Kitabı oku: «Wie die Schwalben fliegen sie aus»

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Zum Buch

In der Zwischenkriegszeit und in einer zweiten Welle in den Fünfzigerjahren arbeiteten viele junge Frauen, meist aus bäuerlichen Familien, in italienischen Großstädten als Dienst- bzw. Kindermädchen. Obwohl diese Arbeitsmigration quantitativ durchaus bedeutend war, fehlte dazu bislang jede historische Aufarbeitung. Wer sind die Frauen, und wie erfuhren sie von den Dienststellen, wie erlebten sie die Städte und die „fremde“ Kultur, wie die neue Arbeit? Wie gestaltete sich ihre Freizeit, wie erlebten sie die „große Politik“ in den Jahren des Faschismus, der Option und des Krieges? Und wie war es, in eine für viele sehr klein gewordene Welt zurückzukehren?

Auf diese Fragen antworteten über siebzig ehemalige Dienstmädchen. Entstanden ist so ein farbiges und spannendes sowie reich bebildertes Buch, das einen bislang nicht beachteten Bereich der Sozial- und Frauengeschichte aufarbeitet.

Ursula Lüfter/Martha Verdorfer/Adelina Wallnöfer

Wie die Schwalben fliegen sie aus

Südtirolerinnen als Dienstmädchen in italienischen Städten 1920–1960


Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur in der Südtiroler Landesregierung. Die Forschungsarbeit wurde von derselben, der Stiftung Südtiroler Sparkasse und der Gemeinde Bruneck gefördert.

© Edition Raetia, Bozen

Zweite Auflage 2011

Grafisches Konzept: Dall’O & Freunde | Druckvorstufe: Typoplus

ISBN 978-88-7283-407-7

eISBN 978-88-7283-755-9

www.raetia.com

Inhalt

Einleitung

„Aufgewachsen sind wir mit Brennsuppe und Polenta“

Geografische Herkunft

Kinder des Krieges

Soziale Herkunft

Lebensverhältnisse in der Zwischenkriegszeit – Krisen und Aufbau

„An Kindersegen waren wir reich“

Erziehung zur Arbeit

Im Dienst bei einem Bauern

„Viel gelernt haben wir nicht“ – Schulerfahrungen

Katholische Mädchenerziehung

„Ihr werdet ja doch heiraten“ – Weibliche Lebensperspektiven

Erwerbsarbeit in Südtirol

Der Lockruf der Stadt

Zwischen Wunsch und Zufall – Wege in die Stadt

„Cercasi ragazza tedesca“

Vor der Reise – Erwartungen und Ängste

Die Reise in die Stadt

Erste Kontakte mit den Arbeitgebern

Die Bahnhofsmission

Im Haushalt der „Herrschaften“

Bürgerliches Selbstverständnis und symbolische Repräsentation

Familienideologie und Familienpolitik im Faschismus

Im rechtlichen Vakuum

Der gute Lohn – „Daheim haben sie aufs Geld gewartet“

Ein schlechtes Bett und karge Kost

„Grüße aus der Ferne“ – Briefkontakt mit daheim

Krank im Haushalt der „Herrschaft“

Beziehungen am Arbeitsplatz

Zwischen Nähe und Distanz – Das Markieren von sozialen Grenzen

Unter dem wachsamen Auge der Hausfrau

Die zweite Frau im Haus – Mütter und Schwiegermütter

Der „Padrone“ – Väterliche Autorität oder latente Bedrohung

Frauenlose Haushalte

„Man hat sich ja nichts zu sagen getraut“

Flucht als letzter Ausweg

Von gewohnter und fremder Arbeit

Alleinmädchen oder Dienstbotenriege

„Dort habe ich richtig kochen gelernt“

Putzen und Waschen – Der Mythos von der leichten Hausarbeit

Vom richtigen Auftreten des Dienstmädchens

Die grenzenlose Verfügbarkeit

Das Kindermädchen – Eine privilegierte Stellung

Leben in der Stadt

Im Labyrinth der Straßen

Freizeit nach Dienstherrenmaß

Kontakte außerhalb des Hauses

Schonzeiten im Arbeitsalltag

„Am Meer waren wir auch“ – Tagesausflüge und Reisen

Vergnügen und Wissbegierde – Unterwegs in der Stadt

Die Bar – Treffpunkt in den 50er Jahren

Über innere und äußere Veränderungen

Von der Gretelfrisur zum Bubikopf

Männerbekanntschaften

Die „ehrenhaften“ Männer

„Ich hab mich nicht mehr heimgetraut“ –Uneheliche Mutterschaft

Heirat mit einem Italiener

Unter kirchlicher Obhut

Garantie für eine gute Stelle?

Kirchliche Organisationen für Dienstmädchen

Die Via Panizza in Mailand

Die Anima in Rom

Kontinuitäten und Veränderungen nach 1945

Die Begegnung mit dem Fremden

Faszination und Heimweh

Zwischen Klischee und Erfahrung

Reden und sich verstehen

Weihnachten – Ein vertrautes, fremdes Fest

„Politik war für mich tabu“ – Arbeits- und Alltagsleben in unruhigen Zeiten

Die politische Steuerung des Arbeitsmarktes

Traditionen der Nähe

Über Italiener und Faschisten

Opfer in Südtirol, Zuschauerinnen „in Italien“ – Die zwei Gesichter des Faschismus

Nationale Inseln

Im Fahrwasser der Politik

Zwischen Stereotypie und Normalität –Im Dienst bei jüdischen Familien

Der Einbruch des Politischen – Die Option

„Warum kommt ihr nicht nach Capri?“

Zensurierte Briefe

„Hier geht es mir gut und hier bleibe ich“

Den Krieg erleben

Die Zeit danach

Rückkehr in die „kleine“ Welt

Zeitpunkt und Anlass der Rückkehr

Selbst- und Fremdwahrnehmung der Heimgekehrten

Heirat als ambivalente Erfahrung

Die Zeit im Rückblick

Anmerkungen

Bibliografie

Zeitungen und Zeitschriften

Quellen

Internetadressen

Editorische Notiz

Dank

Nachwort zur zweiten Auflage

Bildverzeichnis

Einleitung

Über Dienstmädchen bzw. weibliche Hausangestellte gibt es inzwischen sowohl im deutsch- wie auch im italienischsprachigen Raum eine breite Forschung und zahlreiche Publikationen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei in der Zeit vor der Jahrhundertwende, als die Anzahl der weiblichen Dienstboten in bürgerlichen Haushalten einen Höhepunkt erreichte. Das Augenmerk richtet sich vor allem auf die Hausarbeit als besondere Form der weiblichen Erwerbsarbeit, die den Frauen einerseits den Schritt in die ökonomische Selbstständigkeit eröffnete, gleichzeitig aber durch die meist enge Bindung an die Arbeitgeber die persönliche Freiheit auf ein Minimum reduzierte. Die Arbeit als Dienstmädchen fügte sich als Übergangszeit nahtlos in die Biografie der Frauen vom Land ein: vom Bauernmädchen zum Dienstmädchen und dann zur Hausfrau und Mutter – so zumindest wollte es die gesellschaftliche Norm.

Das Phänomen der Dienstmädchen in städtischen Haushalten war zudem mit Migration verbunden. Die Migrationsforschung hat in den letzten Jahren zwar sehr an Aufmerksamkeit gewonnen, wird aber nach wie vor als Themenbereich behandelt, in dem es vor allem um männliche Erfahrungen geht.

Die Verbindung von Migrations- und Dienstmädchenforschung und der zeitliche Schwerpunkt auf die für Südtirol politisch so bedeutsamen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts machen die vorliegende Untersuchung zu einer Pionierarbeit. Obwohl die zeitweilige Emigration von jungen Frauen sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch in der Nachkriegszeit verbreitet war,1 wurde dieses Phänomen von der historischen Forschung bisher kaum wahrgenommen.2 Für Südtirol gibt es diesbezüglich keine Untersuchungen. Dieses Versäumnis erklärt sich nicht zuletzt aus dem lange Zeit dominierenden ethnisch geprägten bzw. eingeengten Geschichtsbild. Innerhalb dieses Interpretationsrahmens konnte zwar die Arbeitsmigration der 50er Jahre in das deutschsprachige Ausland wahrgenommen werden. Die Tatsache, dass in Zeiten, in denen der italienische Staat das Feindbild der Südtiroler Politik schlechthin war – und dies gilt für die Zeit zwischen 1920 und 1940 natürlich noch mehr als für die 50er Jahre – Südtiroler/innen einen Arbeitsplatz in einer italienischen Stadt annahmen, musste jedoch mit einem Tabu belegt werden. Nur so ist es zu erklären, dass trotz der großen Anzahl von jungen Südtiroler Frauen, die in diesen Jahren in italienischen Städten gearbeitet haben, dieses Phänomen in der zeitgenössischen Presse kaum vorkommt und auch im Nachhinein höchstens in Nebensätzen in historische Untersuchungen Eingang gefunden hat.3 Im so genannten kollektiven Gedächtnis der Südtiroler/innen hingegen waren diese Frauen doch immer präsent. So haben in den 90er Jahren verschiedene Dorf- oder Bezirkszeitungen die Lebensgeschichten einiger Frauen veröffentlicht und damit deren Erfahrungen ansatzweise sichtbar gemacht.4

Die Geschichtsschreibung über das Südtirol der 30er Jahre ist bis heute vorwiegend ereignis- und politikgeschichtlich orientiert. Dies wurde schon des Öfteren als Defizit benannt. Die Forderung nach einer sozialgeschichtlichen Perspektive auf diese Zeit beinhaltet gleichzeitig die Forderung nach einer differenzierten Betrachtung der Ereignisse. Bis heute wurde dieses Postulat allerdings kaum durch empirische Untersuchungen eingelöst.

Diese Studie nimmt für sich in Anspruch, dieses sozialgeschichtliche Defizit zumindest teilweise aufzufüllen. Dies und die frauengeschichtliche Perspektive, die darüber hinaus eingenommen wird, führen tatsächlich zu einigen neuen und durchaus überraschenden Einsichten, was die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Südtiroler Bevölkerung in den 30er Jahren betrifft.

Wie viele Frauen aus Südtirol in der Zwischenkriegszeit in italienischen Städten gearbeitet haben, lässt sich nicht quantifizieren. Da gerade die Hausarbeit rechtlich kaum geregelt war und die meisten unserer Gesprächspartnerinnen nicht gemeldet waren, sind aus statistischen Quellen keine ausreichenden Informationen zu erwarten. Aus arbeitstechnischen Gründen mussten wir unser Interviewprojekt von vornherein auf bestimmte Dörfer bzw. Gebiete konzentrieren und können deshalb keine statistische Repräsentativität beanspruchen. Allerdings lässt sich aus den Aussagen der Interviewpartnerinnen schließen, dass es sich zumindest in bestimmten strukturschwachen Gebieten des Landes wie etwa im oberen Vinschgau um ein sehr verbreitetes Phänomen handelte.

Bedeutend war das Phänomen auf jeden Fall, und das gleich in mehrerer Hinsicht:

•Der volkswirtschaftliche Beitrag, den diese Frauen zur Ökonomie des Landes leisteten, darf nicht unterschätzt werden. Die meisten der befragten Frauen gaben an, den ganzen oder einen Teil ihres Lohns nach Hause geschickt und damit wesentlich zum Überleben der Familie beigetragen zu haben.

•Die weibliche Arbeitsmigration in die italienischen Großstädte sehen wir als einen besonderen Aspekt des Modernisierungsprozesses, der die europäische Zwischenkriegszeit insgesamt geprägt5 und der in Südtirol in dieser Form einen Ausdruck gefunden und zur Wandlung des hiesigen Frauenbildes entscheidend beigetragen hat.

•In den Erfahrungen und Erinnerungen der Südtiroler Dienstmädchen spiegelt sich außerdem ein interessanter Prozess der reziproken Kultur-Mentalitätsvermittlung wider, der bei Migrationsphänomenen immer von Bedeutung ist, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts – geprägt nicht zuletzt von der faschistischen Entnationalisierungspolitik in Südtirol – aber natürlich eine besondere Rolle spielte. Die Integrationsleistung, die die Südtiroler Frauen erbrachten, reduziert sich nicht auf eine einfache Anpassung an die neuen Verhältnisse, sondern erschließt sich als komplexe Verknüpfungsleistung zwischen den Vertrautheiten und Dispositionen des Herkunftsmilieus und den Möglichkeiten, die sich durch die neuen sozialen, räumlichen und kulturellen Konstellationen ergaben.

•Die Publikation befasst sich darüber hinaus mit zentralen Fragestellungen der Frauengeschichte. Die Jahre von 1920 bis 1945, um die es hier vorrangig geht, sind in politischer Hinsicht ausgesprochen dichte und unruhige Jahre, in denen der Einfluss der politischen Brüche und Zäsuren auf das Leben der Menschen wahrscheinlich unmittelbarer war als in anderen „ruhigeren“ bzw. stabileren Zeiten. Die Art, wie die jungen Frauen diese Rahmenbedingungen wahrnahmen und auf sie reagierten, weist einige Kennzeichen und Besonderheiten auf, die wir als geschlechtsspezifische Wahrnehmungsmuster von Politik zu verstehen und zu interpretieren versuchen.

•Schließlich geht es um das Leben der Frauen selbst und insgesamt um die Frage nach den Möglichkeiten und Bedingungen weiblicher Lebensplanung in Südtirol in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben zwar nur eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen befragt, nämlich jene, die für eine mehr oder weniger lange Zeit in einer italienischen (Groß-)Stadt gelebt haben, in ihren Erzählungen begegneten wir jedoch häufig einem Grad von Autonomie und auch Widerständigkeit gegen zeitgenössische gesellschaftliche Normen, die uns erstaunt hat. Es war nicht immer einfach, die Selbstwahrnehmung dieser Frauen und unsere Sicht auf ihre Erfahrungen und Erzählungen auf einen Nenner zu bringen. Es war aber auf jeden Fall ein sehr spannendes Unterfangen, aus dem wir auch persönlich viel lernten.

Unsere Gesprächspartnerinnen waren Frauen im Alter zwischen 60 und 95 Jahren aus allen Teilen Südtirols, die eine mehr oder weniger lange Zeit in einer italienischen Stadt im Haushalt beschäftigt waren. Der Großteil unserer Gesprächspartnerinnen arbeitete dort in den 20er, 30er und 40er Jahren; wir haben aber auch einige Frauen befragt, die erst nach dem Krieg eine Stelle in einer italienischen Stadt annahmen. Wir wollten uns damit die Möglichkeit verschaffen, einen genaueren Blick für Kontinuitäten und Unterschiede zu gewinnen.

Insgesamt haben wir mit über sechzig Frauen themenzentrierte, lebensgeschichtliche Interviews geführt. Das Auffinden dieser Frauen war einfacher, als wir es uns vorgestellt haben. Im oberen Vinschgau hatten wir auf Grund persönlicher Bekanntschaften schon einige Kontakte, von denen wir ausgehen konnten. Für die anderen Landesteile suchten wir über Anzeigen in Lokalblättern ehemalige Dienstmädchen in italienischen Städten. Die Resonanz auf diese Inserate war unerwartet groß: Viele Frauen meldeten sich selber, sehr oft waren es die Kinder, meist die Töchter, die uns den Kontakt mit der Mutter vermittelten. Falls die Mutter schon verstorben war, erzählten uns die Kinder deren Lebensgeschichte und stellten Fotos, Briefe und andere Unterlagen zur Verfügung. Namen von ehemaligen Dienstmädchen wurden uns dann auch immer wieder im Gespräch genannt. Viele Menschen, denen wir von unserem Forschungsvorhaben erzählten, wussten uns weitere Namen zu nennen. Auch das ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich dabei tatsächlich um ein sehr verbreitetes Phänomen gehandelt hatte.

Im Allgemeinen sind wir auf sehr große Gesprächsbereitschaft gestoßen. In einigen Fällen waren die Frauen auf Grund ihres hohen Alters aber nicht mehr in der Lage sich zu erinnern bzw. von ihren Erfahrungen zu erzählen. Nur in Ausnahmefällen verweigerten uns Frauen ein Interview mit dem Hinweis, dass sie darüber nicht reden wollten oder dass sie nichts mehr wüssten. Die meisten Frauen waren allerdings sehr erstaunt darüber, dass sich jemand für ihre Erfahrungen interessierte, freuten sich jedoch darüber, ihre Geschichte erzählen zu können.

Die Offenheit, mit der uns die meisten Frauen begegnet sind, war außergewöhnlich. Wir vermuten, dass sich die Spontaneität und Flexibilität dieser Frauen nicht zuletzt durch ihre Erfahrungen in der „Fremde“ erklären lassen.

Bei der Wiedergabe der Interviews haben wir uns einige Freiheiten genommen. Die Übertragung vom Mündlichen ins Schriftliche erfordert immer gewisse Eingriffe, den Dialekt der Frauen haben wir zugunsten der Verständlichkeit in die Umgangssprache übertragen, auch haben wir manchmal in die Reihenfolge der Erzählung eingegriffen und nachträglich eine chronologische Ordnung hergestellt. Insgesamt ist es uns darum gegangen, die Authentizität der Aussagen möglichst zu erhalten und zu vermitteln.

Die zahlreichen Fotos in diesem Buch stammen zum Großteil von unseren Gesprächspartnerinnen. Jedes Bild hat eine ganz eigene Bedeutung. Sie drücken in ihrer Gesamtheit – manchmal viel besser als viele Worte – ein Lebensgefühl aus, das diese Frauen damals geprägt hat. Die Frauen hängen meist sehr an diesen Fotos und haben sie immer sorgfältig aufbewahrt, umso mehr danken wir ihnen für das Vertrauen, uns diese für einige Zeit zur Reproduktion zu überlassen.

Die Gespräche mit den Frauen waren die zentrale Quellenbasis für diese Publikation. Wir haben allerdings versucht, durch die Hinzuziehung von Archivmaterialien die Erfahrungen der Frauen in einen größeren sozialen und politischen Kontext einzubetten und zu verorten.

Im Aufbau des Buches orientieren wir uns am Konzept der „kollektiven Biografie“6, das heißt wir begleiten die Frauen auf ihrem Lebensweg von der Kindheit im meist bäuerlichen Milieu über die ersten Arbeitserfahrungen in Südtirol bis hin zu ihrer Stelle in einer italienischen Stadt und den damit verbundenen Erfahrungen. Ebenso fragen wir danach, wie sie die Rückkehr nach Südtirol erlebt haben und wie ihre Erfahrungen ihren weiteren Lebensweg geprägt haben.

Auch wenn jede Lebensgeschichte etwas Besonderes ist, so lassen sich doch zentrale gemeinsame Themen ausmachen, die die Erfahrungen der Frauen kennzeichnen.

Die Arbeitsmigration der Frauen war wirtschaftlich notwendig. Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Nachkriegs- und Weltwirtschaftskrise und der Entscheidung, einen Arbeitsplatz in einer italienischen Großstadt anzunehmen. Es war für sie aber auch eine Möglichkeit, die Enge ihrer Herkunftsverhältnisse zu verlassen, neue Erfahrungen zu sammeln, eine gewisse Selbstständigkeit zu erlangen und etwas von der Welt zu sehen. Sie interpretieren ihre Erlebnisse als wichtige und auch meist schöne Zeit ihres Lebens. Auch jene mit schlechten Erfahrungen möchten die Jahre oder Monate meist nicht missen, denn „so hat man wenigstens etwas von der Welt gesehen“.

Die Lebensgeschichten dieser Frauen passen nicht so recht in das Bild der stabilen bäuerlichen und sesshaften bzw. heimatverbundenen Südtiroler Bevölkerung, welches die Literatur und die Geschichtsschreibung über dieses Land dominiert.

Das Buch erzählt von der Herkunft der Frauen aus meist kleinbäuerlichen Verhältnissen über die Möglichkeiten und Formen der Kontaktaufnahme mit den zukünftigen Arbeitgebern bis hin zur aufregenden Reise an den neuen Arbeitsort.

Der Kontakt mit der Stadt und das Leben dort waren für die meisten eine vollkommen neue Erfahrung, der sie sehr unterschiedlich begegnet sind. Da gab es jene, die wissbegierig durch Museen streiften, ins Kino gingen oder mit Freundinnen Ausflüge in die Umgebung machten, während andere kaum allein das Haus verließen und wenn, dann höchstens zu den angebotenen Treffpunkten in den örtlichen Klöstern gingen.

Das „Freizeitverhalten“ der Frauen hing natürlich auch davon ab, wie sich das konkrete Arbeitsverhältnis und die Beziehung zu den Dienstgebern gestaltete. Die Hausarbeit war den meisten Südtirolerinnen durchaus vertraut, und doch gestaltete sie sich in den bürgerlichen Haushalten oft in einer völlig neuen und ungewohnten, oft auch unverständlichen Weise.

Eine wichtige Fragestellung für uns war auch jene nach der Wahrnehmung des Politischen. Wie erlebten diese Frauen den unmittelbaren Kontakt zu Italienern in den Jahren des italienischen Faschismus, wie nahmen sie das Regime selber wahr? Dazu kamen von unseren Gesprächspartnerinnen nur vereinzelt direkte Hinweise, aber zwischen den Zeilen glaubten wir doch eine ganz spezifische Haltung zu dieser Dimension des Politischen ausmachen zu können. Die Politik beeinflusste den Lebensweg der Frauen auch in unmittelbarer Weise, insbesondere die Option im Jahre 19397 und der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Eine Sprache zu finden, die den Erfahrungen und den Wahrnehmungen der Frauen gerecht wird, war nicht immer ganz einfach. Die Sprache als solche ist nicht geschlechts- und wertneutral8, das wurde uns bei dieser Arbeit in besonderer Weise bewusst. Wir mussten uns immer wieder um eine Balance zwischen Alltagssprache und historisch-politischer Korrektheit bemühen und sahen uns mit unbewussten Wahrnehmungen konfrontiert, die sich in sprachlichen Figuren niederschlagen.

Es ging auch um eine Balance zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, um ein Verständnis der zeitgenössischen Wahrnehmung und das Bemühen um einen analytischen und theoretischen Blick aus der Distanz der Historikerin.

Unsere Gesprächspartnerinnen, die zum Zeitpunkt ihres Dienstes zwischen 18 und 25 Jahre alt und unverheiratet waren, bezeichneten sich selber immer als „Mädchen“. In unserer Wahrnehmung hatten wir mit der Verwendung dieses Begriffes oft Schwierigkeiten und bevorzugten die Bezeichnung „Frauen“.

Die Beschreibung eines Verhältnisses, welches zwischen Familie und Arbeitsmarkt angesiedelt ist, und die Bezeichnung seiner Protagonisten führte schon zu Beginn dieses Jahrhunderts in den entsprechenden Presseorganen zu einer Diskussion über die angemessenen Begriffe.9 Die unterschiedlichen Benennungen spiegeln unterschiedliche Grade von Abhängigkeit bzw. Unterwürfigkeit wider. Beim „Dienstmädchen“ kommt die Abhängigkeit in beiden Wortteilen zum Ausdruck, während „Hausmädchen“ im ersten Teil neutraler ist. Dienstmädchenzeitungen plädierten am Beginn des 20. Jahrhunderts für die Bezeichnung „Hausangestellte“. Auch die Bezeichnung „Herrschaften“ für die Arbeitgeber wurde als nicht angemessen abgelehnt, als Alternativen wurden „Hausfrau“ und „Hausherr“ vorgeschlagen. Auch die Bezeichnungen „Dienstgeber“ und „Dienstnehmer“ seien irreführend, „weil die Herrschaft in Wirklichkeit die Dienste des Dienstmädchens in Anspruch nehme, der Dienstbote aber seine Arbeitskraft gebe“.10

Dienstmädchen, Hausmädchen, Hausangestelle, Hausgehilfin, Dienstbote – diese Begriffe sind außerdem sehr allgemein und sagen wenig über konkrete und oft sehr unterschiedliche Arbeitsrealitäten aus. Trotzdem haben wir sie, in Ermangelung von Alternativen, verwendet. Einige Tätigkeitsfelder lassen sich genauer definieren und auch entsprechend bezeichnen, wie eben Köchin oder Kindermädchen. Meist aber waren die Frauen für Haushalt und Kinder zuständig und im Haushalt wiederum in unterschiedlichem Ausmaß für die verschiedenen Bereiche. Wir haben uns für eine pragmatische Vorgangsweise entschieden: Wir hätten dieses Buch nicht schreiben können, hätten wir uns über jeden verwendeten Begriff genau Rechenschaft abgegeben. Ein wesentliches Kriterium, an dem wir uns orientiert haben, war der Sprachgebrauch der Frauen selber. In der Wiedergabe ihrer Erinnerungen haben wir die Bezeichnungen übernommen, die sie selbst gewählt haben, und haben diese in unseren Kommentaren zu den Erinnerungen auch nicht in Frage gestellt.

„Wir haben in Italien gearbeitet“, sagten unsere Gesprächspartnerinnen einfach. Für uns war es nicht so einfach. Auch Südtirol gehörte seit 1920 formell zu Italien, der Ausdruck „in Italien“ ist deshalb historisch irreführend. Andererseits unterschied sich die Realität in Südtirol in sprachlich-kultureller Hinsicht in diesen Jahren zweifellos grundlegend vom restlichen Staatsgebiet. Von italienischen Städten zu sprechen, schien uns daher am ehesten angemessen, wenngleich die Formulierung damit oft etwas umständlich wurde.

Mit dieser Arbeit wird nicht nur ein historisch wichtiger Abschnitt der Südtiroler Geschichte aus einer neuen Perspektive thematisiert, sie enthält auch einige Anregungen für die Wahrnehmung der Gegenwart. Auch in einem kleinen Land wie Südtirol ist die Einwanderung von Menschen aus Nicht-EU-Ländern seit geraumer Zeit eine sichtbare Realität. Menschen kommen aus Ländern des Südens bzw. aus den ehemaligen Ostblockländern nach Südtirol, um hier zu arbeiten und zu leben. In der Anfangsphase waren die Migranten eher Männer, aber seit einigen Jahren gibt es immer mehr Frauen, die ihre Herkunftsländer verlassen, um hier vorübergehend bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden oder sich eine neue Existenz aufzubauen. „Fremde sind umso fremder, je ärmer sie sind“, schreibt Hans Magnus Enzensberger11 und weist damit auf die unterschiedliche Wahrnehmung und Behandlung von armen und reichen Einwanderern und Einwanderinnen hin.

Migration weist auch geschlechtsspezifische Merkmale auf. Die Erwerbsmöglichkeiten für die Frauen sind im Wesentlichen – wenn wir die Prostitution nicht dazuzählen wollen – auf das Gastgewerbe und die Billiglohnjobs in den privaten Haushalten beschränkt. In Letzteren übernehmen sie vielfach anspruchsvolle und anstrengende Alten- und Krankenbetreuung. Nahezu ausschließlich von Ausländer(inne)n verrichtet werden die marktwirtschaftlich organisierten Hausarbeiten wie etwa bei Putzfirmen. Diese Arbeitsperspektiven mögen uns vielleicht wenig attraktiv erscheinen. Trotzdem kommen sehr viele junge Frauen in die reichen europäischen Länder, auch nach Südtirol, weil sie hier Möglichkeiten zu finden hoffen, die sie in ihren Heimatländern offensichtlich nicht haben. Ein etwas aufmerksamerer Blick in unsere eigene Vergangenheit kann für das Verständnis von Migration und ihrer menschlichen Dimension sehr erhellend sein. Er führt uns zu der Erkenntnis, dass soziale Mobilität bzw. Arbeitsmigration von Frauen nicht nur gegenwärtiger Ausdruck einer krisenhaften Realität in anderen Ländern ist, sondern dass es dieses Phänomen auch in Südtirol gegeben hat. Es ist für jedes Land – insbesondere für Südtirol, wo der Heimatbegriff so sehr mit Sesshaftigkeit verknüpft wird und eine besondere gesellschaftliche Rolle spielt – heilsam, sich an die eigene Migrationsgeschichte zu erinnern und sich bewusst zu machen, dass Heimathaben durchaus nicht selbstverständlich, sondern abhängig ist von sozialen und politischen Rahmenbedingungen und deshalb auch ein fragiles Konzept darstellt.

Hans Magnus Enzensberger interpretiert „das Fehlen jeder Empathie mit den Neuankömmlingen, die mit denselben Widerständen zu kämpfen, dieselbe schwierige Situation vor sich haben, der sich ihre Vorgänger unterziehen mussten“, als „eigentümlich rasche Vergesslichkeit, mit der das eigene Herkommen verdeckt und verleugnet wird“.12

„Aufgewachsen sind wir mit Brennsuppe und Polenta“
Geografische Herkunft

Südtirol stellt als Herkunftsgebiet der Dienstmädchen eine politisch klar abgegrenzte Region mit alpinem, in dieser Zeitperiode vorwiegend strukturschwachem Charakter dar. Hatte die Industrialisierung in anderen Gebieten schon Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt, wurde Südtirol auf Grund der besonderen politischen Lage in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch kaum davon berührt.1 Die wenigen Industriebetriebe, die sich vor allem in Bozen ansiedelten, waren den zugezogenen Italienern vorbehalten. Auch aus der Verwaltung und dem öffentlichen Dienstleistungssektor blieben die Südtiroler weitgehend ausgeschlossen. Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung, in abgelegenen Tälern auch mehr, arbeiteten bis in die 60er Jahre noch in der Landwirtschaft. 2

Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stetig. Verbesserte ärztliche Versorgung und bessere hygienische Verhältnisse ab dem 19. Jahrhundert führten auch im südlichen Tirol dazu, dass in den Familien sechs, acht oder mehr Kinder aufwuchsen und ernährt werden mussten. Die Landwirtschaft allein bot aber nur wenigen Menschen dauerhaft Einkommen und Arbeit. Außerhalb des Elternhauses reduzierten sich die Arbeitsmöglichkeiten für Männer und Frauen traditionell auf Knecht und Magd. Für Mädchen und Frauen war es dazu grundsätzlich schwieriger, Lohn und Brot zu finden, da auf einem Bauernhof mehr Bedarf an männlichen Arbeitskräften war.3

Allein in einer der wenigen Städte Südtirols oder in deren unmittelbarer Nähe konnten Mädchen auch in anderen Berufszweigen unterkommen. Die Angebote waren dort vielfältiger und beschränkten sich nicht nur auf bäuerliche Arbeiten. Meran und Bozen boten etwa Stellen im Handel oder als Hausmädchen in einer bürgerlichen Familie4. Wohl auch deshalb ging seit 1910 die Zahl der erwerbstätigen Frauen in der Landwirtschaft stärker zurück. Vermutlich empfanden gerade Frauen „die Arbeitsbedingungen in nicht bäuerlichen Diensten als wesentlich vorteilhafter“.5 Das Angebot reichte in Südtirol allerdings nicht aus, um alle „überschüssigen“ weiblichen Arbeitskräfte zu beschäftigen, sodass viele gezwungen waren, die Herkunftsfamilie zu verlassen und auch in entfernte Regionen abzuwandern.6

Nun weist Südtirol vielfältige Siedlungsformen und -strukturen auf, die Siedlungen liegen zwischen 200 und 2000 m Meereshöhe. Die unterschiedliche Bewirtschaftung und Produktivität regelte den Bedarf an freien Arbeitskräften und führte zur größeren oder geringeren Notwendigkeit der Arbeitsmigration in den verschiedenen Tälern und Gebieten. In einigen Landesteilen Südtirols, wo das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Lebensgrundlagen die Existenz der Bewohner seit jeher in Frage stellte, gab es immer schon Wanderbewegungen. In erster Linie hatte dies allerdings Männer betroffen, die sich etwa als Bauhandwerker außerhalb des Landes verdingten.7 Es gibt jedoch auch Hinweise, dass Frauen bereits im 17. Jahrhundert ins Ausland gingen und dort bei Bauern dienten.8

Im Obervinschgau lässt sich die saisonale Abwanderung in ferne Regionen bis in die frühere Neuzeit zurückverfolgen. Das bekannteste Phänomen ist das der Schwabenkinder.9 Nicht nur Kinder verließen vom Frühjahr bis zum Herbst das Tal, auch Erwachsene suchten auswärts Arbeit. Um 1890 hielten sich 250 von 116010 Personen aus der Gemeinde Prad außerhalb ihres Heimatortes auf.11 Sehr viele von ihnen arbeiteten in den verschiedenen Ländern der Habsburgermonarchie12, aber auch in der nahen Schweiz13 und in Italien14.

Johannes Grießmair stellte in seiner Untersuchung über Dienstboten im Pustertal fest, dass das Ahrntal und das Gadertal bis zum Zweiten Weltkrieg sehr viele Dienstboten stellten, das heißt, dass in diesen abgelegenen Talschaften ein besonders großer Überschuss an Arbeitskräften herrschte.15

Als am Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Urlauber nach Südtirol reisten und der Fremdenverkehr sich als neue Einnahmequelle erwies, öffneten sich zunehmend auch bis dahin eher abgelegene Täler und Ortschaften. Allerdings entwickelte sich der Tourismus nicht überall in gleichem Maß. Durch den Ersten Weltkrieg kam es zunächst zu einem drastischen Einbruch in dieser Branche. Zu Beginn der 20er Jahre, also nach der Annexion Südtirols durch Italien, setzte schließlich ein Massentourismus ein, der neben internationalen und deutschen Gästen auch Scharen von Italienern in die Dolomiten, ins Pustertal, ins Grödental und in die Ortlerregion, nach Bozen und Meran brachte.16 Das bedeutete neue Arbeitsplätze vor allem für Mädchen und Frauen. Gleichzeitig bot sich Arbeit suchenden Mädchen die Gelegenheit, italienische Familien kennen zu lernen, die eventuell auf der Suche nach einem Hausmädchen waren. Viele nutzten die Chance und nahmen eine Hausmädchenstelle in einer italienischen Stadt an, etwa in Mailand, Florenz oder Rom.

Geografische Herkunft der befragten Frauen

Diese und die folgenden Grafiken und Tabellen berücksichtigen nur Frauen der ersten Wanderungswelle, also jene Südtirolerinnen, die in der Zwischenkriegszeit in einer italienischen Stadt gearbeitet haben.


Genaue Angaben, wie viele Mädchen in der Zwischenkriegszeit in italienischen Städten als Hausangestellte dienten und aus welchen Landesteilen sie stammten, lassen sich nicht machen. Die Mädchen waren in der Regel am Arbeitsort nicht gemeldet, deshalb erfolgte keine entsprechende amtliche Registrierung weder am Arbeitsort noch in der Heimatgemeinde.

Die große Anzahl der Vinschgerinnen unter den Befragten erklärt sich nicht nur mit der ausgeprägteren Strukturschwäche des Gebietes, sondern auch damit, dass hier die Autorinnen auf Grund einiger persönlicher Beziehungen umfassendere Kontakte zu den Frauen aufnehmen konnten als in den anderen Landesteilen Südtirols. Daher lassen sich aus den hier zusammengetragenen Daten nur bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Raum- und Mengenverteilung der Migrantinnen ziehen.

Familie Stecher vor ihrem neu gebauten Haus in Prad unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg

Kinder des Krieges

Die erste Wanderungswelle Südtiroler Mädchen in italienische Städte in den 20er und 30er Jahren umfasst die zwischen 1900 und 1923 Geborenen. Einige von ihnen erlebten noch den Krieg mit und waren geprägt vom Schock des Anschlusses Südtirols an Italien. Der Südtiroler Historiker Hans Heiss schreibt über die Aussichten dieser Kriegs- und Nachkriegskinder: „Wer 1914 in Südtirol zur Welt kam, erfuhr in seiner frühen Kindheit die prägende Erfahrung des Mangels, oft sogar des Hungers. Den Waffenstillstand 1918, den Frieden 1919 erlebten auch die Kinder nicht als Befreiung, sondern übernahmen die Sicht ihrer oft bekümmerten Eltern, die sich um ihre Existenz, um Arbeitsplatz und Einkommen sorgten.“17

Die Väter standen meist als Soldaten im Ersten Weltkrieg, oft blieben die Frauen allein mit einer Schar kleiner, hungriger Kinder und harter Arbeit auf dem Hof zurück. Der staatliche Unterhaltsbeitrag für die Angehörigen eines Soldaten war angesichts der enorm ansteigenden Lebenshaltungskosten während des Krieges kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.18

Die ältesten der ehemaligen Dienstmädchen haben zwar nur wenige, dafür aber umso eindrücklichere Erinnerungen an den Krieg. Es sind Erinnerungen an Hunger, an die Präsenz von Soldaten und Gefangenen. Die 1910 geborene Rebekka Rungg aus Prad erzählt: „Der Vater hat 1914 einrücken müssen, wir waren noch kleine Kinder. Wir haben das Donnern der Kanonen vom Stilfser Joch herunter gehört. Der Vater musste an die Ortlerfront, er war bei den Standschützen. Mit einem Fernglas hat er vom Stilfser Joch heruntergeschaut und hat gesehen, dass das Korn reif ist, und es war niemand daheim, der es hätte mähen können. Und Brot wäre mehr als notwendig gewesen.“ Regina Walcher aus Eppan erinnert sich, dass die Bauern Vieh, Getreide, Milch und Butter für die Soldaten stellen mussten: „Als nur mehr eine Kuh im Stall war, sollte die Mutter auch die noch abgeben. Manchmal wusste die Mutter nicht, was sie kochen sollte, es war nichts im Haus.“ Auch die Familie von Maria Girardi aus Tramin litt unter der Lebensmittelknappheit während des Krieges. Als Maria 1943 in Innsbruck von der Gestapo in Untersuchungshaft genommen wurde, antwortete sie dem Gefängnisdirektor auf die Frage, wie sie mit dem Essen zufrieden sei: „Wenn meine Mutter während des Ersten Weltkrieges für ihre Kinder so viel gehabt hätte wie wir hier, hätte sie vielleicht weniger geweint.“ Dabei hatte ihr Vater, der Bursche bei einem Offizier war, der Familie manchmal Lebensmittelpakete geschickt und damit die Familie über den schlimmsten Hunger hinweggerettet.

Geburtsjahr


Name Geburtsjahr
Johanna Reisigl* 1887
Karolina Ebner* 1900
Hedwig Wallnöfer* 1900
Anna Tappeiner* 1901
Rosa Kobler* 1903
Sophie Wallnöfer* 1903
Lidwina Rungg* 1904
Maria Tappeiner* 1904
Maria Kaserer* 1905
Emma Sagmeister* 1905
Anna Ennemoser* 1906
Luise Kaserer* 1906
Kreszenzia Mair* 1906
Ida Noggler* 1906
Paula Wallnöfer 1907
Hedwig Wieser* 1907
Rosa Kaserer* 1908
Josefa Tappeiner 1908
Antonia Fuchs* 1909
Hermine Lutt* 1909
Rosa Moser 1909
Maria Straudi* 1909
Elisabeth Zischg* 1909
Maria Theresia Saurer* 1910
Annamaria Mussner 1910
Rebekka Rungg 1910
Elisabeth Thöni 1910
Rosa Asper 1911
Maria Elisabeth Gruber* 1911
Berta Tappeiner 1911
Luisa Tschenett* 1911
Regina Walch 1911
Toni Wallnöfer 1911
Maria Blaas 1912
Barbara Foppa* 1912
Sofia Höchenberger 1912
Adele Pamer 1912
Maria Wunderer 1912
Helena Blaas 1913
Josefa Brunner 1913
Edith Genta 1913
Maria Girardi 1913
Luise Mader 1913
Anna Morandell* 1913
Amalie Ramoser 1913
Anna Telfser 1913
Anna Unterthiner 1913
Johanna Wallnöfer 1913
Mathilde Andergassen 1914
Herma Felderer* 1914
Hilde Gius* 1914
Marianna Parth 1914
Hilde Pinggera 1914
Antonia Saurer* 1914
Rosa Stofner 1914
Antonia Auer 1915
Anna Egger 1915
Johanna Pamer 1915
Paula Wörndle 1915
Maria Erlacher 1916
Anna Frank 1916
Paula Nössing 1916
Anna Pinggera 1916
Hilde Tschenett 1916
Maria Stolzlechner 1917
Hanni Kostner 1918
Josefine Wieser* 1918
Klara Blaas 1919
Anna Ortner 1919
Irma Kuen 1920
Hedwig Platter 1920
Maria Ortler 1921
Theresa Tschenett 1923

* Diese Frauen sind bereits verstorben oder waren nicht mehr ansprechbar. Die Informationen stammen aus Gesprächen mit Angehörigen.

Den Hunger weniger zu spüren bekamen Familien, die eine Mühle, Metzgerei oder Bäckerei besaßen. „Wir hatten Milch und Brot, wir hatten eigentlich immer genug zu essen. Während des Ersten Weltkrieges hatten wir Russen in unserem Haus, Kriegsgefangene, die haben bei der Grödner Bahn gebaut. Bei uns war so eine Art Lazarett. Aber die Russen hatten so großen Hunger, die bekamen sehr wenig zu essen. Das war schrecklich, da sind viele gestorben. Und dann sind die armen Kerle immer zu uns gekommen, und die Mutter mit ihrem großen Herz hat ihnen immer was gegeben“, erzählt Annamaria Mussner aus St. Ulrich.

Sehr dramatisch war der Krieg für die Bewohner von Trafoi, sie mussten das Dorf verlassen, da im Ortlergebiet eine der wichtigen Verteidigungslinien gegen die Italiener verlief. Die Familie von Paula Wallnöfer übersiedelte mit Sack und Pack nach Prad: „Wir sind vorübergehend auf dem Nauhof in Prad untergekommen. Auf dem Dachboden war eine große Kommode, da hat man die untere Schublade herausgezogen, da haben zwei Buben darin geschlafen. Wir Kinder waren gerne auf dem Hof, die Mutter nicht, denn sie musste mit der Naubäuerin auf einem Herd kochen.“

Auch die Jahre nach Kriegsende waren noch vielfach von Entbehrungen und Hunger geprägt. Vielerorts erreichte die Not in den Jahren nach dem Krieg ihren Höhepunkt. Es fehlte an allem. Besonders hart traf es jene Familien, deren Väter im Krieg ums Leben gekommen waren, wegen ihrer Kriegsverletzungen arbeitsunfähig blieben oder daran starben. Manche Frauen waren noch Jahre auf sich allein gestellt, weil ihre Männer in Kriegsgefangenschaft waren.

Nicht immer konnten die Frauen für den Unterhalt der Kinder sorgen, sodass die Familien auseinander brachen. Der Vater von Luise, Hilda und Theresa Tschenett war an der Ortlerfront durch einen Kopfschuss schwer verletzt worden und wurde zu einem Pflegefall. Die Mutter übersiedelte von Stilfs nach Meran zu einer Verwandten, die ihr dort Arbeit vermittelte. Einige der Kinder wurden im Liebeswerk in Dorf Tirol untergebracht, andere in den Dienst zu Bauern geschickt. Der Vater von Ida Noggler aus Mals kam krank aus dem Krieg zurück und verstarb bald darauf. Die Mutter blieb nicht nur mit den sechs Kindern allein, sondern musste auch die Schulden für das Haus zurückzahlen, das ihr Mann vor dem Krieg gekauft hatte. Ida, Jahrgang 1906, übernahm als älteste Tochter die Erziehung der kleineren Geschwister und versorgte den Haushalt, da die Mutter oft außer Haus war, um die Arbeit auf dem Feld zu erledigen und das nötige Geld für die Familie zu verdienen.

Oft schwingt in den Erzählungen über die Kriegs- und Nachkriegsjahre der Frauen Bewunderung für die Leistungen der Mütter mit. Die Schwester von Emma Sagmeister aus Mals berichtet, dass ihre Mutter neben der Versorgung der vierzehn zum Teil noch kleinen Kinder die Metzgerei und die Landwirtschaft allein weiterführte. Zwar halfen ihr zwei Gesellen und vorübergehend auch ein russischer Gefangener, doch brachte sie eigenhändig mit dem Pferdefuhrwerk Fleisch nach Nauders, Glurns und in die Schweiz, auch das Geschäftliche erledigte sie selbst.

Die zweite Wanderungswelle Südtiroler Mädchen und Frauen in italienische Städte vollzog sich zu einer Zeit, in der Mobilität und Migration ein bestimmendes Merkmal Südtirols waren. In den 50er und 60er Jahren kehrten viele abgewanderte Optanten nach Südtirol zurück, gleichzeitig gingen aber viele junge Südtiroler/innen nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz und eben auch in italienische Städte. Dieses Mal waren es vor allem Mädchen der Jahrgänge von 1930 bis 1940, die Südtirol auf Grund des prekären Arbeitsmarktes in Richtung Süden verließen. Mit ihren Eltern hatten diese Mädchen in ihrer Kindheit das Entweder-oder der Option durchlebt. Waren die Eltern Dableiber, so hatten auch die Kinder Ablehnung und Hass der Dorfgemeinschaft zu spüren bekommen. Bei Maria Jessacher sitzt der Schock heute noch tief: „Wir hatten bei der Option ja fürs Dableiben optiert, und deshalb sind wir dann in die italienische Schule gegangen. Schon als Kinder wurden wir da ganz schrecklich verfolgt. Mit Steinen haben sie auf uns geworfen. Auch von der deutschen Lehrerin sind wir verfolgt worden, nicht nur von den Kindern. Und – wie soll ich sagen – das bleibt fürs ganze Leben. Da kriegt man kein richtiges Selbstbewusstsein mehr. Da versucht man sich immer anzupassen, hat immer Angst, dass wieder etwas passiert. Der Humor, die Lebensfreude, die man mal hatte, die kommen nicht wieder. Dafür ist man einfach zu viel unterdrückt, zu sehr gehasst worden. Auch nach dem Krieg sind diese Fronten geblieben, lang nach dem Krieg.“

Der Zweite Weltkrieg ließ auch Südtirol nicht unberührt. Zwar kam es von 1939 bis 1945 nicht zu einer Lebensmittelknappheit wie während des Ersten Weltkrieges, trotzdem bestimmte der Krieg den Alltag und hinterließ auch Spuren bei den heranwachsenden Mädchen.

Hermine Lutt (1. von links) mit (Stief-) Schwestern und Stiefmutter, Schluderns

Anna Unterthiner mit Mutter, Latzfons

Soziale Herkunft

Zwischen 1921 und 1939 nahm die Bevölkerung Südtirols um knapp 100.000 Personen zu.19 Neben dem Geburtenüberschuss fielen an die 56.000 zugewanderte Italiener darunter. Betroffen von der Zuwanderung der Italiener waren in erster Linie die Städte und die Wirtschafts- und Verkehrsknotenpunkte, die ländlichen Gemeinden, aus denen der größere Teil der befragten ehemaligen Dienstmädchen stammt20, weit weniger. Zwar griff der Faschismus in die dörfliche Lebenswelt ein, deren Sozialstruktur änderte sich jedoch im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur unwesentlich. Wie schon erwähnt, arbeiteten in Südtirol bis in die 60er Jahre noch 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung in einer überwiegend klein strukturierten Landwirtschaft. Knapp 57 Prozent der rund 27.000 bäuerlichen Betriebe bestanden aus weniger als fünf Hektar. Diese Betriebe, meist von kinderreichen Besitzerfamilien bewirtschaftet, dienten in erster Linie der Selbstversorgung. Manche Bauern übten neben der Landwirtschaft noch einen Handwerksberuf aus: Müller, Bäcker, Metzger, Rädermacher, Schmiede, Gerber und andere Handwerkszweige stellten bis in die 60er Jahre in Handarbeit Produkte für die Dorfbewohner her. Das erbrachte oft das Haupteinkommen für die Familie oder zumindest ein gutes Nebeneinkommen. In jedem Dorf gab es Gasthäuser und kleine Gemischtwarenhandlungen, auch deren Inhaber bewirtschafteten in der Regel gleichzeitig einen Hof.21 Neben den Großbauern zählten diese Familien meist zu den „Besseren“ im Dorf. So besaß die Familie von Annamaria Mussner aus St. Christina eine schöne große Mühle, außerdem „hatten wir neben der Mühle auch ein Geschäft. Der Vater war ein sehr angesehener Mann, sehr ehrlich und sehr gewissenhaft“. Anna Telfser aus Schlanders erzählt: „Wir haben eigentlich während des Ersten Weltkrieges und auch danach keinen Hunger gehabt, auch weil der Vater Metzger war, dann hatten wir auch immer ein bisschen Fleisch.“ Der Vater von Maria Wunderer aus Prad, der nach dem Krieg als Fuhrunternehmer arbeitete und gleichzeitig auch eine Mühle, ein Sägewerk und eine Landwirtschaft betrieb, konnte der Familie ein sicheres und ausreichendes Einkommen bieten. Auch in den Briefen der Familie an Rosa Kobler wird nie Mangel an Lebensmitteln erwähnt, ihr Vater war Bauer, Müller und Sägewerksbesitzer.

Neben den Bauern mit mehr oder weniger großen Höfen und Bauern mit Nebenerwerb gab es die ländlichen Unterschichten. Die so genannten „Kleinhäusler“ und „Ingehäusen“22, die über keinen oder nur sehr wenig eigenen Grund und Boden verfügten, hielten Kleinvieh, bearbeiteten Grundstücke, die ihnen von den Bauern gegen Pachtzins überlassen wurden, und verdingten sich nebenbei als Tagwerker. Sie übten auch Handwerksberufe aus, die nicht besonders einträglich waren, wie Schuster und Schneider.

Edith Genta aus Margreid beschreibt den bescheidenen Besitz ihrer Familie folgendermaßen: „Um das Haus herum waren Reben. Es waren kleine Äcker, wo man Gemüse angebaut hat oder Erdäpfel. Wir hatten Hennen und Hasen und Schweine und auch Ziegen. Für die Kühe hatten wir zu wenig Futter. Wir hatten nicht viel, sodass die Arbeit von den Frauen erledigt werden konnte, und die Männer gingen ins Tagwerk. Weil in Margreid waren Barone, der Baron Salvadori (Italiener), Baron Widmann und es waren viele Villen. Mein Vater ist auch ins Tagwerk gegangen. Deshalb haben die Frauen viel arbeiten müssen, zu Mittag haben sie oft draußen auf dem Feld gegessen, auch den Halbmittag und die Marende haben sie mitgenommen. Die Kinder haben sie oft daheim eingesperrt.“

Bei der Zusammensetzung der bäuerlichen Bevölkerung gab es wesentliche Unterschiede in der westlichen und östlichen Landeshälfte. In den östlichen Talschaften herrschten auf Grund des Anerbenrechtes23 die Groß- und Mittelbetriebe vor, welche die zusätzliche Beschäftigung von Dienstboten erforderten. Sie rekrutierten sich aus den weichenden Bauernkindern und den Dienstbotenkindern24 und waren auf Grund des häufigen Arbeitsplatzwechsels nicht feste Mitglieder einer Gemeinde.

In der westlichen Landeshälfte hatte eine extreme Realteilung25 zu Besitzzersplitterung geführt, die es den Familien fast unmöglich machte, sich vom eigenen Grund und Boden zu ernähren. Das Einkommen besserte man sich durch Tagwerk, Saisonarbeit, Wanderhandel, in den nahe an der Schweizer Grenze gelegenen Dörfern auch durch Schmuggeln auf26. Überzählige Arbeitskräfte suchten sich anderswo, auch außerhalb des Tales, Arbeit. Es gab wenig erwachsene Dienstboten, da die Arbeit auf Grund der geringen Hofgröße in der Regel von den Familienmitgliedern erledigt werden konnte. Waren keine eigenen oder nur kleine Kinder da, holte man sich in den Sommermonaten Kinder von anderen Bauern oder hielt ganzjährig „Kostkinder“.

Dass viele Familien in diesen Gebieten ständig ums Überleben kämpfen mussten, schildern eindringlich Frauen aus dem oberen Vinschgau. „Da wo der Bettelmann still Wache gestanden ist“ und da, wo er „af dr Lottr umkeahrt isch, da sind wir daheim gewesen“. So beschreibt Helena Blaas aus St. Valentin ihre Herkunft. Maria Ortler aus Prad drückt es folgendermaßen aus: „Es hat zu der Zeit Arme gegeben und weniger Arme. Wir waren nicht die Ärmsten, aber wir waren trotzdem arm, arm wie alle.“ Die Familien lebten hier auf engstem Raum. Infolge der Realteilung wurden nicht nur die Felder zerstückelt, sondern auch die Häuser aufgeteilt. In Prad lebten um 1885 in dreizehn zumeist einstöckigen Häusern 42 Parteien, 1902 waren es vierzig Parteien in 26 Wohnungen.27 Auf dem abgelegenen Hof Wartamstein oberhalb von Agums, wo Josefa Brunner aufwuchs, teilten sich zwei Parteien nicht nur den Hof, sondern auch die Küche, die Grenze verlief mitten durch den Herd.

Der ohnehin nur geringe Anteil der deutsch- und ladinischsprachigen Beamten nahm während der Zeit des italienischen Faschismus weiter ab, an ihre Stelle traten italienische Beamte.28 Der Vater von Hanni Kostner aus Bruneck, er war vor dem Krieg österreichischer Bahnangestellter gewesen, wurde nach Piacenza versetzt. Auch viele Lehrer mussten eine Versetzung in die altitalienischen Provinzen hinnehmen, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. In der Regel waren Lehrer und Beamte nicht besonders begütert.

Beruf des Vaters und Anzahl der Kinder in der Familie


Name Beruf des Vaters Kinder
Mathilde Andergassen Bauer, im Krieg gefallen 7
Rosa Asper Bauer und Bergführer 14
Antonia Auer Kleinbauer 16
Helena und Klara Blaas Bauer 7
Maria Blaas Kleinbauer und Portier in der Schweiz 7
Josefa Brunner Bergbauer 7
Karolina Ebner* Weinbauer 6
Anna Egger Eisenbahner 8
Anna Ennemoser Großbauer 6
Maria Erlacher Kleinbauer 8
Herma Felderer * früh verstorben 8
Barbara Foppa Tischler bei der Eisenbahn, verstarb früh 4
Anna Frank Kleinbauer 9
Antonia Fuchs Schuster und Bäcker 10
Edith Genta Kleinbauer, Tagwerker 8
Maria Girardi Kleinbauer, Taglöhner 18
Gius Schwestern Bauer, verschuldet 4
Maria Elisabeth Gruber* Bauer 4
Sofia Höchenberger Schuster 2
Kaserer Schwestern* Pächter 7
Rosa Kobler* Bauer, Müller und Sagmeister 6
Hanni Kostner Bahnbeamter 4
Irma Kuen Bahnbeamter, Maurer 3
Luise Mader Gastbetrieb (Konkurs) 4
Kreszenzia Mair* Bauer 13
Anna Morandell* Bauer 6
Rosa Moser Bergbauer 14
Annamaria Mussner Bauer, Müller und Inhaber eines Geschäfts 9
Ida Noggler* Bauer, Kriegsgefallener 6
Paula Nössing Zimmermann und Sägewerkbesitzer 3
Maria Ortler Bauer 8
Anna Ortner Hotelbesitzer 6
Pamer Schwestern Kleinbauer 7
Marianna Parth Bauer 5
Anna Pinggera Zimmermann (Winter), Hirt in der Schweiz 9
Hilde Pinggera Zimmermann, dann Inhaber eines Geschäfts und Bauer 6
Hedwig Platter Kleinbauer, früh verunglückt 8
Amalie Ramoser Kleinbauer 11
Lidwina Rungg* Kleinbauer und Gerber 3
Rebekka Rungg Bauer 6
Emma Sagmeister* Metzger, Fuhrunternehmer, Bauer 11
Antonia Saurer* Bauer 5
Maria Theresia Sauer* Kleinbauer und Tagwerker 4
Rosa Stofner Bauer 16
Maria Stolzlechner weichender Bauernsohn, Kutscher, Pächter 8
Maria Straudi* Sattler 12
Tappeiner Schwestern Bauer 12
Anna Telfser Metzger, Kriegsinvalide 3
Elisabeth Thöni Bergführer, im Krieg gefallen 3
Tschenett Schwestern landwirtschaftlicher Arbeiter, früh verstorben 6
Anna Unterthiner Kleinbauer, Bergwerksarbeiter 13
Regina Walcher landwirtschaftlicher Arbeiter, später Inhaber eines Hofes 12
Hedwig und Sofie Wallnöfer* Rädermacher und Kleinbauer 14
Johanna und Schwestern Wallnöfer Bäcker, Fuhrunternehmer, früh verstorben 7
Paula Wallnöfer Bäcker, Bauer 6
Toni Wallnöfer Angestellter beim Forstamt, Bauer, Gelegenheitsarbeiter 7
Josefine Wieser* Pächter 9
Paula Wörndle zuerst Bäcker, dann Bauer 3
Maria Wunderer Fuhrunternehmer, Bauer und Müller 6
Elisabeth* und Schwestern Zischg Kleinbauer, im Krieg verstorben 5

Sofia Höchenberger mit ihrem Bruder Franz, Lichtenberg/Prad 1931

Familie Kaserer, Afing 1910

Familie Mair vom Joggelehof in Videgg/Tall

Mutter von Emma Terza, St. Vigil/Enneberg

Familie Pinggera, Lichtenberg. Hilde, 3. von links

Lebensverhältnisse in der Zwischenkriegszeit – Krisen und Aufbau

Die Bauern waren bemüht, über den Eigenbedarf hinaus auch für den Markt29 zu produzieren, vor allem in den südlicheren Gebieten des Landes, und in den Talböden war der Ertrag auf Grund des milderen Klimas und der besseren Bodenbeschaffenheit größer. Obst und Wein waren schon damals wichtige Exportartikel. Wie ertragreich die Ernten ausfielen, war auch abhängig von der Witterung. Hagelschläge und Überschwemmungen konnten eine ganze Ernte vernichten. Seuchen bei den Haustieren konnten einen Viehstall leeren. Selbst wenn in guten Jahren Überschüsse erwirtschaftet wurden, war der Absatz keineswegs gesichert. Nachdem die 20er Jahre einen allgemeinen Aufschwung gebracht hatten, verschlechterte sich die Absatzlage Anfang der 30er Jahre infolge der Weltwirtschaftskrise drastisch. Judith Kobler aus Prad schrieb 1931 in einem Brief an ihre Schwester Rosa, die in Florenz bei einer jüdischen Familie in Stellung war: „(…) überhaupt jezt da anfangen eine große Geldnot wird das Vieh hat keinen Abgang, die Schweine um 25–30 Lire sind fast nicht fortbringen und mit dem andern Vieh geht es auch abwärts und was der Bauer hat das meiste Butter ist in der Sennerei 13.50 und in andere Orten bekomme man ihn um 11 Lire.“30 Viele verschuldeten sich. Maria Wunderer schildert die Situation: „Die 30er Jahre waren arme Jahre, kein Geld war da, und alles hatte keinen Wert, es gab keine Arbeit. Es gab Familien, die viele Kinder hatten und gezwungen waren, ein Haus zu bauen. Man musste Bürgen suchen, dass man bei den Kassen Geld bekam, aber die meisten brachten das Geliehene nicht auf, um es zurückzahlen zu können, und die Bürgen mussten zahlen, auch wenn sie selber auf die Straße kamen. Mein Vater hatte auch ein Sägewerk. Arbeit war schon, aber die Leute hatten kein Geld, um zu zahlen, und Vater musste den Sägeschneider auch bezahlen.“ Rückgang der Preise, Hypothekarverschuldungen und ein gleichzeitiger Anstieg des Steuerdrucks führten zu Zwangsversteigerungen von landwirtschaftlichen Betrieben.31 So verloren die Eltern von Maria Girardi aus Tramin ihren gesamten Besitz. Dasselbe Schicksal ereilte die Familie der Schwestern Gius aus Kaltern, die einen größeren Bauernhof in Kaltern besessen hatte. Nachdem der Vater eine Bürgschaft übernommen hatte, musste er für den Schuldner, der den Zahlungen nicht mehr nachkam, einstehen. Die Eltern von Flora Müller aus Naturns sahen sich gezwungen auszuwandern: „1930, als ich drei Jahre alt war, sind meine Eltern von Südtirol nach Nordtirol abgewandert. Mein Vater war Wagenmeister, der hatte einen eigenen Betrieb gehabt. Aber in den 30er Jahren waren die Zeiten so schlecht, die Leute konnten nicht mehr zahlen, es gab einfach kein Bargeld mehr. Die Leute haben Eier gebracht oder Milch, aber es gab kein Geld. Ein Freund von meinem Vater hat ihm dann die Stelle in Wörgl vermittelt, 1929 ist er hinausgegangen, ein Jahr später hat er seine Familie nachgeholt.“ Im oberen Vinschgau und im Pustertal zogen auf Grund der großen Not während der 30er Jahre viele Frauen bettelnd durch die Dörfer.32

Nicht nur wirtschaftliche Krisen, sondern auch familiäre Schicksalsschläge versetzten die Familien in bittere Notlagen. Viele unserer Gesprächspartnerinnen erzählen vom Verlust eines Elternteils. Beim Überschreiten der Schweizer Grenze fand der Vater von Hedwig Platter aus Prad unter einer Lawine den Tod. Er hinterließ acht Kinder, das neunte war unterwegs, und einen Berg Schulden bei der Bank für das neu erbaute Haus. Hedwig war damals 15 Jahre alt. Das Haus wurde versteigert, die Kinder mussten bei Bauern in Dienst gehen, nur die Kleinsten blieben bei der Mutter.

Der Vater von Johanna Wallnöfer aus Prad verstarb kurz vor ihrer Geburt. Die Mutter musste sieben Kinder allein versorgen. Die dreijährige Rebekka Rungg verlor ihre Mutter bei einem tragischen Unfall, als diese mit dem siebten Kind schwanger war. Der Vater, „ein sehr strenger Mann“, sorgte für ausreichend Essen, für die Hausarbeiten war eine Tante zuständig: „Es war immer ein Elend. Die Tante war schon gut zu uns, aber sie war nicht Mutter. Wir haben immer nur fest arbeiten müssen. Zu essen hatten wir schon. Wir hatten eine größere Bauernschaft. Wir hatten immer zwei Rösser und drei, vier Kühe. In der Sennerei haben wir jeden Monat Butter bekommen, so große Knollen Butter, dass wir nicht wussten wohin damit. Wir haben auch immer geschlachtet. Zu essen war genug da, aber sonst hat es hinten und vorn gefehlt.“ Die Mutter von Hedwig Wieser, ebenfalls aus Prad, verstarb an einem Lungenleiden, als das jüngste ihrer zehn Kinder zehn Jahre alt war. Der Vater besaß eine bescheidene Landwirtschaft und betätigte sich als Schneider. Vor Kriegsausbruch hatte er ein Haus mit Wirtschaftsgebäude erworben. Er musste Tag und Nacht arbeiten, um den Zahlungen nachzukommen.

In der Zwischenkriegszeit gab es in Südtirol zwar eine rege Bautätigkeit, technische Neuerungen in größerem Umfang hielten aber nur zögernd Einzug. Wenn in den Haupttälern auch schon Züge und Busse verkehrten, blieben abgelegene Dörfer und Berghöfe weiterhin ausschließlich zu Fuß oder mit Pferdefuhrwerk erreichbar. Nur äußerst wenig Leute auf dem Land konnten sich ein Auto anschaffen. Maschinen kamen in der Landwirtschaft nur in den Haupttälern und da vor allem im Etschtal zum Einsatz33. Die meisten Feld-, Stall- und Hausarbeiten wurden weiterhin traditionell von Hand erledigt, waren meist mühsam und langwierig und erforderten je nach Größe des Hofes ein großes Aufgebot an Arbeitskräften. Die Frauen kochten noch vielfach auf offenem Holzherd in einer Küche, die auch zum Selchen von Speck und Würsten diente. In vielen Häusern gab es noch kein fließendes Wasser, es musste beschwerlich außerhalb des Hauses geholt werden. Die Wäsche wurde auch im Winter im vereisten Bach geschwenkt. Ein Badezimmer war auf einem Hof eine Seltenheit, man wusch sich in der Küche. Zum Baden – was selten genug erfolgte – diente ein Waschzuber, das warme Wasser musste für mehrere Personen reichen. Beheizt waren im Winter nur die Küche und die Stube. Die Schlafräume waren eiskalt, vor allem in den Schlafräumen im Dachboden sank die Temperatur oft unter den Gefrierpunkt. Edith Genta über die bescheidene Ausstattung der Schlafräume: „Meine Schwester und ich haben in einem Zimmer auf Strohsäcken geschlafen. Wir haben immer vom Mais das Laub genommen, die anderen haben Stroh von Weizen oder Gerste benutzt. In der Mitte vom Sack war ein Schlitz, und da hat man das Stroh aufgelockert. Zum Zudecken hatten wir ein Federbett und eine Decke, der Polster war auch mit Federn. Als der Onkel, ein Schwager von der Mutter, im Haus war, hat er Matratzen für uns gemacht.“

„Das war ein Jubel“, erinnert sich Regina Walcher aus Eppan an den Anschluss an das Stromnetz. „Das elektrische Licht wurde am 21. Februar 1921 gemacht. Da brauchte es keine Petroleumlampe mehr mit dem Zylinder, den wir Kinder oft kaputt gemacht haben. Das war ein armseliges Licht.“ Auch wenn die Elektrifizierung der Haushalte bald nach dem Ende des Ersten Weltkrieges einsetzte, konnten es sich kaum jemand leisten, mit Strom betriebene Geräte anzuschaffen. Ein Radiogerät besaßen nur die wenigsten Familien.34 In den Häusern, wo es eines gab, versammelte sich die gesamte Nachbarschaft, um gemeinsam Sendungen anzuhören. Eine noch größere Rarität war das Grammophon, und über Telefon und Telegraphen verfügten nur die großen Gasthöfe.

Kleider stellten die Frauen noch vielfach in Handarbeit her, und sie waren keineswegs im Überfluss vorhanden. Während der Woche trugen Männer und Frauen Arbeitskleidung, die oft abgetragen und geflickt war. Dazu gehörte immer eine Schürze. Es war die Regel, dass kleinere Kinder die Kleidung der größeren auftrugen. Rebekka Rungg, nach dem frühen Tod der Mutter von einer Schwester des Vaters in Obhut genommen, bemängelt: „Die Tante hat auch nicht verstanden, dass sie uns etwas zum Anziehen besorgen sollte. Wir haben von der Mutter viele Kleider gehabt, dann hat sie die hergenommen und daraus Gewänder für uns machen lassen. Aber sonst hat es nichts gegeben.“ Kinder aus armen Familien wie Josefa Brunner aus Prad gingen noch barfuß zur Schule. Regina Walcher zum damals üblichen Schuhwerk: „Mit den Schuhen war es ganz schlimm. Statt der Schuhe hatten wir Holzknospen, die Sohle war aus Holz, der obere Teil aus ganz hartem Leder.“

Die traditionelle Tracht der jeweiligen Gegend hatte in diesen Jahren hohen Identitätswert für die deutsche Volksgruppe. Man zog sie zu festlichen Anlässen an. Mädchen und Frauen trugen die Haare zu Zöpfen geflochten und hochgesteckt. Modische Kleidung wurde vor allem von der älteren Generation und von der Kirche heftig abgelehnt, kurze Röcke, lackierte Fingernägel und Bubikopf galten als unanständig. In einer Anzeige der Dolomiten vom 18. März 1927 wurde ein verlässliches Hausmädchen für einen Südtiroler Haushalt ausdrücklich mit dem Hinweis „Bubikopf ausgeschlossen“ gesucht. Die Ablehnung ging so weit, dass Fürstbischof Johannes von Brixen in einem 1926 im Diözesanblatt veröffentlichten Hirtenbrief die Priester in den Pfarreien aufforderte, „bei Spendung der heiligen Kommunion jene Mädchen und Frauen zu übergehen, (…), deren Kleid nicht bis zur Halsgrube, deren Ärmel nicht über den Ellenbogen und deren Rock nicht über das Knie hinunter reichen“.35 Die neue Mode wurde auch als Mode der „Fremden“ und nicht zuletzt als italienisch identifiziert, weil es vor allem zugezogene Italienerinnen waren, die Modebewusstsein an den Tag legten. Ein Grund mehr, sich davon zu distanzieren.36 Auf diesen Umstand wies auch der oben zitierte Hirtenbrief hin: „Die heutige Frauenmode ist nicht auf unserem Boden gewachsen, die ‚Fremden‘ haben sie vielfach ins Land gebracht.“ Unter ‚Fremde‘ verstand man neben den zugezogenen Italienern auch die Feriengäste.

Die schwere körperliche Arbeit erforderte regelmäßige Mahlzeiten: Frühstück, Halbmittag, Mittag, Marende und Nachtmahl. Es war schwere Kost, die sich vor allem aus dem zusammensetzte, was selbst produziert wurde und in der jeweiligen Gegend gedieh: Milch und Milchprodukte, Eier, Mehl, Kartoffeln, Polenta, Speck und anderes Geselchtes sowie Gemüse und Obst aus eigenem Anbau. Geschlachtet wurde ein-, zweimal im Jahr, sodass nicht regelmäßig Fleisch auf den Tisch kam. Meist geschah das nur zu besonderen Anlässen und an Sonn- und Feiertagen. Zucker, Bohnenkaffee, Reis und andere Lebens- und Genussmittel, die man nicht selbst hatte, wurden dazugekauft, entsprechend sparsam ging man damit um. Anna Frank aus Schluderns genoss es, als sie in der Schweiz arbeitete, an Zucker und Süßspeisen zu kommen, denn „bei uns hat es nie so etwas gegeben“. Ob die vorhandenen Lebensmittel ausreichten, alle hungrigen Mäuler am Tisch zu stopfen, hing von der Größe der Hofstelle und der Anzahl der Familienmitglieder ab. Oft lebten auch Großeltern, kränkliche oder nicht arbeitsfähige Geschwister des Bauern oder der Bäuerin im Haus, die mitversorgt werden mussten.

Edith Genta beschreibt, was in ihrer Familie auf den Tisch kam: „In der Früh hat man Kaffee getrunken und Brot gegessen; wenn Polenta vom Vortag übrig geblieben ist, hat die Mutter diesen in Scheiben geschnitten und mit Butter geröstet, das war ganz gut, ein frischer Polenta war nie so gut. Man hat ihn auch in den Kaffee getan. Oder ‚Schmorrn‘ aus Omelettenteig, das hat man auch in der Früh oder auch zu Mittag gegessen. Wir Kinder haben immer Zucker draufgetan, die Großen haben zu Mittag etwas Saures, Salat oder Bohnen dazu gegessen. Mit dem Brot hat man immer gespart, weil man nicht viel Geld gehabt hat. Zur Jause hat man einen Apfel oder eine Birne mitbekommen. Wenn die Mutter gebacken hat, hat man ein Stückchen in Papier eingewickelt und zum Halbmittag in der Schule mitgenommen.“

Religiöse Rituale gehörten zum Alltag der bäuerlichen Bevölkerung. Mit Hilfe der Religion glaubte man den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen zu sein. Die Arbeit wurde zum Einnehmen der Mahlzeiten unterbrochen, aber auch zu gemeinsamen täglichen Gebeten. An den Sonntagen unterblieb die Feldarbeit, der Besuch der Frühmesse oder des Hochamtes war für alle verpflichtend. An den Messen, Vespern, Prozessionen und Bittgängen teilzunehmen, war nicht nur Pflicht, es bot auch die Gelegenheit sich zu zeigen, sich mit anderen zu treffen und den neuesten Tratsch aus dem Dorf zu erfahren. Höhepunkte während des Jahres waren die Feiertage wie Weihnachten und Ostern. Es waren die Tage, an denen es ausreichend zu essen gab, wo man zusammen feierte und manchmal auch Geschenke bekam.


Familie Terza in St. Vigil. Emma steht als Jüngste in der Mitte.


Bäuerin mit Tracht im Oberpustertal


Hedwig Wallnöfer vor dem Auto ihres Verlobten, eines Hoteliers aus Spondinig bei Prad. Autos waren in der Zwischenkriegszeit in Südtirol eine Seltenheit.

„An Kindersegen waren wir reich“

In der bäuerlichen Familie jener Zeit waren acht bis zwölf Kinder keine Seltenheit.37 In den Herkunftsfamilien der ehemaligen Dienstmädchen der ersten Wanderungswelle waren es im Schnitt sieben bis acht Kinder, was den Zusammenhang zwischen Migration und Kinderreichtum deutlich macht.38

Man sah in den Kindern einmal potentielle Arbeitskräfte, die am Hof gebraucht wurden, und potentielle Verdiener, die mit ihrem Lohn die Einkünfte der Familie aufbesserten. Grund für die hohe Kinderzahl war aber auch die mangelnde Aufklärung und vor allem die religiöse Einstellung. Die Kirche verpflichtete die Eheleute zum „Kinderkriegen“, und die Pfarrer übten in ihren Predigten oft erheblichen Druck auf die Frauen aus, indem man ihnen klar machte, dass das Gebären eine von Gott vorgegebene weibliche Pflicht sei. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Frauen den ständigen Schwangerschaften gewachsen waren und die vielen Kinder versorgen konnten.39

Regina Walcher stammt aus einer Familie mit zwölf Kindern: „An Kindersegen waren wir reich. Fast jedes Jahr, als das Letzte aus der Wiege kam, war schon das Nächste da, sodass die Mutter oft nicht wusste, wohin damit. Mein Vater nahm da keine Rücksicht. Er hätte sich doch denken müssen, dass das nicht so weitergehen kann. Meine Mutter war eine sehr christliche Frau, sodass sie mit viel Gottvertrauen alles nahm, wie es kam.“ Die Mutter Kreszenzia Mairs hatte in zwölf Jahren dreizehn Kinder. In der Familie von Maria Girardi waren es sogar achtzehn Kinder: „Wir waren acht Buben und zehn Mädchen. Die Mutter hat auch noch zwei Fehlgeburten gehabt. Ich war die Neunte, genau in der Mitte. Einige Kinder sind auch schon früh gestorben. Bei uns hat es immer geheißen: ‚Wenn wir ein gutes Wimmet[Weinlese A. d. V.] machen, dann kaufen wir noch ein Poppele.‘ Das war der Diskurs. Im nächsten Jahr hat es alles verhagelt, und dann sind Zwillinge gekommen. So war es.“

Die Frauen brachten in der Regel ihre Kinder zu Hause zur Welt, eine Hebamme versorgte die Gebärende und das Kind. Trotz medizinischer Fortschritte war die Versorgung in den abgelegenen Tälern nicht immer gewährleistet und das Leben der Mütter oft gefährdet. Das war auch bei der Mutter von Regina Walcher der Fall: „Ich bin 1911 geboren, und bei meiner Geburt ist die Mutter fast gestorben, weil sie so viel Blut verloren hat. Aber sie hatte Glück und wurde wieder gesund. Der Kindersegen ging aber trotzdem gleich weiter.“

Die Säuglings- und Kindersterblichkeit ging nach dem Ersten Weltkrieg zwar allgemein zurück40, trotzdem gab es noch viele Todesfälle. In der Familie von Edith Genta überlebten von acht Kindern nur vier: „Wir waren acht Kinder, vier Mädchen und vier Buben, davon sind vier gestorben. Zwei Anna und zwei Bruno sind gestorben, als sie noch klein waren. Wenn die Kinder mehrere Tage gelebt haben, sind sie aufgebahrt worden. Vom Widum aus hat es weiße Kleidchen gegeben und einen kleinen Kranz, es ist einem vorgekommen, als ob sie nur schliefen. Man hat sie aufgebahrt, dann sind viele Leute gekommen, am dritten Tag war das Begräbnis. Früher sind viele Kinder gestorben. Die Frauen haben schinden müssen. Auf offenem Herd haben sie gekocht. Sie haben zu Hause die ganze Arbeit machen müssen und auch noch aufs Feld gehen.“

Bäuerliche Familien hatten im Durchschnitt sieben bis acht Kinder. Viele starben schon im Kleinkindalter.

Erziehung zur Arbeit

Der Hof war Arbeitsplatz für die Familie, gleichzeitig bot er ihr ein sicheres Dach über dem Kopf. Als Inhaber war der Bauer „Herr“ im eigenen Haus. Jedes Familienmitglied war aufgefordert, nicht nur fürs Überleben sondern auch für den Fortbestand des Hofes zu arbeiten. Vor allem auf den so genannten geschlossenen Höfen, wo der gesamte Besitz einem Erben zufiel, war der Erhalt des Hofes ein großes Anliegen. Der Verlust desselben bedeutete auch Verlust der „Heimat“, und diese galt es mit allen Mitteln zu erhalten.

Die täglich und jahreszeitlich anfallenden bäuerlichen Arbeiten ließen keinen Aufschub zu. Um nicht Verluste in Kauf zu nehmen, musste jeder zur gegebenen Zeit präsent sein und mit vollen Kräften mitarbeiten. Es gab keine festen Arbeitszeiten: Wenn das Heu einzubringen war, arbeitete man auch bis spät in die Nacht. Arbeit war zentraler Bestandteil des bäuerlichen Lebens – es war unverzichtbar, auch die Kinder in die Arbeit mit einzubeziehen. Helena Blaas erinnert sich an die Unerbittlichkeit ihres Vaters: „Wir durften nie Karten spielen, nur stricken. Er wollte, dass immer gearbeitet wird.“ Elisabeth Fleisch schreibt am Beispiel des Bergdorfes Lappach über Kindheit und Jugend in einer Bauernfamilie: „Erinnerungen an Kindheit und Jugend sind Erinnerungen an Arbeit, an Druck und ‚Zwang‘, wobei es sich gar nicht um äußerlichen handeln musste. Vielmehr übte das ‚Gewissen‘ auf die Arbeitshaltung des Kindes und Jugendlichen unheimlichen Druck aus, dies ganz besonders, wenn man Kind einer der ärmeren Familien war, deren Existenzsicherung manches Mal nicht das Nötigste gewährleistete.“41 Kinder mussten bereits mit drei oder vier Jahren erste Arbeitsaufträge ausführen, etwa Brennholz für die Küche holen, die Jausen für die Arbeitenden aufs Feld bringen, Vieh hüten und andere kleinere Dienste übernehmen.

Regina Walcher erinnert sich: „Im Sommer, wenn keine Schule war, musste ich am Vormittag und am Nachmittag je drei Stunden die Kühe am Seil hüten. Das war oft sehr langweilig. Und nebenbei musste ich auch noch für die Männer Socken aus Schafwolle stricken. Wenn die Kühe am Seil rissen, sind mir die Maschen von der Nadel gefallen, und es war so schwer sie wieder aufzufassen. Wenn ich dann nicht viel gestrickt hatte, wurde ich ausgeschimpft. Während des Hütens habe ich oft gepfiffen, und da hieß es, Mädchen, die pfeifen, kommen in die Hölle. Da war mir schon das Singen vergangen, und jetzt war mir das Pfeifen auch nicht vergönnt.“

Bei der Zuweisung der Arbeit auf dem Hof gab es eine klare geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Es gab „Frauenarbeiten“ und „Männerarbeiten“. Kindern wurden die Arbeiten nach Alter zugewiesen. Es gab aber auch entsprechend der traditionellen Zuständigkeit der Frauen für Familie und Hausarbeit solche, für die nur Mädchen zuständig waren. Sie halfen beim Kochen und Putzen, hüteten kleine Kinder, sie strickten und stopften. Es waren Arbeiten, die wenig geschätzt wurden. Rebekka Rungg erinnert sich an diese Nichtachtung der Hausarbeit mit deutlich hörbarer Verärgerung: „Es hat immer geheißen, Hausarbeit bringt nichts, zum Beispiel wenn wir einmal die Küche putzen wollten, da hat der Vater gesagt, das bringt nichts, ihr sollt auf dem Feld arbeiten. Der Vater hatte dafür kein Verständnis.“ Der Vater und die Brüder erledigten nur die „wichtigen“ Arbeiten auf dem Feld.

Strafen wie Schläge und Essensentzug betrachtete man als legitimes Erziehungsmittel, um die Kinder gefügig zu machen und zum Gehorsam zu zwingen. Weil Regina vergaß, nach der Schule das Brot vom Bäcker mit auf den Hof zu nehmen, wurde ihr das Mittagessen vorenthalten. „Ich musste sofort wieder ins Dorf zurück, ohne etwas zu essen, und als ich mit dem Brot zurückgekommen bin, musste ich schon wieder in die Schule gehen, ohne etwas gegessen zu haben. So hat man früher die Kinder bestraft.“

Widersprüche oder Eigeninitiative waren nicht erwünscht. Als Regina Walcher, die von den Eltern zu einem Bruder des Vaters gegeben wurde, zu Schulbeginn weder Heft noch Schreibwerkzeug hatte, beschloss sie kurzerhand im Geschäft, wo auch der Vater einkaufte, zu holen, was sie brauchte und es anschreiben zu lassen. Mit fatalen Folgen: „Eines Abends kam dann mein Vater zu diesem Onkel. Ich wunderte mich, weil sonst der Vater nie zu seinem Bruder kam. Wir saßen in der Küche, und der Vater sagte: ‚Regina, bring mir ein Heft und einen Bleistift.‘ Ich brachte es ihm und er fing an zu schreiben. Dann sagte er, er hätte etwas falsch geschrieben, ob ich einen Radiergummi hätte. Da brachte ich auch den Radiergummi. Er hat mich dann gefragt, woher ich diese Sachen hätte, und ich musste es ihm freilich erzählen. Da zog der Vater einen Stock heraus und schlug mit einem Zorn auf mich ein.“ Drei Tage verkroch sich Regina aus Angst auf dem Heuboden. An Körper und Seele verletzt blieb sie dort, ohne zu essen, bis ein Knecht sie fand.

In ihren Erinnerungen tauchen öfter Erzählungen über Aufmüpfigkeit gegenüber dem strengen Vater auf. Als sie und ihre Schwester sich vom ersten selbst verdienten Geld – sie war zwölf, dreizehn Jahre alt – neue Schuhe kauften, hielten sie das vor ihrem Vater geheim: „Damals waren die ersten Halbschuhe in Mode, denn früher hatte man hohe Riemenschuhe. Jetzt wollten wir auch einmal etwas Besseres und Schöneres und haben uns Schuhe gekauft. Wir haben uns dann Halbschuhe ausgesucht, die vorne eine Lackkappe hatten. Wir sind ganz glücklich nach Hause gegangen, und die Mutter war mit dem Kauf auch einverstanden. Dann kam der Sonntag, und wir waren natürlich stolz, dass wir so schöne Schuhe anziehen konnten. Wir hatten aber Angst, dass wenn der Vater die schönen Schuhe sieht, wir sie womöglich wieder ausziehen müssen. Also sind wir in die Holzhütte gegangen und haben dort etwas Erde draufgestreut, damit der Vater den Glanz der neuen Schuhe nicht sieht. Vor der Kirche haben wir dann den Staub weggewischt, denn die anderen sollten ja sehen, was für schöne Schuhe wir hatten.“

Die Kinder wurden durch die Anforderungen, die man an sie stellte, früh genug erwachsen. Sie internalisierten die Pflicht zur Arbeit so sehr, dass sie sich manchmal selbst abverlangten, was sonst ein Erwachsener leistete. „Ich habe immer großgetan, ich könne arbeiten und war nur klein und schwach, aber ich wollte es denen zeigen, was ich kann“, erzählt Helena Blaas.

Für die meisten der ehemaligen Dienstmädchen war Arbeit schon in der Kindheit selbstverständlich. Sie fühlten sich verpflichtet mitzuarbeiten und nahmen es auch widerspruchslos hin, wenn man sie im Sommer auswärts in Dienst schickte.

Trotz nie endender Arbeit und ständig präsenter Armut behielten einige Frauen ihre Jugend trotzdem in guter Erinnerung. Maria Girardi: „Wir waren eine glückliche Familie, arm, aber glücklich. Die Eltern waren sehr gut, sie haben sich sehr gesorgt um uns Kinder. Wir wurden nie geschlagen.“

Im Dienst bei einem Bauern

In den kinderreichen Familien war es Aufgabe der älteren Geschwister, die jüngeren zu versorgen und zu hüten. Kamen mehr und mehr Kinder dazu, übernahmen die Kleineren die Arbeiten der Älteren. Diese mussten schwerere Arbeiten übernehmen oder auswärts in Dienst gehen. Buben wie Mädchen machten oft schon sehr früh ihre ersten Arbeitserfahrungen außerhalb der Familie. Helena Blaas aus St. Valentin erinnert sich: „Mit vierzehn Jahren bin ich ausgeschult. In Dienst bin ich schon vorher gegangen, damit ich wenigstens im Sommer von der Schüssel gekommen bin. Ich war auf dem Reschen, in Graun und in Eyrs. Beim ersten Mal war ich elf Jahre alt. Ich war immer bei Bauern. Ich bin überall gern gewesen. Aber mit dem Essen bin ich schon verhungert. Ich habe für den ganzen Sommer 60 Lire bekommen, sonst nichts, aber das hat der Vater bekommen, nicht ich.“

Im oberen Vinschgau war die sommerliche Kinderarbeit besonders verbreitet. Die saisonalen Wanderungen der so genannten Schwabenkinder hörten nach dem Ersten Weltkrieg zwar auf, die Kinder wurden nun wieder mehr in den Dienst zu Bauern in der näheren Umgebung geschickt, die Arbeitsbedingungen besserten sich deswegen aber nicht. Solange die Kinder noch zur Schule gingen, beschränkte sich die Dienstzeit meist nur auf die Sommermonate.

Der Wechsel vom vertrauten Elternhaus in einen fremden Haushalt fiel den Kindern sehr schwer, wie Maria Blaas aus St. Valentin erzählt: „Ich war noch nicht vierzehn, da musste ich in Sulden Hütermadl beim Zischg machen. Die Mutter hat alle meine Sachen in einem Kopftuch gehabt. Wir sind zu Fuß nach Sulden und waren einen ganzen Tag unterwegs. Als die Mutter zurück nach Hause ist, habe ich ihr nachgeschaut, bis ich den letzten Zipfel von ihr gesehen habe.“

Da die Kinder noch keine feste Position auf dem fremden Hof innehatten, konnten sie sich gegen Übergriffe kaum zur Wehr setzen; von den Eltern erfuhren sie nur in den seltensten Fällen Schutz. Man erwartete von den Kindern absolute Anpassung, ein Verlassen der Dienstorte kam nicht in Frage. Das wäre ein Eingeständnis dafür gewesen, dass das Kind nicht zur Arbeit tauge. Hinter der Härte der Eltern stand auch die Überzeugung, Kinder würden erst in der Fremde das Arbeiten richtig erlernen.

So beuteten die Arbeitgeber Kinder ungestraft aus. „Als ich elf Jahre alt war“, erzählt Anna Frank aus Schluderns, „hat man mich im Sommer bei einem Bauern als Kindermädchen verdungen. Aber da waren fünf Kinder, und die Älteste war genauso alt wie ich. Werktags musste ich mit den Kühen gehen, und am Sonntag musste ich auch hüten, ich konnte nicht Kindermädchen machen. Wenn sonst nichts zu tun war, musste ich Laub sammeln. Ich bin ausgenutzt worden. Ich hab ein Kleid bekommen und das Essen. Zum Essen hat man mich erst gerufen, wenn die fünf Kinder gegessen hatten, und so musste ich schauen, dass ich ein paar Löffel bekommen habe. Es war sehr hart.“

Antonia Saurer erinnert sich daran, wie viele schwere Arbeiten man ihr zumutete: „Mit zwölf, dreizehn Jahren war ich in Matsch bei einem Bauern. Da musste ich die ganze Hausarbeit machen, es waren zwei oder drei Kinder, die ich versorgen musste. Und die Bauersleute waren oft den ganzen Tag weg auf dem Feld. Es war zu weit weg, sodass sie zum Mittagessen oft nicht nach Hause gekommen sind. Dann war noch ein alter Mensch, den habe ich auch versorgen müssen. Ich habe auch die Wäsche gemacht, die Böden im ganzen Haus habe ich geputzt, gekocht habe ich, die Schweine gefüttert, da musste ich das Futter ein gutes Stück tragen, das Wasser habe ich ein Stück zum Haus tragen müssen, mit einem Schaff voller Wäsche habe ich zum Brunnen gehen müssen, auch der war etliche Meter vom Haus entfernt, ich weiß nicht, wie ich das mit dem Alter geschafft habe.“

Obwohl Helena Blaas nicht genügend zu essen bekam, wagte sie es nicht, sich ein Stückchen Brot zu nehmen: „Es hat immer zu Hause geheißen ‚ehrlich sein‘ und so habe ich mich nicht getraut – vor lauter Ehrlichkeit. Man darf ja nicht stehlen.“

In Stilfs, einem kleinen Dorf in steiler Hanglage über dem Eingang des Suldentales, waren die Lebensbedingungen besonders hart. Anna Pinggera arbeitete dort mit zwölf Jahren im Sommer auf einem Bauernhof, obwohl sie, wie sie sagt, ein schwächliches Kind war. „Dort waren drei Kinder, die auch auf dem Feld arbeiten mussten. Ich musste mir meine Kleider für die Schule verdienen. Der Vater war in den Schweizer Bergen als Hirt, und die Mutter hat in einem Hotel in Trafoi als Waschfrau gearbeitet. Auch zwei Brüder haben bei Bauern gearbeitet, und die jüngeren Geschwister waren bei Tanten untergebracht. Die Leute auf dem Hof waren sehr nett, aber ich musste viel arbeiten. Manchmal war ich so müde, dass ich das Bett nass machte. Das war nur ein Strohsack, der nie trocknete, aber die Leute haben deswegen nie geschimpft mit mir.“ Ihre Schwester hatte es etwas leichter, sie kam schon als kleines Mädchen zu einer Tante. „Sie hatte es dort schön, hatte genug zu essen und auch immer schöne Kleider“, erzählt Anna.

Maria Erlacher, Jahrgang 1916, wuchs im damals abgelegenen St. Vigil in Enneberg auf. Bis zum vierzehnten Lebensjahr arbeitete sie auf dem kleinen Hof ihrer Eltern mit und beaufsichtigte die jüngeren ihrer sieben Geschwister. Nach Beendigung der Schulpflicht brachte ihre Mutter sie nach Sand in Taufers zu einem Großbauern: „Es war November, und wir sind mit dem Zug nach Sand in Taufers gefahren. Eigentlich hab ich mich gefreut, ich war ja neugierig, wo das war. In Sand hat der Knecht mit seiner Tochter, die war zwei Jahre jünger als ich, auf uns am Bahnhof gewartet. Vier Stunden sind wir dann bergauf marschiert, die Mutter ist mitgegangen. Sie hat auch oben am Hof geschlafen, und am nächsten Tag da war sie schon ganz verzagt. Sie hat auch geweint, ja ich bin ja grad erst ausgeschult gewesen, ich glaub, es war nicht leicht für sie.“ Maria musste hart arbeiten: „Vor dem Haus hab ich waschen müssen, ganz allein. Es lag eineinhalb Meter Schnee, ich hab halt geweint, weil es so kalt war. Die Bäuerin, die war wirklich sehr herzlos.“ Ein Maresciallo von der Finanzwache beobachtete sie beim Waschen in der Eiseskälte. Er war entsetzt: „Er hat gefragt: ‚Ma ragazza, che cosa fai?‘42 Ich konnte ja gut Italienisch sprechen, weil ich aus St. Vigil bin. ‚Lavare‘43, hab ich gesagt. ‚Ma come lavare con questo tempo?‘44, hat er dann gefragt. Ich hab ihm gesagt, dass ich von St. Vigil bin und er hat dann gefragt: ‚Ma, come, non vai a casa?‘45 ‚Ma io non so come fare. C’è tanta neve e nessuno va giù. E poi non mi portano giù‘46, hab ich geantwortet. ‚Aspetta, che parlo io‘47, hat er dann gesagt, und der Maresciallo hat mit dem Sohn vom Bauern gesprochen, und am Samstag konnte ich mitfahren, mit einem Knecht nach Taufers zum Einkaufen.“ Von da aus kehrte sie eigenständig nach St. Vigil zurück.

Johanna Tschurtschenthaler aus Sexten, Jahrgang 1931, musste von acht bis zwölf Jahren im Sommer bei einem Bauern arbeiten: „Verwöhnt war man nicht, mit allem war man zufrieden, und die Mutter war froh, wenn man in der Kost gewesen ist. So war wieder einer vom Tisch. Auch alle anderen Geschwister sind in Kost gegangen, das eine da, das andere dort.“

Regina Walcher musste das ganze Jahr beim Bruder des Vaters bleiben: „Als ich in den Kindergarten ging, war ich immer sehr lustig und kam oft singend nach Hause, sodass die Mutter einmal sagte: ‚Du wirst wohl eine Chorsängerin werden.‘ Dieses Singen ist mir aber dann vergangen, als ich mit sieben, acht Jahren zu einem Onkel gebracht wurde, der schon zwei erwachsene Kinder hatte. Der wohnte weiter weg, und der Schulweg wurde für mich viel weiter. Ich hatte dort eine dunkle Kammer ohne Fenster – ich hatte fast Angst dort zu schlafen. Meine langen Haare musste ich jetzt immer selber kämmen. Zu Hause hat mich die Mutter oder eine der älteren Schwestern gekämmt. Dann hatte ich einmal auch noch Läuse am Kopf, und ich getraute mich aber nichts zu sagen. Ich musste mich immer kratzen und bekam am Kopf eine ganz harte Kruste. Da ging ich dann doch zu meiner Mutter und erzählte ihr mein Elend. Meine Mutter sah meinen Kopf voller Läuse und Nissen und schnitt mir mit einer Schere gleich eine Glatze heraus.“

Vereinzelt gab es Beschäftigungen für Mädchen, die angenehmer waren als die Arbeit zu Hause oder auf einem fremden Hof. In Mals konnten Kinder schon ab zehn Jahren in einem ‚Pflanzgarten‘48 arbeiten. Davon erzählte Ida Noggler oft ihren Kindern: „Für die Mädchen war es eine Freude dorthin zu gehen, da gab es nämlich eine kleine Hütte, da konnten sie sich ein Spiegelei machen, das Ei bekamen sie von zu Hause mit. Daheim hätten sie sich das nicht machen können. Ein Ei hat man nur zu besonderen Anlässen bekommen, aber wenn ich zum Jäten in den Pflanzgarten gegangen bin, hat die Mutter mir immer ein Ei mitgegeben.“

Regina Walcher und ihre Schwester kamen mit Sammeln von Waldbeeren zu etwas eigenem Geld: „Mit zwölf, dreizehn Jahren wollten wir auch einmal etwas verdienen und sind in den Wald hinauf zum Himbeerenpflücken. Da musste man schon um vier Uhr früh aufstehen, den Rucksack mit einem Kübel drin und etwas zu essen hat uns die Mutter mitgegeben. Wir mussten zwei Stunden immer bergauf gehen, bis auf fast 2000 m. Bei den Himbeeren waren wir dann auch nicht allein. Da waren schon andere vor uns da, die sich auch besser auskannten. Aber bis zum Abend hatten wir dann doch den Eimer voll. Beim Heimgehen tat uns dann der Rücken weh, und vom vielen Schütteln war der ganze Kübel voll Saft. Am nächsten Tag hat die Mutter die Himbeeren verkauft. Es war für sie nicht leicht, sie hat fast betteln müssen, die Himbeeren loszuwerden.“

Kinderarbeit am Hof war eine Selbstverständlichkeit

Anna Tschurtschenthaler, als 10-Jährige im Dienst in Sexten, hier mit der Bäuerin, 1941

„Viel gelernt haben wir nicht“ – Schulerfahrungen

Für Spiele blieb den Kindern bei der Fülle an Arbeiten, die man ihnen zuwies, wenig Zeit; da war die Schule oft eine Erholung für die Kinder. Der lange Schulweg verschaffte den Kindern Freiräume, in denen die Aufsicht der Erwachsenen wegfiel.

In der bäuerlichen Welt, in der vor allem die Arbeit auf dem Hof zählte, nahm die Schule jedoch keinen besonderen Stellenwert ein. So schickte man die Kinder im Herbst erst zur Schule, wenn die Ernte abgeschlossen war, und als im Frühjahr erneut die Arbeiten auf dem Feld losgingen, behielt man sie zu Hause. Daran änderte sich auch wenig, als der italienische Staat Geldstrafen für unentschuldigtes Fernbleiben vorschrieb; der Betrag war geringfügig und wurde selten eingefordert. Die Kinder besuchten auch nicht immer die vorgesehenen acht Pflichtschuljahre. Hedwig Platter aus Tanas verließ die Schule nach sieben Jahren: „Ich war immer in Dienst bei den verschiedenen Bauern. Mit zwölf Jahren bin ich auf den Schlanderser Sonnenberg gekommen und hab dort gearbeitet. Ich bin dort noch einen Winter in die Schule gegangen, und dann hat der Bauer ein Gesuch gemacht, dass ich das letzte Jahr nicht mehr zu gehen brauche. Ich hätte bis 14 in die Schule gehen müssen. Aber da hat es geheißen, jetzt kann sie schon daheim bleiben.“ Auch Sofia Höchenberger sollte die Schule früher verlassen: „Die Mutter wollte ein Gesuch machen, damit ich früher aus der Schule gehen konnte.“ Johanna Wallnöfer, deren Schwestern bereits mit acht, neun Jahren in den Dienst zu Bauern mussten, weiß von einer ihrer Schwestern, dass sie das Schreiben nie richtig erlernt hat: „Die Frieda hat eine schlechte Schulbildung gehabt, deshalb hat sie auch nie geschrieben.“ Anna Frank verließ die Schule, sobald sie vierzehn war, das Schuljahr war noch nicht zu Ende.

Bei Regina Walcher hinterließ die Schulzeit bittere Erinnerungen: „Ich hatte ja nur die Volksschule besucht, und daheim wurde uns bei den Aufgaben auch nie geholfen, denn die Mutter hatte keine Zeit, und der Vater hatte schon gar kein Interesse. Man war mit uns Kindern in der Schule sehr streng, denn wir konnten der Lehrerin keine Butterknollen oder Eier bringen. Da ging es oft recht ungerecht her, und wir konnten ja nichts dafür, dass wir arm waren.“

Die Geringschätzung der Schule verstärkte sich noch durch deren Italianisierung ab Mitte der 20er Jahre49. Anna Frank, Jahrgang 1916: „Ich habe das erste Schuljahr noch Italienisch50 und Deutsch gehabt, dann nur mehr Italienisch. Ich war auch in der Katakombenschule. Da war eine Lehrerin, bei ihr zu Hause sind wir zusammengekommen. Deren Mutter hatte Angst vor der Polizei, und sie hat immer geschimpft. Als Kind hat man das nicht so verstanden, die Mutter hat sich zwar immer aufgeregt, aber wir haben das nicht so ernst genommen und keine Angst gehabt. Die Buben haben die italienischen Lehrerinnen ausgespottet. Man hat auch nicht besonders viel gelernt. Es war ein Italienerhass da, und das haben die Kinder gespürt, und so war kein Interesse da zu lernen. In der Katakombenschule hat man auch nicht richtig gelernt. Da wurde vor allem vom Deutschtum gesprochen.“ Auch bei Adele Pamer aus Gossensaß machten die Eltern aus ihrer Abneigung kein Hehl: „Ich bin ja noch deutsche Schule gegangen. Da hat es dann schon eine Stunde Italienisch gegeben, aber da hat man nicht viel gelernt. Und daheim hat es auch geheißen, das walsche Glump muss man nicht lernen. Die Italiener hat man nicht gemocht.“ Die Kinder selbst konnten sich nur schwerlich der Indoktrinierung mit faschistischen Ideologien durch die italienischen Lehrer entziehen.

Der Alltag in der Schule hatte jedoch auch seine positiven Seiten. Die Kinder schätzten die Aufmerksamkeit und die menschliche Wärme von Seiten einiger italienischer Lehrer/innen. Vor allem für Kinder aus ärmeren Familien waren die Geschenke, die sie zu bestimmten Anlässen erhielten, von besonderer Bedeutung. Hedwig Platter: „Ich bin immer in die italienische Schule gegangen. Eine Lehrerin war besonders gut. Die war aus Trient und hat die Kinder so gut verstanden. Die ist dann aber nicht mehr gekommen. Ich bin immer gerne in die Schule gegangen, habe auch recht gut gelernt. Aber ich habe schon auch eingesehen, dass die Mutter meinen Verdienst braucht. Einmal habe ich auch einen Preis bekommen in der Schule, weil ich gut gelernt habe, und die Lehrerin hat zu mir gesagt, dass ich das Italienische nie vergessen werde.“ Maria Ortler aus Prad erzählt nicht ohne Stolz, dass sie sehr gut in der Schule war und dass eine Lehrerin sie besonders förderte. Bei einem Wettbewerb schrieb sie den besten Aufsatz und durfte als Preis an einer Fahrt nach Rom teilnehmen.51

Die Lehrer/innen waren über den Unterricht hinaus mit der Aufgabe betraut, Buben und Mädchen in die nach Alter und Geschlecht unterteilten faschistischen Jugendorganisationen der „Opera Nazionale Balilla“ auch gegen den Widerstand der Eltern einzubinden. Die Mitgliedschaft brachte einige Vorteile: Gratisschulbücher, Schulausspeisung, Geschenke, Kleidung, verschiedenste Freizeitangebote und die Möglichkeit der Teilnahme an Feriencamps am Meer und am Berg. Viele Mädchen fanden Gefallen an der Uniform, bestehend aus einer weißen Bluse und einem schwarzen Rock. Über die materiellen Begünstigungen hinaus war die faschistische Jugendpolitik auch durch ihren innovativen Charakter attraktiv. „In diesen Organisationen boten sich offenbar außergewöhnliche, und für Mädchen zum ersten Mal, ‚Emanzipationsmöglichkeiten‘ außerhalb von Familie und Kirche an.“52

Die vor 1920 geborenen Frauen genossen zum Teil keinen oder nur in den letzten Schuljahren ausschließlich italienischen Unterricht. Sie erwähnen auch keine Mitgliedschaft bei einer faschistischen Organisation. Zwar gab es die Gruppe der „Giovani italiane“ für die 14- bis 18-Jährigen, doch scheint die Balilla nach dem Schulaustritt keine besondere Bedeutung und auch keinen Platz mehr im Arbeitsalltag gehabt zu haben. In Laas, so erzählt Berta Tappeiner, Jahrgang 1911, wurden für interessierte Jugendliche und Erwachsene in Abendkursen Italienischunterricht angeboten: „Da war ein Lehrer aus Trient. Da konnten die, die ausgeschult waren oder Interesse hatten, Italienisch lernen. Der Lehrer konnte auch Deutsch, deshalb ist es leichter gegangen. Wir haben auch Interesse gehabt.“

Katholische Mädchenerziehung

In Südtirol machte sich in der Zwischenkriegszeit eine erste Entkirchlichung des Alltags bemerkbar. Vor allem in den Städten nahm die Teilnahme an Gottesdiensten ab, die Jugendlichen nahmen die von den faschistischen Organisationen angebotenen Freizeitangebote wahr, sportliche Betätigungen wurden immer beliebter. Touristen und zugezogene Italiener bestärkten die Jugend in ihrer Suche nach einer freieren Lebensgestaltung. Die Kirche beharrte auf einem sehr restriktiven Sittenkodex und verurteilte jede Lockerung des Lebenswandels scharf. Um wieder mehr Durchschlagskraft zu gewinnen, belebte und organisierte sie kirchliche Verbände und Vereine neu und passte sie den Bedürfnissen der Zeit an, die Laienbewegungen und kirchlichen Verbände schlossen sich in der Katholischen Aktion53 zusammen. In Hirtenbriefen forderten die jeweiligen Brixner Bischöfe die Bevölkerung der Diözese zur religiösen Lebensweise und zur Einhaltung katholischer Glaubens- und Verhaltensregeln auf. Das 1927 gegründete Katholische Sonntagsblatt entwickelte sich neben anderen katholischen Zeitschriften zum wichtigsten Sprachrohr der Kirche. Indirekt setzte die Kirche damit auch Maßnahmen zur Erhaltung des Deutschtums.

Die wichtigste Zielgruppe moralischer Zurechtweisungen und Vorgaben der Kirche waren die Mädchen und Frauen. Hauptkritikpunkt war neben der modischen Kleidung der Umgang mit dem männlichen Geschlecht. „Verfehlungen“, wie voreheliche sexuelle Kontakte oder uneheliche Kinder, schrieb man allein dem unsittlichen Verhalten der Mädchen zu. „Solange Gottesfurcht in unserem Lande war, gab es eine sittsame und vielfach auch eine schöne, kleidsame Tracht. (…) und die männliche Jugend war gegen tausend Gefahren gefeit. (…) Darum, Landvolk bleib treu dem Kleid der Demut und Zucht!“, heißt es in dem schon zitierten Hirtenbrief „Über die unwürdige Frauenkleidung“ von 1926. Mädchen und Frauen waren aufgefordert, den christlichen Frauenorganisationen wie dem katholischen Mädchenverband und der Marianischen Kongregation beizutreten.54 Wiederholte und forcierte Appelle sollten verhindern, dass eine freizügigere Lebensweise den katholischen Sittenkodex und die Institution der Familie, der in der Aufrechterhaltung kirchlicher Macht eine grundlegende Rolle zukam, in Frage stellte. Jede engere Verbindung mit einem Mann, so schrieb Bruder Reinhart im Sonntagsblatt unter der Rubrik „Lebenskunde für unsere Mädchen“, war nur erlaubt, wenn „beiderseitige Absicht und beiderseitige Aussicht auf eine den Umständen entsprechend baldige Verehelichung“ dahinterstand.55

Dass nicht alle die Ermahnungen der Kirche ernst nahmen, bestätigen die Erzählungen von Helena Blaas. Sie arbeitete 14-jährig in einem Wirtshaus in Eyrs: „Es waren noch Knechte und Mägde angestellt, jede Menge. Die Wirtsleute waren geizig und bigott, alle Tage mussten wir in die Kirche, und es durfte keine Liebe geben. Aber die Mägde und Knechte sind doch heimlich auf den Heuboden gegangen.“

Nicht wenige deutschsprachige Mädchen gingen Liebesbeziehungen mit Carabinieri, Finanzieri oder Postangestellten ein.56 Die italienischen Beamten wirkten als Repräsentanten eines städtischen, moderneren Lebens, ihre verfeinerten Umgangsformen konkurrierten mit den in den Dörfern üblichen. Sie galten auf Grund ihres Beamtenstatus als attraktive Heiratskandidaten, verhießen sie doch den Mädchen ein Entkommen aus der engen bäuerlichen Welt. Maria Blaas lernte mit 20 Jahren einen Finanzbeamten kennen: „Er war ein ganz feiner. Ich hätte ihn schon geheiratet.“ Dieser Verheiratung stand nicht nur der Umstand im Wege, dass ein Finanzbeamter erst heiraten durfte, nachdem er für den Austritt aus seinem Amt eine Ablösesumme bezahlte. Auch die Familie war gegen diese Beziehung. Sie endete schließlich, als der Finanziere nach Afrika versetzt wurde. Maria ließ er schwanger zurück. Die Familie und die Leute im Heimatdorf begegneten ihr mit Ablehnung. Beim Kirchbesuch musste sie in den hinteren Reihen bleiben und durfte auch nicht mehr die Kommunion empfangen. Sie hatte gegen die Sittlichkeit verstoßen, sich gleichzeitig mit einem offiziellen Feind eingelassen und damit Verrat an der deutschen Volksgruppe begangen.

Rebekka Rungg begann eine Liebschaft mit einem Carabiniere: „In Prad habe ich einen Carabiniere kennen gelernt, der hat mich eingefädelt, es war meine große Liebe und da habe ich eine Tochter bekommen. Ich war 22 Jahre alt. Aber aus dem Heiraten ist nichts geworden, der hat immer nur viel versprochen und nichts gehalten.“

Maria Obwexer aus Lajen war Mutter von zwei unehelichen Töchtern, einer der Väter war ein Einheimischer: „Der Vater der ersten Tochter war ein Holzhändler aus dem Fleimstal, der hat mit seinen Schwestern in St. Peter gewohnt und mit meinem Vater geschäftlich zu tun gehabt. Und der Vater der anderen Tochter war ein Schuster aus St. Peter. Der hat damit gerechnet, dass ich den Hof bekomme, und als ich den dann doch nicht bekommen habe, wollte er nichts mehr wissen. So geht es im Leben.“

Mit Androhung göttlicher Strafen versuchte die Kirche die Mädchen von solchen „Verfehlungen“ abzuhalten. Im Katholischen Sonntagsblatt vom 2. März 1935 erschien in der Rubrik „Lebenskunde für Mädchen“ ein Artikel mit dem Titel „Entweiht“. Dort heißt es unter anderem.: „Du weißt wohl, dass man kostbare Himmelsgeschenke, wie erste Unschuld, Jungfräulichkeit, nur einmal im Leben verlieren kann, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man sie nicht zurückerhält, wenn sie dahin sind.“ Erfolgt „die aufrichtige Umkehr“ sofort, so werden alle bisher verdienten „Ewigkeitswerte“ wieder zurückgegeben. „Fährst du aber in der Sünde weiter, so schmiedest du dich mit eisernen Gewohnheitsketten an sie, und nur ein Gnadenwunder kann dich zurückbringen auf den rechten Weg. (…) Und sollte dieses Wunder wirklich an dir geschehen, so wird dir das Friedenssakrament zwar die Sünde wegnehmen, aber an vielen üblen Folgen wirst du tragen müssen, vielleicht bis an dein Ende: schwere sittliche Kämpfe, unwiederbringlich verlorene Lebenszeit, schlechte Erbanlagen, geschwächte Lebenssäfte und -kräfte, vielleicht ein frühes Dahinsiechen.“57

Dabei war es oft Unwissenheit über die biologischen Vorgänge der Fortpflanzung, die Mädchen in eine ungewollte Schwangerschaft geraten ließ. Antonia Auer, die einer Familie mit sechzehn Kindern entstammt und 16-jährig Mutter wurde, beklagt das bitter: „Mit meiner Mutter konnte man ja nie reden, die war sehr katholisch, und sich mal hinsetzen mit ihr und sie was fragen, das wäre nicht gegangen. Ich wusste damals ja gar nicht, wie ein Mann ausschaut, ich hab ja nicht gewusst, wie das Kinderkriegen geht.“

Trotz der schlechten Arbeitslage im Land versuchte die Kirche, die Mädchen davon abzuhalten, außerhalb des Landes eine Arbeit anzunehmen: „Wer darum in die Fremde reist, möge es nicht ohne einen sichtbaren, wegkundigen Schutzengel tun; wer dort einen Posten annimmt, möge sich zuvor verlässlich darüber erkundigen. Doch der beste Rat ist sprichwörtlich: ‚Bleibe im Lande und nähre dich redlich!‘“58 Mit diesem Aufruf schloss Bruder Reinhart im Sonntagsblatt einen Artikel seiner Rubrik „Lebenskunde für unsere Mädchen“ mit dem Titel „Moderne Verführung“.

Uneheliche Mutterschaft drängte manche Frauen an den Rand der Dorfgemeinschaft. Hier Hedwig Wallnöfer mit ihrer Tochter Erika. Geheiratet hat Hedwig Wallnöfer erst mit über 60 Jahren.

Von klein auf waren Kinder in das religiöse Leben eingebunden

Auf unverheiratete Mädchen warf die Kirche ein besonderes Augenmerk. So hatten etwa die „Jungfrauen“ bei Prozessionen ihren bestimmten Platz und ihre Aufgaben.

„Ihr werdet ja doch heiraten“ – Weibliche Lebensperspektiven

Innerhalb der Familien war die Unterordnung der Mädchen und Frauen unter das männliche Familienoberhaupt unausweichlich. Mit diesem Rollenverständnis verknüpft war die Bestimmung der Mädchen zur Hausfrau und Mutter. Alle Erziehung und Lebensplanung lief darauf hinaus, die Mädchen auf diese Aufgaben vorzubereiten. „Der mütterliche Beruf in der Familie ist im Allgemeinen das Hauptziel der Frau“, heißt es im Katholischen Sonntagsblatt in einer Anzeige des „Mädchenschutzes Bolzano“.59 Die Mutter Emma Sagmeisters, eine sehr tatkräftige Frau, machte ihren Töchtern klar, was ein Mädchen zu lernen hatte: „Lernt kochen, nähen und stricken, damit die Männer, die euch heiraten, nicht angeführt sind.“ Von klein auf wies man den Mädchen die typisch weiblichen Tätigkeiten zu, sodass sie sich früh die grundlegenden hauswirtschaftlichen Kenntnisse aneigneten. Mehr brauchte es nicht, um nach Abschluss der Pflichtschule bis zur Heirat nun ganzjährig als Dienstmagd bei einem Bauern, als Haus- oder Kindermädchen bei einer bürgerlichen Familie in der Stadt oder als Zimmermädchen oder Serviererin in einem Gastbetrieb zu arbeiten. Es galt das Prinzip des „Hineinwachsens“ in neue Tätigkeitsfelder: Lernen durch Tun und das Anlernen durch eine energische und kompetente Vorgesetzte betrachtete man als ausreichende Ausbildung für Mädchen.

Von Seiten der Kirche sah man es allerdings nicht gern, dass die Mädchen ohne Vorbereitung in ein Arbeitsverhältnis eintraten. Katholische Organisationen boten deshalb Kurse an, die den Mädchen „eine gründliche Vorbildung für die Erfüllung der weiblichen Aufgaben in der Familie und Pfarrgemeinde“ versprachen.60 In Der Volksbote vom 21. Juni 1934 warb die Katholische Aktion unter dem Titel „Mädchenbildung für die Familie“ für einen Jahreskurs zur Vorbereitung von ausgeschulten Mädchen von 15 Jahren aufwärts: „Die der Frau eigentümliche Tätigkeit ist jene in der Familie als Mutter, Erzieherin, Kinderfräulein, Hausgehilfin. Es ist ein großes Übel für die Familie und Gesellschaft, dass die Frau heute zu sehr in das Geschäftsleben verwoben ist. Es leidet der Familiensinn, und zum Teil verbindet sich damit Arbeitslosigkeit der Männerwelt. (…). Es ist ausgeschlossen, dass in absehbarer Zeit alle [Frauen A. d. V.] (…) eine Anstellung erhalten. Es sind ihrer zu viele (!). Um weibliche Arbeitslose ist es trauriger bestellt als um männliche. Was will man mit einem arbeitslosen Fräulein anfangen, das für die Arbeit in der Familie eine Null bedeutet? Es ist ganz allgemein anzuraten, dass die Mädchen vor dem Eintritt ins Geschäftsleben sich die nötigen Kenntnisse für den Familienberuf verschaffen. Erhält ein Mädchen keinen Posten oder verliert es ihn, so kann es unschwer in einer Familie unterkommen. Und heiraten wollen auch die meisten.“61

Neben solchen zeitlich begrenzten Kursangeboten gab es auch feste Einrichtungen, die Mädchen in die Hauswirtschaft einführten. Dietenheim im Pustertal bot jährlich einen mehrmonatigen Kurs für praktische Haushaltungskunde an, der speziell „für die Bedürfnisse unserer ländlichen Bevölkerung eingerichtet ist“62. Auch in Sterzing gab es eine Haushaltungsschule. In Meran errichteten die Kreuzschwestern am Städtischen Krankenhaus eine Krankenpflegerinnenschule, Voraussetzung für den Besuch war allerdings die Kenntnis der italienischen Sprache.63

Dass Mädchen aus den sozialen Unterschichten diese Angebote wahrnahmen, war wohl eher die Ausnahme. Keine der von uns befragten Frauen sprach davon, je einen Haushaltungskurs in Südtirol besucht zu haben. Als Maria Ortler für Deutschland optierte und auswanderte, wurde sie sofort zum Arbeitsdienst eingezogen. Sie kam nach Neutrauchburg im Allgäu, wo sie unter anderem eine Haushaltungsschule besuchen musste: „Jeden Tag war Schulung, ich hab in diesem Jahr sehr viel profitiert, jedes Fach wurde durchgenommen, ich habe gelernt, was ich zu Hause nicht hätte lernen können, Hauswirtschaft und vieles andere, wir haben viel gelernt, und nebenbei mussten wir zu den Bauern arbeiten gehen.“ Emilia Gander, Jahrgang 1936, wusste zwar von der Möglichkeit Kurse zu besuchen, „aber das hat uns damals nicht interessiert“. Auch die etwas jüngere Josefa Saurer sieht es rückblickend so: „Man war nicht interessiert. Es ist einem gar nicht eingefallen, einen Beruf zu lernen.“

Für die Söhne zogen die Eltern Schul- und Berufsausbildungen zumindest in Erwägung. Ida Noggler verdross es, dass ihre Brüder sehr wohl Lehren machen konnten, während für sie und ihre Schwestern diese Möglichkeit erst gar nicht in Betracht gezogen wurde. Anna Frank schaffte es, bei einem Schneider eine Lehre zu beginnen, aber der Vater zwang sie, eine Arbeitsstelle anzunehmen, da er bereits Abmachungen getroffen hatte: „Ich wäre am liebsten Köchin oder Gärtnerin geworden, das war mein Plan. Aber der Vater hat gemeint, ich soll arbeiten, wenn sie wollen, dass du kochst, wirst du es schon lernen. Ihm war wichtig, dass ich so schnell wie möglich Geld verdiene.“

Für handwerkliche Ausbildungen musste in der Regel ein Lehrgeld bezahlt werden. Dafür waren aber kaum die nötigen Mittel vorhanden, oder man erachtete die Kosten als unrentabel, da Mädchen früher oder später doch heiraten und somit versorgt würden. So blieb es in der Regel nur beim Besuch eines Näh- oder Kochkurses in den Wintermonaten. Die Mutter von Berta Tappeiner legte viel Wert darauf, dass ihre Töchter die wichtigsten Haushaltstätigkeiten gründlich erlernten: „Im Winter hat die Mutter uns Mädchen zu einer Näherin zum Nähenlernen geschickt. Wir waren den ganzen Tag bei ihr. Wir haben gelernt, Hemden und Schürzen zu nähen und so Sachen. Dann haben wir kochen gelernt. Ich war in Meran im „Bergschlössl“, eine Saison im Herbst. Wir haben zum Glück nichts für das Kochenlernen bezahlen müssen, wir haben aber auch nichts für unsere Arbeit bekommen. Für die Näherin hat uns die Mutter immer wieder etwas mitgegeben, Fleisch, ein paar Eier oder so etwas. Wir waren so vier, fünf Mädchen bei der Näherin. Die Mutter wollte, dass wir Mädchen nähen und kochen lernen, damit wir nachher in Dienst gehen und etwas verdienen konnten, damit wir, wenn wir heiraten wollten, eine Ausstattung kaufen konnten. Sie hat immer für uns gedacht.“

Auch die Oberschulen für Mädchen boten in erster Linie Ausbildung in typisch weiblichen Berufen.64 Wer eine solche besuchen konnte, zog für das weitere Arbeitsleben Vorteile daraus. Die Schwestern Marie und Greti Flora, sie kamen aus einer wohlhabenden Malser Familie, besuchten eine kaufmännische Schule in Brixen. Sie kamen als Kindermädchen und Gouvernanten bei sehr reichen italienischen Familien unter. Annamaria Mussner besuchte in Gröden eine Art Handelsschule: „Ich bin in St. Christina zur Schule gegangen, zuerst die Volksschule, und später haben wir auch Buchführung gehabt. Der Direktor hat nämlich gesagt, wenn ihr später mal selber etwas verschicken oder verkaufen wollt, dann müsst ihr auch abrechnen können. Das war so eine Art Handelsschule, und das hat mir sehr gut gefallen, ich habe das sehr gerne gemacht.“

Nur selten drängten die Eltern ihre Töchter zu einer Ausbildung. Familie Wörndle aus Kaltern war eine Ausnahme. Schon die Mutter von Paula Wörndle war berufstätig, sie arbeitete 30 Jahre als Apothekerhelferin, eine Tante war die Leiterin der Apotheke. Tochter Paula war zuerst drei Jahre in einem Mädcheninstitut in Pfaffenhofen in Tirol, dann absolvierte sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Wien, eine Schwester arbeitete wie die Mutter in einer Apotheke, die andere besuchte die Handelsschule und arbeitete dann als Buchhalterin.

Der Großteil der Mädchen ging aber ungelernt und ohne besondere Vorbereitung ein Arbeitsverhältnis ein, sehr oft von den Eltern gedrängt, arrangiert und abgesprochen.

Eine Frau musste kochen und nähen können. In vielen Dörfern wurden Nähkurse abgehalten, kochen lernten die jungen Frauen in Hotels, Klöstern oder Privathaushalten.

Nur wenige Frauen hatten die Möglichkeit einer weiterführenden Ausbildung, wie Paula Wörndle, die nach der verlängerten Schulzeit in einem Mädchenpensionat in Pfaffenhofen in Wien eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machte.


Es hing von den einzelnen Frauen ab, inwieweit sie sich den für sie vorgesehenen Lebensentwürfen anpassten oder versuchten, neue Wege zu gehen

Erwerbsarbeit in Südtirol

Erste ganzjährige Arbeitserfahrungen machten viele Mädchen als Magd auf einem Bauernhof. Zwar erhielten Mägde mit zunehmendem Alter in der Hierarchie des bäuerlichen Gesindes einen festen Platz und damit auch einen klar abgegrenzten Tätigkeitsbereich, doch die strengen Dienstbotenordnungen ließen wenig Spielraum und sehr begrenzte Lebensperspektiven zu.65 Es war ein hartes Brot: Der Kollektivvertrag von 1930 bescherte den landwirtschaftlichen Arbeitern nur Lohnkürzungen66, aber keine Verbesserung der Lebenssituation. Eine hohe Dienstbotensteuer, die von den Bauern erhoben wurde, ließ außerdem die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Arbeitern stark zurückgehen.67

Helena Blaas, die in Eyrs im Gasthof Lamm kochte, bedauerte die Dienstboten, die in der zum Gasthof gehörigen Landwirtschaft tätig waren: „Die Wirtsleute haben in der Gaststube gegessen und daneben die Dienstboten. Das habe ich nicht leiden können. Am Sonntag hat die ‚Herrschaft‘ panierte Schnitzel und allerhand Gemüse und solche Sachen gegessen und die Dienstboten daneben eine Suppe, ich hätte sie nicht einmal den Schweinen gegeben, die war so schlecht, die haben so schlecht gekocht, ich hätte weinen können. Ich habe oft gesagt, kann man nicht für alle die gleichen Knödel kochen.“

Ein Ausweg war für viele der Wechsel zu einer anderen Tätigkeit. Als in den 20er Jahren der Tourismus in Südtirol zu florieren begann und viele neue Hotels und Pensionen entstanden, eröffnete sich ein neuer Arbeitsmarkt für die vielen ungelernten Mädchen. Nicht nur in Südtirol fanden sie ganzjährig, meist aber nur saisonal eine Beschäftigung als Kellnerin, Serviererin, Stubenmädchen und Köchin in Dorfgaststätten, Jausenstationen, Hotels und Pensionen. Zahlreiche Mädchen aus dem Obervinschgau verließen ihre Heimatorte in Richtung Bormio oder Schweiz, wo der Tourismus ebenfalls boomte.68 Hier wie dort wurden sie meist ohne Anmeldung und Versicherung eingestellt. Die Arbeitsanforderungen waren hart. Marianne Parth, die Köchin in einem Gasthof auf dem Reschen war: „In den Gasthäusern hat es keinen freien Tag gegeben. Da hab ich von sechs in der Früh bis zwölf Uhr in der Nacht gearbeitet.“

Das Gastgewerbe bot den Mädchen immerhin ein gewisses Maß an beruflichen und finanziellen Aufstiegsmöglichkeiten. Sofia Höchenberger zu ihrem Werdegang im Gastgewerbe: „Nach der Schule habe ich bald in der Pension Bernina in Meran gearbeitet. In der Pension hatten so ungefähr 24 Personen Platz. Da war ich 16 Jahre alt, ich war Küchenmädchen, ich habe immer abgespült. Irgendwann habe ich gesagt, jetzt habe ich genug vom Abspülen. Drei Jahre habe ich abgespült. Ich habe so 80 Lire verdient. Dann hat mich die Chefin aufgebessert, sie meinte, ich müsse jeden Dreck machen und hätte mir mehr verdient. Im Sommer habe ich im Gampenhof gearbeitet, das gehörte zur Bernina, und im Sommer in der Bernina. Dann habe ich im Hotel Excelsior als Chefmädchen gearbeitet, da hab ich mehr verdient und mehr gelernt. Ich war zweite Köchin. Dazwischen habe ich in der Pension Neuhaus als Extramädchen gearbeitet, da war ich der Köchin zugeteilt.“ Als Köchin zu arbeiten bedeutete nicht nur mehr Lohn, sondern auch eine bessere Position in der Hierarchie des Personals. Anna Frank – sie arbeitete in einem großen Hotel in St. Moritz – erlebte es als große Erleichterung, als sie nicht mehr abspülen musste und man sie anstelle ihrer Schwester dem Chefkoch als Gehilfin zuwies.

Die Mädchen erlebten ihre Beschäftigung unterschiedlich: Anna Egger äußert sich nicht besonders begeistert über ihre Anstellung als Kellnerin in einer Gastwirtschaft in Brixen: „Das hat mir gar nicht gefallen. Da bin ich nicht lange geblieben. Ich war ein junges Mädchen, und diese Burschen und Männer hatten nichts anderes im Sinn, als dich zu betatschen. Und das konnte ich nicht leiden. Ich bin kein halbes Jahr dort geblieben. Das Gehalt war auch nicht viel höher als das eines Hausmädchens. Es ist halt noch das Trinkgeld dazugekommen, aber ich habe nicht viel Trinkgeld bekommen, weil ich mich nicht habe betatschen lassen.“ Die Arbeit im Gastgewerbe galt als anrüchig, einmal wegen der Anmache der männlichen Gäste, aber auch wegen der Nähe zu den „Fremden“, die den Mädchen Freizügigkeit und Unsittlichkeit vorlebten. Anna Pinggera hingegen fand ihre Arbeit als Kellnerin vielleicht gerade deshalb interessant, weil sie „da viele Leute kennen lernte und viele auch schon kannte“.

Als der Tourismus in Südtirol infolge der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren und dann durch Option und Krieg einen starken Einbruch erlebte69, fielen für die Mädchen viele Arbeitsplätze weg. „Deshalb haben sie die Mädchen überall herumgeschickt zum Verdienen“, meint Maria Wunderer. Im deutschsprachigen Ausland gab es jedoch wenig Nachfrage, auch waren die Einreisebedingungen zeitweise eingeschränkt.70 Wesentlich leichter erwies sich der Zugang zu Arbeitsstellen in italienischen Städten.

In den 50er und 60er Jahren, der Periode der zweiten Wanderungswelle, als andernorts bereits das „Wirtschaftswunder“ einsetzte, verharrte Südtirol in seinem vorindustriellen Zustand. Die Abwanderung aus der Landwirtschaft, die hier im Vergleich zu anderen Regionen wesentlich später begann, und die Rückkehr Tausender Umsiedler nach Südtirol ließen die Zahl der Arbeit Suchenden in die Höhe schnellen. Arbeitsplätze in der Industrie gab es für die deutsche Bevölkerung nur wenige, auch auf Grund der Zuwanderung von Arbeiterfamilien aus den italienischen Provinzen. Die Möglichkeiten der Schul- und Berufsbildung blieben weiterhin eingeschränkt, da das Schulwesen nach 1945 erst wieder neu aufgebaut werden musste. Das Lehrlingswesen blieb noch weitgehend ungeregelt. Mitte der 50er Jahre machten nur 8 % der Südtiroler Jugendlichen eine Lehrausbildung, 11,8 % besuchten eine weiterbildende Schule, 71,4 % nahmen nach dem Abschluss der achtjährigen Volksschule eine Arbeit an.71 Vielen Mädchen erging es wie Erika Wallnöfer, Jahrgang 1936, aus Prad: „Als ich ausgeschult war, wusste die Mutter nicht, was sie mit mir machen sollte, eine Dienststelle konnte ich noch nicht annehmen.“ Sie erfuhr von der Möglichkeit, in Rom bei den Schwestern „Unserer lieben Frau“ in der Via Como eine Haushaltungsschule zu besuchen. „Dann haben ich und meine Freundin beschlossen, zusammen nach Rom zu gehen. Die Schwestern ‚Unserer lieben Frau‘ hatten eine Pension, sie hatten Studentinnen. Die Praderinnen waren fast alle bei diesen Schwestern in Rom, auch in Mailand und in Turin in der Via Boscovich. Wir waren 18 Monate bei den Schwestern. Nach den Schwestern sind wir dann privat zu Familien, um auf Kinder aufzupassen und um Italienisch zu lernen.“ Zahlreiche Mädchen nutzten diese Gelegenheit. Andere fanden wieder im Gastgewerbe in Südtirol und auch auswärts Arbeit. Dora Wallnöfer lernte in Bozen in der Goldenen Rose kochen: „Das wollte ich zwar nicht, aber ich bin trotzdem gegangen. Ich musste in der Küche alles machen, ich musste auch eine Wohnung putzen, einmal in der Woche hatte ich einen halben Tag frei. Ich habe aber keinen Lohn bekommen. Als mir die Schuhe kaputt gegangen sind, musste ich sie mit einem Spagat zusammenbinden. Nach drei Monaten beschloss ich zu gehen. Ich wollte irgendwohin, wo ich Geld verdiente.“


Die Arbeit im Gastgewerbe war für viele Frauen in Südtirol eine attraktive Alternative zum Dienst bei einem Bauern – nicht nur weil der Lohn in der Regel höher war


Dienstzeugnis von Emma Sagmeister: „In der besagten kurzen Zeit hat sie viel gelernt und verdient es daher, wärmstens empfohlen zu werden.“ Ein gutes Zeugnis war bei einem Wechsel des Arbeitsplatzes von großer Bedeutung.

Der Lockruf der Stadt

Eine Stelle in der Stadt war mit der Vorstellung eines interessanten und abwechslungsreichen Lebens verknüpft. Die großen wirtschaftlichen Zentren in Europa, darunter Mailand, Genua, Turin, Florenz, Rom oder Neapel, zogen Menschen an. Zwischen 1870 und 1900 verdoppelte sich die Einwohnerzahl der italienischen Hauptstadt auf 420.000. Voraussetzung für das Städtewachstum war die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich intensivierende Landflucht. Die Städte genossen ein enormes Prestige und weckten Hoffnungen auf bessere Lebensbedingungen und sozialen Aufstieg.1 Auch junge vom Land stammende Mädchen drängten in die Stadt. Die Dienstmädchenwanderung wurde zur Möglichkeit für weibliche Angehörige der ländlichen Unterschicht, am Urbanisierungsprozess teilzunehmen.2

Tiefgreifende gesellschaftspolitische Wandlungen waren auch im Vereinten Königreich Italien im Gang: Der Industriekapitalismus hatte die Agrarwirtschaft abgelöst, die ständisch organisierte Gesellschaft wurde zur Klassengesellschaft.3 Regionen wie die Lombardei, Piemont oder Ligurien waren schon in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich weit stärker entwickelt als süditalienische Gebiete. Die Zentren Norditaliens waren Mailand, Turin und Genua. Mit drei Millionen Einwohnern zählte die Lombardei zu den fortschrittlichsten und aktivsten Regionen des neuen Staates. Mit ihren kapitalstarken Oberschichten, ihren Industrien, Verkehrsverbindungen und vor allem technischen Ausbildungsmöglichkeiten bildeten diese drei Städte die Drehscheibe der Modernisierung. Mailand mit seinen Beziehungen zur reichen Schweiz und dem fortschrittlichen Frankreich wurde zum Stützpunkt der ausländischen Industrien, die auf den italienischen Markt drängten. Mit der Einweihung des Schweizer Gotthardtunnels 1882 wurde die Hauptstadt der Lombardei zudem zum strategischen Nadelöhr der italienischen Eisenbahn. Demgegenüber fiel der strukturarme Süden des Landes von einer Krise in die nächste. Die Zugverbindungen zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden waren schlecht und langsam.4

Die norditalienischen Städte waren auch der stärkste Magnet für Haus- und Kindermädchen aus Südtirol. Beliebt waren außerdem Florenz und Rom. Aber auch im Süden Italiens nahmen Südtirolerinnen eine Stelle an, so in Lecce, Neapel, Messina und Palermo. Für manche verhieß eine Dienststelle in der Stadt die Möglichkeit, der Enge des Dorfes und der Strenge des Elternhauses zu entfliehen. Einige hofften zumindest den Weg in Richtung finanzielle Selbstständigkeit beschreiten zu können. Arbeiten und hart zupacken hatten die Mädchen schon in Südtirol gelernt, nun war es für sie an der Zeit, eine gewisse individuelle und finanzielle Selbstständigkeit zu erlangen.5 In der Stadt, so hieß es, seien die Löhne höher und die Chancen größer, eine Stelle bei einer „herrschaftlichen“ Familie zu finden, wo sich die Arbeit auf den Haushalt beschränkte und vielleicht sogar mit anderen Angestellten, einem Zimmermädchen, einer Köchin oder Putzfrau, geteilt werden konnte. Kurzum, man hoffte auf eine leichtere Arbeit, einen höheren Lohn, eine bessere Ernährung und auf neue Erfahrungen durch den Eintritt in eine nicht-bäuerliche Welt. Der Trentiner Historiker Diego Leoni beschreibt diese Motivlage folgendermaßen: „Innanzitutto, la sopravvivenza. Il tema del cibo, del mangiare è sempre presente. (…) Al secondo posto però, viene messa quasi sempre la scelta di libertà rispetto al lavoro di campagna, alla vita chiusa del paese, alla mentalità dei compaesani, alla famiglia.“6

Nach der damals geltenden Auffassung waren Stellen im privaten Haushalt außerdem oft besser angesehen als die Arbeit in Gastwirtschaften oder Hotels.

Zielorte der Südtiroler Dienstmädchen von 1920 bis 1945


Zwischen Wunsch und Zufall – Wege in die Stadt

Die unmittelbaren Beweggründe, warum einige Südtiroler Mädchen die Möglichkeit einer Stelle als Hausmädchen in einer italienischen Stadt wahrnahmen und andere nicht, sind im persönlichen Umfeld der Mädchen und in ihrem Charakter zu suchen. Für die meisten Mädchen bestand zwar die Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit, trotzdem erforderte es Mut, Neugierde und den Wunsch nach Veränderung, zumal einige junge Frauen hier in Südtirol schon in einem Arbeitsverhältnis standen. Trotz der einengenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten offenbarten die Mädchen Lebensfreude, entwickelten eigene Lebensentwürfe und versuchten diese auch in dem vorgegebenen Rahmen zu verwirklichen. „Wir waren voller Hoffnungen“, drückte es Maria Riedl aus. Maria Stolzlechner „wollte einfach die Welt kennen lernen“. Emma Terza träumte sogar davon, auf einem Schiff zu arbeiten. Schließlich entschloss sie sich eines Tages, nach Rom zu gehen und sich die Welt anzuschauen. Sie wollte „mal rauskommen und etwas sehen“, ein Wunsch, der viele bewegte.

Mit der Angliederung Südtirols an Italien eröffnete sich für die Südtiroler Mädchen ein neuer Arbeitsmarkt mit starker Nachfrage nach Hauspersonal. Für die vielen kaum ausgebildeten Mädchen aus Südtirol bot er Arbeitsstellen, die im Gegensatz zur Schweiz, zu Österreich und Deutschland ohne bürokratische Hürden, wie etwa Ausreise- und Aufenthaltsgenehmigungen, angetreten werden konnten.


Der größere Teil der Mädchen der ersten Wanderungswelle verließ Südtirol in Richtung Süden bereits vor der Volljährigkeit. Diese lag damals bei 21 Jahren. Die meisten waren zwischen 17 und 19 Jahre alt und somit in einem Alter, in dem sie einerseits schon einige Arbeitserfahrungen hinter sich hatten, andererseits aber für eine Heirat noch zu jung waren.7 Einzelne von ihnen waren bereits in Südtirol liiert oder hatten ein uneheliches Kind. In den 50er Jahren waren es neben den vielen jungen Mädchen auch ältere Frauen, die bereits vor dem Krieg in italienischen Städten gearbeitet hatten und nun erneut dort eine Dienststelle antraten.8

Beeindruckend ist die Entschlossenheit, mit der die erst dreizehnjährige Anna Unterthiner, die bei einer Tante aufgewachsen war, für sich die Entscheidung traf, eine Stelle in Como anzutreten: „Und damals sind bei uns die Faschisten aufgekommen, und da war es so, dass wenn du in ein Büro oder so gegangen bist und nicht Italienisch konntest, dann hast du nichts erreicht. Die haben nichts verstanden oder nichts verstehen wollen. Und deshalb wollte ich Italienisch lernen. Mit meinen Eltern habe ich gar nicht darüber geredet, aber ich habe mich schon von ihnen verabschiedet, als ich nach Como gefahren bin. Es war ihnen gar nicht recht, aber ich hatte ja schon alles ausgemacht. Meine Tante wollte mich zuerst auch nicht gehen lassen, aber sie hat dann schon verstanden, dass ich Italienisch lernen will. Aber die Nachbarn – böse Zungen –, die haben zu meiner Tante immer gesagt: ‚Das Madl siehst du nie mehr.‘ Eine ganze Woche lang haben sie so geredet, bis die erste Nachricht aus Como gekommen ist, als ich der Tante einen Brief geschrieben habe. Ich hätte noch in die Schule gehen müssen. Ich bin dann nämlich zu meiner Lehrerin, das war eine Klosterfrau, gegangen, um mich zu verabschieden. Dann hat sie zu mir gesagt: ‚Du musst ja noch zur Schule gehen.‘ Ich habe dann gesagt, das tu ich schon unten.“

Für Rosa Moser stand fest: „Ich wollte nicht bei einem Bauern in Dienst gehen.“ Vor allem deshalb nahm sie das Angebot einer Familie aus Bologna an, die in Astfeld auf Urlaub weilte. Dass viele Mädchen der bäuerlichen Arbeit entkommen wollten, bestätigt auch eine Aussage Edith Gentas: „Viele sind von zu Hause weg, weil sie nicht auf den Gütern arbeiten wollten, das war ja auch eine Schinderei.“

Als sich die sechzehnjährige Toni Wallnöfer an ihrem Arbeitsplatz in der Schweiz als Kindermädchen „langweilte“, wie sie es ausdrückt, beschloss sie nach Rom zu gehen. Auch wenn sie es nicht ausdrücklich erwähnt, so knüpfte sie wohl an diesen Entschluss die Vorstellung viel versprechender und abwechslungsreicher Möglichkeiten.

Kreszenzia Mair, die von einem Hof oberhalb von Schenna stammte, wollte immer schon weit weg, erzählt ihre Nichte: „Kreszenzia hatte eine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Früher hat man gesagt, wer die Zähne weit auseinander hat, der kommt weit herum.“

Anna Wunderer ging bereits in den 20er Jahren gegen den Willen des Vaters nach Mailand. Ihre Schwester Maria erinnert sich: „Die Schwester Anna arbeitete in Bormio in einem Hotel, da waren italienische Gäste. Als sie von dort zurückgekommen ist, es war etwa 1924/25, hat sie gesagt, sie geht nach Mailand. Sie hatte erfahren, dass man dort als Hausmädchen arbeiten konnte. Die Mutter wollte sie nicht gehen lassen. Als der Vater davon erfuhr, da hat er sie verhauen. In der Früh ist sie dann abgehauen, zum ersten Zug, ohne etwas zu sagen.“ Maria selbst ging 1930 nach Mailand: „Weil die anderen alle gegangen sind, wollte ich auch einmal gehen. Ich wollte auch sehen, wie es ist, und ich wollte auch etwas verdienen. Ich hätte nicht müssen. Die Mutter hat mich zwar gehen lassen, aber sie hat gemeint, es würde mir sicher verdrießen. Ich bin aber trotzdem gefahren.“

Freiheit, Stadtluft, raus aus der Enge und Härte des eigenen Landes – diese Motive waren auch für die vielen Mädchen aus Prad wichtig. Bekannte, Freundinnen oder Schwestern berichteten in Briefen oder nach der Rückkehr über ihre positiven Erfahrungen, über die besseren Arbeitsbedingungen und die höheren Löhne.

Sophie Wallnöfer, die in einem Hotel bei San Remo arbeitete, schrieb ihrer Schwester, sie solle doch nachkommen, in Bordighera müsse man nicht ständig Holzböden schrubben wie in Sulden. Hedwig kam der Aufforderung nach. Auch Maria Ortler folgte begeistert dem Angebot ihrer Freundin: „Als ich 16 war, hatte ich eine Freundin, die gleich alt war wie ich, die Rosa Pinggera aus Prad. Und die ist nach Mailand gekommen, wie weiß ich nicht mehr. Die hat mir geschrieben, bei ihr wäre ein Platz frei, wenn ich kommen möchte, sie suchen jemand. Ja nichts wie los, wir waren acht Kinder, wir haben das Geld gebraucht, das war im Jahr ’37. Und dann bin ich dahin gekommen.“

Auf einer Postkarte an Rosa Kobler, datiert auf den 7. Dezember 1924, drückt eine Verwandte ihre Sehnsucht nach dem südlichen Florenz aus: „Wie geht es mit dem Ital. Lernen. Ich möchte auch gerne wieder hinunter, vielleicht könntest mir eine Stelle verschaffen. Firenze muß sehr schön sein, denn sie heißt doch die Stadt der Blumen.“ Maria Brenner hegte, wie sie sagt, schon seit der Schulzeit den Wunsch nach Italien zu gehen, vor allem Rom schien ihr ein erstrebenswerter Aufenthaltsort zu sein. Die Ewige Stadt übte wohl auch auf die Südtiroler Mädchen eine besondere Anziehungskraft aus, war sie doch religiöses Zentrum und Sitz des Papstes. Einmal einen Blick aus unmittelbarer Nähe auf diesen werfen zu können, war der Wunsch vieler.

Irma Kuen und ihre Schwester Erna verlockte ein Plakat in Meran mit der Aufschrift „Suchen Mädchen für Mailand“, das Abenteuer zu wagen. Der Vater von Rebekka Rungg war überzeugt, dass seine Töchter ausreichend versorgt wären und die Arbeit daheim für alle reichte: „Es hat immer nur geheißen, ihr habt Arbeit und zu essen. Das war alles. Wir sind dann von uns aus gegangen, damit wir endlich zu einem Gewand kommen. Die Bernadette hat angefangen, sie ist als Erste nach Mailand. Und so haben wir uns abgewechselt. Einmal ist die eine, einmal die andere weg. Unser Bruder Heinrich hat immer gesagt: ‚Warum gehen sie denn immer? Sie haben’s wie die Schwalben, wie sie fliegen sie aus, bleibt doch da, immer in die Walsch hinunter, geht doch einmal in die Schweiz.‘ Wir waren nie in der Schweiz. Die eine hat die andere hinuntergezogen.“

Neben dem Lohn sahen viele auch die Möglichkeit, Italienisch zu lernen. So auch Johanna Pamer: „Ich war immer schon im Gastgewerbe als Kellnerin und hab halt nicht so gut Italienisch sprechen können. Und da hab ich mir gedacht, ich geh zu einer italienischen Herrschaft, damit ich die Sprache besser lerne. Eine andere Gelegenheit gab es damals nicht.“ Anna Tappeiner aus Laas wollte eigentlich nach Genf gehen, um dort Französisch zu lernen. Als man ihr riet, zuerst ein bisschen Italienisch zu lernen, was die Aneignung der französischen Sprache erleichtern würde, suchte sie sich eine Stelle im oberitalienischen Raum.

Nicht nur die Beherrschung der italienischen Sprache war im Südtiroler Gastgewerbe erwünscht. In den 30er Jahren suchte man im Anzeigenteil des Katholischen Sonntagsblattes nach Köchinnen, „welche perfekt die italienische Küche“ beherrschten.9 Auch das mag einige veranlasst haben, sich nach einer Stelle in einer italienischen Stadt umzusehen.

Politische Gegebenheiten in Südtirol waren die Ursache dafür, dass es Berta, die Schwester von Anna Tappeiner, nach Rescaldina bei Mailand verschlug. Sie begleitete ihre Tante, eine Lehrerin, als diese vom faschistischen Regime dorthin zwangsversetzt wurde.10

Bei Rosina Lechner aus dem Pustertal waren es die Folgen einer Kinderlähmung, die sie bewogen, eine Stelle in Florenz anzunehmen: „Gegangen bin ich vor allem wegen meinem Fuß, weil das einfach so schlimm war bei uns im Winter. Ich wollte irgendwohin, wo es keinen Schnee gibt.“

Nicht immer waren die Mädchen in ihrer Entscheidung frei. Anna Frank wurde von ihrem Vater gezwungen, eine Stelle in Rom anzunehmen, nachdem er ohne ihr Wissen bereits Abmachungen getroffen hatte. Bei Paula Nössing aus Kastelruth wurde die Entscheidung, in den Dienst zu gehen, zwar in der Familie abgesprochen, den endgültigen Entschluss fällte der Vater: „Ein kinderloses Ehepaar aus Mortara wollte unbedingt ein deutsches Dienstmädchen, weil sie gemeint haben, die würde besser arbeiten. Mein Vater wollte, dass ich gehe. Er wollte, dass ich was sehe, dass ich von zu Hause wegkomme.“

Auch bei Helena Blaas entschied das Familienoberhaupt für die Tochter: „Mein Vater hat in Meran viele Leute gekannt. Einer Frau hat er geschrieben, dass ich was verdienen muss. Diese Frau hat eine Tochter gehabt, die bei der Familie Frank in Rom gearbeitet hat. So bin ich nach Rom gekommen. Der Vater hat alles für mich gemacht.“

Als ein Offizier, der in Trafoi stationiert war, ein Dienstmädchen für Bekannte in Rom suchte, erfuhr die Mutter von Hedwig Platter davon: „Die Mutter hat dann gesagt, sie will mich nicht überreden, aber wenn, dann könnte nur ich als Älteste gehen. Die anderen Schwestern waren jünger und wären vielleicht auch nicht gegangen. Und ich habe mir gedacht: ja, dann sehe ich halt einmal ein Stück Welt.“ Italienische Urlauber sprachen die Mutter von Maria Erlacher an: „Der Senator, der war komplett blind, er und seine Frau und seine Schwägerin als Begleiterin haben in St. Vigil ihren Urlaub verbracht. Für drei Monate hatten die Herrschaften eine kleine Villa in St. Vigil gemietet. Und der Senator hat meine Mutter gefragt, ob sie nicht ein Mädl wüsste. So hab ich mich vorstellen müssen, und ich hab ihnen gleich gut gefallen. Dann bin ich gegangen, ich war noch nicht ganz 17.“

Auch moralische Brandmarkungen durch die Dorfgemeinschaft veranlassten Mädchen, ihren Heimatort zu verlassen und dorthin zu ziehen, wo niemand sie kannte. Paula Wallnöfer trieb die Erkenntnis „Bei den Herrschaften bin ich immer ein Mensch gewesen!“ immer wieder in die Fremde. Sie hatte mit 15 Jahren ein Kind zur Welt und damit „Schande“ über die Familie gebracht. Von den Leuten im Ort erfuhr sie keine Wertschätzung mehr. Dieselbe bittere Erfahrung machte auch Maria Blaas, ebenfalls Mutter eines „ledigen“ Kindes. Wie Paula Wallnöfer ließ sie ihr Kind in der Obhut ihrer Eltern zurück, die Trennung war eine schmerzvolle Erfahrung mehr.

Die 17-jährige Antonia Auer überließ hingegen die Pflege ihres einjährigen Sohnes gern ihrer Mutter: „Es ist mir nicht schwer gefallen, mich dann von meinem Kind zu trennen, wie ich nach Mailand gegangen bin, ich bin gern gegangen. Auf das Kind aufzupassen, das hab ich nicht so gern getan, aber gern hatte ich den Karl immer. Ich wollte einfach arbeiten, für mich und für den Karl.“

Die meisten Frauen sehen in ihrer Abwanderung in eine italienische Stadt nichts Außergewöhnliches. Anna Ortner: „Das war zu der damaligen Zeit etwas durchaus Übliches. Viele Mädchen sind in meinem Alter nach Italien gegangen, das war nichts Besonderes.“ Auch Regina Walcher meint rückblickend: „Denn wer im Stande war zu arbeiten, ging auch gern fort, denn dann konnte man selbst etwas verdienen, konnte sich auch ein Kleid oder Schuhe kaufen, sodass man sich unter die Leute trauen konnte.“ Maria Jesacher, die in den 50er Jahren nach Rom ging, zeigt das Dilemma zwischen den Arbeitsanforderungen zu Hause und dem Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen: „Ja, das war damals halt so. Wenn man nicht das ganze Jahr eine Dienststelle annehmen wollte, dann gab es schon Saisonstellen im Gastgewerbe. Aber da musste man sich Sommer und Winter verpflichten, und das wäre bei uns nicht gegangen. Im Sommer mussten wir ja auf dem Feld helfen, und da durften wir nur im Winter weg vom Hof. Freundinnen haben mich dann dazu überredet, dass ich den Winter über mit nach Rom gehe.“

„… und hab daraus ersehen daß du in Mailand bist. Im Herbst werde ich auch nachkommen …“ Postkarte an Emma Sagmeister von ihrer Schwester Ida.

„… wie geht es mit dem Ital. lernen? Ich möchte auch gerne wieder hinunter, vielleicht könntest mir eine Stelle verschaffen? Firenze muß sehr schön sein …“ Postkarte an Rosa Kobler von einer Kusine.

„Cercasi ragazza tedesca“

„Die wollten nur Südtiroler Mädchen haben“ – ist eine häufige Aussage ehemaliger Dienstmädchen. Die Südtirolerinnen galten als fleißig, sauber, zuverlässig und diskret, Eigenschaften, die bei einem Dienstmädchen erwünscht waren und erwartet wurden. Ein weiterer Vorzug der Südtirolerinnen gegenüber den italienischen Mädchen mag die bessere schulische Bildung gewesen sein. In Südtirol gab es weit weniger Analphabeten als im italienischsprachigen Raum.11 Die Nachfrage war entsprechend groß. Wie trafen nun Arbeit suchende Südtiroler Mädchen und Familien aus italienischen Städten auf der Suche nach Hauspersonal aufeinander – bestand doch zwischen beiden eine beachtliche räumliche Entfernung?

Das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage in der Dienstbotenbeschaffung und -vermittlung vollzog sich sowohl über informelle Kanäle als auch über die öffentliche Arbeitsvermittlung. Im Falle der Südtiroler Mädchen bot der Tourismus eine günstige Plattform der informellen Begegnung. Die Anwerbung der Südtiroler Mädchen durch italienische Gäste, die in Südtiroler Gaststätten, Pensionen und Hotels ihren Urlaub verbrachten, oder durch in Südtirol stationierte Militärs war sehr verbreitet. Marianna Parth, Hedwig Platter, Maria Erlacher und viele andere kamen auf diesem Weg zu ihrer Arbeitsstelle in der Stadt. „Ich habe in Reschen im Gasthof Dilitz gekocht“, erzählt Marianna Parth. „Da ist ein Hauptmann gekommen, der in Reschen Urlaub gemacht hat. Unser Gasthof war voll mit Gästen, und die Arbeit ist sehr streng gewesen, und ich hatte kaum Zeit mich mit ihm zu unterhalten. Der Hauptmann hat mich gefragt, wie viel ich verdiene, ich habe es ihm nicht gesagt. Er fragte: ‚Poco o tanto?‘ Dann habe ich gesagt: ‚Poco mi pare.‘12 Er hat gesagt, ich solle mit ihm kommen, er bezahle mich gut. Er gebe mir 120 Lire. Dann habe ich ihm doch gesagt, wie viel ich verdiene: ‚Ottanta‘. ‚Soltanto ottanta, così poco! C’è sempre così tanto lavoro qui?‘13 Es waren damals sehr viele Gäste da. Er hat gesagt, ob er hier auch essen könne. Dann ist die Rosa [Inhaberin des Gastbetriebes A. d. V.] gekommen, und ich habe gefragt: ‚Rosa, kann der Hauptmann hier essen?‘ ‚Natürlich kann er das! Wo ist der her?‘ ‚Aus Mailand‘, hab ich gesagt. Dann habe ich ihr gesagt, dass ich mit ihm nach Mailand gehen soll. ‚Das wird dir doch nicht einfallen‘, hat sie daraufhin gesagt. ‚Was tu ichdann hier, wenn ich niemand in der Küche hab, nein das geht nicht!‘ ‚Cosa ha detto la signora?‘14, hat der Hauptmann wissen wollen, er hat vielleicht ein bisschen verstanden, wahrscheinlich. ‚Ich darf nicht nach Mailand gehen.‘ ‚E perché no?‘ Sie hätte dann niemand hier. ‚Questo non mi interessa niente.‘ ‚No, no, no‘, hat die Rosa gesagt, ‚Marianne sta qui.‘15 Dann hat er gesagt, er gebe mir 120 Lire, das wäre ein Unterschied, meinte er. ‚Soltanto ottanta Lire e così tanto lavoro‘16. Ich habe dann gesagt, ich müsse zuerst meine Mutter fragen, ob sie mich nach Mailand gehen lässt. ‚Alla mamma non piace così lontano.‘“ Marianna informierte ihre Mutter telefonisch über das Angebot. „‚Na, na, na, sonst wird dir nichts anderes einfallen!‘, hat die Mutter gesagt, ‚nach Mailand zu gehen.‘ Ich hab mir gedacht, der Lohn, der Lohn, hab ich mir gedacht, 120 Lire anstatt 80 Lire.“ Der höhere Lohn überzeugte schließlich auch die Eltern, nicht zuletzt weil sie das Geld für den Neubau der Wirtschaftsgebäude brauchten. Marianna blieb bis zum Ende der Saison noch auf dem Reschen, im Herbst fuhr sie dann nach Mailand.

Um nicht nur im engen Rahmen des Urlaubsortes nach dem geeigneten Mädchen zu suchen, inserierten Gäste in den örtlichen Zeitungen mit der Aufforderung an die Interessierten, sich persönlich vorzustellen.17 Der Vorteil der Anwerbung vor Ort lag auf der Hand, die „Herrschaften“ lernten die Mädchen bereits vor dem Arbeitseintritt kennen, hatten Gelegenheit, sie zu begutachten und sie zum Teil auch bei der Arbeit zu beobachten.

War ein Mädchen in Stellung in einer italienischen Stadt, so fungierte es als Kontaktperson: Bereits beschäftigte Mädchen vermittelten weitere Mädchen aus ihrem Heimatdorf an ihre oder auch an andere Arbeitgeber. In einem Brief vom 27. September 1927 an Rosa Kobler nahm die Schwester darauf Bezug: „Hast du für die Mädlen um einen Posten geschaut, gell das wird nicht so leicht sein.“ Allerdings war diese Vermittlungstätigkeit nicht unproblematisch. In einem weiteren Brief an Rosa Kobler heißt es: „Die N. N., die ich zur Gräfin Tun empfehlen wollte, ist schon im vierten Posten in Mailand, gut nicht wahr, dass ich es lies?“ Auch Elisabeth Zischg bedauerte es, ein Mädchen aus Prad an ihre „Herrschaft“ vermittelt zu haben, da sich dieses in ihren Umgangsformen nicht den Erwartungen der „vornehmen“ Umgebung anpasste und an seinem bäuerlich derben Auftreten festhielt. Maria Erlacher äußert ähnliche Bedenken: „Meine anderen Geschwister, die sind nicht nach Italien, die sind nur zu den Bauern gegangen. Dann haben sie mich beneidet. Auf der deutschen Botschaft in Rom, wie ich dort gearbeitet habe, da hätten sie schon jemand gesucht. Aber nein, das wäre nichts gewesen für meine Schwestern. Da muss man sich schon ein bisschen auskennen, man muss auch eine Erfahrung haben, beim Putzen, sonst geht das nicht. Und mir wär das auch nicht recht gewesen, wenn eine von ihnen heruntergekommen wäre. Die wollten auch nicht.“ Dass das empfohlene Mädchen nicht den Vorstellungen der Herrschaft entsprechen könnte, war die größte Sorge auf der Seite der Vermittlerinnen, während sich die Vermittelten auf Grund der persönlichen Bekanntschaften doch annehmbare Arbeitsbedingungen erwarteten.

Nach 1945 war das Dienen in italienischen Städten schon viel vertrauter: Ältere Bekannte, Tanten oder sogar die eigene Mutter bahnten nun für die jungen Mädchen den Weg in eine der italienischen Städte an. Sie kannten meistens aus eigener Erfahrung die Umstände und die Vorteile eines solchen Arbeitsverhältnisses. Oft waren sie auch noch in Verbindung mit ihren eigenen ehemaligen Arbeitgebern.18 Maria Jesacher erhielt ihre Stelle über eine Bekannte aus Sexten: „Die Frau Happacher war lange Zeit in Rom, und da hat sie halt quasi Stellen vermittelt. Die war oft in Prags, und da hat sie mir die Stelle verschafft.“19 Solche Frauen gab es mehrere über ganz Südtirol verteilt, zum Teil führten sie die Vermittlung kostenlos durch, meist erwarteten sie aber ein Entgelt.20

In Rom betrieb „Professor Schick“, ein älterer Herr deutscher oder österreichischer Nationalität21, in den 50er und 60er Jahren ein informelles Stellenvermittlungsbüro für Mädchen aus Südtirol, Deutschland, Österreich und der Schweiz zuerst in der Anima, dann am Monteverde. Seine Adresse wurde unter den Mädchen in Südtirol weitergegeben, man kontaktierte ihn schriftlich von Südtirol aus oder persönlich nach der Ankunft in Rom. Er vermittelte den Mädchen gegen mäßige Gebühren Stellen bei respektablen Familien, kümmerte sich um sie in der Freizeit, erteilte ihnen Englischunterricht und ermunterte sie, sich in Kursen weiterzubilden.

Mädchen, die aufs Geratewohl losfuhren, wussten von der Vermittlungstätigkeit einiger deutscher Klöster in Mailand, Florenz und Rom. Wo es kein solches Kloster gab, suchten die Mädchen Vermittlungsbüros vor Ort auf: „Ich bin mit der Maria Theresia ohne Stelle nach Neapel gefahren, sie hat gesagt, wir werden schon etwas finden. Wir gehen halt hin zur Stellenvermittlerin. Die hat sie gewusst. Das war außerhalb von Neapel. Dann habe ich nicht weit von ihr eine Stelle bekommen“, berichtet Antonia Saurer.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts florierten in allen größeren Städten Europas gewerblich betriebene Stellenvermittlungsbüros, wo Arbeitgeber und Arbeit Suchende ihre Anfragen gleichermaßen einbringen konnten. Sehr oft waren Frauen Inhaber der Agenturen zur Vermittlung von Hauspersonal.22 Mit dem Aufkommen der Arbeiterbewegung, dem Entstehen von Gewerkschaften und sozialen Verbänden begann auch die Diskussion um die Arbeitsbeschaffung, der Ruf nach einer staatlich geregelten und unentgeltlichen Arbeitsvermittlung wurde laut. Kritikpunkte an der auf Gewinn zielenden Stellenvermittlung waren überhöhte Gebühren, absichtlich unpassende Vermittlung, um bei den betreffenden Personen schnell wieder ins Geschäft zu kommen, gezieltes Abwerben und fingierte Annoncen.23 Infolge der allgemeinen Diskussionen um die Arbeitsvermittlung führte man auch in Italien ab Ende des 19. Jahrhunderts Maßnahmen zur öffentlichen Regelung des Arbeitsmarktes ein und erließ entsprechende Gesetze, die nicht nur die Vermittlung regeln sollten, sondern allgemein die staatliche Kontrolle des Arbeitsmarktes zum Ziele hatten.24 Die Vermittlung von Hauspersonal beließ man hier allerdings in privater Hand, und so bestand in den Städten die kommerzielle Stellenvermittlung weiter. Daneben schufen soziale und christliche Verbände Einrichtungen zur Stellenvermittlung mit dem Ziel, die Mädchen einmal vor der Ausbeutung durch die gewerblich betriebenen Büros und zum anderen vor unzumutbaren Arbeitsbedingungen zu schützen. Damit Letzteres möglich war, überprüfte man die moralischen Qualitäten der potentiellen Arbeitgeber und forderte entsprechende räumliche Gegebenheiten, die zur Unterbringung eines Dienstmädchens notwendig waren. Auf dem Land überwog weiterhin das informelle System über familiäre und persönliche Beziehungen. Es war nach wie vor der bequemste, sicherste und billigste Weg zu einer Arbeitsstelle.25

Beauftragt mit der Beschaffung von Hauspersonal für italienische Familien wurden auch Südtiroler Vermittlungsbüros. Die Agenturen Ennemoser und Pedroß in Meran26 sowie Lanthaler27 und Jean Mesmer in Bozen28 boten in den Südtiroler Tages- und Wochenzeitungen regelmäßig Beschäftigungsmöglichkeiten in italienischen Städten an. Besonders engagiert war das „Platzierungsbüro“ Ennemoser in Meran. Bereits 1926 suchte es über eine Anzeige in der Alpenzeitung für Italien und die Schweiz „Herrschaftsköchin, Privat-Stubenmädchen und Mädchen für alles sowie Gärtner-Ehepaar“.29 Dieses Dienstboten- und Wohnungsvermittlungsbüro mit Sitz in den Wasserlauben scheint erstmals 1894 im Adressbuch von Meran auf, Inhaber war damals Johann Ennemoser. Nach seinem Tod betrieb seine Witwe Anna das Büro, ab zirka 1929 gemeinsam mit ihrer Tochter Katharina. Nach dem Tod Annas im Jahre 193130 führte die Tochter das Büro allein weiter. Sie verlegte es vom Rennweg in die Otto-Huber-Straße.31

Berücksichtigt man, dass in der Zwischenkriegszeit nur drei der befragten Südtiroler Frauen über ein Vermittlungsbüro ihre Stelle erhalten haben, kann man wohl annehmen, dass sie von den Mädchen am Land nicht besonders genutzt wurden. Vielleicht galten die „Platzierungsbüros“ auch in Südtirol als „unsaubere Kanäle“ mit wenig Garantie für einen „guten“ Arbeitsplatz. Außerdem entstanden auch Kosten, die die Mädchen wohl abschreckten.32 Oder es lag schlicht und einfach daran, dass es die Büros nur in den Städten gab und diese für die meisten Mädchen damit nicht leicht erreichbar waren. Dass sich Anna Tappeiner aus Laas an ein Vermittlungsbüro in Meran wandte, um zu einer Stelle in einer italienischen Stadt zu kommen, war wohl eher eine Ausnahme. Ihre Schwester Berta Tappeiner erzählte: „Damals ist sie durch eine Dienstvermittlerin33 in Meran zu einer Stelle gekommen. Sie hat dann ein Schreiben bekommen, es werde eine Köchin gesucht, die muss aber in dem und dem Hotel kochen gelernt haben und muss in den gewissen Hotels gearbeitet haben, und allerhand sonstige Ansprüche wurden gestellt. Denn damals konnten sie Ansprüche stellen, Mädchen haben sie noch und noch bekommen. Es war verlangt, eine handgeschriebene Bewerbung zu schicken. Sie wollten die Schrift sehen, wahrscheinlich um etwas über den Charakter der Mädchen herauszulesen. Die Schwester hat geschrieben, dass sie im Josefshaus in Bozen bei den Klosterfrauen kochen gelernt hat, dann war sie im Mondschein zweite Köchin, ansonsten hat sie mehr privat bei Familien gearbeitet. In Pontresina hatten sie eine Patisserie. Das hat sie alles angegeben. Sie hat auch geschrieben, sie könne nur bürgerliche Küche. Sie haben sie genommen. Die gnädige Frau hat zu Anna gesagt, 60 Mädchen hätten sich gemeldet gehabt, aber sie haben sie genommen.“ Bei Hilde Gius und Paula Wörndle aus Kaltern war sicherlich die Nähe zu Bozen ausschlaggebend, dass sie die Dienste eines Stellenvermittlungsbüros in Anspruch nahmen. Paula Wörndle erinnert sich noch an den Namen der Vermittlerin: Frau Federica Lanthaler verschaffte Paula eine Stelle als Kindermädchen bei einer Gräfin in Rom.34

Für viele in italienischen Städten lebende Familien, vor allem die deutschsprachigen, bot der Anzeigenteil der Südtiroler Zeitungen einen weiteren unmittelbaren Zugang zu den Arbeit suchenden Mädchen in Südtirol. Viele Südtiroler Haushalte bezogen die Dolomiten und den Volksboten, die faschistischen Blätter Alpenzeitung und Provincia di Bolzano fanden hingegen weniger Zuspruch.35

„Gesucht gesundes, tüchtiges Mädchen für alles in Schweizer Familie. Italienische Staatsangehörigkeit, deutsche Muttersprache und Beherrschung des Italienischen Bedingung. Angebote mit Zeugnissen an Ing. H. Conrad, MCM, Fratte di Salerno (Provinz Salerno)“ (Alpenzeitung, 8. Juli 1933).

„Zirka 20-jähriges, gut erzogenes, perfekt Deutsch sprechendes Mädchen nach Milano gesucht zur Mithilfe im Haushalt und hauptsächlich zur Überwachung eines 2-jährigen Mädchens, das die deutsche Sprache erlernen muss. Gute Behandlung.“ (Alpenzeitung, 19. September 1933).

So und ähnlich lauteten die Stellenangebote. Wer entsprach solchen Anforderungen besser als ein „Oberetscher Fräulein“ mit deutscher Muttersprache und italienischer Schulbildung, das außerdem ohne bürokratische Hürden wie Ausreise-, Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung eingestellt werden konnte?36 Gesucht wurden Hausangestellte jeder Art: Mädchen für alles, Kindermädchen, Köchinnen, Gouvernanten, Kammerzofen, Garderobieren, Haushälterinnen für allein stehende ältere Ehepaare, für kleine und „vornehme“ Familien. Unmissverständlich waren die Erwartungen: Die Mädchen sollten gesund, tüchtig, brav, ehrlich, verlässlich, nett, selbstständig, treu, kinderliebend, gut erzogen, gebildet, distinguiert, gesetzt, sauber, reinlich, flink, anständig, perfekt, erfahren, bescheiden und katholisch sein und ein angenehmes Äußeres und beste Referenzen haben. Mit Versprechungen wie gute Behandlung, reisefrei, grobe Arbeiten ausgeschlossen, gute Bedingungen, vornehme familiäre Behandlung, gute Behandlung, bleibende angenehme Stellung, vorzügliche Behandlung, Versorgung und Familienanschluss und manchmal auch beachtlichen Lohnversprechungen warben die Inserenten um ein Südtiroler Dienstmädchen.

Eine Garantie für einen „guten“ Dienstplatz boten Zeitungsanzeigen nicht. Das Katholische Sonntagsblatt warnte seine Leserinnen sogar davor, dass sich hinter den Inserenten Mädchenhändler, „die oft jüdischer Abstammung seien“, verbergen könnten: „Sie [die Mädchenhändler A. d. V.] bedienen sich der Zeitungsinserate, mittels derer Mädchen als Kinderfräulein, als Gesellschafterinnen usw. nach auswärts mit bestem Lohne gesucht werden. (…) Auch der besten, ernstesten Zeitung kann mitunter ein solch harmloses Inserat passieren, das die übelsten Folgen mit sich bringt. (…) Wer darum in die Fremde reist, möge es nicht ohne einen sichtbaren, wegkundigen Schutzengel tun; wer dort einen Posten annimmt, möge sich zuvor verläßlich darüber erkundigen.“37 Diese Wahrnehmung ist allerdings wohl auch unter dem Aspekt der grundsätzlichen Ablehnung der Kirche gegenüber der Abwanderung der Mädchen zu interpretieren.

Einige Stellenvermittlungsbüros in Südtirol vermittelten Mädchen in italienische Städte, wie das Platzierungsbüro Ennemoser in Meran.

Stellenanzeigen aus der lokalen Tagespresse.

Professor Schick (links) fungierte in den 50er Jahren in Rom als privater Stellenvermittler für Südtirolerinnen und bot auch Freizeitgestaltung an. Hier mit einigen Mädchen aus Prad vor der Anima.


Anna Toll bemühte sich in Kaltern um eine gute Stellenvermittlung für Südtiroler Mädchen in italienischen Städten. Sie blieb mit vielen Mädchen in brieflichem Kontakt, wie hier mit Anna Morandell: „Daß es dir so gut geht freut mich, wußte ich ja daß in diesem Hause ein Mädchen gut aufgehoben ist sonst hätte ich dich auch nicht empfohlen. Eine Dame aus Mailand, es scheint es sind Bekannte von Herma’s Herrschaft schrieb mir auch um eine Köchin …“

Vor der Reise – Erwartungen und Ängste

Unbekümmert, oft blauäugig, entschieden sich manche Mädchen für eine Arbeitsstelle in einer italienischen Stadt. Auch ihre Eltern waren teilweise recht vertrauensselig, ja naiv, wenn es um die lange Reise ging, die ihre Töchter vor sich hatten. Nach dem Geschmack von Maria Jesacher fast zu unbedarft: „Meine Eltern haben vom Leben damals wirklich nichts gewusst. Die haben sich da gar nicht groß Sorgen gemacht, dass ich so weit weggehe. Wenn ich mir vorstelle, meine Tochter wäre so weit fortgegangen, ich glaube, das hätte ich nicht erlaubt. Und damals war’s ja eigentlich noch viel gefährlicher als heute.“ Johanna Pamer fuhr von Sterzing nach Lecce. Ihre Eltern sahen der Abfahrt der Tochter jedoch ganz gelassen entgegen: „Meine Eltern haben eigentlich überhaupt nichts dazu gesagt, dass ich so weit weggegangen bin. Das war zu der damaligen Zeit ganz normal.“ Es waren ja oftmals nicht die Töchter selber, sondern die Eltern, die die Arbeitsstellen bestimmten. Johanna Wallnöfer, die wie schon ihre drei älteren Schwestern vor ihr, Arbeitsstellen in verschiedenen italienischen Städten annahm und bereits mit 16 Jahren in einem Haushalt in Florenz arbeitete, erzählt: „Das Weggehen hat mir nichts ausgemacht. Es war zu Hause immer schwer, und so geht man leichter. Wenn wir weg sind, hat uns die Mutter mit dem Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn gemacht und hat gesagt: ‚Ihr wisst, was ihr zu tun habt.‘ Sie hat uns gerne gehen lassen.“

Trotzdem: viele Eltern ließen ihre Töchter nur ungern ziehen. Vor allem die Mütter verliehen ihren Gefühlen Ausdruck, so im Fall der Bruneckerin Hanni Kostner, die mit 18 Jahren zur Marchesa Filiasi nach Neapel ging: „Die Mutter wollte mich zuerst nicht gehen lassen, weil sie meinte, ich wäre zu jung. Sie ließ mich nur gehen, weil ihr versichert wurde, dass ich Familienanschluss hätte, dass ich auch mit der Familie essen könnte und dass ich ganz in die Familie eingebunden werde.“ Auch Marianna Parth wusste bei ihrer bevorstehenden Abreise nach Mailand um die Sorgen ihrer Mutter. „Da hat die Mutter gesagt, sie müsse mit dem Vater reden, was der dazu sagt. ‚Ist ja weit weg, Mailand!‘, hat die Mutter gemeint. ‚Ach, Mailand ist nicht weit weg‘, hab ich gesagt, ‚da bei Bozen unten.‘ Ich hab schon gewusst, dass es weiter weg ist, aber ich wollte es nicht sagen, denn dann hätte sie mich überhaupt nicht gehen lassen.“

Johanna Tschurtschenthaler aus Sexten erinnert sich an die guten Ratschläge, die ihr ihre Mutter mit auf die Reise gab: „Ich hab niemandem vertraut, das hat mir schon meine Mutter vorher eingeschärft, niemandem zu vertrauen. Zu uns Kindern hat sie immer gesagt: ‚Kinder vertraut keinem.‘“

Die Gefühle der Mädchen vor der Abreise aus ihrer vertrauten Umgebung waren durchwegs gemischt: Freudige Erwartung, Anspannung und Angst wechselten sich ab. Sorgen bereitete oft schon der hohe Preis für die Zugfahrt. So wurden 1935 beispielsweise für eine Zugfahrt in einem Abteil zweiter Klasse von Bozen nach Mailand 65 Lire berechnet. Ein Platz in der zweiten Klasse von Mailand nach Venedig kostete in den 30er Jahren 38 Lire, in der dritten Klasse bezahlte man 18 Lire.38 Die Erleichterung war für viele Südtirolerinnen dementsprechend groß, als sich die zukünftigen Arbeitgeber bereit erklärten, die Kosten für das Ticket zu tragen. „Den Fahrschein hatte schon die Herrschaft besorgt und mir geschickt“, erzählt Hilde Pinggera aus Lichtenberg. Vor allem bei denjenigen, die bereits in Südtirol Arbeitsabmachungen getroffen hatten, war es üblich, dass von den Arbeitgebern die Reisekosten zurückerstattet wurden. Das mag für viele Mädchen ausschlaggebend dafür gewesen sein, sich schon vor Ort um eine Arbeitsstelle in einer italienischen Großstadt zu kümmern.

Vor ihrer Abfahrt informierten sich einige Mädchen ganz genau über die bevorstehende Reise, so auch Johanna Pamer, die als Ziel den Süden Italiens vor Augen hatte: „Ja, ich hab schon gewusst, dass Lecce so weit weg ist, dass das fast am Ende von Italien ist. Da hab ich schon auf einer Landkarte in der Schule nachgeschaut.“ Maria Jesacher brach 1956 von Niederdorf nach Rom auf: „Ich hab mir schon gedacht, ‚in diese große Stadt, wo ich niemanden kenne … wie wird das sein?‘ Ja, da hab ich mir schon Gedanken gemacht.“ Flora Müller machte sich ungeduldig von Naturns auf den Weg nach Mailand. Sie erinnert sich: „Ich war ja schon so gespannt, was das für Leute sind, wo ich hinkomme.“ Ein eher mulmiges Gefühl hatte hingegen Regina Walcher, als sie 1928 gemeinsam mit einer ihrer Schwestern nach Mailand fuhr. Eine dritte Schwester, die dort bereits im Dienst stand, sollte auf die beiden warten: „Wir hatten große Angst, denn das war für uns die erste Zugfahrt. Man war ja so unerfahren. So hatten wir Angst, dass uns die Schwester vielleicht nicht abholen käme. Es war schon ein riesig großer Bahnhof, und man musste aufpassen, dass man sich überhaupt sah. Zum Glück ging alles gut, und wir waren sehr erleichtert, dass unsere Schwester gleich da war.“

Die Reise in die Stadt

Die Möglichkeit, mit dem Zug zu reisen, war in der Zwischenkriegszeit noch nicht so alt. Die Pustertallinie – von Villach bis Franzensfeste – war 1871 dem Verkehr übergeben worden. 1881 war die Strecke Bozen – Meran eröffnet worden, 1906 folgte die Verlängerung bis Mals. Die Eisenbahn schuf die Anbindung der heimischen Wirtschaft an die internationalen Märkte, das neue Verkehrsmittel öffnete dem Tourismus Tür und Tor, und die Mobilität der Bevölkerung wurde wesentlich erhöht. Bis dahin nahezu unüberbrückbare Distanzen wurden mit einem Mal überwindbar.

Nur wenige Mädchen hatten das Privileg, schon in den 30er Jahren mit ihren Arbeitgebern ganz kommod im Auto an die neue Arbeitsstelle zu fahren, so wie Anna Ortner aus Sexten: „Runtergefahren bin ich mit den Herrschaften im Auto.“ Auch Rosa Moser wurde von den Arbeitgebern direkt in Sarnthein abgeholt. Sie erinnert sich jedoch mit gemischten Gefühlen daran: „Dann ist mir im Auto schlecht geworden, und sie mussten stehen bleiben.“

Die meisten Mädchen aber – zum Zeitpunkt der Reise meist blutjung und der italienischen Sprache kaum mächtig – unternahmen zum ersten Mal in ihrem Leben eine längere Fahrt mit der Eisenbahn. Die Zugreise war ein erster entscheidender Schritt in eine neue Welt. Hilde Pinggera aus Lichtenberg erinnert sich: „Ich war nur bis nach Laas gekommen. Schon Meran und Bozen ist einem besonders vorgekommen, aber das war alles nichts gegen Mailand.“

Erste Verständigungsschwierigkeiten mussten überwunden werden. Berta Tappeiner unternahm mit ihrer Tante die Zugreise von Laas nach Rescaldina. Den Ort hatten die beiden zuvor auf einer Landkarte gesucht, ihn aber nicht gefunden: „Wir sind so aufs Geratewohl losgefahren. Im Zug hat die Tante dann einen Schaffner gefragt, wo das Rescaldina sei. Der hat geantwortet: ‚L’ultimo paese che ha creato Iddio.‘ Da haben wir wieder nichts gewusst.“

Viele Mädchen waren allein unterwegs, manche reisten in Begleitung einer Bekannten, die ebenfalls in Dienst ging, manche mit einer Schwester, Cousine oder Freundin. Anna Pinggera aus Stilfs folgte mit all ihren Habseligkeiten ihrer Schwester, die bereits einen Posten in Rom hatte: „Ich hatte eine alte Handtasche mit sehr wenig Geld, nur für Briefmarken und ein Paar Strümpfe.“ Regina Walcher machte sich zu zweit mit ihren wenigen Habseligkeiten auf Postensuche: „Als ich und meine Schwester nach Mailand fuhren, da hatten wir als Mantel nur einen breiten Schal, ein Sonntagskleid und ein Paar Schuhe.“ Emma Terza aus St. Vigil reiste in den 50er Jahren von Franzensfeste nach Rom. Heute staunt sie über ihren Mut und ihre Entschlossenheit; die lange Reise überbrückte sie mühelos: „Gefahren bin ich in der Nacht. Im Zug konnte ich sogar schlafen, mit dem Mantel unter dem Kopf. Heute hätte ich nicht mehr die Courage.“ An den Tag ihrer Abfahrt, im November 1933, erinnert sich Helena Blaas aus St. Valentin noch ganz genau: „Der Vater hat mich nach Meran gebracht, dann bin ich allein weitergefahren. Ich hatte ein einfaches Kleid an, und die Haare trug ich zu einem Zopf um den Kopf geflochten. In Bozen bin ich ausgestiegen, da habe ich mir gedacht, da kann ich nicht fehlen, es gibt ja nur zwei Züge, einer fährt zum Brenner und einer nach Italien. Aber so einfach war’s nicht. Ein Polizist hat mich gefragt, wo ich hinwolle. Ja, nach Rom. Da müsse ich über die Treppe hinuntergehen, da könne ich schon lesen. In Bologna habe ich umsteigen müssen, ich wusste auch, dass ich ‚facchino‘ sagen musste. Meine Sachen hatte ich in einem großen Koffer.“

Für viele brachte das Abenteuer der Zugfahrt eine erste konkrete Ahnung davon, was ihnen an Neuem und Ungewohntem noch alles bevorstand. Anna Gruber aus Antholz reiste allein vom Olanger Bahnhof nach Mailand; erst während der Fahrt kamen ihr so langsam Bedenken: „Ich war schon ‚schneidig‘, aber erst während der langen Fahrt ist mir dann schon vorgekommen, dass ich von zu Hause ganz weit weg bin.“ Auf der Fahrt zum neuen Aufenthaltsort wurden die einen und anderen Bekanntschaften geschlossen, kurze Worte gewechselt. Marianna Parth aus Eyrs erinnert sich lebhaft an die Reise nach Mailand, die für sie offensichtlich ein sehr wichtiges Ereignis in ihrem Leben darstellte: „In Verona musste ich umsteigen, hatte dort zwei Stunden Aufenthalt. Da war noch eine dicke Frau, eine Italienerin. Sie hat mich gegrüßt: ‚Buon giorno, signorina.‘ Sie hat mich gefragt, wo ich hinfahre. ‚A Milano.‘ ‚Anch’io.‘ ‚Ah si? Anche lei?‘ ‚Si.‘ Ich habe ein bisschen Italienisch in der Schule gelernt. Wir sind dann zusammen nach Mailand gefahren. Sie hat mich noch gefragt, wo ich in Mailand hin wolle. Ich habe gesagt: ‚Via Tamburini 4‘.“

Wie exotisch die Zugreise einer jungen, alleinstehenden, nicht Italienisch sprechenden Frau in den 30er Jahren war, verdeutlicht die Reise von Johanna Pamer: „In dem Zug waren viele Leute, und es hat sich ziemlich schnell herumgesprochen, dass dort eine Deutsche drinnen ist. Da sind dann alle dahergekommen, haben geschaut und mich beobachtet. Das war halt damals nicht üblich, dass Ausländer im Zug sind. Plötzlich ist ein Herr, so um die 30, im Zug zu mir gekommen, hat mir seine Identitätskarte gezeigt. Beim Aussteigen in Lecce fragte er mich, ob ich die Herrschaften, zu denen ich wollte, schon kenne. Und er wollte unbedingt meine Koffer tragen. Ich hab gesagt: ‚Nein, die Koffer trag ich mir selber, wie schaut das denn aus, wenn ich mit einem Mann daherkomme.‘ Aber der war nicht zu halten, ist mit meinen Koffern voraus und ich hinterher. Die Herrschaften, die Familie Petrachi und die Pistelli, haben dann schon auf mich gewartet und wollten natürlich wissen, wer der Herr sei. Er hat dann wieder seine Identitätskarte gezeigt, sie haben sich bedankt, er ist wieder in den Zug eingestiegen, und weg war er. Das war ein Polizist – ein Geheimpolizist, der im Zug Dienst hatte. Der wollte halt sichergehen, dass ich die Herrschaften auch finde.“

Karten lösen, umsteigen, italienische Lautsprecherdurchsagen entschlüsseln – das war nicht immer ganz einfach. Maria Girardi fuhr im September 1932 nach Mailand: „Ich bin in Verona in den falschen Zug eingestiegen und bin dann nach Padua gefahren. Der Schaffner wollte zuerst, dass ich 30 Lire Fahrpreis bezahle. Aber wer hatte in den 30er Jahren schon 30 Lire! Ich hatte einfach kein Geld, um die Differenz zum Fahrpreis zu bezahlen. Der Schaffner hat mich dann gratis nach Verona zurückfahren lassen und hat in dem Zug zu seinem Kollegen gesagt, er soll auf mich aufpassen, dass ich nicht in Verona aussteige und möglicherweise noch auf dem Brenner ankomme. Ich war damals 19 Jahre alt und noch nie irgendwo weiter weggefahren.“ Antonia Saurer war 1930 mit zwei Freundinnen nach Rom unterwegs. Beim Umsteigen in Verona wurde die sechzehnjährige Antonia von ihren Kolleginnen beauftragt, auf Geldtasche und „biglietti“ aufzupassen, während sich die beiden anderen frisch machten. Etwas Wesentliches hatten die Mädchen dabei nicht berücksichtigt: „Sie hatten nicht aufgepasst, dass sie in einen Waggon gegangen sind, der abgehängt wurde und in eine andere Richtung gefahren ist. Als sie das Klo verlassen haben, haben sie mich nicht mehr gefunden. Plötzlich hörte ich meinen Namen ausrufen. Ich bin erschrocken und dachte, was wird wohl passiert sein. Ich bin aufgestanden und in den Gang hinaus und hab mich gemeldet. Ob ich zwei Freundinnen hätte, hat man mich gefragt. Ich hab die Namen gesagt. Man hat mich auch gefragt, ob ich das Gepäck und die biglietti hätte. Ja, es wäre alles da, sie könnten schauen, hab ich gesagt. Sie haben mir erklärt, dass der Waggon mit der Toilette abgehängt worden ist. Sie haben mir auch gesagt, wo er hingefahren ist. Die eine Freundin konnte sich gut verständigen und hat den Beamten auch gesagt, dass ich da und da aussteigen müsste.“

Neue, unauslöschliche Bilder begegneten den Mädchen bereits auf ihrer Fahrt in die große Stadt. Mathilde Andergassen erzählt: „1935, an einem Pfingstsonntag bin ich nach Mailand gefahren. Wir sind an den Reisfeldern vorbeigekommen, und die Leute sind bis zu den Knien im Wasser gestanden und haben gearbeitet. Dass die am Pfingstsonntag gearbeitet haben, das hat mich schon sehr beeindruckt.“ Und Rosa Stofner aus Durnholz gesteht ihre Besorgnis kurz vor der Einfahrt in den römischen Hauptbahnhof: „Ich hatte schon ein bisschen Angst. Eine Stunde vorher bin ich schon am Fenster in meinem Abteil gestanden und hab geschaut, ob Rom kommt. Dass ich es ja nicht verpasse.“

Erste Kontakte mit den Arbeitgebern

Einige der Mädchen hatten ein klares Ziel vor Augen, wussten, wo und wann ihre zukünftigen Arbeitgeber sie erwarten würden. Die Kontakte mit ihnen waren vielfach schon in Südtirol geknüpft worden. Über Eltern, Bekannte, Freundinnen, offizielle oder inoffizielle Stellenvermittlungen war das erste Zusammentreffen bis ins kleinste Detail geplant. Erkennungszeichen wie Blumen, Zeitungen oder farbige Taschentücher sowie genau abgesprochene Treffpunkte sollten dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Dienstmädchen sich im Gewirr der großen Bahnhöfe nicht übersehen konnten.

Die Bahnhöfe, Palazzi des Fortschrittes, die neben ihrem funktionalen Nutzen immer auch Repräsentationsbauten waren, wirkten auf die Südtirolerinnen offensichtlich sehr imposant und beeindruckend. Der Bahnhof Milano Centrale wurde 1864 eingeweiht, ein Jahr später folgte Torino Porta Nuova, 1866 Genova Porta Prinicipe, 1867 Napoli Centrale, 1870 Roma Termini, 1871 Bologna Centrale, 1881 Trieste Centrale und 1885 schließlich Palermo. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bekamen die Bahnhofsplätze mehr Gewicht als Orte von Versammlungen, politischen Kundgebungen und Festen. Die Stadt breitete sich zum Bahnhof hin aus, der meist durch eine prächtige Straße erreichbar war. Seine zentrale Rolle im Stadtgeschehen wurde nun auch optisch unterstrichen.

Johanna Tschurtschenthaler aus Sexten reiste am 20. Dezember 1951 mit ihrem künftigen Arbeitgeber in ein kleines Bergdörfchen bei Bologna. Auf dem Bahnhof in Bologna musste sie umsteigen und sich beeilen, um den Anschlussbus nicht zu verpassen. Staunend betrachtete sie den riesigen Bahnhof: „Die ganzen Leute auf dem Bahnhof – ich hatte nur zu schauen.“ Maria Federa stieg am Mailänder Bahnhof aus: „Der Bahnhof in Mailand war riesig, ich war richtig verloren.“ Auf die Gadertalerin wartete bei ihrer Ankunft ihr Arbeitgeber, ein Erkennungszeichen bei sich führend. „Bevor ich weggefahren bin, haben mir die Herrschaften geschrieben, dass wenn ich am Bahnhof in Mailand aussteige, ein Herr mit einem Hund auf mich wartet. Damit ich ihn erkenne. Ich bin ausgestiegen, Herren mit Hund gab es mehrere. Dann hab ich es einfach bei einem probiert, und der war dann auch gleich der richtige Herr.“ Maria Stolzlechner hielt bei ihrer Ankunft am Turiner Bahnhof ihr Erkennungszeichen in der Hand: „Am Bahnhof musste man durch eine Art Gatter durchgehen. Ich hatte mit den Herrschaften ausgemacht, dass sie dort auf mich warten. Ich musste ein weißes Kuvert in der Hand halten – das war mein Erkennungszeichen, und wir haben uns dann auch sofort gefunden.“ Auch Sofia Höchenberger kam mit ihren 20 Jahren allein mit dem Zug in Bergamo an. Mit den Arbeitgebern stand sie schon in Südtirol in Briefkontakt – die erste Zusammenkunft war detailliert abgesprochen: „Sie haben mir geschrieben, dass der Herr mich am Bahnhof abholt, dass er neben dem Auto steht. Die Nummer von der Targa39 haben sie mir gegeben. Das Auto musste ich suchen, um ihn zu finden. Als ich das Auto gesehen habe, hab ich den Herrn gefragt: ‚Sind Sie der Herr Barzanò?‘ Er sagte: ‚Ja.‘ Ich konnte einsteigen und wir sind zum Haus gefahren, in die Via Statuto, Casa Nessi, da hatten sie die Wohnung.“ Helena Blaas war mit einem nicht mehr ganz „frischen“ Erkennungszeichen bestückt: „Ich musste einen Strauß Rosen tragen, damit mich die Frau erkennt. Aber die Rosen hatten wir schon in Meran gekauft, die waren schon welk.“ Ihre Arbeitgeberin konnte Helena zunächst weit und breit nicht erblicken, plötzlich nahte eine Frau in hellblauem Kostüm. „Sie hat im Brief geschrieben, sie würde ein hellblaues Kostüm tragen. Sie war klein und sehr dick, sie hat über einen Zentner gewogen. Sie hat mich angebrüllt: ‚Warum haben Sie sich nicht sehen lassen?‘ (…) Dann sind wir ins Taxi eingestiegen. Während der Fahrt hat sie mich gefragt, ob ich kochen könne. Ich habe ihr geantwortet, ich könne nichts. Das hatten wir ihr schon geschrieben. Aber es ist trotzdem gut gegangen.“ Anna Telfser aus Schlanders erkannte ihren Arbeitgeber an dem vereinbarten Taschentuch, das dieser in der Hand hielt. Dennoch sollte es erst später zur Begegnung zwischen den beiden kommen: „Ich habe schon den Herrn mit dem Taschentuch gesehen, aber ich habe mir gedacht: Nein, wer weiß. Ich hatte noch keine Lust. Ich bin dann zuerst zur Hedwig [eine Freundin aus Südtirol A. d. V.] und wir sind dann mit dem Taxi hinausgefahren. Ich war dann noch vor ihm dort.“ Anna Frank aus Schluderns traf ihre römischen Dienstgeber schon am Bozner Bahnhof. Bereits bei der ersten Begegnung machten diese unmissverständlich klar, was die damals 19-Jährige erwarten würde: „Die Mutter hatte mir einen Blumenstrauß für die Frau mitgegeben. Als ich ihn überreichen wollte, befahl sie mir, den Strauß in den Abfalleimer zu werfen, weil er doch nur welke, bis wir ankämen. Da wurde mir schon etwas mulmig. Die Herrschaft ist in die erste Klasse eingestiegen und ich in die zweite.“ Gesellschaftliche Hierarchien wurden von Anfang an unmissverständlich festgelegt, wie folgendes zeitgenössische Sprichwort zeigt: „In prima classe viaggiano i principi, gli inglesi ed i vanitosi, gli sposi e i passeggeri con biglietto gratuito (= deputati).“40

Stazione di Torino Porta Nuova in den 20er Jahren. Die Bahnhöfe stellten für viele den ersten Kontakt mit der fremden Welt dar.

Menschenmenge vor den Fahrkartenschaltern des Hauptbahnhofs Mailand

Die Bahnhofsmission

Nicht immer hatten die Südtirolerinnen schon in der Heimat Kontakte zu ihren zukünftigen Arbeitgebern aufgenommen. Häufig reisten die Mädchen ohne bereits getroffene Abmachungen in italienische Großstädte, um vor Ort ihr Glück zu versuchen. Toni Wallnöfer aus Laas war mit ihren 16 Jahren eine dieser Unerschrockenen: „Um acht Uhr abends bin ich in Bozen losgefahren, und am Morgen war ich in Rom. Dort bin ich ausgestiegen und wusste zunächst nicht, was tun. Ich habe eine Frau angesprochen, um sie nach dem Weg zu diesem Deutschen Haus41 zu fragen. Die Frau konnte Deutsch, sie hat mich zum Bus gebracht und dem Busfahrer Anweisungen gegeben, wo ich aussteigen musste. Mit mir waren noch 200 Bewerberinnen aus Deutschland da, die alle als Kindermädchen arbeiten wollten.“

Die Ankunft der Arbeit suchenden Mädchen in den italienischen Großstädten wurde nicht dem Zufall überlassen. Die „Unione delle donne dell’Azione Cattolica Italiana“ (ACI) war 1909 gegründet worden und erwartete mit ihren Bahnhofsmissionarinnen Tausende von Dienstboten, die in die Stadt drängten.

Auch bürgerliche Frauenvereine sahen in der Betreuung der eben in der Stadt angekommenen Landmädchen eine wichtige Aufgabe. Unter der engagierten Leitung einer bedeutenden Feministin des Viktorianischen Zeitalters, Josephine Butler, waren in England am Ende des 19. Jahrhunderts von puritanisch-protestantischen Kreisen nationale und internationale Initiativen zur Bekämpfung von Mädchenhandel und Prostitution gegründet worden. Sozial engagierte und religiös bewegte Frauen aus überwiegend bürgerlichen Kreisen – oft beschäftigten sie selbst Dienstmädchen und waren deshalb persönlich interessiert, wussten aber gleichzeitig über die Schattenseiten des Dienstmädchenmetiers Bescheid – übernahmen auf den Bahnhöfen die Betreuung allein reisender, Arbeit suchender, junger Frauen.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt die zuvor auf Gelegentlichkeit ausgerichtete Hilfe ständigen Charakter. Professionell ausgebildete, teilweise bezahlte Mitarbeiterinnen übernahmen zu festen Zeiten die Betreuung auf den Bahnhöfen von Großstädten und auch an Grenzübergängen.42

So breitete sich für allein reisende junge Frauen ein schützender Mantel aus einem weit verzweigten Netz verschiedener Organisationen aus. Eines war den Bahnhofsmissionarinnen unterschiedlichster Couleur gemeinsam: Sie begriffen ihren Einsatz vor allem als Kampf gegen sittliche Gefahren, die allein stehenden Frauen auf ihrer Reise in die Fremde und während ihres Aufenthalts in der Stadt begegnen konnten. Die Helferinnen sollten verhindern, dass die Mädchen in den falschen Zug einstiegen oder dass sie sich von gewissenlosen Männern ins Schlepptau nehmen ließen. Die Bemühungen zum Schutz der Mädchen sowie der Argwohn gegenüber den Männern, die sich ihnen möglicherweise näherten, entsprangen einer damals allgemein verbreiteten Furcht vor unkontrollierten – besonders männlichen – sexuellen Trieben. Vor allem junge Frauen, die nicht mehr unter der Aufsicht ihrer Eltern standen, waren lüsternen Blicken und Händen fast wehrlos ausgeliefert.

Antonia Saurer war einer sehr unangenehmen Situation ausgesetzt, als sie unerwartet den Zug wechseln musste: „Mitten in der Nacht musste ich aussteigen und mit dem ganzen Gepäck in den Wartesaal gehen. Und warten bis drei oder vier Uhr in der Früh. Der Wartesaal war voller Männer, da habe ich was aushalten müssen. Ich habe Angst vor ihnen gehabt, ich war ja erst 16 Jahre alt und noch nirgends gewesen. Da habe ich gebetet. Ich weiß nicht, wie ich damals die Courage gehabt habe.“ Johanna Tschurtschenthaler verlor im Bahnhofsgetümmel ihren Arbeitgeber aus den Augen: „Der Herr hat sich ziemlich beeilen müssen, weil wir sonst den Bus versäumt hätten. Ich immer hinter ihm her, und plötzlich seh ich keinen Herrn mehr. Da war ich schon das erste Mal enttäuscht, und ich dachte mir nur: ‚Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun?‘ Und schon waren schnell ein paar Männer bei mir. Die wollten wissen, was ich mache und wohin ich will.“

Die Mädchen waren einerseits selbst der Gefahr ausgesetzt, andererseits wurden sie als Risiko für die gesittete bürgerliche Gesellschaft gesehen.

Stereotype Beschreibungen von frivolen und unmoralischen Dienstboten waren weit verbreitetet. Ausgehend von einem idealen bürgerlichen, katholischen Frauenbild, hieß es in einem Programmauszug der Katholischen Aktion aus dem Jahr 1903: „La giovane gagliarda, sottraendosi all’occhio materno, si getta nelle nostre città, officine … di immoralità, d’irreligione … Per la prima volta discendono dal monte nelle grandi città ove, sebbene fra mille pericoli, trovano facile collocamento perché … sono più docili e buone delle altre.“43

Auch die Caritas war in der Bahnhofsmission tätig. Hilde Pinggera erinnert sich an ihre Ankunft in Mailand in den 30er Jahren: „Wenn man am Bahnhof herauskommt, geht eine große Treppe hinunter, und da standen immer links und rechts Frauen von der Caritas. Die haben die Mädchen, die allein gekommen sind, angesprochen, wenn sie gesehen haben, dass sie nicht wussten wohin. Sie haben sie dann ins nahe Kloster gebracht.“

Eine Dame der Bahnhofsmission eilte auch Marianna Parth zu Hilfe. Denn trotz vereinbarten Treffpunkts und eindeutigen Kennzeichens war bei der Zusammenkunft etwas schief gelaufen. Mit einem roten Schal stand sie am Bahnhof – und wartete auf ihren Arbeitgeber: „Ich bin dagestanden am Bahnhof, aber er ist nicht gekommen. Was ist das für einer, hab ich mir gedacht. Zuerst macht er mich kommen, und dann ist er nicht da. Ich habe den Koffer genommen und bin den Leuten nachgegangen. Ich wollte nicht mehr dastehen, wenn keiner kommt. Vielleicht wartet er weiter unten irgendwo, dachte ich mir. Aber langsam wurde ich ängstlich.“ Die Hilfsbereitschaft einer – vermutlich im Dienste der Bahnhofsmission stehenden – Frau brachte Marianna an einen sicheren Ort: „Da war ein Fräulein, die hatte eine Binde umgebunden und konnte drei, vier Sprachen sprechen. Sie hat gleich gesehen, dass ich eine Deutsche bin. Sie hat mich gefragt, wo ich hin will und ob ich abgeholt werde. Dann hat sie den Koffer genommen, sie hatte eine schöne Villa neben dem Bahnhof. Dann hat sie mit dem Hauptmann telefoniert, der mich hätte abholen sollen. Seine Frau hat ihn dann entschuldigt und gesagt, dass ihr Mann sich verspätet hat. Als ich die Suppe fertig gegessen habe, ist der Hauptmann gekommen und hat mich abgeholt.“ Im Herbst 1933 kam Helena Blaas am Bahnhof von Rom an, auch sie wurde von einer Bahnhofsmissionarin „notversorgt“: „Gesehen hab ich niemanden am Bahnsteig. Und da war noch ein Mädchen, die war auch auf der Suche nach ihren Arbeitgebern. Da hat uns eine Frau auf Deutsch gefragt, wo wir hinwollen. Wir haben geantwortet, dass wir in Stellung gehen wollen. Sie forderte uns auf, mit ins Büro zu kommen und dort zu warten. Ich habe gesagt, dass ich zur Familie Frank komme, und sie haben die Adresse im Telefonbuch gesucht.“

Ein „Reisekostendarlehen“, eine Notunterkunft, die Begleitung zu den Arbeitgebern – das boten die Helferinnen vor Ort den in ihren Augen hilflosen jungen Mädchen an. Katholische Zeitungen lieferten minutiöse Beschreibungen wie eine ideale Reise verlaufen sollte: Vorzuziehen waren Reisen in Gruppen, mit kundigen Personen oder in speziell ausgewiesenen Frauenabteilen. Gewarnt wurde insbesondere vor Gesprächen mit anderen Reisenden und davor, sich Ratschläge oder Tipps von fremden Personen einzuholen. Es wurde angeraten, niemandem das mitgeführte Geld oder den Personalausweis zu zeigen oder gar jemandem die Koffer anzuvertrauen. Auf keinen Fall sollte Auskunft über das Ziel der Reise gegeben werden, beim Aufenthalt in kleinen Stationen sei es besser, den Zug nicht zu verlassen.44 Auch die städtischen Arbeitgeber wussten von der Bahnhofsmission und informierten ihre zukünftigen Hausmädchen schon vorab über deren Dienste, wie im Fall von Hilde Pinggera: „Der Doktor hat mir gesagt, wenn ich auf dem Bahnhof ankomme und wir würden uns nicht treffen, soll ich mich an die Schwestern halten, die würden mir weiterhelfen.“ Die helfenden, richtungweisenden Hände am Bahnhof wurden von vielen Reisenden dankbar angenommen. Vor allem im Reisen ungeübte Frauen waren auf die Hilfe der Bahnhofsmission angewiesen, während erfahrenere und bereits ortskundige Frauen die weite Reise gelassener nahmen. Es gab aber auch Mädchen, die sich über zu viel soziale Kontrolle und Überwachung beschwerten. Für Anna Unterthiners Geschmack waren die hilfsbereiten Schwestern etwas zu hartnäckig: „In Mailand waren auf dem Bahnhof Klosterschwestern, die haben immer herumgeschaut, ob was los ist. Und ich bin dagestanden, mit meiner Frisur und meinem Gewand und meinen Taschen – die haben gleich verstanden, dass ich nicht von da bin. Da wollten sie mich gleich mitnehmen. Sie hatten in der Nähe des Bahnhofes ein Heim für Mädchen. Ich bin natürlich nicht mit ihnen mitgegangen, weil ich schon mit meinen Herrschaften ausgemacht hatte, dass wir uns am Bahnhof treffen. Das wollten sie mir fast nicht glauben. Ich musste mich direkt wehren, dass sie mich nicht mitgenommen haben.“

Nicht nur Bahnhofsmissionarinnen kümmerten sich um die allein reisenden Mädchen. Auch Passagiere und das Bahnhofspersonal waren um das Wohl der jungen Frauen besorgt. Helena Blaas, unterwegs nach Rom, wurde auf ihrem Zwischenstopp in Bologna von einem „facchino“ bestens betreut: „Er hat mich ermahnt, ich solle ja nicht mit Männern reden, ja keinen Wein trinken. In einer Stunde komme er wieder, dann bringe er mich zum Zug nach Rom. Er ist ein paar Mal gekommen, zu schauen, ob mich die wartenden Männer auch in Ruhe lassen. Der hat wirklich auf mich geschaut, mich in den Zug begleitet und mir die Hand gegeben. Ich habe ihm fünf Lire Trinkgeld gegeben, das war ein gutes Trinkgeld.“

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
624 s. 191 illüstrasyon
ISBN:
9788872837559
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Bookwire
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