Kitabı oku: «Ein Herz für Tiere und für Menschen die Tiere mögen»

Yazı tipi:

Adalbert Ludwig Balling

Ein Herz für Tiere und für Menschen die Tiere mögen

Humorvolles, Informatives, Besinnliches

für Menschen- und Tierfreunde

Herausgeber

Studiendirektor Reinhart Urban

Engelsdorfer Verlag Leipzig

Für alle,

die Katzen, Hunde, Pferde und Vögel etc. gernhaben,

ohne die Menschen weniger zu lieben.

Bibliografische Information

durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte bibliographische Daten sind im Internet ueber

http://www.dnb.de abrufbar

Copyright 2017

Engelsdorfer Verlag Leipzig

Schongauer Straße 25, 04328 Leipzig

www.engelsdorfer-verlag.de

Alle Rechte beim Autor Adalbert Ludwig Balling,

Hauptstraße 1, 86756 Reimlingen

Tel.: 09081-2970-114

All rights reserved

Titelfoto: Christine und Bernhard Rösch,Würzburg

Illustrationen: Wilhelm Busch und Hugo Kocher (Scherenschnitte)

Typografie und Satz: Roman Schmuker

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

EINFÜHRUNG

Dann herrscht Frieden zwischen Menschen und Tieren

I.

Als die Tiere in den Himmel kletterten

II.

Tier-Mythen- und Legenden aus alten und neueren Zeiten

III.

Alles, was da kreucht und fleucht

IV.

Die Heiligen und die Tiere

V.

Sanfte, störrische und stachlige Tiere

VI.

Omas lobheischende Katze

VII.

Ein Potpourri der Tiere

VIII.

Wussten Sie schon?

IX.

Von der Gemeinschaft aller fühlenden Wesen

HINFÜHRUNG ZUM THEMA

LEITWORTE & GRUNDSÄTZLICHES

Dann herrscht Frieden zwischen Menschen und Tieren

Was Sie wissen sollten, ehe Sie mit der Lektüre dieses Buches beginnen

Bei uns zu Hause, auf einem kleinen fränkischen Bauerndorf, gab es in meiner Kindheit und Jugend noch allerlei Haustiere: Wir hatten Pferde, Kühe (Kälber, Ochsen, Bullen), Schweine, Gänse, Hühner, Katzen; zeitweise, vor allem in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, auch Ziegen, Kaninchen, Tauben, Gänse, und immer auch einen Hofhund.

Mit den Tieren im Wald, auf den Wiesen und Äckern waren wir vertraut. Winters vor allem begaben sich auch Rehe, Hasen und Füchse bis an die Dorfränder und Gehöfte; sehr selten auch schon mal Wildschweine, doch regelmäßig Marder, Iltisse, Eichhörnchen, Hamster, Mäuse u.s.w. Auch von (wilden) Vögeln wimmelte es nur so: Spatzen, Krähen, Habichte, Geier, Kauze und Eulen, aber auch von Spechten, Lerchen, Ammern, Amseln und anderen Zweibeinern mit Flügeln.

Natürlich hatten wir auch Ungeziefer, vor allem Mäuse und Ratten. Dafür waren unsere Katzen zuständig. Sie durften zwar ab und an in die Küche kommen, vor allem wenn gegessen wurde, aber ansonsten mussten sie Ställe, Scheunen, Schober, Hallen, Hausgärten usw. bewachen – und eben auch hin und wieder ein Mäuschen erwischen, um ihr Menü aufzubessern.

Kurzum, wir wuchsen mit vielen Tieren auf. Wir lernten mit Pflanzen und Tieren den Kreislauf der Natur kennen. Und wir erfuhren, wie schwer es unseren Eltern (oder/und Knechten und Mägden) fiel, wenn sie sich (wir alle) von einem abgemagerten und altersschwachen Ackergaul oder einer liebgewonnen Kuh trennen mussten.

Geschlachtet wurde meist winters: Während des Krieges und noch einige Jahre danach war es staatlicherseits vorgeschrieben, wie viele Schweine man pro Jahr schlachten durfte. Alles war rationiert; es gab für lange Jahre auch Lebensmittel-Karten!

Das Schweine-Schlachten wurde damals noch auf dem Hof selber ausgeführt. Zu uns kam Onkel Johann, dessen Frau eine Schwester unseres Papas war. Eigentlich war er Maler- und Tüncher-Meister, der sogar in Buxtehude seinen Meister gemacht hatte; aber in den Wintermonaten fungierte er als Hausmetzger in mehreren Dörfern der Umgebung. – Mit einem Schlachttag war immer auch ein bisschen Wehmut verbunden, eben weil Tiere, die man selbst großgezogen und liebgewonnen hatte, nun ihr Leben lassen mussten.

Wir haben als Kinder und Jugendliche auch miterlebt, wie »wilde« Tiere, sprich: noch untrainierte junge Pferde und Stiere eingebrochen wurden, um künftig als Zugtiere vor den Wagen oder Pflug gespannt zu werden. Bei diesem »Training« ging es alles andere als sanft oder gar zärtlich zu. Die »einzuübenden Tiere« wurden arg hergenommen, oft und immer wieder auch hart geschlagen. Sie taten einem richtig leid.

Wir haben als Bauernkinder auch mitbekommen, wie man männliche Jungtiere kastriert – oder die Kühe zum Bullen und die Mutterschweine zum Eber gebracht hat. Damals kannte man auf den Dörfern die künstliche Besamung der Hausiere noch nicht. Da war alles noch eingebettet in den bäuerlichen Alltag. Man nahm, was geschah oder geschehen musste, einfach hin. Es war so, und so akzeptierte man es, auch die gelegentlichen Grausamkeiten gegenüber den eigenen Haustieren. Vieles, was damals in den entlegenen Bauerndörfern passierte, akzeptierte man unreflektiert; weil es seit Generationen so gewesen war.

Jahre, Jahrzehnte später kam ich langsam und allmählich zur Überzeugung, dass wir Menschen uns in vielerlei Hinsicht an den Tieren versündigten. Jede mit roher Gewalt ausgeübte Zähmung tut weh; jeder brutale Eingriff, gegen den sich ein Tier nicht wehren kann, jede überzogene Bevormundung der Tiere durch uns Menschen (etwa auch, welches männliche Tier zur Zucht genommen und welches von vorneweg davon durch grausam-schmerzhafte Kastration verhindert wird) ist strenggenommen ein Verstoß gegen die Schöpfung.

Obgleich wir Menschen uns seit Jahrtausenden unter anderem auch von Tierfleisch ernähren, ist doch die Frage berechtigt: Wer hat uns Menschen dies erlaubt? Wer hat uns zu brutalen Metzgern der Tiere bestellt? Und – ginge es wirklich nicht anders? Haben nicht moderne Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten errechnet, dass die gesamte Menschheit wesentlich leichter zu ernähren wäre, wenn wir alle – auch und gerade die in den sogenannten reichen Ländern Lebenden – auf den regelmäßigen Genuss von Tierfleisch verzichteten?

Persönlich bin ich fest davon überzeugt, dass eines fernen Tages, vielleicht in 500 oder 1000 Jahren, unsere jetzige Epoche als eine grausame beschrieben wird, vielleicht sogar als das Zeitalter der »Tierfresser«. Könnte es nicht sein, dass man dann unserer Ära ähnlich skeptisch gegenübersteht wie wir etwa heute auf das »düstere Mittelalter« und die frühe Neuzeit schauen, als man noch Hexen verbrannte und mit dunkelhäutigen Sklaven handelte? Oder die Hereros und Buschmänner im damaligen Namibia und Botswana wie Großwild jagte? Und vielerorts die Frauen durchwegs als Menschen zweiter Klasse einstufte?

Was mir vorschwebt, ist eine Menschheit, die weder die Todesstrafe gegenüber Ihresgleichen kennt noch das wilde Abschlachten von unschuldigen Tieren. Befinde ich mich mit dieser Meinung völlig im Bereich des Utopischen? Ich glaube nicht. Der Mann, der die »Utopia« geschrieben hat, nämlich der Brite Thomas Morus, ein Heiliger der katholischen Kirche, hatte diese Vision bereits zu seiner Zeit.

Es werden in diesem Buch keine langen und weltbewegenden Themen behandelt, es sind eher sinnvolle und überlegenswerte Kurztexte, Märchen, Legenden und Fabeln sowie Aphorismen und Essays, die uns nachdenklich stimmen wollen über unser Verhältnis zur Tierwelt.

Blättern Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zunächst einmal hier und dort – und schnuppern Sie ein wenig nach Lust und Laune ehe Sie das Buch zur intensiveren Lektüre aufschlagen. Die kleinen Lese-Häppchen werden Sie vielleicht zum Weiterlesen anregen. Es werden hier keine schweren wissenschaftlichen Beiträge angeboten. Und die verschiedentlich humorvollen Aufsätze sind keine Spottverse auf die Tierwelt, sondern eher eine Hommage auf die erwähnten tierischen Lebewesen. Bei all dem gilt weiterhin: Echte Liebe zu den Tieren geht niemals gegen den Menschen; sie geht auch nicht den Menschen ab. Sie ist zusätzliche Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung.

Noch eine letzte Anmerkung: Es stand zu diesem Thema umfangreiche Literatur zur Verfügung; aus einigen Quellen wurde schon zitiert; andere gaben wertvolle Anregungen. Auf einen Buchtitel soll eigens verwiesen werden: »Da Tiere eine Seele haben.« Hier werden Stimmen aus zwei Jahrtausenden gesammelt und herausgegeben von Gotthard M.Teutsch beim Kreuzverlag in Stuttgart (1987).

Schließen möchte ich mit einer Tierfabel oder einem Mini-Märchen aus dem Nahen Osten: Da war einmal ein mächtiger Löwe; er lebte an einer Wegkreuzung mitten in der baumlosen Savanne. Meistens versteckte er sich hinter einem kleinen Hügel, bewachsen von halbmeterhohen dürren Gräsern. Wann immer sich Menschen seinem Revier näherten, war’s um sie geschehen, es sei denn, sie näherten sich ohne alle Ängste vor seiner Majestät, dem König der Wildnis. Mit anderen Worten, nur wer gut von ihm dachte und wohlwollend mit ihm plauderte, blieb am Leben. Furchtsame und Ängstliche bekamen keine Chance zu überleben. – Unsere Chance, die Chance der gesamten Menschheit heißt heute: Bewahrung der Schöpfung. Wenn wir dabei mithelfen, wird (auch) in Zukunft Frieden möglich sein zwischen Menschen und Tieren.

ADALBERT LUDWIG BALLING

Gebt Acht auf die Tiere.

Auf die Rinder, die Schafe, die Esel!

Glaubt mir, sie haben auch eine Seele – nur dass sie

ein Fell tragen und nicht sprechen können.

Gebt ihnen zu essen.

VON NIKOS KAZANTZAKIS

Liebet die Tiere, sie sind Gottes eigene Geschöpfe

Liebet die Tiere! Gott gab ihnen die Uranfänge des Denkens und eine ungetrübte Freude; die stört nicht! Quält nicht die Tiere; nehmt ihre Freude nicht weg; widersetzt euch nicht den Gedanken Gottes. – Mensch, erhebe dich nicht über die Tiere; sie sind sündlos, du aber bringst, in deiner Erhabenheit, die Erde durch dein Erscheinen auf ihr zum Eitern und lässt Spuren deiner Fäulnis hinter dir zurück.

STAREZ SOSSIMA in Dostojewskis »Brüder Karamasov«

Das Tier ist eine in sich geschlossene Welt – mit einem eigenen Schicksal, mit einer eigenen Schuldlosigkeit. Wenn das Tier sündigen könnte, so wäre es heilig, denn das Tier hat sich der Hektik freiwillig ausgesetzt. Nur durch den Sündenfall des Menschen ist das Tier in den Schmelztiegel des Leidens, der Leidenschaften und der Gewalt geworfen worden. Seine Welt ist eine Welt voller Rätsel. Die Schönheit, das Geheimnis, die Introvertiertheit der Tierwelt haben von jeher auch Künstler gefesselt, erinnern wir uns nur an die expressionistischen Ikonen von Franz Marc.

TATJANA GORITSCHEWA

Die Tiere in unserem Denken müssen wieder mächtig werden, wie in der Zeit vor ihrer Unterwerfung. – Und immer erwartet man vom Hauch der Tiere, dass er sich zu neuen, unerhörten Worten formt.

ELIAS CANETTI

Der Hund hat alles auf den Menschen gesetzt, als er sich ihm anschloss, schreibt Daniel Kehlmann. Hunde verknüpfen ihr Schicksal mit dem Willen der betreffenden Menschen, denen sie »untertänig« sind. Man könne auch sagen, sie lieferten sich »ihren Herrchen oder Frauchen« aus und vertrauten darauf, dass wir es gut mit ihnen meinten. Diese Unbedingtheit sei etwas Besonderes und sehr Kostbares…

Auf Franz von Assisi soll die Aussage zurückgehen: »Dass mir der Hund das Liebste sei, sagst du, o Mensch, sei Sünde!? – Der Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.«

Geschöpfe desselben Herren und Meisters

Tiere und Menschen trennen Welten. Aber sie fühlen sich einander nahe, sie vertrauen einander, sind mitunter sogar gute Freunde. Tiere und Menschen (Pflanzen und Steine) sind Teile des einen Kosmos; Geschöpfe desselben Herrn; laut Genesis von Gott ins Leben gerufen; ins Leben geliebt. Im Alten Testament heißt es weiter, einige Menschen hätten die Sintflut überlebt – zusammen mit Noah, dem Erbauer der Arche und Retter allerlei Tierarten. In zahlreichen anderen Bibelstellen ist ebenfalls von Tieren die Rede, oft in symbolischer Deutung, in sinnigen Vergleichen und bildhaften Fabeln.

Auch im Neuen Testament werden laufend Tiere erwähnt: Schon bei der Geburt Jesu kamen Hirten, direkt weg von ihren Schafherden, um dem neugeborenen Gottessohn zu huldigen. Und laut Legenden eilten (drei) Weise (Könige) aus dem Morgenland auf Kamelen und Pferden herbei – mit sinnvollen Geschenken »an den König der Juden«.

Später, Jahrzehnte später, während seines öffentlichen Auftretens, bediente sich Jesus eines Esels, als er feierlich in Jerusalem einzog. Und in seinen Gleichnissen ist immer wieder die Rede von Schafen, Schlangen, Tauben und Sperlingen.

In der frühchristlichen Kunst nehmen Tier-Darstellungen einen bevorzugten Platz ein, ganz zu schweigen von der Kunst im Allgemeinen. Wer denkt da nicht an Franz Marcs »blaue Pferde« oder an Paul Klees Vögel und Fische? – Kaum ein Künstler von Rang, der nicht auch Tierbilder geschaffen hätte!

In der Literatur ist es nicht anders. Goethe schrieb das Tierepos »Reineke Fuchs«, Rilke rühmt die Stärke und Größe des Panthers, Carossa beschreibt ein sensibles Kätzchen ...

Schon in der Antike galt die Aufmerksamkeit vieler Poeten den Tieren. Der griechische Fabeldichter Äsop fand mit seinen amüsanten Tiermärchen Eingang in die christlich-abendländische Literatur. Seine Fabeln wurden von dem Franzosen La Fontaine aufgegriffen und ergänzt. – Unzählige andere Poeten haben ein ähnliches Lob auf vielerlei Tiere gesungen. Einen großen Raum nehmen auch die Tiermärchen ein, bei fast allen Ländern und Völkern. Anhand von Tierfabeln versucht man, den Reichen und Mächtigen die Wahrheit zu sagen. Indem man die zu Kritisierenden in Tiere verwandelt (zum Beispiel einen mächtigen Häuptling als Elefanten auftreten lässt, einen dorfbekannten Geizkragen als nimmersatten Geißbock bzw. einen listigen Oberlehrer als findigen Fuchs!) wischt man den betreffenden Menschen eins aus. Und alle, die die Fabel hören, wissen nur zu gut, wer in Wirklichkeit mit der Kritik erreicht und getroffen werden soll.

In den »Bestiarien« (Tier-Büchern) des Mittelalters tauchen auch Beschreibungen auf, die heute so nicht mehr passen; weil »Kinder ihrer Zeit«, müssten sie umfassend aktualisiert werden. Manches, was noch von Albertus Magnus,Thomas von Aquin, Isidor von Sevilla oder Konrad von Magdeburg gelehrt wurde, war eben weithin eine Neuauflage jener Geschichten, die schon im 3. Jahrhundert unter Physiologus gelehrt wurden. Da hieß es zum Beispiel: »Wenn der Löwe einsam in seiner Höhle schlummert, dann wacht er in Wirklichkeit, denn er schläft mit offenen Augen!« Dazu hat man sogar Salomon als Zeugen zitiert: »Ich schlafe, aber mein Herz wacht.« Daran knüpfte man eine theologische Aussage: »Die Leiblichkeit des Herrn schläft am Kreuz, seine Göttlichkeit aber wacht; sie sitzt zur Rechten des Vaters…«

Eine weitere irrige Deutung des Löwen lautete: Sie bringen ihre Jungen tot zur Welt; die Löwenmutter behütet jedoch das Neugeborene solange, bis der Löwenvater am dritten Tag erscheint und dem Jungen ins Gesicht bläst; so lange, bis es zum Leben erwacht. – So, erklärten die frühchristlichen Theologen weiter, habe Gottvater seinem Erstgeborenen, dem am Kreuz verstorbenen Gottessohn, nach drei Tagen im Grab wieder Leben eingehaucht und dadurch die sündige Menschheit erlöst…

Neben dem Löwen wird in der christlichen Literatur der ersten Jahrhunderte auch der Adler erwähnt als Symbol für Christus; er verweist auf das Göttliche in Christus. Der Löwe galt lange als Symbol des Guten; fast gleichzeitig aber auch als Abbild der Bosheit und des Hasses. In diesem Zusammenhang klingt es bei Petrus: »Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann!« (1Ptr 5,8) – Damit werden dämonische Mächte beschworen. Der Satan wird gerne in Bocksgestalt beschrieben; er zählte weithin zu den »hässlichen« Tieren – widerlich und abstoßend, übelriechend wie Geißböcke, Schweine, Esel, Fledermäuse, Lurche usw.

Ins schier Phantastische ausgemalt wurde schließlich ein Moloch-Tier durch Johannes, den Evangelisten, in seiner Geheimen Offenbarung; da ist die Rede von einem siebenköpfigen Drachen: »Das Tier glich einem Panther; seine Füße waren wie Tatzen eines Bären; sein Maul glich dem eines Löwen.« (Offenbarung 13,1–2). Dieser Drache, so fährt der Seher von Patmos weiter, kämpfte mit einer Frau, »von der Sonne bekleidet und den Mond zu ihren Füßen, umgeben von einem Kranz von Sternen«.

Andere »Phantasie-Tiere« in der christlichen Kunst und Literatur sind neben Drachen vor allem Einhörner. Beschrieben bzw. dargestellt werden sie sehr unterschiedlich. Bei Physiologus heißt es, es sei klein wie ein Zicklein, besitze aber sagenhaften Mut und außergewöhnliche Kräfte. Sein Name kommt von dem einen Horn, das es trage, mitten auf dem Kopf, zwischen den beiden Augen. Will man es einfangen, so lege man ihm eine »reine Jungfrau, schön bekleidet« auf den Weg. Das Tier springt ihr sofort in den Schoß – und damit hat die hübsche Jungfrau Macht über das Tier; es folgt ihr überallhin – bis es im Schloss ihres Königs überwältigt wird.

Viele Kirchenväter haben dieses Bild übernommen und in ihren Predigten und Katechesen weiter beschrieben und ausgemalt. Ein gewisser Konrad von Megenburg, der um die aus der Antike stammende Sage von der Heilkraft dieses Tieres wusste, schrieb: »Das Einhorn symbolisiert unseren Herrn Jesus Christus, der zornig und böse war über die Eitelkeit und Hoffart der Engel im Himmel und über den Ungehorsam der Menschen auf Erden, ehe er selber Mensch wurde in Maria, der keuschen und unbefleckten Jungfrau…«

Das legendäre Einhorn bewegte viele Poeten und Maler gleicherweise. Stephan Lochners Madonna im Rosenhag trägt zum Beispiel eine Brosche mit dem Bildnis des Einhorns. – Ein lateinisches Messbuch aus Neuhausen/Pforzheim enthält die Verse: »Durch frommen Glauben angelockt, vom mütterlichen Schoß umfangen, so wird das Einhorn eingefangen.« – Bei Achim von Arnim, aber auch bei Rainer Maria Rilke taucht das Sagentier abermals auf: »O, dies ist das Tier, das es nicht gibt. Sie wussten’s nicht…« (Sonette an Orpheus).

Aber auch in unseren Tagen haben sich Poeten mit diesem Tier beschäftigt, unter anderen auch Hilde Domin:

Die Freude / dieses bescheidene Tier

dies sanfte Einhorn / so leise

man hört es nicht / wenn es kommt

wenn es geht / mein Haustier

Freude / wenn es Durst hat

leckt es die Tränen / von den Träumen.

Weitere wichtige christliche Symboltiere: Hahn, Pelikan, Fisch, Muschel und Biene. –Vom Vogel Pelikan heißt es bei Physiologus, er gehe in der Liebe zu seinen Küken völlig auf. Weil aber die Jungvögel ihren Eltern ins Gesicht picken, hacken diese zurück und töten die Kleinen. Später trauern sie um ihre Jungen und am dritten Tag reißt sich die Pelikanhenne selber die Brust auf – und in dem Moment, als ihr Blut auf die toten Leiber der Küken tropft, werden diese wieder zum Leben erweckt … – Damit wird auf Christus Bezug genommen, auf sein Leiden, auf seinen Tod und auf seine Auferstehung.

Dass der Fisch zum Symbol der Christen wurde (neben dem Kreuz), hängt mit dem griechischen Wort für Fisch »ichtys« zusammen. Die einzelnen Buchstaben wurden so gedeutet: Jesus(I) Christus(CH) Gottessohn(T) Heiland und Erlöser.

Die den vier Evangelisten zugeschriebenen Symboltiere gehen auf eine Interpretation des heiligen Irenäus von Lyon zurück: Engel/Mensch für Matthäus; Löwe für Markus; Stier für Lukas und Adler für Johannes. In der Schule gab man uns die Eselsbrücke: ELSA – nach den Anfangsbuchstaben der vier Symboltiere.

Eine besondere Stellung in der Tiersymbolik nahm die Biene ein. Sie gilt als fleißig, lieblich, süß und wohlriechend; aber auch als jungfräulich und rein; als Sinnbild der Gottesmutter. »Die Bienenkörbe, die beispielsweise auf Grünewalds Stuppacher Madonna ganz im Hintergrund auszumachen sind, verweisen, laut Konrad von Würzburg1 (ca.1220/30–1287), ein bekannter Mariendichter, auf Maria, »die süßeste von allen«.

Kaum bekannt ist die Muschel als christliches Symboltier. Möglicherweise hat zu ihrer Bedeutung auch die Sage beigetragen, die Muschel steige von Zeit zu Zeit an die Oberfläche und öffne sich. Im günstigen Falle werde sie von einem Blitz getroffen bzw. von »himmlischen Tau« befruchtet; so entstünde eine Perle.

Christliche Denker haben diese Deutung aufgegriffen und auf die Menschwerdung Christi in der Jungfrau Maria verwiesen. So wurde schließlich die Perle zum Sinnbild Christi; zum Symbol für die Verbindung von Göttlichem und Menschlichem. Daher zieren seit dem Mittelalter besonders große und schöne Muscheln auch viele Gotteshäuser, oft schon an den Außenmauern.

Die großen bekannten christlichen Wallfahrtsorte, allen voran Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens, verteilen die Pilgermuscheln an alle, die den Ort besucht haben, genauer, sich er-pilgert haben. (Dieses spanische Santiago lag sozusagen am Ende der Welt – ehe Amerika von Kolumbus entdeckt wurde!) Somit wurde die Muschel zum begehrten Abzeichen der Wallfahrer (Man befestigte sie gerne am Wanderstab oder am Pilgerhut). Aber auch zur übernatürlichen Deutung des Menschenlebens: Es sei ein Wandern zwischen zwei Welten bzw. zur Deutung, der Mensch sei ein homo viator, ein Wanderer schlechthin.

Leider haben wir heute die tiefere Tiersymbolik früherer Epochen vielfach vergessen. Leider sind uns teilweise auch die inneren Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier (beide sind Gottes Geschöpfe!) verloren gegangen.

Wolfgang Urban schrieb abschließend: »Das (Wieder-) Erlernen der Bildsprache, das Verstehen der einzelnen Zeichen und Symbole holt ein Stück verlorener Heimat zurück und eine Welterfahrung, die durchdrungen war vom Wissen um das tiefe Mysterium der Schöpfung sowie des Heilshandeln Gottes, erahn- und sichtbar in allen Kreaturen.« (ALB)

Hoffnung für die leidende Kreatur

Tiere seien Gottes »andere und schon seit Ende der Sintflut benachteiligte Geschöpfe«, schrieb Wolfgang Hildesheimer vor Jahren einmal, und Hilde Spiel trauerte über ihren Kater, von dem sie infolge eines Umzugs sich verabschieden musste; er blieb bei ihrer Putzfrau zurück: Nie habe sie sich verziehen, ihn im Stich gelassen zu haben. Denn bald schon sei er der Putzfrau entlaufen – und sei nie mehr gesehen worden … Noch im hohen Alter trauerte die Dichterin um das Tier »wie um einen verlorenen Menschen«.

Elias Canetti, ein weiterer Poet, fragte eines Abends seine Tischnachbarin, ob sie gerne die Sprache der Tiere verstünde und erhielt die Antwort: Nein! Und auf die Frage, warum nicht: »Damit sie, die Tiere, sich nicht fürchten müssen!« – An anderer Stelle von Canettis Aufzeichnungen2 heißt es: »Kein Tier habe ich umarmt. Ein ganzes Leben lang habe ich mit qualvollem Erbarmen an Tiere gedacht, aber kein Tier habe ich je umarmt.« Er litt offensichtlich darunter.

Von wieder einem anderen Denker, vom Philosophen Friedrich Nietzsche, wird berichtet, er habe in den ersten Dezembertagen 1888 in Turin vor einem arg geschundenen Droschkengaul lauthals geweint, sei dem Tier um den Hals gefallen und habe es geküsst. So sehr habe ihn das Mitleid übermannt. Nietzsche, der Autor des Zarathustra, der sich sonst eher hochnäsig und versnobt benahm, von dem das Wort stammt: »Was fällt, soll man auch noch stoßen!« und auch der folgende Satz: »Die Schwachen und die Missratenen sollen zugrunde gehen!« – dieser Friedrich Nietzsche zeigte ein Herz für ein müdes und altersschwaches Pferd; er hatte es nicht länger mitansehen können, wie ein unschuldiges Tier sinnlos geprügelt wurde.

In der gesamten Weltliteratur gibt es unzählige Geschichtchen mit und um Tiere: Sven Hedin, der berühmte schwedische Wüstenforscher, schrieb sehr liebevoll über die Kamele, die ihn durch die Wüste Gobi begleiteten. – Konrad Lorenz, der jahrzehntelang Graugänse beobachtet und mit ihnen zusammengelebt hat, um ihr Alltags-Verhalten zu studieren, war von diesen Tieren begeistert. – Hans Carossa malte zärtliche Szenen von einem Kätzchen in seinem rumänischen Tagebuch. – Goethe schrieb ein ganzes Tier-Epos und Ernest Hemingway schilderte in seiner meisterhaften Novelle »Der alte Mann und das Meer« den Kampf eines greisen Fischers mit einem übergroßen Fisch an der Angel. – Und Don Quijote (von Cervantes) ist ohne seinen Esel gar nicht zu denken! – Kurzum, es gibt unzählige Beispiele aus der Weltliteratur über Menschen und Tiere. Die unübersehbare Zahl der Tiermythen und Tiermärchen noch gar nicht mitgerechnet.

Vom russischen Philosophen Berdjajew weiß man, dass er in seinem Arbeitszimmer in der Nähe von Paris eine wunderschöne Angorakatze neben sich sitzen hatte; ohne dieses Tier, so ließ er seine Besucher wissen, könne er nicht arbeiten. Einmal schrieb er über dieses Tier: »Ich kann nicht an das Reich Gottes denken, ohne meiner Katze Moury darin einen Platz anzuweisen.« Berdjajew wollte damit sagen, dass er an ein (wie auch immer geartetes) Fortleben der Tiere glaube – oder doch zutiefst wünschen würde.

Das führt uns zur Frage ganz allgemein: Wie steht es um eine/die Theologie der Tiere grundsätzlich? – Historiker verweisen in diesem Zusammenhang gerne an den Glauben der Alten Ägypter: Ihre Pharaonen wurden beispielsweise auf dem Sterbebett befragt, ob sie zu Lebzeiten gut zu den Tieren gewesen seien, und ihre Tiere wurden interviewt, ob sie zu irgendeiner Zeit von ihren Herrschern misshandelt oder völlig ignoriert worden seien.

Das war vor dem Christentum! Die christlichen Theologen taten sich lange Zeit sehr schwer, die Tiere auch theologisch in die Gesamtschöpfung einzuordnen und zu deuten. Man sah die Tiere sehr lange schon als Gottesgeschöpfe schlechthin, aber dass wir eine Mitverantwortung für sie trügen – davon war kaum mal die Rede. Tiere waren »Freiwild«; wir Menschen hielten sie für Geschöpfe ohne Seele, ohne Gefühle, ohne Schmerzen. Selbst die heilige Hildegard von Bingen, eine der großen Frauen des Mittelalters, hatte keinerlei Hemmungen, aus lebendigen Fröschen Medizin zu gewinnen.

Sakrale Tieropfer gab es in fast allen antiken Religionen, nur im Christentum hat man von Anfang an davon Abstand genommen, weil Jesus es so wollte. Aber manche Tiere wurden zu Negativ-Symbolen, etwa die Schlange oder der Wolf. Außer Acht blieb die Würde der Tiere als solche. Tiere hatten keine eigenen Rechte; man (der Mensch) machte sich zum Herrn der Tiere. Diese Haltung wird heute noch eingenommen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein paar Wochen ohne Tiere sein zu wollen, etwa in den Ferien! Dann werden mitunter sogar Haustiere wie Hunde und Katzen zu Weg-Werf-Waren, die man einfach ein paar Wochen los-haben möchte!

Erst 1989 wurde in Deutschland eine Gesetzesänderung vorgenommen: Tiere sind jetzt offiziell »keine Ware« mehr, sondern Lebewesen! (ALB)

»Sie haben auch eine Seele!«

Gebt Acht auf die Tiere, auf die Rinder,

auf die Schafe, auf die Esel;

glaubt mir, sie haben auch eine Seele!

Nur dass sie ein Fell tragen und nicht sprechen können.

Frühere Menschen sind es; gebt ihnen zu essen.

Gebt auch auf die Olivenhaine und Weingärten Acht –

auch sie waren einst Menschen, aber viel, viel früher.

Sie haben keine Erinnerungen mehr;

Doch der Mensch kann sich erinnern –

daher ist er Mensch!

NIKOS KAZANTZAKIS3

Was wissen wir vom Leiden der Tiere?

Wir wissen wenig Konkretes. Weil die Tiere, wenn überhaupt, nur untereinander plaudern. Wir Menschen ahnen zwar vieles, was Tieren wehtut, was sie bekümmert und wie sie ihr Leben als solches verstehen. Aber wirklich wissen, nein, das geht über unsere Möglichkeiten, wenngleich es jede Menge »Pferde-Flüsterer gibt; und überall jede Menge Hunde-, Katzen- und Vogel-Versteher.

Bei Friedrich Spee (der besser bekannt wurde als Kämpfer gegen den Hexenwahn) stimmen zwar auch die Vögel in die Trauer um Christi Leiden ein, aber die Mehrzahl der Theologen schloss sich dem Jesuitenpater diesbezüglich nicht an. Sie hielten sich bedeckt. Dabei hatte schon der Völkerapostel Paulus vom Schmerz und Weh der gesamten Kreatur gesprochen: »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt, (in Geburtswehen liegt) und sich ängstigt. (Vgl. Röm 8,21–22)

Lange vor Paulus, in der jüdischen Tradition, machte man keinen strikten Unterschied zwischen Tieren und Menschen, was den Lebensraum anlangte: Alle Lebewesen erhielten von Gott ihren je eigenen Freiraum. Und bei der großen Flut wurden sie alle von Noah in die Arche geholt …

Was uns heute vielfach fehlt, ist die direkte Begegnung. Wir kaufen Fleisch, ohne darüber nachzudenken, woher es kommt. Wir trinken Milch – und jedes Kind weiß, die kauft Mama im Laden, und wir essen zum Frühstück ein Ei, das irgendwann mal von einer Henne gelegt worden war.

Im Fränkischen sagte man früher mit Recht: »Wenn sich ein Bauer bekehrt, spürt es im Stall das Vieh!« Er wurde auch zu seinen Tieren freundlicher, liebevoller, irgendwie auch kollegialer. Hierher passt ebenfalls ein Pauluswort: »Das ängstliche Harren der Kreatur wartet drauf, dass die Kinder (Söhne) Gottes offenbar werden.« (Röm 8,19)

Hoffnung für die leidende Kreatur

Schon vor über 25 Jahren, um 1990, schrieb der bekannte Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann, man wisse, dass unzählige Millionen Tiere konsumgerecht gezüchtet und gemästet würden, »bis sie verkaufsrentabel den Weg in die Todesfabriken der städtischen Schlachthöfe« anträten. Man schätze, dass zusätzlich über 300 Millionen Tiere »aller erdenklichen Arten weltweit jedes Jahr ihr Leben für ebenso sinnlose wie grausame Experimente« lassen müssten. Es würden Versuchstiere mit angeborenen Körperschäden gezüchtet, anderen durchtrennte man die Stimmbänder, um ihre Schreie nicht hören zu müssen, wieder andere würden zu reinen Demonstrations-Zwecken einfach enthauptet. Im Dienste der Psychiatrie führe man bei Affen, Katzen und Wüstenmäusen grausame Gehirn-Operationen durch, einfach »um das Fehlverhalten dieser armen Geschöpfe« zu beobachten. (Vgl.E. Drewermann, Über die Unsterblichkeit der Tiere,Walter Olten, 1990)

I.
Als die Tiere in den Himmel kletterten

Märchen, Fabeln und Mythen aus aller Welt

Auch wenn du einen Hahn einsperrst,

geht die Sonne trotzdem auf.

(Irisches Sprichwort)

Als die Spinne einen Faden an den Wolken befestigte

Vor langer, langer Zeit, da fühlten sich die Tiere sehr einsam, denn sie hatten noch keine Frauen. Oft standen sie am Waldrand beisammen und hielten Rat, wie sie dies ändern könnten. Nach langer Debatte hin und her sagte der Hase: »Ich habe gehört, dass es droben über den Wolken viele Frauen gibt. Warum holen wir uns nicht einige herunter? – Schön wär’s, aber wie? lautete die allgemeine Rückfrage. Da meldete sich die Spinne; sie wüsste Rat: »Ich werde einen starken Faden spinnen und diesen an einer Wolke verankern. Dann könnt ihr daran hinaufklettern und euch Frauen vom Himmel holen!«

Damit waren alle einverstanden – und sofort machte sich die Spinne ans Werk; immer höher hinauf spann sie ihren Faden. Bald war sie ganz aus den Augen der anderen Tiere verschwunden. Da erklärte der als besonders schlau bekannte Hase, nun sei alles bereit, der Aufstiege könne beginnen. Allen voran packte der Elefant nach dem Faden, unmittelbar gefolgt vom Büffel, Löwen, Affen und den vielen anderen Tieren, die sich nach einer Gefährtin sehnten. Schließlich erreichten sie das himmlische Land, hoch über den Wolken. Und die Suche nach der jeweils passenden Frau ging schnell voran; jeder nach seinem Geschmack. Die Brautpreise wurden von allen korrekt bezahlt – nur ein Tier weigerte sich, dies zu tun: der Hase. Er hatte sich zwar auch eine schöne junge Frau ausgesucht, aber er weigerte sich, dafür zu zahlen. Stattdessen kroch er hinter die Hütte seiner künftigen Schwiegermutter, griff nach einem Topf Getreide und hielt Mahlzeit. Er aß so viel, dass nur noch ein kleiner schäbiger Rest übrig blieb. Anschließend nahm er, listig wie immer, noch rasch ein paar Körnchen aus dem Topf und zerrieb sie im Pelz der Spinne. Als die Schwiegermutter den fast leeren Topf entdeckte, schrie sie nach dem Dieb. Da flüsterte ihr der hintertriebene Hase ins Ohr: »Lass doch die Pelze aller Tiere untersuchen – und du wirst staunen, wo sich der Dieb versteckt hält!?« Der Vorschlag wurde akzeptiert und Hase und Häsin beauftragt, die Untersuchung durchzuführen.

Als sie daraufhin zuerst die Spinne überprüften, fanden sie den Mehlstaub in ihrem Pelz – und damit wurde sie des Diebstahls überführt. Die Spinne wehrte sich empört, aber niemand glaubte ihr. Da schrie sie noch lauter: »Das ist euer Dank dafür, dass ich euch beim Aufstieg geholfen habe! Das werdet ihr büßen; jetzt könnt ihr selber gucken, wie ihr wieder hinunter kommt!« Schnell ergriff sie den Spinnfaden, kletterte hinunter und rollte den Faden hinter sich auf.

Nun ergriff die Tiere arge Ratlosigkeit. Ihre Strick-Leiter war und blieb verschwunden. Was tun? Da sagte der Affe: »Ich will mein Glück versuchen – mit einem kühnen Sprung«, sprach es, nahm einen kurzen Anlauf und hüpfte hinunter. Er fiel auf einen steinharten Felsen und war sofort tot. Die anderen Tiere, die ihm gefolgt waren, erlitten das gleiche Schicksal. Zuletzt waren nur noch Elefant und Hase übrig. Als der Elefant zum Sprung ansetzte, hüpfte der Hase auf seinen breiten Rücken und klammerte sich an den riesigen Elefantenohren fest. Auch der Dickhäuter fiel in den Tod – nur der Hase überlebte den Sprung. Seitdem hat kein Tier mehr versucht, ungefragt in den Himmel zu klettern.

(Aus Zentralafrika, zuerst veröffentlicht in: Adalbert Ludwig Balling,

»Sie standen am Ufer der Zeit«, Mariannhill Würzburg, 1981)

Wie sich die Tiere des Waldes mit dem Himmel wieder aussöhnten

Vor vielen Jahren war der Himmel so verärgert über die Tiere des Waldes, dass er ihnen keinen Regen mehr schickte. Das Gras verdorrte, der Boden wurde hart und härter, selbst die größeren Flüsse versiegten bis auf ein paar Wasserlöcher. Menschen und Tiere litten schrecklichen Durst. Eine schlimme Hungersnot kam über das ganze Land – und sogar große Bäume begannen vorzeitig die Blätter fallen zu lassen und starben ab.

Zu alledem drohte der Himmel mit noch schlimmeren Strafen, falls die Tiere nicht bald Frieden schlössen. Da rief der Löwe eine Generalversammlung aller Tiere ein: »Willkommen, Freunde!« hob er mit königlicher Miene an. »Ich denke, ihr wisst, warum ich euch gebeten habe, hierher zu kommen. Für jene wenigen, die es nicht ahnen, kurz Folgendes: Wir wollen hier und heute darüber beraten, wie wir den Himmel wieder besänftigen können, dass er uns Regen sendet. Bitte, macht Vorschläge, ich bin ganz Ohr!«


Zuerst meldete sich die Schildkröte; langsam und bedächtig krabbelte sie auf einen nahen Ameisenhaufen, räusperte sich ein paar Mal und begann so: »Mein Vorschlag, Freunde, ist sehr einfach: Wir schicken einen Abgesandten mit einem imposanten Geschenk zum Himmel und versprechen, unseren Streit beizulegen.« – Ein weiser Vorschlag, sagten die anderen Tiere; nur, wer übernimmt diese heikle Aufgabe? Wer überbringt die Botschaft in den Himmel hinauf? – Nach langem hin und her Überlegen wurde der Falke beauftragt, und es wurde ihm überlassen, selber ein passendes Geschenk auszusuchen. Als einzige war das Huhn dagegen; es gackerte vehement dagegen. Inzwischen waren Gewitterwolken aufgezogen, und die meisten Tiere wurden unruhig. Das Schaf schlich sich heimlich davon. Andere Tiere folgten.

So blieb dem Löwen nichts anderes übrig, als eine neue Generalversammlung einzuberufen.Während noch die Stimmen ausgezählt wurden, gab es einen gewaltigen Donnerschlag, und alle Anwesenden duckten sich und rannten heimwärts. Bald herrschte Totenstille auf dem Versammlungsplatz, nur der Wind strich leise über die schattigen Bäume und Sträucher.

Das Problem für den Falken begann mit dem Suchen eines passenden Geschenkes für den Himmel – und wie er es nach oben transportieren könnte? Da entdeckte er eine Fledermaus, kopfunter an einem Ast hängen. Wäre sie vielleicht etwas Passendes? Nein! Der Falke erinnerte sich daran, dass Fledermäuse Erzfeindinnen des Himmels sind; darum hingen sie ja beim Schlafen kopfunter, um ja nicht gen Himmel schauen zu müssen. Mit einer Fledermaus würde er also den Himmel wohl kaum versöhnen können.

Nach einiger Zeit erblickte der Falke unten auf der Wiese ein kleines, putziges Lämmchen. Und dieses unschuldige Tier gefiel ihm so sehr, dass er hinunterstieß und mit einem raschen Griff das Tier-Baby an sich riss und sofort wieder in die Lüfte entkam, das zitternde Lämmchen fest zwischen seinen scharfen Krallen.

Der Empfang im Himmel war frostig. Nachdem der Falke ehrfürchtig gegrüßt hatte, nannte er den Zweck seines Kommens und trug die Bitte um Entschuldigung der Tiere des Waldes vor. In ihrem Namen bot er das Lämmchen als Versöhnungsgeschenk an. Der Chef des Himmels schwieg lange und anhaltend, ehe er nach einer schier peinlichen Pause sagte: »Ich danke dir, mein Freund, für deine Worte und für dein Geschenk, aber bevor ich es annehme, musst du mir sagen, was das Mutterschaf gesagt und getan hat, um sein Kind wieder aus deinen Fängen zu befreien.«

Diese Art von Frage hatte der Falke ganz und gar nicht erwartet. – Das Mutterschaf, so begann er stotternd, habe weder etwas gesagt noch getan! – Als der Chef des Himmels das hörte, wurde er unwillig und rief voller Zorn: »Geh! Ich verzichte auf dein Geschenk, das dich nichts gekostet hat. Nähme ich es an, so würden mich zeitlebens die traurigen und vorwurfsvollen Augen des Mutterschafes verfolgen!«

Enttäuscht und niedergeschlagen kehrte der Falke zur Erde zurück und übergab das Lamm wieder seiner Mutter. Entmutigt grübelte er lange nach, suchte nach einer anderen Lösung, und sann gar auf Rache. Am Ende entschloss er sich, dem Himmel ein Hühnerküken zu bringen. Er kreiste über dem Hühnerhof und wartete auf einen günstigen Augenblick. Sobald die Glucke den Raubvogel erblickte, lockte sie ihre Küken zu sich, aber schon zu spät; der Falke hatte bereits eines der erst vor wenigen Tagen Geschlüpften in seinen Krallen. Der verbissene Angriff der Henne blieb ohne Erfolg.

Bei seiner Ankunft über den Wolken bot der Falke seine neue Versöhnungsgabe voller Demutsgesten und Bücklingen dem Chef des Himmels an – und hatte diesmal mehr Glück. Seine Mühen wurden anerkannt, und der Falke trat seinen Heimflug zur Erde an mit dem Versprechen, sobald wie er unten ankomme, werde es regnen. Er hatte seinen Horst noch nicht ganz erreicht, da begann es auch schon in Strömen zu regnen. Später musste er noch an den guten Rat des Himmelskönigs denken: »Wisse, flinker Chef der Lüfte, Erfolg kostet Mühe, setzt Leidensbereitschaft voraus – und: Nimm nie etwas für dich in Anspruch, für das du dich nicht hast plagen müssen!«

(Mythen aus Simbabwe: Adalbert Ludwig Balling, »Sie standen am Ufer der Zeit«, Verlag Mariannhill Würzburg, 1981)

Zur Zeit der großen Hungersnot

Vor langer, langer Zeit, als es noch keine Menschen auf dieser Erde gab, herrschten Frieden, Eintracht und Freundschaft unter allen Tieren. Alle – Vögel, Kriechtiere und Vierfüßler – regierten gemeinsam das Land. Und weil niemand den anderen unterdrückte oder übervorteilte, waren alle zufrieden. Das älteste und weiseste Tier war eine Riesenschlange, eine uralte Python. Niemand kannte ihr genaues Alter; aber ihr waren alle Namen der Tiere, Bäume, Sträucher, Gräser und Früchte sehr geläufig. Sie wusste auch, welche Früchte essbar waren und welche nicht. Ihren mächtigen Körper hatte sie gewöhnlich in vielen Windungen um einen Busch gewickelt. So brauchte sie ihren Stammplatz nur selten zu verlassen, denn sie lebte meistens von den vielen roten und weißen Beeren, die das Jahr über an den buschigen Ästen ihres Wohn-Baumes wuchsen und reiften.

Eines Tagen verursachte eine schreckliche Trockenheit eine landweite Hungersnot. Die Früchte fielen vorzeitig und unreif von den Bäumen, das Gras verdorrte und wurde strohhart. Im gesamten Land gab es nur noch einen Baum, der grüne Blätter trug und köstliche Früchte reifen ließ. Das war der Baum der Pythonschlange. Da sie groß und mächtig war, wagte keines der anderen Tiere, sie darum zu bitten, diese Früchte mit ihnen zu teilen.

Die Hungersnot wurde aber immer schlimmer; es starben viele ältere Leute, aber auch Kinder und Jugendliche sowie viele Tiere. Und die Hungersnot und das Elend breiteten sich noch weiter aus; da beschlossen die Tiere, einen Boten zur großen Schlange zu schicken und sie zu bitten, ihre Früchte mit ihnen zu teilen. Die flinke Ratte wurde zur Botschafterin bestimmt: »Bitte, erlauchte Freundin aller Tiere, gib uns bitte die Erlaubnis, unseren Hunger von deinen Früchten zu stillen, sonst sterben wir allesamt!« Die Schlange hörte freundlich zu, hatte Mitleid und antwortete: »Alle Tiere sind herzlich eingeladen von meinen Früchten zu essen, aber nur, wenn du dir meine Adresse so lange merken kannst, bis du es allen mitgeteilt hast. Dies ist meine Adresse: Mein Heim ist der Qunube-Baum!«

Die flotte Ratte eilte voller Freude zurück zur Versammlung der Tiere, aber, o weh, dort musste sie feststellen, dass sie den Namen des Baumes, wo die Python wohnte, vergessen hatte. Unterwegs hatte sie den Namen mit dem Klicks-Laut mehrmals wiederholt: Qunube, Qunube! Aber jetzt war er weg; sie hatte ihn glatt vergessen. Die Tiere waren darüber sehr erbost und jagten sie davon mit den Worten: »Nur einem Schwachkopf kann das passieren! Hau ab!«

Jetzt entsandten sie die Ziege. Die Python zischte unwillig, als sie hörte, was geschehen war: »Was für Dummköpfe, diese Ratten; Qunube ist der Name meines Baums, hast du verstanden!?« – Die Ziege bedankte sich und eilte davon, immer wieder »Qunube, Qunube« murmelnd. Eine Zeitlang ging alles gut, doch dann erblickte das ausgehungerte Tier ein paar grüne Blätter, lief hin und verzehrte sie. Und schon erging es ihr wie der Ratte; auch sie hatte den Namen des Schlangenbaums vergessen, und wurde ebenfalls von den anderen Tieren ausgeschimpft.

Nun wandten sie sich an ihren König, den Löwen höchstpersönlich: »Großer Herr, bitte, erweise uns diesen Dienst und rette uns vom Hungertod! Dein Hirn ist größer als das aller anderen Tiere …« – Da blieb dem Löwen nichts anderes übrig, und er beeilte sich. Von der Python wurde er königlich begrüßt: »Majestät, Sie höchstpersönlich!? Welche Ehre Sie mir antun!« Während sie noch dem Löwen huldigte, pflückte sie ein paar saftige Früchte von ihrem Baum, sodass dem Löwen das Wasser im Mund zusammenlief. »Qunube, Qunube!« heißt der Baum, zischelte die Schlange mit spöttischem Unterton; »merk dir das!« Beschämt bedankte sich der Löwe und machte sich auf den Heimweg. Schläfrig und müde vom langen Marsch schlummerte er ein, und als er wieder erwachte, konnte auch er sich nicht mehr an den exotischen Namen des Baumes erinnern. Traurig und mit eingezogenem Schwanz schlich er weiter zum Versammlungsort der Tiere. Die brauchten ihn erst gar nicht zu fragen, sie sahen es ihm an, dass auch er den Namen vergessen hatte, doch niemand wagte es, ihn zu tadeln.

Stumm und traurig schauten alle auf den Boden und dachten bei sich: »Nun ist alles aus. Wir müssen verhungern, weil niemand von uns fähig ist, sich den Namen des Wunderbaums der Python zu merken …

Schließlich brach Fuda, die Schildkröte, die bisher noch kein Wort gesagt hatte, das Schweigen und sagte »Verzeiht mir, Freunde, aber so schnell dürfen wir nicht aufgeben. Ich bin bereit, mein Glück zu probieren. Gewiss, meine Beine sind kurz und der Hunger quält mich noch viel mehr als euch, denn ich kann manches Essen nicht erreichen, das ihr, weil ihr größer seid, noch erreichen könnt …« Die Tiere waren baff erstaunt; sie hielten die Schildkröte für naiv und unbeholfen. Wie sollte sie etwas erreichen, Was selbst für den Löwen zu schwierig war!? Nach langem, schier tödlichem Schweigen ließen sie die Schildkröte doch zur Python gehen. Die Schlange verlor diesmal ihre Geduld völlig: »Sssss… Sssss … Sssss! Was seid ihr doch alle für Dummköpfe! Hat also auch euer König, der Löwe, den Namen vergessen?! Bei so wenig Verstand solltet ihr eigentlich alle Hungers sterben; ihr habt nichts anderes verdient. Nicht einmal Qunube könnt ihr euch merken«, und dann, direkt zur Schildkröte gewandt, fuhr sie fort: »Verschwinde aus meinem Blickfeld, geh heim und sage es den andern!«


Fuda hatte zwar einen kleinen Kopf, aber sie konnte sehr schnell denken. Auf dem ganzen Heimweg wiederholte sie, meist kichernd: »Qunube, heißt er, Qunube – und immerfort sang sie immer lauter kichernd: »Qunube, Qunube, Qunube!« Und sie gönnte sich keine halbe Minute Ruhe, sondern wiederholte eins ums andere Mal: »Qunube, Qunube, Qunube…«

Erstaunt hörten die anderen Tiere schon von weitem die Schildkröte singen – und wussten sofort, dass die als langsam und träg verschriene Schildkröte sich den Namen des Wunderbaums gemerkt hatte. Gerne wären sofort alle auf einmal zur Python gerannt, aber der Löwe bat sie zu warten, bis die schnellfüßige Antilope die langsame Schildkröte auf den Rücken genommen hatte und damit davonlief. Die Schlange war noch immer verärgert, als die beiden ankamen; sie ließ beide Tiere lange warten, ehe sie sagte: »Fuda hat euch das Leben gerettet, deshalb soll sie sich auch als erste an meinen Früchten laben dürfen.«

Inzwischen hatten sich alle Tiere um den Früchtebaum versammelt. Der Elefant hob die Schildkröte in die obersten Äste, wo sie sich nach Herzenslust sattessen konnte. So wurden die Früchte des Schlangenbaums schon bald bekannt als »Nahrung für alle Tiere«.

Die Python tauchte in einen tiefen See und ward fortan nie mehr zu sehen. Kurze Zeit später fiel reichlich Regen. Das blieb so für lange Zeit. Doch als nach vielen Jahrzehnten die ersten Menschen ins Land kamen, begannen sie Fleisch zu essen; sie töteten viele Tiere. Und schon bald fingen auch einige Tiere an, ihre früheren Freunde zu verzehren…

Sogar ein Teil der Vögel und Kriechtiere folgten dem schlechten Beispiel der Menschen.

So kam große Furcht auf voreinander in aller Welt, bei Menschen und Tieren. Und keiner traute mehr dem anderen…

(Aus: Adalbert L. Balling, »Sie standen am Ufer der Zeit«, Verlag Mariannhill Würzburg, 1981)

II.
Tier-Mythen- und Legenden aus alten und neueren Zeiten

Menschen und Tiere waren Freunde, schon im Paradies;

doch die Schlange hatte sich vom Bösen benützen lassen,

um Adam und Eva zu überlisten.

Noah wurde von Gott gebeten,

je ein Pärchen aller Arten mit in die Arche zu nehmen,

um sie zu retten vor der Großen Flut.

Wie kam der Kreuzschnabel zu seinem Namen?

Nach alter, volkstümlicher Deutung war der Kreuzschnabel einst darum bemüht, die Nägel aus den Gliedern des gekreuzigten Herrn auf Golgatha zu entfernen; er wollte ihn von den Schmerzen befreien. Das war sehr anstrengend für den Vogel; er verbog sich dabei den Schnabel. Da segnete ihn der Herr vom Kreuz herab.

Weil nun aber dieser Vogel nicht in allen Regionen zuhause ist, dichtete man diese Deutung in anderen Gegenden auf das Rotkehlchen um: Beim Versuch, den Heiland am Kreuz zu befreien, fiel dem Vogel ein Blutstropfen auf die Kehle; diesen Namen trägt er seitdem als Ehrenzeichen. (ALB)

Der Paradiesvogel hoch über den Dächern

Eine Legende, deren Herkunftsland man nicht mehr genau nachweisen kann, besagt: Das Paradies käme dann wieder samt all seinen Freuden und Wonnen, wenn ein ganz seltener Vogel mit sehr bunten Federn am Himmel erscheine. Erst schwebe er über den Dächern, um sich schließlich auf einem hohen Baum niederzulassen.

Genauso kam es denn auch. Erst schwebte er über den Dächern der Stadt, dann ließ er sich in der Krone eines hohen Baumes nieder. Die Männer der Stadt rannten zusammen und berieten, was zu tun sei. Sie freuten sich über das Erscheinen des Vogels. Einer von ihnen machte den Vorschlag, mittels einer Menschen-Leiter den Glück und Freude bringenden Vogel zu ergreifen und ein für alle Mal festzuhalten. So kletterte denn einer über den anderen nach oben, doch kaum hatte der letzte und jüngste sich nach oben gearbeitet, da versagten dem untersten die Kräfte; er konnte nicht länger die schwere Last aushalten. Und so purzelten alle anderen, einer nach dem anderen, wieder nach unten. Der bunte Vogel aber, den sie seitdem den Paradiesvogel nannten, flog davon und ward nie mehr gesehen. (ALB)

Bravo, du kleine, clevere Ameise!

In Ostafrika erzählen die jungen Mütter gerne ihren Kindern folgende Parabel: Da saß eines Tages ein Vogel hoch oben auf einem Baum in seinem Nest und brütete seine Eier aus. Doch plötzlich, o Schreck!, tauchte unter ihm eine riesige Boa auf; sie kroch langsam auf sein Nest zu. Was sollte er bloß tun? Gewiss, er könnte noch rechtzeitig davonfliegen, aber dann wären die Eier mit ihren Küken dahin; denn die Schlange hätte sie in Sekundenschnelle verzehrt.

Da kam ein Pavian vorbei, erkannte die Gefahr für den Vogel und riet ihm: »Nur keine Bange! Das kriegen wir schon hin! Ich werfe, ganz einfach, ein paar spitze Steine nach diesem hässlichen Kriechtier…« – »Nein, bitte nicht«, schrie der Vogel; »du könntest am Ende gar noch meine Eier treffen. Das würde ebenfalls den Tod meiner Küken bedeuten.«

In diesem Moment streckte ein gigantischer Elefant seinen Rüssel zum Baum hinauf, erkannte die prekäre Lage des Vogels und versuchte, ihn zu trösten: »Weine nicht, kleiner Vogel, ich werde den Baum entwurzeln und so die Boa vertreiben.« – »Um Himmels willen; halt ein!« kreischte der Vogel von oben herab, und dachte bei sich: Wirklich, der benimmt sich wie ein Elefant im Porzellanladen! – Unterdessen kam die Boa immer näher, und der Vogel war schon willens, sein Nest dem gierigen Räuber zu überlassen. Da kam ihm eine fixe Idee: Er bat eine der vorbeihuschenden Ameisen, ihm beizustehen. Das winzige Tierchen rief sofort tausend und mehr Kolleginnen herbei – und gemeinsam attackierten sie die Boa, sodass schon nach wenigen Minuten von der mächtigen Schlange nicht mehr viel übrig blieb…

Und was wollten die schwarzen Mütter ihren Kleinen damit sagen: Manchmal sei die List der Kleinen erfolgreicher als die Kraft der Mächtigen. (ALB)

Ein Dankeschön an die Gänse

»Fuchs, du hast die Gans gestohlen; gib sie wieder her; sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr.« – So haben wir Kinder gesungen. Füchse waren für uns eine Realität. Im Winter, wenn hoher Schnee lag, wagten sie sich bis ans Dorf, manchmal bis in die Hühnerhöfe und Gänseställe.

Weil wir Füchse aber immer schon als kluge Tiere kannten, und weil dies auch in zahlreichen Märchen und Fabeln vermittelt wurde, haben wir sie auch bewundert, wenngleich wir ihre Jagdschläue nicht immer guthießen, vor allem dann nicht, wenn es um unser Geflügel ging.

Das war auch ein Grund, warum wir bisweilen in den schneereichen Wintermonaten Fuchsfallen aufstellten. Dabei ging es uns natürlich um ihre schönen und warmen Winterpelze. Damals, vor bzw. während und kurz nach dem 2.Weltkrieg, trugen die Frauen noch gerne Fuchs- und Iltispelze …

Nun aber las ich vor kurzem in einer Agenturmeldung von einem münsterländischen Fuchs, der sich durch einen Kaninchenbau in ein Gänsegehege gegraben hatte. Er suchte eine saftige Beute, vielleicht für seine Jungen. Aber da hatte Meister Reineke seinen Plan ohne die Gänse gemacht: Die brütenden Großvögel stürzten sich voller Rage auf den Eindringling, und in der so entstandenen Aufregung fand der Fuchs das Loch nicht mehr rechtzeitig und erlitt einen Herzinfarkt, wie ein herbeigerufener Tierarzt später diagnostizierte.

Landwirt Ludger, Eigentümer des Gänsestalls, versicherte den herbei geeilten Journalisten, ausnahmsweise käme in diesem Jahr keine seiner Gänse als Braten auf den Tisch; er schenke allen ein Gnadenjahr – aus Dankbarkeit für ihren Mut und ihren Einsatz … (ALB)

Schopenhauers Stachelschweine

Kein Geringerer als der Philosoph Arthur Schopenhauer hat die folgende Fabel aufgeschrieben und kommentiert. Sie handelt von einer kleinen Herde Stachelschweinen, die an einem eisigen Wintermorgen schrecklich froren. Da meinte eines der älteren Tiere: »Lasst uns doch enger aneinander schmiegen! Dann können wir uns doch gegenseitig wärmen!« – Gesagt, getan. Doch sehr schnell spürten sie, wie sie sich gegenseitig ihre spitzen Stachel in den Leib rammten. Das tat ihnen sehr weh. Also rannten sie eiligst wieder auseinander. Das Bedürfnis

jedoch, sich vor der Kälte zu schützen, brachte sie schon bald erneut zusammen. Und abermals rannten sie auseinander, weil sie ihre gegenseitigen Stacheln spürten … – Das wiederholten sie noch einige Male. Dann hatten sie, von zwei Übeln hin- und hergerissen, herausgefunden, dass sie sich im mittleren Abstand voneinander sehr wohl wärmten, ohne sich mit ihren Stacheln zu verletzen.

Schopenhauer zog daraus die Lehre: Unter solchen Umständen bedeutet Höflichkeit den jeweils richtigen Abstand voneinander herauszufinden!

Der Bauer, der in den Weihnachtstagen heimlich seine Stalltiere belauschte

Mir war’s, als ob ich aus bergumschlossener dunkler Tiefe in weite Höhen gehoben würde. Nicht nur eine neue Welt sah ich, fast dürfte gesagt werden, dass mir auch eine andere Sonne aufging, welche mir die ganze Umgebung in einem anderen Licht erscheinen ließ. Die Tiere, die Flüsse, die Berge, der Wald belebten sich und sprachen mit dem Knaben, der überall Wesen seiner wunderbaren Märchen sah, als deren Held er sich so gerne dachte.

Jetzt waren unsere Kühe nicht mehr nur Werkzeuge. Ihren ernsten großen Augen glaubte ich’s anzusehen, dass sie reden und viel Geheimnisvolles,Wichtiges offenbaren könnten, sobald sie möchten oder eine höhere Macht, die sie aus irgend einem selbstsüchtigen Grund zum Stummsein bannte, gebrochen wäre. Hatte doch mein Alter (Vater) mir erzählt, wie in der heiligen Nacht von zwölf bis ein Uhr die Kühe sich über die Zukunft zu unterhalten pflegen. Ein Bauer, der sie vom Heuboden aus belauschte, hörte statt der erwarteten Geheimnisse über die Zukunft nur Klagen über sich selbst und die Freude einiger Kühe darüber, dass der Bauer noch vor Ablauf der angebrochenen Woche unter dem Kreuz auf dem Friedhof ruhen werde. Dann hätten sie – die Tiere des Stalles – endlich Ruhe und würden nicht länger geschlagen. – Als der Lauscher auf dem Heuboden das hörte, wurde er wütend, verfehlte beim Hinabsteigen im dunklen Stadel vom Heuboden eine Sprosse der Holzleiter, brach sich das Genick und starb noch in derselben Nacht.

(Von Franz Michael Felder, Bauer in Vorarlberg (1839–1869)

Der Rabbi und die Mäusebrut

Viele Jahre lang hatte ein Rabbi schreckliche Schmerzen; kein Arzt konnte ihm Linderung verschaffen. Eines Tages beobachtete er seine Magd, die ihm schon seit Jahrzehnten gute Dienste getan hatte, wie sie sich anschickte, ein Nest mit jungen Mäusen über die Türschwelle zu tragen. Er rief ihr nach: »He, du, was hast du denn mit den Mäusen vor? Weißt du nicht, dass sie auch leben wollen?« – Die Magd schüttelte den Kopf: »Aber es sind doch Mäuse; zwar noch klein, aber wenn sie mal größer sind, werden sie uns alles wegfressen. Also muss ich sie jetzt aus dem Haus entfernen, ehe sie uns lästig werden und uns aller zernagen.« – Der Rabbi blieb anderer Meinung; in der Schrift stehe, so fuhr er fort, seine Dienstmagd aufzuklären, dass sich Gottes Erbarmen über alle Werke erstrecke und dass auch Tiere unter seiner Barmherzigkeit stünden. – Und er wies seine Dienerin an, die Mäusebrut wieder ins Haus zurückzubringen.

Im Himmel, so schließt diese Erzählung aus dem Jiddischen, sprach man jetzt ein Wort des Erbarmens: Weil der Rabbi Mitleid hatte mit den jungen Mäusen, sollte auch er Erbarmen finden – und von Stund an hatte er keine Schmerzen mehr!

Das Baby und die Haus-Unke

Es war einmal ein kleines Kind, dem gab seine Mutter jeden Mittag ein Schüsselchen mit Milch und Weckbrocken – und die Kleine setzte sich damit regelmäßig hinaus in den Hinterhof. Kaum hatte das Baby zu essen begonnen, da verließ die Hausunke ihre Mauerritze und senkte ihr Köpfchen in die Milch. Das Kind hatte seine helle Freude daran, und wenn die Unke mal nicht rechtzeitig erschien, dann begann die Kleine unruhig zu werden und zu singen:

Unke, Unke, komm geschwind,

komm herbei, du kleines Ding!

Sollst dein Bröckchen gerne haben

und an der Milch dich köstlich laben.

Da kam die Unke herbei und ließ es sich gut schmecken. Sie zeigte sich auch dankbar, denn sie brachte dem Kind aus ihrem heimlichen Schatz allerlei schöne Dinge mit: Glitzernde Edelsteine, edle Perlen und goldene Spielsachen. Die Unke trank aber immer nur Milch und ließ die Weißbrotbrocken unangetastet in der Schüssel liegen. Als die Unke das wiederholte, wurde das Kind unwillig und schlug der Unke mit dem Löffelchen auf den Kopf und sagte: »Liebe Unke, du musst auch von den Brocken essen, sonst schimpft meine Mutti. Die Mutter beobachte und hörte alles durchs Küchenfenster, ergriff ein Holzscheit, rannte schnell in den Hof und erschlug die Unke.

Von dieser Zeit an änderte sich das Verhalten des Kindes; solange die Unke mit ihm gegessen hatte, hatte es rote Backen, jetzt aber magerte es ab und wurde zusehends bleich und bleicher. Und schon bald fing nachts der Totenvogel an zu schreien, und das Rotkehlchen sammelte dürre Zweige und Blätter für den Totenkranz; wenige Tage später lag das Kind auf der Bahre…

(Nach einem Märchen der Gebrüder Grimm)

Die Blüte, die wir nicht zertreten,

wird uns beschenken mit ihrem Duft;

der Vogel, dessen Nest wir schützen,

wird uns belohnen mit seinem Gesang.

REINHOLD SCHNEIDER

Der moderne Weg zur Hasen-Kommune

Eines Tages erkannten die Bewohner des Hasendorfes, dass die Arbeitsamen unter ihnen mit schweren Büscheln frischer Blätter, süßduftender Pflanzen und leckeren Früchten aus dem Busch zurückkehrten, während andere, die Faulen und Bequemen, mit leeren Händen dastanden. Das machte denen, die fair und nobel zu denken pflegten, arge Kopfschmerzen. Deshalb fassten sie auf dem nächsten Hasenkongress folgende Resolution: »Niemand soll künftig im Busch nur für sich selbst nach Nahrung suchen, sondern stets für die ganze Gemeinschaft, die Kommune aller Hasen: Was immer der Einzelne findet, trägt er nach Hause und bringt es zur vereinbarten Zeit auf den Marktplatz. Dann kommen alle Bewohner des Hasendorf zusammen und die Verteilung beginnt: Erst kommen die werdenden Mütter und die Kinder dran; dann alle andern.«

Nachdem alle Hasenfamilien zugestimmt hatten, ging man an die Arbeit. Die Esswaren wurden auf dem großen Marktplatz ausgelegt; und es klappte alles recht gut – keiner ging leer aus, keiner nahm mehr, als er unbedingt brauchte. Und alle gaben zu, dass dies ein guter und gerechter Weg sei zum allgemeinen Frieden im Dorf. Und alle waren zufrieden und glücklich, bis eines Tages ein paar städtische Snobs erschienen, abgeschleckte Vornehmtuer, die den Dörflern weismachen wollten, sie seien schrecklich altmodisch. Modern sei heute die These: Allen gehöre alles. Ihr altmodisches Denken gehöre inzwischen der Vergangenheit an. – Allmählich wurden die Dorfhasen unsicher und baten die Städter um ihren Rat.

Da ergriff der Anführer der städtischen Hasen das Wort und schrie laut und deutlich: »Freunde, Genossen, bald wird alles anders; es wird keine Armen mehr unter uns geben, denn es kommt die Zeit der Volkshasen. Alles für das Volk! Alles mit dem Volk! Und niemals ohne das Volk. Da klatschten alle Beifall – und überließen den städtischen Hasen ihre ganze Habe, auch ihre Vorräte und Früchte, die sie schon geerntet hatten. Bei ihrem Abschied versprachen die beiden Hasen-Snobs aus der Nachbarstadt, dem obersten Chef des Hasenrates in der Stadt die Treue der Dorfhasen zu übermitteln; der werde ihre Loyalität niemals vergessen. Dann riefen sie: »Hoch lebe die neue Zeit! Hoch lebe der Hasen-Rat! Hoch lebe die demokratische Republik aller Hasen weltweit!« – Bald schon fuhren die ersten schweren Laster vor, um die Nahrungsmittel der Dorfhasen zu verladen und in die Stadt zu bringen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
217 s. 46 illüstrasyon
ISBN:
9783961450589
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar