Kitabı oku: «Der Aufstieg der Ultra-Läufer»
ADHARANAND FINN
DER AUFSTIEG DER ULTRA LÄUFER
EINE REISE AN DIE GRENZEN DER MENSCHLICHEN AUSDAUER
Aus dem Englischen von Alison und Robert Flint Steiner

„Wir sollten unsere Grenzen immer weiter ausloten, damit wir mehr über uns erfahren.
Erkenne dich also selbst.“
Geoff Oliver, 85, nach 77 gelaufenen Meilen beim 24-Stunden-Laufbahnrennen von Tooting, Süd London
IMPRESSUM
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel
Adharanand Finn: The Rise of the Ultra Runners A Journey to the Edge of Human Endurance im Verlag Guardian Faber
Guardian Faber ist ein Imprint von Faber & Faber Ltd, Bloomsbury House,
74–77 Great Russell Street, London wc1b 3da
Alle Rechte vorbehalten.
© Adharanand Finn, 2019
Deutsche Erstausgabe
www.egoth.at
1. Auflage
© 2019 egoth Verlag GmbH
Untere Weißgerberstraße 63/12
1030 Wien
Redaktionsschluss: 8. August 2019
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
Übersetzung aus dem Englischen: Alison und Robert Flint Steiner
Fotos: Seite 375 CANOFOTOSPORTS / Lavaredo Ultra Trail 2018, Seite 383 -
Alle Rechte liegen bei den abgebildeten Personen, S. 397 [Nele Alder-Baerens]
Anton Schneid (Deutscher Gehörlosen Sportverband), S. 397 [Alexander Dautel]
Sofie Hovmand, S. 397 [Michael Sommer] Martin Rudolph, [Florian Reus] Nicole Reus
Texte des Epilogs: Seite 376–392 Egon Theiner, Seite 393ff Dr. Annette Müller
Projektleitung: Sonja Franzke | vielseitig.co.at
Lektorat: Margot Bacher | korrigiermich.at
Grafische Innengestaltung: Clemens Toscani | clemens.toscani.at
Umschlaggestaltung: Clemens Toscani, unter Verwendung einer Illustration von Dan Mogford
Printed in the EU
Gesamtherstellung: egoth Verlag GmbH
ISBN (Print): 978-3-903183-18-6
ISBN (E-Book): 978-3-903183-71-1
Inhalt
Adharanand Finn: Der Aufstieg der Ultraläufer
Danksagungen
Der Autor
Epilog: Die deutschsprachige Ultraläufer-Szene
PROLOG
Der Rücken an einen Sandhügel gelehnt liege ich zusammengesackt am Boden und starre durch meine verschmierte gelbe Sonnenbrille. Sand soweit das Auge reicht. Sand mit ein paar Flecken vertrocknetem Gras dazwischen. Eine Wüste. Vage zeichnet sich ein Weg durch diese Einöde ab. Reifenspuren, die vermuten lassen, dass die nächste Zivilisation nicht mehr weit sein kann. Doch ich bewege mich nicht. Meine Beine fühlen sich an wie zwei rostige Maschinenteile, die ich schon seit Tagen mit mir herumschleppe. Es fühlt sich richtig gut an, sie endlich abzusetzen. Meine Leiste – dort wo der Vorderteil meines linken Beins an meinen Oberkörper grenzt – ächzt und wetzt bei jedem Schritt, doch jetzt, da ich endlich sitze, wird der Schmerz leichter, ja beinahe schon lustvoll.
Meine Gedanken scheinen sich bereits eigenständig gemacht zu haben. Mein Körper, mein physisches Wesen, sitzt hier und verschmilzt mit dem Sand, viel zu erschöpft, um zu denken. Aber die Wächter in meinem Kopf – diejenigen, die die Verantwortung für mein Überleben tragen – diskutieren fieberhaft miteinander.
Ich kann hier nicht den ganzen Tag rumsitzen. Mein Wasservorrat neigt sich dem Ende zu. Die Sonne ist zu heiß. Ich bin doch schon so weit gekommen. Denk an die Strecke, die du bereits zurückgelegt hast. Endlose Kilometer durch diesen höllischen Sand. Du kannst doch jetzt nicht einfach aufgeben. Bis zum Ziel, dem Strand, dem Meer, sind es nur mehr ein paar Kilometer. Du schaffst das. Komm, ein Schritt nach dem anderen. Du bist doch nicht den ganzen Weg bis hierhergekommen, um jetzt so knapp vor dem Ziel aufzugeben.
Ich erinnere mich nur mehr vage an all die Strategien, mit denen ich mich bis zuletzt auf den Beinen gehalten hatte. Am zweiten Tag, als es zum ersten Mal schwierig wurde, konnte ich mich anspornen. „Komm jetzt, du bist doch ein harter Kerl“, sagte ich mir da. „Du schaffst das. Zeig’s ihnen. Die Wüste mag zwar unerbittlich sein, aber einen Herrn Finn wird sie nicht stoppen.“ Ja, ich sprach wirklich von mir als Herr Finn. Das Rennen hatte bereits begonnen meinen Geist zu verdrehen.
Am fünften Tag wich das Draufgängertum dann dem Schmerz und ich tröstete mich durch die Nachtetappe. „Alles gut, mach dir keine Sorgen, du schaffst das. Es wird schon, lauf nur weiter.“ Die Nacht lag still und dunkel da. Der Sand unter meinen Füßen brutal tief. Aber ich schaffte es. Zweiundvierzig Kilometer in siebeneinhalb Stunden – doch ich kam ins Ziel.
Aber nun, so knapp vor dem Ende, war auch mein Wille völlig am Boden. Die Stimmen in meinem Kopf zwecklos. Ich bewege mich keinen Meter.
„Aufstehen und dich ins Ziel schleppen, das ist es, was du machen sollst. Aber warum? Wer hat denn diese dämlichen Regeln aufgestellt? Du brauchst da nicht mitspielen wie ein preisgekrönter Pudel.“ Das ist allerdings interessant. Ich rutsche etwas herum, damit das Gras nicht so sticht, strecke meine Beine aus und drücke meine Füße nach vorne. Meine Schuhe sind voller Sand, so, als ob sie drei Nummern zu klein wären. Das geht mir schon seit Tagen so. Eines der kleineren Übel im Gesamten betrachtet.
„Richtig mutig wäre es jetzt, auf dich selbst zu hören, und nicht auf die anderen“, meint der Genius in meinem Kopf. „Die anderen werden dir nur sagen, dass du das Rennen beenden musst, dass niemand so knapp vor dem Ziel aufgibt. Aber du, du bist anders als die anderen. Du spielst nach deinen eigenen Regeln. Du musst niemandem etwas beweisen. Wenn du aufhören willst, dann hör einfach auf.“ Regungslos hier herumzusitzen kommt mir vor, als wäre dies der höchste Akt der Rebellion. Ich werde zum James Dean des Wüstenultras. Es wird schon jemand kommen und mich finden. Sie werden zwar versuchen mich zu motivieren, das Rennen zu beenden, aber da spiele ich nicht mit. Ich werde es ihnen schon zeigen. Ich spiele nach meinen eigenen Regeln.
„He, Finn!“ Ich blicke auf. Ein älteres deutsches Paar um die sechzig steht vor mir. Ich weiß nicht genau, ob sie lächeln oder Grimassen schneiden.
„Alles in Ordnung?“, fragt mich Gudrun mit sanfter Stimme. Sie sieht ziemlich schockiert drein.
„Komm, steh auf“, bellt Hansmartin mich an. „Komm mit uns.“
Bevor ich es noch so richtig realisiert habe, hieve ich mich hoch und wir setzen uns im Gänsemarsch in Bewegung. Wieder durch den Sand watend, meine Leistengegend schmerzend. Die gesamte Ausrüstung, meine Kleidung, mein Rucksack, mein Kopftuch kleben an meinem verschwitzten Körper. Schon seit Tagen presst die Sonne jeden Tropfen Feuchtigkeit langsam aus meinem Körper und meinem Geist heraus, als wäre ich in einem Schraubstock gefangen. Aber jetzt stehe ich wieder und bewege mich, immer Hansmartins Fußstapfen folgend. Niemand sagt ein Wort. Die beiden sind fast genauso erschöpft wie ich, doch wir kämpfen uns weiter voran. Alles nur im Schritttempo, doch beide verwenden Walking-Stöcke und bewegen sich zielstrebig vorwärts. Ich starre auf Hansmartins Rucksack, der sich auf und ab bewegt, als er sich seinen Weg durch den Sand bahnt. Irgendwann beginnt sich mein Körper langsam zu erholen. Ich fühle ein leichtes Zucken in meinen Beinen. Mein Kopf wird wieder klarer. Unbewusst beginne ich zu traben.
„Ah, gut, gut“, sagt er. „Geh nur. Wir sehen dich dann im Ziel.“ Und mit diesen Worten beginne ich wieder zu laufen. Die Dünen wachsen nun langsam zu Bergen an; die höchsten Dünen des Rennens, aber ich kann das Meer fast schon riechen. Ich nehme meine Sonnenbrille ab und stecke sie in die Tasche. Der Sand ist weiß. Ich stapfe die hohen rutschigen Hänge hinauf und hüpfe und stolpere auf der anderen Seite wieder hinunter. Ich stelle mir vor, ich wäre ein Kind, das ganz aufgeregt zum Meer läuft.
Mehrere Male denke ich, ich wäre endlich am Ziel, doch da türmt sich die nächste Düne vor mir auf. Aber jetzt bin ich voller Adrenalin. Ich höre schon, wie das Ziel nach mir ruft. Und plötzlich bin ich da. Ein Zieleinlauf aus Ballons. Zelte. Menschen, die zwischen den Wellen auf- und abtauchen. Ich bin unter den Letzten, die ins Ziel kommen und die meisten hier erholen sich bereits im Lager, kochen und waschen ihre Kleidung. Zwei holländische Läufer sehen mich die Ziellinie überqueren und applaudieren mir verhalten. Ihr Enthusiasmus, die anderen beim Zieleinlauf zu bejubeln, hält sich mittlerweile bereits in Grenzen. Ein gelangweilter Fotograf erhebt sich aus seinem Stuhl im Schatten und richtet seine Kamera auf mich. Er fragt, wie ich mich fühle. Für das Rennvideo, sagt er.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Nach allem, was ich durchgemacht habe, sollte ich eigentlich vor Emotionen überschäumen, doch ich fühle mich eigenartig wortkarg.
„Es war hart“, ist alles was ich herausbringe. „Verdammt hart.“ Mit diesen Worten nehme ich meinen Rucksack ab und stolpere den Strand hinunter, hinein ins kühle Nass des Golfs von Oman und lasse mich in die Wellen fallen.
„Nie wieder werde ich so etwas Dämliches machen“, sage ich zu mir.
1
Der Oman Desert Marathon war mein erster Ultra-Marathon. Das Rennen verläuft knapp 165 km durch brennendheißen Wüstensand. Eigentlich wollte ich ja gar nicht daran teilnehmen. Die Idee kam auf, als mich ein Redakteur der Financial Times kontaktierte und fragte, ob ich einen Artikel darüber schreiben würde. Meine erste Antwort damals war ein klares „Nein“.
Wenn es ums Laufen geht, habe ich mich immer irgendwie als Puristen gesehen. Als einen Menschen, der gleich viel Bewunderung für jemanden empfindet, der für die Meile unter vier Minuten benötigt, wie für jemanden, der rund um die Welt läuft. Um rund um die Welt zu laufen, benötigt man Entschlossenheit, Verbissenheit, gute Vorausplanung und jede Menge Freizeit. Aber um schnell zu sein, wirklich schnell, dazu braucht es Können, Engagement und ein spezielles Talent, das über viele Jahre hinweg trainiert werden muss. Athleten wie Mo Farah, David Rudisha oder Eliud Kipchoge in voller Fahrt zu sehen, war reine Poesie – menschliche Anstrengung kombiniert mit unglaublicher Grazie, Balance und Kraft. Es war Laufen in seiner schönsten Form.
Ultra-Running hingegen war so, als drösche man so lange auf das Laufen ein, bis es fast tot war. Rucksäcke, Stöcke, Verpflegung, Stirnlampen – das alles machte es nur noch umständlicher. Es wurde zu etwas anderem. Bewundernswert und mutig, sicherlich. Verrückt und geisteskrank, möglicherweise. Aber mit Laufen hatte das nichts mehr zu tun.
Innerlich ärgerte es mich immer, wenn Leute, die mich aufs Laufen ansprachen, mehr von der Distanz, die ich gelaufen war, beeindruckt waren als von meiner Zeit. Für mich war die Länge der Strecke irrelevant, wenn man nicht wusste, wie schnell man gelaufen war. Meiner Meinung nach konnte so ziemlich jeder Jogger oder sogar Spaziergänger lange Distanzen zurücklegen, wenn er es nur wollte. Das war jetzt kein besonderer Verdienst.
Eines schönen Tages, ich holte mir gerade eine Tasse Kaffee im Londoner Büro, sprach mich ein Kollege, der wusste, dass ich gerne lief, auf das Thema an.
„Du läufst doch Triathlons, oder?“, fragte er.
„Nein“, antwortete ich.
„Oh. Ultra-Marathons?“
„Nein“, sagte ich. Er sah verwirrt drein.
„Also nur Marathon?“, sagte er.
Einen Marathon zu laufen war früher einmal eine ganz große Sache. Die Leute ließen sich leicht damit beeindrucken. Manchmal fragten sie sogar nach der Zeit, die man gelaufen war, und wenn diese unter drei Stunden lag, konnte man sehen, wie sie beeindruckt ihre Augenbrauen hochzogen. Aber diese Kaffeepausenmentalität, bei der man gerne den Kopf über die Verrücktheiten anderer schüttelt, bei der man dieses erstaunte „Verdammt, das ist ja komplett irre, na besser du als ich“ erwartet, sich jedoch nicht in irgendwelchen Details verlieren möchte, hat sich inzwischen an viel extremere Dinge gewöhnt. Marathons sind nur mehr kleine Fische. Es scheint, als wären wir im Zeitalter des „Es ist ja nur ein Marathon“ angekommen. Heute muss Laufen schon mit der protzigen Vorsilbe „Ultra“ daherkommen. Hundertsechzig Kilometer durch die Wüste? Wow. Das beeindruckt wirklich jeden.
Jeden außer mich, anscheinend. Immer wenn ich mir ein Video auf einer dieser Ultra-Laufseiten im Internet ansah und sah, wie die Läufer zum Teil nur mehr gingen, tat mir das Herz weh. Ich erinnere mich an einen Blog namens Das A bis Z des Ultra-Running und unter G war zu lesen: „Gehen: eine Art sich fortzubewegen, die selten Anerkennung findet, jedoch oft bei Ultra-Marathons zum Einsatz kommt. Um unser Gesicht einigermaßen zu wahren, nennen wir es ‚Powerhiking‘.“
In meiner Welt schneller 10.000-Meter-Läufe und dienstäglichen Laufbahnsessions mit meinem Leichtathletik-Club beeindruckten Ultra-Marathons – das heißt Rennen über der Standarddistanz von 42,195 km – nur Leute, die absolut keine Ahnung vom Laufsport hatten. Aber ich hatte eine Ahnung vom Laufen. Also sagte ich auch nein zu dem Oman-Job.
Es war dann allerdings Marietta, meine Frau, die mich dazu brachte, doch noch einmal darüber nachzudenken.
„Sag, zahlen die meisten Leute nicht einen Haufen Geld dafür, um an solchen Rennen überhaupt teilnehmen zu dürfen?“, meinte sie. „Und dich würden sie sogar dazu einladen, dort zu laufen. Ich dachte, du läufst so gerne?“
Sie hat recht. Eine Teilnahme an solch großen mehrtägigen Etappenrennen ist nicht billig. Dazu kommt auch noch die Ausrüstung. So ein Rennen kostet einiges an Geld und viel Zeit weg von zu Hause und der Arbeit. Warum also machen Leute so etwas? Sicherlich nicht nur, um damit ihre Arbeitskollegen in der Kaffeepause zu beeindrucken.
Es war zwar nicht meine Art von Rennen, doch je mehr ich darüber nachdachte, was alles damit zusammenhing, desto mehr wurde mir bewusst, dass quer durch die Wüste zu laufen ein unglaubliches Abenteuer wäre, schon allein der Erfahrung wegen. Draußen unter den Sternen zu schlafen, hundertfünfundsechzig Kilometer Wildnis aus eigener Kraft zu durchqueren. So gesehen hörte sich das ganze eigentlich sehr verlockend an, ja geradezu genial. Ich schob meinen inneren Lauffreak für einen Moment beiseite. Das wäre die Gelegenheit, eins mit der Natur zu werden, mit dem Planeten, und Zeit draußen in der Wildnis zu verbringen. Wer kann schon sagen, was da auf mich zukäme und welche Erfahrungen da draußen unter der gleißenden Sonne auf mich warteten. Vielleicht käme ich ja als neuer Mensch zurück. Und außerdem verlöre ich ja dabei wohl kaum Fitness für mein „richtiges“ Laufen. Nach meiner Rückkehr wäre ich in der Form meines Lebens. Win-win könnte man sagen. So rief ich also den Redakteur zurück.
„Ich weiß, das hört sich ziemlich krank an“, sagte er. „Das Ganze geht über sechs Tage, aber du kannst ja nach zwei oder drei Tagen aufhören, wenn du willst.“
Oh nein, ganz oder gar nicht war nun die Devise. Auf einmal war ich wie besessen von dieser Idee, immer weiter zog sie mich in ihren Bann. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, sich einer solchen Herausforderung zu stellen und sie irgendwie zu meistern. So schwer könnte das für einen richtigen Läufer wie mich doch nicht sein.

Es war ein Uhr morgens, als der Flug mit mir und etwa zehn weiteren Läufern an Bord – inklusive dem deutschen Paar Gudrun und Hansmartin, die ich bereits im Flugzeug kennengelernt hatte – in Muscat ankam. Eigentlich dachten wir, dass man uns bereits erwartete und direkt in unser Hotel brächte. Umso verärgerter war ich dann, als der Veranstalter, der uns am Flughafen empfing, meinte, dass wir hier auf den Bus warten müssten, dieser aber erst um neun Uhr käme.
„Wartet einfach da in dem Café“, bemerkte er flapsig, ganz so, als ob ein Kind ihm eine lästige Frage gestellt hätte. Sein Englisch war auch nicht gerade das Beste und ich fragte mich, ob ich ihn nicht vielleicht missverstanden hätte.
„Im Café warten? Für acht Stunden?“, fragte ich nach, wobei ich meine Stimme wohl etwas zu viel erhob. Das konnte wohl nicht sein Ernst sein. Vor uns lag ein 165-Kilometer-Marathon durch die Wüste. Wir brauchten unsere Erholung. Doch er zuckte nur mit den Achseln, zog seine Kappe tiefer ins Gesicht und gab vor, mich nicht zu verstehen.
Ich war knapp davor, ihm zu sagen, dass ich von der Financial Times sei und er mit uns nicht so umgehen könne. Um mir etwas moralische Unterstützung zu sichern, drehte ich mich jedoch erst zu meinen Mitstreitern um. Aber da war niemand mehr. Nur noch die leere Ankunftshalle. Wo waren die alle hin?
Als ich schmollend davontrabte, bemerkte ich, dass, während ich die ganze Zeit auf Rumpelstilzchen gemacht und lautstark protestiert hatte, die anderen Läufer – nachdem sie von der Verzögerung gehört hatten – ruhig ihre Schlafmatten und Schlafsäcke hervorgeholt und sich in der Ankunftshalle einen Platz zum Schlafen gesucht hatten. Einen Moment lang stand ich verwirrt da. Wussten die etwas, das ich nicht wusste? Oder war das so ein Ding bei Ultra-Läufern, alles einfach so hinzunehmen?
Schlussendlich kam der Bus dann drei Stunden früher als erwartet und brachte uns alle in eine komfortable Hoteloase in einem engen Tal, umgeben von berghohen Dünen. Die Reaktion der anderen Läufer auf diesen kleinen Vorfall war jedoch etwas, an das ich die nächsten Jahre immer wieder denken sollte, als ich ein verrücktes Ultra-Rennen nach dem anderen bestritt.

Die Dünen rund um die Hoteloase waren so hoch, dass man darauf mit Snowboards hätte fahren können, aber die Einheimischen bevorzugten es, sie mit ihren auf Hochglanz polierten Geländefahrzeugen immer wieder auf und ab zu fahren. Im Gegensatz dazu verwendeten wir Läufer da natürlich unsere Beine, als wir alle nacheinander aus den Zimmern kamen und zum Grat der Düne hochstiegen, um den Sonnenuntergang zu genießen. So standen wir also da, in kleinen Gruppen, alle noch etwas scheu und zurückhaltend, da wir uns erst kennenlernen mussten. Über uns nur das weite und klare Firmament und der Wind, der warm über unsere Haut strich. Nach einiger Zeit begannen wir in der Dunkelheit die Düne lachend durch den Sand hinunterzustolpern.
Morgen wäre dies allerdings bitterer Ernst und zwar stundenlang durch die Tageshitze und mit unserer ganzen Ausrüstung für die sechs Tage auf dem Rücken.
Die Veranstalter hatten mir – via dem FT-Redakteur – das Rennen als einen „machbaren“ ersten Ultra-Marathon verkauft. Es wäre eine kürzere und einfachere Form des berüchtigten Marathon de Sables, sagte man mir. Der MdS war eines der bekanntesten Rennen der Welt, 251 Kilometer durch die Sahara. Das Rennen rühmt sich, das härteste der Welt zu sein, doch hatten mir schon einige Ultra-Läufer gesagt, dass dem bei weitem nicht so wäre. Aber einmal abgesehen von dieser sprachlichen Übertreibung war der MdS schon eine richtig ernste Angelegenheit. Das war definitiv nicht die Art von Rennen, die ich auf dem Radar hatte, also war ich recht erfreut zu hören, dass das Rennen im Oman die einfachere Option sei. „MdS-lite“, wie es jemand so schön formulierte. Ja gut, das Rennen ging durch die Wüste, aber die Veranstalter meinten, ich würde hier ja nicht auf lockerem Sand laufen, sondern auf hartem Boden. Und 165 Kilometer über sechs Tage, nun, das hörte sich jetzt auch nicht so schlimm an. Ähnlich einem Trainingslager im heißen Süden.
Als ich dann endlich an der Startline in einem kleinen Ort namens Bidiyah stand, fühlte ich mich recht entspannt. Es war ja eigentlich kein Rennen, sondern ein Abenteuer. Das erste Mal in meinem Läuferleben machte ich mir keine Gedanken über Geschwindigkeit. Schließlich war ich nur hier, um diese Erfahrung zu genießen. Das nahm mir den ganzen Druck. Ohne auf die Pace zu achten, konnte ich einfach nur dahinjoggen und ein Teil in mir schien auch fest daran zu glauben, dass ich das ewig durchhalten könnte. Einmal ehrlich, wie hart könnte es schon sein, seine eigenen Füße immer in Bewegung zu halten? Einzig die Hitze bereitete mir ein wenig Sorgen und irgendwo beunruhigte mich auch die Rennvorschrift, eine Vakuumpumpe gegen Schlangengift, ein Messer und einen Signalspiegel mit im Gepäck tragen zu müssen. Während ich es in den Wochen vor dem Rennen genossen hatte, allen zu erzählen, dass ich durch die Wüste laufen würde, als wäre ich ein Actionheld, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich vielleicht doch in eine richtig gefährliche Situation geraten könnte. Wäre ich in der Lage, damit überhaupt umzugehen?
Die Einwohner des Dorfes hatten sich inzwischen am Hauptplatz versammelt, um uns zu verabschieden. Sie führten einen zeremoniellen Tanz vor und überall waren Männer in langen weißen Gewändern zu sehen, mit wertvoll verzierten Krummdolchen und iPhones, die in ihren Gürteln steckten.
Mitten in diesem Trubel stand eine Frau aus Schweden, Elisabet Barnes. Ihr Blick war nicht auf die Tänzer gerichtet, sondern ernst und fokussiert auf die vor ihr liegende Aufgabe. Am Abend zuvor hatte ich mich in der Hoteloase ein wenig mit Elisabet angefreundet. Sie lebte in England und hatte erst vor kurzem den Marathon de Sables gewonnen gehabt. Während wir auf Kissen saßen und Couscous mit gegrillten Paprikas von den niedrigen Tischen aßen, bat ich sie um ein paar hilfreiche Ratschläge.
„Hast du deine Gamaschen an deine Schuhe angenäht oder angeklebt?“, fragte sie mich. Elisabet war die Besitzerin eines auf Ultra-Running spezialisierten Sportgeschäfts in Essex. Sie kannte sich also aus. Meine Laufgamaschen ließen sich mit Schlaufen an meinen Schuhen befestigen. War das etwa nicht genug? Ich hatte sie so gekauft. Ich dachte, das wäre echt raffiniert.
„Aha“, meinte sie und tat ihr Bestes, nicht besorgt dreinzusehen. „Naja, das wird schon passen. Bist du schon oft auf Sand gelaufen?“
Äh, … eigentlich noch nie. Aber man sagte mir, dass das Rennen auf hartem Boden verläuft.
Sie lächelte als ob sie sich da nicht so sicher wäre. „Kann schon sein“, meinte sie. „Wie schwer ist dein Rucksack?“
Ich hatte keine Ahnung. Sie atmete einmal tief durch. Ich erzählte ihr, dass mir einer der Veranstalter Angst machen wollte, indem er mir gesagt hätte, ich solle keine Bilder meiner Familie mitnehmen. „An irgendeinem Punkt vergräbst du sie sowieso im Sand“, sagte er zu mir. „Die Leute stutzen sogar die Borsten ihrer Zahnbürste, um Gewicht zu sparen.“ Elisabet sagte kein Wort und aß weiter.
„Das sind aber alles nur Märchen, oder?“, bohrte ich weiter. „Lächerlich. Nicht wahr?“ Doch ihrem Blick entnahm ich, dass sie meine Meinung nicht unbedingt teilte. Und plötzlich fühlte ich mich irgendwie hilflos.
„Natürlich muss man das nicht tun“, antwortete sie. „Es geht mehr darum, die richtige mentale Einstellung zu finden, zu wissen, dass man alles Menschenmögliche getan hat, um Gewicht einzusparen. Es hilft einfach, dich mental bereit zu fühlen.“
Um es also kurz zusammenzufassen: Ich hatte nie auf Sand trainiert, meine Laufgamaschen waren nutzlos und mein Rucksack wahrscheinlich zu schwer. Und die Borsten meiner Zahnbürste hatte ich auch nicht gestutzt. Aber jetzt ganz ehrlich, wie hart konnte es schon werden. Gudrun und Hansmartin waren in ihren Sechzigern und dann gab es da noch eine blinde Französin Ende 50. Solange ich nur meine Pace kontrollierte, einfach joggte und vor mich hin trabte, sollte alles gut sein.

Und damit trotteten wir aus Bidiyah hinaus, vorbei an winkenden Kindern und den letzten Bäumen, die wir während der nächsten sechs Tage zu Gesicht bekommen sollten. Ich war vorsichtig genug, um es langsam anzugehen, irgendwo Mitten im Feld, zwischen auf und ab schaukelnden Rucksäcken. Laufen konnte man das kaum nennen. Ich beobachtete meinen Schatten, das Kissen, das ich aus dem Flugzeug mitgehen hatte lassen, war oben auf meinem Rucksack befestigt. Ein Geniestreich. Es wog so gut wie nichts, würde mir jedoch helfen besser zu schlafen. Ich mochte vielleicht nur mit Schlaufen befestigte Laufgamaschen haben, aber ich hatte ein Kissen.
Insgesamt waren wir nur ungefähr 75 Läufer am Start und das Feld begann sich schnell auseinanderzuziehen. Die erste Stunde führte unser Weg durch eine flache, sandige Ebene, bevor er nach der ersten Versorgungsstelle in die Sanddünen verschwand. Hier war der vom Wind zusammengetragene Sand tief, abschüssig und sehr locker. Schon darauf zu gehen war mühsam, geschweige denn zu laufen. Dies waren Dünen, wie man sie aus den Tim-und-Struppi-Heften kennt, aus ganz feinem Sand, der dir sofort in die Schuhe läuft, egal wie stramm deine Gamaschen sitzen. Und meine saßen gar nicht besonders stramm.
Zudem stieg auch die Temperatur immer weiter und näherte sich, nun als wir durch die Dünen liefen, 40 °C. Ich kämpfte mich weiter. Mit jedem meiner schweren Schritte sank ich tiefer ein und ich wurde langsamer und langsamer. Jeden Moment erwartete ich, dass die erfahrenen Läufer gleich an mir vorbeikämen, doch niemand tauchte auf. Die hatten wohl alle die gleichen Schwierigkeiten.
Nach einigen Stunden, in denen wir uns nur dahingeschleppt und vor uns her geflucht hatten, rollten wir den letzten langen Dünenhang hinunter auf den finalen und flachen Teil der Strecke. Dieser erste Tag war weitaus härter, als ich erwartet hätte.
An diesem Nachmittag, als ich in einem der berberartigen Zelte im Camp saß, redete ich mir ein, dass uns die Organisatoren am ersten Tag durch die Dünen gehetzt hatten, um uns eine Kostprobe davon zu geben, wie es sein könnte, um das Rennen gleich einmal mit einem Knaller zu beginnen, dass aber das restliche Rennen – wie anfangs versprochen – größtenteils über festgestampften Boden verlaufen würde und sich an der einen oder anderen Stelle durch die Dünen zieht.
Das müssen sich wohl auch die anderen gedacht haben, da gegen vier Uhr nachmittags plötzlich ein Aufschrei durch das Lager ging. Was war los? Die Leute kamen aus ihren Zelten, deuteten und schüttelten die Köpfe. „Das kann doch nur ein Witz sein“, sagte jemand. „Das geht doch nicht“, ein anderer.
Ganz oben auf der Düne, gegenüber des Lagers, war die erste Wegmarkierung gesetzt. Wir würden also den zweiten Tag damit beginnen, dorthin nach oben zu laufen. Das würde die Sache nicht einfacher machen.
Und so ging es weiter. Jeden Tag war ich mir sicher, dass wir uns auf der nächsten Etappe etwas erholen könnten, doch jeder Tag war härter als der davor. Der endlose Sand, die Hitze, die jedes bisschen Leben aus mir herausquetschte. Doch es gab auch Momente, die mir Energie gaben, mich motivierten. Am vierten Renntag stellte ich fest, dass ich unter den Top 20 lag und entschied, in einem plötzlichen Anfall von Wettkampfdenken, diese Etappe ohne zu gehen zu absolvieren. Das klappte auch beinahe. An Stellen, wo der Sand tiefer wurde, versuchte ich breitbeinig mit kleinen Schritten hochzukommen. Das war zwar langsam, aber einfacher und noch immer schneller als gehen. Vor allem da ich weniger tief einsank. Ich passte mich einfach an die Dünen an. Langsam hatte ich den Dreh raus. Ich würde mich nicht unterkriegen lassen.
Am vierten Tag kam ich mit zum Jubel geballten Fäusten ins Ziel und setzte mich zu den schnellsten Läufern, wo ich auf die anderen wartete, die ihre Tortur erst nach mir bewältigt hatten. Das Gute daran schneller zu sein war, dass du weniger Zeit im Würgegriff der sengenden Hitze verbringen musstest. So gesehen war es sogar einfacher, schneller zu laufen. Am nächsten Tag sagten uns die Organisatoren, dass die Strecke nun flacher und der Sand fester sein würde. Diesmal glaubte ich ihnen wirklich. Ich konnte es mir sogar in meinem Kopf richtig vorstellen: ein fester Weg bis ins Ziel. Das würde ich locker bewältigen.
Es war Tag fünf und die längste Etappe des Rennens stand auf dem Programm – diesmal über die normale Marathondistanz und größtenteils während der Nacht. Die Top 20 Läufer würden zwei Stunden nach dem Rest des Feldes starten. Also fanden wir uns alle am Nachmittag im Camp zusammen, wo sie die Namen der Top 20 Läufer verlautbarten. Auch mein Name war darunter, Platz 17. Du bist wirklich ein harter Kerl Finn. Legt euch besser nicht mit mir an. Als wir wieder in unsere Zelte gingen, bemühte ich mich, nicht zu selbstzufrieden dreinzusehen. Einige der erfahrenen Ultra-Läufer sprachen bereits darüber, wie hart dieses Rennen sei. Ich war aber noch immer gut dabei, und das, obwohl ich nur halb so gut vorbereitet war.
Viele Läufer nehmen an diesen Rennen auch teilweise aus Kameradschaft mit den anderen Läufern teil. Wenn man eine Woche lang zusammen durch die Wüste läuft, verbindet das einfach. Unsere Gruppe in Zelt 2, wie wir genannt wurden, bestand vorwiegend aus Italienern – unter anderem auch der Mutter eines Spielers aus der Premier League – sowie einem Biotechniker aus Belgien, einer quirligen Dame aus Südafrika und einem weiteren Briten, namens Rob, der in der Armee diente.
Einige der anderen in Zelt 2 waren ebenso unter den Top 20, doch leider nicht Dino, mein Freund. Er schien trotzdem guter Dinge zu sein. Ihm war die Platzierung egal, er war hier für die Erfahrung, zu plaudern und Fotos zu schießen. Oft hielt er nachmittags Hof in unserem Zelt, wenn wir uns ausruhten, und erzählte uns, wo er schon überall war – in über 200 Ländern, sagte er dann und begann sie aufzuzählen – meist bei Ultra-Rennen. Er erzählte Geschichten über Probleme mit Banditen in Mexiko, gefährliche Begegnungen mit Krokodilen in Botswana, Stürze in Gletscherspalten in Island. Er erzählte sie alle mit großer Begeisterung, viel Humor und ausladenden Gesten.
Monate später sandte mir Dino einen Clip aus einem Interview, das er dem italienischen Sky-Sports-Kanal über das Rennen im Oman gegeben hatte – der Gute wird immer von jemandem interviewt. In diesem Interview spricht er darüber, dass er sich das Zelt mit der Mutter eines Liverpool-Spielers aus Italien und einem Engländer aus Liverpool geteilt hatte. Damit war ich gemeint. Ich stamme zwar nicht aus Liverpool, aber ich verbrachte dort drei Jahre während meines Studiums und ich mochte das Team. Wie dem auch sei, er erzählte, wie wir die langen Nachmittage damit verbrachten, uns über Liverpools Fußballlegenden zu unterhalten, die großen Spiele und über die Hymne Liverpools – You’ll Never Walk Alone – welche von allen Fans am Spieltag gesungen wird.
Kurz darauf spricht er darüber, wie er sich während einer Etappe plötzlich ganz alleine und erschöpft unter der sengenden Sonne wiederfand. Er hatte begonnen zu gehen und summte dieses Lied leise vor sich her. Dabei verlor er sich in seiner eigenen Welt, so dass er gar nicht bemerkte, wie ich zu ihm aufschloss. Als ich hörte, was er da vor sich hin summte, begann ich miteinzustimmen. Da blickte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht durch seine spiegelnden Sonnenbrillen zu mir herüber und wir gingen zusammen weiter, während wir wie zwei glückselige Fußballfans You’ll Never Walk Alone aus voller Kehle sangen.
„Wissen Sie“, sagte er zu dem Reporter, „wenn du an verrückte Orte reist, triffst du verrückte Leute.“ Ich weiß nicht, wen genau er damit gemeint hatte, mich oder ihn oder vielleicht uns beide, aber mir gefiel dieser Satz. Ultra-Marathons und die Orte, an die es einen dadurch verschlug, waren wirklich verrückt und langsam fing ich an zu begreifen, dass dieser Sport einen ganz bestimmten Typ Mensch ansprach. Nicht ganz klar im Kopf, vielleicht, aber auch offen, freundlich und warmherzig. Zumindest ist es das, was Dino sagte.

Um etwa drei Uhr nachmittags gesellte ich mich zu den Top 20, der Crème de la Crème des Ultra-Laufs, um das Hauptfeld, mit Dino an der Spitze, zu verabschieden. Wir sahen ihnen dabei zu, als sie wie Ameisen über den Sand davonkrabbelten. Danach gingen wir wieder zurück in unsere Zelte, um uns auf unseren Start vorzubereiten.
Nachdem ich mich schon ein paar Tage durch meine Vorräte gefuttert hatte, war meine Tasche inzwischen um einiges leichter geworden und einfacher zu tragen. Ich werde nur so dahinfliegen, sagte ich zu mir. Vor allem auf dem härteren Boden.
Doch der härtere Untergrund kam nicht. Und je länger die Nacht andauerte, desto lockerer wurde die endlos scheinende Spur aus aufgewühltem Sand. Es kam mir vor, als versänke ich langsam im Boden und mir wurde klar, dass ich mich am Vortag übernommen hatte und meine Beine nun immer schwerer wurden. Einer der Rennärzte hatte mir meine überstrapazierte Leiste zwar getapt, doch nun begann sie richtig zu schmerzen. Auch die Achillessehne an beiden Füßen tat mit jedem Schritt mehr weh.
Von den 20 vordersten Läufern war ich bei weitem der Langsamste auf der Etappe. Wir starteten bei Sonnenuntergang – wie eine Jagdgesellschaft, die hinter den anderen her hetzt – doch bald war ich abgeschlagen und alleine. Ich verbrachte Stunden damit, im Scheinwerferlicht des Wagens zu laufen, der hinter dem allerletzten Läufer herfährt. Es war richtig ärgerlich, das Auto die ganze Zeit hinter mir zu hören, wie es die Stille der Wüste durchbrach, aber immerhin half es mir dabei, weiterzulaufen.
Irgendwann begann ich die ersten Läufer der langsameren Gruppe einzuholen, doch zu diesem Zeitpunkt bewegte ich mich bereits kaum schneller voran als sie. Wir unterhielten uns, als ich für eine Weile neben ihnen herging. Danach nahm ich wieder alle meine Kraft zusammen und lief ein Stück weiter.
Je später es wurde, desto mehr ging ich, als ich lief. Ich musste mir immer wieder von neuem überlegen, wie lange ich da draußen sein würde. Erst fünf Stunden. Dann sechs. Dann sieben. Würde ich es überhaupt bis ins Ziel schaffen? Ich blieb einige Male stehen, schaltete meine Kopflampe ab und betrachtete den funkelnden Sternenhimmel über mir. Hier war ich nun, ein winziges Wesen, ganz allein am Rande eines Planeten, der sich durch das All bewegte. Es schien lächerlich, mir über meine Position im Rennen Gedanken zu machen. Wen interessierte es denn schon, wie langsam ich lief? Niemanden, stellte ich erleichtert fest. Nicht einmal mich selbst. Ich könnte weiterhin nur gehen und den prachtvollen Anblick des sich immer weiter ausdehnenden Universums genießen.
Aber wenn ich mich nicht etwas zusammenreißen würde, wäre ich die ganze Nacht hier draußen. Also versuchte ich wieder weiter zu traben. Ich konnte das Wasser hören, wie es in meiner Trinkflasche hin und her schwappte, und verfiel schließlich in eine Art Trance, in der ich meine Schritte und meine Atmung dem Geräusch des Wassers anpasste, ähnlich dem Rhythmus eines Trommelschlags. Alles, was ich sah, war der Lichtkegel vor mir, ein Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels. Ich lief weiter ins Licht, weiter und weiter, platsch, platsch, platsch.
Irgendwann hatte ich es dann doch geschafft. Ein Marathon in sieben Stunden und 34 Minuten. Einige Monate zuvor war ich einen Straßenmarathon in unter drei Stunden gelaufen. Das war ein ordentlicher Rückschlag. Mein Rennen, als Wettkämpfer, als Top 20 Mann, war vorbei. Ich war in ein dunkles Loch gefallen, doch ich hatte überlebt. Ich war im Ziel. Und das war alles was zählte zu dem Zeitpunkt. Bis zum nächsten Morgen. Inzwischen war es ein Uhr nachts. Der Start der nächsten Etappe, die letzte des Rennens, war nur mehr acht Stunden entfernt. Ich brauchte jetzt meinen Schlaf.
Ich humpelte durch das stille Lager. In dieser Nacht war ich die letzte Person zurück in Zelt 2. Mein einziger Wunsch war es, nur mehr in meinen Schlafsack hineinzukriechen, doch ich konnte mich kaum bücken und meine Schuhe ausziehen. So stand ich also da und starrte hinein in das dunkle Zelt voll mit schlafenden Körpern und kam mir vor wie ein laufender Zombie. Obwohl sie schon in ihre Schlafsäcke eingehüllt im Bett lagen, bemerkten mich Rob und Dino und standen auf, um mir zu helfen. Rob mixte ein Getränk zusammen, das mich wieder auf die Beine bringen sollte, während Dino mir meine Schuhbänder aufschnürte. Keiner von ihnen sagte ein Wort. Auch sie hatten sich durch die Nacht gequält. Es brauchte auch keine Worte, wir hatten alle das Gleiche durchgemacht. Die Qualen der vergangenen Etappe waren an unseren Gesichtern abzulesen.
Rob hatte mir ein T-Shirt geliehen – das Meinige war noch komplett durchgeschwitzt – und ich wollte es mir gerade etwas bequemer machen, als wir einen markdurchdringenden Schrei hörten. Leute begannen zu schreien, größtenteils auf Italienisch, und Taschenlampen blitzten im ganzen Lager auf. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. So lag ich also da in meinem Schlafsack, noch immer mitgenommen von meinem Lauf, und betete, dass alles in Ordnung wäre.
Nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass sich ein Unglücksrabe, der sich zehn Stunden durch den Sand ins Ziel gequält hatte, auf einen Skorpion gesetzt hatte, nachdem er endlich in seinem Zelt angekommen war. Ich weiß nicht, ob ich mit so etwas fertig geworden wäre.
Die Ärzte waren glücklicherweise gleich zur Stelle, um ihn zu behandeln, und nach etwas Aufregung und Leuten, die im Mondlicht hin und herliefen, und irgendwo ein Lastwagen startete, war er versorgt und verbrachte die restliche Nacht im Erste-Hilfe-Zelt. Zu meinem Erstaunen stand er bereits ein paar Stunden später bei Sonnenaufgang mit dem Rest von uns wieder an der Startlinie.
Ich befand mich am Ende des Starterfelds, die Sonne schien bereits hell vom Himmel. Wie heißt es bei Shakespeare: „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“ Doch ich war leer. Ein holländischer Läufer sagte mir am Ende des zweiten Tages, nachdem er aufgegeben hatte zu laufen und sich nur mehr gehend fortbewegte, dass „das Feuer erloschen war“. Sein Wunsch ein richtiges Rennen zu bestreiten, so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen, war einfach gestorben. Ohne triftigen Grund weiter da draußen zu sein, ein Feuer in sich zu tragen, das einem hilft, sich weiter zu pushen, war es nur zu einfach, den Willen weiterzumachen zu verlieren. Nun wusste auch ich, was er damit gemeint hatte. Mein Feuer war ebenfalls erloschen. Nach weniger als 20 Schritten auf der letzten Etappe entschied ich, dass ich nicht mehr laufen konnte. Ich bewegte mich bereits nur mehr gehend fort. Mein Energiepegel war auf null. Meine Beine waren kaputt, meine zusammengeflickte Leiste schmerzte bei jedem Schritt. Und es lagen noch etwa 22,5 Kilometer lockerer Sand vor mir bis ins Ziel.
Es war der längste Gewaltmarsch meines Lebens. Jeder Schritt, auch wenn ich langsam ging, war eine Qual. Die Sonne stand hoch und brannte wie ein Hochofen herab. Immer wieder hielt ich an und setzte mich hin. Weswegen sollte ich mich denn beeilen, für mich war der Wettbewerb sowieso schon gelaufen. Doch das Ziel winkte mir zu. Das Meer. Unser Ziel lag am Meer. Ich stellte mir vor, wie ich fröhlich in den Fluten herumplantschte.
Irgendwo entlang dieser trostlosen Straße fanden mich dann auch Gudrun und Hansmartin. Und retteten mich.
Zurück im Lager, nachdem ich mich im Meer abgekühlt hatte, war die Atmosphäre eine andere. Die Leute waren glücklich, entspannt. Die Angespanntheit der vergangenen Tage, die sonst nach den Etappen herrschte, war wie weggeblasen. Das Rennen war gelaufen. Als wir da lagen, in unseren Schlafsäcken, und hinaus auf das Meer blickten, begannen wir wieder an Zuhause zu denken, an unsere Jobs, unser Leben in der Stadt, in Häusern. An das Leben jenseits der sengenden, unwirtlichen und alles verschlingenden Wüste. Täuschte ich mich oder schlich sich da gerade ein wenig Traurigkeit in die Freude und Erleichterung, das Rennen endlich beendet zu haben, mit ein?
Es stellte sich heraus, dass dieses Rennen hart war für einen ersten Ultra. Viele der Läufer waren bereits auch den Marathon des Sables gelaufen. Und viele von ihnen meinten, dass das Rennen hier mit seinem endlosen, lockeren Sand sogar härter gewesen wäre.
„Dagegen ist der Marathon des Sables geradezu ein Wellness Camp“, meinte Gudrun, die nun bereits beide Rennen bestritten hatte.
„Gegen Ende war das wie in den Alpen“, sagte Elisabet, die schwedische Läuferin. „Nur dass die Berge hier aus Sand bestehen.“ Wie sich herausstellte, hatte sie jede Etappe dieses Rennens für sich entscheiden können und durfte nun auch den Oman Desert Marathon in ihre stetig wachsende Siegesliste eintragen. Nachdem ich so viel zu kämpfen hatte bei diesem Rennen, erschien mir die Idee, bei solchen Rennen um den Sieg mitzulaufen, als eine komplett andere Welt. Es war eine elitäre Gruppe von vielleicht fünf Männern und Frauen, die sich jeden Tag auf den Weg machten, mit dem Gedanken, das Rennen gewinnen zu können, und bereit waren, alles dafür zu geben, sich Gedanken über ihre Konkurrenz zu machen und taktische Schachzüge zu planen. Der Rest von uns versuchte eigentlich nur, den Willen, das Rennen zu beenden, am Leben zu erhalten.

Zu Hause in England angekommen, musste ich immer wieder an den Reiz des Ultra-Marathons denken. Es war diese Abenteuerromantik, die mich anfangs so in ihren Bann gezogen hatte, die Wüste zu Fuß zu durchqueren. Aber es gibt viel einfachere Wege, die Pracht und Schönheit dieser Welt zu erleben. Auf dem Rücken von Kamelen zum Beispiel, oder Wanderungen. Das wäre doch genauso abenteuerlich, nur eben ohne die extremen Strapazen, dem andauernden Fluchen und stetigem Kampf. Und doch scheint es, als ob sich alle – inklusive mir – trotz all der Schmerzen, speziell während der Nachtetappe, nach dem Rennen glücklich und zufrieden fühlten. Ein stiller Frieden lag am Tag nach der letzten Etappe über dem Lager. Hatten wir plötzlich alle Schmerzen und Qualen vergessen? Oder war dieses Leiden Teil unseres Glücklichseins?
Eines Nachmittags während des Rennens sprach einer der holländischen Läufer über etwas, das der berühmte Ultra-Läufer und Autor Dean Karnazes einmal gesagt hatte, nämlich, dass die Menschen Komfort oft mit glücklich sein verwechselten. „Glücklich sein muss man sich verdienen“, sagte der Holländer mit Nachdruck. Ich saß da und hörte zu, während mein Blick durch das Lager schweifte und ich dachte an all die Anstrengungen, die nötig waren, dieses Rennen zu organisieren: das Camp jede Nacht an einem anderen Ort wieder aufzubauen, das kleine Vermögen, das jeder Läufer bereit war auszugeben, um hier mitzulaufen, bis hierher ans Ende der Welt zu fliegen, jeden Tag stundenlang durch die glühende Hitze über Sand zu laufen. Alles nur, damit wir das Gefühl haben, dass wir uns unser Glücklichsein verdient hätten?
Einmal kamen Gudrun mitten während des Rennens Zweifel an dem, was sie hier tat, und sie stellte eine rhetorische Frage: „Warum machen wir das hier eigentlich? Wir haben doch so ein schönes Zuhause.“
Hansmartin, ihr Ehemann, stand neben ihr und meinte nur: „Genau deswegen, weil wir eben ein schönes Zuhause haben.“
Wenn Glücklichsein nicht in den Annehmlichkeiten lag, war es dann im Unangenehmen zu finden? War es uns, denen es gut geht im Leben, ein Bedürfnis, Leid zu erfahren? Weil wir dadurch erst lernen, unser Heim und unseren Komfort zu schätzen? Oder machte uns dieses Leiden irgendwie zu stärkeren, erfüllteren Menschen?
All diese Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich an den Moment zurückdachte, an dem wir das erste Mal in Muscat angekommen waren und uns gesagt wurde, dass wir für acht Stunden am Flughafen warten müssten. Nachdem das Rennen beendet war, erkannte ich, dass ich, wäre ich noch einmal in dieser Situation, nun eher meinen Schlafsack auspacken würde und versuchen würde, ein Nickerchen zu machen. Denn plötzlich fühlten sich ein paar extra Stunden am Flughafen gar nicht mehr so anstrengend an. Nach dem Rennen über eine Woche durch die Wüste hatte sich etwas verändert.
2
Und so bin ich auf einmal angefixt. Naja, nicht ganz. Aber ich bin fasziniert. Ein paar Wochen nachdem ich aus dem Oman zurückgekehrt war, treffe ich Elisabet wieder. Ich hatte den Auftrag bekommen, sie für einen Artikel im Guardian zu interviewen, und so verabreden wir uns in der Redaktion der Zeitung im Zentrum Londons, wo wir auf Ledersofas sitzen, Espresso trinken und den Leuten dabei zusehen, wie sie sich für ihre Mittagssandwiches anstellen. Ich frage sie, wie sie zum Ultra-Sport kam.
Sie erzählt mir, dass sie früher eine begeisterte Marathonläuferin war, die ihr Training rund um ihren gut bezahlten Job im Londoner Finanzdistrikt plante. „Ich wurde immer besser“, sagt sie. „Doch dann kam der Punkt, an dem ich überlegte, was ich als nächstes tun sollte. Ich könnte versuchen, die Marathonstrecke schneller zurückzulegen – das ist nicht einfach und sicher eine interessante Herausforderung – oder ich könnte einfach längere Distanzen laufen. Ich beschloss, dass es interessanter wäre, mir die längeren Distanzen genauer anzusehen.“
Ihre Entscheidung, sich dem Ultra-Lauf zu verschreiben, wurde aufgrund einiger unerwarteter Schicksalsschläge beschleunigt. Innerhalb kürzester Zeit starb ihr Vater, wurden bei ihrer Mutter Alzheimer und bei ihrem Ehemann Krebs diagnostiziert. „Alle diese Dinge“, meint sie, „lassen dich erkennen, dass das Leben sehr kurz ist und du aktiv werden musst und nicht einfach rumsitzen kannst und warten.“
Also gab sie ihren Job in der City auf und machte sich auf ins Abenteuer. Um ihr neues Leben finanzieren zu können, eröffnete sie ein Geschäft für Laufzubehör, doch nach ihren Siegen beim MdS und dem Oman-Rennen erschienen immer wieder Zeitungsartikel über sie und so begannen sich auch langsam Sponsoren zu finden, die sie unterstützen. Das macht es natürlich einfacher, zu den Rennen zu reisen und mehr Herausforderungen anzunehmen. Was also als riskante Entscheidung begann, scheint sich nun auszuzahlen.
Ihre Worte beginnen etwas in mir zu bewegen. Ich erinnere mich, wie es sich anfühlte, als ich mich das erste Mal dazu entschieden hatte, einen Marathon zu laufen. Die Idee hing damals schon seit einigen Jahren wie eine Wolke am Horizont, sah mir bei jedem Rennen über kurze Distanzen über die Schulter und wunderte sich, wann ich denn nun endlich einen Marathon laufen würde. Und irgendwann war dann die Zeit gekommen. Das Leben geht weiter. Und so lief ich meinen ersten Marathon.
Seit damals sehe ich immer wieder diesen Weg, der einen Berg hinaufführt, am Horizont auftauchen. Ein langer, sich windender Weg. Ich bin jetzt 42. Ich habe bereits einige solide Marathons hinter mir. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen. Herauszufinden, was die Leute da draußen auf diesem Weg finden, das sie dazu treibt, diese unbezwingbar erscheinenden Distanzen zu laufen.
Der Gedanke ist so faszinierend, dass ich kurz darauf meinen Redakteur anrufe. „Ich glaube, ich habe mein nächstes Thema gefunden“, sage ich zu ihm. Ich habe bereits Bücher über meine Reisen nach Kenia und Japan geschrieben, in denen ich versuche, diesen beiden einzigartigen Laufkulturen auf die Spur zu kommen. Diesmal will ich jedoch etwas über ein interkulturelles, globales Phänomen herausfinden, von dem ich erst jetzt begreife, wie groß es eigentlich ist. Was ist diese Welt des Ultra-Sports? Wer sind die Menschen, die diesen Sport ausüben? Worum geht es dabei überhaupt? Der beste Weg, das alles herauszufinden, so beschließe ich, ist mich einfach für ein weiteres Rennen anzumelden und zu laufen.

Über die letzten zehn Jahre ist der Ultra-Marathonlauf rapide gewachsen und gilt als eine der am schnellsten wachsenden Sportarten weltweit.
Die Webseite runultra.co.uk führt eine Liste der größten Ultra-Marathons der Welt. Der Betreiber der Seite, Steve Diederich, erzählt mir, dass er, als er diese Internetseite vor zwölf Jahren einrichtete, 160 Rennen weltweit fand. Heute führt er über 1.800 Rennen auf seiner Seite an, ein Anstieg von mehr als 1.000 %. Die deutsche Ultra-Marathon-Webseite DUV listet die Ergebnisse vieler kleinerer Rennen in ihrer akribischen Datenbank auf, unter anderem auch bis zurück zum 89-km-Rennen von London nach Brighton im Jahre 1837. Über die letzten zehn Jahre hinweg erzählt diese Webseite eine ähnliche Geschichte mit einem 1.000%igem Anstieg an Ultra-Läufen weltweit.
Andy Nuttall, Redakteur des Magazins ULTRA, beschäftigte sich eingehender mit den DUV-Statistiken und fand heraus, dass der Aufstieg des Sports in Großbritannien sogar noch viel stärker ausfiel: waren es im Jahr 2000 nur 595 Personen, die einen Ultra-Marathon im UK beendeten, so stieg diese Zahl bis zum Jahr 2017 auf 18.611.
Wo auch immer ich hinsehe, die Geschichte ist fast immer die gleiche. Das in den USA erscheinende Magazin Ultra Running führt eine Statistik für Nordamerika, die zeigt, dass die Anzahl der Rennen und Personen, die diese beenden, seit 1981 jedes Jahr ansteigt. Auch in Asien ist die Zahl an Ultra-Läufen explodiert. Nic Tinworth, Renndirektor in Hong Kong, erzählt mir, dass, während es vor zehn Jahren erst sechs Ultra-Läufe in Hong Kong gab, die Zahl inzwischen auf 60 angewachsen ist. „In der Vergangenheit“, so sagt er, „konnte man einfach am Renntag nach Hong Kong kommen und sich für das Rennen anmelden. Doch heutzutage sind die Startplätze für die populärsten Rennen innerhalb von Minuten ausverkauft.“
Viele der am meisten überbelegten Rennen der Welt, wie etwa der Ultra-Trail du Mont-Blanc in Frankreich und der Western States 100 in den USA, mussten Lotterien einführen, damit sie die Anzahl potenzieller Teilnehmer in den Griff bekamen. Diederich verwaltet die Anmeldungen aus dem UK für den Marathon des Sables. Trotz der heftigen Anmeldegebühr von £ 4.250 [ca. 4.750 Euro], so erzählt er, sind die Startplätze für das Rennen jedes Jahr in wenigen Minuten ausverkauft.
Wonach streben alle diese Läufer? Im Oman erlebte ich eine Art Wandlung, etwas, das lange nach dem Rennen noch ein Teil von mir blieb. Aber ich habe das Gefühl, dass es da noch mehr zu entdecken gibt. Über die letzten beiden Etappen im Oman ging nichts mehr und ich hätte beinahe aufgegeben. Was wäre aber, wenn ich stark bliebe, auch im Angesicht einer solchen Herausforderung.
Ich erinnere mich an ein Foto der spanischen Ultra-Läuferin Azara García, die eine Tätowierung auf ihrem Bein trägt, die sich folgendermaßen liest (auf Spanisch):
„Der Teufel flüsterte mir ins Ohr: ‚Du bist nicht stark genug dem Sturm zu widerstehen.‘ Ich flüsterte zurück: ‚Ich bin der Sturm.‘“
Ist das der Reiz am Ultra-Marathonlauf? Uns selbst so weit zu pushen, bis wir an einen Punkt kommen, an dem wir Angesicht zu Angesicht mit dem Teufel kämpfen, es aber schaffen, uns aufzurichten und ihn zu überwinden? Könnte ich dem Sturm entgegentreten – was auch immer da kommen möge – und ihn mithilfe meiner Willenskraft besiegen? Dieser Gedanke hat etwas Verlockendes. Weit weg von jenem Financial-Times-Journalisten, der sich darüber beschwert, dass sich sein Hotelbus verspätet.
Ich muss zugeben, all das schmeichelt meinem Ego sehr. Ich sehe mir gerade eine Dokumentation über die Evolution des Menschen und welche Rolle das Laufen darin gespielt hat an. Darin meint ein Professor für Anthropologie am Hunter College in New York: „Wir haben sogar Aufzeichnungen über Menschen, die 160 Kilometer in einem durchlaufen können.“ Sein Ton hört sich an, als wäre dies eigentlich unmöglich, als müssten das irgendwelche Supermenschen sein. Und ich ertappe mein Ego dabei, wie es arrogant über meine Schulter blickt und sagt: „Du könntest das auch.“
Wie es die US-Komikerin und Ultra-Läuferin Michelle Wolf in einem Interview mit dem Magazin Runner’s World schon sagte: „Es gibt dir irgendwie das Gefühl, richtig knallhart zu sein.“
Wenn ich mit anderen Ultra-Läufern spreche, habe ich jedoch den Eindruck, dass die Bewältigung einer solchen Aufgabe und es bis ins Ziel zu schaffen nicht die einzige Befriedigung ist, sondern auch dieses Gefühl selbstzerstörerischer Gleichgültigkeit, das sie verspüren, wenn sie in diesen Sturm eintreten und nahe am Abgrund entlangtaumeln. „Durch ein Tal von Schmerzen laufen“, wie es erfahrene Ultra-Läufer oft genüsslich beschreiben.
Während ich nach Rennen suche, an denen ich teilnehmen könnte, ertappe ich mich dabei, wie ich mir die Streckenprofile ansehe, und ich spüre, wie mir ganz mulmig wird. Es kommt mir so vor, als ob jedes Ultra-Rennen einen kurzen Film mit viel Dramatik produziert. Und jeder dieser Filme zeigt jemanden, der komplett erledigt aussieht, am Rande des Zusammenbruchs. Die Läufer gleichen eher Überlebenden einer Beinahe-Apokalypse als Athleten und Athletinnen. Es sagt schon etwas aus, dass genau diese Bilder verwendet werden, um das Rennen zu bewerben. Die Teilnehmer wollen diese Verzweiflung erleben, sie wollen so nahe wie möglich an ihre eigene Selbstzerstörung kommen.
Viele Ultra-Läufer sagen mir, sie hätten ihre Inspiration, mit diesem Sport zu beginnen, gefunden, nachdem sie Dean Karnazes erstes Buch Ultramarathon Man: Aus dem Leben eines 24-Stunden-Läufers gelesen hatten. Darin beschreibt er in allen Details, wie er in einem 160-km-Rennen langsam kaputtgeht, wie Körper und Geist nach und nach aufhören zu funktionieren, bis eigentlich nichts mehr geht und er die Straße buchstäblich auf Händen und Füßen entlangkriecht. Ich erschaudere, während ich das Buch lese. Solche Schmerzen will ich nicht empfinden. Doch es gibt Läufer, die sagen, dass sie das Buch gelesen hätten und dabei dachten: „Genau das will ich auch.“
Etwas ängstlich, doch mit einem Ego, das mir zuflüstert, ich wäre robust genug, beginne ich nach einem Rennen zu suchen, bei dem ich die volle Ultra-Marathon-Erfahrung machen könnte. Ein Rennen, das mich direkt ins Herz dieses wachsenden Sports brächte, das mir alle Geheimnisse offenbaren würde und es mir erlaubt zu verstehen, was da eigentlich vor sich geht.
Das Ganze ist ein riesiges, unüberschaubares Thema, das ich hier begreifen will. Ein Sport, der sich gleichzeitig in mehrere Richtungen entwickelt. Ohne zentralen Verband oder Dachorganisation streiten und kämpfen Rennveranstalter, Interessensgruppen und selbsternannte Wächter des Ultra-Laufs um Kontrolle und einen Anteil am Geld, das darin involviert ist. Das weite Feld des Ultra-Marathonsports ist wie der Wilde Westen: unbändig und entschlossen, verteidigt von vielen der Alteingesessenen gegen die Eingriffe von Marken und Außenstehenden – Personen, von denen sie der Meinung sind, dass sie die Mentalität des Sports nicht wirklich verstehen. Es ist dieser unbeschwerte „Raus-in-die-Wildnis“-Minimalismus, die Chance, sich da draußen in der Natur zu verlieren, die härtesten und extremsten Gegenden unseres Planeten mit nicht mehr als einer Flasche Wasser und einer Regenjacke zu durchqueren, das den Reiz dieses Sports für viele ausmacht.
Einige der routinierten Ultra-Läufer empfinden den Zustrom von Neulingen bereits als zu viel und sie beginnen den großen Rennen den Rücken zuzukehren, auf der Suche nach noch isolierteren Herausforderungen. Ein Ableger für all diejenigen, die Massenstarts und „Goody bags“ mehr verabscheuen, als die eine oder andere Nacht unterkühlt an einer gefrorenen Felswand zu verbringen, ist ein weiteres wachsendes Phänomen namens FKT (Fastest Known Times/Schnellste bekannte Zeit). Dabei läuft man einfach los, meist allein, um eine bestimmte, vordefinierte Route schneller als irgendjemand anderer (von dem man die Zeit weiß) zuvor zu bewältigen. Das kann von einem bis ans andere Ende Neuseelands sein, oder ein bekannter Wanderpfad, wie der Appalachian Trail in den Vereinigten Staaten. Oder der Weg hinauf zum Gipfel des Mount Everest.
Doch darüber werde ich später mehr herausfinden. Jetzt suche ich einmal nach Rennen. Das reicht fürs Erste für mich. Ich habe viele Rennen über die Jahre bestritten. Nun möchte ich einfach längere Strecken laufen, das ist alles.
Ein Wort, das man oft hört, wenn über Ultra-Marathons und Ultra-Rennen gesprochen wird, ist „laufbar“. Einige Rennen werden als laufbarer betrachtet als andere. Das heißt nun nicht unbedingt, dass man die ganze Strecke durchlaufen kann – außer man ist einer der Superstars des Sports – aber theoretisch ist der Weg recht eben und die Anstiege und Abwärtspassagen gut machbar, so dass man zumindest den Großteil der Strecke laufen kann. Es gibt aber immer wieder Athleten, die sich darüber beschweren, wenn Rennen zu laufbar sind. Diese Sportler bevorzugen das genaue Gegenteil – im Ultra-Jargon auch als „technische“ Rennen bezeichnet – wenn das Gefälle zu steil und der Boden zu uneben sind, um frei dahinzulaufen. Rennen, bei denen man bei jedem Schritt aufpassen muss, wohin man tritt, und manchmal auch die Hände benutzen muss, um weiterzukommen.
Ich tendiere definitiv mehr zu laufbar als zu technisch. Natürlich, auf den richtig schwierigen Abschnitten darf man schon einmal gehen und über ein paar Felsen klettern ist auch O. K., aber wenn ich das tue, möchte ich trotzdem auch laufen.
Die Welt des Ultra-Sports ist vergleichbar mit einem Baum mit vielen Ästen. Einer der ältesten Äste ist, zumindest in unseren Breitengraden, das Berglaufen. Solche Rennen können über die unterschiedlichsten Distanzen gehen, von ein paar Kilometern bis zu einer nach oben hin offenen Ultra-Distanz, und führen in der Regel über Berge sowie meist unmarkierte Routen, was wiederum ein wenig Navigationskenntnisse voraussetzt. Der erste überlieferte Berglauf fand im Jahre 1040 n. Chr. in Großbritannien statt, als König Malcolm Canmore von Schottland einen Lauf in Braemar, Aberdeenshire, veranstaltete, um den schnellsten Boten zu ermitteln.
Trotz seiner langen Geschichte ist der Berglauf ein recht isolierter Zweig im Ultra-Laufen. Seine regionalen Wurzeln sowie der recht nüchterne, ernsthafte Charakter sind Teil des Anreizes und werden vehement verteidigt. Ich würde es wirklich gerne einmal ausprobieren, doch wenn ich Ultra-Marathons laufen will, dann denke ich an etwas mehr Internationales und Allumfassendes. Genau an das, was für den Boom des Sports verantwortlich ist.
Ein anderer Zweig im Ultra-Sport und einer, der einen starken Teilnehmeranstieg verzeichnet, sind mehrtägige Etappenrennen, wie der Marathon des Sables, die meist an exotischen, unwirtlichen Orten stattfinden: in der Wüste, im Dschungel, am Polarkreis. Die Teilnahme an solchen Rennen ist sehr kostspielig und benötigt eine Menge Vorausplanung.
In einigen Teilen der Ultra-Welt herrscht eine starke Abneigung gegenüber manchen dieser Mehrtagesrennen. Diese Ablehnung basiert teilweise auf den Kosten und dem damit einhergehenden Hype solcher Rennen wie dem MdS. „Ein Urlaub für Vorstandsmitglieder“, meinte einmal ein Ultra-Läufer zu mir. Da ich selbst schon da draußen in der Wüste war, wusste ich, wie hart und zermürbend es ist, andererseits verbrachten wir einen guten Teil des Tages in unseren Zelten, um uns zu erholen. Und trotz meiner ungenügenden Vorbereitung konnte ich die meiste Zeit im Vorderfeld einigermaßen mitlaufen. Urlaub würde ich es also nicht gerade nennen, doch es gibt sicherlich noch härtere, herausforderndere Rennen da draußen.
Ein weiterer Ableger dieses Sports inkludiert eine ganze Palette von Rennen, die so hart und extrem sind, dass jedes davon eine eigene Kategorie darstellen könnte. Diese Rennen umfassen Rennen wie das Spine Race, das etwa 430 Kilometer entlang des Pennine Way im Norden Englands verläuft. Non-stop. Im Jänner. Oder der Badwater 135-Meilen-Lauf (ca. 217 km), dessen Start – mit Renntemperaturen bis zu 54 °C – an einem der heißesten Orte der Erde, dem Death Valley in Kalifornien, liegt. Dann wäre da noch der Barkley Marathon, ein 160-Kilometer-Extremlauf entlang einer unmarkierten Strecke, die durch abgelegene Bergregionen in Tennessee führt – so schwer, dass es in den ersten 25 Jahren nur 10 Teilnehmern gelang, das Rennen überhaupt zu beenden. Oder wie wäre es mit dem längsten Ultra-Lauf der Welt: dem Self Transcendence 3.100-Meilen-Lauf, ein Rundlauf um einen Block des Stadtteils Queens in New York über exakt 4.988 Kilometer.
Ich suche zwar nach etwas, das mich an meine Grenzen bringt, aber ich bin nicht verrückt. Und ich möchte immer noch laufen können. Man kann 4.900 km nicht nur laufen. Bei Rennen wie dem Barkley Marathon stehen Geist, Wille und Überlebenstechniken im Vordergrund, weniger das Laufen. Natürlich will ich davon auch etwas, doch ich möchte trotzdem noch einigermaßen ein Rennen laufen.
Noch eine Kategorie in der Welt der Ultra-Läufe, bei der man wirklich laufen kann, sind die meist ebenen Rundkurse über genau abgemessene Distanzen von 100 km, oder Rennen, die über eine bestimmte Zeit gehen, zum Beispiel 24 Stunden. Es gibt Weltmeisterschaften und Weltrekorde für diese Rennen, die dem Marathonlauf wahrscheinlich am ähnlichsten sind.
Solche Rennen interessieren mich, doch genauso wie Berglaufen sind sie nicht der Grund für den phänomenalen Aufstieg des Ultra-Laufs. Die Starterzahlen dieser Veranstaltungen haben sich gegenüber ihrer Glanzzeit in den 1870er Jahren oder seit den 1950ern und 1980ern kaum geändert.
Ein interessantes Detail am Rande ist, dass sich diese Ultra-Rundläufe, die heute unter den am wenigsten glamourösen und am wenigsten bekannten Ultra-Laufdisziplinen sind, einst zu den größten Sportevents der Welt zählten.
Es mag uns heute eher seltsam vorkommen, doch im 19. Jahrhundert war Laufen ein unglaublich populärer Sport, der riesige Mengen an Zusehern anzog, die die Wettkämpfer bei Sechstagerennen auf den engen Hallenlaufbahnen in London oder dem Madison Square Garden in New York anfeuerten. Die Sieger konnten hochdotierte Preise im Wert von bis zu mehreren hunderttausend Euro mit nach Hause nehmen, während sich die Reichen und Schönen der damaligen Zeit unter den Pöbel mischten, der kam, um sich zu betrinken, zu wetten und Spaß zu haben.
Die Popularität des Sports war teilweise auch dem Amerikaner Edward Payson Weston geschuldet. Alles begann im Jahre 1861, als Weston aufgrund einer verlorenen Wette 725 Kilometer zu Fuß von Bosten bis nach Washington innerhalb von 10 Tagen zurücklegte, damit er dem Amtsantritt von Präsident Abraham Lincoln beiwohnen konnte.
Als die Kunde dieser Ausdauerleistung bekannt wurde, weckte das die Neugier der Menschen, die entlang der Strecke lebten, und sie strömten in Massen herbei und säumten die Straßen, nur um zu sehen, wie Weston durch ihren Ort marschierte.
Motiviert von dieser Reaktion begann er während der folgenden Jahre immer herausforderndere Strecken zurückzulegen. Dazu schien er auch ein richtiger Showman zu sein – manchmal blies er sogar auf einem Horn, während er ging, oder marschierte rückwärts, um seine Zuseher zu unterhalten. In den 1870er Jahren war Westons Ruhm als Langstreckengeher so weit angewachsen, dass er an einem Punkt angelangt war, an dem er entschied, Geld damit zu verdienen, indem er seine Darbietung nach innen verlegte, wo er Eintritt von den Leuten verlangen konnte. Damit legte er den Grundstein für einen Begeisterungssturm für Sechstagerennen – die längste Zeit, die man gehen oder laufen konnte, ohne dabei gegen das Gebot des heiligen Sabbats zu verstoßen. Über die folgenden Jahre hielt er eine Reihe spannender und sehr beliebter Head-to-Head-Rennen mit Daniel O’Leary, einem Amerikaner irischer Abstammung, ab.
Die Zeit der Sechstagerennen erreichte 1878 ihren Höhepunkt, als sich der britische Adelige Sir John Astley dazu entschloss, fünf internationale Rennen zu sponsern, bei denen es ein äußerst lukratives Preisgeld und einen Meisterschaftsgürtel in Gold und Silber mit der Inschrift Long Distance Champion of the World, also Langstreckenweltmeister, zu gewinnen gab.
Aufzeichnungen früherer Inkarnationen des Pedestriantismus, wie der Sport damals bezeichnet wurde, reichen bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück. Während diese Rennen, die oft über Distanzen von 1.600 Kilometer reichten, ebenso große Mengen an Zusehern hatten, waren sie jedoch ein Wettgehen, bei denen es Regeln ähnlich dem heutigen Wettkampfgehen gab, etwa wie der Fuß aufzusetzen sei. Ganz im Gegensatz zu den Sechstagerennen der 1870er, die ähnlich dem modernen Ultra-Lauf waren und als „Go-as-you-please“-Rennen (Mach-was-du-willst-) bekannt wurden, in denen die Wettkämpfer gehen, laufen oder rasten konnten, wann sie wollten.
Die Rennen um den Astley-Belt-Meistergürtel von Sir John Astley wuchsen zu den größten Sportveranstaltungen der damaligen Zeit heran, inklusive Marschkapellen, euphorischer Berichterstattung und beträchtlichen Wetteinsätzen. Das erste der fünf Rennen fand 1878 in der Agricultural Hall in Islington, London, statt, bei dem sich 17 Engländer mit dem aus Irland stammenden O’Leary aus Amerika – Westons altem Rivalen – maßen. O’Leary gewann das Rennen bei dem er eine Gesamtdistanz von 520 Meilen (836 km) zurücklegte.
Das zweite Astley Belt Rennen wurde noch im gleichen Jahr vor einer Kulisse von mehr als 30.000 Zusehern in New Yorks Madison Square Garden ausgetragen. O’Leary, der Weltmeister, gewann auch dieses Rennen und durfte sich über ein Preisgeld von $ 10.000 (heute etwa 250.000 Dollar oder knapp 220.000 Euro) freuen, sowie über einen Anteil an den Eintrittsgeldern und den Nebenwetten.
Das dritte Rennen im März 1879, wieder im Madison Square Garden, war mit einem Preisgeld von mehr als $ 20.000 dotiert. Das öffentliche Interesse an dem Wettbewerb war nun schon so groß, dass die neuesten Informationen darüber im Stundentakt in Bars, Friseursalons, Lebensmittelläden und Hotels der Stadt ausgehängt wurden und die New Yorker Zeitungen täglich darüber berichteten.
Erst im vierten Rennen konnte der große Pionier des Sports, Edward Weston, endlich den inoffiziellen Weltmeistertitel erringen. Nachdem das Rennen wieder nach Islington, London, zurückgekehrt war, gewann der Amerikaner mit einer neuen Weltbestleistung von 885 Kilometern (550 Meilen) über sechs Tage.
Doch mit Beginn der 1880er Jahre verlor der Sport leider zusehends an Popularität und andere rivalisierende Sportarten erlebten ihren großen Aufstieg. Matthew Algeo, Autor des Buches Pedestrianism: When Watching People Walk Was America’s Favourite Spectator Sport, ist der Meinung, dass vor allem der Aufstieg des Fahrradfahrens eine Schlüsselrolle im Untergang der Sechstagerennen spielte.
„Sechstage Radrennen nahmen recht schnell den Platz der Gehbewerbe über sechs Tage ein, da sie viel spannender waren“, sagt er mir. „Die Renngeschwindigkeit stieg über Nacht von 6,5 km/h auf über 30 km/h. Und Unfälle waren natürlich auch viel spektakulärer.“
Trotz schwindender Zuschauerzahlen hörten einige der eingeschworenen Geher nicht damit auf, die Grenzen des physisch Möglichen weiter zu pushen. Der letzte große Kraftakt in der viktorianischen Ära waren die knapp über 1.000 km, die George Littlewood aus Sheffield in einem Sechstagerennen in New York bewältigte. Littlewoods Weltrekord blieb für fabelhafte 96 Jahre bestehen, bis er von der griechischen Ultra-Marathon-Legende Yiannis Kouros 1984 gebrochen wurde. Sieben Jahre später stellte Kouros den derzeitigen Sechs-TageRekord von 1.068 km auf.
Trotz ihres kurzen Moments im Scheinwerferlicht finden Ultra-Läufe, bei denen Runden auf Flachkursen absolviert werden, heutzutage eher wenig Beachtung. Stattdessen ist die bekannteste Disziplin dieses Sports, die mit dem meisten Drumherum und den größten Stars, der Ultra-Trail-Lauf. Hier findet man die ganz Großen dieses Sports, wie Kilian Jornet und Jim Walmsley, die sich Rennen über bis zu 100 Meilen (160 km) liefern. Im Gegensatz zum Rennen im Oman sind diese Rennen ein einmaliger Kraftakt. Wenn der Startschuss einmal gefallen ist, gewinnt derjenige, der als erster die Ziellinie überquert. Keine Nachmittage in Berberzelten und Plaudereien mit Dino. Nur weiter, weiter, weiter, bis man im Ziel ist.
Das größte Rennen von allen, quasi die Olympischen Spiele des Trail-Laufs, ist der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB). Jedes Jahr findet sich in Chamonix in den französischen Alpen die Crème de la Crème des Ultra-Trail zum großen Finale ein, dem Rennen aller Rennen. Gewinnst du hier, gehörst du auf ewig zu den Legenden dieses Sports.
Die Strecke verläuft über einen beliebten, etwa 172 km langen Wanderweg rund um den Fuß des höchsten Gipfels Westeuropas – zum Teil auch durch Italien und die Schweiz. Je mehr ich darüber höre, je mehr Videos ich mir vom Massenstart mit mehr als 2.000 Athleten ansehe, die aufwühlende Hymne, die atemberaubenden Bilder des Sonnenaufgangs, Gipfel, die durch die Wolken brechen, desto fester wird mein Entschluss, einen weiteren Ultra-Marathon zu laufen, nämlich genau diesen hier.
So gehe ich also online, um mich anzumelden. Und hier beginnt der eigentliche Spaß.
Der UTMB ist so beliebt, dass man sich nicht einfach so anmelden kann. Nein, zuerst muss man sich dafür qualifizieren, indem man drei andere Ultras, die als Qualifikationsrennen gelten, läuft. Und selbst wenn man diese bewältigt hat, garantiert das nur die Teilnahme an der Rennlotterie – bei der man in etwa eine Chance von eins zu drei hat, einen Startplatz im Rennen zu ergattern.
Der UTMB gibt eine Liste mit Rennen aus, die als Qualifikationsrennen anerkannt sind. Die Überlegung dahinter ist die, dass man sicherstellen will, dass nur ernsthaft vorbereitete Läufer an den Start gehen. Doch dieses recht vernünftig erscheinende Ziel scheint irgendwann im Laufe der Zeit verloren gegangen zu sein, und was übrig blieb, ist ein höchst umstrittenes System.
Das Problem, das viele Läufer und Veranstalter mit diesem System haben, ist, dass Rennveranstalter, die ihr Rennen auf der UTMB-Liste für Qualifikationsrennen sehen wollen, nicht etwa spezielle Sicherheitstests bestehen müssen oder einen Beweis dafür liefern müssen, dass ihre Strecke genauso fordernd und anstrengend ist, wie sie es sagen, oder dass es sicher wäre oder dass die Rennleitung gewissenhafte und vertrauenswürdige Arbeit leistet. Nein, man muss den UTMB-Veranstaltern nur einen bestimmten Geldbetrag dafür bezahlen.
„Es geht nicht länger darum, die entsprechende Erfahrung zu garantieren, sondern mehr um die Einnahmen und den Versuch, Trail-Läufe in Europa zu monopolisieren und zu kontrollieren“, sagt Lindley Chambers, Vorsitzender des britischen Trail-Running-Verbandes (TRA), der definitiv kein Freund dieses Systems ist.
Ein Renndirektor, der sich geweigert hatte, Geld dafür zu bezahlen, dass seine Veranstaltung UTMB-Punkte bekommt – und der hier nicht genannt werden möchte – erklärt, wie es zu dieser Situation kam. „Als die UTMB-Betreiber das erste Mal ein Punktesystem einführten, war fast jeder Ultra-Veranstalter im UK an Bord“, sagt er. „Viele dieser tollen Rennen, die sich auch gut alleine vermarkten konnten, waren plötzlich zu ‚Qualifikationsrennen‘ geworden und warben nun auch nur mehr damit, Qualifikationsrennen zu sein, anstatt ihre eigenen Stärken und Vorzüge anzupreisen.“
Dann, als diese Rennen einmal von UTMB-Punkten abhängig waren, um Läufer anzulocken, führten die UTMB-Betreiber eine Gebühr ein. „Diese Gebühr war gerade einmal gering genug, dass sie von den anderen Rennveranstaltern bezahlt wurde, um ihre Teilnehmerzahlen zu halten, aber hoch genug, dass man, wenn man alle Rennen weltweit addiert, auf eine recht hübsche Summe Geld kommt.“
Wenn Rennen dafür zahlen, Punkte zu erhalten, dann zahlen sie de facto für eine Mitgliedschaft im Internationalen Trail Running Verband (ITRA), der von sich behauptet, eine unabhängige, nichtkommerzielle Einrichtung zu sein, die für das Wohl des Sports arbeitet. Die ITRA vergibt dann die UTMB-Punkte.
In der wilden Welt der Online-Ultra-Sportforen bringen nur wenige Dinge das Blut von Renndirektoren so zum Kochen, wie das UTMB-Punktesystem. Ein kürzlich verfasstes, typisches Posting las sich folgendermaßen: „Ich würde mir lieber die Augen mit einem Löffel auskratzen, als dem UTMB Geld für Punkte für meine Rennen zu zahlen.“
Doch nicht alle sind der gleichen Meinung. Viele Rennveranstalter sagen, sie zahlen die Gebühr gerne, um Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die Punkte sammeln wollen, zufrieden zu stellen und außerdem würde sich die Gebühr aufgrund der höheren Teilnehmerzahlen sowieso von alleine zahlen.
Nic Tinworth erzählt, er begann Punkte für seine Rennen in Hong Kong anzubieten, da die Leute einfach immer wieder danach fragten. „Es schien so, als ob die Läufer ihre Rennen speziell nach der Anzahl der Punkte auswählten.“
Ein Problem für Läufer, die am UTMB teilnehmen wollen, sind Rennen, die in vergangenen Jahren auf der Liste standen, dann jedoch gestrichen werden, da die jährliche Gebühr nicht bezahlt wurde. Das führt dazu, dass Athleten, die erwarten Punkte zu machen, nach dem Rennen plötzlich damit konfrontiert sind, dass sie nicht qualifiziert sind.
Dieses Szenario trat ein, als der Hardrock 100, einer der bekanntesten Ultra-Läufe in den Vereinigten Staaten, sich dazu entschied, nicht länger Geld dafür zu bezahlen, ein UTMB-Qualifikationsrennen zu sein. Das war vor allem deswegen relevant, da der Superstar dieses Sports und dreifacher Sieger des UTMB, Kilian Jornet, auf die Punkte des Hardrock 100 zählte, um am UTMB teilzunehmen. In den Regeln des UTMB steht klar und deutlich, dass jeder Athlet und jede Athletin Punkte haben muss, auch die absoluten Spitzenathleten. Als die die Betreiber des UTMB nun aber sahen, dass die Veranstalter des Hardrock die Gebühr nicht entrichtet hatten, sandte die ITRA den Organisatoren des Hardrock 100 eine E-Mail, in der der Verband den Betreibern höflich nahelegte, die Gebühr zu bezahlen, damit Jornet in Frankreich starten könne.
„Wir mochten dieses System einfach nicht und waren der Meinung, dass es etwas respektlos wäre“, meinte David Coblentz, Vorstandspräsident beim Hardrock 100. „Sie kommen nicht einmal vorbei, um deinen Kurs zu begutachten. Du schickst ihnen nur eine GPX-Datei, die sie in einen Algorithmus hochladen und dann geben sie dir Punkte. Das ist eigentlich nur eine andere Art Geld zu machen.“
Coblentz erklärte weiter, dass die jährliche Gebühr trotzdem zu bezahlen ist, auch wenn sich der Kurs nicht geändert hat und die GPX-Datei dieselbe sei. „Und das ist wirklich nicht akzeptabel.“
Somit verfassten der Hardrock 100 und noch acht weitere US-Rennen einen offenen Brief, in dem sie ihre Absicht, die Gebühr nicht mehr zu bezahlen, kundtaten und ihre Gründe dafür anführten. In diesem Brief hieß es: „Es ist nicht unsere Absicht, den UTMB/ITRA dafür zu kritisieren, ihre Gewinne maximieren zu wollen, doch ihr ‚Pay-For-Points‘-System trägt rein gar nichts zum Wohl des Sports bei.“
Die ITRA antwortete in einem eigenen offenen Brief, in dem sie klarstellte, dass sie eine Non-Profit-Organisation sei, dass sie nur versuchen würde, dem Sport bei seiner Entwicklung zu helfen (durch medizinische Forschung, Sicherheitsberatung, Einführung globaler Standards), und dass sie eine vom UTMB unabhängige Einrichtung sei. Doch Hardrock weigerte sich weiterhin einzulenken. „Danach haben wir nichts mehr von ihnen gehört“, sagt Coblentz.
Trotz der Pattsituation war Jornet in jenem Jahr dann doch am Start des UTMB. Es scheint so, als konnte das größte Rennen in diesem Sport nicht ohne seinen größten Star existieren, und so wurden die Regeln eben ein wenig zurechtgebogen. In ihrem Brief schrieb die ITRA, dass – Gebühr hin oder her – der Verband beschlossen hätte, „das Rennen [Hardrock 100] ausnahmsweise doch im Nachhinein zur Liste der Qualifikationsrennen hinzuzufügen.“
Dieses ganze Hin und Her sagt doch sehr viel über den Zustand, in dem sich dieser schnell wachsende Sport befindet, aus. Hinter all den tollen Instagram-Einträgen und den großartigen Leistungen der Athleten hat sich eine Art Goldrausch manifestiert, mit Goldsuchern, die um Macht und Kontrolle kämpfen. Genauso wie die ITRA und die großen Rennen haben sich bereits auch multinationale Bekleidungshersteller und Outdoor-Sportausstatter eingefunden und stecken ihre Claims ab, indem sie die größten Veranstaltungen und Top-Athleten und Athletinnen unter Vertrag nehmen und clevere Werbekampagnen produzieren, virale Filmchen mit Männern und Frauen, die durch prächtige Landschaften laufen und irrwitzige Abhänge hinunterrasen. Der Ultra-Marathonsport ist noch immer ein weitgehend unerschlossener und unkontrollierter Markt und es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum in absehbarer Zeit verlangsamen wird. Während die LäuferInnen also da draußen durch ein Tal der Schmerzen laufen, sehen andere einen offenen, unbewachten Eingang zu einer Goldmine und beeilen sich, einen Teil dieser Mine für sich zu beanspruchen.
Trotz allem will ich noch immer den UTMB laufen. Wenige Monate nach dem Interview mit Elisabet, mein Interesse am Ultra-Lauf ist noch immer hellwach, sehe ich mir den Start des Rennens im Internet an. Es ist ein Freitagnachmittag und ich sitze im Londoner Büro. Auf meinem Bildschirm ist der Hauptplatz von Chamonix zu sehen, auf dem sich gerade hunderte von nervös dreinblickenden, berggestählten Männern und Frauen versammeln, während mitreißende klassische Musik aus den Lautsprechern dröhnt und langsam im Tal verhallt. Dann laufen sie los, sprinten durch die Straßen und hinaus in die Berge.
Als ich das Büro verlasse, bahne ich mir meinen Weg durch die belebten Straßen Londons zur Paddington Station, wo ich den Zug nach Devon, meinem Wohnort, besteige. Als ich gut erholt am Samstagmorgen erwache, denke ich daran, wie sie noch immer alle da draußen sind und laufen.
Später, es ist bereits Samstagabend, denke ich wieder an die Läufer, die noch immer um den Berg laufen. Ich logge mich ein und sehe, dass ein schweres Gewitter über dem Rennen niedergeht. Nach 24 Stunden laufen ist das ziemlich hart. Was wohl gerade in den Köpfen der Athleten und Athletinnen vorging?
Es ist nun Sonntagmorgen und ich befinde mich gerade auf einem gemütlichen 15-Kilometer-Lauf im Park. Wieder muss ich an die Läufer beim UTMB denken. Es erscheint komplett verrückt, dass sie noch immer unterwegs sind, noch immer laufen. Andererseits hat dieser Gedanke auch etwas ganz Faszinierendes an sich und ein seltsames Gefühl von Eifersucht steigt in mir hoch. Ich muss dieses Rennen einfach laufen. Es ist das pulsierende Epizentrum des Ultra-Trail-Laufens, der Schlüssel zu diesem Rätsel. Und wenn ich dabei sein will, muss ich mich eben an die Regeln halten und einige dieser Qualifikationsrennen auf der Liste absolvieren.

Während der nächsten Wochen verbringe ich Stunden damit, mir Videos von Rennen im Internet anzusehen. Teilnehmer, die nervös zusammengedrängt an der Startlinie stehen, oft noch in der Dunkelheit, um sich dann in irgendeine unwirtliche oder gar gefährliche Gegend aufzumachen. Die Musik schwillt an, als die Kamera den Läufern und Läuferinnen durch Schluchten hindurch oder über einsame tropische Strände sowie durch Schneestürme folgt. Man sieht Nahaufnahmen von Teilnehmern, die weinen, sich umarmen und beinahe stürzen, bevor das Video dann mit Szenen vom Zieleinlauf endet, die beim Zuseher Gänsehaut verursachen. Diesmal sind es Freudentränen, Kinder, die die mit Schlamm bedeckten Beine der Eltern umarmen, bevor die Kamera wieder zurück über den Himmel schwenkt und dabei eine epische Welt offenbart, bis das Rennlogo zum finalen Crescendo der Streicher am Bildschirm erscheint.
Nach einer Weile erscheinen die Zahlen, die zu Beginn heruntergerasselt werden, bedeutungslos: 100 km, 200 k, 3.000 Höhenmeter, 36 Stunden Cut-off-Zeit. Alles nur Zahlen. Die Videos sind der Beweis dafür, dass es geht. Melde dich einfach an und überlege dir den Rest später.
Es ist lustig, die Gesichter der Leute zu sehen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mich für ein 100 km Rennen angemeldet habe.
„So weit ist das ja auch nicht“, meint meine Arbeitskollegin und Laufkumpanin Kate. „Mit dem Auto!“ Sie hat recht, was mache ich da eigentlich? Aber das Video, sieh dir das Video noch einmal an. Diese Leute sehen alle ganz normal aus. Da gibt es immer mindestens einen mutigen älteren Typen, der es schafft. Wenn der das kann …
Bevor ich es mich noch versehe, ist mein Jahr mit Reisen nach Kalifornien, Italien und Südafrika verplant. Aber der Beginn meiner Reise ist etwas bescheidener, nahe meinem Heim in Devon, im Südwesten Englands, mit einem „kurzen“ 55-km-Ultra, entlang Englands unglaublich schönem und 630 Meilen langem (1.014 km) South West Coast Path. Das liegt jetzt nicht so viel über der Marathondistanz und wird ein netter gemütlicher Beginn sein.
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Ich habe fast sechs Monate, um für den South Devon Ultra in Form zu kommen, doch nach zwei Monaten kämpfe ich immer noch damit, mein Training zu steigern. Aus Zeitgründen war es mir bis jetzt nicht möglich gewesen, länger als zwei Stunden am Stück zu laufen. Ich muss es irgendwie schaffen, den frühen Morgen zu nutzen – ich sehe es bei immer mehr Ultra-Läufern, denen ich auf sozialen Medien folge, dass sie frühmorgens trainieren, um Vorbereitung, Arbeit und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Aber das ist leichter gesagt als getan. In Wirklichkeit ist es doch so, dass wenn der Wecker mitten im Winter um sechs Uhr läutet und man die eisige Kälte spürt, wenn man unter der warmen Bettdecke hervorkriecht, die Müdigkeit gleich wieder zurückkommt, den ganzen Körper durchströmt und einen wieder unter die Decke zieht … dann denkt man schnell einmal: „Ich gehe einfach etwas später. Das geht sich schon aus. Ich muss mich ja ausruhen, Schlaf ist auch wichtig. Schlafen ist etwas Schönes.“
Aber wenn der Tag dann einmal so richtig angefangen hat, ist die Zeit schnell dahin. Die Kinder müssen zur Schule gebracht werden, die Arbeit ruft auch, ich muss etwas essen, abwaschen und dann bin ich auch schon wieder müde. Gehe ich eben morgen Früh doppelt so lange laufen, sage ich mir. Dann stehe ich um fünf Uhr auf und mache einen langen Lauf. Da gehen sich locker drei Stunden aus, bevor die anderen wach sind.
Doch ich stehe nicht auf. Und so wiederholt sich das Ganze.
Natürlich gehe ich gelegentlich laufen. In einer guten Woche sogar um die 65 Kilometer. Aber das ist nicht genug, um mich nur annähernd wie ein Ultra-Läufer zu fühlen.
Und dann fordert mich mein in Edinburgh lebender Bruder zu einem 40-Kilometer-Trail-Rennen in Schottland heraus. Das wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, meine Fitness zu testen, zu probieren, ein längeres Rennen in schwierigem Gelände zu laufen. Es wäre ein guter Anfang auf dem Weg zu meinem ersten Ultra. Obwohl, Freundschaftsrennen wird es keines werden. Das ist keine Herausforderung im Sinne von ‚Lass uns doch etwas zu zusammen unternehmen und sehen wie wir abschneiden‘. Das wird mehr eine Art Rennen-bis-auf-den-Tod.

Ich bin der älteste von drei Brüdern, die altersmäßig recht nahe beieinander liegen. Es war also nie wirklich einfach, immer zu versuchen, den anderen einen Schritt voraus zu bleiben. Ich erinnere mich noch gut an den Tag im Kinderbecken des lokalen Schwimmbads, als ich fünf Jahre alt war und mein mittlerer Bruder Jiva, damals drei, zu schwimmen begann. Und so lernte auch ich in einem Cocktail gemischter und verworrener Gefühle innerhalb von fünf Minuten zu schwimmen.
Der wohl demütigendste Moment in meinem Sportlerleben war der Tag, an dem der Schwimmverein meine beiden Brüder noch vor mir in die nächsthöhere Leistungsklasse beförderte. An diesem Tag hörte ich mit dem Schwimmen auf. Und ich begann mit dem Laufen.
Beim Laufen war ich besser. Zu meinem Glück begann sich unsere geschwisterliche Rivalität über die Jahre hinweg mehr ums Laufen zu drehen. Zusammen bestritten wir unzählige hart umkämpfte Rennen. Selbst Trainingsläufe arteten am Ende oft zu einem Wettkampf aus. Vor dem Start einigen wir uns jedes Mal, dass es kein Wettrennen ist. Doch irgendwann kommt dann der Punkt, wo du genau weißt, dass einer sich nicht an die Abmachung halten und loslegen wird. Damit meine ich nicht etwa das Tempo verschärfen, weil er sich gut fühlt und schneller laufen kann, sondern loslegen, um zu ‚gewinnen‘. Vor allem Jiva ist für sein ‚Loslegen‘ bekannt, manchmal sogar gleich am Anfang, um uns damit am falschen Fuß zu erwischen.
Meine beiden Brüder, Jiva und Govinda, der jüngste, sind beide gute Läufer. Als Schüler lief Jiva auf County-Ebene und Govinda verzeichnet eine Marathonbestzeit von 3 Std 12 Min. Doch ich war ihnen immer etwas überlegen. Naja, fast immer. Die Gelegenheiten, bei denen sie mich besiegten, fanden Eingang in unsere Familienannalen. Da war zum Beispiel dieser eine Tag im Jahre 1997. Erst überholte mich Jiva. Dann zog Govinda an uns beiden vorbei. Gut, es war nur ein sonntäglicher Freundschaftslauf, doch es war das erste Mal überhaupt, dass ich von beiden besiegt wurde. Zwanzig Jahre später wird diese Geschichte immer noch regelmäßig bei Familientreffen aufgewärmt.
Wenn mir Govinda also wieder einen Fehdehandschuh hinwirft – ein Rennen namens Great Wilderness Challenge in den schottischen Highlands – weiß ich, dass das kein Spaziergang wird. Erst vor kurzem hatte er aus Spaß damit begonnen, an den Wochenenden durch die Berge zu laufen, also wusste ich, dass er sich gute Chancen ausrechnete. Alle meine vergangenen Rennsiege hatte ich auf dem harten, ebenen Asphalt der Straße gewonnen. Dieses Rennen – Trailrunning in den Hügeln – ist noch immer nicht das Meine. Doch irgendwo muss ich ja einmal anfangen, wenn ich ein Ultra-Läufer werden will, und ein Rennen gegen meine Brüder ist der perfekte Anstoß, mich endlich dazu aufzurappeln.
Und auf einmal bin ich auch schon im nahe gelegenen Dartmoor Nationalpark trainieren. Meine ersten Versuche sind nicht gerade von Erfolg gekrönt. Nach zirka 10 Meilen (ca.16 km) beginne ich schon zu kämpfen und schaffe kaum mehr als Schritttempo. Meine Uhr sagt mir, dass ich mit einer Laufgeschwindigkeit unterwegs war, die ich normalerweise als langsames Joggen bezeichnen würde, doch da draußen im Moor fühlt sich alles viel anstrengender an. Es sind nicht nur die Hügel, sondern das ganze unebene, matschige Terrain, dass einen bei jedem Schritt aus dem Rhythmus bringt. So beginnt die Frustration langsam in mir hochzusteigen. Ab und an trete ich auf einen Stein oder eines meiner Beine stößt an das andere und ich stürze beinahe. Ich beginne zu fluchen. „Wessen dämliche Idee war das?“ Sobald ich endlich ein Stück Straße finde, fühle ich mich wieder wie zu Hause. Zurück dort, wo ich mich wohlfühle. Zurück beim Laufen.
Ich mag zwar Probleme haben, doch Jiva geht es noch viel schlechter. Er lebt in London und seine Arbeit, sowie sein Umzug, nehmen den Großteil seiner Zeit in Anspruch. Je mehr wir über das Rennen lesen, desto unmöglicher scheint es, sich da einfach irgendwie durchzumogeln. Einmal beendete Jiva den Edinburgh Marathon, ohne wirklich dafür trainiert zu haben. Auf der Strandpromenade in Edinburgh gegen diese sprichwörtliche Wand zu laufen, mag eine Sache sein, aber draußen in den Highlands ins Straucheln zu geraten, ist eine ganz andere. Das Rennen schreibt den Läufern vor, wasserdichte Kleidung, eine Karte und einen Kompass für Notfälle bei sich zu tragen. Das ist kein Vergnügungslauf.
Letztendlich sieht Jiva ein, dass er ungenügend vorbereitet ist und verzichtet auf einen Start. Somit verwandelt sich das Rennen in ein direktes Duell, Mann gegen Mann, zwischen mir und Govinda dem Bergläufer.

In der Nacht vor dem Rennen fahren wir von Edinburgh hinauf in die Highlands, wo wir bei Sturm und peitschendem Regen in Poolewe ankommen, während die Berge auf beiden Seiten still in Finsternis gehüllt sind. Je näher wir kommen, desto stärker heult der Wind. Wortlos blicken wir beide nervös aus dem Fenster.
Es regnet noch immer, als wir am nächsten Morgen zum Start kommen, wo uns keine guten Nachrichten erwarten. Das Wetter ist so schlecht, dass die Veranstalter die Route ändern mussten, um die besonders gefährlichen Sektionen zu vermeiden. Dabei stellt sich auch heraus, dass einer der Organisatoren am Vortag beim Besichtigen der Strecke von einem überfluteten Fluss erfasst und weggespült wurde und sich nun im Spital befindet. Einige Wochen später sollten wir erfahren, dass er verstorben war. Mit den Bergen spielt man sich nicht und ich bin der erste, der nichts dagegen hat, als wir erfahren, dass anstatt eines 40-Kilometer-Laufs durch einen der unwegsamsten Abschnitte der Highlands das Rennen auf einen 30-Kilometer-hin- und-zurück-Abschnitt gekürzt worden war, und zwar entlang einer Strecke, welche von enttäuschten Veteranen des Rennens als die langweiligste Sektion des Kurses bezeichnet wird.
Keiner der Anwesenden ist von der Änderung begeistert und so spiele ich mit und sehe enttäuscht drein, obwohl ich innerlich höchsterfreut bin. Dreißig mehr oder weniger flache Kilometer kommen mir viel mehr entgegen. Nicht nur, dass ich weniger gehen müsste, die Berge waren Govindas Stärke. Er blickt enttäuscht zu mir herüber – er weiß, was ich denke.
Die Great Wilderness Challenge ist ein kleines, lokales Rennen und so stellen wir uns zusammen mit etwa 70 anderen Teilnehmern auf. Am Start fühle ich mich frisch und als ich mich so umblicke, beginne ich mir sogar leise Chancen auf den Gesamtsieg auszurechnen. Das Feld sieht nicht gerade besonders einschüchternd aus.
Govinda versucht noch einmal etwas Ruhe zu finden und atmet ein paar Mal tief durch. „Er macht sich viel zu viel Stress“, denke ich mir, während mein Selbstvertrauen steigt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich das Ganze bereits in der Tasche habe.
Der Anfang des Rennens führt entlang eines engen Pfades, wo es, wie uns gesagt wird, schwierig ist, zu überholen. Also preschen wir drauf los. Die ersten anderthalb Kilometer ist alles ein wenig chaotisch, zu schnell, doch Govinda liegt vor mir und so entscheide ich mich, an ihm dran zu bleiben. Ich kann ihn nicht einfach davonziehen lassen. Der Weg ist matschig und felsig, windet sich und geht bergauf und bergab. Es ist unmöglich, einen Rhythmus zu finden.
Nach zirka 3 Kilometern macht Govinda einen Fehler und biegt auf den falschen Weg ab. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und überhole ihn. Doch bald ist er mir wieder auf den Fersen. Ich brauche gar nicht nach hinten blicken, ich höre ihn durch die Pfützen platschen. Allein seine Anwesenheit, so knapp hinter mir, treibt mich weiter an. Ich fühle mich richtig gut, also drücke ich aufs Tempo, als ich die Hügel durch den Wald hinauflaufe. Langsam werden seine platschenden Schritte immer leiser und leiser. Und jedes Mal, wenn ich einen kurzen Blick nach hinten riskiere – zu viel Motivation möchte ich ihm auch nicht geben – ist er ein Stück weiter zurück.
Nach ungefähr fünf Meilen (ca. 8 km) fliege ich nur so dahin. Hinweg über das schwierige, unvorhersehbare Terrain. Wie sich herausstellt, ist „langweilig“ ein relativer Begriff. Die Szenerie ist wild und wunderschön. Doch es ist schwierig, sie genauer zu betrachten. Die meiste Zeit muss ich meine Augen auf den Boden vor mir richten, da der Pfad schonungslos morastig und uneben ist. Ein falscher Schritt könnte hier schlimme Folgen haben.
Ich fange an mich zu entspannen. Irgendwie ist es schade, dass Govinda nicht mehr dagegenhalten kann. Natürlich bin ich auch froh darüber, aber so ist es fast zu einfach. Wir haben beinahe die Hälfte der Strecke erreicht. Das geht ja wie im Flug.
Jetzt den steilen Abschnitt hinunter zum Wendepunkt, ein paar Läufer holen mich ein. Da ich vor allem den Boden im Auge habe, sehe ich nicht, wer die anderen sind, aber ich kann spüren, wie sie an mir vorbei wollen. Anstatt sie weiter aufzuhalten, weiche ich ins Gras aus, um sie vorbeizulassen. Einer, zwei, drei gehen an mir vorbei.
„Mach schon, Dhar“, sagt der Letzte von ihnen.
„Huh?“ Es ist Govinda.
Sie wenden und kommen mir wieder entgegen und er läuft an mir vorbei, ohne mich anzublicken. Vorbei an der Wende beginne ich den Weg, den ich gekommen war, wieder hinaufzuklettern. Meine Beine fühlen sich plötzlich schwer an. Ich habe nicht mehr die Kraft zu versuchen an ihm dranzubleiben. So sehe ich nur, wie er davonzieht, kraftvoll, wie jemand, der jetzt loslegt. Für mich war es das. Ich bin leer.
Mutig kämpfe ich mich weiter. Ich habe die leise Hoffnung, dass er blau läuft und sich zu mir gesellen könnte, doch ich weiß, wie unwahrscheinlich das ist. Außerdem – so denke ich in meinen großzügigeren Momenten – wäre es schade, wenn das passierte. Ich verlege mich nun darauf, nur mehr mein eigenes Rennen zu laufen, doch es sind noch neun lange Meilen (ca. 15 km) zurück bis ins Ziel.
Als ich dann endlich ankomme, ist Govinda schon umgezogen und jubelt mir zu, als ich über die Ziellinie laufe. Danach erzählt er mir, dass er immer wieder gedacht hätte, ich würde ihn wieder einholen und so trieb er sich weiter und weiter an. Am Ende lag er dann mehr als 15 Minuten vor mir. Eine vernichtende Niederlage.
Später, am Weg nach Hause, ruft er seine Frau an. „Wie war es?“, höre ich sie fragen. „Ich habe gewonnen“, sagt er. Nein, das eigentliche Rennen hat er nicht gewonnen. Doch er hat das Rennen, auf das es ankam, gewonnen. Er hat seinen großen Bruder besiegt.
Also, Gratulation an Govinda, doch für mich ist es kein guter Start. Ich sehe jetzt ein, dass ich viel öfters auf dieser Art Terrain laufen muss, lernen muss, nasse, matschige Hügel hinauf- und hinunterzulaufen. Mit einem Ranzen auf dem Rücken. Auch wenn das Rennen nur über 19 Meilen (30 km) ging, so war es komplett anders als ein Straßenmarathon.
Glücklicherweise lebe ich im Süden der Grafschaft Devon, wo ich das Moor und gut 100 Meilen (160 km) Küstenpfade zum Trainieren habe. Ich muss nur raus und dorthin. Die frühen Morgenstunden endlich nutzen.
Ein paar Wochen später, als mein Ultra schon vor der Türe steht, fühle ich mich bereits fitter, spritziger, doch ich bin trotzdem nie mehr als eine Marathonstrecke am Stück gelaufen. Sogar im Oman war keine Etappe länger als die 42,195 Kilometer. Somit ist dies irgendwie mein erster Ultra-Marathon, den ich in gutem Glauben laufe. Wird mein Körper dieser Belastung überhaupt standhalten? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Am Tag vor dem Rennen klopft es an der Tür. Als ich sie öffne, steht dort ein gutaussehender Mann: 1,78 m groß, buschiger rost-oranger Bart, langes Haar mit Zöpfen, die in seine Stirn hängen, und einem breiten Lächeln.
Es ist Tom Payn, ein guter Freund von mir.1 Er ist aus Essex angereist, um das Rennen mit mir1 zu laufen. Auch er möchte am UTMB teilnehmen und befindet sich daher auf Punktejagd. Wir können uns zusammentun.
Tom ist ein richtig guter Läufer und ich weiß bereits, dass er das morgige Rennen wahrscheinlich gewinnen wird. In der Tat erzählt er mir, dass er noch nie ein Ultra-Rennen im Vereinigten Königreich verloren hätte.
Ich traf Tom das erste Mal in Kenia, zu einer Zeit, als er der viertschnellste Marathonläufer im UK war. Es war das Jahr 2011 und er hatte gerade seinen Schreibtischjob bei einer Wasserfilterfirma in Portsmouth gekündigt, um seinen Traum, sich für die Olympischen Spiele in London zu qualifizieren, zu verwirklichen. Dazu verbrachte er sechs Monate in einem kenianischen Trainingslager in der Kleinstadt Iten, wo er sich ein winzig kleines Zimmer mit einem Mitbewohner teilen musste. Zum Duschen gab es nur kaltes Wasser, ein Loch im Boden diente als Toilette und das tägliche Mittagessen bestand aus Reis und Bohnen. Damals sah er nicht so gut aus, wie er es heute tut, doch er hatte ein freundliches Gesicht und eine frohe, warmherzige Natur, jemand, der in allem immer das Positive sehen wollte. Das war auch gut so, denn als er nach sechs Monaten im Rift Valley zurückkehrte, blieb er zehn Minuten über seiner persönlichen Bestzeit und verpasste somit die Olympiaqualifikation.
„Den langsamsten Marathon meiner Karriere bin ich doch tatsächlich nach meinem Aufenthalt in Kenia gelaufen“, meint er. Klarerweise schwer enttäuscht, fühlte er sich damals irgendwie verloren. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte“, erzählt er weiter.
Doch er hatte nun einmal eine neue Seite in seinem Leben aufgeschlagen und auf keinen Fall würde er das alles wieder aufgeben und in einen regulären Bürojob zurückkehren. Mit Hilfe seiner kenianischen Kontakte gelang es ihm, einen Job bei einer Sportmanagement-Agentur zu ergattern, wo er kenianische Topläufer zu Rennen auf der ganzen Welt begleitete, sich um sie kümmerte, mit ihnen trainierte und den Tempomacher für sie bei den großen Rennen gab. Er lebte sogar in einer Wohnung in London, die als Unterkunft für Athleten aus Kenia diente, wenn sie für Rennen nach Europa kommen. Trotzdem funktionierte es auf der Straße nicht so, wie er wollte, und als er mich in Devon besucht, liegt seine Marathonbestzeit noch immer bei den 2 Std 17 Min, die er noch als Bürohengst in Portsmouth gelaufen war.
Doch jetzt steht ein Mann vor mir, der vor Vitalität nur so strotzt. Seit den Tagen nach Kenia ist einiges passiert. Vor allem begann er mit Ultra-Marathons, wo er auch Rachel kennenlernte, seine Verlobte. Beides hatte riesigen Einfluss auf sein Leben.
„Im Endeffekt führte mein damaliges Leben, wo laufen und trainieren schon ein Zwang waren anstatt einem Vergnügen, zum frühzeitigen, aber auch kurzzeitigen Ruhestand“, erzählt er mir, als ich uns in meiner kleinen Landhausküche Spaghetti Surprise zubereite. „Als ich wieder zu laufen anfing und mich in den Ultra-Sport stürzte, schwor ich mir, nur mehr aus Liebe zum Laufen zu laufen, und diese Liebe besteht seit damals.“
Der Umstieg zum Ultra-Running war eigentlich fast unbeabsichtigt. „Nicht lange nachdem ich meinen Rückzug vom Laufsport angetreten hatte“, so erzählt er weiter, „kam ich auf die Idee, den Weg von meiner Wohnung in London bis zum Haus meiner Eltern in Tiptree, Essex, zu laufen. Ich hatte keine Ahnung, wie weit das war, ich wusste nur, dass es länger ist als ein Marathon. Seit ich als neunjähriger Junge meinem lokalen Leichtathletikverein beigetreten war, war dies das erste Mal, dass ich mich nicht an einem Trainingsplan oder Renntraining orientierte und so erkannte ich, dass ich so weit und so schnell – oder auch langsam – laufen konnte, wie ich wollte.“
So wachte er also eines schönen Morgens auf, zog sich seine Schuhe an, schnallte sich seinen Rucksack mit ein paar Energieriegeln und einer Flasche Wasser um und machte sich auf den Weg. „Ich fühlte mich frei, ohne Druck. Ich konnte es gemütlich angehen, wenn ich wollte, und etwas aufs Tempo drücken, wenn ich mich gut fühlte. Nicht lange und ich hatte die Marathondistanz erreicht, dann fast 50 Kilometer. Meine Füße waren bereits etwas wund, doch ich fühlte mich noch richtig gut, als ich Chelmsford erreichte, wo der Anblick des Zugs so reizvoll war, dass ich mich entschied, die letzten 15 Meilen (ca. 25 km) doch mit der Bahn zu fahren.“
Eine Entscheidung, die er sofort wieder bereute, wie er sagt, und so packte er die Woche darauf wieder seinen Rucksack und lief diesmal die gesamten 56 Meilen (90 km) von London nach Tiptree, wofür er sieben Stunden benötigte. „Das war ein so großartiges Gefühl, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen, und es dauerte nicht lange, bevor ich mich zum ersten Ultra, dem Ring O’Fire, ein 135-Meilen-Rennen (ca. 217 km), rund um die Insel Anglesey, anmeldete.“ Er gewann das Rennen mit einem Vorsprung von mehr als drei Stunden.
Als er ein Jahr später bei einem trendigen, von Adidas gesponsertem Event in Südlondon auftauchte, war Tom noch immer größtenteils auf Straßenmarathons fixiert.
Vor dem Rennen, so sagt Tom, sah er eine Frau, die er von der Laufbahn her, wo er trainierte, wiedererkannte. „Wir unterhielten uns kurz und ich dachte mir, ich sollte heute Abend wohl zusehen, dass ich schnell laufe.“ Da er unbedingt Eindruck schinden wollte, stellte Tom sicher, dass er das Rennen gewann. „Danach ging ich zu ihr und sagte: ‚Gewonnen!‘ Doch sie zeigte sich nicht besonders beeindruckt.“
Beim nächsten Mal, als er auf Rachel traf, bei einem Eliminationsrennen namens Wings for Life, lief die Sache besser. Bei dieser Art von Rennen starten die Läufer mit einem 30-Minuten-Vorsprung auf ein Auto, das ihnen – beginnend mit 15 km/h und danach schrittweise schneller werdend – nachfährt. Wird ein Läufer von dem Fahrzeug überholt, so ist er aus dem Rennen und wird zurück ins Ziel gebracht, wo er oder sie das Rennen auf einer großen Leinwand mitverfolgen kann. Natürlich gewann Tom das Rennen. „Weil ich der Letzte war, sahen mir alle zu“, erklärt er. Er war der Held des Tages. Rachel saß da und sah ihm mit steigender Bewunderung zu. „Sie stellte irgendwas auf Facebook mit Cheering Tom Payn und verlinkte mich. Nach dem Rennen kam sie zu mir und umarmte mich herzlich. Also habe ich sie gefragt, ob sie mit mir ausgehen will.“
Seitdem inspirierten sich Rachel und Tom gegenseitig ihre regulären Jobs aufzugeben, einen gelben VW Käfer zu kaufen und nach Frankreich zu ziehen, um eine Vollzeitkarriere als Ultra-Läufer zu starten. Ach ja, und sie leben jetzt beide vegan. Und sind verlobt. Da ist also einiges passiert, während der letzten paar Jahre. Ich konnte das größtenteils via Social Media mitverfolgen, sehen, wie Toms Haar immer länger wurde, sein Grinsen breiter und die Hintergrundlandschaften auf seinen Fotos immer größer, bunter und epischer. Tom und Rachel haben sich auch eine Wohnung in Chamonix, der europäischen Hauptstadt des Ultra-Running und Basis des UTMB, zugelegt. Dort wohnen sie zur besten Laufzeit im Sommer und vermieten das Apartment in der Schisaison, während sie selbst nach Kenia oder Marokko ziehen, um zu laufen.
„Warum ausgerechnet Marokko?“, frage ich ihn.
„Wir sind eben sehr spontan“, antwortet er. „Wir folgen einfach unserem Herzen. Wir wollten irgendwohin, wo es im Februar und März warm ist, und überlegten, was da in Frage käme? Als wir dann dort ankamen, war es bitterkalt.“
Trotz des überraschend kalten Wetters entpuppte sich das Folge-deinem-Herzen-System als Volltreffer. Einige Monate bevor er an meiner Türe steht, wurde Tom dazu auserkoren, bei den Trail-Weltmeisterschaften für Großbritannien an den Start zu gehen. Ein britisches Trikot überzustreifen war schon immer sein Kindheitstraum und gerade als er nicht mehr daran zu glauben wagte, wurde der Traum wahr. Seine Mutter und Rachel reisten extra aus Portugal an, um ihm beim Rennen zu unterstützen.
„Das war der glücklichste Tag meines Lebens“, sagt er mit leicht zittriger Stimme. „Im Ziel habe ich dann sogar geweint.“

Wir verlassen mein Haus um sechs Uhr am nächsten Morgen und fahren entlang der engen Landstraßen zum Rennstart. Eigentlich sollte ich navigieren, doch ich sage den Weg immer wieder falsch an, da ich mehr damit beschäftigt bin, die richtige Musik vor dem Rennen zu finden, um in Stimmung zu kommen.
Der offizielle Parkplatz ist eine große Wohnsiedlung am Rande eines Dorfes, nur wenige Kilometer von der Küste entfernt. Als sich die zu dieser Zeit normalerweise menschenleeren Straßen mit Autos füllen, sich die Wagentüren nach und nach öffnen und Männer und Frauen in engen Laufhosen und Laufjacken aussteigen, kommt es einem so vor, als fände hier eine Invasion im Morgengrauen statt, während die Dorfbewohner noch schlafen. Jeder unwissende Anrainer, der einen Blick durch das Fenster riskiert, kann sich nur darüber wundern, was hier abgeht. Am Ende der Straße stellen sich die Läufer bereits an und warten auf die Busse, die uns an den Start bringen sollen.
Einige versuchen ein bisschen Konversation zu betreiben. „Hast du den Regen gestern mitbekommen?“ Doch niemandem ist so wirklich nach plaudern zumute. Es zeichnet sich schon langsam ab, was da vor uns liegt, und es ist schwer, nicht daran zu denken. Tom kaut auf einem Fruchtriegel herum. Vor sechs Tagen war er noch beim Marrakesch Marathon gelaufen, wo er für die Topathletinnen 30 km lang den Tempomacher gab, bevor er dann nach 2 Std 35 Min ins Ziel „joggte“. Er fühle sich müde, meint er, und hätte sich auch keine Renntaktik überlegt.
„Manchmal gebe ich auf den ersten paar Kilometern so richtig Gas und lasse es danach lockerer angehen“, sagt er.
„Um gleich einmal allen das Fürchten zu lehren?“
Er lacht. „Ja, so in etwa.“
Rundum sieht man andere Läufer, die ihn genau mustern. Er sieht einfach schnell aus, auch wenn man nur kurz hinsieht. Er ist dünn, drahtig, aber da ist noch mehr. Er sieht fast so aus, als käme er von einem anderen Stern. Diese graue Eintönigkeit, die sich schon einmal über den Arbeitsalltag legt, die unsere Haut blass und unsere Augen müde macht, scheint er nicht zu kennen. Mit seinen feuerroten Haaren und einer allgemein fröhlichen Ausstrahlung, sieht er aus wie ein Superheld in einem Comic.
Im Anmeldezelt steht ein Mann mit einem Clipboard und fragt Tom nach seinem Nachnamen. „Payn“, antwortet er. Er hat sogar den Namen für einen Superhelden – obwohl der fast schon wieder etwas bedrohlich klingt.
„Guter Name für einen Ultra-Läufer“, sagt der Mann mit dem Clipboard.
Nachdem wir uns auf unserem Weg hierher so oft verfahren hatten, haben wir keine Zeit mehr, um uns aufzuwärmen, und bevor wir es uns noch versehen, werden wir bereits and den Start gerufen. Ich folge Tom nach vorne und stehe neben ihm in der ersten Reihe, in der Mitte unter dem Startbogen. Ich genieße es kurzfristig, ein wenig von seinem Ruhm zu profitieren, und sehe die nervösen Blicke, die uns die anderen zuwerfen. Ich klopfe ihm noch einmal freundschaftlich auf die Schulter.
„Gehen wir es an!“
Der Countdown ist bereits im Gange. Drei, zwei, eins … jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Reise nach Chamonix und zum UTMB hat begonnen.

Tom sprintet über das Feld, als hätte er den Herd zu Hause angelassen. Keiner geht nach. Alle sehen nur dabei zu, wie er durch die Hecke am anderen Ende des Feldes hindurchsticht und das ist auch das Letzte, was man von ihm in diesem Rennen sieht.
Ich lasse mir Zeit, achte darauf, es nicht zu schnell anzugehen, und jogge den ersten Anstieg langsam hinauf.
Auf der anderen Seite kommen wir an einer Klippe heraus, unter uns das Meer, weit und wild, die Wellen brechen sich an den Felsen. Das Wetter ist recht ruhig, doch der Boden ist nass und glitschig. Die ganze Woche wurde die Küstenregion von Wind und Regen heimgesucht und die Wege sind komplett durchtränkt. Ein paar Tage zuvor hatte der Wetterbericht noch heftigen Regen und heftige Stürme vorausgesagt. Glücklicherweise ist der Sturm inzwischen abgeflaut, doch seine verheerenden Auswirkungen sind beim Laufen spürbar.
Meine Trailrunning-Schuhe sind leider nur für trockenen, festen Boden geeignet, nicht für Schlamm. Ich verwende sie, da die meisten meiner Trainingsläufe auch über Straßen führen und die strapazierfähigeren Schuhe fühlen sich auf hartem Untergrund genauso unangenehm an wie Stollenschuhe. Deswegen war ich der Meinung, dass diese Schuhe ein guter Kompromiss wären, doch ich rutsche nur hin und her. Somit setze ich mir als Priorität, das Rennen zu beenden, ohne mir dabei die Knie an den spitzen Felsen entlang des Weges aufzuschlagen.
Das relativ niedrige Tempo auf den ersten 10 Meilen (16 km) bedeutet auch, dass ich – wenn ich nicht gerade auf den Boden blicken muss, um Stürze zu vermeiden – die Landschaft genießen kann, die schroffen Klippen und sandigen Buchten, das aufgewühlte Meer, dessen salziger Geruch in meine Nase dringt, die Gischt der Wellen, die wie ein Sprühregen über den Pfad hinwegfegt.
Der erste richtige Hänger kommt bei etwa 10 Meilen (16 km). Ich hole einen Proteinball aus meiner Tasche und beiße ein paarmal ab. Eines der gängigsten Dinge, die ich während meiner ersten Recherchen über den Ultra-Sport höre, ist, dass es im Grunde „ein Esswettbewerb mit etwas laufen dazwischen ist“. Während eines Ultra-Marathons verliert man Energie und die muss durch Essen ersetzt werden. Bei kürzeren Ultras geht es schon einmal, dass man mit ein paar Päckchen Energiegel auskommt, aber von zu viel Gel kann einem nach einiger Zeit ziemlich übel werden. Es ist also besser, richtige Nahrung zu sich zu nehmen. Das ist natürlich nicht so einfach, wie es sich anhört. Nicht nur, dass laufen und gleichzeitig essen eine Herausforderung ist, so kann dies auch zu Magenbeschwerden führen. Man muss es also trainieren und herausfinden, welche Nahrung am besten für einen selbst funktioniert. Wie ich später bei einigen meiner längeren Rennen herausfinden werde, kann es schwierig werden, nach 10, 20 oder gar 30 Stunden laufen etwas zu kauen oder genügend Speichel zu produzieren, um das Essen überhaupt schlucken zu können.
Doch im Moment ist essen kein Problem. Während ich so vor mich hin trabe, ist meine größte Sorge, dass irgendeines meiner kleineren Wehwehchen plötzlich aufflammt. Es gibt kaum einmal einen Trainingslauf oder ein Rennen, bei dem nicht irgendwo etwas ein wenig zwickt, und so habe ich Angst davor – wie im Oman – wieder neben der Strecke zu sitzen, während mir jemand im Vorbeilaufen zuruft: „Komm, mach weiter. Du schaffst das.“
Aber meine Beine fühlen sich noch gut an und ich beginne die ersten Läufer zu überholen. Vielleicht war ich bis jetzt doch zu langsam unterwegs. Ich rechne mir aus, dass ich ungefähr an achter Stelle liegen muss und setze mir aus irgendeinem Grund das Ziel, dieses Rennen in den Top 10 zu beenden. Ein Ziel, das mir spontan in den Kopf kommt, und jetzt, wo es einmal da ist, wie in Stein gemeißelt ist. Rennziel: Top 10.
Und so beginne ich das Rennen richtig anzugehen. Als ich anhalte, um mich kurz hinter einem Busch zu erleichtern, und mich dabei zwei Läufer überholen, mache ich mich sofort wieder hinter ihnen her und überhole sie. Während andere Läufer bei einer Wasserversorgungsstelle anhalten, um ihre Flaschen aufzufüllen oder sich ein paar Kekse greifen, bleibe ich in Bewegung, um weiterhin Boden gut zu machen.
Nach etwa 14 Meilen (22 km) führt der Kurs ins Landesinnere, hinweg über matschige Felder, uralte ungenutzte Feldwege und ein paar normale, asphaltierte Straßen. Gelegentlich laufe ich neben jemandem her und wir beginnen zu plaudern. Es ist eigenartig, während eines Rennens noch genug Energie zu haben, um reden zu können. Die Müdigkeit ist in den Beinen, im Körper, aufgrund der Hügel, des tiefen Bodens und der Zeit, die man sich auf den Beinen befindet. Doch diese Atemlosigkeit, das Nach-Luft-Schnappen, wie man es von kürzeren Rennen her kennt, ist nicht da.
Und so unterhalten wir uns eben, bis einer einen Abhang schneller hinunterläuft oder eine Trinkpause einlegt, und dann bin ich wieder allein, umgeben nur von Gras, Bäumen und Kühen. An einem Punkt passiere ich eine Jagdgesellschaft. Die Reiter in ihren roten Jacken sehen verächtlich auf mich herab, als ich mich vorbeikämpfe, während die Hunde aufgeregt umherlaufen. Ich kann nur hoffen, dass sie mich nicht für ein verwundetes Tier halten.
Ich erreiche die 38-Kilometer-Marke in knapp über vier Stunden und beschließe, nicht länger zu versuchen einen Platz unter den Top 10 zu erreichen, sondern das Rennen unter sechs Stunden zu beenden. Ich fange an zu leiden, meine Schritte werden immer kürzer, so, als ob sich ein unsichtbares Band immer weiter um sie zusammenzieht. Ich will mich nicht mehr um Läufer sorgen, die an mir vorbeilaufen, sie werden es sowieso tun. Aber ich brauche etwas, auf das ich mich fokussieren kann.
Einige Wochen zuvor bemerkte ich, dass der Streckenrekord der Frauen bei 6 Std 6 Min lag und jemand, der meinen Kommentar auf Twitter über das Rennen gelesen hatte, schrieb mir, dass ich doch versuchen sollte, diesen Rekord einzustellen. Also streiche ich das Ziel unter die Top 10 zu laufen und ersetze es mit dem neuen Ziel, das Rennen in unter sechs Stunden zu beenden. Eine schöne runde Zahl. Dazu muss ich nur die letzten 10 Meilen in zwei Stunden absolvieren. Das müsste eigentlich möglich sein. Sollen die anderen doch ruhig an mir vorbeilaufen, wenn sie wollen.
Warum brauche ich überhaupt ein Ziel? Warum nicht einfach laufen? Reicht es nicht, ins Ziel zu kommen. Ich weiß nicht genau, aber nur ins Ziel kommen, naja, das kann ich auch, wenn ich gehe. Aber irgendetwas tief in mir weiß, ich wäre von mir selbst enttäuscht, wenn ich nur gemütlich ins Ziel schlenderte. Ich muss mich pushen, deswegen bin ich hier. Ich muss mich dazu zwingen, zu kämpfen, mich mit den anderen messen. Sonst wäre das alles nur ein langer Spaziergang, ein Tag im Freien. Und das fühlt sich nicht richtig an. Das ist ein Rennen und ich muss es auch so angehen.
Die nächsten Kilometer geht es komplett flach dahin, entlang eines exponierten Stücks Strand. Das Dorf am Ende will irgendwie nicht näherkommen und ich quäle mich weiter. Meine Beine schmerzen, meine Körperhaltung ist gebeugt, ich schlurfe vor mich hin. Mein Anblick muss erbärmlich sein. Von jetzt an ist es auch eine mentale Herausforderung, nicht mehr nur eine physische. Ich muss die negativen Gedanken vertreiben, wie ein Küchenjunge, der das Ungeziefer mit dem Besen aus der Küche jagt.
„Vielleicht bin ich doch nicht dafür geschaffen.“ … „Ich bin eben kein harter Kerl, warum also vorgeben einer zu sein?“ … „Denk doch mal, wie toll es wäre, jetzt einfach aufzuhören.“
Komm! Komm! Hopp! Hopp! Die Tatsache, dass mein Körper noch zusammenhält, gibt mir Kraft. Nichts ist gebrochen oder gerissen. Und da ist auch der Umstand, dass ich nach viereinhalb Stunden noch immer laufe und nicht gehe.
Nach dem langen Stück Strand geht es noch einmal zurück zu den Klippen, bergauf und bergab. Die Anstiege fordern nun wirklich ihren Tribut und zwingen mich größtenteils zwischen laufen und gehen abzuwechseln.
Um dann noch einen draufzusetzen, führt die Strecke nach 27 Meilen (43 km) am Ziel vorbei und geht dann noch einmal auf eine sieben Meilen (12 km) lange Schleife. Eine Welle an Emotionen überkommt mich, als ich durch das kleine Küstendorf namens Beesands laufe, wo ich am Ziel vorbeikomme. Ich halte Ausschau nach Marietta, die sagte, dass sie vorbeikommen würde, um sich das Ende des Rennens anzusehen. Plötzlich will ich eine Umarmung, jemanden, der mir sagt, dass ich es schaffen kann. Doch ich kann sie nirgendwo erblicken. Mir kommen beinahe die Tränen, als ich unser geparktes Auto sehe, doch kein Anzeichen von Marietta. Und um es noch schlimmer zu machen, gibt es auch niemanden anderen, der mir etwas als Aufmunterung zuruft. Die Zuschauer versammeln sich am Zieleinlauf, parken ihre Wägen, kaufen ihre Fish & Chips, legen ihre Hunde an die Leine. Doch mich bemerkt anscheinend niemand. Mir ist zum Weinen.
„Dafür ist es noch zu früh“, sage ich mir und reiße mich noch einmal zusammen. Als wir die letzte Schleife angehen, überholt mich einer der anderen Teilnehmer, dann noch einer. Ich will nicht, dass mich jetzt noch eine Horde anderer Läufer überholt, nicht nach alldem, was ich durchgemacht habe. Also beiße ich die Zähne zusammen und laufe weiter. Einige verzweifelnd langsame Kilometer bergauf über Hügelkuppen gefährden mein Ziel von sechs Stunden. So quäle ich mich weiter. Gott, nimmt das denn kein Ende? Irgendwie überholt mich nun niemand mehr. Wo sind die alle hin? Ich habe Angst davor, dass jemand in der Ferne hinter mir auftaucht. Wie ein entflohener Verbrecher, der hofft, dass seine Verfolger weit weg sind. Doch jedes Mal, wenn ich einen Blick zurückwerfe, ist der Weg leer.
Meine Füße sind aufgeweicht, mein Wasservorrat aufgebraucht, meine Beine sind keine Beine mehr, sondern zwei Eisenstangen, die mit meiner Hüfte verbunden und festgerostet sind. Meine Arme bedienen die Hebel dieser Maschine, aber trotzdem bewegen sich meine Beine kaum.
Und dann, über einem der vielen schlammigen Pfade sehe ich ein wunderschönes Schild. Darauf steht: „Noch 1 Meile.“ Ich blicke mich um. Noch immer ist niemand hinter mir. Ich sehe mich bereits über die Ziellinie fallen und im Gras liegen.
Und weiter geht es. Nur mehr bergab. Als ich über das letzte Feld laufe, dort wo ich Stunden zuvor gestartet war, finde ich mich plötzlich unter Läufern, die den Marathon und den Halbmarathon beenden, die beide zur selben Zeit abgehalten wurden. Ich will freie Bahn bis zum Ziel und so sprinte ich bergab in Richtung einer Lücke. Macht Platz für den Ultra-Läufer! Ich schaffe es, ich fliege über die Ziellinie und falle ins weiche Gras. Marietta ist auch da. „Großartig, großartig.“ Sie macht Fotos und lächelt. Es ist vorbei. „Tom bekommt gleich seinen Preis verliehen“, sagt sie.
Ich blicke über meine Schulter auf den Mann mit dem feuerroten Haar und der hellen gelben Weste.
„Und unser Gewinner“, dröhnt eine Stimme über den Lautsprecher, „mit einem gewaltigen Vorsprung von 23 Minuten auf den Zweitplatzierten ist Tom Payn.“
Ein höflicher Applaus geht durch die Menge. Ich setze mich auf. Wir haben es geschafft. Wir haben es verdammt nochmal geschafft.

Und damit bin ich offiziell ein Ultra-Läufer. Schlussendlich habe ich sogar beide meiner selbsterkorenen Ziele erreicht: Ich belegte den 10. Platz in 5 Std 51 Min. Ein toller Beginn. Trotz all der Schmerzen ist mein Körper noch ganz. Wir humpeln hinunter an die Küste und holen uns ein paar Pommes, bevor wir ins Auto hineinkriechen und nach Hause fahren. Als wir den Parkplatz verlassen, sehe ich einen Läufer, der gerade an uns vorbeikommt. Ich erinnere mich, wie ich hier vorbeilief, ohne Jubel, noch 7 Meilen vor mir.
„Komm, schon“, rufe ich ihm vom Auto aus zu. „Du schaffst das.“
Der Mann blickt auf. An meinem müden Gesicht und der Medaille um meinen Hals sowie der Tüte Pommes Frites, erkennt er wohl, dass ich bereits fertig und am Nachhauseweg bin. Er lächelt.
„Bastard“, ruft er.
1Siehe: Im Land des Laufens und The Way of the Runner.
4
Wenige Wochen nach meinem Küstenultra treffe ich mich mit Elisabet Barnes, dieses Mal für einen Trainingslauf. Ich muss lernen, wie ein Ultra-Läufer einen „langen“ Lauf absolviert. Der Plan ist, einen Abschnitt des bevorstehenden Ultra-Marathons, dem Country to Capital – ein 45-Meilen- (72 km) Lauf von den Chiltern Hills nach Little Venice im Stadtzentrum Londons – zu sondieren.
Als wir damals im Oman landeten, stach Elisabet unter all den aufgeregten, herumwuselnden Läufern sofort als eine Person mit einer Mission hervor. Sie war eindeutig hier, um zu gewinnen. Anstatt sich alles wie ein Tourist anzusehen, alles aufzusaugen, nervös über ihr mangelndes Training Witze zu machen, so wie der Rest von uns es tat, machte sie bei allem, was sie tat, einen professionellen Eindruck, stellte den Rennorganisatoren Fragen und nickte aufmerksam, wenn sie antworteten.
Im Rennen, während der Rest von uns am Ende jeder Etappe ungläubig die Köpfe schüttelte und im Ziel am Boden lag, liefen die wahren Athleten mit eiserner Miene über die Ziellinie und begannen sofort damit, isotonische Getränke und Essen zuzubereiten, voll auf Erholung fokussiert und bereit für den nächsten Tag.
Elisabet war zufällig in einem Zelt zusammen mit meist jungen Omani. Sie hatte sich einfach in der Ecke eines der Zelte niedergelassen und es war ihr ziemlich egal, wer noch in diesem Zelt sein würde. Der Rest von uns sah sich nach Zelten mit Freunden und Bekannten um oder mit Teilnehmern, die man bereits in den ersten Stunden kennengelernt hatte. Und wir verbrachten dann die restlichen sechs Renntage mit diesen Zeltpartnern. Ich hatte mich an den einzigen anderen Engländer im Rennen gehängt und gesellte mich zu ihm ins Zelt. Eine gute Wahl, wie sich herausstellte. Die Nachmittage verbrachten wir damit, herumzusitzen und uns Geschichten zu erzählen. In ihrem Zelt saß Elisabet allein da, bereitete ihr Essen vor, schlief und starrte hinaus in die Wüste, während sich die Männer in ihrem Zelt miteinander unterhielten.
Sie war jetzt nicht vollkommen asozial und freute sich immer mit dir zu reden, wenn du sie besuchen gingst, doch sie ging nur selten selbst hinaus ins Camp, um sich unter die anderen Teilnehmer zu mischen. Es schien, als schätzte sie ihre Privatsphäre. Und sie sparte natürlich auch Energie.
Vor dem Rennen fand ich heraus, dass wir in jenem Jahr beide den London Marathon in der gleichen Zeit gelaufen waren – 2 Std 50 Min. Also meinte ich, dass sie die Richtige wäre, um mit ihr zu laufen. Mein Plan war auch zu lernen, mich selbst zurückzuhalten, nicht zu schnell zu laufen. Mehrere Studien haben bereits versucht zu untersuchen, warum Frauen sich bei Rennen ihr Tempo besser einteilen können als Männer. Die meisten dieser Untersuchungen können über das Wie und Warum nur spekulieren und vermuten, dass Männer ihre Fähigkeiten einfach überschätzen und zu schnell beginnen, während Frauen ihre Fähigkeiten eher herunterspielen. Eine Studie an Personen, die den Houston Marathon beendet haben, bestätigt diese Theorie, indem sie die offiziellen Daten mit den von den Läufern selbst vorausgesagten Endzeiten verglich. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass „schlechte Tempoeinteilung teilweise auf männliche Selbstüberschätzung zurückgeführt werden kann.“
Etwas, womit ich mich regelmäßig schuldig mache. Sobald ein Rennen startet, denke ich, ich wäre Superman, dass ich das schon packe – versucht mich nur aufzuhalten. Mein Absturz bei der Great Wildernis Challenge war nur eines der letzten Beispiele in einer langen Reihe.
Im Oman begann ich jeden Tag damit, neben Elisabet herzulaufen, um mein Tempo zu reduzieren. Das funktionierte einige Minuten lang recht gut, doch dann fing ich an zurückzufallen, der Sand saugte meine Beine nach unten, machte jeden Versuch zu laufen zunichte, während Elisabet erbarmungslos davonzog, wie ein kleiner Traktor mit ihren schnellen, flachen Schritten durch den Sand pflügte. Jeden Tag schlug sie mich mit riesigen Abständen, manchmal Stunden. Unsere ähnliche Stärke beim Marathonlauf hatte in der Wüste keine Bedeutung.
Es sind viele Monate vergangen, als wir einander für unseren Trainingslauf bei der Marylebone Station in London treffen. In ihrem hellen, orangen Top und dem Stirnband ist Elisabet in der Masse von schwarzen Anzügen und grauen Sakkos leicht auszumachen. Einige Jahre zuvor brach sie den Streckenrekord, doch nun ist es für sie nur mehr ein anstrengenderes Workout, mit dem sie sich auf größere Herausforderungen vorbereitet. Obwohl sie eine Spezialistin für Wüstenrennen ist und zugibt, Hügel und Matsch nicht ausstehen zu können, arbeitet Elisabet auch auf den UTMB hin. An diesem Rennen kommt man eben nur schwer vorbei, wenn man ein richtiger Ultra-Läufer werden will. Es wartet da einfach so, als wäre es das große Finale am Ende der Saison, das Rennen der Champions. Um sich besser darauf vorzubereiten, hatte sie bereits ein kleines 100-Meilen-Etappenrennen in Nepal später im Jahr eingeplant, das Everest Trail Race.
Als sie die Überraschung, dass sie sich in die Berge wagt, in meinem Gesicht sieht, vertraut sie mir an, dass einer ihrer ersten Ultras der PTL, das längste Rennen beim UTMB war – eine technisch anspruchsvollere 300-km-Schleife rund um den Mont Blanc. Es ist mehr ein Rennen für Bergsteiger, als für Läufer, erklärt sie weiter. Es ist auch ein Teamwettbewerb und sie nahm damals zusammen mit ihrem Mann teil, mehr wegen der Erfahrung, als wegen dem Wettkampf.
„In Wirklichkeit hätten wir nicht einmal den Versuch wagen sollen“, sagt sie. Sie mussten aufgeben. „Im Nachhinein gesehen wäre es möglich gewesen, das Rennen zu beenden, doch nach vier Tagen mit nur zwei Stunden Schlaf begannen wir schon zu halluzinieren und trafen einige irrationale Entscheidungen.“
Während ich ihrem Bericht über das Rennen so lausche, hört es sich an, als hätten die beiden Glück gehabt, überhaupt lebend da raus zu kommen. In einer Nacht trat eine Gruppe von Teilnehmern über ihnen auf einem Geröllweg einen großen Felsbrocken los, der dann den Berg hinabstürzte. „Wir konnten nichts tun, denn wenn du auf diesem Gelände schnelle und plötzliche Bewegungen machst, rutscht du aus und fällst in den Abgrund und stirbst“, sagt sie. „Wir standen nur ein oder zwei Meter auseinander und der Felsblock sauste zwischen uns durch.“
Es ist schon lange her, dass sie in den Bergen gelaufen war, doch die Idee, beim UTMB mitzumachen, fasziniert sie irgendwie. „Es ist immer wieder interessant seine Grenzen auszureizen,“ meint sie. „Wenn du es schaffst, dann weißt du, wo deine Grenzen sind.“
Seit ich Elisabet das letzte Mal sah, ist sie wieder den MdS gelaufen, doch diesmal war sie nur Vierte geworden. Sie glaubt, dass bei einer der anderen Läuferinnen etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, denn ihr Rucksack war zu leicht und, dass wahrscheinlich jemand anderer als Träger fungiert hatte und einiges für sie mitgetragen hätte, zum Beispiel zusätzliche Nahrung. Das ist recht ärgerlich und für sie persönlich irgendwie nicht in Ordnung, aber so lange eine Athletin die vorgeschriebene Ausrüstung mit sich trägt, verstößt sie technisch gesehen gegen keine Regel.
Ich hatte diesen Verdacht bereits im Oman. Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte, aber jeden Tag standen die Führenden in der Männerwertung mit winzigen Rucksäcken, die vielleicht ein Viertel der Größe meines Rucksacks hatten, am Start. Und trotzdem saßen sie dann jeden Abend nach der Etappe zusammen mit ihren Freunden im Lager, teilten ihr Essen und schienen trotzdem immer genug zu essen zu haben. Zugegeben, sie trugen jetzt keine Proteinriegel und Kissen mit sich herum, trotzdem schienen ihre Ranzen schon sehr, sehr klein.
Nach dem Sieg beim MdS 2015 hatte sich Elisabets Leben verändert. Plötzlich hatte sie einen Sponsor, wurde zu Rennen auf der ganzen Welt eingeladen, war ein Markenname, eine Persönlichkeit. Und genauso wie die Gegenleistungen für den Erfolg in diesem aufkeimenden Sport Jahr für Jahr größer werden, so wächst auch der Anreiz, die Regeln zu biegen oder gar zu brechen.
Einer der bekanntesten Negativfälle war der Absturz des Londoners Rob Young. Nachdem er 2014 Mo Farah den London Marathon laufen hat sehen, wettete er mit seiner Frau um 25 Cent, dass er 50 Marathons laufen könnte. Sie entgegnete, dass er viel zu faul wäre, um überhaupt einen Marathon zu laufen und in dem Buch, das er über diese Geschichte schrieb, gibt er zu, dass er völlig untrainiert war und dazu noch ein furchtbarer Läufer. Doch am nächsten Morgen ging er im Morgengrauen hinunter in den nächsten Park und lief einen Marathon. Noch am gleichen Nachmittag, nach einem 8 Stunden Arbeitstag, lief er noch einen Marathon im gleichen Park, diesmal sogar noch schneller. Am nächsten Morgen, so schreibt er, weniger als 24 Stunden nach seinem ersten Marathon, rannte er seinen Dritten und diesmal in der beeindruckenden Zeit von 3 Std 19 Min.
Nachdem er dieses unerwartete Lauftalent entdeckt hatte, ging es erst richtig los. Bis zum Ende des Jahres war er 370 Marathons gelaufen. Danach brach er Dean Karnazes Weltrekord für die längste non-stop gelaufene Strecke ohne Schlafunterbrechung von 600 km. Die Fernsehsender standen nur so Schlange, um ein Interview mit ihm zu machen. Sein Buch, Marathon Man, verkaufte sich richtig gut und die Tageszeitung The Times nannte es „eine erstaunliche Geschichte“.
Erpicht darauf, noch mehr verrückte läuferische Dinge zu tun, gab Young 2016 bekannt, dass er den TransAmerica-Streckenrekord quer durch die USA, der seit 1980 bestand, brechen wolle. Nach all den unglaublichen Dingen, die er bereits unternommen hatte, warteten die Leute mit Spannung darauf, ob er es schaffen würde. Doch schon bald nach dem Start seines Versuchs kamen im Internet die ersten Zweifel an der Echtheit seines Fortschritts auf. Nach genauer Betrachtung von Screenshots seiner GPS-Uhr auf Facebook waren einige Kritiker der Meinung, dass sein Tempo und die zurückgelegte Strecke unmöglich machbar wären, vor allem da er auf den Bildern immer so frisch und ausgeruht aussieht.
Der Stein kam dann wirklich ins Rollen, als ein Mann namens Asher Delmott eines Nachts Youngs Livetracker online mitverfolgte und bemerkte, dass Young nahe seiner Heimatstadt Lebo in Kansas vorbeilief. Entsprechend Delmotts Bericht, der auf der Webseite letsrun.com zu finden war, dachte er, dass Young sich einsam vorkommen musste und fuhr deshalb zu ihm, um zumindest ein paar Kilometer mit ihm zu laufen. Doch was er vorfand, war einzig und allein Youngs Begleitfahrzeug, das im Schritttempo fuhr – keine Spur von Young selbst. Er fuhr noch ein paar Mal die Straße auf und ab, doch entdeckte niemanden der lief.
Nachdem Delmotts Bericht erschienen war, begann die ganze Sache hässlich zu werden. In seinem Buch schrieb Young darüber, wie sehr er als Kind von seinem Vater misshandelt wurde, auch dass ihm ein Nagel durch den Fuß getrieben wurde. Diese Erlebnisse, so sagt er, waren es auch, die ihn gelehrt hätten, Schmerz einfach auszublenden und das hätte ihm all diese unglaublichen Ultra-Laufleistungen erst ermöglicht. Außerdem war alles, was er tat, nur dazu da, Geld für ein Kinderhilfsprojekt zu sammeln. Für viele war Young ein Held und eine Inspiration und sie wollten an ihn glauben.
Um herauszufinden, was es denn nun mit all dem auf sich hatte, entschloss sich eine Gruppe Ultra-Läufer, die sich selbst The Geezers nannte, Young persönlich zu folgen und fuhr ihm im Auto nach, als er trotz aller Zweifel seinen Lauf durch Amerika fortsetzte. Angeführt vom legendären Renndirektor Gary „Lazarus Lake“ Cantrell, fanden sie Young auf der Straße, einmal laufend, dann gehend, doch in einem sich rapide verschlechternden Zustand, sein Tempo viel langsamer als während seiner unglaublichen ersten Tage, als der erste Verdacht begann aufzukommen. Nach fünf Tagen meinte Cantrell, dass er viel Respekt für Youngs Anstrengungen hätte, doch nicht davon überzeugt wäre, dass Young zu diesen Leistungen fähig war, die er in der frühen Phase des Rennens angeblich erbracht haben soll. An einer Stelle sahen The Geezers, wie Young kopfüber auf die Straße knallte und sich dabei eine Stirnverletzung zuzog. Als ihn sein Team erreichte, war sein Gesicht blutüberströmt und er war eingeschlafen. Doch er stand wieder auf und lief weiter.
Schlussendlich musste Young seinen umstrittenen Rekordversuch nach 34 Tagen einstellen, aber nicht aufgrund der Vorwürfe, denen er sich ausgesetzt sah, sondern wegen einer gebrochenen Zehe, sowie Zellulitis – eine schmerzhafte und potenziell gefährliche Hautinfektion.
Und es wäre auch dabei geblieben, doch mit all den Anschuldigungen, die da im Raum standen, entschloss sich der Sponsor für Youngs Rekordversuch, der Kompressionsbekleidungshersteller Skins, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Das Unternehmen beauftragte die beiden honorigen Sportwissenschaftler, Roger Pielke Jr. von der University of Colorado Boulder und Ross Tucker von der University of the Free State, Südafrika, Youngs GPS-Daten genauer unter die Lupe zu nehmen. Die beiden überprüften die Daten genau, sprachen mit wichtigen Zeugen und erstellten einen 110-seitigen Bericht. Das Ergebnis war vernichtend, denn der Bericht kam zu dem Schluss, dass nur wenig Zweifel daran besteht, dass Young betrogen hätte, indem er „unerlaubte Hilfe in Anspruch nahm – aller Wahrscheinlichkeit nach, indem er große Teile der Strecke in oder auf einem Fahrzeug zurücklegte“.
Der schlagende Beweis dafür, so meinten sie, wären seine Kadenzdaten, die seine Schrittzahl pro Minute aufzeichneten. Einige Male in den ersten Tagen, noch bevor Delmotts Bericht auf letsrun.com erschienen war, zeichnete Youngs Uhr unmögliche Zeiten und Zahlen auf, wie etwa eine Schrittlänge von bisweilen über 40 Meter. Nach dem Posting auf letsrun.com und dem damit erhöhten öffentlichen Interesse normalisierten sich sein Tempo und die Schrittlänge wieder. Diese Veränderung und die Tatsache, dass sie genau mit der plötzlichen genaueren Kontrolle zusammenfiel, ließe auch einen möglichen Defekt der verwendeten Uhren ausschließen, meinten sie weiter.
Young stritt weiterhin alles ab, konnte aber keine Erklärung für die Kadenzdaten erbringen. Skins folgte dem Bericht von Pielke und Tucker, kappte alle Verbindungen mit Young und gab an, dass das Unternehmen „äußerst enttäuscht“ wäre.
Es ist eine traurige Geschichte, doch Young ist bei weitem nicht der einzige, der mit unwahrscheinlichen und im Endeffekt unglaubwürdigen Höchstleistungen beim Ultra-Laufen angab. 2018 gelang es der ehemaligen Schönheitskönigin, Maude Gorman aus Massachusetts, sich sogar einen Platz im US-Team für die Skyrunning-Weltmeisterschaft zu erschwindeln. Wiederum waren es Online-Detektive, die die Diskrepanzen in ihren Resultaten aufdeckten und beweisen konnten, dass sie bei einigen ihrer Rennen eine Abkürzung genommen hatte. Damit war Gorman gezwungen, einige ihrer gewonnenen Preise zurückzugeben, und sie wurde aus dem Nationalteam ausgeschlossen.
Einer der jüngsten Betrugsfälle ist der von Kelly Agnew, dessen starke Ergebnisse in einer Serie von Ultra-Marathons in den USA Verdacht erregten – einschließlich eines Sieges bei einem 48-Stunden-Lauf mit einem Vorsprung von 55 Meilen (ca. 88 km), obwohl er bereits vor dem Ablauf der Zeit aufgab.
Nachdem ihnen seine tollen Ergebnisse verdächtig vorkamen, entschlossen sich die Organisatoren bei einem weiteren 48-Stunden-Rennen in Arizona, das in Runden auf einer Schleife von einer Meile ausgetragen wurde, Agnew besonders im Auge zu behalten. Einer der Offiziellen sah, wie Agnew mitten in der Nacht am Ende einer Runde die Zeitnahmematte überquerte und gleich danach ein Mobilklo neben dem Weg aufsuchte, aus dem er nach sieben Minuten herauskam und die Zeitnahmematte noch einmal überquerte – und somit eine weitere Runde registrierte, ohne sie jemals gelaufen zu sein.
Die Frage, die jeder stellt, der solche Geschichten hört, ist folgende: Warum macht jemand so etwas? Das Gefühl innerhalb der Ultra-Marathon-Gemeinschaft ist von Skepsis geprägt. Ultra-Running sieht sich gerne als Sport der Ehrlichen, Menschen, die gewillt sind, sich Stunde um Stunde und sogar tagelang bis zum Äußersten zu pushen, und das alles für keine greifbare Belohnung. Sie tun es, weil sie ihre Grenzen finden möchten, etwas über sich selbst herausfinden wollen, erfahren wollen, wie es sich anfühlt, ein erfülltes Leben zu leben. Warum würde jemand deswegen betrügen? Du würdest dich ja eigentlich nur selbst betrügen. Wie kannst du da mit dir leben? Es gibt so gut wie keine Preisgelder, keine TV-Berichterstattung, keine schmeichelnden Fans. Das ergibt doch keinen Sinn.
„Hört sich wie etwas, das Mr. Bean tun würde, an“, meint Marietta, als ich ihr von Agnews Nummer mit dem Mobilklo erzähle. Ja, ich kann mir vorstellen, wie Mr. Bean so etwas macht. Mr. Bean ist deswegen so lustig, da wir alle unsere Mängel in ihm wiedererkennen – stark übertrieben natürlich, aber nachvollziehbar. Vielleicht ist da in einigen etwas, dieser innere Mr. Bean, dieser Zwang, es sich leicht zu machen, auch in den trivialsten und unwichtigsten Situationen gut auszusehen, sogar wenn nur ein Zuseher da ist, stark genug, um sie dazu zu veranlassen, zu betrügen.
Heutzutage machen wir nicht wirklich etwas für die Leute direkt um uns herum. Wir tun es für das virtuelle Publikum, von dem wir uns vorstellen, dass es vorm Laptop sitzt und geduldig auf unseren nächsten Streich wartet, uns beklatscht und uns einen Daumen nach oben gibt, wenn wir es mit unseren Leistungen beeindrucken. Einen Ultra-Marathon zu laufen ist ein todsicherer Weg, einen solchen Eindruck in den sozialen Medien zu hinterlassen. Ein Sieg, eine vordere Platzierung oder eine Rekordzeit und schon überschlagen sich die Dinge.
Laufe 370 Marathons in einem Jahr, laufe quer durch die USA und du wirst sehen, wie sich die Belohnungen plötzlich ganz schnell multiplizieren, wenn sich die Leute einloggen und Nachrichten posten und dir sagen, welche Inspiration du für sie bist und dass du ihr Leben verändert hast. Mr. Beans Kopf würde explodieren.
Um zu verstehen, warum jemand in einem eher unbedeutenden Rennen betrügt, beschloss Runner’s-World-Journalist Duncan Craig bei einem 5-km-Parklauf zu mogeln, indem er einen großen Teil des Kurses abkürzen würde. Es war natürlich nur Mogeln im Kleinformat und er ließ sein Ergebnis auch gleich darauf annullieren. Doch vor dem Rennen fing er seine Emotionen recht nett ein, als er über die neue Bestzeit, die er bald laufen würde, schrieb: „In meinem Netzwerk in den sozialen Medien gibt es viele Läufer, schnelle Läufer. Warte nur bis sie rauskriegen, was ich da tue.“
Die Wissenschaft, die hinter dem Betrügen steckt, ist faszinierend und es gab schon viele Studien über die Jahre, die zeigten, dass – unter bestimmten Umständen und wenn man die Chance hat damit durchzukommen – die meisten von uns schummeln würden. Laut den Wissenschaftlern sind die meisten Umstände, die uns dazu verleiten zu mogeln, zum Beispiel Dunkelheit, Müdigkeit und Schlafentzug, keine Unbekannten unter Ultra-Läufern. Das Fehlen von Streckenmarkierungen, Rennmarschalls und strikteren Rennkontrollen bei kleineren Ultras bedeutet auch, dass es einfacher als in vielen anderen Sportarten ist, damit durchzukommen.
Dr. Dan Ariely von der Duke University in North Carolina sagt, dass wir betrügen werden, wenn wir es vor uns selbst rechtfertigen können. In seinem Buch The Truth About Dishonesty schreibt er: „Wir sind von Natur aus Kreaturen, die Geschichten erzählen und wir erzählen uns Geschichte über Geschichte, bis wir endlich eine Ausrede gefunden haben, die uns zufrieden stellt und sich vernünftig genug anhört, um sie zu glauben.“
Mogeln, so sagen Psychologen, ist besonders einfach zu rechtfertigen, wenn man Situationen so dreht, dass man sich selbst als Opfer einer Ungerechtigkeit sieht. Dann sorgt man ja nur für gleiche Verhältnisse; du betrügst also nicht mehr, du stellst nur wieder faire Bedingungen her.
Elite-Leichtathletiktrainer Steve Magness schreibt dazu auf seinem Blog Die Wissenschaft des Laufens: „Wir alle betrügen. Aber wie weit können wir es treiben und uns noch selbst einreden, dass wir anständige Menschen sind? Es gibt nur ganz wenige Menschen unter uns, die von sich selbst als schlechte Person denken.“
„Denken wir doch an Dopingbetrüger wie Lance Armstrong. Bis zum Schluss wollte er nicht wirklich einsehen, dass er betrogen hat. Er rationalisierte sein Verhalten, indem er sagte, dass alle anderen auch dopen und somit verschob er die moralische Grenze. Genau das passiert bei jedem anderen auch.“
Ich kontaktierte Dr. Ariely, um ihn zu fragen, warum Menschen beim Ultra-Laufen betrügen, wo es dabei doch kaum etwas zu gewinnen gibt, da es bei diesem Sport, auch auf höchstem Niveau, vor allem um persönliche Leistungen und das Ausloten der eigenen Grenzen gehe und nicht um materiellen Gewinn.
„Im Großen und Ganzen betrügen Leute nicht für materiellen Gewinn“, sagt er. „Wir betrügen, damit wir ein anderes Bild von uns haben, uns stolzer, besser fühlen … es geht darum, die Realität in einem bestimmten Licht erscheinen zu lassen, uns als erfolgreicher, schneller oder was auch immer darzustellen.“
Er meint weiter, dass die meisten Menschen, die dabei erwischt werden, wirklich der Meinung sind, nicht betrogen zu haben. „Diese Menschen schaffen es, eine plausible Ausrede dafür zu finden, damit sie sagen können, dass sie eben nicht betrogen hätten. ‚Ich habe dort zwei Minuten verloren, und so habe ich die zwei Minuten eben hier wieder aufgeholt‘, oder ‚In der Dunkelheit war es so schwer, den Weg zu finden‘.“
Dr. Ariely hatte noch nie von Rob Youngs Fall gehört, doch es ist interessant zu erwähnen, dass Young auch nach dem vernichtenden Skins-Bericht weiterhin von sich behauptete, kein Betrüger zu sein, auch wenn etwas schiefgegangen war. „Ja, ich habe sicherlich Fehler gemacht“, sagte er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt zu den Vorwürfen. „Doch ich bin kein Betrüger.“
Es ist leicht, sich über solche traurigen Gestalten lustig zu machen, doch vielleicht sollten wir etwas mehr Verständnis zeigen. Wie Rob Young sagt auch Maude Gorman, dass sie als Kind misshandelt wurde. Vielleicht liegt diesem Verhalten einfach nur der Wunsch nach Liebe und Aufmerksamkeit zugrunde. Die Leute sagen zwar, dass sie niemals schummeln würden, doch vielleicht erfahren sie auch nur genügend Stabilität und liebevolle Unterstützung in ihrem Leben. Vielleicht wuchsen sie in einer liebevollen Familie auf. Skins hob diese Tatsache speziell hervor, als sie ihren Vertrag mit Young auflösten. „Die Ergebnisse sind eindeutig und wir stehen in vollem Umfang hinter ihnen“, sagte Jamie Fuller, Vorstand von Skins. „Doch wir dürfen dabei nicht vergessen, dass in jedem Läufer [Young] ein menschliches Wesen steckt. Meiner Meinung nach stellt seine Vorgeschichte einen ganz speziellen Umstand dar.“
Er ist ein menschliches Wesen und er ist fehlbar und damit ist er nicht allein. Beim südafrikanischen Comrades Marathon, der von sich behauptet, „das ultimative menschliche Rennen zu sein“, werden jedes Jahr zusätzlich geheime Zeitnahmematten auf der Strecke ausgelegt, um damit die vielen Läufer zu erwischen, die von sich behaupten, dieses berüchtigte Rennen beendet zu haben, jedoch große Streckenabschnitte mit dem Auto oder auf dem Motorrad zurücklegen und dann weiter vorne wieder ins Rennen einsteigen.
Die verbreitetste Methode, auf unfaire Art und Weise im Sport zu gewinnen, ist natürlich das Doping. Bis vor kurzem reichte der Schatten des Dopings noch nicht bis zur glücklichen, wenig bekannten Nischenwelt des Ultra-Sports, doch es war nur eine Frage der Zeit. Die Vorstellung, Ultra-Running würde nur Leute mit den ehrvollsten Absichten anziehen, und dass alles im Geiste der Kameraderie und des Respekts gegenüber seinen Mitstreitern ablief, war mit einem Schlag zunichte gemacht, als der britische Ultra-Läufer Robbie Britton bemerkte, dass einer seiner Konkurrenten, der Ecuadorianer Gonzalo Calisto, der erst kurz zuvor Fünfter beim UTMB geworden war, auf der Liste der gesperrten Athleten des IAAF stand.
Doch erst als Britton diese Information in den sozialen Medien publik machte, hörte auch der UTMB von dieser Geschichte und disqualifizierte Calisto nachträglich und korrigierte die Ergebnisliste. Zwar wurde ein Dopingtest beim UTMB durchgeführt, doch in dem ganzen Chaos, das dort herrschte, wurde die Rennleitung nie darüber informiert, dass EPO in Calistos Probe gefunden worden war.
„Die ganze Calisto-Geschichte ist irgendwie lächerlich“, meint Britton, als ich ihn dazu befrage. „Im Rennen positiv auf EPO zu testen ist ziemlich dämlich. Wenn man jemanden dabei am Renntag erwischt, dann gibt es sicher auch andere, die sicher etwas cleverer waren.“
Britton ist ein 24-Stunden-Lauf Bronzemedaillengewinner, lebt in Chamonix und ist Trainer und Athlet zugleich. Er ist einer der lautesten Stimmen, die sich gegen Doping im Sport aussprechen. Ich frage ihn, wie groß dieses Problem im Ultra-Sport seiner Meinung nach sei.
„Es gibt in allen Sportarten wahrscheinlich den einen oder anderen Betrüger, sogar im Ultra-Running. Bei uns gab es Leute, die Abkürzungen nahmen, die vorgeschriebene Ausrüstung nicht mit sich trugen, alles Mögliche. Es muss nicht nur Doping sein. Es gab sogar einmal ein Zwillingspaar beim Comrades, die ihre Zeitmessungschips nach der Hälfte des Rennens tauschten.
Die Leute, die sagen, es steckt ja kein Geld im Ultra-Running, warum sollte man also betrügen, vergessen etwas dabei. Viele Athleten in unserem Sport leben ja sowieso in soliden Verhältnissen. Es ist ihr eigenes Ego und eine Art von Faulheit und Ungeduld, das sie dazu verleitet.“
Das Problem wird in Zukunft nur noch schlimmer werden, meint er weiter. „Mehr Geld, mehr ‚Ruhm‘, dieser Instagram-Lifestyle, mehr Druck der Sponsoren. All das wächst. Und die Athleten werden immer schneller. Somit versuchen die schwächeren Läufer, eine Ausrede zu finden. Bei uns gibt es Leute, die schon mehrere Sperren hinter sich haben, doch sie scheinen daraus einfach nicht zu lernen.“
Aber selbst Britton, der nicht davor zurückscheut, jemanden zur Rede zu stellen, sagt, er denke nicht, dass Doping im Ultra-Running heimisch geworden ist.
„Ich führe das auf die Persönlichkeiten und die Offenheit der Athleten zurück“, sagt er. „Vielen kann man wirklich vertrauen. Einige mögen das vielleicht als naiv erachten, aber wir haben einfach nicht diese Anti-Doping-Infrastruktur, um es irgendwie anders anzugehen. Ich tue was ich kann, um mitzuhelfen, meinen Sport sauber zu halten, aber manchmal geht es einfach nur darum, der beste Athlet zu sein, der man sein kann, solange die Leute noch an einen glauben. Ich hoffe, das gelingt mir auch so.“
Ich befrage Elisabet zum Thema Doping, als wir im Zug zu unserem Trainingslauf sitzen. Glaubt sie, dass es ein großes Problem in diesem Sport ist?
„Ich bin mir sicher, dass eine verbesserte Testinfrastruktur auch mehr Dopingfälle ans Licht brächte“, meint sie. „Warum auch nicht? Doping gibt es in jedem Sport, es ist ja nicht so, als wären Ultra-Läufer eine andere Spezies von Mensch. Sicherlich, das große Geld gibt es im Ultra-Sport bis jetzt nicht zu verdienen, aber da sind Sponsoren, Ansehen, Ruhm … Wenn du einmal Blut geleckt hast, willst du mehr und es wird immer diejenigen geben, die bereit sind, dafür bis ans Äußerste zu gehen.“
Ist sie noch nie in Versuchung gekommen, vor allem wenn sie weiß, dass es unwahrscheinlich ist, dabei erwischt zu werden?
„Ich glaube von mir, dass ich hohe moralische Standards habe“, sagt sie. „So wurde ich erzogen. Ich hatte nie Interesse daran, bei irgendetwas zu mogeln. Sei ein guter Mensch und es werden dir gute Dinge widerfahren. Ganz einfach.“

Es ist ein ziemlich miserabler Morgen, als wir in dem kleinen Ort Denton, dem Start unseres Trainingslaufs, ankommen. Ein grauer Nieselregen hängt in der Luft und nimmt der Umgebung die ganze Farbe. Die grauen Vorstadtstraßen um den Bahnhof herum tragen nur wenig dazu bei, die Stimmung aufzuheitern, doch bald wären wir ja jenseits der Häuser und würden in die Wälder laufen.
Elisabet ist eine eher ungewöhnliche Ultra-Läuferin, da sie recht selten Trails läuft. „Ich hasse Matsch“, sagt sie, als wir den Weg entlang waten. „Aber es ist schön, zur Abwechslung wieder einmal draußen im Wald zu sein.“ Sie lebt in Westcliff-on-Sea in Essex und ihr übliches Laufgebiet ist die Ortspromenade. Wenn sie dem UTMB ihren Stempel aufdrücken will, muss sie sich an solche Bedingungen gewöhnen.
Dieser Lauf ist ein guter Erkundungslauf für ihr bevorstehendes Rennen, da die Läufer dort ihre Route selbst finden müssen. Elisabet verwendet eine App auf ihrer Uhr, die die ungefähre Richtung anzeigt. Trotzdem verlaufen wir uns mehrere Male. „Einige Leute suchen gerne nach dem Weg und verwenden Landkarten“, sagt sie. „Ich mag das nicht.“
Ultra-Running ist ein sehr weites Feld. Es umfasst Laufen, ja klar, kann aber auch Wandern, Bergsteigen und Kartenlesen beinhalten. Doch ich stimme Elisabet zu, auch ich fühle mich am wohlsten, wenn die Route markiert ist, was beim UTMB und den meisten anderen Rennen, zu denen ich mich angemeldet habe, zum Glück der Fall ist.
Drei Stunden lang dümpeln wir mit gemütlichem Tempo dahin, quatschen und bleiben das eine oder andere Mal stehen, um einen kleinen Bissen zu uns zu nehmen. Heute experimentiere ich mit schokoladeüberzogenen Haselnüssen und getrockneter Mango. Beides schmeckt hervorragend nach ein paar Stunden laufen. Nachdem wir fertig sind und 21 Meilen (ca. 34 km) zurück Richtung London zu einem anderen Bahnhof gelaufen sind, halten wir an einem Minisupermarkt. Ich fühle mich, als könnte ich den ganzen Laden leer essen, doch ich beschränke mich auf einen Softdrink und ein Haferflockenplätzchen. Es schmeckt himmlisch. Vielleicht ist ein Teil der Faszination, die Ultra-Marathons ausmacht, einfach nur extremen Hunger aufzubauen und dann mit einem 5 Euro Schein in der Tasche in einen Laden voll mit bunt verpacktem Essen zu gehen. Elisabet kann einem Pepsi Max nicht widerstehen. „Sag’s aber niemandem“, zwinkert sie mir zu sie. Das ist definitiv kein integraler Bestandteil ihrer Ultra-Ernährung, doch am Ende eines 21-Meilen-Laufs geht alles. Entscheide dich für dein sündigstes, geheimes Verlangen und hau rein. Ich entscheide mich jetzt aufs Ganze zu gehen und meiner dunklen Seite etwas zu gönnen, und nehme mir einen Schokoriegel. Sagen Sie es aber niemandem, O. K.?

Während der nächsten Monate steigere ich mein Trainingsvolumen. Ich hole mir einen Trainer, Tom Craggs, der mir einen Trainingsplan erstellt. Doch trotz meiner besten Absichten fällt es mir schwer, diesen Plan genau einzuhalten. Tom versteht mein Problem und ändert den Plan ab, wenn ich ihm wieder einmal schreibe, dass ich nicht alles, was er mir vorgegeben hat, bewältigen konnte. Es kommt mir vor, permanent Ausreden zu suchen und ich verspreche alles aufzuholen, doch bevor ich es mich noch versehe steht das nächste Rennen vor der Tür.
Es ist ein 100-km-Rennen in Kalifornien namens Miwok 100K und zählt vier UTMB-Punkte. Um mich für den UTMB zu qualifizieren, brauche ich insgesamt 15 Punkte aus drei Rennen.
Als ich meinen Flug in die Vereinigten Staaten besteige, ist mein längster Trainingslauf die 21 Meilen, die ich zusammen mit Elisabet gelaufen war, und mein längstes Rennen das in Devon über 34 Meilen (ca. 55 km). Das wird also eine Reise ins Unbekannte, fast doppelt so lange als ich jemals zuvor gelaufen bin. Und das alles in der bergigen Küstenlandschaft nördlich der San Francisco Bay.
Bevor ich aber nach Kalifornien fahre, besuche ich einen Ultra-Läufer in Colorado. Soweit ich weiß, ist er einer der besten Ultra-Läufer der Welt. Ich hatte ihn über Facebook kontaktiert, als ich Interviewpartner für meine US-Reise suchte.
„Komm vorbei und bleib ein paar Tage hier“, schrieb er mir zurück und bot mir an, einige Tage bei ihm zu Hause zu verbringen und mit ihm zu trainieren. Ich antwortete, dass ich von der Idee begeistert wäre und fragte ihn, wo er lebt.
„Ich lebe in einer abgelegenen Holzhütte, auf halbem Weg hinauf zum Pikes Peak Mountain, nahe Manitou Springs“, antwortete er. „Es führen keine Straßen zu unserem Haus, du musst also gut sechs Meilen (ca. 10 km) den Waldweg rauflaufen oder wandern, um zu uns zu kommen.“ Das hört sich wild an. Ich lasse ihn wissen, dass ich kommen werde.
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Ich schließe den Kofferraum meines Mietwagens und blicke die Berge hinauf. Oberhalb der auf Holzpfählen stehenden Holzhäuser mit ihren Postkartenverandas erheben sich die Gipfel wie eine Reihe von Zähnen. Die niedrigeren Hänge sind mit Kiefernwäldern bewachsen, während die Gipfel in der Ferne von weißem Schnee bedeckt sind. Auf der Fahrt von Denver hierher warnte der Wetterbericht im Radio vor einem aufziehenden Sturm, der bis zu gut über einen Meter Neuschnee in die Berge bringen soll. Genau dort lag aber mein Ziel, etwa 10 km bergauf bei einer kleinen Holzhütte in den Wäldern, dem Heim von Zach Miller, einem der weltbesten Ultra-Läufer.
Bei den Elite-Ultra-Trail-Rennen gibt es, grob gesagt, zwei Hauptdomänen: Europa und die USA. In Europa sind die Trails eher schwierig und technisch und werden von Bergspezialisten wie Kilian Jornet und François D’Haene dominiert. In den Vereinigten Staaten sind die Strecken im Allgemeinen eher einfacher und besser zu laufen, und die Szene wird immer mehr von Jungstars aus dem Bahn- und Straßenlauf beherrscht, von Läufern wie Jim Walmsley und Läuferinnen wie der ehemaligen US-Olympionikin im Marathon, Magda Boulet.
Mit 29 Jahren ist Zach noch recht jung für einen Ultra-Läufer und er war Bahnläufer am College. Seine Geschichte, wie er zum Ultra-Lauf kam, ist eher ungewöhnlich, doch bevor er sie mir erzählen kann, muss ich ihn erst einmal finden.
Am anderen Ende des Parkplatzes, hinter der Bahnstation, finde ich den Weg, genau so, wie Zach es beschrieben hatte. Ein Schild markiert den Weg und hat auch gleich eine Warnung parat: „Oben kann es Winter sein. Ziehen Sie sich entsprechend an.“ Doch jetzt, während ich in der Maisonne durch den Ort spaziere, ziehe ich meinen Pullover aus und binde ihn mir um die Taille. Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass es in ein paar Stunden richtig kalt werden kann. Der Weg ist trocken und staubig, als ich meinen langen Anstieg beginne.
Als das klapprige Holztor zum Barr Camp endlich vor mir auftaucht, dämmert es bereits. Nach einer dreistündigen Bergwanderung fühle ich mich recht müde. Wir befinden uns knapp über der Schneegrenze, doch ist schon seit einiger Zeit kein frischer Schnee mehr gefallen und der Pfad ist gut ausgetreten.
Barr Camp ist eine Rasthütte auf halbem Weg hinauf zum Pikes Peak, ein sogenannter „Viertausender“, wie Zach mir sagt, da der Gipfel auf einer Höhe von gut über 4.000 Meter liegt. Zach lebt hier in der Hütte auf etwas mehr als 3.100 Metern, zusammen mit seiner Schwester Ashley und ihrem Ehemann Nathan. Die drei teilen sich die Aufgaben als Hausmeister des Camps, kochen jeden Tag Frühstück und Abendessen, passen auf, dass die Hütte immer beheizt ist und kümmern sich um alles, was Besucher eben so benötigen. Sie sind auch das Bergrettungsteam, die Ersthelfer im Falle, dass jemand in den Bergen verunglückt oder vermisst wird.
Als ich ankomme, ist Zach allein in der Hütte und gerade hinten in der kleinen Küchenecke. Die Rasthütte ist ein warmer, angenehmer Raum mit einem Tisch und einigen Fauteuils rund um einen Holzofen. Die Küche versteckt sich hinter einer Holzbar mit ein paar Barhockern davor. Entlang der Wand hängen Snacks wie M&Ms, Energieriegel und Ähnliches, sowie T-Shirts und Kappen mit dem Barr-Camp-Logo im Retro-Chic. Auf einem Schild oberhalb der Türe zum Schlafraum, im Hinterteil des Zimmers, steht Karibu, was so viel wie ‚Willkommen‘ auf Suaheli bedeutet.
„Oh, hallo“, sagt Zach, als ich mich vorstelle. „Schön, dich kennenzulernen.“
Ich hatte das erste Mal von Zach gehört, als ich im Jahr zuvor den UTMB Live Feed online mitverfolgte. Fast immer, wenn ich mich einloggte, um zu sehen, wie das Rennen stand, lief dieser junge Amerikaner ganz alleine an der Spitze. Am Ende wurde er dann Sechster, doch für mich und viele andere war Zachs verwegener Versuch, das Feld gleich von Anfang an aufzurollen, eines der faszinierendsten Ereignisse des Rennens.
Jedes Mal, wenn ich einschaltete, war er da, seine verkehrt herum aufgesetzte Mütze, die sich auf und ab bewegte, nie an den Verpflegungsstationen haltend, und immer wieder nach hinten blickend, wie jemand, der um sein Leben rennt. Der allgemeine Konsens unter Ultra-Läufern ist normalerweise, es eher gemäßigt anzugehen, um Energie zu sparen. Es langfristig anlegen. Es ist ein Ultra-Marathon, kein Sprint. Doch Zach lief ohne Furcht, ohne sich zurückzuhalten, pushte immer weiter und knickte erst nach 92 Meilen (ca. 148 km) ein, als er zum ersten Mal die Führung im Rennen abgeben musste.
Später im Jahr tauchte Zach wieder in einem, in der Laufwelt viralen Video, auf meinem Facebook Feed auf. Es waren die letzten 9 Meilen (knapp 15 km) eines anderen, extrem umkämpften Rennens, dem North Face 50 (Meilen) nahe San Francisco, und Zach lag in Führung. Er führte deutlich vor seinen Rivalen, doch wieder einmal stellte er die allgemein gültigen Weisheiten des Laufens, mit seiner Alles- oder-Nichts-Herangehensweise, auf den Kopf.
Bei Ultra-Marathons beenden die meisten Läufer, sogar die Sieger, das Rennen joggend, genießen den letzten Abschnitt, winken ihren Freunden zu, den Fans, und umarmen ihre Familie bevor sie die Ziellinie zusammen mit ihnen überqueren. Weswegen sich jetzt noch hetzen, nach so einem langen Rennen?
Doch da ist Zach im North Face 50, deutlich vor allen anderen, auf dem Weg zu einem eindrucksvollen Sieg, und er läuft immer noch, als ginge es um sein Leben. Die Arme pumpend, seine Atmung schwer. Und so überquert er auch die Ziellinie, bevor er seiner Freundin erschöpft in die Arme fällt.
Es ist diese Alles-oder-Nichts-Herangehensweise, die er zu den Rennen mitbringt, genau so, wie seine Siege, die Zach zu einer vielbewunderten Person in diesem Sport gemacht haben und ich erwarte, auf einen forschen, energiegeladenen Sportler mit dem Händedruck eines Supermans zu treffen. Jemanden, der nicht aufhören kann zu reden, und die ganze Zeit in Bewegung ist. Doch im Gegenteil, die Person vor mir hat eine langsame und gedehnte Sprechweise und erscheint eher schüchtern. Er sagt, er koche gerade Burritos und ob ich auch welche wolle.
Während er kocht, mache ich es mir an der Bar mit einer Tasse Tee bequem und er erzählt mir seine Geschichte, wie er überhaupt zu diesem verrückten Sport kam.
Nachdem er das College, an dem er Bahn- und Geländerennen lief, abgeschlossen hatte, nahm er einen Job bei einem Printshop auf einem großen Kreuzfahrtschiff, der Queen Mary II, an. Die meisten Läufer würden wohl bei so einem Job ihr Training aufgeben, doch Zach war nicht so leicht zu entmutigen.
„Als ich das Schiff verließ, wusste ich, wie es geht“, sagt er. „Ich könnte ein Buch darüber schreiben, wie man auf einem Kreuzfahrtschiff in Form bleibt.“
Immer wenn das Schiff im Hafen lag, ging er von Bord und lief. „Wir fuhren nach Chile oder Patagonien, und ich ging dort laufen. Egal, wo wir anlegten, ich sah mich immer gleich nach dem höchsten Punkt oder dem coolsten Berg in der Nähe um und versuchte bis hinauf und wieder zurück zu laufen, bevor das Schiff ablegte.“
„Manchmal musste ich richtig schnell sein, um es noch rechtzeitig zu schaffen. Wenn du nämlich dein Schiff verpasst, musst du alleine sehen, wie du in den nächsten Hafen kommst, und selbst dann war es nicht sicher, ob du deinen Job behältst.“ Zach verpasste sein Schiff niemals.
Auf hoher See lief er die Treppenhäuser der Crew auf und ab. „Nicht die schönen, sondern die, auf denen die Lieferungen rauf und runterbefördert wurden“, fügt er an. Nach etwa einer Stunde Treppen auf und ab, ging er in den Fitnessraum aufs Laufband.
„An meinem letzten Tag auf See lief ich 70 Minuten lang die Treppen rauf und runter und dann noch gut 30 km auf dem Laufband. Meine Kollegen dachten, ich wäre verrückt. Die gingen lieber an die Bar, tranken, guckten um die Ecke, und riefen mir dann betrunken zu aufzuhören.“
Während einer Pause vom Schiff beschloss er, seinen ersten Ultra-Marathon zu laufen, ein 50-Meilen-Rennen im Bundesstaat Maryland namens JFK50. Sein alter Highschool-Coach sagte ihm immer, er solle versuchen, eine lange Strecke zu laufen, er wäre bestimmt gut darin, doch Zach war sich immer unsicher.
„Meine Familie dachte, ich wäre verrückt, so eine lange Strecke zu laufen“, erinnert er sich schmunzelnd. Ich vermute 50 Meilen (80 km) sind heute keine wirklich lange Strecke mehr für ihn. „Meine Großmutter dachte, ich würde sterben oder so. Und ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich tat, und tauchte einfach zum Rennen auf, nur mit ein paar Wasserflaschen, die ich mir am Vortag im Laden gekauft hatte.“
Etwa zur Halbzeit des Rennens lag er zusammen mit einem anderen Läufer an der Spitze.
„Wir liefen Seite an Seite, also dachte ich mir irgendwann, dass ich ihn vielleicht fragen sollte, wer er war. Ich stellte mich vor: ‚Mein Name ist Zach, wie heißt du?‘ Er antwortete: ‚Rob.‘ Ich fragte: ‚Rob und weiter?‘ Er darauf: ‚Rob Krar.‘“
Rob Krar war einer der bekanntesten Namen im Ultra-Running zu dieser Zeit und hatte gerade den wichtigsten Ultra-Marathon in den USA, den Western States 100, gewonnen gehabt. Zach erzählt, dass er sich wie ein Idiot vorkam. „Weißt du, ich wusste damals nicht viel über Ultra-Running, aber ich wusste, wer Rob Krar war.“ Sie liefen dann zusammen bis etwa Kilometer 60, wo Zach begann sich abzusetzen.
„Als ich bei der nächsten Verpflegungsstation vor Rob eintraf, waren sie dort alle aus dem Häuschen. Jeder griff zum Telefon und versuchte herauszufinden wer ich war, doch es gab nicht wirklich etwas herauszufinden. Ich war ein College-Läufer, aber kein besonderer. Ich lief für ein College in der Dritten Division, brauchte 31:23 Min über 10 Kilometer, was eine recht durchschnittliche Zeit ist in der Weltelite. Also begannen sie meinen Freund zu fragen, was mein persönlicher Marathonrekord wäre? Und der erklärte ihnen, dass ich noch nie einen Marathon gelaufen war.“
Zach gewann mit der drittschnellsten Zeit, die je bei diesem Rennen gelaufen worden war und das beim ältesten Ultra-Rennen der USA. Sein Sieg verursachte ein Erdbeben in der gesamten Welt des Ultra-Sports und zog eine riesige Welle der Berichterstattung in den einschlägigen Fachmedien nach sich. „Zugegeben, es war doch recht schnell, vor allem da ich nicht einmal wusste, was ich da tat“, meint er weiter. Und so nahm ihn Nike unter Vertrag.
„Eigentlich sollte ich wieder aufs Schiff zurück, was ich auch tat, doch Nike kontaktierte mich und so unterschrieb ich den Vertrag mit ihnen, obwohl ich noch am Schiff arbeitete. Ich unterschrieb und sandte den Vertrag aus Bermuda oder so wieder retour. Die nächsten drei Monate arbeitete ich noch weiter am Schiff, dann ging ich endgültig von Bord.“
„Ich hatte immer davon geträumt, ein professioneller Läufer zu sein“, erzählt er. „Und dann wurde der Traum plötzlich wahr. Nur nicht ganz so, wie ich es mir gedacht hatte.“
Die Burritos sind fertig. Zach isst sie ohne Flade drumherum, also mache ich es ihm nach – nur ein großer Teller voll mit Reis, Bohnen und Gemüse – er gibt noch Mayonnaise und Senf über seines. Die Mahlzeit erinnert mich an die der kenianischen Marathonläufer, die Unmengen an Reis und Bohnen essen. Interessanterweise wurde Zach als Sohn von Missionaren in Nairobi, Kenia, geboren. Er lebte dort bis er etwa drei oder vier Jahre alt war, bevor die Familie nach Pennsylvania zog. Vielleicht hatte sich die Tatsache, dass er auf einer gewissen Höhe geboren wurde und eine Zeit lang dort als Baby lebte, auf ihn ausgewirkt und seine Lungen etwas größer und geeigneter für das Langstreckenlaufen gemacht. Vielleicht hatte er etwas von diesem magischen Ugali gegessen – einem Maisgericht, von dem die Kenianer behaupten, dass es ihnen dabei hilft, so schnell zu laufen.
Ich frage Zach nach seinen Sponsoren. Kurz bevor ich in den USA ankam, kündigte er seinen Wechsel von Nike zu North Face über die sozialen Medien an. Wie kam es dazu? Hat er eigentlich einen Agenten?
„Ja“, sagt er, fast schon zögerlich, als wolle er es gar nicht zugeben. „Das ist eine lustige Geschichte. Hättest du irgendjemandem vor fünf Jahren gesagt, dass du ein Trailrunner bist und einen Agenten hast, hätten sie dich ausgelacht.“ Doch der Sport wächst und damit auch die finanzielle Belohnung für all diejenigen, die wissen, wie man am besten daraus Kapital schlägt.
„Mein Agent meinte, dein Wert ist genau so hoch wie die Summe, die du einem Unternehmen einreden kannst, für dich zu zahlen. So läuft das. Bei anderen Jobs oder Sportarten kennst du normalerweise deinen Wert. Wenn du ein bestimmtes Turnier gewinnst oder so, dann hat das einen bestimmten Wert. Doch im Ultra-Sport gibt es keine allgemein gültigen Parameter, keine Liste in der steht, dass, weil du dieses oder jenes Rennen gewonnen hast, jemand dir diese oder jene Summe zahlen wird.“
Der Wert für einen Sponsor ist nicht so einfach zu definieren in diesem immer größer werdenden Sport, aber eine virale Sensation zu sein, die für ihren couragierten Laufstil bekannt ist, hilft sicherlich. Zach erzählt, dass er seit dem neuen Vertrag das erste Mal nicht einer regulären Arbeit nachgehen muss. Doch da er Barr Camp so sehr mag, bleibt er vorerst einmal hier als Hausmeister, für die nähere Zukunft. Das ganze Leben hier oben, so sagt er, ist ideal für einen Ultra-Läufer. Wenn er nicht gerade trainiert, schleppt er Holzstämme, hackt Feuerholz oder schaufelt Schnee.
„Ich verbringe hier oben eine Menge Zeit mit manueller Arbeit“, sagt er. „Ich liebe es. Das North-Face-50-Rennen im [viralen] Video, fand Ende Herbst statt und ich verbrachte fast den ganzen Herbst damit, Holz zu hacken und es zum Laden zu bringen. Da habe ich ziemlich viel Kraft aufgebaut.“

Der nächste Morgen bricht an und es ist sonnig und klar, kein Schneesturm in Sicht. Zach ist bereits früh auf den Beinen und bereitet uns eine herzhafte Haferflockenmixtur am Holzofen zu. Dazu schneidet er eine Banane in Stücke und fügt Datteln und Walnüsse hinzu, bevor er noch zwei große Esslöffel Erdnussbutter unterrührt. Es schmeckt wie Zement, aber ich bin sicher, dass es alles hat, was nötig ist, wenn man den ganzen Tag auf einem 4.000 Meter hohen Berg herumläuft.
Ich sitze gegenüber von Zach und habe fast schon die Hälfte meines Frühstücks geschafft, als sich die Türe öffnet und ein Mann Mitte Fünfzig mit rotem Gesicht in den Raum tritt. Er steht da und sieht uns grinsend an.
„Guten Morgen“, grüßt Zach nach einem kurzen Moment. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich kann nicht glauben, dass Sie es sind“, strahlt der Mann. „Mann, wegen Ihnen habe ich mit dem Laufen angefangen.“
Zach lächelt. „Sie sind aber schon sehr zeitig hier herauf“, sagt er.
„Ja“, antwortet der Mann. Die Ehrfurcht steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er so da steht und sich mit seinem Helden unterhält. „Als ich meiner Frau gesagt habe, dass ich hier heraufkommen würde – ich habe ihr gestern Nacht noch ein paar Videos auf YouTube gezeigt – hat sie nur die Augenbrauen hochgezogen.“ Er blickt zu mir herüber. „Meine Freunde lachen mich aus und sagen ich steh’ auf ihn. Aber die verstehen das nicht. Dieser Typ hat einfach von Natur aus etwas, was die Leute einfach anspricht. Er ist eine verdammte Inspiration.“
Zach lässt alles einmal langsam einsinken und stellt dem Mann dann Fragen über dessen Lauferfahrung, damit dieser wieder etwas herunterkommt. Doch der Mann lässt sich nicht beruhigen. Er zieht seine Handschuhe aus und geht im Zimmer auf und ab. Zach bringt ihm ein Glas Wasser.
„Wissen Sie, ich habe mit dem Trinken aufgehört. Ich rauche nicht. Also laufe ich. Es hört sich vielleicht etwas traurig an, aber ich sitze in der Nacht vorm Computer und sehe mir Filme von Rennen auf YouTube an. Und wissen Sie was, da ist irgendetwas, das anders ist bei ihm. Gleich vom Start weg legt er los und gibt einfach alles, keine Ausreden.“
Da blickt er plötzlich auf seine Uhr. „Ich muss wieder los“, sagt er. Er hatte seiner Frau versprochen, um acht Uhr wieder zurück zu sein. Und nach einem schnellen Selfie mit seinem Helden ist er auch schon weg. Zach beginnt die Teller abzuspülen.
„Passiert so etwas häufiger?“, frage ich ihn.
Zach gibt sich eher zurückhaltend, er schüttelt den Kopf und nickt irgendwie zugleich. „Ich weiß nicht. Manchmal kommt das schon vor.“
Als seine Schwester am gleichen Tag von einem Besuch zurückkehrt, erzählt sie mir, dass so etwas fast andauernd vorkommt.

Kurz nach dem Frühstück kommt Zach wieder aus seinem Schlafzimmer hervor, das eigentlich nur eine erhöhte Plattform über der Küche ist. Er trägt seine Laufshorts und eine Jacke. Die Sonne ist in der Zwischenzeit verschwunden und eine graue Kälte hat sich über die Berge gelegt. Der versprochene Schnee ist auf dem Weg. Zach trägt einen Buff auf seinem Kopf. Aber trotzdem kurze Hosen. Er schnürt seine Laufschuhe. Bevor ich kam, erwähnte er, dass ich mit ihm laufen gehen könnte, wenn ich will, doch vielleicht hat er ja nur einen Witz gemacht.
„Gehst du laufen?“, frage ich.
„Klar. Kommst du mit?“ Ich nicke. O. K., klar.
Zum Glück für mich kommt Zach gerade von einer Verletzung zurück. Er meint, es war nichts Tragisches, aber er hatte sich vor einiger Zeit den Rücken etwas verdreht, als er draußen am Weg ausrutschte, und er musste das Laufen für ein paar Wochen sein lassen. Nun fängt er erst wieder langsam an. Somit plant er nichts allzu Verrücktes. Ich sage, dass ich versuchen werde mit ihm mitzuhalten.
Fünf Minuten später sind wir startbereit. Wir laufen hinunter in Richtung der Kiefernwälder. Zach plaudert mühelos, während wir laufen, und da es bergab geht, folge ich ihm gemütlich und erblicke dabei immer wieder die umliegenden Berggipfel, die zwischen den Bäumen hindurchblitzen. Zach erzählt mir von einem jährlich abgehaltenen Marathon, der von Manitou Springs hinauf zum Gipfel des Pikes Peak führt und wieder hinunter. Es ist ein recht großes Rennen und zieht einige der weltbesten Bergläufer an.
So wie der Ultra-Lauf als Sport wächst, mit immer jüngeren und schnelleren Athleten, die damit beginnen, so werden auch die Streckenrekorde bei den meisten Rennen weltweit immer wieder gebrochen. Zeiten von denen einmal angenommen wurde, sie wären unschlagbar, werden nun von Läufern wie Kilian Jornet und Jim Walmsley pulverisiert. Doch der Pikes-Peak-Streckenrekord scheint eine seltene Ausnahme zu sein. Im Jahre 1993 benötigte Lokalmatador Matt Carpenter für die Bergstrecke 3 Stunden 16 Minuten. Das war damals bei seinem dritten von insgesamt 12 Siegen und ist noch immer Streckenrekord.
„Er ist der Bergkönig“, sagt Zach. Letztes Jahr lief der Weltmeister im Berglaufen, Joseph Gray, nur den Teil bis nach oben und kam so nahe wie noch nie jemand zuvor an die von Carpenter aufgestellte Bestzeit am Pikes Peak heran. Doch er war noch immer um vier Minuten langsamer. 2012 versuchte sich Jornet am Marathon, verfehlte Carpenters Bestmarke aber um fast 25 Minuten.
„Er [Carpenter] lebt jetzt unten in Manitou Springs und führt eine Eisdiele“, erzählt mir Zach. „Sie heißt Colorado Custard Company. Solltest du hingehen, er ist der kleine Typ hinter dem Tresen.“
Ich frage Zach, ob er ihn gelegentlich besucht. „Ah, ich weiß nicht so recht“, meint Zach, „ich will ihm nicht auf die Nerven gehen.“
Zach hat offenkundig gewaltigen Respekt vor Carpenter und ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen, wenn ich daran denke, dass einer der besten Bergläufer aller Zeiten – er hält auch den Streckenrekord beim berühmten Leadville 100 Ultra-Marathon – in einem kleinen Laden in Colorado Eiscreme verkauft.
Wir laufen noch immer gemütlich bergab durch den Wald. Je weiter wir hinunterkommen, desto mehr Sorgen mache ich mir. Das wird eine ziemliche Plackerei den ganzen Weg wieder hinaufzulaufen.
Und wie befürchtet ist Zach bereits beim ersten kleinen Anstieg weg. Oben wartet er dann auf mich, nicht mehr als 100 Meter voraus, doch als ich endlich bei ihm bin, fühlen sich meine Lungen an, als würden kleine Kinderhände sie langsam zerquetschen. Zach scheint mein Keuchen und Schnaufen nicht zu bemerken, denn er dreht sich um und läuft sofort weiter, als ich ihn erreiche. Schlussendlich, nach mehreren Malen warten und weiterlaufen, muss ich ihn ziehen lassen. Dabei waren wir erst ein paar Kilometer gelaufen.
„Lauf nur weiter“, sage ich. „Ich folge einfach dem Weg von hier wieder hinauf.“ Darüber erfreut wieder sein gewohntes Tempo laufen zu können, hat er nichts dagegen einzuwenden, und mit einem kurzen Kopfnicken ist er wieder zwischen den Bäumen verschwunden, während ich nun die letzten ein oder zwei Kilometer erleichtert zum Camp zurückgehe.

Später am Nachmittag schneit es dann. Große, schwere Schneeflocken, die draußen in einem stillen Sturm niedergehen. Während des gesamten Nachmittags geben sich in der Hütte schneebedeckte Wanderer die Klinke in die Hand. Es ist Samstag und auf dem Berg sind viele Leute unterwegs. Über den Tag hinweg kommen etwa 15 Wanderer zur Hütte. Die meisten planen die Nacht hier zu verbringen. Eine Gruppe Männer befindet sich gerade auf einem Junggesellenwochenende, doch sie schlafen sogar noch vor 21 Uhr ein.
Zwischen seinen Gängen mehr Feuerholz zu holen, habe ich Gelegenheit, weiter mit Zach zu sprechen. Trotz einer gewissen Scheu, so sagt er, ist er froh andere Menschen zu treffen und mit ihnen zu plaudern, wenn sie hierher kommen. „Ich bin eine komische Mischung aus introvertiert und extrovertiert“, meint er. „Was ich meine ist, ich kann schon viel reden, doch andererseits genieße ich es auch, hier alleine zu sein.“
„Die Leute denken, dass es einsam ist hier oben“, fährt er fort und legt ein paar Holzscheite nach, um das Feuer wieder anzuheizen. „Aber hier interagiere ich mehr mit anderen Menschen, als wenn ich in der Stadt bin. Dort kommen die Leute nicht so einfach durch deine Tür spaziert, so wie heute, wenn du in deinem eigenen Zuhause bist.“
Ich frage ihn, ob er eine Freundin hat und er lächelt mich schief an. „Ich bin Single“, sagt er. „Es ist nicht gerade einfach, sich zu verabreden und auszugehen, wenn man hier oben lebt.“
Eine Zeit lang ging Zach mit der Ultra-Läuferin Hillary Allen. Es waren ihre Arme, in die er am Ende des North-Face-50-Videos erschöpft fiel. Warum die Beziehung auseinanderbrach und ob es vielleicht etwas damit zu tun hatte, dass er hier fast 10 Kilometer den Berg hoch lebt, verrät er mir jedoch nicht.
„Bei meiner ersten Verabredung mit Hillary“, erzählt er, „war ich auf halbem Weg ins Tal, als ich auf eine Wanderin traf, die sich den Rücken verletzt hatte. Ich half ihr den Berg hinunter, kam aber dadurch viel zu spät zu unserer Verabredung. Ich hoffe, meine Entschuldigung hörte sich ein bisschen heldenhaft an, ich weiß nicht.“
Wenn Hillary ihn besuchen wollte, so musste sie immer die 10 Kilometer zum Barr Camp hochsteigen. „Glücklicherweise fange ich immer etwas mit Läuferinnen an“, sagt er. „Die anderen machen sich schon Sorgen um mich. Die sagen immer, ‚Mann, du bist Single, du lebst in einer Berghütte in den Wäldern.‘ Aber ich liebe es hier oben. Ich werde es schon alles einmal irgendwie hinkriegen.“
Es wird bereits dunkel und Zachs Schwester und Schwager haben inzwischen ein Pasta-Gericht für die Gäste zubereitet. Einige der Besucher haben sich dazu entschlossen, ihre Zelte draußen im Schnee aufzuschlagen und ihr eigenes Essen zu kochen, doch sie sind hereingekommen, um sich am Feuer aufzuwärmen. Sie sehen erfroren aus. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Versuch, draußen im Schneesturm zu kochen, von Erfolg gekrönt war. Als ich sie danach frage, lächeln sie mir nur gequält zu.
Punkt neun Uhr müssen alle wieder in ihre Zelte draußen oder in den Schlafraum. Da die Hütte auch die Wohnung von Zach und seiner Schwester ist, ist jetzt Feierabend. Nicht, dass sie viel damit anfangen, außer sich selbst schlafen zu legen. Zach geht noch einmal kurz nach draußen, um den Schnee zu checken, schon ganz aufgeregt, am nächsten Morgen im Schnee laufen zu gehen. Mein Bett ist am Boden gleich neben dem Holzofen, was gut ist, da es in dem unbeheizten Schlafraum, in dem die anderen Gäste schlafen, doch einige Grad unter null hat. Zach hat mir auch eine warme Jacke geliehen – eine seiner alten, nun etwas obsoleten, Nike-Jacken – sowie einen warmen Schlafsack. Der Winter ist wirklich eingezogen hier oben, so wie es das Schild am Weg, der hier heraufführt, vorausgesagt hat. Aber eingewickelt in meinem gemütlichen Bett, kuschele ich mich zusammen und schlafe schnell ein.

Als wir aufwachen, gibt es mehr als einen Meter Neuschnee. Zach ist schon ganz emsig und befestigt seine Sportschuhe an speziellen Schneelaufschuhen. Die sehen aus wie zwei kleine Skateboards ohne Räder und erlauben es ihm, auf dem Schnee zu laufen, ohne bei jedem Schritt hüfttief einzusinken. Er fragt mich, ob ich mich ihm wieder anschließen möchte, doch es war schon der Versuch, auf hartem Untergrund mit ihm mitzuhalten, schwierig genug. Im Schnee hätte ich gar keine Chance.
Zachs Schwager schlägt eine Wanderung entlang des Weges vor. Selbst gehen ist unter diesen Bedingungen schon schwierig genug, meint er. Er holt mir ein Paar normale Schneeschuhe.
So packe ich mich also warm ein und ziehe los, allein hinaus in die Stille des Waldes. Es ist mühsam voranzukommen, und ich schaffe etwa 3 Kilometer bis zur Baumgrenze, dort wo der Wald endet und das Hochgebirge beginnt, bevor ich beschließe wieder umzudrehen. Der Wald hat etwas Meditatives an sich, noch immer leichter Schneefall, jeder Schritt wie der davor. Es ist, als würde ich durch einen Traum gehen.
Als ich wieder zurück bin, ist Zach noch immer unterwegs. Er wird noch zwei weitere Stunden draußen sein. Es sieht ganz so aus, als hätte er gerade wieder mit dem ernsthaften Training begonnen. In ein paar Monaten möchte er noch einen Anlauf beim UTMB unternehmen. Noch nie hat ein Amerikaner den UTMB gewonnen, also ist es ein richtig großes Ziel, das er sich da gesetzt hat. Für den amerikanischen Ultra-Laufsport wäre dies von immenser Bedeutung. Zusätzliche Sponsorengelder, zweifellos, sowie der inoffizielle Titel des weltbesten Ultra-Trail-Läufers in den Bergen. Schwer sich vorzustellen, dass viele andere seiner Rivalen ihr Leben auch so stark auf das Training ausrichten wie er.
Er erzählt mir, dass er zu der Zeit, wo es im Camp viel zu tun gab, nicht zum Laufen kam und deshalb beschloss, bereits um zwei Uhr nachts zum Gipfel des Pikes Peak hinaufzulaufen. Er sagt, dass er es so genossen hat und in der nächsten Nacht gleich wieder loslief. Und in der nächsten.
„Am Ende bin ich sieben Nächte hintereinander hinauf zum Gipfel gelaufen“, fährt er fort. „Ich weiß nicht warum, es hat mir einfach Spaß gemacht.“
Bevor ich abreise und in die Zivilisation zurückkehre, frage ich Zach noch, was ihn dazu motiviert, zu laufen. Das kann eine schwierige Frage sein für einen Läufer. „Es kommt dem Fliegen am nächsten“, antwortet er. „Das stammt nicht von mir, sondern von jemand anderen. Aber mir gefällt dieser Satz. Ich liebe es, wie sich Laufen anfühlt.“
Doch das ist nicht das Einzige. Ich spüre etwas altruistischeres in Zach, so als ob sein Laufen nur Teil von etwas Größerem ist. „Nun gut“, sagt er. „Ich glaube, die Menschen identifizieren sich mit jemandem, bei dem sie sehen, dass er sein Bestes gibt, jemandem, der bereits erschöpft ist, aber immer noch versucht, das Letzte aus sich herauszuholen.“
Ultra-Running kann als Metapher für unser Leben dienen, mit seinem ganzen Auf und Ab, seinen schlechten und seinen guten Zeiten. Und wenn jemand gut darin ist und mit Herz läuft, ihm der Schweiß und die Anstrengung ins Gesicht geschrieben stehen, dann kann der Rest von uns damit etwas anfangen. Es bewegt etwas in uns.
„Es spricht wirklich viel dafür, alles im Leben zu geben“, meint Zach. „Es im Sport zu zeigen, ist wirklich cool, denke ich, denn die Menschen lassen sich inspirieren und egal, ob es sie dazu motiviert laufen zu gehen oder einfach besser in ihrem Job zu sein, es ist etwas typisch Menschliches, mit dem die Leute etwas anfangen können. Dein Bestes geben.“
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