Kitabı oku: «Reform des Islam»

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Die zitierten Koranverse wurden übersetzt von Rudi Paret (Der Koran. Übersetzung, Stuttgart 112010), Hartmut Bobzin (Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen, München 2010) sowie vom Autor selbst.

Copyright © Claudius Verlag, München 2017

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München

Layout: Mario Moths, Marl

Gesetzt aus der Times New Roman und Trade Gothic

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-532-60018-4

I N H A L T

Cover

Titel

Impressum

I. Einführung

II. Der pathologische Zustand der islamischen Identität

III. Die Wächter des Tempels

IV. Die vierzig Thesen

1. Es ist Zeit für einen Europäischen Islam.

2. Die Heilige Schrift des Islam an sich ist leblos. Erst die Interpretation macht sie lebendig.

3. Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.

4. Eine Reform des Islam braucht mutige Reformer.

5. Das Erbe des Islam muss frei erforscht werden können.

6. Die Reform des Islam ist im Koran selbst angelegt.

7. Reform des Islam bedeutet seine Anpassung an die Moderne.

8. Islamkritik ist keine pauschale Ablehnung des islamischen Glaubens.

9. Der Koran als Gotteswort ist im Laufe der Jahrhunderte zum Menschenwort geworden.

10. Wer den Koran respektiert, kann ihn nicht wortwörtlich nehmen.

11. Die Muslime müssen den Koran wieder zu einem Buch des Friedens machen.

12. Nur als Grundbuch einer humanistischen Ethik ist der Koran ewig und zeitlos.

13. Der Islam ist keine universale Religion, denn der Koran ist eine an die Araber adressierte Religionsschrift.

14. Das richtige Glaubensbekenntnis des Islam lautet: „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah.“ (Koran 20:14)

15. Der Koran selbst betont die Wahrheit von Thora und Evangelien.

16. Muḥammad ist nur ein Mensch wie die anderen Menschen.

17. Irren ist menschlich, selbst der Prophet irrte.

18. Die Tradition des Propheten ist zwei Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten aus politischen Gründen entstanden.

19. Die Reform des Islam ist ein ständiger Kampf gegen die Vernebelung der Vernunft.

20. Der Islam hat ein gestörtes Verhältnis zur Reflexion.

21. Die Muslime brauchen keine Gelehrten als vermittelnde Instanz zwischen Gott und den Menschen.

22. Die Moscheen müssen endlich von Import- und Selfmade-Imamen befreit werden.

23. Gott ist kein Tyrann, der sehnsüchtig darauf wartet, die Menschen zu bestrafen. Gott ist Liebe, Barmherzigkeit und Gnade.

24. Der Islam ist mehr als die fünf Säulen und die Glaubenslehre, nämlich auch gutes Handeln. Sola actio!

25. Gott hat den Menschen zur Freiheit befreit.

26. Gott hat den Menschen die Meinungsfreiheit geschenkt.

27. Das Prinzip der Glaubensfreiheit gilt auch im Islam.

28. Niemand hat das Recht, andere Menschen zu Ungläubigen zu erklären.

29. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – das gilt auch für den Islam und die Muslime.

30. Der Dialog unter den Muslimen ist unentbehrlich, denn es gibt im Islam keine auserwählte Glaubensgemeinschaft.

31. Versöhnte Vielfalt in der dialogischen Begegnung: Religiös zu sein bedeutet heute interreligiös zu sein.

32. Keine Religion ist im Besitz der absoluten Wahrheit und kein Mensch hat den Schlüssel zum Paradies.

33. Der Islam hat die Frauen nicht zu freien Menschen gemacht, sondern zu Knechten der Männer. Die Frauen des Islam müssen sich erheben, denn ihre Peiniger werden sie nicht befreien.

34. Das Kopftuch ist keine religiöse Vorschrift, sondern ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft.

35. Nicht der Koran, sondern die männliche Herrschaft des konservativen Islam verbietet den Frauen als Imaminnen in ihren Gemeinden tätig zu sein.

36. Der Islamismus hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun.

37. Der nicht reformierte Islam ist keine Religion des Friedens.

38. Die Sinnkrise des Islam ist hausgemacht. Wir Muslime sind keine Opfer.

39. Der humanistisch-moderne Islam teilt die Welt mit anderen Religionen und Weltanschauungen

40. Nur ein liberaler Islam ist zukunftsfähig.

V. Epilog

Anmerkungen

I. E I N F Ü H R U N G

Je mehr mich die Leute bedrohen,

umso größer meine Zuversicht.

Martin Luther

Religiosität wird heute im Westen der Privatsphäre des Einzelnen zugerechnet, trotzdem erleben wir spätestens seit dem 11. September 2001 eine verstärkte Rückkehr der Religion in den öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig nimmt das Interesse an der öffentlichen Bedeutung von Religion in allen Schichten der Gesellschaft immer mehr zu.1 Möglicherweise hat auch die alltägliche mediale Präsenz des Islam in den letzten Jahren dazu geführt, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Religion zu überdenken ist.2

Der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kurienkardinal Jean-Louis Tauran, dankte den Muslimen jedenfalls kürzlich dafür, dass sie die Religion zurück in die öffentliche Sphäre Europas gebracht hätten.3 Von einzelnen christlichen Würdenträgern habe ich selbst gehört, dass sie mit Neid auf volle Moscheen beim Freitagsgebet blicken, während ihre eigenen Gotteshäuser weitgehend leer bleiben. Da schleicht sich bei mir manchmal der Verdacht ein, dass man sich von der Zusammenarbeit mit den konservativen Dachverbänden des Islam eine Wiederbelebung des Glaubens an sich erhofft. Als ob Gott in Europa ohne den Islam verloren wäre! Zieht man jedenfalls den Islam in Betracht, lebt Gott heute mehr denn je in Europa. Religion ist ein sinnstiftendes Teilsystem in den westlichen Gesellschaften und der Islam trägt zu ihrem multikulturellen Reichtum bei. Doch die dialogische Begegnung der Religionen und Weltanschauungen bleibt von radikalen Glaubensinhalten und -praktiken im Islam überschattet, die nicht selten auch zur Legitimation von Gewalt dienen und die ganze Welt damit in Angst und Schrecken versetzen.

Anhand der negativen Schlagzeilen über den Islam in der westlichen und islamischen Welt kann man davon ausgehen, dass der Islam sich in einer Sinnkrise befindet und die Muslime mitten in einer Zerreißprobe stecken. Die Moderne hat den Menschen von Grund auf verändert, die Glaubensvorstellungen und -praktiken des Islam allerdings sind weitgehend dieselben geblieben. Seit Jahrhunderten wird der Islam von einer konservativen Theologie beherrscht, was immer wieder in Gewalttaten mündet. Deshalb muss der Islam unbedingt reformiert werden. Wir können nicht anders als dem vorherrschenden Diskurs des Islam zu widersprechen und ihn kritisch infrage zu stellen. Dieser überfälligen Reform wird der konservative Islam sich nur mit Gewalt widersetzen können. Aufhalten können wird er sie jedoch nicht, denn der neue Kontext des Islam ist der Westen, der durch Meinungsfreiheit geprägt ist.

Die Reform des Islam richtet sich gegen die Macht des politischen Islam und der konservativen Gelehrten, deren veraltete Sichtweisen nicht mehr der Lebenswelt der Muslime im westlichen Kontext entsprechen. Solch ein konservativer Islam will einen Getto-Glauben in den muslimischen Gemeinden durch die eigene Abschottung und Abkapselung von der Mehrheitsgesellschaft im Westen konservieren. Die Reform des Islam predigt dagegen das Sichöffnen der Muslime gegenüber Angehörigen anderer Religionen sowie gegenüber andersdenkenden Menschen im Allgemeinen.

Die Islamreform, hier in Gestalt von 40 Thesen skizziert, ist eine öffentliche Anklage des seit Jahrhunderten herrschenden konservativen Islam, der das Privileg der absoluten Kontrolle von Körper und Geist aller Muslime unter keinen Umständen abgeben möchte. Sie ist eine bewusste Rebellion der Vernunft gegen den verstockten konservativen Islam, der die blinde Rückkehr zum Islam der Entstehungszeit des 7. Jahrhunderts propagiert. Sie ist der Aufstand gegen veraltete Islamdiskurse vergangener Epochen, die bis heute das kollektive Bewusstsein der Muslime in der ganzen Welt prägen. Der moderne humanistische Islam will nicht mehr und nicht weniger als den Islam von seinen verkrusteten Denkschichten befreien, seinen wahren Kern freilegen und ihn gemäß seiner heutigen Situation neu interpretieren.

Man würde die Bedeutung der Islamreform verkennen, würde man diese als konfessionelle Abspaltung im Sinne eines Schismas unter den Muslimen verstehen. Der humanistische Islam will vielmehr auf der Grundlage der Vernunft die Vielfalt in der Einheit deutlich machen, indem er historische Verfremdungen und Verklärungen in archaischen Diskursen aufdeckt. Im Rahmen eines Aufklärungsprogramms und mithilfe einer differenzierten und sachlichen Islamkritik will die Islamreform außerdem bewusst den Religions- und Sozialvertrag zwischen der politischen Macht, wie sie etwa durch die selbsternannten Vertreter der Muslime im Westen repräsentiert wird, und den konservativen Gelehrten, beispielsweise in Gestalt sogenannter Import-Imame, aufkündigen.

Das vorliegende Buch ist von einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Freiheit angetrieben und setzt den Akzent auf das Individuum als Souverän seines Selbst und seiner Existenz. Ohne Angst vor den Vertretern des konservativen Islam oder vor dem Vorwurf der Islamophobie möchte ich als liberaler Muslim Tacheles reden. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Ich will nicht nur widersprechen, sondern auch den Finger in die Wunde des jahrhundertelangen kollektiven Verdrängens der Muslime legen. Als Mensch kann ich auch frei sein, deshalb nehme ich mir die Freiheit, die vorherrschenden Vorstellungen über den Islam, welche derzeit die Kollektive der Muslime prägen, infrage zu stellen. Ich möchte nichts anderes als neu über Gott, den Koran, die Tradition des Propheten und die Ideengeschichte des Islam nachdenken. Deshalb scheue ich nicht davor zurück, den Koran als religiösen Text, den Propheten Muḥammad (750–632) als historische Figur und die Tradition des Propheten als historische Aussagen und Praxis zu kritisieren.

Stillstand in einer Religion – und das gilt auch für den Islam – bedeutet Rückschritt und Stagnation. Er paralysiert den freien Geist. Stillstand führt auch dazu, dass eine Religion den Anschluss an die Menschen und an deren jeweilige Situation verliert. Solch eine Religion

„etabliert sich von vornherein als abschließend und beraubt den menschlichen Geist des Sinns für die Suche, die Nachforschung, die Verblüffung, das Abenteuer. […] Auf ein solches Skelett reduziert, wirkt der Islam, religiös und politisch, wie eine entleerte, unfruchtbare Perspektive, die nichts vom Fleisch der Fragen wissen will, die einen belagernden und aggressiven Monologismus begründet, taub für jeden Dialog und abgeschnitten von den Voraussetzungen, die eine Verbindung zwischen Personen und Völkern, Subjekten und Nationen eröffnen.“4

Der Islam hat auch eine unheimliche Seite, die in seiner Umgebung Unbehagen auslöst. Diese dunkle Seite ist immer dort erkennbar, wo die Religion von der Politik nicht zu trennen ist, wie etwa im gewalttätigen Fanatismus der Islamisten. Sie wird beispielsweise dort deutlich, wo die Kompetenzen des Throns nicht von der Kanzel in der Moschee zu unterscheiden sind oder wo Frauen im Namen einer religiösen männlichen Dominanz unterdrückt werden. Genau wie jede andere Religion kann der Islam auch gefährlich werden, wenn nicht klar zwischen dem Weltlichen und dem Geistlichen unterschieden wird und politische mit religiösen Interessen vermischt werden. Die Reform des Islam ist eine „Gegenpredigt“5 gegen die Predigten des konservativen Islam und seine politischen Herrschaftsansprüche.

Ist der Koran reformierbar? Wenn ja, wie soll seine Aufklärung aussehen? Man ist sich darüber einig, dass der Koran die wichtigste normative Quelle für alle religiösen, moralischen und rechtlichen Vorschriften im Islam ist. Als Heiliges Buch wird er verehrt, gefürchtet, missbraucht oder sogar gehasst. Er besteht aus Versen, deren Aussage klar und verständlich ist, er enthält aber auch mehrdeutige Verse (z. B. Koran 3:7). Er gilt mit den „Geheimnisvollen Buchstaben“ (z. B. Koran 2:1, 7:1 und 10:1) am Anfang von 29 Suren als wohl widersprüchlichstes Buch. Als literarisches Werk bietet er eine Fülle von Poesie und Prosa. Seine Sprache ist die Sprache des Friedens und die Sprache der Gewalt. Er ist mal tolerant, mal herzlos und erbarmungslos. Der in ihm beschriebene Gott ist mal zornig und hart strafend, dann wieder barmherzig und ein Freund seiner Verehrer. Die Auslegung bestimmter Suren kann über Frieden und Krieg, Leben und Tod entscheiden.

Für Muslime aller Couleur stellt der Koran das kollektive Gedächtnis und das Herz des Islam dar. Er verschafft sich historische, kontinuierliche Bedeutsamkeit durch seine multimediale Präsenz im Alltag der Muslime.6 Vielmehr noch gilt er als religiöse Erinnerungsbrücke zwischen seiner historischen Entstehungssituation im 7. Jahrhundert, seiner Rezeption in den folgenden Jahrhunderten und der jetzigen Zeit. Der Koran wird von den Muslimen als das Wort Gottes gesehen, das Maß aller Dinge, an dessen Vorschriften sie sich orientieren und das in ihrem alltäglichen Handeln den wichtigsten Platz einnimmt. Gemäß dem muslimischen Korandiskurs ist der Koran Gottes authentisches, unverfälschtes und letztgültiges Wort. Wer auch nur ein wenig am Wortlaut rüttelt, einen Teil von ihm ablehnt oder ihn gar als Menschenwerk betrachtet, gilt schnell als Häretiker und Apostat. Für Nichtmuslime, die aus unterschiedlichen Gründen Interesse an dem Heiligen Buch des Islam zeigen und es zu lesen versuchen, bleibt der Koran hingegen oft ein befremdliches Buch, bestenfalls ein schwer zugängliches literarisches Kunstwerk. Nicht zuletzt tragen die im deutschsprachigen Raum verbreiteten Koranübersetzungen unter den nichtmuslimischen Lesern zur Irritation bei. Hans Zirker, einer der bekanntesten Koranübersetzer, hat beispielsweise darauf hingewiesen, dass die kommunikative Sprachgestalt des arabischen Originaltextes in den deutschen Koranübersetzungen nicht in Betracht gezogen wird.7

Es entbehrt nicht einer ironischen Note, dass jeder Muslim zwar ein Koranexemplar besitzt, aber bis auf eine Minderheit kaum jemand mehr darin zu lesen weiß – ganz zu schweigen von denjenigen, die Arabisch nicht als Muttersprache sprechen. Es reicht nicht, dass die Mehrheit der Muslime einige Koransuren auswendig beherrscht, mit denen die gottesdienstlichen Handlungen verrichtet werden. Es muss eine ernsthafte innerislamische Debatte über den Umgang mit umstrittenen Suren im Koran, wie etwa mit den Schwertversen oder den Versen über die Unterdrückung der Frau, geben. Eine unabdingbare Voraussetzung für diese Auseinandersetzung der Muslime mit dem Koran beginnt mit der Veröffentlichung einer neuen Koranedition, die dessen Entstehungssituation im 7. Jahrhundert widerspiegelt.

Jeder Muslim ist in der Lage, durch intensive Auseinandersetzung mit dem Koran diesen gemäß seiner aktuellen Situation zu interpretieren und zu verstehen. Vom Deutungsmonopol der Gelehrten muss endlich Abschied genommen werden. Jeder Muslim muss sich selbst über seine Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen Gedanken machen. Anders ausgedrückt: Jeder Muslim muss selber denken, ohne fremde Anleitung, und sich von den kollektiven Zwängen befreien, die ihm seit Jahrhunderten auferlegt sind.

Tatsächlich ist der Islam ein wichtiger integraler Bestandteil des Alltags aller Muslime unterschiedlicher Konfession. Gott ist immer präsent im alltäglichen Handeln der Muslime, besonders das Bild von Gott als einem Strafenden. Die Reform des Islam will die Muslime auch von diesem Bild des tyrannischen Gottes und von der Angst vor der Hölle im Jenseits befreien. Sie können auf seine liebevolle Verzeihung hoffen, denn Gottes Barmherzigkeit im Diesseits und Jenseits ist grenzenlos und allumfassend (vgl. Koran 7:156 und 40:7). Seit Jahrhunderten diktieren die männlichen Theologen und Rechtsgelehrten des konservativen Islam den Muslimen und Musliminnen, wie sie ihr Leben zu führen haben, und drohen ihnen mit dem ewigen Höllenfeuer, wenn sie sich nicht an die Gebote und Verbote der koranischen Weisung halten. Doch jede Muslimin und jeder Muslim kann selbst den Koran lesen, verstehen und deuten, um zu Gott zu finden. Es gibt im Islam keine vermittelnde Instanz zwischen Gott und dem Menschen und eine solche ist auch nicht nötig. Auch Frauen können die Grundlagen des Islam im Rahmen ihrer eigenen Selbstbestimmung deuten und damit zum Ende der männlichen Dominanz in ihrer Religion beitragen. Deshalb braucht der Islam dringend Imaminnen.

Ist der Islam dabei, sich abzuschaffen? In seiner jetzigen, konservativen Form, die nicht mehr zeitgemäß ist, bekämpft er sich selbst. Denn der nicht reformierbare Islam in seiner politischen Ausprägung steht der universalen Ethik des mekkanischen Koran diametral gegenüber. Die islamische Welt benötigt nicht nur dringend eine sexuelle Revolution, die Frauen und Männer als gleichberechtigt anerkennt, sondern auch eine Islam- und Selbstkritik auf der Grundlage der Vernunft, die den Weg für die Etablierung eines modernen und humanistischen Islam ebnet. Denn: Auf einen kritikunfähigen, unaufgeklärten und frauendiskriminierenden Islam kann die Aussage „Der Islam gehört zum Westen“ niemals zutreffen.

I I. D E R P A T H O L O G I S C H E Z U S T A N D D E R I S L A M I S C H E N I D E N T I T Ä T

Liebe Muslime, versuchen wir gemeinsam die Augen für einen Augenblick zu schließen. Und nun stellen wir uns unseren islamischen Alltag einmal so vor: keine Autos, keine Züge, keine Flugzeuge, kein Internet, keine Handys, kein Telefon, kein PC, keine Elektrizität. Wir sind uns einig: Ein solcher Alltag wäre ziemlich trist. Nun machen wir gemeinsam die Augen wieder auf und stellen uns die Frage, was unser Beitrag im Laufe der Menschheitsgeschichte bei all diesen Innovationen war. Ohne etwas zu beschönigen, würde die Antwort lauten: Nichts! Gleichzeitig sind wir uns wahrscheinlich einig in dem Befund, dass sich der Islam und wir Muslime uns zurzeit in einer Sinnkrise befinden. Man denke nur an den Dschihad, den Terror und den Fanatismus des politischen und konservativen Islam, der die Gottesherrschaft auf der Erde mit Gewalt durchsetzen will – koste es, was es wolle.

Der Islam hat mit diesen Gräueltaten nichts zu tun – so lautet der Konsens der meisten Muslime in der Welt. Die Täter seien keine Muslime, sie hätten die Lehren der kanonischen Quellen des Islam nicht verstanden oder nicht richtig in die Tat umgesetzt. Die Ideologie der Islamisten habe nichts mit dem Islam zu tun, denn der Islam sei die Religion des Friedens. Viele Vertreter solcher Thesen vergessen, dass die Islamisten nicht in Synagogen, Kirchen oder buddhistischen Tempeln beten, sondern in Moscheen. Ihre Gebetsrichtung ist nicht Jerusalem oder Rom, sondern Mekka, die Heilige Stadt aller Muslime.

Selbstverständlich hat das Weltbild der Islamisten mit dem Islam zu tun, ob diese nun gewalttätig sind oder nicht, sonst hätte sich der islamistische Islam niemals so rasch und erfolgreich in der Welt ausbreiten können. Die erwähnte Apologie scheint vielfach wohlmeinend, ist allerdings unaufrichtig. Sie gibt die Naivität und die Bequemlichkeit ihrer Vertreter preis. Es handelt sich dabei um frommes Wunschdenken, das der Realität jedoch nicht entspricht.

Fest steht, dass nicht alle Muslime Terroristen sind. Fest steht jedoch auch, dass die Terroristen Muslime sind – solche, die sich sogar für die besseren Muslime halten und für sich beanspruchen, nach dem Koran und der Tradition des Propheten zu leben. Schließlich dienen den heutigen Islamisten in der ganzen Welt als Handlungsanleitung der in Medina offenbarte Koran (622–632)8 und das politische Handeln des Propheten selbst als Staatsmann – somit also die kanonischen Quellen der islamischen Rechts- und Religionslehre. Darüber hinaus wird der islamistische Terror durch eine gewalttätige, theologisch begründete Ideologie untermauert, die als eine Rezeption der Ideengeschichte islamischer Gewalt gelten muss.9 Wohl gibt es auch soziale, wirtschaftliche, politische und psychologische Gründe für die heutige Gewalt im Islam. Jedoch spielen die theologischen Grundlagen eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Legitimation dieser Gewalt oder etwa bei der Unterdrückung von Frauen. Auch wenn diese dunkle Seite in den Quellen des Islam von der Mehrheit der in Europa lebenden Muslime verschwiegen wird, so lässt sich gleichwohl nicht leugnen, dass sich der Islam in einem pathologischen Zustand befindet. Wo anderes behauptet wird, dort wird diese Tatsache bewusst verdrängt.

Nach der napoleonischen Invasion in Ägypten (1798–1801), die als Wendepunkt im kollektiven Bewusstsein der Muslime haften blieb, spürten einige Gelehrte die Notwendigkeit, den Islam zu erneuern. Die koloniale Invasion war ihnen ein Zeichen dafür, dass sich nicht nur die islamische Welt und ihre Gesellschaften, sondern auch der Islam selbst in Stagnation befanden, während gleichzeitig Europas Stärke und Macht immer weiter zunahmen. Diese historische Begegnung der islamischen Kultur mit der westlichen Zivilisation führte zu einer kulturellen Identitätskrise. Der Islamwissenschaftler Reinhard Schultze meint, dass ganze Jahrhunderte arabischer und islamischer Geschichte auf einmal „funktionslos und inhaltsleer“ schienen.10 Im Jahr 1930 schrieb der syrisch-libanesische Autor Schakib Arslan ein Buch mit dem Titel Warum sind die Muslime zurückgeblieben, und warum kamen andere voran? Diese herausfordernde Frage stellt sich heute mehr denn je. Sie hat nichts von ihrer Aktualität verloren, denn auch heute erleben Muslime eine ähnlich geartete Sinnkrise.

Im Jahre 2002 bescheinigte der Autor Abdelwahab Meddeb dem Islam in seinem Buch La maladie de l᾿Islam (Die Krankheit des Islam) einen pathologischen Zustand.11 Diese, vom Islam selbst hervorgebrachte Krankheit bedarf mehr denn je eines innerislamischen Therapieprozesses auf der Basis eines Aufklärungsprogramms. Noch pointierter formuliert Meddeb seine These, dass es sich bei der Krankheit, von welcher der Islam befallen ist, um eine hausgemachte handelt, in einem anderen Buch:

„Nicht der Islam ist eine Krankheit, sondern er bringt Krankheit hervor. Diese These des Essays trifft den Nagel auf den Kopf: Der Islamismus ist eine vom Islam hervorgebrachte Krankheit.“12

Meddebs Aussagen mögen zunächst drastisch und übertrieben erscheinen, doch indem er den Islamismus als ein religiöses Produkt des medinensischen Koran und der Tradition des Propheten benennt, spricht er lediglich schonungslos die Wahrheit aus.

Bei der oft beschworenen frühislamischen Glanzzeit, aus der viele Muslime ein Überlegenheitsgefühl anderen gegenüber schöpfen, handelt es sich um pure Nostalgie – ein leeres Konstrukt, welches der heutigen Realität des Islam schlicht nicht entspricht. Das Weltbild dieser Muslime ist durch Herrschsucht, Zerstörungslust, Radikalität und Gewalt gekennzeichnet. Man kann sogar vom „radikalen Bösen“ im Sinne Kants sprechen,13 wenn man die Chronologie der Gewalt betrachtet, welche sich nicht nur durch die ganze Frühgeschichte des Islam, sondern bis hin zum heutigen Tag zieht.

Horrormeldungen über islamistischen Terror gehören heute weltweit zum Alltag der Menschen. Auch wenn diese Wahrheit uns unangenehm sein mag: Es vergeht inzwischen kaum ein Tag, an dem nicht exzessive Gewalttaten von muslimischen Tätern im Namen ihres Glaubens begangen werden. Die Massivität des islamistischen Terrors scheint sich seit dem 11. September verselbständigt zu haben. Die Opfer sind zwar in der Mehrheit Muslime, es trifft aber auch Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften. Schauplatz des islamistischen Terrors sind nicht nur Länder in der islamischen Welt, sondern längst auch westliche Metropolen, in die der Tod zumeist von dort aufgewachsenen Muslimen getragen wird. Die Botschaft der radikalen Islamisten lautet stets: „Ihr seid unsere Feinde, solange ihr so seid, wie ihr seid.“

Mit dem islamistischen Terror hat eine neue Ära der Gewalt im Westen begonnen, ein Protest gegen die westliche Rationalität, Freiheit und Individualität, die als Entfremdung vom rechten Weg empfunden werden. Der Islamismus hat den Westen zu seinem Feind erklärt, und zwar vor allem unter Berufung auf die Lebensweise der Menschen im Westen. Die Islamisten wollen die „satanischen“ Andersdenkenden oder Andersgläubigen auslöschen und die Erde unter der Flagge des Islam vereinen. Wer sich dieser Mission anschließt, wird zu den Geretteten gehören, wer nicht – auch wenn er Muslim ist –, ist zu bekämpfen. Alles, was sich nicht der Herrschaft Gottes im Namen des Islam unterordnet, gilt den Islamisten als verdorben und amoralisch, als Teil einer „Zeit der Unwissenheit“ (ğāhiliyya), Koran 5:50). Dieser Terminus wiederholt sich viermal im medinensischen Korantext (Koran 3:154, 5:50, 33:33 und 48:26) und bezeichnet die Zeit vor der Verkündung des Islam im 7. Jahrhundert, die allgemein als ein „dunkles Zeitalter“ dargestellt wird und damit als Negativfolie, vor der sich der Islam mit seiner mission civilisatrice strahlend abhebt.

Selbstverständlich sind die Islamisten nur eine kleine Minderheit unter den Muslimen. Auf individueller und kollektiver Ebene beteuern Muslime mit Nachdruck, dass der Islam instrumentalisiert und zu Ideologiezwecken missbraucht wird. Solche Distanzierungen sind allerdings nichts weiter als Lippenbekenntnisse. Die gleichen Koranverse, die sogenannten Schwertverse aus der medinensischen Epoche (Koran 2:191, 4:76, 4:79, 4:91, 9:5, 5:33, 9:12, 9:29 und 9:36), mit denen die Islamisten ihre exzessiven Gewalttaten zu legitimieren versuchen, werden in vielen Moscheen bei Predigten zitiert. Möglicherweise sind sich viele Prediger der Tatsache nicht bewusst, dass eben diese Verse die Grundlage der Radikalisierung jener Jugendlicher sind, die in den „heiligen Krieg“ ziehen. Auch viele Aussagen des Propheten, wie etwa: „Mir wurde befohlen, die Menschen zu bekämpfen, solange sie sich nicht zum Islam bekennen“, sind in den Freitagsgebeten immer wieder zu hören. Der Korantext und die Tradition des Propheten sind nun mal das gemeinsame sinnstiftende Identifikationsmerkmal aller Muslime. Als kanonische Quellen bilden sie nicht nur die Grundlage für die religiöse Zugehörigkeit, sondern auch die Basis für das kollektive Gedächtnis aller Muslime über die konfessionellen Grenzen hinweg. Insbesondere der Koran wird von vielen Muslimen memoriert. Er ist im Alltag der Muslime multimedial präsent und gilt als eine religiöse Brücke zwischen seiner historischen Entstehungssituation im 7. Jahrhundert und der Gegenwart.14

Der Gelehrte Ibn Taimiyya (1263–1328), Theologe und Inspirator des modernen Salafismus konservativer Auslegung, berief sich beispielsweise auf solche Koranverse und deklarierte damit den heiligen Krieg als kollektive Pflicht. Ihm zufolge war der Islam – wenn nötig – auch mit dem Schwert zu propagieren. Sayyid Quṭb (1906–1966)15, Ahnherr aller heutigen Extremisten, rechtfertigte Gewaltanwendung damit, dass unsere Zeit mit der vorislamischen, heidnischen Epoche vor der Islamverkündung gleichzusetzen sei. Unter Berufung auf Sure 3, Vers 85, in welcher allein der Islam als wahrer Glaube anerkannt wird, verdammt Quṭb alle Anhänger anderer Religionen als Ungläubige, die zu bekämpfen seien. Heute wird er von einigen muslimischen Gelehrten wegen seiner Gelehrsamkeit und seines gewaltigen Opus grenzenlos verehrt, von anderen Muslimen wegen seiner zum Teil extremistischen Ansichten mit Skepsis betrachtet.

Die Muslime müssen den Mut haben zu gestehen, dass der Islam in vielen Punkten versagt hat. Der Islam steht heutzutage für Sexismus (Koran 2:282 und 4:34), Homophobie (Koran 17:32 und 11:77–83), Gewalt (Koran 9:29 und 5:33) sowie die Ausgrenzung anderer Religionszugehöriger und Andersdenkender (Koran 1:6–7, 2:120 und 3:85). Dieselben Koranverse sind gleichermaßen Fundament des friedlichen und des gewalttätigen Muslims. Besonders die drei letzten erwähnten Suren bieten Anknüpfungspunkte für Gewalt. Diese radikalen Koraninhalte dürfen nicht mehr verharmlost oder ignoriert werden. Aus ihnen entspringt, was Pierre Bourdieu als „symbolische Gewalt“ bezeichnet hat. Symbolische Gewalt operiert dezent und alltäglich und sichert die Anerkennung von Herrschaftsordnungen. In den in Medina offenbarten Teilen des Koran findet sich ein ganzes Sündenregister von Juden, Christen und arabischen Heiden, das letztendlich als Rechtfertigung für den bewaffneten Umgang des Propheten mit diesen Gruppen dient. Durch die tägliche Rezitation dieser Verse legitimieren viele Muslime bis heute unbewusst religiöse Gewalt. Davon könnte sich der Islam durch eine Reform seiner Quellen – insbesondere des medinensischen Koran – emanzipieren. Eine solche Reform ist dringender denn je. Es genügt nicht zu behaupten, dass der Islam eine Religion des Friedens ist. Wir müssen ihn auch dazu machen. Alles andere trägt lediglich zu seiner postfaktischen Verklärung und Idealisierung bei.

Im Islam wird zu wenig hinterfragt und vieles ohne Reflexion hingenommen. Besonders die in den muslimischen Gemeinden im Westen vermittelte Religion ist realitätsfremd, nicht zukunftsfähig und unterliegt einer Pädagogik der Unterwerfung. In den hiesigen Moscheen wird permanent eine Religiosität des Verwerflichen gepredigt. Import-Imame und die Wortführer konservativer Politikorganisationen lehren einen starren Katalog von Gut und Böse. Ihr religiöser Diskurs definiert sich einzig durch die Abwertung der Anhänger anderer Religionen, nicht durch die differenzierte Auseinandersetzung mit den eigenen Werten. Ihre Predigten und der sogenannte Koranunterricht in den Moscheen sind eine Ansammlung fertiger Antworten, die eine Suche der Gläubigen nach ihrem Selbst in Berührung mit dem Anderen verhindern wollen.

Die Islamisten haben praktisch nichts Neues erfunden. Sie haben nur das, woran alle Muslime glauben, in die Tat umgesetzt. Die radikalen Muslime

„haben schlicht die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit ‚Ungläubigen‘, ihre Haltung zur umma, zur religiösen Gemeinschaft der Muslime, oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheidet sich nur graduell, nicht prinzipiell. Die Basis ist die gleiche, beide, der Imam von nebenan und der IS-Ideologe, teilen miteinander viele Worte, Ängste, Tabus, Abwehrstrategien. Es sind diese veralteten, verkrusteten Inhalte, die mit der aufgeklärten Moderne derart in Kollision geraten, dass aus der Reibung eine Truppe wie der IS entstehen kann.“16

Der Islam selbst wurde zu einer Ideologie der Macht. Immer wieder wurde das Kollektiv über das Individuum gestellt, jede Kritik der Religion und jede Auseinandersetzung mit der Geschichte des Islam wurde verboten. Es ist nicht übertrieben, wenn man in diesem Zusammenhang von einer patriarchalisch-archaischen Stagnation spricht.

Ich möchte die religiöse Identität der Muslime einer schonungslosen Kritik unterziehen. Die kollektive Sinnkrise des Islam zwingt uns Muslime, in den Spiegel zu schauen und uns den Anblick eines entstellten Antlitzes nicht zu ersparen. Es ist das Gesicht des Islam, der die Herrschaft über die Welt gewinnen will und dabei über Leichen geht. Es ist das Gesicht des konservativen Islam im Westen, der den Westen islamisieren und die hier geborenen, liberalen Muslime re-islamisieren will.

Die Reform des Islam ist eine unverzichtbare Notwendigkeit, die allerdings nicht von selbst kommen wird. Sie ist kein unerwarteter Blitz aus heiterem Himmel. Sie ist das Endergebnis einer Reihe schrecklicher Ereignisse in schwierigen Zeiten, die ihre Geburt beschleunigen. Die Menschen spüren ein tiefes Reform- und Erneuerungsverlangen, das nicht mehr zu bremsen ist. Es scheint, dass die Gesellschaft auf einzelne Personen wartet, welche die Kraft und den Mut haben, ihr durch die Reformierung des Glaubens neuen Schwung zu geben.

I I I. D I E W Ä C H T E R D E S T E M P E L S

Im offiziellen Diskurs der Wortführer der muslimischen Gemeinde in Deutschland und anderer konservativer Muslime, darunter auch der Neo-Muslime (Konvertiten), hat sich inzwischen die Ansicht verfestigt, der Islam sei nicht reformierbar. Der Islam sei keine christliche Religion, die Reformation der eigenen Lehre sei ein dem Islam wesensfremder Gedanke. Die Freiheit des Einzelnen ist selbst vielen Muslimen im westlichen Kontext suspekt und deshalb scheuen sie sich davor, die kanonischen Quellen des Islam, deren historische Rezeption in der Ideengeschichte der klassischen Wissenstradition und die Aktualität des Islam infrage zu stellen. Diese vehemente Ablehnung machen sich insbesondere Salafisten zunutze, die ihrerseits den Islam als Geisel nehmen. Die Angst vor Neuem und vor der Moderne scheint im Islam übermächtig zu sein. Ein tunesischer Islamreformer stellt fest:

„Das Neue schwimmt gegen den Strom, besonders wenn es um die Religion geht. Der konservative Mensch fürchtet das Neue. Er hat Angst vor unangenehmen Fragen, weil sie seine soliden und sicheren Überzeugungen erschüttern. […] Die Gegner der Reformer sind gewiss die Konservativen.“17

Der Autor weist darauf hin, dass die Ablehnung einer Reform im Islam mit der lähmenden Macht der Konservativen zu tun hat. Immer wieder hört man von diesen die These, der Islam brauche keine Reform. Entsprechend kann es den Muslimen in der ganzen Welt nur durch Bildung gelingen, vom blinden Glauben zu einem reflektierenden Glauben überzugehen.18 Die Verweigerer der Reform des Islam wissen genau, wie schwer es ihnen fällt, Wahrheiten über sich selbst und den Islam zu ertragen. Sie fürchten die Aufdeckung dieser kollektiven Verdrängungsmechanismen und erträumen und entwerfen im Gegenzug ein Bild des Islam, das der Realität nicht mehr entspricht. So schrieb die türkische Zeitung Milli Gazete am 9. September 2005 auf der vierten Seite:

„Der islamische Glaube braucht keine Reformen, Veränderungen und Erneuerungen. […] Die Thesen einiger Radikaler, Konvertiten und Reformer sind komplett falsch. Im Islam gibt es keine Reformen. […] Reformen und Veränderungen können nur in verdorbenen Religionen, in menschlichen Ideologien und Lehren durchgeführt werden.“19

Die zitierte Zeitung steht der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) sehr nah, die seit Jahren unter intensiver Beobachtung des Verfassungsschutzes steht.20 Wenn solche Ansichten in international vertriebenen muslimischen Tageszeitungen verbreitet werden, ist es kein Wunder, dass viele Muslime im Westen die humanistischen Begründungsversuche einer Islamaufklärung vehement ablehnen. Interessant scheint in diesem Kontext die Verwendung des Terminus „verdorbene Religionen“. Anscheinend handelt es sich um eine Anspielung auf das Judentum und das Christentum. Wenn die Muslime das tägliche Gebet praktizieren, rezitieren sie jeden Tag 17 Mal die erste Sure des Koran, „die Eröffnende“. In dieser Sure wird gebetet:

„Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht den Weg derer, die Deinem Zorn verfallen sind und irregehen!“ (Koran 1:6–7).

Die gesamte muslimische Koranexegese ist der Auffassung, dass mit der ersten Gruppe die Juden gemeint sind und mit der zweiten die Christen.

Der konservative Islamwissenschaftler Muḥammad Sameer Murtaza, der den islamischen Dachverbänden sehr nahe steht, veröffentlichte im Jahr 2016 ein populärwissenschaftliches Buch mit dem Titel Die gescheiterte Reformation, dessen Thesen zum größten Teil von den Überzeugungen der Salafisten und Dschihadisten nicht zu unterscheiden sind. Deshalb ist es angebracht, dieses Pamphlet genauer unter die Lupe zu nehmen. Ähnlich meinem Buch, aber in zynischem Tonfall, beginnt seine Einleitung mit den folgenden Fragen:

„Wann kommt es endlich zu einer Reformation im Islam? Wo ist der muslimische Martin Luther? Wo bleibt der längst überfällige Thesenanschlag im Islam?“21

Offensichtlich will der Autor nur provozieren. Denn schon der Titel seines ersten Kapitels benennt sein Programm. Er lautet: „Der Islam braucht keine Reformation“. Die liberalen Muslime trachteten danach, die islamische Tradition wegzuwerfen, und würden dadurch die Gemeinde der Muslime „auf dem Altar eines neuzeitlichen Individualismus opfern“.22 Hierbei handelt es sich um eine gravierende Unterstellung, die auf Murtaza selbst zurückfällt. Er gibt vor, sich mit der Reform des Islam auseinanderzusetzen, aber in dem gesamten Buch kommt nicht ein einziges Mal der arabische Terminus technicus für Reform (iṣlāḥ) oder Reformer (muṣliḥ) vor. Koranverse wie 11:88, wo es um Reform geht, oder 2:220, wo der Begriff „Reformer“ gebraucht wird, scheinen den Autor nicht im Geringsten zu interessieren. Auch Aussagen des Propheten, welche eine Reform des Islam legitimieren, bleiben gänzlich außen vor. Dies ist folgerichtig, denn Murtazas Grundthese lautet: Der Islam braucht keine Reform, alle Reformbewegungen sind gescheitert. In seiner Paranoia scheint er nicht einmal einen Unterschied zwischen der evangelischen Reformation und der Reformbewegung des Islam beziehungsweise den Erneuerungsbewegungen im Islam vom 18. bis zum 20. Jahrhundert zu machen.23 Diese Reform- und Erneuerungsbewegungen bezeichnet Rachid Benzine als eine Vor-Reform, deren Ziel die Wiederbelebung des Islam war.24

Murtaza scheint auf einem Feldzug gegen muslimische Reformer in Deutschland zu sein. Er übt hemmungslose Kritik an einigen Vertretern des liberalen Islam in Deutschland und unterstellt ihnen sogar Ahnungslosigkeit. Er macht auch kein Hehl daraus, dass er Sympathie für die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und den Zentralrat der Muslime hegt.25 Beim Lesen seines Werkes gewinnt man schnell den Eindruck, dass der Autor von der Kanzel der Populärwissenschaften gegen alles predigt, was mit dem liberalen Islam zu tun hat. Das Buch scheint eine Abrechnung zu sein. Er beschuldigt die Liberalen der dramaturgischen Selbstinszenierung. Jedoch muss man als Leser konstatieren, dass der Autor beim Thema Reform des Islam selbst ziemlich überfordert ist. So heißt es bei ihm zum Beispiel:

Der ‚liberale Islam‘ ist ein neues Phänomen, das im Westen entstanden ist.“26

Ein solcher Kardinalfehler sollte einem Kritiker des liberalen Islam nicht unterlaufen. Seine unsachliche Kritik ist symptomatisch für die Haltung einiger muslimischer Islamwissenschaftler gegenüber aufklärerischen Stimmen im Islam. Solch ein gewagter Satz zeigt deutlich sein Wissensdefizit hinsichtlich des historischen Entwicklungsprozesses des liberalen Islam in der arabischen Welt. Es genügt an dieser Stelle, an einige Werke zu erinnern, die sich für einen liberalen Islam eingesetzt haben. Schon im Jahr 1885 erschien das Buch des algerischen Gelehrten Muḥammad Ibn Muṣṭafā Ibn al-Ḫūğa (1864–1915) mit dem Titel Beachtung der Sorge um die Rechte der Frauen, in dem es um die Befreiung der muslimischen Frauen ging. Fünf Jahre später verfasste der ägyptische Reformer Qāsim Amīn (1865–1908), der in Frankreich studiert hatte, sein monumentales Werk Die Befreiung der Frau.27 Zu den Hauptthesen des Werkes gehört erstens, dass der Aufruf zur Befreiung der Frau kein Verstoß gegen die Religion ist. Zweitens betont er, dass die Trennung zwischen Frauen und Männern nicht auf das islamische Recht zurückzuführen ist. Drittens – seine wichtigste These –, dass der in seiner Zeit sich ausbreitende Schleier überhaupt nichts mit dem Islam zu tun habe. Im Jahr 1925 dann schrieb der Reformgelehrte ʻAlī ʻAbd ar-Rāziq (1888–1966), der in Oxford studiert hatte, ein Buch mit dem Titel Der Islam und die Grundlagen der Herrschaft.28 Seine wichtigste These besagt, dass es im Koran und in der Tradition des Propheten keine Legitimation für einen Herrschaftsanspruch gibt. Dass der Prophet auch Herrscher war, wäre eine geistliche und politische Entscheidung gewesen, die mit den damaligen Umständen im 7. Jahrhundert zu tun gehabt hätte. Mit dieser These wollte der Autor einen klaren Trennstrich zwischen dem Profanen und dem Heiligen ziehen, was zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit der historischen Funktion des Propheten hätte führen können. Doch ʻAbd ar-Rāziq wurde aus seinem Amt als Richter entlassen und lebte bis zu seinem Tod zurückgezogen. Die Liste solcher Werke als Fundament für den liberalen Islam kann beliebig verlängert werden. Fest steht, dass es bereits all diesen muslimischen Reformern in erster Linie um „eine islamisch begründete säkulare Moderne“29 ging, die jedoch bis heute, auch im Westen, bekämpft wird.

Der oben zitierte Reformgegner Murtaza scheint außerdem der Überzeugung zu sein, dass die Erneuerungsbestrebungen im Islam aus den Moscheen kommen.30 Konkretes teilt er uns leider nicht mit. Schade, es wäre tatsächlich ein konstruktiver Vorschlag. Denn würden die Imame in den Moscheen sich mit der Vernunft versöhnen, wäre es möglich, eine Reform des Islam in die Tat umzusetzen. Die Geschichte der Moscheen im Westen, in denen Import-Imame tätig sind, zeigt jedoch, dass sie au contraire einen erheblichen Anteil an der gescheiterten Integration vieler Muslime haben. Es ist – mit Blick auf diese Moscheen – kein Wunder, dass die Mehrheit der Muslime nationalistisch und konservativ sind. Ein schlagender Beweis sind die Moscheen der DITIB und des Zentralrats der Muslime.

Die Import-Imame sind den heutigen Herausforderungen im Westen noch nicht gewachsen, deshalb sind sie nicht in der Lage, den Islam zu reformieren und sich an die Moderne der westlichen Kultur anzupassen. Diese Gelehrten, die von ihren Kollegen in der islamischen Welt letztendlich nicht zu unterscheiden sind, haben eine Art Frage-Verbot in den muslimischen Gemeinden Europas institutionalisiert. Mit vorgefertigten Antworten zwingen sie den Mitgliedern ihrer Gemeinden ihre Lehre auf und berufen sich dabei auf veraltete Sichtweisen, die angeblich für alle Zeiten und alle Orte gedacht waren. Ihre Predigten kommen als Gewissheiten daher, die zu befolgen sind und von niemandem in den Moscheen infrage gestellt oder bezweifelt werden dürfen. Jeder Imam, der die historisch-politische Rolle oder die Aussagen des Propheten, oder etwa den medinensischen Koran infrage zu stellen versucht, wird aus seiner Moschee verjagt. Denn die kanonischen Quellen sind ein Tabu.

Ein alternativer Ursprungsort einer Reform des Islam könnte der islamische Religionsunterricht sein. Der schulische Religionsunterricht wäre tatsächlich in der Lage, das Gesicht des Islam im Westen und die hiesige religiöse Landschaft zu verändern. Er könnte eine neue Generation des Islam in Europa an eine säkulare Gesellschaft heranführen, in der moderne Werte wie Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Pluralismus und Demokratie unantastbar sind.

Was die konservativen Muslime und ihre Vertreter in der intellektuellen Szene wie Murtaza hingegen propagieren, ist die Re-Islamisierung der Moderne. Sie predigen eine Gegenaufklärung als Denk- und Lebensmodell. Im Sinne dieser Re-Islamisierung ist Widerstand nicht nur gegen die Vernunft zu beobachten, sondern auch gegen alle aufgeklärten Bestrebungen, welche die religiöse Legitimität der historischen und gegenwärtigen Herrschafts- und Patriarchatsstrukturen auf den Prüfstand stellen.

Diesen Gegnern der Aufklärung geht es letztendlich um die Deutungshoheit. Sie wollen bewusst verhindern, dass die Muslime in Glaubensfragen und religiösen Angelegenheiten dem eigenen Gewissen folgen. Sie wollen bestimmen, wie die Beziehung des Menschen zu Gott aussehen soll. Darüber hinaus schüren sie unter den Menschen die Furcht vor einem Gott, der nur darauf wartet, sie schonungslos in die Hölle zu schicken. Seit Jahrhunderten versetzen sie die Muslime permanent in Angst.

Die Verweigerer der islamischen Reform wissen genau, dass der reflektierte Islam eine Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit bedeutet. Sie sind sich auch der Tatsache bewusst, dass die Muslime durch die Anwendung der Vernunft in ihrem Glauben und Handeln den Geist der Freiheit atmen könnten. Schließlich geht es in der Reform des Islam nicht darum, das Unmögliche zu wagen, um das Mögliche zu erreichen. Es geht lediglich darum, die kanonischen Quellen des Islam, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem Menschenwort geworden sind, auf der Grundlage der Vernunft zu diskutieren, differenzierter wahrzunehmen und besser zu verstehen. Es geht darum, die Religiosität der Musliminnen und Muslime in Angstfreiheit wachsen und reifen zu lassen, hin zu mehr Kreativität und sozialer Mitverantwortlichkeit. Die Reform des Islam ist heute notwendig und auch möglich. Es fehlt uns lediglich der Mut dazu.

Ziel der Reform des Islam ist es, dass der Islam in religiösen Angelegenheiten auf dem Prinzip der Vernunft aufbaut. Es genügt nicht, nur über die Vernunft zu sprechen; die Muslime müssen sie sich im religiösen Diskurs zu eigen machen. Dadurch kann der Islam anderen Religionen und Weltanschauungen auf Augenhöhe begegnen. Unter Vernunft in der Religion verstehe ich auch die Trennung von Sakralem und Säkularem. Auch im Islam sollen Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit sowie Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen und zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in Mittelpunkt stehen. Diese humanistischen Werte sind die Grundlage für ein tolerantes und friedliches Leben unter Muslimen, mit den Anhängern anderer Religionen und mit andersdenkenden Menschen.

Die Reform des Islam will für Muslime aller Couleur den Einfluss eines veralteten mittelalterlichen Islamverständnisses eindämmen. Hierbei geht auch um den sogenannten Islam des Konsenses (islām al-iğmāʻ)31, der den früheren Gelehrten nachgesagt wird, die ihre Lehre und ihre Diskurse in Eintracht gepflegt haben sollen. Interessant ist, dass viele muslimische Rechtsgelehrte auf den Konsens der Prophetengefährten (aṣ-ṣaḥāba) und der ersten Generation der Muslime im 7. Jahrhundert abheben. Durch die Kanonisierung des Konsenses als normative Bedingung in schariarechtlichen und anderen Fragen der Religion werden heutige Muslime genötigt, genau wie die Muslime von damals zu denken. Dieser Islam der autoritären Kollektivität kassiert die kreativen Kräfte der Individuen und zwingt sie zur bloßen Nachahmung.

Nie war die Aufklärung des Islam so notwendig wie heute, in der Zeit des globalen islamistischen Terrors. Nicht nur Muslime, auch viele Nichtmuslime sehen die Dringlichkeit einer konstruktiven Selbstkritik des Islam. Umso wichtiger ist eine Aufklärung, die betont, dass der Islam in erster Linie ein Glaube voller Spiritualität ist. Der Islam ist keine militante, die Weltherrschaft erstrebende Gemeinschaft. Er ist keine staatliche Ordnung mit einem Totalitäts- und Universalanspruch auf die ganze Menschheit. Er ist eine geistliche Bewegung, eine Religion, welche die Bindung des Individuums an Gott und den treuen Glauben festigen will. Der Islam besteht aus dem religiösen Angebot spiritueller Werte, die ein tiefes religiöses Leben ermöglichen und fördern. Nun sind wir herausgefordert, eben diesen aufgeklärten Islam zu etablieren.

I V. D I E V I E R Z I G T H E S E N

„… die Fragen selbst liebzuhaben,

wie verschlossene Stuben

und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache

geschrieben sind.“

Rainer Maria Rilke

1. Es ist Zeit für einen
Europäischen Islam.

Genau wie in allen anderen monotheistischen Religionen spielt die Vergangenheit eine essenzielle Rolle im Alltag der Muslime. Obwohl Geschichte nie abgeschlossen ist und in Übereinstimmung mit der Gegenwart immer wieder neu reflektiert und gedeutet werden muss, beansprucht im Islam eine kleine Gruppe konservativer Gelehrter die alleinige Deutungshoheit über die Vergangenheit für sich. Die Mehrheit der Muslime identifiziert sich blindlings mit dem von dieser Gruppe vorgegebenen kulturellen Erbe und hat offenkundig Schwierigkeiten damit, dieses kritisch infrage zu stellen. In der Folge leben sie zwar körperlich in der heutigen Zeit, denken jedoch im Geist des 7. Jahrhunderts. Viele träumen sogar von der Rückkehr zum Islam der Anfangszeit.

Bis heute bestreitet die Mehrheit der Muslime, dass die Gewalt etwas mit den Lehren des Islam zu tun hat. Gezielt wird die Gewalt zu Lebzeiten des Propheten, dessen Gemeinde als Vorbild für alle Muslime gilt, gegenüber den nichtmuslimischen Gesellschaften Europas völlig ausgeblendet. Es wird bewusst eine Dynamik des Verdrängens in Gang gesetzt, welche die Entstehung des Islam verklärt und idealisiert. Doch die Muslime sind sowohl das, was sie erinnern, als auch das, was sie vergessen wollen. So dienen den Islamisten als Handlungsanleitung einige medinensische Koranpassagen und das politische Handeln des Propheten selbst, somit kanonische Quellen der islamischen Rechts- und Religionslehre. Darüber hinaus beruft sich der islamistische Terror auf eine gewalttätige, theologisch gut fundierte Ideologie, die als Rezeption einer Ideengeschichte der Gewalt im Islam gelten muss. Man kann es nicht leugnen: Der gegenwärtige Islam wird von seiner gewalttätigen Vergangenheit heimgesucht.

Weder die kanonischen Quellen des Islam noch die Ideengeschichte der islamischen Wissenstradition sind selbstevident, sie alle bedürfen einer kritischen Auslegung. Die gegenwärtige Selbstbestimmung der Muslime kann allein durch eine zeitgemäße Auslegung der eigenen Ideengeschichte vollzogen werden. Muslimische Identitätsfindung in der Gegenwart, insbesondere im westlichen Kontext, kann nicht gelingen, wenn man sich dabei allein auf eine sakrosankte Interpretation der islamischen Vergangenheit bezieht. Anhand der kritischen Auseinandersetzung mit den kanonischen Quellen und der Wissenstradition des Islam ergeben sich hingegen vielfältige Möglichkeiten der Interpretation der eigenen religiösen Identität bei zeitgleicher Zugehörigkeit zu einer neuen Kultur. Diese Vorgehensweise kann Pluralität unter den Muslimen schaffen.

Ein gebildeter Muslim versteht, dass er historische Texte nicht neutral interpretieren kann. Er deutet sie immer im Kontext seiner jeweiligen Lebenssituation. So entdeckt er nicht nur seine religiöse Identität, sondern definiert diese anhand seiner Interessen und gemäß seiner Lebenswirklichkeit im Westen. Seine ererbten Werte müssen unbedingt mit den jeweiligen Werten der westlichen Kultur abgeglichen werden. Die Muslime im Westen können sich und ihre Lebenswelt besser verstehen, wenn sie sich nicht nur mit der Geschichte des Islam beschäftigen, sondern auch mit der Kultur, an der sie teilhaben. Nur ein kritisches und selbstreflektierendes Verstehen der islamischen Tradition ist geeignet, die gegenwärtige Existenz der Muslime zu bereichern. Besonders die Vielfalt der zeitgenössischen Lesarten des Koran ermöglicht es den Menschen, den Islam selbst neu zu verstehen, zu entdecken und ihre religiöse Identität mit den Grundsätzen der westlichen Kultur zu versöhnen. Nur so können die Muslime im Westen ein integrativer Bestandteil ihrer jeweiligen Gesellschaft werden und sich von der nostalgischen Erinnerung an das 7. Jahrhundert verabschieden – die Zeit der historischen Entstehung des Islam, die jedoch nichts anderes als eine kollektive Erinnerung ist. Ihre Zugehörigkeit zum Islam wird dann zur privaten Sache, primär sind sie nun Bürgerinnen und Bürger des Landes, in dem sie leben. Dieser Weg kann zu einer neuen muslimischen Identität im Westen führen. Nennen wir diese Identität einen „europäischen Islam“.

2. Die Heilige Schrift des Islam an sich ist leblos.
Erst die Interpretation macht sie lebendig.

Die Muslime müssen sich der Tatsache bewusst werden, dass sie mit dem Koran und der Tradition des Propheten als kanonische Quellen nicht mehr dort stehen, wo der Prophet Muḥammad damals im 7. Jahrhundert stand. Der Islam der ersten Gemeinde des Propheten (610–661) hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt. Entsprechend ist der Korantext Gegenstand eines nie abgeschlossenen Interpretationsprozesses, der sich immer an die jeweilige Lebensrealität des Interpreten anpassen muss. Er lässt sich zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich interpretieren. Die Interpretation befreit die Texte der islamischen Kultur von ihrer Leblosigkeit, ja mehr noch: Sie werden durch das Vorwissen der heutigen Muslime um neue Sinngehalte bereichert. Dies bedeutet aber auch, dass der Koran ohne Einbeziehung des gegenwärtigen Kontexts keinen Wert hat. Nur eine humanistische Lesart des Korantextes kann einen konstruktiven Beitrag zur Etablierung eines modernen Islam in einem westlichen Kontext leisten, indem sie sich auf das reflektierende und kritische Verstehen beruft und die Freiheit der Interpretation betont. Eine Deutungshoheit bestimmter Gruppen besteht nicht.

Die westliche Islamwissenschaft konzentriert sich bis heute zum größten Teil ausschließlich auf die Frage der geschichtlichen Genese des Korantextes. Allein seine Vorgeschichte und seine Redaktion sind zentrale Themen, ebenso wie die jüdischen, christlichen und anderweitigen Einflüsse auf den Koran. Womöglich mit der Absicht, die Originalität des Koran als Offenbarungsbuch in Zweifel zu ziehen, bewegt sich die westliche Koranwissenschaft methodisch zwischen der historischen und der rezeptionsgeschichtlichen Analyse. Man wollte bisweilen nichts anderes, als die Heilige Schrift der Muslime als eine epigonale Reprise des Gedankenguts aus dem Alten und Neuen Testament zu beschreiben. Demnach wäre der Koran nichts anderes als ein nachbiblisches Werk im Sinne eines Fortschreibungstextes, der von Muḥammad verkündet wurde.

Bewusst will man seinen Status als Gottes Wort in Form einer Offenbarung nicht anerkennen. Diese Haltung, inzwischen auch vertreten durch die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, scheint ihre Wurzeln in der historischen Rezeption des Korantextes durch Nichtmuslime zu haben. Das harte Verdikt einer Epigonalität des Koran zu anderen heiligen Schriften in der westlichen Islamwissenschaft der Gegenwart erinnert an die Anfänge des klassischen Orientalismus. Bereits der orthodoxe Theologe und Kirchenvater Johannes von Damaskus (gest. um 750), der etwa ein Jahrhundert nach dem Tod des Propheten wirkte, stellte Muḥammad im zweiten Teil seines theologischen Werkes Quelle der Erkenntnis über die Häresien (De Haeresibus) als falschen Propheten und Vorläufer des Antichristen dar. Als erster Gelehrter betrachtete er den Islam nicht als eine eigenständige Religion, sondern bezeichnete ihn als eine christliche Denomination mit gewissen Irrlehren und klassifizierte ihn somit als jüngste unter den christlichen Häresien. Diese Denkart setzt sich bis in die Gegenwart der westlichen Islamwissenschaft fort.

Eine solch verzerrte Rezeption hat zwei Konsequenzen: Erstens wird der Korantext allzu häufig aus seinem aktuellen Kontext herausgerissen behandelt, ganz zu schweigen von einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit seinen Themen. Während also der Historizität des Koran ungleich viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, interessiert sich die westliche Islamwissenschaft kaum für dessen Inhalte. Zweitens ist die Frage nach der Urheberschaft des Korantextes, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk der westlichen Koranwissenschaftler zieht, in der Islamwissenschaft zentral. Und bis heute schreiben die Vertreter dieses Faches die Autorenschaft dem Propheten Muḥammad zu. Damit will man nichts anderes, als dem Koran seine Natur als Gottes Wort abzusprechen und ihn stattdessen zu einem Machwerk des Propheten zu erklären – stets einhergehend mit dem impliziten Vorwurf, Muḥammad habe beim Verfassen des Koran aus anderen heiligen Schriften abgeschrieben.

Ein unmittelbares Indiz für die Autonomie des Koran von seinem historischen Ursprung ist der Korantext selbst. Nicht nur die Prozessualität der Textgenese bei seiner Verkündung, sondern auch seine kommunikative Sprachstruktur verleihen dem Koran als Text eine gewisse Originalität und Eigenständigkeit, die ihn nicht unmittelbar mit anderen heiligen Schriften vergleichen lässt. Seine vielgestaltigen Redeformen und Sprachakte bezeugen deutlich eine große literarische Partitur, welche eine immer wieder neue Lektüre des Korantextes ermöglicht und legitimiert. Als selbstreferentieller Text mit einer interpretativen Fortschreibung seiner selbst in Form eines Korantextwachstums verhält sich der Korantext in seiner stilistischen und sprachlichen Intention wie ein literarischer Text, welcher seinen eigenen Inhalt und seine eigene Sprachform zum Gegenstand macht. Er wiederholt sich nicht nur, sondern kommentiert sich ständig selbst und bereichert seine Themen mit neuen sprachlichen und inhaltlichen Informationen.

Der Leser entdeckt einen Wandlungsprozess durch die Sprach- und Stilentwicklung im Korankorpus selbst. Diese illustrieren deutlich die Debattenlandschaft zwischen dem Propheten und seiner Hörerschaft im 7. Jahrhundert. Der Korantext ist somit nicht nur eine religiöse Schrift, sondern auch ein literarisches Werk par excellence. Nicht nur seine Heilsgeschichten, sondern auch die zahlreichen Termini, welche einer kommunikativen Textentfaltung im Sinne einer Sinnerweiterung unterliegen, sind ein deutlicher Beleg hierfür. Durch seine Autonomie illustriert er die Sinnentfaltung seiner eigenen internen Exegese – die Schrift legt sich selbst am besten aus und wird durch die Exegese des Menschen entfaltet und bereichert. Der Koran spricht jedoch nicht von selbst, es sind die Menschen, die ihm Sinn verleihen.

Vorab soll verdeutlicht werden, dass ich zwischen dem humanistisch-ethischen und politisch-juristischen Koran unterscheide. Der Teil des Koran hingegen, der zur politischen und sozialen Organisation der Gemeinde des Propheten diente, kann nur aus seinem Entstehungskontext verstanden werden. Er hat keine Anwendungsgültigkeit in der heutigen Lebenswelt der Muslime. Dazu gehören auch die sogenannten Schwertverse, die Koranpassagen über den Umgang mit den Juden und Christen sowie die Koranstellen über die Stellung der Frau.

Historisch-kritisch gesehen kann zwischen dem historischen Muḥammad auf der einen Seite und dem Koran als Quelle des Glaubens auf der anderen unterschieden werden, denn der Prophet selbst war schlicht ein Verkünder von Gottes Wort. Ein Bezug allein auf die Inhalte des Korantextes befreit die historische Erforschung des Propheten auch von späteren muslimischen theologischen Projektionen, die ihn zum Beispiel als Analphabeten sehen.

3. Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.

Die Autonomie des Koran als religiöser Text setzt die Freiheit des Muslims als Exeget voraus und begründet gleichzeitig sein reflektierendes und sogar kritisches Verstehen, denn es besteht eine Wechselwirkung zwischen der Entstehungssituation des Koran und der Lebenswelt des Exegeten. Die vielfache Exegese des Koran muss nicht unbedingt zu sich widersprechenden Interpretationen führen. Denn die aus einem freien und kreativen Umgang mit dem Korantext entstandenen Auslegungen können sich auch konstruktiv ergänzen und bereichern. Somit besitzt kein bestimmter Muslim oder keine muslimische Gruppe das Deutungsmonopol über den Koran. Dies bedeutet auch, dass jede Muslimin und jeder Muslim das absolute Recht hat, den Koran gemäß ihrer oder seiner Lebenswelt zu interpretieren.

Im Koran gibt es keinen Beleg dafür, dass es den Muslimen verboten wäre, frei zu denken. Immer wieder lesen wir im Koran den Aufruf, dass alle Muslime über ihre Religion und ihr Leben nachdenken und reflektieren sollen. In mehreren Kontexten ruft der Koran die Muslime dazu auf, sich ihrer Vernunft zu bedienen. Ausgedrückt wird dies mit verschiedenes Termini, die sich in einer spannungsvollen Weise ergänzen: Die Muslime sollen über den Koran „nachdenken“ (tadabbur, Koran 10:24 und 16:44); der Koran ist als Schrift in arabischer Sprache hinabgesandt, deshalb sollen sich die Muslime darüber „Gedanken machen“ (Koran 12:2 und 43:3); auch ist im Koran die Rede von Menschen, die in Sachen Religion „Verstand besitzen“ (ūlū al-albāb, Koran 3:190 und 38:29).

Mohammed Arkoun (1928–2010) betont, dass es im Islam keine Instanz gibt, die für sich die alleinige Autorität beanspruchen darf. Die Interpretationen des Koran könnten sich auf der Basis von Meinungsfreiheit und -verschiedenheit ergänzen. Deshalb sei der Koran, wie jede religiöse Schrift, offen für alle Interpretationen, die das Wort Gottes mit neuen Sinninhalten bereichern. Es sei selbstverständlich, dass der Koran nicht nur religiöse Informationen mitteile, sondern Kommunikation stifte und die Menschen zum Nachdenken ermutige. Daher sei die Freiheit der Interpretation grundlegend.32

Die Freiheit der Muslime bei der Exegese ist in meinen Augen ein wesentliches Element, besonders wenn es um die Etablierung eines diskursiven Islam im westlichen Kontext geht. Der Anspruch auf das Monopol einer einzigen und richtigen Lesart der kanonischen Quellen und der Wissenstradition kann von keinem Gelehrten und von keiner bestimmten Glaubensgemeinschaft oder Gruppierung, wie etwa hierzulande den sogenannten Dachverbänden, beansprucht werden, denn dies führt zur Unmündigkeit des Textes und des Lesers. Eine übergeordnete Lehrinstitution gab es in der Geschichte des Islam nicht und jeder heutige Versuch, eine solche zu schaffen, würde nicht nur das Verstehen des Islam und seiner Ideengeschichte stagnieren lassen, sondern die Freiheit der pluralen Interpretation aufheben.

Der Ruf nach der Autonomie des Koran als Text und nach der Freiheit der Interpretation ist eine Ermutigung der Muslime zur Erneuerung der islamischen Religion sowie die Voraussetzung für eine Wiederbelebung des freien Denkens aller Muslime. Die Freiheit der Koranauslegung impliziert auch die Freiheit all jener Andersdenkenden, die ebenfalls nach einer modernen und humanistischen Lesart des Koran streben. Selbstverständlich bedeutet freie Interpretation weder plakative Ablehnung noch Revolution gegen das historische Erbe der islamischen Kultur. Eine freie Interpretation ist darum bemüht, die kanonischen Quellen und deren Rezeption historisch-kritisch zu verstehen. Sie will den Koran bewusst von seinem hagiografischen Sinn befreien. Deshalb ist und bleibt die Freiheit des muslimischen Lesers als Exeget unantastbar.

4. Eine Reform des Islam
braucht mutige Reformer.

Selbstverständlich können und müssen alle Muslime ihre eigene Religion reflektieren, denn sie sind diejenigen, die die Verantwortung für ihre Entscheidungen und ihr Handeln im Diesseits tragen. Auch im Jenseits werden alle Menschen zur Rechenschaft gezogen für das, was sie in ihrem Leben gemacht haben. Kein Muslim hat das Recht, sich zum Fürsprecher anderer aufzuschwingen. Und doch benötigen auch Muslime geistige Wegweiser, besonders in Zeiten der Sinnkrise ihrer Religion. Eine religiöse Reform formiert sich immer zu einem Zeitpunkt, an dem die Auslegung der Religion als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird. Oft wird sie durch eine politische oder soziale Krise in Gang gesetzt und beschleunigt. Vor der Formierung einer Reformbewegung sind kreative Kräfte zumeist in den Hintergrund gerückt. Ein Gefühl der Unterlegenheit und der Frustration kennzeichnet die Mentalität der Menschen. Es scheint, dass die Gesellschaft auf einzelne Personen wartet, die die Kraft und den Mut haben, der Reform des Glaubens neuen Schwung zu geben. Die Träger einer Reformbewegung sind sich der kollektiven Depression ihrer Gesellschaft bewusst und versuchen, sozusagen als geistige Handwerker, ihre Umgebung zu reparieren und die wahren religiösen Prinzipien wiederzubeleben.

Die Reform des Islam benötigt mutige, aufrichtige Reformer – Intellektuelle, die den Finger in die Wunde der Zeit legen. Diese Menschen sind humanistische Muslime, die ihre Aufgabe darin sehen, zu klären und aufzuklären. Sie sind heute wichtiger denn je, denn sie haben den Mut, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und mit Tabus zu brechen – und zwar gegen alle Widerstände. Sie erlauben anderen, vollständig an ihrem Aufklärungsprogramm teilzunehmen, und bleiben – ohne Furcht vor den Reaktionen anderer – bei ihrer Wahrheit. Sie riskieren den Zorn und die Wut der Vertreter des konservativen Islam, gehen dabei ein hohes Risiko ein und setzen nicht selten ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Ein vorbildhaftes Beispiel für solche freien Geister findet sich sogar im Koran selbst, nämlich an jener Stelle, wo es zum Dialog zwischen Gott und den Engeln kommt (Koran 2:30–34). Am Beispiel dieser Stelle möchte ich gern eine humanistische Lesart des Korantexts demonstrieren.

Es findet an dieser Stelle im Koran ein einmaliger Dialog zwischen Gott und den Engeln bezüglich der Einsetzung eines menschlichen Vertreters auf Erden statt. Nach der Erschaffung des Diesseits – Erde und Himmel – teilt Gott den Engeln mit, dass er sich einen Vertreter auf Erden erschaffen will. Die Engel sind nicht begeistert von Gottes Vorhaben. Sie schweigen aber nicht, sondern äußern unmissverständlich und mutig, was sie denken. Die Engel waren über das Vorhaben nicht nur erstaunt, sondern mit dem Projekt Gottes schlicht nicht einverstanden. Vielleicht hofften sie, dass Gott sich über sein Vorhaben mit ihnen beraten würde, in der Hoffnung, dass er es revidiert. Somit sind die Engel nicht mehr nur als Diener Gottes zu betrachten, sondern als ihm ebenbürtige Gesprächspartner.

Als Mensch mutig und frei zu sein, wenn es um den Islam geht, ist freilich keine einfache Aufgabe, denn im Islam wird zwischen konstruktiver Kritik und Schmähung nicht unterschieden. Jede noch so sachliche und fundierte Kritik wird als Verrat an der eignen Religion betrachtet und Reformer werden als Nestbeschmutzer verunglimpft. Der „Wahrsprecher“ riskiert Feindseligkeit, Hass und Tod, besonders wenn sein Gegenüber Macht und Autorität besitzt, wie es im Islam der Gegenwart der Fall ist. Dennoch: Eine Reform des Islam braucht eben solche mutigen Frauen und Männer.

5. Das Erbe des Islam muss frei erforscht werden können.

Im Laufe der islamischen Geschichte haben die Gelehrten dem Koran Schranken gesetzt und ihn in den Käfig ihrer Auslegung gesperrt. Sie machten aus ihm einen autoritären und zwingenden Text, obwohl im Koran selbst zu lesen ist, dass es in der Religion keinen Zwang gibt (Koran 2:256). Die früheren und die zeitgenössischen konservativen Gelehrten tragen die volle Verantwortung für die Beseitigung der Denkfreiheit im Islam oder zumindest für deren Einschränkung. Die Unwissenheit der muslimischen Laien hat zur Folge, dass zwischen der Rede Gottes und den Ansichten der Gelehrten nicht klar differenziert wird, was wiederum dazu führt, dass sie die Ansichten der Gelehrten als unantastbar betrachten.

Islamische Theologie in einem europäischen Kontext hat die Aufgabe, die Geschichte des Islam diskursiv zu erforschen. Diskursivität ist dem Islam eigentlich nicht fremd. Die dem Propheten Muḥammad verkündete Offenbarung wollte zum Beispiel mittels unzähliger Dialoge im Koran die Zuhörer emotional ansprechen und ihre Imagination anregen, aber eben auch dazu auffordern, den zwischenmenschlichen Dialog zu pflegen.

Anders als in den meisten muslimischen Ländern ist der Islam im Westen nicht die vorherrschende oder gar die einzige Religion. Der Islam im europäischen Kontext lebt in ständiger Berührung mit anderen Religionen. Eine Islamische Theologie wie in der ägyptischen Azhar-Universität oder in den Universitäten Saudi-Arabiens darf und kann in einem europäischen Kontext nicht gelehrt werden, obwohl solche Hoffnungen von vielen europäischen Muslimen gehegt werden. In diesen Ländern gilt der „islamische Katechismus“ als nicht hinterfragbar; Schüler und Studenten haben ihn ohne jegliche Textanalyse auswendig zu lernen. Genau wie in den Moscheen gelten Lehrerinnen und Lehrer an diesen Universitäten als Verkünder der absoluten Wahrheit des Katechismus und die Lernenden als diejenigen, die lediglich zu dieser Wahrheit begleitet werden müssen. Die historisch-kritische Methode wird als Tabu angesehen. Allein schon diese veraltete Lehrmethode, welcher die Standards an europäischen Schulen und Hochschulen fremd sind, zeigt, dass eine islamische Theologie im europäischen Kontext anders verstanden und gestaltet werden muss. Auch der Import von Lerninhalten durch Gelehrte etwa aus der Türkei oder aus Saudi-Arabien ist zum Scheitern verurteilt, da der europäische Islam durch die ständige Berührung mit der westlichen Kultur eine andere Dynamik hat als der Islam in muslimischen Ländern.

In einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft darf die Islamische Theologie und Religionspädagogik nicht lediglich als Mittel zur „Resozialisierung“ beziehungsweise „Integration“ sogenannter Migranten beziehungsweise von Muslimen mit „Migrationshintergrund“ verstanden werden. Die Islamische Theologie und Religionspädagogik können stattdessen ein konstruktiver pädagogischer Weg zur Selbstentdeckung der europäischen Muslime sein. Die kritische Beschäftigung mit der eigenen religiösen und historischen Identität bildet ein Fundament für einen toleranten Umgang und ein Zusammenleben erstens der Muslime aller Couleur untereinander und zweitens der Muslime mit der nicht-muslimischen Mehrheit.

Die klassischen muslimischen Wissenstraditionen, wie etwa die Koranauslegung, die Prophetenbiografie und die juristische Rechtslehre, schränken die individuelle und schöpferische Kraft des Islam auf verpflichtende Verhaltensweisen, dogmatische Evidenzen und ein Bündel von Definitionen ein. Eine Islamische Theologie darf ihre wissenschaftliche Aufgabe jedoch nicht auf die Erstellung eines Katalogs von Erlaubtem und Verbotenem gemäß den verschiedenen muslimischen Rechtsschulen und Glaubensgemeinschaften reduzieren. Vielmehr sollten junge Menschen zur kritischen Reflexion der eigenen Tradition befähigt werden. Die gegenwartsbezogenen Islamstudien sollen eine freie Bühne darstellen, auf der europäische Muslime ihre individuelle Selbstbestimmung entfalten können. Der Islam in seiner pluralistischen Form ist keine Ansammlung von fertigen Antworten, sondern eine ständige Suche nach dem muslimischen Ich in der Berührung mit dem Anderen. Neben den muslimischen Gemeinden besteht auch in Schulen und Hochschulen die Möglichkeit, den Islam in deutscher Sprache zu vermitteln und über ihn auf Deutsch zu diskutieren.

Der Islam in den westlichen Ländern ist nicht nur der sunnitische Islam – in Deutschland nicht nur die ḥanafitisch-sunnitische Rechtsschule –, sondern besteht aus einer Vielfalt verschiedener Glaubensgemeinschaften. Andere muslimische Konfessionen, etwa die Schiiten, gehören ebenfalls zur kulturellen Identität des europäischen Islam. Also sollte man auch in der Islamischen Theologie von der Vorstellung Abschied nehmen, dass es nur „einen“ Islam gibt. Allein die vier sunnitischen Rechtsschulen, ferner die unterschiedlichen muslimischen Glaubensgemeinschaften sind der deutliche Beweis dafür, dass man heute vom Islam in der Pluralform sprechen muss.

Mir geht es in erster Linie um die hoch angesehene Wissenschaft in Deutschland, deren Unabhängigkeit gewahrt bleiben muss. Dies muss auch für die Islamische Theologie und Religionspädagogik gelten. Meinungsfreiheit und wissenschaftliche Redlichkeit dürfen nicht durch irgendwelche Gutachten oder mediale Statements verhindert werden, wie etwa in dem Fall des Islamreformers Mohannad Khorchide von der Universität Münster. Wegen seines Buches Islam ist Barmherzigkeit stellten die konservativen Dachverbände seine wissenschaftlichen Kompetenzen infrage, mit der Absicht, ihm seine Lehrerlaubnis zu entziehen.33 Es ist heutzutage dringender denn je, das Erbe des Islam frei zu erforschen. Die Zeiten, in denen Muslime nur glauben und nicht nachdenken durften, gehören schlicht der Vergangenheit an!

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22 aralık 2023
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9783532600184
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