Kitabı oku: «Antisemitismus»

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Achim Bühl

Antisemitismus

Geschichte und Strukturen von der Antike bis 1848


INHALT

EINLEITUNG

1DER ANTISEMITISMUS IN DER ANTIKE

1.1Assyrische Deportation und babylonisches Exil

1.2Das Perserreich und die Juden

1.3Der erste Tatort: Elephantine in Ägypten

1.4Von Alexander d. Gr. zu Antiochos IV.

1.5Der judenfeindliche Diskurs des Hellenismus

1.6Das vorchristliche Rom

1.7Der Pogrom von Alexandria

1.8Der judenfeindliche Diskurs des vorchristl. Roms

1.9Das christliche Rom

1.10Das Neue Testament als Quelle

1.11Das frühe Christentum

1.12Mel Gibson und Die Passion Christi

1.13Das Judas-Klischee als Stereotyp der langen Welle

1.14Zusammenfassung

2DER ANTISEMITISMUS IM MITTELALTER

2.1Die christlich-feudale Ständegesellschaft

2.2Die Kreuzzüge: Taufe oder Tod

2.3Die Substitutionstheologie: Ecclesia und Synagoge

2.4Die Ritualmordlegende

2.5Die Hostienfrevellegende

2.6Die Pest oder der „jüdische Brunnenvergifter“

2.7Der Judenschwur: Institutioneller Rassismus

2.8Judenzeichen als „Schandfleck“

2.9Die „Judensau“: Hetze in plastischer Form

2.10Der Antichrist und die Legende von den „roten Juden“

2.11Unmittelbare Gewalt: Pogrom, Vertreibung, Zwangstaufe

2.12Zusammenfassung

3DER ANTISEMITISMUS IN DER FRÜHEN NEUZEIT BIS ZUR AUFKLÄRUNG

3.1Der jüdische Exodus aus Spanien

3.2Die Juden als Opfer der Inquisition

3.3Vertreibung und neuerliche Niederlassung in Brandenburg

3.4Der Reformator Martin Luther und die Juden

3.5Die „Ghettoisierung“ der Juden

3.6Ahasverus: „Der ewige Jude“

3.7Die Rolle der Hofjuden an den Zentren der Herrschaft

3.8Der Kosakenaufstand in Polen

3.9Shakespeares messerwetzender Shylock

3.10Antijüdische Schriften: Eisenmenger und Co.

3.11Der Reuchlin-Pfefferkorn-Streit um die Bücher der Juden

3.12Die Schattenseite der Aufklärung

3.13Zusammenfassung

4ROMANTIK, NATIONALISMUS UND „JUDENEMANZIPATION“

4.1Die Französische Revolution

4.2Emanzipationsdebatte und rechtl. Gleichstellung

4.3Die Deutsche Tischgesellschaft

4.4Der Fall Christian Peter Wilhelm Beuth

4.5Der Fall Wilhelm von Humboldt

4.6Die völkischen Autoren der dt. Romantik

4.7Die romantischen Schriftsteller

4.8Offene Gewalt: Die Hep-Hep-Krawalle

4.9Die Revolution von 1848 und die „Judenfrage“

4.10Richard Wagner: Vom Barrikadenkämpfer zum Terminator

4.11Zusammenfassung

RESÜMEE

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

In dt. Städten müssen Synagogen durch die Polizei geschützt werden. In Berlin erlebt man, wie ein Fahrgast aus Wut, weil ihm der Bus vor der Nase wegfährt, gegen das Fahrzeug tritt und „Jude“ schreit. In der dt. Hauptstadt gehören Angriffe auf Juden, die als solche erkennbar sind, zum Alltag. Angst geht um unter Juden, sodass die Kippa in der Öffentlichkeit kaum mehr getragen wird. In Frankreich und in den USA führten terroristische Attentate auf Synagogen, bei denen zahlreiche Todesopfer zu beklagen waren, zur tiefen Verunsicherung der jüdischen Gemeinden. In nahezu ganz Europa und in den USA ließen sich unzählige Beispiele dafür anführen, dass antisemitische Denkmuster, antisemitische Sprechakte und gewalttätige Handlungen von erschreckender Aktualität sind.

Die Frage „Was ist Antisemitismus?“ ist gleichwohl nicht leicht zu beantworten, zumal zahlreiche Definitionen existieren und der Terminus als solcher umstritten ist. In einem ersten definitorischen Zugriff ließen sich unter Antisemitismus alle „feindseligen oder gar hasserfüllten Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Juden und Jüdinnen“ fassen. Dieser erste Versuch zeigt bereits die Schwierigkeit einer präzisen Begriffsbestimmung auf, insofern sich nunmehr die Frage stellt: „Wer ist Jude?“ Laut Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, ist Jude, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder zum Judentum konvertiert. Sowohl der Konvertit als auch diejenige Person, welche eine jüdische Mutter hat oder von einer Mutter abstammt, die ihrerseits zum Judentum konvertierte, gelten als gleichberechtigte wie vollwertige Juden. Die Vollwertigkeit der konvertierten Mitglieder einer jüdischen Gemeinde zeigt sich in Berlin am Sachverhalt, dass die Rabbinerin der Synagoge in der Oranienburger Straße ihrerseits eine Konvertitin ist. Der zum Judentum Konvertierte ist ein gleichberechtigter Jude und bleibt nicht etwa ein Konvertit, der diesen Sachverhalt stets zu benennen oder als vermeintlichen Makel offenzulegen hätte. Übernimmt man diese Definition des Judentums bzw. des Jüdischseins, so ergeben sich neuerliche Probleme, insofern es gerade der Antisemit ist, der das Recht der definitorischen Eigenbestimmung missachtet. Für den Antisemiten gilt der Leitsatz: „Wer Jude ist, bestimme ich!“ Der dt. Nationalsozialismus hat bei der Durchführung seines Vernichtungsprogramms nicht das jüdische Religionsgesetz, sondern seine eigenen willkürlichen Kriterien bei der Bestimmung des „Jüdischseins“ zugrunde gelegt. Die Relevanz des Sachverhalts wird daran ersichtlich, dass dieser Tatbestand den jungen Staat Israel vor Probleme stellte. Nach israelischem Gesetz hat jeder Jude das Recht einzuwandern und die israelische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bei der Staatsgründung im Jahr 1948 stellte sich auch für Israel die Frage: „Wer ist Jude?“ Sollte die Definition der Halacha zugrunde gelegt werden und damit Menschen, die unter dem Nationalsozialismus als Juden verfolgt wurden, die Einwanderung nach Israel versagt werden, da sie laut jüdischem Religionsgesetz keine Juden waren? Israel traf die politische Entscheidung, auch denjenigen Personen, die nur einen einzigen jüdischen Großelternteil besitzen, die Einwanderung zu gestatten. Unsere erste Annäherung an den Terminus „Antisemitismus“ hat somit ergeben, dass der Definitionsversuch „feindselige oder gar hasserfüllte Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Juden“ zwingend um den Passus „oder Menschen, die zu Juden konstruiert werden“ zu erweitern ist.

Versteht man unter Antisemitismus als Arbeitsdefinition einen Oberbegriff, der alle Formen gruppenbezogener Feindschaft gegenüber Juden oder zu Juden konstruierter Menschen umfasst, so lässt sich konstatieren, dass die Ursprünge des sozialen Phänomens bereits in der Antike liegen und der Tatbestand als solcher auch heutzutage von hoher Aktualität ist. Diese Aussage ist keineswegs damit identisch, einem „ewigen Antisemitismus“ das Wort zu reden. Weder ist der Antisemitismus „ewig“, da es durchaus Länder gegeben hat mit keinem oder nur äußerst geringem Antisemitismus, es Phasen „relativer Ruhe“ gab, in denen es zu wechselseitigen sozio-kulturellen Verflechtungen und vielfältigen Bereicherungen kam, noch sind die Erscheinungsformen, Varianten, Funktionen wie Träger des Antisemitismus stets die gleichen geblieben. Einem „ewigen Antisemitismus“ das Wort zu reden, liefe unweigerlich darauf hinaus, die Ursache des sozialen Phänomens den Juden selber und nicht dem Antisemiten anzulasten und damit antisemitisches Gedankengut zu reproduzieren sowie resignierend die Unmöglichkeit seiner Bekämpfung oder Abschaffung zu konstatieren.

Da der Antisemitismus als solcher nicht stets der gleiche geblieben ist, stellt sich die Frage nach einer historischen Phaseneinteilung des sozialen Phänomens. Unseres Erachtens lassen sich sechs Phasen unterscheiden, und zwar erstens der überwiegend religiös geprägte Antisemitismus, der sich von der Antike bis zum Mittelalter erstreckte (Kap. 1, Kap. 2), zweitens der frühneuzeitliche Antisemitismus, der in Gestalt der „Statuten von der Reinheit des Blutes“ bereits ein biologisches Differenzkriterium konstruierte sowie zugleich die soziale wie ökonomische Vorherrschaft der Christen postulierte (Kap. 3), drittens der säkularisierte, völkisch-nationalistische Antisemitismus bis zur Mitte des 19. Jh.s, der gleichwohl noch immer stark christlich geprägt war (Kap. 4), viertens der „rassenbiologisch“ argumentierende „moderne Antisemitismus“ seit der Mitte des 19. Jh.s (s. Band 2, Kap. 1 u. 2), fünftens der eliminatorische Antisemitismus des dt. Nationalsozialismus, bei dem der alles beherrschende „Rassegedanke“ zum sechsmillionenfachen Massenmord an den europäischen Juden führte (s. Band 2, Kap. 3), sowie schließlich sechstens der sog. sekundäre Antisemitismus bzw. Post-Holocaust-Antisemitismus nach 1945 (s. Band 2, Kap. 4).

Unsere Einteilung der historischen Phasen verwendet den Terminus „Antisemitismus“ somit als Oberbegriff und lehnt eine dichotome Gegenüberstellung bzw. eine binäre Konstruktion von „Antijudaismus“ versus „Antisemitismus“ ab. Vertreter des dichotomen Konstrukts konstatieren demgegenüber einen religiös begründeten Antijudaismus, der zeitlich bis in die Mitte des 19. Jh.s angesetzt wird, sowie einen „rassenbiologischen“ Antisemitismus ab Mitte des 19. Jh.s und betonen einen grundlegenden Unterschied beider Phänomene. Argumentativ beziehen sich die Befürworter dieser Position auf den Sachverhalt, dass die Begrifflichkeit „Antisemitismus“ durch einen Personenkreis um Wilhelm Marr (1819–1904) im Jahr 1879 geprägt wurde. Die Ursache des Antisemitismus lag für den Journalisten bei den Juden selbst, insofern diese Marr zufolge der »semitischen Rasse« angehörten, die er als minderwertig bezeichnete. Die Antisemiten benutzten den Terminus „Antisemitismus“ in affirmativer Weise als Eigenbezeichnung („Antisemiten-Liga“), agitierten indes nur gegen die Juden und nicht etwa gegen alle zur semitischen Sprachfamilie zählenden Ethnien wie bspw. die Araber. Letzterer Sachverhalt verweist darauf, dass der Terminus „Antisemitismus“ unabhängig davon, ob man diesen phasenübergreifend oder nur für den Zeitabschnitt ab Mitte des 19. Jh.s benutzt, zu problematisieren ist, insofern der Terminus die Existenz „biologischer Rassen“ suggeriert, die indes nichts als die Erfindung des Rassisten sind. Weder gibt es eine „Rasse“ der „Semiten“ noch eine „Rasse“ der „Negriden“ oder der „Mongoliden“; zu konstatieren sind lediglich Sprachverwandtschaften zwischen dem Hebräischen und dem Arabischen („semitische Sprachfamilie“), die für das vermeintliche Rassenkonstrukt („die Semiten“) im 19. Jh. herhalten mussten.

Wir wollen uns im Folgenden der strittigen Frage zuwenden, ob bei der Judenfeindschaft trotz zu konstatierender qualitativer Wandlungsprozesse primär epochenübergreifende Kontinuitätslinien zum Tragen kommen („Antisemitismus“) oder aber die Dominanz eines dualen, antipodischen Bruchs („Antijudaismus“ versus „Antisemitismus“) zu konstatieren ist. In der „Lutherdekade“ sowie im „Lutherjahr“ ist angesichts des Reformationsjubiläums immer und immer wieder betont worden, Luther sei kein Antisemit sondern nur ein Antijudaist gewesen. Der Sprachgebrauch angesichts der Feierlichkeiten verdeutlicht exemplarisch die Problematik einer dualistischen Gegenüberstellung der Termini „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“. Versteht man unter Antisemitismus, wie dies hier der Fall ist, eine gegen Juden und Jüdinnen gerichtete soziale Erscheinung, die Einstellungen, Diskurse, Ressentiments, Diskriminierungen, Vertreibungen bis hin zu Pogromen sowie den Völkermord umfasst, so beinhalten die Schriften und Hasspredigten Martin Luthers eine Vielzahl judenfeindlicher Bemerkungen, die von „den Juden“ als Christusmördern bis hin zu „den Juden“ als einer verschworenen Gemeinschaft reichen, die durch alles erdenklich Böse wie Wucher sowie Giftmischerei den Tod der Christenmenschen wünschten und die Herrschaft in christlichen Ländern an sich reißen wollten. In seinen Schriften propagierte der Reformator einen eschatologisch geprägten Endzeitkampf zwischen „den Juden“ und „den Christen“. Luther malte in seinen Predigten eine alles entscheidende finale Schlacht zwischen den mit dem Antichristen verbündeten Juden und den der Versuchung des Teufels ausgesetzten Christen aus. Angesichts derartiger Hasspredigten, die u. a. Landesfürsten zur Vertreibung der Juden aus ihren Territorien bewegen sollten, sowie programmatischen Aufrufen Luthers, die Synagogen bis auf ihre Grundmauern zu zerstören, die Religionsausübung der Juden zu untersagen, sie zur Arbeitspflicht heranzuziehen sowie jüdische Schriften zu verbrennen, diente der im Lutherjahr betonte Dualismus zwischen „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ als Legitimation, um den Vernichtungswahn des Reformators, der nur noch die reine Körperlichkeit der Juden ausließ, zu verdecken und die Judenfeindschaft Luthers auf diese Weise verharmlosend als eine Art Religionsstreit hinsichtlich der Auslegung der hebräischen Bibel erscheinen zu lassen.

Die binäre Logik der Termini „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ verkennt, dass derlei ideologische Muster, wie sie bei Luther und anderen christlichen Theologen zu finden sind, eine tiefe Prägung im westlichen Denken hinterließen, es alles andere als eine zufällige Parallele ist, dass in nationalsozialistischen Broschüren, Reden Hitlers wie Goebbels und Rosenbergs, die den europaweiten Völkermord an den Juden vorbereitend oder begleitend legitimierten, von einem Endkampf zwischen der „semitischen“ und der „arischen Rasse“ die Rede ist, vom verschworenen „Weltjudentum“, das alles nur erdenklich Diabolische aushecke, um die Macht in Deutschland und Europa an sich zu reißen. Der eschatologisch geprägte „Rassenkampf“ des dt. Nationalsozialismus knüpfte an antisemitische Muster des Christentums an, die längst vor Hitler zum Mainstream westlichen Denkens zählten. Der konstruierte Dualismus zwischen „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ übersieht den Sachverhalt, dass ganze Nummern des nationalsozialistischen Hetzblattes Der Stürmer die mittelalterliche Ritualmordlegende wieder aufleben ließen, und diverse Publikationen des Stürmer-Verlags die Schuld der Juden an rituellen Morden akribisch nachzuweisen gedachten. Im Mai 1943 griff Der Stürmer ebenso das bei Luther verbreitete Motiv der Juden als „Christenmörder“ auf. Die Sondernummer trug den Titel Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt und bezeichnete die Juden als »Mördervolk«.

Der im Folgenden benutzte Antisemitismusbegriff intendiert nicht nur die Dekonstruktion von Legitimationsvarianten wie sie in der Luther-Dekade zutage traten, sondern ebenso eine Sichtbarmachung der im kulturellen Bewusstsein des westlichen Denkens tief verankerten Techniken der Judenfeindschaft als „lange Welle“. Diverse Diskurse wie Narrative entpuppen sich bei näherer Betrachtung als überkommenes historisches Muster, das zwar qualitative Transformationen sowie einen Austausch der Akteure, Motive wie Funktionen erfuhr, jedoch gleichwohl eine additive Wirkung zu entfalten vermochte und ein über Jahrhunderte wirkendes Verstärkungspotential erzeugte, welches in relevantem Maß mit dazu beitrug, dass in Deutschland das Undenkbare geschehen konnte. Den Antisemitismus als lange historische Welle verstehen heißt indes nicht, wie Kritiker unterstellen, der Vorstellung eines teleologischen Geschichtsverständnisses das Wort zu reden, insofern es weder einen geradlinigen noch einen zwangsläufigen Weg von Luthers Hasspredigten zu den Krematorien in Auschwitz gab. Die Betonung einer langen Welle stellt auch noch nicht die Beantwortung der Frage „Warum die Deutschen, warum die Juden?“ dar. Der Wittenberger Reformator trug jedoch zu einem additiven Wirkungspotential bei, welches sich im kollektiven Bewusstsein in einer Weise verankerte, dass dies vom dt. Nationalsozialismus für seine Zwecke reaktiviert und instrumentalisiert werden konnte. Der Nationalsozialismus begriff durchaus die Wirkmächtigkeit des jahrhundertealten antisemitischen Syndroms. Zwar stand im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Ideologie wie Gewaltherrschaft ein rassenbiologisch konstruierter Antisemitismus, der die „jüdische Rasse“ als zersetzendes und als ein das dt. Volk und die dt. Nation in ihrem Überlebenskampf bedrohendes Potential konstruierte, gleichwohl benutzten die Nazis alle nur erdenklichen Quellen, Richtungen wie judenfeindlichen Denker, da sie die Wirkung des additiven Amalgams und dessen Potential erkannten.

Den Vertretern des binären Konzepts („Antijudaismus versus Antisemitismus“) ist vorzuwerfen, dass sie die Existenz dieser langen Welle des Judenhasses sowie seiner kulminierenden Wirkmächtigkeit unterschätzen und epochenübergreifenden Ideologemen wie Narrativen, die sich tief im kollektiven Bewusstsein verankerten, zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Die Befürworter des dualen Konzeptes übersehen darüber hinaus, dass die von ihnen konstruierte Phase des Antijudaismus, die sich ja von der Antike bis zur Mitte des 19. Jh.s erstrecken soll, ihrerseits vielfältigen Wandlungsprozessen unterworfen war. Die jeweiligen Modifikationen gilt es im Sinne der Phaseneinteilung, wie sie von uns vorgenommen wurde, exakter zu erfassen. Auf diese Weise erschließt sich auch der „Fall Beuth“ (vgl. Kap. 4) in seiner ganzen Tragweite, sodass die ideologische wie politische Scharnierfunktion des „Völkischen“ der deutschen Romantik in seiner Relevanz für das Rassenkonstrukt wie den Antisemitismus des Nationalsozialismus erst offenbar wird.

Im Folgenden gilt es, den Antisemitismus sowohl methodisch zu beschreiben, d. h. die Techniken der Fremdheitsproduktion wie der Gewaltförmigkeit präzise zu erfassen, sowie den Antisemitismus zugleich funktional zu analysieren, d. h. nach den Interessen, Ursachen wie Motiven der Täter zu fragen, ohne dabei die Opfer eines mörderischen Systems aus dem Auge zu verlieren oder ihnen gar unsere Empathie zu versagen.

1DER ANTISEMITISMUS IN DER ANTIKE

Die antike Judenfeindschaft umfasst den Zeitraum seit Beginn der Geschichte Israels etwa 1300 v. Chr. bis ca. Ende des 5. Jh.s n. Chr. Herausragende Ereignisse stellen der Aufstand in Elephantine im Jahr 411 v. Chr., die Verfolgungen unter Antiochos IV. um 170 v. Chr., der Pogrom von Alexandrien im Jahr 38 n. Chr., die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die römische Besatzungsmacht im Jahr 70 n. Chr. sowie die endgültige Niederschlagung des Simon-Bar-Kochba Aufstands und die damit einhergehende Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahr 135 n. Chr. dar. Für die Genese und Entwicklung des Antisemitismus spielt die christliche Judenfeindschaft, die sich bereits in neutestamentarischen Schriften, bei Paulus von Tarsus sowie vor allem bei den frühchristlichen Kirchenvätern im 4. Jh. n. Chr. nachweisen lässt, eine fundamentale Rolle. Frühchristliche Dogmen haben nicht nur in entscheidendem Maß den mittelalterlichen Antisemitismus, sondern auch dessen moderne Variante geprägt. Eine Beschäftigung mit dem antiken Antisemitismus lässt die Wurzeln des sozialen Phänomens erkennen.

1.1Assyrische Deportation und babylonisches Exil

Im 9. Jh. v. Chr. gelang es dem Volk der Assyrer, welches im mittleren und nördlichen Mesopotamien lebte, ein Großreich zu etablieren, dessen Zentren die Städte Aššur, Nimrud und Ninive bildeten und welches zeitweise auch Babylon und Ägypten beherrschte. Im Jahr 733 v. Chr. deportierte das Assyrische Reich Tausende Einwohner aus dem Nordreich Israel, im Jahr 722 v. Chr. ebenso aus dem durch die innerjüdische Spaltung hervorgegangenen Staat Samaria. Im Jahr 614 v. Chr. eroberten die Vasallenstaaten Babylon und Medien die assyrische Hochburg Nimrud, im Jahr 612 v. Chr. nach dreimonatiger Belagerung Ninive und drei Jahre später die westlich gelegene Stadt Harran. Mit der Thronübernahme Nebukadnezars II. (640 v. Chr.–562 v. Chr.) im Jahr 605 war die Unterwerfung der einstigen Großmacht besiegelt. Das neubabylonische Reich schickte sich sogleich an, Syrien und die Levante tributpflichtig zu machen. Aufstände in denjenigen Staaten, die sich gegen ihre Unterwerfung zur Wehr setzten, wurden mit Gewalt niedergeschlagen. Im Jahr 597 v. Chr. eroberte Nebukadnezar II. Jerusalem und verbannte den König Jojachin (616 v. Chr.–560 v. Chr.) sowie Tausende Juden ins ferne Babylon. Einen Aufstand des nachfolgenden Königs Zedekia (618 v. Chr.–586 v. Chr.) ließ der babylonische Herrscher ebenso niederschlagen und im Jahr 586 v. Chr. den Ersten Tempel in Jerusalem zerstören. Zedekia sowie das ihn umgebende Establishment wurde gleichfalls nach Babylon deportiert.

Sowohl die assyrische als auch die babylonische Politik gegenüber den Juden ist insofern nicht als antisemitisch zu werten, als es sich bei den Deportationen nicht um gewaltförmige Praxen auf rassistischer Grundlage handelte. Die Exilierung der Führungseliten wurde auch bei anderen Völkern praktiziert, die sich tributpflichtigen Unterwerfungen widersetzten, um die verbliebene Bevölkerung gefügig zu machen. Rassifizierende Diskurse, welche die Juden in kollektivierender wie antagonisierender Weise mittels eines oder mehrerer Differenzkriterien zur Fremdgruppe konstruierten bzw. die rassistisches Wissen zwecks Legitimierung etwa der Tempelzerstörung produzierten, sind nicht auszumachen, gleichwohl bedacht werden muss, dass die Quellenlage weniger fundiert ist als zu späteren Zeiten. Obgleich Antisemitismus keinesfalls auf Einstellungen oder auf Ideologeme verkürzt werden darf, stellt die antisemitische Ideologie einen notwenigen Bestandteil des sozialen Sachverhalts dar; dieser ist in der assyrischen wie babylonischen Zeit noch nicht auszumachen.

Einwenden ließe sich, dass im Buch Daniel der hebräischen Bibel von Antisemitismus unter Nebukadnezar berichtet wird. Es heißt hier:

»König Nebukadnezar ließ ein goldenes Standbild anfertigen, dreißig Meter hoch und drei Meter breit, und ließ es in der Ebene Dura in der Provinz Babylon aufstellen. Dann berief er sämtliche hohen Beamten seines Reiches zu einer Versammlung ein, die Provinzstatthalter, Militärbefehlshaber und Unterstatthalter, die Ratgeber, Schatzmeister, Richter, Polizeigewaltigen und alle hohen Beamten der Provinzen. Sie sollten an der Einweihung des Standbildes teilnehmen, das er errichtet hatte. Sie alle kamen zu der Einweihung und stellten sich vor dem Standbild auf. […] Einige Babylonier aber ergriffen die Gelegenheit, die Juden anzuzeigen. […] Da sind aber einige Juden, denen du die Verwaltung der Provinz Babylon anvertraut hast. Diese Männer haben deinen Befehl missachtet. Sie erweisen deinem Gott keine Ehre und beten das goldene Standbild, das du errichten ließest, nicht an.« (Daniel 3:1)

Der Nebukadnezar der Sage aus dem Buch Daniel gerät daraufhin außer sich und lässt die beschuldigten Juden in einen siebenmal so stark wie sonst geheizten Ofen werfen. Doch es ist eine Sage, welche die Rückprojektion eines aktuellen Konflikts in die assyrische Zeit darstellt. Das Buch Daniel entstand zwischen 167–164 v. Chr., als das Judentum schwersten Repressalien unter dem seleukidischen Herrscher Antiochos IV. Epiphanes (215–164 v. Chr.) ausgesetzt war, der einen Vernichtungskampf gegen ihren Kultus führte und im Jahr 169 v. Chr. den Jerusalemer Tempel entweihte. In dieser Auseinandersetzung soll das Buch Daniel den Juden durch eine Legende aus vergangener Zeit Mut machen, insofern die Juden aus dem glühenden Ofen unbeschadet herauskommen.

1.2Das Perserreich und die Juden

Im Jahr 539 v. Chr. eroberte der Perserkönig Kyros II., der Persien fast dreißig Jahre lang regierte, Babylon. Kyros II. gelang es in seiner Amtszeit, das persische Einflussgebiet deutlich zu erweitern. Im Jahr 538 v. Chr. gestattete ein Edikt des Herrschers den Juden ihre Rückkehr nach Palästina. Ein relevanter Teil der Juden nahm das Angebot an und begann mit dem Bau eines Zweiten Tempels, den der persische König gestattete und finanzierte. Unter persischer Oberherrschaft war es den Juden erlaubt, ihren Kult in Palästina zu praktizieren sowie nach ihren religiösen Gesetzen autonom zu leben. Die Juden erhielten den vom babylonischen Reich geraubten Tempelschatz zurück. Für die Juden Palästinas begann eine vergleichsweise friedliche Zeit. Die unter der Perserherrschaft in Ägypten erfolgte Zerstörung des Tempels von Elephantine bildete eine Ausnahme, wenngleich die Täter von der lokalen persischen Administration unterstützt wurden, die für ihr opportunistisches Agieren indes streng bestraft wurde.

Das historisch gesehen positive Verhältnis des Perserreichs zu den Juden ist negativ verzerrt wie überlagert durch das Buch Esther der hebräischen Bibel, welches beim jüdischen Purimfest gelesen wird und an die vermeintliche Rettung der Juden im persischen Großreich erinnern soll. Das Buch Esther schildert den Versuch des persischen Regierungsbeamten Haman, die Juden kollektiv zu vernichten. An den Perserkönig Ahasveros wendet sich Haman mit den Worten:

»Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs, und ihr Gesetz ist anders als das aller Völker, und sie handeln nicht nach des Königs Gesetzen. Es ziemt dem König nicht, sie gewähren zu lassen. Gefällt es ihm, so lasse er verfügen, dass man sie umbringe. Dann werde ich 10.000 Zentner Silber abwiegen […] und in die Schatzkammer des Königs bringen lassen.« (Esther 3:8)

Ahasveros stellt die Transliteration des persischen Wortes Xerxes dar, sodass der eliminatorische Komplott gegen die Juden in die Amtszeit des persischen Großkönigs Xerxes I. (519–465 v. Chr.) fallen würde, der Persien von 486 v. Chr. bis zu seinem Tode regierte. Die heutige Forschung geht indes davon aus, dass auch diese biblische Legende die antisemitischen Übergriffe des Seleukidenherrschers Antiochos IV. Epiphanes in die Perserzeit zurückprojizierte. Der Zweck der Legende, die von der wundersamen Errettung der Juden durch die Adoptivtochter Esther des als Torhüter des königlichen Palastes dienenden Juden Mordechai berichtet, bestand darin, den Juden mit der Geschichte eines für sie glücklich verlaufenden existentiellen Konflikts zum Zeitpunkt des Makkabäer-Aufstands (167–141 v. Chr.) Mut zu machen. Sowohl das Buch Daniel wie das Buch Esther sind nicht als Geschichtswerke zu interpretieren, sondern müssen als biblische Erzählungen verstanden werden, die zeitgenössische Auseinandersetzungen legendenhaft verarbeiten.

1.3Der erste Tatort: Elephantine in Ägypten

Fährt man als Tourist mit einem Nildampfer, um die klassischen Ziele wie Luxor zu besichtigen, so kommt man vorbei an der Insel Jeb, die wegen ihrer Gestalt auch Elephantine genannt wird und sich in der Nähe von Syene befindet, dem heutigen Assuan, das sich am gegenüberliegenden Ostufer des Nils befindet. In Elephantine existierte in der Antike eine jüdische Militärkolonie, deren Größe auf ca. 1.500 Mann geschätzt wird. Aufgrund umfangreicher Papyrus-Funde in aramäischer Sprache ist das jüdische Leben in Elephantine recht gut dokumentiert. Jüdisches Söldnerwesen existierte wohl schon im 7. Jh. v. Chr., als die ägyptischen Könige Soldaten anwarben, um die Südgrenze Ägyptens gegen das Reich der Nubier zu schützen. Die Entstehungszeit der Militärkolonie von Elephantine lässt sich nur schätzen, sie wurde vermutlich bereits im 6. Jh. v. Chr. gegründet. Nachdem sich Ägypten von der assyrischen Herrschaft befreit hatte und seinerseits Palästina kontrollierte, verstärkten sich die Anwerbungen jüdischer Söldner für die ägyptische Armee. Besonders nach Zerstörung des Ersten Tempels im Jahr 586 v. Chr. handelte es sich um eine größere Anzahl Juden, die den Siedlungsangeboten der ägyptischen Herrscher folgten. Das Privileg zum Bau eines Tempels hatte die jüdische Kolonie von Elephantine bereits nach ihrer Ankunft von den ägyptischen Herrschern erhalten, sodass dieser bereits kurz nach Etablierung der Ansiedlung errichtet wurde. Der Tempel stand im Mittelpunkt des jüdischen Lebens und war dem „Gott Israels“ geweiht. Die Juden der Militärkolonie fühlten sich zugleich eng mit dem Jerusalemer Tempel verbunden und baten bspw. in Briefen um Unterstützung beim Pessachfest. Bedingt durch die umfangreichen Papyrusfunde des Althistorikers und Ägyptologen Eduard Meyer (1855–1930) Anfang des 20. Jh.s lässt sich der Ablauf der Zerstörung des Tempels von Elephantine im Jahr 411 v. Chr. aufschlussreich rekonstruieren.

Zu den Konstellationen, die zum Aufstand von Elephantine führten, gehört der historische Sachverhalt, dass die Selbstständigkeit Ägyptens mit der Eroberung des Landes durch den persischen Herrscher Kambyses endete, der seinerseits durchaus Interesse an den jüdischen Söldnern zeigte, um mit ihrer Hilfe die Ordnung in Oberägypten aufrechtzuerhalten. Bei den Akteuren des antijüdischen Aufstands handelte es sich um ägyptische Priester des benachbarten Tempels des Widdergottes Chnum, deren Motive aus einer religiösen Konkurrenzsituation heraus resultierten sowie aus dem an die elephantinischen Juden gerichteten Vorwurf, diese paktierten als Söldner mit den persischen Herrschern über Ägypten. Das Schüren des Judenhasses stützte sich so auf die klassische Konstellation der Diaspora-Situation, welche durch die militärische Funktionstätigkeit der Juden verstärkt wurde. Während sich die Protagonisten des Konflikts zu „genuinen Einheimischen“ konstruierten, warfen sie den „jüdischen Fremdlingen“ mangelnde Solidarität bzw. fehlende „Vaterlandstreue“ vor. Die Konstruktion der Juden als Fremdlinge erfolgte, obwohl diese seit mehreren Jahrhunderten im Land waren, öffentliche Ämter bekleideten, in vielfältige Weise in das soziale wie wirtschaftliche Leben eingebunden waren und es nicht selten zu „gemischt-ethnischen Ehen“ kam. Die elephantinischen Juden befanden sich so in einer politischen Konstellation aus der sie nur als Verlierer hervorgehen konnten. Mangelnde Treue zu den persischen Oberherren hätte unweigerlich diese auf den Plan gebracht, während umgekehrt ägyptische Priester vor Ort gegen sie patriotisch hetzten. Der Konflikt eskalierte zur offenen Gewalt, als es den ägyptischen Priestern gelang, den persischen Gouverneur zu ihren Gunsten in die Auseinandersetzung einzubinden. Der aufgebrachte Pöbel zerstörte den über 300 Jahre alten Tempel von Grund auf.

Der Pogrom von Elephantine ist ein Beispiel dafür, dass ein relevanter Sachverhalt bezüglich des Antisemitismus bereits seit der Antike in der Diasporasituation der Juden zu finden ist. Dies darf jedoch nicht als kausaler Automatismus verstanden werden, insofern es stets soziale Kräfte und benennbare Personen waren, die Menschen wie die elephantiner Juden, die sich bereits seit Jahrhunderten im Land befanden, zu hasswürdigen Fremden konstruierten. In politischen wie sozioökonomischen Krisenepochen ließ sich der Sachverhalt der Diaspora für die wahren kausalen Motive wie Interessenlagen judenfeindlicher Akteure indes erfolgreich instrumentalisieren. Die Diasporasituation des Judentums stellte in der Antike wie in den nachfolgenden Zeiten einen nutzbringenden Vorwand und nicht den Grund antisemitischer Ressentiments dar. Insbesondere bei politischen Konflikten wurden die Juden wie in Elephantine vor die Wahl gestellt, ihre Option zugunsten der einen oder der anderen Kraft zu treffen. Entschieden sie sich für eine der beiden Seiten, so war ihnen der Hass der jeweils anderen gewiss, deren Angehörige nunmehr gestützt auf ihre „vaterlandsverräterische Wahl“ bereits schwelende sozioökonomische wie religiös-motivierte Konflikte zwecks eigener Vorteilsaneignung entfachten.

Bezüglich des religiösen Konflikts in Elephantine geht der Altertumswissenschaftler Zvi Yavetz davon aus, dass die Juden spätestens nach Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem im Jahr 586 v. Chr. im elephantinischen Tempel einen Widder opferten, vermutlich sogar bereits seit Errichtung des Tempels. Der Pogrom im Jahr 411 v. Chr. lässt sich folglich nicht monokausal mit der rituellen Schlachtung des Tieres begründen, insofern es in der langen Phase dieser Praxis zuvor nicht zu tätlichen Auseinandersetzungen kam. Zwar hielten die ägyptischen Priester des benachbarten Chnum-Tempels die Schlachtung des Tieres bereits seit Längerem für einen Frevel, bezüglich der religiösen Faktoren darf jedoch nicht übersehen werden, dass in der Antike das Judentum eine erfolgreich missionierende Religion darstellte, sodass verschiedene Faktoren zu einer an Schärfe gewinnenden Konkurrenzsituation beitrugen, in der ein Teil der Priesterschaft des unmittelbar benachbarten Kultes den Pöbel gegen die Juden hetzte. Die Situation der elephantiner Juden verschlechterte sich indes erst, als Ägypten seit dem Jahr 525 v. Chr. zum Perserreich gehörte, sodass die Juden zwangsläufig in die Auseinandersetzung Ägyptens mit den persischen Eroberern gerieten. Die Juden wurden nunmehr als Günstlinge sowie Verbündete der Perser betrachtet, zumal sie diesen die Treue hielten, als es zu zahlreichen Aufständen in Ägypten gegen die persische Herrschaft kam. Religiöse Motive, politische Motive sowie die unmittelbare Konkurrenzsituation zweier benachbarter Kulte mischten sich in Verbindung mit der Diasporasituation zu einem gefährlichen Gemisch, welches Priester des Chnum-Tempels im Kontext der antipersischen Stimmungslage nutzten, um den Pöbel zur Zerstörung des jüdischen Tempels aufzuhetzen. Möglich wurde dies jedoch, so Yavetz, nur durch die korrupten persischen Behörden vor Ort, die den Tempel der Juden als „Blitzableiter“ opferten, um die eigentlich gegen sie gerichtete Situation zu „befrieden“. Im Jahr 411 v. Chr. schrieben die Täter Geschichte, insofern mit der Zerstörung des Tempels in Elephantine der Antisemitismus seinen Anfang nahm.

1.4Von Alexander d. Gr. zu Antiochos IV.

Die Perserzeit wurde durch die militärischen Erfolge Alexanders d. Gr. (356–323 v. Chr.) vom Zeitalter des Hellenismus abgelöst, in dem sich der Machteinfluss des makedonischen Herrschers sowie der Kultureinfluss des Griechentums über den gesamten Mittelmeerraum und darüber hinaus erstreckten. Nach der Schlacht bei Issos (333 v. Chr.), der Belagerung und Eroberung von Tyros (332 v. Chr.) sowie der Eroberung von Gaza im selben Jahr wandte sich Alexander d. Gr. im Rahmen seines Feldzugs Ägypten zu, das sich unter persischer Herrschaft befand. Im Jahr 331 v. Chr. gründete der Makedonier an der Mittelmeerküste Alexandria, die heutzutage zweitgrößte Stadt Ägyptens nach Kairo. Im Jahr 331 v. Chr. wurde die persische Armee in der Schlacht von Gaugamela im nördlichen Irak vernichtend geschlagen. Noch im selben Jahr wurde Babylon übergeben; ein Jahr darauf eroberten die makedonischen Truppen die persische Hauptstadt Persepolis. Das auf diese Weise entstehende Großreich Makedonien förderte die Ansiedelung von Juden in den Mittelmeerstädten, die sowohl über Religions- wie Handelsprivilegien verfügten. Die Juden durften ihren religiösen Kult pflegen, die Sabbatruhe einhalten und wurden nicht zu Praxen gezwungen, die mit ihrer Religion inkompatibel waren. Insofern die neuen Herrscher die Juden zur Ansiedelung aufforderten, um dadurch Handel und Wirtschaft zu beleben, wurden sie von der „autochthonen Bevölkerung“ zumeist als Günstlinge der fremden Herrscher betrachtet, wobei vor allem ihre Handelsprivilegien für sozialen Neid wie Konfliktstoff sorgten. Mit der Eroberung Palästinas im Jahr 332 v. Chr. gelangten auch die palästinensischen Juden in den unmittelbaren Einflussbereich des makedonischen Herrschers. Das Interesse am Judentum, über das zuvor wenig fundierte Kenntnisse vorhanden waren, stieg nicht zuletzt aus Herrschaftsbelangen an; ebenso gewann der Hellenismus als geistige Strömung Einfluss auf das Judentum.

Der plötzliche Tod Alexanders d. Gr. im Jahr 323 v. Chr. führte im Kontext der Diadochenkriege zum Zerfall des einstmals so mächtigen Imperiums. Ab dem Jahr 272 v. Chr. konkurrierten drei Nachfolgereiche miteinander, und zwar das Reich der Ptolemäer, die Ägypten beherrschten, das Reich der Seleukiden, zu dem Babylonien, Syrien und Kleinasien gehörten, sowie das Reich der Antigoniden, die Makedonien sowie relevante Teile Griechenlands unter ihrer Gewalt hatten. Palästina unterstand in den Jahren von 301 bis 198 v. Chr. den Ptolemäern, welche die Toleranzpolitik Alexanders d. Gr. fortsetzten. Zwar garantierten die Ptolemäer die volle Religionsfreiheit, doch die hohe Steuerlast führte vor allem bei den sozial schwächer gestellten Schichten zu wachsender Unzufriedenheit. Teile der Bevölkerung versprachen sich von einer Übernahme der Herrschaft durch die Seleukiden eine Verbesserung ihrer sozialen Lage, sodass Palästina zunehmend zum Zankapfel zwischen den Ptolemäern und den Seleukiden wurde. Während Teile der Oberschicht hellenisierten und einer Assimilation durchaus nicht abgeneigt waren, wuchs der Widerstand traditioneller Kräfte, welche die Fremdherrschaft des Landes generell ablehnten. Im Jahr 198 v. Chr. wurde der Machtkampf zwischen den Ptolemäern und Seleukiden um Palästina entschieden als Juda und Jerusalem an den Seleukidenherrscher Antiochos III. (242–187 v. Chr.) fielen, der als Anerkennung für die ihm gewährte Unterstützung seitens der Bevölkerung finanzielle Mittel für den Kultus bewilligte, den Ausbau des Tempelbezirks gestattete sowie Steuererleichterungen gewährte. Gleichwohl wuchsen im Laufe der Zeit vor allem die innerjüdischen Spannungen, die zu einer bürgerkriegsähnlichen Situation führten, als sich die hellenisierenden Kräfte beim König mit einer Umbenennung von Jerusalem in Antiochia durchsetzten. Den entscheidenden Einschnitt im jüdisch-griechischen Verhältnis der damaligen Zeit markierte der Tod des Herrschers Seleukos IV., dem sein Bruder Antiochos IV. Epiphanes (215–164 v. Chr.) folgte, der sich im Jahr 169 und 168 v. Chr. auf einen Feldzug nach Ägypten begab, was Rom auf den Plan rief. Im seleukidisch-römischen Konflikt gab Antiochos IV. schließlich nach und zog sich aus Ägypten zurück.

Der seit Langem schwelende Konflikt zwischen hellenisierenden und traditionellen jüdischen Kräften eskalierte, als der seleukidische Herrscher auf dem Rückweg von Ägypten aufgekommenen Unruhen in Jerusalem Herr zu werden versuchte und bei dieser Gelegenheit in den Tempel einbrach, um sich des Tempelschatzes zwecks Auffüllung leerer Kriegskassen zu bemächtigen. Die dergestalt von ihm provozierte Rebellion unterdrückte Antiochos IV. mit äußerster Gewalt und nahm Rache, indem er den Jerusalemer Tempel in eine Kultstätte des semitischen Gottes Baalshamin verwandelte. Per Dekret verfügte er ein Verbot der Brand- sowie der Speiseopfer im Tempel. Die Beschneidung, die Einhaltung des Sabbats, das Feiern jüdischer Feste sowie der Besitz der Tora wurden bei Todesstrafe verboten. Das Religionsgesetz des Antiochos IV. lief auf den Versuch einer Vernichtung der jüdischen Religion hinaus, auf eine Zwangshellenisierung. Praktizierende Juden sahen sich unter seiner Herrschaft schweren Verfolgungen ausgesetzt. Während unter Alexander d. Gr. Toleranz gegenüber der jüdischen Religion waltete und die Judenfeinde weitgehend defensiv verharrten, ihren Groll indes bereits in literarischen Schriften artikulierten, gewannen sie mit den Maßnahmen des Seleukidenherrschers die Oberhand. Die religiösen Bestimmungen, welche die offene Abkehr vom Judentum erzwingen wollten, führten zum bewaffneten Widerstand, dem Makkabäer-Aufstand. Die Anführer des Aufstands, die den ägyptischen Rückzug registriert hatten, waren sich der Tatsache durchaus bewusst, dass sie gegen das Seleukidenreich langfristig chancenlos waren. Der naheliegende Gedanke war ein Bündnis mit Rom, das im Jahr 161 v. Chr. zwischen Rom und Judäa formell geschlossen wurde. Der politische Abfall Judäas führte bei der hellenistischen Oberschicht zu einem ausgeprägten Antisemitismus, der sich hinsichtlich seiner ideologischen Muster der Narrative bediente, die in Ägypten bereits seit Längerem zirkulierten. Die Funktion der griechischen Propaganda bestand laut Yavetz darin, Zwietracht zwischen Juden und Römern zu stiften, es sollte ein Keil zwischen die beiden Partner getrieben werden, indem man mit allen nur erdenklichen Narrativen den Juden einen schlechten Leumund bescheinigte. Die Römer sollten ihren neuen Verbündeten misstrauisch beäugen, durch das Säen von Zwietracht sollte ihr politisches Bündnis untergraben werden. Die Juden dienten zugleich als Sündenbock für die Verarbeitung der Schmach des missglückten Ägypten-Feldzugs des Seleukiden-Herrschers. Bei der hellenistischen Kampagne handelte es sich gewissermaßen um eine antike Variante der „Dolchstoß-Legende“. Die militärische Niederlage war zustande gekommen, so der Tenor, weil die Juden den Seleukiden in den Rücken gefallen seien und sich insgeheim mit den Römern verbündet hätten. Psychologisch erfüllten die antijüdischen Diffamierungen die Funktion, Wut abzureagieren, ein Ablassventil zu finden für die bittere Erkenntnis des seleukidischen Establishments, dass der Stern ihrer Großmacht am Sinken war und die Zeit Roms anbrach. Den Makkabäern gelang es, mit ihren militärischen Aktivitäten die religiöse Unabhängigkeit wiederherzustellen, sodass im Jahr 164 v. Chr. der Jerusalemer Tempel erneut dem jüdischen Kultus diente. Das „Religionsedikt“ des Seleukidenherrschers, welches einen existentiellen Angriff auf das Judentum darstellte und in der Antike ein einmaliger Vorgang blieb, war damit gescheitert. Im Jahr 140 v. Chr. erreichten die Makkabäer nach der religiösen schließlich auch die politische Unabhängigkeit des Landes.

1.5Der judenfeindliche Diskurs des Hellenismus

In hellenistischer Zeit nahmen die antijüdischen Stimmungen ihren Ausgang erneut in Ägypten. Im Kontext der Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische („Septuaginta“) tauchten seit dem 3. Jh. in Ägypten erstmals Versionen auf, welche die Anwesenheit der Hebräer sowie den in der Bibel geschilderten Auszug der Juden aus Ägypten antisemitisch interpretierten, sich hierfür der Methode der Pathologisierung bedienten und den zum „Fremden“ Konstruierten mit ansteckenden Krankheiten in Verbindung brachten. Die Juden erschienen in diesen antisemitischen Exodus-Deutungen als „Unreine“, denen man sich habe entledigen müssen, da sie die „eigene Bevölkerung“ mit einer Krankheit infiziert hätten. Diverse Narrative, die mit der Behauptung aufwarteten, die Juden seien aus Ägypten vertrieben worden, weil sie eine gefährliche Seuche verbreitet hätten, wurden in hellenistischer Zeit populär. Die Legende findet sich bei Hekataios von Abdera, der um 300 v. Chr. wirkte, in Gestalt der Behauptung, die Juden seien als Lepröse aus Ägypten verjagt worden, um die Bevölkerung vor ihrer Unreinheit zu schützen. In den Schriften des Josephus, der die Darstellung des hellenistischen Geschichtsschreibers Lysimachos referiert, heißt es:

»[Lysimachos sagt], unter dem aegyptischen König Bokchoris [gemeint ist Bakenrenef, dessen Regierungszeit auf ca. 720 bis 716 v. Chr. datiert wird, d. Verf.] sei das mit Aussatz, Krätze und anderen Krankheiten behaftete Volk der Juden in die Tempel geflohen und habe hier um Speise gebettelt. Immer weiter habe die Krankheit sich ausgebreitet, und dazu sei auch noch das Land unfruchtbar geworden. Der König Bokchoris habe nun zu Ammon [gemeint ist das Orakel von Siwa, eine antike Orakelstädte in der westlichsten Oasengruppe Ägyptens, d. Verf.] geschickt, um einen Orakelspruch inbetreff der Unfruchtbarkeit zu erhalten, und es sei ihm von dem Gotte der Bescheid erteilt worden, er solle die Heiligtümer von den unreinen und gottlosen Menschen säubern, diese aus den Tempeln in die Wüste jagen, die Krätzigen und Aussätzigen aber, über deren Dasein die Sonne zürne, ertränken und die Tempel durch Sühneopfer heiligen; dann werde die Fruchtbarkeit des Landes sich wieder einstellen.« (Josephus 1993: 140/141)

Die rassifizierende Pathologisierung existierte folglich bereits in der Antike und stellte ein ideologisches Muster dar, das auch der dt. Nationalsozialismus als Legitimation für die Separierung der Juden in Ghettos als Vorstufe ihrer Ermordung benutzte.

Die antisemitische Grundhaltung war besonders stark ausgeprägt beim hellenistischen Historiographen Manetho, der seine Werke vermutlich in der Regierungszeit von Ptolemaios II. (285–246 v. Chr.) verfasste und laut Josephus die Blasphemisierung benutzte, die den zum Fremden Konstruierten als Gotteslästerer erscheinen lässt. Manetho ließ in seiner Darstellung die Juden nicht nach Ägypten einwandern, sondern vielmehr »zu Zehntausenden in Ägypten einfallen«. Die Juden hätten die Herrschaft über die Einheimischen erlangt und ihre Göttertempel dem Erdboden gleichgemacht. Die Juden konstruierte Manetho als eine Personengruppe, die fremde Religionen missachtet und fremden Göttern Schmach antut. Die Juden stellten für Manetho „Feinde der Götter“ dar, er bezeichnete sie gar als Gottlose („Atheoi“). Mose habe den Juden einen Eid abgenommen, der diese dazu verpflichtet habe, die Gottheiten der Ägypter abzulehnen und heilige Tiere als Opfer zu schlachten. Zwecks Diffamierung der Juden griff Manetho auf diese Weise den schon vom „Tatort Elephantine“ her bekannten Konfliktstoff auf. Das Narrativ der Blasphemisierung benutzten ebenso etliche weitere hellenistische Geschichtsschreiber. Lysimachos behauptete, den Juden sei es auferlegt worden, fremde Tempel und Altäre zu zerstören, auch er bezeichnete die Juden als „Atheoi“. Die Funktion des Narrativs der Blasphemisierung verdeutlicht Apion, der Verfasser einer mehrbändigen Geschichte Ägyptens, insofern er den Erhalt voller Bürgerrechte für die alexandrinischen Juden mit der Begründung negierte, diese lehnten die ägyptischen Gottheiten ab. Auch bei Plinius dem Jüngeren zeichnen sich die Juden durch ihre Götterverachtung aus. Um den Kult der Juden zu verhöhnen, stellten diverse hellenistische Schriftsteller die Behauptung auf, diese beteten einen Esel bzw. einen goldenen Eselskopf an. Während es sich bei den früheren Varianten der Erzählung vermutlich um ein interkulturelles Missverständnis handelte, diente die Unterstellung seitens der seleukidischen Elite der Diffamierung der Juden.

Als dritte Rassifizierungstechnik war in hellenistischer Zeit die Misoxenisierung bzw. die Misanthropisierung weit verbreitet, die den Juden unterstellte, diese hassten ihre Mitmenschen, würden sich von ihnen absondern und seien gegenüber allen Fremden feindlich eingestellt. Diese Absonderung sei ihnen, so diverse Autoren, von Moses auferlegt worden. Hekataios begründete den vermeintlichen Menschenhass mit der Austreibung aus Ägypten, welche die Juden tief verbittert und zu Menschenfeinden gemacht habe. Immer wieder wurden die Juden ebenso für die Einhaltung der Sabbatruhe verunglimpft. Der Sabbat sei eingeführt worden, so hieß es, da die Juden während ihrer Wanderung in der Wüste unter Leistengeschwüren gelitten und sich so eine Ruhepause verordnet hätten. In anderen Versionen wurde der Sabbat auf die vermeintliche Faulheit der Juden zurückgeführt, die keinerlei Interesse an körperlicher Arbeit zeigten. Das Stereotyp vom körperlich ungeeigneten wie an Arbeit desinteressierten Juden kursierte von da an in vielfältigen Varianten durch die Jahrhunderte. Neben der Sabbatruhe war vor allem die Zirkumzision Gegenstand vielfältiger Angriffe sowie das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch.

Die vierte Rassifizierungstechnik in hellenistischer Zeit ist die Kannibalisierung, die ebenso wie die Pathologisierung, Blasphemisierung und Misanthropisierung von nachhaltiger Wirkung war, zumal diese bereits Elemente einer antisemitischen Verschwörungstheorie enthielt. Die diesbezügliche Legende handelte von der Behauptung, die Juden huldigten einem Opferritual, welches von ihnen in zyklischen Abständen die Entführung und Mästung eines Griechen verlange. Das böswillige Gerücht bildete eine der Vorformen der seit Mitte des 12. Jh.s aufkommenden Ritualmordlegende. Bei Flavius Apion findet sich die Erzählung, dass Antiochos IV. Epiphanes, als er in den Jerusalemer Tempel eindrang, dort eine Person antraf, die um seine Hilfe flehte. Es sei ein griechischer Händler gewesen, den Juden ergriffen und eingesperrt hätten, um ihn zu mästen und anschließend aus rituellen Gründen zu schlachten. Die Erzählung Apions stützte sich ihrerseits bereits auf eine Legende, die der Vorsokratiker Demokrit von Abdera (460/459–370 v. Chr.) referierte, der indes nicht von einem jährlichen, sondern von einem siebenjährigen Turnus der Opferung eines Griechen berichtete. In seiner Schrift Gegen Apion gibt Flavius Josephus den hellenistischen Geschichtsschreiber mit folgenden Worten wieder:

»[Der Grieche im Tempel habe erfahren], dass es ein geheimes Gesetz der Juden gebe, dem zulieb er genährt werde, und sie thäten das jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit. Sie fingen nämlich einen fremden Griechen auf, mästeten ihn ein Jahr lang, führten ihn dann in einen gewissen Wald, schlachteten ihn, opferten seinen Leib unter herkömmlichen feierlichen Ceremonien, genössen etwas von seinen Eingeweiden und schwüren bei der Opferung des Griechen einen Eid, dessen Landsleute zu hassen.« (Josephus 1993: 160)

In hellenistischer Zeit war der alexandrinische Antisemitismus mit seinen Behauptungen, die Juden brächten ihrem Gott Menschenopfer dar und zettelten stets neue, blutige Verschwörungen gegen die Griechen an, die aggressivste judenfeindliche Variante. Insbesondere ihr verschwörungstheoretischer Kern sollte Schule machen.

1.6Das vorchristliche Rom

Eine jüdische Gemeinde existierte in Rom seit Mitte des 2. Jh.s v. Chr. Die Juden waren dem „Fremdenrecht“ unterstellt, die Ausübung ihrer Religion war ihnen gestattet, durfte indes nicht „die öffentliche Ordnung“ stören. Im vorchristlichen Rom gelang es der jüdischen Religion Anziehungskraft zu entwickeln, sodass Spannungen zwischen heterogenen Kulten aus Konversionen in größerer Zahl resultierten. Dieser Tatbestand führte zu einer Konfliktlage, in der die noch junge jüdische Gemeinde Roms unterlag. Im Jahr 139 v. Chr. kam es zur ersten Vertreibung der Juden aus Rom, um gemäß offizieller Sichtweise die „öffentliche Ordnung“ wiederherzustellen. Mit der Etablierung des „Imperium Romanum“ und der Ausweitung des römischen Herrschaftsgebiets auf den gesamten Mittelmeerraum gelangten Diaspora-Juden gegen Ende des 2. Jh.s v. Chr. sowie im Jahr 63 v. Chr. ebenso die Juden Palästinas unter römische Herrschaft. Die Juden durften ihre Religion praktizieren und waren vom römischen Militärdienst oder zumindest vom Dienst in nicht-jüdischen Kompanien befreit. Die jüdischen Gemeinden erhielten ein begrenztes Jurisdiktionsrecht, um innere Konflikte zu regeln, Sabbatheiligung sowie Versammlungsrecht wurden gewährt, ebenso wurden weitere Ausnahmeregelungen erlassen, sodass die Juden nicht allen Staatsbürgerpflichten nachkommen mussten. Die relativ umfassende Rechtegarantie ermöglichte erstmals eine Integration im Sinne sozialer Gleichstellung. Während eine gewisse Sympathie für die Juden im vorchristlichen Rom anfangs dem Sachverhalt geschuldet war, dass diese gegen Antiochos IV. gekämpft hatten und der gegen den Seleukiden-Herrscher gerichtete Makkabäer-Aufstand in das politische Kalkül Roms passte, welches sich anschickte, das hellenistische Athen politisch zu beerben, resultierte der in literarischen wie in politischen Schriften offen zutage tretende spätere Antisemitismus aus dem Tatbestand jüdischer Aufstände gegen Rom, die das römische Imperium militärisch wie prestigemäßig empfindlich trafen.

Der siegreiche Aufstand der Makkabäer führte zur Etablierung des Herrschergeschlechts der Hasmonäer, dem es gelang, vom zweiten bis zum ersten Jh. v. Chr. die Selbstständigkeit des jüdischen Staates zu wahren. Der römische Politiker und Feldherr Gnaeus Pompeius Magnus (106–48 v. Chr.) benutzte im Jahr 64 v. Chr. politische Unruhen als Vorwand, um Judäa dem Imperium Romanum einzuverleiben. Zwar gestatteten die Römer anfangs den Tempelkult, doch das Verhältnis war von Beginn an dadurch belastet, dass Pompeius in das Allerheiligste des Tempels eingedrungen war. Zu einer relevanten Verschlechterung kam es unter dem ersten römischen Kaiser Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) als dieser von der bislang eher toleranten Religionspolitik Roms abwich, um seine eigene Verehrung durchzusetzen. Im Jahr 6 n. Chr. annullierte Augustus die Privilegien der Juden, was den Mob zu antijüdischen Plünderungen verleitete. Unter der Regentschaft des Kaisers Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) kam es im Jahr 19 n. Chr. zur erneuten Vertreibung der Juden aus Rom. Die Problematik des Kaiserkultes sorgte auch in der Folgezeit immer wieder für Spannungen. Zwar war das Judentum als anerkannte Religion prinzipiell von den damit verbundenen Praxen befreit, im Jahr 41 beabsichtigte Kaiser Caligula indes die Aufstellung von Kaiserstatuen im Jerusalemer Tempel. Im Jahr 66 n. Chr. kostete der Pogrom von Caesarea sowie Ausschreitungen in Askalon, Akko und Skythopolis Tausende Juden das Leben. Im Kontext des jüdischen Aufstands gegen die römische Herrschaft kam es im Jahr 70 n. Chr. zur Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels. Der römische Kaiser Titus (39 n. Chr.–81 n. Chr.) ließ den Tempelschatz, u. a. die Menora (den siebenarmigen Leuchter), rauben und in einem Triumphzug durch Rom führen. Das Siegesszenario stellt der Titusbogen, der älteste erhaltene Triumphbogen des antiken Roms, der den Eingang zum Forum Romanum schmückt, in seiner Innenwand dar. Unzählige Juden wurden nach dem militärischen Sieg Roms versklavt. Nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands im Jahr 135 n. Chr. erließen die Römer ein Ansiedelungsverbot für Juden in Jerusalem sowie in Judäa und zerschlugen so die territorialstaatliche Identität des Judentums. Mit Ausnahme der Jahre 135–138 n. Chr. unmittelbar nach dem Bar-Kochba-Aufstand wurde das Judentum im Römischen Reich indes von einzelnen Phasen abgesehen weitgehend toleriert. Die Situation änderte sich indes grundlegend, als das Christentum im Römischen Imperium zur Staatsreligion avancierte.

1.7Der Pogrom von Alexandria

In der Antike war die von Alexander d. Gr. im Jahr 332 v. Chr. gegründete Stadt Alexandria eines der mächtigsten Stadtzentren im Mittelmeerraum. Josephus zufolge war es eine multikulturelle Stadt par excellence. Palästinensische Juden siedelten in Alexandria bereits seit ihrer Entstehungszeit. Die Ptolemäer gewährten den Juden etliche Vergünstigungen, sodass sich die Stadt zu einem Magneten für Juden entwickelte, die in der Diaspora lebten. Das Verhältnis des Judentums zu den ptolemäischen Herrschern scheint weitgehend ungetrübt gewesen zu sein bis auf die Zeit der Thronwirren unter Ptolemäus IX., in der jüdische Opfer zu beklagen waren. Die Nachfolger Alexanders d. Gr. wiesen den Juden ein eigenes größeres Stadtareal in Alexandria zu. Die meisten Juden wohnten an der Meeresküste abseits vom Hafen. Das jüdische Stadtquartier stellte kein Ghetto dar, was der Tatbestand verdeutlicht, dass jüdische Synagogen als auch jüdische Geschäfte sowie Wohnungen im ganzen Stadtgebiet existierten. Die alexandrinischen Juden verfügten nicht über das städtische Bürgerrecht, sie bildeten eine autonome, staatlicherseits anerkannte Gemeinde, die eine eigene Verwaltung besaß, über eine eigene Gerichtsbarkeit verfügte und von einem Ältestenrat geleitet wurde. Die Juden der Stadt besaßen meist griechische Bildung und teilten das hellenistische Gedankengut, sodass die hebräische Bibel („Septuaginta“) in Alexandria ins Griechische übersetzt wurde und Gebete wie Toravorlesungen in griechischer Sprache erfolgten. Spannungen mit anderen religiösen Kulten existierten bereits recht früh, zumal sowohl die Religion des Judentums als auch die jüdische Kolonie über große Ausstrahlung verfügte und Konversionen alltäglich waren. Ebenso scheinen Mischehen alles andere als eine Seltenheit gewesen zu sein.

Zu den religiös motivierten Spannungen, die sich aus der Konkurrenzsituation einer monotheistischen Religion und ihres polytheistischen Umfeldes ergaben, gesellten sich „ethnische Erregtheiten“, die dem Sachverhalt geschuldet waren, dass Teile der Bevölkerung sich als „autochthone Ägypter“ betrachteten und in den meist bereits seit Generationen im Land anwesenden Juden noch immer Fremdlinge sahen, die erst mit den „griechischen Besatzern“ ins Land geströmt seien. Die antijüdische Stimmung besaß somit sowohl religiöse wie nationale Untertöne. Die spannungsgeladene ethnische Dreieckskonstellation zwischen Juden, Griechen und „autochthonen Ägyptern“, die über einen längeren Zeitraum vergleichsweise friedlich miteinander ausgekommen waren, verschärfte sich durch die als harte Unterdrückung wahrgenommene Herrschaft Roms. Die Juden wurden der Komplizenschaft mit den Römern bezichtigt und zogen den Hass der Bevölkerung als Stellvertreter der neuen Herren auf sich. Die Lage spitzte sich unter der Regentschaft Caligulas (12 n. Chr.–41 n Chr.) im Jahr 37 n. Chr. zu. Gegenstand der Auseinandersetzung, welche den heftigen Pogrom des darauf folgenden Jahres auslöste, wurde der Konflikt um die Frage, welche Bevölkerungsgruppen in Alexandria Bürgerrechte besitzen sollten und welche nicht. Die Juden hatten zwar bislang keine Bürgerrechte angestrebt, hofften nunmehr jedoch von Rom eine soziale Gleichstellung zu erhalten, zumal ihr Establishment hellenisierte und integriert war. Die Atmosphäre war durch die kontroverse Bürgerrechts-Debatte hassgetränkt und wurde durch literarische Antisemiten, deren Wortführer Apion und Isidorius waren, weiter angeheizt. Im Sommer 38 n. Chr. stattete Agrippa I. (10 v. Chr.–44 n. Chr.), dessen gutes Verhältnis zum römischen Kaiser Caligula ein offenes Geheimnis war, der Stadt einen Besuch ab und wurde von den Juden Alexandrias, die sich in der Frage der Bürgerrechte seine Unterstützung erhofften, triumphal empfangen. Angeheizt durch intellektuelle Wortführer und gestützt durch den römischen Statthalter Aulus Avillius Flaccus, der seine eigene Position im innerrömischen Machtgerangel stärken wollte, verhöhnte der Pöbel daraufhin Agrippa, legte Brand in einigen Synagogen und entweihte andere durch die Aufstellung von Bildsäulen Caligulas. Da der Kaiser seine göttliche Verehrung von allen zum römischen Imperium gehörenden Völkern gefordert hatte, war es vermutlich Flaccus, der diese Aktion initiierte, um die Gunst des Kaisers zu gewinnen, und der unverzüglich anordnete, die Statuen Caligulas in den Synagogen zu belassen.

Die bürgerrechtliche Gleichstellung der Juden untersagte Flaccus, der im gewalttätig ausgebrochenen Konflikt eine „divide et impera-Strategie“ verfolgte, um sich der griechischen wie ägyptischen Teile der Bevölkerung zu versichern. Als der Statthalter Roms öffentlich verkündete, die Juden seien als „Fremde“ anzusehen, war der mörderische Pöbel nicht mehr zu halten, der alsbald diejenigen Juden, die in der Stadt verstreut wohnten, aus ihren Häusern in Richtung des jüdischen Stadtquartiers trieb. Wohnungen wie Läden der Juden wurden geplündert und in Brand gesetzt. Juden, die anschließend noch in den „nichtjüdischen Stadtvierteln“ angetroffen wurden, ermordete die Menge. Berichtet wird, dass der wütende Mob auch nichtjüdische Ägypter umbrachte, die ihren Nachbarn zu Hilfe geeilt waren und diese in ihren Wohnungen versteckt hielten.

Mittels des Vorwands, das jüdische Stadtviertel nach Waffen zu durchsuchen, gestattete Flaccus seinen Soldaten die Plünderung jüdischen Besitzes, sodass es angetrieben durch räuberische Gier und Hass zu weiteren tödlichen Ausschreitungen kam. Zwar wurde Flaccus bereits im Herbst des Jahres 38 n. Chr. nach Rom abberufen, verfiel wegen früherer Delikte in Ungnade und wurde im kaiserlichen Auftrag getötet, doch die aggressive Judenfeindschaft blieb in Alexandria bestehen. Die Lage für die Juden gestaltete sich weiter als kritisch, zumal der Kaiser darauf bestand, dass die Bildsäulen seiner Person aus den Synagogen nicht entfernt werden dürften. Die eskalierende Situation führte zur Entsendung zweier alexandrinischer Abordnungen nach Rom. Hier eingetroffen obsiegten den Historiographen Philo und Josephus zufolge die von Apion angeführten judenfeindlichen Kräfte. Ihren Sieg konnten diese indes nicht auskosten, da Caligula alsbald eines gewaltsamen Todes starb und Kaiser Claudius (10 v. Chr.–54 n. Chr.) als dessen Nachfolger Rechte wie Sonderprivilegien der alexandrinischen Juden erneuerte. In den folgenden Jahrzehnten kam es in Alexandria jedoch zu zahlreichen weiteren antijüdischen Ausschreitungen, vor allem unter der Herrschaft Neros und Trajans. Wie bereits die Vorgänge in Elephantine zeigten, lässt sich der hist. Ursprung des antiken Antisemitismus in Ägypten verorten, wo es zu pogromartigen Übergriffen kam, unzählige Juden in den Flammen den Tod fanden, Synagogen verbrannten und ebenso ein recht umfassendes wie systematisiertes Set narrativer Rassifizierungstechniken bereitgestellt wurde, welches sowohl in die antisemitischen Diskurse Roms wie die des frühen Christentums einging.

1.8Der judenfeindliche Diskurs des vorchristl. Roms

Im Kontext des Widerstands der Juden gegen die römische Besatzungsmacht entwickelte sich eine ausgeprägte Judenfeindschaft. Die feindliche Aversion gegen die Juden besaß im Kontext der Kriegssituation einen zielgerichteten Charakter und ging qualitativ deutlich über die übliche und weitverbreitete Verachtung Roms gegenüber den „Barbaren“ hinaus, was die Schriften des römischen Senators und Historikers Publius Cornelius Tacitus (55/58–120 n. Chr.) verdeutlichen. In seinem Geschichtswerk, den Historien, findet sich ein Kapitel zum jüdischen Krieg sowie eine Darstellung des antiken Judentums („Judenexkurs“) mit zahlreichen antijüdischen Stereotypen, die von nun an das Fremdbild prägten. Auf eklektische Weise bündelte Tacitus diverse Narrative, die bereits der judenfeindliche Diskurs des Hellenismus hervorgebracht hatte. Den Grund seiner antijüdischen Ausfälle offenbart Tacitus, wenn er von der römischen Verbitterung darüber spricht, »dass die Juden als einzige sich nicht gefügt« hätten. Der Hintergrund der judenfeindlichen Ausfälle wird im fünften Buch der Historien beschrieben. Tacitus schildert hier die militärischen Vorbereitungen der Römer zur Eroberung Jerusalems. Als Tacitus den „Judenexkurs“ verfasste, befand sich Jerusalem folglich noch nicht in der Hand der Römer, die Erstürmung durch den römischen Kaiser Titus (39–81 n. Chr.) im Jahr 70 n. Chr. stand noch bevor. Als Tacitus den Text schrieb, stellten die Juden noch einen ernstzunehmenden Gegner dar, zumal sich die Kämpfe bereits über einen längeren Zeitraum hinweg erstreckten. Der hist. Kontext offenbart die Funktion des römischen Antisemitismus in dieser Zeit, insofern Tacitus’ Judenfeindschaft der Tatsache geschuldet war, dass der „jüdische Krieg“ nennenswerte Kapazitäten Roms band, sich als äußerst kostenintensiv erwies und einen Prestigeverlust der Großmacht bewirkte, die befürchtete, die „Nichtfügung“ der Juden könne im Imperium Romanum Schule machen. Der Antisemitismus zielte auf die Diffamierung des militärischen Gegners, den es aufgrund seiner „Verschiedenartigkeit“ vor allen anderen Völkern der Lächerlichkeit preiszugeben galt, wodurch mögliche Solidaritätsbekundungen mit den Aufständischen in Palästina unterbunden werden sollten.

Vom Exodus der Juden weiß Tacitus in seinen Historien zu berichten, dass in Ägypten eine Seuche ausgebrochen sei und der ägyptische König die göttliche Anweisung erhalten habe, die Juden als Heilmittel in andere Länder abzuschieben, da sie den Göttern verhasst seien. Tacitus übernahm somit die hellenistische Variante des „Anti-Exodus“, die zu seiner Zeit in Rom kursierte. Bzgl. der jüdischen Riten verbreitete Tacitus die Ansicht, diese seien nicht nur den Römern, sondern allen Sterblichen entgegengesetzt.

»Moses aber führte neue Riten ein, die denen der übrigen Sterblichen entgegengesetzt sind, um auch in Zukunft das Volk fest im Griff zu haben. Dort ist alles unheilig, was bei uns heilig ist, andererseits ist bei ihnen erlaubt, was bei uns ein Frevel ist. Dem Bild des Tieres, das sie vor dem Verdursten bewahrt und ihnen geholfen hatte, den richtigen Weg zu finden, ließen sie im Innersten des Heiligtums göttliche Verehrung zukommen.« (Tacitus: Historien 5,4)

Der Jude wird auf diese Weise bei Tacitus nicht nur zu einem Antipoden des Römers, sondern gar zum Gegner der Menschheit konstruiert. Die Riten der Juden charakterisierte der römische Historiograph insgesamt als »unheilvoll«, »schrecklich« und »verderbt«. Am verwerflichsten wie abscheulichsten hielt Tacitus die Beschneidung, die er sowohl als Abgrenzungs- wie als Konversionsritus interpretierte. In der antiken Literatur erstreckte sich die Resonanz auf die Zirkumzision von Bespöttelung über Hohn bis hin zur offenen feindlichen Aversion. Die feindselige Haltung gegenüber der Beschneidung war mit der Sexualisierung des Juden verkoppelt, die von der Vorstellung, der Beschnittene könne es einer Frau „nicht richtig besorgen“ bis hin zum Bild des lüsternen, überpotenten, allseits bereiten Juden reichte. Die Konstruktion der sexuellen Potenz des Juden verfolgte den Zweck, ihn aus der zivilisierten Welt auszuschließen, ihn den „Barbaren“ zuzurechnen. Die Unterdrückung der Juden gibt Tacitus als eine gerechtfertigte, moralische Notwendigkeit aus, insofern die Hebräer aufgrund ihrer fehlenden Triebunterdrückung den Tieren vergleichbar seien. Die untrennbare Verbindung zwischen sexueller Impotenz bzw. Potenz und Beschneidung diente bereits in der Antike dem Schüren der Kastrations- wie der Konkurrenzangst.

In der spätrömischen Biografie-Sammlung Historia Augusta wird die Beschneidung im Kontext des Verbots durch den römischen Kaiser Hadrian als »mutilare genitalia« bezeichnet. Der Verfasser führte damit ein bis heute gängiges antisemitisches Stereotyp ein, die polemische Falschbezeichnung der Zirkumzision als »Verstümmelung«, als »Kastration«. Die Zirkumzisions-Aversion war nicht nur mit der Variante der Sexualisierung verbunden, sondern ebenso mit der Physiognomisierung bzw. Ästhetisierung, insofern der unbeschnittene Penis als Ideal des „römischen Körpers“ galt. Im Kontext der Beschneidung wurde dem Juden so ein „anderer, abweichender Körper“ bescheinigt, der nicht mit dem gängigen römischen Schönheitsideal kompatibel sei. Der beschnittene jüdische Mann mutierte auf diese Weise zur hässlichen Person. Die Hässlichkeit bezog sich dabei nicht nur auf den Penis, sondern auf den Körper in Gänze, dessen Gestalt bzw. Aussehen die Zirkumzision determiniert habe. Der beschnittene, unästhetische Penis zog gewissermaßen den „Judenbuckel“ und die sog. „Judennase“ nach sich.

Tacitus konnotierte die Juden ebenfalls mit der Gier nach Macht und Geld, wofür ihm die Tempelsteuer als Beleg diente. Das Groteske des Vorwurfs wird daran sichtbar, dass Tacitus ein Vertreter des Imperium Romanum war, das zu diesem Zeitpunkt bereits den ganzen Mittelmeerraum unterworfen hatte und seine imperialen Machtansprüche in Gestalt der Provinz Britannia bis nach England ausdehnte. Die von Tacitus verwandten antijüdischen Pejorativa wurden seitdem immer wieder aufgegriffen, wobei sich die vermeintliche Misanthropie, der Menschenhass der Juden, einer besonderen Beliebtheit erfreute. Im „Judenexkurs“ nimmt die diffamierende Anklage, die Juden hassten die gesamte Menschheit, einen zentralen Stellenwert ein: »Weil sie in Treue fest zueinander stehen, üben sie bei sich selbst Mitleid, aber feindseligen Hass gegenüber allen anderen.«

Ein weiteres gängiges hellenistisches Stereotyp aufgreifend notierte Tacitus, dass der Sabbat ein Ausdruck der Faulheit der Juden sei, da es sich in Wahrheit bei ihnen um »Nichtstuer« handele. Eine relevante Rolle spielte im judenfeindlichen Diskurs des vorchristlichen Roms ebenso der Vorwurf der Blasphemie. Bei Tacitus erscheinen die Juden als wahre Gotteslästerer, insofern der röm. Historiograph ihre Riten nicht im Kontext der jüdischen Religion erklärt, sondern als Affront gegen andere Religionen interpretiert. So würden die Juden den Widder schlachten, um dem Gott Amun, dem Fruchtbarkeitsgott der altägyptischen Religion, »Schmach anzutun«. Der Stier wiederum werde geopfert, weil die Ägypter Apis verehrten. Nicht die Judenfeindlichkeit ist für Tacitus die Ursache der Konstruktion bzw. der Wahrnehmung der „Andersartigkeit“ der Juden, vielmehr dient die jüdische Lebensweise als kausale Erklärung für Spannungen, Feindlichkeit und Vertreibung. Nicht zuletzt die Behauptung, die Juden trügen die Schuld am Antisemitismus selbst, machte den „Judenexkurs“ des Tacitus in der Folgezeit so populär. Antisemitismus existiert laut Tacitus, weil die Juden die »schlechtesten Elemente« der Menschheit darstellen.

Tacitus war indes keineswegs der einzige judenfeindliche Literat des vorchristlichen Roms. Die Liste umfasst vielmehr nahezu das gesamte „Who’s Who“ der antiken römischen Literatur wie Historiographie. Neben Tacitus waren es vor allem Cicero, Seneca, Quintilian, Juvenal und Martialis, die den Judenhass verbreiteten und sich wie Tacitus hellenistischer Pejorativa bedienten. Viele der von ihnen verwendeten Narrative gelangten in den antijüdischen Diskurs des frühen Christentums. Höchst auffallend ist der Parallelismus der politischen Konstellationen. Galt der Antisemitismus der hellenisierten Oberschicht der Diffamierung Judäas im Kontext des jüdischen Abfalls vom Seleukidenreich, war es im Römischen Imperium der jüdische Versuch der Etablierung eines eigenen Nationalstaates, d. h. die Loslösung von Rom, die den antijüdischen Hass generierte.

1.9Das christliche Rom

Mit der Etablierung des Christentums als Staatsreligion des Imperium Romanum verschärfte sich die antike Judenfeindschaft und führte unter Kaiser Konstantin (270/288–337 n. Chr.) und seinen Nachfolgern zu einer fortschreitenden Entrechtlichung der Juden. Auch in der gegen die Juden gerichteten konstantinischen Gesetzgebung spielte die Zirkumzision eine zentrale Rolle. Konstantin erschwerte den Übertritt zum Judentum und verbot es den Juden, ihre nichtjüdischen Sklaven zu beschneiden. Zwar zählte Konstantin nicht zu den Scharfmachern unter den römischen Kaisern, teilte indes das antijüdische Denken. So schrieb der Kaiser im Kontext der Debatte um die Festlegung des Ostertermins, dass Christen nicht den Termin des Passahfestes mit den »ruchlosen und meineidigen, vater- und gottesmörderischen« Juden teilen sollten.

Unter der Herrschaft von Kaiser Theodosius I. (347–395 n. Chr.) war die antijüdische Haltung des Christentums bereits derart stark ausgeprägt, dass es häufiger zu lokalen Pogromen kam. Der Schutz der Juden durch den Kaiser erwies sich dabei als äußerst halbherzig. Zwar verurteilte Theodosius das Plündern und Niederbrennen von Synagogen und befahl gestohlene Gegenstände zurückzugeben, doch als der Kirchenlehrer Ambrosius (339–397 n. Chr.) eingriff und die am Brandschatzen beteiligten Bischöfe gar in Schutz nahm sowie ex cathedra verlauten ließ, er würde selbst die Mailänder Synagoge anzünden, wenn diese noch nicht abgebrannt wäre, knickte der Kaiser ein und nahm elementare Schutzmaßnahmen für die Juden zurück, sodass es zu weiteren Synagogenzerstörungen kam. Unter Theodosius zeigte sich bereits, dass lokale und zentrale Akteure des Staates durchaus unterschiedliche Rollen beim Antisemitismus einnehmen können, so gelang es etwa lokalen Machthabern, in ihren Bezirken Versammlungsverbote für Juden durchzusetzen. Im Jahr 388 wurde unter Theodosius die Eheschließung zwischen Juden und Christen verboten, eine Zuwiderhandlung fiel unter die Kapitalstrafe.

Bereits im Jahr 412 waren von pogromartigen Gewaltausbrüchen sowohl Synagogen als auch jüdische Privathäuser betroffen. Im Jahr 414 kam es in Alexandria erneut zu Auseinandersetzungen, die mit der Vertreibung der seit Alexander d. Gr. ansässigen Juden endeten. Neben dem Abriss von Synagogen wurde ebenso ihre „Umwandlung“ in christliche Kirchen gängige Praxis. Im Jahr 404 wurde den Juden der Staatsdienst verboten, im Jahr 418 wurde das Verbot auf den Militärdienst ausgeweitet. Unter Theodosius II. (401–450 n. Chr.) verschlechterte sich die Lage für die Juden weiter. Der Kaiser verbot den Bau neuer Synagogen, legalisierte die Umwandlung von Synagogen in christliche Gotteshäuser und verbot Juden bei Prozessen, an denen Christen beteiligt waren, vor Gericht zu agieren. Unter Theodosius II. wurden Rechtsordnung wie Rechtsprechung in Gestalt des Codex Theodosianus systematisiert, der zugleich umfangreiche Bestimmungen bzgl. des Verhältnisses zwischen Juden und Christen enthielt. Unter Verbot gestellt waren nunmehr Proselytismus, die Konversion sowie die Apostasie. Zwar wurde der Besitz von Sklaven den Juden nicht generell verboten, sodass die Existenz jüdischer Grundbesitzer noch nicht gefährdet war, das Verbot über christliche Sklaven zu verfügen stellte jedoch bereits einen ersten gravierenden Einschnitt dar, zumal dieser mit einer deutlichen ökonomischen Benachteiligung einherging. Die Diskriminierung der Juden kam ebenso dadurch zum Ausdruck, dass diese explizit als Personen bezeichnet wurden, »die der höchsten Majestät und den römischen Gesetzen feindlich gesinnt sind.«

1.10Das Neue Testament als Quelle

Paulus von Tarsus (gest. um 65 n. Chr.) ist als maßgeblicher Wegbereiter der christlichen Judenfeindschaft zu bezeichnen. Die Verankerung des Antisemitismus als essenzieller Teil frühchristlicher Identitätskonstruktion durch Paulus bewirkte, dass die weltweite Verbreitung des Christentums mit einer globalen Expansion der Judenfeindschaft einherging. Bereits im ersten Brief des Apostels an die Gemeinde in Thessaloniki wird das antijüdische Pejorativum vom Gottesmord beschworen, wenn es heißt:

»Denn, Brüder, ihr seid Nachkommen der Gemeinden Gottes geworden, die in Judäa sind in Christus Jesus, weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt, wie auch sie von den Juden, die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, indem sie – um ihr Sündenmaß stets voll zu machen – uns wehren, zu den Nationen zu reden, damit die errettet werden; aber der Zorn ist endgültig über sie gekommen.« (1. Thessalonicher 2,13)

Die Anklage in Form einer Kollektivschuldaussage („die Juden“) verknüpft das Narrativ des Jesusmordes mit dem Stereotyp des Menschenhasses, das sich bereits bei Tacitus findet. Neben dem zentralen Vorwurf des Gottesmordes spielte im Zusammenhang des sich verschärfenden Gegensatzes zwischen dem Frühchristentum und dem Judentum der Diskurs über die Beschneidung eine zentrale Rolle. Nach dem Tod des Jesus von Nazareth waren die Verbindungen des Urchristentums zum Judentum noch eng, de facto stellten die Urchristen eine Art Sondergruppe innerhalb des Judentums dar. Die enge Verbindung der Jerusalemer Urgemeinde zum Judentum kam nicht nur darin zum Ausdruck, dass die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze, eingehalten wurden, sondern ebenso darin, dass Neugetaufte beschnitten wurden. Die sich ausdehnende Missionierung führte indes recht rasch zur Unterscheidung zwischen sog. „Judenchristen“ und „Heidenchristen“. Erst Paulus, der sich auf die Mission von Nichtjuden konzentrierte, erlaubte den „Heidenchristen“ nach vollzogener Taufe die Freistellung von der Beschneidung sowie von weiteren Geboten des Judentums. Paulus bewirkte auf diese Weise bewusst die Separation der Christen von den Juden und leitete so die Spaltung in Christentum und Judentum ein. Da zunächst jedoch die Verbindungen zum Judentum eng blieben, imitierten viele Heidenchristen weiterhin jüdische Bräuche, wie u. a. die Zirkumzision, die Paulus schließlich als unvereinbar mit der christlichen Botschaft geißelte. Anstelle der Beschneidung als „Bundeszeichen“ trat die christliche Taufe als Bund mit Gott und als einziger Weg zum ewigen Heil.

Der Antisemitismus des Neuen Testaments findet sich nicht nur in den Briefen des Apostels Paulus an die noch jungen christlichen Gemeinden außerhalb Palästinas, sondern ebenso in den Evangelien. Fünf zentrale antisemitische Motive lassen sich hier ermitteln. Erstens die Kollektivierung, welche den Terminus „die Juden“ verwendet. Die Kollektivierung ist im Johannesevangelium besonders stark ausgeprägt und dem historischen Sachverhalt der Trennung der kleinasiatischen Gemeinden vom Judentum geschuldet. Der Ablösungsprozess vollzog sich als Prozess der Eigendefinition, die das „nicht mehr jüdisch Sein“ mit der Pejorisierung des abgetrennten Selbst in den Mittelpunkt der Selbstfindung stellte. Zweitens die Antagonisierung, welche die Narrative der Verwerfung sowie der Substitution einschließt. Die Antagonisierung stellt das aus dem Ablösungsprozess hervorgegangene Konstrukt von „christlicher Wir-Gruppe“ und „jüdischem Fremdkollektiv“ als unversöhnlich gegenüber. So interpretierten bspw. christliche Kirchenväter des 4. Jh.s das „Gleichnis von den Weingärtnern“, das sich im Evangelium nach Markus wie nach Lukas findet, als Verwerfung des Volkes Israel. Während die Kirchenlehrer die Christenheit als „wahres Israel“ darstellten, kam dem Judentum die Rolle des „verworfenen Volkes“ zu, wodurch ein scharfer, unüberbrückbarer Gegensatz konstruiert wurde. Drittens die Blasphemisierung, die in etlichen Textstellen des Neuen Testaments in der Variante der Kollektivschuldthese auftaucht, die das Volk Israel in seiner Gesamtheit verantwortlich macht für die Ermordung Jesu. Auffallend ist diesbezüglich das Interesse der Evangelisten, den Beitrag der römischen Besatzungsmacht, die einzig und allein über Kapitalstrafen zu befinden hatte, als möglichst gering erscheinen zu lassen, während das Volk Jerusalems als Kollektivtäter wie eigentlicher Promoter des Kreuzigungsgeschehens dargestellt wird. Die Kriminalisierung verbindet den Schuldvorwurf am Tode Jesu häufig mit dem bislang nur innerjüdisch benutzten Motiv des Prophetenmordes. Viertens die Essentialisierung, wodurch das „Mörderische“ bzw. Kriminelle als Charakterzug des „Jüdischseins“ erscheint. Wie stark eine solche Sichtweise gläubige Christen prägte, wird daran ersichtlich, wie häufig Martin Luther in seinen Tischgesprächen den Juden unterstellte, Mordabsichten gegen Christen zu hegen und behauptete, das Wesen der Juden bestehe darin, Christen alles nur erdenklich Schlechte angedeihen lassen zu wollen. Die fünfte Methode schließlich lässt sich als Genetifizierung bezeichnen, sie trägt dazu bei, den im Kontext des Ablösungsprozesses konstruierten Gegensatz zwischen Juden und Christen als generationenübergreifend zu charakterisieren. Die Kollektivschuldthese wird auf diese Weise verewiglicht, wenn es im Evangelium nach Matthäus (21,41) heißt: »Und das ganze Volk antwortete und sprach: ›Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‹« Dieser sog. „Blutfluch“ als Kulminationspunkt des christlichen Antisemitismus wurde von Mel Gibson im Spielfilm The Passion of Christ an herausragender Stelle als quasi biologistisches Konstrukt in Szene gesetzt.

1.11Das frühe Christentum

Die bei Paulus sowie in den Evangelien angelegten judenfeindlichen Attacken wurden von den Kirchenvätern nicht nur aufgegriffen, sondern weiter verschärft. Als älteste antijüdische Apologie gilt die vom Kirchenvater Justinus (100 n. Chr.–165 n. Chr.) verfasste und in Gestalt eines platonischen Dialogs gehaltene Schrift Dialog mit dem Juden Tryphon. Justinus gilt als der erste Autor, welcher die Juden ausdrücklich als »Feinde Christi« sowie als »Gegner der Christen« bezeichnete. Die Juden hätten ihren Anspruch das Volk Israel zu sein verwirkt, das »wahre Israel« repräsentiere nunmehr ausschließlich die Christenheit. Die Schrift des christlichen Kirchenlehrers und Philosophen belegt, dass der Topos vom Gottesmord von Beginn an konstitutiv wie prägend für die christliche Judenfeindschaft war. Die Juden seien diejenigen, welche Jesus gekreuzigt hätten, seinen Namen lästerten und ihre Freveltaten nicht bereuten, so der zentrale Vorwurf der Schrift. Die Juden seien ferner unbußfertig, streitsüchtig, gehässig, hartherzig und ein seelenkrankes, sündiges Volk, das sich durch Verblendung und Anmaßung auszeichne. Mit dem Apostel Paulus übereinstimmend schreibt Justinus, dass die Beschneidung allein für die Juden eine Pflicht gewesen sei, für Christen hingegen als entbehrlich gelten könne.

Im 2. Jh. n. Chr. entwickelten sich die „Streitschriften gegen die Juden“ zu einer literarischen Gattung. Erhalten geblieben ist auch das Werk des frühchristlichen Schriftstellers Tertullian (150–220 n. Chr.) mit dem Titel Adversus Iudaeus, das dieser um 200 n. Chr. verfasste. Tertullian griff die Gedanken des Apostels Paulus betreffs der jüdischen Gesetze auf und differenzierte zwischen ewigem und zeitlichem Gesetz. Während die ewigen Gesetze bereits im Paradies gegolten hätten, sei die Beschneidung mit der Errichtung des „Neuen Bundes“ überflüssig geworden. Im Unterschied zum Judentum sei die Beschneidung im Christentum keine fleischliche mehr, sondern eine »geistige Veredlung der Menschheit«. Die Propheten Noah und Abraham seien auch ohne Beschneidung »Gerechte« gewesen. Das zeitliche Gesetz, dem sich die Juden noch immer unterwürfen, sei durch Jesus Christus als Erlöser überholt. Sabbat-, Beschneidungs- wie Opferregeln seien obsolet, die Zeit der von Gott abgefallenen Juden sei abgelaufen, was ihre Vertreibung durch die Römer belege. Die Gegenüberstellung von „ewig“ und „zeitlich“, „alt“ und „neu“ stellt einen kompromisslosen Bruch mit dem Judentum dar sowie eine radikale Enteignung der genuinen jüdischen Identität. Die hebräische Bibel mutiert bei Tertullian zum „Alten Testament“ des Christentums, das als „Neuer Bund“ zugleich seinen Anspruch auf Propheten wie Noah und Abraham postuliert, während das Judentum als Anachronismus zeitlich befristeter Mosaischer Gesetze präsentiert wird.

Mit der Etablierung des Christentums zur römischen Staatsreligion verschärften sich die antijüdischen Töne weiter und gehörten zum Standardrepertoire christlicher Kirchenväter. Athanasius von Alexandria (295–373 n. Chr.) erweiterte den Topos des Christusmordes, insofern diejenigen, die Christus schmähten, auch gegen Gottvater kämpften. Die »Leugnung Christi« stelle eine Form von Gottlosigkeit der Juden dar. Für Athanasius waren die Juden die »schlimmsten Kirchenschänder« gleich hinter den die Trinitätslehre ablehnenden Arianern. Der Erzbischof von Caesarea, Basilius der Große (330–379 n. Chr.), bezeichnete die Juden als »Fürsten Sodoms«, deren Hände durch die Ermordung des Gottmenschen befleckt seien. Ihre Schuld sei untilgbar und werde auf die kommenden Generationen vererbt. Das Judentum sei ein Feind des Christentums, ihre Synagogen seien »Orte der Verlassenheit«. In den Schriften von Johannes Chrysostomos (349/344–407 n. Chr.) finden sich noch aggressivere Passagen, welche für das vierte Jahrhundert indes als durchaus typisch gelten können. So heißt es bspw.:

»Weil ihr Christus getötet habt, weil ihr gegen den Herrn die Hand erhoben habt, weil ihr sein kostbares Blut vergossen habt, deshalb gibt es für euch keine Besserung mehr, keine Verzeihung und auch keine Entschuldigung. Denn damals ging der Angriff auf Knechte, auf Mose, Jesaja und Jeremia. Wenn auch damals gottlos gehandelt wurde, so war das, was verübt wurde, noch kein todeswürdiges. Nun aber habt ihr alle alten Untaten in den Schatten gestellt durch die Raserei gegen Christus. Deshalb werdet ihr auch jetzt mehr gestraft. Denn, wenn dies nicht die Ursache eurer gegenwärtigen Ehrlosigkeit ist, weshalb hat euch Gott damals ertragen, als ihr Kindesmord begangen habt, wohingegen er sich jetzt, da ihr nichts derartiges verübt, von euch abwendet? Also ist klar, dass ihr mit dem Mord an Christus ein viel schlimmeres und größeres Verbrechen begangen habt als Kindesmord und jegliche Gesetzesübertretung.« (www.amertin.de/aufsatz/1988/eccehomo2.htm)

Das Motiv des Kindesmords bei Chrysostomos, welches sich auf die Exodus-Erzählung bezieht, stellt bereits ein Vorläuferstereotyp der Ritualmordlegende dar. Die Relevanz der Schriften von Chrysostomos ergibt sich aus dem vergleichsweise hohen Grad ihrer Verbreitung wie Rezeption.

Für den Kirchenvater Sophronius Eusebius Hieronymus (347–420 n. Chr.) haben sich die Juden als Gottesmörder versündigt und müssen dafür in der ganzen Welt umherirren. Die Synagoge ist für den spätantiken Kirchenlehrer ein »Ort des Satans«. Nicht nur Judas, sondern die Juden insgesamt seien Verräter, Feinde und Verfolger der Christen. Die Bedeutung von Hieronymus im Kontext der Judenfeindschaft folgt aus dem Sachverhalt, dass er den Kirchenvater Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) stark beeinflusste. An der Schnittstelle von Antike und Mittelalter stehend bilanzierte Augustinus die frühchristliche Judenfeindschaft in scharfen Worten und legte so das antijüdische Fundament der mittelalterlich-christlichen Kirche. Neben dem bekannten Stereotyp des Gottesmords ist die negative Charakterisierung der Juden auffallend. Juden seien krank, bösartig, grausam, gefährlich, schmutzig, feindselig und wild. Die Juden waren für Augustinus nicht nur ein verbrecherisches Volk sowie die Feinde der Christen, sondern zugleich deren Sklaven. Als Strafe für ihre Sünde, so Augustinus, sollten die Juden den Fürsten als tributpflichtige Sklaven dienen und hätten von Ämtern und Herrschaft ausgeschlossen zu sein und im Elend zu leben.

Die antijüdische Praxis bestand im Kontext des Frühchristentums nicht nur aus den literarischen Schriften der Kirchenlehrer, sondern ebenso aus zahllosen Erlassen der frühen christlichen Synoden. Bereits die Synode von Elvira (zwischen 295–314 n. Chr.) verbot die Eheschließung von Christen und Juden und untersagte die Speisegemeinschaft mit Juden. Die synodalen Beschlüsse zielten auf die alltägliche Trennung zwischen Juden und Christen wie auf die umfassende Verdrängung des Judentums aus der Öffentlichkeit.

1.12Mel Gibson und Die Passion Christi

Von Oktober 1962 bis Dezember 1965 tagte das Zweite Vatikanische Konzil, welches im Auftrag des Papstes Johannes XIII. darum bemüht war, die römisch-katholische Kirche zu modernisieren sowie ihr Verhältnis zu den anderen Weltreligionen wie insbesondere zum Judentum neu zu regeln. Das Abstandnehmen des Konzils vom traditionellen Gottesmordvorwurf im verabschiedeten Dokument Nostra Aetate markierte einen fundamentalen Wandel, zumal diese Haltung nicht nur mit der Distanzierung vom Antisemitismus sowie der Judenmission einherging, sondern ebenso mit einer textlichen Veränderung der traditionellen Karfreitagsliturgie. Während es bislang hieß: »Oremus et pro perfidis Judaeis« (»lasset uns auch für die perfiden [ungläubigen, treulosen, wortbrüchigen, d. Verf.] Juden beten«) lautet die liturgische Fassung nunmehr: »Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen.«

Die veränderte Textfassung verdeutlicht den grundlegenden Charakter der Zäsur, insofern die Erwählung des Judentums hier nicht nur von bleibendem Charakter ist, sondern gleichfalls der Anspruch des römischen Katholizismus ad acta gelegt wird, es könne außerhalb der Kirche kein Heil geben. Der durch das Konzil initiierte Wandel ging seiner Zeit etlichen Kirchenvertretern wie Gläubigen entschieden zu weit, gegen den Geist und die Beschlüsse des Konzils wird bis auf den heutigen Tag innerhalb wie außerhalb der Kirche Roms opponiert. Diverse Strömungen und Richtungen erkennen die eingeleiteten Reformen nicht an und beharren auf der traditionellen Liturgie. Als Angehöriger der fundamentalistischen „Catholic Church“ ist der US-amerikanische Schauspieler, Regisseur und Produzent Mel Gibson ein Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils und lässt in seiner Privatkapelle die Heilige Messe in der „alten Form“ zelebrieren.

Ein Film ist als antisemitisch zu werten, so sei an dieser Stelle kurz erläutert, wenn er diskursive Rassifizierungstechniken (Kollektivierung, Generalisierung, Physiognomisierung, Kriminalisierung etc.) reproduziert, wenn judenfeindliche Narrative („Gottesmord“, „jüdischer Wucher“) sowie Stereotype („die verschworenen Juden“, „die geldgierigen Juden“) nicht mit der Intention in Szene gesetzt werden, diese zu dekonstruieren bzw. antisemitische Tendenzen historischer Zeitabschnitte in kritischer Absicht offenzulegen, sondern um vielmehr Abwertungen vorzunehmen, welche die Opfergruppe erneut diskriminieren und die soziale Ausschließung ein weiteres Mal in Gang setzen. Antisemitisch ist ein Film, wenn er die dargestellten Juden in kollektivierender Weise („die Juden“) adressiert, Personen in essentialisierender Weise auf ihr „Jüdischsein“ reduziert und somit entpersonalisiert oder diese in generalisierender Weise adjektiviert („alle Juden sind geldgeil“) und dabei althergebrachte Stereotype zum Einsatz gelangen. Antisemitisch ist ein Film, der das fremdheitsproduzierende Gerede vom „Wir“ und „Ihr“ im Sinne einer Exklusionspraxis reproduziert, wenn in der filmischen Handlung jüdische Personen nicht aufgrund konkreter individueller, politischer, psychologischer oder sozialer Interessenlagen handeln, sondern auf Basis eines „ewig jüdischen Kollektivcharakters“.

Im innerkirchlichen Kräfteverhältnis sowohl des Protestantismus wie des Katholizismus ist ein Wiedererstarken fundamentalistischer wie klerikalistischer Kräfte zu attestieren, deren wachsender Einfluss sich nicht zuletzt im Jahr 2007 zeigte, als Papst Benedikt XVI. die alte Form des katholischen Gottesdienstes wieder zuließ („Summorum pontificum“) und so verdeutlichte, wie hochgradig die Resultate des Zweiten Vatikanischen Konzils auch fünfzig Jahre danach noch immer umkämpft sind. Für die wieder zugelassene lateinische Messe formulierte der Papst im Jahr 2008 eine Neufassung der „Juden-Fürbitte“ des Karfreitagsgebets. Zwar entschärfte diese Fassung den traditionellen Text insofern das lateinische Wort „perfid“, vermieden wurde, indes darf nunmehr wieder auf Lateinisch gebetet werden, die Juden mögen Jesus Christus als ihren Heiland anerkennen, was der „Judenmission“ erneut Tür und Tor öffnet.

Die Aktualität christlicher Passionsfestspiele in vielen europäischen Ländern, die Verbrennung von Puppen zu den Osterfeierlichkeiten in Spanien, die Judas als eine Art Prototyp „des Juden“ symbolisieren, die Kontinuitätslinie antisemitischer Jesusfilme von Norman Jewisons Jesus Christ Superstar (1973), der die Mitglieder des Hohen Rates auf physiognomische Weise rassifiziert, Martin Scorseses Die Letzte Versuchung (1988), der u. a. antisemitische Stereotype wie das des „geldgierigen Juden“ bemüht, bis hin zu Mel Gibsons The Passion of Christ belegen, dass der christlich-motivierte Antisemitismus bis auf die heutigen Tage Bestand hat und sich auf eine jahrhundertealte Ikonographie wie althergebrachte Narrative stützt. Das dichotome Konstrukt vom „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ verkennt, dass der christlich gespeiste Antisemitismus bis auf die heutigen Tage eine höchst lebendige Kraft geblieben ist. Die Mär von einem Pilatus, der keine Schuld fand, sich die Hände wusch und beteuerte: »Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten, sehet ihr zu« sowie des Satzes: »Und alles Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder« ist die christliche Legende einer antisemitischen Kollektivschuldthese, die von den Evangelien bis hin zu Mel Gibson bemüht wird, der in The Passion of Christ die Juden bedingt durch exzessive Gewaltszenen als eine nach Blut dürstende Gemeinschaft charakterisiert. Eine verbale Verurteilung Gibsons blieb aus, da der Antisemitismus der Evangelien bis heute vom christlichen Establishment verschwiegen, verharmlost oder gar verleugnet wird, um die eigenen Reihen geschlossen zu halten, um den Schulterschluss zu „Altgläubigen“ zu praktizieren. Die christlichen Wurzeln der „jüdischen Passion“ sind auf diese Weise immer noch höchst lebendig und wurden keineswegs durch einen „modernen Antisemitismus“ abgelöst, wie dies die binäre Logik des dichotomen Konstrukts von „Antijudaismus“ und „Antisemitismus“ suggeriert.

1.13Das Judas-Klischee als Stereotyp der langen Welle

In den Romanen des israelischen Schriftstellers Amos Oz besitzt die Figur des Judas einen zentralen Stellenwert. Auch in diversen Interviews lässt Oz das Stereotyp des „Verräters“ nicht los. Der christlich inspirierte Antisemitismus habe Judas Iskariot nicht nur zum „Archetyp des Verräters“, sondern auch zum „Archetyp des Juden“ gemacht, während in vielen europäischen Sprachen die Wörter „Judas“ und „Jude“ nahezu identisch seien. Oz verweist darauf, dass von den Jüngern Jesu nur Judas Iskariot in Gemälden des letzten Abendmahls als Jude konstruiert ist. Überprüft man diesen Sachverhalt anhand der von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) für den Reformationsaltar in der Stadt- und Pfarrkirche St. Marien zu Wittenberg gemalten Szenerie, so erblickt man Jesus und seine zwölf Jünger, die das Abendmahl einnehmend um einen kreisrunden Tisch sitzen. Die Figur des Judas Iskariot ist auf den ersten Blick identifizierbar, insofern diese in physiognomisierender Weise mit bösen Gesichtszügen und rötlichen Haaren gemalt ist. Auffallend ist der gelbe Überrock, den Judas über einem grellroten Unterkleid trägt. Die Rassifizierungstechnik kollektivierender Generalisierung („Alle Juden sind Verräter“) gelangt bei Cranach dadurch zum Einsatz, dass der zeitgenössische Betrachter die Farbe Gelb mit dem „gelben Ring“ bzw. dem „gelben Fleck“ in Verbindung brachte, den die Juden seit dem Mittelalter zu ihrer Kennzeichnung in diskriminierender Weise auf ihrer Kleidung zu tragen hatten. Während Jesus und alle Jünger außer Judas „Christen“ darstellen, sitzt gewissermaßen „nur ein Jude“ am Tisch, der sich für seinen Verrat bezahlen lässt, was das Geldsäckchen in seiner linken Hand auf subtil zweideutige Weise illustriert, insofern Judas auch die Kasse der Apostel verwaltete.

Während alle Jünger miteinander in Gesprächen vertieft sind, ist nur Judas Iskariot isoliert, dessen „Nichtzugehörigkeit“ noch dadurch unterstrichen wird, dass die Sicht des Betrachters auf seinen linken nach außen gewendeten Fuß fällt. Judas Iskariot ist zum Sprung bereit, um der „christlichen Gemeinschaft“ den Rücken zu kehren, um zum Christusverräter wie „Christenfeind“ zu werden. Die Isoliertheit von Judas wird nur scheinbar durch den Sachverhalt gebrochen, dass Jesus ihm Brot reicht. Cranachs Szenerie stützt sich dabei auf Johannes:

»Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.« (Johannes 13, 21–30)

Die im Johannes-Evangelium angesprochene Funktion des Judas als Kassenwart ist auch insofern interessant als dieser zugleich als Dieb, als ein von Habgier getriebener Betrüger konstruiert wird, der die Einkünfte der Jünger veruntreut. Im Kontext der christlichen Deutungsgeschichte setzte sich dieses von Cranach vergegenständlichte negative Judasbild durch, das Judas als, wie Oz sagt, „Archetypen des Juden“ konstruierte. Bereits bei Johannes Chrysostomos zeigt sich die Gleichsetzung der Figur des Judas mit „den Juden“. In seinen Predigten benutzte der Kirchenvater Judas als „jüdischen Prototyp“, um die soziale Trennung zwischen Christen und Juden zu forcieren, wenn es bspw. heißt: »Siehst du nun, wie unrein die ungesäuerten Brodte der Juden sind, wie unheilig ihr Fest ist? Es war einmal ein Passah der Juden, aber nunmehr ist es aufgehoben.« Der im Kontext des Judasbildes produzierte Antisemitismus diente bei Chrysostomos wie bei Luther der Aufgabe, die identitäre Geschlossenheit des eigenen religiösen Kollektivs mittels sozialer Abgrenzung zu festigen. Eine Vielzahl mittelalterlicher wie frühneuzeitlicher Judaslegenden perpetuierten das Judas-Klischee und verfestigten es so. Verrat wie „negative Charaktereigenschaften des Judas“ werden sukzessive in generalisierender Weise auf „die Juden“ als Kollektiv übertragen. Habgier, Geldsucht, Untreue, Bosheit, Denunziation, Heuchelei und Verrat werden so zu essentialisierten Eigenschaften des Judentums, deren rassifizierende Adjektivierung („falsch“, „heimtückisch“, „verschworen“, „böse“, „geldgierig“) bis auf die heutigen Tage fortwirkt. Die Gestalt des Judas ist so untrennbar verbunden mit dem „Judaskuss“, was seine untrügliche Verbindung mit dem Negativen anzeigt. Insofern es bereits im Johannes-Evangelium heißt: »Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn«, zeichnet sich hier bereits eine Diabolisierung der Juden ab bzw. ihre dehumanisierende Dämonisierung. Bei Hilarius von Poitiers ist die Figur des Teufels bereits weitgehend identisch mit dem als Synonym für die Judenheit verstandenen Judas.

In den Passionsspielen des Mittelalters ist der Jude in Gestalt von Judas der Verfluchte, der Verworfene, der mit bösen Taten in Verbindung gebracht wird. Insofern er das von Satan beeinflusste Böse verkörpert, der christliche Zuschauer hingegen das Gute, wird zugleich eine Konstellation des Kampfes generiert, in der sich das Judentum und Christentum feindlich wie unversöhnlich gegenüberstehen. Der Geldbeutel im Gemälde von Lukas Cranach illustriert dabei ein Stereotyp, welches sich mühelos in Zeiten des aufkommenden Frühkapitalismus in säkularisierter Variante wie bei Shakespeares Shylock oder bei Dickens in Gestalt des jüdischen Hehlers Fagin in Oliver Twist verwenden ließ. Vom Judas-Klischee zieht sich ein roter Faden zum Stereotyp des „Wucherjuden“, das sich bei Martin Luther in ausgeprägter Form findet. Insofern die Gestalt des Judas nicht nur für den singulären Verräter steht, sondern zugleich für den mit den Pharisäern Verschworenen, stellt seine Figur zugleich die Ursprungsgestalt aller Verschwörungslegenden dar, welche die Juden als Kollektiv betrachten, das mit fremden Mächten verbunden ist, um sich zur Herrschaft über die Wir-Gruppe aufzuschwingen. Die Gleichsetzung von Judas mit „den Juden“ ab dem 4. Jh. in den judenfeindlichen Schriften der Kirchenväter verdeutlicht den Sachverhalt, dass die Juden als Antithese herhalten mussten, um den homogenisierenden Formierungsprozess des Christentums zu forcieren. Die Relevanz des abendländischen Judasbildes, welches sich im kollektiven Bewusstsein tief verankerte, erkannte auch der dt. Nationalsozialismus und instrumentalisierte es für seinen Antisemitismus. Im April 1933 erschien zu Ostern eine Ausgabe der Propagandazeitung Der Stürmer mit der Überschrift Judas Greueltaten. Auf der Titelzeichnung zu sehen ist ein SA-Mann in Uniform, der eine Frau in seinem Arm hält. Beide stehen vor einem übergroßen Christuskreuz, während im Hintergrund vor dörflicher Landschaft die Sonne aufgeht, die ein großes Hakenkreuz schmückt. Die Bildunterschrift lautet:

»Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen und ihn tot geglaubt. Er ist auferstanden. Sie haben Deutschland ans Kreuz geschlagen und tot gesagt und es ist auferstanden herrlicher denn je zuvor.« (Der Stürmer Nr. 15, April 1933)

Die nationalsozialistische Propaganda nutzte dabei die phonetische Ähnlichkeit zwischen dem Namen des Jünger Jesu und der Bezeichnung „Jude“ und instrumentalisierte den Sachverhalt, dass der hebräische Name Jehuda in seiner gräzisierten Form Juda lautet, womit einer der zwölf Stämme Israels sowie das in den judäischen Bergen um Jerusalem gelegene historische Südreich bezeichnet wird. Im Dezember 1939 lautete die Überschrift des Stürmer: „Das Ende Judas“.

1.14Zusammenfassung

In historischen wie soziologischen Werken zur Judenfeindschaft wird die Bedeutung der Antike für die Entstehung und Genese des Antisemitismus weitgehend unterschätzt, was der Sachverhalt offenbart, dass diese zumeist gänzlich ausgeklammert bleibt oder ihr nur wenige Zeilen gewidmet werden. Deutlich wird dies am verfehlten dichotomen Konstrukt eines „Antijudaismus“ versus eines „Antisemitismus“, insofern diese Dualität verkennt, dass bereits in der Antike ein Ensemble an Wirkungsfaktoren höchst dynamisch ineinandergriff und die Beweggründe der Judenfeinde keineswegs stets religiöser Natur waren. Diesen Sachverhalt verdeutlicht der Pogrom von Alexandria, der bereits „moderne Züge“ vorwegnahm, insofern es primär darum ging, die soziale Gleichstellung der Juden als vollberechtigte alexandrinische Bürger zu verhindern. Die Promotoren des antijüdischen Pogroms von Alexandria erinnern bereits an den Kreis der Gegner der jüdischen Emanzipation in der „Franzosenzeit“, die sich zu Beginn des 19. Jh.s in Preußen in der Deutschen Tischgesellschaft zusammenfanden, insofern es in beiden Fällen darum ging, den Juden ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung streitig zu machen.

In der Antike spielten sowohl religiöse wie kulturelle, soziale und politische Faktoren eine relevante Rolle beim Zustandekommen der Judenfeindschaft. Zu unterscheiden ist zwischen dem vorchristlich-antiken sowie dem christlichen Antisemitismus. Die Relevanz des „heidnischen Antisemitismus“ für die Entstehung christlich-antijüdischer Stereotype wird häufig unterbewertet, zeigt sich indes bereits anhand des Judenexkurses des Historiographen Tacitus, dessen antijüdische Diffamierungen seitens der christlichen Kirchenväter weitgehend übernommen wurden. Der christliche Antisemitismus etablierte sich in dem Maße, wie sich das Christentum nicht mehr als Teil des Judentums verstand, sondern eine eigene sich abgrenzende Identität entwickelte. Dieser Prozess setzte mit Paulus von Tarsus ein, der sich als äußerst erfolgreicher Missionar auf die sog. „Heidenmission“ konzentrierte. Als einer der ersten christlichen Theologen forcierte er die Trennung des Christentums vom Judentum, indem er die jüdischen Speisegesetze sowie die Beschneidung für „Heidenchristen“ als obsolet betrachtete. Paulus von Tarsus verbreitete das kriminalisierende Pejorativum vom Gottesmord in der Variante einer Kollektivschuldaussage, welche „die Juden“ für die Kreuzigung Christi verantwortlich machte. Der Judenhass erhielt so sukzessiven Eingang u. a. in den noch jungen Gemeinden Kleinasiens. Der sich zwischen 70 und 100 n. Chr. verstetigende Prozess der Trennung, der bereits mit deutlichen antijüdischen Ressentiments versehen war, verstärkte sich noch im Kontext der Etablierung des Christentums als Staatsreligion des Römischen Reiches im 4. Jh. Das 4. Jh. n. Chr. stellt einen ersten Höhepunkt des christlichen Antisemitismus dar, was diverse Schriften der Kirchenväter des 4. Jh.s offenbaren wie bspw. Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo, Eusebius von Cesarea und Johannes Chrysostomos.

2DER ANTISEMITISMUS IM MITTELALTER

Das Mittelalter umfasst die Zeit vom ausgehenden 5. Jh. bis zum Ende des 15. Jh.s. Während die Position der Juden trotz des „Gottesmordvorwurfs“ anfangs weitgehend von Duldung geprägt war, verschlechterte sich ihre Lage im weiteren Verlauf zusehends. Hierfür waren fünf Gründe ausschlaggebend. Erstens: Mit der Herausbildung des feudalen Lehnswesens durften Juden keinen Grundbesitz mehr erwerben, da sie keinen christlichen Treueid auf einen Lehnsherrn ablegen konnten. Der Ausschluss vom feudalen Lehnswesen bedeutete zugleich die weitgehende Exklusion der Juden von der politischen Teilhabe an der mittelalterlichen Gesellschaft. Zweitens: Mit der Etablierung des christlichen Zunftwesens sowie der christlichen Gilden blieb den Juden, denen die Aufnahme verwehrt war, nur noch die Möglichkeit der Führung einer städtischen Randexistenz oder die Übernahme von geächteten Berufen, die christliche Konkurrenten verschmähten. Drittens: Im Kontext der Kreuzzugsbewegung wurden die Juden zur Verkörperung des innen- wie außenpolitischen Feindes und sahen sich vielfältigen pogromartigen Übergriffen ausgesetzt, die vielerorts ganze Gemeinden vernichteten. Viertens: Das 14. Jh. und die in Europa wütende Pest führte zu einer tiefen Verunsicherung der Bevölkerung, deren christlicher Teil die Juden als „Sündenbock“ für die Krisenzeit verantwortlich machte, wodurch es zu schweren Verfolgungswellen kam. Fünftens: Die religiöse Umstrukturierung des Christentums, in dem sich im Kontext der Eucharistie bzw. der Transsubstantiationslehre immer mehr mystische Elemente verankerten, veränderte die Haltung der christlichen Gesellschaft zu den Juden, die sich in einer zunehmend von Reliquienverehrung und apokalyptischer Erwartung geprägten Zeit mit der „Blutbeschuldigung“ in Gestalt der Ritualmordlegende, Vorwürfen der Hostienschändung sowie Verschwörungstheorien konfrontiert sahen, die ihnen die Absicht unterstellten, Christen ermorden bzw. vergiften zu wollen, um die Herrschaft über christliche Länder an sich zu reißen.

2.1Die christlich-feudale Ständegesellschaft

Die Position der Juden in der frühmittelalterlichen Gesellschaft resultierte aus der vom Kirchenlehrer Augustinus (354–430 n. Chr.) entwickelten „Judentheologie“. Die Existenzberechtigung der Juden sowie die Anerkennung des Judentums als zugelassener Religion folgte aus der Sichtweise, dass deren Anwesenheit erforderlich sei, um die Christusprophezeiungen des Alten Testaments zu beglaubigen. Bei Augustinus stellen die Juden »unfreiwillige Zeugen« von der Wahrhaftigkeit der christlichen Botschaft dar. Die Existenz der Juden galt es zu bewahren, da erst das apokalyptische Gericht darüber zu entscheiden habe, was mit ihnen geschehen solle. Diese Sichtweise ging mit der Vorstellung einher, ein Großteil der Juden werde sich in der Endzeit zu Christus bekennen, während der andere Teil sich mit dem Antichristen verbünden und gegen die Christenheit kämpfen werde, die in den Schlachten der Apokalypse obsiegt. Die Aufgabe der mit Blindheit geschlagenen Juden bestehe im Diesseits darin, den Christen zu Diensten zu sein, ihnen die heiligen Bücher zu tragen, deren Botschaft sie sträflich missachteten. Die „christliche Toleranz“ gründete so aus dem Zusammenspiel von Dienstbarkeit, Zeugenschaft zugunsten der Kirche sowie der funktionalen Rolle der Juden im chiliastischen Endzeit-Szenario. Insofern Gott die Juden für ihre Bekehrung am Jüngsten Tag vorgesehen habe, sei es folglich eine Sünde sie zu töten. Die Duldung der Juden war gekoppelt an die christliche Heilsgeschichte bzw. an die göttliche Vorherbestimmung. Die dergestalt lediglich tolerierten Juden verfügten als religiöse Minderheit über gewisse Sonderrechte seitens der politischen wie der religiösen Obrigkeit.

Die strukturellen Elemente des Antisemitismus waren im Status der Juden als sozialer wie religiöser Randgruppe angelegt, die im Spannungsverhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Obrigkeit lebte und deren Position von der Stärke der politischen Zentralgewalt abhängig war, die sie ihrerseits jederzeit ausweisen konnte, wenn dies aus pekuniären Interessen dem Herrscher für opportun erschien. Die germanischen Nachfolgestaaten, die sich auf dem Boden des ehemaligen Römischen Reiches bildeten, duldeten die Juden auf Basis des weiterhin gültigen Codex Theodosianus. Unter Papst Gregor I. (540–604 n. Chr.) avancierte die augustinische „Judentheologie“ zur offiziellen Position der Kirche. Zwar betrachtete der Papst die Judenmission als eines seiner Hauptanliegen, die Ausübung der jüdischen Religion blieb jedoch nicht nur geschützt, auch Zwangstaufen sowie die Enteignung von Synagogen wurden verboten. Im Unterschied zur Gehässigkeit der Adversus-Judaeus Texte propagierte Gregor I. das bei Augustinus angelegte Konzept der Endzeiterwartung. Für Gregor I. resultierte die Behandlung der Juden aus dem Sachverhalt, dass Gott sie bereits durch die Zerstörung des Jerusalemer Tempels und durch ihre Zerstreuung bestraft habe.

Im karolingischen Frankenreich war die Situation der Juden vergleichsweise erträglich, was aus dem Interesse der Herrscher an rascher Expansion sowie an einem funktionierenden Fernhandel resultierte. Jüdische Händler verfügten über das Orient- sowie Osteuropa-Monopol und sollten helfen, Luxusartikel zu beschaffen. Unter den Karolingern wurden ihnen vielfältige Privilegien gewährt, zumal ihre Aktivitäten angesichts der noch relativ schwach entwickelten Städte maßgeblich zum wirtschaftlichen Wachstum beitrugen. Die karolingischen Herrscher des Frankenreichs untersagten die Taufe heidnischer Sklaven der Juden, um auf diese Weise jüdischen Großgrundbesitz als relevanten Wirtschaftsfaktor zu schützen. Der Sachverhalt, dass es diesbezüglich zu Protesten der Kirche kam, verdeutlicht die strukturelle Problematik jüdischer Existenz, die aus ihrer juristisch kodifizierten Minderheitenrolle sowohl im staatlichen Recht wie im Kirchenrecht resultierte. Auch unter den Ottonen und Saliern, welche die karolingischen Privilegien durch die Gewährung des Schutzes von Leib und Leben sowie die weitgehende Gleichheit vor Gericht erweiterten, blieb die Handelstätigkeit der Juden von herausragender Bedeutung.

Erst die Kreuzzüge stellten eine qualitative, nachhaltige Zäsur der Lage der Juden dar. Die „militärischen Wallfahrten“ bedeuteten nicht zuletzt einen tiefen gruppenpsychologischen Einschnitt, insofern die Erfahrung unmittelbarer exzessiver Gewalt tiefe Spuren hinterließ, und der kriegerische Konflikt einen ökonomischen, sozialen, politischen und kirchenrechtlichen Wandel einleitete, der sich negativ auf die Juden auswirkte. Sozioökonomisch nicht zu unterschätzen ist der Tatbestand, dass bedingt durch die Kreuzzüge die Rolle der Juden im Fernhandel im Schwinden war. Christliche Kräfte eroberten sich auf militärischem Weg neue Routen, sodass sich die wirtschaftlichen Parameter zuungunsten der Juden verschoben. Mit den Kreuzzügen sowie der Vertreibung der Juden aus Spanien brach die Zeit christlicher Handelshäuser sowie christlicher Kaufleute an, die nunmehr den Levante-Handel dominierten. Für die Lage der Juden relevant war ebenso der Sachverhalt, dass im Umfeld mystischer Bewegungen, der kriegerischen Mobilisierung der Volksmassen sowie der Existenz von Bettelorden sich das Christentum tiefgreifend wandelte, wofür nicht zuletzt das Schweigen des Papstes Urban I. angesichts der exzessiven antijüdischen Gewaltwelle im Kontext der Kreuzzüge symptomatisch war. Die Sichtweise der augustinischen Judentheologie wurde durch ein Papsttum relativiert, das sich auf Kosten der Juden mit den unteren sozialen Volksschichten verbündete. Bedingt durch die Lehre von der Transsubstantiation entwickelten sich in Gestalt der Ritualmord- sowie der Hostienfrevellegende völlig neue antisemitische Narrative.

Die kirchliche Judenpolitik verschob sich mit den Kreuzzügen von einer in Gestalt der Judenmission sowie des Ideologems vom endzeitlichen Übertritt der Juden doppelt strukturierten Assimilation zu einer Segregation, welche auf die systematische Separierung zwischen Juden und Christen hinauslief. Die deutliche Verschiebung in der Gewichtung verdeutlichen die Beschlüsse der Laterankonzile. Im Jahr 1179 verbot das dritte Laterankonzil die Beschäftigung von christlichen Dienern in jüdischen Haushalten. Deutlich eingeschränkt wurde die den Juden unter den Karolingern zugesicherte weitgehende Chancengleichheit vor Gericht, insofern nunmehr christliche Zeugen in Prozessen gegen Juden hinzuzuziehen waren. Bereits zuvor verbot das Konzil unter Papst Alexander II. (1010–1073) den Juden die Enterbung jüdischer Konvertiten. Im Jahr 1215 verabschiedete das 4. Laterankonzil unter Papst Innozenz III. (1160/1161–1216) weitere Segregationsmaßnahmen. Juden mussten sich fortan in ihrer Kleidung von Christen unterscheiden und durften sich zu Ostern nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Die Übertragung von Ämtern an Juden wurde unter Androhung der Exkommunikation verboten, die Rückkehr von freiwillig Getauften zum Judentum wurde unterbunden. Zwar besaß der päpstliche Schutz der Juden vor Zwangstaufe, Beraubung, Verletzung oder Tötung, das Verbot jüdische Friedhöfe zu schänden oder jüdische Rituale zu stören weiterhin Gültigkeit („Sicut-Judaeis-Bullen“), jedoch wurde bereits unter Papst Innozenz III. die Garantie in gravierender Weise durch einen Schlusssatz abgeschwächt, insofern dieser den Geltungsbereich auf Juden beschränkte, die den christlichen Glauben nicht untergrüben. Zwar wurden die Beschlüsse der Laterankonzile keineswegs unverzüglich umgesetzt, doch kirchliche Autoritäten drängten stets aufs Neue die politische Obrigkeit dazu, Juden aus Amtsstellungen zu entfernen, gegen Proselytenmacherei vorzugehen und die Beschäftigung christlicher Dienstleute zu unterbinden. Sukzessive wurde die von kirchlicher Seite betriebene Segregationspolitik verschärft sowie die Autorität staatlicher Regulierung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen untergraben.

Die Kreuzzüge bildeten auch insofern einen qualitativen Einschnitt, als es dem Papsttum gelang, seine Macht auf Kosten der geschwächten politischen Zentralgewalt zu stärken. Die Zentralgewalt reagierte mit dem im Landfrieden von 1179 festgelegten Prinzip der „Kammerknechtschaft“, das alle Juden des Reichs als zur Kammer zugehörige Knechte deklarierte. Die Kammerknechtschaft bestätigte einerseits jüdische Privilegien, andererseits postulierten die Herrscher mit ihrer Einführung zugleich die Verfügungsgewalt über jüdisches Vermögen wie Nachlässe und schränkten die freie Mobilität der Juden ein, die in der Karolingerzeit unhinterfragt gegolten hatte. Mit der abschließenden Etablierung der christlichen Zünfte im 13. Jh. sowie dem parallel laufenden Verdrängungsprozess der Juden aus dem Fernhandel mussten sich diese nun weitgehend auf Kreditvergabe, Pfandleihe sowie den ländlichen Warenhandel beschränken, was mit einer weiteren sozialen Verschlechterung ihrer Lage einherging.

Nach den Kreuzzügen bildeten im Mittelalter die Zeit des „Schwarzen Todes“ sowie die damit einhergehende Pogromwelle den zweiten großen Einschnitt. Als die Pestwellen abebbten durften sich Juden zwar wieder in den Städten niederlassen, doch da nunmehr auch die Bankgeschäfte weitgehend in christlichen Händen lagen, wurden sie für längere Zeit mit Ausnahme weniger städtischer Gemeinden in Kleinstädte oder in dörfliche Bereiche („Landjudentum“) abgedrängt.

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