Kitabı oku: «Wenn mit dem Herzen unterwegs ist man nie allein»

Yazı tipi:

Adalbert Ludwig Balling

Wenn mit dem

Herzen unterwegs

ist man nie allein

When you walk with your heart

you’ll never be alone

Herausgegeben

von Barbara Endres

ENGELSDORFER VERLAG LEIPZIG

Für alle, die gut zu mir waren

und es immer wieder sind.

Für alle, die wissen,

dass man nur mit dem Herzen gut sieht –

und entsprechend handeln.

Für alle, die ohnehin schon mit dem Herzen

unterwegs sind…

Bibliografische Information

durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;

detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über

http://www.dnb.de abrufbar

Copyright 2017

Engelsdorfer Verlag Leipzig

Schongauer Straße 25, 04329 Leipzig

www. engelsdorfer-verlag.de

Alle Rechte beim Autor Adalbert Ludwig Balling,

Hauptstraße 1, 86756 Reimlingen, Tel. 09081-2970-114

All rights reserved

Typographie und Satz: Roman Schmuker

Titelbild: Adalbert L.Balling

Hergestellt in Leipzig, Germany(EU)

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Widmung

Impressum

Einführende Vor-Worte

Gute Menschen sterben nicht

Nach-Worte im Anhang

Endnoten

EINFÜHRENDE VOR-WORTE
Es ist das Herz, das gibt, die Hände geben nur her

Reiche jedem deine Hand; doch denen, die du gern hast, gib auch dein Herz! – Diesen Satz las ich vor langer Zeit, wenn ich mich recht erinnere, als Teil eines alten Gedichtes – ohne Angabe des Autors.

Im Kongo hörte ich das Sprichwort: Es ist das Herz, das gibt… – und ich fügte meinerseits hinzu, was ungesagt mit anklang: Die Hände geben nur her; sie reichen es nur weiter! Das Herz entscheidet. Der gute Wille. Die Intention!

Viele Dichter und Denker dachten Ähnliches. Im Kleinen Prinzen heißt es, man sehe nur mit dem Herzen gut. Auch das ist Lebens-Weisheit; vielleicht sehr mühsam erfahrene und erlebte Einsicht.

Wir alle wissen: Bloße Worte greifen nicht sehr tief; Phrasen und Sprüche mögen gut oder gar kokett klingen, das Innere des Menschen treffen sie selten. Das Herz des Menschen erreicht letztlich nur, wer sein eigenes an die Angel hängt.

Der spanische Dichter Miguel Cervantes schrieb einmal: Guten Menschen Gesellschaft zu leisten, sei die beste Methode, selbst einer von ihnen zu werden. –Walther von der Vogelweide hat es noch kürzer formuliert: »Liebe ist die Freude zweier Herzen.« – Und Adolph Kolping meinte nichts wesentlich anderes, als er sagte: »Der Mut wächst mit dem Herzen – und das Herz mit jeder guten Tat!«

Rafik Schami, ein in Deutschland lebender und Deutsch schreibender syrischer (muslimischer) Autor, berichtet von einem blinden Nachbarn in Damaskus, der vor 50 Jahren zu ihm gesagt habe: »Sprich, damit ich dich sehe!« Dieser Spruch stammt zwar ursprünglich aus dem antiken Griechenland; er wird Sokrates in den Mund gelegt. Aber der blinde Damaszener sei ein Analphabet gewesen! Wie soll der zu dieser Weisheit gekommen sein? Antwort: Es sprach aus seinem Herzen; aus seinem lichten, einfühlsamen Herzen. Und mit dem Herzen »sieht« und erkennt jeder Mensch Gutes – auch wenn die Augen erblindet sind!

Wer mit seinem Herzen unterwegs ist, sagt man in England, sei niemals allein. Der Buchtitel greift dieses Wort auf und bekräftigt es. Zahlreiche Menschen, Menschen mit viel Lebenserfahrung, können diese Erkenntnis zigtausend Mal bestätigen.

Einer von ihnen ist der bayerische Kabarettist und Musiker Georg Ringsgwandl. Sein Leben ist bunt und vielseitig. In einem Gespräch mit Marco Schmidt1 meinte er, auch wilde Hunde tränken irgendwann Kamillentee. Er hat dies näher zu erklären versucht: Stillstand und Selbstgefälligkeit seien die schlimmsten Feinde eines Künstlers: »Wenn du anfängst zu glauben, du wärst bedeutend und hättest einen Platz im Pantheon verdient, dann marschiert der Schwachsinn bei dir schon zur Tür herein.« Dann sollte man schleunigst prüfen, ob man nicht bloß noch »wertlosen Schrott« produziere…

Ringsgwandl (Jg.1948) stammt aus Bad Reichenhall; er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, studierte Medizin, war ein angesehener Herzspezialist (Kardiologe) in Garmisch-Partenkirchen und trat in seiner freien Zeit gelegentlich auch schon mal als Kabarettist auf. Mit 45 entschloss er sich, nur noch künstlerischen Tätigkeiten nachzugehen: Als Musiker, Autor, Songschreiber usw. Sein Herz habe ihm geraten, etwas zu tun, was ihm zwar weniger Geld, aber mehr Freude und Zufriedenheit einbrächte.

Am Schluss des Interviews gefragt, was er, Ringsgwandl, denn tun würde, wenn er nur noch ein Jahr zu leben hätte, antwortete er: »Wer weiß, vielleicht lege ich auf meine alten Tage noch einen japanischen Garten an…«

Dem Herzen folgen: Auf die Menschen zugehen. Das Herz sprechen lassen. Auch den andern Gutes zutrauen und sie zum Guten hin animieren – dazu möchte dieses Buch ein wenig anregen und einladen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre – und dass Sie immer wieder die Dankbarkeit des Herzens spüren dürfen.

Glauben Sie mir: Solange Sie sich mühen, mit dem Herzen zu sehen und mit dem Herzen zu geben, erfahren auch Sie selber jene Gefühle der Zufriedenheit und der Harmonie, die von Gott ausgehen. Sie werden auch in Ihnen wachsen und zum Blühen kommen – wie die Liebe, die dort am besten gedeiht, wo man sie weiterschenkt…

ADALBERT LUDWIG BALLING

Wertvolle Erfahrungen bei »Missio Würzburg«

In der Franken-Metropole, eigentlich im gesamten unterfränkischen Raum, kennt man das »Missionsärztliche Institut« unter der Bezeichnung MISSIO. Weil am Mönchberg, unmittelbar neben der Mariannhiller Kirche gelegen, meinen viele Würzburger, es sei der missionarischen Gemeinschaft der Mariannhiller angegliedert; dem ist nicht so!

MISSIO wird als eigenständiges Institut geführt; als moderne Klinik bzw. als landesübliches Krankenhaus, das hin und wieder sogar Schlagzeilen in den Medien macht, etwa wenn gerade mal wieder eine tückische Tropenkrankheit (wie z.B. EBOLA) ganze Regionen Afrikas heimsucht – und im »globalen Dorf«, in dem wir heute leben, auch die Einwohner auf anderen Kontinenten lebensgefährlich bedroht. Dann werden die Fachärzte für Tropen-Medizin von MISSIO nicht selten öffentlich in den Medien um Rat gefragt.

Bekannt, und zwar weit über Würzburg und Unterfranken hinaus, ist auch die Urologische Abteilung der Klinik. 2015 wurde ich dort viermal operiert; zunächst an einem Blasen-Tumor. Schließlich wurde die ganze Blase entfernt und ein künstlicher Ausgang gelegt. Diese vierte Operation dauerte fünfeinhalb Stunden; es folgte eine Woche auf der Intensiv-Station.

Alle, Chefarzt Dr. Georg Schön, Oberarzt Dr. Egner, Assistenzärztin Dr. Charlotte Roth sowie die Krankenschwestern und Krankenpfleger des urologischen Teams verdienen viel Anerkennung und Lob. Ein paar Namen unter Letzteren sind mir noch im Gedächtnis – die Schwestern Sibylle, Sandra und Rita sowie die Pfleger Oliver und Dominik. Einer von ihnen wurde übrigens in Harar in Äthiopien geboren, wo seine Eltern auf einer Lepra-Station tätig waren – im Auftrag des Deutschen Leprahilfswerkes mit Sitz in Würzburg. Seine Mutter kehrte mit ihm als Kleinkind nach Würzburg zurück, wo sie ihren zweiten Sohn zur Welt brachte – und wo übrigens beide Eltern auch ihre fachliche Ausbildung für die Tropen erhalten hatten, und zwar bei MISSIO in der Salvatorstraße am Mönchberg.

In den Monaten, als ich bei MISSIO operiert wurde, war auch die katholische Seelsorgestelle des Hospitals gut mit Personal versorgt: Neben Krankenhauspfarrer Gottfried Amendt wirken hier, vom Bischof dazu beauftragt, Pater Martin, ein Diakon und, vorwiegend im Kreißsaal und auf der Kinder- und Frauenstation, Frau Birgit. Ein ähnliches Pastoral-Aufgebot weist die evangelische Kirche vor. Diese Teams besuchen, wenn erwünscht, sehr regelmäßig die einzelnen Patienten.

Zweimal wöchentlich (mittwochs und sonntags) werden katholische Gottesdienste in der Hauskapelle angeboten; die Sakramente (Beichte, Kommunion) können im jeweiligen Patientenzimmer empfangen werden. – Die Hauskapelle war für mich jederzeit leicht zu erreichen, direkt hinter der urologischen Abteilung.

Viele Jahre, jahrzehntelang, hatten Mariannhiller Missionare die Klinik-Seelsorge inne, unter ihnen auch Pater Barnabas Stephan, der sich inzwischen selber im Pflegeheim der Mariannhiller in Reimlingen befindet.

Ich hatte Glück, was MISSIO betraf, denn nachdem mein Urologe in Köln Krebs in der Blase diagnostiziert hatte, bekam ich in keinem der mir vom Arzt empfohlenen Kölner Hospitäler einen Operations-Termin; sie hatten eine Wartezeit von bis zu zehn Wochen, und das hätte für mich lebensgefährlich werden können, denn, wie sich bald herausstellen sollte, war der Tumor bösartig und möglicherweise bereits streuend. – In dieser für mich misslichen Situation kam mir die urologische Abteilung bei Missio in Würzburg mit einem relativ frühen Operationstermin entgegen…

Mutter mit Kinderwagen

Es war zur Zeit meines fünfwöchigen MISSIO-Aufenthaltes, da betrat ich eines späten Vormittags die Hauskapelle.Weil noch mit mehreren medizinischen Schläuchen versehen, nahm ich hinten Platz, nahe am Eingang. Vor mir kniete eine junge Mutter, wie es schien, tief ins Gebet versunken. Neben ihr stand ein Kinderwagen. Sie blieb lange in der Kapelle, hin und wieder schaute sie hinunter zum Kleinen. Mir war klar, es ging um ihr krankes Kind. Schließlich ging ich zu ihr vor, deutete auf den Kinderwagen und fragte, ob sie wünsche, dass ich das Baby segne. Ich sei Pater, katholischer Priester, fügte ich hinzu, fragte aber nicht, ob sie katholisch oder evangelisch sei. Ich dachte, Gottes Segen kennt keine Abgrenzungen; keinen Unterschied der Person. Sein Segen gilt allen Menschen, ganz besonders den Kleinen. – Die Mutter strahlte vor Freude und Glück, als ich ihrem Baby die Hand auf die Stirn legte und die Segensworte sprach. Ehe ich die Kapelle wieder verließ, drehte sie, die junge Mutter, sich nochmals zu mir um und flüsterte: »Wissen Sie,wir, mein Mann und ich, sind keine fleißigen Kirchgänger; dazu noch protestantisch. Aber dass Sie mein Kind gesegnet haben – dafür bedanke ich bei Ihnen tausendmal!«

Segnen bringt Glück und Zufriedenheit, und die innere Überzeugung: Wer gesegnet wird, empfängt Gottes Wohlwollen. Wer Gott auf seiner Seite hat, weiß sich in besonderer Weise geborgen.

Bei uns zu Hause war es unsere Mama, die uns Kinder regelmäßig segnete – vor allem mit Weihwasser. Oder sie machte uns, etwa ehe wir weggingen oder uns zu einer längeren Reise aufmachten, einfach ein Kreuzzeichen auf die Stirne. Sie empfahl uns somit dem Schutze Gottes und seinen Engeln. Zum Schutzengel beteten wir als Kinder täglich, auch wenn wir uns diese überirdischen Wesen nicht so recht vorstellen konnten.

Auch die Tiere auf unserem Hof und in den Ställen wurden von Mama gesegnet. Ehe die Pferde eine schwere Arbeit zu verrichten hatten; wenn sie zum Beispiel die Dreschmaschine fahren oder massive Holzstämme vom Wald herbeischaffen mussten, erhielt jedes der Pferde von unserer Mama ein Stück Brot, mit geweihtem Salz bestreut, oder sie machte ihnen einfach das Kreuzzeichen auf die Stirn und tätschelte sie liebevoll.

Eine andere Art des Tiere-Segnens vollzog sich in Verbindung mit dem Gewürzbüschel, der vom Pfarrer jährlich an Maria-Himmelfahrt in der Kirche gesegnet wurde. Die Frauen nahmen die geweihten Pflanzen mit nach Hause. Erkrankte eines der Tiere oder brach es sich ein Bein, dann ging Mama in den Stall – mit ein paar der inzwischen meist dürren Zweigen vom Gewürzbüschel, legte diese auf glühende Kohlen, sprach ein Gebet und empfahl so die erkrankten Tiere dem Wohlwollen des Allmächtigen.

Dieses Sich-gegenseitig-Segnen haben wir ein Leben lang beibehalten; ich habe mich nie, auch in späten Jahren nicht, von Mama verabschiedet, ohne ihr ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu zeichnen oder sie mit Weihwasser zu besprengen…

Im Laufe meines langen Lebens habe ich mir angewöhnt, zahlreiche Leute, auch viele Unbekannte, halbheimlich zu segnen: Wenn ich jemand auf der Autobahn dahinrasen sah; wenn ich einem Blinden oder sonst wie Behinderten begegnete; wenn ich junge Mütter mit Kleinkindern beobachtete, wie schwer sie sich taten, etwa beim Einsteigen in die Straßenbahn; oder wenn gerade hoch oben am Himmel ein Passagierflugzeug einen Kondensstreifen an den blauen Himmel malte – dann wünschte ich allen Passagieren guten Flug und Gottes Segen bei der Weiterreise.

Als ich Ende Juli 2015 bei MISSIO eintraf, wurde ein Patient gerade von den Pflegern für die Operation vorbereitet; schon wollte man ihn in den OP abtransportieren, da trat ich ans Bett des mir völlig Unbekannten und machte ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Er guckte leicht verwundert, als ich leise sagte, ich sei Pater und wünschte ihm Gottes Segen. Mehr konnte ich nicht sagen, die Pfleger drängten.

Nach mehreren Stunden wurde er operiert ins Zimmer zurückgebracht, überglücklicher strahlend; er bedankte sich bei mir und sagte: »Das war sehr lieb von Ihnen, mich zu segnen; katholisch bin ich zwar nicht, aber ich lasse mir gerne Gutes wünschen, auch von Gott, zu dem Sie ja vermutlich einen guten Draht haben…«

Eine Woche später bekam ich einen neuen Zimmerpartner; er muss vorher irgendwie erfahren haben, dass ich katholischer Geistlicher bin, und baute abwehrend vor: »Damit Sie’s wissen, ich bin zwar katholisch getauft worden, aber bekehren lasse ich mich von Ihnen nicht, und ich habe auch nicht vor, Einsiedler zu werden… Also, bitte, keine diesbezüglichen Bemühungen! Das wäre alles umsonst. In die Kirche kriegt mich keiner mehr, nicht einmal der Papst«.

Es vergingen nur zwei, drei Tage, da fragte mich der betreffende Ko-Patient, ob ich wüsste, wann am Sonntag Messe sei; vielleicht gehe er doch mal wieder hin. Seine alte Mutter habe es ihm nahegelegt. – Er ging tatsächlich in die Hauskapelle – und nach dem sonntäglichen Hochamt kommentierte er schier großmäulig im Kreise einiger weiterer Patienten: Er müsse sich halt erst wieder »an das fromme Zeug« gewöhnen; »Weihrauch,Weihwasser, Kerzenflimmern und frommer Sing-Sing« lägen ihm nicht mehr. Er sprach, als gälte es einen weiteren Kirchgang vor seinen spottenden Kollegen ein wenig zu rechtfertigen. Letztlich tue er alles nur seiner alten Mutter zuliebe…

Frau mit Spenderherz

Schock,Verzweiflung, Angst und Hoffnung – alles hat Andrea Hoffmann durchlebt, nachdem der Kardiologe ihr gesagt hatte: So ginge es nicht mehr weiter; alles, was ihr noch helfen könne, sei ein Spenderherz!

Es war eine schreckliche Zeit; eine Zeit des Bangens und Wartens, des Bittens und Betens. Ein Durcheinander der Gefühle, bis eines Tages das Telefon läutete und sich eine Herzklinik bei ihr meldete: Die Chance sei gekommen…

Später, viel später, als alles geschehen war, was Ärzte, Krankenpfleger und Schwestern in solchen Situationen tun können, kam große Dankbarkeit bei ihr auf. Und Frau Hoffmann sammelte ihre erschütternden Gefühle und Empfindungen in einem kleinen Gedichtband2. Da heißt es zum Beispiel:

»Wir können uns für unsere empfangenen Organe bei unseren Spendern nicht mehr persönlich bedanken. Daher unsere Bitte an Gott: Herr, du bist die Brücke zwischen uns; du begleitest uns, du kennst unsere Gedanken, auch die Aufrichtigkeit und Dankbarkeit, mit der wir ein solches Geschenk erhalten haben.«

In einem anderen Gedicht schreibt sie: »Mein unbekannter Spender, ich kenne dich nicht, aber der liebe Gott weiß, was du für mich bedeutest.«

Und auch das ist Lebenserfahrung – durch Krankheit, wenn die Autorin die Überzeugung vertritt, »dass Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Denn ich glaube, es gibt gewisse Tore, die nur die Krankheit öffnen kann«.

Bischof Georg Moser sagte einmal: »Zur großen Liebe ist nur der Mensch fähig, der gelitten hat.« Und Rainer Maria Rilke meinte Gleiches, mit poetischen Worten: »Was weiß der, der nicht leidet.«

Ein Fest des Brückenschlagens

Der Jesuitenpater Josef Sudbrack nannte Allerseelen einmal ein Fest der Liebe und »ein Fest des Brückenschlagens über den Tod hinaus«.Viele von uns erspüren erst nach dem Tod eines unserer Lieben, wie schwer es uns getroffen hat, sie nicht mehr bei uns zu haben.

Warum kommt diese Erkenntnis so spät? Warum blieb uns vieles im Alltag unserer Lieben viel zu lange viel zu selbstverständlich – auch die Freundlichkeit derer, die uns plötzlich, von heute auf morgen, verlassen haben – ohne Abschied zu nehmen, ohne Vorwarnung, ohne jegliches Anzeichen eines nahenden, frühen Todes? Jetzt überfällt uns Weh und Schmerz – und Heimweh nach denen, die nicht mehr sind.

Ja, es gibt sie, diese Menschen, die still und leise leben; ohne Tam-Tam, ohne aufzufallen, ohne Schlagzeilen. Sie haben keine öffentlichen Ämter inne, erhalten keine Auszeichnungen, bekommen keine staatlichen oder städtischen Orden. Was sie tun, tun sie im Stillen. Aus Pflichterfüllung.

Und wenn sie gehen, wenn sie die Welt wieder verlassen, tun sie es gleichfalls leise und still – als gingen sie für ein Stündlein grade mal in den benachbarten Park; als wollten sie nur mal Luft schnappen.

Sie gehen – schließen die Tür hinter sich und kommen nie wieder. Jetzt, erst nach ihrem Tod merken wir, wie sehr wir sie bräuchten, wie teuer sie uns waren – und wie wenig Liebe und Aufmerksamkeit wir ihnen schenkten.

Alles zu spät? Viel zu spät? – In diesem Leben, ja! Aber wer an sie denkt, sich ihrer erinnert, für sie betet – wird sie auch weiterhin spüren: Ihre lautlose Anwesenheit. Ihre Treue. Ihre Güte…

Ein lustiges Seniorenpärchen

Kreuzfidel saßen die beiden am Steuer, unterhielten sich laut schäkernd und fuhren bei offenem Wagen nach Meinung eines Verkehrspolizisten viel zu schnell durch die Wiener Innenstadt. Daher stoppte er das fidele Pärchen. Die beiden taten alles andere als erschrocken. Sie ergriff denn auch gleich das Wort und lud den Beamten zu einer Rundfahrt ein: Das Wetter sei herrlich, und »Ihnen, Herr Wachtmeister, passiert nix; das garantiere ich Ihnen.«

Der Beamte blieb ernst. Ihm schien inzwischen das gar nicht mehr so junge Pärchen nicht nur etwas schnell gefahren zu sein, es hatte wahrscheinlich auch ein wenig zu tief ins Weinglas geguckt! Also galt es, zunächst mal den Führerschein zu überprüfen!

»Wessen Führerschein«, fragte sie eilig, gesprächig, wie sie war, »seinen oder meinen?« – Natürlich dessen, der gefahren sei, reagierte der Polizist leicht verärgert über die dumme Frage. Doch er wurde von der redseligen älteren Dame rasch aufgeklärt: Mal fahre er, mal sie, je nach Lage.

Als der Beamte sich den flotten Wagen des Seniorenpärchens etwas näher anschaute, stellte er fest: Der hatte auf beiden Seiten, rechts wie links, sowohl eine Kupplung als auch Gaspedal und Bremse. – »Warum denn das?«wollte er wissen. Sie: »Wissen’S, Herr Wachtmeister, des is wie in der Ehe: Damit jeder mal Gas geben und jeder, wenn nötig, auch mal bremsen kann!« Und beide lachten aus vollem Hals, sodass sogar die Passanten stehenblieben. Und der Polizist lachte fröhlich mit. Dann winkte er das Pärchen weiter und sagte: »Gelt, lassen’S sich bloß nimma beim Zu-schnell-Fahren erwischen! Nicht in der Innenstadt.« Winkte erneut dem lustigen Pärchen zu – und auch die Umstehenden winkten ihnen nach.

Als der Polizist abends diese Geschichte seiner Frau erzählte, meinte diese unter lautem Lachen: »Des musst allen Pärchen erzählen, die momentan im Krach miteinander leben…«

Serva ordinem et ordo te servabit

Diesen lateinischen Spruch hat uns Novizen3 in den 1950er Jahren Pater Augustin solange nahegelegt, bis wir auch seine mahnenden Worte richtig zu deuten wussten.

Es spricht vieles für diesen Leitspruch, aber mit den Jahren mag er auch abgedroschen und altfränkisch klingen, vor allem wenn hin und wieder flotte Sprüche dagegen ins Feld geführt werden, etwa die Aussage des Schweizer Autors Max Frisch: »Ordnung braucht nur, wer mit der Welt nicht eins ist.«

Natürlich gibt es auch jene, die jede Art von Ordnung als Zwang betrachten und jede Form gesellschaftlicher Etikette und Ordentlichkeit als Einmischung bzw. Beschränkung der persönlichen Freiheit verstehen und sie deswegen strikt ablehnen. Auch nur die geringste Anweisung wird ignoriert; so jede noch so vorsichtige Empfehlung und jeder als hilfreich gedachter Ratschlag von außen.

Was tun? Trotz allem an das Gute im Menschen glauben und nicht aufhören, gut auch zu denen hinzudenken, die einem nichts als Prügel zwischen die Beine werfen. Wenn später aus ihren Prügeln gar Felsbrocken werden, dann sollte man am besten heute noch damit beginnen, aus den Steinen Straßen, Gartenmauern und Brücken zu errichten…

Böses sollte man niemals mit Bösem vergelten oder bekämpfen wollen; Gutes allenfalls mit Gutem beantworten. Denn nur wer mit dem Herzen unterwegs ist, kann auch die Herzen erreichen.

Samstags wird die Insel gekehrt

In meiner Kindheit und Jugend war es üblich, am Samstagnachmittag die Dorfstraßen und den Hof zu kehren. Am Sonntag sollten die Dorfstraßen frei sein von Ackerschollen und Steinen; sonntags kleidete man sich festtäglich; sonntags ging man morgens zur Messe und am frühen Nachmittag in die Andacht. Schwere Arbeiten verrichtete man an Sonn- und Feiertagen nicht; nur das Viehfüttern und Viehbetreuen war erlaubt; selbstverständlich. Gelegentlich gab der Dorfpfarrer auch Sondererlaubnis, wenn zum Beispiel schlechtes Wetter drohte und das Heu oder die Getreideernte noch nicht eingefahren waren. Das passierte selten. Ansonsten wurde das Sonntagsgebot strikt eingehalten.

Damals betete man auch noch regelmäßig den Wettersegen. Und an den Bitttagen wurde durch die Fluren »gewallt« – mit Kreuz und Fahnen, häufig auch von der dörflichen Blaskapelle begleitet. Gemeinsam betete man um gutes Wetter und um Gottes Segen für eine gute Ernte.

Na gut, wir waren beim Straßen- und Hofkehren am Samstag. Damals, vor Jahrzehnten, als wir unsere Besen noch selber anfertigten. Unser Papa war überhaupt sehr geschickt beim Herstellen einfacher Werkzeuge. Neben Birkenbesen stellte er auch Holzrechen her, Weidenkörbe, Strohnäpfe, Hanf- und Sisalseile und dergleichen mehr.

Anfang der 1970er Jahre stieß ich auf eine ähnliche Sitte des wöchentlichen, öffentlichen Reinigens. Und zwar weit entfernt in der Südsee, genauer gesagt, auf den Siassí-Inseln, die Papua-Neuguinea vorgelagert sind. Dort wirken seit über fünfzig Jahren Mariannhiller Missionare. Sie waren es, die den seltenen Brauch einführten, wenigstens einmal pro Woche das Inselchen, etwa von der Größe eines Fußballfeldes, von den Schulkindern fegen zu lassen.

Das Kehren besorgen die Kanaken-Kinder mit ganz einfachen Palmwedeln. Wenn sie samstags vor dem Gebäude ihrer Volksschule gemeinsam zum Inselsäubern antreten, herrscht Hochbetrieb. Ein Bild für Götter!

Als ich später, wieder zurück in Deutschland, davon erzählte, meinten viele: Wie herrlich! Echte Südsee-Romantik! Aber für die Einheimischen ist es Alltag; auch sie müssen sich (auch heute noch) erst mal das Salz in der Suppe verdienen. Gar so sorglos, wie es mitunter scheint, ist ihr Alltag auch nicht. Da gilt es, jeden Tag ein Mittag- und Abendessen vorzubereiten. Die Männer fahren zum Fischen aufs Meer hinaus. Oder sie paddeln in ihren selbstgemachten Auslegerbooten zur Gartenarbeit. Der gemeinsame Garten liegt mehrere Kilometer entfernt auf einer größeren Insel, die etwas mehr Humus hat als das eigene Atoll. Auch das ist körperlich anstrengend und zeitraubend.

Die Schulkinder benützen ebenfalls Kanus, um morgens auf das fußballfeldgroße Eiland zu gelangen, wo die Schulgebäude stehen sowie die Hütten der Lehrer, aber auch die mickrigen Behelfsbauten der Missionare und Missionshelfer.

Also, das Leben auf den Siassi-Inselchen vor der Ostküste Papua-Neuguineas ist kein Zuckerschlecken; auch ihnen flattern keine gebratenen Tauben in den Mund; und von Südsee-Romantik reden allenfalls die Touristen. Auch das Kehren und Verschönern der Insel ist mühsame Handarbeit. Aber den Schulkindern macht es Spaß; sie lachen und singen dabei; es gehört zu ihrem Alltag…

Wer sich geliebt weiß, wird niemals ernsthaft krank

Frau G. war 100 Jahre alt geworden. Nach der Frühmesse in der Kapelle des Seniorenheims, in der wir ihrer in besonderer Weise gedacht hatten, wünschte ich ihr abermals alles Liebe und Gute, vor allem Gottes Segen für die kommenden Jahre. Dazu sangen alle Umstehenden das übliche »Happy Birth-Day«! Da flüsterte mir die Jubilarin zu: »Herr Pater, wollen Sie mich heute nicht auch einmal umarmen!?« – Ich nickte lachend, beugte mich hinunter und nahm sie, dieses zarte, schier durchsichtige Persönchen, vorsichtig in die Arme. Jetzt zwinkerte Frau G. mit vor Freude lachenden Augen und sagte: »Fester, Herr Pater, fester!« Und alle Umstehenden klatschten Beifall, als ich sie ein zweites Mal in die Arme schloss.

Knapp 14 Tage später starb sie, die stets frohgelaunte und nie trübsinnige Frau G. Ein paar Tage zuvor hatte ich sie noch gefragt, diesmal unter vier Augen, wie sie es denn schaffe, nie den Kopf hängen zu lassen. Ihre prompte Antwort lautete: Wer sich Gott anvertraut, braucht sich nie zu fürchten; wer versucht, dankbar zu leben und auch für andere da zu sein, wird auch selber geliebt. Wer sich angenommen und geliebt weiß, wird niemals ernsthaft krank. »Und das ist mein Rezept, 100 Jahre alt zu werden: Was du nicht willst, das man dir antut, das füge auch keinem andern zu!«


GUTE MENSCHEN STERBEN NICHT
Sie leben fort in den Herzen derer, die ihnen Gutes wünschen

Gute Menschen leben fort in der Erinnerung ihrer Freunde, in den Gebeten derer, die gut an sie denken. Gute Menschen bleiben mit uns in inniger Verbindung – auch vom Jenseits her.

Ich kenne und erinnere mich zahlreicher guter Menschen, aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreis, aber ganz besonders auch aus meiner Gemeinschaft, der Missionare von Mariannhill. Viele von ihnen, fast alle, hätten es verdient, dass man über sie schriebe, damit auch andere von ihrer Güte und Liebenswürdigkeit erführen. Über mehrere von ihnen habe ich bereits geschrieben: Kurze Porträts in zwei Taschenbüchern4.

Über das Leben einiger von ihnen erschienen sogar dicke Biografien5, die viel Bewundernswertes aus ihrem Leben festhalten. Darunter befinden sich neben Patres (und Bischöfen) auch Ordensbrüder.

Ich weiß, mehrere männliche Ordensgemeinschaften dünken sich besonders modern und aufgeschlossen, indem sie keinen Unterschied mehr machen zwischen Priestern und Nicht-Priestern, sondern jedes Mitglied in gleicher Weise mit BRUDER ansprechen.

Wir (die Missionare von Mariannhill) folgten diesem Trend nicht. Aber mittlerweile können bei vielen klösterlichen Gemeinschaften, auch bei uns, (sogar einfache) Laien-Brüder das Amt des Superiors übernehmen und Hausgemeinschaften vorstehen. Und, was bis vor einigen Jahren vom Ordensrecht nicht erlaubt war: Auch Brüder können jetzt in ihrer eigenen Gemeinschaft (natürlich nach entsprechenden Studien) die Priesterweihe empfangen. Früher mussten sie, wenn sie als »Spätberufene« Priester werden wollten, die Kongregation wechseln; in der eigenen Gemeinschaft war es nicht erlaubt, dass ein Bruder später auch zum Priester geweiht wurde. Das war weithin Ordensrecht, für (fast) alle klösterlichen Gemeinschaften verpflichtend! – All das hat mich bewogen, im Folgenden nur Ordensbrüder (keine Patres) aus meiner Gemeinschaft auszuwählen, über die ich kurz berichten möchte.

Eigentlich waren bei uns schon zur Zeit der Gründung gerade die Brüder hoch in Ehren: Abt Franz Pfanner, auf den die Gemeinschaft der Missionare von Mariannhill zurückgeht, hatte von Anfang an sehr viel mehr Brüder als Priester in seinen Reihen. Schon damals etwas eher Außergewöhnliches! So ist es für mich auch relativ leicht, an prominente Brüder zu erinnern, die Großes, um nicht zu sagen Geniales, geleistet haben. Einige von ihnen starben im Rufe der Heiligkeit:

Das Herrgöttle von Natal

NIVARD STREICHER (1854–1927) – Er war einfacher Möbelschreiner aus Erding bei München, ehe er sich den Mönchen von Banjaluka (Bosnien) – und später in Mariannhill in Südafrika anschloss. Abt Franz Pfanner erkannte schon sehr früh die Fähigkeiten des jungen Bruders und machte ihn zu seinem Vertrauensmann. Nivard, sein Klostername, wurde, fast nebenbei und im Eigenstudium, Ingenieur und Architekt; obendrein auch Fachmann für Landwirtschaft und Viehzucht im südlichen Afrika. Er baute zahlreiche Kirchen, Konvente, Schulen und Werkhallen, aber auch künstliche Staudämme, Elektro-Anlagen und Wasserleitungen. Die Regierung von Natal erkannte Nivards geniale Fähigkeiten und schenkte ihm zeitlebens ein Gratis-Ticket für die Bahn, nicht zuletzt um diesen Allroundman auch für ihre Zwecke zu nützen, vor allem als Ratgeber für größere bautechnische Projekte.

Als er 1927 starb, nannten ihn viele seiner (nicht immer ganz neidlosen) Mitbrüder das »Herrgöttle von Natal«, andere titulierten ihn »den braunen Abt von Mariannhill« – braun war damals die Ordenskleidung der Brüder. Natürlich steckte in beiden Spitznamen auch etwas »liebevoll Spöttisches«. Seine Mitbrüder wussten nur zu gut: Bruder Nivard war ein Genie, das sich fast alles selber beibrachte. Und doch blieb er zeitlebens einfach, bescheiden – und fromm. Der Rosenkranz war sein steter Begleiter…

Der Wandermönch von Triashill

ÄGIDIUS PFISTER (1876–1932) – Es war vor rund 55 Jahren in Gweru (damals hieß es noch Gwelo) im heutigen Simbabwe. Bischof Schmitt (Bulawayo) hatte mich, den Neuling im Land, gebeten, mit einem geliehenen VW-Käfer vier afrikanische Lehrer zu einer Tagung über die Soziallehre der Katholischen Kirche in die Nachbarstadt zu bringen. Es trafen sich etwa 60 bis 70 Geistliche und Laien, unter ihnen ein paar Europäer; mehrheitlich waren es schwarze Lehrer und Sozialarbeiter. Wortführend waren britische Jesuiten-Missionare, die ich sehr zu schätzen wusste.

In der ersten Tee-Pause am Vormittag kam ein älterer Afrikaner auf mich zu, streckte mir die Hand entgegen und sagte: »Willkommen, Herr Pater! Sie sind mein Freund!« – Ich stutzte, hob ungläubig die Schultern und fragte: »Woher kennen wir uns? Ich kann mich nicht erinnern, Sie je gesehen zu haben.« – Der Mann schüttelte mir trotzdem die Hand und erklärte freundlich: »Stimmt. Aber Sie sind dennoch mein Freund; denn alle Mariannhiller sind meine Freunde. Warum? Weil mich ein Bruder von Ihnen getauft hat – und der auch meine Eltern und Großeltern vom Christentum überzeugt hat. Das war der gute, unvergessliche Brother Ägidius!« – Als ich nachfragte: »Ägidius who?«, erzählte er mir in wenigen Worten, was er noch von diesem Bruder wusste, der inzwischen schon 30 Jahre tot war. – Und als ich wieder nach Bulawayo zurückkam, fragte ich jeden unserer älteren Missionare, was sie noch über ihn wussten. Einheitlich, alle ohne Ausnahme, schilderten mir den Bruder als einen heiligmäßigen Mann. »Der liebe gute Ägid!« sagte einer nach dem andern, und alle verwiesen auf seine unwahrscheinliche Regsamkeit als Wandermönch und Katechet, der jährlich Tausende von Kilometern zu Fuß zurücklegte – nur um möglichst viele noch Nicht-Christen (Heiden sagte man damals noch) zu bekehren. Kein Wunder, dass der alte Mann aus Triashill mir bei oben erwähntem Treffen über die Soziallehre der Kirche gleich am Anfang den Bruder einen Heiligen nannte – und alle, die Ägids Gemeinschaft angehörten, als seine persönlichen Freunde.

Damals fing ich an, alles, was ich über diesen Mariannhiller Bruder erfahren konnte, zu notieren und zu sammeln. Das war der Anfang meiner diesbezüglichen Recherchen. 40 Jahre später begann ich, eine Biografie6 über ihn zu schreiben. Seit Erscheinen des Buches bin ich überzeugt, dass Bruder Ägidius eines Tages selig- und heiliggesprochen werden wird. Ich denke, dass der einheimische Klerus schon dafür werben wird, um den Seligsprechungsprozess zu initiieren – vielleicht in Abstimmung mit den Bistümern Umtali (Mutare) und Bulawayo, der Heimatdiözese Rottenburg-Stuttgart sowie der Gemeinschaft der Missionare von Mariannhill.

Bettler im Auftrag eines Höheren

STANISLAUS HASELBACHER (1854–1949) – Es sei schier unmöglich, etwas Gutes zu schreiben, ohne sich guter Menschen zu erinnern. An dieses Wort von Georg Christoph Lichtenberg musste ich denken, als ich mich verstorbener Mitbrüder erinnerte, an deren Gutsein und Gutes-Tun ich kurz erinnern wollte. In der Tat, wir erinnern uns ihrer auch noch nach Jahrzehnten: Die Toten sind niemals tot; sie bleiben uns verbunden; sie leben fort in unseren Gesprächen, in unseren Erinnerungen, in unseren Gebeten.

So war es auch bei Bruder Stanislaus. Er stammte aus Maria-Trost in der Steiermark und erlernte das Müller-Handwerk. Mit 25 Jahren schloss er sich den Trappisten von Banjaluka an, eine Neugründung Franz Pfanners, des späteren Abtes von Mariannhill in Südafrika. Der erkannte die Begabung des jungen Bruders und machte ihn zum Bubenpräfekten und Brüder-Magister. Einer von ihnen war noch vor der Jahrhundertwende (um 1898) zum Priester geweiht worden; der erste schwarze Weltpriester aus Natal!

Schon bald übertrug Pfanner dem tüchtigen Bruder aus Österreich ganz andere Aufgaben; er sollte künftig in Europa um Ordensberufe und Gelder für die Mission im südlichen Afrika werben. In unzähligen Vorträgen machte er seine Hörer in Deutschland, Österreich und in der Schweiz auf die Mariannhiller Missionare aufmerksam. Er durfte sogar von den Kanzeln großer Kathedralen predigen; damals noch etwas ganz Neues für einen Laienbruder! – Seine Hauptstützpunkte waren Graz und Linz in Österreich sowie Gersau und Altdorf in der Schweiz.

Trotz seines hohen Alters war er mit 90 immer noch rüstig und voller Esprit und Humor: »Ich bin ein Steiermärker«, pflegte er zu sagen, »und die Steiermärker werden immer stärker!« Mit 95 konnte er noch ohne Brille lesen. Voller Stolz erinnerte er sich an ein Pfanner-Wort: »Hier sieht’s traurig aus, meine lieben Brüder: Kein Baum, kein Strauch, kein Christ. Doch wenn wir hier nur eine Seele für den Himmel gewinnen, dann sind wir tausendfach belohnt.« – Br. Stanislaus starb 1949, hoch verehrt und geschätzt!

Vom Steinmetz am Kölner Dom zum Chef-Einkäufer von Mariannhill

MARTIN HEINLEIN (1855–1926) – Sein Markenzeichen war die Reisetasche. So wie bei Chamberlain der Regenschirm. Oder bei Helmut Schmidt die Zigarette.

In seinen frühen Jahren war das nicht so. Er stammte aus Ottelmannshausen bei Königshofen in der fränkischen Rhön; dort hatte er bei seinem Vater als Steinmetz gelernt. Nach der Gesellenprüfung ging er, wie damals üblich, auf die Walz »und war unter anderem«, wie er in seinen Memoiren gegen Ende seines Lebens schreibt, »zwei Jahre lang am Kölner Dom7 tätig, wo ich sozusagen erst ein richtiger Steinmetz wurde«.

Ernst Wichert schrieb einmal, die stillen Leben seien wie die Steine; sie wüchsen in der Tiefe, und niemand wisse von ihnen, »aber einmal werden die großen Dome aus ihnen gebaut.« Dieses Wort hätte er Bruder Martin Heinlein widmen können. Was wir heute von ihm selber wissen, stammt aus seinen späten Jahren. Davor war er viel zu beschäftigt, als sich damit ernsthaft zu befassen.

Es war ein sehr aktives Leben, vor allem als Reisender in Sachen Missionsabtei Mariannhill. – Mönch war er in Banjaluka/Bosnien geworden; Pfanner rekrutierte ihn für Südafrika, als er gerade Lazarettgehilfe beim Stabsarzt des 2.Bayerischen Pionier-Bataillonswerdenwollte. Einzige Bedingung des Abtes: Die Reisekosten zum Kap der Guten Hoffnung müsse er selbst tragen. Sollte es ihm in Südafrika nicht gefallen, so müsse er auf eigene Kosten nach Europa zurückreisen. Heinlein stimmte zu. Solch mutige Kerle imponierten Pfanner über alles. Er machte ihn schon bald zum Chefeinkäufer des soeben erst entstehenden missionarischen Zentrums von Mariannhill – samt Außenstationen. Mit kurzer Unterbrechung waren es insgesamt 25 Jahre.

Und, als Abt Franz einen Mann für Amerika suchte, um dort für die Mission zu werben, um Spenden und um geistliche Berufe, da war es Bruder Martin, den er über den Ozean schickte; er war der erste Mariannhiller Missionar überhaupt, der die USA betrat. Nach drei Jahren lösten ihn in Amerika zwei jüngere Brüder ab; Bruder Martin durfte in sein geliebtes Natal zurückkehren…

Mariannhill war als Missions-Abtei inzwischen für viele Außenstationen zuständig, und Bruder Martin wurde abermals Chef-Einkäufer des Zentrums.

Es muss wohl schon in den 90er Jahren gewesen sein, als Martin Heinlein bei einem seiner vielen Besorgungen in Durban Mahatma Gandhi begegnete, der vor seinem Freiheitskampf in Indien cirka 15 Jahre lang in Südafrika gelebt hatte. Bruder Martin lud den jungen indischen Rechtsanwalt (der auf seiner Rückreise von England, wo er studiert hatte, im südafrikanischen Natal hängen geblieben war) zu einem Besuch nach Mariannhill ein. Noch im späten Alter erinnerte sich Br.Martin an diesen Besuch. Gandhi sei nach seinem Rundgang sehr beeindruckt nach Durban zurückgekehrt. In einer englischsprachigen in Südafrika publizierten Zeitung veröffentlichte Gandhi einen ausführlichen Bericht über alles,was er dort gesehen und was ihn am meisten überrascht hat. Nach einem kurzen Besuch der Monastery-Kapelle kam ihm erstmals die Idee vom »gewaltlosen Widerstand«. Der Kreuzweg bzw. das stille Leiden Christi (ohne jede Gegengewalt) hatte ihn zutiefst bewegt.

Bruder Martins letzte größere Reise (1922) führte ihn in die Niederlande; man hatte ihn beauftragt, den kranken Bruder Nivard (Kloster-Architekt) nach Europa zu begleiten. Wieder in Natal, verbrachte er seinen Lebensabend im Altenheim von Mariannhill: »Ich habe mir besonders vorgenommen, da ich jetzt zu keiner anderen Arbeit mehr fähig bin, für meine Angehörigen, Freunde und Wohltäter zu beten«, pflegte er oft zu sagen. Wenige Tage vor seinem Tod beendete er seine Memoiren mit den Worten: »Ich kann diesen Bericht nicht beschließen, ohne dem lieben Gott nochmals von Herzen zu danken für die Liebe und Güte,womit er mich hierher geführt und mir erlaubt hat, in der Mission mitarbeiten zu dürfen. Er hat alles gelenkt und geleitet.«

Vom Bayerischen Jägerbataillon zum Förster von Mönchsdeggingen

EDUARD NIEDERMEIER (1896–1976) – Nach der Volksschule im heimatlichen Oberschweinbach bei Fürstenfeldbruck besuchte der Junge zwei landwirtschaftliche Winterkurse in Sankt Ottilien, war anschließend Praktikant in Starnberg und wurde 1914 zum Bayerischen Jägerbataillon in Freising einberufen. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen.

Nach dem Krieg (er war dreimal verwundet worden) arbeitete er beim Vermessungsamt in Fürstenfeldbruck, doch schon 1923 verließ er den Staatsdienst und trat bei den Mariannhiller Missionaren in Reimlingen ein. Vom Ries aus ging es ein Jahr später nach Südafrika,wo Bruder Eduard das Maurerhandwerk erlernte; Maurer waren überall gefragt. Später, als man seine Fähigkeiten besser kennenlernte, wurde er Präfekt und Lehrer am St. Francis College in Mariannhill bei Durban. Schließlich brach der Zweite Weltkrieg aus und Br. Eduard wurde, weil deutscher Staatsbürger, im Lager Pavianspoort bei Pretoria interniert – von 1939–1944. Dann wurde er auf eigenes Ersuchen hin repatriiert und kehrte nach Reimlingen zurück.

Hier übernahm er die Sorge um den Wald, ab 1952 vor allem um die den Mariannhiller Missionaren übergebenen Waldstücke bei Mönchsdeggingen. Waldbruder nannten wir ihn seitdem. Uns Novizen, die wir regelmäßig mit ihm im Wald arbeiteten, lehrte er Ehrfurcht vor allem, was grünte, aber auch den Sinn und die Wichtigkeit der körperlichen Arbeit. Nie fing er sein Tagewerk an, ohne vorher ein kurzes Gebet zu sprechen. Nicht selten überraschte er uns mit englischen Sinnsprüchen und Sprichwörtern und freute sich insgeheim, wenn er unsere »ungläubigen Gesichter« beobachtete. Sein Englisch war erstaunlich gut. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie er ein englisches Zitat vortrug, schier salbungsvoll den Oxford-Akzent nachahmend: »The world is a stage and the men are the players!« (Die Welt ist eine Bühne, und die Menschen sind die Spieler!) Rasch und mit lachenden Augen fügte er hinzu: »Stammt nicht von mir, sondern von Shakespeare.«

Bruder Eduard war ein bayerisches Original im besten Sinne des Wortes. Krankheit und Leid ertrug er mit viel Geduld. Er wollte keinem zur Last fallen. Als er nicht mehr in den Wald gehen konnte, half er im Packraum der Reimlinger Druckerei mit. Dann zog er sich eine schwere Erkältung zu. Wenige Tage später schlief er leise ein – und wachte nicht mehr auf.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
132 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783961450572
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