Kitabı oku: «Martin Luther und Ignatius von Loyola»

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Christiane Brendel / Adelheid Wenzelmann

Martin Luther und Ignatius von Loyola

Entdeckung einer spirituellen Verwandtschaft

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ und Martin Müller SJ

Band 74

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Christiane Brendel

Adelheid Wenzelmann

Martin Luther und Ignatius von Loyola

Entdeckung einer spirituellen Verwandtschaft

echter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

© 2017 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de Umschlag: Peter Hellmund ISBN 978-3-429-04330-8 (Print) 978-3-429-04897-6 (PDF) 978-3-429-06317-7 (ePub)

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Annäherungen

Sr. Adelheid Wenzelmann

Christiane Brendel

Vorwort

Zwei Biografien

Beten und Meditieren

Zwei Männer des Gebets

Beten lernen

Geistliche Begleitung

Meditation der Heiligen Schrift

Das Vaterunser

Die Psalmen

Fundament und Ziel

Schöpfer und Geschöpf

Frei werden

Danken und loben

Umkehr und Versöhnung

Gewissen

Sünde und Selbsterkenntnis

Gespräch mit dem Gekreuzigten

Beichte

Jesus Christus und Nachfolge

Gott wird Mensch

Nachfolgen

Eins-Sein mit Gott und Christus

Wille Gottes und Gehorsam

Trost und Heiliger Geist

Trostlosigkeit und Anfechtung

Selbstlosigkeit und Demut

Kreuz und Auferstehung

Kreuz Christi und Leiden der Christen

Sterben und Tod

Auferstehung und ewiges Leben

Leben in der Kirche

Kirche

Gemeinschaft der Heiligen

Eucharistie – Abendmahl

Maria

Glauben im Alltag

Arbeit und Segen

Muße und Gelassenheit

Glaube und gute Werke

Krankheit und Gesundheit

Nächstenliebe und Barmherzigkeit

Schöpfung und Lebensfreude

Singen und Musik

Nachwort

Dank

Textnachweise

Literatur in Auswahl

Anmerkungen

Annäherungen

Auf den Spuren des Ignatius in Rom

Januar 2010. Freisemester in Rom. Ich besuche die Jesuitenkirche Il Gesu. Es ist halb sechs Uhr abends. Über einen Lautsprecher ertönt Chormusik. Scheinwerfer beleuchten den großen Altar über dem Grab des Ignatius. Die schöne barocke Kirche erstrahlt in hellem Licht. Texte von Ignatius werden in italienischer Sprache gelesen. Zum Schluss zieht man eine Leinwand mit dem Bild des Ignatius nach unten und seine Gestalt wird als silberne Statue sichtbar. Übersät mit einer Fülle von Edelsteinen, hoch aufgerichtet, den Blick zum Himmel.

Ich trete näher heran und schaue mir die marmornen Gestalten im unteren Teil des Altares an. Zwei allegorische Frauengestalten mit einer Fackel und einem Kreuz in der Hand stürzen elende Gestalten mit verzerrtem Gesicht zu Boden. Kleine Engel helfen dabei. Neben den zu Boden geworfenen Gestalten liegen Bücher. Ein Engel reißt eifrig Seiten aus einem Buch, auf dessen Rücken ich bei der hellen Ausleuchtung den Namen Martin Luther entziffern kann. Auf dem Buchrücken zweier anderer Bücher kann ich Johannes Calvin und Huldreich Zwingli erkennen. Die Bücher der Reformatoren sollen vernichtet werden: Ignatius, der triumphale Kämpfer für den rechten Glauben. Auf der Postkarte zu dem Altar steht: »Der Glaube schlägt die Ketzerei nieder«.

Ich spüre an diesem Grabmal die Wucht des Kampfes zwischen Reformation und Gegenreformation. Was hat man auf beiden Seiten einander angetan, hat sich bekämpft, verteufelt und im Namen Gottes sogar getötet. Heute würde niemand mehr solche Werke in Auftrag geben. Welche Entwicklungen haben wir inzwischen durchgemacht! Mich erfüllt eine große Dankbarkeit für die andere ökumenische Situation, in der wir heute leben.

Als ich meinem geistlichen Begleiter, einem Jesuiten, betroffen von der Entdeckung des Grabmals erzähle, schreibt er mir: »Die Zerstörung der Lutherbücher am Ignatius-Altar … ist für mich immer ein Grund für Nachdenklichkeit, Scham und das Knüpfen aufrechter Beziehungen, die helfen, die Spaltung zu überwinden. Wegmeißeln wird man das am Marmor wohl nicht, aber es gibt ja Gott sei Dank andere Weisen der Revision, z.B. die Art, wie der Orden … sich heute um Ökumene bemüht.«

Eine eindrückliche Weise der Revision erleben wir als Communität in der Zusammenarbeit mit Jesuiten im Kloster Wülfinghausen, südlich von Hannover. Ausgebildet in katholischen Kursen für Exerzitienbegleitung und geistliche Begleitung,1 war die Wiederbelebung dieses alten Augustinerinnenklosters der Klosterkammer Hannover von Anfang an von ökumenischer Weite geprägt.

Inzwischen werden in unserer evangelischen Kirche Exerzitien im Alltag in vielen Gemeinden angeboten – oft ökumenisch verantwortet. Einzelexerzitien gehören zum Kursprogramm etlicher Einkehrhäuser unserer Kirche, besonders im Umfeld der evangelischen Communitäten. In einigen Landeskirchen werden seit einigen Jahren Ausbildungskurse für geistliche Begleitung angeboten.

Noch in meiner Jugend wurden Jesuiten und »Gegenreformation« in einem Atemzug genannt; die Jesuiten – der antiprotestantische Orden im Dienst des Papstes.

Durch die Wiederentdeckung der geistlichen Begleitung aus der ignatianischen Spiritualität hat ein fruchtbarer ökumenischer Austausch begonnen. Es ist ein Netz geistlicher Freundschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen entstanden. Neue Räume geschwisterlicher Zusammenarbeit haben sich eröffnet, die für die Kirchen fruchtbar werden.

Sr. Adelheid Wenzelmann

Eine lutherische Pfarrerin begegnet den ignatianischen Exerzitien in einer evangelischen Communität

Im Sommer 2007 begann ich die berufsbegleitende Fortbildung »Geistliche Begleitung« im Kloster Wülfinghausen. Sie lockte mich, weil ich meine seelsorgerliche Arbeit in der Gemeinde ausbauen und vertiefen wollte.

Von Anfang an war in diesem Kurs und an diesem Ort nahezu alles ökumenisch: katholische und evangelische Referentinnen und Supervisoren, die Stundengebete der Communität, die sich liturgisch aus beiden Traditionen speisen, sowie eine theologisch gebildete und menschliche Weite, die mich von Anfang an faszinierte.

In Vorträgen, Diskussionen und Übungen haben wir im Laufe von zwei Jahren Traditionen geistlicher Begleitung bei unseren Müttern und Vätern im Glauben aufgespürt und von ihnen wertvolle Anregungen für unsere eigene pastorale und seelsorgerliche Arbeit bekommen.

Das Herzstück der Fortbildung: die neuntägigen Exerzitien in der Mitte der Kurszeit. Kompetent angeleitet und liebevoll begleitet von den Schwestern und Kursleitern, machten wir uns auf die Reise in die Stille. Hörendes Verweilen vor Gott, betendes Betrachten biblischer Texte und gemeinsame abendliche Feiern des Abendmahls. Dabei habe ich noch einmal neu das Staunen gelernt.

Im Mitleben des klösterlichen Rhythmus’ von »ora et labora«, bei der Arbeit im Klostergarten genauso wie im Mitfeiern der Stundengebete, spürte ich den Segen der Unterbrechung.

Und ich bin reicher geworden um die kostbare Erfahrung, selbst begleitet zu werden im Zurückschauen auf gegangene Lebens- und Glaubenswege ebenso wie auf den gegenwärtigen Spuren meiner Sehnsucht.

Viel habe ich in dieser Zeit und im Fortgang des Kurses über ignatianische Spiritualität und ihre heutige Vermittlung erfahren. Zugleich ist mir klar geworden, wie sehr Martin Luther – nicht zuletzt durch seine monastische Prägung – selbst ein leidenschaftlicher Beter und Gebetslehrer war. Was er uns an spirituellen Schätzen hinterlassen hat, lohnt sich jenseits konfessioneller Dogmatik wieder neu zu entdecken.

Manchmal frage ich mich, was geschehen wäre, wenn Luther und Ignatius einander zu Lebzeiten begegnet wären. Welcher Dialog wäre wohl zwischen ihnen entstanden? Bei ihrem Temperament hätten die beiden über manche Themen gewiss streiten können. Aber vermutlich hätten sie auch festgestellt, dass es im Blick auf ihr geistliches Leben und auch auf ihr seelsorgliches Anliegen viele Berührungspunkte gab.

Über diese Berührungspunkte können die beiden in diesem Buch miteinander in ein »fiktives Gespräch« kommen.

Christiane Brendel

Vorwort

Die Motivation für dieses Buch ist die ökumenische Erfahrung der letzten Jahrzehnte. Anlass für dieses Buch zu Ignatius von Loyola und Martin Luther ist das Reformationsjubiläum 2017, das dazu einlädt, sich mit Luther und seiner Botschaft neu zu befassen.

Von der Erfahrung der Exerzitien und den Gebetsanregungen des Ignatius her gewinnen wir einen neuen Blick auf vergessene Schätze der Praxis Pietatis bei Luther. Zeit seines Lebens hat er – in der Tradition der Augustinereremiten ausgebildet – das Beten geübt. Im betenden Umgang mit der Heiligen Schrift ist ihm die Erfahrung der Rechtfertigung »allein aus Gnade« geschenkt worden.

In diesem Buch unternehmen wir den Versuch, vor allem Themen aus dem Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola in Beziehung zu setzen zu Aussagen und Erfahrungen Martin Luthers. Es ging uns darum, »Fundstücke« zusammenzutragen, die das eigene geistliche Leben inspirieren können. Dabei orientierten wir uns an dem, was beide Gebetslehrer verbindet und wo sich ihre Auffassungen berühren.

Es ist uns bewusst, dass Ignatius und Luther hinsichtlich der Bedeutung von Bibel, Tradition, Autorität, Amt, Kirche und Sakramente zu unterschiedlichen Bewertungen gelangt sind. Ignatius war ein Praktiker, der die Lehre der katholischen Kirche nie grundsätzlich infrage stellte. Luther war gezwungen, seine neue Lehre im Disput zu verteidigen. Dies führte, auch im Verlauf der weiteren Kirchengeschichte, zu konfessionellen Zuspitzungen und Verhärtungen. Sie wurden und werden wissenschaftlich erforscht, beschrieben und diskutiert, sind aber nicht Gegenstand dieses Buches.

Luther hielt als Professor Vorlesungen, verfasste Bücher und Schriften, schrieb Briefe und predigte regelmäßig in der Stadtkirche in Wittenberg. Die Weimarer Ausgabe seiner Schriften umfasst mehr als 120 Bände.

Ignatius schrieb das Exerzitienbuch, diktierte in den letzten Jahren auf Bitten seiner Brüder seine Autobiographie, den sogenannten »Pilgerbericht«, erarbeitete die Satzungen des Ordens und schrieb Tausende von Briefen.

Dieses Buch will anregen, die Worte und Gedanken der beiden Gebetslehrer in den Alltag mitzunehmen. Beide wollten den Menschen helfen, ins Gespräch mit Gott zu finden und ein selbstständiges geistliches Leben zu führen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit den gesammelten Zitaten umzugehen:

Ich kann mir für einen Tag oder für mehrere Tage einen Ignatius- oder einen Luthertext auswählen, der mich besonders anspricht. Was löst das Zitat in mir aus? Wie kommt das angesprochene Thema in meinem Leben vor? Wie habe ich es erlebt, und wie würde ich es ausdrücken? Meine Erfahrungen und Eindrücke lassen sich auch in einem »geistlichen Tagebuch« festhalten. Ich kann mich darüber mit einem Freund oder einer Freundin austauschen und sie in meine geistliche Begleitung einbringen. Oder in einen Gesprächskreis, am besten in ökumenischer Zusammensetzung. Im gemeinsamen Gespräch werden die konzentrierten Zitate noch einmal flüssig und können sich mit Erfahrungen verbinden oder neue Erfahrungen auslösen.

Bei der Reihenfolge der Themen haben wir uns in etwa an den Aufbau des Exerzitienbuches angelehnt. Einige Hinweise zum Beten, die auch über das Exerzitienbuch verteilt sind, wurden an den Anfang genommen. Die Texte bauen inhaltlich nicht unmittelbar aufeinander auf, sodass es möglich ist, nach Lust und Neigung an einer Stelle aufzuschlagen: lesen, betrachten, meditieren, über manches staunen und sich an anderem reiben.

Wir würden uns freuen, wenn dieses Buch neben einem »Lesebuch« auch ein »Lebebuch« werden könnte.

Sr. Adelheid Wenzelmann und Christiane Brendel

Zwei Biografien

Martin Luther und Ignatius von Loyola lebten in einer Zeit, in der die gesellschaftliche und religiöse Einheit des christlichen Mittelalters zerbrach. Es begann ein intensives Fragen nach dem Glauben des Einzelnen. Luther beginnt seine Auslegung des ersten Glaubensartikels: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat … Ignatius ist bei den Exerzitien vor allem wichtig, dass er selber, der Schöpfer und Herr sich seiner ihm hingegebenen Seele mitteile.1 Eine Tendenz zum Individuellen hatte sich schon in der Bewegung der »Devotio moderna« gezeigt, von der beide Persönlichkeiten beeinflusst waren.2

Luther und Ignatius sind sich weder begegnet noch kannten sie die Schriften voneinander. Ignatius hat von Luther und von der von ihm ausgehenden Reformation gehört. Jesuiten der ersten Generation und Lutheraner trafen sich bei Religionsgesprächen.

Später wurden Martin Luther und Ignatius von Loyola zu Exponenten der jeweiligen Konfession stilisiert: Symbole von Reformation und Gegenreformation.

Viele geistliche Anliegen waren ihnen jedoch gemeinsam: Beide Persönlichkeiten waren leidenschaftliche Beter mit mystischen Erfahrungen. Sie erlebten nach einem langwierigen schmerzlichen Suchprozess eine starke Erfahrung der Gnade. Beide wurden verfolgt. Wichtig war ihnen die Reform der Kirche sowie die Erneuerung und gute Ausbildung der Pfarrer. Große Seelsorger waren sie, was besonders in ihren Briefen zum Ausdruck kommt. Im Mittelpunkt stand bei beiden ein persönlicher Glaube, erwachsen aus der Liebe zu Christus und zur Heiligen Schrift.

Martin Luther

Martin Luther wurde am 10. November 1483 als Sohn eines Bergbauunternehmers geboren. Nach dem Besuch der Schule in Magdeburg und der Lateinschule in Eisenach begann er 1501 das Grundstudium der sogenannten »Freien Künste« in Erfurt, um sich dann dem Jurastudium zu widmen.

Am 2. Juli 1505 geriet der 21jährige bei Stotternheim in der Nähe von Erfurt in ein heftiges Gewitter. In Todesangst gelobte er, Mönch zu werden, wenn er am Leben bliebe. Gegen den Willen seines Vaters trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein. Dieser Schritt hatte ihn wohl länger beschäftigt. Er war wie viele Menschen seiner Zeit umgetrieben von der Frage: Wie kann der sündige Mensch vor den strengen Forderungen Gottes bestehen? Die angefochtenen Christen suchten viele gute Werke anzuhäufen oder Ablässe zu erwerben, um von Sündenstrafen frei zu werden.

1531 formulierte Luther das rückblickend so: Ich wurde von Kindheit auf so gewöhnt, daß ich erblassen und erschrecken musste, wenn ich den Namen Christi auch nur nennen hörte: denn ich war nicht anders unterrichtet, als daß ich ihn für einen strengen und zornigen Richter hielt.3

Luther führte ein strenges Mönchsleben im Geist spätmittelalterlicher Frömmigkeit. Diese war geprägt durch die Erfahrung des allgegenwärtigen Todes, die Erwartung des nahen Weltenendes und die Furcht vor dem kommenden Richter Christus. Das Klosterleben galt damals als der bessere Weg zur Erlangung des Heils. Doch was Luther suchte, fand er nicht. Er geriet in einen Teufelskreis von Selbstüberforderung und immer größerer Ungewissheit und begann – wie er selbst sagte – Gott zu hassen: Ich war sehr fromm im Mönchtum, und war doch traurig, weil ich dachte, Gott wäre mir nicht gnädig.4

Als Bruder Martin wurde er 1506 zu den Gelübden zugelassen, 1507 zum Priester geweiht. 1512 erwarb er seinen Doktortitel in Wittenberg, wo er bis zu seinem Tod als Theologieprofessor wirkte.

Durch den Einfluss der deutschen Mystik und nicht zuletzt durch seinen Ordensoberen, den begnadeten Seelsorger Johannes von Staupitz, bahnte sich die reformatorische Erkenntnis an: Martin Luther begriff, dass das Heil des Menschen sich nicht auf dessen Werke oder auf fromme Leistung gründet, sondern Gottes Gerechtigkeit vielmehr eine schenkende, befreiende ist. Von dieser Entdeckung sagte er Jahre später:

Da erbarmte sich Gott meiner. Da fühlte ich mich ganz und gar neu geboren, und durch offene Türen trat ich in das Paradies selbst ein.5 Luther erkannte, dass der Mensch in Jesus Christus alles von Gott empfängt. Das verwandelte sein Leben.

Die Erfahrung der Gnade brachte eine neue Dynamik in Luthers Theologie, in die Auseinandersetzungen mit der Kirche und in sein persönliches Leben.

Er veröffentlichte am 31. Oktober 1517 in Wittenberg 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses. In den nächsten Jahren folgten zahlreiche Schriften in deutscher Sprache zu Fragen des kirchlichen Lebens. Und er forderte eine Reform der Kirche. Am 3. Januar 1521 wurde Luther exkommuniziert. Beim Reichstag zu Worms im April 1521 verweigerte er den Widerruf seiner Lehre mit den Worten: Wenn ich nicht durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, … so bin ich überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Wort Gottes. Gott helfe mir, Amen!6 Darauf verhängte der Kaiser die Reichsacht über ihn und erklärte ihn für vogelfrei. Auf ihn wartete jetzt wie auf alle Ketzer der Scheiterhaufen.

Luthers Landesherr Friedrich der Weise schützte jedoch seinen Theologieprofessor, indem er ihn einige Monate auf der Wartburg bei Eisenach als Junker Jörg versteckte. Dort übersetzte Luther das Neue Testament ins Deutsche.

1521 kehrte er nach Wittenberg zurück. Am 13. Juni 1525 heiratete Martin Luther die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Dem Ehepaar wurden sechs Kinder geboren. Die Familie lebte mit den Verwandten, den Angestellten und den Studenten im ehemaligen Kloster in Wittenberg.

Martin Luther wollte keine neue Kirche gründen, auch keine »lutherische«, sondern dabei helfen, die Christenheit zu ihrem Ursprung zurückzuführen. Wiederholt fleht er seine Anhänger an, man solle über meinen Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein … Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi mit meinem heillosen Namen nennen sollte? … Ich bin und will keines Meister sein. Ich habe mit der Gemeinde die einzige Lehre Christi gemeinsam, der allein unser Meister ist.7

Trotz vieler gesundheitlicher Beeinträchtigungen arbeitete Luther unermüdlich an der theologischen und kirchlichen Gestaltung der Reform aus Gottes Wort heraus.

1546 reiste Martin Luther in seine Geburtsstadt Eisleben, um Erbstreitigkeiten der Mansfelder Grafen zu schlichten. Zwei Tage vor seinem Tod kündigte er – nun frei von der Angst vor dem Tod und der Hölle – mit seinem derben Humor an, er wolle sich in den Sarg legen und den Maden einen feisten Doktor zu essen geben.8

Er starb dort am 18. Februar mit 62 Jahren und wurde drei Tage später in der Schlosskirche in Wittenberg beerdigt. Auf seinem Schreibtisch fand man einen Zettel mit den Worten: Wir sind Bettler, das ist wahr.9

Ignatius von Loyola

Ignatius von Loyola wurde 1491 als 13. Kind auf Schloss Loyola im spanischen Baskenland geboren. Die Familie von Loyola war ein altes Rittergeschlecht, stolz und kriegerisch. Meist standen die Loyolas im Dienste der Könige von Kastilien.

Die Mutter des Ignatius starb kurz nach der Geburt ihres jüngsten Kindes. Ignatius wurde einer Amme übergeben. Im Alter von 13–17 Jahren war er Page an dem Hof eines gebildeten Diplomaten, wo er das Schreiben lernte, auch Einblicke in Verwaltung und Rechtswesen bekam. Ignatius war ein lebenslustiger, ein aggressivkämpferischer und waffengeübter Mann. Auf Kleidung legte er großen Wert. Erotische Abenteuer gehörten zum Alltag der Höflinge. Ignatius selbst beginnt seine Autobiografie, den Pilgerbericht, so: Bis zum Alter von 26 Jahren war er ein den Eitelkeiten der Welt ergebener Mensch und vergnügte sich hauptsächlich an Waffenübungen, mit einem großen und eitlen Verlangen, Ehre zu gewinnen.10

Im Mai 1521, mit 30 Jahren, nahm Ignatius an einem Kriegszug gegen ein großes französisches Heer teil im Kampf um die Stadt Pamplona. Durch eine Kanonenkugel wurde sein Bein schwer verletzt. Seine ritterliche Karriere war dahin.

Ignatius wurde im Haus seines Bruders in Loyola gepflegt. Monatelang blieb er an das Bett gebunden. Die Erfahrungen dieser Zeit brachten eine Wende in seinem Leben. Da sich im Hause keine Ritterromane befanden, brachte man ihm die Legenda aurea, eine Sammlung von Heiligenlegenden des Jacobus de Voragine, und die vier Bücher der Vita Christi des Kartäusers Ludolph von Sachsen.

Träume über eine weltliche Karriere ließen ihn leer zurück mit einem faden Geschmack. Wenn er dagegen das Leben der Heiligen las, erfüllte ihn ein tiefer Trost und Frieden. Dieser Unterschied bestimmte sein Denken, und es entstanden die ersten Aufzeichnungen zu den späteren »Geistlichen Übungen«.

Er begann nun ein Leben als Pilger und legte im Benediktinerkloster Montserrat eine Lebensbeichte ab. Dort hinterließ er sein Ritterschwert und damit seine militärische Vergangenheit und verschenkte seine vornehme Kleidung. In einem Sackgewand führte er nun das Leben eines Büßers.

Zehn Monate blieb er 1523 in dem nahegelegenen Manresa, betete täglich sieben Stunden, fastete und ließ sich verwahrlosen als Kampf gegen seine Eitelkeit. Dort durchlebte er eine Zeit schwerer Anfechtungen, Einsamkeit, Taubheit der Seele, mit verzweifelter depressiver Grundstimmung und mit Selbstmordgedanken. Dann die große Veränderung, die er im Pilgerbericht beschreibt: Er hielt es für gewiß, daß Gott unser Herr ihn um seiner Barmherzigkeit willen hatte befreien wollen.11

Diese Erfahrung löste bei Ignatius eine Suchbewegung aus, wie er Gott am besten dienen könne. Er unternahm 1523 eine Pilgerreise ins Heilige Land, durfte aber nicht dort bleiben. So entschloss er sich zu studieren, um den Seelen helfen zu können. Er begann mit 33 Jahren ein Theologiestudium, um Priester in Spanien zu werden. Weil er nebenher andere geistlich unterwies, wurde er insgesamt acht Mal von der Inquisition verhaftet und ins Gefängnis gebracht, jedoch immer wieder freigesprochen. Zeitweise wurde er verdächtigt, zu den Lutheranern zu gehören.

Seine Studien setzte er in Paris fort, sammelte dort Freunde um sich, denen er Exerzitien gab. Sie wurden Freunde im Herrn, wie das einer seiner Gefährten später nannte, und fühlten sich zum gemeinsamen Dienst an den Menschen gerufen. Am 15. August 1534 (Ignatius war 43 Jahre alt) feierten er und sechs Gefährten eine Messe in einer kleinen Kapelle auf dem MontmartreHügel. Sie gelobten Armut, Keuschheit und Gehorsam und wollten miteinander nach Jerusalem fahren. Falls das nicht möglich sein sollte, wollten sie sich in Rom dem Papst zur Verfügung stellen, in der Überzeugung, dass dieser am besten wisse, wo er sie brauchen könne.

Nachdem die Reise ins Heilige Land nicht möglich war, gingen 1538 alle Gefährten nach Rom. Noch vor der Stadt hatte Ignatius eine Vision, die ihm seine Pläne bestätigte: Er weiß sich dem kreuztragenden Jesus zugesellt. Juan de Polanco, der langjährige Sekretär des Ignatius, berichtet, dass der Name »Gesellschaft Jesu« von den ersten Gefährten schon angenommen wurde, bevor sie nach Rom kamen, weil sie untereinander kein Haupt hatten und keinen anderen Oberen als Jesus Christus, dem allein sie zu dienen wünschten.12

Am 27. September 1540 bestätigte der Papst einen Vorentwurf der Satzungen, den die ersten Gefährten erarbeitet hatten – das Gründungsdatum des Jesuitenordens.

Von Rom aus leitete Ignatius 16 Jahre seinen Orden. Er wuchs zu seinen Lebzeiten auf 1000 Jesuiten an, die in 12 Ordensprovinzen auf vier Kontinenten wirkten.

In den ersten Monaten des Jahres 1556 ging es Ignatius gesundheitlich zunehmend schlechter. Am Morgen des 31. Juli 1556 starb er allein im Alter von 65 Jahren. Der Krankenpfleger im Nebenzimmer hörte immer wieder: Ay Dios! Ay Dios! Ach Gott. Ach Gott! Sein Sekretär Polanco schreibt, Ignatius habe den Tod nicht gefürchtet, ihn vielmehr herbeigesehnt, »um in der himmlischen Heimat seinen Schöpfer und Herrn zu schauen und zu preisen«13.

Beten und Meditieren

Zwei Männer des Gebets

Martin Luther wie auch Ignatius von Loyola verstehen Beten als eine Lebenshaltung: eine liebende Aufmerksamkeit für Gott im Alltag.

Im Laufe seines Lebens wuchs Ignatius zu einer immer größeren Vertrautheit mit Gott. Am Ende seiner Autobiografie, dem »Pilgerbericht«, sagt er von sich: So wachse er immer in der Andacht, das heißt, in der Leichtigkeit, Gott zu finden, und jetzt mehr als in seinem ganzen Leben. Und jedesmal und zu jeder Stunde, daß er Gott finden wolle, finde er ihn.1

Es ging dem reifen Ignatius um eine ständige innere Verbindung zu Gott: Gott in allem suchen und finden. Auch während seiner Arbeit versuchte er eine kontemplative Grundhaltung zu leben, denn: Gott bedient sich des Menschen nicht nur, wenn er betet. Denn wenn es so wäre, dann wären die Gebete zu kurz, wenn sie weniger als vierundzwanzig Stunden am Tag dauerten.2

Gleich nach dem Erwachen begann Ignatius mit dem Gebet, zuweilen noch vor dem Aufstehen. Die Feier der Messe war für ihn besonders in den letzten Jahren der Mittelpunkt seines Gebetes. Sein Tag war bestimmt von Besprechungen mit seinen Mitarbeitern, er empfing Besuche und schrieb Briefe, die zwölf dicke Bände umfassen. Mehrmals am Tag hielt er eine betende Reflexion.

Ein Junge hat Ignatius beim nächtlichen Gebet belauscht, wie er oft Stunden kniend betete. Manchmal hörte er ihn das Gebet flüstern: O mein Gott, wie bist du so unendlich gut, denn du erträgst einen Menschen, der so schlecht und verderbt ist wie ich.3

Martin Luther war in seinem Gebetsleben bleibend vom Kloster geprägt. Je mehr er zu tun hatte, desto mehr Zeit nahm er sich zum Beten. Die Fülle von Gebeten und geistlichen Besinnungen, die uns erhalten sind, zeigen, wie stark er neben dem Übermaß an Arbeit aus dem Gebet gelebt hat:

Wo ein Christ ist, da ist eigentlich der heilige Geist, der da nichts anderes tut, als daß er immerdar betet. Denn ob er gleich nicht immerdar den Mund regt oder Worte macht, dennoch geht und schlägt das Herz … ohn’ Unterlass mit solchem Seufzen: Ach, lieber Vater, daß doch dein Name geheiligt werde, dein Reich komme, dein Wille geschehe bei uns und jedermann etc … Und je härter die Stöße oder Anfechtung und Not drücken und treiben, geht solch’ Seufzen und Bitten desto stärker auch mündlich, daß man keinen Christen finden kann ohne Beten, so wenig wie einen lebendigen Menschen ohne den Puls, der nimmer still steht, regt und schlägt immerdar vor sich, obgleich der Mensch schläft oder etwas anderes tut, so daß er sein nicht gewahr wird.4 Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten.5

Ein Freund hat Martin Luther beim Beten erlebt und schrieb in einem Brief:

»Ich kann mich nicht genugsam wundern über seine treffliche Beständigkeit, Freude, Glaube und Hoffnung in diesen jämmerlichen Zeiten. Aber er nährt sie auch beständig, indem er Gottes Wort mit Fleiß treibet. Es geht kein Tag vorüber, an welchem er nicht aufs wenigste drei Stunden, so zum Studium am allerbequemsten sind, zum Gebet nimmt. Es hat mir einmal geglückt, daß ich ihn beten hörte. Hilf Gott, welch ein Geist, welch ein Glaube ist in seinen Worten. Er betet so andächtig wie einer, der mit Gott mit solcher Hoffnung und Glauben wie mit einem Vater redet …«6

Beten lernen

Ignatius von Loyola hat in seinem Exerzitienbuch seine eigenen Erfahrungen mit dem Beten aufgeschrieben und eine Fülle von Anregungen zum Üben des Betens zusammengetragen. Durch Jahrhunderte hindurch hat er so vielen Menschen bei ihrer Suche nach einem erfüllten geistlichen Leben geholfen. Exerzitien – ein begleiteter Freiraum in Stille – sind für ihn eine Hilfe, das eigene Leben zu ordnen und es in der Begegnung mit Jesus Christus gestalten zu lassen. Er schreibt in einem Brief, die Exerzitien seien doch das Allerbeste … was ich in diesem Leben denken, verspüren und verstehen kann, sowohl dafür, dass sich der Mensch selber nützen kann, wie dafür, Frucht bringen und vielen anderen helfen und nützen zu können.1

Beten üben

Am Anfang des Exerzitienbuches notiert er 20 »Anmerkungen« als Hilfen für den geistlichen Weg. Die erste lautet:

Unter dem Namen geistliche Übungen versteht man jede Art, das Gewissen zu erforschen, sich zu besinnen, betrachten, mündlich und rein geistig zu beten und andere geistliche Tätigkeiten, wie später noch erklärt wird. Denn so wie Spazierengehen, Marschieren und Laufen körperliche Übungen sind, gleicherweise nennt man geistliche Übungen jede Art, die Seele vorzubereiten und dazu bereit zu machen, alle ungeordneten Neigungen von sich zu entfernen, und nachdem sie abgelegt sind, den göttlichen Willen zu suchen und zu f inden in der Ordnung des eigenen Lebens zum Heil der Seele.2

Auch für Luther ist das Üben des Betens eine selbstverständliche Praxis. Sein Anliegen war es, die Gebetsübungen aus dem Kloster in elementarer und alltagstauglicher Form in die Familie zu übertragen.

Seine Zeit auf der Wartburg, in der er monatelang die Bibel übersetzte, war eine eigene Weise der geistlichen Übung. Seine theologischen Erkenntnisse sind aus dem Gebet geboren. So sagt er:

Ich habe meine Theologie nicht auf einmal gelernt, sondern habe immer tiefer und tiefer grübeln müssen. Dazu haben mich meine Anfechtungen gebracht, denn ohne Übung und Erfahrung lernt man es nicht … Lernt man doch auch andere Künste nicht ohne Übung! Was ist ein Medicus, der stets nur in der Schule liest? Je mehr er mit der Natur handelt und mit den Kranken umgeht und praktiziert, desto mehr sieht er, dass er die Kunst nicht ganz hat…3

Martin Luther schreibt in seiner Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«:

Darum soll … aller Christen einziges Werk und einzige Übung sein, daß sie das Wort und Christus wohl in sich bilden, um solchen Glauben stetig zu üben und zu stärken. Denn kein anderes Werk kann einen Christen machen.4

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, aber es ist im Schwang. Es ist noch nicht das Ende, aber es ist ein Weg.5

Auf das Üben des Gebetes kann nicht verzichtet werden:

Doch muss man auch darauf sehen, daß wir uns nicht vom rechten Gebet entwöhnen … und dadurch zuletzt nachlässig und faul, kalt und des Gebetes überdrüssig werden.6

Seinen Katechismus verstand der Reformator nicht nur als Lehrbuch, sondern als Gebets- und Meditationsbuch. Er sollte als Grundlage für die tägliche geistliche Übung jedes Christen im Alltag dienen. Es ging ihm um einen »lebenslangen betend-meditierenden Umgang mit den Grundtexten des Glaubens«7.

Beten gibt dem Tag einen Rhythmus

Ignatius empfiehlt im Exerzitienbuch, die Nacht mit einem Raum der Sammlung zu umgeben und das Gebet vorzubereiten:

Nach dem Zubettgehen, wenn ich bereits einschlafen will, für die Dauer eines Ave Maria an die Stunde denken, in der ich aufstehen muss und wozu; dabei die Übung, die ich zu halten habe, kurz zusammenfassen.8

Wann ich aufwache: ohne den einen oder anderen Gedanken Raum zu geben, gleich auf das achten, was ich in der ersten Übung … zu betrachten mich anschicke.9

Und mich bei diesen Gedanken ankleiden oder bei anderen, je nach dem zugrunde liegenden Stoff.10

Luthers Bemerkungen zum Gebet finden wir verstreut in verschiedenen Schriften. Es gibt von ihm jedoch eine kleine Schrift: »Wie man beten soll. Für Meister Peter den Barbier«. In ihr will er einen Laien zum Beten ermutigen. Zugleich gibt sie einen Einblick in Luthers eigenes Beten, ohne dass er seine Erfahrung zur Norm macht. Diese Schrift beginnt so:

Lieber Meister Peter, ich geb’s Euch so gut, wie ich’s habe und wie ich selber zu beten pflege. Unser Herr Gott gebe euch und jedermann, es besser zu machen.11

Er empfiehlt, das persönliche Beten mit dem Tagesablauf zu verknüpfen und den Tag mit Gebet zu beginnen und abzuschließen:

Darum ist’s gut, daß man frühmorgens das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein lasse, und sich mit Fleiß vor diesen falschen, betrügerischen Gedanken hüte, die da sagen: Warte ein wenig, in einer Stunde will ich beten, ich muß dies oder das zuvor fertig machen. Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen einen dann, daß aus dem Gebet den Tag über nichts wird.12

Wenn du am Abend schlafen gehst, so nimm noch etwas aus der Heiligen Schrift mit dir zu Bett, um es im Herzen zu erwägen und es – gleich wie ein Tier – wiederzukäuen und damit sanft einzuschlafen. Es soll aber nicht viel sein, eher ganz wenig, aber gut durchdacht und verstanden. Und wenn du am Morgen aufstehst, sollst du es als den Ertrag des gestrigen Tages vorfinden.13

Des Morgens, wenn du aus dem Bette fährst, sollst du dich segnen mit dem heiligen Kreuz und sagen: Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.

Darauf kniend oder stehend den Glauben (das Glaubensbekenntnis) und das Vaterunser. Willst du, so magst du dies Gebetlein dazu sprechen:

Ich danke Dir, mein lieber himmlischer Vater,

durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn,

daß Du mich diese Nacht

vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,

und bitte Dich, Du wollest mich diesen Tag auch behüten

vor Sünden und vor allem Übel,

daß Dir all mein Tun und Leben gefalle.

Denn ich befehle mich,

meinen Leib und Seele und alles in Deine Hände,

Dein heiliger Engel sei mit mir,

daß der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.

Und allsdann mit Freuden an dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder was dir deine Andacht eingibt.14

Das Abendgebet ist im Wortlaut sehr ähnlich angelegt und endet nach dem Amen mit:

Und alsdann flugs und fröhlich geschlafen! 15

Gewöhne dich also: täglich des abends mit dem Vaterunser ins Bett gefallen und eingeschlafen und morgens damit wieder aus dem Bett aufgestanden.16

Luther empfiehlt, dass jeder Übende für sich eine Form entwickelt, darauf er bleibe und dieselbe immer treibe, ein Jahr wie das andere.17 Darum wähle dir, welche Form du willst, und bleibe dabei …18

Stille, Einsamkeit und Schweigen

Ignatius empfiehlt zum Gebet die Abgeschiedenheit und eine Atmosphäre der Stille und der Sammlung. Besonders für Exerzitien ist es notwendig, einen Abstand von Verwandten und Bekannten und den Alltagssorgen zu gewinnen. Es geht dabei um die Entscheidung, frei zu werden von der Fremdbestimmung, um sich einzulassen auf die eigene Existenz vor Gott. So können authentische Entscheidungen reifen.

Wer die Exerzitien macht, wird dabei umso mehr vorankommen, je mehr er sich von allen Freunden und Bekannten und von aller irdischen Sorge absondert.

Wenn er so in der Abgeschiedenheit verweilt und seine Verstandeseinsicht nicht aufgespalten auf viele Dinge richtet, sondern mehr seine ganze Aufmerksamkeit auf eine einzige Sache verlegt, nämlich seinem Schöpfer zu dienen und in seiner eigenen Seele voranzukommen, so gebraucht er seine natürlichen Fähigkeiten mit mehr Freiheit, um das mit Eifer zu suchen, was er so sehr ersehnt.

Je mehr sich unsere Seele allein und abgesondert findet, umso geeigneter wird sie, sich ihrem Schöpfer und Herrn zu nähern und zu ihm zu kommen; und je mehr sie ihm so nahe kommt, desto mehr stellt sie sich darauf ein, Gnaden und Gaben von seiner göttlichen und höchsten Güte zu empfangen.19

Dass es Ignatius beim Schweigen nicht um das Schweigen als solches geht, sondern um eine Sammlung der Kräfte auf das Wesentliche, zeigt eine Anweisung in den Konstitutionen für die Ausbildung der Novizen:

Alle sollen in besonderer Weise darauf bedacht sein, mit großer Sorgfalt die Tore ihrer Sinne – insbesondere die Augen und Ohren und die Zunge – vor jeder Unordnung zu bewahren und sich in Frieden und der wahren Demut ihrer Seele zu enthalten und dies zu zeigen durch das Stillschweigen, wann es zu halten angebracht ist, und wann zu sprechen ist, durch die Überlegtheit und Erbauung ihrer Worte.20

Auch für Luther ist Stille und Einsamkeit eine Hilfe zum Gebet. Neben der Kirche ist für ihn ein bevorzugter Ort das »stille Kämmerlein«, also ein ausgewählter ruhiger Raum:

Wenn ich fühle, daß ich … unlustig zu beten geworden bin … so laufe ich in die Kammer … und fange an, die zehn Gebote, das Glaubensbekenntnis und, je nachdem ich Zeit habe, etliche Sprüche des Paulus oder der Psalmen mündlich für mich selbst zu sprechen.21

Die Stille der Einsamkeit macht es möglich, mit Herz und allen Sinnen zu beten: Wer sprechen und hören will, muss lernen, einsam zu sein mit Christus, so geschah es mir. Meine Lehre und Predigt konnte ich nicht in allen Büchern erwerben, im Aristoteles, bei den Scholastikern … bis ich von der Menge abgesondert wurde und ihn allein hörte. Als ich das tat und jenen allein hörte und mich ihm mit Maria zu Füßen setzte, da habe ich gelernt, was Christus ist und wurde ein Gelehrter im Glauben.22

Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. Darum, willst du auch erleuchtet werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du still sein und das Bild dir tief ins Herz fassen kannst, da wirst du finden Wunder über Wunder. 23

Beten mit dem Leib – die Körpersprache des Glaubens

Durch Gebetsgesten kann der innere und äußere Mensch in Einklang gebracht werden, denn auch der Leib will mitbeten.

Ignatius:

Um das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, legen wir die Hand an das Haupt, was Gott Vater bedeutet, welcher von niemandem ausgeht; wenn wir die Hand an den Leib legen, bedeutet es seinen Sohn, unseren Herrn, der vom Vater ausgeht und bis in den Leib der heiligsten Jungfrau Maria gekommen ist; wenn wir die Hand von einer Seite zu anderen legen, bedeutet es den Heiligen Geist, der vom Vater und vom Sohn ausgeht. Wenn wir die Hände zusammenlegen, bedeutet es, daß die drei Personen eine wahre Wesenheit sind; wenn wir das Kreuz auf den Mund machen, bedeutet es, daß in Jesus, unserem Heiland und Erlöser, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist ist, ein einziger Gott, unser Schöpfer und Herr, und daß die Gottheit niemals vom Leib Christi in seinem Tod getrennt worden ist.24

In die Betrachtung eintreten, bald kniend, bald auf der Erde ausgestreckt, bald auf dem Rücken mit dem Gesicht nach oben, bald sitzend, bald stehend, indem ich stets auf der Suche nach dem bin, was ich will. Wir werden auf zwei Dinge achten: Das erste ist: Wenn ich kniend das finde, was ich will, werde ich nicht weitergehen; und wenn ausgestreckt, ebenso usw. Das zweite: Bei dem Punkt, bei dem ich finde, was ich will, dort werde ich ruhig verweilen, ohne ängstliche Sorge zu haben, weiterzugehen, bis ich befriedigt bin.25

Luther rät:

… knie nieder oder stehe mit gefalteten Händen und die Augen zum Himmel.26

Anbeten ist … nicht Mundwerk, sondern des ganzen Leibs Werk, nämlich: mit dem Haupt neigen, sich bücken mit dem Leibe, auf die Knie fallen, auf die Erde fallen …27

Der Betende kann im Kämmerlein frei und ungehindert sein Gebet zu Gott ausschütten und Wort und Gebärde führen … Denn obwohl das Gebet kann im Herzen ohne alle Wort und Gebärde geschehen, doch hilft es dazu, daß der Geist desto mehr erwecket und entzündet wird.28

Es geht Luther darum, bei dem zu bleiben, was das Herz berührt.29

Wie ist ein Gebet vorzubereiten?

Ignatius rät:

Ein oder zwei Schritte vor dem Ort, wo ich zu betrachten oder mich zu besinnen habe, stelle ich mich für die Dauer eines Vaterunsers hin, indem ich den Verstand nach oben erhebe und erwäge, wie Gott unser Herr mich anschaut usw. Und einen Ehrerweis oder eine Verdemütigung (eine Verneigung) machen.30

Zu Beginn schlägt er vor, ein gleichbleibendes Vorbereitungsgebet zu sprechen:

Gott, unsern Herrn, um Gnade bitten, damit alle meine Absichten, Handlungen und Betätigungen rein auf Dienst und Lobpreis seiner göttlichen Majestät hingeordnet seien.31

Luther geht es darum, dass der oder die Betende zu sich selbst kommt und »warm wird« zum Gebet. Dazu ist für ihn ein »Feuerzeug« nötig:

Wer geübt ist, kann hier wohl an einem Tag die Zehn Gebote, an dem andern einen Psalm oder ein Kapitel aus der Schrift als solches Feuerzeug nehmen und in seinem Herzen damit Feuer anzünden.32

Er rät dazu, die Texte halblaut zu sprechen, damit sie sich tiefer einprägen:

Ich hebe an, die Zehn Gebote … mündlich bei mir selbst zu sprechen, gerade so, wie die Kinder es tun.33

Auch Ignatius kennt das Beten mit den zehn Geboten.

Sein Vorbereitungsgebet dazu lautet:

Etwa Gott unseren Herrn um Gnade bitten, damit ich erkennen kann, worin ich in Bezug auf die Zehn Gebote gefehlt habe. Und ebenso um Gnade und Hilfe bitten, um mich fortan zu bessern, indem ich deren vollkommenes Verständnis erbitte. 34

Beim Gebet geht es für Luther um eine gesammelte Aufmerksamkeit:

Ebenso, wie ein guter fleißiger Barbier seine Gedanken, Sinn und Augen gar genau auf das Schermesser und auf die Haare richten muß und nicht vergessen darf, wo er sei im Strich oder Schnitt; wo er aber zugleich viel plaudern, oder anderswohin denken oder gucken will, sollt’ er einem wohl Mund und Nase und die Kehle dazu aufschneiden. So will denn ein jeglich Ding, wenn es wohl gemacht werden soll, den Menschen ganz haben mit allen Sinnen und Gliedern, wie man spricht: Wer mancherlei denkt, der denkt nichts, macht auch nichts Gutes; wieviel mehr will das Gebet das Herz einzig, ganz und allein haben, soll es anders ein gut’ Gebet sein. 35

Ignatius weist darauf, hin, dass Zerstreuungen beim Beten normal sind:

… selbst die sehr andächtigen Diener Gottes beklagen sich über die Abschweifungen und die Unbeständigkeit des Verstandes.36

Eine wichtige Hilfe zur Sammlung ist für Luther die Kraft des Wortes Gottes, daß es das Herz andächtig und geschickt macht; sonst, ohne das Wort, gibt’s lauter Ablenkungen, daß man zerstreut wird. Hältst du aber das Wort fest, und es fällt dir dabei ein Flattergedanke ein, so kannst du dich am Wort wieder ausrichten.37

Gerade für Anfänger ist das Beten mit Worten, das mündliche Gebet, eine Hilfe:

Ja, es soll niemand sich auf sein Herz verlassen, daß er ohne Worte wollte beten, er sei denn wohl geübt im Geist und habe Erfahrung, die fremden Gedanken auszuschlagen. Sonst wird ihn der Teufel gar und ganz verführen und sein Gebet im Herzen bald zerstören. Darum soll man sich an die Worte halten und an denselben aufsteigen, solange einem die Federn wachsen, daß man fliegen kann – ohne Worte. Denn das mündliche Gebet oder die Worte verwerfe ich nicht; sie soll auch niemand verwerfen, ja, mit großem Dank annehmen als besondere, große Gottesgaben.38

Es gibt aber auch die Erfahrung des Betens »ohne Geräusch von Worten«. So schreibt Ignatius:

Es kommt vor, daß unser Herr oft unsere Seelen zu der einen Betätigung oder einer anderen bewegt und nötigt, indem er unsere Seele öffnet, nämlich in ihr ohne irgendein Geräusch von Stimmen spricht und sie ganz zu seiner göttlichen Liebe erhebt und wir seinem Verspüren, auch wenn wir wollten, nicht widerstehen können.39

Wie lang oder kurz soll ein Gebet sein?

Sein Sekretär Polanco sagt über Ignatius: »Bezüglich des Gebets und der Meditation sehe ich… daß er es mehr billigt, in allen Dingen, die man tut, Gott zu finden und zu suchen, als dem Gebet viel zusammenhängende Zeit zu widmen.«40

Ignatius:

Einem wirklich Abgetöteten (einem, der weitgehend gelöst ist von seinem Egoismus) reicht eine Viertelstunde, um sich mit Gott im Gebet zu vereinen.41

Daß ein Gebet von ein oder zwei Stunden kein Gebet sei und daß mehr Stunden notwendig seien, ist eine schlechte Lehre, gegen die Auffassung und die Praxis der Heiligen.42 Aber es verhält sich so, daß Gott sich anderer Dinge zuweilen mehr als des Gebets bedient, und so sehr, daß er sich um ihretwillen freut, wenn man das Gebet unterlässt, wie viel mehr, daß es abgekürzt wird. Es ist also angebracht, immer zu beten und nicht nachzulassen; aber indem man es gut versteht, wie die Heiligen und Gelehrten es verstehen.43

Luther:

Je weniger Worte, desto besser das Gebet; je mehr Worte, desto schlechter das Gebet: Wenig Worte und viel Sinn ist christlich, viele Worte und wenig Sinn ist heidnisch.

Das geistliche und wahrhaftige Gebet ist das innerliche Begehren, Seufzen und Verlangen aus Herzensgrund. 44

Kurz soll man beten, aber oft und stark. 45

Für Luther ist das Amen nach jedem Gebet sehr bedeutsam:

Zuletzt merke, daß du das Amen jedes Mal betonen musst und nicht zweifeln darfst, Gott höre dir gewiss mit allen Gnaden zu und sage ja zu deinem Gebet… Und gehe nicht vom Gebet, du habest denn gesagt oder gedacht: Wohlan, dies Gebet ist bei Gott erhört, das weiß ich gewiss. Und fürwahr, das heißt ›Amen‹.46

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