Kitabı oku: «In Dankbarkeit und Freude»

Yazı tipi:

Die schönste Seite im Leben ist,

dass unsere Herzen nicht aufhören

an jenen Orten zu verweilen,

wo wir einmal glücklich waren.

Khalil Gibran

Adalbert Ludwig Balling

In Dankbarkeit und Freude

Erinnerungen in die Zukunft

Herausgeber

Studiendirektor Reinhart Urban

Engelsdorfer Verlag Leipzig

für alle

die mein leben bereichert haben

die gut zu mir waren

die mir mut machten

die mir vertrauen schenkten

die mich gesegnet haben

von denen ich weiß

dass sie auch dann

wenn ich nicht mehr hier sein werde

meiner gedenken

Zum Titelfoto:

Geduld bringt Rosen zum Blühen, auch im Winter! –

Freude und Dankbarkeit können Wunder wirken –

mitunter ein Leben lang.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über

http://www.dnb.de abrufbar

ISBN 978-3-95744-830-9

Copyright 2015

Engelsdorfer Verlag Leipzig

Schongauer Straße 25, 04328 Leipzig

www.engelsdorfer-verlag.de

Alle Rechte beim Autor Adalbert Ludwig Balling

All rights reserved

Typographie und Satz: Roman Schmuker

Titelfoto: G. Hildebrand, Hamburg-Blankenese

SW-Fotos: Familien-Archiv

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort des Herausgebers

Zum Untertitel: Erinnerungen an/in die Zukunft?

Einführung: Der Glaube hat Freude und Dankbarkeit in die Welt gebracht

I

In jeder echten Freude wächst und gedeiht Dankbarkeit

Das Leben auf dem Land war wichtig für mein Wirken in Afrika | John Jakob und das Missions-Team auf der Embakwe-Mission | Die Notre-Dame-Schwestern stellten das Personal für die High-School | Ein herzliches Dankeschön an Misereor und weitere wichtige Hilfswerke

II

Heimat ist überall wo Menschen uns mögen

Als Mama und Papa noch lebten | Leben und Arbeiten in der Dorfgemeinschaft | Wasser aus eigener Quelle | Kriegs- und Nachkriegsjahre im Ochsenfurter Gau | Als amerikanische Panzer unser Dorf erreichten | Leben mit den Besatzern | Späte Erinnerungen an die Ami-Soldaten | Evakuierte, Ausgebombte und Flüchtlinge | Schwarzmärkte und Hamstern waren alltäglich | Erziehung: Stillhalten und Brav-Sein | Eisenbahnfahrt mit Papa im Januar 1947

III

Im Dorf kannte jeder jeden – eine Gemeinschaft Gleichgesinnter

Pfarrhäuser, Pfarräcker und Hobby-Pfarrer | Schlangen haben samstags frei | Dorfleben | Gemeinde-Diener und Schäfer, Bulldog und Fernsehen | Das Los der Landfrauen und Mütter | Arbeiten und Beten, auch im Kuhstall | Überzogen sorgfältige Erziehung liefere Zwergobst, meinte Lichtenberg | Sticheln und Frotzeln, etwas Ur-Fränkisches | Fronleichnam, Wallfahren und Pilgern | Kirchliche Tradition und Vorschriften | Religiöse Riten und dörfliches Brauchtum

IV

Hexenglaube, Aberglaube und andere Verankerungen im dörflichen Brauchtum

Samstags wird die Straße gekehrt | Am 2. Februar wechselte das Gesinde | Heim-Spiele in den langen Winterabenden | Hexen-und die Übermacht des/der Bösen | Zur Geschichte des Hexenwahns im fränkischen Raum | Ritualmorde & Zauberei südlich der Sahara | Die Notjahre nach Hitler&Co | Kläffende Hunde und großkotzige Nazibeamten | Als Sinti und Roma noch Zigeuner hießen

V

Die weite Verwandtschaft – Großfamilie mit lauter guten Freunden

Papas Brüder – und weitere Verwandte des umfassenden Familienclans | Papas Schwestern und ihre Familien | Ein paar Dutzend Cousinen und Vettern väterlicherseits | Mamas Verwandtschaft, Brüder und Schwestern

VI

Fast jeder im Dorf war ein fränkisches Original

Die alteingesessenen Familien | Den Kuhns Michel hatten wir alle gern | Die alte Hauptstraße entlang – bis zur Dorfmitte | Zwei Großbauern rechts der Hauptstraße | Weiter – auf der linken Straßenseite | Rechts und links im Unterdorf | Der Düchsenbauer u. a. in der Dorfmitte | Am Ende des Rundganges – der Langmandelshof | Die Tiere um Vergebung bitten

VII

Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer – man braucht nur einen Menschen

Als Mama von uns Abschied nahm | Schwere und leidvolle Jahre für Papa | Oma Barbaras lobheischende Katze | Ehemalige Klassenkameraden in guter Erinnerung | Als säßen wir wieder auf der Schulbank | Geistliche, Lehrer und Erzieher | Würzburger Professoren und Bischöfe

VIII

Ein gutes Wort über jene die uns Mut machten

Aufgeschlossene Päpste für eine weltweite Kirche von Johannes XXIII. bis Franziskus | Mit Konrad Adenauer in eine neue Epoche | Politisches Fingerhakeln mit Franz Josef | Aktive Politiker und Elder Statesmen | Kenyatta, Kaunda und Nyerere – und weitere schwarze Politiker | Mugabe – und der Ruin Simbabwes | Zwei schwarze Friedens-Nobelpreis-Träger

IX

Große Dankbarkeit nicht nur am Ende eines langen Lenbens

Pioniere am Kap der Guten Hoffnung: Abt Franz, Bruder Ägidius, Pater Huss | Mariannhiller Märtyrer Missionare | Weitere Prominente aus den Reihen der Mariannhiller | Gute Menschen sterben nicht | Willkommene Gäste in Köln am Rhein | Zwei bekennende Mariannhiller – honoris causa

X

Allen, die am Ufer der Zeit verschwanden in Dankbarkeit verpflichtet

Spaziergang im winterlichen Schwarzwald | Erlebtes und Erlauschtes. Geduld bringt Rosen zum Blühen | Afrikanische Impressionen zwischen Kalahari und Maasai-Steppe | Von Island über Australien nach China | Mehrere Missionare und ein Südsee-Insulaner | Sie betrachtete ihr Leben als Herausforderung | Viele von ihnen leben fröhlich weiter – und in guter Erinnerung

XI

Wir sind Sennen-Hirten auf einer Alpenspitze und schauen zurück – und nach vorne

Ein Danklied sei dem Herrn | Nichts war umsonst, nichts nichts-sagend | Wo sind die modernen Gottesträumer? | Wenn ich ein Testament zu schreiben hätte | Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen | Was die Vermächtnisse der Großen uns sagen wollen | Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse... | Ist es Gott, der unsere Pläne durchkreuzt? | Ein Papst aus Argentinien

Anhang

Ein herzliches Dankeschön | Zeitangaben zu den Schwarzweißbildern | Biografische Skizze

Vorwort des Herausgebers

Der Autor, Adalbert Ludwig Balling, wirft einen Blick zurück auf über 80 Jahre – im Sinne des Sprichwortes: »Das Leben wird nach vorwärts gelebt, aber nach rückwärts verstanden.« Es geht um ein besseres Verstehen der vergangenen Jahre; es geht um Lebens-Einsichten.

Ausgangspunkt seiner Memoiren ist das heimatliche und familiäre Umfeld, das seine Grundstrukturen, seine Haltungen und seine Interessen beeinflusst und mitgeprägt hat. Dabei wird ihm die Bedeutung menschlicher Begegnungen klar, die zu wichtigen Weichenstellungen seines Lebens wurden. Er erkennt, dass er anderen vieles schuldet, vor allem denen, mit denen er Freude und Freundschaft, aber auch Ängste und Leiden teilen durfte. – Was ihm vorschwebt: Niemanden zu beschämen, niemanden bloßzustellen. Vielmehr anhand von Erinnerungen immer wieder zu danken. Auch aus Freude über gemeinsam Erlebtes. Es sind sehr persönliche Erinnerungen als Dankeschön gegenüber denen, die Mut machten, die gut zu einem waren.

Der Autor schildert zahlreiche Begegnungen, eindrucksvolle Erinnerungen an die Natur sowie an Menschen der verschiedenen Kontinente, die er auf vielen Info- und Fotoreisen kennenlernte: Interessante Hinführungen zur Erkenntnis der wunderbaren Vielfalt und Schönheit unserer Welt und des Verbindenden der menschlichen Natur, gleich welcher Hautfarbe, gleich welcher Sprache.

Es ist ein dem tieferen Verständnis verpflichteter, dankbarer Rückblick des Autors auf so viele Lebensjahre! Aber es ist nicht nur ein Geschenk an seine Freunde, an seine Familie, an seine Heimatgemeinde und an die Missionare von Mariannhill; es kann die Leserin/den Leser auch zum Erkennen ähnlicher Einflüsse und Prägungen menschlichen Lebens bei sich selbst führen – und Erinnerungen wecken an schon fast vergessene eigene heimatliche oder sozial-gesellschaftliche Gegebenheiten.

Eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die offen und aufgeschlossen sind für Menschen – weltweit; die Sinn für Humor haben und Freude am Leben; die willens sind, auch aus Fehlern zu lernen – und die dankbar sind für vieles in ihrem Leben, das nicht selbstverständlich war.

Studiendirektor Reinhart Urban

ZUM UNTERTITEL
Erinnerungen an/in die Zukunft?

Wie kann man sich an die Zukunft erinnern? – Kann man nicht! Was die Zukunft bringen wird, wissen wir nicht. An das Kommende kann man sich also auch nicht erinnern. Was war, ist geschehen. Vorbei. Passe. Und doch wirkt die Vergangenheit immer wieder herein in unsere Gegenwart; und hinein in unsere Zukunft. Nichts in unserem Leben geschieht, was nicht auch Wirkung haben könnte für die kommenden Tage, Wochen, Monate – oder Jahre.

Diese Memoiren, gegen Ende meines Lebens geschrieben, richten sich an niemanden direkt. Sie wollen weder ermutigen noch abschrecken. Weder besänftigen noch schmeicheln. Weder etwas aufnoch zudecken. Ich schreibe vielmehr, weil es mir Freude macht, mich an Früheres zu erinnern. Auch weil ich meine, dass man zu dem stehen soll, was man im Laufe seines Lebens getan oder unterlassen hat. Also auch zu den Fehlern und Versäumnissen. Wohl auch deswegen, weil es mir angebracht erscheint, darüber Rechenschaft abzulegen. Zudem klärt sich vieles, indem man es Revue passieren lässt, sich über das Schöne freut und sich für das Gute bedankt.

Diese Erinnerungen könnten auch insofern in die Zukunft wirken, da sie sowohl meine Großfamilie betreffen als auch meine Wahlheimat, die Gemeinschaft der Missionare von Mariannhill. Für die jungen Generationen aus beiden »Gruppierungen« könnten eventuell die Erlebnisse, Überlegungen, Deutungen und Erinnerungen meiner 80-jährigen Vita sogar zu Impulsen werden für ihr eigenes Leben. Nicht zuletzt im Rückblick auf jene, die vor ihnen waren.

Warum? Um vielleicht Fehler oder Missgeschicke zu vermeiden, die zu vermeiden wir Älteren uns so schwer getan haben.

So gesehen und so verstanden, denke ich, sollten Erinnerungen allemal festgehalten und bewahrt werden. Auch sollten sie schon deshalb geschrieben werden, damit das Böse und Schreckliche der Vergangenheit sich in der Zukunft nicht wiederhole.

Und – vergessen wir nicht: Wer sich erinnert, bereichert sein Leben, vermehrt die Qualität seines Lebens – und die seiner Mitmenschen. (ALB)

VOR-WORTE & EINFÜHRUNG
Der Glaube hat nicht nur den Sinn sondern auch die Freude und die Dankbarkeit in die Welt gebracht

Nach Paul Claudel

Als einer seiner Mitbrüder aus dem Jesuitenorden Papst Franziskus fragte, wie er sich selber bezeichne: Als Nachfolger des Apostels Petrus? Als Bischof von Rom? Als Glaubens- und Sittenwächter der Lehre Jesu? Als Letztverantwortlicher für alle Christen weltweit? Oder – immer noch (auch nach seiner Wahl zum Papst) als Mitglied des Ordens der Gesellschaft Jesu? Da antwortete er spontan, schlicht und einfach: Ich bin ein Sünder! Ein Sünder vor Gott und den Menschen.

Nelson Mandela, Südafrikas erster schwarzer Staatspräsident, meinte etwas Ähnliches, als er 1975 in einem Privatbrief aus der Haft auf Robben Island schrieb: Ein Heiliger ist ein Sünder, der nicht aufhört, sich zu mühen. – Mandela vertrat ferner die Ansicht: Es sei nicht das schwierigste Ding (Aufgabe) im Leben eines Menschen, die Gesellschaft zu ändern oder zu reformieren, sondern sich selbst! – Auf ein Drittes machte Mandela aufmerksam: Die Feder könne uns die glücklichsten Momente unseres Lebens zurück ins Gedächtnis rufen.

Wie wahr! Unsere Erinnerungen können Wunder wirken – und zwar in besonderer Weise bei uns selbst –, wenn sie schöne und beglückende Erlebnisse festhalten. Wenn wir uns darüber freuen, was früher möglich war. Wenn wir ehedem Erlebtes weiterhin in echter Dankbarkeit bewahren oder anderen beistehen, ihre Erlebnisse zu sichten und somit auch ihre Zukunft zu bereichern.

Erinnerungen können Bekenntnissen gleichkommen. Augustinus von Hippo, der wohl bekannteste Bekenner in der Antike, sah es nicht anders. Er schrieb sich in seinen Confessiones sozusagen sein Leben von der Seele. Er bekannte seine Fehler und Schwächen, bat Gott um Verzeihung und glaubte gleichzeitig an dessen Liebe und Barmherzigkeit gegenüber allen, die sich selbst bescheiden und nie aufhören, sich der göttlichen Gnade und Güte zu empfehlen.

So verstand es auch Papst Franziskus, als er sich einen Sünder nannte, einen Menschen mit Fehlern, Schwächen und Untugenden, aber auch als einen, der an die göttliche Liebe glaubt – und an Gottes stete Bereitschaft zum Verzeihen.

Nicht viel anders sah es Michail Gorbatschow, der (von seinem Nachfolger) aus dem Amt gejagte russische Präsident. In seinen Memoiren1 empfiehlt er: Keine Panik, wenn du stolperst oder fällst! Steh wieder auf, zieh die richtigen Schlüsse und geh weiter. Das Leben hat die Richtigkeit dieses Herangehens bestätigt.

Johann Wolfgang von Goethe nannte seinen Werther-Roman eine Art General-Beichte. Wahrscheinlich hatte er diesbezüglich seine eigenen Gründe. Ich denke, Erinnerungen greifen zwar immer auch in das Seelenleben dessen hinein, der sie niederschreibt, aber es müssen keine Entblößungen sein, weder der eigenen Geheimnisse und schon gar nicht jener, die sich auf andere Personen beziehen.

Ich jedenfalls möchte mit diesen Memoiren niemand beschämen. Und schon gar nicht bloßstellen. Da sei Gottes Weisung vor! Was mir vorschwebt, sind Erinnerungen, die meiner Lebensfreude und meiner Dankbarkeit entspringen; auch und gerade gegenüber denen, die mir viel bedeuten – oder einmal bedeutet haben. Dabei gilt keinerlei chronologische Ordnung. Ich greife einzelne Persönlichkeiten heraus und stelle andere um sie herum. Oder ich stückle mal hier, mal dort etwas vielleicht zeitlich, vielleicht örtlich, vielleicht verwandtschaftlich Zusammenhängendes zu Kapiteln zusammen. – Somit sind diese Erinnerungen, wenngleich einem Mosaik nicht unähnlich, letztlich doch ein sich stets ergänzendes Ganzes.

Als Goethe einmal von einem Jugendfreund gesagt wurde: »Das, was du lebst, ist besser als das, was du schreibst!« antwortete er: Es sollte mir lieb sein, wenn es (noch) so wäre! – Gemeint ist: Wenn unser Leben höher bewertet würde als das, was wir schriftlich von uns geben. Meistens ist es andersherum. Daher gilt auch meine schon öfters gemachte Beteuerung: Was ich schreibe, ist im besten Fall das, was ich anstrebe. Also etwas (immer noch und immer wieder) Erstrebenswertes, das, leider, im Alltag nie ganz zu erreichen ist. Also vielleicht eine Art Ideal, um das man ein Leben lang sich müht.

Wer sich in Freude und Dankbarkeit erinnert, gibt damit auch zu verstehen, dass er anderen vieles schuldet, nicht zuletzt Gott, dem Geber alles Guten. Daher möchte ich dieses Buch als eine dankbare Geste an jene verstanden wissen, die mit mir über Jahre oder gar Jahrzehnte unterwegs waren. Mit denen ich Freude und Freundschaft, aber auch Ängste und Leiden teilen durfte. Die mir nicht zuletzt durch ihr Leben und Wirken zum Vorbild geworden sind. An die ich mich nicht nur gerne erinnere, sondern deren So-Sein mich glücklich machte – bis auf den heutigen Tag.

Übrigens – bei Leonardo Boff fand ich diesbezüglich ein weiteres ermutigendes Wort: Gib die Hoffnung, den Traum, die Utopie niemals auf! Das ist der Weg zur Zukunft. – Wer sich müht, Freude zu vermitteln, und gleichzeitig darauf bedacht ist, das Gespür und den Sinn für das Wunderbare in der Welt zu bewahren; wer sich um die Erde sorgt, »um die Schönheit ihrer Wälder, um den Zauber ihrer Blumen, um die Vielfalt der Lebewesen« (L. Boff), der wird sich leichter tun, auch zu seinem eigenen Alltag Ja zu sagen. Der ahnt, was Martin Walser einmal so formuliert hat: Schön wird die Welt durch den Glauben, nicht durch das Wissen. – So gesehen, so verstanden, sind Freude und Dankbarkeit letztlich echte Träger eines tiefen Gottvertrauens.

Allen, die meinen Lebensweg begleitet und die mein Sein bereichert und glücklich gemacht haben – auch den vielen in diesem Buch nicht namentlich Erwähnten – gilt, was wir als Kinder im fränkischen Bayern zu sagen pflegten, wenn wir uns für etwas bedanken wollten: Herzliches Vergelts-Gott!

Gottes Segen möge auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, begleiten. Der Schutz seiner Engel sei mit Ihnen auf allen Ihren Wegen ...

Adalbert Ludwig Balling

I
In jede echte Freude mischt sich eine Empfindung von großer Dankbarkeit

Nach Marie von Ebner-Eschenbach

An den Anfang meiner Erinnerungen stelle ich ein umfangreiches Kapitel der Dankbarkeit. Ich bin unendlich dankbar für vieles in meinem Leben, für große und kleine Erlebnisse, für das Überleben in riskanten, ja lebensgefährlichen Abenteuern, aber auch für zahlreiche Begegnungen mit wildfremden Menschen, an die ich gerne zurückdenke.

An schier allen Wegkreuzungen meiner 80 und mehr Jahre stellte ich fest, wenngleich oft erst im verspäteten Nachhinein: Es war gut so! Es hat so sollen sein! Es lag, vielleicht auch im Plane Gottes, dass es so kam, wie es kam – auch wenn es mir zur Zeit des Geschehens ganz anders erschien. Und es oblag nicht selten meinem Schutzengel, für mein Wohlsein und Wohlbefinden zu sorgen. Ihm, meinem Schutzengel, danke ich (nächst Gott und den Heiligen) für sein wunderbares Geleit; für seine Um- und Vorsicht; für seine warnenden Weisungen in brenzligen Situationen; für die, wenn auch oft erst spät erkannte Einsicht: Gott schreibt gerade – auch auf krumme Zeilen!

Als ich vor einigen Jahren mein Goldenes2 feierte, hatte ich bewusst davon Abstand genommen, einen Mitbruder oder Freund aus der Diözese zu bitten, die Festpredigt zu halten. Ich sah es damals (und sehe es heute nicht anders) fast als eine Provokation an, bei diesem Fest als einziger im Rampenlicht zu stehen und gar noch für etwas gelobt und geehrt zu werden, was ich meist gar nicht alleine hätte erreichen oder fertigbringen können.

Was habe ich schon Großes geleistet? Etwas, das andere nicht auch hätten vollbringen können? Zudem musste ich mit der Erkenntnis leben lernen, wie sie Papst Franziskus zum Beginn seines Pontifikats geäußert hat: Wer bin ich, um mich über andere zu stellen? Wer, um über andere zu urteilen? Letztlich, und vor Gott, sind auch Priester und Ordensleute nichts anderes als arme sündige Menschen, angewiesen wie alle anderen Menschen auch auf die großzügige Barmherzigkeit Gottes. Ohne Übertreibung darf ich sagen: Ich habe mein Leben lang von der Güte und Liebe anderer gelebt. Vieles, was ich getan oder erreicht habe, wohl das Allermeiste, hätte ich ohne die vielen guten Menschen, die mir zur Seite standen durch ihre Mithilfe, ihre Ratschläge, ihr Gutsein und ihr Gebet niemals geschafft. Ihnen allen gebührt mein aufrichtiges Dankeschön.

So begann ich denn auch meine Festpredigt zum Goldenen Jubiläum mit einer Aneinanderreihung dessen, was ich in den Jahrzehnten meines Erwachsenenseins alles habe erleben dürfen: Neben viel Freude gewiss auch Leid, aber auch unwahrscheinlich viel Einmaliges an historischen Ereignissen und Begebenheiten. Darauf komme ich später noch zu sprechen. Hier und vorweg erst ein paar Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend.

Das Leben auf dem Land war einfach und hart und ich bin im Nachhinein sehr dankbar dafür

Als Kind und Jugendlicher wusste ich zwar um meine dörfliche Herkunft; um das Milieu der fränkischen Heimat, wo wir mit dem Ochsenfurter Dialekt aufwuchsen, erzogen von katholischen Eltern, auf einem Bauernhof, der das ländliche Leben weithin prägte; in einer Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden kannte – und auch in etwa wusste, was der Andere dachte und vorhatte oder missachtete und unterließ .. . Kurzum, was immer sich in dieser kleinen Gemeinde ereignete, was immer passierte oder vorfiel – wir alle wussten es; es betraf alle; es ging uns alle an.

Und wenn einer im Dorf starb, trauerten alle um ihn, beteten an drei Tagen gemeinsam den Rosenkranz, zeigten sich betroffen, wünschten den Hinterbliebenen Beileid, begleiteten den Sarg zum Friedhof, nahmen teil am Totenamt, baten den Erzengel Michael um ein gutes Geleit für den Verstorbenen auf seinem Weg ins Jenseits und den barmherzigen Gott um eine gütige Aufnahme in die Gemeinschaft der Seligen und Heiligen.

Wie gesagt, um all das wusste ich sehr wohl, auch schon als Kind und Jugendlicher. Aber so recht zu schätzen wusste ich es damals noch nicht. Von echter Dankbarkeit für diese Fakten des dörflich-bäuerlichen Lebens konnte kaum die Rede sein. Da war zu viel, was uns als Kinder störte; zu viel, was uns als Jugendliche daran hinderte, dieses Milieu gutzuheißen. Denn das Leben auf dem Land war hart, entbehrungsreich und nüchtern. Fast alles drehte sich um die Arbeit: Auf dem Hof, in den Ställen, auf den Feldern – oder, im Winter, im benachbarten Wald.

Kinder und Jugendliche waren wichtige Arbeitskräfte: Beim Holz-Herbeischaffen für den Küchenherd; beim Einsammeln der Hühnereier; beim Gießen der Gemüsebeete im Garten; beim Aufklauben der Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Nüsse; beim Füttern der Hühner, Schweine und Rinder; beim Ernten des Getreides im Sommer und der Kartoffeln und Zuckerrüben im Herbst ... Einfach überall, wo kleine Hände und flinke Kinderfüße sich nützlich machen konnten.

Die Schule, die Hausaufgaben, das mühsame Auswendiglernen des Katechismus oder der gängigen Gedichte unserer großen Poeten – all das zählte auf dem Bauernhof nichts, wenn dringende Alltagsarbeiten anstanden; Arbeiten, die von Kindern und Jugendlichen zu erledigen waren. Ohne Widerrede und ohne Murren.

Dass dies so sein musste, war uns Zehn-, Zwölf- oder Fünfzehnjährigen kaum zu vermitteln. Wir folgten einfach; be-folgten, was die Erwachsenen uns vorschrieben. Wir hatten zu gehorchen. Basta! – Umso mehr schielten wir zu jenen wenigen Mitschülern hinüber, deren Eltern keine größere Landwirtschaft betrieben; die vielleicht ein Geschäft führten, einem Handwerk nachgingen oder gar zu den Studierten gehörten – weil Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte etc. Da gab es zwar auch kleinere Arbeiten zu verrichten, diese waren aber überhaupt kein Vergleich zu unseren Aufgaben und Pflichten auf dem Bauernhof.

Damals empfanden wir es als ungerecht, dass wir so schuften mussten. Später, mit dem Abstand an Jahren, mit mehr Lebenserfahrung und Einsicht, auch in andere Berufszweige, da änderte sich dieses Bild sehr rasch und von Grund auf. Heute – und in der Rückerinnerung an die frühen Jahre im Elternhaus und auf dem Dorf, sehe ich es anders; wesentlich anders! Heute bin ich überaus dankbar, auch für die schwere Zeit des Kindseins und allmählichen Erwachsenwerdens. Gerade das Leben auf dem Lande hat mir persönlich unendlich viel gegeben; hat mein Leben bereichert; hat mir für meine späteren Aufgaben wesentliche Erfahrungen geschenkt, die ich sonst kaum hätte machen können.

Mein Wirken in Afrika3 wäre für mich um vieles schwieriger gewesen, hätte ich nicht auf Erfahrungen meiner Kinder- und Jugendjahre im Ochsenfurter Gau zurückgreifen können. Denn auf der Embakwe-Mission in Rhodesien (Simbabwe), wo ich ab Dezember 1959 tätig war (davor elf Monate in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt des Landes), hatten wir neben den Pastoralaufgaben in der Pfarrei und den schulischen Verpflichtungen (vom Kindergarten bis zur Highschool mit Cambridge-Examen) jede Menge handwerkliche und agrarwirtschaftliche Aufgaben zu erledigen.

Wir hatten auf der Station im Schnitt 300 Stück Vieh, an die 50 englische Morgen unter künstlicher Bewässerung, mehrere Dämme als Wasserspeicher, mehrere Windmühlen als Wasserpumpen, eine weiträumige Werkhalle zur Ausbildung junger Afrikaner, ein kleines Buschhospital, 50 afrikanische und farbige (Mischlings-) Lehrer, 100 schwarze Tagesarbeiter (Frauen und Männer), 480 Mischlingskinder und Jugendliche an der Internatsschule – und somit täglich über 600 Münder zu verköstigen.

Ständig gab es etwas zu reparieren und auszubessern. Und viel zu bauen! Etwa mehrere Außenschulen, weit über das Hinterland verstreut. Ferner, auf der Hauptstation, ein Schwimmbad für die Internatsschüler/innen, einen Kuhstall für die trächtigen und milchgebenden Kühe (die Mehrzahl der Tiere blieb ganzjährig auf der Weide), Schul- und Wohngebäude sowie eine moderne Kirche für rund 850 Sitzplätze.

Die Ziegelsteine für unsere Neubauten stellten wir selber her; die Maurer und deren Gehilfen waren Afrikaner, einst angelernt und ausgebildet von unseren tüchtigen Brüdermissionaren, die inzwischen im Altenheim im südafrikanischen Mariannhill lebten – oder bereits verstorben waren.

John Jakob und andere Mitarbeiter des Missions-Teams

Natürlich war ich nie allein; nie der einzige Weiße auf der Station. Zeitweise standen mir zur Seite: Neben zwei Mariannhiller Patres (einer aus den Niederlanden und einer aus Österreich) noch zwei Brüder, 13 Ordensschwestern (mehrheitlich ausgebildete Gymnasiallehrerinnen aus Großbritannien) und ein englischer Missionshelfer.

Der Schweizer, Bruder Mauritius, war ein erstklassiger Schreiner und Zimmermann; aber auch Schlosser, Elektriker und Reparateur für schier alles. Er war unter anderem zuständig für defekte Autos, altersschwache Windmühlen, lecke Wassertanks, kaputte Stromkabel und dgl. mehr. Er redete nicht viel. Leute, die ihn nicht kannten, hielten ihn für einen kauzigen Einzelgänger. Er war aber alles andere als verschroben, sondern vielmehr ein treuer Ordensmann; ein Vorbild für uns Jüngere. Als er uns verließ – krumm, bucklig und hochbetagt –, um die letzten Jahre seines Lebens in einem ordenseigenen Seniorenheim in Südafrika zu verbringen, vor allem im Gebet und in der Erwartung eines neuen Lebens jenseits irdischer Mühen, Plagen und Ängste, da vermissten wir ihn sehr.

Bruder Lambert stammte aus den Niederlanden; er sorgte sich um das Vieh und die Landwirtschaft. Seine Sprache war meist ein Mix aus Deutsch, Englisch und Afrikaans (die Sprache der Buren in Südafrika). Unsere Schul- und Internatskinder sowie die schwarzen Tagelöhner, die er beschäftigte, nannten ihn Bradder Kommkomm. Später, als ich schon nach Deutschland zurückgekehrt war, verließ er die Mission, zog sich in die Wankie-Region zurück, lebte mitten unter Schwarzen, erkrankte schwer und verstarb in noch relativ jungen Jahren.

Der aus Tirol stammende Pater Alfons kümmerte sich um die Außenschulen, war Schulinspektor, dem die schwarzen Volksschullehrer unterstanden, und gleichzeitig mein Assistent (Kaplan) auf der Hauptstation, vor allem in pastoralen Angelegenheiten. Diesen Aufgabenbereich hatte er 1960/1961 von mir übernommen, als mir von meinem Vorgänger, Martin Elmar Schmid, eine neue Aufgabe zugewiesen wurde und ich die Verantwortung für den Gesamtkomplex Embakwe-Mission4 übernehmen musste. – Pater Alfons wurde später allseits geschätzter und respektierter bischöflicher Finanzmann der Diözese Bulawayo. Eines späten Abends stolperte er eine Art Kellertreppe hinunter – und starb bald darauf an seinen Verletzungen.

Pater Damian, Niederländer wie Bruder Lambert, hatte während des 2.Weltkriegs ein deutsches Arbeitslager kennengelernt und daher keine guten Erinnerungen im Rucksack. Dass ausgerechnet ein Deutscher (ich war der einzige Deutsche vor Ort) sein Chef sein sollte, schmeckte ihm nicht so recht. Aber seine Aufgaben machten es ihm einfacher: Als Bubenpräfekt für vorwiegend farbige Jungen war er weithin selbständig. Gelegentlich hatte er es auch mit den Lehrern und Lehrerinnen der High School zu tun und mit den englischen Nonnen. Letztere machten ihm das Leben nicht immer leichter. Dennoch – er hielt mehrere Jahre in Embakwe aus, ehe er, wie er meinte, einen leichteren Job übernahm, auf einer anderen Missionsstation.

John Jakob, Engländer mit deutschen Wurzeln, war ein Glücksfall für die ganze Station, vor allem aber für mich, den gerade erst mal 28 Jahre alten Baba-Umkhulu (Großer Vater) des Missionssprengels und Prinzipal der High-School. Ohne John wäre vieles von dem, was wir in Embakwe unternommen haben, kaum möglich gewesen. Als ich von Seiten der Ordensobern buchstäblich gezwungen wurde, unterm Gehorsam, wie man früher zu sagen pflegte, die, wie ich erst viel später erfuhr, schwer verschuldete Station zu übernehmen, sprich, Chef des Gesamtkomplexes zu werden, da bat ich Bischof Schmitt5, mir eine Englisch sprechende Hilfe für das Büro zu besorgen. Ich hatte an eine pensionierte Lehrerin bzw. Sekretärin, eventuell eine ältere Ordensschwester, gedacht. Nach einem Monat meldete sich Schmitt und erwähnte den Namen eines Briten, der bei Cooks Travelling Agency über Jahre als Accountant tätig gewesen sei, erst in Durban (Südafrika), dann in Bulawayo und zuletzt in Salisbury (heute: Harare).

Dieser Mister Jakob sei willens, künftig auf einer Missionsstation zu arbeiten. Ob ich ihn haben wolle? – Meine Frage an den Bischof: Können Sie ihn empfehlen? Er antwortete, er kenne ihn nicht, aber Frau Dr. Hanna Davis-Ziegler kenne und empfehle ihn sehr; sie halte Mr. Jakob für einen tüchtigen Mann, er sei katholisch und aus gutem Hause. Der Bischof fügte hinzu: Seine Kündigungsfrist bei Cooks betrage vier Wochen; wenn ich einverstanden sei, käme er nächsten Monat. – Ich sagte zu, und vier Wochen später brachte ihn Schmitt zu uns auf die Station. Wir hatten uns vorher weder gesprochen noch gesehen. Doch von der Sekunde unseres Kennenlernens an verstanden wir uns; John wurde mein bester Helfer und Berater; mein Sekretär und Stellvertreter, der fast alle englische Korrespondenz für mich erledigte, vor allem den Briefverkehr mit den Regierungsstellen in Salisbury, zum Beispiel mit dem Social- und Educational Departments. Aber das war nur ein Bruchteil dessen, was John in den kommenden Jahren auf der Station bewältigte.

Schon nach wenigen Wochen zeigte es sich, dass er neben der Büroarbeit (amerikanische Buchführung) schon bald zum Man of all Trades wurde, ein Fachmann für (fast) alles: Er verstand sich auf (alte) Autos, die nicht mehr richtig funktionierten, aufs Reparieren von Wasser- und Stromleitungen und vieles mehr. Auch über die Probleme der Landwirtschaft sowie des Bauwesens machte er sich kundig und natürlich über alles, was den Schulbetrieb betraf. Viele handwerkliche Kenntnisse hat er von Bruder Mauritius gelernt; die beiden verstanden sich bestens. Kurzum, ohne John ging in Embakwe fast nichts mehr.

Wenn ich mal für ein paar Tage oder Wochen abwesend war, wie z. B. während zweier Trips nach Mariannhill im heutigen Kwa-Zulu-Natal, dann machte ich John zum Finanzmeister der Station. Er verfügte dann als einziger vom gesamten Missionsteam über die Schlüssel zum Safe. Damit waren alle anderen des Teams einverstanden, Ordensleute und Laien. John arbeitete umsonst, ohne Lohn; er verzichtete sogar auf ein Taschengeld. Kost und Unterkunft waren für ihn frei, auch Zigaretten und Drinks. Oder was er sonst für den täglichen Gebrauch unbedingt nötig hatte.

1965, als ich Embakwe verlassen musste (um nach einer Ausbildung zum Journalisten die Redaktion der Mariannhiller Zeitschriften und Kalender in Deutschland zu übernehmen), blieb John zunächst vor Ort, aber nicht mehr lange. Es kam zu Unstimmigkeiten zwischen John und meinem Nachfolger, was zur Folge hatte, dass John die Station verließ und vorübergehend bei einem benachbarten weißen Farmer unterkam – als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und bei der Viehzucht. Als er mich in dieser Zeit in Köln besuchte, riet ich ihm dringend, wieder in den Dienst der Kirche zu treten, zuvor aber einen Vertrag mit Bischof Schmitt abzuschließen und künftig, eventuell auf diözesaner Ebene, die Arbeit eines Büroleiters der missionsärztlichen Hospitäler zu übernehmen – mit Sitz in St. Lukes, wo Dr.Davis-Ziegler schon seit der 1950er Jahre tätig war. Das tat er denn auch. Damit hatte er wieder einen sinnvollen Job, der ihn ausfüllen würde – bis zu seinem Tod. John starb, viel zu früh, nach einem operativen Eingriff in Johannesburg. War es Lungenkrebs, war es Magenkrebs? Oder beides? Wahrscheinlich beides ...

Notre-Dame-Schwestern aus England, Schottland, Irland ...

Unsere High School in Embakwe wäre ohne die fachlich nach britischen Standards gut ausgebildeten Notre-Dame-Schwestern (SND) nicht möglich gewesen. Wir Mariannhiller hatten im gesamten Bistum nur ein paar wenige Schulfachleute; außer Pater Possenti meines Wissens nur noch ein oder zwei – und, ja, nicht zu vergessen, eine Anzahl Mariannhiller Missionsschwestern vom Kostbaren Blut in Regina Mundi, Empandeni und Bushtick.

Die High School in Embakwe durfte damals nur farbige Kinder (Mischlinge) aufnehmen; das war staatliche Vorgabe; eine Weisung, die an die strengen Apartheidgesetze in Südafrika erinnerte. Geleitet wurde unsere High School von einer Headmistress, einer SND-Nonne, und das war gut so. Ohne die Schwestern wären wir nicht in der Lage gewesen, diesen hohen schulischen Standard zu halten.

Unsere farbigen Kinder und Jugendlichen kamen übrigens von überall her, aus dem ganzen Land, und darüber hinaus auch aus Botswana, Malawi und Sambia. Embakwe hatte die erste und lange Zeit einzige Schule für Mischlinge (Farbige) landesweit! Zum Abschluss machten sie das Cambridge-Examen; das heißt, ihre Prüfungs-Arbeiten wurden nach England gesandt und dort benotet. Das waren jedes Jahr aufregende Tage; und alle, die während der Examenszeit die Aufsicht führten, mussten namentlich nach Cambridge gemeldet und entsprechend vereidigt werden.

Ich erinnere mich immer noch gerne an unsere Lehr-Schwestern; sie übernahmen, zusammen mit mehreren farbigen Laien-Lehrerinnen und Lehrern die Organisation des schulischen Betriebs, wenngleich die letzte Verantwortung beim Prinzipal lag; sprich – beim Stationsoberen. Auch betreuten die Schwestern das Mädchen-Internat. Nur, und das waren wahrlich nicht wenige, die Kontakte zu den staatlichen Stellen (Kultus- und Sozialministerium), blieben in meiner Verantwortung, und waren somit auch Johns Aufgabe.

Es ist hier nicht möglich, die Arbeit aller Ordensschwestern im Einzelnen aufzulisten. Allen bin ich nach wie vor sehr dankbar für ihre Dienste. Aber ein paar von ihnen möchte ich doch namentlich erwähnen. Ich beginne mit Sr.Veronica Chapman. Sie war Oberin des Schwesternkonvents und gleichzeitig Lehrerin an der High School. Eine kluge und rücksichtsvolle Frau; ehe sie über etwas urteilte, hörte sie die Meinung mehrerer Leute an. John und ich kamen glänzend mit ihr aus. Sie unterschied sich in mancherlei Hinsicht von den anderen Nonnen, nicht nur durch ihre Geburt. Sie stammte als einzige der 13 Schwestern aus Südafrika. Eine weiße Südafrikanerin, die sich während des Zweiten Weltkriegs in England der Gemeinschaft der SNDs angeschlossen hatte und sich dort auch als Lehrerin hatte ausbilden lassen. Ihr Großvater väterlicherseits gehörte noch zur Gruppe der Afrikaforscher und Großwildjäger, die mithelfen wollten, den schwarzen Kontinent für die westliche Zivilisation zu erschließen. Er hatte nachweislich die später nach der britischen Königin benannten Victoria-Fälle am Sambesi entdeckt, aber noch ehe er dies der Weltpresse mitteilen konnte, kam ihm der zeitgleich forschende schottische Missionar David Livingstone zuvor.

Sr. Veronica vermittelte immer wieder zwischen unserem, von John geführten Büro und den anderen Lehrerinnen und Lehrern der High School. Das war nicht immer einfach. Warum nicht? Weil eine ihrer Mitschwestern, die Headmistress der High School, eine damals noch typisch britische Haltung mir gegenüber einnahm. Warum? – Weil ich als Deutscher (und dazu noch als einziger Deutscher auf der Station) das letzte Wort hatte, auch die schulischen Belange betreffend. Natürlich auch die Hauptverantwortung. Wenngleich Sr. Headmistress alleine über den Stundenplan entscheiden konnte, so musste sie doch die Anstellung (und Entlassung) von Laien-Lehrern mit meinem Büro abstimmen. Das, und so manches mehr, bekam ihr nicht sonderlich gut. Zuweilen hörte man sie sagen: These bloody Germans lost the War, and now, look at them, they are back again! (Diese schrecklichen Deutschen, schau nur; sie haben den Krieg verloren – und jetzt sind sie schon wieder da!) Das war nicht die feine britische Art! Schon gar nicht von Seiten einer Ordensfrau. Und genau da sprang dann Sr. Veronica ein und mühte sich um Schlichtung. John allein hätte es wohl auch nicht geschafft.

Mit Sr. Veronica verband mich noch über Jahre eine anhaltende Korrespondenz; sie besuchte mich in Köln, einmal auch in unserem Generalat in Rom. Über sie (und via John) blieb ich bestens informiert über die mitunter prekäre Lage in Rhodesien während der Bürgerkriegs-Unruhen in den 1970er Jahren. Ihren Lebensabend verbrachte sie (gegen ihren Willen) in einem Seniorenheim in England, zuletzt, wie ich hörte, erkrankt an schnell fortschreitender Demenz ...

Embakwe, die Missionsstation, wurde, als die schwarzen Rebellen immer grausamere Überfälle verübten, für einige Monate ganz geschlossen – und ausgeplündert, mehrheitlich von Leuten der Umgebung.

Damals wurden zehn Mariannhiller Missionare6 im Bistum Bulawayo ermordet, davon drei Brüder in Embakwe: Edmund Geyermann und Andreas von Arx wurden auf der Veranda des Priesterhauses meuchlings erschossen. Bruder Matthias Sutterlüty wurde zunächst auf dem Gelände der Missionsfarm auf grausame Weise geprügelt und mit einem Vorschlaghammer bewusstlos geschlagen; dann, noch lebend, hat man ihn in einen alten Ameisenhaufen (Termiten) gestopft, wo er erstickte.

Sr. Barbara, ebenfalls von der Gemeinschaft der Notre Dame Schwestern, hat die Ermordung der drei Missionare auf Embakwe miterlebt; auch für sie war es eine sehr harte Zeit. Die gelernte Krankenschwester aus Schottland leitete das kleine Buschhospital mit Apotheke vor Ort. Wann immer einer von uns Patres zu einem Schwerkranken oder Sterbenden gerufen wurde, war sie dabei, um die medizinische Versorgung sicherzustellen.

Einmal im Monat kam Frau Dr. Maria Eder vom benachbarten Brunapeg zu uns, um die schwereren Fälle zu behandeln; für alles andere war Sr. Barbara zuständig, sie und ihre schwarzen Gehilfinnen. Dr. Eder war immer sehr hilfsbereit, und loyal gegenüber dem Leitungsteam unserer Station. Bei den Schwarzen der Umgebung stand sie in hohem Ansehen, vor allem auch wegen ihrer praktischen Kenntnisse, wenn, beispielweise bei Unfällen, rasch und sachgerecht gehandelt und entschieden werden musste. Unter den (bislang unfruchtbaren) afrikanischen Frauen galt sie als weiße Zauberin, die fachmännisch und gerne mithalf, ihren Wunsch nach Kindern zu erfüllen.

Dass es auf einer so großen Station wie Embakwe allerlei Praktisches zu tun gab, ist schon mehrmals angeklungen. Ohne die guten und zupackenden Hände derer, die zu unserem Team gehörten, wäre vieles nicht möglich gewesen. Es war ein weithin harmonisches Ineinandergreifen und Einander-Beistehen.

Bei vielen praktischen Arbeiten, die auf der Mission getätigt wurden, konnte ich auf das zurückgreifen, was ich zuhause auf dem fränkischen Bauernhof gesehen, und wie mir scheint, so nebenbei dazugelernt hatte: Wie man Obstbäume pflanzt, beschneidet und veredelt. Wie man mit dem Vieh umgeht, wie man es füttert und was man tun muss, wenn einzelne Tiere erkranken oder wenn gar eine schreckliche Seuche eine ganze Herde heimsucht. Auch, was man wissen sollte, wenn man Rinder kauft oder verkauft. (Wir kauften regelmäßig den schwarzen Bauern Schlachtvieh ab; für unsere Großküche!) – Aber auch, wie man ein Fundament gräbt und aufschüttet, wie man Mörtel zubereitet oder eine Betondecke einzieht etc. etc.

Vorerst genug davon; genug über meine Zeit in Afrika. Vielleicht später, in einem anderen Zusammenhang, noch ein paar Worte über einige Leute aus der Umgebung von Embakwe, an die ich mich selbst nach 50 und mehr Jahren immer noch gerne erinnere und denen ich zeitlebens segnend verbunden bleibe.

Dankeschön auch Misereor und anderen Hilfswerken

Wäre ich in einer Stadt aufgewachsen, eventuell in einer Arzt- oder Lehrerfamilie, ich hätte mich unendlich viel schwerer getan bei all diesen praktischen Arbeiten im Busch von Rhodesien! Gewiss, das hätte in anderer Hinsicht auch große Vorteile gehabt: Ich wäre von klein auf mit Büchern vertraut gewesen; ich hätte mich mit der deutschen Sprache leichter getan, mit der Grammatik, mit der Rechtschreibung, mit dem Allgemeinwissen und vielem mehr, was ich im späteren Leben gut hätte brauchen können. Aber in der Afrikamission – da waren meine frühen Erfahrungen zu Hause auf dem Land sehr viel wertvoller und wichtiger!

Als Missionar wirken wollen, heißt heute mehr denn je: Für vieles mitverantwortlich sein, was nicht unmittelbar mit der Glaubensverkündigung zu tun hat, aber sehr wohl mit einer richtig verstandenen Entwicklungshilfe, nämlich nicht zuletzt als Hilfe zur Selbsthilfe. Ich war damals der erste Missionar im ganzen Land, der mit dem eben erst (1958/1959) gegründeten Misereor-Hilfswerk in Aachen eng und intensiv zusammenarbeitete. Somit verdankten wir auf Embakwe der Großzügigkeit der deutschen Katholiken zum Beispiel die Finanzierung mehrerer wichtiger Projekte: Eine großangelegte künstliche Bewässerungsanlage, einen robusten Traktor für die schwarzen Farmer der Umgebung, eine riesige Werkhalle, mehrere Erd-Dämme zur Speicherung von Regenwasser sowie zirka 30 Kilometer Material zur Einzäunung einer ergiebigen Weide für die benachbarten schwarzen Viehzüchter.

Wir hatten auch die ersten zwei Misereor-Helfer auf unserer Station, Franz und Dieter; beide Landwirtschafts-Experten. Ein Dritter, Windfried, kam später hinzu; er war Schreinermeister und bildete junge Afrikaner in diesem Metier aus.

Leider weiß man hierzulande auch heute immer noch nicht die große Bedeutung und Wichtigkeit der deutschen Hilfswerke (Misereor, Adveniat, Renovabis, Brot für die Welt u. a.) richtig zu schätzen. Das millionenfach Gute, das über Jahrzehnte für Menschen in den Drittweltländern Afrikas, Asiens, Süd- und Mittelamerikas sowie auf den Inseln der Südsee geleistet werden konnte, übersteigt bei weitem unsere Vorstellungen. Tausende von Projekten wurden seit Ende der 1950er Jahre von diesen Organisationen geplant, durchgeführt und finanziert. Ihr Geldwert kann zwar in Zahlen erfasst werden, nicht jedoch der ideelle. Und der ist meines Erachtens der hundertmal wichtigere. Sowohl die weltweit wirkende katholische Kirche (parallel dazu die evangelische) als auch die Deutschen als Nation haben über diese WERKE gewaltig an Ansehen in der Welt gewonnen.

Gerade wir Deutschen (und Österreicher), die wir mit Hitler und dem Dritten Reich so viel Unheil, Bosheit und Ärgernis in die Welt gebracht haben, gewannen über unsere großen christlichen Hilfswerke sehr stark an Respekt und Ansehen. Und damit etwas, was mittels Politik und zwischenstaatlicher Abkommen allein niemals so schnell und so nachhaltig hätte erreicht werden können.

II
Heimat ist hier und dort ist überall wo Menschen uns mögen Wo man Heimat hat da weiß man sich geborgen da ist man auch in der Einsamkeit nie ganz allein

Heimat bietet in erster Linie die Familie, in der man geboren wurde. Die Menschen, die wir mögen, die uns viel bedeuten oder einmal bedeutet haben, verlieren wir nie mehr. Sie bleiben in unserer Erinnerung; sie begleiten uns ein Leben lang.

Mit großer Dankbarkeit denke ich an meine Angehörigen; an meine Eltern und Geschwister, an die Onkel und Tanten der großen Verwandtschaft, aber auch an die vielen guten Leute im Dorf bzw. in der näheren Umgebung meiner Heimatgemeinde Gaurettersheim7.

Einer alten Sage zufolge soll einst ein Riese drei schwere Schmiedehämmer hoch durch die Lüfte geworfen haben, um seine Kräfte zu demonstrieren. Einer kam in Oberwittighausen (im badischen Franken) wieder herunter, ein anderer in Grünsfeld bei Tauberbischofsheim und der dritte in Gaurettersheim, wo heute noch eine riesige Rippe im Vorraum des Gotteshauses, direkt unter dem Kirchturm, an den früheren Zu-Namen cum costa erinnert. Dort wird seit alters her eine von einem Mammut stammende Rippe aufbewahrt. Im Volksmund hieß es noch in meiner Kindheit, das sei eine Rippe jenes Riesen, der mit Schmiedehämmern zu spielen pflegte.

Mein Patenonkel Ludwig, Schmiedemeister von Beruf, hat uns Kindern gerne alte Sagen erzählt, die er wieder von seinen Eltern und Großeltern gehört hatte; darunter eben auch die Sage vom Riesen von Rattersche.

Etwas unterhalb der heutigen neugotischen Pfarrkirche, die aus vor Ort gehauenen gelbgrünen Sandsteinen errichtet wurde, stand bis ins 19. Jahrhundert ein kleines kostbares oktogonales (achteckiges) Kirchlein aus der Zeit der Karolinger. Leider wurde es völlig abgebrochen. Heute erinnern nur noch ein paar wenige Steinbrocken an dieses Kleinod.

Als Mama und Papa noch lebten

Unsere Mama war immer Heimat für uns Kinder; ein Leben lang. Bei ihr wussten wir uns geborgen und verstanden, auch als wir schon längst erwachsen waren. Sie blieb uns zeitlebens verbunden, sorgte sich um uns, betete viel für uns. Ohne ihre Fürsorge, auch und gerade in der Zeit meines Aufenthaltes in Afrika, wäre mir manches sehr viel schwerer gefallen. Sie begleitete mich betender Weise auf meinen unzähligen Foto- und Informationsreisen rings um den Erdball und bangte jedes Mal neu, wenn ich ihr den nächsten Trip ankündigte: Muss das denn sein? Warum so weit weg? Kennst du dort Leute, denen du vertrauen kannst? Wann kommst du wieder? Schickst du mir eine Postkarte aus Sibirien. Wo befindet sich denn der Baikalsee? Wo liegt Honolulu? Und warum musst du überhaupt so oft verreisen? Du hast doch schon so viel gesehen und erlebt! Fliegst du, oder kann man da auch mit der Bahn hinfahren?

Als sie schon die 80 überschritten hatte und es ihr gesundheitlich gar nicht mehr gut ging, plante ich eine vierwöchige Rundreise durch China; ein Jahr später durch die Sowjetunion. Damals, Mitte der 1980er Jahre, gab es noch keine verlässlichen Handys, und das normale Telefonieren aus diesen Ländern war noch sehr beschwerlich; fast unmöglich, wenn man in einer Gruppe reiste. Daher sagte ich Mama, ehe ich mich verabschiedete: In vier Wochen komme ich wieder. Und ich wusste, sie würde das Sterben entsprechend hinausschieben. So war es denn auch, und sie freute sich sehr, wenn ich ihr nach meiner Rückkehr erstmals wieder ein Grußwort sandte. Meine Postkarten kamen ja meistens erst Wochen später an, wenn überhaupt. An ein anderes zwischenzeitliches Lebenszeichen war damals und aus weit entlegenen Regionen nicht zu denken.

Natürlich fühlte sich unsere Mama in den langen Jahren nach Papas Tod (er starb 1949, als sie gerade 45 geworden war, und später, nachdem meine Geschwister ihre eigenen Familien gegründet hatten) nicht nur bei meinem Bruder Georg zu Hause, sondern auch bei meinen Schwestern Rita und Irene, die sich immer sehr um sie sorgten. Aber schon nach ein paar Wochen bei ihren Töchtern und deren Familien drängelte sie: Sie müsse wieder heim, in die altgewohnte Umgebung, wohin sie 1929 geheiratet hatte; zu den anderen Leuten im Dorf; vor allem zu Papas Grab. Dort, auf dem Dorffriedhof, fühlte sie sich ihm am nächsten; dort betete sie für alle, die ihr vorausgegangen waren; dort fand sie auch, viel später, selber ihre letzte Ruhe.

Unser Papa stammte aus einer alteingesessenen Schmiedefamilie. Er war der erste und älteste von fünf Buben (in einer langen Reihe von Schmieden), der das ehrenwerte Handwerk nicht erlernte, sondern stattdessen eine Landwirtschafts-Schule im benachbarten Tauberbischofsheim besuchte. Er mühte sich sehr, den kleinen ererbten Bauernhof zu modernisieren und auszubauen. Das Schmiede-Handwerk übernahm sein jüngerer Bruder Ludwig, mein Patenonkel, der sich am anderen Ende der Ortschaft eine neue Schmiede baute.

Unsere alte Schmiede stand noch bis in die 1960er Jahre. Wir Kinder hießen im Dorf immer nur die Schmieds-Rita, der Schmieds-Ludwig, der Schmieds-Georg und die Schmieds-Irene. – In der alten Schmiede versuchten wir Buben gelegentlich, den verbliebenen kleinen Amboss zu bearbeiten. Das war Musik für unsere Ohren; es hallte weithin übers Dorf. Vielleicht war das auch eine versteckt-ererbte Vorliebe für dieses Handwerk, das ich bei Onkel Ludwig immer wieder bewunderte. Er beherrschte es meisterhaft; es war damals weithin noch harte Knochenarbeit.

Schmiede schienen schier Alleskönner zu sein: Es galt, Pferde zu beschlagen, auf hölzerne Wagenräder eiserne Reifen aufzuziehen, handgeschmiedete Tore, Gitter und Zäune herzustellen, in der Lage zu sein, diverse landwirtschaftliche Maschinen zu reparieren, die Rohre für neue Wasserleitungen miteinander zu verbinden und vieles mehr.

Die Schmiede wurden auch oft gebraucht, wenn die Dreschmaschine im Dorf war oder wenn irgendwo gebaut wurde. Weil so vielseitig gefragt und verwendbar, wurden auch allerlei neue Kenntnisse von ihnen abverlangt, weit über das Pferdebeschlagen und Wagenräder-Aufziehen hinaus!

Der erste Schmied in unserem Dorf stammte aus Eichelsee bei Ochsenfurt; ein eingeheirateter Meister namens Balling. Seine Auserwählte war die Tochter des Bürgermeisters von Gaurettersheim, der damals noch Schultheiß genannt wurde. Sie brachte ein paar fruchtbare Äcker mit in die Ehe, die übliche Aussteuer und genug Geld sowie das Ansehen ihres Vaters. Das war für den Zugezogenen ein gewaltiger Vorteil.

In den Folgejahren wurde bei Ballings viel gebaut: Eine Schmiede, und, unter einem Dach, ein Wohnhaus, Kuh- und Pferdeställe sowie Vorratsräume für das Viehfutter. Hinzu kam später, knapp daneben, eine geräumige Scheune für die Getreideernte und das Stroh. Der Türbalken des Hauskellers trägt die heute noch gut sichtbare Jahreszahl 1737 – eingemeißelt in ortseigenen Sandstein.

Ebenfalls unterkellert waren Teile unserer Scheune. Dort lagerten neben Kartoffeln in meiner Jugend große Mostfässer. Zusammen mit den etwas kleineren Holzfässern im Hauskeller konnten wir bis zu 30 Hektoliter gegorenen Apfelwein (wir sagten Most dazu) aufbewahren. Unser Papa galt als ein exzellenter Mostler. Die Vorbereitungen zum Mostmachen mussten genau eingehalten werden. Da waren vor allem die leeren Fässer der Vorjahressernte gründlich zu reinigen. Das war eine eigene Prozedur: Auswaschen, schrubben und schließlich einschwefeln. Bei den großen Fässern war dies ohne langstielige Bürsten nicht möglich. Zuweilen, wenn die Fassöffnung entsprechend weit war, wurde andernorts sogar eines der heranwachsenden Kinder ins Fass gesteckt, um die Innenseiten des Mostfasses besser bearbeiten zu können.

In besonders guter Erinnerung ist mir das Ausschwefeln der Fässer: Da wurde ein längliches gelbes Schwefelblatt angezündet und mit einem Draht durch die Fassöffnung ins Innere gehängt. Anschließend drückte man den Deckel wieder fest aufs Fass, um den Schwefeldampf im Innern zu halten. – Der gesamte Vorgang des Mostfässer-Herrichtens sollte natürlich dazu beitragen, schädliche Bakterien zu vernichten, ehe neuer Apfelmost das Fass wieder füllen würde.

Wenn die Apfelernte gut ausfiel, verkauften wir nach dem Gärungsprozess einen Großteil des Selbst-Gekelterten. Aber sehr viel Most wurde auch an Fremde verschenkt, eigentlich an alle, die gerade vorbeikamen: Die zufällig oder auch mit Absicht, des schmackhaften Mostes wegen, bei uns hereinschauten. Wann immer der Postbote zu uns ins Haus kam, der Gemeindediener, der Tierarzt, ein Handwerker aus dem Nachbarort Bütthard oder wenn sonst jemand unseren Hof oder unser Haus betrat – ihnen allen wurde von unserer Mama ein Seidel Most angeboten. Und es gab kaum einen, dem dieser nicht geschmeckt hätte.

Beim Obstkeltern halfen wir Kinder gerne mit; der süße Apfelsaft hatte es uns angetan. Nur durfte man nicht zu viel davon trinken; das hätte Folgen haben und Probleme schaffen können, denn bis zum besagten Häuschen (mit einem Herz in der Brettertür) war es zwar nicht weit, aber es stand für alle sicht- und erreichbar im Hof, und Spötter und Stichler waren allemal zur Stelle, vor allem dann, wenn das einzige rasch erreichbare Häuschen dieser Art schon besetzt war ...

Das Leben und Arbeiten in der Dorfgemeinschaft war vielseitig und bunt

Anfangs der 1930er Jahre, noch ehe ich geboren wurde, baute Papa eine große moderne Stallung für unsere Pferde, Rinder und Schweine. Darüber befand sich ein riesiger Heuboden mit dem Vorratsfutter für die Wintermonate. Das getrocknete Heu konnte man, wenn gebraucht, bequem von oben in der Nähe der Futterkrippen herunterwerfen. Für damalige Verhältnisse das Modernste, was man sich auf einem fränkischen Bauernhof vorstellen konnte. – Ein kleinerer Teil des über der Stallung liegenden Bodens diente als Getreidespeicher und Schrotmühle. Letztere wurde während des Krieges und kurz danach von uns Buben oft tage- und wochenlang betrieben – mittels eines Elektromotors und langer Treibriemen, denn wir mahlten nicht nur das Futtergetreide für unsere Schweine und Rinder, sondern auch für mehrere kleinere Bauern, die keine eigene Mühle besaßen – und zwar sowohl für Ortansässige als auch für mehrere Bauern in den Nachbardörfern!

Die schweren Muschelkalksteine für das Fundament der über 30 Meter langen Stallung sowie für den Giebel auf der Straßenseite und einige andere Mauerteile hatte Papa in mühsamer Handarbeit und per Pferdewagen aus einem Steinbruch bei Gützingen-Kirchheim selbst angekarrt. So auch den Flusssand vom Main bei Ochsenfurt und die Zementsäcke vom acht Kilometer entfernten Bahnhof in Sonderhofen. Den Kalk bezog man von einem Kalkbrenner bei Röttingen a. d. Tauber. Lastwagen gab es damals schon, aber deren Transportkosten wollte man sich lieber ersparen.

Sparen war in diesen Jahren, zwischen den beiden Weltkriegen, eigentlich immer angesagt. Man mühte sich, möglichst autark zu sein, was die Esswaren anlangte. Aber auch vieles, was heute Fachleuten vorbehalten bleibt, versuchte man selber zu tun. Unser Papa schnitt uns Buben die Haare, besohlte, wenn nötig, die Schuhe aller im Haus, flickte Fahrradschläuche, wetzte gelegentlich die Küchenmesser, dengelte die Sensen und Sicheln, schärfte die langen Messerbalken des Grasmähers und Selbstbinders am handbetriebenen Schleifstein (den eines von uns Kindern drehen musste), hobelte auch schon mal ein paar Bretter zurecht, mischte Beton, errichtete kleinere Gartenmauern oder lötete alte Kochtöpfe, Pfannen, Schüsseln und Gießkannen, damit sie auch künftig in der Küche, im Garten oder auf dem Hof verwendet werden konnten.

Andere handwerkliche Tätigkeiten, die Papa vor allem in den Wintermonaten ausübte, wenn auf den Feldern nichts Dringendes anstand: Er bastelte Holzrechen für Hof und Felder, verfertigte Reisigbesen aus Birkenruten, Näpfe aus Roggenstroh und Kartoffel- und Obstkörbe aus Weiden. Seile flocht er aus Stroh bzw. aus Hanf- oder Sisalgarn. Auch auf das Veredeln von Bäumen verstand er sich – und wenn Äcker oder Wiesen zu entwässern waren, dann wurden unter seiner Weisung Drainage-Rohre gelegt.

Diese und ähnliche Nebenberufe beherrschten damals viele der älteren Männer im Dorf. Manche ihrer Fertigkeiten wurden innerhalb der Familie weitergegeben; andere erlernten die jungen Bauernburschen, indem sie winters mal bei diesem, mal bei jenem Meister für kurze Zeit in die Lehre gingen.

Auf den fränkischen Bauernhöfen musste man in 1930er und 1940er Jahren nicht hungern. Aber man lebte, für heutige Verhältnisse doch sehr einfach. Man war diesbezüglich gewiss nicht geizig, aber äußerst sparsam. Zu essen gab es genug, aber die Auswahl an Menüs war eher mager. Als karges Frühstück gab es nicht selten trockenes Roggenbrot und heiße Milch. Oder Malzkaffee, den man in besonderen Notzeiten selber herstellte; aus gerösteter Gerste!

Wesentlich kräftiger als das Frühstück fiel meistens das Vesperbrot um 10.30 oder 11 Uhr aus. Das Mittagessen war in der Regel kalorienreich. Es wurde vielfach aus eigenen Produkten zubereitet: Aus Kartoffeln, selbstgemachten Nudeln, Schweinefleisch, Eiern, Gemüse, Salaten, Obst und, nicht zu vergessen, angereichert mit diversen Wurstsorten vom eigenen Schlachttisch.

Geschlachtet wurde in der Regel in den Herbst- und Wintermonaten. Große Fleischteile, sofern nicht verwurstet oder in Gläsern und Dosen luftdicht verschlossen bzw. in ein Steingutfass eingepökelt, wurden in Riemen geschnitten und im eigenen Kamin geräuchert. Dieses Räucherfleisch hielt sich viele Monate.

Hausgeschlachtet wurde in allen Höfen; der Hausmetzger besorgte die groben Arbeiten, mischte und würzte die Wurstmassen und füllte sie in Därme – meist unter Mitarbeit aller Familienmitglieder. Nach dem Schlachtfest gab es tagelang Kredelsuppe (auch Schlachtsuppe genannt) und frische Grieben; letztere waren in Würfelform geschnittene und dann ausgelassene Fettbrocken. Das so gewonnene Schweinefett wurde in großen irdenen Töpfen aufbewahrt.

Wir buken auch unser Brot selber, in einem separat stehenden steinernen Backhaus. Etwa alle drei Wochen war Backtag. Die Vorbereitungen liefen schon am Tag vorher an: Das Anrühren, Kneten und langanhaltende Gären des Teigs in einem hölzernen Trog waren wichtige Vorarbeiten; dabei kam es auf eine gleichmäßigwarme Zimmertemperatur an. In aller Frühe des folgenden Tages wurden dann aus der zähen Teigmasse die Laibe geformt und in Näpfe gelegt; der Backofen wurde mit Holzscheiten auf eine bestimmte erfühlte Hitze (Temperatur) geschürt. Das Einschießen der Brotlaibe musste rasch und zügig vollzogen werden. Sonst zerfielen sie, ehe sie in der großen Backröhre geschickt abgelagert und Laib an Laib platziert werden konnten. Man musste auch genau wissen, wann der Backvorgang sich dem Ende näherte. Da waren viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung gefragt. Die gut durchgebackenen Laibe, noch ofenwarm, blieben zunächst einige Zeit im Backhaus liegen, ehe wir sie auf den Boden trugen und in einer Art Vorratskammer im ersten Stock unseres Wohnhauses lagerten. Von dort holten wir sie für den täglichen Bedarf, mal einen Laib, mal auch zwei, je nachdem, wie viele Personen zu sättigen waren.

Es war gutes Brot, aber wenn es allmählich zu Ende ging, fühlte es sich mitunter steinhart an; dann hatten vor allem die älteren Leute beim Schneiden und Kauen ihre Probleme. Sie tunkten es in die Kaffeetasse oder bröckelten es in die Suppe. – Uns Kindern war das Brot vom Bäcker lieber; darum rissen wir uns – etwas, was ich heute kaum mehr verstehen kann. Gewiss, frisches Bauernbrot hatten auch wir gern, aber wenn es alt und trocken war und erst mühsam weichgekaut werden musste, ehe man es verzehren konnte, dann zogen wir schon mal die Nase hoch – und holten uns lieber anderswo, wenn die Dreschmaschine gerade im Dorf war, ein von uns so genanntes Maschinenbrot. Das bekamen alle Kinder des Dorfes jeweils dort gratis, wo gerade Getreide gedroschen wurde. Es waren meistens backfrische Brotschnitten mit Butter und Honig oder mit Butter und Marmelade bestrichen. Ein wahrer Genuss! Vielleicht auch deswegen, weil es nur sommers Maschinenbrote gab und weil dann alle Kinder sich darum rissen. Bekanntlich stecken hungrige Mäuler auch andere an. Wer gierigen Essern zuguckt, bekommt selber Appetit; dem läuft schon beim Hinschauen das Wasser im Mund zusammen.

Natürlich hatten wir auch Hühner und Tauben und (während und kurz nach dem Krieg) Kaninchen, Gänse und Ziegen. Diese Tiere bedeuteten eine weitere willkommene Bereicherung für die Bauernküche. Zusätzlich lieferten die Gänse weiche Daunenfedern für die Betten, sehr wichtige Bestandteile des bäuerlichen Haushalts! Das Federnrupfen war anstrengend, und es brauchte auch dazu eine gewisse Geschicklichkeit und Erfahrung in der Handhabung.

Weil wir gerade bei den kleinen Tieren sind: Damals trugen die Frauen winters noch edle Fuchspelze oder Muffe (vor dem Bauch getragen, um die Hände zu wärmen); das Material für letztere stammte von Iltissen oder Schafen. Um an Fuchspelze zu kommen, stellten wir im Winter, wenn die Pelze am dicksten und wärmsten waren, auf den Äckern hinterm Dorf eiserne Fallen auf; meist dort, wo wir Fuchsspuren im Schnee gesichtet hatten. – Marder und Iltisse wurden oft auch deswegen geschossen, weil sie gerne in die Hühnerställe einfielen und alles mitgehen ließen, was sich nicht verteidigen konnte, vor allem altersschwache Hennen, Eier und Küken. Mit den Hähnen nahmen sie es seltener auf; die wussten sich besser zu wehren.

Was vor allem in den Wintermonaten in den bäuerlichen Menüs fehlte, waren Vitamine. Davon wusste man in jenen Jahren auf dem Land noch kaum etwas. Als ich 1946 nach Miltenberg ins Internat (Kilianeum) und an das dortige Gymnasium kam, wurden wir der Reihe nach vom Schularzt untersucht. Mehrere von uns waren unterernährt; bei mir und einigen anderen stellte der Doktor Rachitis fest (Englische Krankheit), eine Vitaminmangel-Erscheinung. Ich wusste bereits darüber Bescheid; in unserer Volkschule gab es mehrere Gleichaltrige, denen Rachitis bescheinigt worden war. Hühnerbrust, sagt der Volksmund zu unseren eingedellten Rippen. Unsere Mütter waren ahnungslos; sie kannten diese Kinderkrankheiten noch gar nicht, bevor sie vom Schularzt aufgeklärt wurden. Wer hätte sie denn auch rechtzeitig informieren sollen?

Kostenloses Wasser aus der dorfeigenen Quelle

Meine Heimatgemeinde Gaurettersheim galt von jeher als besonders aufgeschlossen für Neuerungen. 1905 gab es bereits eine allgemeine Wasserleitung. Sie wurde durch natürlichen Wasserdruck von der Quelle beim Paradies (Flurname) direkt zum Reservoir oberhalb der Kirche geleitet, und von dort wieder hinunter in die Häuser und Gehöfte. Alles ohne Pumpen, nur durch Eigendruck, ermöglicht durch die relativ hoch liegende Quelle und des oberhalb des Dorfes gelegenen Wasser-Reservoirs. Den einzelnen Haushalten wurde keinerlei Wasserpfennig abverlangt, nur die Zuleitungsrohre und das Installieren vom Hauptanschluss im Dorf zu den Höfen mussten von den Inhabern beglichen werden.

Onkel Ludwig, der Schmiedemeister, hatte lange Jahre die Oberaufsicht über die Gesamtanlage dieser ortseigenen Wasserzufuhr; er, und später sein ältester Sohn Edwin, ebenfalls gelernter Schmied, sorgten dafür, dass die tief in den Boden hinein gebauten Wassertanks regelmäßig überprüft und von Zeit zu Zeit gereinigt wurden.

Jahrzehnte später, ich glaube, es war in den 1970er oder 1980er Jahren, wurde unsere Gemeinde gezwungen, künftig auf die Wasserzufuhr aus eigener Quelle zu verzichten und sich der staatlichen Überland-Wasserleitung anzuschließen. Warum? Weil staatliche Wasserfachleute behaupteten, das ortseigene Quellwasser sei verseucht und infolgedessen gesundheitsschädlich. Das wurde zwar von den Dörflern lange Zeit bezweifelt, aber es blieb ihnen nichts anderes übrig; sie mussten künftig für das (staatlich verordnete) Wasser zahlen, sofern sie keine eigenen Brunnen8 hatten.

Man verwies in diesem Zusammenhang auf den alten, schon lange aufgelassenen Steinbruch am Paradies. Dort hatte man wegen des starken Grundwassers seit langem keine weiteren Steine mehr brechen können. Die Grube wurde daraufhin jahrzehntelang als Mülldeponie benützt. Ich kann mich noch gut erinnern, dass in meiner Kindheit und Jugend dort alles entsorgt wurde, was man sonst nicht mehr verwenden konnte: Ausgetretene Schuhe, von Motten zerfressene Matratzen, verrostete Eimer, Reste von ruinösen Mauern etc. pp. Von getrenntem Müll und dessen Abtransport durch die Kreisbehörde war noch lange keine Rede. Man wusste es nicht anders, und das riesige Steinbruchloch am Paradies war dazu wie geschaffen, mit allerlei Ramsch gefüllt zu werden. Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass das Verbot der weiteren Benutzung der ortseigenen Quelle als Trinkwasser absolut berechtigt, ja sogar dringend geboten war. Der verödete Steinbruch und die Wasserquelle lagen ja nur knapp hundert Meter auseinander! Somit war es höchstwahrscheinlich, dass der als Mülldeponie benützte alte Steinbruch das Quellwasser verunreinigt und vergiftet hatte.

Eine andere Neuerung für die Dörfler war der frühzeitige Anschluss an ein Überland-Stromnetz, ebenfalls noch vor dem Ersten Weltkrieg. Erzeugt wurde die Elektrizität in Weikersheim an der Tauber; dort hatte man zu diesem Zweck das Flüsschen gestaut. Es wurde also, wie wir heute sagen würden, damals schon saubere und erneuerbare Energie erzeugt; eine echte Leistung für den kleinen Weiler, der damals kaum mehr als 250 oder 300 Einwohner hatte.

Von unserem Nachbarn Kuhn weiß ich allerdings, dass er sich zunächst nicht ans allgemeine Stromnetz anschließen, sondern lieber weiterhin seinen eigenen Kraftstrom erzeugen wollte – und zwar mittels eines Dieselmotors. Noch vor und kurz während des Zweiten Weltkriegs hörten wir es über die Dorfstraße herüber, wenn bei Kuhns frühmorgens der Motor angeworfen wurde. Dann puffte stinkiger schwarzer Rauch empor, und wir wussten, gleich gehen auch beim Kuhns Michel die Lichter an.

Heute können sich viele kaum mehr vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, als man sich mit Stearinkerzen und Ölfunzeln behelfen musste. – Ich schon! Denn auf unserer Missionsstation in Rhodesien hatten wir zwar einen riesigen Generator, doch der lief meistens nur dann, wenn es wirklich dunkel war, früh und abends. Wer beispielsweise nach neun Uhr am Abend noch etwas tun wollte, musste Kerzen anzünden oder, und das war fast schon fortschrittlich, eine Petroleumlampe benützen.

Ähnlich aufgeschlossen wie hinsichtlich Wasser und Strom waren die Bauern im Ochsenfurter Gau, wenn es um moderne landwirtschaftliche Geräte ging. Da gehörten sie immer zu den Ersten. Bei uns im Dorf gab es schon zwischen den beiden Weltkriegen die sogenannten Selbstbinder zum Getreideernten. Damals eine gewaltige Arbeitserleichterung; heute schon fast vergessen. Diese Mähmaschinen wurden von zwei, drei Pferden gezogen; sie mähten nicht nur die reifen Getreidehalme (Gerste, Weizen, Roggen, Hafer, Raps), sondern bündelten sie auch und schnürten sie mit Hanf- oder Sisalgarn in einzelne Garben. – Schon lange stehen auch diese Geräte im Museum. Die Ernten werden heute stattdessen mittels Mähdreschern eingebracht. Alles in einem einzigen Arbeitsgang – Mähen, Dreschen und auf einem mitfahrenden Gummiwagen die Körner abtransportieren. Das Stroh wird im gleichen Arbeitsgang gebündelt – oder, noch moderner, in riesige Ballen gepresst.

Mein Neffe Peter, der heute Hof und Felder unserer Familie bewirtschaftet, besitzt einen umfangreichen Maschinenpark. Zusätzlich zu seiner Schulung als Landwirt und Viehzüchter machte er die Gesellenprüfung als Maschinenschlosser für landwirtschaftliche Geräte. So war er bestens geeignet, den väterlichen Betrieb weiterzuführen. Aber ohne Computer würde auch er heute nicht mehr auskommen. Sein Sohn, mein Großneffe Michael, peilt inzwischen eine ähnliche Ausbildung an – als Maschinenschlosser für den Agrarbereich.

Kriegs- und Nachkriegsjahre im Ochsenfurter Gau

Unser Papa war der Erst-Verantwortliche im Dorf als Schieder9; das heißt, er und ein paar weitere örtliche Vertrauensmänner hatten die Aufgabe, die Grenzsteine der einzelnen Anwesen und Felder sowie die zu den Feldern angrenzender Dörfer gehörigen Markiersteine (vor allem dann) zu überprüfen, wenn es zu Zwistigkeiten und Streitereien unter den Bauern gekommen war. Dieses Schieder-Team überprüfte (auf geheim gehaltene Weise, ohne Zuschauer und Zeugen) die ganze Angelegenheit, ortete notfalls die sogenannte Gerechtigkeit und suchte auf diese Weise nachzuweisen, wem von den Streithähnen Recht zugesprochen werden müsse. (Die Gerechtigkeit war ein kleiner mysteriöser Gegenstand, in bestimmtem Abstand von den Grenzsteinen versteckt, worüber nur die Schieder selber informiert waren.)

Heute, im Zeitalter der Satelliten, klingt diese Art der Ackergrenzen- und Anwesen-Überprüfung als schrecklich altmodisch – so als lebte man noch zur Zeit des Neandertalers. Aber vor 70 Jahren und mehr Jahren war der Job der Schieder in der Tat etwas Wichtiges, womit man nur Vertrauensleute beauftragte. Als wir noch Kinder waren, ahnten wir durchaus: Wenn Papa die anderen Schieder zu einem Treffen einlud, dann war damit immer etwas Geheimnisvolles verbunden. Mehr wussten wir nicht; mehr durften wir nicht wissen. Außer dem Schieder-Team war niemand eingeweiht. Die Berufung zu diesem Geheimklub – zuweilen mehr oder weniger familienvererbt – war eine Ehrensache. Mein Bruder Georg übernahm diese Aufgabe und mein Neffe Peter nach ihm – wie es auch Papas Vorfahren über Generationen hinweg getan hatten.

Weil schon in jungen Jahren, gezwungenermaßen, Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, gehörte Papa zu denen, die in den ersten Tagen des September 1939 einberufen wurden. An die Westfront, wie es hieß; zur Verteidigung des Dritten Reiches im Falle eines feindlichen Angriffes von Seiten der Franzosen bzw. Engländer. Letztere hatten bekanntlich den Polen Solidarität und militärische Hilfe versprochen, falls sie von außen bedrängt und überfallen werden würden. Hitlers Einmarsch in Schlesien (Polen), laut Goebbelsscher Kriegspropaganda als Gegenschlag getarnt, war im Grunde nichts anderes als ein Frontalangriff auf das Nachbarland.

Stationiert war Papas Artillerie-Einheit bei Prüm in der Eifel. Es ging ihm relativ gut. Weil nicht mehr der Jüngste, sondern schon über 40, hatte man ihn der Feldküche zugeteilt. Hier lernte er das Kochen und Zubereiten von Speisen. Später, und wieder zu Hause, übernahm er öfters, vor allem sonntags, die Küche. Die von ihm gekochten und zubereiteten Menüs, z. B. mit Koteletts, Möhren und Kartoffeln, schmeckten besonders gut; er sparte nie an guten Gewürzen.

Aber bei uns daheim herrschte im September 1939 eine eher traurige Stimmung. Als das Wort Krieg fiel, wusste ich sofort, dass dies etwas Schlimmes sein müsse. Mama weinte, als Papa Abschied nahm, und wir Kinder weinten mit. Zwischenzeitlich führte Onkel Georg, genannt Schorsch, Papas jüngster Bruder, unseren Hof; auch er ein leidenschaftlicher Landwirt, und damals noch ledig.

Eines Tages kam Papa auf Urlaub, im Soldatenrock. Er sah so ganz anders aus. Auf einem Familienfoto wurde es dokumentiert: Rita war schon neun Jahre alt, ich sechs, Georg vier und Irene gerade 14 Monate. Nach etwa einem Jahr beim Barras, noch ehe Hitler die westlichen Nachbarländer überfiel, wurde Papa entlassen. Fast zeitgleich wurde Onkel Schorsch eingezogen – an die Ostfront.

Nach Kriegsende (1945) kehrte Onkel Schorsch mit erfrorenen Zehen zurück, heiratete eine Kriegswitwe (mit fünf Kindern) und lebte und arbeitete fortan glücklich und zufrieden auf deren großem Bauernhof; sie hatten noch einen gemeinsamen Sohn.

Einmal im Jahr begleitete Onkel Schorsch die Ochsenfurter Wallfahrer zum Kreuzberg in der Rhön. Da er wegen seiner verstümmelten (erfrorenen) Zehen sich mit dem Laufen schwertat, fuhr er einen Traktor mit dem Reisegepäck der Wallenden. Die frommen fränkischen Pilger waren in der Regel eine Woche unterwegs: Drei Tagesmärsche hin, ein Tag auf dem heiligen Berg und wieder drei Tagesmärsche für die Rückreise.

Unser Papa war durch und durch Choleriker, zum Unterschied von Mama, die zeitlebens ein fröhliches Naturell zeigte, gespeist von einem unverwüstlichen Optimismus und Gottvertrauen. Papa war ein Macher; ein Tatmensch. Was er sich vornahm, das ging er auch zielstrebig an: Auf dem Hof, bei der Feldarbeit, bei der Aufzucht von Rindern und Schweinen. Von unseren in der Landwirtschaft angestellten Knechten und Mägden verlangte Papa sehr viel. Dabei ging er allen voran. Vielleicht forderte er von den Angestellten mitunter zu viel, vor allem, wenn diese Dienstboten noch sehr jung waren, aber deren in ärmlichen Verhältnissen lebenden Eltern sich sehr dankbar dafür zeigten, das eine oder andere ihrer Kinder auf einem Bauernhof zu wissen, wo sie eine Bleibe hatten, verköstigt wurden und dazu noch etwas verdienten.

Ich persönlich verdanke Papa meinen starken Willen und die Bereitschaft, etwas Begonnenes und als richtig Befundenes auch zu Ende zu führen. Von Mama erbte ich das Sanguinische, die Liebe zur Natur, die Freude am Leben und die Nähe zum Religiösen.

Wann genau, weiß ich nicht, auf jeden Fall war es noch vor dem Zweiten Weltkrieg, eventuell Mitte der 1930er Jahre, da versuchten besonders fanatische Nazis den Altbürgermeister unseres Dorfes, Andreas Michel, zu überreden, der Partei beizutreten. Er weigerte sich und wurde abgesetzt. Daraufhin wurde unser Papa ersucht, dieses Amt zu übernehmen; auch er lehnte ab. Ob, um sie, diese beiden erklärten Anti-Nazis, umzustimmen oder um sich an ihnen zu rächen, weiß ich nicht, auf jeden Fall wurden sie abtransportiert und für drei Wochen auf der Festung in Würzburg festgehalten. Sie weigerten sich nach wie vor, Parteigänger zu werden. Am Ende durften sie wieder ins Dorf zurückkehren. Bürgermeister wurde ein anderer Bauer; ihn hatten die Dörfler dringend gebeten, pro forma der Partei beizutreten, um zu vermeiden, dass ihnen ein Fremder vor die Nase gesetzt würde.

Vielleicht war Papas antinazistische Haltung auch ein Grund, warum er schon bei Kriegsbeginn eingezogen wurde: Wollte man ihn einfach weghaben? – Während des Krieges, als die deutschen Soldaten noch ostwärts stürmten, wurden übrigens von den zuständigen Parteibonzen (unter Führung des Gauleiters von Mainfranken) bereits lange Listen angefertigt mit den Namen derer, die den Gau verlassen müssten, um in den überrannten und besetzten Regionen Weißrusslands und der Ukraine neu angesiedelt zu werden. Zwangsweise! Den eigenen Grund und Boden hätten sie verloren; der wäre einigen wenigen Parteimitgliedern bzw. Großbauern zugesprochen worden. Stattdessen wollte man ihnen in den Ostgebieten des vermeintlich bald wesentlich vergrößerten Deutschen Reiches Neuland zukommen lassen ...

Wäre Hitler siegreich aus dem Krieg hervorgegangen und diese Umsiedlung durchgeführt worden, dann hätte mehreren Familien unseres Dorfes, unsere inbegriffen, eine total andere Zukunft bevorgestanden. Weiß Gott, was am Ende aus uns geworden wäre – irgendwo in den fruchtbareren Regionen der alten Sowjetunion, am wahrscheinlichsten in der heutigen Ukraine!

Als amerikanische Panzer ins Dorf einfuhren

Am Ostersonntag 1945 ging für uns der ganze Hitlerspuk zu Ende. Während der Nachmittagsandacht und des sich anschließenden Umgangs (feierliche Prozession, angeführt vom Ortspfarrer und den Ministranten) durch den benachbarten Friedhof fuhren die ersten amerikanischen Panzer ins Dorf ein. Deren Besatzungen waren äußerst angespannt, auf intensiver Lauer und in steter Angst vor heimtückischen Anschlägen seitens verstreuter SS-Trüppchen.

Zum Glück war unser Papa zuhause geblieben, denn wir hatten eigentlich schon am Karfreitag mit der Ankunft der amerikanischen Truppen gerechnet. Papa hängte rechtzeitig die weiße Flagge ins Giebelfensterchen unseres Wohnhauses und machte somit deutlich, dass Gaurettersheim willens sei, sich friedlich zu ergeben. Wir hatten damals, weil am Dorfeingang gelegen, noch die Hausnummer eins. Papas weiße Friedensfahne und die unseres Nachbarn Ferdinand Düchs taten ihre Wirkung: Es fielen nur ein paar Schreckschüsse. Nichts wurde beschädigt – kein Wohnhaus, keine Scheune, kein Viehstall.

Als wir von der Kirche hinunter ins Dorf kamen, standen die Panzer bereits in der Dorfmitte, neben der uralten Linde10, die seit Generationen als Versammlungsort diente. Wir Kinder, so wiesen uns die Erwachsenen an, winkten mit unseren Taschentüchern, um die Friedfertigkeit aller Dörfler zu signalisieren. Und schon warfen die ersten GIs uns Kaugummipäckchen und Schokolade zu. Chewinggum war eines der ersten englischen Worte, die wir lernten. Später begrüßten wir die Ami-Soldaten nur noch mit »Chocolate, please! – Chewinggum, please!«

Kaum hatten wir nach den ersten Süßigkeiten gegrapscht, die uns von den Panzern herab zugeworfen wurden, da zischten auch schon einige evakuierte Frauen, die aus den zerbombten Städten des Rheinlands zu uns gekommen waren, mit bösen Mienen: Von Feinden nimmt man nichts an! Sie hatten immer noch nicht begriffen, dass dieser schreckliche Krieg längst verloren war. – In unserer Familie atmeten wir merklich auf; die amerikanischen Soldaten retteten uns vor dem möglichen Abtransport in die von den Nazis so genannten Ostgebiete.

Die Nächte vor dem Eintreffen der Amerikaner hatten wir im Luftschutzkeller unseres Nachbarn Michel Kuhn verbracht. Dort waren die Mauern dicker und die Kellerfenster besser geschützt als die in unserem Haus. Wir hatten ja schon am Karfreitag die amerikanischen Panzer in einige umliegende Dörfer vordringen gesehen; wir waren vorgewarnt.

Zu dieser Zeit hielten sich noch fanatische SS-Leute im Stalldorfer Wald versteckt. Das erfuhren wir aber erst später. Nachdem Papa und Nachbar Ferdinand Düchs die weißen Fahnen schon am Karfreitag in die Giebelfenster gehängt hatten, erschienen plötzlich bewaffnete SS-Leute und drohten Bürgermeister Michael Düchs, den Vater meines Schulkameraden Ernst, auf der Stelle zu erschießen, falls die beiden weißen Fahnen am Ortseingang nicht binnen weniger Minuten entfernt würden. Der Befehl wurde ausgeführt; die weißen Fahnen mussten schnellstens wieder abgehängt werden. Papa versteckte sich hinter einem Strohhaufen in der Scheune und kam erst dann wieder hervor, als es sich herumsprach, dass das kleine Trüppchen mit den Totenköpfen auf ihren Mützen wieder abgezogen war. Aus einer Entfernung von einem halben Kilometer richteten sie allerdings ihre Geschütze ein letztes Mal auf unseren Kirchturm, jedoch ohne ihn zu treffen...

Ebenfalls in der Karwoche 1945 (also noch vor dem Eintreffen der Amerikaner) hatten mehrere hundert französische Kriegsgefangene im Dorf übernachtet; auch bei uns waren Scheune und Ställe belagert. Wir halfen mit bei ihrer Verpflegung, überließen ihnen Decken und Strohbündel und wurden gleichzeitig mitverantwortlich dafür gemacht, falls sich Gefangene bei uns versteckten oder versuchen würden, von unserem Hof aus zu fliehen. Diese Kriegsgefangenen kamen von weit her; man munkelte vom Rhein-Main-Gebiet. Sie wurden von nur wenigen deutschen, meist älteren Soldaten, bewacht. Die Franzosen waren durch die Bank freundliche Männer, die alle etwas Deutsch sprachen und längst wussten, dass Hitlers Regime nicht mehr lange andauern würde.

Ein katholischer Geistlicher, ein französischer Abbe, der den Gefangenenzug begleitete – es hieß, sie seien auf dem Weg in die bayerischen Alpen –, stellte unserem Papa und unserer Familie, ehe sie wieder abzogen, ein Zeugnis in drei Sprachen aus – auf Deutsch, Französisch und Englisch – sinngemäß folgenden Inhalts:

Wer immer diesen Hof betrete, möge wissen, hier wohnen gute Leute; keine Nazis und auch keine anderen Feinde. Man möge bitte den Herrn des Hofes und alle anderen Familienangehörigen höflich und wohlwollend behandeln. . .

Dass es zu diesem Brief-Zeugnis gekommen ist, dazu hat auch unsere Mama ganz unauffällig beigetragen. Sie hatte, sofern von den Bewachern nicht beobachtet, einigen hungrigen Gefangenen zusätzlich einige Esswaren zugesteckt. Auch warme Kleider und Decken für die Nacht.

Leben mit den Besetzern Schulspeisung aus den USA

Die amerikanischen Soldaten blieben einige Zeit im Dorf; hielten es sozusagen unter Kontrolle. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Ernennung eines neuen Bürgermeisters. Dazu konsultierten sie zuerst unseren Gemeindepfarrer Hans Spielmann. Der sollte ihnen den Namen des Mannes nennen, der vor den Nazis im Amt war. Nachdem dieser, Andreas Michel, nicht mehr bereit war, wenigstens vorübergehend die Geschäftsführung zu übernehmen, wurde unser Papa ins Pfarrhaus zitiert. Auch er lehnte ab. Auf seinen Vorschlag hin wurde dann Ignaz Kuhn vom amerikanischen Offizier zum Bürgermeister ernannt.

Im Dorf selber hatten die Besetzer sich auf eigene Faust in mehrere Häuser einquartiert. Über ein paar Wochen hielten sie die Stellung und brachten eine total andere Kultur in die fränkische Region. Vieles, was sie taten und wie sie sich benahmen, war uns fremd. Sie verhielten sich für unsere Begriffe außergewöhnlich leger und lässig, um nicht zu sagen ruppig und flegelhaft. Auf jeden Fall, so meinten die Erwachsenen, seien ihr Benimm und ihre alltäglichen Verhaltensweisen echter Soldaten unwürdig.

Wenn sie marschierten, hörte man nichts. Kaugummi-Soldaten sagten die älteren Männer schier schon verachtend. Völlig ungewohnt für deutsche Ohren, die sich an die lärmenden Soldatenstiefel der Wehrmacht gewöhnt hatten.

Ständig hatten sie, die wir alsbald nur noch die Amis nannten, Kaugummi im Mund, warfen uns hin und wieder ein paar Päckchen zu, gähnten vor Langeweile laut und anhaltend, lümmelten sich auf mitgebrachten Klappstühlen, legten ihre Füße samt staubigen Stiefeln auf die Tische, rauchten ununterbrochen und quasselten in einem fort.

An ihrer Feldküche blieben wir oft stehen: Die hatten vieles, was wir seit Jahren nicht mehr gesehen und gegessen hatten. Oder überhaupt noch nie. Und sie führten alles mit sich: Konserven über Konserven. Wenn sie ihre Steaks brieten, lief uns das Wasser im Mund zusammen. Ihre Weißbrote belegten sie mit Butter. Scheibchenweise! Darauf ein riesiges Kotelett. Das kam uns Dorfbuben fast vor wie ein Verbrechen gegen die Menschheit – gegen jene, die hungern mussten: Butter und Kotelett auf einer dünnen Scheibe! Als ich es zuhause unserer Mama erzählte, schüttelte sie nur den Kopf. Heimlich hielt sie es wohl, wie die meisten Erwachsenen, für ein Sakrileg.

Sie hatten einfach alles, diese amerikanischen Soldaten! Und alles im Überfluss. Auch Schokolade, Orangen, Bananen, Kakao – kurzum alles, was man bei uns früher, vor dem Krieg, in den sogenannten Kolonialwaren-Handlungen kaufen konnte. Seit Kriegsausbruch mussten wir in Deutschland weithin diese aus dem Ausland importierten Artikel und Waren entbehren. Viele von uns Kindern hatten zuvor noch nie eine Banane gegessen, manche seit Jahren keinen Riegel Schoko mehr. Auch Corned Beef hatten die Amis zuhauf. Hunderte von Büchsen und Dosen. Da mussten wir erst noch herausfinden, wie das schmeckte.

Später, im Internat und am Gymnasium in Miltenberg, lernten wir die amerikanische Schulspeisung kennen; das war ein Hochgenuss für uns ständig hungrige Buben. Es gab abwechselnd Kakao mit Semmeln, gebacken aus amerikanischem Weizen. Daneben, meist abwechselnd, ließen sie dicke Erbsensuppe mit eingebrockten Fleischstückchen verteilen. Für meine Klassenkameraden, die nicht auf Bauernhöfen aufgewachsen waren und eben keine gelegentlichen Fresspakete von Hause bekamen, war die Schulspeisung ein wahres Wunder!

Kurzum, mit den amerikanischen Soldaten kam eine ganz andere Welt zu uns ins Dorf. Wir Kinder fanden, zum Unterschied zu den Großen, diese schlaksigen Kerle recht interessant. Aber wir bekamen auch mit, wenn die Erwachsenen unter sich von jenen jungen Frauen sprachen, die sich mit ihnen, den Amis, einließen. Ami-Schicksen nannte man sie damals. Sie hielten es mit allen, die eine Uniform trugen, auch mit denen schwarzer Hautfarbe. Das klang, wenn die Erwachsenen darüber redeten, ziemlich verächtlich. Besonders negativ beurteilten ehemalige Nazis diese Fräuleins. Dass es einigen von ihnen ums pure Überleben ging, wurde kaum erwähnt. Denn es waren auch mittellose junge Frauen unter ihnen, deren Männer gefallen oder vermisst waren – und nun alleine für ihre Kinder sorgen mussten.

Wir Buben kannten bald schon die Verstecke der GIs. Sobald wir wussten, wohin sie zu einem Schäferstündchen unterwegs waren, lauerten wir ihnen besonders gerne auf. Denn wir ließen uns erst dann wieder vertreiben, wenn sie uns zuvor Schoko, Kaugummi oder Zigaretten zugeworfen hatten. Letztere waren überall sehr begehrt – und sündhaft teuer. Wir horteten die Zigaretten heimlich auf den Eisenbalken unseres alten Stalls, ehe wir selber erstmals eine rauchen würden – oder später dafür wertvolle andere Waren eintauschten.

Späte Erinnerungen an die Ami-Soldaten

An etwas anderes erinnere ich mich noch sehr gut. Es war, glaube ich, noch am Abend des Ostersonntags; die Panzer waren erst ein paar Stunden im Dorf – da ließ ein Soldat seinen Jeep mit zwei Kollegen vor unserem Hoftor stehen, rannte über den Hof in die Küche und sagte zu Mama in fließendem fränkischen Hochdeutsch: Mutter, habts net a Dutzend frische Eier für uns? Ich geb euch Zigaredden oder Schocklaad dafür! Er bekam die gewünschten Eier, bedankte sich höflich und sagte beim Verlassen des Hauses, er sei in Fürth11 geboren, doch schon etliche Jahre vor dem Krieg mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Damals verstand ich die Zusammenhänge noch nicht; das kam erst viel später, als ich erfuhr, dass ehedem deutsche Juden in der US-Army dienten; viele von ihnen als Dolmetscher.

Bei uns im Haus wurden zwei Zimmer im Parterre für mehrere Wochen von amerikanischen Soldaten beschlagnahmt. Hals über Kopf mussten wir sie räumen. Ehe die GIs wieder gingen, rief einer von ihnen uns Kinder zusammen und zeigte uns ein Hitlerbild. Er hatte es in einer Schreibtischschublade entdeckt, in einem alten Jahreskalender eines Würzburger Verlags, riss es heraus und zündete es vor unseren Augen an. Brennend fiel das verkohlte Blatt zu Boden. Dann zertrat er es mit seinem Armeestiefel und sagte: Hittlärr kaputt!!! Diese beiden Worte mussten wir mehrmals laut und deutlich wiederholen.

Später, als die beiden Zimmer wieder freigegeben waren, stellte Papa fest, dass die Ami-Soldaten seine Auszeichnungen (Orden vom Ersten Weltkrieg), die sich im Schreibtisch befanden, mitgenommen hatten. Auf solche Souvenirs schienen die GIs besonders scharf zu sein.

Auch Wochen und Monate nach dem Abzug der alliierten Besatzer aus unserer ländlichen Region wimmelte es noch von allerlei Andenken an diese Zeit – abgesehen davon, dass der ehemalige deutsche Militärflughafen im benachbarten Giebelstadt noch für Jahrzehnte auch von den Amerikanern benützt wurde.

Überall zerstreut, auf den Feldern und Wiesen, vor allem aber im Wald, fanden wir massenhaft aus Kupfer/Messing hergestellte Patronenhülsen. Manche bis zu 25 oder 30 cm lang. Dazwischen lagen auch kleinere Patronen für Maschinengewehre; einige noch voll mit Kugelgeschossen und Pulver. Wir Buben sammelten beides: Pulver und Gewehrkugeln. Das war alles andere als ungefährlich. Die großen der Patronen-Hülsen wurden übrigens noch jahrelang in unserer Pfarrkirche als Blumenvasen verwendet.

Weil im benachbarten Stalldorfer Wald noch Tage oder gar Wochen, nachdem die ersten Panzer bei uns durchs Dorf gerollt waren, kleine SS-Einheiten vermutet wurden, brachten die amerikanischen Soldaten in der Umgebung von Gaurettersheim schwere Geschütze in Stellung und beschossen diese (angeblichen) Verstecke der deutschen Wehrmacht. Ein großer Teil ihrer Artillerie war am Hinteren Holmensprung zwischen Höttingen und Euerhausen aufgestellt, ein anderer direkt zwischen unserer Kirche und dem Waldteil Schenkenhof. Die Geschosse der erstgenannten Geschütze-Stellung flogen über unser Dorf hinweg, die anderen, weil direkt oberhalb des Weilers stationiert, ließen mitunter unsere Fenster klirren und Häusermauern und Wände erbeben.

Noch nach Monaten und Jahren fanden wir Buben auf unseren Streifzügen durch den ortseigenen Wald ganze Kisten voller Handgranaten; darunter auch Nebelgranaten, die von deutschen Soldaten hinterlassen worden waren. Mit Letzteren versuchten wir die Pferdebauern zu verärgern, indem wir ihre Tiere mit künstlichem Nebel erschreckten. Bubenstreiche, gewiss, aber das Spielen mit Gewehren, Munition, Panzerfäusten und dgl. verursachte im Nachkriegsdeutschland allerlei Unfälle, auch viele tödliche.

Sogar Jahre und Jahrzehnte nach dem Krieg wurden wir immer noch an diese schlimmen Zeiten erinnert, etwa wenn wir Brennholz aus dem Stalldorfer Wald holten, um es zu Hause zu sägen und zu spalten. Immer, wenn die Kreissäge plötzlich aufschrillte, wussten wir: Da stak noch ein Granatsplitter im Holz; ein Überbleibsel der krepierten Geschosse aus amerikanischen Geschützen von Anno 1945.

Und es ist auch keine Seltenheit, dass in unseren größeren Städten heute noch und immer wieder Blindgänger gefunden werden; sehr späte Erinnerungen an die schrecklichen Bombenangriffe von Seiten der Alliierten. Denn längst waren die britischen und amerikanischen Bombergeschwader dazu übergegangen, sogar jene Städte anzugreifen, die keinerlei Industriebetriebe beherbergten, auch dann noch, als der Krieg schon entschieden war – z. B. Dresden, das im Februar 1945 zerstört wurde, oder Würzburg, am 16. März 1945, obwohl es zur Lazarettstadt erklärt worden war. Außer verwundeten Soldaten beherbergte die Frankenmetropole nur Frauen, Kinder und alte Leute – plus die nötigen städtischen Beamten, meist ältere Herren und Kriegsbeschädigte.

Wir, im Dorf, blieben auf schier wunderbare Weise von direkten Kriegsschäden verschont. Das war beileibe nicht überall so. Oellingen, die Heimat unserer Mama, wurde unter Panzerbeschuss genommen, weil man dort deutsche Soldaten vermutete. Ganze Gehöfte brannten ab; auch der Kirchturm litt Schaden. So ähnlich erging es vielen kleinen Ortschaften und zahlreichen Städten in ganz Deutschland.

Evakuierte, Ausgebombte und Flüchtlinge

Die Nachkriegsjahre zählen zu den schwersten meines Lebens. Zugestanden, aus unserem Familienverband war niemand im Krieg gefallen bis auf den ältesten Sohn von Papas Schwester Gretel. Wir sind, alles in allem, glimpflich davongekommen. Schon das allein machte uns immer wieder dankbar.

Auch mussten wir im bäuerlich-ländlichen Umfeld nie wirklich hungern. Doch die allgemeinen Folgen des von Hitler und Genossen angezettelten und heraufbeschworenen Krieges bekamen wir alle zu spüren. Auf vielerlei Weise.

Für mich persönlich gehören die sechs Jahre im Internat – drei in Miltenberg, drei in Würzburg – und die gleichzeitig damit verbundenen sechs Gymnasialjahre auf staatlichen Gymnasien zu den trübsten meines Lebens: Wir hungerten und froren in den Wintermonaten. Und wir waren im Seminar unter der steten und strengen Kontrolle des Regens und der Präfekten. Wir wurden von den Lehrern nicht selten drangsaliert. Im Internat mussten wir rohen Lebertran essen, alle paar Tage einen Esslöffel voll! Dass Letzteres lebenswichtig für uns war, aus gesundheitlichen Gründen, begriffen wir damals noch nicht so recht. Auch paukten und lernten wir vieles auswendig, ob es Sinn machte oder nicht. Kurzum, wir wussten die mitunter gut gemeinten Regulierungen und Vorschriften nicht so recht einzuordnen. – Und wenn einer von uns während der Studierzeit Karl-May las oder Dumas Graf von Monte Christo und dabei erwischt wurde, dann folgte ein Donnerwetter.

Unsere Pauker, wie wir die Lehrer nannten, die mit »Herr Professor« angesprochen werden wollten, machten es uns im Unterricht nicht leicht. Sie hatten ja auch, im Vergleich zu heute, kaum ein Hilfsmittel. Mein Nachteil war zudem, dass ich als Außenseiter in die dritte Klasse kam und dass mir unendlich viel von dem Lehrstoff fehlte, den die anderen Klassenkameraden in den beiden Jahren davor sich hatten aneignen können. Meine einzige Vorbereitung auf die dritte Gymnasialklasse bestand in ein paar Monaten Privat-Unterricht in der lateinischen Sprache durch unseren Ortspfarrer Hans Spielmann, der es gut machte und zu Recht zu den besten Lateinern des Bistums zählte.

Heute bin ich trotz allem sehr dankbar für diese schweren Nachkriegsjahre; auch sie haben zu meiner Entwicklung und Reifung beigetragen. Und alle, die damals daran mitwirkten und beteiligt waren, verdienen ein großes, wenn auch spätes Lob und Dankeschön. Wie hätten sie in jenen Jahren auch anders handeln sollen!? Auch sie waren Kinder ihrer Zeit. – Vielleicht später, in einem anderen Zusammenhang, mehr über diese harten Jahre und wie wir sie als Jugendliche einschätzten. Jetzt schnell wieder zurück ins Dorf, gegen Kriegsende und in den Jahren kurz danach.

Gaurettersheim war überfüllt, wie alle Dörfer und Kleinstädte der Umgebung, sofern sie nicht zerstört worden waren. Überfüllt mit Evakuierten aus dem Westen: Aus Pirmasens in der Pfalz, aus dem Ruhrgebiet oder anderen Zentren der Schwerindustrie. Meistens waren es Mütter mit Kindern. Verteilt wurden sie vom Bürgermeister an die einzelnen Bauernhäuser. Das fing schon 1943 auf 1944 an. Da hieß es allenthalben: Zusammenrücken, einander beistehen und aushelfen. Brummend, sich empörend, schimpfend oder nicht, man wurde dazu gezwungen. Am besten waren jene dran, die einfach Ja sagten zu den gegebenen Umständen – auf beiden Seiten: Die Einzuquartierenden sowie jene, die ihre Räume zur Verfügung stellen mussten.

Auf Untermieter war man ja nirgends eingerichtet. Herde (und Öfen) gab es in den Bauernhäusern allenfalls in der Küche im Parterre bzw. in der guten Stube nebenan. Also mussten Notlösungen gefunden werden. Bislang unbeheizte Räume bekamen ein provisorisches Öfchen oder einen kleinen Herd. Die Kaminrohre leitete man durchs Fenster ins Freie.

Ab März 1945 wimmelte es im Gau zusätzlich von ausgebombten Würzburgern. Zu uns ins Haus kamen schon einen Tag nach dem schrecklichen Angriff zwei Buben, 12 und 14 Jahre alt: Franz und Willi Gehrold. Sie hatten nur das bei sich, was sie am Leibe trugen, und am Hals eine Schnur und ein Schildchen mit unserer Adresse. Letztere hatte ihnen ihr Vater mitgegeben; der hatte 1939 unseren Papa an der Westfront kennengelernt. Viel verband sie nicht, aber das genügte Vater Gehrold, um zu wissen, dass seine zwei ältesten Söhne bei uns gut aufgehoben wären. Seine (zweite) Frau und ihre fünf kleinen Kinder waren von ihm in den Odenwald geschickt worden, in die Heimat seiner Frau. Das Gehroldsche Haus in Würzburg war völlig abgebrannt; die Familie hatte sich rechtzeitig in einen bombensicheren Luftschutzkeller retten können.

Wenig später wurde uns über unseren Bürgermeister noch eine ganze Familie zugeteilt, ebenfalls ausgebombte Würzburger: Die Eltern und drei erwachsene Töchter. Sie erhielten zwei Zimmer im ersten Stock. Die Stapfs, so hießen sie, waren nette Leute. Der alte Herr war gelernter Schlosser; Leni, die älteste Tochter, war zwar verheiratet, aber ihr Mann befand sich in russischer Gefangenschaft. Daher schloss sie sich ihrer Familie an.

Insgesamt hatten wir unter unserem Dach neben den beiden Buben aus Würzburg, die mit uns Kindern lebten, noch Frau Folz mit ihrem Sohn Heinz aus Pirmasens und eben jetzt noch die fünfköpfige Familie Stapf. Dennoch ging alles schier lautlos über die Bühne. Man half einander, soweit möglich, und nahm Rücksicht aufeinander. Franz und Willi packten auf dem Hof und in der Landwirtschaft mit an, wie wir alle. Meister Stapf reparierte hier und dort etwas, auch in unserem eigenen Haushalt und auf dem Hof. Seine jüngste Tochter schenkte mir später eine alte Schreibmaschine (so schwer, dass ich, der gerade 12-jährige, sie kaum aufheben konnte) und brachte mir auch das Schreiben mit zehn Fingern bei.

So war es im ganzen Dorf: Niemand rief Halleluja, als die Evakuierten und Ausgebombten eintrafen und auf die Häuser verteilt wurden, aber man gewöhnte sich rasch aneinander. Und als später zahlreiche Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetengau dazukamen, wurden auch diese an die einheimischen Familien verteilt, jetzt schon vom neuen, von den Amerikanern eingesetzten Bürgermeister.

Mit den Ost-Flüchtlingen kam neues Leben ins Dorf; auch die eine oder andere neue Idee. Es waren begabte Männer und Frauen unter ihnen. Was wir im Dorf nie zuvor erlebt hatten: Da wurden winters plötzlich Theaterstückchen aufgeführt, mitunter auch selbstverfasste Sketche, die sich auf das Dorfleben bezogen. Es wurde viel gesungen, gelacht und musiziert. Ich erinnere mich noch gut an einen Herrn Kindermann, der es meisterhaft verstand, das Mamatschi (schenk mir ein Pferdchen, ein Pferdchen wär das Paradies) so rührend vorzutragen, dass vielen Frauen die Tränen kamen.

Noch etwas war plötzlich ganz anders geworden: Mit den Fremden waren auch protestantische Christen ins Dorf gekommen, und die einst 100-prozentig katholische Gemeinde stellte allmählich fest, dass diese Andersgläubigen auch Menschen waren; Menschen wie wir – mit guten und weniger guten Seiten. Das war der Beginn eines allmählichen, wenn auch sehr zähen Umdenkens, hin zur einer ökumenischen Gesamthaltung.

Der Schwarzmarkt blühte allenthalben

»Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstvertrauens ...« – Dieses Wort von Marie von Ebner-Eschenbach könnte über unsere Mama gesprochen worden sein. Selbstbewusstsein als Verankerung in Gottes Liebe und Fürsorge; als Urvertrauen in seine Güte – unerschütterlich und ohne Vorbehalte. Vor allem in den schweren Jahren nach dem Krieg; zur Zeit der Flüchtlingsströme, der Hamsterer und Hausierer, der Heimatlosen und Notleidenden.

Viele von ihnen zogen fast täglich durch die Bauerndörfer: Einen alten schäbigen Rucksack auf dem Rücken und eine verbeulte Tragetasche in den Händen. Ärmlich gekleidet und halb verhungert stolperten sie durch die Dörfer und bettelten um einen Esslöffel Schweinefett, um ein Stückchen Brot, um ein paar Eier oder auch um zwei, drei Holzscheite. Den Einheimischen waren sie lästig, diese von Hof zu Hof ziehenden Hamsterer, wie sie eher abfällig genannt wurden. Weil es so viele von ihnen waren! Weil man unmöglich allen helfen konnte!

Aber Mama hatte für alle ein gutes Wort. Meistens auch etwas Mehl, ein paar Kartoffeln oder Äpfel und einen Schluck Most. Mamas Augen waren immer voller Mitleid, ihre Gesten sagten zwar, wir hätten leider keine Wundertöpfe, aber ihr Mitgefühl und ihr Verlangen, diesen Hungernden zu helfen, waren stärker.

Damals blühten auch Schwarzmarkt und Tauschgeschäfte. Eingetauscht wurden vor allem Kleider, Anzüge, Mäntel und dgl. gegen Esswaren. Es gab zwar im ganzen Land Lebensmittelmarken für alle Bewohner, aber wo waren die vollen Läden? Und was man auf den Marken zugestanden bekam, reichte oft nicht aus, um den Hunger zu stillen.

Auch größere Artikelwie Pelzmäntel, Nähmaschinen, Fahrräder oder auch kleine Motorräder wurden mitunter angeboten – etwa gegen mehrere Riemen geräucherten Schinken oder gegen ein paar Säcke Kartoffel oder Mehl.

Unser NSU-Motorrad (125 Kubik, Baujahr 1939 oder anfangs der 1940er Jahre) wurde auf diese Weise eingetauscht. Wir, mein Bruder und ich, fuhren es nach Papas Tod noch mehrere Jahre lang. Einen gebrauchten Volkswagen konnte sich unsere Familie erst viel später leisten. Papa hat es nicht mehr erlebt. Er hatte vor dem Krieg im Wolfsburger VW-Werk eine Bestellung aufgegeben und auch vorausbezahlt: 999 Reichsmark! Das war um 1938. Doch dann brach der Krieg aus und alle noch nicht ausgelieferten Wagen wurden konfisziert und für die Wehrmacht umgebaut. Das Geld erhielten wir nie zurück.

Gelassenheit war nie Papas herausragende Eigenschaft; das war Mamas Markenzeichen: Gleichmut, Dankbarkeit, Humor, Gottvertrauen – und Mitleid mit allen Minderbemittelten, Kranken, Schwachen und Leidenden. Sie sorgte sich um alle, die in Bedrängnis waren, und half mit, ihre Not zu lindern.

Das spürten auch wir Kinder. Nicht, dass sie uns alles durchgehen ließ. Nein, aber wenn sie mal eine Schelte erteilen musste, dann tat es ihr gleich wieder leid – und wir sahen es ihren Augen an, dass sie uns trotz allem sehr gerne hatte.

Erziehung der Kinder zum Stillhalten und Brav-Sein

Damals ging man mit Kindern noch allgemein ganz anders um als heute: Streicheln, Liebkosen, mal in die Arme nehmen – das tat man kaum. In der Kindererziehung galten Härte, Strenge und Bestrafung. Ohrfeigen und auch gelegentlich Schläge waren allgemein üblich. Der immer wieder zitierte Bibelvers klang noch nach: Wer seinen Sohn lieb hat, der züchtigt ihn!

Das war weithin auch die Regel in der Volksschule. Unsere Lehrer schlugen uns: Mit dem Rohrstock auf die Hände; bei Buben auch auf den Hintern ... Das Wort Misshandlung in diesem Zusammenhang zu benützen, wäre undenkbar gewesen. Nicht selten wurden die Lehrer von den Eltern geradezu ermutigt, ihre Zöglinge mit Strenge zu behandeln – und auch mit Watschen oder mit dem Rohrstock nicht zu sparsam oder zimperlich umzugehen.

Brav-Sein lautete das Zauberwort! Brav sein, das hieß nichts anderes, als mucksmäuschenstill in der Stubenecke zu sitzen und nur dann etwas zu sagen, wenn man (von einem Erwachsenen) gefragt wurde. Kein Wunder, dass wir mehrheitlich eingeschüchtert waren!

Das galt für mich noch sehr lange und weit über das Elternhaus hinaus: Überall nahm ich mich zurück, im Dorf und in der Schule; auch immer noch, als ich schon aufs Gymnasium ging. Und überhaupt, ich gehörte in meiner Jugend schon immer und wie selbstverständlich zu den Schüchternen und Braven.

Dazu trug auch Papas Strenge bei. Seine Schläge fürchtete ich, auch wenn sie so häufig nicht waren. Vielleicht war er auch deswegen mir gegenüber mitunter so hart, weil ich mich als Kind kaum für die Landwirtschaft interessierte. Ich hätte ja, weil Erstgeborener, mal den Hof übernehmen sollen! Doch der Kuhstall war nie mein Ding, auch nicht der Schweinestall. Natürlich arbeitete ich überall auf dem Hof und auf den Feldern mit, was man von uns Kindern erwartete, und ich bekam auch alles mit, was tagein, tagaus geschah. Aber besonderes Interesse zeigte ich nie daran. Damals jedenfalls nicht.

Wie sich später herausstellte (ich erinnere nur an meine Zeit in der Afrika-Mission!), bekam ich sogar sehr viel mit, was sich landwirtschaftlich bei uns tat. Aber Papas Haltung (mir gegenüber) machte es mir nicht leicht, dem Bäuerlichen etwas Angenehmes abzugewinnen. Heute sehe ich es anders; ganz anders. Und ich werfe ihm auch nichts vor. Schon gar nicht im Nachhinein. Weil ich weiß, dass man damals auf dem Land ganz allgemein so dachte: Wer keine landwirtschaftlichen Arbeiten verrichtete (oder sie ohne große Begeisterung ausführte), wurde als Faulenzer, Taugenichts, Schwächling und Stubenhocker hingestellt. Als einer, der das Brot für die Suppe nicht verdient hätte!

Erst als ich mit dem Gymnasium begann, änderte sich diese Haltung. Da stand bereits fest, dass mein Bruder Georg den Hof übernehmen würde.

Und heute, viele Jahrzehnte später, denke ich manchmal: Schade, dass Papa von meinem Erwachsenenleben nichts mehr mitbekommen hat! Weder von meinem Unistudium noch von meiner Primiz; weder von meinem Einsatz in Afrika noch von meiner Arbeit als Redakteur, Journalist, Publizist und Buchautor.

Eisenbahn-Abenteuer im schneereichen Januar 1947

Besonders nahe, vielleicht am allernächsten, war mir Papa im eisig kalten Januar 1947. Weil Winter war und es auf Hof und Feldern eher ruhig zuging, entschloss er sich, mich nach den Weihnachtsferien auf der Rückreise ins Internat zu begleiten. Per Bahn fuhren wir von Unterwittighausen aus im weiten Bogen über Tauberbischofsheim, Lauda, Osterburken und Walldürrn ins romantische Miltenberg am Main. Die lange und umständliche Zugfahrt war nötig geworden, weil viele Bahnbrücken, auch die über den Main, noch nicht wieder aufgebaut waren. Deutsche Soldaten hatten sie 1945 gesprengt, um den Vormarsch der Amerikaner zu stoppen. Sie befolgten damit einen der unsinnigsten Befehle Hitlers zu einer Zeit, nachdem amerikanische Soldaten längst deutschen Boden betreten hatten ...

Als wir Miltenberg erreichten und im Kilianeum vorsprachen, wunderte man sich: Habt ihr keine Information bekommen? Die Ferien mussten verlängert werden. Kälteferien wegen Kohlenmangel! Auch an Esswaren fehlt es allenthalben. Wir beginnen mit dem Schulbetrieb erst wieder im März. Zwischenzeitlich werden allen Schülern von ihren Klassenlehrern schriftliche Aufgaben zugeschickt . . .

Nein, wir hatten keine Post erhalten; die traf erst ein, als wir wieder nach Gaurettersheim zurückgekehrt waren.

Noch am Spätnachmittag desselben Tages fuhren wir wieder zurück und erreichten unsere kleine Bahnstation kurz nach Mitternacht. Da Papa den Lokführer kannte, durfte ich einen Teil der Strecke in der Lokomotive verbringen, zusammen mit dem Heizer und einem der Schaffner. Die von der Kohlenheizung ausgehende Wärme tat gut, denn draußen herrschte bittere Kälte, und die Waggons waren nur dürftig beheizt. Diesel- und Elektro-Loks waren damals noch selten und wurden eher auf den großen Transitstrecken gefahren. Für mich, den Zwölfjährigen, war diese nächtliche Fahrt ein echtes Erlebnis.

Wir waren also wieder an der Wittig angekommen, einem winzigen Flüsschen, das in die Tauber mündet; eine ihrer Quellen befindet sich in Gaurettersheim, am Erlen-Hölzchen. Dort beginnt der Mühlbach, der unterhalb des Dorfes vorbeiführt, um schließlich in Unterwittighausen in die Wittig einzumünden. Damit steht auch fest, dass mein Heimatdorf indirekt mit dem Rhein verbunden ist – und dass »unser Wasser« letztendlich auch an Köln vorbei in die Nordsee fließt!

Wie gesagt, jetzt standen wir zwischen zwölf und ein Uhr nachts auf dem menschenleeren Bahnhofsgelände. Papa hatte dort sein Fahrrad abgestellt. Mit diesem bewegten wir uns jetzt abwechselnd: Erst fuhr er ein paar hundert Meter, stellte dann das Rad an die Straßenseite und ging zu Fuß weiter. Sobald ich bis auf diese Höhe kam, wo sich das mit meinem Köfferchen bepackte Rad befand, stieg ich auf, überholte Papa, fuhr 400, 500 Meter weiter und legte dann das Rad wieder an den Straßenrand. So taten wir, abwechselnd, bis wir Gaurettersheim erreichten.

Es war Vollmond, und der ein paar Tage vorher gefallene Schnee lag inzwischen festgefahren und festgetrampelt auf der Landstraße. Während Mond und Sterne uns wie fahle Laternen erschienen, hüpften Scharen von Feldhasen um uns herum. Ich denke, auch ihnen war kalt und sie wollten sich warmrennen. Es war ein tolles nächtliches Hasentreiben, wie man es sich wilder und lustiger kaum vorstellen konnte. Und ich merkte kaum, wie rasch wir uns dem Heimatdorf näherten. Mama war nicht wenig überrascht, als sie uns kommen hörte.

III
Im Dorf kannte jeder jeden Große Geheimnisse gab es keine Man war katholisch hielt zusammen half einander aus und fühlte sich geborgen in der Gemeinschaft Gleichgesinnter und ihrer überkommenen Sitten und Bräuche

Nelson Mandela (1918–2013) schrieb einmal in einem Brief aus seiner Haft auf Robben Island, es gebe keine Macht der Erde, die es mit der Religion aufnehmen könne. Daher habe er so viel Achtung vor ihr.

In unserer fast ausschließlich katholischen Dorfgemeinschaft hatte der Ortspfarrer das Sagen. Er wurde von allen respektiert, geachtet und, vielleicht, auch ein bisschen gefürchtet. Gewiss, man hatte keine Angst vor ihm, nicht so wie vor den Polizisten im Dritten Reich. Oder wie vor dem einen oder anderen Nazi. Oder wie wir Kinder vor dem Schullehrer.

Nein, so nicht. Aber, wie gesagt, Hochwürden wurde allenthalben gehört, wenn er von der Kanzel predigte, oder auch sonst die Richtung vorgab. Also direkte Angst hatten wir vor ihm keine, allenfalls mal vor seinem Wolfshund. – Ein fränkisches Sprichwort heißt ja: Niemand im Dorf sei frecher als die Kinder des Lehrers und die Hunde des Pfarrers!

Natürlich spielte immer auch das Temperament des betreffenden Priesters eine Rolle. Die beiden Ortsgeistlichen, die ich kennenlernte, waren friedliebende Männer. Pfarrer Ferdinand Friedel (aus Metz in Elsass-Lothringen) war sehr beliebt. Seine beiden Schwestern sorgten selber dafür, dass die Hochachtung, die Herrn Hochwürden im Dorf entgegengebracht wurde, auch ihnen, den Pfarrdamen, zugute kam. Die Arbeit im Pfarrhaushalt und im Garten besorgte eine Haushaltshilfe, ein Magd, die fleißig und schweigend ihre Aufgaben erfüllte. Eine von den Stillen im Lande. Die Leute im Dorf schätzten dieses leicht nach vorne gebeugte, emsige, unauffällige Persönchen ganz besonders.

Nach Friedels Tod, Anfang der 1940er Jahre, übernahm Hans Spielmann die Pfarrei; er war gerade noch halb-heil den Händen der Nazis entkommen. In seiner früheren Gemeinde in der fränkischen Rhön war er von einer Hitler-Anbeterin (einer Volksschullehrerin) als Gegner des Dritten Reiches angeklagt worden. Nach mehrwöchiger U-Haft in Würzburg sollte er ins KZ Dachau überstellt – oder, schlimmer noch, vom Volksgerichtshof in Berlin zum Tode verurteilt werden. Da schaltete sich ein Verwandter seiner Haushälterin ein; der soll ein hohes Tier in der Wehrmacht gewesen sein. Tatsächlich schaffte er es, die Nazibeamten von der Unschuld des Priesters zu überzeugen. Spielmann wurde entlassen und von Bischof Matthias Ehrenfried in unsere relativ kleine Gemeinde versetzt.

Spielmann war allerdings gesundheitlich noch sehr gezeichnet von den Schrecken der Haft. Seine Nervosität schwand nie mehr ganz. In einem dicken maschinengeschriebenen Manuskript hielt er seine Erinnerungen an die Nazizeit fest. Mir vermachte er später, als ich schon Theologie studierte, das Original; eine Kopie dieser Memoiren ging an das Archiv der Diözese Würzburg.

Er, Pfarrer Hans Spielmann, war es auch, der mich auf die dritte Gymnasialklasse vorbereitete, und mich, ohne dass ich so recht wusste, was es damit auf sich hatte, zur Aufnahmeprüfung nach Miltenberg schickte. Ihm lag sehr daran, mich in einem bischöflichen Internat unterzubringen, wohl darum wissend, dass mein Onkel, Pater Calasanz Josef Hofmann12, der jüngste Bruder meiner Mutter, mich viel lieber ins Internat der Mariannhiller nach Reimlingen gelotst hätte. Ich glaube, nicht einmal meine Eltern hatten Spielmanns Hintergedanken wirklich durchschaut. Noch ehe Onkel Josef eingreifen konnte, hatte ich schon die Zusage bekommen: Ich werde ab September 1946 sowohl ins Kilianeum als auch in die dritte Klasse des Miltenberger staatlichen Gymnasiums aufgenommen.

Pfarrhäuser, Pfarräcker und Hobby-Pfarrer

Zu Pfarrer Friedels und Pfarrer Spielmanns Zeiten gab es im Dorf neben einem riesigen Pfarrhaus zwar noch mehrere Pfarräcker und einen weiträumigen Bauernhof mit Scheune und Stallung, aber keiner der beiden Geistlichen fühlte sich als Landwirt. Das war früheren Pfarrern vorbehalten. Zur Zeit unserer Eltern und Großeltern. Damals galten die Gemeindepfarrer auch als aufgeschlossene und fortschrittliche Landwirte. Sie waren belesen und wussten oft besser Bescheid als die ortansässigen Bauern, wie man zu ertragreichen Ernten kam, wann man pflügen und wann säen müsste und auch was nötig wäre, um Viehseuchen fernzuhalten.

Vom einen oder anderen dieser bäuerlichen Pfarr-Herren sprach man noch Generationen später. Sie langten zu, hieß es, sie hielten Predigten a la Abraham a Sancta Clara13 und stoppten mitunter mitten in der Messe, um ein paar freche Messbuben abzuwatschen. Aber sie machten auch sonst im Alltag der Bauern immer wieder von sich reden. Echte Originale waren sie, manchmal auch grobe und jähzornige. Aber was den Bauern allemal imponierte: Dass sie, diese Geistlichen, wohl immer auch selber mit anpackten, auch und gerade in den Ställen und auf den Feldern!

Das änderte sich später völlig. Pfarrer Friedel konzentrierte sich auf die Seelsorge. Spielmann auch, aber zu seinen Hobbys zählten noch Bienen, Uhren und lateinische Verse. In dieser Reihenfolge: Er hatte in guten Jahren bis zu 30 Bienenvölker, reparierte die alten Uhren im Dorf und dichtete lateinische Verse so gekonnt und so schnell, wie andere kaum denken konnten. Dass ich in Latein keine besondere Leuchte war, nahm er mir zwar nicht übel, aber gewünscht hätte er sich schon einen flotteren Lateinschüler. – Nach meiner Weihe, und schon in Rhodesien, war Pfarrer Spielmann ein aktiver Förderer meiner Missionsstation. – Das war übrigens auch, und zwar sehr intensiv, unser Onkel Josef. Jetzt zogen beide am selben Strang – zu Gunsten der Mariannhiller Missionen.

Auch sonst engagierte sich Spielmann im Dorf, mitunter bis hinein ins Politische. Wenn er sich im Recht glaubte und überzeugt war, etwas müsse berücksichtigt werden, dann entpuppte er sich als nachhaltiger Kämpfer – für die gerechte Sache. Mit unserem Bürgermeister legte er sich etliche Male an. Einmal auch, als er erfuhr, dass unser Knecht Hans Braun, der aus dem Banat stammte, sich darum mühte, seine Familie aus dem benachbarten württembergischen Simmringen (bei Bad Mergentheim) zu uns ins Dorf zu holen. Wir boten seiner Familie das Zimmer an, das vorher Frau Folz mit ihrem Sohn Heinz aus Pirmasens belegt hatten, inzwischen aber frei geworden war. Zu dieser Umsiedlung erhielt Hans vom Ortsvorsteher partout kein grünes Licht. Es war nach Papas Tod, und Mama brauchte Hans sehr notwendig für den Bauernhof und die Landwirtschaft. Doch die amtliche Zustimmung zum Ortswechsel seiner Familie wurde nicht erteilt. Als Spielmann das mitbekam, schrieb er direkt an die Bayerische Landesregierung nach München, stellte den Casus dar und bat um sofortige Entscheidung zugunsten von Hans und seiner Familie. Wenige Tage später traf die schriftliche Genehmigung ein. Die Brauns durften reibungslos und sofort bei uns einziehen und dauerhaft bei uns bleiben, und Hans musste nicht mehr länger zwischen seiner Familie und dem Arbeitsplatz hin und her pendeln.

In meiner Jugend besuchten so ziemlich alle Einwohner des Dorfes regelmäßig die Sonntagsmesse; viele, vor allem Frauen und Kinder, gingen auch zu den Andachten und zu den Sonntagsschulen am frühen Nachmittag. – Die jungen Burschen und die noch ledigen Knechte bevölkerten die Empore. Manche taten dies vielleicht nur knurrend, aber sie kamen zur Messe. Das war im Dorf so üblich; man ging sonntags in die Kirche – und da machten eben alle mit. Manche Männer lümmelten nicht gerade andächtig in den Kirchenbänken. Aber ganz wegzubleiben traute sich kaum einer; das hätten alle mitbekommen! Und vielleicht gar mit den Fingern auf sie gezeigt.

Kein Bauer arbeitete sonntags auf den Feldern. Das Vieh, ja, die Rinder, die Schweine, die Pferde, die Hühner und Gänse wurden auch sonn- und feiertags gefüttert. Aber andere schwere Arbeiten wie Ackern, Pflügen, Mähen, Dreschen, Kartoffel-Ernten, Mist-Fahren und dgl. – all das durfte man an Sonn- und Festtagen nicht tun.

Ausnahmen gab es nur im Sommer, wenn die Getreideernte dringend eingebracht werden musste, weil schwere Gewitter oder gar Unwetter drohten, die Früchte zu vernichten. Dann war allerdings zunächst der Ortspfarrer zu befragen: Er, und nur er, durfte die generelle Erlaubnis geben, ausnahmsweise auch sonntags auf den Feldern zu arbeiten.

Die Schlangen haben samstags frei!

Diesen Titel gab Hermann Lenz einer seiner Kurzgeschichten: Schlangen dürften am Wochenende faulenzen. – Nicht so die Gau-Bauern. Jedenfalls war das früher nicht so. Sie wühlten und schafften und schufteten und rackerten sich ab. Tagtäglich. Und zwar sechs Tage lang die Woche – und wesentlich mehr als acht Stunden pro Tag! Sommers waren es bis zu zwölf oder gar vierzehn Stunden.

Sonst und im Allgemeinen hielten sich die Gemeindemitglieder an die Vorgaben der Kirche; wie sie der Pfarrer predigte – ohne frömmelnde Sprüche, ohne Fanatismus, ohne Übertreibungen. Aber der Draht nach oben wurde nie durchgeschnitten. Dafür sorgte schon die dörfliche Tradition; die alten Sitten und Bräuche wurzelten in allen Familien; sie wurden von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Vieles lernten wir Kinder schon von klein auf, ohne zunächst alles zu verstehen. Zum Beispiel, warum man mehrmals im Jahr Ablässe gewinnen sollte – zugunsten der Verstorbenen oder um selber einen gewissen Grad an Frömmigkeit zu erlangen. Dabei musste eine bestimmte Anzahl von Vaterunser, Avemarias und Ehre sei dem Vater gebetet werden. Besonders Fromme und Eifrige zählten ihre auf diese Weise gewonnenen Ablässe, und manche ältere Frauen riefen es sich über den Gartenzaun zu: I hab scho 25 Abläss gwonne! Wie viel hast du?

Damals war auch das Beichten noch üblich. Vor allem vor den Herz-Jesu-Freitagen. Oder im Hinblick auf besondere Festtage wie Weihnachten und Ostern. Auch vor Micheli ging man ebenfalls beichten; denn der Erzengel Michael war Patron unserer Pfarrkirche! Bei uns zu Haus wurde der 29. September immer in doppelter Weise gefeiert; es war ja auch Papas Namenstag.

Unter den Katholiken Bayerns wurden früher fast ausschließlich die Namenstage begangen. Wesentlich seltener die Geburtstage. Aber wir Kinder mussten schon auch zu den Geburtstagen antreten, wenn beispielsweise der Patenonkel einen Runden feierte. Oder eine Tante, oder sonst jemand im Dorf. Unser Sprüchlein lautete dann ungefähr so: I wünsch dir, lieber Onkel, alles Gute – vor allem Gesundheit und dass der liebe Gott dir noch viele Jahre schenken möge!

Man wünschte einander ganz bewusst ein langes Leben! – Heute sehe ich es anders: Dass jemand alt werden möge, sage ich seit langem nicht mehr. Wer weiß denn, wie sein Alter einmal aussehen wird? Ich wünsche stattdessen viel lieber Zufriedenheit, Gelassenheit, Freude, Humor, Harmonie – und dass man auch im Alter noch einigermaßen gesund sein, niemand zur Last fallen und, sehr wichtig, ohne allzu schwere Schmerzen seinen Lebensabend genießen möge...

Ein anderer dörflicher Brauch war es, an den drei Tagen vor dem Begräbnis eines Verstorbenen gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Das schuldete man denen, die man über Jahrzehnte gekannt und mit denen man, mehr oder weniger, in Frieden gelebt hatte. – Auch das Aufsuchen des Friedhofs und das Schmücken der Gräber, nicht nur an Allerseelen, war allen im Dorf etwas Selbstverständliches. Gang und gäbe war ferner, dass man an den jeweiligen Jahrtagen der Verstorbenen beim Ortspfarrer eine Messe bestellte. Auf diese Weise blieben selbst vor Jahrzehnten Verstorbene im Dorf lebendig. Man erinnerte sich ihrer, betete für sie, schmunzelte eventuell über Episodenhaftes aus ihrem Leben und dachte auf diese Weise gut zu ihnen hin.

Für uns Buben war die Karwoche etwas Besonderes. Die Glocken schwiegen ab Gründonnerstag. Grabesruhe zum Kreuzestod Jesu war angesagt. Statt die Kirchenglocken zu läuten, holten wir unsere aus Holz gefertigten Ratschen, Klappern und Klapperkästen hervor (die das Jahr über aufbewahrt worden waren), um jetzt die Uhrzeiten anzukündigen – zum Kirchgang, zum Angelus-Beten usw. Während der Gottesdienste wurden an diesen Tagen keine Altar-Schellen benützt, sondern ebenfalls hölzerne Klappern. Am Karsamstag bzw. Ostermontag durften wir durchs Dorf ziehen, von Hof zu Hof, von Haus zu Haus, um Eier zu sammeln oder auch ein paar Mark – für unsere Karwochen-Dienste. Der Oberministrant verteilte dann die Gaben/Gelder an die anderen Buben, wovon immer die jeweils Älteren den größeren Anteil erhielten.

Vor dem zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Karsamstags-Liturgie noch am frühen Morgen abgehalten, meist nur in Anwesenheit des Pfarrers, des Küsters und der Ministranten. Dabei wurde auch das Osterfeuer entzündet und der Judas in Form eines alten Baumstumpfs verbrannt. Die Gemeinde traf sich erst am Spätnachmittag bzw. Abend in der Kirche zur sogenannten Auferstehungsfeier.

Mit der heute üblichen und sehr sinn- und stilvoll gestalteten Osterfeier (Weihe der Osterkerze, des Tauf- und Weihwassers, der Ostereier, der hausgebackenen Osterlämmer etc.) und dem festlichen Hochamt, wie wir es seit den 1970er Jahren kennen, hatte die vormalige Karsamstag-Liturgie nicht viel gemeinsam.

Gemeindediener über viele Jahre Schäfer in den Sommermonaten

Mit Dieter Hallervorden möchte ich sagen: Diese Zeit machte uns stark. Ja, es waren keine leichten Jahre, die unmittelbare Nachkriegszeit; die noch vorkonziliare Epoche. Es war eine aus heutiger Sicht vielleicht einengende und ärmliche Zeit; zumindest auf dem Lande. Autos gab es nur zwei im Dorf; und nur ein Telefon, einen Briefkasten, eine Gastwirtschaft, eine Schmiede, eine Schreinerei. Alles andere waren Bauerhöfe – plus Kirche, Pfarrhof, Volksschule sowie das Haus und die Werkstatt des Malermeisters (Tünchers), meines Onkels Johann Floth. Seine (ich meine Onkel Hans) Ausbildung hatte er im norddeutschen Buxtehude erhalten. Dieser Ortsname Buxtehude klang für mich immer sehr exotisch; lange konnte ich mir gar nichts darunter vorstellen außer etwas sehr Mysteriöses. Und dass man dort zum Maler ausgebildet werden konnte.

Auch waren da noch drei kleine Häuschen, ohne Bauernhof: In einem lebten zwei ledige Schwestern, im andern, wir nannten es das Schneiderhäuschen, wirkte ein alter Maßschneider, und im dritten, dem Gemeindehaus, lebte der Gemeindediener mit Frau und Kind. Letzteres ein Haus zu nennen, wäre stark übertrieben; es war eine muffige baufällige Bruchbude aus Holz, Lehm und Steinbrocken. Unten im Parterre gab es einen Ziegenstall mit zwei, drei Geißen und einem weithin stinkenden Ziegenbock. Alles in allem eher eine Zumutung, dort wohnen zu müssen. Aber für unseren Gemeindediener Josef Hügel und seine Frau Anna war das kein Problem. Sie hatten immerhin ein Dach über dem Kopf – und waren zufrieden. Wenn der Hügel schellend durchs Dorf zog, dann hatte er etwas zu verkünden; meistens war es eine Vermeldung des Bürgermeisters. Das hörte sich dann etwa so an: Bekanntmachung: Heute Nachmittag ist Frondienst. – Oder: Morgen um elf Uhr tritt die Feuerwehr an. Bitte alle Hydranten vom Eise und Schnee freihalten! – Oder: Nach dem (abendlichen) Avemarialäuten treffen sich alle Eltern, die Schulkinder haben, an der Linde. – Die Linde, ein steinalter, schon brüchiger Baum in der Dorfmitte, war das natürliche Zentrum der Ortschaft. Hier hatten schon viele Generationen miteinander palavert.

Es machte ihm Spaß, dem alten Hügel-Josef, die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen – im Dienste des Bürgermeisters und der Gemeinde. Wenn er auf der Straße vor unserem Haus seine Neuigkeit verkündet hatte, kam er meistens kurz in den Hof; denn er wusste, jetzt reichte ihm Mama ein Seidel Most, und den trank er oft in einem Zug aus. Oder, wenn es draußen eisig kalt war, erhielt er ein Gläschen Zwetschgenschnaps; den hatte er noch lieber!

Und was gab es sonst noch im Dorf? Natürlich viele Rinder, Schweine, Pferde, Hühner, Gänse, Enten, Tauben – und etliche Ziegen. Oder, in den Sommermonaten, wenn der Schäfer14, der aus der Nähe von Wemding (am Rand des Nördlinger Ries) alljährlich zu uns kam, über die Fluren zog, auch eine große Herde Schafe. Noch wesentlich früher hatte das Dorf einen eigenen Schäfer; er bewohnte ein anderes Gemeindehaus; es stand dort, wo zu meiner Zeit ein großer Garten angelegt war, unserem Wohnhaus schräg gegenüber. Aus diesem (ehemaligen und längst abgerissenen) Gemeindehaus stammte übrigens auch ein sehr jung verstorbener Frater Reginald Söder der Missionsabtei Mariannhill in Südafrika; der wohl erste junge Mann aus unserem Dorf, der Trappist werden wollte.

Fast alle Bauern besaßen Grasmäher, Heuwender und Selbstbinder; meistens mehrere Pflüge und Eggen. Drei Bauern hatten sogar schon während der Kriegsjahre Traktoren: Einen Lanz-Bulldog, einen Fahr und einen Cramer. Für uns Buben war es natürlich der Bulldog, der uns am meisten interessierte. Anfangs noch eisenbereift; mit spitzen Eisenzacken an den Rädern, wenn im Feld oder auf Feldwegen. Hartgummi und Luftreifen kamen später. Das Anlassen des Bulldogs war eine eigene Zeremonie: Zunächst wurde der Motor vorgewärmt, dann das Steuerrad nach vorne geholt, um den Motor anzuwerfen. Dies erforderte Schnelligkeit und viel Geschick. Es war nicht ungefährlich.

Mit meinem Cousin Roman, ein gutes Jahr älter als ich, durfte ich gelegentlich beim Ackern auf dem Bulldog aufsitzen. Roman hatte den Schmitt-Bauer, den stolzen Besitzer des ersten Traktors im Dorf, davon überzeugen können, dass wir dieses selbstfahrende Monstrum besteigen durften. Das war für uns brave Buben vom Dorf schon ein gewaltiges Abenteuer!

Man staune, es gab in unserem entlegenen Dorf in den 1930er Jahren auch schon ein Motorrad mit Beiwagen. Es gehörte unserem Onkel Schorsch und wurde bei Kriegsbeginn beschlagnahmt.

Vielleicht hatten außer uns noch der Lehrer und der Pfarrer einen Volksempfänger (Radio), kann sein. Aber sehr viel mehr Geräte werden es 1939 im Dorf kaum gewesen sein. Das Fernsehen kam später; viele Jahre später. Der erste TV-Apparat stand bei unserem Nachbarn Michael Kuhn – ab zirka 1951/1952. In den Sommerferien, wenn ich zu Hause auf Hof und Feldern mitarbeitete, lud Michel mich immer wieder ein, abends bei ihm fernzusehen. Das war für uns alle noch neu und aufregend! Wenn Frankenfeld auftrat oder Kulenkampff, oder wenn ein lustiges bayerisches Volksstück gespielt wurde, dann war dies ein echtes Erlebnis. Wann und wo hätte ich denn sonst fernsehen können? In den kleinen Seminaren in Miltenberg und Würzburg kannte man noch keine Fernseher. Und später, im Piusseminar in Würzburg, war unser Hausdiener Simon der einzige, der einen Apparat hatte. Den Fratres (Studenten der Philosophie und Theologie), lauter angehende Ordenspriester, war Fernsehen strikt verwehrt worden, bis Simon starb (Mitte/Ende der 1950er Jahre) und uns seinen alten TV-Apparat vermachte. Aber auch das bedeutete noch kein grundsätzlich grünes Licht: Unser Rektor musste diesbezüglich erst beim General-Superior anfragen und die offizielle Erlaubnis dazu einholen. Diese wurde zwar gewährt, aber mit der Auflage, dass der Fernsehapparat in einem eigens dafür gebastelten Schrank verschlossen werden konnte. Die alleinige Schlüsselgewalt lag beim Rektor bzw. bei seinem ihn vertretenden Assistenten.

Zuvor, als Simon noch lebte, schlichen einige von uns Fratres abends klammheimlich hinunter ins Kellergeschoss, wo das einzige TV-Gerät des großen Hauses stand, und Simon winkte uns unauffällig hinein in sein kleines Zimmerchen. Er freute sich sehr, wenn wir Interesse zeigten. Und er half selber mit, dass wir ungesehen und unbeobachtet bei ihm rein- und rausgehen konnten. Was natürlich, ohne dass es je offiziell verkündet worden wäre, strengstens verboten war. Das ging eine Zeitlang ganz gut. Dann wurden wir von einem älteren Pater, der etliche holländische Fratres auf frischer Tat erwischt hatte, beim Rektor verpetzt. Und aus war es mit dem heimlichen Fernsehen. Beim nächsten Nikolausabend, an dem gewöhnlich aktuelle Sketche aufgeführt wurden, bekam der Petzer sein Fett ab – ironisch, witzig, humorvoll, aber überdeutlich für alle, die um unsere heimlichen Fernsehabende bei Hausdiener Simon Bescheid wussten.

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23 aralık 2023
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9783957448309
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