu ewigen, aber unmittelbaren Wahrheiten über das Sein und seine dynamische Manifestation in der Praxis der Inquiry.
Für diejenigen, die eine gewisse Erfahrung mit persönlicher Inquiry ihrer unmittelbaren Erfahrung haben, wird die Weisheit, die auf diesen Seiten präsentiert wird, die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser Erforschung rechtfertigen und bestätigen, ermutigen und klären. Und sie kann bei denen, für die die Übung neu ist, den Wunsch nach der intimen und enthüllenden Reise der Selbstentdeckung wecken, die ihnen bevorsteht. Aber dieses Buch ist kein Handbuch, durch das man Schritt für Schritt lernt, wie man eine Inquiry macht. Es bietet vielmehr ein Fenster zur Art und Weise, wie diese Praxis als profunder Weg zu spiritueller Realisierung wirksam ist.
Wir können die Inquiry als eine spirituelle Technik betrachten, aber sie ist eigentlich die Entwicklung einer natürlichen Fähigkeit, die menschliches Bewußtsein an sich besitzt. Spacecruiser Inquiry erinnert uns also immer wieder daran, daß die Reise der Entfaltung der Seele nicht nur dann stattfindet, wenn wir uns hinsetzen um zu üben – unser ganzes Leben kann als eine sich entfaltende Inquiry gelebt werden. Dieses Material ist daher auch eine Anleitung zu einer Lebensführung, die sich ständig selbst offenbart, während sie in unserem Alltagsleben unsere tiefsten Wahrheiten aufdeckt.
Dieses Buch beruht auf Vorträgen, die Almaas vor den Schülern der Ridhwan-Schule (der Heimat des Diamond Approach) über einen Abschnitt der Lehre gehalten hat, der der Inquiry gewidmet war. Diese Vorträge wurden redigiert, damit sie unmittelbar zum Leser sprechen können.
Almaas’ Darstellung des Materials betont Verstehen und Praxis der Inquiry anstelle eines rein intellektuellen Verständnisses des Prozesses. Seine Präsenz, seine Worte und seine Vortragsweise laden sowohl die direkte Manifestation der besonderen essentiellen Qualität oder der Dimension des Seins, die gerade besprochen werden, ein als auch ihre dazu gehörenden Fähigkeiten. Oft nehmen die Vorträge die Form einer Inquiry von Bereichen vertrauter Erfahrung durch Befragung der häufig unbewußten Standpunkte und Überzeugungen an, die dieser Erfahrung zugrundeliegen. Wenn die Schüler mit den Worten und Konzepten interagieren, werden ihre inneren psychologischen Barrieren in Frage gestellt und neues Verständnis ihrer Erfahrungen entsteht. Das ermöglicht ihnen, für die wirkliche Energie und das wirkliche Bewußtsein, die sich manifestieren, empfänglicher zu sein.
Teil der Sitzungen waren Übungen, die dazu dienen sollten, die Erfahrungen der Schüler weiter zu vertiefen, indem sie eingeladen wurden, alles direkt und persönlich zu erforschen, was besprochen wurde. Diese Übungen hatten vor allem die Form einer strukturierten Inquiry, die die verschiedenen inneren Barrieren in Frage stellte und die Fähigkeiten und Fertigkeiten untersuchte, die für Inquiry nötig sind. Die Übungen durchdrangen häufig die verschiedenen subtilen Dimensionen, um dann die neu auftauchenden Wahrnehmungen der Schüler weiter zu erforschen und zu untersuchen.
Persönliche Untersuchungen des Themas, die diesen Übungen ähneln, sind in die meisten Kapitel dieses Buches aufgenommen, so daß Sie auch für die Praxis der Inquiry unmittelbar einen Geschmack bekommen können. An diesen Stellen sind Sie eingeladen, ein Element Ihrer eigenen Erfahrung in Verbindung zum jeweils besprochenen Material zu untersuchen. Diese Inquirys können als stille Kontemplation, als gesprochener Monolog (in oder ohne Anwesenheit von Mitforschern) oder schriftlich mit dem Tagebuch gemacht werden.
In mehreren Kapiteln wurden Fragen und Antworten des ursprünglichen Transkripts übernommen, um noch einen anderen Geschmack des Prozesses der Arbeit mit dem Thema des Buches vorzustellen. Diese Abschnitte des Dialoges mit dem Lehrer veranschaulichen die Themen, Reaktionen und Einsichten, die sich einstellen, wenn Schüler diesen Stoff selbständig untersuchen.
Die Vorträge wurden in der Schule zu einer Zeit gehalten, als alle Teilnehmer die Arbeit schon seit mindestens fünf Jahren gemacht und die von Almaas in Kapitel 3 genannte zweite Reise begonnen hatten. Viel Erfahrung mit Inquiry während der ersten Jahre der Arbeit wird auf der ersten Reise gewonnen. Dies ist eine Phase, in der Inquiry ein Mittel, ein Fahrzeug, dafür ist, detailliert etwas über den eigenen psychischen Stand im Leben zu erfahren, wenn man die tieferen, biographischen Motive für Verhaltensweisen, Reaktionen und Muster erkennen und würdigen und einzuschätzen lernt. Man lernt auch, wie diese Sichtweisen und inneren Haltungen das Bewußtsein der fundamentalen Erfahrung essentieller Präsenz blockieren.
Wenn man in erster Linie auf diese Art der psychologischen und emotionalen Selbstentdeckung konzentriert ist, fühlt sich der Prozeß reich, herausfordernd und enthüllend an, ist aber von der bekannten Realität umschrieben, daß man ein Individuum mit einer persönlichen Geschichte ist, das versucht, ein befriedigendes und erfolgreiches Leben zu führen. Es ist leicht, die immer gegenwärtige spirituelle Realität zu verpassen, die diese vertrauten Grenzen transzendiert, und aus den Augen zu verlieren, wie die Inquiry wirklich ein Fahrzeug dieses spirituellen Bereiches, nicht des Bereiches der konventionellen Realität ist. Das ist die Situation, die Almaas in diesem Buch direkt anspricht.
Die Lehrsitzungen sind sowohl eine Inspiration, die dazu bestimmt ist, Schüler auf eine tiefere Ebene von Praxis zu ziehen, als auch ein Korrektiv für die vielen abstumpfenden Fallen, denen man auf dem Weg begegnet. In diesem Prozeß baut Almaas auf die Vertrautheit, die jeder Schüler mit der Inquiry hat, und zugleich erweckt er den Anfängergeist neu, um die gewohnten Orientierungen zu beseitigen, die das Ergebnis wiederholten Selbststudiums sind.
Es gibt ein Paradox bei dem, was hier vorgestellt wird. Almaas spricht über einen Prozeß, der auf jede Erfahrung angewandt werden kann, unabhängig von ihrem Inhalt. Er präsentiert bestimmte Beispiele, um das Material klären zu helfen, doch das Verständnis, auf das er hinweist, hat mehr damit zu tun, wie wir uns auf unsere Erfahrung einstellen, als mit einem besonderen Inhalt von Erfahrung. Das macht es dem Verstand schwer, das Material auf eine vertraute Weise zu erfassen. Dieses Buch wendet sich an einen Teil von uns, der nicht die Worte in unserem Denken bewohnt, sondern verkleidet im vielfältigen Inhalt unseres Lebens lebt. Wir neigen dazu, diesen Teil zu ignorieren oder zu vergessen, daß er existiert, weil wir in den Inhalt versunken sind und glauben, dieser sei das, was real ist. Das Buch stellt diese Annahme unmittelbar in Frage, indem es den Teil unserer Seele, der sich im Inhalt verliert, einlädt hervorzukommen. Dieser vergessenen Teil ist bei den meisten von uns unser spiritueller Kern – was man die wahre Natur unserer Seele nennen könnte.
Sie werden ermutigt, jedes Kapitel zu lesen und zuzulassen, daß es sich setzt, bevor Sie zum nächsten weitergehen. Das wird es jeder Facette des Diamanten erlauben, seine eigene Wirkung zu entfalten. Auf ähnliche Weise erlebten die Schüler jede Facette der Lehre an getrennten Wochenenden, mit mehreren Wochen Zwischenraum, um die Erfahrung der Interaktion mit diesem Material zu verarbeiten.
Aber es ist nicht nötig, alles zu integrieren, was sie gelesen haben, bevor sie weiterlesen. Ideen oder Prinzipien, die vielleicht unverständlich oder für Ihre eigene Erfahrung fremd erscheinen, wenn Sie Ihnen zum ersten Mal begegnen, werden später gewöhnlich ausführlicher erklärt. Während das Buch voranschreitet, wird das Material jedes Kapitels auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Tempo auf Sie seine Wirkung haben. Die Wiederholung bestimmter Prinzipien aus einer jeweils etwas anderen Perspektive dient dazu, ein Gefühl von der Erfahrung jenseits des einfachen Inhalts der Worte zu evozieren und zu vermitteln. Das vertraute Echo der Wahrheit hilft, wenn man es aus einem Winkel erkennt, an den man bisher nicht gedacht hat, das Verständnis der Ideen und Begriffe, die früher vorgestellt wurden, zu erden und zu vertiefen. Wenn man offen und neugierig bleibt, wird die Praxis der Inquiry selbst von Moment zu Moment die Wahrheit enthüllen, die man wissen muß.
Eine Bemerkung zum Schluß: Almaas hat die Metapher eines Raumschiffs, das in der großen Weite des Kosmos reist, gewählt, um einige Elemente des Prozesses der Inquiry zu veranschaulichen. Der Grund ist, daß die Natur der Erforschung des Weltraums erstaunliche Parallelen zur Reise in unser eigenes Sein hat. Weltraum vermittelt die Empfindung von Mysterium, von Weite und von der Vielfalt der Richtungen des Erfahrungsfeldes besser als jede andere Metapher. Und die absolute Weite und Geräumigkeit des Kosmos, wo es keine Straßen und kein begrenzendes Gelände gibt, faßt lebendig die Offenheit, die sowohl das Potential als auch die Herausforderung in der Praxis der Inquiry ist.
Wer eine Affinität zur Raumfahrt hat, wird davon erfreut sein, was diese Metapher enthüllt. Sie ist aber für die Darstellung des Themas nicht zentral und tritt im Fluß der Lehre nur in Abständen in Erscheinung. Wenn also Ihre persönliche Neigung nicht in die Richtung futuristischer Reisen geht, sind Sie eingeladen, Ihren inneren Weg mithilfe des Fahrzeugs zurückzulegen, das am besten Ihre eigene dynamische Entfaltung ausdrückt.
Byron Brown
Bemerkung an den Leser
Dieses Buch ist eine Untersuchung der Übung und Praxis der Inquiry. Es ist eher eine Hinführung zu den Prinzipien und dem Potential der Übung als ein Handbuch darüber, wie man sie macht. Sie werden aber vielleicht entdecken, wie es Ihre Wertschätzung und das Verständnis dessen, was besprochen wird, fördert, wenn Sie sich selbst auf die Übung einlassen. Diese Vorbemerkung soll Ihnen helfen, sich zu orientieren, sollten Sie Inquiry selbst erforschen wollen, während Sie lesen.
Die Art und Weise, wie Almaas das Material präsentiert, ist selbst eine Einladung, Inquiry zu machen. Fühlen Sie sich also frei, jederzeit aufzuhören und in Ihrer eigenen Erfahrung zu erforschen, was er beschreibt. Um Ihnen beim Fokussieren Ihrer Untersuchung zu helfen, sind genaue Vorschläge für Inquirys in den Text aufgenommen. Beginnend mit Teil 2 benennt jedes Kapitel einen bestimmten Bereich der Inquiry, der mit dem jeweiligen Thema in Beziehung steht, um Ihre Erforschung und die Entwicklung Ihrer Fähigkeiten für diese Übung zu leiten. Sie werden ermutigt, diese Inquiryübungen entweder verbal oder mittels eines Tagebuches zu machen, allein oder mit Mitforschern.
Wenn Sie sich zu Inquiry als einer Form spiritueller Entfaltung hingezogen fühlen, ist es anfangs hilfreich, die Praxis zu formalisieren, indem Sie bestimmte Zeiten bestimmen, um in fokussierter Weise in einer ungestörten Umgebung die Inquiry durchzuführen. Wir werden hier zwei Möglichkeiten besprechen, die oben erwähnt wurden, aber Sie können noch andere finden.
Der erste Ansatz besteht im Schreiben eines Tagebuches. Wenn es etwas in Ihrer Erfahrung gibt, das untersucht werden soll, können Sie sich hinsetzen und ihre Inquiry schriftlich machen. Viele Menschen benutzen Tagebücher nur, um die Ereignisse des Tages aufzuschreiben, und lassen es dabei bewenden. So nutzt man lediglich einen sehr geringen Teil des Potentials eines Tagebuches. Einen wesentlich umfassenderen Gebrauch des Tagebuches stellt die persönliche Inquiry dar.
Der Erfahrungsbericht kann Teil dessen sein, was Sie schreiben. Das kann sogar den Prozeß oftmals erst in Gang setzen. Aber in einer Tagebuch-Inquiry hält man nicht nur fest, was einem in der Erfahrung widerfahren ist – man analysiert es, erforscht es und stellt Fragen, alles beim Schreiben. In gewissem Sinn wird Ihr Tagebuch zu einem schweigenden Zeugen. Wenn Sie wollen, können Sie sich das, was Sie geschrieben haben, vornehmen, darüber nachdenken und das Schreiben fortsetzen, indem sie sich selbst ein Feedback zu Ihrem Prozeß geben, aber die Inquiry allein reicht aus.
Sie können schriftlich so oft Inquirys machen, wie Sie wollen, aber es ist gut, sie mehrmals in der Woche durchzuführen. Genauso, wie Sie eine Zeit zum Meditieren reservieren, können Sie eine Zeit bestimmen, in der Sie sich mit Ihrem Tagebuch hinsetzen und schreiben. Da Inquiry auf Selbstbeobachtung beruht, bedeutet es – so Sie mit der Praxis der Inquiry beginnen –, daß Sie größere Achtsamkeit bei Ihrer Erfahrung zu entwickeln beginnen: auf Ihre Gedanken, Sinneswahrnehmungen, Gefühle und Verhaltensweisen. Achtsam mit Ihren Erfahrungen umzugehen kann zu einem kontinuierlichem Prozeß werden, der Sie mit einem reichen Beobachtungsfeld versorgt. Wenn Ihre Bobachtung anfängt, Muster in Ihrer Erfahrung zu enthüllen, werden als Antwort auf diese Muster natürlicherweise Fragen auftauchen. Deshalb wird der Prozeß, wenn Sie zu Ihrer für die Inquiry festgesetzten Zeit kommen, häufig bereits begonnen haben. Dann setzen Sie sich einfach hin und folgen dem Faden der Inquiry.
Eine andere Weise, Inquiry zu praktizieren, besteht darin, diese mit anderen zusammen durchzuführen. Sie können einen oder zwei Freunde einladen, um sie mit Ihnen gemeinsam zu machen. Wenn drei sich zusammensetzen, um die Inquiry-Übung zu machen, kann man die einfache Form benutzen, so daß jeder fünfzehn bis zwanzig Minuten einen bestimmten Teil seiner Erfahrung erforscht. Während eine Person die Inquiry macht, sind die anderen zwei stille Zeugen, die die Präsenz bei ihrer eigenen Erfahrung üben, während sie offen und neugierig der Inquiry zuhören. Das ist ein besonderer Vorteil, wenn man mit anderen eine Inquiry macht: Der eigene Prozeß wird dadurch, daß man Zeuge der Inquiry anderer ist, vertieft. Man kann auf diese Weise so oft üben, wie man möchte. Sie finden vielleicht zwei andere Menschen, die ebenso neugierig wie Sie selbst sind, und Sie machen sie jeden Tag zusammen.
Anfangs wird die Inquiry oft mit einer Reflexion über eine vergangene Erfahrung beginnen. Sie haben Reaktionen, Besorgnisse, alte Gefühle oder einfach eine Neugier in bezug auf das, was Sie erfahren haben. Es kann ein Gefühl im Moment sein, das die Inquiry auslöst, aber die Erforschung dieses Gefühls wird Sie oft zu der Situation zurückbringen, das das Gefühl hervorgerufen hat. Die Inquiry wird dann zu einem Prozeß des Schauens, um zu erkennen, was die Wahrheit dessen ist, was geschah. Viel kann verstanden werden, wenn man dafür offen und neugierig bleibt, selbst die Wahrheit zu entdecken.
Wenn Sie sich bei der Erforschung Ihrer Vergangenheit weiter Ihrer selbst gewahr bleiben, wird Ihr Fokus an einer bestimmten Stelle natürlich dazu tendieren, zu einem Interesse an der Wahrheit Ihrer gegenwärtigen Erfahrung überzugehen. Dann wird die Erfahrung unmittelbarer und lebendiger, weil Sie sich jetzt für das öffnen, was im Moment geschieht. Diese Bewegung – vorwärts und rückwärts, zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelnd – ist eine dauernde Dynamik, die in der Inquiry natürlich ist. Je mehr Sie aber auf Ihre unmittelbare Erfahrung eingestimmt sind – ganz gleich, ob Sie die Vergangenheit erforschen oder die Gegenwart –, um so offener werden Sie für die Möglichkeiten, Ihre eigene tiefere Wahrheit zu realisieren.
Inquiry ist eine spirituelle Übung und Praxis, und wie viele andere entwickelt sie sich mit der Zeit. Lesen und Wiederlesen dieses Buches, während Sie der schrittweisen Entfaltung Ihres inneren Lebens folgen, kann die Tiefe und die Subtilität Ihrer inneren Reise unterstützen und bereichern. Wenn Sie Ihren eigenen Rhythmus und Ihr eigenes Tempo des Öffnens finden, wird das der Inquiry ermöglichen, den verborgenen Reichtum Ihres Seins zu enthüllen.
Byron Brown
Teil 1
Mysterium und Inquiry
1
Warum erforschen?
Was spüren wir, wenn wir über uns nachdenken? Was sehen wir? Wie ist unser Leben? Die meisten von uns leben in einem ständigen Kampf, der darin besteht, Angenehmes zu bekommen und Leiden abzuwehren. Über lange Zeitabschnitte haben wir ständig das Gefühl, daß unser Leben nicht „genug“ ist – nicht voll genug, nicht reich genug, nicht vollständig genug.
Ab und zu merken wir, daß wir Zufriedenheit empfinden. Dann kommt uns alles genau richtig vor. Aber gewöhnlich empfinden wir diese Zufriedenheit nur kurz. Wir versuchen dann, etwas zu „verbessern“, oder machen uns Sorgen um die Zukunft oder schaffen es auf eine andere Weise nicht, einfach bei der Zufriedenheit zu bleiben.
Angenommen, es ist ein schöner Tag am Strand. Vielleicht sitzen Sie auf Ihrer Decke, nippen Eistee und liegen in der Sonne. Alles ist gut, aber nach einer Weile fangen Sie an, sich ein bißchen zu langweilen. Sie nehmen ein Buch aus Ihrer Strandtasche und fangen zu lesen an, aber Sie merken, daß Sie nervös sind. Dann wird Ihnen bewußt, daß die Hauptfigur in der Geschichte Sie an Ihren Vater erinnert, der Sie nie in Ruhe gelassen hat. Auch wenn Sie allein sind, bekommen Sie plötzlich das Gefühl, daß jemand hinter Ihnen steht, der Sie dafür verurteilt, daß Sie sich am Strand entspannen und sich bräunen lassen, statt zum Beispiel die Garage aufzuräumen. Sie kommen zu dem Schluß, daß es wahrscheinlich kein besonders gutes Buch ist, und legen es weg. Was Sie wirklich wollen, spüren Sie jetzt, ist etwas zu essen. Als Sie ihr Sandwich und Ihre Chips halb aufgegessen haben, merken Sie aber, daß Sie nicht wirklich Hunger hatten. Vielleicht würde Ihnen jetzt ein Schläfchen guttun. Sie schließen Ihre Augen, aber jetzt sind Sie ganz unruhig. Die Zufriedenheit von vor einer Stunde ist weg, und Sie wissen nicht, wie sie Ihnen abhanden gekommen ist.
So leben wir – wir versuchen die Außenwelt so zu manipulieren, daß unsere innere Welt Ruhe haben kann. Aber dieser Kampf ist ein aussichtsloses Unterfangen; so verschaffen wir uns keine Zufriedenheit. Dieses Beispiel für unseren inneren Prozeß weist auf eine Grundtatsache unserer ständigen Erfahrung hin: Wir können uns selbst nicht in Ruhe lassen. Alles innere Handeln enthält eine gewisse Ablehnung unseres gegenwärtigen Zustandes, unserer eigentlichen Realität. Und diese Haltung der Ablehnung hat eine tiefere Konsequenz: Dadurch, daß wir ablehnen, was für uns im gegenwärtigen Augenblick da ist, lehnen wir uns selbst ab. Wir sind mit unserem Sein (Being) nicht in Kontakt. Dadurch, daß wir uns auf die Zukunft hin orientieren, opfern wir die Gegenwart. Wenn wir außerhalb von uns selbst nach dem suchen, was uns fehlt, setzen wir uns, unsere Seele(n), dem Schmerz der Verlassenheit aus.
Tatsache ist aber: Nichts fehlt. Unsere wahre Natur ist wirklich immer da. Unsere wahre Natur ist Sein. Und alles besteht aus dieser wahren Natur: Steine, Menschen, Wolken, Pfirsichbäume– alle Dinge in unserem Leben. Diese Dinge existieren aber nicht unabhängig von uns, so wie wir es von ihnen glauben. Was wir in Wirklichkeit sehen, sind die verschiedenen Formen von Sein. Um Sein selbst, also das Wesen dessen, was wir in Wahrheit sind, zu verstehen, müssen wir zur inneren fundamentalen Natur von Existenz vordringen. Um für diese fundamentale Natur offen zu sein, müssen wir in Frage stellen, was wir zu sein glauben: Bin ich wirklich ein männlicher Weißer mit einer bestimmten Körpergröße, einem bestimmten Körpergewicht, von soundsoviel Jahren und mit einer Adresse und der durch meine persönliche Geschichte definiert ist? Und wenn ich das nicht bin, was dann?
Wir sind wie der Fluß, der nicht weiß, daß er im Grunde aus Wasser besteht. Er hat Angst davor, sich auszudehnen, weil er glaubt, er wäre dann vielleicht kein Fluß mehr. Aber wenn man einmal weiß, daß man Wasser ist, was macht es dann für einen Unterschied, ob man ein Fluß oder ein See ist?
Ihr Sein ist das, was sich ständig als Sie selbst manifestiert. Es denkt, indem es Ihr Gehirn benutzt. Es geht, indem es Ihre Beine benutzt. Aber in Ihrer alltäglichen Erfahrung denken Sie, Sie wären ein Bündel von Armen und Beinen und Gedanken, und erleben nicht die Einheit, die Ihrer ganzen Erfahrung zugrundeliegt.
Wenn wir mit dem Sein nicht in Kontakt stehen, empfinden wir eine Art Hohlheit. Uns fehlt dann ein Gefühl von Ganzheit oder Wert oder Fähigkeit oder Sinn. Wir suchen vielleicht endlos nach angenehmen Empfindungen oder Zufriedenheit, aber ohne eine Wertschätzung für unsere wahre Natur entgeht uns der größte Teil der Lust, die wir in unserem Leben haben könnten.
Unsere Natur, unser Sein, ist das Wertvollste, was es gibt, doch verlieren die meisten von uns den Kontakt dazu, wenn wir davon träumen, darauf hoffen, dahin planen und darum kämpfen, das zu bekommen, was wir für ein gutes Leben halten. Wir wollen die richtige Ausbildung, den besten Job, den idealen Partner. Aber ohne eine gewisse Wertschätzung für unsere wahre Natur landen wir an den Randbereichen des Lebens und schmecken immer nur eine fade Imitation des Nektars der Existenz.
Die Seele
Sein manifestiert sich gegenüber sich selbst durch uns, als Menschen. In uns schaut das Sein seine Schönheit und feiert seine Majestät. Unsere Erfahrung von uns selbst in unserer Totalität und unserer Berührbarkeit ist das, was wir beim Diamond Approach mit dem Begriff Seele meinen. Die Seele ist das, was erfährt, und sie ist die gelebte Erfahrung selbst. Sie ist der innere, psychische Organismus, das individuelle Bewußtsein, das der Ort aller Erfahrung ist. Die menschliche Seele ist reine Potentialität, die Potentialität von Sein. Sie ist auch die Weise, wie das Sein sich in seiner ganzen Großartigkeit öffnet und seinen Reichtum manifestiert.
Um den Reichtum unseres Seins, das Potential unserer Seele zu erfahren, müssen wir zulassen, daß unsere Erfahrung immer offener wird, und zunehmend in Frage stellen, wofür wir uns halten. Gewöhnlich identifizieren wir uns mit einem sehr begrenzten Teil unseres Potentials, mit dem, was wir das Ego oder die Persönlichkeit nennen. Manche nennen es das kleine Selbst. Aber diese Identität ist eigentlich eine Entstellung dessen, was wir in Wirklichkeit sind, nämlich ein vollkommen offenes Strömen aus dem Mysterium des Seins.
Ein Mensch ist ein Universum an Erfahrungen, mit vielen Facetten und Dimensionen. Jeder von uns ist eine Seele, ein dynamisches Bewußtsein, ein magisches Organ für Erfahrung und Handeln. Und jeder von uns ist in einem ständigen Zustand von Transformation – von einer Erfahrung, die sich für eine andere öffnet, von einer Handlung, die zu einer anderen führt, einer Wahrnehmung, die sich in viele andere vervielfältigt; von Wahrnehmung, die zu Wissen heranwächst, von Wissen, das zu Handeln führt, und Handeln, das mehr Erfahrung erzeugt. Dieser Entfaltungsprozeß ist permanent, dynamisch und voller Energie. Dies ist die eigentliche Natur dessen, was wir Leben nennen.
Die duale Dynamik der Erfahrung
Die Schönheit des Lebens besteht darin, daß sie ein ständiges Öffnen für die ganze Weite der Erfahrung und für den Reichtum sein kann, die dem Menschen möglich ist – für die dynamische Entfaltung des menschlichen Potentials. Dieses Leben kann eine Feier des Geheimnisses unseres Seins sein. Wir können ein Leben der Liebe leben, indem wir Freude an uns selbst, an anderen Menschen und am Reichtum unseres Heimatplaneten haben. Unser Leben kann voller Wertschätzung, Sensibilität und Staunen für alles sein, was uns umgibt. So ein Leben kann ein spannendes und aufregendes Abenteuer von Lernen, Reifen und Expansion sein.
Aber es kann auch ein Leben in Unfrieden, in Kampf, Elend und Depression sein, das oft von Leiden, Frustration, Neid und Aggression erfüllt ist. Es kann uns leicht passieren, daß wir ein Leben in Selbstbezogenheit, Zwiespalt und Ausbeutung führen. Wenn das geschieht, wird das Leben bald stumpf, langweilig und oberflächlich – wobei sich der Unterton sadistisch und brutal anfühlen kann.
Auch in solchen Zeiten verliert das Leben niemals seinen dynamischen und transformativen Charakter, aber die Entfaltung des Seins enthüllt vor allem die dunklen und destruktiven Möglichkeiten unseres Potentials, die negative und depressive Seite menschlicher Erfahrung. Die Frische und Kreativität des menschlichen Geistes sind überschattet, der freudvolle Funke gedämpft und zum Erlöschen gebracht und die Schärfe unserer Klarheit abgestumpft. Wir neigen dazu, in Unwissenheit zu leben, von primitiven Bedürfnissen und Begierden getrieben zu sein. Das Gefühl für unser Menschsein verläßt uns: Auch wenn wir wissen, daß wir Menschen sind, vergessen wir den Wert und die Köstlichkeit unserer Sanftheit, Freundlichkeit und Verletzlichkeit.
Unser Leben ist selten die reine Manifestation nur einer Seite unseres Potentials – sei es die der Freiheit oder die der Dunkelheit. Die meisten von uns leben eine Mischung von beiden mit sich ständig verändernden Anteilen. Natürlich arbeiten wir alle sehr angestrengt daran, Freiheit und Freude zu maximieren, aber wir wissen aus bitterer Erfahrung, wie schwer das ist. Wir versuchen dieses und jenes, hören auf diesen Lehrer oder jene Autorität, verlieren den Mut und erneuern unsere Entschlossenheit, aber selten sind wir uns sicher, was uns zu den Zuständen bringen wird, die wir begehren. Selten erleben wir die positiven menschlichen Möglichkeiten, die wir sehnlichst verkörpern möchten. Doch auch wenn sie sich wirklich in unserer Erfahrung manifestieren, bekämpfen wir sie häufig oder bekommen Angst vor ihnen. Wir sehnen uns danach, zu expandieren und unser Menschsein zu vervollkommnen, und unternehmen große Anstrengungen, um das zu erreichen, aber scheitern oft und sind schließlich frustriert. Unsere Erfolge sind kümmerlich und anscheinend nie von Dauer.
Wenn der Dynamismus unseres Seins unsere Erfahrung in seine dunklen und negativen Möglichkeiten entfaltet, finden wir uns in sich wiederholenden Mustern und geschlossenen Schleifen gefangen. Obwohl diese geschlossenen Schleifen von Wahrnehmen und Handeln dynamisch sind, sind sie auch zwanghaft und monoton und nehmen unserer Erfahrung ihre Frische, unserer Dynamik ihre Kreativität und unserem Leben Expansion und Abenteuer. Das riesige Universum menschlicher Möglichkeiten wird auf einen sehr begrenzten Bereich gewohnter Erfahrung beschränkt. Frische, Neuheit, Entwicklung und Begeisterung des Entdeckens sind gedämpft.
Die Situation ist aber nicht hoffnungslos, und wir alle wissen das an einer Stelle in unserem Herzen. Wir wissen – vielleicht undeutlich, vielleicht unvollständig –, daß der menschliche Geist die Möglichkeit besitzt, seine Erfahrung auszuweiten und seinen Reichtum zu öffnen. Wir haben viele Stärken, die wir nutzen können: Sensibilität, Intelligenz, Unterscheidungsvermögen, das Potential für gründliches Erforschen und Einsicht. Vor allem haben wir die Fähigkeit, zu lernen.
Ein Weg zur Freiheit
Jeder von uns besitzt die Fähigkeit, seine Erfahrung zu optimieren und sich auf die unbegrenzten Dimensionen seines Menschseins einzustellen. Wir alle können lernen, uns dem kreativen Dynamismus unseres Seins und der riesigen Weite des menschlichen Universums an Möglichkeiten stärker zu öffnen. Aber wie geschieht das? Wie können wir unser Leben zu einer aufregenden Reise von Abenteuer, Entdeckung und Staunen machen? Was kann uns helfen, die dunklen, destruktiven und einengenden Manifestationen des Seins in uns und den Menschen um uns herum zu erkennen und mit ihnen umzugehen? Wo ist der Weg, der uns zeigt, wie man entdeckt und lebt, was uns wirklich erfüllt und vollständig macht, und was der ganzen Menschheit dabei hilft zu reifen und allem Leben zu erblühen? Wie können wir unseren Geist (spirit) befreien, damit er den Reichtum seines Menschseins und die Göttlichkeit seines Seins manifestieren kann?
Viele Möglichkeiten und Wege gibt es, die Menschen zu Vollständigkeit und Freiheit führen können. In diesem Buch werden wir eine dieser Möglichkeiten betrachten. Wir werden untersuchen, wie Inquiry unsere Erfahrung für wahres Verstehen öffnen und wie dieses Verstehen so tief werden kann, daß es die Fülle unseres Potentials entfaltet.
Wie wir gesehen haben, enthüllt unsere Seele ihre Möglichkeiten durch ihren kreativen Dynamismus in zwei Grundformen. Die erste ist eine offene und freie Weise, die zweite ist in einem verzerrten und eingeengten Prozeß. Im ersten Fall manifestiert sich die Seele auf eine reale und authentische Weise, während sie im zweiten Fall reduziert, entstellt und von ihrer wahren Natur abgetrennt wird. Beide Erfahrungen (Authentizität und Verzerrung) gehören zum Potential unserer menschlichen Seele.
Es ist wichtig, den Unterschied zwischen diesen beiden Hauptmöglichkeiten, wie sich unsere Erfahrung enthüllt, genau und klar zu verstehen. Das auffallendste Merkmal dieses Unterschiedes ist für unsere Untersuchung in diesem Buch zentral: Wenn unsere Erfahrung frei und daher authentisch ist, entdecken wir, daß unsere Seele mit unserer wahren Natur in Kontakt– eigentlich untrennbar von ihr – ist. Die entstellte Erfahrung andererseits ist vor allem durch einen Mangel an Bewußtsein von dieser wahren Natur charakterisiert.
Die wahre Natur der Seele
Das Bewußtsein von der Existenz der wahren Natur der Seele bildet das Kernverständnis in allen wichtigeren spirituellen Lehren. Das primäre Verständnis in jeder authentischen Erfahrung spiritueller Realisierung ist, daß unsere Seele (unser Selbst, unser Bewußtsein) eine wahre Natur besitzt – ihre Essenz. Sein ist die Essenz oder wahre Natur der Seele wie überhaupt aller Manifestation. Beim Diamond Approach benutzen wir das Wort Essenz, um die spezifische Erfahrung von Sein in seinen verschiedenen Aspekten zu bezeichnen, wenn es als die Natur der menschlichen Seele auftaucht.
Wir erfahren uns selbst als Essenz, wenn unsere Erfahrung frei, ungekünstelt und spontan entsteht. Wenn unsere Erfahrung von uns selbst nicht von außen – das heißt von keinem Einfluß, der außerhalb der Einfachheit, nur da zu sein, liegt – diktiert oder bestimmt ist, dann sind wir die Essenz dessen, der wir sind. Wahre oder essentielle Natur bezieht sich daher darauf, wie sich die Seele11 selbst erfährt, wenn sie nicht von der Vergangenheit oder von mentalen Bildern oder Selbst-Konzepten konditioniert ist. Wir erfahren unsere Essenz, wenn wir einfach sind, statt zu reagieren oder unsere Erfahrung oder uns selbst zu konzeptualisieren.
Essenz ist nicht ein Objekt, das wir in uns finden; sie ist die wahre Natur dessen, der wir sind, wenn wir entspannt und authentisch sind, wenn wir nicht bewußt oder unbewußt so tun, so oder so zu sein. Essenz ist die Wahrheit unserer Präsenz, die Reinheit unseres Bewußtseins und unserer Bewußtheit. Sie ist das, was wir in unserer ursprünglichen und unverfälschten Seiendheit (beingness), als eigentliche Kernrealität unserer Seele sind. Essenz ist die authentische Präsenz unseres Seins. Sie ist im Grunde Sein in seiner Dasheit (thatness).
Verschiedene spirituelle Traditionen haben ihr verschiedene Namen gegeben: Christentum, Judentum und Islam nennen sie Geist (Spirit), der Buddhismus nennt sie Buddhanatur, der Taoismus nennt sie das Tao, der Hinduismus nennt sie Atman oder Brahman. Die verschiedenen Traditionen unterscheiden sich darin, wie sie Essenz begrifflich fassen und wie sehr sie sie in ihrer Lehre betonen, aber Essenz wird immer als die authentische, angeborene und fundamentale Natur dessen angesehen, wer wir sind. Und die Erfahrung und Realisierung von Essenz ist in allen Traditionen die zentrale Aufgabe spiritueller Arbeit und Entwicklung.22
Der Diamond Approach ist durch eine ihm eigene Einsicht in unsere essentielle Natur charakterisiert: Essenz manifestiert sich als eine intelligente Antwort auf die sich verändernden Zustände der menschlichen Seele in verschiedenen Formen. Diese Formen, die wir die Aspekte oder Qualitäten von Essenz nennen, umfassen die zeitlosen Aromen menschlicher Erfahrung wie Liebe, Frieden, Freude, Wahrheit, Klarheit, Mitgefühl und Wert. Jeder essentielle Aspekt hat eine charakteristische, erfahrbare Realität und Funktion, wobei alle den fundamentalen Boden von Essenz gemeinsam haben: Präsenz, selbst-bewußtes Leuchten und Offenheit.
Die Reise der Inquiry
Die Entdeckungen, die die Basis unseres Weges, des Diamond Approach, bilden, bieten ein echtes Verständnis der Tatsache, warum die Präsenz von Sein mit ihren essentiellen Manifestationen bei den meisten Menschen nicht aktiv ist und gelebt wird. Man kann die fundamentale Einsicht so formulieren: Sein, wie es sich in essentieller Präsenz und in ihren Qualitäten manifestiert, ist ein natürlicher und zentraler Teil des Potentials des Menschen. Dieses Potential öffnet sich von sich aus und spontan und entwickelt sich als Teil der Reifung eines Menschen. Wenn es nicht zu dieser Entfaltung kommt, sind psychologische und epistemologische Barrieren der Grund. Diese Barrieren bestehen hauptsächlich in festen Überzeugungen von einem selbst und der Realität im allgemeinen, in tief verwurzelten inneren Haltungen und Einstellungen sowie in zwanghaften Mustern von Reaktivität und Verhalten.
Diese Elemente beruhen ihrerseits auf psychischem Anhaften an unbewußten und nicht in Frage gestellten Bildern und Konzepten von sich selbst und Erfahrung im allgemeinen (Identifikationen) und sind ein Ausdruck von ihnen. Diese inneren Haltungen, Einstellungen und Annahmen reduzieren die Bewußtheit von einem selbst, beschränken das Verständnis dessen, was möglich ist, und behindern die natürliche Entfaltung des eigenen Potentials.
Der Diamond Approach ist eine offene und unbegrenzte Inquiry in die verschiedenen Elemente unserer Erfahrung und ihrer Muster. Wenn diese Inquiry aufrichtig und intelligent ist, dann muß sie auf die psychologischen und epistemologischen Barrieren gegen die freie Entfaltung der Seele stoßen. Die Konfrontation solcher Barrieren dadurch, daß man sie in Frage stellt, führt zu einem einsichtsvollen und unmittelbar gefühlten Begreifen dieser Barrieren. Auf diese Weise durchdringen Inquiry und Verstehen die Barrieren und öffnen unsere Seele für die immer noch unbekannten Möglichkeiten, die in ihren Tiefen schlummern.
Inquiry führt nicht nur zu größerer Bewußtheit und zum Verstehen unserer selbst, sondern sie lädt auch das Sein ein, seine verborgenen Möglichkeiten durch den Prozeß der Entfaltung von Erfahrung und Einsicht zu eröffnen. Dies aktiviert auf eine natürliche und geordnete Weise unsere essentielle Präsenz in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Ihrerseits fördern diese essentiellen Aspekte den Prozeß von Inquiry und Verstehen, indem sie beide zu subtileren und tieferen Dimensionen von Erfahrung und Wahrnehmung bringen.
Das bedeutet, daß die Aktivierung der subtilen Dimensionen von unserem Verstehen abhängt, und dieses Verstehen reflektiert unsere Fähigkeit, unsere Alltagserfahrung zu erforschen. Beim Diamond Approach machen wir nicht mechanisch Übungen, die tiefe Energien aktivieren, die wir vielleicht nicht verstehen oder mit denen wir dann vielleicht nicht umgehen können. Vielmehr geschieht die Aktivierung von selbst, als Antwort und Reaktion auf die eigene Fähigkeit zu Offenheit, Inquiry und Verstehen. Und die Tatsache, daß diese Fähigkeit in direktem Verhältnis zu unserem Grad an Reife zunimmt, ist die beste Sicherung dagegen, zu schnell zu tief zu gehen.
Wir müssen hier betonen, daß das Verstehen, das wir meinen, nicht mentales oder intellektuelles Begreifen ist, sondern direktes Gewahrsein und Erfahrung von einem selbst, die einsichtsvoll und klar sind. Es ist die klare Erkenntnis der Wahrheit von Erfahrung, und zwar als ein Aspekt, der von dieser Erfahrung untrennbar ist. Dieses Verstehen ist die unmittelbare Antwort von Sein auf aufrichtige Inquiry.
Wenn man sich auf die Reise begibt, die auf den folgenden Seiten beginnt, öffnet das die Tür zu einer tiefen und intimen Beziehung damit, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die essentielle Welt, ein Mensch, eine bewußte Seele zu sein, öffnet sich, und in jedem Moment entdeckt man sie. Nicht nur das– sie erscheint genau hier, wo Sie jetzt sind. Sie existiert nicht irgendwo anders und wartet darauf, daß Sie sie finden. Die Reise der Inquiry ist sowohl die längste als auch die kürzeste Reise, die Sie je machen werden – Sie reisen einfach so weit, wie Sie müssen, um da zu sein, wo Sie schon sind.
Dieses Buch hat zum Ziel, Sie für das Wesen dieser äußerst geheimnisvollen und persönlichen Reise zu öffnen. Es ist kein Bericht von einer Reise zu magischen und exotischen Plätzen, sondern ein Erwecken zu den Fähigkeiten und Möglichkeiten Ihrer Seele, an der inneren Entfaltung Ihres Seins teilzunehmen. Das, was folgt, wird Ihrer Selbsterforschung eine Richtung geben, so daß Sie die implizite Führung, die sich einstellt, wenn Sie Ihren eigenen inneren Raum bereisen, erkennen und bestärken können. Und wenn die Reise weitergeht und sich Ihre Bewußtheit vertieft, werden Sie lernen, die Subtilitäten, den Reichtum und die Intimität wertzuschätzen, die die Ihren sind, wenn Sie dem Weg der Inquiry folgen.
1 Traditionellerweise wird die Seele oft als weiblich bezeichnet. Das liegt zum Teil daran, daß die Seele eine Manifestation der schöpferischen und fruchtbaren Dimension der Natur ist, des Logos. Auch steht die Seele Essenz rezeptiv gegenüber, was als weibliche Eigenschaft gilt (Anmerkung des Herausgebers).
2 Eine weitere Besprechung von Essenz und ihren erfahrbaren Eigenschaften siehe Almaas, Essenz, Arbor Verlag, Freiamt
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Offenheit bei der Inquiry
Offenbarung des Mysteriums
Der Mensch ist eine Realität mit vielen Facetten und Dimensionen. Wenn man einen Teil dieser Realität oder eine bestimmte Weise, sie zu erfahren, nimmt und glaubt, dies sei das Eigentliche, es sei das, was wir erreichen sollten, dann ist das eingeschränkt, voreingenommen und letztlich statisch. Der Mensch ist ein dynamisches Bewußtsein mit Intelligenz und Potentialität, das wir mit unserem Verstand nicht erfassen können. Und soweit man sehen kann, gibt es keine Lehre, kein bestimmtes System, das alles umfaßt. Jede Lehre nimmt ein bestimmtes Segment, einen bestimmten Weg, und sagt: „Das ist es.“ Das ist eine gültige Weise, wie man an einige Möglichkeiten der Realisierung herangehen kann, aber sie kann nicht die Totalität des Menschen oder des menschlichen Potentials erfassen.
Das Abenteuer des Seins ist ohne Ende – Sein ist unendlich und seine Möglichkeiten sind unbegrenzt. Ein Grund, warum ich den Weg der Inquiry vorherbestimmten und zielgerichteten spirituellen Verfahren vorziehe, liegt in der Tatsache, daß sie ein bestimmtes Verständnis der Natur des Menschen widerspiegelt, das mit der Essenz des Seins zu tun hat. Je mehr ich die Essenz meines Seins kenne, um so mehr erkenne ich, daß sie unbestimmbar ist und daß man sie nicht auf eine endgültige und vollständige Weise kennen kann. Man kann nicht auf eine bestimmte Weise von ihr sagen, sie sei so oder so oder so. Es ist gerade das Wesen der Essenz unseres Seins, daß sie ein Mysterium ist. Es ist eine geheimnisvolle Essenz. Ihr Geheimnis liegt nicht an einer Beschränktheit unserer Fähigkeit, sie zu verstehen. Ihr Mysterium gehört zu ihrer Realität.
Dieses Mysterium, diese Empfindung von Unbestimmtheit, ist von vielen Leuten erforscht worden, und es gibt viele Lehren und Formulierungen, die es zu beschreiben versuchen. Eine Weise, wie man es sehen kann, besteht darin, daß die eigentliche Natur der Dinge nicht beschrieben, nicht bestimmt werden kann. Man kann keine bestimmte Aussage über sie machen, man kann ihr gegenüber keinen Standpunkt einnehmen. Einige setzen die eigentliche Natur mit der Leere gleich, fügen dann aber schnell hinzu, es gäbe kein „Etwas“, das Leere genannt werden könne. Leere ist einfach eine Weise, sich auf die Unbestimmtheit eigentlicher Natur zu beziehen. Das bedeutet, daß man nicht sagen kann, sie existiere, und daß man auch nicht sagen kann, sie existiere nicht. Und man kann nicht sagen, weder existiere sie noch existiere sie nicht. Dieser Ansatz nennt man den Weg der Negation, insofern man alles verneint, was man über die eigentliche, letzte Natur sagen oder ihr zuschreiben kann.
Ich denke, dies ist eine geschickte und subtile Weise, die Unbestimmtheit der Essenz unseres Seins zu verstehen. Jedoch beruht das Abenteuer der Inquiry auf einer etwas anderen Perspektive auf das Mysterium. Manche würden sagen, daß überhaupt nichts über das Mysterium ausgesagt werden kann, weil alles, was man sagt, ungenau wäre, und deshalb sei es besser, gar nichts auszusagen. Die Perspektive, die ich vorziehe, ist die, daß die Essenz des Seins für Beschreibungen offen oder Beschreibungen zugänglich ist. Man kann tatsächlich eine Menge über sie aussagen, so wie die Dichter der Mystik es seit Tausenden von Jahren getan haben. Man kann sagen, sie sei Leere, man kann sagen, sie sei ein Mysterium, man kann sagen, sie sei Stille, man kann sagen, sie sei Frieden, man kann sagen, sie sei weder Existenz noch Nichtexistenz, man kann sie den eigentlichen oder wahren Geliebten nennen, man kann sagen, sie sei die Auslöschung allen Egos, man kann sie die Quelle aller Bewußtheit nennen, man kann sagen, sie sei der Urgrund von allem, unsere wahre Identität, man kann sagen, sie sei dimensionslose Ortlosigkeit und so weiter. Jede dieser Zuschreibungen sagt etwas über sie aus.
Daher kann man sagen, daß das Mysterium des Seins zwei verschiedene Implikationen enthält. Ich glaube, die fruchtbarere ist nicht, daß man nichts über es aussagen kann, sondern daß man niemals ausschöpfen kann, was man über es sagen kann. Wir können es ohne Ende beschreiben und über es reden. Anstatt es also Unbestimmtheit zu nennen, halte ich Unerschöpflichkeit für ein besseres Wort: Das Mysterium ist durch die Tatsache charakterisiert, daß es unerschöpflich ist. Man kann es nie vollständig kennen oder wissen.
Wenn man zum Beispiel sagt, das Mysterium sei Leere, wird es damit also nicht vollständig erfaßt. Diese Aussage vermittelt einem nicht das ganze Bild. Man könnte sagen, es sei Stille. Gut, dann hat man eine weitere Eigenschaft entdeckt, die einem verstehen hilft, was es mit Begierden und Unrast macht. Wenn man diese Stille realisiert, spürt man, daß das ganze Universum Stille ist. Da wir aber einen angeborenen forschenden Geist besitzen und diese Stille erforschen, stellen wir am nächsten Tag fest, daß das Mysterium nicht allein Stille ist, sondern es ist auch Wissen. Was bedeutet das? Also, wir wußten, es ist Stille, und wir wußten, es ist Leere, also muß ihr Wissen eigen sein. Aber einen Tag später merkt man, daß man dem Mysterium auch nicht gerecht wird, wenn man es irgendwie als Wissen definiert. Man kann sagen, das Mysterium sei Stille, man kann sagen, es sei Wissen, und man kann sagen, es sei Leere, aber keine dieser Aussagen wird ihm gerecht – und auch nicht alle zusammen. Jeden Tag entdecken wir also etwas Neues über das Mysterium, als flögen wir durch die Schwärze des Weltraums und entdeckten plötzlich, daß wir auf einem ganz neuen Sternsystem gelandet sind, das wir mit Freude und Aufregung erkunden können.
Aber auch dann merken wir, daß wir das Ende noch nicht erreicht haben, denn jenseits dieses Sternsystems gibt es den Schein eines anderen. Und außerdem fangen wir an zu verstehen, daß das Verharren bei irgendeiner dieser Entdeckungen uns von der Unerschöpflichkeit des Seins – also gerade seiner Essenz – trennt. Sie stellen vielleicht auch fest, daß Sie an der Auffassung hängen, daß es einen Endpunkt Ihres Verstehens gibt.
Dies ist also ein etwas anderer Ansatz dazu, das Mysterium zu verstehen, als das Konzept der Unbestimmtheit. Das Mysterium ist unbestimmt, aber nicht in dem Sinn, daß es unmöglich wäre, bestimmte Aussagen über es zu machen. Es ist möglich, eine unendliche Anzahl von bestimmten Aussagen über es zu machen, aber diese Aussagen versagen, wenn man mit ihnen die Essenz des Mysteriums erfassen will. Ferner sind diese unendlich vielen Aussagen eigentlich der Inhalt unseres Bewußtseins. Was könnte man sonst erfahren? Wir könnten sagen, daß man das Mysterium nicht kennen oder wissen kann, und es dabei belassen. Aber wenn wir das tun, bleiben wir auf die Tatsache seiner Unerkennbarkeit beschränkt. Aber man kann das Mysterium eben auch kennen und wissen, viel mehr als irgendetwas anderes – im Grunde kann man es unendlich kennen und wissen. Aber man kann es nicht total und endgültig kennen und wissen, daher können wir niemals sagen, daß wir unsere Erforschung abgeschlossen haben.
Mein Verständnis des Mysteriums ist, daß es ein unerschöpflicher Reichtum ist, und dieser Reichtum ist von dem Mysterium untrennbar. Der Reichtum ist nichts anderes als die Offenbarung des Mysteriums, und diese Offenbarung ist vollkommen unerschöpflich. Diese Sichtweise gibt uns eine gewisse Basis für die Wertschätzung des Weges der Inquiry.
Was ist Inquiry?
Was meinen wir, wenn wir den Begriff „Inquiry“ benutzen? Inquiry bedeutet Untersuchung, Erforschung, aber vor allem bedeutet Inquiry, daß man etwas herausfinden möchte. Inquiry bedeutet, Fragen zu stellen und in Frage zu stellen: „Was ist das hier? Warum ist das so? Was passiert? Wo geht es hin?“
Was ist eine Frage? Wenn man wirklich in eine Frage eindringt, was findet man in ihrem Herz, in ihrem Kern? Das Herz einer Frage ist offensichtlich ein Nichtwissen. Wenn man eine Frage stellt, erkennt man an, daß es etwas gibt, was man nicht weiß. Eine Frage ist aber nicht nur ein Nichtwissen, denn Nichtwissen bedeutet an sich nicht unbedingt, daß es eine Frage gibt. Es ist möglich, nicht zu wissen und keine Frage zu stellen. Eine Frage hat ein Nichtwissen in sich, aber das Nichtwissen ist ein wissendes Nichtwissen. Man kann keine Frage stellen, wenn man nicht weiß, daß man nichts weiß. Aber es ist nicht nur so, daß man weiß, daß man nichts weiß; man weiß auch etwas über das, was man nicht weiß. Sonst kann man keine Frage danach stellen. In dem Moment, in dem man eine Frage über irgend etwas stellt, erkennt man an, daß man nicht weiß und daß man auch ein Gefühl davon hat, was man nicht weiß.
Also stellt sich die Frage von einer Stelle aus, an der es ein Wissen (knowing) von einem Nichtwissen (unknowing) gibt und dazu ein Wissen eines möglichen Wissens, und dieses mögliche Wissen durchdringt irgendwie das eigene Bewußtsein auf eine Weise, die als eine Frage in Erscheinung tritt.
Es ist so, als würde einen etwas von innen her kitzeln und sagen: „Schau her, hier ist etwas.“ Dieser Geschmack von Nichtwissen, von einem wissenden Nichtwissen, ist die Weise, wie die Entfaltung sich meldet. Etwas taucht auf. Sein (Being) bricht auf und bietet eine seiner Möglichkeiten an, und diese Möglichkeit nähert sich dem wissenden Bewußtsein. Aber es nähert sich ihm mit etwas, was man bisher noch nicht gekannt oder gewußt hat. Diese neue Möglichkeit berührt einen irgendwo im eigenen Herzen. Und Berührung bewegt einen dazu, eine Frage zu stellen. Wenn es einen nicht berührt hätte, würde man die Frage nicht stellen. Man würde einfach nicht wissen und nicht wissen, daß man nicht weiß. Inquiry bedeutet also wissendes Nichtwissen, und das ist der Ausdruck der Entfaltung, des kreativen Dynamismus des Seins. Und dieser Dynamismus des Seins ist eine kontinuierliche, spontane Entfaltung.
Wir sehen hier, wie Inquiry und Dynamismus wechselseitig eng miteinander in Beziehung stehen. In einem gewissen tiefen Sinne ist Inquiry der Ausdruck des Dynamismus, der Ausdruck von Entfaltung. In dem Moment, in dem die Erfahrung statisch ist, ist der Dynamismus nicht kreativ und es gibt kein Fragen. Häufig leben wir unser Leben im gleichen Trott, ohne es je in Frage zu stellen. Man ist uninteressiert, man ist nicht neugierig, man hat keinen Grund nachzufragen. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß unser Erleben und unsere Erfahrung so statisch sind, daß sich nichts bewegt.
In dem Moment, in dem es eine Inquiry gibt, wissen wir, daß die Entfaltung wieder in Gang ist. Etwas Neues taucht auf, und man fragt sich plötzlich, was es ist. Oder man fängt an, das Alte und Vertraute auf eine neue Weise zu sehen. „Wie kommt es, daß ich in so einem Trott lebe?“ Wie auch immer das Neue erscheint, der Dynamismus muß etwas anbieten, damit die Inquiry beginnen kann. Wie wir sehen, ist das Fragen, das das Wesen von Inquiry ist, also eigentlich ein Ausdruck oder eine Widerspiegelung des Dynamismus.
Inquiry ist im Grunde eine Herausforderung für das, was wir zu wissen glauben, und stellt es in Frage. Gewöhnlich glauben wir zu wissen, wer wir sind, was wir sind, was wir tun werden, worum es im Leben geht und was geschehen sollte. Inquiry bedeutet, alles das in Frage zu stellen. Wissen wir das alles wirklich?
Durch Inquiry lernt man, durch sein Nichtwissen hindurch zu navigieren. Aufgrund der Entfaltung seines eigenen Dynamismus wird man herausfinden, wohin man geht: „Wohin bringt er mich? Werde ich Mönch? Werde ich Haushaltsvorstand? Werde ich Computerspezialist, Soldat, Lehrer, Geliebter, Ehemann oder Ehefrau?“
Je offener das Ende einer Inquiry ist, um so mehr wird ihre Kraft frei. Diese Kraft ist die Kraft des Dynamismus von Sein selbst. Das ist ganz anders, als wenn man Inquiry auf die eingeschränkte und begrenzte Weise verwendet, die auf ein bestimmtes Ergebnis hin orientiert ist und die von einer Idee, die man im Kopf hat, oder von etwas, was man selbst oder jemand anders schon weiß, bestimmt ist. Wenn ich sage, daß das Ende einer Inquiry offen sein muß, dann meine ich damit nicht, daß man niemals eine bestimmte Perspektive einnehmen sollte. Sondern unabhängig davon, welche Perspektive man einnimmt, kann sich Inquiry daran machen, sie zu öffnen und das, was man erforscht, zu enthüllen. Und wenn man eine bestimmte Betrachtungsweise der Dinge untersucht, merkt man vielleicht: „Diese Perspektive ist gut für dies hier, aber nicht gut für jenes.“
Wir besprechen Inquiry auf eine sehr allgemeine Weise und legen damit die Grundlage dafür, diesen faszinierenden Teil unserer Arbeit ausführlicher anzuschauen. Aber in dem Augenblick, in dem man anfängt, Inquiry zu verstehen, vergißt man, daß sie Arbeit ist. Inquiry bringt eine Liebe und eine Freude mit sich, sie bringt gerade den Dynamismus des Seins dazu, der für die Transformation gebraucht wird.
Der Weg der Inquiry ist der Weg wahrer Freiheit. Wenn unsere Inquiry lebendig ist und sich entfaltet, sind wir frei – unser Denken ist frei, unsere Herzen sind frei. Unsere Seelen sind frei, sich zu entfalten, und unser Sein ist frei, um spontan zu manifestieren, was es von Natur aus manifestiert.
Offene Inquiry
Inquiry beginnt damit, daß wir unsere gegenwärtige Erfahrung anschauen, aber es ist ein Schauen, das Offenheit verkörpern muß. Anstatt unsere wahrgenommene Unterscheidung als endgültig zu betrachten, sagt die Inquiry: „Ich weiß, was ich sehe, aber ich gebe zu, daß ich nicht weiß, ob das, was ich sehe, alles ist.“ Man kann nicht beginnen, eine Wahrnehmung zu untersuchen, wenn man denkt, man wüßte schon alles, was es darüber zu wissen gibt. In dem Moment, in dem man denkt, man wüßte das, verschließt sich die Tür zur Inquiry. Inquiry beginnt also von einem Nichtwissen (not-knowing) aus, sie beginnt dabei, daß man etwas in sich erkennt und beobachtet, was man nicht versteht. Dieser Mangel an Begreifen ist keine Resignation vor der Unwissenheit, sondern eine Anerkennung von Unwissenheit, die eine Offenheit dafür impliziert, zu wissen, zu verstehen und herauszufinden, was in unserer unmittelbaren Erfahrung vor sich geht.
Diese Offenheit in der Inquiry spiegelt die Offenheit wahrer Natur. Ohne diese Offenheit, die ein grundlegendes Merkmal wahrer Natur ist, funktioniert Inquiry nicht. Der Kern der Inquiry muß eine Offenheit für das sein, was in der Erfahrung da ist, für das, was man von dieser Erfahrung weiß und was man nicht weiß. Es ist Offenheit dafür, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, Offenheit dafür, daß sie sich verändern, und dafür, daß die Veränderung mehr von dem zum Vorschein bringt, was da ist. Offenheit bedeutet, daß man nicht im: „Ich weiß es, und dabei bleibt es“ steckenbleibt. Offenheit bedeutet, daß kein Wissen endgültiges Wissen ist. Inquiry ist für das Wissen dieses Augenblicks offen, aber sie ist auch dafür offen, daß der nächste Moment zu einem vollkommen neuen und anderen Wissen führt.
Offenheit bedeutet, daß es keine Fixierung, keine Verhärtung, kein Sichverschließen gibt. Sie ist der Ausdruck einer Weite im Denken, einer Weite und Bewußtheit in der Fähigkeit zu wissen.
Diese offene Haltung der Inquiry ist das Mittel dafür, nicht nur den Dynamismus des Seins anzusprechen, sondern auch die Weite, die die grenzenlose Potentialität unserer wahren Natur ist. Letztlich ist sie ein direkter Ausdruck der Wahrheit, daß wahre Natur letztlich ein Mysterium ist. Die absolute Offenheit wahrer Natur bedeutet, daß man sie nie vollständig kennen oder wissen kann, daß man die Inquiry, die sie zum Gegenstand hat, nie als erledigt ansehen kann. Man kann die Inquiry nie zum Abschluß bringen, weil sie abzuschließen bedeuten würde, die Entfaltung, den Dynamismus zu beenden – und der Dynamismus läßt sich nicht beenden. Warum? Weil wahre Natur in ihren Möglichkeiten unendlich ist, und sie ist deshalb in ihren Möglichkeiten unendlich, weil sie das absolute Mysterium ist.
Die Sufis zitieren oft das Hadith, das heißt die Offenbarung außerhalb des Korans, in dem Gott sagt: „Ich war ein verborgener Schatz, ich liebte es, gekannt zu sein, deshalb schuf ich alles.“ Gott will seine Natur, sein Wesen, seine Möglichkeiten, seine Manifestationen kennen und wissen. Diese Liebe, diese Sehnsucht danach, sich selbst zu wissen, erscheint in uns als die Liebe dazu, etwas zu erforschen. Sie erscheint in der Seele als die Liebe dazu, sich selbst zu wissen und zu kennen. Liebe motiviert die Inquiry, denn diese ist nicht nur Offenheit für das, was die Wahrnehmung anbietet, sondern auch eine Liebe dazu, herauszufinden, was wirklich da ist. Wenn man sagt: „Ich bin offen für das, was da ist“, ist man noch nicht dynamisch. Es ist die Liebe, die den Dynamismus mit sich bringt: „Ja, ich bin nicht nur offen dafür, etwas einfach nur zu sehen, ich werde mich hierbei auch engagieren. Ich werde mit Händen und Füßen mitten in die Erfahrung hineinspringen und graben, weil ich es liebe, etwas herauszufinden.“
Deshalb ist eine Möglichkeit, die Situation zu verstehen, die, daß Gottes Liebe dazu, die göttliche Manifestation zu enthüllen, in uns als Liebe zur Wahrheit erscheint. Diese zwei „Lieben“ sind ein und dasselbe, denn letztlich gibt es nur eine einzige ungeteilte Realität. Wir brauchen die Sufis nicht wörtlich zu nehmen, das heißt, wir brauchen nicht an einen Gott zu glauben, der liebt und etwas will. Wenn wir die wahre Natur klar sehen, dann sehen wir ihre dynamische Kraft als eine Liebe, die manifestiert; alles entsteht aus Liebe und als Feier. Wenn wir diese Liebe in begrenzter Form als Liebe der Seele erfahren, erfahren wir sie als die Liebe dazu, tiefer einzudringen, um die Manifestation, die Erscheinung, vollständiger zu sehen.
Das macht uns klar, worin die eigentliche Aufgabe besteht. Man arbeitet nicht an sich, um erleuchtet zu werden. Man arbeitet an sich, damit Gott tun kann, was er tun will, tun möchte, nämlich sich offenbaren. Unsere Freude daran, Realität zu untersuchen, ist also ein Abenteuer des Bewußtseins, und das ist die menschliche Teilnahme an Gottes Freude an seiner Selbstoffenbarung. Viele mißverstehen oft, wie der Diamond Approach die Inquiry betrachtet, und halten sie für eine Weise, ihre Probleme zu lösen. Aber wir tun die innere Arbeit, weil sie eine Arbeit aus Liebe, eine Liebesmühe, eine Leidenschaft, eine Feier ist. Wir arbeiten an persönlichen Themen, weil wir an ihnen arbeiten müssen, um in der Lage zu sein, mit dieser Untersuchung fortzufahren, nicht weil wir unsere persönlichen Probleme loswerden wollen.
Offenheit des Denkens
Die Methode der Inquiry ist eine Untersuchung und Erforschung der Realität in der persönlichen Erfahrung im Moment. Diese Erforschung benutzt das Denken (mind) – das nicht nur unsere intellektuelle Fähigkeit, sondern auch alles aus unserer Vergangenheit angesammelte Wissen umfaßt –, und doch sind wir zugleich vom Denken frei. Der Vorteil der Inquiry, verglichen mit vielen anderen Methoden – die auch ihre Vor- und Nachteile haben –, besteht darin, daß Inquiry das Wissen, das wir schon haben, nutzen kann. Wir müssen nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, wenn wir eine Inquiry machen. Es muß da aber eine Freiheit von diesem gewöhnlichen Wissen geben, denn wenn wir nicht frei von ihm sind, werden wir keine Fragen stellen. Wir denken dann, daß wir schon wissen.
Das Fragen in der Inquiry muß also intelligent sein, es muß die Offenheit wahrer Natur verkörpern, die alles nutzen kann, was wir wissen. Sie wissen zum Beispiel, daß Sie ein Unbewußtes haben. Sie brauchen das nicht bei jeder Inquiry neu zu entdecken. Wenn Sie also eine Erfahrung machen und etwas darin sehen, kann die Tatsache, daß Sie wissen, daß Sie ein Unbewußtes haben, Sie also vermuten lassen, daß mehr an dem sein könnte, was Sie sehen. Wenn Sie sagen: „Wir wollen das Wissen des Denkens überhaupt nicht benutzen“, und dann zu betrachten beginnen, was in der Erfahrung da ist, dann müssen Sie vielleicht einen langen Prozeß durchmachen, bevor Sie bemerken, daß es eine psychodynamische Ursache für das gibt, was in Ihrer Erfahrung auftaucht. Aber die Tatsache, daß Sie wissen, daß es ein Unbewußtes und daß es Psychodynamik gibt, öffnet die Inquiry auf eine völlig neue Weise.
Zugleich müssen wir vom Denken frei sein, denn in dem Moment, da wir etwas sehen, denken wir, daß wir es kennen. Das ist die Tendenz des normalen Denkens. Die Inquiry benutzt das Denken auch zur Formulierung von Fragen, für Analyse und Synthese und beim Gebrauch seiner verschiedenen Fähigkeiten, wie des Gedächtnisses und der Fähigkeit, Dinge zueinander in Beziehung zu setzen. Das Ziel von Inquiry ist aber nicht, zu Schlußfolgerungen zu gelangen, sondern das Forschen und den Nervenkitzel des Entdeckens zu genießen. Dieses Entdecken ist die Entfaltung der Seele und drückt die Liebe der Seele zur Wahrheit und zur Realität aus, und diese ist wiederum der Ausdruck der Liebe des Seins dazu, sich selbst zu offenbaren oder zu enthüllen.
Zu Offenheit gehört Offenheit gegenüber dem Denken und seinem angesammelten Wissen, aber auch dafür, daß Denken unrecht haben oder unvollständig sein kann. Ferner gibt es Offenheit dafür, über das Denken und sein gewöhnliches Wissen hinauszugehen. Offenheit der Inquiry bedeutet auch, daß wir Wissen und Einsichten, zu denen wir gelangen, welche auch immer das sein mögen, nicht nur einpacken und ins Regal stellen. In dem Moment, in dem man das macht, verschließt man den Weg der Inquiry. Keine Einsicht ist eine endgültige Einsicht. In dem Augenblick, in dem man glaubt, man sei zu einer endgültigen Einsicht gelangt, weiß man, daß man feststeckt. Gurdjieff nannte jemanden, der diesen Standpunkt einnimmt, Hasnamous, das heißt ein kristallisiertes Ego. Man kann sein Ego um überaus göttliche Ideen herum kristallisieren. In dem Moment, in dem man die Realität kennt und dann glaubt, dieses Wissen sei endgültig, hört die Inquiry auf, der Dynamismus kommt zum Stillstand und das Alte wiederholt sich. Aber wenn unser Verstand immer offen bleibt, hat die Enthüllung nie ein Ende. Dann haben wir einfach Spaß. Wir haben einfach Freude an der Reise an sich als einem Abenteuer der Entdeckung.
Wie gesagt ist Offenheit eine der Hauptmöglichkeiten, wie wir das unserer Natur innewohnende Mysterium, die Essenz wahrer Natur erfahren. Die freie, weite, unbegrenzte, unbelastete Leichtigkeit unseres Wesens erscheint in der Erfahrung der Seele als eine Offenheit. Die Erfahrung ist buchstäblich eine Leichtigkeit, eine Weite, eine Freiheit, aber psychologisch ist sie Offenheit. Buchstäblich, phänomenologisch, ist die Erfahrung wie Raum, psychologisch ist sie Offenheit für Möglichkeiten. Offenheit bedeutet also eine Empfänglichkeit für Erfahrung – was immer sich anbietet, was immer in unser Bewußtsein aufsteigt. Wir sagen nicht, daß wir dies erfahren wollen und jenes nicht; was immer erscheint, ist willkommen und wird zugelassen.
Offenheit impliziert auch, daß dieses Willkommen so vollständig ist, daß wir bereit sind, exakt und präzise zu erfahren, was immer geschieht. Denn wenn wir nur daran interessiert sind, es undeutlich zu erfahren, dann sind wir nicht daran interessiert, es genau so zu sehen, wie es ist. Offenheit impliziert daher ein Interesse an Präzision, als einem Aspekt eines vollkommenen Willkommens, denn die Vollständigkeit impliziert Präzision, Exaktheit und Genauigkeit. Daher ist die Offenheit wirklich eine Einladung das, was auftaucht, in seiner Vollständigkeit, Präzision und Totalität zu erfahren.
Offenheit charakterisiert auch das Feld, das für das empfänglich ist, was auftaucht. Das bedeutet, daß das Erfahrungsfeld selbst, unser Bewußtsein, keinen festgelegten oder vorgefaßten Standpunkt hat. Es gibt keine Einstellung einer Vorliebe für etwas, keine Einstellung des Vergleichens, keine Einstellung des Beurteilens. Es sagt nicht, daß etwas gut oder schlecht ist, es sagt nicht, daß es so oder anders sein sollte. Offenheit impliziert, daß wir von einem Ort kommen, der interesselos ist, in dem Sinn, daß er kein selbstbezogenes Interesse hat und daß er nichts für sich selbst will. Er liebt es einfach, das zu betrachten, was auftaucht. Er ist sehr daran interessiert zu erkennen und darauf verpflichtet, auf intime Weise zu erfahren, was in unserem Bewußtsein auftaucht, aber er ist in dem Sinn interesselos, als er nicht zum Ziel hat, interessiert zu sein. Mit anderen Worten, die Offenheit unseres Bewußtseins hat keine Präferenz für das, was auftaucht, sondern ist einfach an der Wahrheit dessen interessiert, was auftaucht, was es auch sei.
Diese Interesselosigkeit, dieses Fehlen eines festgelegten Standpunktes, ist für die Inquiry notwendig, sonst haben wir eine voreingenommene Haltung, und diese Haltung schränkt unsere Offenheit ein. Die Einschränkung unserer Offenheit wird unsere Fähigkeit dämpfen und begrenzen, das, was auftaucht, in seiner Fülle und in seiner Genauigkeit zu sehen. Je mehr Offenheit da ist, um so kraftvoller und wirksamer die Inquiry.
Inquiry mit offenem Ende
Offenheit bedeutet also augenscheinlich, daß wir mit der Inquiry keinen Zweck verfolgen; der Zweck ist die Inquiry selbst. Wir machen keine Inquiry, um irgendwohin zu gelangen, ein Problem zu lösen oder um eine Schwierigkeit zu beseitigen. Es ist wahr, daß unsere Neugier erregt wird, wenn wir auf eine Schwierigkeit, eine Unklarheit stoßen, aber das ist nicht deshalb so, weil wir sie beseitigen wollen. Wir sind einfach daran interessiert herauszufinden, was los ist. Das ist eine andere Haltung als: „Hier ist ein Hindernis, was kann ich tun?“ Es ist eher so, als sähe man die Blockierung und hätte das Gefühl, daß jemand einem einen Schleier vor die Augen hält, und man wollte hinter den Schleier sehen. Es ist nicht so, daß man die Blockierung nicht wollen würde, weil sie sich schrecklich anfühlt. Nein, es ist nur so, daß unser inneres Wesen Offenheit, eine vollständige durchlässige Bewußtheit ist, und es fühlt sich nicht richtig an, sie zu behindern. Es entspricht unserem Wesen, daß man das Ganze sehen möchte.
Menschen kennen verschiedene Weisen, wie sie Dinge untersuchen, aber diese Methoden entsprechen nicht unbedingt der Inquiry des Diamond Approach. Meistens ist es eine Inquiry mit einem Plan, mit einem Ziel im Kopf. Man betreibt diese Art der Inquiry auf verschiedenen Gebieten, und das hat seinen Sinn, aber wenn es darum geht, Realität, unsere wahre Natur und das Wesen des Universums zu erkennen, funktioniert es nicht. Inquiry braucht ein Fahrzeug, das eine Manifestation wahrer Natur, nicht ein Ausdruck unseres Ego-Selbst ist. Jedes Interesse, jede innere Einstellung ist ein Ausdruck unseres Ego-Selbst. Wenn man da beginnt, endet man auch da.
Das ist nicht so einfach, denn man könnte denken: „Jetzt habe ich es verstanden. Um wirklich zu meiner wahren Natur zu gelangen, sollte ich eben nicht versuchen, dahin zu gelangen. Okay, von jetzt an werde ich nicht mehr versuchen, zu meiner wahren Natur zu gelangen.“ Das würde auch nicht funktionieren, denn der Versuch, nicht dahin zu gelangen, wird dann wieder zu einem Ziel. Aber wenn Ihre Liebe zur Wahrheit da ist, dann thematisieren Sie dieses Interesse daran zu versuchen, irgendwohin zu gelangen, und erkennen es einfach an. Es wird zu einem Tanz, zu einem Spiel. Sie sagen nicht: „Wie schrecklich, daß ich ein Ziel habe.“ In dem Moment, in dem Sie das sagen, beziehen Sie schon wieder Stellung. Damit würden Sie dann sagen: „Ich stecke hier schon wieder fest.“ Das bedeutet, daß Sie nicht feststecken wollen, Sie wollen irgendwohin gelangen – Sie haben wieder eine Position bezogen.
Offenheit kann immer weitergehen, bis sie absolut wird. Wenn sie einmal absolut geworden ist, hat sie keinen Standpunkt mehr. Je größer und je tiefer diese Offenheit ist, um so kraftvoller, effektiver, vitaler und dynamischer wird unsere Inquiry und um so mehr sprengt sie die Manifestationen des Ego-Selbst. Aber wir wollen sie nicht sprengen, um irgendwohin zu gelangen, wir sprengen sie, um herauszufinden, was in ihnen ist. Wir wollen die Verpackung des Geschenks öffnen, weil wir sehen wollen, was darin ist.
Wenn wir offen sind, ist Inquiry einfach die Freude am Erforschen: Freude daran, den Weg und das Terrain der Entfaltung zu erleben. Es ist eine Untersuchung und zugleich ein Engagement in dieser Untersuchung. Dann ist sie von einer Leichtigkeit begleitet statt von der trostlosen Schwere des Versuches, irgendwohin zu gelangen. Trostlose Schwere bedeutet, daß keine Offenheit da ist. Wenn Inquiry diese Offenheit verkörpert, wird sie zu einem aufregenden Abenteuer. Sie macht Spaß. Diese Freude impliziert Nichtwissen, aber dieses Nichtwissen ist keine schwere Art von Nichtwissen mit Angst und Selbstvorwürfen. Es ist das Nichtwissen, das das Öffnen hin zum Wissen ist, das Nichtwissen, das die Barriere beseitigt – die aus der Ansammlung dessen besteht, was man weiß. Es ist wahres Nichtwissen. Es ist Unschuld.
Sie wissen, daß Sie nicht wissen, und Sie sind darüber glücklich, daß Sie auf der Reise des Herausfindens sind. Bei der Inquiry wissen Sie nicht, und Sie wissen, daß Sie nicht wissen. Aber Sie haben ein gewisses Gefühl davon, was Sie nicht wissen, und das heißt, Sie haben eine allgemeine Richtung – und das ist es, was zur Formulierung einer Frage führt. Sie haben Glück, daß Sie wissen, daß Sie nicht wissen, weil das bedeutet, daß Sie dabei sind, näher dahin zu gelangen, die Wahrheit zu wissen; und die ist der Geliebte Ihres Herzens. Die Wahrheit ist letztlich wahre Natur, und Inquiry ist nichts anderes als der Versuch der Liebe zur Wahrheit, die Fülle wahrer Natur zu enthüllen.
Wenn man einen Plan hat, dann glaubt man, daß das Mindeste, was man weiß, das ist, was passieren sollte. In diesem Fall gibt es keine wahre Offenheit mehr. Aber wenn da ein Annehmen des Nichtwissens, eine Offenheit gegenüber der Situation und eine interesselose Neugier ihr gegenüber vorhanden ist, dann wird die Inquiry ziemlich kraftvoll. Sie ist nicht nur kraftvoll, sondern sie schneidet wirksam durch Unklarheiten hindurch – und das auf eine Weise, die leicht und köstlich ist und Spaß macht.
Offenheit ist die Basis, der Boden der Inquiry, weil Offenheit die Erscheinungsweise und der Ausdruck der Tiefe unserer wahren Natur, die Tatsache ihrer totalen Leere, ihrer Leichtigkeit und ihres Mysteriums ist. Diese ureigene Freiheit, dieses vollkommene Mysterium gerade in der Tiefe unserer Seele spricht ihren liebenden Dynamismus an, damit sie sich offenbart. Aber normalerweise erleben wir das als eine fragende, eine forschende innere Haltung. Diese Offenheit und dieses Mysterium ist die Essenz der Inquiry, aber normalerweise sehen wir das nicht, weil wir von außen schauen.
Aus dieser Perspektive sehen wir die Essenz der Inquiry als die Aktivität des Fragens, des Infragestellens. Aber je mehr wir in die Erfahrung hineingehen und je tiefer die Inquiry wird, dest deutlicher begegnet ihr fragender Kern der ursprünglichen Offenheit und Leichtigkeit und wir erkennen, daß sie eins sind und immer eins waren. Inquiry vereint schließlich die Seele mit ihrer essentiellen Heimat – mit ihrer absoluten Natur –, und zwar durch die Brücke der Offenheit.
Wie gesagt, wenn wir an wahrer Inquiry interessiert sind, wenn wir wirklich herausfinden wollen, was Realität ist, dann müssen wir beim Nichtwissen anfangen. Wir können nicht mit einem festen Standpunkt, einer festgelegten Vorliebe oder einer Annahme über das beginnen, was wir finden werden, was geschehen wird, was wir tun werden und wo wir schließlich landen werden.
Dies ist ein wichtiges und auffallendes Merkmal wahrer Inquiry. In dem Augenblick, in dem wir etwas Bestimmtes erreichen wollen, wie: „Was ich tun muß ist, mich endlich mit Gott zu vereinigen“ oder „Ich will Erleuchtung erlangen, und das ist die Leere aller Dinge“ oder „Ich werde daran arbeiten, mich von Leiden zu befreien“, haben wir schon eine im vorhinein festlegte Bestimmung, ein Ziel. Dieses Ziel – allein aufgrund der Natur der Tatsache, ein Ziel zu haben – wird unsere Inquiry einschränken. Es wird uns zwingen, in diese Richtung zu gehen und nicht in jene, denn wir haben schon entschieden, wohin wir gehen werden, und damit legen wir schon die Richtung unserer Inquiry fest.
Offenheit bedeutet also, daß wir beim Diamond Approach mit vielen traditionellen Lehren nicht einer Meinung sind, die einen bestimmten Endzustand zum Ziel setzen. Da es für die Perspektive von Inquiry und Untersuchung wesentlich ist, daß wir nicht mit der Annahme eines Ziels beginnen, wollen wir herausfinden, ob es so etwas wie ein letztes spirituelles Ziel überhaupt gibt. Wir wollen herausfinden, ob es möglich ist, aus der Perspektive eines bestimmten Zustandes oder einer bestimmten Realisierung als Ziel auch nur zu denken. Es gibt womöglich gar kein solches Ziel, und wenn es doch eines geben sollte, wollen wir das auf jeden Fall herausfinden. Aber wir beginnen nicht damit, daß wir sagen, es gäbe ein Ziel, und das sei das und das und wir würden dahin gehen und müßten das und das tun, um dahin zu gelangen. Wenn man einen Endzustand als Ziel ansetzt, dann ist das eindeutig eine gültige Weise, die innere Arbeit zu tun, aber das ist nicht der Weg der Inquiry.
Bei diesem Ansatz haben wir keine Landkarte, die uns sagt, wir sollten von hier nach da gehen; wir entscheiden uns also nicht für eine bestimmte Route, von der wir meinen, daß sie uns irgendwohin führen würde, wohin wir wollen. Vielmehr betrachten wir das Feld der Erfahrung, in dem wir uns in diesem Moment befinden, und erkennen die Richtung, die aus unserer Erfahrung auftaucht, und folgen dieser dann. Dann wird unsere Inquiry von dem geleitet, was in diesem Moment geschieht, und nicht von irgendeinem Ziel in der Zukunft, von dem wir glauben, daß wir zu ihm gelangen würden.
Das macht die Reise wirklich spannend. Man weiß nie, was der nächste Schritt sein wird. Man weiß nie, wo man landen wird – man kann in den Fluß plumpsen oder entdecken, daß man im Mittelpunkt der Erde gefangen ist. Man weiß es nicht. Es kann Angst machen, aber es kann auch ziemlich aufregend sein. Nicht jeder hat das Herz oder die Konstitution für diese Art Abenteuer.
Inquiry und Problemlösen
Wir wir gesehen haben, darf die Inquiry, wenn ihr Ende offen sein soll, nicht auf ein letztes Ziel hin orientiert sein. Aber sie darf auch nicht auf irgendein Zwischenergebnis hin ausgerichtet sein. Inquiry muß jederzeit, in jedem Stadium der Reise, frei von jedem Ziel sein. Wie wir zuvor erwähnten, darf sie nicht auf die Lösung eines Problems ausgerichtet sein. Der Diamond Approach ist gerade seinem Wesen nach nicht so orientiert. Wenn man sagt: „Ich habe dieses Problem – ich bin deprimiert (oder irgendwie unfähig oder dumm) – und ich möchte das ändern. Wie ich höre, ist der Diamond Approach eine wunderbare Methode. Die könnte ich mal ausprobieren“, dann wird man wahrscheinlich enttäuscht werden.
Das bedeutet nicht, daß Ihr Bedürfnis nicht ernstzunehmen oder nicht real ist. Wir alle haben Probleme, die wir zweifellos lösen müssen. Wir alle hatten Schwierigkeiten in unserer Kindheit, und wir haben Schwierigkeiten in unserem jetzigen Leben, um die man sich kümmern muß, und Probleme, die gelöst werden müssen. Doch ist die Inquiry des Diamond Approach nicht der richtige Ansatz für so etwas. Wir können ihn ganz bestimmt dafür benutzen, mit unseren Problemen und Schwierigkeiten zu arbeiten, aber das ist weder die wirksamste Herangehensweise noch die beste Anwendung von Inquiry. Das ist deshalb so, weil Inquiry ihrem Wesen nach am mächtigsten ist, wenn sie offen ist und einen offenen Ausgang hat. Wenn man ihr ein begrenztes Ziel setzt, schränkt das ihre Kraft ein und behindert ihre Möglichkeiten.
Letzten Endes und auf lange Sicht kann Inquiry alle Wahrheit ans Licht bringen, deshalb wird die Quelle von Problemen aufgedeckt, ganz gleich, welche man hat. Aber das kann lange dauern, und das bedeutet, daß Inquiry selten eine effektive Weise ist, Probleme zu lösen –, Wenn man ein Ziel hat – „Ich möchte dieses Problem lösen“ – dann hat man ein bestimmtes Ziel vor Augen und möchte die Inquiry in diese Richtung weisen. Damit Inquiry aber funktionieren kann, muß sie sich genau hier auf diesen Moment konzentrieren. Sie untersucht, was jetzt geschieht. Wenn das Problem zufällig das ist, was im Moment in der Erfahrung auftaucht, kann es Teil dessen werden, was die Inquiry untersucht – sonst ignoriert sie es.
Der Diamond Approach ist also nicht darauf ausgerichtet, Probleme zu lösen, Schmerz erträglich zu machen oder Ziele zu erreichen, die man sich gesetzt hat. Jeder muß solche Dinge machen, und man könnte Inquiry für diese Zwecke nutzen. Aber sie sind für sie nicht der angemessenste Kontext und auch nicht ihre beste Verwendung. Man könnte das übersehen, weil die Inquiry ans Licht bringt, was immer man an Schwierigkeiten hat, und wenn man viel leidet, könnte man meinen, daß Inquiry dieses Leiden lindern und die Probleme lösen kann. Aber wenn man sich darauf einläßt, ist es uferlos und die Inquiry wird schließlich in einer Sackgasse landen.
Wenn wir uns aber auf einer Reise befinden, kann es Probleme geben, die wir lösen müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Wenn man beispielsweise mit dem Auto reist und an dem Motor etwas kaputtgeht, dann repariert man es nicht deshalb, weil man gerne Autos repariert oder weil man kaputte Dinge nicht leiden kann. Man repariert den Motor, weil man die Reise fortsetzen möchte. Dieser Unterschied in der Einstellung drückt das Wesen offener Inquiry aus. Ich bin also nicht dagegen, Probleme zu lösen, sondern es ist ein allgemeines Prinzip, daß der Ausgang der Inquiry offen sein muß.
Letztlich ist es die Liebe zur Wahrheit und die Freude am Entdecken, die die Reise voranbringen. Eine Inquiry entwickelt ihre größte Kraft, wenn kein Wunsch da ist, speziell irgendwohin zu gelangen oder irgend etwas zu erreichen. Dann kann die Inquiry wirklich die Fülle alles dessen enthüllen, was geschieht, von Moment zu Moment, so wie sich unsere Erfahrung entfaltet.
Unbegrenzte Inquiry
Etwas Wunderbares an der Inquiry ist, daß man alles untersuchen kann, sogar die Inquiry selbst. Man kann an keiner Bindung festhalten, wenn man eine Inquiry macht, man kann in keine Klemme geraten, denn jede Klemme, in die man gerät, kann untersucht werden. Es gehört zum Wesen der Inquiry, daß ihr nichts entgehen kann. Man kann nicht sagen, daß die Inquiry einen an die Wand drückt und in eine ausweglose Situation bringt, weil man in dem Moment, in dem man sich ohne Ausweg fühlt, fragen kann: „Warum fühle ich mich ausweglos? Worin besteht diese Ausweglosigkeit?“ Man kann immer eine Frage stellen. Es gibt eine unendliche Zahl von Fragen, denn das Mysterium ist unerschöpflich.
Wir haben gesehen, daß Inquiry ein dynamisches Engagement ist, das offen sein und einen offenen Ausgang haben muß, von Minute zu Minute, von Augenblick zu Augenblick. Das bedeutet, daß man in keinem Moment der Inquiry an die Erfahrung herangehen kann, indem man sie zu verändern versucht. Wenn man das tut, ist es keine Inquiry, dann ist es etwas anderes. Wenn man will, daß die Inquiry in die eigene Erfahrung wirksam ist, wird man sie so lassen müssen, wie sie ist – genau so, wie sie ist. Sonst ist das, was man erforscht, nicht die eigene Erfahrung, sondern etwas, das manipuliert wurde.
Eine Inquiry verlangt also diese Abwesenheit von Begrenzung, diese Offenheit, nicht nur im Hinblick auf ein Ziel, sondern auch hinsichtlich des Prozesses selbst. Angenommen, man empfindet ein bestimmtes Gefühl. Wenn man es wirklich untersuchen will, kann man das nicht tun, wenn man versucht, es zu verändern. Wenn man zum Beispiel ärgerlich ist, kann man diesen Ärger nicht erforschen, wenn man den Ärger weghaben oder weniger oder mehr ärgerlich sein möchte. Wenn man den Ärger wirklich erforschen will, dann muß man ihn so belassen, wie er ist, und dann kann man ihn untersuchen.
Ferner bedeutet die Unbegrenztheit der Inquiry, daß man zur Inquiry alles benutzen kann: den Verstand, das Herz, alle Fähigkeiten oder Mittel, die man hat, alle Techniken, die einem zur Verfügung stehen, welche auch immer. Es gibt keine Einschränkung. Wenn man sagt: „Ich kann nur etwas erforschen, wenn ich meinen Verstand benutze“, dann versieht man den Prozeß mit einer Einschränkung. In dem Moment, in dem man das tut, ist diese Einschränkung nicht dafür offen, Gegenstand der Inquiry zu werden. Und wenn diese Einschränkung nicht offen für die Inquiry ist, ist die Inquiry selbst begrenzt. In dem Moment, in dem man irgendwo eine Grenze setzt, schränkt diese Grenze die Inquiry ein.
Man könnte denken: „Ich kann nur meine unmittelbare Erfahrung untersuchen.“ Auch damit setzt man eine Grenze, die man dann nicht forschen oder über die hinaus man dann nicht erforschen kann. Aber sie ist künstlich, weil wir alles erforschen können. Wir können unsere mentale Erfahrung erforschen. Wir können unsere emotionale Erfahrung, unsere körperliche, unsere spirituelle Erfahrung erforschen. Wir können unser Denken und unsere Denkprozesse erforschen. Wir können unseren Körper und unsere Physiologie erforschen. Wir können unser Handeln und unsere Interaktionen, unseren Lebensstil und unsere Überzeugungen und Annahmen, unsere Ängste und unsere Interessen erforschen. Wir können Energie und Materie, Kreativität und Stabilität erforschen. Es gibt keine Grenze für das, was wir erforschen können.
Wenn man zum Beispiel einer bestimmten Religion angehört, kann es sein, daß man davon abgehalten wird, bestimmte Dinge in Frage zu stellen – oder es wird einem sogar verboten, bestimmte Fragen zu stellen. Vielleicht kann man nicht danach fragen, was Gott ist, oder man kann keine Fragen über Christus stellen und ihnen nachgehen oder man kann nicht fragen, ob Buddhas Erleuchtung irgendwelche Grenzen hatte. Das bedeutet, daß es um das Stellen von Fragen eine Grenze gibt. Bestimmte Bereiche der Inquiry sind blockiert. Und diese Begrenztheit schränkt die Möglichkeiten von Kreativität und Entfaltung ein. Wahre Inquiry muß deshalb also absolut bilderstürmerisch sein. Sie muß in der Lage sein, jeden Glauben, jede Einstellung, jede Erfahrung, jede Annahme, alles Wissen, alles und jeden zu erforschen und in Frage zustellen.
Wir sehen, wie auch immer wir das Wesen der Inquiry betrachten, daß sie offen sein muß. Wenn man etwas erforscht, dann öffnet man es, man deckt es auf. Gewöhnliche Erfahrung steckt sozusagen in einer Verpackung. Um sie zu erforschen, öffnet man die Verpackung, man entfernt die Schleier, die verhindern, daß man sehen kann, was da ist. Das Wesen der Inquiry ist also ein Prozeß des Öffnens, und was man öffnet, sind Grenzen, Beschränkungen, Einstellungen, Glaubensinhalte – jeden Standpunkt, den man vielleicht dem gegenüber einnimmt, was man gerade erfährt.
Mit anderen Worten, wir können sagen, daß Inquiry ein Prozeß ist, in dem man immer und immer wieder öffnet, endlos und frei. Und sie öffnet von jedem Ort, aus jeder Richtung, von jeder Ebene, von jedem Standpunkt aus. Wenn man wirklich ohne Einschränkung dadurch, wie weit und wie schnell man gehen kann, in sein eigenes Abenteuer eintauchen will, dann muß die Offenheit total und absolut sein. In dem Moment, in dem man die Offenheit begrenzt, hat man die Menge der Energie begrenzt, die für die Reise zur Verfügung steht. Deshalb muß das Ende des Prozesses in jeder Hinsicht offen sein: im Hinblick darauf, wie man vorgeht, was man erforscht und wohin die Reise einen bringt. Jede Einschränkung muß in Frage gestellt werden, oder man muß wenigstens bereit sein, sie in Frage zu stellen.
Es ist offensichtlich, wie aufregend Inquiry sein kann, wenn man die Haltung hat, daß alles in Frage gestellt werden kann. Man kann die banalste Erfahrung nehmen und sie „öffnen“. Damit man etwas erforscht, muß es nicht irgend etwas Besonderes für einen sein. Alles wird neu und zeigt sich in einem neuen Licht. Dieses Öffnen hat einen Aspekt des Neuen, etwas von Frische, von Offenbarung, wie ein Baby, das eben auf die Welt gekommen ist. Alles, worauf man stößt, sieht man wie zum ersten Mal.
Ich bin gefragt worden: „Was passiert, wenn ich zu vollständiger Stille gelange und mein Denken aufgehört hat und ich nichts erforschen möchte?“ Wenn mir jemand so eine Frage stellt, sage ich: „Ist es nicht interessant, daß Du mir eine Frage stellst? Was tust Du, wenn Du mir eine Frage stellst? Du weist schon auf die Möglichkeit hin, etwas zu erforschen, während Du Dich in diesem Zustand befindest: „Was soll ich tun, es lassen oder nicht?“ Wenn Du merkst, daß Du in irgendeiner Weise Deine Situation anschaust, beginnt dieses Anschauen schon die Inquiry.
Inquiry kann es auch im Zustand der Stille geben, wenn das Denken ganz aufgehört hat. Wir gehen davon aus, daß es in diesem Zustand keine Möglichkeit zur Inquiry gibt, aber das trifft nicht zu, weil Inquiry nicht verbal sein muß. Man denkt vielleicht, man müßte mit Worten Fragen stellen, aber wenn man das sagt, hat man im Hinblick darauf, wie eine Inquiry vonstatten gehen kann, schon eine Grenze gesetzt. Vielleicht kann Inquiry auf andere Weisen vor sich gehen. Vielleicht gibt es Neugier ohne Worte, ohne Denken. Sogar der Zustand der Stille, in dem es kein Denken gibt, kann dann also eine forschende Qualität haben. Es gibt keine Grenzen.
Die Tatsache, daß die Erfahrung weitergeht, zeigt, daß es unendliche Möglichkeiten für Inquiry gibt. Unabhängig davon, wie tief und erleuchtet die eigene Erfahrung ist, ist es möglich, weiterzugehen, ist es möglich, daß die Erfahrung sich weiter öffnet. Wenn wir diese Tatsache anerkennen, kann Inquiry uns eine innere Energie bringen, die ein Gefühl von tiefer und erregender Frische birgt, als wäre unser Blut nukleare Energie, die sich bewegt und vor Lebendigkeit strotzt, vor Tatkraft platzt. Diese Tatkraft hat hier nichts mit Anstrengung zu tun, sondern ist Bewegung – eine unerbittliche, kraftvolle Bewegung, ein Entfalten. Das Sein öffnet sich dann immer mit Kraft, mit Energie, mit Stärke, mit Intelligenz und mit Behutsamkeit. Manchmal ist dieses Öffnen zart, manchmal langsam, manchmal schnell, manchmal wie ein Ausbruch, manchmal still.
Die Freude und das Abenteuer der Inquiry
Wie wir sahen, ist der Umgang mit Schmerz ein Teil unserer Arbeit und unvermeidlich. Wir gehen mit dem Schmerz um, weil wir nicht anders können, denn wir sind mitfühlende Menschen. Wir sind froh, daß wir mitfühlend sind. Wenn wir jemand in seinem Schmerz erleben, tun wir, was wir können, um zu helfen. Doch das ist nicht der Fokus des Diamond Approach, und auch nicht der Übung der Inquiry. Die tiefste Motivation in meiner eigenen Inquiry ist eine Art Liebe, die voller Leichtigkeit und Freude ist.
Diese Art Inquiry macht das Leben zu einer beglückenden Beschäftigung. Und mein Interesse am Lehren, am Teilnehmen an der Reise mit Ihnen, ist nicht so sehr darauf gerichtet, Ihre Probleme zu lösen, als mit Ihnen diese Freude und dieses Glück zu teilen. Ich finde das auf lange Sicht viel wichtiger. Ich denke, daß es sogar aus der Sicht des Mitgefühls viel besser ist, daß Sie Spaß haben, als nur zu lernen, Ihre Probleme zu lösen, auch wenn Sie vielleicht einige Ihrer Probleme lösen müssen, um in der Lage zu sein, sich freuen zu können. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Liebe und die Freude die tieferen Determinanten dafür sind, wie sehr wir das Leben genießen können. Und Mitgefühl dient wahrlich dieser Liebe und diesem Glück.
Woher kommt diese Liebe? Diese Liebe entspringt der Tatsache, daß es gerade in der Natur unserer Liebe liegt, sich selbst zu kennen und sich selbst zu entdecken. Inquiry ist eigentlich das, was das Sein dazu einlädt, seinen Reichtum zu offenbaren. Aber es ist in Wirklichkeit das Sein, das sich selbst dazu aktiviert, seine Mysterien seiner eigenen Wahrnehmung zu entdecken.
Am Anfang erlebt man die Reise zwangsläufig aus der Perspektive des Seins, wenn es gefangen und festgefahren ist. Wenn das Sein feststeckt, wenn wir nur alte Muster, alte Ansichten, alte Meinungen und altes Wissen wiederholen, wird Ihre Erfahrung schal. Aber wenn Sie sich von diesen Dingen losmachen können und Ihre Seele sich frei bewegen kann, dann kann Ihr Sein anfangen, sich kreativ zu entfalten. Dann bewegt man sich von einem unerwarteten Ereignis zum nächsten, und das Leben wird zu einem Fluß von Frische. Erfahrung ist dann ein Strom von Offenbarung vielerlei Art, von vielen Farben, vielen Qualitäten und vielen Fähigkeiten. Inquiry wird zu einem Ausdruck und zu einem Abbild des kreativen Dynamismus des Seins, eines Dynamismus, der unerschöpflich ist, wenn er den unendlichen Reichtum aller Möglichkeiten enthüllt.
Dies ist das Abenteuer der Inquiry – ein erregendes, spannendes und unerwartetes Abenteuer, das zu Ihrem Leben werden kann.
3
Das Abenteuer des Seins
Die Erforschung unseres Seins ist ein Abenteuer, das Abenteuer des Seins. Der Raum, durch den wir reisen, ist innerer Raum – unser Bewußtsein, unsere Erfahrung. Und das Fahrzeug für diese Reise ist Inquiry. Bisher haben wir die grundlegende Motivation und Orientierung dafür betrachtet, sich auf diese Reise zu begeben; jetzt werden wir den Kontext anschauen, der das Wesen dieser besonderen Reise bestimmt.
Realität und wahre Natur
Alle Techniken und Methoden innerer Arbeit stammen aus Erfahrungen oder Wahrnehmungen wahrer Natur. Wahre Natur ist die Realität, der wir dadurch näher kommen und die wir dadurch zu verkörpern lernen, daß wir unsere Arbeit tun. Viele Techniken sind auf der Basis bestimmter Erfahrungen von wahrer Natur entwickelt worden, die sich im Verlauf der spirituellen Reise einstellen. Die meisten der Hauptlehren verwenden aber Methoden, die das Verständnis des eigentlichen Zustandes der Realisierung direkt widerspiegeln, in dem man die Charakteristika und Eigenschaften objektiver Realität selbst erfährt. Nur eine Methode, die auf einer solchen Realisierung basiert, kann diese Realisierung bei anderen Menschen herbeiführen, denn eine Methode ist durch ihre Sicht der Realität bestimmt – ja von ihr abhängig. Welches Raumschiff wäre besser geeignet, einen zu einem entfernten Sternsystem zu bringen, als eines, das eben von diesem Sternsystem stammt?
Wir beginnen, indem wir betrachten, was ich mit „objektiver Realität“ meine, denn wir brauchen ein allgemeines Verständnis einiger Hauptcharakteristika der Wahrheit, wenn sie voll und ohne Schleier erfahren wird. Dann können wir besser verstehen, wie Inquiry funktioniert. Und da Inquiry auch mit der Funktion innerer Führung verbunden ist, werden wir auch sehen, in welcher Beziehung Führung zu Inquiry steht.
Zuerst machen wir eine Unterscheidung zwischen wahrer Natur und Realität. Wahre Natur ist die innere Natur von uns selbst und von allem. Sie ist formlos, und sie ist die Grundlage aller Formen. Als Analogie betrachte man Wasser: Die grundlegende, elementare, mit der Formel H2O bezeichnete Substanz kommt als Eis, Schnee, Regen, Dampf oder Nebel vor. Wenn man erkennt, daß die Essenz aller dieser Erscheinungsformen Wasser ist, bedeutet das, daß man über die verschiedenen Erscheinungsweisen oder Formen hinaussieht und ihre gemeinsame Natur, ihr gemeinsames Wesen erkennt.
Auf ähnliche Weise ist wahre Natur unsere angeborene Essenz, aber wir können sie nur wahrnehmen, wenn wir durch die jeweiligen bestimmten Formen hindurchsehen. Das ist nur dann möglich, wenn wir ohne Schleier oder Verzerrungen erfahren können. In unserer konventionellen Alltagsrealität verzerren und begrenzen unsere unbewußten Vorurteile und Konditionierungen unsere Wahrnehmungen so, daß wir nicht sehen können, was am Fundamentalsten ist. Gewöhnlich sehen wir die äußere Erscheinung der Dinge, nehmen diese für das Ganze der Realität und verpassen dabei die Essenz alles dessen, was wir sehen. Das ist der Grund, weshalb der konventionellen Realität ein spiritueller Boden fehlt. Wir sehen die äußere Erscheinung so, als wäre sie von ihrer wahren Natur getrennt oder ohne ihre wahre Natur. Es ist so, als hielte man die kleine kubische Form, die das Eis in der Schale des Kühlschranks annimmt, für seine wahre Natur. Wir glauben, daß die vielen Formen, die das Leben annimmt, an sich unterschiedlich und voneinander getrennt sind und daß ihr Wesen durch ihre physikalischen Eigenschaften definiert wird.
Wenn wir aber ohne Schleier sehen, dann machen wir die Erfahrung, daß die gesamte Existenz, daß alles, was existiert, eine einzige wahre Natur besitzt – ihren gemeinsamen, essentiellen Grund – und wir finden keinen Unterschied zwischen äußerer Erscheinung und wahrer Natur, denn nichts kann von seiner Natur getrennt sein. Das ist objektive Realität – alles Existierende in seinem wahren, unverschleierten Zustand wahrgenommen, in dem alles von seiner wahren Natur untrennbar ist. Wenn man das erfährt, ist das erleuchtete oder realisierte Erfahrung. Wir verstehen dann, daß alles in Wirklichkeit wahre Natur ist, daß die ganze Welt nichts als wahre Natur ist, die ihre ihr innewohnenden Möglichkeiten darbietet und ausbreitet. Wir sehen weiter die vielen Formen, die die Realität annimmt, aber diese Formen sind für ihre wahre Natur, für den essentiellen Grund aller Realität transparent.
Auf der Reise der Selbstrealisierung ist es wichtig, wahre Natur von den vertrauten Formen alltäglicher Erfahrung unterscheiden zu lernen. Gerade unsere Unfähigkeit, das zu tun, ist der Grund für einen großen Teil der Kontrolle, die die konventionelle Realität über unser Bewußtsein hat. Solange wir diesen formlosen Grund nicht unterscheiden können, werden wir nie in der Lage sein, die Formen der Realität in ihrer wahren Fülle wahrzunehmen. Wahre Natur muß daher zuerst unterschieden und erkannt werden, damit sie uns als Orientierung für die innere Reise dienen kann. Im verwirklichten Zustand wird diese Unterscheidung transzendiert und wahre Natur endlich in ihrer Wahrheit erkannt – als untrennbar von Realität.
Die fünf Charakteristika der Realität
Unsere wahre Natur ist ein Gefühl von Präsenz, die Qualität von Unmittelbarkeit, von Seiendheit (beingness). Das ist der Grund, weshalb ich wahre Natur oft „Sein“ (Being) nenne – sie existiert nur in der unmittelbaren Erfahrung, in diesem Moment, hier und jetzt da zu sein. Ich verwende den Begriff „Sein“ in einem allgemeinen Sinn, um die ganze Bandbreite der Subtilität zu bezeichnen, wie Präsenz sich manifestiert. Die reinste Erfahrung dieser Präsenz ist wahre Natur. Wahre Natur ist die absolute Reinheit von Sein.
Wenn wir erkennen, daß wahre Natur Präsenz ist, sehen wir auch, daß diese Präsenz viele Eigenschaften hat, die uns unserer Seiendheit auf vielfältige Weise annähern lassen. Man kann von jeder spirituellen Methode sagen, daß sie bestimmte dieser Eigenschaften widerspiegelt. Die Übung und Praxis, präsent zu sein, ist eine Methode, die der Erkenntnis entstammt, daß Präsenz die fundamentale Natur der Realität ist. Die Praxis der Inquiry, die die Übung der Präsenz in sich enthält, spiegelt außerdem auch noch andere Eigenschaften wahrer Natur.
Als Kontext dafür, diese eingehende Exploration der Methode der Inquiry zu beginnen, werde ich fünf Facetten oder Charakteristika wahrer Natur, des formlosen Grundes von allem, besprechen. Ich werde diese Charakteristika zunächst aus der Perspektive des realisierten Zustandes, des Zustandes, in dem Realität von wahrer Natur untrennbar ist, vorstellen. Danach werde ich besprechen, wie sie in normaler Wahrnehmung in Erscheinung treten – das heißt, wie ihre Widerspiegelungen in konventioneller Erfahrung erscheinen, wenn sie durch Schleier gesehen werden. Zu Beginn werde ich meine Besprechung der Realität mit der buddhistischen Vorstellung von den fünf Weisheiten oder Bewußtheiten (awarenesses) des Buddha, den fünf Dhyani Buddhas, in Beziehung setzen.
1. Bewußtheit (awareness)
Die erste Qualität wahrer Natur besteht darin, daß sie untrennbar von Bewußtheit ist. Unsere wahre Natur ist sich ihrer selbst gewahr. Dies ist die Tatsache ihres Leuchtens, das Faktum des Lichts, das Faktum des Bewußtseins. Wir wissen das, weil wir erkennen, wenn wir irgendeine der essentiellen Manifestation erfahren, daß Sein von einer Art von Bewußtheit, von Wahrnehmung, von Sensibilität, von Inkontaktsein oder von Bewußtsein untrennbar ist.
Bewußtheit ist nicht etwas, das zu wahrer Natur hinzukommt; sie ist ein der wahren Natur innewohnendes, von ihr untrennbares Charakteristikum, so wie Hitze zu Feuer gehört und von ihm nicht zu trennen ist. Diese Tatsache spiegelt sich in unserer normalen Erfahrung in der Erkenntnis, daß wir Bewußtheit besitzen; daß uns angeboren ist, daß wir in der Lage sind, bewußt und unserer selbst gewahr zu sein. Dieses Verständnis von Bewußtheit ähnelt der buddhistischen Vorstellung von der „einem Spiegel ähnlichen Weisheit“ (mirror-like-wisdom).
Bewußtheit ist mit wahrer Natur deckungsgleich und koemergent und durchdringt sie vollständig. Bewußtheit in diesem Sinne ist sich der Präsenz nicht bewußt, sie ist die Präsenz. Präsenz ist ein Medium, das sich seiner selbst bewußt ist. Im Gegensatz dazu ist Bewußtheit in der normalen Erfahrung durch die Dichotomie von Subjekt und Objekt geprägt. Da ist immer eine Bewußtheit, die sich einer Sache bewußt ist, wo die Bewußtheit das Subjekt und die Sache das Objekt ist. Ferner wird Bewußtheit üblicherweise als Nebenprodukt unseres Gehirns und der physischen Sinne angesehen. Wir neigen dazu, sie für eine Fähigkeit zu halten, die bestimmten Lebensformen innewohnt und die von ihnen gelenkt und kontrolliert und auf unterschiedliche Weise von der physischen Realität begrenzt wird. Die Tatsache der Bewußtheit ist aber immer noch da. Die Tatsache des Bewußtseins ist erhalten, sie ist für Erfahrung grundlegend.
2. Einssein/Einheit
Das zweite Charakteristikum wahrer Realität ist, daß dieses Feld von Bewußtheit, dieses Feld von Präsenz, alles durchdringt und unendlich ist und alles darin umfaßt. Im Grunde ist sie ein Einssein, eine unteilbare Einheit. Diese Auffassung ähnelt der buddhistischen Vorstellung von der „Weisheit der Gleichheit oder Gleichmäßigkeit“. Die Tatsache, daß es innerhalb des Feldes Muster gibt, bedeutet nicht, daß es eigenständige, für sich allein existierende Objekte gibt. In unserer Erfahrung bedeutet also die Tatsache, daß es Traurigkeit und Druck und Temperatur und Weichheit und Härte gibt, nicht, daß es verschiedene Objekte gibt. Das ganze Feld ist ein einziges Bewußtsein mit unterschiedlichen Mustern an verschiedenen Stellen. Die ganze Seele ist also auch einheitlich. Wenn wir die wahre Natur erkennen und dabei das Gefühl von Grenzen verlieren, erkennen wir, daß Einssein das ganze Universum durchdringt. Gott hat einen einzigen Geist (mind).
Der primäre Affekt in dem einheitlichen Bewußtsein ist eine Wertschätzung der wechselseitigen Verbundenheit von allem. Die Qualität der Liebe ist im Einssein wahrer Natur implizit und durchdringt alles; sie ist die innere Güte und Positivität der Realität. Wenn wir der Tatsache nicht mehr bewußt sind, daß wahre Natur ein einheitliches Feld ist, ist das Gefühl der Verbundenheit – oder wenigstens die Möglichkeit einer Verbundenheit – alles, was bleibt. In unserem normalen Bewußtsein erleben wir das als die Gefühle, die wir für andere Menschen und Gegenstände in unserer Welt empfinden – einschließlich der Gefühle der Unverbundenheit wie Sehnsucht, Trauer, Neid und Haß. Die Tatsache, daß wir fühlen können, daß wir für das sensibel sind, womit wir interagieren, ist die Weise, wie die zugrundeliegende Einheit in unserer Erfahrung erscheint. Die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, beruht letztlich auf der Fähigkeit zu lieben, und Liebe vereint – sie ist ein Ausdruck von Einssein. Die Grundlage des Herzens ist Liebe, und Liebe ist der Ausdruck der Einheit von Sein.
3. Dynamismus/Veränderung/Transformation
Das dritte Charakteristikum ist, daß wahre Natur dynamisch ist. Die Realität bewegt und verändert sich andauernd. Dies wird deutlich, wenn man merkt, daß die Wahrnehmung der eigenen inneren Erfahrung – oder der ganzen Welt – keine Momentaufnahme ist, sie ist ein Film. Es gehört zu ihr, daß sie sich in einem permanenten Zustand der Veränderung und Transformation befindet. Sie ist keine statische Präsenz. Dies ist der buddhistischen Vorstellung von der „alles vollbringenden Weisheit“ verwandt. Realität ist eine dynamische Präsenz, die sich durch Verschiebungen in den manifesten Mustern ständig verändert. Eigentlich ist die Anwesenheit von Veränderung in der Tatsache der Bewußtheit implizit; ohne sie gibt es keine Bewußtheit. Wenn es nur eine Momentaufnahme gibt und der Beobachter Teil der Momentaufnahme ist, hat der Beobachter kein Bewußtsein von etwas.
Veränderung ist für Bewußtheit notwendig. Wenn man sich des Absoluten bewußt ist, nur des Absoluten und nichts als des Absoluten, dann gibt es keine Bewußtheit von etwas. Deshalb wird diese Erfahrung des Absoluten Aufhören (cessation) genannt. Aber gewöhnlich ist man sich, wenn man sich des Absoluten bewußt ist, auch der Manifestation, des Dynamismus oder des Fließens bewußt, die in der eigenen Erfahrung deutlich und offensichtlich ist.
Die menschliche Erfahrung, oder die Erfahrung der Seele, ist in permanentem Fluß und in Veränderung und Transformation begriffen. Wenn wir dieses Charakteristikum auf der Ebene wahrer Realität sehen, erkennen wir, daß es eine schöpferische, dynamische Kraft ist, die immer die Formen erschafft, die wir sehen. Ibn Arabi, der wichtigste mystische Denker des Sufismus, nannte das „neue Schöpfung“ oder „ständige Schöpfung“. So erschafft Gott – indem er Realität transformiert. In unserem normalen Leben sehen wir den Dynamismus als die Veränderungen und Bewegungen, die wir durchmachen, als den Strom von Gedanken, Emotionen und Handlungen. Dann ist die Erfahrung von Veränderung nicht von Kreativität und Transformation gekennzeichnet sondern eher von Ursache und Wirkung bestimmt. Wir sehen diesen Dynamismus als eher linear und erleben ihn als Veränderung in der Zeit.
Der Dynamismus des Seins ist schöpferisch; er ist das, was aller Veränderung und Bewegung im Universum zugrundeliegt. Gleichzeitig besitzt dieser Dynamismus, da das Sein essentiell wahre Natur, frei und offen ist, eine ihm eigene Tendenz, wahre Natur in ihrer ganzen Reinheit, Schönheit und Subtilität zu enthüllen. Diese Enthüllung tritt in der menschlichen Seele als eine dem Dynamismus eigene Richtung in Erscheinung. Anders gesagt, wenn der Dynamismus frei und spontan und ohne den verkrampfenden und verzerrenden Einfluß unseres konventionellen Denkens funktioniert, dann tendiert er dazu, unsere Erfahrung und Wahrnehmung in Richtung von größerer Klarheit, von größerem Wissen, größerer Offenheit, Wahrheit und Freiheit zu transformieren. Wir nennen diese evolutionäre Tendenz die optimierende Kraft des Dynamismus des Seins.
Wir erleben diesen Dynamismus in der Tatsache, daß unsere persönliche Erfahrung sich ständig verändert. Ein Zustand folgt einem anderen, ein Gefühl ersetzt ein anderes, Gedanken und Bilder kommen und gehen in einem nie endenden Strom. Aber wenn die optimierende Kraft in uns wirksam ist, beginnt unsere Erfahrung, sich zu vertiefen und zu erweitern, und enthüllt dabei neue Zustände, Dimensionen und Fähigkeiten. Wir nennen diesen sich verändernden, evolutionären Fluß unserer Erfahrung Entfaltung. Dann offenbart unsere Seele ihre ihr eigenen Möglichkeiten. Daran sehen wir, daß die Entfaltung der Seele ein unmittelbarer Ausdruck der optimierenden, schöpferischen Kraft des Dynamismus des Seins ist.
4. Offenheit/Weite
Die Offenheit wahrer Natur ist ihr viertes Charakteristikum. Offenheit bedeutet eine unendliche Zahl von Möglichkeiten – offen dafür, alles zu sein, offen dafür, sich als alles zu manifestieren, unbegrenzt in ihrem Potential. Dies ist die Unbestimmtheit und die Unerschöpflichkeit, über die wir im vorigen Kapitel sprachen. Realität verändert sich ständig, weil ihre wahre Natur vollkommen offen ist. Das ist die Raum-Dimension unseres Seins: Wenn man die wahre Natur erkennt, dann entdeckt man, daß sie eine Weite besitzt, daß sie Raum ist. Anders gesagt: Weite, Raum ist eine Eigenschaft von Präsenz, die wahre Natur ist.
Das ganze Universum ist ein tiefes, geheimnisvolles Nichts, Offenheit, Leichtigkeit und totale Abwesenheit jeglicher Schwere. Und genau dieser geheimnisvollen, zarten Weite ist ein Leuchten eigen, ein Schimmer, ein Strahlen, die ihr Bewußtheit ihrer selbst verleihen. Dieses Strahlen erscheint in den verschiedenen Farben und Formen, die wir als die vielen Objekte der Unterscheidung (discrimination)3 wahrnehmen. Aber es ist ein vereinheitlichtes, einheitliches Strahlen – ein einziges Feld von Licht, das in dynamischem Fluß und ständigem Wandel ist. Dieses vierte Charakteristikum ist mit der buddhistischen Vorstellung von der „Weisheit des Feldes der Realität“ verwandt und wird auch dharma-dhata genannt, eine der Bewußtheiten (awarenesses) des Buddha.
Wenn man vor der Realisierung der wahren Natur Essenz als eine Präsenz in sich erlebt, erlebt man die Weite als eine innere Qualität, die von Essenz getrennt ist. Man empfindet Raum als Leere, als substanzlos – er ist Leichtigkeit und Offenheit – , während Essenz Präsenz ist, die eine substantielle Qualität hat. Man erfährt, daß Essenz im Raum auftaucht. In dem Bewußtsein von objektiver Realität erkennt man, daß Essenz und Raum dasselbe sind, sie sind koemergent. Essenz ist also eine Präsenz, die Weite, die Raum ist, die bewußt ist und die sich ständig transformiert und schöpferisch ist.
Das Gefühl für Zeit bekommen wir durch die Wahrnehmung von Veränderung, also reflektiert Zeit den Dynamismus des Seins. Entsprechend reflektiert räumliche Ausdehnung seine Offenheit. Die Offenheit und die Weite wahrer Natur, die auch die Empfindung von Tiefe, Geheimnis und Unendlichkeit ist, die ihr eigen ist, erscheint in unserer normalen Erfahrung als die Empfindung physischen Raumes zwischen, um und in Manifestationen. Unsere Erfahrung hat räumliche Ausdehnung; wir können ohne räumliche Ausdehnung keine Wahrnehmung haben, so wie wir sie nicht ohne Veränderung haben können. Form und Größe, Entfernung und Ausdehnung spiegeln alle das Charakteristikum der Offenheit, das wahrer Natur eigen ist. Die wahre Natur hat keine Grenzen im Sinne von Größe, Form oder Entfernung. Vielmehr ist wahre Natur jenseits von Ausdehnung. Wenn wir die wahre Natur voll erfahren, verschwindet das Konzept von Raum. Wenn das passiert, erkennen wir, daß es so etwas wie Entfernung oder Nicht-Entfernung nicht gibt. Das Konzept der Ausdehnung verschwindet; wir erfahren sie, die wahre Natur, dann nur als Offenheit, als Möglichkeit. Und aufgrund dieser Möglichkeit manifestiert sich alles, alle Farben und alle Formen.
5. Wissen 4
Das fünfte Hauptcharakteristikum wahrer Natur ist neben Bewußtheit, Einheit, Dynamismus, Offenheit auch Wissen (knowingness). Dies ähnelt der buddhistischen Vorstellung von der „Weisheit der Unterscheidung“ oder der unterscheidenden Bewußtheit (discriminating awareness) Buddhas. Es ist der essentiellen Präsenz eigen, daß sie nicht nur Bewußtsein von Präsenz, sondern gleichzeitig die Unterscheidung (discrimination) der jeweiligen Qualität von Präsenz ist, wie zum Beispiel von Mitgefühl oder Frieden. Dieses Wissen (knowingness) ist Präsenz, der Bewußtheit von Präsenz eigen. Es ist nicht so, als tauchte Präsenz auf und eine davon getrennte Bewußtheit würde diese dann als Mitgefühl kennen oder erkennen. Vielmehr taucht manchmal eine Qualität auf, mit der man nicht vertraut ist, aber die Präsenz selbst sagt einem, was sie ist. Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, daß es so etwas wie die Präsenz von Wert gibt. Aber wenn sie darauf achten, wenn diese Qualität auftaucht, dann erkennen sie: „Genau, das fühlt sich wie Wert an. Ich fühle mich wertvoll. Ich habe Wert.“ Präsenz hat also in sich – intrinsisch – Wissen.
Zu Beginn der inneren Reise erleben wir Essenz gewöhnlich auf eine von drei Weisen: als eine Präsenz, die in uns aufsteigt, oder als eine Präsenz, die außerhalb von uns erscheint, oder als eine, die von außen in uns hineinkommt. Diese Formen der Erfahrung, obwohl real, liegen an den Einschränkungen unserer Wahrnehmung und können zu Schleiern werden, wenn man sie für endgültig hält. Diese Erfahrungen kann man als ein Zwischenstadium zwischen normaler Erfahrung und der objektiven Erfahrung von Realität ansehen. Wenn wir die wahre Natur objektiv, das heißt ohne Schleier, erleben, dann erkennen wir, daß sie weder innen noch außen ist. Sie ist überall – außen, innen und dazwischen. Das Feld von Bewußtheit hat keine Grenzen. Diese Präsenz ist ein unendliches Feld von Bewußtheit, und das bedeutet, daß wahre Natur nicht nur die wahre Natur der menschlichen Seele, sondern die wahre Natur von allem ist. Wahre Natur ist nichts als Präsenz, die zugleich Bewußtheit, Einssein und Wissen (knowingness) ist.
In dem Moment, in dem man erkennt, daß wahre Natur nicht durch die eigene Haut begrenzt ist, daß sie nicht nur im Körper, sondern überhaupt in allem anderen auch durchgehend da ist, erkennt man, daß intrinsisches Wissen (knowingness) nicht die Erfahrung eines Teiles der Realität ist, der einen anderen Teil erkennt. Das intrinsische Wissen ist die Tatsache, daß die inhärente, einem Spiegel gleiche Bewußtheit, die überall und alles ist, eine unterscheidende Qualität besitzt. Sie kann die Variationen unterscheiden, die in ihr selbst existieren.
Objektive Realität ist wie ein Energiefeld mit Mustern und Farben und Formen, und dieses Feld hat seine eigene ihm eigene Fähigkeit zu wissen, was diese Elemente sind. Es kann das Rot vom Blau, das Blau vom Grün, das Rauhe vom Weichen, das Weiche vom Harten unterscheiden. Es kann das Flüssige vom Festen unterscheiden und das Feste vom Gasförmigen. Diese Fähigkeit ist das, was wir unterscheidende Bewußtheit nennen.
Unterscheidung bedeutet nicht nur die Differenzierung von Mustern und Formen, sondern auch das inhärente Wissen (knowingness) davon, was diese Formen sind. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist das ganze Universum nichts anderes als die Unterscheidungsfähigkeit, die wahrer Natur eigen ist.
Die Fähigkeit, zu unterscheiden, ist unserem Bewußtsein eigen. Das ist der Grund, weshalb man den Druck im Knie von der Spannung im Rücken unterscheiden kann. Darum kann man die Wärme im Herzen von der Hitze im Becken oder die Leere im Bauch von den Gedanken im Kopf unterscheiden. Man kann auch die Töne, die man selbst macht, von denen unterscheiden, die man hört. Aber was sind das alles für Dinge? Sie sind Wissen im Sinne von knowledge und knowingness. Die Gedanken, die man hat, sind nichts anderes als das Wissen (knowingness) der Gedanken. Der Druck, den man in seinem Knie spürt, ist ein Erkennen dessen, was diese Bewußtheit ist. Es ist ein Bewußtsein von einem Eindruck und die Erkenntnis, daß er eine Spannung oder ein Druck ist. Das ist Wissen (knowledge), und das ist grundlegendes Wissen (basic knowingness).
Man kann sagen: „Aber es gibt wirklich ein Knie mit Druck darin.“ Ist das nicht nur eine Geschichte, die man gelernt hat? Wenn man sein ganzes Wissen über menschliche Physiologie aus der Vergangenheit, das man in der Vergangenheit angesammelt hat, vergißt und seine Aufmerksamkeit nur auf diese Region richtet, ist das, was man findet, ein Wissen (knowingness). Dieses Wissen, das wir Grundwissen (basic knowledge) nennen, ist immer da und existiert vor jedem Kommentar. Man kann sagen: „Gut, da bin ich, und ich empfinde diese Wärme in meinem Herzen.“ Aber wenn man es so ausdrückt: „Da bin ich, der die Wärme in meinem Herzen kennt und weiß“, ist das eigentlich nichts anderes als das Wissen (knowingness), daß da etwas ist, das sich der Wärme bewußt ist, und daß da etwas ist, das wir das Herz nennen. Selbst der Kommentar ist Teil des Wissens; seine Existenz ist das Wissen des Kommentars.
Das ganze Feld der Erfahrung ist also von Wissen durchdrungen, aus Wissen gebildet. Wenn man einen Berg anschaut, sagt man: „Ich sehe den Berg.“ Sieht man den Berg oder ist da ein Bewußtsein von einem Wissen davon, daß man den Berg sieht? Alles, dessen man sich bewußt sein kann, ist das eigene Wissen, daß da ein Berg ist. Das Wissen ist das Objekt und das Subjekt von Bewußtheit, denn die Erfahrung an sich ist nicht-dual. Man ist auf eine nicht-duale Weise mit Wissen in Kontakt. Wenn man dann sagt, daß da ein Berg ist, ist das ein vollkommen anderer Schritt. Ich sage nicht, daß da kein Berg ist, aber die Aussage zu machen, daß da ein Berg ist, ist ein ganz anderer Schritt, zusätzlich zu der Tatsache des Wissens, das unmittelbar und direkt ist.
Sie nehmen wahr, daß ich mit Ihnen spreche; das ist Ihr Wissen (knowingness). Unabhängig von diesem Wissen kann ich nicht existieren, was Sie betrifft. Das heißt nicht, daß ich nicht existiere; das ist nicht das, was ich sage. Was ich sage ist, daß ich, was Ihre Erfahrung betrifft, nicht unabhängig von Ihrem Wissen existiere. Realität besitzt nicht nur Bewußtheit, sondern auch eine Unterscheidungsfähigkeit, eine Fähigkeit, die unterscheidet, was in dieser Bewußtheit enthalten ist.
In Gottes Geist leben
Das Feld, das die Realität ist, ist also nicht nur eine Präsenz, die Bewußtheit ist, sondern eine Bewußtheit, die Wissen ist. Diese unterscheidende Bewußtheit erkennt das Ganze als ein Feld, das in sich Muster hat, die aus Farbe, Form, Figur, Textur, Geruch, Ton oder aus all diesen zugleich gebildet sein können. Dies sind die universellen Muster. Das inhärente Wissen (knowing) dieses ganzen Feldes, mit all seinen Mustern, wird manchmal der Göttliche Geist (Divine Mind) oder Geist Gottes genannt. Mit anderen Worten, das Wissen alles dessen, was existiert, ist nichts anderes als Gottes Geist. Wenn man also das Sein als die Präsenz Gottes sieht, dann ist das, was wir sagen, daß das inhärente Wissen Gottes Geist ist. Weil wir uns selbst von dem gesamten Feld unterscheiden, leben wir in diesem Sinne alle in Gottes Geist. Wir sind Schöpfungen von Gottes Geist, Inhalt von Gottes Geist. Eigentlich sind wir nichts anderes als Gottes Ideen oder Vorstellungen, weil aus der Perspektive der Präsenz von Sein alle diese Formen Unterscheidungen oder Begriffe und in gewissem Sinn Worte sind. Jede Form ist eine bestimmte Schwingung, mit ihrem eigenen Ton, aber weil jeder Ton gekannt, gewußt – inhärentes Wissen (knowledge) – ist, ist er auch ein Wort.
„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1). Was ist das Wort? Alles. Ich verstehe diese Aussage in der Bibel so, daß Gott die Präsenz ist, also ist das Wort bei Gott, und das ist das Wissen (knowingness). Das Wort ist Gott, weil dieses Wissen von der Präsenz Gottes vollständig untrennbar ist. Man kann sie nicht trennen, außer für Diskussionszwecke. Die Existenz der Welt und die Differenzierungen in ihr sind nicht getrennt. Die Welt existiert nicht unabhängig von den Bergen und den Meeren und den Sternen; sie sind dasselbe.
Wahre Realität ist Präsenz, die selbst-durchdringende Bewußtheit hat und zugleich ein unterscheidendes Wissen besitzt. Diese Tatsache, die für die Inquiry wichtig ist, kann in der eigenen persönlichen Erfahrung erkannt werden. Die normale Erfahrung ist die, daß man eine Person ist, die eine Bewußtheit hat und die unterscheiden kann. Aber diese Unterscheidungsfähigkeit ist nicht ein Ergebnis des Etikettierens des Verstandes, das kommt später. Die inhärente Unterscheidung geschieht als Teil der Bewußtheit. Man unterscheidet zum Beispiel das Muster eines Baumes vor dem Fenster und nennt es Baum, aber die Fähigkeit, das Muster des Baumes zu unterscheiden, ist schon da, bevor man es einen Baum nennt. Genauso ist es mit der Fähigkeit, innere Eindrücke, wie verschiedene Emotionen, Sinneswahrnehmungen und Gedanken zu unterscheiden. Zum Beispiel existiert das inhärente Erkennen von Traurigkeit – das weiche, warme Auflösen einer „Verhärtung“ in der Brust –, bevor das Denken die Erfahrung mit der Bezeichnung „Traurigkeit“ versieht.
Wenn das Gefühl für inhärentes Unterscheiden für uns verschleiert ist, manifestiert es sich in unserer normalen Erfahrung als Denken und Etikettieren, das heißt als das, was wir gewöhnlich Wissen (knowledge) nennen. Das ist aber eine Reflexion, ein Schritt vom wahren Wissen (knowingness) entfernt. Anders gesagt, das normale Wissen (knowingness), das mit Denken, Gedächtnis, Überlegen und Bezeichnen zu tun hat, ist die Weise, wie wahres Wissen in der gewöhnlichen Erfahrung des Egos erscheint. Es ist gewöhnliches Wissen (ordinary knowledge), im Gegensatz zu Grundwissen (basic knowledge).
Wissen in der menschlichen Seele
Während die Bewußtheit, das Einssein und die Offenheit konstante und unveränderliche Facetten der Realität sind und der Dynamismus die Erfahrung von Veränderung ist, erfahren wir durch das Wissen (knowingness), was ist und was sich verändert. Wissen ist die Dimension, die die verschiedenen Manifestationen unseres Lebens erkennt. Und die Details dieses Wissens sind von Moment zu Moment immer anders. Das ist der Grund, weshalb man sagt, Gott wiederhole sich niemals. Der Stand oder der Zustand des Universums ist immer anders, immer neu. Das ist keine esoterische Vorstellung. Wenn man an sich selbst denkt, wird man erkennen, daß keine Sekunde Erfahrung wirklich wie eine andere ist. Sie verändert sich ständig, sie ist immer anders.
Das Wissen, das Präsenz eigen ist und das wir oben als den Göttlichen Geist bezeichnet haben, wurde von den Griechen Nous oder höherer Intellekt genannt. Wenn die Griechen, wie im Falle Plotins, das Wort „Intellekt“ benutzten, meinten sie nicht diskursives Denken. Eigentlich bedeutete das Wort „Intellekt“ in den westlichen Sprachen ursprünglich „das inhärente Wissen (knowingness)“. Das hat sich aber vor allem im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert geändert, als „Intellekt“ begann, sich auf Wissensakte mittels Repräsentationen, auf begriffliches Wissen, zu beziehen, das in unserem Denken stattfindet. Heute gebraucht man „Intellekt“ nur für mentales Wissen, die Widerspiegelung des Egos von wahrem Wissen.
Das inhärente Wissen, oder der Nous, wurde von manchen Christen der Logos, von den Sufis „totaler Intellekt“ und von den Buddhisten „unterscheidende Bewußtheit“ genannt. Diese unterscheidende Bewußtheit oder dieses Wissen ist nun die Quelle aller Erfahrung – der verschiedenen Eindrücke, Formen und Farben. Ob das gewöhnliche physische Erfahrungen oder ungewöhnliche spirituelle Erfahrungen sind, sie sind für das inhärente Wissen alle dasselbe – sie sind alle Wissen, auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Intensitäten von Brillanz. Die Ego-Erfahrung ist nur dumpfes Wissen, während die essentielle Erfahrung ein helles Wissen, eine leuchtende Präsenz ist.
Diamantene Führung
Dieses inhärente, unterscheidende Wissen wahrer Natur umfaßt den Inhalt von allem, was existiert, von allem, was nur existieren kann, und von allem, was je existiert hat. Obwohl es die Erfahrung der menschlichen Seele transzendiert, erscheint es dennoch in unserem individuellen Bewußtsein in einer spezifischen essentiellen Form. Genauer gesagt, dieses Wissen, das selbst das Wissen von allem ist, erscheint in der Seele als die spezifische Fähigkeit zur Unterscheidung. Mit anderen Worten, der Göttliche Geist kann sich in der Seele in Miniaturform manifestieren – als Mikrokosmos von diesem Makrokosmos. Wir nennen diesen Mikrokosmos die Diamantene Führung (Diamond Guidance).
Die Bezeichnung „Diamantene Führung“ reflektiert die Weise, wie diese essentielle Manifestation wahrer Natur funktioniert, wenn sie die in der Erfahrung inhärente Unterscheidung enthüllt. Wenn diese essentielle Präsenz sich in der Seele manifestiert, kann sie mit der Klarheit, Präzision und Eindringlichkeit eines Diamanten unterscheiden, was im Feld ihrer Bewußtheit wirklich da ist. Die Diamantene Führung kann die Seele den ganzen Weg führen: vom Erkennen einer emotionalen Wahrheit im Moment bis zum Erkennen der Unterscheidung, die in der Realität inhärent, die in ihr enthalten ist. Das ist der Grund, weshalb ich oben sagte, daß ein Raumschiff, das von dem Sternsystem stammt, zu dem wir reisen, das zuverlässigste Fahrzeug ist, das wir benutzen können, um dahin zu gelangen.
Die Diamantene Führung ist also die spezifische Erscheinungsweise des Göttlichen Geistes in unserer Seele als persönliche Fähigkeit. Sie ist es, die unserer Seele die Fähigkeit verleiht, exakt zu wissen, was vor sich geht, und unsere Erfahrung zu verstehen. Verstehen unserer Erfahrung bedeutet zu wissen, was sie ist, sie direkt zu fühlen und in dieses Gefühl Einsicht zu haben, und all das als Teil der unmittelbaren Erfahrung. Weil die Diamantene Führung eine Reflexion, eine Emanation oder eine Partikularisierung des Göttlichen Geistes ist, besitzt sie die Fähigkeit, unsere Erfahrung zu enthüllen, ihre Schleier ganz bis hin zu Klarheit und Wahrheit zu durchdringen. Ich nenne die Diamantene Führung ein Fahrzeug realen Wissens, weil ihre spezifische Fähigkeit darin besteht, der Seele zu ermöglichen, sich selbst zu kennen und zu wissen. Und wenn man sich selbst kennt, dann kennt man seine Quelle, denn diese Quelle ist die letzte und eigentliche Identität.
Die Gesamtheit der Seele ist ein Mikrokosmos der ganzen Realität, der Einheit des Seins. Die Diamantene Führung ist ein Mikrokosmos des Charakteristikums des Wissens (knowingness) Gottes, des Makrokosmos’ der Realität. Aber man darf nicht vergessen: Auf der Ebene wahrer Realität sind die fünf Charakteristika untrennbar. Die fünf Facetten sind miteinander verwoben und gleichzeitig da. Wir haben sie getrennt beschrieben, um über sie zu reflektieren, aber sie bilden alle eine einzige Realität. Folglich spiegelt die Diamantene Führung alle fünf Facetten: Bewußtheit, Einssein, Dynamismus, Offenheit und Wissen. Die wichtigste Facette aber, die zentrale, die Diamantene Führung reflektiert, ist Wissen.
Ich nenne die Diamantene Führung manchmal den essentiellen Nous, die Version der individuellen Seele vom universellen Nous der Griechen, wie Plotin ihn beschrieben hat. Im Sanskrit wird der essentielle Nous als prajna bezeichnet, während die unterscheidende Bewußtheit – der universelle Nous – jnana genannt wird. Sowohl in buddhistischen als auch in hinduistischen Lehren weiß man, daß man prajna benutzt, um zu jnana zu gelangen. Prajna wird als unterscheidende Einsicht und jnana als inhärentes Wissen (knowingness) oder unterscheidende Bewußtheit bezeichnet. Prajna ist also die Erkenntnis von Mustern, Verstehen, Einsicht und Realisierung, während jnana das inhärente Selbst-Wissen reiner Bewußtheit ist. Jnana ist nicht die Erfahrung einer bestimmten Einsicht oder eines Verstehens; jnana ist die Erkenntnis, daß alle Erfahrung Wissen (knowledge) ist und daß man als Wissen im Sinne von knowingness und knowledge existiert.
Nun ist die wahre Natur, wie gesagt, auch dynamisch, und ihr Dynamismus ist schöpferisch. Er erschafft ständig neue Formen, und diese Schöpfung neuer Formen ist eine Entwicklung, eine Veränderung. Die Diamantene Führung impliziert also einen Dynamismus, eine Kreativität. Bei dieser schöpferischen Aktivität ist das, was gewußt ist, ein sich entwickelndes, sich veränderndes Wissen (knowingness). Es ist nicht so, daß man einfach etwas weiß: „Ich bin traurig“, und sonst nichts. Man kann sich in dieser Weise gegenüber einem Gefühl verhalten, aber dann passiert nicht viel. Anerkennung des Gefühls ist nur der Anfang des eigentlichen Prozesses.
Diamantene Führung und Inquiry
Was tun wir nun, damit sich das Wissen (knowingness) entfalten kann? Wir machen „Inquirys“. Wir fragen uns: „Worum geht es? Warum bin ich traurig?“ Um eine Bewegung einzuleiten, die uns zu einer tieferen und präzisieren Unterscheidung bringen kann, brauchen wir ein dynamisches Engagement, das die Diamantene Führung einlädt, damit neue Enthüllungen sich einstellen können. Dieses dynamische Engagement nennen wir Inquiry. Inquiry ist also in Wirklichkeit eine Manifestation des schöpferischen Dynamismus unseres Seins. Eine Inquiry lädt neues Wissen ein, und Wissen wird sich dann entwickeln und die in unserem Sein inhärenten Möglichkeiten enthüllen.
Wir beginnen hier zu sehen, daß wir bei unserer Methode der Inquiry Eigenschaften nutzen, die wahrer Natur inhärent sind: Dynamismus und unterscheidende Bewußtheit. Die unterscheidende Bewußtheit ist die Präsenz von Diamantener Führung, mit ihrer Einsicht, Intelligenz und Präzision und mit ihrer Fähigkeit zu Synthese, Analyse und Unterscheidung. Wir sehen hier die Verbindung zwischen der Methode und der Realität, auf die wir uns zubewegen. Wir sehen auch, daß Inquiry und die Diamantene Führung ineinandergreifen, denn die Inquiry lädt die Diamantene Führung nicht nur ein, sie ist auch ein Ausdruck der Diamantenen Führung. Mit anderen Worten: Die Diamantene Führung entfaltet oder leitet die Inquiry.
Wie leitet sie die Inquiry? Indem sie zu neuem und bedeutsamem Verständnis führt. Das geschieht aber nur dann, wenn die Inquiry relevant ist, wie diese kurze Geschichte zeigt: Ein Sufimeister sprach zu seinen Zuhörern, und er wollte ihnen Gelegenheit geben, Fragen zu stellen. Er sagte: „Ich weiß viel mehr darüber, was im Himmel als was auf dieser Erde ist, also dürft ihr mich alles fragen, was ihr wollt.“ Einer meldete sich und fragte: „Wieviele Haare habe ich auf meinem Kopf?“
Da die Antwort auf so eine Frage für Selbsterkenntnis irrelevant ist, ist die Frage nutzlos. Das ist unintelligente Inquiry. Wir können also eine Inquiry machen – und viele Menschen tun das –, aber wenn sie nicht intelligent ist, wenn sie kein Ausdruck des wahren, schöpferischen Dynamismus’ unseres Seins ist, spricht sie die Diamantene Führung nicht an. Die Diamantene Führung leitet dann die Inquiry nicht, und es kommt zu keiner neuen Enthüllung. Wir drehen uns dann bloß im Kreis. Wir sehen dann immer wieder das gleiche Wissen – vielleicht in anderen Formen, aber im wesentlichen dasselbe. Die Inquiry muß Kontakt mit Elementen der wahren Natur selbst haben, um uns über konventionelle Erfahrung hinausführen zu können. Wenn wir nur Elemente aus gewöhnlicher Erfahrung benutzen, um uns zu führen, wird Inquiry – oder irgendeine andere Methode, die wir benutzen, um unser Leben zu betrachten – nur diese gewöhnliche Erfahrung wiederholen und bestätigen.
Die Diamantene Führung kann nicht nur in unserer Arbeit zugänglich gemacht und genutzt werden, sondern auch sonst in vielfältiger Weise – zum Beispiel in einer philosophischen oder wissenschaftlichen Inquiry. Beim Diamond Approach untersuchen wir in erster Linie unsere eigene persönliche Erfahrung. Inquiry ist eine Anwendung der Sokratischen Methode auf die unmittelbare Realität unseres Lebens.
Es ist sinnvoll, hier anzumerken, daß viele Menschen, wenn sie Bücher über den Diamond Approach lesen oder wenn sie gerade zur Ridhwan-Schule gekommen sind, glauben, sie wüßten, wie man eine Inquiry macht. Das ist vor allem so, wenn jemand Philosophie studiert hat oder in Psychotherapie ausgebildet ist. Ich bin sicher, daß viele Menschen wissen, wie man eine Inquiry macht, aber das bedeutet nicht, daß das die Inquiry ist, die wir hier besprechen. Wir praktizieren Inquiry nicht, wie sie konventionell verstanden wird, wir praktizieren sie aus der Perspektive unserer wahren Natur.
Inquiry, die ein offenes Ende hat, das heißt ein Ausdruck der Offenheit wahren Wissens und des schöpferischen Dynamismus’ des Seins ist, ist nicht einfach irgendeine Inquiry. Es geht darum, aktiv die verschiedenen Qualitäten unserer tiefsten Natur zu nutzen. Das ist eine sehr ungewöhnliche und seltene Fähigkeit. Manche Menschen brauchen eine lange Zeit – im Grunde viele Jahre in dieser Arbeit –, bevor sie erkennen: „So mach ich das normalerweise nicht, wenn ich etwas erforsche. Das ist keine Inquiry, wie ich sie mir immer vorgestellt habe.“
Wenn man damit anfängt, die Inquiry des Diamond Approach zu praktizieren, kommt sie einem sehr ähnlich wie das vor, was bei anderen Formen innerer Arbeit üblicherweise gemacht wird: Man stellt Fragen, analysiert etwas, schaut sich etwas an, man experimentiert, untersucht Abwehrmechanismen und Reaktionen und Psychodynamik und so weiter. Wer ein Buch über Tiefenpsychologie gelesen hat, kann das Gefühl haben: „Natürlich, ich weiß, wie das geht.“ Aber wenn diese Leute wissen, wie man Inquiry so macht, wie wir das tun, warum kommen sie dann nicht zu Erfahrungen von Essenz und wahrer Natur? Die Unterschiede in der Methode der Inquiry sehen vielleicht ziemlich subtil auch, sie sind dennoch erheblich. Wir müssen diese Unterschiede erkennen, damit Inquiry wirklich die Fähigkeit haben kann, die Entfaltung der Seele zu bewirken.
Es lohnt sich, die Verwechslung etwas näher anzuschauen, zu der es zwischen der Art von Inquiry, die ich beschreibe, und der analytischen Exploration, die Sie vielleicht gemacht haben, kommen kann. Ich sage nicht, daß man niemals seinen Verstand gebrauchen kann, um in einer Inquiry etwas zu analysieren – aber das ist nicht die Methode, die wir hier benutzen. Wir wollen, daß die Inquiry ein reiner Akt des Seins ist. Als Teil des Dynamismus des Seins kann es zu einer Analyse kommen, aber wir machen sie nicht mit Absicht. Sobald wir ein erwünschtes Ziel im Sinn haben, kommt die Inquiry nicht von einem Ort der Offenheit; sie kommt dann von einem fixierten Ort. Wenn wir von einem rein offenen, nur an einer Untersuchung interessierten Raum aus analysieren, anstatt zu versuchen, irgendwohin zu gelangen, ist die Quelle die Offenheit selbst.
Der Weg der Inquiry
Indem wir Inquiry verstehen, lernen wir die Haltung der Seele, die die Diamantene Führung einladen wird. Wenn wir von einer Haltung oder einer Einstellung aus etwas erforschen, die den Qualitäten der Diamantenen Führung nahekommt, werden wir ihre Anwesenheit einladen, die dann die Inquiry direkter und präziser leiten wird. Bei der Übung dieser Inquiry geht es darum, eine bestimmte Art von Offenheit zu finden, eine bestimmte Einstimmung, wobei wir uns selbst und unsere Fähigkeiten so nutzen, daß die Seele zu der richtigen Art von Gefäß wird, sodaß sich die Diamantene Führung einstellen und die Inquiry führen kann. Teil Zwei dieses Buches befaßt sich mit den Grundelementen des Prozesses der Inquiry, die die Seele so ausrichten, daß die Führung erscheinen kann.
Wir werden untersuchen, wie man für die Führung durch das Sein offen sein, wie man sie erkennen kann und wie man es der Führung ermöglichen kann, durch uns hindurch wirksam zu sein. Wenn die Führung durch uns hindurch wirkt, führt sie nicht nur die Inquiry und verleiht ihr Objektivität, Offenheit, Präzision, Klarheit und all die anderen Qualitäten, sondern sie leitet auch die Entfaltung der Seele selbst. Das ist so, weil die geführte Inquiry von sich aus die Entfaltung bewirkt. Die Seele selbst wird also geführt, und das ist der Grund, weshalb wir den Begriff „Führung“ für dieses essentielle Fahrzeug (vehicle) verwenden. Teil Drei untersucht eingehender das Wesen der Diamantenen Führung, wie sie in Erscheinung tritt und was sie in unserer Inquiry blockieren kann.
Indem die Diamantene Führung die verschiedenen, essentiellen Aspekte manifestiert, die zusammen dieses Fahrzeug des Wissens (knowingness) bilden, korrigiert sie unsere Perspektive in der Inquiry immer weiter – indem sie für ihre Ausgewogenheit sorgt und sie erweitert oder fokussiert. Jeder einzelne essentielle Aspekt drückt die wahre Natur unseres Seins in unserer Erfahrung, in unserem Leben und in unseren Handlungen aus und dient ihr. Diese Aspekte sind in allen Bereichen unseres Lebens notwendig, aber hier untersuchen wir sie besonders im Hinblick darauf, wie sie unserer Weise, Inquiry zu praktizieren, dienen, sie unterstützen und sie ausdrücken. Wenn wir sie unter dieser Perspektive studieren, wird das unsere Klarheit und unser Verständnis steigern und die nötige Wahrnehmung und Erfahrung hervorrufen. Teil Vier untersucht eingehender elf essentielle Aspekte, wie sie in der Diamantenen Führung erscheinen und Inquiry unterstützen.
Wenn die Inquiry frei fließt, ist sie eine wahre Manifestation von Offenheit und Liebe zur Wahrheit und drückt die Weite und den Dynamismus des Seins aus. Diese dynamische Offenheit wird die Präsenz, die Ankunft dieses Fahrzeugs, der Diamantenen Führung, herbeiführen. Dann wird die Diamantene Führung die Inquiry leiten; sie wird uns helfen, sehr genau zu sehen, was in unserer Erfahrung da ist. Sie wird auch unser Fragen so führen, daß unsere Inquiry relevant, präzise und genau sein kann.
Die Diamantene Führung nutzt das Denken, statt daß das Denken die Kontrolle hat und im Vordergrund steht. Sie leitet das Denken, aber eigentlich ist sie die Führung für die Seele in Richtung auf Individuation und Reife, in Richtung auf Selbstrealisierung und die Reise zur inneren Heimat. Das ist so ähnlich wie die Sichtweise der Sufis, nach der für das Erwachen und die Transformation der Seele mehr als alles andere der „höhere Intellekt“ gebraucht wird. Die Diamantene Führung versieht die Seele mit der objektiven, unterscheidenden Fähigkeit, die sie braucht, um immer tiefer zu verstehen, was Realität ist. Dieses Unterscheiden und Verstehen ist nicht nur der Prozeß der Arbeit der Inquiry, es ist das Wesen eines wahren Lebens. Inquiry kann in dem Maß zum Zentrum unseres ganzen Lebens werden, wie unser Leben zur Entfaltung unserer Seele wird. Wenn unser Leben nicht eine kontinuierliche Inquiry ist, die fortwährend die Entfaltung der Seele betreibt – wenn es nicht eine ständige Transformation ist –, dann stecken wir fest. In einem tieferen Sinne sind wir dann tot. Wir versinken im Sumpf der Trägheit und wiederholen ewig dieselben Muster.
Inquiry unterbricht diesen Zirkel, den sich perpetuierenden Zirkel von Meinungen und Überzeugungen: „Ja, ich weiß, wer ich bin – ich bin diese Art Mensch... Und natürlich werde ich immer abgelehnt... Mein Vater und meine Mutter haben mir das angetan, und ich werde bis in alle Ewigkeit so sein; das Beste, was ich machen kann, ist anderen das Leben schwermachen...“ Das geht Jahr für Jahr so weiter. Die Inquiry stellt das in Frage: „Moment mal, stimmt das? Ist das der Grund, weshalb ich mich so fühle?“
Wenn man sich öffnet und anfängt, Fragen zu stellen, wenn man mit der Inquiry beginnt, dann hat man eine Chance herauszufinden, was los ist. Wenn man aufhört, seine Glaubenssätze für bare Münze zu nehmen, wird man aufhören, sich mit ihnen zu identifizieren. Wenn man das alte Wissen nicht in Frage stellt, bedeutet das, daß man die Identifikation mit ihm akzeptiert und daß man akzeptiert, daß es letztlich wahr ist. Inquiry bedeutet anzufangen zu erkennen, womit wir uns aus der Vergangenheit identifizieren. Die Vergangenheit lebt in unserem Gedächtniswissen fort, aber wir können es durchdringen, wenn wir in der Gegenwart bleiben und unsere Erfahrungen für unmittelbares Wissen öffnen. Auf diese Weise wird unser Leben zu einer kontinuierlichen, lebendigen Offenheit, einer Offenheit, die eine Offenbarung der Geheimnisse des Seins ist.
Dann wird unsere Erfahrung zu mehr als bloß einer Reihe willkürlicher, unverbundener Ereignisse oder Vorgänge, wie das gewöhnlich im normalen Leben des Egos der Fall ist. Sie wird zu einem Strom von Bewußtheit und Einsicht, dem ein Muster von Öffnen, Entfalten und Optimieren eignet. Das ist der Grund, weshalb Verstehen, wenn wir die Haltung der Inquiry einnehmen, weiter von allein geschieht und neue Einsichten auftauchen. Unsere Erfahrung geht immer tiefer, weitet sich immer mehr aus und wird freier und transparenter, bis sie an einem bestimmten Punkt mit den Qualitäten unserer wahren Natur zusammenfällt und eins wird.
3 Der im Original häufig verwendete Begriff „discrimination“ (mit dem Verb „to discriminate“) stammt aus der Wahrnehmungspsychologie und bezieht sich auf einen unmittelbaren Erkenntnis- und Wahrnehmungsakt, mit dem Akzent auf inhaltlicher Unterscheidung oder Abgrenzung, dabei kann je nach Kontext mehr das Unterscheiden oder das Unterscheidungsvermögen oder die Erkenntnisseite betont sein. Entsprechend wird dieser Begriff in der Regel mit „Unterscheidung“, mit „Unterscheidungsvermögen“ oder mit „unterscheidendem Erkennen“ übersetzt. Wo der Kontext nicht für Eindeutigkeit sorgt, steht der englische Begriff in Klammern. (Anm. d. Übers.)
4 Im englischen Text werden „knowledge“, „knowing“ und „knowingness“ unterschieden, in der Regel aber im Deutschen mit ‚Wissen‘ wiedergegeben. Dabei bedeutet „knowledge“ erworbenes und erinnertes oder erinnerbares Wissen, „knowing“ bezieht sich auf den Akt des Wissens und „knowingness“ auf die Eigenschaft oder die Fähigkeit zu unmittelbarem, direktem Wissen, ohne Rekurs auf vorhandenes, früher erworbenes Wissen. Wo sich die Bedeutung nicht aus dem Kontext ergibt, steht das englische Wort in Klammern. Analog beziehen sich ‚unknowingness‘ und ‚unknowing‘ auf eine Eigenschaft oder einen Zustand unmittelbaren dynamischen Nichtwissens, „not-knowing“ eher auf faktisches Nichtwissen. (Anm. d. Übers.)
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Spacecruiser Inquiry
In diesem Buch benutze ich durchgehend einige Science-fiction-Konzepte, um Inquiry zu veranschaulichen, weil ich sie besonders erhellend dafür halte, wie man Inquiry als eine Reise verstehen kann. Raumschiff Inquiry ist der Name, den ich manchmal für das Fahrzeug dieses spirituellen Weges benutze – für die Praxis der Inquiry. Wenn man anfängt, Inquirys zu machen, lernt man dieses Fahrzeug dafür zu nutzen, in seinem inneren Raum zu reisen. Raumschiff Inquiry ist ein Geschenk der eigenen wahren Natur, eine Methode der Selbsterkenntnis, die dazu bestimmt ist, immer tiefere Wahrheiten darüber zu enthüllen, wer man selbst und was Realität ist. Im vorigen Kapitel habe ich eine Gesamtperspektive als Orientierung für unsere Reise an Bord des Raumschiffs Inquiry gegeben. Jetzt ist es Zeit, an Bord zu gehen. Zunächst haben wir das Raumschiff von außen betrachtet, haben die Tür gesehen und haben uns mit ihm vertraut gemacht. Jetzt können wir hineingehen und uns umschauen, uns mit dem Kontrollpult vertraut machen und die nötige Geschicklichkeit entwickeln, um wirklich durch den Raum zu fliegen.
Wenn ich sage, daß Inquiry unser Raumschiff ist, meine ich nicht, daß man Inquiry wirklich als Raumschiff erfahren kann. Ich benutze das Wort hier metaphorisch. Suchen Sie also während des Prozesses der Inquiry nicht nach einer Art Erfahrung von einem Raumschiff. Inquiry ist ein Prozeß, ein wirkliches dynamisches Engagement. Sie lädt das Sein dazu ein, seinen Reichtum zu zeigen und seine Geheimnisse zu enthüllen, und sie tut das, indem sie die Diamantene Führung aktiviert und nutzt, und die ist eine subtile, essentielle Intelligenz. Inquiry kann ohne die Führung anzusprechen nicht in vollem Sinn wirksam sein – so wie ein Raumschiff ohne ein Navigationssystem nicht funktionieren kann –, denn Inquiry braucht reale Intelligenz, um funktionieren zu können.
Nach einer Führung durch das Raumschiff sind wir bereit zu überlegen, was es bedeutet, eine Reise zu unternehmen, und welche unterschiedlichen Arten von Reisen das Raumschiff Inquiry anzubieten hat. Das Wesen unserer Reise wird von drei deutlich voneinander unterschiedenen, aber wechselseitig miteinander verbundenen Aspekten des Reisens bestimmt. Erstens ist es der Modus des Reisens, der mit dem Bild dreier aufeinanderfolgender Antriebsmechanismen veranschaulicht wird – des Powerdrives, des Hyperdrives und des Superluminal Drives. Der zweite Aspekt bezieht sich auf den Treibstoff für die Reise – auf das, was die Triebwerke während der verschiedenen Phasen der Reise der Inquiry antreibt. Der dritte Aspekt umfaßt die intelligenten Kontrollmechanismen, die unser Raumschiff so effektiv wie möglich funktionieren lassen.
In diesem Kapitel werden wir diese Aspekte untersuchen und sehen, wie sie das Individuum durch das hindurch bewegen, was ich die drei Reisen nenne.
Die erste Reise
Die erste Reise bringt uns an den Anfang der Erfahrung unseres Seins, wenn wir erste Eindrücke von unserer wahren essentiellen Präsenz bekommen. Um diese Reise beginnen zu können, muß das Raumschiff in der Lage sein, innerhalb desselben Sternsystems, oder des planetarisches Systems, zu reisen, in dem es sich befindet.
Am Anfang der inneren Reise aber sind wir an die Erde, an die Schwerkraft gebunden und in einer trägen Umlaufbahn gefangen. Wir stecken in immer gleichen Mustern fest und kreisen immer wieder um dieselben Erfahrungen, Wahrnehmungen und um dasselbe Wissen. Träge Umlaufbahnen brauchen keinen Antrieb. Diese gewohnten Verhaltensweisen gehen einfach weiter und werden von der Energie genährt, die durch die Trägheit unserer Konditionierung erzeugt wird, die Schwerkraft, die uns immer wieder auf dasselbe Terrain zurückzieht.
Also muß unser Raumschiff zuerst in der Lage sein, sich der Wirkung der Schwerkraft zu entziehen, die uns in der statischen Umlaufbahn der gewohnten Erfahrung hält. Es muß in der Lage sein, andere Umlaufbahnen zu erreichen – und dadurch die Reichweite unserer normalen Erfahrung erweitern – , und dann zu anderen Bereichen innerhalb desselben Sternsystems reisen. Damit unser Fahrzeug innerhalb des Sonnensystems frei reisen kann, brauchen wir einen passenden Antriebsmechanismus.
Wir brauchen einen Antrieb, der unser Raumschiff antreiben und ihm die nötige Fluchtgeschwindigkeit vermitteln kann – den Powerdrive. In Science-fiction-Filmen wird der Powerdrive – auch Impulskraft (impulse power) genannt – für Reisen zwischen Planeten oder um die Erde benutzt, also für das, was als normale Raumfahrt gilt. Wenn wir mit dem Powerdrive reisen, bleiben wir in derselben Dimension der Realität, mit der wir schon vertraut sind, können dabei aber andere Bereiche in ihr erfahren. Zum Beispiel ist die Erfahrung der unbewußten Dynamik, die unseren Gefühlen und Handlungen zugrundeliegt, Teil der ersten Reise.
Inquiry, die durch den Powerdrive angetrieben wird, ist Raumfahrt, bei der die normalen Begriffe von Raum und Zeit weiter gültig sind. Wir sind immer noch in der normalen Realität, und innerhalb dieser Realität erforschen wir unsere Persönlichkeit und unser Denken, unsere Muster und Gefühle – die verschiedenen konventionellen Bedingungen der Existenz, ganz gleich, ob neurotisch oder normal. Dieser Prozeß beginnt den Griff unserer konventionellen Erfahrung zu lockern, legt ihre Einschränkungen frei und öffnet uns für die Möglichkeit anderer Dimensionen.
Unterstützung für diese persönliche Untersuchung sind die Bewußtheitsübungen von Konzentration und Achtsamkeit (mindfulness). In Konzentrationsübungen lernen wir, unsere Achtsamkeit auf unsere gegenwärtige Erfahrung zu fokussieren und bei ihr zu behalten, ohne die übliche Ablenkung durch unser Denken zu erlauben. Wenn wir das nicht können, werden wir niemals fähig sein, unsere Energie so zu konzentrieren, daß wir aus unseren vertrauten Umlaufbahnen des Bewußtseins ausbrechen können. Gleichzeitig müssen wir Achtsamkeit lernen, das heißt, wir müssen lernen, unsere Bewußtheit zu erweitern, um soviel wie möglich von dem mit einzubeziehen, was in dem Feld unserer gegenwärtigen Erfahrung da ist. Indem wir mehr wahrnehmen, lernen wir, unsere konditionierten Annahmen über das, was in unserer Erfahrung wichtig ist und was nicht, in Frage zu stellen. Damit werden neue Elemente in unsere Wahrnehmung eingeführt und Dinge nebeneinander gestellt, die im Rahmen unseres normalen Denkens niemals verbunden erschienen wären. Diese zwei Fähigkeiten von Konzentration und Achtsamkeit sind für den Powerdrive zentral und in den entwickelteren Antriebsarten implizit enthalten.
Die erste Reise nenne ich die Reise zu Präsenz. Unsere Inquiry richtet sich in erster Linie auf unsere vertraute, konventionelle Realität, wo wir die Annahmen und Hindernisse anschauen, die uns davon abhalten, in der Unmittelbarkeit unserer gegenwärtigen Erfahrung zu ruhen. Auf dieser Reise dient die Funktion der essentiellen Aspekte, der verschiedenen Qualitäten unserer Seiendheit (beingness), dazu, unsere Inquiry zu motivieren. Zum Beispiel erlaubt uns die Anwesenheit von Mitgefühl, unseren Schmerz so weit auszuhalten, daß wir uns ihm öffnen und seinen Ursprung erforschen können. Stärke verleiht uns die Fähigkeit, unsere Empfindlichkeit vor übertriebener Selbstkritik zu schützen, und persönlicher Wille wird gebraucht, wenn wir uns innerlich verpflichten, uns in unserer Inquiry an der Wahrheit zu orientieren. Dies sind drei der fünf essentiellen Aspekte, bekannt als Lataif, die wir in Teil Vier näher betrachten werden. Diese fünf Qualitäten bilden grundlegende Unterstützung auf der ersten Reise, daß wir während des Prozesses der Inquiry auf Kurs bleiben.
Wir kennen diese Manifestationen von Sein vielleicht nicht auf eine unmittelbare Weise als essentielle Präsenz, aber sie sind in unserer Seele wirksam und auf unserer Reise hilfreich. Obwohl sie aus einer anderen Dimension auftauchen, sind die essentiellen Qualitäten innerhalb unserer konventionellen Realität dennoch erkennbar, denn durch ihre Wirkung auf unsere Seele können wir ihre Bedeutung wertschätzen. So bekommt der Powerdrive seine Energie von diesen Aspekten des Seins, wenn es uns zum Wissen unserer eigenen Präsenz aufruft.
Die zweite Reise
Die zweite Reise beginnt, wenn wir lernen, Essenz, die Dimension essentieller Manifestationen des Seins, zu erkennen. Nun nähern wir uns den entferntesten Reichweiten des Powerdrives, wir befinden uns am Rande unseres Sternsystems und beginnen, flüchtige Ausblicke auf andere Dimensionen von Erfahrung zu haben. Die meisten von uns werden die Hilfe eines Lehrers, des Kapitäns des Raumschiffes brauchen, der uns auf die zweite Reise mitnehmen kann. Ein Lehrer hilft uns dabei, auf die subtilen und bisher unerkannten Aspekte unserer Erfahrung, die uns die Tür in die Bereiche essentieller Wahrnehmung öffnen, aufmerksam zu sein und sie zu erkennen.
Der Powerdrive wird aber nicht ausreichen, uns auf die zweite Reise zu anderen Sternsystemen oder anderen Galaxien zu bringen. Mit dem Powerdrive kann unser Raumschiff nicht die Lichtgeschwindigkeit übertreffen, und andere Sternsysteme sind zig, hunderte oder tausende von Lichtjahren entfernt. Weil der Powerdrive innerhalb der üblichen Raum-Zeit arbeitet, werden wir nicht genug Zeit haben, zu anderen galaktischen Systemen oder auch nur zu anderen Sternsystemen zu reisen, was in unserer Arbeit bedeutet: zu anderen Dimensionen von Erfahrung.
Um die nächste Stufe der Raumfahrt zu erreichen, brauchen wir das, was in der Science-fiction-Literatur Hyperdrive genannt wird. Der Hyperdrive wird nicht nur von den Qualitäten von Essenz angetrieben, die die Manifestationen der Wirklichkeit von Sein sind, sondern auch von der Offenheit, die für Sein an sich charakteristisch ist. Diese Offenheit transformiert die Begriffe von Raum und Zeit und erlaubt so hyperspatiales Reisen, das heißt Raumfahrt außerhalb des gewöhnlichen Raums und der gewöhnlicher Zeit. Star Trek hat für diesen Mechanismus den Begriff „Warpdrive“ eingeführt. Der Warpdrive funktioniert nach Prinzipien, die unsere üblichen Gesetze der Physik transzendieren, und ermöglicht uns so, mit Geschwindigkeiten zu reisen, die die Lichtgeschwindigkeit um ein Vielfaches übertreffen.
Der Hyperdrive ist also notwendig, um die enormen Entfernungen der zweiten Reise zu überwinden, um zu anderen Sternsystemen und sogar zu anderen Galaxien zu gelangen. Aber wenn man sich zu einem anderen Sternsystem aufmacht, weiß man nicht, welche Art Realität man dort antrifft, deshalb kann man nicht mit vorgefaßten Meinungen dahin reisen. Wenn man vorgefaßte Meinungen von dem hat, was man dort finden wird, wird einen das davon abhalten, eine andere Dimension zu erreichen. Darum brauchen wir den Hyperdrive – der von uns verlangt, daß wir alle Konzepte davon, was Raum ist, was Zeit ist und was Realität ist, was passieren kann und was nicht passieren kann, aufgeben –, um in der Lage zu sein, zu einer Dimension zu gelangen, die völlig neu ist, zu einer, die wir nie wahrgenommen oder uns auch nur vorgestellt haben.
In der Inquiry bedeutet hyperspatiales Reisen mühelose und spontane Entfaltung, denn die Inquiry wird jetzt zunehmend von der Offenheit des Seins vorwärts bewegt. Die zweite Reise ist eine Reise mit Präsenz, das bedeutet, daß die Dimension der essentiellen Manifestationen von Sein für unsere Erfahrungen von sich aus verfügbar ist, während diese Manifestationen auf der ersten Reise nur ab und zu geschmeckt werden können und vor allem als Anreiz dienen, die Reise der Entdeckung von Sein fortzusetzen.
Auf der zweiten Reise, wenn eine neue Dimensionen nach der anderen aufzutauchen beginnt, brauchen wir also eine nichtkonzeptuelle Offenheit, die unsere Inquiry antreibt. Je freier wir von Konzepten sind, um so tiefer ist die Offenheit, die unsere Inquiry antreibt, und um so mehr können wir den Hyperdrive benutzen, was ein spontanes und natürliches Fließen der Enthüllung möglich macht. Beim Hyperdrive ist die Unterstützung für diese Offenheit mit ihrem sich entfaltenden Fließen das ständige Üben von Präsenz. Die Entwicklung dieser Fähigkeit für unmittelbaren und direkten Kontakt mit der eigenen Erfahrung und das Verständnis davon, wie dieser Kontakt jederzeit verfügbar ist, wird zu einem immer anwesenden Boden für das offene Nichtwissen, das die zweite Reise kennzeichnet.
Die dritte Reise
Der Hyperdrive kann uns durch die zweite Reise bis zur dritten Reise bringen. Die dritte Reise ist eine Weise, das Reisen als Präsenz, in nicht-dualer Realität, zu bezeichnen. Mit dem Hyperdrive wird die Inquiry von der Offenheit selbst angetrieben oder motiviert, aber das Reisen der dritten Reise verlangt, daß der Hyperdrive maximale, hundertprozentige Wirksamkeit und Kraft entfaltet. Das bedeutet, daß Inquiry von totaler, von absoluter Offenheit bewegt wird. In Science-fiction-Filmen wird dieser Antrieb manchmal als Superluminal Drive bezeichnet.
Mit diesem Superluminal Drive ist die Reise nicht mehr räumlich oder hyperspatial. Hyperspatiales Reisen bedeutet, daß man in Räumen reist – wie im Hyperraum oder Subraum, um einen anderen Begriff aus Star Trek zu gebrauchen –, die nicht normaler Raum sind. Aber diese Räume haben immer noch Grenzen, denn sie sind immer noch durch die Konzepte von Raum und Zeit definiert, wenn auch nicht im gewöhnlichen Sinn. Da absolute Offenheit aber keine Grenzen irgendwelcher Art hat, wird unsere Inquiry nicht einmal durch die Konzepte von Raum und Zeit begrenzt.
Das Reisen mit dem Superluminal Drive ist mehr wie eine Zeitreise, aber nicht wie eine konventionelle Zeitreise, denn hier wird das Konzept von Zeit transzendiert. Reisen mit dem Superluminal Drive bedeutet, gerade die Erschaffung von Zeit selbst als die Entfaltung alles Existierenden zu erfahren. Beim Fliegen mit dem Superluminal Drive können wir nicht einmal davon sprechen, daß der Antrieb von der Offenheit der Essenz von Sein herkommt. Es ist eher so, daß die Offenheit das Fahrzeug selbst ist. Die Essenz von Sein, die geheimnisvolle Leere, erschafft also Zeit. Indem sie Zeit erschafft, erschafft sie Erfahrung, und diese Erschaffung von Erfahrung ist sofortige und unmittelbare Realisierung. Mit anderen Worten, während der dritten Reise ist das Reisen eine unmittelbare und fortwährend spontane Manifestation von Realisierung.
Wir nennen das einen Flug mit Überlichtgeschwindigkeit, weil das die Anerkennung der Tatsache ist, daß Wahrnehmung auf dieser Ebene nichts anderes als die Erleuchtung der Absoluten Essenz (Absolute essence) des Seins ist. Da ist die Wahrnehmung dieser geheimnisvollen Tiefe, und ihr Schimmer ist die Manifestation der verschiedenen Dimensionen, der verschiedenen Sternsysteme.
Während auf der zweiten Reise die Manifestationen des Seins in einer dynamischen Bewegung der sich entfaltenden Erfahrung der Seele ständig von einer zur nächsten wechseln, ist auf der dritten Reise die Entfaltung nicht mehr eine Bewegung durch die Zeit, sondern ein ständiges Auftauchen aller Erfahrung aus der absoluten Quelle im Jetzt. Es gibt kein räumliches Reisen, keine Empfindung eines Prozesses, der uns zu einer anderen Dimension bringt. Die Dimensionen manifestieren sich spontan und sofort als die kontinuierlichen Emanationen aus der geheimnisvollen Essenz der Realität. Es ist so, als bliebe man am selben Ort und Erfahrung manifestierte sich bloß anders, durch einen und um einen herum, und enthüllte dabei neue Dimensionen und Realisierungen. Das steht im Gegensatz zu den ersten zwei Reisen, zu denen es gehört, daß man in Raum und in Zeit reist.
Der Treibstoff für die Reise
Wir haben also drei Antriebsarten, die wir verwenden müssen, wenn wir lernen, das Raumschiff Inquiry zu fliegen: den Powerdrive, den Hyperdrive und den Superluminal Drive. Am Anfang müssen wir lernen, wie man den Powerdrive und den Hyperdrive einsetzt. Diese beiden Antriebsarten sind miteinander verwandt, und wir können das sehen, wenn wir uns fragen, was die Inquiry motiviert. Motivation liefert die Antriebskraft für die Inquiry. Diese Motivation, die aus Essenz und Offenheit besteht, entwickelt und transformiert sich, während wir die drei Reisen machen.
Die spezifische Art und Weise, wie Essenz beim Powerdrive funktioniert, besteht in der Liebe zur Wahrheit um ihrer selbst willen. Was bedeutet das? Inquiry geht voran, indem sie von der Wahrheit geführt wird. Im Grunde kann Inquiry nur auf der Basis weitergehen, daß man Wahrheit findet. Es gibt keine andere Möglichkeit, wie man Inquiry machen kann. Wenn wir eine Inquiry machen, dann untersuchen wir etwas, um herauszufinden, was die Wahrheit einer Situation ist. Wir versuchen nicht, etwas zu verändern, wir arbeiten nur daran, die Situation zu öffnen, indem wir sie so lange erforschen, bis sie ihre Bedeutung enthüllt.
Inquiry ist also im Grunde eine Untersuchung mit dem Ziel, die Wahrheit zu erfassen, die Bedeutung dessen zu erfassen, was geschieht. Häufig ist die Wahrheit verborgen oder wird nicht gesehen oder ist durch unsere Einstellungen, Annahmen und Identifikationen entstellt. Wir wollen durch diesen ganzen Nebel hindurchschauen, um herauszufinden, was wirklich passiert.
Es gibt eine Stelle in uns, die es liebt, die Wahrheit zu wissen, die die Wahrheit will und wertschätzt. Nur Inquiry, die von dieser Liebe inspiriert ist, kann den Funktionen der Aktivierung und Transformation dienen. Wenn wir etwas aus Liebe dazu erforschen, die Wahrheit zu wissen, wird unsere Inquiry auf ganz natürliche Weise diese Wahrheit aufdecken, die zu wissen wir lieben. Wir alle müssen unser eigenes Herz erforschen, um zu sehen, ob es in uns einen Ort gibt, der es wirklich liebt, die Wahrheit zu kennen und zu wissen – einen Ort, an dem wir sie so sehr lieben, daß wir alles tun, was wir können, um etwas zu erforschen und zu untersuchen. Diese Liebe zum Wissen der Wahrheit zu wissen, ist nichts anderes als die Antwort unseres Seins auf seinen eigenen Dynamismus. Der Dynamismus enthüllt etwas Neues, und er manifestiert sich anfangs als das Interesse der Seele daran, die Wahrheit um ihrer selbst willen zu entdecken.
Unser Sein liebt es, die Schleier zu zerreißen, die es verdunkeln, weil es liebt, soviel wie möglich über seine Wahrheit herauszufinden. Unsere Seele liebt es, im inneren Raum von einer Dimension zur anderen zu reisen. Diese Reise ist von gespannter Erwartung und Begeisterung erfüllt und hat eine Qualität, die etwas von Feier und Wertschätzung hat. Wenn wir von dieser selbstlosen Liebe motiviert sind, möchten wir all unsere Möglichkeiten, all unsere Fähigkeiten ins Spiel bringen; wir wollen für soviel Unterstützung für die Reise sorgen, wie möglich, ohne uns darum zu kümmern, wie schwierig sie ist oder was passieren wird. Wir müssen diese Liebe finden, denn sonst ist der einzige Grund und die einzige Motivation für Inquiry ein bestimmtes Ziel oder ein Vorhaben oder die Bestätigung einer vorgefertigten Meinung. Dann würden wir letztlich versuchen, eine bestimmte Identität zu bestätigen, durch die wir uns definiert haben, und diese Motivation wird uns zu nichts Neuem bringen. Inquiry ist dann nicht möglich, weil sie kein offenes Ende hat und sie auf bekanntes Territorium festgelegt wird.
Wenn Liebe zum Wissen der Wahrheit zu der besonderen motivierenden Kraft für die Inquiry wird, können die Qualitäten von Essenz ihre spezifischen Fähigkeiten beitragen. Diese Fähigkeiten sind der Treibstoff für den Powerdrive.
Auf der zweiten Reise wird die Offenheit zum inneren Kern der Liebe, und der Hyperdrive setzt ein. Dann wird die Liebe koemergent mit dem Mysterium. Die Liebe zum Mysterium enthüllt ihre geheimnisvolle Kraft zu Enthüllung und Transformation. Liebe zur Wahrheit wird dann zu einer unmittelbaren Manifestation der Offenheit des Seins: Sie wird als die andere Seite der Offenheit, als ihre dynamische Seite erkannt.
Liebe zur Wahrheit um ihrer selbst willen bleibt auf der zweiten Reise weiterhin die Motivation für die Inquiry, ja, sie steht sogar an primärer Stelle, weil sie eine Liebe ist, die die Freiheit der Offenheit des Seins zu ihrer Basis hat, und ein direkter Ausdruck dieser Offenheit ist. Die Offenheit beseitigt alle Grenzen und Einstellungen, die unsere Liebe einschränken können, und sie macht diese Liebe vollständig selbstlos, total auf Wahrheit fokussiert. Liebe zur Wahrheit enthüllt hier ihr inneres Geheimnis: die Liebe des Seins, seine Geheimnisse zu enthüllen, als die Kraft des Dynamismus des Seins, der die Unerschöpflichkeit seiner Essenz enthüllt.
Intelligent empfängliche Inquiry
Inquiry ist in dem Sinn eine Wissenschaft, als sie sehr objektiv und sehr präzise sein kann. Um die Wahrheit herauszufinden, geht sie über das bloße Untersuchen von Fakten hinaus. Sie ist auch eine Kunst, die eine organische, beherzte, umfassende Art der Empfänglichkeit oder Ansprechbarkeit braucht, die weder rigide noch von Regeln, Konzepten oder festen Einstellungen bestimmt ist.
Inquiry ist eine dynamische Funktion unseres Bewußtseins, unserer Seele, die flexibel, empfänglich und spielerisch sein muß, damit sie wirklich intelligent sein kann. Sie muß von Intelligenz inspiriert und von Verständnis informiert sein. Wenn man etwas erforscht, muß man seine Intelligenz benutzen, und was man an Verständnis hat, muß man auf die Erfahrung des Augenblicks anwenden. Bei der Inquiry geht es nicht darum, willkürlich eine Frage zu stellen; alle Fragen müssen auf eine organische Weise gestellt werden. Das ist es, was Intelligenz eigentlich ist: eine organische und angemessene Empfänglichkeit für jede Situation.
Intelligenz verleiht unserer Inquiry die Fähigkeit, sich auf die Besonderheiten der Situation einzustellen. Manchmal erkennt man die Notwendigkeit von einer Menge Entschlossenheit, von einer Menge Kraft und Willen, um durch eine bestimmte Manifestation hindurchzudringen, denn da kann es zum Beispiel eine sture Trägheit oder Angst geben. Oder die Situation wird vielleicht so subtil, daß man sie nicht sieht, und man muß still, ruhig und fein werden, damit die Inquiry ein sehr zartes Abtasten der Situation sein kann. In diesem Fall wird sogar der Wille zu einer sanften Empfänglichkeit, zu einer mühelosen Präsenz, während man sehr feinfühlig in die Situation hineinspürt. Manchmal verlangt die Situation die Zartheit und Wärme von Mitgefühl, weil Schmerz und Verletzung in den Vordergrund treten. Manchmal braucht man den Humor und das Spielerische der Freude, damit die Inquiry sich trotz Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung weiter entfalten kann.
Also ist Inquiry nicht nur auf einer Wellenlänge aktiv. Aufgrund ihrer Intelligenz und Empfänglichkeit für die sich entfaltende Situation stellt sich Inquiry immer so ein, daß sie dem angemessen ist, was man gerade erforscht, und sie paßt sich an, wenn sich das Thema ändert. Wenn Sie zum Beispiel einen bestimmten Zustand untersuchen und sich ein Widerstand meldet, würden Sie den Widerstand nicht frontal angehen, weil Sie schon ein gewisses Verständnis davon haben, daß man Widerstand nicht überwinden kann, indem man frontal gegen ihn angeht. Dieses Verständnis macht Ihre Inquiry intelligenter, und Sie können die Inquiry auf den Widerstand selbst richten. Inquiry wird dann von Ihrer Intelligenz und Ihrem schon erworbenen Verstehen geleitet. Die Geschicklichkeit, die hier verlangt ist, besteht in dem Wissen, wie man schon vorhandenes Wissen und Erfahrung als Verstehen nutzen kann, das die Inquiry informiert. Dann kann man so forschen, daß dieses intelligente Verständnis die Inquiry nicht blockiert oder Barrieren erzeugt, die sie begrenzen.
In jeder Inquiry muß man berücksichtigen, daß sich alles dauernd verändert, daß Erfahrung nie fixiert bleibt. Zum Beispiel erlebt man eine bestimmte Angst. Wenn man diese Erfahrung untersucht, begegnet man vielleicht einer gewissen Art Spannung oder einer bestimmten Bewertung. Man muß das in der Inquiry berücksichtigen, und man kann nicht die Angst ungeachtet neuer Faktoren weiter erforschen, denn die Erfahrung ist nicht mehr nur Angst. Abwehr wird sich einstellen und andere Zustände und Gefühle werden auftauchen, also wird sich die Inquiry auf eine intelligente Weise anpassen müssen, um auf dieses ständig wechselnde Szenario zu reagieren.
Inquiry kann so empfindlich sein, daß sie manchmal erkennt, daß sie eine Zeitlang aufhören muß. Man kann eine Stelle erreichen, wo man fühlt, daß es an der Zeit ist, keine Frage zu stellen, sondern nur in vollkommener Stille zu sein. Die Inquiry kann sich dann wieder spontan von sich aus und mit neuen, frischen Möglichkeiten melden.
Inquiry ist auch in ihrer Anwendung von Achtsamkeit und Konzentration intelligent. Inquiry verlangt die globale Bewußtheit von Achtsamkeit ohne Identifikation, damit man die ganze Situation sehen kann, mit der man arbeitet. Wenn man sich der ganzen Situation zuwendet, beginnt man Muster zu erkennen. Wenn man die Muster sieht, beginnt die Inquiry, sich darauf zu fokussieren und zu konzentrieren, wo die ganzen Muster hinführen. Eine Zeitlang wird die Richtung, in die die Muster führen, zum Gegenstand der Inquiry, dem man sich mit intensiver Konzentration zuwendet. Aber die Inquiry ist so intelligent, daß sie, selbst wenn sie sich konzentriert, immer noch aufmerksam ist, so daß es eine Antwort geben wird. Wenn man sich zum Beispiel darauf konzentriert, daß man Liebe fühlt, und dieses Gefühl untersucht, hat man vielleicht alle möglichen Reaktionen darauf, daß dieses Gefühl aufkommt. Ohne Achtsamkeit werden einem diese Dinge entgehen und man wird sie nicht berücksichtigen, wenn man den Zustand der Liebe untersucht.
Achtsamkeit und Konzentration kommen in unterschiedlichem Verhältnis vor, je nach dem, wie sich die Situation verändert, die man erforscht. Manchmal benutzt man bei der Inquiry als Hauptfähigkeit diese Achtsamkeit, und manchmal dominiert Konzentration. Manchmal enthält die Achtsamkeit ein Element von Konzentration. Ein anderes Mal wird Konzentration so dominant, daß ein Punkt erreicht wird, daß man Achtsamkeit vergißt. Aber im allgemeinen braucht man diese Achtsamkeit, und sie ist fast immer da, weil es sehr selten vorkommt, daß sich in unserer Erfahrung nur ein Einziges manifestiert. Ein Ding führt immer zu anderen Dingen, und all das verlangt die allgemeine und globale Bewußtheit von Achtsamkeit.
Die Kraft der Standpunktlosigkeit
Die Intelligenz, die wir in der Inquiry benutzen, ist die Intelligenz des Mysteriums des Seins. Diese Essenz von Sein ist die Null, die die Quelle aller Unendlichkeiten, die Unbestimmtheit, die die Quelle aller Bestimmungen und Unterscheidungen ist. Genauer gesagt, damit Intelligenz den Hyperdrive einschalten kann, muß sie in ihrem Kern die vollständige Offenheit der Unbestimmtheit, die absolute Leere der Essenz von Sein haben. Sonst wird Intelligenz durch die verschiedenen Ideen, Standpunkte und Konzepte im Kopf, durch unsere Vorstellungen davon begrenzt sein, was passieren und was sein kann.
Also muß Intelligenz als ihre Quelle diese Unbestimmtheit haben, dieses vollständige Mysterium, das ihr ihre maximale Kraft gibt, wo Intelligenz das ganze Verstehen, das ganze Wissen benutzen kann, das wir haben, ohne die Funktion dieser Intelligenz zu beschränken. Sie kann ihre Kraft, ihr Mitgefühl und ihre Zartheit oder Entschlossenheit nutzen, ohne die Einschränkungen durch vorgefaßte Meinungen oder schon etablierte Standpunkte oder Meinungen über das, was geschehen sollte. Sie ist ganz und gar flüssig.
Damit die Inquiry den Hyperdrive einschalten kann, muß sie also durch die Freiheit dieser nichtkonzeptuellen Offenheit angetrieben werden. Das führt darauf hinaus, daß man eine Inquiry macht, ohne eine Identität zu haben, da Identität darauf beruht, daß wir Standpunkte einnehmen. Wir nehmen einen Standpunkt ein, um ein Gefühl von Identität zu etablieren. Keinen Standpunkt zu haben, bedeutet also, daß wir keine Identität haben können. Das ist der Grund, weshalb die Essenz des Seins, das Absolute, die Erfahrung ist, keinen Standpunkt zu haben.
Wenn der innere Kern von Intelligenz diese absolute Unbestimmtheit ist, dann fließt die Inquiry, ohne von einem etablierten Standpunkt auszugehen. Man geht nicht einmal von der Sichtweise aus, daß man ein Mensch ist – und nicht einmal, daß man überhaupt existiert. Die nächste Dimension könnte vollständige Nichtexistenz sein. Wie also soll man zu dieser Dimension gelangen, wenn man auf dem Standpunkt steht, daß man existiert? Zu glauben, man existierte oder daß überhaupt irgend etwas existiert, könnte zu einer Barriere werden. Aber Unbestimmtheit sagt nicht, es gäbe entweder Existenz oder Nichtexistenz. Sie sagt überhaupt nichts. Unbestimmtheit bedeutet, daß man keinen Standpunkt einnimmt. Absolut keine Aussage, vollkommene Freiheit.
Während einiger Etappen kann die Reise sowohl räumlich als auch hyperspatial sein. Man wechselt ab: Der Powerdrive dient als Hauptantriebssystem, und ab und zu, wenn die Identität nicht so fixiert ist, benutzt man den Hyperdrive. Sobald sich das Identitätsgefühl aber wieder behauptet, muß man zum Gebrauch des Powerdrives zurückkehren. Dann bewegt man sich noch einmal mit Unterlichtgeschwindigkeit, und die Reise ist auf eine einzige Dimension beschränkt. Um eine andere Dimension zu erreichen, muß man seine Identität verlieren, denn die Tatsache, daß man die Dimensionen wechselt, bedeutet, daß man seinen Standpunkt aufgeben muß.
Je offener wir also bei unserer Inquiry sind und je offener das Ende der Inquiry wirklich ist, um so mehr können wir den Hyperdrive einschalten. Die Entfaltung unserer Seele wird dann natürlich und mühelos. Wir können uns leicht von einer Dimension zur anderen bewegen, denn unser Denken ist nicht davon eingeschränkt, was wir für Realität halten. Dann wird Sein nicht überredet, sondern es manifestiert sich einfach natürlich und frei, und wir reisen in vollkommener Freiheit. Auf der ersten Reise, wenn wir noch den Powerdrive benutzen, müssen wir uns anstrengen, wir müssen kämpfen und uns disziplinieren. Zu dem Zeitpunkt kann Inquiry nur mit disziplinierter Entschlossenheit, innerer Verpflichtung und Hingabe und mit Stärke, mit der gezielten Anwendung unserer Intelligenz stattfinden. Wir müssen unsere eigene Kraft benutzen. Wenn aber der Hyperdrive eingeschaltet ist, finden Spontaneität und Fließen statt. Wir wissen nicht, wohin es geht; alle Bewegung wird spontan, und unser Raumschiff ist zum Raumkreuzer geworden, der Freude daran hat, von einem Sternsystem zum anderen zu ziehen.
Inquiry kann aber so offen und frei sein, daß sie manchmal sogar eine Zeitlang bestimmte Fixierungen oder Standpunkte zuläßt. Standpunkte sind verschiedene Zustände, die man erfahren kann: „Ich bin dies, ich bin das. Ich bin Frieden, ich bin Stille, ich bin Liebe, ich bin Raum…“ Inquiry kann mit ihrer Intelligenz erkennen, daß einer dieser Standpunkte eine Zeitlang vielleicht nützlich sein könnte. Wenn man also einen Wert darin sieht, zeitweise einen bestimmten Standpunkt einzunehmen, wird das eigene Sein einem das erlauben. Innerhalb der Perspektive der Unerschöpflichkeit kann man einen Standpunkt einnehmen, aber man hält nicht an ihm fest, man kann ihn wieder aufgeben. Die Bewegung von einem Standpunkt zu einem anderen muß frei bleiben. In diesem Sinn ist die unendliche Zahl von Standpunkten selbst die Unerschöpflichkeit.
Ganz gleich, welche Form Inquiry annimmt, sie reagiert immer auf die Entfaltung des Seins, weil sie eine Anrufung, eine Beschwörung dieser Entfaltung ist. Inquiry ist auf eine grundlegende Weise von der Entfaltung untrennbar. An einem bestimmten Punkt werden Inquiry und die Entfaltung eins: Das ist der Prozeß der Manifestation, der Prozeß des Seins, das manifestiert, was es zu manifestieren liebt. Das ist der Punkt, an dem man die dritte Reise beginnt. Wenn der Hyperdrive vollkommen etabliert ist, wird die Erfahrung zu einer ununterbrochenen Entfaltung im ewigen Jetzt. Das ist das, was wir den Superluminal Drive genannt haben.
Wir werden den Superluminal Drive hier nicht weiter besprechen. Wir haben ihn vor allem erwähnt, um ein vollständiges Bild von der Bewegung durch die drei Reisen zu geben, und weil es nützlich ist zu verstehen, daß eine Form von Inquiry möglich ist, die im üblichen Sinne nicht einmal Inquiry genannt werden kann. Wenn man sich schließlich auf die dritte Reise macht, ist das, was die Entfaltung einlädt, von dieser Entfaltung selbst vollkommen untrennbar. Das ist nicht-duale Realisierung, bei der die Erfahrung reine Erleuchtung und Entfaltung ist, wo jeder Augenblick eine spontane Inquiry, eine Enthüllung der Unerschöpflichkeit des Seins ist.
Teil 2
Die grundlegenden Elemente der Inquiry
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Gewöhnliches Wissen
Wenn unser Sein frei ist, entfaltet es sich spontan und enthüllt seine Geheimnisse und seinen unerschöpflichen Reichtum. Wir können in einem Strom von Offenbarung vielerlei Art, vieler Farben, vieler Qualitäten, vieler Fähigkeiten und vieler Arten von Erfahrung leben. Um uns auf die Art Inquiry einzulassen, die dieses dynamische Mysterium unterstützt und an ihm teilhat, wird es hilfreich sein, die Beziehung zwischen Wahrheit, Verstehen und Wissen kennenzulernen und zu würdigen. Diese Beziehung läßt sich so beschreiben: Inquiry lädt durch Enthüllung von Wahrheit Verstehen ein und transformiert dadurch Wissen. Um anzufangen zu wissen, was das bedeutet, werden wir die Frage betrachten: Was ist Wissen?
Wissen, Verstehen und Wahrheit
Diese Einladung/Enthüllung/Transformation – dieses Entfalten der Seele – ist das, was wir das Abenteuer des Seins nennen: die Reise ohne Ende oder bestimmtes Ziel in unserem Raumschiff Inquiry zu den fernsten Gegenden des Raumes. Um an diesem Abenteuer teilnehmen zu können, müssen wir eingehender und genauer erfassen, was Wissen ist und wie es für unsere Inquiry relevant ist.
Wenn Sie Ihre Erfahrung in irgendeinem beliebigen Moment anschauen, werden Sie sehen, daß sie eine Art Wissen ist. Erfahrung ist untrennbar von Wissen und sogar eigentlich ganz und gar Wissen. Erfahrung ist so mit Wissen verwoben, daß Sie zum Beispiel nicht sagen können: „Mein Knie schmerzt,“ ohne das Wissen davon, daß Sie ein Knie haben, was ein Knie ist, was Schmerz ist, und die verschiedenen anderen Stücke von Information, die Ihre Erfahrung ausmachen, daß Ihr Knie weh tut. Man kann nicht sagen, fühlen oder denken: „Ich fühle mich von Dir geliebt“, ohne zu wissen, da ist ein Du, da ist ein Ich, da ist Liebe und wie sich Liebe anfühlt oder was Liebe bedeutet. All das ist Wissen. Sogar das Nichtwissen, das Nicht-Kennen der Erfahrung ist Wissen. Sogar: „Ich weiß nicht, was mit mir los ist“ ist Wissen.
Was ist dann Verstehen? Wie unterscheidet es sich von Wissen? Verstehen bedeutet, daß man nicht nur Wissen von dem hat, was geschieht, daß man nicht nur die Erfahrung hat, sondern daß man auch mit der Bedeutung der Erfahrung in Kontakt ist. Da ist nicht nur das Wissen der Tatsache der Erfahrung an sich, sondern auch eine kognitive Würdigung ihrer Bedeutung. Sie sitzen zum Beispiel mit jemandem zusammen und fühlen sich unbehaglich. Das ist Erfahrung, und sie ist immer mit Wissen verbunden. An einem bestimmten Punkt stellen Sie die Frage: „Warum fühle ich mich unbehaglich?“ Sie bleiben bei dieser Frage, bis Sie etwas Wahres sehen, das Sie vorher nicht gesehen haben – vielleicht möchten Sie mit dieser Person ins Bett gehen, haben aber Angst, das zu sagen. Sie haben Angst, das auch nur zu wissen. Das ist die Wahrheit, die Sie vorher nicht sahen, die Ihrem Unbehagen Bedeutung gibt.
In dem Moment, in dem Sie diese Wahrheit erkennen – die ein bestimmtes Element von Erfahrung ist, das Ihnen unbekannt war und das der Erfahrung eine vollere Bedeutung oder Bedeutsamkeit verleiht –, transformiert sich die Erfahrung. Ihnen wird bewußt, wie erregt Sie sind und wieviel Angst Ihnen die Tatsache macht, daß Sie erregt sind. Aber erregt zu sein ist auch Wissen, so wie Angst.
Inzwischen hat sich Ihre Erfahrung also von einer Sache zu einer anderen verändert. Wir können auch sagen, daß das, was sich transformiert hat, Wissen ist. Diese Transformation von Wissen, durch die mehr von der Bedeutung Ihrer Erfahrung enthüllt wird, nennen wir Verstehen. Verstehen ist demnach der dynamische, kreative Fluß von Wissen im Sinne von knowledge und knowing. Wissen transformiert kreativ durch das Sehen von Wahrheit, und die Wahrheit ist das, was das Wissen von einer Form zu einer anderen transformiert, indem sie es zu einer tieferen, volleren und bedeutsameren Ebene bringt. Andererseits verändert sich die Erfahrung nicht, wenn Sie nicht erkennen, daß Sie sich unbehaglich fühlen, weil Sie mit der anderen Person ins Bett gehen wollen. Sie wird sich jedes Mal wiederholen, wenn Sie mit diesem Menschen zusammen sind. Dann sagen wir, daß Sie Ihre Erfahrung nicht verstehen. Es gibt also, wenigstens in diesem Fall, einen direkten Zusammenhang zwischen Wahrheit, Wissen und Verstehen.
Ein anderes Beispiel: Sie merken, wenn Sie achtsam auf Ihre Erfahrung sind, daß es für Sie wichtig ist, erfolgreich zu sein, und daß Sie im Laufe der Jahre auf vielerlei Weise dem Erfolg nachgejagt haben. Wenn Sie diese Tendenz erforschen und für dieses Thema Erfolg offen sind, wird Ihnen vielleicht eine Unruhe bewußt, die Sie treibt. Sie können nicht still sitzen, und wenn Sie einmal für eine kurze Zeit einfach nur da sitzen, werden Sie unruhig, stehen dann auf und tun etwas. Diese Unruhe ist ein neues Stück Wissen, das Ihre Erfahrung transformiert. Sie haben jetzt mehr als nur das Wissen, daß Sie einfach aufstehen und etwas tun. Wenn Sie im Hinblick auf diese Unruhe neugierig sind, könnten Sie sich fragen: „Wie kommt das?“, und dann könnte es sein, daß Sie anfangen, darunter eine Leere zu erkennen. Dies ist eine neue Wahrheit, die Sie gefunden haben: Es ist diese unterschwellige Leere, die Sie in Richtung Erfolg treibt.
Also verändert sich die Wahrheit: Die erste Wahrheit, die Sie entdeckten, war die Unruhe, die nächste Wahrheit war die Leere. Beide Wahrheiten sind relativ: Jede ist wahr, während sie sich ereignet, aber später ist sie nicht mehr relevant. Und wenn Sie die Leere mit derselben Offenheit und demselben Interesse erforschen wie jene, die Sie bei der anfänglichen Erfahrung der Ruhelosigkeit hatten, könnten Sie erkennen, daß die Leere Ihnen das Gefühl vermittelt, Sie seien kein kompetenter Mensch, weil Sie sie als einen Mangel an Fähigkeit oder Kompetenz interpretieren. Wieder lädt die Inquiry die Wahrheit ein, und Wahrheit transformiert Wissen, und das führt zu Verstehen.
Dynamismus und gewöhnliches Wissen
Unsere Offenheit für die Erscheinungen unserer Seele gibt dem Sein den Raum und die Freiheit, sich kreativ zu entfalten, und enthüllt dabei seine verborgenen Möglichkeiten. Wenn man es seinen eigenen Ressourcen überläßt, entfaltet sich das Sein spontan auf eine kreative Weise und offenbart dabei, was immer innerlich zu ihm gehört, was in ihm steckt. Diese kreative Entfaltung ist eine natürliche Eigenschaft unseres Seins. Das bedeutet, daß Ihr Sein, wenn Sie es nicht einschränken oder es zu lenken oder einzuengen versuchen, von sich aus kreativ sein wird, indem es Ihrer Offenheit präsentieren wird, was immer an Möglichkeiten als Potential in ihm steckt. Was enthüllt wird, können unterdrückte schmerzhafte Erinnerungen aus der Vergangenheit, neuere Fähigkeiten und Fertigkeiten oder sogar neue Dimensionen von Erfahrung sein.
Da unser Sein dynamisch ist und dazu tendiert, unsere Erfahrung zu optimieren, ist es einleuchtend, daß man Offenheit für die Entfaltung braucht, zu der es als Ergebnis unserer Inquiry kommt. Offenheit impliziert ein Vertrauen in die Intelligenz und Liebe (lovingness), die diesen Dynamismus kennzeichnen: „Ich vertraue darauf, daß mein Sein sich so bewegen wird, wie es für es am besten ist, warum sollte ich mich also einmischen? Das erlaubt mir, wirklich für es offen zu sein.“ Die Offenheit wird zu einer Einladung.
Die optimierende Kraft des Seins kann jedoch ins Stocken gekommen sein, und dann bleiben wir in zyklischer Wiederholung, in einer zwanghaften Wiederholung alter Muster und schaler Eindrücke stecken. Das ist die fixierte und starre Trägheit konventioneller Erfahrung. Was ist für diese Fixierung verantwortlich?
Um das zu beantworten, müssen wir verstehen, daß Wissen in unterschiedlichen Formen vorkommt, von denen die üblichste gewöhnliches Wissen (ordinary knowledge) ist. Gewöhnliches Wissen ist das, was im allgemeinen mit dem Wort „Wissen“ gemeint ist – das ganze Wissen, das man in seinem Kopf hat. Wann immer Wissen zu einer Erinnerung wird, ist es gewöhnliches Wissen. Es ist die Totalität der Informationen, die man angesammelt hat: Dinge, die man in der Schule gelernt hat, und Dinge, die einem erzählt wurden oder die man gelesen hat, wie auch das, was man aus eigener direkter Erfahrung gelernt hat.
Zum Beispiel hat man aus Erfahrung gelernt, daß man einen Körper hat. Das ist gewöhnliches Wissen. Es wurde einem gesagt, man sei dieser Körper, und auch das wird zu erinnertem Wissen. Wenn man nun das Konzept, daß man der Körper ist, nimmt und an diesem gewöhnlichen Wissen als Wahrheit festhält, wird das die Offenheit für den kreativen Dynamismus einschränken. Man wird nicht dafür offen sein, daß dieser Dynamismus aufdeckt, daß man nicht ein Körper, sondern etwas anderes ist – beispielsweise Bewußtsein. Dieses Beispiel macht es leicht zu verstehen, daß unser optimierender Dynamismus aufgrund unserer Identifikation mit Bildern, Strukturen, Meinungen, Einstellen, Konzepten, Meinungen, Vorlieben, Vorurteilen und so weiter zum Stillstand kommt – alles Formen gewöhnlichen Wissens. Das vereitelt und entstellt die kreative Entfaltung unseres Seins.
Mit anderen Worten, unsere Offenheit für den Dynamismus ist dann eingeschränkt, wenn wir an dem festhalten, was wir gewöhnliches Wissen nennen, besonders dann, wenn wir dieses Wissen für die letzte Wahrheit halten, für eine Wahrheit, die ewig gültig sein sollte. Wenn wir unser gewöhnliches Wissen für eine getreue Beschreibung der Realität halten, errichten wir Mauern um unsere uns an sich eigene Offenheit.
Unsere vergangene Erfahrung als ganze, die angenehme wie auch schmerzliche Eindrücke umfaßt, wird zum Inhalt gewöhnlichen Wissens, das schließlich unsere Erfahrung strukturiert und sie mit Mustern versieht. Es ist wahr, daß sich Sein immer entfaltet – der Dynamismus kann nicht angehalten oder vollständig unterdrückt werden. Aber er entfaltet sich entweder frei oder auf eine entstellte Weise. Wenn Starrheit unsere Erfahrung auf eine fixierte Weise prägt, entstellt das die Manifestation des Dynamismus, und die Kreativität unseres Seins zeigt sich auf verdunkelte, stumpfe und ungeordnete Weise. Durch Verstehen dieser Entstellungen enthüllen wir die Qualitäten von Sein, die durch diese Entstellungen blockiert sind, und helfen uns damit zu sehen, wie die Kreativität des Seins selbst entstellt und eingeengt wird.
Was auch immer auftaucht, es ist die Manifestation des Seins und hat immer eine Bedeutung, sei sie entstellt und gezwungen oder frei und offen. Die Entstellungen, einschließlich emotionalen Schmerzes und emotionaler Schwierigkeiten, sind nichts als die Erscheinungen des Dynamismus des Seins, die durch den Filter unseres gewöhnlichen Wissens hindurch geschehen. Fixierte Meinungen, innere Haltungen und Sichtweisen, die vor allem auf Strukturen und Abwehrmechanismen des Egos beruhen, behindern und entstellen den Fluß. Man endet bei einer schmerzhaften, eingeengten und düsteren Wiederholung alten Wissens.
Die Inquiry aktiviert die optimierende Kraft des Dynamismus und ruft sie an und lädt damit das Sein ein, seinen verborgenen Reichtum zu zeigen. Inquiry öffnet unser Wissen, in dem sie es herausfordert, in Frage stellt und versteht, und das geschieht, indem sie die Wahrheit sieht, die unsere Erfahrung transformiert, verjüngt und vertieft. Durch das Verstehen der Entstellungen können wir sehen und zu dem gelangen, was das Sein zu entfalten versucht. An einem bestimmten Punkt wird diese Entfaltung in reinen Manifestationen erscheinen – als die direkte, unverschleierte Erfahrung wahrer Natur.
So eine Erfahrung wahrer Natur transformiert unser direktes Wissen, indem sie es zu neuen und frischen Dimensionen bringt. Die Transformation unserer Erfahrung ist also die Transformation unseres Wissens.
Realität und gewöhnliches Wissen
Unsere Erfahrung wird vor allem durch Selbstbilder und verinnerlichte Beziehungen aus der Vergangenheit bestimmt und geprägt. Diese Bilder und Erinnerungen bilden den größten Teil des Inhalts unseres gewöhnlichen Wissens.
Gewöhnliches Wissen ist nicht an sich für unsere Entfaltung einengend. Der Grad von Freiheit oder Einschränkung hängt aber davon ab, wie wir mit ihm umgehen. Wir brauchen gewöhnliches Wissen für das praktische Leben, beispielsweise um unser Auto wiederzufinden, wenn wir ins Parkhaus kommen. Ohne gewöhnliches Wissen würden wir nicht wissen, welches Auto uns gehört, wie wir es anlassen oder wie wir fahren sollen. All das ist gewöhnliches Wissen. Diese Art Wissen sorgt für die notwendige Begleitung und Führung in unserem täglichen Leben. Das Problem ist, daß wir dazu neigen, es für mehr als das zu benutzen. Zum Beispiel ist es nützlich, sich sein Fahrzeug als getrenntes Objekt zu denken, das man fahren kann. Wenn man aber an dieser Sichtweise als endgültig festhält, wird man nie zu kosmischem Bewußtsein gelangen, denn kosmisches Bewußtsein offenbart die darunter liegende Einheit von allem.
Gewöhnliches Wissen ist also nützlich, aber wir müssen unsere wahre Beziehung zu ihm und seine Beziehung zur Realität sehen. Wir müssen es als vorläufige Kategorisierung der Realität betrachten, nicht aber als endgültig und universell anwendbar. Die Tatsache, daß ich ein Körper bin, ist nützlich, wenn ich die Straße überquere, aber nicht nützlich, wenn ich schlafe. Ich brauche nicht zu denken, daß ich ein Körper bin, wenn ich schlafe. Es spielt keine Rolle, wofür ich mich halte, wenn ich schlafe. Aber die meisten von uns werden weiter glauben, daß wir auch in unserem Schlaf und während unserer Träume der Körper sind.
All unsere Vorurteile, Überzeugungen, Einstellungen und Vorlieben, all unsere Ego-Strukturen und unsere Identifikationen sind entweder gewöhnliches Wissen oder beruhen auf gewöhnlichem Wissen. Das Festhalten an diesem gewöhnlichen Wissen – die Ansicht, daß ein bestimmter Bereich gewöhnlichen Wissens für jeden Augenblick und in alle Ewigkeit als absolute Wahrheit gültig sein wird –, schränkt unsere Offenheit ein und hindert den Dynamismus daran, die optimierende evolutionäre Kraft einzusetzen.
Zum Beispiel zu glauben, daß ich nicht ein Körper bin, sondern einen Körper habe, ist an einem bestimmten Punkt sehr nützlich, wenn ich anfange, mein Körperbild zu erkennen, und lerne, mit ihm umzugehen. Wenn ich zu erkennen beginne, daß ich mit einem Körperbild identifiziert bin, wird mir damit möglich zu erkennen, daß ich ein Bewußtsein oder eine räumliche Weite bin, die einen Körper hat. Diese Einsicht kann sich an einem bestimmten Punkt als Wahrheit manifestieren, die dann meine Erfahrung transformiert. Aber diese Wahrheit ist nicht endgültig. Ein oder zwei Jahre später beginne ich vielleicht, bestimmte Probleme zu haben, und ich erkenne, daß sie da sind, weil ich eine Trennung zwischen meinem Körper und meiner Seele vornehme. Ich denke, daß ich eine Seele bin, die einen Körper hat, oder ein Körper, der eine Seele hat. Damals war es für mich nützlich zu erkennen, daß ich eine Seele bin, die einen Körper hat, aber ein Jahr später wird diese Wahrheit zu etwas Falschem, weil ich dann erkenne, daß der Körper nichts anderes als eine Manifestation der Seele ist. Es gibt keinen von der Seele getrennten Körper. Die Seele hat keinen Körper wie einen Besitz; der Körper ist so sehr Teil der Seele, wie meine Gefühle Teil der Seele sind.
Wenn ich an der Einsicht festhalte, daß „ich eine Seele bin, die einen Körper hat“ – was eine Wahrheit, eine neue Manifestation von Wissen war, die einmal meine Erfahrung verändert hat –, wird sie zu gewöhnlichem Wissen. Und wenn ich an dieser Einsicht als an einer letzten Wahrheit festhalte, wird eine Zeit kommen, wenn sie meine Offenheit einschränkt, und dann wird der Dynamismus meiner Entfaltung nicht in neue Dimensionen von Erfahrung fließen. Wahrheit ist also etwas, das wir im Moment erkennen, aber es ist nicht etwas, an dem wir ewig festhalten müssen. Wir müssen gewöhnliches Wissen als vorläufig ansehen, und das schließt alles ein, was immer wir als Wahrheit denken und erfahren, denn es könnte sein, daß sie im nächsten Augenblick nicht mehr gilt.
Die Wahrheit ist demnach ein sich bewegender Punkt. In dem Moment, in dem Wahrheit zu Wissen wird, wird sie schnell zu dem, was ich gewöhnliches Wissen nenne. In dem Moment, in dem die Bestandteile gewöhnlichen Wissen zu festen Standpunkten und festen Meinungen von einem selbst und der Realität werden, werden sie für die Inquiry zu Barrieren. Wissen wird dann zu einer Barriere für die Offenheit, die gerade das Herz der Inquiry ist. Wir können daher sagen, daß es bei Verstehen und Transformation darum geht, unsere Erfahrung von altem Wissen, von gewöhnlichem Wissen zu befreien.
Inquiry und gewöhnliches Wissen
Um Inquiry und das zu verstehen, was zu erforschen und was der Sinn der Inquiry ist, müssen wir verstehen, wie gewöhnliches Wissen die Entfaltung verhindern und den Dynamismus entstellen kann.
Zu gewöhnlichem Wissen gehört alles, was wir über uns und die Realität denken, wofür wir uns und die Realität halten, was wir zu wollen und was wir nicht zu wollen glauben. Alles, was wir in einem begrifflichen Rahmen fassen, ist gewöhnliches Wissen. Gewöhnliches Wissen besteht also aus alten Kategorien, Informationen, Meinungen, Philosophien, Ideologien, Einstellungen – aus allem, was wir zu wissen glauben und für Wahrheit halten.
Normalerweise erleben wir uns durch den Schleier dieses Wissens hindurch, so daß unsere Erfahrung von uns selbst und von allem anderen nicht ein unmittelbarer, direkter, freier und spontaner Kontakt mit dem ist, was ist. Sie ist indirekt und durch Wissen gefiltert, und dieses Filtern ist zum großen Teil das, was die Erfahrung mit Mustern versieht. Der Filter prägt unsere Erfahrung in einem Grad, der uns erschrecken würde, wenn wir es merken würden.
Zum Beispiel mustert unser Wissen unsere Erfahrung in dem Maße, daß wir wirklich eine physische Realität erleben. Wir glauben schließlich, daß es so etwas wie physische Realität und physische Materie gibt. Im Grunde sind wir vollkommen davon überzeugt, daß physische Realität eine fundamentale Wahrheit ist. In objektiver Realität gibt es so etwas wie die physische Welt, die wir kennen, nicht. Wenn wir unseren Körper ohne den Filter gewöhnlichen Wissens erleben, dann werden wir keinen physischen Körper, sondern ein fließendes Muster von Leuchten erfahren. Unsere Erfahrung ist so konditioniert und bestimmt, daß wir nicht nur glauben, daß wir einen Körper haben und ein Körper sind, wir glauben an etwas noch Fundamentaleres, das diesem Glauben zugrundeliegt: daß der Körper der Körper ist, für den wir ihn halten. Für die meisten Menschen ist das absolut wahr: Der Körper ist physische Materie, die geboren wird und schmerzt und stirbt. Wie sollten wir aus diesem Blickwinkel auf die Idee kommen, ihn als ein fließendes Muster eines Leuchtens zu sehen? Das ist nur ein vielleicht etwas extremes Beispiel dafür, wie weit diese Prägung durch gewöhnliches Wissen geht.
Während der Anfangsphasen ist der Prozeß der Inquiry vor allem eine Untersuchung gewöhnlichen Wissens. Warum? Weil sie eine Untersuchung unserer augenblicklichen Erfahrung ist und weil, wenn wir eine Erfahrung machen und ihre Bedeutung nicht wissen, uns das sagt, daß darin ein Stück gewöhnlichen Wissens enthalten ist, das wir noch nicht sehen. Wenn wir unsere gegenwärtige Erfahrung erforschen, erforschen wir also eigentlich, wie gewöhnliches Wissen sie prägt.
Ein gutes Beispiel dafür wurde oben erwähnt: Ihre unbewußte Überzeugung, daß Sie ein unfähiger Mensch sind, die Ihrem Drang nach Erfolg zugrundeliegt. Diese unbewußte Überzeugung ist ein Teil gewöhnlichen Wissens, das in Ihrer gegenwärtigen Erfahrung enthalten ist und das diese Erfahrung bestimmt, ohne daß Sie wissen, daß es da ist. Aufgrund dieser Einsicht erkennen Sie, wie Ereignisse, die in Ihrer Kindheit geschahen – vielleicht wurden Sie von Ihren Lehrern herabsetzend behandelt, oder Ihre Eltern glaubten nicht, daß Sie irgend etwas gut machen könnten –, Sie dazu brachten, von sich zu glauben, Sie seien unfähig. Das wurde zu einem Selbstbild, das sich Ihrem Verstand einprägte und das ein Stück gewöhnlichen Wissens ist. Das prägt jetzt Ihre Erfahrung in der Weise, daß Sie ständig dem Erfolg nachjagen müssen. Die Untersuchung der gegenwärtigen Erfahrung bedeutet also häufig erst einmal, daß man untersucht, wie gewöhnliches Wissen die eigene Erfahrung prägt.
Eine Untersuchung der Weise, wie unser gewöhnliches Wissen unsere Erfahrung bestimmt, prägt und einschränkt, befähigt uns, eine andere Herangehensweise an den Inhalt dieses Wissens zu lernen. Gewöhnlich nehmen wir unser Wissen als das, was bestimmt und die Grenze für das setzt, was möglich ist und was man wissen kann. Wenn wir aber die Unbestimmtheit, die Offenheit von Inquiry verstehen, lernen wir mit der Zeit, das Wissen nicht als Grenze, sondern als einen Hinweis zu nehmen. Wir können unsere Worte, Begriffe und Gedanken als Hinweise auf die Wahrheit, auf das, was möglich ist, benutzen, statt als Grenzen dessen, was gewußt werden kann. „Dies ist eine Möglichkeit“, statt: „Das ist es, was Du finden wirst“.
Wenn wir unsere Erfahrung erforschen können, indem wir Wissen als Hinweis verwenden, wird es zu einem Hilfsmittel, zu einer Art Führung. Zum Beispiel wissen wir, daß Wut oft eine Verletzung verdeckt. Aus wiederholter Erfahrung wird das zu Wissen. Wie benutzen wir dieses Wissen, wenn wir das nächste Mal auf Wut stoßen? Sagen wir: „Da muß es eine Verletzung geben. Die will ich finden“? Oder sind wir, statt diese automatische Annahme zu machen, für die Möglichkeit offen, daß es da eine Verletzung gibt, die dann unsere Untersuchung leiten könnte? Wenn Sie annehmen, daß Sie verletzt sind, könnten Sie sich irren, denn hin und wieder liegt einer Wut keine Verletzung zugrunde. Es gibt immer Ausnahmen. Wissen kann auf eine Weise benutzt werden, die unserer Inquiry hilft, aber gewöhnlich benutzen wir es auf eine Weise, die unsere Inquiry begrenzt und bindet.
Wahrheit und gewöhnliches Wissen
Gewöhnlich setzen wir Wissen mit Wahrheit gleich, sonst nennen wir es Unwahrheit oder Falschheit. Wissen ist aber nicht wirklich Wahrheit, denn Wahrheit existiert immer im Moment. Wahrheit ist dynamisch und in gewissem Sinn geheimnisvoll. Wir können sie nie fixieren und statisch machen.
Viele Probleme entstehen, wenn man Wissen für Wahrheit hält. Das erste ist, daß das, was man glaubt, und daß Informationen unrichtig sein können. Das ist nicht ungewöhnlich, wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt. Wissenschaft besteht aus einer Reihe von Annäherungen, die immer wieder korrigiert werden. Wir bewerten unser Wissen zum Beispiel in der Physik oder Mathematik gewöhnlich als absolutes Wissen oder absolute Wahrheit, während es sich in Wirklichkeit nur um eine Annäherung handelt. Es gab eine Zeit in der Geschichte, da glaubte man, die Erde würde auf dem Rücken einer Schildkröte fortbewegt. Das war eine weit verbreitete Theorie. Wenn jemand die Theologen – die Wissenschaftler der damaligen Zeit – fragte: „Worauf befindet sich diese Schildkröte?“ war die Antwort: „auf dem Rücken einer anderen Schildkröte“. Später glaubte man, die Erde sei flach. Es galt als wissenschaftlich bewiesen: Wissenschaftler schauten so weit sie konnten und stellten fest, daß sie flach ist. Zu der Zeit war das die Wissenschaft, und für eine Weile funktionierte das ganz gut, es war nützliches Wissen.
Das zweite Problem ist, daß indirektes Wissen – Wissen, das man von anderen Menschen bekommt – kein wahres Wissen ist, auch wenn es korrekt ist. Es ist noch nicht das, was wir persönliche Wahrheit nennen, es ist noch keine Wahrheit, die auf eigener Erfahrung oder Wahrnehmung beruht. Leute erzählen einem Dinge, man lernt Dinge in der Schule, man hört und liest Dinge. Alles das ist nicht wahres Wissen, es ist nur Glauben und Überzeugung aus zweiter Hand, Meinungen, die man in gutem Glauben übernimmt. Hier gibt es keine Gewißheit, und doch kann dieser Glaube einen daran hindern, Realität auf eine andere Art wahrzunehmen. Beispielsweise glauben wir alle, daß unser Körper aus Atomen zusammengesetzt ist. Wissen wir das wirklich? Wir haben es gehört, in Chemiebüchern gelesen, aber es ist nicht unmittelbares Wissen. Wir wissen es nicht wirklich. Es ist Wissen, das auf Glauben beruht. Es war bei der Entwicklung unserer Technik nützlich zu denken, daß unser Körper aus Atomen besteht, aber wenn unsere Wissenschaftler das für absolute Wahrheit hielten, würde unsere Wissenschaft keine Fortschritte machen.
Das dritte Problem besteht darin, daß in uns die Gewohnheit etabliert wird, unsere eigene Intelligenz nicht zu gebrauchen, wenn wir uns auf Informationen und Annahmen verlassen, die von anderen stammen. Dann werden unsere Fähigkeit, zu wissen, und unsere Liebe zum Wissen auf Weisen geschwächt, die wir nicht einmal bemerken, besonders im Hinblick darauf, wie wir uns selbst erleben und kennen. Das ist der Grund, weshalb es wichtig ist, durch eigene unmittelbare Erfahrung und eigenes Wissen herauszufinden, was wahr ist. Wenn man nur auf andere hört, trainiert man nicht die eigenen Muskeln der Inquiry oder die eigene Intelligenz. Wenn man an indirektem Wissen festhält – und damit zufrieden ist –, unterbricht man die Verbindung mit der Unmittelbarkeit der eigenen Erfahrung.
Unsere Arbeit hat also mit der Inquiry, mit der Erforschung genau des Bewußtseins und des Wahrnehmungsvermögens unserer Erfahrung zu tun. Wir müssen uns immer mehr auf unser eigenes unmittelbares, direktes Wissen verlassen. Aber auch wahres Wissen, das auf unserer eigenen Erfahrung beruht, besteht aus Begriffen, Bezeichnungen, Vorstellungen, Bildern usw. Es existiert also nur als eine Erinnerung. Wenn Sie zum Beispiel an sich selbst arbeiten und die Erfahrung machen, daß Sie ein Ozean von Bewußtsein sind, dann ist das ein wahres, unmittelbares Wissen von Ihrem Bewußtsein. Aber im nächsten Moment ist es nur eine Erinnerung, ein Bild, ein Begriff, eine Vorstellung, ein Eindruck aus der Vergangenheit. Es ist insofern wahres Wissen, als Sie es unmittelbar bekommen haben, aber es wird sofort zu gewöhnlichem, zu altem Wissen.
Wenn Sie weiter denken, daß Sie ein Meer von Bewußtsein sind, wird Sie das von Ihrer unmittelbaren Erfahrung trennen, auch wenn diese Aussage sowohl wahr ist als auch aus der Erfahrung gewonnen ist. Diese Begriffe, Bezeichnungen und Vorstellungen, die aus unserem direkten und wahren Wissen stammen, müssen als Symbole oder Hinweise auf die Realitäten angesehen werden, auf die sie sich beziehen. Sie sind nicht die Wahrheit. Wenn Sie von Ihrer Erfahrung sprechen, ein Meer von Bewußtsein zu sein, dann ist der Bericht dieser Erfahrung nicht die Wahrheit. Er ist nur dann Wahrheit, wenn er die unmittelbare Erfahrung von essentieller Realität jetzt, in diesem Moment wiedergibt. Ihre unmittelbare Erfahrung ist vielleicht überhaupt nicht Erfahrung von Essenz oder von Essenz, die sich auf die gleiche Weise manifestiert. Wenn Sie an dem Gedanken festhalten: „Ich bin Essenz“, wird dieser Gedanke zu einer weiteren Selbstrepräsentanz, einem weiteren Selbstbild. Vielleicht ist Ihre Erfahrung in diesem Augenblick eine Erfahrung von Raum oder Liebe oder einfach die eines plumpen Körpers. Auch wenn Sie eine authentische Erfahrung von Essenz gehabt haben und Sie sich dann mit ihr durch gewöhnliches Wissen identifizieren, trennt Sie das von der unmittelbaren Erfahrung ihrer Wirklichkeit und ihrer Präsenz. Das ist deshalb so, weil die Erfahrung von Essenz die Unmittelbarkeit der Erfahrung Ihres Seins ist und weil Sie durch einen erinnerten Begriff keine Verbindung zu dieser Unmittelbarkeit herstellen können.
Manche Konzepte, wie das eines essentiellen Selbst, sind manchmal unter gewissen Umständen und für bestimmte Zwecke nützlich, aber nicht immer. Wenn man jeden Begriff für jederzeit anwendbar hält, wird er zu etwas Starrem, das den Dynamismus einfriert und die Offenheit der Inquiry blockiert und verschließt.
Die Transformation von Wissen ist aber ein viel umfassenderer Prozeß als nur die Transformation des alten Wissens, das unsere Erfahrung in diesem Augenblick prägt. Das Verstehen klärt uns auf, wie unsere gegenwärtige Erfahrung durch die Vergangenheit, durch altes Wissen gemustert ist. Dieses Verstehen, das durch die Enthüllung von Wahrheit entsteht, befreit unsere Erfahrung dafür, sich frisch und spontan zu entfalten. Dann wird unsere Erfahrung unmittelbarer und intimer.
Übung Ihre bisherige Erfahrung mit Inquiry
Mit diesem Kapitel beginnen wir in diesem Buch mit einer fortlaufenden Struktur, Übung genannt. Sie ist eine Unterstützung für Sie dabei, den Prozeß der Inquiry selbst zu erleben. Wir werden Ihnen bestimmte Fragen vorschlagen, die mit dem Material des jeweiligen Kapitels in Beziehung stehen und die Sie untersuchen können. Sie sind eingeladen, diese Inquiryübungen entweder verbal oder mittels eines Tagebuches, allein oder zusammen mit anderen Forschern zu machen.
Ein guter Anfang ist jetzt die Untersuchung Ihrer bisherigen Erfahrung mit der Inquiry. Nehmen Sie sich fünfzehn Minuten Zeit, und bleiben Sie bei diesen Fragen und bei den Einsichten, die vielleicht auftauchen, und reflektieren Sie über sie. Welche Art der Selbsterforschung haben Sie bisher praktiziert? Hat Ihnen das gefallen? War das aufschlußreich, befriedigend, herausfordernd, beunruhigend oder etwas anderes? Wie sehen Sie Ihre Bedenken, Ihre Fähigkeiten und Ihre Grenzen im Hinblick auf Inquiry? Wie fixiert ist dieses Wissen von Ihnen selbst? Wie beeinflußt dieses Wissen jetzt Ihre Erfahrung der Inquiry und Ihre Offenheit dafür, sie weiter fortzusetzen?
Inquiry und das Mysterium
Wenn die Inquiry offen und unbegrenzt ist, erschließt sie das Wissen, das in der Erfahrung immer zugänglich ist. Unbegrenzte Inquiry bedeutet, daß die starren Muster unserer Erfahrung in fließende Formen eines sich selbst organisierenden Flusses transformiert werden können. Bevor wir in den Prozeß von Fragenstellen und Inquiry eintreten, ist unsere Erfahrung von starren Mustern geprägt; sie entsteht in sich wiederholenden und einem Zwang unterworfenen Mustern. Wenn wir anschauen und in Frage stellen, was diese Muster bestimmt und fixiert, löst sich ihre Starre auf und unsere Erfahrung beginnt, sich auf neue Weisen zu entfalten.
Auch mit dieser Auflösung steht unsere Erfahrung weiter unter dem Einfluß von Mustern, und zwar deshalb, weil Muster Sinn und Bedeutung von Erfahrung sind. Wir erkennen immer noch Muster in unserer Erfahrung, aber die Formung des Flusses der Erfahrung durch Muster ist fließender und frischer. Er hat dann eine Flüssigkeit und eine Glätte, eine Leichtigkeit und eine Spontaneität. Wir fühlen uns frei. Wenn Erfahrung durch feste Muster geprägt ist, ist man im Gefängnis. Wenn sie in fließenden Mustern passiert, empfindet man die Freiheit der Erfahrung.
Diese Freiheit der Erfahrung ist das Abenteuer des Seins. Damit ein Abenteuer wirklich spannend ist, müssen wir an Orte gehen, die völlig anders sind. Diese Art Abenteuer, mit ihrer Heiterkeit und ihrem Staunen, gehört zu unserem Sein. Mit der Zeit reagieren Sie auf Erfahrung nicht nur mit Freude, sondern auch mit reinem Staunen. Sie stoßen auf eine Erfahrung, und Ihr Verstand hat nicht die geringste Vorstellung davon, was sie ist, aber sie ist so schön, daß Sie von Staunen erfüllt sind. Sie können dieses Staunen aber nicht erleben, wenn Sie an einer bestimmten Identität und an einem Bezugsrahmen festhalten, und wenn Erfahrung sich weiter in ihren starren, gewohnten Bahnen vollzieht. Staunen stellt sich ein, wenn Sie für etwas offen sind, das geheimnisvoll, neu und frisch ist, wenn Ihr altes Wissen für den Augenblick vollständig aufgehoben ist.
Mit anderen Worten, Sein enthüllt sein Mysterium dadurch, daß es seine Wahrheit enthüllt. Indem es uns mehr von dem zeigt, was es ist und wie es funktioniert, zeigt uns das Sein, wie wenig wir wissen. Es zeigt uns auch, daß je mehr wir wissen, wir umso mehr wissen, wie wenig wir eigentlich wissen. Die Reise der Inquiry bringt uns vom Wissen zum Mysterium. Unsere innere Führung enthüllt uns die Wahrheit und den Reichtum unseres Seins, aber je mehr sie das tut, um so mehr sind wir mit dem Mysterium in Berührung. Es ist eine seltsame, paradoxe Situation: Inquiry enthüllt uns immer mehr von unserer wahren Natur und von der Realität. Je mehr Wissen und Verstehen wir aber durch diese Enthüllung gewinnen, um so mehr nähern wir uns der Tiefe unseres Seins und seiner Essenz, und die ist Mysterium.
Vom Wissen zum Mysterium zu gehen bedeutet, in das Unbekannte zu springen.
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Grundwissen
Wir haben vor allem unseren Powerdrive benutzt, um Inquiry zu erörtern. Mit anderen Worten, wir haben unsere vertraute Erfahrung betrachtet, indem wir bestimmte Muster näher angeschaut haben, die durch den Begriff gewöhnlichen Wissens enthüllt werden. Jetzt werden wir den Hyperdrive einschalten, damit er uns über die Realität, die wir gewohnt sind, hinaus und zu einer viel subtileren Bewußtheit bringt, die unsere gewöhnlichen Annahmen in Frage stellt. Wir brauchen den Hyperdrive, um zu dieser anderen Dimension zu springen und um eine andere Art von Wissen zu verstehen, das wir Grundwissen nennen.
Im letzten Kapitel war Thema, wie unser altes Wissen – unser gewöhnliches Wissen – unsere gegenwärtige Erfahrung prägt, beeinflußt und bestimmt und wie Inquiry unsere gegenwärtige Erfahrung dadurch öffnet, daß sie dieses Muster in Frage stellt. Wir haben auch kurz diskutiert, wie Erfahrung im allgemeinen, sogar im gegenwärtigen Moment, aufgrund der Weise, wie sie durch frühere Erfahrung geprägt ist, von Wissen nicht zu trennen ist.
Direktes Wissen
Erfahrung ist aber auf eine noch viel grundlegendere Weise untrennbar von Wissen als allein durch Prägung durch altes Wissen. Eigentlich ist unsere Erfahrung Wissen. Wie das? Nehmen Sie den einfachen Fall der Erfahrung Ihres Knies. Enthalten in dieser Erfahrung ist das Wissen, was ein Knie ist, was Sehen ist, was Spüren ist, was der Körper und was Druck ist. Sie können also das Knie nicht anders wahrnehmen als eine Sammlung verschiedener Stücke von Wissen.
Aber Erfahrung ist auch auf eine fundamentalere Weise Wissen. Wenn Sie eine Minute nachdenken, ist es nicht schwer zu sehen, daß Ihre Erfahrung des Knies Wissen ist. Aber es besteht nicht nur darin, daß Sie wissen, was ein Knie ist. Sie wissen, was es ist – und dieses Wissen (knowing) ist Wissen – aber wissen, was ein Knie ist, ist gewöhnliches Wissen.
Ihre Erfahrung des Knies ist eine Erfahrung von Form, Empfinden und Druck. Was ist das? Ein Eindruck. Dieser Eindruck enthält Information: die Konturen, die Form und die verschiedenen Empfindungen. Wenn Sie das weiter betrachten, werden Sie sehen, daß die Erfahrung Ihres Knies in diesem Moment nichts als ein Eindruck, als eine innere Wahrnehmung ist.
Wir können sagen, daß dieser Eindruck oder diese Wahrnehmung aus Empfindung oder Form oder Druck besteht. Aber was ist das? Wissen. Genauer gesagt, ist das ein Wissen (knowingness) einer bestimmten Art von Information. Ein Eindruck ist Wissen, aber er ist nicht gewöhnliches Wissen. Er ist Information, die genau in diesem Augenblick existiert, unabhängig davon, was Sie über die Erfahrung denken oder was Sie über Ihr Knie wissen.
Können Sie Ihr Knie unabhängig von den Sinneseindrücken und Eindrücken wahrnehmen? Gibt es in Ihrer Erfahrung unabhängig von den Eindrücken ein Knie? Sie könnten Sinneswahrnehmung und Form in verschiedene Kategorien trennen, aber beide sind Wissen, das nicht gewöhnliches Wissen ist. Sie sind nicht Wissen, das in Ihrem Verstand ist, es ist Wissen, das in diesem Moment, hier, in Ihrer gegenwärtigen Erfahrung ist. Die Erfahrung des Knies ist nichts als ein Wissen eines bestimmten Eindrucks oder einer bestimmten Wahrnehmung. Und die Wahrnehmung ist von dem Wissen der Wahrnehmung nicht zu trennen.
Das ist das, was wir direktes Wissen nennen, oder Wissen, das dadurch erworben wird, daß man etwas unmittelbar im Moment wahrnimmt. Es ist nicht aus zweiter Hand. Sie nennen Ihr Knie vielleicht nicht einmal Knie. Sie könnten alles darüber vergessen, was Knie sind, aber die Empfindung, die Form und die Temperatur wären noch da, und Sie haben einen allgemeinen Eindruck von etwas, und das ist ein Stück direkten Wissens. Sie können es anders bezeichnen als ein Knie, oder Sie benennen es überhaupt nicht, aber da ist eindeutig ein bestimmtes Stück Information, das sich zum Beispiel sehr von der Erfahrung Ihres Magens unterscheidet. Das bringt uns dem näher, was ich mit Grundwissen meine.
Ein anderes Beispiel: Sie haben ein bestimmtes Gefühl, beispielsweise Angst. Es ist wahr, daß das Gefühl der Angst Ihre Erfahrung ist, die in diesem Augenblick von altem Wissen über das geprägt ist, was Ihnen in dieser Situation Angst macht. Aber was ist Angst an sich? Direktes Wissen. Wenn Sie Angst empfinden, kennen Sie Angst, auch wenn Sie dieses Gefühl nicht Angst nennen. Da gibt es ein Wissen von einer gewissen Gefühlsqualität, die sich zum Beispiel sehr von Traurigkeit unterscheidet. Das direkte Wissen der Angst ist dasselbe wie die Erfahrung der Angst. Gibt es irgendeine Angst außerhalb der Erfahrung des Wissens von Angst? Nein. Dieses Wissen von Angst ist das, was ich Grundwissen von Angst nenne; es ist für unsere Erfahrung grundlegend. Unsere eigentliche Erfahrung ist nichts anderes als dieses Grundwissen (basic knowledge).
Erfahrung als Grundwissen
Unsere Erfahrung ist also nicht Wissen im üblichen Sinn von Wissen (knowledge). Sie ist nicht das, was wir gewöhnliches Wissen nennen – die Information über Dinge aus der Vergangenheit, die wir in unserem Kopf haben und an die wir uns erinnern. Sie ist Wissen, das wir jetzt haben. Grundwissen ist immer direktes Wissen in diesem Moment – der Stoff unserer unmittelbaren Erfahrung. Wir nennen es gewöhnlich nicht Wissen, wir nennen es Erfahrung, und wenn wir ein wenig erfahrener sind, nennen wir es Wahrnehmung. Wahrnehmung vermittelt mehr davon, daß man sich seiner unmittelbaren Erfahrung bewußt ist, und das ist die spürbare Empfindung von Wissen, das Grundwissen ist.
Unsere gewöhnliche Sicht der Dinge ist die, daß es Erfahrung gibt und daß es dann das Wissen davon gibt – das Wissen ist von der Erfahrung selbst getrennt. Und manchmal kommt es zu der Erfahrung überhaupt ohne jedes Wissen. Sie scheint zu kommen und zu gehen, und wir haben keine Ahnung davon, was passiert ist. Tatsache ist aber, daß es keine Erfahrung gibt, wenn kein Wissen da ist. Wie könnte man sonst behaupten, daß da eine Erfahrung ist? Man weiß vielleicht nicht, was die Erfahrung bedeutet, oder erkennt nicht einmal, daß sie auf früherer Erfahrung beruht, aber man weiß, daß es eine Erfahrung ist, und kann einzelne Elemente von ihr unterscheiden. Das ist Grundwissen, was bedeutet, daß das Wissen genau in dem Augenblick der Erfahrung existiert – da gibt es eine Erkenntnis von etwas in der Gegenwart. Erfahrung ist immer ein unterscheidendes Erkennen, ein Erfassen von etwas.
Dieses Wissen unserer Erfahrung in dem Moment, in dem wir sie wahrnehmen, hat nun, wenn wir achtgeben, eine hintergründige und beunruhigende Implikation. Das ist der Sprung des Hyperdrive, der uns aus unserem vertrauten Denken heraus versetzt. Gewöhnlich denken wir unsere Erfahrung in Begriffen der Dualität von Erfahrendem und Erfahrenem, von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem, die wir entwickelt haben. Im Hinblick auf das Beispiel der Angst würden wir sagen: „Da ist Angst, und da bin ich, der die Angst wahrnimmt.“ Wir denken, daß Angst irgendwo für sich existiert und daß der Wahrnehmende irgend woanders ist und schaut und denkt: „Schau an, da ist Angst.“ Das ist die vertraute und angenommene Einstellung, daß wir an einem separaten Beobachtungsort sind und die Welt und unsere Erfahrung betrachten. Aber wenn Sie Angst empfinden, sind Sie dann als Wahrnehmender getrennt von der Angst? Denken Sie daran, wir sprechen jetzt von der unmittelbaren Ebene direkter Wahrnehmung. Kann man jemals in der Erfahrung die Wahrnehmung der Angst von der Angst selbst trennen? Es ist nicht möglich. Die Wahrnehmung der Angst ist dasselbe wie die Erfahrung der Angst, und die ist dasselbe wie die Präsenz der Angst. So einfach ist das. Der Wahrnehmende und das Wahrgenommene existieren eigentlich zusammen als die Erfahrung. Wenn wir die Dualität des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen beiseite lassen, dann ist das, was eigentlich da ist, Bewußtsein, das sich seiner selbst als Angst bewußt ist.
Genauer gesagt: Da ist ein Bewußtsein, das sich einer Manifestation in sich als Angst bewußt ist. Das wird klar und deutlich, wenn wir direktes Wissen davon haben, was die Seele ist, denn die Seele ist das erfahrende Bewußtsein. Die Seele ist ein Feld von Bewußtsein, das Erfahrungen hat, weil die Erfahrung ein Erscheinen innerhalb des Feldes dieses Bewußtseins ist. Ihre Erfahrung findet nicht außerhalb dieses Feldes statt. Daher ist die Seele sowohl das Erfahrende als auch das Medium von Erfahrung. Das Erfahrende und das, was erfahren wird, sind also nicht getrennt. Die Seele manifestiert einen Teil von sich als Angst. Da ist nicht eine Seele da drüben, die ihre Angst als von sich getrennt erführe, wie durch ein Fernglas. Die Bewußtheit, die die Natur der Seele ist, ist in der Angst selbst.
Aber das dualistische Wissen, das wir in der Schule und in der ganzen Gesellschaft lernen, läßt uns denken, daß irgendwo ein Beobachter existiert und Angst irgend woanders ist. Diese Art Wissen beruht auf vielen Dualitäten: der Beobachter und das Beobachtete, der Einzelne und die Erfahrung, das Bewußtsein und der Körper und so weiter. Wir müssen also viele Pfade gehen, um diese Dualitäten zu untersuchen, bevor wir schließlich zu der Erkenntnis gelangen, daß sie nicht existieren.
Was existiert, ist Bewußtsein, das Angst als Teil seiner Manifestation erlebt. Bewußtsein weiß oder kennt einen Teil von sich als Angst, und dieses Kennen eines Teils seiner selbst als Angst ist dasselbe wie Wissen haben. Mit anderen Worten, das Wissen (knowingness) von Angst ist die Angst, folglich ist die Angst Wissen. Auf gleiche Weise ist Fühlen von Traurigkeit das Bewußtsein der Traurigkeit, und das ist dasselbe wie das Wissen der Traurigkeit, und deshalb ist die Traurigkeit von Wissen nicht zu trennen.
Kehren wir noch einmal zum Beispiel des Knies zurück: Wenn Sie nicht mit Ihrem gewöhnlichen Verstand denken – der Vorstellungen und Rahmenwerk über Ihre Erfahrung des Knies legt –, dann ist nur Grundwissen da. Mit anderen Worten, wenn Sie sich nicht auf Ihr gewöhnliches Wissen verlassen – in diesem Fall auf das, was Sie an Anatomie wissen –, ist das, was sich präsentiert, einfach unmittelbare Erfahrung, eine Bewußtheit, die ein Stück Wissen hier und jetzt ist. Ferner ist überall, wohin Sie schauen, hören oder spüren, nur Wissen. Ihre ganze Erfahrung von sich selbst ist einfach Wissen in dem Moment.
Essenz und Grundwissen
Das genaue Wesen von Grundwissen läßt sich präziser verstehen, wenn wir essentielle Erfahrung betrachten. Am Beginn einer Inquiry ist das, was man untersucht, relative Wahrheit, die Wahrheit konventioneller Erfahrung. Auf dem Gebiet relativer Wahrheit ist die Tatsache, daß alles, was man erfährt, Grundwissen ist, noch nicht überzeugend deutlich. Man hat wirklich Erfahrungen von Traurigkeit und Sinneswahrnehmungen, aber man erkennt diese Wahrnehmungen noch nicht als Wissen im Sinne von knowledge oder knowingness, und zwar aufgrund der Dichotomie von Beobachter und Beobachtetem. Wissen wird immer noch als die Bedeutung oder die Einsicht gesehen, die man aus der eigenen unmittelbaren Wahrnehmung als Erkenntnis gewinnt. Man glaubt, daß es etwas zu der einfachen Wahrnehmung Hinzugefügtes ist. Daher endet man bei konventioneller Erfahrung, wenn man eine relative Wahrheit sieht, bei Einsichten, und den Inhalt dieser Einsnichten sieht man als Wissen an.
An einem gewissen Punkt gelangt man aber zu der Erkenntnis dessen, was wir „essentielle Wahrheit“ nennen. Essentielle Wahrheit ist nicht eine Einsicht über etwas, sondern das Erfassen der unmittelbaren Realität des Augenblicks. Diese unmittelbare Realität ist Präsenz – die Qualität von Seiendheit (beingness) – , beispielsweise, wenn man einen essentiellen Aspekt, wie Mitgefühl oder Stärke erfährt.
Wir erkennen hier, daß eines der wichtigsten Merkmale essentieller Präsenz ist, daß sie Bewußtsein ist, das seiner selbst bewußt ist. Wenn ich also die Präsenz von Stille erfahre, die ein Aroma essentiellen Friedens ist, muß niemand außerhalb dieser Stille sein, um sich der Stille bewußt zu sein. Ich und die Stille werden eins. Mein vertrautes Gefühl, daß ich ein getrennter Beobachter bin, löst sich auf. Da ist kein Beobachter und nichts Beobachtetes. Die Stille selbst, Essenz selbst, ist Bewußtheit, aber Bewußtheit mit einer Qualität von Stille und Frieden. Und die Bewußtheit durchdringt die ganze Präsenz der Stille. Die Präsenz ist vollkommen bewußt – ein Medium von Bewußtsein, das durch die Qualität der Stille charakterisiert ist.
Wenn wir erkennen, wie Wissen in der essentiellen Erfahrung vorkommt, wissen wir genau, was Grundwissen ist, weil Essenz sich selbst nur durch Grundwissen weiß – dadurch, daß sie für sich selbst präsent ist. Das ist der Grund, weshalb wir sie Präsenz nennen. Wenn wir anfangen, über unsere essentielle Bewußtheit nachzudenken, sind die Präsenz und das Bewußtsein nicht mehr eins, und das Wissen (knowing) wird zu gewöhnlichem Wissen. Ferner ist Essenz, die Bewußtsein und Präsenz als eins ist, eine Bewußtheit, die sich nicht nur ihrer eigenen Präsenz und der Tatsache, daß sie Präsenz ist, bewußt ist, sondern sie ist sich auch der besonderen kennzeichnenden Qualität dieser Präsenz bewußt – in diesem Fall der Stille und des Friedens.
Unser Denken kann alle möglichen Dinge mit Frieden assoziieren – was er nicht ist, was Unruhe bedeutet und wie es wäre, friedvoll zu sein. All das ist gewöhnliches Wissen, aber das direkte Erfassen und die Erkenntnis der Stille ist das, was genau in diesem Moment geschieht und daher unabhängig davon ist, was unser Verstand dazu sagt. Im Grunde könnte es sogar sein, daß wir es nicht einmal Stille nennen. Wenn wir kein Deutsch sprechen, werden wir es nicht Stille nennen, aber es ist doch dieselbe Erfahrung.
Was ist in diesem Fall Stille? Wissen, Grundwissen. Wenn man sie Präsenz nennt, dann ist es Wissen von Präsenz, aber das Wissen von Präsenz ist nicht von der Präsenz getrennt. Es gibt keine Präsenz, die von der Bewußtheit der Präsenz getrennt ist. Sie sind dasselbe. Es ist genauso wie mit der Erfahrung der Sonne und ihres Lichts. Man kann keine Erfahrung von der Sonne haben außer durch ihr Licht. Sie kann nicht anders wahrgenommen werden. Wie kann man also beide voneinander trennen? Sie sind dasselbe, und das bedeutet, daß die Präsenz der Stille und das direkte Wissen der Stille dasselbe sind.
Wir sehen hier, daß wir, wenn wir essentieller Erfahrung begegnen, anfangen, eine neue Art Wissen zu haben, das wir uns nicht vorgestellt hatten, als wir uns innerhalb der einschränkenden Grenzen gewöhnlichen Wissens befanden. Wenn wir in unserer Inquiry weiter denken würden, gewöhnliches Wissen sei das einzige Wissen, das es gibt, würden wir diese neue Art Wissen nicht entdecken, das ich Grundwissen nenne. Und sogar jetzt möchte unser Verstand vielleicht einfach eine Kategorie herstellen wollen, Grundwissen genannt, um in ihr bestimmte Erfahrungen, wie essentielle Erfahrungen, abzulegen. Das bedeutet wieder, Grundwissen so zu behandeln, als wäre es eine neue Art gewöhnlichen Wissens. Wie wir sehen werden, hat die Tatsache, daß dies eine andere Art Wissen ist, eine, die nicht vom Verstand gespeichert und manipuliert werden kann, sehr tiefreichende Implikationen für Inquiry.
Grundwissen ist nicht nur „live“ in dem Sinn, daß es nur in der Gegenwart existiert und daher wie die Daten des Arbeitsspeichers (RAM) eines Computers nicht speicherbar ist, sondern es ist auch, anders als jedes Computerwissen, „live“ in dem Sinn, daß es seiner selbst bewußt ist und sich selbst weiß. Eines der wichtigsten Dinge, die wir lernen, wenn wir anfangen, Essenz zu erfahren, ist, daß die Präsenz sich selbst weiß, aber die Präsenz und das Wissen der Präsenz sind vollkommen ununterscheidbar. Es sind nicht zwei Dinge. Das ist so ähnlich wie beim Wasser: Es ist naß, aber die Nässe ist vom Wasser untrennbar.
Unsere Essenz besitzt die Fähigkeit, sich selbst vollständig und direkt zu wissen, unabhängig davon, was wir in der Vergangenheit gewußt haben. Das Wissen gehört zu der Essenz an sich, und zwar in der Weise, daß sie sich nicht nur ihrer selbst, sondern auch der Qualität und der Charakteristika dieser Existenz als existierend bewußt ist. Das ist ein Ausdruck der unterscheidenden Bewußtheit, einem der fünf Hauptcharakteristika wahrer Natur.
Erfahrung als Grundwissen
Wenn wir von relativer zu essentieller Wahrheit gehen, reisen wir zu einer anderen Dimension und erkennen eine neue Art, zu wissen. Wenn wir uns weiter in dieser Dimension (der zweiten Reise) bewegen, entdecken wir, daß diese neue Art, zu wissen, gar nicht so neu ist. Grundwissen liegt unserer laufenden Erfahrung immer zugrunde, aber aufgrund der gewohnten Dualität zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten in unserem Denken konnten wir es bisher nicht sehen. Wir denken normalerweise: „Das Wissen ist in mir, wenn ich meinen Körper betrachte“, statt zu erkennen, daß es Wissen gibt, das selbst der Körper ist. In dem Moment, in dem man Essenz erkennt, ist es möglich, diese Dualität zu transzendieren. Wenn wir Essenz wissen oder kennen, beginnen wir, Grundwissen zu erkennen, und wir begeben uns auf eine Reise in eine neue Weise des Wissens, direkt und unmittelbar zu wissen.
Wenn wir uns unserer Präsenz dadurch bewußt sind, daß wir präsent sind, ist es ein neues Wissen, und wir nennen dieses Wissen Essenz. An diesem Punkt haben wir die Gelegenheit anzufangen, unsere Inquiry in das Wesen all unserer Erfahrung hinein zu erweitern. Wir erkennen, daß Selbst-Wissen nicht nur essentieller Präsenz eigen ist, sondern daß diese Art zu wissen für unsere Seele grundlegend ist, für das Bewußtsein, das der Grund unserer ganzen Erfahrung ist. Wir erkennen, daß die Seele selbst Präsenz besitzt. Und wie weiß und kennt die Seele sich selbst? Wie hat sie Erfahrung ihrer selbst? Sie erfährt sich selbst auf dieselbe Weise, wie Essenz sich selbst erfährt – durch die unmittelbare Bewußtheit und den direkten Kontakt gerade mit ihrer Präsenz. In dieser Präsenz kann sich Verschiedenes manifestieren. Manchmal manifestiert sich eine essentielle Qualität, manchmal ein Gefühl oder eine Sinneswahrnehmung, ein Bild oder ein Gedanke.
Wir denken gewöhnlich: „Da bin ich, und ich bin mir eines Gedankens bewußt.“ Wenn wir ein wenig tiefer forschen, erkennen wir, daß diese Aussage auf gewöhnlichem Wissen beruht, auf dem Glauben, daß es einen von dem Gedanken getrennten Beobachter gibt. Wenn wir diese Selbstreflexion weiter fortsetzen, besonders wenn wir unseren Glauben an den Beobachter hinter uns lassen, erkennen wir, daß der Gedanke selbst Bewußtheit besitzt. Wir sind uns des Gedankens bewußt, weil der Gedanke selbst ein Leuchten mit einem bestimmten Aroma und einer bestimmten Information ist. Der Gedanke selbst ist nicht von Bewußtheit getrennt, und Bewußtheit ist Wissen. Daher ist der Gedanke selbst Wissen. Es ist nicht so, daß der Gedanke Wissen transportierte, wie bei gewöhnlichem Wissen, der Gedanke ist Wissen. Er ist Bewußtsein mit einer bestimmten Form, und wir nennen diese Form Information. Das Wissen durchdringt den Gedanken selbst, als wäre er eine Art Flüssigkeit, die sich umherbewegt und eine Form annimmt. Die Form, die sie annimmt, ist ein Begriff oder ein Wort, das wir von unserem gewöhnlichen Wissen her kennen. Aber das Ganze #– das Bewußtsein, das als Gedankenflüssigkeit in Erscheinung tritt, die in Begriffsformen gebracht wird – ist Wissen, denn es ist Bewußtsein mit Inhalt.
In jedem Moment präsentiert sich in unserer Erfahrung eine gewaltige Menge an Information – Dinge, die wir sehen, hören, spüren oder fühlen. Wir sind uns dieser wahrgenommenen Dinge als dem Grund unserer Erfahrung bewußt, als Grundwissen, und wir benennen die Teile, über die wir nachdenken oder kommunizieren wollen. Wenn wir aber die globale Bewußtheit besitzen, die durch die Entwicklung von Achtsamkeit (mindfulness) entsteht, ist es möglich zu erkennen, daß der wahre Grund unserer Erfahrung eigentlich ein Medium von Bewusstheit, und nicht eine Sammlung wahrgenommener Objekte ist. In diesem Medium von Bewußtheit, das wir Seele nennen, sprudeln Dinge. Die Blasen sind nicht von dem Medium getrennt, und das Medium selbst ist seiner selbst bewußt. Die Blasen haben verschiedene Farben und Formen: Diese Blase fühlt sich wie Traurigkeit an und jene wie Schmerz, diese fühlt sich wie die Idee eines Vogels an und jene wie der Gedanke eines Menschen, und diese Blase ist ein Bild unseres Hauses. Alle diese Blasen steigen in demselben Medium auf.
Wenn unsere Erfahrung von gewöhnlichem Wissen freier ist – freier von dem prägenden Einfluß all der Standpunkte, Annahmen und Vorstellungen, die es impliziert –, können wir Grundwissen reiner erkennen. Wir werden uns dessen bewußt, was unsere Erfahrung eigentlich ist, weil wir sie unmittelbar, ohne den Filter gewöhnlichen Wissens wissen oder kennen. Eigentlich können wir jetzt sehen, daß es nichts als Wissen gibt. Wir können sagen, daß es nichts als Erfahrung gibt, aber das impliziert, daß Bedeutung oder Interpretation hinzugefügt werden müssen, um Wissen zu haben oder Erfahrung tiefer zu verstehen. Wenn man sagt, daß es nichts als Wissen gibt, bedeutet das, daß der Erfahrung nichts hinzugefügt zu werden braucht, um Wissen zu bekommen, daß jeder Teil unserer Erfahrung das Auftauchen von Wissen und ein Öffnen in tieferes Wissen hinein bedeutet. Bei Erfahrung fragen wir: „Was kommt als Nächstes?“ Aber bei Wissen fragen wir: „Was ist das?“, und alle Arten von Möglichkeiten öffnen sich. Wenn das Wesen von Erfahrung nichts als Wissen ist, erkennen wir, daß Wissen (knowingness) eine inhärente Dimension davon ist, daß man ein erfahrendes Bewußtsein oder eine erfahrende Seele ist. Man kann nicht Mensch sein, ohne in jedem Augenblick eine Erfahrung von Wissen (knowing) zu sein.
Manche Menschen haben das Gefühl, daß sie nichts wissen. Andere haben vielleicht das Gefühl, daß ihr Kopf buchstäblich leer ist. Aber was ist diese Leere anderes als Wissen? Was ist die Erfahrung, dumm zu sein? Wissen. Was ist die Erfahrung des Nichtwissens? Wissen. Was ist die Erfahrung von Intelligenz und Brillanz? Wissen. Wissen ist der Grund, der allen Möglichkeiten, Eigenschaften, Unterscheidungen und Handlungen zugrundeliegt und sie ermöglich.
Diese Empfindung, daß alle Erfahrung Wissen ist, gilt auch auf dem Gebiet des Handelns. Was ist Handeln? Man kann sagen: „Ich habe meine Hand bewegt.“ Ist das Bewegen der Hand von dem unmittelbaren Wissen der Erfahrung, die Hand zu bewegen, getrennt? Was ist die eigentliche Erfahrung des Bewegens der Hand? Es ist Information, die sich entfaltet. Handeln ist nichts als ein Fluß von Wissen. Das ist es, was wir „Entfaltung“ nennen, und wir nennen es Entfaltung, weil da eine Veränderung ist. Eine Handlung ist eine Art Veränderung. Und Veränderung oder Handeln ist nichts als ein Fluß von Wissen.
Grundwissen und Inquiry
Wir sprechen über Grundwissen, um anzufangen zu würdigen und zu verstehen, daß Wissen nicht nur Information irgendwo in unserem Gehirn, nicht nur Computergedächtnis ist. Ein Computer kann kein Grundwissen haben, er kann nur gewöhnliches Wissen speichern. Ein Mensch besitzt die Fähigkeit zu Grundwissen, das die Quelle allen gewöhnlichen Wissens ist. Ohne das gibt es keinerlei Wissen, nicht einmal gewöhnliches Wissen.
Woher kommt gewöhnliches Wissen? Es stammt aus direkten Erfahrungen, die schon vergangen sind – entweder direkten Erfahrungen im Bewußtsein oder direkten Erfahrungen von etwas, was man gehört, gesehen oder gelesen hat. Was ist Lesen anderes als das Wissen der Erfahrung des Lesens? Das Lesen des Buches an sich ist Wissen. Ich meine nicht das Wissen des Inhalts des Buches; eben der Prozeß des Lesens des Buches an sich ist Wissen. Die ganze Erfahrung ist Wissen. Dieses Grundwissen ist die Quelle gewöhnlichen Wissens, das man in seinem Verstand speichert. Auch gewöhnliches Wissen ist Grundwissen, weil es in unserer unmittelbaren Erfahrung nicht auftauchen kann, außer als Grundwissen – wo jeder Gedanke und jede Erinnerung in dem Moment der Erfahrung Grundwissen ist.
Gewöhnliches Wissen ist in gewissem Sinn eine Teilmenge von Grundwissen. Weil wir uns aber gewöhnliches Wissen als Wissen denken können, das irgendwo gespeichert und in gewissen Momenten zugänglich ist, können wir es konzeptualisieren, als wäre es keine Erfahrung und daher von Grundwissen getrennt. Aber in Wirklichkeit tritt gewöhnliches Wissen, wann immer es aktualisiert wird, als Erfahrung des Augenblicks auf und ist daher Grundwissen. Wenn man an Erfahrung denkt, die man gestern gehabt hat, ist dieser Akt des Denkens Grundwissen. Gewöhnliches Wissen hat also immer seinen Ursprung in Grundwissen und wird immer innerhalb von Grundwissen aktualisiert.
In welcher Beziehung stehen also Inquiry und Verstehen zu Grundwissen? Wenn wir etwas erforschen, ist das, was wir eigentlich erforschen, Grundwissen. Grundwissen ist nie statisch, es ist immer in Bewegung. Gerade ist man traurig, jetzt ärgerlich, jetzt schmerzt das Knie, jetzt kommt ein Gedanke, jetzt ein Bild. Es bewegt und verändert sich immer. Das ist das Wesen von Grundwissen.
Und weil Grundwissen eine Präsenz von Selbst-Bewußtheit (self-awareness) und Selbst-Wissen (self-knowingness) ist, ist Inquiry dann eigentlich Grundwissen, das Grundwissen erforscht. Was in der Inquiry passiert, ist, daß Grundwissen sich selbst erforscht und daß es sich durch diese Inquiry von den Einflüssen einer Teilmenge von sich selbst, nämlich gewöhnlichem Wissen, befreit.
Gewöhnliches Wissen ist Wissen aus der Erinnerung. In konventioneller Erfahrung erfährt Grundwissen sich selbst nicht direkt, sondern durch den Schleier dieser Erinnerungen. Inquiry durchdringt diese Schleier, so daß Grundwissen anfangen kann, sich ohne ihren Einfluß zu erfahren. Erfahrung ist also immer Grundwissen, aber dieses Wissen kann mehr oder weniger direkt, mehr oder weniger unmittelbar sein. Je unmittelbarer Grundwissen ist, um so leuchtender ist es und um so mehr verkörpert es die Empfindung von Wahrheit, Präsenz und Bewußtheit. Wenn diese Reinheit vollständig ist, sind wir bei der unterscheidenden Bewußtheit wahrer Natur, der Weisheit der Unterscheidungsfähigkeit angekommen. Je weniger direkt es ist, um so mehr fehlen ihm impliziter Sinn und Verstehen, um so entstellter ist es und um so schwerer und schaler wird es. Aber es ist immer Grundwissen.
Grundwissen bedeutet Erfahrung genau jetzt, das direkte Wissen (knowingness) der Erfahrung in diesem Moment. Es ist unterschiedene Information, die im Moment geschieht und den Beobachter und das Beobachtete enthält und einschließt. Aber dann hat man Gedanken über diese Information, man reflektiert über sie und hat ein Rahmenwerk, durch das man sie betrachtet, und das nennen wir gewöhnliches Wissen. Inquiry hilft einem zu sehen, wie gewöhnliches Wissen die unmittelbare Erfahrung in diesem Moment beeinflußt. Von gewöhnlichem Wissen befreit zu sein bedeutet, daß man das, was man genau jetzt erfährt, frisch und ohne diese Überlagerung durch alte Information empfindet.
In dem Moment, in dem man bewußt mit Grundwissen in Kontakt ist, merkt man, daß ihm nichts entgehen kann. Kein Begriff existiert außerhalb von ihm, weil jeder Begriff letztlich Grundwissen ist – sogar Gott. Was ist Gott? Grundwissen. Was ist das Absolute? Grundwissen. Grundwissen hat viele Qualitäten, viele Ebenen, viele Verfeinerungen und manifestiert sich auf vielerlei Weise. Der Punkt ist, daß es in jeder Erfahrung Wissen (knowingness) gibt. Und wenn man die Dichotomie von Beobachter und Beobachtetem eliminiert, sieht man, daß dieses Wissen dasselbe ist wie das Gewußte, und das ist dasselbe wie das Wissen (knowledge). Dies ist eine andere Weise, Wissen zu definieren, als die übliche. Dieses Wissen ist ein direkteres und unmittelbares Wissen, das unmittelbarer Erfahrung entstammt, und doch ist es immer noch Wissen, das die Unterscheidung und Erkenntnis der Bedeutung der Erfahrung einschließt.
Übung Ihre Erfahrung im Augenblick
In dieser Inquiry werden Sie kein bestimmtes Problem oder Thema erforschen, sondern beobachten und untersuchen, was von Moment zu Moment in Ihrer Erfahrung auftaucht. Nehmen Sie sich fünfzehn Minuten Zeit, um bei dieser Erforschung des gegenwärtigen Moments zu bleiben. Beginnen Sie damit, daß Sie sich einfach der verschiedenen Elemente in Ihrer Erfahrung bewußt werden: Körperempfindungen, Gefühle, der mentalen Aktivität und dessen, was Sie sehen und hören. Berichten Sie oder schreiben Sie auf, was Ihnen bewußt ist, und achten Sie darauf, wie dieser Prozeß Ihre Erfahrung beeinflußt. Achten Sie darauf, was in Ihrer Erfahrung Ihre Aufmerksamkeit erregt, und schauen Sie sich das dann näher an, wobei Sie beschreiben, was Sie sehen. Seien Sie sich bewußt, wann Sie mit Ihrem Gegenstand der Inquiry durch alte Vorstellungen oder Ansichten in Beziehung sind und wann Sie ihn mit mehr Unmittelbarkeit und Frische erfahren. Schauen Sie, ob Sie sich auf das Gefühl der Unmittelbarkeit und Offenheit direkten Kontaktes mit Ihrer Erfahrung einstimmen können, im Gegensatz zu dem vertrauten Gefühl dessen, was sie schon wissen. Wie ist es, mit Ihrer Erfahrung so direkt in Kontakt zu sein und sie so direkt wahrzunehmen? Was müssen Sie Ihrem Gefühl nach aufgeben, um so unmittelbar zu sein? Was zieht Sie zurück auf das vertraute Gebiet gewöhnlichen Wissens?
Differenzierung und Unterscheidungs-fähigkeit in Grundwissen
An einem bestimmten Punkt unserer zweiten Reise bringt uns unser Raumschiff zu einem Bereich der Erfahrung, wo wir uns selbst als Bewußtheit erkennen. Diese Bewußtheit ist sich nicht nur ihrer eigenen Präsenz bewußt, sondern sie besitzt auch die Fähigkeit, zu unterscheiden und zu erkennen. Die Tatsache, daß meine Erfahrung auftaucht, weist darauf hin, daß es in diesem Bewußtsein Differenzierung gibt. Mit anderen Worten, es gibt Erfahrung, weil es ein Bewußtsein von verschiedenen Elementen gibt, die meine Erfahrung bilden, und diese Elemente verändern sich. Sonst gäbe es keine Erfahrung.
Druck fühlt sich anders als Hitze an, Hitze fühlt sich anders als Traurigkeit, Traurigkeit anders als Ärger, Ärger anders als Schmerz und Schmerz fühlt sich anders als Entspannung an usw. Auch wenn ich alle Namen und Etiketten von den Elementen meiner Erfahrung entferne, auch wenn ich mein ganzes Wissen aus der Vergangenheit beiseite lasse, wird meine Erfahrung doch differenziert bleiben. Nicht nur differenziert, sondern auch unterscheidendes Erkennen. Mit anderen Worten, diese Bewußtheit, die meine Präsenz ist, ist in der Lage, die differenzierten Qualitäten zu erkennen.
Unsere Bewußtheit erkennt also, daß eine Qualität anders als eine andere ist – das ist Differenzierung –, und sie kann auch das Ureigene jeder Qualität erkennen, unabhängig vom Vergleichen einer Qualität mit einer anderen – das ist unterscheidendes Erkennen (discrimination). Wenn man Kraft oder Mitgefühl empfindet, braucht man sie nicht miteinander zu vergleichen, um sie zu kennen. Man kann die Stärke-Essenz einfach kennen, indem man sie erfährt. Man erkennt, wie stark und heiß sie von sich aus ist. Wenn Sie die Mitgefühl-Essenz erfahren, erfahren Sie unmittelbar ihre Sanftheit und ihre Wärme. Wenn Sie Stärke fühlen, läßt Ihre Intelligenz Sie auf eine Weise handeln, wie Sie nicht handeln würden, wenn Sie Mitgefühl empfinden. Auch wenn die Funktion Ihres Verstand aussetzen würde und das ganze gewöhnliche Wissen damit nicht zur Verfügung stünde, würden Sie doch weiter dazu neigen, Ihren Körper auf eine starke, expansive Weise zu bewegen, laut zu sprechen und sich selbst zu behaupten – alles Merkmale der Stärke-Essenz. Das bedeutet, daß unsere Intelligenz die Fähigkeit besitzt, eine bestimmte Qualität von sich aus zu unterscheiden und zu erkennen, nicht nur zu differenzieren. All diese Funktionen sind da, bevor der Verstand beginnt, Dinge zu benennen.
Erfahrung umfaßt gewöhnlich verschiedene Arten psychischer Aktivitäten, die in der Erfahrung alle gleichzeitig vorhanden sind und auf verschiedenen Ebenen funktionieren. Da ist Bewußtsein, dann gibt es Differenzierung, dann gibt es Unterscheidungsfähigkeit oder unterscheidendes Erkennen, und dann kommt das Bezeichnen. Das geschieht alles zur selben Zeit, aber steht bei einem beinahe gleichzeitigen kettenartigen Auftreten wechselseitig miteinander in Beziehung.
Sobald das Bezeichnen beginnt, kommt gewöhnliches Wissen ins Spiel. Der Vorgang des Bezeichnens stellt die Verbindung her, die Information aus der Vergangenheit – gewöhnliches Wissen – mit dem assoziiert, was jetzt in der Erfahrung vorgeht, das heißt mit Grundwissen. Wenn man erkennt, daß zu dem Bewußtsein ein unterscheidendes Erkennen gehört, das von der Fähigkeit, zu unterscheiden, nicht zu trennen ist und vor dem Bezeichnen auftritt, erkennt man Grundwissen, das der Grund und die Basis aller Erfahrung ist. Aus Grundwissen stammt jede Art Wissen, Erfahrung, Einsicht und Handeln.
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