Kitabı oku: «An Willem»
An Willem
1 Titel Seite
Achim Koch An Willem
„E tukamst hiirt e dåmp.“
Momme Pedersen, 1826
1. Kleine Schritte zu mir
Nun wird es bald dunkel werden.
Ich liebe es, zu beobachten, wie das Licht langsam nachlässt. Bei dieser Dunkelheit und morgens in der schwachen Hellzeit spüre ich die vergangenen Jahre am besten.
In diesem Raum, den niemand außer Thor kennt, habe ich alles gehütet. Auch das alte Schießgerät von Anders. Es ist - wie immer - sauber geputzt und liegt glänzend vor mir auf dem grünen Filz. Lange hatte es eine gleichberechtigte Bedeutung mit den vielen anderen Dingen, die ich hier aufbewahre. Doch heute Abend strahlt es eine besondere Stärke aus, einnehmender als je zuvor.
Alles andere ist nur um es herum.
Der Tag, an dem Anders geboren wurde, blieb einigen als ein besonderer Tag in Erinnerung. Ich war damals noch nicht einmal gedacht.
Für seine Mutter Sieke war es wie für alle, fast alle, gewordenen Mütter der glückliche Tag einer ersten Geburt, deren Schmerz nach wenigen Wochen einer eher verklärten Erinnerung gewichen war. In dieser Erinnerung tauchte nur am Rande ihre Jugendfreundin Agata auf, die einen ersten Besuch hatte machen wollen, von der Hebamme aber barsch abgewiesen worden war. Der Vater, Boye Deletre, empfand diesen Tag als, wie er nicht müde wurde zu sagen, „Stolzestag“. Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass er Mutter und Sohn Stunden nach der Geburt weder besuchte, noch sich nach ihrem Zustand erkundigte.
Dies konnte möglicherweise einer moralischen Haltung der Männer dieser Zeit zugesprochen werden. Doch so war er nicht.
Seit Beginn der Wehen hatte er sich in seine Kleinschmiede zurückgezogen. Er hielt das Feuer heiß, hämmerte und feilte stur und stundenlang vor sich hin, bis er - nun eigentlich stolz - mit einer Leiter, einer Kelle, einem Eimer voll englischem Mörtel und der Quelle seines heroischen Stolzes, einer großen, eisernen Platte, auf die kleine Straße hinaustrat. Vor der Haustür stellte er die Leiter an der Wand auf, stieg hinauf und schlug, nichts anderes wahrnehmend, ein Loch in die Hauswand.
Dort hinein arbeitete er sehr, sehr sorgfältig das Eisenschild und verankerte es gut, damit mit ihm nicht dasselbe wie mit der Kanonenkugel in der Kirchenwand am frühen Morgen des gleichen Tages geschehen würde.
Nachdem Anders schon drei Stunden auf dieser Welt war, auf der er nichts als ohrenbetäubende Klopfgeräusche zu hören bekam, nachdem Sieke nach ihren Schmerzen eingeschlafen war und die Hebamme mit dem ungewöhnlichen Namen Wieglinde unaufhörlich auf den Rabenvater geschimpft hatte - und das zum Glück in einer absolut unverständlichen Mischung aus Dänisch und Friesisch -, nach all dem also stand der Vater im starken Regen auf dem glänzenden Kopfsteinpflaster vor seinem Haus und starrte klitschnass sein Schild an, auf dem stand:
„Jenes sei dessen Vaterland, in welchem nicht er arbeite, sondern in welchem er geboren sei.“
Die Schrift war wie die Platte aus Eisen. Beides war grau, so grau, dass man es im Regen mit sehr guten Augen erkennen, jedoch kaum lesen konnte. Doch für den Schöpfer war es der Mittelpunkt der Stadt. Und wie alle Schöpfer bildete er sich von nun an ein, dass jeder es ebenso empfinden müsse. Dabei gab es zunächst außer ihm nur einen, der auch so empfand - trotz der Undurchdringlichkeit des Textes, der unbeholfenen Grammatik und des nahezu Unergründlichen der offensichtlich hintergründigen Gedankenwelt des Schmiedemeisters.
Erst nach dieser Arbeit stiefelte Boye in das Schlafzimmer seiner Frau. Und er flog gleich wieder hinaus, wohl wegen seiner triefenden Nässe, so weit Wieglinde zu verstehen war. Erst mit trockener Kleidung gelang es ihm, wenige Minuten in dem Zimmer zu bleiben. Er sagte: „Alles gut?“ zu seiner Frau und rief viel zu laut zu seinem Sohn, während er ihm einen schwarzen Fingern auf die Nase drückte: „Mein Stummel!“ Daraufhin wurde er vor die Tür gesetzt.
Für Pastor Klaasen blieb dieser Regentag des Jahres 1820 vor allem in Erinnerung, weil er seinen nicht endenwollenden Dienst in der Stadt antreten sollte. Und weil er dieser Dienst nicht antreten konnte. Denn sein Vorgänger, der in den vernebelten Altersruhestand versetzte Pastor Ebsen, wollte nicht weichen. Er verstand aus seinem Nebel heraus nichts, war er doch im hohen Alter vieler falscher Meinungen wie unter anderen der, er wäre knabenhaft jung, oder zum Beispiel einer anderen, nach der er sich immer noch um die Seelen seiner Anbefohlenen kümmerte, statt dass seine Anbefohlenen sich eher ernsthafte Sorgen um seine Seele machten. Immerhin war er wiederholt halb nackt und laut singend vom Friedhof bei nahezu jeder Tageszeit weggeführt worden.
Für Pastor Klaasen blieb dieser Tag aber auch denkwürdig, weil er der Abschluss einer viertägigen Reise von Kopenhagen aus gewesen war. Es war eine Reise, die zwei Tage dauern sollte, die bis weit über die Stadt Schleswig gut verlief, dann aber in Sichtweite des Reiseziels ins Stocken geriet. Der Pferdewagen des Pastors war auf der verlehmten und eingewässerten Landstraße nahezu versunken. Niemand seiner zukünftigen Seelen hatte einen und einen halben Tag lang auch nur im Entferntesten daran gedacht, den neuen Pastor zu befreien. Schließlich erfuhr der ansässige Apotheker von dem Ungeschick und bestach mit Geld einige Landarbeiter und Fischer, um Klaasen ausgraben zu lassen.
Der untersetzte, korpulente Klaasen kam in der Stadt an wie ein Schwein, und seine Helfer hatten diesen Zustand zusätzlich verschlimmert. Dies prägte Klaasens Sicht auf die Mitglieder seiner neuen Gemeinde für die folgenden Jahrzehnte, nach denen er die Stadt in ähnlicher Weise wieder verlassen sollte. Hätte er es gewusst, dann wäre er gleich im Morast geblieben - viel lieber jedoch in der fernen Hauptstadt.
Der junge Apotheker Jasper Jaspersen, ein schlaksiger, haarloser, ernsthafter Frühwitwer, nahm Klaasen freundlich auf und ließ ihn zunächst bei sich wohnen, bis Ebsen nach Wochen gut gefesselt aus dem Pastorat getragen wurde.
Diese Umstände, aber auch das Wissen darüber, dass sich nun endlich zwei gebildete Menschen in dieser Stadt getroffen hatten, die auch zum Glück Junggesellen waren und zusätzlich den vom Apotheker mit hundertprozentigem Alkohol versetzten Fliederbeersaft sehr liebten, machten aus den beiden zunächst ein stets etwas brüchige Männerfreundschaft. Sie begann am Tage der Ankunft mit der Erörterung, inwiefern Boye Deletre das Recht zu der schon erwähnten Wandtafel mit der genannten Schrift haben könnte. Ebenfalls setzte man sich darüber auseinander, ob der Inhalt dieser Schrift bedeutete, Heimat sei nur dort, wo man geboren worden sei. Der Unterschied zwischen Heimat und Vaterland blieb dabei unberücksichtigt. Schließlich erhob sich die Frage, ob diese Schrift nicht ein Affront gegen all diejenigen wäre, die diese Stadt ebenfalls als Heimat begreifen, da sie dort leben und arbeiten würden, auch wenn erst das Schicksal sie hier hergeführt habe. Der Apotheker schien der einzige gewesen zu sein, der den Inhalt der Schrift verstanden hatte. Doch auch das blieb eigentlich immer unklar.
Obwohl die Aktion des Schmieds wie ein Lauffeuer in der Stadt herumgegangen war, verblieb allgemein die Auffassung, dass Boye damit erstens die Geburt seines Sohnes würdigen wolle und er zweitens sowieso einen leichten Dachschaden habe, was schon seit seiner frühen Kindheit für niemanden ein Geheimnis gewesen war.
Zu der ersten Ansicht sollte sich Boye in seinem viel zu kurzen Leben nie äußern. Doch zu dem zweiten Einwand ließ er hören, ihm seien nur zwei mit einem Dachschaden in der Stadt bekannt, und das seien der alte Pastor Ebsen und der Gemeindeausrufer Lorenzen. Diese Aussage wurde allgemein verurteilt, nicht weil man sich über Ebsen nicht einig gewesen wäre, sondern weil Lorenzen indirekt ein Opfer Deletres geworden war. Denn Boye war es gewesen, der im Auftrag des alten Pastor Ebsen die alte Kanonenkugel aus der angeblich schwedischen Belagerung der Stadt an ihrem Einschlagort, der nördlichen Kirchenwand, eingemauert hatte. „Zur mahnenden Erinnerung“, hatte Ebsen betont. Dies hielten viele für unverständlich, denn zu den Schweden hatte niemand mehr so ein rechtes Verhältnis.
Zwar war allen der Kosakenwinter vor sieben Jahren, an dem die russische Armee, eigentlich eher gegen Napoleon und Kopenhagen, mehrere unverbesserliche Monate lang die Stadt und die Bürger malträtiert hatte, in bester Erinnerung. Doch war man sich über die tatsächliche Verbindung dieser Soldaten zu den Schweden nicht so recht im Klaren. Und auch die Schlacht von Sehestadt, wo auch immer das lag, war nur aus wirren und widersprüchlichen Erzählungen Ebsens bekannt.
Wenn man schon international dachte, dann eher gegen die Franzosen mit ihrem Napoleon. Sie waren zwar Bündnispartner der Dänen gewesen waren, hatten aber zu ihrem großen Nachteil mit den Spaniern den für fast jeden Anwohner gut florierenden Schmuggel mit den Engländern zu unterbinden versucht. Sie hatten damit - wie auch immer das gehen sollte - den gesamten Kontinent absperren wollen - ein ziemlich unsinniges Unterfangen.
Nach einigen grundsätzlichen Gesprächen in der Stadt bei jeder guten Gelegenheit einigte man sich gegen die Franzosen und in der Tendenz für die Engländer. Denn sogar als diese die Elbe blockiert hatten, damit kein französisches Schiff seine Ladung dorthin befördern konnte, hatten sie immer einen regen Schiffsverkehr mit dem kleinen Hafen der Heimatstadt aufrechterhalten.
Hier waren nun einmal grundeigene Bedürfnisse angesprochen, und die Schweden hatten für den Schmuggel nun wirklich nichts geleistet, was bekannt und erwähnenswert war.
Jaspersen hatte zu dieser speziellen Frage der Außenpolitik einen eigenen Standpunkt, für den sich aber nun tatsächlich niemand interessierte.
Dass sich der Gemeindeausrufer Lorenzen in seiner abgewetzten Uniformjacke nun gerade an dem Morgen des Stolzestages unter dieser Kugel an der Kirchenmauer herumdrücken musste und dass sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die rostige Kugel eigenwillig aus der Wand lösen musste, dafür machte Boye Deletre andere Kräfte verantwortlich.
„Und sonst“, ließ er einmal und dann nie wieder zu diesem Problem verlauten, „bin ich Kleinschmied und eigentlich Schlosser, aber überhaupt nicht Maurer.“
Damit war Pastor Ebsen nicht nur auch für diese Angelegenheit schuldig gesprochen worden. Er hatte zusätzlich in der Stadt einen Gleichgesinnten, den überaus debilen Gemeindeausrufer Lorenzen, der allerdings durch den gesamten Vorgang keinen Einschnitt in sein berufliches Leben erfuhr.
Der junge Apotheker Jaspersen aus dem dunklen Jütland hatte für die Leiden des Ausrufers einige Salben zur Auswahl, und der neue Pastor diente mit dem zweiten Buch Mose: Wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wes ich mich erbarme, des erbarme ich mich.
Ansonsten beschäftigten sie sich an diesem verregneten Stolzestag jedoch schon mehrere Stunden mit dem Inhalt der Schrifttafel und dem Wort Heimat. Während der genügsame Pastor den Schlosser ebenfalls für sans facon hielt, bestand Jaspersen aufgeregt darauf, dass der Ausspruch einer 1767 erschienenen Schrift Eiler Hagerups mit dem Titel Brev om Kierlighed til Faedrelandet entliehen sei, die er aus der von seinem Apothekervater ererbten Bibliothek herauszog.
Er wies dem zunehmend gelangweilten Gast nach, dass die Ähnlichkeit der Gedanken Hagerups mit denen des Handwerkers den subtilen Geist dessen aufdecken würde. Zusätzlich würde Deletre das Gedankengut schamlos verdrehen, indem er den Hintergrund dieser Gedanken, die sich einst gegen die übermäßige Einflussnahme deutscher Ausländer in Dänemark gerichtet hatten und somit als Gedanke dänisches Nationalgut seien, verfälschen würde.
Da aber der Schlossermeister so weit gegangen sei, dieses dänische Nationalgut gegen ihn, den Mann aus Skagen, zu wenden, würde er mit Tyge Rothe, dem Sohn deutscher Einwanderer und Deutschtümler kontern:
„Das Volk, worunter der Mensch lebt als Bürger, das ist sein Vaterland.“
Nach langer und stets durch Müdigkeit unterbrochener Überlegung konnte Pastor Klaasen mit diesem Satz leben, da er gerne, was er dem Apotheker lieber nicht anvertraute, Jasper Jaspersen und Boye Deletre auf die gleiche Ebene als Bürger und Besitzer einer gleichen Heimat stellen wollte.
Jaspersen ließ eine neue Eingangstür für die Apotheke anfertigen, in die der Satz von Tyge Rothe in dänischer Sprache eingeschnitzt wurde. Auch Jaspersen glaubte vergebens, dass dies den Kunden der einzigen Apotheke der Gegend unbedingt ins Auge stechen müsste, vergaß aber, dass nicht alle Dänisch sprachen oder gar lesen konnten.
Und ohnehin dachte niemand auch nur im Geringsten daran, dass diese Tür das Ergebnis eines heimlichen Geistesstreites zwischen dem Apotheker und dem Schlossermeister sein könnte. Am wenigsten aber schien Boye dies vermutet zu haben. Immerhin betrat er öfter die Apotheke, um Salben zu kaufen oder angefertigte Gestelle für die, wie er sagte, Apothekerhölle abzuliefern. Damit war Jaspersens Laboratorium gemeint, das er stets erweiterte, aber auch renovierte, weil es in ihm häufig brannte.
Es ist auch nicht bekannt, ob es Boye auffiel, dass Jaspersen ihn seit dem Stolzestag besonders häufig zu sich bestellte und bei diesen Besuchen abwartend lächelte. Allerdings mehrten sich die Arbeiten und Einkünfte der Kleinschmiede auffallend durch die nicht endenden Aufträge aus der Apotheke, und häufiger als früher wurde Boye in die Apotheke gerufen, um Zeichnungen, veränderte Zeichnungen für immer neue Stellagen, anzunehmen oder auch nur beratend tätig zu werden. Dabei wurde ihm niemals der Fliederbeersaft gereicht.
Doch immerhin wurde die Ladentür der Apotheke benutzt. An die Tür des Schlossers aber traute sich niemand mehr, nachdem das drohende Schild darüber hing, von dem man nicht wusste, ob es nicht auch eines Tages den Geist eines Menschen verwirren würde. Über viele Jahre verlor das Holz der Haustür die Farbe, und niemand strich die Tür, die, vielleicht weil sie für immer ruhen konnte, die Zeit und die Bewohner überlebte, während die Apothekertür eines Tages verbrennen sollte.
Das schmale Trottoir vor der Haustür des Schlossers blieb ebenfalls ungenutzt. Es veränderte sich in einem kleinen Halbkreis unter dem Eisenschild im Sommer zu einem blühenden Vorgarten, in dem Löwenzahn, Gänseblümchen, Hahnenklee und eine noch nie in der Gegend gesehene, schwarz blühende Pflanze stand, die Jahr für Jahr nach dem letzten Frost des Winters bis zum Frost des kommenden Winters unwiderstehlich ihre Pracht zeigte. Und als niemand mehr misstrauisch das schwere Eisenschild betrachtend vom Trottoir abwich, tat man es aus Respekt vor dieser Pflanze, die so lange erhalten blieb wie die alte Haustür und das Schild an der Wand.
Nur zwei Schritte habe ich mich fortbewegt von Anders Schießgerät. Mein Zurückdenken zog während dieser Schritte unaufhaltsam an mir vorbei. Es ist die Erinnerung an eine Zeit vor meinem Leben. Ich erinnere mich an das Erzählte und nicht an das Erlebte. Heute ist es vielleicht durch Besuche geweckt worden, den Besuch von Gustav und den seiner beiden Söhne einige Stunden später.
Wahrscheinlich sind diese schnellen Gedanken durch das, was Gustav mir gebracht hat, und das, was seine Söhne mir gesagt haben, ausgelöst worden. Würde man das Rätsel, wodurch Gedanken und deren Verlauf beeinflusst werden, lösen können, dann wäre die Macht über die Menschen grenzenlos.
Jetzt blicke ich auf das Schießgerät, und die Gedanken fliegen wieder zurück zu der Zeit um den Stolzestag.
In der Stadt standen in diesen Tagen ganz andere Themen im Mittelpunkt oft stundenlanger Plaudereien am Hafen, auf dem Marktplatz, beim Einkauf, an Gartenzäunen oder in den Wohn- und Schlafzimmern als das Thema Heimat.
Im Zusammenhang mit der über den Kanal von Kopenhagen gekommenen, auf dem Weg nach Altona, ebenfalls am Stolzestag, in der Flussmündung gesunkenen Dreimastbark CAROLINE MATHILDE entwickelten sich in kürzester Zeit Umstände, die sich - ohne Übertreibung - über Schleswig nach Kopenhagen und über Holstein bis weit hinter Hamburg herumsprachen.
Der Untergang der Bark war zunächst ein großes Rätsel, weil das Schiff als sicher galt. Es hatte noch unter englischer Flagge und dem Namen CAROLINE zurzeit der für diese Gegend recht vergeblichen Sperre des Kontinents die wildesten Manöver gefahren, wenn es von dänischen und französischen Schiffen verfolgt worden war. Der CAROLINE wurde wegen ihrer großen Erfolge viel nachgesagt. So sollte sie sogar mehrfach ungesehen den schmalen Kanal zur Ostsee passiert haben, ja, ernsthafte und angesehene Bewohner der Stadt schworen, als Zeugen mehrfach dem Schauspiel beigewohnt zu haben, bei dem die CAROLINE, verfolgt von einer beträchtlichen Anzahl verschiedener Kriegsschiffe, auf offenem Meer tatsächlich unsichtbar geworden war. Die auf diesem Schiff transportierten Schätze wurden mit jedem weiteren Jahr der Erzählungen reichhaltiger und wertvoller.
Dann gelang es den Dänen, die Bark eines Tages bei eindeutiger Sicht aufzubringen.
Sie wurde umgeflaggt und auf den Namen CAROLINE MATHILDE umbenannt. Das konnte einerseits als Versuch der Hauptstädter gewesen sein, sich als Erbe des ehemaligen Ruhms dieses Schiffes auszugeben. Andererseits aber wurde dies auch als späte Anerkennung für die im Exil lebende Königin Caroline Mathilde gewertet. Immerhin hatte Dänemark diese Dame lebenslang in die Stadt Celle verbannt, weil sie ein Verhältnis mit einem Altonaer, dem Berater des schwachsinnigen Königs, angefangen hatte, statt treu ihren Schwachsinnigen zu lieben.
Für die Bewohner der Stadt aber hieß das Schiff weiterhin CAROLINE.
Das eigentliche Interesse galt jedoch weniger dem Schiff als vielmehr der Ehefrau des Lotsen Pauls, Agata. Volquard Pauls war ein erfahrener Lotse, der sogar Navigation an der Lotsenschule unterrichtete und der während seines kurzen Ehelebens voll Gram an dem freiheitlichen Umgang seiner Frau litt. Agata, sonst eine sehr quirlige Frau, hatte scheinbar kurz nach der Hochzeit ein für die Stadt ungewöhnliches, offensichtlich unsittliches Leben geführt. Angeblich sollte sie, sobald ihr Mann ein Schiff bestieg, ihre Tür ganz unbekümmert jedem auf Reede liegenden Seemann geöffnet haben.
Mehrfach auf diesen Lebenswandel und den zunehmenden Verfall ihres Mannes angesprochen hatte sie Verwünschungen ausgestoßen, die - wie man behauptete - nach oft reiflicher Zeit auch tatsächlich eintrafen. Zur Erhaltung der Moral in der Stadt erhielt Agata somit den Zunamen „De Hex“ und ein Schicksal.
Das tat der Freundschaft zwischen Sieke Deletre und Agata Pauls keinen wesentlichen Abbruch, obwohl Boye diese Verbindung nicht gerne sah. Er verließ sogar das Haus, wenn Agata zu Besuch kam. Bei langen Frauengespräche, bei denen sich die beiden Freundinnen ständig und sehr laut ins Wort fielen, sodass es Boye ohnehin ein Rätsel war, wie sie sich verständigen konnten, klagte Agata ihr Leid über den sturen und gewalttätigen Ehemann, mit dem sie auch keine Kinder bekommen konnte. Die üblen Gerüchte über ihren angeblich unsittlichen Lebenswandel wies sie zurück und erklärte diese als rachsüchtig in die Welt gesetzte Verleumdungen des gehassten Mannes. Sieke glaubte ihrer Freundin.
An dem Morgen, an dem der Lotse Pauls die CAROLINE besteigen wollte, um sie sicher um die Sandbänke herum ins offene Meer zu manövrieren, war ein erneuter Streit unter den Eheleuten ausgebrochen. Dabei hätte Agata, wie die Nachbarn später bezeugten, dem Lotsen nachgerufen:
„Heute sinkst Du mit Deiner Bark. Dein nasser Tod, Volquard Pauls!“
Tatsächlich fuhr die Bark auf eine Sandbank und verschwand dicht vor der südwestlichen Küste mit allem und jedem so schnell im Mahlsand, dass bei Ebbe nicht einmal mehr die Mastspitzen zu sehen waren.
An diesem Tag hatte Agata - wie schon erwähnt - ihre Freundin am Kindbett besuchen wollen, um das Kind, das ihr in ihrer Ehe versagt blieb, zu sehen. Doch Wieglinde, die Hebamme, fürchtete den bösen Blick der Freundin. Agata wurde auch von Boye, der sich seinem Eisenschild hingab, keines Blickes gewürdigt.
Zu Hause lag Agata in Tränen über ihre Einsamkeit und Verzweiflung, als der örtliche Amtsdiener in Begleitung des Stockschließers erschien, um sie zu inhaftieren. Die Männer waren zwar irritiert über den Zustand der Lotsenfrau, führten dies aber später als Beweis für die Verdorbenheit der Frau an. Denn zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch nichts über das Missgeschick ihres Mannes erfahren haben. Sie wusste es aber vielleicht schon übersinnlich und spielte dem Kommando die Tränen und die Trauer nur vor, um einer möglichen Strafe zu entgehen. Diese Argumentation, so verquer sie auch war, schien sehr überzeugend zu sein, weil man sie gern so akzeptieren wollte.
Schließlich kam es zu einer Anklage gegen Agata Pauls, bei der ihr die moralische und ehrabschneidende Zerstörung des Geistes ihres Mannes zugeschrieben wurde. In Folge dessen war er daran gehindert worden, seinem für den Staat verantwortungsvollen Beruf erfolgreich nachzugehen. In Wirklichkeit aber standen hinter der Anklage die Furcht vor übersinnlichen Kräften Agatas und der Wunsch nach einer nun endlich zum Zuge kommenden Bestrafung unsittlicher Handlungen. Denn davor war jede andere ehrbare Frau zu retten.
Dieses nun allgemein anerkannte Problem war ein Grund für die Verzögerung der anstehenden Taufe im Haus Deletre. Der neue Pastor Klaasen war nach seiner kurzen und wenig überzeugenden Antrittspredigt ganz von seiner ihn erfassenden Aufgabe durchströmt, moralisch-sittlicher und religiöser Berater bei den Verhandlungen gegen Agata zu sein. Darüber hinaus konnte er seine Amtsgeschäfte nur bedingt verfolgen, solange der alte Pastor Ebsen das Pastorat belagerte, auf dem Friedhof sang oder tief schlafend und fast erfroren auf der Kanzel vorgefunden wurde.
Auch Sieke hatte das Interesse, die Taufe hinauszuzögern. Sie war verwirrt von den Umständen um Agata und wartete außerdem auf eine Nachricht ihres Zwillingsbruders Bendix, der nicht wie gewohnt vor Einbruch des Winters von der Grönlandfahrt heimgekehrt war. Ihr Vater, der Lehnsmann Pedersen, drängte zwar darauf, trotz der Ungewissheit über den Verbleib seines Sohnes Bendix den neuen Enkelsohn in den Kreis der Christen aufzunehmen. Doch zusammen genommen sprachen alle Umstände dagegen.
Dies änderte sich nach einigen Wochen mit der Hinrichtung Agatas im Februar des neuen Jahres.
Auf dem Hundsberg am Hafenausgang, ein Hügel am Deich nicht höher als eine gut gebaute Warft, der dennoch die höchste Erhebung des Ortes war und in allgemeiner Unkenntnis der Bergwelt eben Berg genannt wurde, auf dem die erlegten Seehunde oft im Jahr in Reih und Glied ausgelegt wurden, auf diesem Berg hatten Zimmerleute ein zweistöckiges Gestell errichtet. Am Fuße des Hügels hatten sich an diesem lurigen Tag nahezu fünfhundert Menschen versammelt.
Viele Bauern waren wegen der Unpassierbarkeit der morastigen Straßen mit Kähnen über die Bootsfahrten gekommen. Der Fährverkehr von Holstein aus war an diesem Tag vorsorglich verdoppelt worden. Außer den Seeleuten, die wegen der Windstille auf dem Fluss vor Anker lagen, waren auch sehr viele Bewohner der Stadt gekommen. Unter ihnen befand sich Boye, der neben seinem Schwiegervater einen Platz in der ersten Reihe erhalten hatte, da der alte Lehnsmann Pedersen besondere Privilegien in der Stadt genoss.
Nachdem der Scharfrichter mit seinen drei Gehilfen das obere Stockwerk des Blutgerüstes betreten hatte, erstiegen der Oberstaller, der Bürgermeister, Pastor Klaasen und die Ratsmänner der Stadt, unter ihnen auch der Apotheker Jaspersen, die untere Etage. Schließlich wurde Agata, die in ein weißes, bodenlanges Gewand gekleidet war, vor sie gestellt, während die Zuschauer so still wurden wie der Wind, der an diesem Tag fehlte. Als ein Ratsmann das nach Landesrecht gefällte Urteil verlesen hatte, wurde Agata, die im Gesicht so bleich war wie ihr Gewand, zu dem Scharfrichter hinaufgeführt.
Bevor sie sich aber ihren Kopf auf den Holzbock legen ließ, trat sie an die Kante des Blutgerüstes vor und sah enttäuscht, voller Hass und mit abfälligem Blick in die Menge. Dort erspähte sie Boye, der wegen seines langen, schwarzen, widerspenstigen Haars, des bartlosen Gesichts und der großen, dunklen, eingefallenen Augen leicht von allen anderen zu unterscheiden war. Ihm rief sie mit heller, klarer Stimme zu: „Mein Mann musste sterben, als dein erster Sohn geboren wurde, Boye Deletre. Und du wirst das Schiff nicht kriegen. Und dein Sohn auch nicht. Nichts werdet Ihr bekommen! Immer wieder nichts!“
Dann trat sie zurück, legte ohne weitere Hilfe ihren Kopf auf den Bock und ließ ihn sich abschlagen, wobei ein tiefes Ausatmen durch die bewegungslose Zuschauermenge ging. Die Honoratioren in der unteren Etage hatten zuvor ihren Platz verlassen, um von dem auslaufenden Blut nicht befleckt zu werden. Die Gehilfen des Scharfrichters legten den Körper mit dem roten Gewand und anschließend den Kopf sorgfältig in eine bereitgestellte Holzkiste, vernagelten sie und trugen sie an einen geheimen Ort außerhalb des Friedhofs, wo der Sarg vergraben werden sollte.
Boye hatte die Ansprache Agatas lächelnd zur Kenntnis genommen, verharrte jedoch mit diesem Gesicht, das ihn auch hinunter zum Fluss begleitete, wo er lange stand und weit in die dunstige Flussmündung starrte. Es war nahezu still. Die Flut drückte das braune Wasser in den Fluss, begleitet von unzähligen Eisschollen, die sich stauten, aneinander rieben und infolgedessen manchmal senkrecht wie die Mastspitzen eines Schiffes aus dem Wasser gedrückt wurden, um dann laut zerbrechend wieder hineinzufallen. Das waren die einzigen Geräusche, die zu hören waren, und es hätte nicht gewundert, wenn das Eis angefangen hätte zu sprechen.
Erst einen Monat später konnte die Taufe stattfinden, weil Pastor Klaasen für sich in Anspruch genommen hatte, ausführlich den moralisch-sittlichen und religiösen Zustand seiner Gemeinde zu überprüfen, bevor er einen Neuen in die Christengemeinde aufnehmen wollte. Erst der Besuch Pedersens bei Klaasen beendete diese Prüfung abrupt, wobei niemand in Erfahrung bringen konnte, wie sie verlaufen und zu welchem Ergebnis Klaasen gekommen war.
Für manchen Bürger verblieb ein fahler Nachgeschmack und eine stets wieder aufkeimende Verunsicherung, denn Klaasen hatte trotz mehrmaliger Nachfragen seine Untersuchungen immer nur mit einem Satz aus dem fünften Buch Mose kommentiert: „Dein Himmel, der über deinem Haupt ist, wird ehern sein, und die Erde unter dir eisern.“
Sieke hatte sich nach dem Verlust und der stets zu hinterfragenden Glaubwürdigkeit ihrer toten Freundin langsam wieder gefangen, obwohl sie zu den wenigen gehörte, die an der Gerechtigkeit des Urteils zweifelten. Mittlerweile beschäftigte sie ein ganz neuer und tröstender Gedanke. Trotz der Sorge über den verschollenen Bruder wollte sie eine schnelle Taufe des ersten Sohnes.
Den Taufvorgang selbst hatte der unscheinbare Klaasen nicht beherrscht, und so war er auch nicht Mittelpunkt der anschließenden Feier der Schlosserfamilie, bei der außer Klaasen die Verwandtschaft Siekes anwesend war. Boyes Verwandtschaft war entweder verstorben oder einfach nicht zu erreichen gewesen. Da das Kind ohnehin nicht im Mittelpunkt stehen konnte, weil es ja auch an den komplizierten Gesprächen nicht teilnehmen konnte, wäre diese Rolle Sieke und Boye zugefallen.
Doch Sieke hatte sich um die nicht ablassenden Anfragen nach Eiergrog zu kümmern, und Boye schwebte auf einer anderen Ebene, weil seine Frau ihm zwischen zwei aufgeschlagenen Eiern nüchtern ihre erneute Schwangerschaft mitgeteilt hatte.
So musste Pedersen zum Zentrum des Geschehens heranrücken und eröffnete die Feier mit einem „Wohl-Sein“ auf das Enkelkind und auf seinen bei Grönland verschollenen Sohn Bendix sowie der von allen geteilten Gewissheit, sein Junge würde schon bald wiederkommen.
Pedersen, eher ein nüchterner, ernsthafter alter Herr mit einem wuchtigen Körper, einem kreisrunden, meist roten Gesicht, verschwindend kleinen, blauen Augen und einem haarlosen, rosaroten Schädel war ein perfekter Gastgeber.
Durch seine verschiedenen Ämter, unter anderem auch als Deichgraf, hatte er gelernt, sich und seine Sprache auf jeden einzustellen. Er verstand es, seine Partner geschickt zu tiefen und ernsthaften Gesprächen zu verführen. Nachdem er sich auf sein Altenteil gesetzt, den Hof seinem ältesten Sohn übergeben und den restlichen Kindern ein großes Geldgeschenk gemacht hatte, die Quelle auch der Schlosserei, hatte Pedersen sich seinen Vorlieben, der Verwaltungsarbeit, der Staatstheorie sowie der Literatur hingegeben. Zu einigen Persönlichkeiten des Gesamtstaates hatte er kraft seiner Interessen überraschend gute Kontakte aufgebaut.
Er stand im Briefwechsel mit dem noch jungen Uwe Jens Lornsen, der gerade von Holstein nach Kopenhagen wechselte, und hatte auch den Holsteiner Carsten Niebuhr kennengelernt und sich mit ihm über dessen Expedition nach Arabia felix auseinandergesetzt, die ein absolutes Debakel gewesen war, von der Niebuhr aber als einziger Überlebender wichtige Abschriften mitgebracht hatte. Über Themen dieser Art konnte Pedersen lange Gespräche zu führen, die er wegen seiner umfangreichen Bibliothek wahllos erweitern oder konzentrieren konnte.
Im Verlauf der Feier zog er Boye, der immer noch nicht zu wissen schien, dass er der Gastgeber des Festes war und - wie so häufig - ganz mit sich allein zu sein schien, auf den kleinen Hofplatz zwischen Wohnhaus und Schlosserei hinaus und eröffnete ihm überraschend: „Ich hab sie gekauft.“
Boye brauchte hinter seinen großen Augen, die beim Nachdenken aussahen, als würden sie nach innen sehen, einige Zeit, um sich auszumalen, was Pedersen wohl alles gekauft haben könnte, da dessen Interessen ja weit gefächert waren.
Auch als Pedersen ihm noch eindeutiger erklärte, er habe das versunkene Schiff gekauft, konnte Boye dies nicht recht wahrhaben. Erst als Pedersen ihm sagte, er habe ihm - Boye - das Schiff offiziell überschrieben, damit ein kräftiger und tatenlustiger Mann es hebe, klärten sich die Gedanken des Schlossers. Als Pedersen ausführte, die Bark habe unbekannte Schätze an Bord, unter anderem die Schriftrollen von Carsten Niebuhr aus Persepolis sowie deren 1802 in Kopenhagen gelungene Entschlüsselung, trat Boye so hart auf den Boden einer Wirklichkeit zurück, dass er ab sofort die Taufe wie auch die erneute Schwangerschaft seiner Frau in eine der vielen Nebenkammern seines Kopfes sperrte.
Von diesem Tage an bereitete er seine Expedition zum Mahlsand an der südwestlichen Küste vor. Er beschäftigte sich mit dem grundsätzlichen Bau von Dreimastbarken, mit Gezeiten und dem sichtbaren Bild des Mondes, entwickelte den Plan einer Schienenkarre und las die Reiseerinnerungen Carsten Niebuhrs. In der verbliebenen Zeit erledigte er die Aufträge der Kleinschmiede und sammelte alles Geld, was ihm zur Verfügung stehen konnte.
Sieke, die nicht nur das Äußere ihres Vaters erhalten hatte, sondern auch dessen Ruhe und Gelassenheit, beobachtete die Rastlosigkeit ihres Mannes. Sie wunderte sich nicht, dass Boye nach der Geburt seines zweiten Sohnes Lorenz, auch ohne eine Eisentafel anzufertigen, nur kurz und viel zu spät in das Schlafzimmer gepoltert kam und „Alles gut?“ zu ihr sagte. Dem Neuen drückte er einen schwarzen Finger auf die Nase und rief viel zu laut „Mein Stummel!“. Daraufhin wurde er von Wieglinde wieder vor die Tür gesetzt.
Er hatte gerade feststellen können, dass der zweite Sohn aussah wie der erste. Und der wiederum sah aus wie die Mutter. Sie hatten nichts von ihm und alles von Sieke, und er liebte sie alle.
Ich muss mich wirklich in Acht nehmen. Wenn ich diese Zeit denke, dann denke ich das, was mir erzählt wurde. Vielleicht ist es nicht immer die Wahrheit. Doch es passt. Es passt in alles, was kommen sollte und geschehen würde. Einiges mag etwas anders gewesen sein. Auch die Erinnerungen der Erzähler sind verfälscht. Aber letztlich ist das nicht wichtig. Wichtig ist, dass alles passt.
Einige Monate nach der zweiten Geburt stand im Juni des Jahres 1822 zur Überraschung aller endlich Bendix Pedersen, der Zwillingsbruder Siekes, auf dem Hofplatz. Gemeinsam mit Bendix war Bootsmann eingetroffen. Er würde nie mehr so richtig fortgehen.
Die Ankunft des Schwagers hatte für Boye einige Verzögerungen in seiner Planung zur Folge, weil Bendix sich einquartierte und in den folgenden Tagen große Besuchergruppen hinter dem Haus standen, um sich immer wieder das Abenteuer und die Rettung des Grönlandfahrers anzuhören. Einige waren allerdings auch nur gekommen, um Bootsmann zu studieren, der deshalb großes Aufsehen erregte, weil er die Gewissheit einer Kleinstadt darüber, wie ein Hund eigentlich aussah, durch sein übertriebenes Da-Sein in Frage stellte.
Bendix war vor zweieinhalb Jahren wie immer beim Biikefeuer am Vorabend des Petritages mit einem kleinen Segler nach Glückstadt gefahren, um auf Walfang zu gehen. Er hatte auf der Brigg DOROTHEA unter dem Kommandeur Reimers aus Sylt angeheuert. Schon die Abreise der Brigg war vom Unglück verfolgt gewesen, weil sich das Schiff nur schwer aus dem Eis des Hafens und der Elbe hatte lösen können und Werbanker und Trossen verloren gegangen waren. Im Eismeer dann angekommen hatte die Brigg bereits etliche kleine Lecks. Auf 69° 18´ nördlicher Breite wurde das Schiff zunächst vorn und hinten von großen Eisschollen eingeschlossen, die immer mehr verfroren und weitere Lecks am Rumpf verursachten. Man versuchte zwar, mit Haken, Kabeltauen und Eisbäumen die DOROTHEA frei zu bekommen, doch als ein sehr großes Leck am Hintersteven entstanden war, schien auch unaufhörliches Schöpfen nicht mehr helfen. Als letzte Rettung begann man, Strümpfe und Beutel mit Grütze zu füllen und diese in die Lecks zu stopfen in der Hoffnung, die Grütze würde so weit aufgehen, dass das Wasser nicht mehr eindringen könnte.
Doch auch dies war vergeblich gewesen, sodass man einen Schiffsrat abhalten musste und sich entschloss, das Schiff seinem Schicksal zu überlassen und die Schaluppen auf die Eisschollen zu setzen. Die anschließende Nacht hatte die Mannschaft noch in der Nähe des Schiffes verbracht, indem sie unter Zelten aus Segeltuch geschlafen hatte.
Als die DOROTHEA jedoch am nächsten Morgen vor ihren Augen sank und alles noch schwimmende Gut vom Eis zermalmt worden war, entschloss man sich, den ungewissen Weg zur nächsten Küste zu nehmen. Zum Glück und dank der Navigationskenntnisse des Kommandeurs erreichte man nach ungezählten Tagen ausgehungert und verfroren die aufragende Felsenküste Islands, konnte aber wegen der starken Brandung nicht anlanden. Lange und vergeblich hatten die Seeleute eine flache Stelle gesucht, bis sie aufgeben mussten und sich in ihrer Verzweiflung mit den Booten an Land und in die Felsen werfen ließen. So erreichten sie durchnässt und ausgekühlt Island, und einige hatten erfrorene Füße und Knochenbrüchen.
Vor ihnen lag noch ein langer Weg durch die Schneemassen der Insel, wobei man vier der Seeleute tragen und etlichen die Zehen amputieren musste. Dennoch erreichte die gesamte Gruppe ausgemergelt eine kleines Fjorddorf mit dem Namen Akureiry, wo sich alle ausruhten und auskurierten und Bendix die Bekanntschaft mit Bootsmann machte. Daraus wuchs eine wirkliche Männerfreundschaft. Nach langem Warten auf ein Schiff, das im Sommer nach Süden fahren sollte, konnten sie mit der FAEDRELANDET aus Kopenhagen bis in den Heimathafen Bendix Pedersens gelangen.
Fast jeder außer Sieke glaubte Bendix, der allen versicherte, er würde nie mehr nach Grönland fahren, obwohl er ohne Verdienst zurückgekehrt war. Und es war Boye, der diesen Glauben für sich sofort in ein Wissen ummünzte.
Nachdem der Rummel hinter dem Haus abgeklungen war, man ein großes Fest auf dem Hof der Pedersens im südwestlichen Teil der Landschaft gefeiert und Bendix seinen ersten Sommer seit vielen Jahren genossen hatte, hielt Boye es endlich nicht mehr aus und weihte den Schwager in sein Geheimnis ein, auf das Bendix unerwartet reagierte.
Er hatte in seinem Leben schon sehr viele Geschichten aus der Seefahrt gehört und wies alle Erwartungen an die CAROLINE, die sein Vater dem gutgläubigen Boye in den Kopf gesetzt hatte, als Fantasien eines ehrbaren, aber schon sehr alten Mannes zurück.
„Ansonsten“, erklärte er Boye unangebracht leise, „weiß ich viel über Robben, Wale und das Eis. Über den Mahlsand weiß ich nichts.“
Er verweigerte jegliche Hilfe oder Unterstützung und flüsterte: „Aber mein Vater, Boye, weiß von all dem gar nichts.“
In den folgenden Wochen wurde zwischen den Männern nicht mehr über das Thema gesprochen. Boye ging stur seiner Arbeit nach, und das offene Feuer in der Werkstatt erlosch Tag und Nacht nicht. Er fertigte an Feilbank, Schraubstock und Amboss Schrauben, Schlüssel und Schlösser, Scharniere, Truhen und allerlei Eisenzeug für die Apotheke.
Am Abend jedoch widmete er sich einer selbst konstruierten, sehr großen Pumpe, die von sechs Männern zu bedienen wäre. In diesen Wochen lief er meist mürrisch und nicht ansprechbar herum, was Sieke immer wieder mit einem Spruch aus einem alten Handwerkslied kommentierte: „Schlosser, Schmied und Zimmerleut wissen nichts von Höflichkeit.“
Bendix beschäftigte sich in der Küche bei Sieke mit der Schnitzkunst an Walknochen, aus denen er Lineale, Knöpfe und wunderschön verzierte Dosen und Kästchen herstellte, von deren Verkauf er einigermaßen gut leben konnte, bis er eines Tages eine Nachricht seines Vaters erhielt, ihn doch bitte in den nächsten Tagen aufzusuchen.
Am folgenden Vormittag eines sehr stürmischen Herbsttages traten er und Bootsmann einen zweistündigen Fußmarsch zum Altenteil des Vaters an. Sie wählten nicht die vermatschte Landstraße, sondern trotz des böigen Westwindes den Außendeich Richtung Flussmündung. Über dem aufgerissenen Hochwasser schwebten Silbermöwen und Seeschwalben, und weit draußen in der Fahrrinne quälte sich kreuzend eine Galiote gegen den beginnenden Sturm.
Bendix fand seinen Vater in der Bibliothek vor, die ihm gleichzeitig als Amtsstube diente. In der Mitte des Raumes vor einem massigen Schreibtisch stand ein sehr großer Globus, um den man herumgehen konnte. Pedersen begrüßte den vom Wind zerzausten Sohn mit den Worten: „Du hast ja so`n Backbordkopp wie ich. Wirst mir immer ähnlicher.“
Er machte durchaus nicht den Eindruck, den Bendix Wochen zuvor Boye gegenüber geschildert hatte, drückte Bendix auf einen Stuhl vor eine Bücherwand und begann sofort, direkt und laut das Gespräch: „Wovon lebst Du jetzt? Willst du Knochenschnitzer werden? Das passt doch nicht.“
Bendix, der sein Leben immer gern ohne die Ratschläge seines Vaters geführt hatte, sich aber vielleicht deshalb nun plötzlich durch diese Ansprache in seine Kindheit zurückversetzt fühlte, trat dem nach kurzer Pause entgegen, indem er versuchte, die Unkenntnis des Vaters über den Walfang auszunutzen: „Ich bin ein guter Seemann, und seit Jahren flense ich nicht nur, sondern bin Harpunier und Partgänger. In Kürze könnte ich selbst ein Kommando übernehmen.“
Die Täuschung über den Zustand des Vaters war groß, denn Pedersen konnte diese Argumente fachkundig entkräften und wies darauf hin, dass der Walfang mit jedem Jahr nachlasse und die Erträge immer schlechter würden, denn das Gebiet um Spitzbergen sei endgültig abgefischt. Dies sei der Grund, warum immer weniger Schiffe ins Nordmeer fahren würden. Im Übrigen wisse auch er, dass man nicht einfach Kommandeur werden könne, wenn man nicht die Navigationsschule besucht habe.
Bendix blieb sehr ruhig, war jedoch innerlich aufgewühlt, da er für sich behaupten wollte, zumindest in seinem beruflichen Bereich dem Vater überlegen zu sein. Dies spürte Pedersen, der sich leicht auf die Debatte einließ, um sein eigentliches Ziel zu erreichen.
Bendix schilderte die tatsächlich schlechte Ertragslage, beschrieb dann aber die viel weiter entfernte Fahrroute bis in die Davidsstraße und die bis zu einhundert Tonnen schweren Wale in diesem Gebiet. Weiterhin räumte er ein, er würde sich gerade mit dem Gedanken anfreunden, die örtliche Navigationsschule zu besuchen, sehe im Übrigen kein Problem darin, das Examen zu bestehen, da er schon jetzt perfekt mit Chronometer und Oktanten umgehen könne. Sollte aber der Walfang tatsächlich ständig nachlassen, dann könne ja auch er mit der dann erworbenen Vorbildung ein weiteres Examen zum Flusslotsen ablegen und habe damit die Grundlage einer dauerhaften Existenz gelegt.
Pedersen zeigte sich erfreut über die Zukunftspläne des Sohnes und übergab ihm einige Lehrbücher aus der Bibliothek wie Das System der praktischen Seemannskunde und Das System der praktischen Schifferkunde , warnte Bendix aber davor, eine Entscheidung zu lange hinauszuschieben, denn er habe aus guten Quellen erfahren, dass bei einer stärkeren Erkrankung des örtlichen Navigationsexaminators oder gar mit seinem Tod der Plan bestehe, die Schule zu schließen und in der Folge die Ausbildung und Prüfung nur noch in Kopenhagen zu ermöglichen. Dies allerdings sei doch für Bendix eine noch größere finanzielle Belastung als schon jetzt, wenn er die örtliche Schule aufzusuchen gedenke. Pedersen schloss mit der Frage, wie Bendix sich denn überhaupt die Finanzierung seiner Unternehmungen vorstellen würde.
Der Sohn, der sich tatsächlich in diesem Gespräch zum ersten Mal mit den Gedanken einer Ausbildung konfrontiert sah und dies auch nur, um dem Vater auszuweichen, konnte ihm nur undeutliche Antworten geben. Dennoch gab er sich sicher, schilderte seine Pläne, in den kommenden zwei Jahren große Fahrten als Partgänger anzustreben, weil er große Erträge erwarte und somit eine gute finanzielle Grundlage haben könne, um in die Ausbildung zu gehen.
Hier fand Pedersen einen neuen Zugang, ging in die Offensive und wies dem Sohn nach, er würde seine gesamten Zukunftspläne nur auf Glück und Zufälle bauen, statt einmal eine sichere und erfolgversprechende Unternehmung zu beginnen, die ihn mit einem Schlag von Zukunftssorgen befreien würde. So würde er auch nicht verstehen, warum Bendix ganz entschieden das Angebot Boyes, die CAROLINE gemeinsam zu heben, abgelehnt habe und er gar nicht auf das Gespür und die sicheren Informationen des Vaters vertraue. Anschließend legte Pedersen seinem Sohn die Kaufurkunde der Kopenhagener Reederei vor sowie eine von der gleichen Reederei geschickte Aufstellung der Schiffsladung, die vor allem aus Produkten aus den dänischen Kolonien, jedoch auch aus einer im Auftrag des dänischen Staates in verbleiten Plomben mitgesendeten, geheimen Abschrift aus Persepolis und deren Entschlüsselung bestand.
Der weitere Brief eines befreundeten Mitarbeiters einer Kanzlei aus Kopenhagen an Pedersen beschrieb, dass diese Dokumente mit der CAROLINE hätten nach Altona geschickt werden sollen, weil dort eine neue Expedition vorbereitet werde. Man habe aller Wahrscheinlichkeit nach Hinweise auf ungeahnte, bisher unbekannte Erkenntnisse in Arabia felix erhalten.
Zusätzlich zeigte Pedersen den Brief eines anderen Freundes aus Altona, der bestätigte, dass dort eine Expedition nach Arabien vorbereitet werde, was nun allerdings wegen des Untergangs der CAROLINE ins Stocken geraten sei, insgesamt aber auch große Geldmengen verschlingen würde, sodass der Verlust der Dokumente eventuell zu einer Revidierung der Expeditionsentscheidung in der Hauptstadt führen könne.
Schließlich legte Pedersen die Urkunde vor, in der er das Schiff auf Boye Deletre überschrieben und in der er die weitere Vererbbarkeit des Eigentums sichergestellt hatte.
Bendix teilte dem Vater sein Erstaunen über dessen sorgfältige Recherche mit und erntete dafür den Rat: „Kauf niemals etwas, von dem Du nicht auch alles weißt.“
Er verließ das Haus mit dem Versprechen, alles nochmals gut zu durchdenken und mit Boye zu beraten, wobei er die angebotenen Lehrbücher in der Bibliothek vergaß.
Vor der Tür wurde er nochmals von seinem Vater zurückgerufen, der sehr, sehr leise zu ihm sprach: „Sag mal, Bendix, dieser Hund, was ist eigentlich mit dem? Ich meine, er sieht irgendwie aus wie ...“
„Wie ein Ferkel. Ich weiß“, antwortete Bendix. „Aber er ist ein guter Wachhund. Er ist sehr schlau und gut auf See.“
Bootsmann hob gerade das Bein und pinkelte gegen die Freitreppe.
„Na, wenn Du meinst!“, antwortete der alte Pedersen. „Er pisst ja immerhin wie ein Hund.“
Bootsmann bellte auch wie ein Hund. Das geschah allerdings nur in Situationen größter Aufregung und war ein unangenehm helles, fast quiekendes Gebell. Ansonsten hatte Pedersen natürlich recht. Unter vielen Ferkeln wäre Bootsmann sicher nicht einmal der Muttersau aufgefallen.
Den Sturm im Rücken wurden beide so sehr in Richtung der Stadt getrieben, dass sie ihre gesamte Kraft aufwenden mussten, um nicht ins Rennen zu geraten, was mit einem wahren Flug von der Deichkrone geendet hätte.
Pedersen sah dem Sohn über das flache Land lange nach und war nun sicher, seinem Ziel ein gutes Stück näher gekommen zu sein.
Bendix brauchte keine Zeit zur Überlegung, weil er seine Pläne immer dann umsetzte, wenn er gerade begonnen hatte, über sie nachzudenken. In den folgenden Wochen kam es abends zu immer neuen Gesprächen zwischen ihm und Boye. Sieke stand der Angelegenheit skeptisch gegenüber, ließ dies jedoch nicht durchblicken, holte sich aber von Boye das Versprechen ein, nicht die Arbeit und die Einkünfte aus der Schlosserei zu vernachlässigen.
Die beiden Männer planten, nach Beendigung der Frühjahrsstürme die Unglücksstelle des Schiffes aufzusuchen und den Winter zu nutzen, um gemeinsam die Arbeit an der großen Pumpe zu beenden.
Bendix unterstützte von dieser Zeit an Boye in der Schlosserei, war zunächst Handlanger, lernte sehr schnell mit Zirkel, Winkel, Schmiege, Reißnadel und Körner aber auch mit den verschiedenen Feilen und Hämmern, ja, sogar mit Biegehaken und Obergesenken umzugehen, sodass er bald viele Aufträge eigenständig erledigen konnte.
So verblieb genug Zeit, die Arbeit an der Pumpe voranzutreiben, die im März des folgenden Jahres auf dem Hofplatz montiert wurde und so viel Platz einnahm, dass Sieke am Waschtag die Wäsche nicht mehr aufhängen konnte und der Weg zwischen Schlosserei und dem Wohnhaus nur noch unter großen Mühen zu begehen war. Das stellte sich als sehr unangenehm heraus, war das Wohnhaus seit einiger Zeit ja nur noch auf diese Weise zu erreichen. Der große Schwingarm der Pumpe, der zwanzig Fuß lang war, reichte von Hauswand zu Hauswand und die beidseitig an der Pumpe angesetzten Lederschläuche, die ein Vermögen gekostet hatten, mussten sogar über das Hausdach gelegt werden, weil für sie kein Platz mehr vorhanden war. Auch dies ertrug Sieke mit Gelassenheit.
Als die beiden Männer aber eines Spätnachmittags im April die Pumpe ausprobieren wollten und dafür sechs kräftige, junge Leute in den Hof bestellten, die den Pumparm bedienen mussten, war Sieke zum ersten Mal sehr ungehalten geworden. Boye hatte für dieses Experiment den Ansaugschlauch in den Hofbrunnen und den Schlauch zum Abführen des Wassers zur Straße hin verlegt. Nachdem er einige Eimer Ansaugwasser in das Gerät gegossen hatte, gab er Bendix den Befehl zum Pumpen. In weniger als einer Minute war der Hofbrunnen bis auf den tiefen Grund entleert. Das Wasser aber lief die Straße hinunter, als wenn eine Sturmflut das Innere der Stadt erreicht hätte, und es förderte am Schluss so viel Schlamm aus dem Brunnen mit, dass die Straße in den folgenden Tagen nicht mehr zu begehen war, bis mehrere Regenschauer langsam die Spuren verwischt und weiter fort getragen hatten.
Trotz des Ärgers, den Boye und Bendix mit Sieke bekamen, die sich in den folgenden Tagen das Frischwasser von Bekannten zu besorgen hatte, und trotz der Anfeindungen der Nachbarn, deren Wasserspiegel in den Brunnen ebenfalls gesunken war, die aber auch wie Sieke den Schlamm auf ihre Höfe und in ihre Häuser trugen, waren die beiden Männer überglücklich und begegneten allen bösen Worten mit Humor. Allerdings erhielten sie von Sieke die Auflage, sofort die Unglückspumpe abzubauen und vom Grundstück zu schaffen.
Dem beugten sie sich ohne Mühe, montierten das Gerät wieder auf der Straße, versahen es mit vier großen, eisernen Rädern und transportierten es erst mit einem, später mit drei Pferden bei ohrenbetäubendem Lärm über das Kopfsteinpflaster zum Hafen, wo unter Anwesenheit des alten Pedersen ein weiterer Beweis für die Funktionstüchtigkeit der Pumpe abgelegt und dem Hafen Wasser entnommen und wieder zugeführt wurde.
Der örtliche Rat der Stadt überlegte in der Folge, Boye die Pumpe abzukaufen, um sie dem Brandaufseher zur Verfügung zu stellen. Man löste sich aber nach langem Abwägen von diesem verlockenden Gedanken, weil man rechtzeitig erkannte, dass die schwere Pumpe ein Feuer erst dann erreicht haben würde, wenn es seine Aufgabe erledigt hätte. Dennoch gab man eine Offerte ab, um die Pumpe bei größeren Sturmfluten einsetzen zu können. Boye aber schüttelte wortlos den Kopf.
Er hätte das Gerät niemals verkauft, denn nur er, Bendix und Pedersen hatten nicht nur gesehen, was die Zuschauer am Hafen bemerkten, dass die Pumpe ein großes Wasservolumen transportieren konnte. Ihnen war vor allem aufgefallen, dass sich an der Stelle, wo das Wasser angesaugt worden war, eine tiefe Kuhle im Hafenschlick gebildet hatte. Die Pumpe konnte somit ein großer Erfolg im Mahlsand werden.
Als Boye und Bendix mit Bootsmann in den folgenden Monaten mehrfach bei Hohlebbe den Unglücksplatz im Mahlsand aufsuchten, waren sie erstaunt, dass die Masten manche Male fast zehn Fuß aus dem Sand hervorstachen, andere Male aber nichts von der Bark zu sehen war. Ihre Ausflüge sprachen sich schnell herum, und dies wurde dann auch mit dem merkwürdigen Verhalten der Männer in Verbindung gebracht, die sich geweigert hatten, eine so umwerfende Erfindung wie die Pumpe zu verkaufen.
Langsam wurde immer klarer, dass sie vorhatten, die Bark CAROLINE zu heben.
Einige würdigten dieses Vorhaben mit allergrößter Bewunderung und boten sogar ihre Partnerschaft, zumindest aber ihre Hilfe an. Andere verwiesen schon einmal rechtzeitig auf den ja allen bekannten Geisteszustand des Schlossers, über den man sich schon immer einig gewesen war, auch wenn dieser Zustand zu einer so erstaunlichen Erfindung wie die der Pumpe geführt habe. Nur zwei, vielleicht aber auch nur einer in der Stadt, machten sich ganz andere Gedanken über das Vorhaben.
In der Hölle der Apotheke, die nun auch das Wohnzimmer Jaspersens eingenommen hatte, äußerte dieser allergrößte Bedenken über das Vorhaben Deletres gegenüber Klaasen, denn er hatte durch angeblich verlässliche Quellen Auskunft über die Schiffsladung erhalten. Quellen dieser Art waren in der Stadt keine Seltenheit. Manche wussten mit Sicherheit von der Zollinspektion, dass die Bark Goldbarren transportiert hatte. Andere hatten über den Postmeister erfahren, dass sich Waffen und hochexplosive Stoffe an Bord befanden, die beim Heben des Schiffes eine weit hörbare Explosion herbeiführen und jeden zerreißen würden, der sich in der Nähe aufhalten würde.
Jaspersen allerdings war berichtet worden, dass archäologische Funde aus Kopenhagen transportiert worden waren, um sie andernorts Interessierten vorzuführen. Dabei konnte es sich nur um Funde aus dem nordischen Altertum handeln, folgerte Jaspersen, weil er an gar keine anderen nennenswerten Funde als die aus der nordischen Heroenzeit denken konnte. Er hatte als Student immer wieder das neu entstandene Museum für das nordische Altertum in Kopenhagen besucht und einen unverschüttbaren Zugang zur Geschichte seines Volkes und zu dessen Ursprünglichkeit gefunden.
An langen Abenden in der Hölle hatte er Klaasen, der allerdings das Museum kannte, die einzigartigen Entdeckungen und gut erhaltenen Fundstücke im Detail geschildert. In seiner Bibliothek befanden sich sowohl Johann Friedrich Camerers Bände Briefe von einigen merkwürdigen Gegenden der Herzogthümer Schleswig und Hollstein und auch Den Danske Atlas des Bischofs Erik Pontoppian. Bei den langen Referaten über die Zeiten der Vorväter nahm Jaspersen gern die Sammlung alter dänischer Volkslieder, Balladen und Märchen von Wilhelm Grimm, den er zu dieser Zeit noch verehrte, sowie eine neu erworbene Ausgabe der Danske Folkesagn hervor, um lang und umständlich zu rezitieren.
So war es für Klaasen zwar nicht besonders verwunderlich, dass Jaspersen sich nach dem ihm zugeführten Bericht ebenfalls Gedanken über die CAROLINE MATHILDE und die Mahlsand-Expedition machte. Nachdem aber der Apotheker, der jetzt fast immer eine viel zu große, verschmutzte und verätzte Schürze trug, dem Pastor eine Ballade vorgetragen hatte, die sich nach vielen dramatischen Wendungen schließlich doch dem Ende genähert hatte, weckte er Klaasen plötzlich mit der Behauptung, die Hebung des Schiffes durch die ganze Bagage um Boye Deletre sei ein staatsfeindlicher Akt.
Klaasen, der diese Äußerung zunächst noch im direkten, thematischen Zusammenhang mit den gerade gehörten Titanengeschichten wähnte, wurde der krasse Themenwechsel erst langsam bewusst, als Jaspersen erörterte, die Zeugnisse der Urkräfte eines Volkes wie der Dänen dürften unmöglich von einem Schlosser und einem Walfänger geborgen werden. Noch weniger wäre daran zu denken, dass diese Schatzheber auch noch den Anspruch erheben dürften, dieses Volksgut in ihr privates Eigentum eingehen zu lassen. Klaasens zaghafter Einwurf, man könne diese Männer doch den Schatz heben lassen, um ihn dann von dänischer Staatsseite aus wieder käuflich zu erwerben, quittierte Jaspersen mit einer abfälligen Handbewegung, bei der er wegen der Enge des Raumes eine Flasche übel riechender Flüssigkeit von einem Regal fegte. Damit war dieser Abend beendet.
In der folgenden Zeit ließ sich Jaspersen alles zutragen, was mit den Vorbereitungsarbeiten zur Schatzhebung im Zusammenhang stand. Die meisten dieser Informationen erhielt er vom Postmeister, der schon seines Amtes wegen über alles in der Stadt Bescheid wusste. So erfuhr Jaspersen auch von dem Kaufvertrag zwischen Pedersen und der Reederei und von der eigentlichen Funktion, die Pedersen bei dieser Sache zu haben schien. Aus diesem Grunde begann er, ein scheinbar zufälliges Treffen zwischen sich und Pedersen vorzubereiten, wobei er auf die Unterstützung des Postmeisters zurückgriff.
Jedem war bekannt, dass die Lehnsleute der Halbinsel monatlich zu einer Landesversammlung in der Stadt zusammentrafen. Vom Postmeister aber erfuhr Jaspersen nicht nur die Zeit des Sitzungsbeginns und den zeitlichen Verlauf der Sitzungen, sondern auch die Gewohnheiten des Lehnsmanns, die darin bestanden, am Morgen des Tages zunächst die Familie seiner Tochter zu besuchen und nach der Versammlung noch bis in die Nacht mit den Lehnsleuten im gleichen Lokal weiterzutrinken, bis er dann sehr spät die Heimreise antreten würde. Und diesen letzten Zeitpunkt wollte Jaspersen eines Tages ausnutzen, weil er sich versprach, einen von dem Tag ermüdeten Mann anzutreffen.
Die Arbeit im Mahlsand aber verzögerte sich und wurde in den folgenden Monaten allgemein fast vergessen, weil Boye und Bendix mit den Vorbereitungsarbeiten nur langsam vorankamen. Zum Teil fehlte Geld, doch auch die Schlosserei forderte viel Zeit. Die Arbeit an dem gesamten Unternehmen lief allerdings weiter. Während Boye eine Schüttkippe baute, die auf Spuren laufen sollte, vertiefte sich Bendix in zwei technische Errungenschaften, über die in dieser Gegend noch nicht viele Erfahrungen vorlagen, das Eisengießen und der Dampfantrieb.
Für diese Arbeiten war die Schlosserwerkstatt schon viel zu klein geworden.
Als Boye seine Eisenspuren auf Holzbalken genagelt, aus dem Garten und um die Nebengebäude herum bis zur Straße verlegt und die Schüttkarre abendelang mit grollenden Geräuschen hin und her geschoben hatte, war er schon auf den Protest seiner Frau gestoßen. Es gelang ihm jedoch, diesen abzuwenden, indem er Sieke zeigte, mit welcher Leichtigkeit nun Brennholz, Torf, Kartoffeln, Schweinefutter und Schlossermaterial transportiert werden konnten. Auch als sich Bendix immer weiter ausbreitete, große Sandhaufen im Gemüsegarten aufschüttete, den Schweinestall mit Holzformen zustellte und einen großen Brennofen auf dem Hofplatz baute, blieb Sieke, die mehr Toleranz dem Bruder als dem Ehemann entgegenbrachte, noch relativ ruhig. Als aber schließlich ein zweiter Ofen mit einem großen Wasserkessel darüber auf dem Grundstück entstand, dieses Wasser erhitzt wurde und der Dampf zischend aus wild über den Hof verlegten Rohren entwich, sodass nicht nur das Grundstück, sondern das gesamte Viertel bis zur Kirche außer in Rauch auch in dichten Nebel gehüllt war, forderte Sieke ein grundsätzliches Gespräch.
Es war ein warmer Sommerabend, an dem sie Stühle und einen Gartentisch auf den verbliebenen Platz des Hofes gestellt und zwischen Schienen, Rohren, Sand und Holz eine Bowle bereitet hatte. Nachdem beide Männer verschwitzt und verschmutzt am Tisch saßen, stand Sieke vor ihnen wie vor kurzer Zeit Pedersen, als er anlässlich der Taufe eine Ansprache gehalten hatte. Sieke hatte große Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Pedersen war zwar massiger und hatte kaum noch Haare. Doch auch Sieke strotzte wie ihr Vater vor Kraft und Gesundheit, hatte seinen breiten Körper und seinen großen Kopf mit den kleinen, blitzenden, blauen Augen. Ihre vollen Haare waren rotblond, glatt und sehr dick. Der Zopf, den sie sich daraus um den Kopf band, schien endlos lang zu sein.
So stand sie dicht vor den beiden schmutzigen Männern und wies darauf hin, dass sie die Hebung des Schiffes immer unterstützt habe und auch anerkennen müsse, dass die Schlosserei trotz aller übrigen Interessen der Männer weiterhin floriere. Sie erwähnte auch ihre Freude darüber, dass es so ein enges Vertrauensverhältnis zwischen den beiden und zu dem alten Vater gäbe. Noch größer aber sei ihre Freude darüber, dass Bendix durch die gemeinsamen Pläne nun keine der gefährlichen Grönlandfahrten mehr plane. Andererseits aber sei sie durch die Ausweitung der Arbeit in ihrer häuslichen Tätigkeit stark eingeschränkt, würde keinen Platz mehr für das Trocknen der Wäsche finden, hätte kaum noch Zugang zum Schweinestall, zum Brunnen und der Latrine und müsse nun auch noch auf den Gemüseanbau im Garten verzichten. Sie teilte dann mit, sie würde ihre Hausarbeit demnächst einstellen, da sie zwar noch in der Lage sei, diese durchzuführen, aber durch die geschilderten Umstände weitaus mehr Zeit benötige, als der gesamte Tag ihr gäbe. Im Übrigen könne sie sich nicht genügend um die Kinder kümmern, die auf dem Grundstück ohnehin keinen Platz mehr zum Spielen finden würden.
Obwohl Boye und Bendix sofort eine große Einschränkung ihrer Tätigkeit darin erkannten, wenn sie von nun an eventuell selbst einkaufen, kochen, waschen und reinigen müssten, begannen sie zunächst damit, die herausragende Bedeutung ihrer Arbeit zu erklären.
Boye betonte nochmals die allgemeine Nützlichkeit seiner Schüttkarre für den Haushalt, hatte dieses Argument aber schon zu häufig benutzt, als dass es ihm in diesem Gespräch noch Vorteil verschaffen konnte und verstummte zunehmend.
Dagegen gelang es Bendix, ein Bild des zukünftigen Wohlstands durch seine neuen Erkenntnisse zu malen. Von englischen Seeleuten hätte er von der unglaublichen Wirkung der Feuermaschinen gehört, die in Werkstätten andere Maschinen antrieben, Schiffe und Schienenwagen bewegten und den Bauern das mühselige Dreschen abnehmen würden. Diese Entwicklung werde unterstützt durch die Eisengießerei, bei der man Formen herstellen könne, die ein Schmied, Schlosser oder Wagenbauer nur nach sehr langer Arbeit oder auch niemals erschaffen könne. Der Bruder verstieg sich sogar in den Gedanken an fliegende, vom Dampf angetriebene Apparate, mit denen man aus der Luft heraus auf Walfang gehen könne, indem man über dem Wal schwebe wie eine Möwe.
Boye, der sich in diesem Fall einmal eher und etwas näher im Bereich des Ausführbaren aufhielt, verband in einem erneuten Redebeitrag die Erfindung seiner Pumpe mit der Erfahrung um die Dampfausnutzung, Eisengießerei und Schienenkarre. Er schilderte Sieke die Möglichkeit einer dampfbetriebenen Brandwehr in der Stadt, die schnell und auf Schienen zu jedem Haus des Ortes gelangen könne.
Obwohl die Männer immer neue und fantasiereichere Umsetzbarkeiten ihrer Arbeiten aufzeigten und sogar auf den schon erprobten Nutzen in anderen Ländern hinwiesen, schienen sie damit Sieke nicht umstimmen zu können, die darauf hinwies, sie würde ihre Hausarbeit trotz allem in Kürze komplett einstellen, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändere.
Damit waren Boye und Bendix nun vor existentielle Probleme gestellt, die sie noch weiter als die sich zunehmend verzweigenden Vorbereitungsarbeiten von ihrem Plan, der Schiffshebung, abbrachten. In langen und tiefschürfenden Debatten versuchten sie, eine für alle tragbare Lösung zu finden, die ihnen sowohl die Arbeitskraft Siekes wie die Fortführung ihrer wegweisenden Entdeckungen sichern sollte.
Doch erst ein Gespräch mit Pedersen brachte ihnen einen zeitlichen Aufschub der Arbeitsniederlegung Siekes.
Pedersen schickte ein junges Mädchen von vierzehn Jahren in die Stadt, Ingke Ketels, die Sieke nun im Haus half. Außerdem schlug er den beiden Männern vor, sich ähnlich wie mit der Kippkarre mehr Gedanken darüber zu machen, wie die neuen technischen Erkenntnisse auch für die Hausarbeit Siekes nützlich werden könnten. Damit eröffnete Pedersen bei Boye und Bendix zwar einen neuen Beschäftigungsbereich, der nichts mehr mit dem eigentlichen Plan gemein hatte, hoffte aber, mit einiger Verzögerung den großen Traum umso günstiger und schneller verwirklicht sehen zu können.
Der gesamte Sommer und Herbst 1824 verging damit, Erfindungen für den Haushalt auszudenken und wieder zu verwerfen. Dabei war man auf die Idee gestoßen, mit einem Räderwerk wie bei einer Uhr eine Bewegung fortzusetzen, die die Wäsche in einem Bottich sich drehen ließ, bis sie gesäubert war, die aber auch gleichzeitig eine Mangel, einen Webstuhl, ein Mahlwerk und rotierende Messer bedienen konnte.
Zur technischen Weiterbildung reisten die beiden Erfinder sogar in die umliegenden Städte, besuchten Uhrmacher und hielten sich stundenlang in den Uhrwerken der großen Kirchen auf. Ebenso erkundeten sie die umliegenden Mühlen und untersuchten genau den Mechanismus, der durch das Drehen der Flügel in Gang gesetzt werden konnte, studierten die Übergänge von der Flügelwelle und dem Kammrad auf das Kronenrad und die Königswelle und schließlich auf das Spindelrad und die Spindel. Zu Hause saßen sie dann zusammen, um die Geheimnisse der Übersetzung von Zahnrädern rechnerisch und zeichnerisch zu entschlüsseln. Dabei kamen sie auf den Gedanken, die Drehbewegungen auch zum Antrieb einer Scheibe zu nutzen, auf der die Kinder im Garten spielen könnten und auf der kleine Pferdewagen und Segelschiffe langsam im Kreis fahren würden. Schließlich reifte in den beiden Männern aber ein Vorhaben, das – so weit bekannt - in den Herzogtümern Schleswig und Holstein und weit darüber hinaus nicht seinesgleichen fand.
Es war die Idee einer kombinierten Wasser-, Heißwasser- und Heizversorgung des Wohnhauses, ein Vorhaben, die sofort in Angriff genommen wurde.
Zunächst jedoch mussten Gartengrundstücke aus der Nachbarschaft erworben werden, um mehr Platz zu schaffen und Siekes Ablehnung weiter zu mindern. Dafür nahm Boye Geld bei seinem Schwiegervater auf. Dann begann man mit der Errichtung eines Lagerplatzes für Holz, Torf und englische Steinkohle sowie eines Heizkessels mit darüber liegendem Wasserkessel. Außerdem wurde ein neuer und sehr tiefer Brunnen gegraben. Bendix beschäftigte sich mit der Herstellung und Verlegung der Rohre, weil Boye eine neue Pumpe konstruierte, die das Wasser sowohl zum Kessel wie auch zum Wohnhaus drücken und nicht mehr von einem Menschen, sondern durch Wasserdampf bewegt werden sollte.
Als die weitere Arbeit in dem strengen Winter unterbrochen wurde, hatte sich das gesamte Grundstück verändert. Der Hof, der Stall und die Latrine waren wieder frei zugänglich. Nur die ehemaligen Gärten sahen für einen ungeübten Betrachter aus wie ein Schlachtfeld. Der für die Rauchabführung geplante Schornstein ragte schon zehn Fuß aus allem hinaus und deutete den Anwohnern und zufälligen Besuchern an, dass sich hier etwas sehr Bedrohliches anbahnen würde.
Eine gesamte Wandlänge meines Raumes fasst die Bibliothek Jasper Jaspersens. Hinter großen, verglasten Türen habe ich mir diese Bücher erhalten, von denen sehr viele aus dem Besitz seines Vaters, eines alten jütischen Apothekers aus Skagen, stammen. Alle Bücher haben einen Wasserschaden. Noch wertvoller sind mir aber die Bücher Pedersens und natürlich die von Anders. Sie stehen ebenfalls hinter Glas an der anderen Wandseite. Es sind Schätze – was immer daraus wird.
Im neu angebrochenen Jahr 1825 hatte sich Jasper Jaspersen ein Herz gefasst, um endgültig das Gespräch mit Pedersen einzufädeln. Trotz einer drohenden Sturmflut hatten sich die Lehnsleute unter Vorsitz des Pfennigmeisters in den ersten Februartagen versammelt, um über die Hebung der Abgaben und die allgemeine Rechnungsführung für die einzelnen Kirchspiele zu beraten. Jaspersen hatte an diesem Tag die Apotheke geschlossen, weil er sich mithilfe seiner Bibliothek gut auf das Zusammentreffen vorbereiten wollte. Nach Einbruch der Dunkelheit zögerte er aber sein Fortgehen immer weiter hinaus, bis er sich endlich entschloss, sich neu ankleidete und in großer Hast durch den Sturm zur Gaststätte, dem Ort der Versammlung, peste.
Zum Glück saß Pedersen noch dort vor einem dampfenden Grog und befand sich in einem langsam auslaufenden Gespräch mit mehreren Kleinbauern der Umgebung. Auf den ersten Blick registrierte der Apotheker, dass die Bauern vor leeren Gläsern saßen und sich offensichtlich auf den Nachtweg vorbereiten wollten. Jaspersen, dessen Erscheinen in der Gaststube für ungewöhnlich gehalten wurde, weil er solche Orte in der Regel mied, erregte sofort großes Aufsehen und wurde von Pedersen zu einem starken Getränk eingeladen, während die Bauern planmäßig ihren Rückzug durchführten.
Von Pedersen auf die Wirtschaftlichkeit der Apotheke angesprochen pries er den guten Ruf seines Geschäftes und seiner eigenen Erfindungen, über die tatsächlich viel gesprochen wurde. Dann versuchte er, den alten Mann sehr geschickt auszufragen und sich nach dem Wohlergehen der Familie Deletre zu erkundigen, wobei er, wie jeder andere auch, die Vokale des Nachnamens breit aussprach. Auf seine Frage, woher wohl dieser ungewöhnliche Name käme und ob etwa ein französischer Soldat oder Seemann dahinterstecken würde, erntete er einen langen Vortrag über die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich und über die schon immer liberale Grundhaltung der Menschen in diesem Teil des Landes, die offen gegenüber Fremden seien und jedem Tüchtigen eine gute Chance gäben, so auch dem Apotheker, der sich ja prächtig eingelebt habe und sehr schnell Ratsmann geworden war.
Diese Äußerung empfand Jaspersen als boshaften Angriff, wollte aber wegen der Verfolgung seines eigentlichen Ziels nicht darauf eingehen. Dennoch verlor er zunächst sein Konzept, denn immer wieder mischte sich der ketzerische Gedanke des Altbauern in seine Strategie ein.
Bei einem weiteren Grog verließ ihn schon seine Diplomatie, und er fragte geradeheraus, wo denn die versunkene CAROLINE MATHILDE eigentlich liege, auf schleswigscher oder auf holsteinischer Seite des Flusses, und ob es bei dieser Unklarheit nicht rechtlich bedenklich sei, die erhofften Schätze privat vereinnahmen zu wollen. Pedersen antwortete sehr spontan und fragte: „Was geht denn das den Apotheker an?“
Dennoch verlor Jaspersen auch jetzt nicht seine Fassung: „Hier handelt es sich doch um dänisches Nationalgut, Herr Pedersen. Liegt dieses jedoch auf holsteinischer Seite, dann kommt doch eventuell Ihre Abmachung mit Kopenhagen nicht zur Geltung, weil Holstein dem deutschen Bund angehört.“
Pedersen wies darauf hin, dass die CAROLINE MATHILDE ein dänisches Schiff gewesen und mit dänischer Ladung versunken sei. Entsprechend habe er dänische Verträge abgeschlossen, und das Herzogtum Holstein würde - wenn auch Mitglied im Deutschen Bund - von Dänemark verwaltet werden.
Doch gerade das zuletzt genannte Argument nahm Jaspersen zum Anlass weitschweifender Ausführungen. Er ging zunächst darauf ein, dass die Verwaltung großer Teile von Schleswig und Holstein trotz eines 1776 erlassenen Gesetzes, das nur in Dänemark Geborenen erlaubte, Ämter im Königreich einzunehmen, von Deutschen oder deutsch Gesinnten wahrgenommen würde.
„Im Übrigen“, so stellte er weiter fest, „kennen wir doch das deutsche Denken, besonders das der deutschen Professoren, die, nachdem die Geschichte des nordischen Altertums nun wie ein offenes Buch vor uns liegt, uns dieses nehmen wollen, indem sie sich als Teil unserer Geschichte begreifen. Doch unser Volk, mein lieber Pedersen, hat durch seine Vergangenheit eine ganz eigene Prägung. Wir sind Dänen und Skandinavier und haben mit den rückständigen deutschen Kleinstaaten so wenig gemein wie mit den Romanen und Slaven. NORDENS AAND und NORDENS OLDEN, das ist unser, Pedersen. Die Umarmung der Deutschen weisen wir zurück.“
Der Lehnsmann hatte Äußerungen dieser Art schon mehrfach gehört und auch gelesen, sich aber immer einer ernsthaften Auseinandersetzung damit verweigert. Zum ersten Male in seinem Leben nahm er nun aber Stellung: „Mein lieber Jaspersen, ich weiß nicht so genau, was dieses Thema mit der CAROLINE zu tun hat. Wenn Sie aber meine Meinung zu dieser Sache hören wollen, dann sage ich Ihnen: Ich bin Friese!“
Das rief bei Jaspersen einen viel zu hohen und lauten, hysterischen Ton hervor, durch den andere Gespräche in der Gaststube zunächst verstummten. Das allerdings bemerkte er nicht und führte unerschrocken und für alle hörbar das Gespräch fort: „Und ich bin Jüte, Pedersen, und beide sind wir Dänen. Dänen! Wir haben loyal zu unserem König zu stehen. Was auch immer dieses Schiff für archäologische Kostbarkeiten transportiert hat. Es gehört Dänemark.“
Mit dieser Äußerung hatte Jaspersen endgültig die konzentrierte Aufmerksamkeit aller Zuhörer auf sich gelenkt, und alle bemühten sich kräftig, die nun leiser werdenden Sätze des Apothekers auch noch zu verstehen, wenn sie auch nicht zu begreifen waren: „Pedersen, ich biete Ihnen meine Hilfe und Verschwiegenheit an. Wir holen die Sachen aus dem Schiff raus, bevor die deutschen Professoren es überhaupt bemerken.“
Plötzlich kam es zu einer für fast jeden Gast bedauerlichen Unterbrechung, weil der Gemeindeausrufer Lorenzen die Tür der Gaststube aufgerissen hatte und laut hineinbrüllte: „Krebse! Krebse! Auf dem Marktplatz!“
Zunächst verharrten alle in kurzem Nachdenken darüber, ob man dem schwachsinnigen Ausrufer Meldungen dieser Art glauben könne. Dann jedoch fiel einigen ein, dass die übrigen Meldungen, die Lorenzen auszurufen hatte, recht häufig der Wahrheit entsprachen. Sehr schnell zahlten alle Gäste, zogen sich warm an und verließen die Gaststätte, unter ihnen auch Pedersen und Jaspersen. Es war nach zehn Uhr abends, und die Kirchenglocken hatten angefangen zu läuten.
Der stürmische Marktplatz, und nur dieser Platz, war dicht besiedelt mit handgroßen, bräunlichen und hellblauen Krebsen, die entweder still dasaßen oder langsam übereinander herliefen. Da keine neuen Tiere dazukamen, war all den Anwohnern, die herbeigeeilt waren, unklar, woher die Krebse wohl kämen und ohnehin, warum sie sich zu dieser außerordentlichen Versammlung eingefunden hätten. Staunend und stumm standen mehr als siebenhundert Menschen mit Laternen um den Platz herum, bis Klaasen aufgefordert wurde, das überflüssige Geläute endlich abzustellen, denn es seien ja nur Krebse, und es gäbe keine Bedrohung durch Sturmflut, Feuer oder irgendeine angreifende Armee. Nach Beendigung des Glockenlärms lösten sich zunehmend Menschen aus der Menge, holten Säcke und sammelten so viele Tiere ein, wie sie tragen konnten. Doch so viele Krebse auch eingesammelt wurden, schien ihre unglaubliche Menge nicht abzunehmen. Klaasen nutzte diese Nacht für eine kleine Predigt unter offenem Himmel, erzählte von den neun Plagen, über die Moses berichtet hatte und erwähnte besonders ausführlich die zweite Plage, die Frösche.
„Bittet den Herrn für mich“, brüllte er in die Dunkelheit, „dass er die Frösche von mir und meinem Volk nehme, so will ich das Volk lassen, dass es dem Herrn opfere.“
Einige Anwesende nahmen diese Worte sehr ernst, einige aber schüttelten den Kopf, denn Frösche waren doch etwas völlig anderes und nicht so ohne weiteres mit Krebsen zu vergleichen.
Um Mitternacht trennte sich Pedersen von dem verstummten Apotheker, dem er den Rat gab, in der zuvor besprochenen Angelegenheit doch eher Kontakt mit dem Sohn und Schwiegersohn herzustellen.
Am nächsten Morgen wurde kein Krebs mehr auf dem Marktplatz gesehen, und nur die Festessen, die an diesem Tag in vielen Häusern stattfanden, zeugten von dem nächtlichen Ereignis. Noch wochenlang hielt sich hartnäckig das Gerücht in der Stadt, die Tiere seien aus unterirdischen Gängen der vor mehr als hundert Jahren geschleiften Festungsanlage gekommen, denn diese Gänge würden die gesamte Stadt untertunneln, seien aber bei dem Hochwasser in der Nacht vollgelaufen. Gegen Morgen hätten die Tiere dann schnell und unerkannt ihre Behausung wieder eingenommen, wo sie nun weiterleben würden in Gemeinschaft mit vielen anderen Tieren, die nie jemand gesehen habe, die aber sicher eine Bedrohung darstellen würden. Einige verstiegen sich sogar zu der Behauptung, diese Tunnel würden bis zum örtlichen Friedhof führen, wo die verschiedenartigen Tiere reichlich Nahrung vorfinden würden, denn wie sonst könnten sie überleben.
Der Rat der Stadt beschloss daraufhin eine gründliche Untersuchung der Angelegenheit, um die unsinnigen Gerüchte endgültig aus der Welt zu schaffen. Denn tatsächlich war einige Tage nach dem Vorfall eine verheerende Sturmflut gekommen. Nachts brachen die Schotten am Hafen, und das Wasser drang in die Stadt ein, riss alles mit sich, was ihm im Wege stand, und spülte über den Marktplatz. Allein in der Stadt starben in dieser Nacht durch das Unglück zwei Menschen. Doch besonders auf dem Land richtete die Flut große Schäden an, überschwemmte flach liegende Kooge, zerstörte Höfe und Kirchen und ließ einige Menschen und viel Vieh ertrinken.
Boye und Bendix hatten nur Gedanken für den großen Umbau, hatten zwar nach der Flut bei den Aufräumarbeiten in der Stadt geholfen und erledigten die Schlosseraufträge gerade noch, waren aber nach den Frühjahrsstürmen nur einmal zum Mahlsand gegangen, denn die große Sturmflut hatte keine Veränderungen am Schiffswrack zur Folge. Im Frühsommer waren nach einer erheblichen Geldaufnahme Boyes alle Rohre verlegt und Kessel, Pumpe und Schornstein fertiggestellt. Dennoch fanden beide keine abschließende Lösung, wie der erhitzte Wasserdampf genutzt werden konnte.
Vorsichtig suchten sie Hilfe im Ort, befragten englische Seeleute, durchstöberten die Bibliothek Pedersens nach Hinweisen, erhielten aber nur vage Ideen darüber, dass der Dampf unter großen Druck gehalten werden, Rohre und Wasserkessel daher sehr stark gebaut sein müssten. Sie wussten auch, dass die Temperatur des Wassers ständig zu überwachen war und unbedingt gewährleistet sein musste, dass der Dampf bei zu hohem Druck frei entweichen konnte. Doch die Antriebsmechanik blieb für sie ein großes Problem. Sie überlegten schon, nach Holstein zu reisen, um sich eine neu gebaute Dampfmaschine in einer dort liegenden Tuchfabrik anzusehen.
Mit dem Besuch von Johannes Fock aber änderte sich das sofort. Fock hatte nichts gelernt, konnte aber scheinbar alles. Etwa gleichaltrig wie Boye und Bendix war er Ende des vergangenen Jahrhunderts in Lauenburg geboren worden, aber schon als Säugling mit seiner Mutter in die Stadt gekommen, da sie sich Reichtum durch den wirtschaftlichen Aufschwung zurzeit der Blockaden und des Schmuggels versprochen hatte. In einem der berüchtigten Stelzenhäuser am Hafenausgang, die regelmäßig im Hochwasser gestanden hatten, war Fock aufgewachsen, während die Mutter in der Vorderstube eine kleine Gastwirtschaft für die vielen Reisenden, Seeleute, Glückssucher und Betrüger aus der ganzen Welt, sogar aus Russland und Amerika, geführt und zusätzliches Geld durch die Vermietung der hinteren Zimmer verdient hatte.
So hatte Johannes schon als kleiner Junge viel Erfahrung gesammelt mit der großen Welt, in die er dann zunächst als Schiffsjunge segelte, nachdem die Blockade leider beendet worden war und die Weltreisenden die Stadt wieder vergessen hatten. Er war in Amerika gewesen, wo er als Posamentierer und Pflasterer gearbeitet hatte, und sogar bis Brasilien gekommen, wo er als Soldat gedient hatte, bis er dann doch lieber wieder das Weite suchen wollte. Besonders lange hatte sich Johannes aber in England aufgehalten. Dort hatte er sowohl in einer Manufaktur wie auch als Kohlenbrenner an den neuen Dampfmaschinen gearbeitet.
Diesen großen Schatz an Erfahrungen bot Fock eines morgens den beiden Erfindern an, als er sie in der Schlosserei besuchte. Da beide Männer an diesem Tag sehr beschäftigt waren mit einigen speziellen Aufträgen für einen neu entstandenen, großen Bauernhof in der Umgebung und kaum von ihren Arbeitsbänken und Wandbrettern aufblickten, konnten sie weder viele Fragen stellen, noch die von Fock beantworten. Um dennoch nicht vergeblich gekommen zu sein, trug Fock ihnen eines seiner Lieblingsgesänge des Dichters Carl Michael Bellmann vor, der vor genau dreißig Jahren gestorben war, dessen Balladen Fock aber in Schweden gehört und auswendig gelernt hatte, weil sie auch sein deftig geführtes Leben beschrieben. Den Fredmanssang über Gubben Noak, den Ehrenmann, und Gummen Noak, der Ehrenfrau, trug Fock in schwedischer Sprache vor, was deshalb besonders reizvoll war, weil man die besonders anzüglichen Textstellen wegen der nahen Verwandtschaft mit dem Dänischen zwar erahnte, jedoch niemals mit ganzer Gewissheit verstand.
Ohne gefragt zu werden, erklärte Fock den beiden Männern, er wolle sein wie Bellmann, denn der hätte sein Leben wirklich gelebt und habe zur Stunde seines Todes alle Freunde zu einem fröhlichen Abschiedstrunk eingeladen. In Boye kamen Zweifel auf, ob gerade Johannes Fock der richtige Mann zur Lösung des Dampfmaschinenproblems wäre.
Doch schon nach kurzer Zeit erhielt er die erforderlichen Gegenbeweise. Fock erklärte den beiden Männern eines späten Abends die Gesetze und Wirkungen des Drucks, besonders die Funktionsweise des Über- und Unterdrucks in der Pumpe sowie des notwendigen Überdrucks in dem Kessel. Er wies sie außerdem darauf hin, dass eine Feuermaschine nur erfolgreich wirken könnte, wenn man auf Regelmäßigkeit und Konstanz achten würde. Die Wasserhöhe und der Druck im Kessel müssten wie die Temperatur des Wassers möglichst gleichbleibend sein, da diese Bereiche sich gegenseitig beeinflussen würden. Um dies aber zu gewährleisten, seien Messgeräte erforderlich, die aus England zu importieren wären. Über die Fortleitung des Antriebs konnte Fock nur wenig berichten und sprach immer wieder nur von den Kolbendampfmaschinen in England, war aber nicht in der Lage, ihre Funktionen befriedigend zu erklären.
In den folgenden Wochen und Monaten hatten Boye und Bendix auf die bestellten Messinstrumente zu warten und konnten sich endlich wieder dem eigentlichen Grund ihrer Anstrengungen, der CAROLINE, widmen.
An ruhigen Sommerabenden, wenn das Wasser weit zurückgegangen war, liefen sie mit Bootsmann hinaus in Richtung der Flussmündung, verließen den Deich, um unter dem tiefen Himmel durch die grasenden Schafherden und die leerlaufenden Priele herum weit über die weichen Salzwiesen des Vorlands zu marschieren. Hier draußen wurde die Stille nur durch Warnschreie der Wasservögel unterbrochen, die sich beim Nähern der kleinen Gruppe auf die Eindringlinge hinabstürzten.
Eigenartigerweise richteten sich ihre gemeinen Attacken nur gegen Bootsmann, der sich bei besonders kunstvoll geflogenen Angriffen, von den Männern nahezu unbemerkt, auf die Salzwiesen warf. Unbemerkt deshalb, weil sein Körper ohnehin unwesentlich über den Boden glitt. Die Gegend war fast unberührt von äußeren Einflüssen. Nur einige frisch ausgehobene Gräben, neugebaute Buhnen, die wie weit ausgestreckte Fangarme zum Meer hin lagen, und verstreut aufgebaute Vogelkojen, in deren Fangnetzen sich fleischige Enten verfingen, zeugten davon, dass sich hier manchmal andere Menschen aufhielten. Je näher sie dem Mahlsand kamen, desto feuchter wurde der Boden und der Seegeruch nahm zu. Immer wieder hatten sie weiche Schlickfelder zu überspringen und sich feste Grasinseln zu suchen. Aus dem Schlick kam hörbar ein Knistern, das an das Abbrennen des Feuers im Kamin erinnerte. Auf dem welligen Sand wurde es dann wieder ruhig. Bei jedem Schritt liefen kleine Krebse vor ihnen weg und vergruben sich eilig.
In diesen Wochen nahmen sie häufig den ältesten Sohn Anders mit, der nun schon zur Schule ging. Er war ein sehr ernsthaftes Kind, von dem Sieke behauptete, er käme ihr oft reifer vor als der eigene Ehemann. Äußerlich glich er in allem Bendix und hätte eher dessen Sohn sein können. In der Rechenschule fiel Anders auf, weil er sehr schnell lernen und das Erlernte auch anwenden konnte, was Pedersen an einem Vormittag der Versammlungstage Boye gegenüber zum Anlass für einige Zukunftspläne nahm.
„Wenn der Junge wirklich so schlau ist“, sagte er dem Handwerker, „dann soll er auch studieren. Am besten Juristik. Damit kann er sogar Landvogt werden.“
Boye wies dies von sich, weil eine solche Ausbildung viel zu teuer sei. Dennoch bestand Pedersen auf diesem vorläufigen Plan, erklärte ihn später nochmals Sieke und versprach, die Ausbildung des Jungen mitzubezahlen, falls sich sein Eindruck über dessen Entwicklung bestätigen sollte.
Anders wurde für Boye und Bendix bald zu einem anerkannten Partner, mit dem sie keine Kindersätze mehr sprachen, nachdem er den Männern - und irgendwie auch Bootsmann - bei einem weiteren Mahlsandausflug anhand der Bewegungen in einem Priel vorführte, wie der Mahlsand in seiner bedrohlichen Stärke wirkte. Dazu hatte der Junge ein durchnässtes, schweres Stück Treibholz in den sandigen Priel gelegt und beobachtet, wie das Hindernis den Strom des Wassers, aber auch den mitgeführten Sand staute und davon langsam vergraben wurde, denn hinter dem Holz hatte sich zusätzlich eine Ausspülung gebildet, in die das Treibgut immer weiter einsank, bis es nicht mehr zu sehen war. Mit anderem Holz errichtete er dann eine Staumauer, die eine Veränderung der Strömung verursachte, wodurch das versunkene Treibholz wieder zum Vorschein kam. Dieses, so erklärte er den beiden Männern, sei das eigentliche Prinzip, mit dem auch das seltsame Verschwinden und Wiedererscheinen der CAROLINE zu verstehen sei.
Gemeinsam kamen alle drei zu dem Ergebnis, man müsse die Strömungsverhältnisse genauer studieren, um sie anschließend in der Weise zu beeinflussen, dass der Mahlsand das Schiff von sich aus freigäbe.
„So können wir uns den mühsamen Transport der schweren Pumpe sparen“, sagte Anders mit fester, heller Stimme. Und niemandem war das „Wir“ aufgefallen.
An einem der folgenden Tage lieh sich Bendix einen kleinen Gaffelkutter und kreuzte mit Boye, Anders und Bootsmann früh morgens bei ablaufendem Wasser zur Unglücksstelle. Sie warfen dort den Anker und einige kleine Bojen aus, um die Strömung zu beobachten. Bei ihrer Ankunft befanden sie sich noch fast zehn Fuß über dem Sand, nach etwa vier Stunden, konnten sie schon das langsam trocken liegende Boot verlassen und an Schleifspuren im Sand erkennen, was sie vom Boot aus vermutet hatten, dass die Strömung an der Wasseroberfläche zwar in Richtung des Meeres, über dem Sand aber unabhängig von der Tide ständig zum Land hin verlief. Ohne eine genaue Erklärung für diese Erscheinung zu haben, beschlossen sie, nach dem Eintreten der Flut und während der Rückfahrt in den Hafen, zukünftig der Unterströmung wie bei dem Experiment im Priel einen Widerstand zu bieten.
Ihnen war natürlich bekannt, dass dieses Unternehmen durch die kurze Zeit eingeschränkt war, die sich durch den Tidenwechsel ergab. Deshalb suchten sie einen Zeitpunkt vor den Herbststürmen, an dem der Mond in seinem ersten oder letzten Viertel stand, um eine Nipptide zu nutzen, die bei möglichst geringem Westwind und am besten bei Ostwind eintreten sollte, denn dadurch war eine weitere Chance gegeben, nicht zu hohes Wasser zu bekommen. Außerdem musste der Tidenwechsel bei Tageslicht einsetzen.
Trotz der Vielzahl dieser Faktoren hofften sie, schon nach einigen Wochen diesen Zustand vorzufinden, sicherten sich wieder den Gaffelkutter und kauften kurze, dünne, und leicht tragbare Baumstämme und mehrere Rollen Tauwerk, die sie gemeinsam mit dem Werkzeug am Tag vor dem eigentlichen Vorhaben auf das Schiff luden. Am nächsten Morgen hatten sie achterlichen Wind, kamen mit dem ablaufenden Wasser ohne zu kreuzen sehr schnell voran und überholten die tiefhängenden, dicken Wolkenhaufen. Von weitem erkannten sie schon ihre Bojen im Wasser.
Am Mahlsand dann, wo sie ständig die Wassertiefe maßen und abwarteten, bis das Boot wieder trocken lag, beobachteten sie die Seeschwalben und fantasierten darüber, wie sich die Möwen wohl ohne Flügelschlag so lange in der Luft halten könnten.
„Indem sie sich einfach nicht bewegen“, folgerte Bendix und erntete ein nachdenkliches Kopfnicken bei Boye sowie einen vorwurfsvollen Blick von Anders.
Nachdem sie endlich den Sand betreten konnten, nutzten die Männer das noch nicht abgeflossene Wasser aus, um leicht die Baumstämme an den vorher durch Bojen angezeigten Platz zu schleifen. Als dann schließlich das Wasser abgelaufen war, durfte auch Anders auf den Sand und schleppte die Werkzeuge herbei, während Boye, Bendix und jetzt auch Bootsmann damit begannen, an der Seeseite des Wracks einen Graben anzulegen, was sehr mühsam war, weil der nasse Sand immer wieder nachrutschte.
Nach etwa einer Stunde jedoch war eine sechzig Fuß lange Rinne fast dreißig Fuß vor dem vermuteten Schiff erkennbar, in die nun sehr schnell die kurzen Baumstämme gestellt und von beiden Männern mit einem kleinen Rammbock hineingeschlagen wurden. Anschließend verbanden sie die Pfähle mit Tauen und spannten sie gerade noch nach allen Seiten ab, als die Flut einsetzte und jeder sich beeilen musste, das Werkzeug wieder einzusammeln und schnell den Kutter zu besteigen.
Das grünbraune Wasser hob ihr Schiff langsam höher und senkte es gegen Abend wieder ab. In der Dunkelheit zündeten sie Laternen an und starrten ohne Worte auf die Unglücksstelle, an der sie zunächst Mastspitzen, dann Tauwerk und einige verwirbelte Rahen erkennen konnten. Alle waren in größter Erregung, denn die CAROLINE hatte sich zum Teil aus der Tiefe ihres Grabes befreit. Obwohl die gebaute Barrikade sichtbar war und im Lichtschein der helle Sand durch das Wasser schimmerte, blieb die Unglücksstelle zunächst noch in der entstandenen Wasserkuhle verborgen. Schließlich traten alle drei auf den Sand und leuchteten die Kuhle in der Finsternis aus. Bootsmann sprang dieses Mal nicht aus dem Boot, sondern verzog sich ängstlich in die dunkelste Ecke. Das restliche Wasser versickerte langsam durch den Sand.
Die Bark war etwa zu einem Drittel frei und lag mit erhöhtem Bug leicht auf der Steuerbordseite. Das Gallion ragte sehr klar aus allem heraus, und man konnte den Schriftzug mit dem Namen der Bark lesen. Im Schein der Laternen traten die drei noch näher an das Wrack heran und sahen eine längliche Holzkiste, die mit dicken Tampen am Vordersteven angebunden war und über der Bordwand ihnen entgegen nahezu waagerecht in der Luft hing.
Bendix zog ein Messer, kappte das Tau und schleifte die Kiste auf den Sand, als Boye ihm plötzlich mit allergrößter Kraft an die Schulter griff. Bendix und Anders sahen den Schlosser erstaunt an, der wie gelähmt auf die vernagelte Kiste starrte und den festen Griff an der Schulter des Freundes nicht löste.
Erst nach Minuten wurde die Hand schwächer, und Bendix bemühte sich nun, die Kiste zu öffnen.
„Lass sie zu!“, flüsterte daraufhin Boye, mehrmals sich wiederholend.
„Ich weiß, was drin ist.“
Langsam setzte er sich zu dem hockenden Bendix und zog auch Anders mit auf den Sand. Dann erzählte er ihnen im Licht der Laternen und vor dem Schiffswrack, das sich schwarz gegen den noch hellen westlichen Horizont abhob, die Geschichte von Agata Volquards, deren Sarg vor ihnen lag. Boye schilderte den Hinrichtungstag und die von Agata ausgesprochene Verwünschung. Niemand wusste, wie der Sarg an den Vordersteven gekommen war, denn schon bei der Hinrichtung war das Schiff tief im Mahlsand vergraben gewesen.
„Es ist nicht zu verstehen“, murmelte Boye vor sich hin. „Einfach nicht zu verstehen.“
Als das Wasser auflief, bestiegen alle wieder den Kutter und segelten schweigend zum Hafen zurück, ohne die CAROLINE nochmals auch nur berührt zu haben. Die Holzkiste hatten sie im Sand liegen gelassen.
In den nächsten Tagen setzten pünktlich die Herbststürme ein, und es wurde kein Wort mehr über diese Nacht gesprochen. Boye und Bendix gingen schweigend ihrer Arbeit nach, und Anders weigerte sich auch nach einem vertraulichen Gespräch mit seinem Vater, in die Schule zu gehen, obwohl er nicht krank zu sein schien.
Sieke, die ahnte, dass in dieser Nacht etwas Besonderes vorgefallen sein musste, konnte von niemandem etwas in Erfahrung bringen, bis der immer dicker werdende Pastor Klaasen in seiner Funktion als Schulaufsicht plötzlich in der Küche stand. Gemeinsam mit Sieke sprach er leise auf den sichtbar verstörten Jungen ein, der stockend, ängstlich und schluchzend das Geheimnis preisgab.
Nach langen Minuten des Schweigens, in denen sich Klaasen eine brauchbare Beruhigung für den Jungen ausdachte, führte er mit recht schlichten Worten aus, dass man Unrecht daran tun würde, ein Schiff wie die CAROLINE MATHILDE heben zu wollen, denn ihr Untergang sei Folge böser und übersinnlicher Verwünschungen gewesen, die eines gottvollen Menschen unwürdig seien, weil sie darauf abzielen würden, in Gottes Allmacht einzugreifen. Zusätzlich aber sei dieses Schiff auch das Grab vieler Seeleute, und es sei unchristlich, ein Grab, in dem die Toten nun ruhten, zu stören oder gar zu öffnen. Der vorgefundene Sarg, dessen Anwesenheit an dem Steven auch für Klaasen unbegreiflich sei, müsse aber als Zeichen Gottes an Anders, Boye und Bendix gewertet werden, sich nicht an diesem Schiff zu vergehen. Deshalb könne Anders froh sein, dieses Zeichen erkannt zu haben, denn es habe ihn zum Glück vor einem nicht mehr gut zu machenden Unrecht bewahrt. Deshalb solle er nicht traurig, sondern fröhlich sein und seinem Leben weiter nachgehen wie zuvor. Abschließend teilte Klaasen seine feste Erwartung mit, den Jungen am kommenden Tag wieder in der Schule zu sehen.
Nachdem Klaasen das Haus verlassen hatte, suchte Sieke den Mann und den Bruder in der Schlosserei auf. Schon ihr Eintreten ließ beide Männer sofort das Werkzeug senken, weil sie eine der gefürchteten Ansprachen erwarteten. Und so war es auch.
In kurzen und klaren Worten machte Sieke deutlich, dass sie noch nie in ihrem Leben zwei so große Dummköpfe wie Boye und Bendix gesehen hätte, deren erbarmungslose Einfältigkeit sie von nun an nicht mehr dulden werde. Vor allem aber werde sie in Zukunft ihre Kinder vor dem gotteslästerlichen Einfluss der beiden zu bewahren haben. Empört aber sei sie besonders darüber, dass die beiden den Jungen in solche Tiefen gestürzt hätten, ohne auch nur daran gedacht zu haben, ihr, Sieke, davon zu erzählen. Dann hätte sie nämlich Anders zumindest vor den blödsinnigen Behauptungen des aufgeblasenen Pastors bewahren können.
Nachdem sie beide mit lauten Worten davor gewarnt hatte, ihr an diesem Tag noch einmal unter die Augen zu treten, schlug sie die Schlossertür zu und hinterließ in der Werkstatt ein betretenes Schweigen.
Anders ging von nun an wieder in die Schule, und als Johannes Fock die importierten Messgeräte vorbeigebracht und mit ihrer Montage an dem Heizkessel im Garten begonnen hatte, begegneten sich Vater und Sohn mit fröhlichem Augenzwinkern. Beim Eintreten des Winters konnte bald nicht weiter am Kessel gearbeitet werden. Stattdessen begann Boye mit einem Experiment in seiner Werkstatt, das die Lösung des Problems um die Antriebsübersetzung seiner Maschine zum Ziel hatte. An seiner Schmiede erhitzte er einen Wasserkessel und führte den Wasserdampf über ein Rohr ab, aus dem es mit einigem Druck entwich. Anschließend baute er ein kleines Windrad, ähnlich dem an einer Windmühle, vor das Rohrende, sodass der austretende Dampf das Rad sich drehen ließ.
Bei weiteren Versuchen stellte er dann fest, dass das Rad schneller rotierte, wenn der Dampf aus einer kleineren Rohröffnung strömte. Wenn die Flügel des Rades aber sogar wie eine Schaufel geformt waren, fast parallel mit der Flügelachse lagen und der austretende Dampf genau in die Mitte der fast aufrechtstehenden Schaufeln traf, dann drehte sich das Rad am schnellsten.
Am Ende des Winters hatte der Schlosser ein Schaufelrad in ein Gehäuse gebaut, aus dem seitlich eine Antriebsachse ragte, die die Drehbewegung auf die Pumpe fortsetzen sollte. Schließlich wurde alles im Garten zusammenmontiert.
Die zukünftigen Heißwasser- und Heizungsrohre hatte Bendix schon im Haus installiert. Das Heißwasser- und Kaltwasserrohre endeten in der Küche und waren über ein Drehventil zu öffnen. Die Heizungsrohre befanden sich an je einer Wand der Küche und des Wohnzimmers, wo sie sich auf und ab schlängelten und auf irgendwelchen Wegen wieder in den Garten liefen. Sieke hatte es mit der Verlegung der Rohre nicht leicht, denn es waren viele Möbel umzustellen und auch in der Küche war viel Platz zu schaffen gewesen. Außerdem hatte die Arbeit im Winter viel Schmutz ins Haus getragen. Dennoch war sie gelassen geblieben, weil sich die beiden Männer nun wieder, wie sie sagte, mit einigermaßen sinnvollen Dingen beschäftigten.
An einem Mittwoch vor Ostern des Jahres 1826 wurde die Dampfmaschine in Betrieb genommen. Wasser wurde zunächst mit einer Handpumpe in den Kessel gefüllt. Dann begann Fock mit dem Anbrennen des Ofens. Schon nach einer Stunde stieg die Wassertemperatur beträchtlich an, und der Rauch zog durch den langen Schornstein weit über die Wohnhäuser und die Stadt hinweg. Dadurch angelockt hatten sich Hof und Garten mit Schaulustigen gefüllt, unter denen auch Jaspersen und Klaasen waren.
Pedersen selbst stand stolz neben dem Brennofen und erklärte allen Umstehenden die Funktionsweise. Mit einem Blick auf Jaspersen wies er darauf hin, dass diese Maschine die allererste im Herzogtum Schleswig und sicherlich die einzige mit einem Drehflügelantrieb im gesamten Dänemark sei. Sollte sich ihre Funktion bewähren, dann könne das ganze Land stolz auf diese Erfindung sein, und man werde in Kopenhagen den Antrag stellen, das Gerät KÖNIG FREDERIK VI.-MASCHINE nennen zu dürfen. Dies wurde mit ausgiebigem Beifall belohnt.
Als Fock aber, ohne auch nur jemanden - auch nicht Boye, Sieke, Pedersen und Bendix - vorzuwarnen, das Dampfentlastungsventil bediente, der Dampf laut zischend und pfeifend entwich, sodass sofort alles in undurchdringlichen Dunst eingehüllt war, flohen alle Besucher vom Grundstück und verfolgten das Schauspiel hinter dem sicheren Wohnhaus von der Straße aus. Sieke zog die Kinder, Ingke Ketels und Pedersen in das Haus zurück, wo man den weiteren Verlauf von der Küche aus beobachtete.
Schließlich warf Fock mit Boye das Schwingrad zwischen Kessel und erster Pumpe an, sodass sich tatsächlich auch die Pumpe in Bewegung setzte, heißes Wasser aus dem Kessel in das Wohnhaus und das dann leicht abgekühlte Wasser wieder in den Kessel zurückführte. Bendix inspizierte währenddessen seine Rohrleitungen und führte den im Haus Anwesenden überglücklich den überragenden Effekt vor, durch den die Zimmer so schnell erwärmt wurden, dass allen der Schweiß auf der Stirn stand und die Fenster geöffnet werden mussten.
Endlich bekam Bendix von Fock, der hastig Kohlen in den Ofen schüttete, den Auftrag, dem Kessel über das Küchenventil heißes Wasser zu entnehmen. Auch dies führte zu großem Erstaunen und großer Anerkennung. Boye warf dann die zweite Pumpe am Brunnen an. Nun wurde kaltes Wasser in den Kessel nachgeführt, wodurch zwar zunächst weniger Dampfkraft entstand, dennoch aber kaltes Wasser in der Küche floss.
Aufgeregt und emsig liefen alle drei Männer, kritisch von Bootsmann beobachtet, im Garten herum, holten Kohlen nach, überprüften heftig gestikulierend die geheimnisvollen Messinstrumente, entnahmen überschüssigen Dampf und schaufelten Brennmaterial. Gegen Abend ließen sie das Feuer herunterbrennen, hielten die Pumpen an und öffneten die Dampfventile.
Die neue Maschine war ein voller Erfolg, wenn auch von Siekes Seite einige vorsichtige Anmerkungen kamen, die sich im Wesentlichen auf das Überhitzen des Wohnhauses bezogen, was vor allem und eigentlich im Sommer nicht notwendig sei. Fock, Boye und Bendix aber lobten mit Pedersen zusammen uneingeschränkt die Feuermaschine, wollten nun ihre alten Pläne mit einbeziehen und die Drehbewegung auch für die Werkstatt und vielleicht doch für die Küche nutzen.
Für den Nachmittag des Gründonnerstags war jedoch zunächst ein Einweihungsfest vorgesehen, das an der Maschine bei einer großen Kuchentafel stattfand.
Pedersen persönlich hatte einen riesigen, grünen, mit Weidenkätzchen und Osterglocken durchwebten Kranz besorgt, der über der Maschine hing. Alle saßen an einem langen Tisch im ehemaligen Garten, und Ingke Ketels servierte feierlich Kaffee und warmen Mandelkuchen vom Blech. Außer Fock war auch Wieglinde eingeladen, denn Sieke stand kurz vor der Geburt eines dritten Kindes.
Pedersen hielt eingangs eine kleine Rede, in der er im Wesentlichen wiederholte, was er schon am Vortag gesagt hatte, lobte die Zusammenarbeit der Männer und das finanzielle Risiko, das Boye bei seinem Vorhaben eingegangen sei. Er sei aber auch sicher, dass durch den Erfolg sehr schnell eine Entlastung eintreffen würde, denn nach weiteren Probeläufen würde Boye sich vor Aufträgen wohl kaum noch retten können. Besonders glücklich könne Boye aber über einen so vortrefflichen Fachmann wie Johannes Fock sein, von dem er, Pedersen, wisse, dass ohne ihn diese fortschrittliche Unternehmung wohl kaum zum Ziel gekommen wäre. Er würde ansonsten seinen eigentlichen Beitrag zu dieser Angelegenheit darin sehen, nun bald den schon erwähnten Antrag auf Namensnennung der Maschine an den König zu stellen. Er schloss seine Rede mit den Worten: „E tukamst hiirt e dåmp!“ Das war Friesisch und hieß: Die Zukunft gehört dem Dampf!
Alles wurde mit einem langanhaltenden Beifall quittiert, der nur dadurch eine Störung erfuhr, dass Boye jetzt lautstark zu einer Rede aufgefordert wurde, dies aber vehement ablehnte.
Weil auch Bendix nichts sagen wollte, konnte Johannes Fock, der nicht lange gebeten werden musste, sprechen. Er wies darauf hin, er wolle an diesem Tag einmal kein Lied vorsingen, weil er nicht im Mittelpunkt des Interesses aller stehen wolle. Sein Beitrag zu diesem Projekt sei auch eher bescheiden gewesen, denn einen Berater hätten Boye und Bendix ohne große Schwierigkeiten auch in England gefunden. Nur zufällig sei er gerade einmal wieder in der Stadt gewesen, und so habe es sich per se angeboten, dass er sein bescheidenes Wissen über den Dampf weitergeben konnte. Im Übrigen habe er hier vor allem viel gelernt und sein Wissen über den Drehradantrieb, den Boye erfunden habe, erweitern können. Deshalb sei er auch über das Angebot des Schlossers froh, bei der weiteren Erprobung mithelfen zu dürfen.
In aller Bescheidenheit wolle er aber zu Bedenken geben, ob man den Namen für die Maschine richtig gewählt habe, denn es gäbe eine berechtigte Forderung an den König und Herzog, die dieser bisher nicht eingelöst habe, was - wie bekannt - allgemeines Unbehagen im Land erzeugt habe. Er meine die Forderung des Deutschen Bundes nach einer landesständlichen Verfassung für Holstein und die Forderung vieler nach einer gleichen Verfassung auch für das Herzogtum Schleswig. Zu dem Ersten sei der Herzog verpflichtet, käme dem aber nicht nach. Das Zweite aber würde eine nachfolgende Selbstverständlichkeit sein. Fock schlug abschließend vor, die Feuermaschine, ohne einen Antrag zu stellen, SCHLESWIG-HOLSTEIN zu nennen. Hierfür gab es nunmehr einen vorsichtigen, aber freundlichen Beifall.
Danach wurden zum Glück keine Reden mehr gehalten, denn mittlerweile waren Kaffee und Kuchen schon kalt.
Nach der Kaffeerunde wandte sich allerdings Pedersen an Fock und bat ihn um ein kurzes Gespräch in die Werkstatt.
„Ich will Ihnen und Ihren staatspolitischen Ansichten wirklich nicht zu nahetreten, mein lieber Fock“, begann er vorsichtig das Gespräch. „Aber es wäre doch angebracht gewesen, wenn wir beide uns vorher über die Angelegenheit ausgetauscht hätten.“
Fock entschuldigte sich für diese Ungeschicklichkeit und versprach, sich nicht weiter in diese Frage einzumischen. Dadurch würde sich allerdings grundsätzlich seine Meinung über den Herzog, dem er ja ansonsten nichts vorzuwerfen hätte, nicht ändern. Er sei bei seinen vielen Reisen in Länder wie Amerika gekommen, in denen eine Verfassung erlassen worden sei, die weit über das hinausgehe, was man in Holstein und zum Teil auch in Schleswig schon lange berechtigt gefordert habe.
„Ist denn die Forderung nach einer eigenen landesständlichen Verfassung ein Unrecht?“, schloss er empört.
„Es gibt eine Kommission in Holstein“, antwortete Pedersen ruhig, „die sich schon lange mit dieser Frage beschäftigt. Es gibt sogar auch einige Kieler Professoren, die in Zeitungen diese Forderung für Schleswig aufgestellt haben. Aber, Fock, im Ernst, was haben wir denn in Schleswig mit all dem zu tun? Wir in Schleswig sind doch nicht Mitglied des Deutschen Bundes, sondern allein Teil des dänischen Gesamtstaates.“
„Darum geht es“, antwortete Fock. „Wir sind hier eben nicht im Königreich Dänemark, sondern im Herzogtum Schleswig. Der König von Dänemark ist hier lediglich Herzog. Und nicht mehr. Und die Verzögerung der Verfassung hat zum Ziel, auch Holstein zunehmend in den dänischen Staat einzubeziehen. Man wartet und wartet, und dann wird zugeschlagen. Gibt es nicht schon den Erlass, dass von Amts wegen nur noch Dänisch gesprochen werden darf?“
Pedersen stellte daraufhin fest, dass nach wie vor jeder das spreche würde, was er wolle, und fast jeder würde doch beide Sprachen beherrschen. Daher sei es unsinnig anzunehmen, Holstein würde von Dänemark vereinnahmt werden. Diese Zeiten seien vorbei, und auch eine Trennung Holsteins von Schleswig wäre übrigens abwegig. Deswegen habe er letztendlich auch nichts dagegen, wenn die Feuermaschine den Namen SCHLESWIG-HOLSTEIN tragen würde. Das würde ihm auch den mühsamen Weg ersparen, die zuvor gedachte Namensgebung zu beantragen.
Beide erklärten der Kaffeerunde dann einhellig, man habe sich auf den Namen SCHLESWIG-HOLSTEIN geeinigt, denn das seien die Herzogtümer, in denen der Erfolg zu allererst bekannt werden würde.
Am nächsten Tag fertigte Bendix eine Messingtafel an, in die er den Namen einhämmerte und die er an der Feuermaschine befestigte.
In der Stadt sprach man von diesem Tag an genauso ehrfürchtig von der SCHLESWIG-HOLSTEIN wie von der CAROLINE. Immer wieder kamen Besucher in den Garten, auch um die kalte Maschine zu betrachten. Bendix und Boye, die sich zunächst jede Zeit nahmen, allen ausführlich die Funktionsweise zu erklären und die Zukunft des Dampfes in schwelgenden Worten zu schildern, mussten sich dann doch wieder ihrem Verdienst widmen und überließen Fock das Feld.
Der verband die Erklärungen mit langen Ausschweifungen zu seinen Reisen, erzählte von kleinen Abenteuern, die er erlebt hatte, und auch manchmal sehr ausführlich von Holstein, Schleswig und der Standesverfassung.
Die Zukunft des Dampfes sah Fock eindeutig in der Luftfahrt. Er beschrieb den Umstehenden einen riesigen Ballon, der größer war als das Schlosserhaus. An diesen Ballon wurde eine Dampfmaschine gehängt, die ein Drehrad in ähnlicher Weise, wie es Boye erfunden hatte, bewegen konnte. Dieses Rad sollte sich in die Luft hineindrehen. Der Ballon stieg weit in den Himmel. Die Dampfmaschine in Boyes Garten wurde kleiner und kleiner. Auch das Haus, die Straße, die Stadt wurden zunehmend kleiner. Ganz weit unter den Wolken ließ Fock sich das Drehrad bewegen und begann nun, im großen Bogen um die Stadt zu kreisen. Der Wind, woher er auch kam, konnte die gewünschte Richtung, in die Fock fahren wollte, nicht beeinflussen. Unter Mithilfe eines Ruders schwebte er weit über das Meer hinaus und kehrte erst wieder um, als ihm die Kohlen ausgingen. Langsam sank er mit dem Ballon wieder in die Stadt hinein und änderte mit seinem Drehrad noch einige Male die Richtung, bis er ganz sanft im Schlossergarten vor den Umstehenden landete, wo er für diese Leistung stürmisch gefeiert wurde.
Und wenn einmal jemand gehen musste, weil er noch andere Verpflichtungen hatte, dann standen neue Besucher vor Fock, sodass er wieder zu Erzählungen zurückkehren konnte, die er schon einmal vor Stunden mitgeteilt hatte, ohne dass dies wirklich auffiel oder störte.
Natürlich fehlten auch Lieder von Bellmann nicht bei diesen Vorträgen.
Johannes Fock gehört wie Agata und Volquard Pauls zu den Menschen, die ich niemals kennengelernt habe. Fock war ein kleiner, sehr dünner Mann gewesen, der immer so gekleidet war, als würde er gerade in die Kirche gehen wollen. Obwohl er genau das niemals getan hat. Er trug sein flachsgelbes Haar in einem Pagenschnitt. Und wie sehr er sich auch beim Kohlenschaufeln anstrengte, er wurde niemals schmutzig. Das hat Boye uns später als das erstaunlichste Merkmal Focks geschildert. Boye, der immer irgendwo schmutzig war und der später nicht mehr sprach.
Es will nicht dunkel werden.
Jaspersen war mittlerweile zum verantwortlichen Ratsmann zur Untersuchung des – wie man sagte - Krebs-Thing geworden. Er hatte Grabungen am und in der Nähe des Marktplatzes angeordnet, war aber auf keine weiteren Erkenntnisse gestoßen. Man hatte lediglich einen Tunnel entdeckt, war ihm mühevoll in Richtung des Flusses gefolgt, musste dann aber aufgeben, weil der Gang nach kurzer Zeit mit Wasser volllief und die Stadt kein weiteres Geld zur Verfügung stellen konnte, um Schotts, Stützen und Pumpen zu bezahlen. Die Pumpe von Boye wäre sicherlich hilfreich gewesen. Doch sie ließ sich nicht mehr von ihrem Platz am Hafen bewegen.
In einem mühevoll und umständlich abgefassten Bericht, schilderte Jaspersen dann mit einem einzigen Satz, dass sich keinerlei Getier in dem Tunnel befunden hätte, das ihm erwähnenswert erschien, und die gesamte Angelegenheit abzuschließen sei, indem man das Spektakel als einmalige Naturkatastrophe bezeichnen könnte, die, und das müsse er eingestehen, wie alle unerwarteten Katastrophen kaum mit menschlichen Kräften zu beeinflussen oder gar vorauszusehen sei und aller Erfahrung nach nur in langanhaltenden Abständen wie auch die großen, todbringenden Sturmfluten vorkäme, was allein schon deshalb der Wahrheit entspreche, weil nichts dieser Art bisher in der Stadt bekannt geworden sei, wie er bei einem tiefgehenden Studium der Stadtchronik herausgefunden hatte.
Der Rat der Stadt betonte seine Zufriedenheit mit diesem Ergebnis, weil ja ohnehin kein weiteres Geld vorhanden war. Lorenzen bekam den Auftrag, im Ort auszurufen, dass damit der gesamte Vorfall aufgeklärt worden sei und sich jeder verantwortungsvolle Bürger weiterer Gerüchte zu enthalten habe.
So hatte der Apotheker wieder genügend Zeit, neue Heilmittel zu erfinden, sich aber auch mit Klaasen über den Dampf zu unterhalten. Er erklärte dem Gast die Wirkung des Dampfes in der Hölle anhand eines kleinen Experiments und wies ihm nach, dass der Schlosser Deletre ja nur einen winzigen Schritt in die Geheimnisse des Dampfes gewagt habe, was der zwar nicht wüsste, aber auch nicht wissen müsse. So zeigte Jaspersen die verschiedenen Aggregatzustände nicht nur des Wassers, sondern ließ sogar gegorenen Saft verdampfen, den Dampf über geschlungene Glasrohre laufen, bis er sich wieder verflüssigte, und gab dem Pastor und sich davon zu trinken.
„Hier“, erklärte er dann dem staunenden Klaasen, „liegt das eigentliche Mysterium des Dampfes.“
Schließlich wechselten beide Männer das Thema und unterhielten sich über den Namen SCHLESWIG-HOLSTEIN. Jaspersen belehrte den Freund, dass es oftmals im Leben auf die kleinen Dinge ankäme. Das habe er bei seinen jahrelangen Experimenten gelernt.
„Die Zukunft des Dampfes“, sagte er, „das sind nur große Worte.“
Er fragte dann Klaasen, ob ihm an dem Wort SCHLESWIG-HOLSTEIN denn nicht der Bindestrich aufgefallen sei. Das seien die kleinen Dinge, auf die man zu achten habe und die bei einer Missachtung irreparable Zustände hervorrufen würden. Historisch und politisch betrachtet habe dieser kleine Bindestrich nichts zwischen den beiden Worten zu suchen. Jaspersen drückte sich eigentlich viel grober aus und sprach von dem „Fliegendreck“ zwischen SCHLESWIG und HOLSTEIN. Die Maschine könne SCHLESWIG heißen. Auch SCHLESWIG und HOLSTEIN seien gerade noch akzeptabel. Doch SCHLESWIG-HOLSTEIN gäbe es nun einmal nicht.
Falls hier aber ein politisches Bekenntnis der ihm immer schon suspekten Familien Deletre und Pedersen vorliege, dann müsse in der Tat dagegen vorgegangen werden.
„Das Herzogtum Schleswig“, sagte er, „ist das eine. Es gehört untrennbar zu Dänemark. Holstein aber, in dem der dänische König auch Herzog ist, gehört zum Deutschen Bund. Doch was hat Dänemark überhaupt mit den Deutschen zu tun? Nichts. Überhaupt nichts.“
Ihm sei letztlich die Neutralität Dänemarks lieber als die Anbindung Holsteins an sein Land. Der Bindestrich sei ein wissend gewählter Verbindungsstrich, der von Dänemark nicht akzeptiert werden könnte.
„Eines ist sicher“, endete sein Referat, „lieber sind wir ohne Holstein, dafür aber Skandinavier.“
Von Klaasen kam keine nennenswerte Widerrede, außer er würde immer in Dänemark leben, ob in Schleswig, in Jütland, auf Island oder in Kopenhagen. Diesen Beitrag überging Jaspersen schlichtweg.
Im Mai 1826 sollte die SCHLESWIG-HOLSTEIN nach mehreren Probeläufen endgültig in Betrieb genommen werden. Schon am frühen Morgen hatte Fock die Maschine angeheizt, und Boye versuchte, mit Bendix einen Transmissionsriemen von der Antriebswelle zur Werkstatt zu spannen, denn sie hatten vor, einen runden Schleifstein mithilfe der Dampfbewegung rotieren zu lassen. Wieglinde, die ebenfalls früh am Morgen den Hof betreten hatte, weil sich nun wirklich die Geburt des dritten Kindes ankündigte, hatte inständig darum gebeten, nicht gerade an diesem Tag die Maschine laufen zu lassen. Doch niemand beachtete oder verstand sie so richtig.
Während Fock weiter fleißig Brennmaterial in den Kessel schaufelte, probierten die beiden Handwerker den Schleifstein aus, spannten immer wieder den Riemen nach und versuchten, eine gleichmäßige Bewegung zu erreichen.
Im Schlafzimmer hatte die Geburt begonnen. Als Gesche in die Welt hinausgepresst wurde, war die Wohnung so sehr überhitzt, dass selbst die offenen Fenster keine Abhilfe leisteten, sodass Sieke fast die Kräfte versagten. Als Gesche ihren ersten Schrei tat, wurde dies durch einen kaum zu ertragenden lauten, und trotzdem dumpfen Knall übertönt, durch den die offenen Fenster zufielen und die übrigen geschlossenen zerbarsten. Die SCHLESWIG-HOLSTEIN war mitsamt ihrem Heizer in die Luft geflogen.
2. Aus dem Feuer
Wie viele andere auch kam Bendix nur noch alle zwei Jahre aus Grönland zurück. Der Ertrag beim Fang der Wale war immer schlechter geworden, und für die wenigen Kommandeure, die es noch gab, lohnte sich die jährliche Rückfahrt in den weit entfernten Süden nicht mehr. Bootsmann hatte sich schon vor der ersten Fahrt nach der Explosion vehement geweigert, je wieder ein Schiff zu betreten und blieb bei Boye in der Werkstatt oder bei den Kindern. Das geringe Geld, das Bendix sparte, schickte er zwar seiner Schwester. Dennoch wäre es Sieke lieber gewesen, den Bruder vor jedem Wintern zu Hause zu haben.
Dies schien ihr auch für Boye besser zu sein, der seine gesamte Kraft in die Schlosserei steckte, noch weniger Zeit für sie und die Kinder hatte und verschlossener geworden war als je zuvor. Schon lange machte Sieke keine Bemerkungen mehr über seine Einsilbigkeit, denn sie kannte seine Sorge um die Schulden, die im Zusammenhang mit der Dampfmaschine entstanden waren, und Boye musste sehr hart arbeiten, um die Last langsam zu mindern. Erst der Lehrbeginn seines zweiten Sohnes Lorenz in der Schlosserei des Vaters führte dazu, dass er wieder etwas gesprächiger wurde.
In den Wochen der Untersuchung des Unfalls durch die örtliche Polizei war Boye fast schon sprachlos geworden. Erst nachdem die Untersuchung eingestellt worden war, weil ohnehin niemand in der Lage war zu beurteilen, wie das Unglück geschehen sein konnte, hatten sich Boye und Bendix ein wenig über die Explosion, ihre Ursachen und den Tod Johannes Focks unterhalten können. Danach hatte Bendix seinen Entschluss mitgeteilt, wieder auf Grönlandfahrt zu gehen. Die Familie war ohnehin zu groß geworden für das kleine Schlosserhaus.
Nach Gesche war Marin auf die Welt gekommen und nochmals drei Jahre später Willem. Die beiden Mädchen gingen schon in die Schule und verspielten ansonsten mit dem kleinen Bruder den Tag. Ihr Lieblingsspiel war das der wilden Tänzerin, das auf einer Sage gründete, die ihnen einmal erzählt worden war.
Die flinke Tänzerin wurde meist von Gesche gespielt, die von ihrer Mutter Marin aufgefordert wurde, nicht zu viel zu tanzen. Gesche aber antwortete: „Und wenn der Teufel mich selbst zum Tanz auffordert, ich würde es ihm nicht abschlagen.“
Dann kam Willem mit Bootsmann - zwei grausame Teufel - in das Geschehen und tanzten wild mit Gesche. Dabei verdrehte Marin die Augen wunderschön und rief dabei immer wieder sehr laut: „Das kann nicht gut gehen! Das kann nicht gut gehen!“
Und tatsächlich ging es nicht gut, denn Gesche schoss plötzlich das Blut aus dem Mund und auf den Boden. Sie stürzte laut und tot um, und Willem und Bootsmann verschwanden hinkend, während Marin klagend ihre Tochter im Arm hielt. Dann war Mitternacht. Willem, ein Wanderer, der zufällig in dem ehemaligen Tanzraum übernachtete, wurde plötzlich von zwölf Glockenschlägen (die er selbst verursachte) und von lauter Musik (Gesche, Marin, Bootsmann) geweckt. Er sah verschlafen auf, und Gesche, das Gespenst der Tänzerin, stand vor ihm und forderte ihn zum Tanz auf. Ängstliche Ablehnung durch Willem. Langwieriges Bitten von Gesche. Daraufhin verschwand Gesche traurig und Marin trat feierlich mit dem scheinbar schlafenden Bootsmann im Arm an Willems Bett, um ihm mit bebender Stimme zuzurufen: „Noch niemand hat es gewagt, mit ihr zu tanzen. Sie ist erst erlöst, wenn ein Christenmensch es doch eines Tages tut.“
Damit endete das Spiel sehr unvermittelt und wurde dann mehrfach und ohne wesentliche Pausen wiederholt.
Jetzt war ich nicht nur gedacht, sondern ich war da. Doch die Umstände sind nicht wesentlich. Ich wurde ein Jahr vor Willem, im gleichen Jahr wie Marin, 1828, geboren. Im Gegensatz zu Anders habe ich niemals versucht, an diese frühe Zeit meines eigenen Lebens zurückzudenken. Das erste in meinem Leben, woran ich mich selbst erinnern kann, war die Begegnung mit Willem.
Im Spätsommer des Jahres 1837 erhielt Pedersen eine Depesche aus Kopenhagen von der Verwaltung der Herzogtümer. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er in wenigen Wochen Besuch einiger königlicher Beamter erhalten und es sich um eine brisante Angelegenheit handeln würde, die man deshalb schriftlich nicht weiter ausführen könne. Zunächst vermutete er hinter dem Brief eine Angelegenheit der Lehnsverwaltung, wunderte sich jedoch, dass er direkt aus Kopenhagen angesprochen wurde, denn der richtige Weg wäre über den Oberstaller einzuhalten gewesen.
So kam er auf den Gedanken, der Besuch würde möglicherweise im Zusammenhang mit einer Neuordnung des Landesrechts und sogar mit der neuen schleswigscher und holsteinischen Ständeversammlung stehen. Weil er auch weiterhin guten Kontakt zu dem ehemaligen Sylter Landvogt Lornsen gehabt hatte und dessen Flugschrift Über das Verfassungswerk in Schleswigholstein sehr gut kannte, nahm er an, man suche vielleicht vertrauensvoll Rat bei ihm. Er hatte zwar die Meinung Lornsens geteilt, dass die Finanzverwaltung des Staates nicht geheim zu halten sei und eine Repräsentativverfassung für Schleswig-Holstein ein möglicher, sinnvoller Schritt sei. Er war aber gegen die Trennung Schleswigs und Holsteins von Dänemark gewesen, wenn sich dies zunächst auch nur auf die Verwaltung und Justiz beschränken sollte. Und obwohl jetzt von Seiten des Königs für die Herzogtümer eine schleswig-holsteinische Regierung in Gottorf eingerichtet wurde, die der Kopenhagener Kanzlei unterstellt war, schien Pedersen der Gedanke abwegig, dass sein Ansehen so weit in die Spitzen der Verwaltung Kopenhagens gefunden haben könnte und man ihn deshalb nun aufsuche.
Deshalb wurde er für sein Alter und seine seriöse Haltung außerordentlich ungeduldig, sah täglich aus seiner Bibliothek heraus über die weiten, von Vieh bestandenen Wiesen und wartete auf die angekündigte Delegation.
Fast vier Wochen nach Erhalt des Briefes entdeckte er am Horizont endlich eine besonders prachtvolle Kutsche, der schon bald anzusehen war, dass sie nicht aus dieser Gegend kommen konnte. Ihr entstiegen vor der massigen Haustür zwei ältere Herren, die Pedersen sehr behäbig begrüßte, um sie dann in seine Bibliothek zu führen. Dort servierte er Grog und beobachtete die beiden Männer mit den Namen Holt und Jörgensen unauffällig, während die sich zunächst über den großen Globus und dann über die Bücherwände des Gastgebers hermachten und die reichhaltige Auswahl besonders der staatspolitischen Abhandlungen und Verwaltungsschriften lobten.
Als sie mit den Büchern endlich zum Ende gekommen waren und auch den Grog getrunken hatten, begannen zunächst Holt, dann Jörgensen mit einem Vortrag, in dessen erstem Verlauf Pedersens Vermutungen hätten zutreffen können. Holt ging zunächst auf die allgemeine politische Lage ein, beschäftigte sich ausführlich mit der Holsteinfrage, dem Deutschen Bund und der Ständeverfassung, um dann langsam näher auf die wirtschaftliche Lage Dänemarks einzugehen und die Verbindung beider Lagebeschreibungen herzustellen. Er betonte vor allem die hohen Kosten, die Dänemark durch den Deutschen Bund habe, da der König und Herzog ja auch militärisch dieses Bündnis zu unterstützen und außerdem die durch England zerstörte Flotte wieder aufzubauen habe. Aus diesem Grunde sei es besonders wichtig und notwendig, von Seiten des Staates sparsam zu sein. Und der Staat müsse, wie Pedersen ja zur Genüge wisse, auch neue Finanzmittel finden, ohne den einfachen Menschen damit zu sehr zu belasten.
Dann gab Holt umständlich das Wort an Jörgensen ab, der den nun eigentlich spannenden Teil der gemeinsamen Aufgabe übernehmen durfte. Er lobte zunächst die Loyalität Pedersens gegenüber dem König, die an der Grenze zwischen Schleswig und Holstein manchmal nicht selbstverständlich anzutreffen sei. Dies sei auch in Kopenhagen bekannt. Er nannte Pedersen einen besonnenen Verwaltungsfachmann, dessen Vertrauenswürdigkeit weit über die schleswigsche Küste hinaus angenehm bemerkt worden sei. Sein Mut, auch unangenehme Probleme aufzugreifen und zu lösen, sei so lobenswert wie seine Courage, sich in neue Unternehmungen zu begeben, um damit sein berechtigtes Glück zu machen.
„Allerdings“, erklärte Jörgensen dann bei kräftigem Kopfnicken seines Partners, „sind Sie, Herr Pedersen, ohne es tatsächlich zu wissen, an einer Stelle zu weit gegangen, was nun zu korrigieren ist. Deswegen sind wir ja auch extra diesen langen Weg gekommen.“
Dann folgte eine ausgedehnte Pause, in der sich die drei Männer schweigend und aufmerksam ansahen bis Holt das Wort ergriff: „Sie wissen scheinbar nicht, wovon wir sprechen, Herr Lehnsmann.“
Pedersen lächelte beide freundlich an ohne preiszugeben, was er wusste oder ahnte. So fuhr Jörgensen fort: „Wir sprechen natürlich von dem Schiff, welches hier draußen hinter Ihrem Deich im Mahlsand liegt. Und da es im Mahlsand liegt, sahen wir zunächst auch keine Veranlassung, uns weiter um diese Affäre zu bemühen. Dann allerdings erfuhren wir aus Ihrer Stadt, dass Sie das Schiff vor Jahren sehr wohl erfolgreich freilegen konnten, wenn auch nichts entnommen worden sein soll.“
Wieder wurde eine lange Pause eingelegt, die wie die vorherige verlief.
„Oder ist etwas entnommen worden, Herr Pedersen?“, fragte Holt in einem sehr freundlichen, aber bestimmten Ton. Pedersen verneinte, bat aber um eine Aufklärung, warum dies so wichtig für Kopenhagen sei.
„Bei allem Respekt Ihnen gegenüber“, antwortete Holt kühl, „sind wir nicht ermächtigt, auf diese Frage einzugehen. Wir haben Ihnen nur mitzuteilen, dass sich auf dem Wrack Unterlagen unter sicherem Verschluss befinden, die wir für außerordentlich relevant halten. Sie können daher keine Bevollmächtigung erhalten, dem Schiff diese Dokumente zu entnehmen. Aus diesem Grunde wurde eine Erklärung vorbereitet, in der Sie durch Ihre Unterzeichnung ab dato von Ihrem persönlichen Besitzanspruch an diesem Schiff keinen Gebrauch mehr machen werden. Wegen Ihrer bekannten Loyalität gehen wir davon aus, dass Sie dies unterschreiben.“
Während Holt sprach, legte Jörgensen das Dokument vor, unter das Pedersen ohne zu zögern sofort seine Unterschrift setzte. Glücklich verabschiedeten sich die beiden Beamten, betonten noch, dass sie sehr häufig brisante Angelegenheiten dieser Art zu erledigen und dabei selten einen solchen hochgeistigen Menschen wie Pedersen getroffen hätten. Als Pedersen die Tür schloss und den beiden noch lange nachsah, wusste er, dass er ihnen uneingeschränkt Recht geben musste. Als er aber einige Tage später seinem Schwiegersohn von diesem seltsamen Vorfall erzählte, bestätigte auch der diesen Eindruck, fügte jedoch zur großen Überraschung des alten Mannes hinzu, damit habe sich die Weissagung der Agata Volquards endgültig bestätigt.
„Du meinst, dass wir die CAROLINE nicht bekommen werden?“, fragte Pedersen erstaunt. Boye antwortete nicht, sondern sah lange durch Pedersen hindurch.
Was ist nur mit ihm? dachte sich der alte Mann währenddessen.
Boye war zu einem gebrochenen Mann geworden. Pedersen war klar, dass er mit Sieke darüber sprechen musste. Aber wie sollte er das machen?
Oder eher mit Bendix? Konnte man denn da gar nichts machen?
Mit dem ersten Frost begann das Warten auf Bendix Pedersen, der nun wieder mehr als ein und ein halbes Jahr fort gewesen war.
Der kleine Willem konnte sich zwar kaum an den Onkel erinnern, hatte aber von Anders und Lorenz wundervolle Geschichten gehört, die der Grönlandfahrer erlebt hatte. Auch wenn seine Mutter mehrfach darauf hinwies, all dies sei wohl kaum wahr und ihr Bruder liebe es eben, sich solche Geschichten auszudenken, verblieb eine ungebrochene Faszination. So wartete Willem an den Nachmittagen am Hafenausgang und blickte in die Flussmündung, um das Schiff auszumachen, auf dem sein Onkel Bendix nach Hause kommen sollte.
Diese Tage im Jahr 1837 sind für mich vielleicht die wichtigsten meines Lebens. Vielleicht hatte ich Willem schon zuvor einmal in der Stadt gesehen. Doch ohnehin glaube ich ja, mich an nichts vor dieser Begegnung erinnern zu können. Ich glaube, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal mit Willem gesprochen habe.
Ich traf ihn am Hafenausgang, wo früher die Stelzenhäuser gestanden hatten, in denen Johannes Fock seine Kindheit verbracht hatte. Sturmfluten hatten die Bauten weggerissen. Die Reste waren verfeuert worden, und nur einige dicke, vom Salz ausgemergelte Holzstämme standen im rissigen Schlick. Darauf hatte es sich Willem gemütlich gemacht. Schon als kleines Kind hatte er die dunklen, nicht zu bändigenden Haare seines Vaters, durch die kein Kamm kommen wollte. Und seine schwarzen Kinderaugen lagen so tief, dass man annehmen musste, er könne einfach nicht aus dem gleichen Blickwinkel sehen wie wir.
Bootsmann hatte es sich auf einem anderen Holzstumpf noch gemütlicher gemacht. Er lag flach auf dem Bauch. Die kurzen Beine und der runde Kopf aber hingen schlaff neben ihm hinunter. Nichts an ihm bewegte sich, als ich den beiden näher kam. Unser Gespräch verlief sehr kurz, und ich habe es niemals vergessen:
Willem: „Warum siehst du denn so traurig aus?“
Ich: „Ist das da dein Freund?“
Willem: „Ja, das ist Bootsmann.“
Ich: „Ist das ein Hund?“
Willem: „Ja, das ist Bootsmann.“
Ich: „Hast Du noch einen anderen Freund?“
Willem: „Weiß nicht.“
Von diesem Tag an trafen wir drei uns jeden Nachmittag am Hafenausgang. Und so hörte ich mehr und mehr der vielen Geschichten von Bendix Pedersen, auf den wir nun gemeinsam warteten.
Mitte November fläzte sich Bootsmann nicht mehr auf seinem Holzstumpf herum und döste nicht mehr träge in den langweiligen Schlick. Er saß und roch angestrengt in den Nebel, aus dem sich mühevoll eine breite, runde Schmack mit einer Breitfock und Gaffelsegel sowie großen Seitenschwertern löste. Als die Fock fiel, erkannte Willem einen Mann, der aussah wie der alte Pedersen, wie die Mutter und wie Anders, Lorenz und Marin. Denn alle hatten den großen Körper und den großen, roten Kopf, während nur er und seine Schwester Gesche den schmalen Körper und das Aussehen des Vaters besaßen. Auch Bendix erkannte den Jungen sofort an seiner Erscheinung. Die Schmack wurde gut vertäut, nachdem die Seitenruder eingeholt worden waren, und Bendix ging an Land. Willem und Bootsmann flogen auf ihn zu, und sofort bildete sich zwischen Bendix und Willem, die sich eigentlich kaum kannten, eine besondere und untrennbare Einheit.
„Und was bist du für einer?“, fragte Bendix mich mit strahlendem Gesicht.
„Das ist Jacob Smid“, antwortete Willem für mich und murmelte dann kaum hörbar: „Mein Freund.“
So wurde ich Teil dieser großen Einheit.
Ich habe hier keine materielle Erinnerung an Bendix - so wenig wie eine an Bootsmann, kein Bild, nichts. Den Hund nach seinem Tod präparieren zu lassen wäre nicht möglich gewesen und ohnehin auf besonderen Widerstand bei Willem gestoßen. Obwohl es sich nun wirklich gelohnt hätte.
Von Bendix habe ich nicht einmal eine dieser wunderschönen Walschnitzereien. Immer wieder habe ich in der Stadt herumgefragt, ob nicht noch jemand eines dieser kleinen Kunstwerke besitzen und mir verkaufen würde. Tatsächlich sind mir auch kleine Schmuckkästen, Spazierstöcke aus Walknochen und sogar einmal ein Essbesteck aus Walrosszahn angeboten worden. Doch es blieb immer unklar, ob Bendix all das hergestellt hatte. Darauf lege ich nun einmal Wert.
Als ich Willem einmal nach einem Erinnerungsstück von Bendix fragte, brummte er nur: „Was willst du mit dem alten Kram?“ Er schenkte mir seinen Knochenkamm, der nichts mit Bendix zu tun hatte, den er aber ohnehin nicht brauchte. Seitdem aber benutzte ich nur noch diesen Kamm.
Bendix und Bootsmann erfasse ich nur mit diesem schnellen Rückdenken, das eiliger ist als alles andere, was gerade in mir und um mich herum geschieht.
Nach den ersten Tagen der Wiederkehr, in denen Bendix die Verwandten und den Vater besucht hatte, nahm er Quartier bei der Schwester und begann wieder, Boye in der Schlosserei zu helfen. Die Abende aber gehörten Willem, mir und Bootsmann. Bendix lief mit uns am Fluss entlang und beantwortete alle Fragen, die in den letzten Monaten in uns entstanden waren. Er hatte die Ausrüstung der Walfänger so genau zu erklären wie die Proviantliste.
Mit langen Stöcken zeigte er uns, wie man die Harpune auf den Wal warf. Dabei stellte er sich auf das Bug eines kleinen Fischerkahns und starrte, um den Blas des Wals auszumachen, so intensiv auf den Deich, dass Willen, ich und Bootsmann uns langsam hinter dem Rücken des Seemanns verzogen, um nicht von dem Schwanz des Tieres erschlagen zu werden.
Wenn Bendix dann endlich die Widerhaken der Harpune in den Walrücken gerammt hatte, gab er Tau nach, und es wurde sehr ruhig, denn der Wal versuchte jetzt in seinem Schmerz so tief abzutauchen, dass er dabei manchmal den Grund des Meeres rammte. Dann wurde der Zug am Tau geringer, und wir drei sprangen nun doch lieber auf den Fischerkahn, denn jeden Augenblick konnte der Wal aufkommen. Sein Blas war etwa zehn Schiffslängen entfernt, und er begann das Boot schneller und schneller hinter sich herzuziehen. Wir alle hielten uns fest, der Fahrtwind sauste uns um die Ohren, brannte kalt in den Augen und Bendix holte Tau ein, wodurch das Boot dem Wal immer näherkam. Die Schwanzflossen bewegten sich so heftig, dass Wasser in den Kahn eindrang, und Bendix uns auffordern musste zu schöpfen. Dann kam der Augenblick, in dem der Walfänger die Lanzen zur Hand nahm und sie treffsicher tief in den Rücken des Tieres schleuderte. Der Wal war gefangen. Seine Bewegungen wurden langsamer. Er drehte sich zur Seite, versuchte immer wieder und verzweifelt gerade zu liegen. Doch dann starb er. Wir standen fassungslos auf dem Fischerkahn und hatten Tränen in den Augen. Wir alle weinten.
Schließlich gab Bendix den Befehl zu flensen, drückte uns lange Messer in die Hand, und wir bestiegen den Kadaver, um die dicke Speckschicht in lange Streifen zu schneiden und auf das nahe liegende Mutterschiff zu hieven. Willem und ich kochten den Tran aus, und Bendix schnitt die Barten aus dem Tier, das wir dann losmachten, um es in die offene See treiben zu lassen.
Noch in der Dunkelheit saßen wir um das Tranfeuer herum. Bendix hatte immer wieder ausführlich zu erzählen, wie sein Schiff im letzten Winter von zwei riesigen Eisschollen dermaßen eingeklemmt worden war, dass die Spanten krachten und man schon wieder daran denken musste, es zu verlassen und den beschwerlichen Fußmarsch anzutreten. Dann jedoch war das Wunder geschehen. Die Eisschollen hatten das Schiff nicht zerdrückt, sondern waren unter ihm zusammengelaufen, wodurch die Brigg hochgehoben worden und dann leicht seitlich auf die Schollen gekippt war. Das hatte man dann zum Anlass genommen, Außenreparaturen vorzunehmen. Nach Beendigung dieser Arbeit zog die Mannschaft ihre Brigg mit Eisankern und Winden über das Eis ins freie Meer. Dort trafen sie zu ihrer Verwunderung nicht auf einen Grönland-, sondern auf einen Pottwal, der eine Länge von fast dreißig Fuß hatte. Sie erlegten den Wal und öffneten seinen riesigen Kopf, aus dem das Walrat, eine klare, farblose Flüssigkeit ausströmte, die sofort zu weichem Wachs erstarrte. So hatten sie fast eine Tonne dieses kostbaren Stoffes gewonnen, die sie auf der Rückfahrt schon in Hammerfest für viel Geld verkaufen konnten.
Als der Winter über die Stadt kam, Häuser und Straßen in tiefen Schnee legte, wuchsen bald Eisschollen auf dem Fluss, die zunächst langsam mit der Tide hin und her schwammen, sich dann aber auftürmten und eine Landschaft bildeten, an der Bendix uns nun seine gesammelten Nordmeererfahrungen zeigen konnte. Wir hatten das Walfangschiff verlassen müssen und waren auf dem gefährlichen Weg nach Island. Plötzlich tauchte vor uns ein großes Walross auf, das mit seinen imposanten Stoßzähnen eine bedrohliche Angriffshaltung einnahm. Bendix aber warf seine Harpune so geschickt auf das Tier, dass niemandem ernsthaft etwas geschah. Nur Willem war von einer Scholle abgeglitten und mit einem Bein tief ins kalte Wasser gestoßen. Sehr schnell stellten sich Erfrierungen ein, und noch auf dem Weg an Land hatten ich und Bendix dem Jungen ohne Betäubung die Fußzehen zu amputieren. Zuhause machte Sieke uns große Vorwürfe, und Willem spürte, wie schmerzhaft es war, die angefrorene Kleidung über die Wunden zu ziehen. Von diesem Tag an verbot Sieke Spiele dieser Art.
Noch bevor der Petritag kam, hatte Lorenz seine Lehre beendet. So bereitete nicht nur Bendix seine Abreise vor. Auch Lorenz sollte nun die Stadt verlassen und Erfahrungen bei anderen Kleinschmieden sammeln. Da auch Anders kaum noch im Hause war, sondern gerade seine Gelehrtenschulzeit abschloss und sich auf das Studium in Kiel vorbereitete, bemerkte Sieke mit einem Mal, wie schnell sich ihr gemeinsames Haus nun leeren würde.
Am letzten Abend mit Bendix und den ältesten Söhnen saß die Familie noch einmal im engen Wohnzimmer zusammen. Bendix hatte uns schon eine Stunde lang die Geschichte von den verschütteten Gewölben des ehemaligen Stadtschlosses erzählt, die ein fremder Matrose von der Flussseite her durch einen Zufall entdeckt hatte. Dort war er einem vermummten Mann mit einer bunten Feder am Hut und einigen Schwierigkeiten mit dem linken Fuß begegnet, der dem Seemann angeboten hatte, ihm zu großem Glück und zu dem gleichen Reichtum zu verhelfen, wie es der König selbst besitzen würde. Dafür müsse er aber drei Prinzessinnen, die seit mehr als hundert Jahren im Keller eingesperrt waren, befreien und alles, was er vorfinden würde, teilen. Der Matrose erkannte jedoch, dass der vermummte Mann der Teufel selbst war und jagte ihn fort. Dann hörte er drei Frauenstimmen aus den Gewölben, konnte aber nicht näher eindringen. Er ließ sich von dem örtlichen Pastor gründlich segnen und mit einem erhabenen Spruch ausstatten, durch den er bald Zugang zu den wunderschönen Prinzessinnen und einem Schwert bekam, mit dem er einen fürchterlich tobenden Wachhund zu erschlagen hatte, um die kostbaren Schätze der Prinzessinnen erreichen zu können. In dem Augenblick, als er, ohne jedoch den erhabenen Spruch zu sagen, zum Schlag ausholte, verwandelte sich der Hund in einen flehenden Greis, in dem der Seemann seinen eigenen Vater erkannte. Er warf das Schwert fort, floh aus dem Gewölbe und hörte hinter sich das bösartige Lachen des Teufels. Am nächsten Tag wurde er bleich, in verkrampfter Haltung und mit gelähmter Zunge am Eingang gefunden. Drei Tage später starb er an Wahnsinn.
„So hätte es Jaspersen auch gehen können, wenn er weiter nach den Krebsen gegraben hätte“, sagte Sieke daraufhin. „Nur deswegen hat er es damals aufgegeben.“
„Vielleicht war er ja schon bei den Prinzessinnen“, antwortete Bendix daraufhin und erzählte nun auch noch ausführlich die Geschichte von den Krebsen auf dem Marktplatz.
Nachdem Marin allen noch ein Lied vorgesungen hatte, blieb Bendix mit den Erwachsenen allein. Während der gesamten Wintermonate hatte er mit Boye weder über die CAROLINE noch über die Explosion gesprochen. An diesem Abend aber wollte er auf das Thema kommen, ohne zu wissen, dass es tatsächlich auch die letzte Gelegenheit sein würde.
„Wir wissen alle, Boye, dass ich tief in deiner Schuld stehe“, wandte er sich an den ärgerlich abwinkenden Schwager.
„Doch! Ich hätte dich von dem Mahlsand ebenso abhalten können wie von dem Unglück in deinem Garten. Was bleibt, ist ein großer Schuldenberg, eine ungenutzte Pumpe am Hafen und ein verwüsteter Garten. Aber auch ein toter Johannes Fock. An vielen Dingen kann ich heute nichts mehr ändern. Nur die Schulden kann ich helfen abzubauen.“
Sieke wollte in das Gespräch eingreifen, doch Bendix ließ sich nicht unterbrechen.
„Mit meinen Nordmeerfahrten habe ich wenig dazu beitragen können, weil der Ertrag immer geringer wird. Deshalb habe ich mich entschlossen, nicht mehr bei den hiesigen Fangschiffen anzuheuern, die nur auf den Grönlandwal aber nicht auf den Pottwal gehen. Der Pottwal wird von nordamerikanischen Schiffen gejagt. Die befahren den gesamten Atlantik von Afrika bis Südamerika und können sehr lange auf See bleiben. Der Speck wird an Bord ausgekocht und das gewonnene Öl mit anderen Schiffen in die Heimat gebracht. Ich werde mindestens fünf Jahre wegbleiben und Dir dann meine Schulden bezahlen.“
Boye blieb stumm, doch Sieke protestierte wortgewaltig und forderte ihren Mann auf zu widersprechen. Boye senkte jedoch seinen ergrauten Kopf und fand auch am nächsten Tag kein Abschiedswort.
Als auch Lorenz das Haus verlassen hatte und Boye allein in der Werkstatt weiterarbeitete, stellte er das Sprechen ganz ein. In dieser Zeit begann Marin damit, jeden Nachmittag in die Werkstatt des Vaters zu gehen und dort ungefragt manchmal nur wenige Minuten, manchmal fast eine Stunde lang leise zu singen.
Sieke wurde nun zur Vermittlerin zwischen Boye und seinen Auftraggebern. Sorgenvoll beobachtete sie den Zustand ihres Mannes, sprach mit ihm wie vorher und glaubte, nach einigen Wochen würde sich alles wieder verändern. Doch Boye sprach nie mehr. In wenigen Monaten wurde sein Haar, das ihm nun lang über die Schulter fiel, weiß. Nur die dichten Augenbrauen blieben dunkel. Erst jetzt lernte Sieke, wie die einzelnen Arbeitsabläufe in der Schlosserei aussahen, lernte die Wörter für die Werkzeuge und für die vielen verschiedenen Produkte, die Boye herstellte, denn sie war noch nie in ihrem Leben so viel mit ihrem Mann zusammen wie jetzt, da er sprachlos geworden war. Sie lernte, den Auftraggebern mögliche Probleme in der Werkstatt zu erklären und lernte auch, Boye zu erklären, was er genau herzustellen hatte.
Sie sprach mit ihrem Mann zärtlich und manchmal andächtig wie mit einem Kind. Boye verständigte sich mit ihr nur noch durch seine Augen, denen sie ablas, ob er ein Ja oder ein Nein, ein Vielleicht oder ein Später meinte. Siekes Bitte, doch einen Arzt aufzusuchen, beantwortete er mit einem entschiedenen Augen-Nein.
Marin erhielt auf ihren Gesang ein Augen-Danke. Willem lernte die Augensprache besser als alle anderen, und so unterhielt er sich mit ihm beim gemeinsamen Essen über die ersten Lernerfolge in der Schule, über mich oder über die älteren Brüder und Bendix. Auch mit mir übte Willem nach diesen Erfolgen fleißig die Augensprache, was jedoch oft in Albernheiten endete, weil sich bei uns wundervolle Missverständnisse einschlichen, wenn wir uns aus Versehen versprochen hatten.
Gesche allerdings wich dem Vater aus. Boye, konnte zu seiner Tochter, die damit begann, jeden Tag mehrere Stunden zu malen, keinen Zugang mehr finden. Das Malen allerdings wurde von kaum jemandem ernst genommen und beachtet, denn Gesche benutzte weniger Kohle oder Ölfarben für ihre Arbeit als vielmehr alles andere, was sie finden konnte und was Farbe von sich gab wie unreife Walnussfrüchte, Gewürze, reifes Gemüse, aber auch Blätter und Rinden der Bäume, tierisches Blut, Schlick oder einfach Dreck, den sie im Haus oder in der Schlosserei fand. Die Farben pinselte sie nicht nur auf das Papier, sondern drückte, kratzte oder zerrieb sie. Die Bilder, die dann entstanden, sahen schließlich nicht aus wie Bilder, die man in gewohnter Weise zu sehen bekam. Man erkannte keine Menschen, Bäume oder Landschaften, sondern sah Kreise und andere geometrische Figuren, die ineinander verschlungen und manchmal durch derbe Farbstriche zerstört waren. Die wenigen Bilder, die Gesche verschenkte, wurden meist freundlich entgegengenommen und verschwanden dann irgendwo. Fast niemand hängte sich Gesches Bilder mit Namen wie Gestern zurück oder Da ist es an die Wände.
Jaspersen hatte von dieser seltsamen Leidenschaft des Mädchens erfahren und bei einem Besuch Siekes in der Apotheke darum gebeten, doch einmal diese Bilder sehen zu können. Wenige Tage später war Gesche mit einer großen Mappe vorbeigekommen, hatte etwa zehn Bilder vorgezeigt und zum Erstaunen aller in Jaspersen einen Interessenten für sämtliche Bilder gefunden. Doch ebenfalls zum großen Erstaunen hatte Gesche sich geweigert, die Bilder abzugeben und Jaspersen erst nach dessen langem Bitten ein Bild mit dem Namen Kleine Schritte zu mir überlassen.
Auf diesem Bild war mit hellen Naturfarben eine Anordnung verschiedener Spiralen dargestellt, die aus einem tiefroten Raum heraustraten. Jaspersen versprach, das Bild nicht in der Hölle, sondern an einem sicheren Ort aufzuhängen. Gesche erhielt so viel Geld dafür, dass sie sich eine Tüte Safran, neue Bögen Papier und ein großes Stück Leinen kaufen konnte.
Was diese Angelegenheit betraf, wurde der Apotheker auch nicht von seinen engsten Freunden und Bekannten verstanden, hatte er doch erfolgreich einen größeren Kreis von Bürgern um sich gesammelt, die miteinander verband, dass sie, wie sie sagten, uneingeschränkt königstreu seien. Die unregelmäßigen Zusammenkünfte, die man Frederiks-Treffen nannte, fanden im Wintergarten des Apothekerhauses statt, wo auch Kleine Schritte zu mir aufgehängt worden war. Die Hölle hatte sich bis dort nur wenig ausgebreitet. Unter den Gästen war der Zollinspektor Christian Gülting mit zwei Zollassistenten. Gülting, mit schwarzem, angeklebtem Haar und einem ebenso angeklebten Schnurrbart, hatte zuvor seinen Dienst an der Elbe getan und war ein weit gereister Mann.
Im Gegensatz zu den anderen beherrschte er außer Deutsch und Dänisch noch weitere Sprachen und kannte Europa weitaus besser als der neue Navigationslehrer, Kapitän-Leutnant Middeloe, ein drahtiger Mann von der Ostsee mit einem ungewöhnlichen Bart.
Unter den Gästen befand sich aber auch der alte Postmeister Nonne Fynn, mit seinem stets strengen Gesicht. Er war besonders klein und so sehnig wie Middeloe. Er hatte Haarstoppel, die im Gesicht und auf dem Kopf immer gleich, dünn und blond waren. Außerdem gehörte zu der Runde häufig ein Landgerichts- und ein Untergerichtsadvokat.
Auch Klaasen kam dazu, wenn auch er sich nur selten aktiv an den Gesprächen beteiligte.
Trotz der vorgegebenen Einheit bestand die Gruppe aus zwei verschiedenen Fraktionen.
Beide verband die Ablehnung der deutschen Staaten, der deutschen Kultur und ihrer Sprache, wenn auch Jaspersen noch Sympathien für einige Oppositionelle in diesen Staaten hegte. Der Kreis um Jasper Jaspersen sprach sich für eine mögliche Ausgrenzung Holsteins aus dem dänischen Königreich aus, das sich seiner Meinung nach eher nach Skandinavien als nach den deutschen Kleinstaaten orientieren sollte. Die neuen Gesetze und darunter auch die Lockerung der Pressezensur wurden von diesem Personenkreis begrüßt.
Die andere Gruppe um den alten Postmeister verfolgte vehement die totale Eingliederung auch Holsteins in den Gesamtstaat und die Aufrechterhaltung des alten dänischen Mehrvölkerstaats. Die neuen Gesetze und besonders die neue Verwaltungsbehörde der Herzogtümer in Gottorf, die sich Regierung nennen durfte, wurden von dieser Gruppe abgelehnt.
Das brachte Klaasen in einer zufälligen Gesprächspause zu dem Einwand, diese politischen Entscheidungen seien vom König selbst getroffen worden, und als treuer Anhänger des Königs müsse man es doch billigen. Das wurde jedoch mit einem Stimmengewirr beantwortet, aus dem heraus sich endlich die des Apothekers behaupten konnte, der dem Pastor sein Bedauern darüber aussprach, dass der noch nicht bemerkt habe, auf welche unglaubliche Weise der König zu dieser Entscheidung, die zwar seiner Meinung nach nicht unbedingt falsch sei, gezwungen worden sei.
„Der Deutsche Bund steht dahinter. Von dort kam die Forderung nach einer Standesverfassung. Aus den deutschen Staaten. Und warum? Klaasen? Warum? Nicht weil es richtig ist. Weil sie Holstein wollen und Schleswig gleich dazu. Daran wird gearbeitet. Seit Jahren gearbeitet. Lesen Sie das Pamphlet von Lornsen, der nach Brasilien floh und dort auch nicht sein Glück fand. Lesen Sie es, und Sie wissen, warum er aus unserem Land verstoßen wurde und sich nun gerade fern seiner Heimat das Leben nehmen musste. Doch Schleswig gehört zu Dänemark. Zu unserem skandinavischen Bündnis.“
Nun war Jaspersen nicht mehr zu halten. Er griff ein Buch aus seiner Bibliothek, die durch die Erweiterung der Hölle in den Wintergarten verlegt worden war.
„Kennen Sie Rasmus Rask?“, brüllte er den Pastor an und hielt ihm das Buch direkt vor das Gesicht. Es entstand eine lange Gesprächspause, in der Klaasen die Schrift auf dem Buchdeckel so dicht vor Augen hatte, dass sie vor ihm verschwamm.
„Die deutschen Professoren tun gerade so, als seien Deutsch und Dänisch das Gleiche. Falsch, schreibt Rask. Die nordischen Sprachen sind Teil einer selbständigen Sprachfamilie.“
Er warf Klaasen das Buch in den Schoss und griff nun lateinische Bücher seines Vaters aus den Regalen, um sie abfällig in den Raum zu werfen.
„Das hier brauchen wir nicht. Warum lateinische Bücher, wenn wir die altnordische Sprache haben? Und warum sollen unsere Kinder Deutsch lernen und nicht Dänisch? Wir sollten unsere Treffen dazu nutzen, den Gedanken Grundtvigs zu folgen. Auch in diesem Landstrich des Königs ist die nordische Sprache, vor allem aber unsere Muttersprache sowie unsere dänische Kultur tief in den Herzen zu verankern. Aus unserer Mitte haben wir eine Schule für das Volk zu errichten, die diese Gedanken in die Tat umzusetzen hat. Gründen wir eine Schule im Sinne Grundtvigs, meine Herren!“
Erschöpft ließ sich der Apotheker vor dem verstummten Pastor auf einen Stuhl fallen. Das Frederiks-Treffen hatte sich nun mit seinen Ausführungen zu beschäftigen, und Jaspersen hörte abwartend zu, denn nur so konnte er aufmerksam die Früchte seines Beitrags einsammeln.
Als sich aber schließlich das Gespräch nicht weiter entwickelte und sich nur um die Frage drehte, ob auch in der altnordischen Sprache die Errungenschaften der Philosophie, Medizin und Astronomie dargestellt seien oder ob dies zunächst einmal auf das Altnordische übersetzt werden müsse, ob man mit der Sprache diese Errungenschaften aufzugeben habe und Gleiches in der nordischen Kultur zu finden sei, sah Jaspersen den Zeitpunkt gekommen, allem eine zweite für den Abend überraschende Wendung zu geben.
Feierlich trat er zurück in sein Haus und kam nach wenigen Sekunden mit einer Zeitung wieder in die nun respektvoll schweigende und abwartende Runde.
„In diesem Jahr, meine Herren, sind zwei große Taten vollbracht worden. Die neue Zollverordnung des Königs, die die politische Grenze unseres Landes mit der Zollgrenze gleichsetzt und Betrug und Schmuggel auch in diesem Landstrich verhindert. Das ist das eine. Das andere aber halte ich hier in meiner Hand. Es ist eine erste dänische Wochenschrift: Dannevirke ! Diese Zeitschrift ist unter Beistand unseres Thronfolgers in Haderslev gegründet worden und spricht den königstreuen Dänen aus dem Herzen. Damit haben wir endlich ein Gegenstück zur Sprache der Kieler Professoren und zu ihrem Pamphlet, das sie Lyna nennen.“
Dafür erntete Jaspersen anerkennenden Beifall, an dem sich auch Klaasen beteiligte.
Alle besahen sich die neue Zeitschrift, auf deren Kopf eine uneinnehmbare Burg mit dem Dannebrog auf einem hohen Turm neben einer aufgehenden Sonne abgebildet war. „Et Ugeblad for Hertugdömmet Slesvig“ stand darunter. Eine Schule aber wurde an diesem Abend nicht gegründet, und am nächsten Tag sortierte Jaspersen die lateinischen Bücher wieder ordentlich in die Regale.
Einige Wochen später hatte Sieke in die Apotheke zu gehen, um neue Konstruktionszeichnungen für die Hölle abzuholen und sich Details erklären zu lassen.
„Ich habe gehört, Ihr Sohn studiert jetzt Juristik in Kiel, Frau Deletre“, begrüßte Jaspersen Sieke in seinem fleckigen und durchlöcherten Kittel.
„Da haben Sie wohl noch viel vor mit dem jungen Mann. Aber seien Sie achtsam. In Kiel kann er schnell auch schlechten Einflüssen unterliegen. Es gibt dort einige Professoren, die sich ganz offen gegen unser Königreich hervortun.“
Sieke verstand überhaupt nicht, wovon der Apotheker sprach - aber sie verstand den Mann aus verschiedenen Gründen ja ohnehin nicht. Jaspersen jedoch wollte nicht weiter auf das Gesagte eingehen und nannte ihr nur zwei Namen Kieler Professoren, die er vertrauenswürdig fand.
„Wenn Sie sich die Namen merken können, Frau Deletre, dann sagen Sie Ihrem Sohn, an diese beiden soll er sich halten. Dann ist er in guten Händen.“
Sieke versprach etwas verwirrt, dies Anders auszurichten, wenn er wiederkäme, und schrieb sich zu Hause die Namen auf.
Die beiden ältesten Söhne kamen jedoch das gesamte Jahr hindurch nicht nach Hause. Ihren Briefen konnte Sieke entnehmen, dass Anders mit großem Interesse studierte und sich mit Lorenz in Kiel zeitweise ein Zimmer geteilt hatte. Dann war Lorenz aber weitergezogen, hatte in Lübeck gearbeitet und zum Jahresende in der Tuchfabrik eine Anstellung gefunden, die Boye und Bendix vor einigen Jahren einmal aufsuchen wollten, um dort die Funktion der Dampfmaschine zu studieren.
Erst im Sommer des Jahres 1841 kehrte Anders für einige Wochen nach Hause zurück, bevor er für einige Semester nach Göttingen wechseln wollte. An einem Wochenende besuchte auch Lorenz die Familie, denn er arbeitete gerade in einer nahegelegenen Stadt auf der Geest.
Die gesamte Familie außer Bendix war zusammen und feierte dies gemeinsam mit dem alten Pedersen und dem alten Bootsmann an einem Sonntagnachmittag bei einem großen Kaffeekranz im Schlossergarten wie vor vielen Jahren, als die SCHLESWIG-HOLSTEIN eingeweiht worden war. Boye saß stumm am Kopfende der Tafel und erklärte Willem und mir sehr umständlich mit seiner Augensprache das Fangen von Aalen mithilfe einer Reuse, während Anders vergeblich die Aufmerksamkeit seines Vaters erringen wollte, indem er Pedersen laut von einem Friedrich List erzählte und von dem Bau einer Eisenbahnlinie, die von Dresden nach Leipzig führte.
„Da sind sie endlich“, rief er seinem Großvater sehr laut zu, „die dampfbetriebene Wagen. Man steigt hinein und ohne einen Peitschenhieb bewegen sie sich auf den Eisen. Bewegen sich von einer großen Stadt zur anderen.“
„Ihr lasst das Netz ganz langsam auf den Grund gleiten und wartet einige Minuten“, führte Boye aus. „Genauso langsam zieht Ihr es wieder herauf. Am besten ist es natürlich, wenn das Tau, an dem das Netzkreuz hängt, über eine Winde läuft. So könnt Ihr es gleichmäßig hochziehen.“
„Die Zukunft gehört dem Dampf“, brüllte Pedersen zu Lorenz und Sieke hinüber und fügte unter bedrohlichem Kopfschütteln seiner Tochter hinzu: „Das habe ich schon damals gesagt. Hier, in diesem Garten, habe ich das gesagt. Und es hat gestimmt.“
Nun wandte er sich direkt an den abwesenden Boye, ohne den strengen Blick seiner Tochter Sieke zu bemerken: „Du hättest nicht aufgeben dürfen, mein Junge. Ich habe gehört, es wird bei uns bald ein Dampfschiff geben. Und vielleicht gäbe es diese Eisenbahn auch schon in unserer Stadt, wenn du durchgehalten hättest.“
Pedersen wartete einen Augenblick still auf eine Antwort von Boye, bis er einsehen musste, dass er das, was ohne sein Wissen ein Gespräch seines Schwiegersohns war, nicht unterbrochen hatte.
Mit seinen schwarzen Augen schilderte Boye den Jungen, wie viele Aale sich in manchen Nächten beim Licht einer kleinen Lampe in der Reuse verfangen würden.
„Friedrich List“, fügte Anders dann in aller Ruhe hinzu, „möchte ein Eisenbahnnetz im gesamten Deutschen Bund errichten lassen. Und da jetzt die Zollgrenzen fallen, scheint er mir diesem Ziel deutlich näher gekommen zu sein.“
„Aber sicher ist er das“, antwortete Pedersen. „Er ist ein Mann mit Visionen. Ein Mann mit Visionen. Es wird sein wie in England. Es wird auf der ganzen Welt so sein. Auch bei uns. Es wird ein dichtes Netz dieser Eisenwege geben, und der Dampf wird alles bewegen.“
Bei dem Wort „Visionen“ hatte Boye seine Ausführungen gerade beendet. Er stand auf, verließ still den Garten und nahm auch nicht an den Gesängen teil, die Marin anstimmte. Bootsmann begleitete Boye.
Lorenz trennte sich am nächsten Morgen wieder von seiner Familie. Er fuhr nach Leipzig.
Anders blieb den gesamten Sommer. Er hielt sich fast ausschließlich in der Bibliothek seines Großvaters auf. Dort hatte er das neu erschienene Buch Friedrich Lists Das nationale System der politischen Ökonomie entdeckt und in wenigen Tagen durchgelesen. Dieser Sommer veränderte Anders mehr als das gesamte bisherige Studium. Der Großvater nahm keinen Einfluss auf ihn, empfahl ihm keine Literatur, sprach ihn nicht auf das Gelesene an, sondern bemerkte nur unauffällig, welches Buch sich der Enkel gerade genommen hatte, um sich vor ein offenes Fenster zu setzen und beim Geruch des gemähten Heus und dem leisen Rauschen des Windes in den dichten Erlen in ein neues Denken einzutauchen. Er las Bücher wie Ueber nordische Dichtkunst , Über Volkstümlichkeit und Staatsrecht des Herzogthums Schleswig nebst Blicken auf den ganzen dänischen Staa t sowie Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen aber auch Lornsens Flugschrift Über das Verfassungswerk in Schleswigholstein und weitere Schriften.
An den Abenden erzählte er nur Sieke und seiner erst 13-jährigen Schwester Marin von seinen Gedanken. Das Mädchen schien alles, was ihr ältester Bruder sagte, in sich aufzusaugen, während Sieke dem ein wenig skeptisch gegenüberstand. Die Gedanken des Studenten sponnen sich in diesen Wochen langsam zu einem System zusammen, und in der Küche, wenn Boye, Gesche und Willem schon lange schliefen, erklärte er Marin, warum diese Stadt, in der sie lebten, so wichtig für die Zukunft aller Dänen und Deutschen sei, weil sie zwischen Schleswig und Holstein an einem Scheidepunkt läge.
„Und eines“, führte er dann in einem langen Monolog aus, „will wohl immer noch niemand verstehen: Dänen und Deutsche - wir brauchen uns, denn wir sind aus einer Wurzel. Es gibt nicht diesen Unterschied. Es gibt ihn nur ein wenig in der Sprache. Das ist der einzige Unterschied in unserer Kultur. Ansonsten sind wir aus Einem und gehören zusammen. Mit den Niederlanden gehören wir in einen großen germanischen Bund und werden zu einer großen germanischen Nation werden.“
Am Ende dieses Sommers verabschiedete sich Anders von seinem Großvater in dessen Bibliothek und dankte ihm dafür, dass er die Möglichkeit bekommen hatte, so viele und interessante Bücher lesen zu können.
„Mir schien es, als wärst Du besonders begeistert von Friedrich List gewesen“, eröffnete der alte Mann das Gespräch über das Gelesene.
„Ein Freund hat mir einen Artikel von ihm geschickt, in dem List nachweist, dass die Deutschen Dänemark wegen seiner großen Flotte zur Verteidigung des deutschen Handels brauchen und dass die Dänen wiederum in einen deutschen Zollverein eintreten sollten.“
„Vielleicht“, antwortete Anders, „sind es die ökonomischen Zwänge, die uns zusammenführen werden. Es wird endgültig zusammenkommen, was zusammengehört.“
Dem hatte Pedersen nichts mehr hinzuzufügen. Dennoch bemerkte Anders, dass sein Großvater noch etwas auf dem Herzen hatte, und fragte geradeheraus, was es denn sei.
„Wann wirst Du wiederkommen?“, fragte der alte Mann.
Anders erkannte mit einem Mal, dass neben allen Themen, die er mit seinem Großvater besprochen hatte, niemals ein persönliches Gespräch geführt worden war. Sie waren gute Bekannte, vielleicht Freunde geworden, die die gleichen Interessen hatten und auf einer gleichen Ebenen miteinander sprechen konnten.
Doch dieser alte Mann, dachte Anders mit einem Mal, ist auch mein Großvater, ein Mann, der jetzt 80 Jahre alt ist und vielleicht nicht mehr lange zu leben hat. Ein Abschied jetzt konnte ein Abschied für immer sein.
Anders schossen die Tränen in die Augen, und er blickte aus dem Fenster, um es seinen Großvater nicht merken zu lassen.
„Wahrscheinlich kann ich erst nach dem Examen aus Göttingen zurück sein“, antwortete er leise. „Im nächsten Winter.“
Doch Pedersen freute sich laut über diese Nachricht und wies überraschend darauf hin, dass ein Brief von Bendix angekommen sei, in dem er eine erneute Rückkehr auch für den nächsten Winter angekündigt hatte.
„Dann sind seine fünf Jahre rum, und wir werden alle wieder zusammen sein und auch Lorenz eine Nachricht zukommen lassen. Denn dann geht Ihr wieder raus zur CAROLINE. Es wird höchste Zeit, dass wir sie aus dem verdammten Mahlsand rausholen. Willem nehmt Ihr auch mit. Und meinetwegen auch seinen Freund, den Smid. Die sind ohnehin unzertrennlich.“
Beim Frederiks-Treffen in der Hölle waren in der Zwischenzeit einige wesentliche Entscheidungen gefallen. Ein junger Handwerker aus Svendborg, Gustav Simonsson, war in den Kreis aufgenommen worden, weil er dadurch aufgefallen war, dass er ausschließlich Dänisch sprach - ob er nun verstanden wurde oder nicht. Diese konsequente Haltung hatte großen Respekt bei Jaspersen, aber auch beim alten Postmeister geweckt.
Simonsson, der erst seit Kurzem in einer kleinen Schmiede unweit der Stadt arbeitete, war eigentlich in Island aufgewachsen. Jaspersen hatte noch niemals jemanden kennengelernt, der von dieser fernen Insel kam.
„Island“, sagte er verträumt, „die Welt der nordischen Sagen und Helden. Dort“, wandte er sich an Simonsson, „lebt die nordische Geschichte in jedem Stein.“
Simonsson sah das etwas nüchterner. Er war in Eyyarbakki, einem kleinen, etwas trostlosen Handelsort an der Südküste, geboren worden. Sein Vater, Simon Thoms, eigentlich aus Jütland, war an diesem Handelsposten beschäftigt gewesen, hatte eine Isländerin geheiratet und über die Jahre viele Sitten angenommen. So wurde sein Sohn Gustav nach ihm selbst benannt. Und alle nachfolgenden Töchter hießen nach seiner Frau Gislar, Gislardottir.
Simonsson war Jaspersen auch aufgefallen, weil er sich von ihm alles Schriftliche auslieh, was aktuell gedruckt und dem Apotheker zugeschickt wurde.
„Wir brauchen junge Leute wie Sie in unserer Runde“, hatte Jaspersen ihm erläutert, „denn ehrlich gesagt ist es so, dass die anderen nicht nur das Neue nicht lesen. Sie bilden sich überhaupt nicht weiter. Doch darin besteht ja gerade der Sinn unseres Treffens. Wie können wir Grundtvigs Ideen umsetzen, wenn unser Kreis aus ungebildeten Leuten besteht? Und ganz bewusst schließe ich an vorderster Stelle Pastor Klaasen damit ein.“
So kam ein einfacher Handwerksgeselle schon nach wenigen Monaten zu der Ehre, mit den angesehensten Bürgern der Stadt ein Treffen zu veranstalten und dabei schon zu Beginn an einer außerordentlich wichtigen Entscheidung beteiligt zu sein, nämlich ob das Treffen in Zukunft weiterhin Frederiks-Treffen oder Christians-Treffen heißen sollte.
Schon 1839 war König Friedrich VI. gestorben, und sein Vetter Christian VIII. hatte den Thron bestiegen.
Während die Fraktion um den alten Postmeister unter Hurra-Rufen Pastor Klaasens die Meinung vertrat, neben dem erpresserischen Einfluss des Deutschen Bundes sei es auch die besondere Schwäche des verstorbenen Königs gewesen, dass es nun Ständeversammlungen und sogar eine sogenannte schleswig-holsteinische Regierung gäbe, wies die Gruppe um Jaspersen darauf hin, dass nicht Schwäche, sondern Einsicht und Weisheit Frederik zu diesen Entscheidungen geführt hätten.
„Man muss sich an den modernen Entwicklungen orientieren“, betonte Jaspersen. „Die Geschichte hat ihren Lauf, und es ist falsch, sich gegen alles und jeden zu stellen.“
Dieser Redebeitrag endete in einem aufruhrähnlichen Rufen und unbändigen Gebrüll aller Beteiligten, wobei niemand mehr den anderen verstand und sich zeitweilig alle gegen den verdutzten Klaasen wandten, der dies überhaupt nicht begriff, weil er doch gar keinen und auch keinen weiterführenden oder parteiergreifenden Redebeitrag geliefert hatte und weil ihn doch ohnehin niemand verstanden hätte, wenn er eine wohin auch immer abweichende Meinung geäußert hätte.
Schließlich übertönte Gustav Simonsson erfolgreich das Durcheinander, indem er in die wild gestikulierende Gruppe schrie: „Ist Dänemark ein Admiralitätsstaat?“
Sofort trat Ruhe ein. Man suchte sich wieder seinen Platz und sein Glas, und aus dem allertiefsten Punkt des Schweigens hörte man unerwartet Pastor Klaasen sprechen: „Aber selbstverständlich.“
Das brachte sofort Jaspersen auf den Plan, der nun ziemlich salopp fragte, warum denn das nach Meinung des Pastors selbstverständlich sei. Klaasen, der wie alle außer Simonsson immer noch nicht die besondere Gemeinheit dieser Frage bemerkte, stellte nun ausführlich dar, dass Dänemark im Gegensatz zu vielen anderen Staaten über eine nun wieder aufgebaute Flotte verfüge und damit auch über außerordentlich viele Admiräle, die wegen der politischen und militärischen Bedeutung der Flotte auch eine ganz besondere Bedeutung im dänischen Staat hätten.
„Da sehen Sie's“, wandte sich Jaspersen nun vor allen an Simonsson. „Wie sollen wir mit diesem Defizit an Bildung, mit dieser selbstgefälligen Ignoranz auch nur im Ansatz“, und nun erhob sich die Stimme des Apothekers zu einem pfeifenden, schrillen Ton, „eine Volkshochschule im Sinne Grundtvigs aufbauen?“
In einer kleinen Pause, in der sich alle außer Simonsson und Jaspersen fragten, um was es hier eigentlich ging und was wohl als Nächstes geschehen würde, ging der Apotheker vor seinen Gästen Kräfte sammelnd auf und ab, um dann mit einem kleinen Vortrag anzuheben:
„Es gibt da einige Herren südlich unserer Grenzen, die mit der Theorie einkaufen gehen, Dänemark sei wegen seiner Flotte ein idealer Partner eines germanischen Großreichs. Wie ein Magnet, meinen diese Herren, würde unser Land von diesen 40 Millionen Großgermanen angezogen werden. Die Flotte, die diesen Großgermanen ja fehlt und die unser Land unter unserem König Frederik unter großen Entbehrungen nach der Zerstörung durch die Engländer wiederaufgebaut hat, diese Flotte, meinen diese Herren nun, sei es, was sie brauchen. Deshalb nennen sie unseren Staat abfällig einen Admiralitätsstaat. Und sie meinen zusätzlich, wir müssten uns schnell für sie entscheiden, sonst würden sie uns nämlich bald an den Rand des Abgrunds bringen. Doch wir dürfen uns wohl noch frei entscheiden, mit wem wir gehen, meine Herren.
Wir gehen mit Christian wie zuvor mit Frederik, der uns vor diesen Leuten beschützt hat. Und so zollen wir Friedrich die Ehre, unser Treffen weiterhin nach ihm zu benennen.“
Alle standen feierlich auf, prosteten sich zu und sagten zueinander: „Auf König Frederik und König Christian!“
Damit war eine wesentliche Entscheidung unter Mithilfe des neuen Mitglieds Gustav Simonsson gefällt worden.
Einige Wochen später stand Jaspersen in der Tür zur Schlosserei. Bootsmann, der nun meist in der Werkstatt war und dicht am Feuer lag, sah kurz auf. Auch Boye blickte von der Arbeit auf und warf dem Apotheker einen Guten-Tag hin. Jaspersen wusste zwar, dass der Schlosser sehr wortkarg geworden war, konnte sich aber nicht erklären, warum er überhaupt nicht sprach. Schließlich überging er diese Peinlichkeit und bemühte sich um ein Gespräch, bei dem Boye möglichst nicht antworten musste: „Ach, ich seh schon, mein guter Deletre, dass Sie wirklich viel Arbeit haben.“
Boye sah ihn an und antwortete, er sei froh, wenn er genügend Aufträge bekäme.
„Das letzte Feuer hat ja auch viel in meinem Laboratorium zerstört. Hier also entstehen die Apparaturen und Halterungen, die Sie mir bauen. Ah, und dies soll sicherlich die Kippvorrichtung werden, über die ich schon mit Ihrer Frau gesprochen habe.“
Jaspersen hielt ein Eisengestänge in der Hand, und Boye machte ihm deutlich, dass die Vorrichtung schon am Abend fertig sein könne, wenn der Apotheker sie wirklich so schnell brauche.
„Wäre es unverschämt, Herr Deletre, wenn ich die Kippvorrichtung schon heute Abend bekommen würde? Ich meine, das ist nicht so abgesprochen mit Ihrer Frau. Aber es würde mich doch außerordentlich freuen. ... Sie sollten sich einen Gesellen nehmen, solange Ihr Sohn in der Fremde arbeitet, Deletre.“
Boye stand vor seinem Feuer, in das er gerade ein Scharnier hielt und sah sich fragend zu dem Apotheker um.
„Na ja, ich meine nur, das wäre auch gut für Sie und Ihre Familie.“
Der Schlosser begann Jaspersen zu erklären, dass er zurzeit ganz gut zurechtkäme.
„Und sehen Sie, da habe ich gerade zufällig einen guten Mann an der Hand. Soll er sich denn mal bei Ihnen vorstellen?“
Nochmals wollte Boye erklären, dass er gut zurechtkäme, als Jaspersen aber das Thema wechselte: „Sagen Sie, Deletre, Ihre Tochter, könnten Sie nicht einmal mit ihr sprechen, dass sie mir noch das eine oder andere Bild überlässt?“
Boye musste an dieser Stelle ganz offen darauf hinweisen, dass er die Malerei seiner Tochter für großen Unsinn hielt.
„Sie sind doch in ihrem Fach auch schon fast ein Künstler, Deletre. Sie werden doch am besten verstehen, was sie uns mit ihren Bildern sagen will. Ich verlass´ mich da ganz auf Sie. Zwei, drei Bilder. Ich zahle ja auch dafür.“
Als Boye sich wieder seinem Feuer zuwandte, verließ der Apotheker die Werkstatt fröhlich und wunderte sich nur ein wenig, dass der griesgrämige Handwerker nicht einmal den Abschiedsgruß erwidert hatte.
Aber der war ihm ja schon immer etwas suspekt gewesen. Eigentlich sei aber die gesamte Familie etwas eigenartig. Und dabei müsse man diesen Pedersen miteinschließen. Völlig undurchschaubar sei dieser Mann. Oder würde er zu Recht auch von höchsten Kreisen so verehrt? Gut, man kenne sich kaum. Und diese eine Möglichkeit damals. Da gab es dann die Unterbrechung durch diese eigenartige Krebssache. War schon sehr außergewöhnlich damals. Heute komme einem das schon fast wie ein Traum vor.
Na, und Anders Deletre? Den hat man ja auch kaum kennengelernt. Sollte mal mit ihm sprechen, wenn er wieder hier ist. Hab´ganz vergessen zu fragen, wann der mal wiederkommt. Studiert jetzt in Göttingen. Von dort hört man ja auch keine guten Sachen. War Dahlmann nicht in Göttingen? Klar. Ja, und die Brüder Grimm. Sind dort alle suspendiert worden. Recht so. Nur die kleine Gesche ist anders. Na ja, so weit man den Rest kennt. Eigenartige Bilder. Auch irgendwie eigenartig. Auch der Hund.
Noch am späten Abend brachte Sieke die Kippvorrichtung mit Willems Hilfe zur Apotheke. Auf dem Weg kamen ihnen stumm Leute entgegen, die in Richtung des Hafens eilten. Jaspersen stand in seiner Eingangstür, denn er wollte gerade das Haus verlassen.
„Es ist nett von Ihnen, Frau Deletre, dass Sie an solch einem unheimlichen Abend noch vorbeikommen“, flüsterte er etwas verkrampft, ohne Willem zu beachten. Erst jetzt bemerkten Sieke und Willem, dass mit diesem Winterabend etwas nicht stimmte. Der Mond stand voll und außergewöhnlich groß über der Stadt und erleuchtete bei wolkenlosem Himmel jeden Winkel, und alles warf lange, gut sichtbare Schatten. Zusätzlich war es aber absolut still, sodass der gerade gesprochene Satz Jaspersens wie aus weiter Ferne zu kommen schien.
Er nahm ihnen das eiserne Gestell ab und versuchte, es durch die offene Eingangstür zu manövrieren. Dabei stieß er gegen die Tür, und das Geräusch, das dadurch verursacht wurde, drang wie eine schmerzhafte Explosion durch die Straßen und wehte von den Häusern zurück.
Mit einem entschuldigenden Blick verschloss der Apotheker seine kunstvoll geschnitzte Eingangstür, wies flüsternd darauf hin, dass er gerade auf dem Wege zum Hafen sei und schlich davon.
Einen Augenblick warteten Sieke und Willem noch etwas verwirrt und begannen dann schweigend, ohne gemeinsame Absprache, ebenfalls den Weg zum Hafen, ohne zu wissen, warum.
Viele Menschen warteten dort schon, sahen ins Hafenbecken, sprachen aber kein Wort miteinander. Das Mondlicht spiegelte sich im Schlick, und mit einem Mal sahen es auch Sieke und Willem: Obwohl bei Vollmond eher eine Springtide zu erwarten war, gab es kein Wasser mehr und alle Schiffe und kleineren Boote lagen leicht gekippt auf dem Trockenen. Es knisterte leise im Schlick, und an höheren Stellen, wo das Wasser zuerst abgeflossen war, wurde die Oberfläche des Schlickes schon stumpfer. Dennoch war es kein schwarzer Schlick, sondern es sah durch das Mondlicht aus wie eine Schneelandschaft, obwohl jeder wusste, dass es in diesem Winter noch nicht geschneit hatte.
Die meisten Menschen waren am Hafenausgang zusammengekommen, sprachen sehr still miteinander und starrten über das breite Flussbett in die Flussmündung; doch auch hier sah es genauso aus. Der Fluss hatte kein Wasser mehr; weder führte er Wasser in die Mündung noch kam das Tidenwasser, obwohl schon seit geraumer Zeit hohe Flut sein musste. Sieke fand in dieser Nacht ihre gesamte Familie am Ausgang des Hafens, und sogar Bootsmann hatte die warme Schlosserwerkstatt verlassen und wartete auf seinem Holzstumpf stundenlang in der Kälte auf das Wasser, das jedoch ausblieb.
Schließlich lockerte sich die Stimmung ein wenig; man sprach lauter, und plötzlich übertönte ein Lotse alle anderen, indem er Jaspersen zurief: „Na, Herr Apotheker, nun sind Schleswig und Holstein wohl endgültig zusammengeführt. Man kommt wohl bald trockenen Fußes von einem zum anderen.“
„Ja“, rief ein anderer aus der Menge, „da steht den Deutschen ja auch nichts mehr im Weg, Schleswig und Holstein gemeinsam zu nehmen.“
Und noch jemand fügte hinzu: „Wieso nur Schleswig und Holstein. Jütland kommt auch noch dazu.“
In das allgemeine Lachen der Menge antwortete Jaspersen mit fester Stimme: „Und wenn alle unsere Soldaten von der Nord- bis an die Ostsee an diesem Fluss stehen müssten. Kein Deutscher wird uns Schleswig nehmen.“
Einige lachten noch oder machten weitere, leise Bemerkungen. Doch die Äußerung Jaspersens hatte sie ruhiger werden lassen.
In der Nacht wurden alle Schotten geschlossen, weil man ein nachfolgendes Hochwasser befürchtete. Aber auch am nächsten Morgen, der einen sonnigen, aber kalten Tag versprach, blieb das Wasser aus - sogar, als eine neue Flut hätte einsetzen müssen. Viele Bauern kamen an diesem Tag in die Stadt, um mit anderen den unbegreiflichen Zustand zu besprechen. Sie berichteten, dass auch die Gräben leergelaufen waren und zum Glück das Vieh nicht mehr draußen sei, weil es ja sonst überall hätte hinlaufen können.
Andere äußerten ihre Furcht vor drohendem Frischwassermangel, da stündlich der Wasserstand in den Brunnen merkbar sank. Lorenzen wurde durch die Stadt geschickt, um auszurufen, dass besondere Vorsicht mit offenem Feuer geboten sei und die örtliche Brandwehr mögliche Löscharbeiten wegen des Wassermangels nicht zusichern könne. Mit der Zeit vergaß der blöde Gemeindeausrufer den Zusammenhang seiner Sätze und reduzierte sich nur noch auf „Vorsicht mit Feuer!“. Doch auch dieser Hinweis war ausreichend, hatte sich der Rest dessen, was er noch am frühen Morgen ausgerufen hatte, ohnehin bei jedem eingeprägt.
Am Abend sollte eine neue Flut kommen. Die Menschenmenge am Hafen wuchs ständig an, als die Sonne in der Mündung zum Meer glutrot unterging. Noch während dieses Schauspiels, das alle leise betrachteten, folgte ihr der volle Mond nach Westen und ging kurz nach der Sonne an fast der gleichen Stelle am Horizont unter. Als nur noch ein kleiner Rest von ihm übrigblieb, wurde es sehr schnell dunkel, sodass die ersten aus der Menschenmenge losliefen, um ihre Laternen zu holen. Dann hörte man zunächst leise und schließlich immer lauter das Rauschen des Wassers und zunehmendes Knistern des Schlicks. Sowohl vom Meer wie auch aus dem Fluss heraus floss Wasser, das sich vor der Hafenausfahrt traf, langsam Strudel und feinen Schaum bildete, sich dann vereinigte und in den Hafen eindrang.
Nach einigen Minuten wurden die Menschen gesprächig und begannen herumzulaufen, denn man befürchtete, nun würde all das Wasser zusammenkommen, das zuvor ausgeblieben war. Deshalb wurden nochmals alle Schotten überprüft und Sand oder Erde zwischen die doppelten Bohlenreihen geworfen, so weit es noch nicht geschehen war. Seeleute und Fischer gingen auf ihre Schiffe, um nach dem Anheben der Schiffskörper Tau einzuholen und alles an Deck zu sichern. Aber eine besonders hohe Flut blieb in dieser klaren, windstillen Nacht aus, und nach den nächsten Tagen, in denen es immer kälter wurde und der Fluss den Kampf darum begann zuzufrieren, obwohl Ebbe und Flut die dichte Eisdecke immer wieder versuchten zu zerstören, wurden alle Maßnahmen gegen drohende Wassereinbrüche wieder abgebaut.
Erst im späten Winter setzte eine Sturmflut ein, die zwar keine besonders gefährliche Höhe erreichte, aber große, feste Eisschollen in den Hafen und bei stetem Ansteigen des Wassers bis an die Wände der um den Hafen stehenden Häuser drückte. Diese Eismassen kratzten das Gras von den Deichen, zerquetschten kleinere Boote, ließen die Holzbohlen der Schotten knirschen und zermalmten Poller und Zäune. Nach dem Ablaufen der Flut blieben die riesigen, zum Teil aufeinander geschobenen Schollen in den Vorgärten und auf der Hafenstraße liegen, wo sie erst mit dem Einsetzen des Frühlings endgültig tauten und nur noch kleine Dreckhaufen hinterließen, die noch den gesamten Sommer hinweg zu sehen waren, weil sie auf dem Boden zu kleben schienen.
Gesche schenkte ihrem Vater in diesem Sommer ein Bild, das Aus dem Feuer hieß und angeblich etwas mit dem Ereignis um das fehlende Wasser im Winter zu tun hatte. Da sie mittlerweile im Haushalt einer Kaufmannsfamilie arbeitete, hatte sie erst nach langer Zeit das Bild beendet, an dem nicht nur bemerkenswert war, dass niemand den Namen mit dem fehlenden Wasser in Verbindung bringen konnte. Es war auch das größte Bild, das Gesche bis dahin gemalt hatte, denn es passte gerade noch durch die Schlossertür, hatte eine Leinwand, war auf einem von Willem gebauten Holzrahmen aufgespannt. Und es war in seiner Größe fast ausschließlich safrangelb, was jedoch weder mit Wasser noch eindeutig mit Feuer in Verbindung zu bringen war. Aus der gelben Grundfarbe kamen perspektivisch gemalte Würfel hervor, die sich in einer rotierenden Bewegung zu befinden schienen, sodass man schon fast glauben konnte, sie würden einem gleich um den Kopf fliegen.
Als Gesche und Willem das Bild in die Werkstatt brachten, hielt Boye einmal wieder ein rotglühendes Eisenstück in einer Zange. Er fragte Willem, warum sie denn nun diese gelbe Wand hineinbringen würden, und Willem erklärte seinem Vater, dass dies ein Geschenk von Gesche sei, ein Bild, das sie selbst gemalt habe und in das das gesamte Geld gegangen sei, das sie von Jaspersen für ein verkauftes Bild bekommen habe. Das rührte Boye, und Willem wusste schon sehr genau, warum er diese Erklärung gewählt hatte.
Boye trat an seine Tochter heran und versuchte ein letztes Gespräch: „Ich weiß, dass Du mit mir über Dein Bild sprechen willst. Aber ich verstehe es nicht. Ich will aber darüber nachdenken, denn ...“
Doch schnell wandte sich Gesche von ihm ab und verließ den Raum.
„Ich verstehe sie nicht“, deutete Boye zu Willem.
„Sie uns auch nicht“, antwortete der Sohn.
Beide nahmen das große Bild und hängten es so in der Schlosserei auf, dass der Vater es immer sehen konnte, wenn er an seinem Feuer stand. Den gesamten Sommer und Herbst hindurch grübelte Boye über das Bild nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Gesche hingegen machte sich Gedanken über eine Begegnung, die sie eines Tages im Hause ihrer Eltern mit einem jungen Schlosser hatte, der Gustav Simonsson hieß und vorbeigeschickt worden war, um nach Arbeit zu fragen, dann aber von Sieke statt von Boye erfahren musste, man könne sich keinen Gesellen leisten. Dieser junge Mann, der ausschließlich Dänisch sprach, schlich sich immer wieder in Gesches Kopf und ihren Körper hinein, obwohl sie sich schwor, es nicht zuzulassen.
Gesche und Marin sprachen zwar nicht darüber, aber auch Marin hatte ein ähnliches Problem mit Kopf und Körper. Alles hatte damit begonnen, dass sie eines Tages auf der Straße einem der beiden in der Stadt tätigen Doktoren der Medizin, Dr. Helmer, begegnet war, den sie schon seit vielen Jahren flüchtig kannte. Helmer war mehr als doppelt so alt wie Marin, ein schon weißhaariger, dünner Mann, der einen weißen, spitzen Bart trug, eine spitze Nase hatte und aus Augen heraus sah, die so grün waren, wie Marin sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er hatte eine wunderbare, weiche, aber starke Stimme, und Marin hatte gehört, dass er nicht nur einen eindrucksvollen Tenor habe, sondern auch über die besondere Begabung verfüge, fast jedes Musikinstrument spielen zu können.
So sah sie nicht fort, als dieser Mann ihr entgegenkam, sondern suchte seine Augen. Helmer blieb daraufhin stehen, sprach Marin an und fragte, ob es denn stimme, dass sie, wie er schon mehrfach gehört habe, so gern und so schön singen würde.
Schließlich lud er sie ein, doch einmal einen Besuch bei der örtlichen Liedertafel zu machen, die von ihm geleitet wurde. Sehr umständlich fügte er dann hinzu, dass dies natürlich der Erlaubnis der Eltern bedürfe und ansonsten ja ohnehin nur Männer in diesem Kreis anzutreffen seien. Aber, es sei doch eine große Bereicherung, wenn einmal eine Frauenstimme dabei wäre, fuhr er dann fort, um dann sehr unvermittelt zu sagen: „Und wir singen deutsches Liedgut.“
Einige Abende später ging Marin zur Liedertafel. Sieke begleitete sie, weil auch sie gern sang und weil es unschicklich für Marin gewesen wäre, allein zu gehen. Die Liedertafel traf sich regelmäßig im Nebenzimmer eines kleinen Gartenlokals, begann den Abend mit dem Lied Ein feste Burg ist unser Gott und wurde von Dr. Helmer, dessen Tenor aus den dreißig Männerstimmen herausscholl, dirigiert.
Danach wurde ein Lied gesungen, das offensichtlich viele in diesem Kreis noch nicht kannten. Es hieß Der deutsche Rhein , und die letzte Strophe, die besonders beeindruckte, lautete:
„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein,
Solang dort kühne Knaben um schlanke Dirnen frein ...“
Statt „Feierlich“ oder „Gehalten“ stand über dem Lied, es solle „Begeistert“ gesungen werden. Ein junger Handwerker, der auffällig feierlich gesungen hatte, fragte in die Runde, was der Zusammenhang zwischen dem Rhein und kühnen Knaben oder schlanken Dirnen sei. Es waren Fragen, die sehr viele in dieser Runde hatten, und an diesem Abend schien die Geduld des Arztes besonders gefordert zu sein. Er führte schließlich aus, dass es darauf ankäme, zunächst einmal den gesamten Inhalt des Liedes zu verstehen, und dies könne nur geschehen, indem man das Lied aus seiner Zeit heraus, in der es entstanden sei, sehe. Es sei entstanden, als die Franzosen ihre Grenze gern weiter in den Westen verlegt hätten, nämlich an den Rhein. Dadurch sei einigen deutschen Ländern großer Schaden zugefügt worden. Der Rhein solle frei von einer Grenze sein, und das Lied sage aus, das man ihn daher bis auf den letzten Mann verteidigt habe. Deshalb sei auch die Aussage „des letzten Manns Gebein“ enthalten.
Diese Ausführungen boten sehr viel Gesprächsstoff, und besonders erboste man sich über die Franzosen und äußerte die Meinung, man könne doch nicht willkürlich eine Grenze verändern. Schließlich unterbrach Dr. Helmer diese Gespräche, die zunehmend unergiebiger wurden, und hielt einen kleinen Vortrag, in dem er sich für die vielen Aktivitäten bedankte, die von den Mitgliedern der Liedertafel entwickelt worden wären, um das für den Sommer geplante, große Sängerfest feiern zu können.
„Wir werden“, fuhr er für Marin unverständlich fort, „ein kleines Zeichen für das deutsche Lied setzen, das hier in Schleswig um sein Da-sein ringen muss.“
Anschließend wurden Noten und Texte für ein neues Lied verteilt, das sich mit dem „deutschen Vaterland“ beschäftigte. Als sich die Liedertafel aufgelöst hatte, wartete Marin mit ihrer Mutter Dr. Helmer an der Ausgangstür ab, um sich zu erkundigen, was er gemeint hatte, als er davon sprach, das deutsche Lied müsse um sein Da-sein ringen.
Helmer fragte sehr erstaunt, ob man denn nichts von Skamlingsbanken gehört habe und erklärte in schlichten Worten, es habe ein großes Volksfest Dänischgesinnter in Skamlingsbanken bei Kolding gegeben. Man hatte damit einen Abgeordneten ehren wollen, der in der Schleswiger Ständeversammlung nicht nur aufgerufen hatte, dort nur noch Dänisch und nicht Deutsch zu sprechen, sondern dies auch konsequent tat.
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