Kitabı oku: «Ekiden»

Yazı tipi:

»Vor meiner Erleuchtung hackte ich Holz und trug Wasser. Nach meiner Erleuchtung hackte ich Holz und trug Wasser.«

Zen-Sprichwort

IMPRESSUM

Die englische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel

Adharanand Finn: The Way of the Runner: A Journey Into the Fabled World of Japanese Running

im Verlag Faber & Faber, Bloomsbury House,

74-77Great Russell Street, London WC1B 3DA

Alle Rechte vorbehalten

©Adharanand Finn, 2015

Deutsche Erstausgabe

1. Auflage 2021

© egoth verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,

nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.

ISBN: 978-3-903183-33-9

ISBN E-Book: 978-3-903183-89-6

Übersetzung aus dem Englischen: Alison Flint Steiner und Robert Steiner

Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad

Cover: DI (FH) Ing. Clemens Toscani

Grafische Gestaltung und Satz: DI (FH) Ing. Clemens Toscani

Umschlagillustration Rückseite: Shutterstock

Printed in the EU

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

ADHARANAND FINN

EKIDEN
DER
WEG
DES
LÄUFERS

EINE REISE IN DIE OBSESSIVE WELT DES JAPANISCHEN LAUFSPORTS

Aus dem Englischen von Alison Flint Steiner und Robert Steiner


Inhalt

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

DANKSAGUNG

DER AUTOR

PROLOG

Es ist Februar 2001. Ich stehe an einer Schulhofmauer in Hongo, einer Kleinstadt im Westen der japanischen Hauptinsel Honshu. Ich bin verkatert.

Am Vorabend hatte mich mein Bruder, der an dieser Schule als Lehrer arbeitet, vom Flughafen abgeholt, nachdem ich von London angekommen war, und mich direkt zu einem – wie er es nannte – Nacktfest mitgenommen. Das ganze Fest drehte sich nur darum, so viel Sake wie möglich zu trinken und nur mit einem Mawashi, einem Gürtel, wie ihn die Sumoringer tragen, bekleidet, mit etwa 200 gleichgesinnten Männern in der nächtlichen Kälte herumzustehen und zu versuchen, ein langes Stück Stoff zu erhaschen. Während wir alle darum kämpften, des Stoffes habhaft zu werden, schütteten Priester kaltes Wasser über uns. Dieses 200 Mann starke Gedränge tritt, zieht und drängt sich stundenlang in der Dunkelheit herum, bis einer der Recken dankenswerterweise das Stück Stoff triumphierend in die Luft hält und über eine Treppe in einem Schrein verschwindet.

Am nächsten Morgen erscheint ein Bild dieses Scharmützels in einer japanischen Tageszeitung, auf dem meine blasse Rückseite in der Mitte zu sehen ist. Ich weiß, dass ich es bin, denn in meinem recht angetrunkenen Zustand hatte ich jemanden gebeten, mir das Wort „Flash“ in großen Lettern auf den Rücken zu schreiben. Aus irgendeinem Grund hatte ich gedacht, ich wäre Flash Gordon. Ein Mann, der sich auf einem weit entfernten Planeten seinen Weg durch die Menge von Gegnern bahnt. Nach nicht einmal vier Stunden Schlaf ist mein Bruder schon wieder munter.

„Ich laufe einen Ekiden“, sagt er. „Willst du auch?“

Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ein Ekiden ist, doch Laufen ist im Moment das Letzte, an das ich an diesem Morgen denke. Ja, ich war einmal ein begeisterter Läufer, doch nach vielen Jahren hinter dem Schreibtisch eines Londoner Verlags bin ich verweichlicht und auch deutlich rundlicher als früher. Die Tage, an denen ich gerne lief, liegen hinter mir.

„Nein“, antworte ich und kratze mich im Nacken.

Stattdessen positioniert er mich vor seiner Schule, drückt mir einen Regenmantel in die Hand, der mich vor dem leichten Nieselregen schützen soll, und gesellt sich zu seinem Team. Wie sich herausstellt, ist ein Ekiden ein Langstreckenstaffellauf. Jede Stadt in Japan scheint so einen Ekiden zu veranstalten, und die Menschen beteiligen sich alle in irgendeiner Form daran. Wenn sie nicht selbst laufen, dann bieten sie sich als Streckenposten an oder kommen zumindest zum Wettkampf, um die Teilnehmer lautstark anzufeuern.

Ich stehe an der Mauer und nicke und verbeuge mich, während die Leute unter ihren Regenschirmen an mir vorbeigehen. Die Veranstalter und Offiziellen tragen passende gelbe Regenmäntel. Im Schulhof hinter mir versammeln sich alle. Durch das Gittertor beobachte ich, wie die Athleten in ihren Shorts und Sporttrikots auf dem nassen Schotter den Hof hinauf- und hinuntersprinten und sich auf das Rennen vorbereiten. Viele von ihnen scheinen Schüler der Mittelschule zu sein, doch es nehmen auch Männer und Frauen aller Altersklassen daran teil. Dann stellen sie sich auf, und als der Startschuss ertönt, ergießen sie sich wie ein Fluss aus dem Schulhof auf die Straßen der Stadt.

Langsam dringt der Regen durch meine dünnen Schuhe, und meine Füße werden ganz kalt, während ich auf der leeren Straße warte. Die Startläufer tragen ein Band, genannt Tasuki, das sie im Laufe des Rennens an ihre Teamkameraden weitergeben müssen, ähnlich dem Stab bei Staffelläufen in der Leichtathletik. Irgendwann sollte das Feld wieder an mir vorbeikommen, darunter auch mein Bruder.

Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit damit, auf und ab zu marschieren, um mich warmzuhalten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein älteres Ehepaar unter zwei zusammenpassenden Regenschirmen und blickt gelegentlich die Straße hinauf. Es dauert fast eine Stunde, bis die Läufer auftauchen. Sie bewegen sich die Straße entlang, angefeuert von den Menschen am Straßenrand. Als mein Bruder dann auftaucht, überragt er mit seinen gut 1,92 Metern alle um ihn herum. Sein Gesicht ist rot, und der Regen läuft ihm in die Augen, doch er grinst mich an, als er an mir vorbeigaloppiert.

„Weiter so, Vinny“, rufe ich und wünsche mir plötzlich, selbst mitzulaufen. Es sieht so aus, als würde es Spaß machen. Zumindest mehr Spaß, als hier mit meinen kalten Händen, die ich in die Achselhöhlen gepackt habe, herumzustehen. Ich verspüre dieses Verlangen, meine Jacke wegzuwerfen und einfach loszulaufen. Es ist ein Gefühl, das ich oft habe, wenn ich bei einem Rennen zusehe und nicht selbst mitlaufe. Dann frage ich mich immer, warum ich eigentlich nicht selbst laufe. Dieser Wettkampf hier ist eine so freundliche, gemeinschaftliche Veranstaltung, an der sich die ganze Stadt beteiligt, dass ich mich irgendwie ausgeschlossen fühle, während ich nur so an der Mauer lehne.

Erst viele Jahre später soll ich erneut die Chance bekommen, einem Team beizutreten und bei einem Ekiden in Japan mitzumachen. Doch da bin ich vorbereitet, gut 13 Kilo leichter und ganz erpicht darauf, loszulaufen.

1

Ich betrete das an der Themse liegende Tower Hotel in London durch eine Drehtür. Es ist ein warmer Morgen im April 2013, nur wenige Tage vor dem London Marathon. Meine Beine fühlen sich frisch an. Ich bin bereit für das Rennen und kann die leicht knisternde Atmosphäre im Hotel der Eliteathleten bereits spüren.

Gleich beim Eingang, neben einer geschwungenen Marmortreppe, steht eine Gruppe von Leuten, tief ins Gespräch vertieft. Eine Person erkenne ich. Es ist Steve Cram, mein Laufidol aus Kindheitstagen. Er ist nun natürlich deutlich älter, seine Haare sind kürzer und glatter als zu seiner Glanzzeit, doch es ist derselbe Mann, dem ich vor so vielen Jahren im Fernsehen dabei zusah, wie er auf der Jagd nach neuen Weltrekorden in seinem gelben Trikot auf der Laufbahn dahinflog. Ich gehe weiter in die Lobby.

Als ich so dastehe, spazieren mehrere Läuferinnen und Läufer an mir vorbei. Unter anderem zwei Kenianerinnen in übergroßen Anoraks. Ihre streichholzdünnen Beine sehen aus, als würden sie unter dem Gewicht der Anoraks nachgeben. Sie sprechen so leise miteinander, dass man sie fast nicht hören kann. An der Rezeption unterhalten sich gerade zwei Holländer laut lachend mit einem Mann mit Sonnenbrillen und Kapuze über dem Kopf. Erst als ich seine Stimme höre, erkenne ich, dass es sich um Mo Farah handelt.

Es hat sich einiges verändert, seit ich vor zwölf Jahren verkatert an der Schulhofmauer in Japan stand. Irgendwann hatte ich wieder mit dem Laufen begonnen. Behutsam zuerst. Meinen ersten 10K lief ich dann in 47 Minuten. Für die nächsten beiden Jahre war das auch meine Bestmarke. Doch Schritt für Schritt ging ich mit mehr Ernst an die Sache heran, wurde Mitglied in einem Laufverein und ging auf immer längere Läufe. Dann übersiedelte ich kurzerhand nach Kenia, um dort zusammen mit den großen Läufern der Kalenjin im Rift Valley zu trainieren. Der Grund dafür war einerseits, meinen eigenen Laufstil zu verbessern, doch vielmehr war es die Mission, das Geheimnis rund um diese großartigen Langstreckenläufer zu enträtseln und zu verstehen. Ich wollte herausfinden, wer sie waren, was sie taten und was sie bewegte. Als ich wieder zurück nach England kam, schrieb ich das Buch Im Land des Laufens: Meine Zeit in Kenia.

In ein paar Tagen würde es wieder zum großen Duell zwischen einer Gruppe Kenianern und Äthiopiern kommen, die beide einen der renommiertesten Stadtmarathons der Welt für sich entscheiden wollten. Ich würde auch mitlaufen, irgendwo in der Masse der schwitzenden Menschen, die sich in einem ewig langen Schlauch hinter ihnen entlangziehen würden. Ich hoffte darauf, meine bisherige Bestzeit von 2:50 Stunden zu unterbieten. Dafür hatte ich hart trainiert, meine Ernährung umgestellt und mir die richtige Ausrüstung besorgt. Doch während ich heute in der Lobby des Tower Hotels stehe, interessiere ich mich weder für mich noch für die Kenianer. Heute halte ich Ausschau nach den Japanern.


Etwas passiert gerade in Japan. Für Außenstehende ist es leicht zu übersehen. Fast jedes große Straßenrennen der Welt wird von einer endlos scheinenden Abfolge von superschnellen Kenianern oder Äthiopiern gewonnen. Niemand anderer scheint eine Chance zu haben.

Doch auf einer kleinen Inselgruppe in Ostasien ergeben sie sich zumindest nicht kampflos. 2013, in dem Jahr, in dem diese Geschichte spielt, kamen nur sechs der 100 schnellsten Marathonläufer nicht aus Afrika. Fünf dieser sechs stammten aus Japan.1

Bei den Frauen kamen 2013 elf der Top-100-Marathonläuferinnen aus Japan. Und wieder war es deutlich die dritthöchste Zahl hinter Kenia und Äthiopien.

Im gleichen Jahr, ein Jahr nach den Olympischen Spielen 2012 in London, hatte es kein einziger britischer Läufer geschafft, einen Marathon in unter 2:15 Stunden zu beenden. In den Vereinigten Staaten blieben zwölf Athleten unter dieser Zeit. Doch in Japan, einem Land, das weniger als halb so viele Einwohner wie die USA hat, lag die Zahl viermal höher. Dort hatten 52 japanische Männer einen Marathon in unter 2:15 absolviert.

Im Halbmarathon ist Japan sogar noch stärker. Bei einem Halbmarathon in Ageo, einer Kleinstadt nördlich von Tokio, versammelten sich am Morgen des 17. November 2013 Hunderte Studenten in der Hoffnung, ihre Trainer vor dem wichtigen Hakone Ekiden im kommenden Jänner zu beeindrucken. Obwohl Ageo eines der wichtigsten Ausscheidungsrennen für Teams ist, blieben viele der besten Universitätsläufer sowie beinahe alle der Hunderten professionellen japanischen Straßenläufer dem Rennen fern. Sieht man sich aber die etwas unscharfen YouTube-Videos2 vom Ende des Rennens an, so entdeckt man etwas ganz Besonderes.

Der Gewinner, der sich um eine Nasenlänge in einem Sprintfinish gegen vier andere Athleten durchsetzt, überquert die Ziellinie in 62:36 Minuten. Das ist ziemlich schnell, doch das eigentlich Interessante passiert erst danach. Wenn man sich eines der Spitzenrennen irgendwo auf der Welt ansieht, kommen die ersten paar Läufer mit einem recht großen Vorsprung ins Ziel. Oft ist der Vorsprung so gewaltig, dass sie sogar Zeit haben, sich umzuziehen, Interviews zu geben, etwas zu trinken und ein kurzes Warm-down zu machen, bevor die nächsten Läufer im Ziel eintrudeln. Hier ist das genaue Gegenteil der Fall. Die Läufer kommen unentwegt, einer nach dem anderen, ins Ziel. Sie kommen hintereinander, in großen Gruppen, drehen sich um und verbeugen sich vor der Strecke, einige fallen vor Erschöpfung auf die Knie. Alle blicken sofort auf ihre Uhren. Und sie alle laufen, so schnell sie können.

Am Ende kamen an jenem Morgen 18 Läufer in unter 63 Minuten ins Ziel. Und das in einem einzigen Rennen. Nur ein einziger britischer Läufer hatte es 2013 geschafft, einen Halbmarathon so schnell zu laufen. Nur 21 US-Athleten schafften dies in jenem Jahr.

Der Student, der abgeschlagen als Hundertster das Ziel in Ageo erreichte, hatte noch immer eine Zeit von 64:49 Minuten. 2013 wäre er damit an der achten Stelle in ganz Großbritannien gelegen. In vielen anderen Ländern Europas wäre er damit nationaler Rekordhalter gewesen. Das ist ein Beweis für einen unglaublich großen Pool an Talenten im Laufsport.

Also, irgendetwas geht in Japan vor sich. Meine Mission ist es, herauszufinden, was das ist. Nicht nur der Autor in mir ist neugierig, auch der Läufer. Nach meinen sechs Monaten in Kenia kam ich zurück nach England und brach alle meine persönlichen Bestzeiten, vom 5K bis hin zum Marathon. Sechs Monate lang befand ich mich auf einem langen, unterhaltsamen Höhenflug und schaffte zehn persönliche Rekorde hintereinander.

Doch in den letzten beiden Jahren wurde ich nicht mehr schneller. Jetzt bin ich beinahe 40 und frage mich, ob es das gewesen sein soll. Habe ich meinen Zenit überschritten? Ist es nun an der Zeit, diesen Nervenkitzel, meine persönlichen Bestzeiten zu jagen, diesen Kick, meine Grenzen zu überschreiten, aufzugeben und mich stattdessen auf eine ruhigere Reise, bei der ich mich einfach nur am Laufen erfreue, zu begeben? Irgendwie freue ich mich auf diese Tage, wenn das Laufen mehr zum Hobby wird, weniger verkrampft und obsessiv, wenn es Spaß macht, mein Herz klopfen zu hören, und ich mich an der kühlen, frischen Luft in meinem Gesicht erfreuen kann, ohne mich um Trainingspläne, Tapering und Stoppuhren zu sorgen.

Doch dieses ehrgeizige Monster in mir will noch ein letztes großes Hurra. 2:55 Stunden können doch sicher nicht meine letzte Marathonzeit sein, oder? 78 Minuten für einen Halbmarathon? Ja, das ist schon okay, doch ich bin sicher, dass ich schneller sein kann. Ich habe viel gelernt in Kenia, doch vielleicht werde ich in Japan neue Dinge lernen. Vielleicht kann ich etwas von diesem Schwarm talentierter Halbmarathonläufer aus diesem verschwommenen YouTube-Clip lernen, etwas, das mich noch diesen einen Schritt weiterbringt. Meine Reise, um dies herauszufinden, nimmt ihren Anfang hier, im Tower Hotel in London.


Ein Mann kommt auf mich zu. Seine weißen Zähne strahlen durch die ganze Lobby. Es ist Brendan Reilly. Alle, mit denen ich über den Laufsport in Japan gesprochen habe, erwähnten seinen Namen. Er scheint Dreh- und Angelpunkt für alles zu sein, das Tor zwischen der abgeschotteten Laufszene Japans und dem Rest der Welt. Reilly hatte ein Treffen mit mir und dem renommierten japanischen Lauftrainer, Tadasu Kawano, organisiert. Kawano trainiert das Otsuka Pharmaceutical Ekiden-Team, das in Tokushima auf der Insel Shikoku beheimatet ist. Zwei seiner Athleten würden in ein paar Tagen den London Marathon laufen.

„Hallo! Wie geht’s?“, sagt Reilly und gibt mir einen kräftigen, amerikanischen Händedruck.

Dann bringt er mich zu einem Tisch im Hotelcafé, und wir setzen uns. Kawano ist bereits da und wartet. Er ist schon etwas älter. Sein Oberkörper ist leicht zur Seite geneigt, und er sieht müde aus. Als ich mich setze, nickt er mir zur Begrüßung zu.

„Hajimemashite“, sage ich in meinem besten Japanisch. Es freut mich, Sie kennenzulernen.

„Ah, hajimemashite“, antwortet er, so als ob das Ganze ein Spiel wäre. Das war es dann aber auch schon mit meinen Japanisch-Kenntnissen, und wir wechseln wieder zu Englisch, wobei Reilly als Dolmetscher fungiert.

„Ich würde gerne bei einem Ekiden-Team mitmachen. Können Sie mir dabei helfen?“, frage ich.

Japan ist das einzige Land, das Langstreckenläufern einen Gehalt bietet, wenn sie bei einem Team sind. Große Firmen wie Honda, Konica, Minolta und Toyota unterhalten Teams mit professionellen Straßenläufern, die miteinander leben und trainieren und gemeinsam Ekiden-Rennen bestreiten. Mein Plan ist es, bei einem solchen Team einzusteigen. Natürlich nicht als Läufer für Wettkämpfe, dafür wäre ich zu langsam, nein, ich will mich in so ein Team einleben, wie ein Kriegsberichterstatter, der mit der Truppe lebt und mit ihr unterwegs ist. Das scheint mir ein guter Weg zu sein, um nahe genug an die Athleten heranzukommen, zu verstehen, wie alles abläuft, und den Geheimnissen des japanischen Laufsports auf die Schliche zu kommen. Doch ein Team zu finden, das mich aufnimmt, entpuppt sich als schwieriger, als ich gedacht hatte.

Ich hatte gelesen, dass diese Konzernläufer umjubelte Sportstars in Japan sind. Tatsächlich erkannte ich das erste Mal, welchen Stellenwert das Laufen in Japan hat, nachdem ich in den USA einen Artikel Reillys im Running Times Magazine gelesen hatte.

Dort schrieb er: „Wenn Sie in den meisten Städten Japans mit einem Taxifahrer oder einem Sushikoch plaudern, werden Sie bemerken, dass Yuko Arimori, Naoko Takahashi und Mizuki Noguchi nationale Ikonen sind, selbst für diejenigen, die mit Laufen nicht viel am Hut haben. Und die Angestellten der Firmensponsoren von Langstreckenteams sind genauso leidenschaftlich wie Fußballanhänger. Die Zuschauerränge bei den landesweiten Ekiden-Meisterschaften sind ein bunter Regenbogen aus Konzernlogos und -farben, wobei die Angestellten – in den Farben ihres jeweiligen Unternehmens – ihre Läufer lautstark unterstützen.“

Dann fährt er fort: „Die Einschaltquoten bei Liveübertragungen von Ekiden-Events in Japan, die mit genauso vielen Expertenanalysen und technischen Mitteln wie bei der NFL in den USA ausgestrahlt werden, erreichen schwindelerregende Höhen. Während die Quoten für Übertragungen von Marathonrennen in den USA selten einmal die Ein-Prozent-Marke überschreiten, wäre eine TV-Quote von zehn Prozent in Japan für einen Ekiden oder einen Marathon eine herbe Enttäuschung; einige Athleten und Events bringen es sogar auf Super-Bowl-ähnliche Marktanteile von 40 Prozent und mehr.“

Eines dieser Ekiden-Werkteams ist Otsuka Pharmaceuticals, und ich sitze gerade dem Trainer persönlich gegenüber. Ich hege die Hoffnung, dass er mich einlädt, nach Japan zu kommen, und mich in sein Team aufnimmt. Er nickt, als ich ihn danach frage, doch es ist kein Kopfnicken, das mich dazu veranlassen würde, seine Hand zu schütteln und meine Ankunft in Japan mit ihm zu besprechen. Es ist mehr ein Nicken, bei dem man sich nicht festlegt, ein Nicken, das sagt, lass uns erst einmal sehen, wie es aussieht. Er sagt, er kenne Leute, die mir bei meinen Recherchen helfen können. Auch Reilly kennt einige Leute. Ich stehe schon seit Monaten deswegen in E-Mail-Kontakt mit ihm. Er sagt immer wieder, dass es kein Problem sei, etwas zu arrangieren, und es nur davon abhänge, das richtige Team auszusuchen. Doch die Ekiden-Saison ist nicht mehr weit, und bis jetzt hat sich noch nichts Konkretes ergeben.

Schließlich verlasse ich Reilly und Kawano mit kaum mehr als zwei weiteren Visitenkarten in meiner Sammlung. Anstatt nach Hause zu fahren, entscheide ich mich, noch ein wenig Zeit in der Hotellobby zu verbringen, um die Atmosphäre vor dem Rennen zu schnuppern. Auf einer niedrigen Wand, neben mehreren Pflanzentöpfen, sitzt still ein anderer Japaner. Er checkt gerade sein Handy, doch ich bemerke, wie er mir gelegentlich einen Blick zuwirft. Also gehe ich hinüber und spreche ihn an.

„Hallo“, sagt er, als er aufsteht. „Ich habe gesehen, wie Sie mit Herrn Kawano gesprochen haben.“

Zu meiner Überraschung spricht er gut Englisch. Ich erzähle ihm von meinem Plan, für sechs Monate nach Japan zu reisen und eine Ekiden-Saison mitzuerleben. Er nickt verständnisvoll, als ich ihm sage, dass ich mit einem professionellen Team leben wolle. Als ich dann meine, dass ich auch mit ihnen trainieren will, beginnt er laut aufzulachen.

„Nein, keine Chance“, sagt er beinahe herablassend, so, als ob das eine ganz dumme Idee wäre.

Also erkläre ich ihm, dass ich schon mit den berühmten kenianischen Läufern aus dem Rift Valley gelaufen bin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es mit japanischen Läufern aufnehmen könnte. Doch er lächelt nur.

„Nein, nein“, sagt er.

Obwohl er darauf beharrt, dass ein wichtiger Teil meines Vorhabens nicht durchführbar wäre, bietet er mir seine Hilfe an. Er erzählt mir, dass er gute Verbindungen in der japanischen Laufszene habe und ich ihn anrufen könne, wenn ich nicht mehr weiterkomme. Er gibt mir seine Karte. Sein Name ist Herr Ogushi.


In den folgenden Monaten versucht Reilly vergeblich, ein Team für mich zu finden, bei dem ich mitmachen könnte. Obwohl er alle seine Kontakte spielen hat lassen, bekomme ich Ende Juni eine E-Mail von ihm, in der er mir erklärt, dass er es aufgegeben habe, weiter nach einem Team zu suchen.

Darin heißt es: „Obwohl ein Großteil der Trainer der Meinung ist, dass es eine tolle Idee für eine Geschichte wäre, kann sich keiner so wirklich dafür begeistern, dich ins Team zu holen oder dich regelmäßig am Training teilnehmen zu lassen. Keiner ist wirklich gewillt, eine verbindliche Zusage zu machen, dass du längere Zeit mit einem Team verbringen kannst. Japan kann manchmal eine frustrierend geschlossene Gesellschaft sein, und leider ist dies hier wieder einmal so ein Fall.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings bereits mein Haus zur Vermietung freigegeben, mein Arbeitgeber hatte mir sechs Monate Urlaub gewährt, um meine Recherchen fertigzustellen, und die Schule meiner Kinder hatte ebenfalls bereits Vorkehrungen getroffen, um sie vom Unterricht zu befreien, damit sie mitkommen könnten. Die Ekiden-Saison beginnt im September, der nur mehr wenige Monate entfernt ist, und endet im Februar. Wenn ich also eine Saison miterleben will, dann müssen wir bald aufbrechen. Und so kommt es, dass wir uns an einem sonnigen Morgen im Juli ohne weitere Vorbereitungen nach Japan aufmachen … mit dem Zug.

1 Ich habe den 75-schnellsten Marathonläufer, Abraham Kiprotich, der für Frankreich startet, ausgelassen, da er in Kenia geboren wurde und dort aufwuchs und das Laufen erlernte. Erst nachdem er in der französischen Fremdenlegion diente, wurde er französischer Staatsbürger. Ebenso stammt die Nummer 87, der für Katar startende Nicholas Kemboi, aus Kenia und wuchs dort auf.

2 Siehe http://youtu.be/5THRBUH0MdY

2

Der Gorki-Park in Moskau ist eine Promenade für herumstolzierende Männer und Frauen. Wir warten in einer Menschenschlange vor einem Fahrradverleih. Die starke Augustsonne röstet langsam meinen Nacken. Ich habe vergessen, Sonnencreme aufzutragen, und habe auch keine Kopfbedeckung dabei. Trotzdem will ich meinen Platz in der Schlange nicht aufgeben, immerhin stehe ich hier schon seit gut 40 Minuten. Meine Kinder hängen an meinen Beinen.

Auf der anderen Seite der Moskwa finden die Weltmeisterschaften im Marathonlauf statt. Ich möchte zusehen, doch ich habe meinen Kindern versprochen, dass ich ihnen erst Fahrräder miete. Endlich sind wir an der Reihe. Ein Schild in englischer Sprache weist darauf hin, dass Ausländer ihren Pass vorweisen müssen, und so lege ich dem Mann an der Kasse unsere Pässe vor. Ohne mich auch nur anzublicken, schüttelt er seinen Kopf und wendet sich den Wartenden hinter mir zu.

„Pässe“, sage ich. Vielleicht hat er sie ja nicht gesehen. Ich halte sie vor seine Nase, so, dass er sie sehen muss.

„Keine Ausländer“, sagt der Mann und bedient einen Kunden hinter uns.

Ich spüre eine gewisse, beinahe aggressive Frustration in mir aufsteigen. Keine Ausländer? Überall stehen diese Schilder, auf denen in Englisch geschrieben steht: „Willkommen beim Gorki-Park Fahrradverleih“ etc., etc. Wer stellt diese Schilder denn auf? Ich stehe hier schon seit einer Stunde mit drei kleinen Kindern bei brütender Hitze in der Schlange. Und ich verpasse den Marathon.

„Neue Regeln“, sagt er und blickt mich mit zugekniffenen Augen an, als wäre er überrascht darüber, dass ich noch immer hier bin.

Also gehen wir, enttäuscht und fluchend.

„Was ist denn los?“, fragen mich meine Kinder, verwirrt darüber, dass wir ohne Fahrräder abziehen. „Warum bekommen wir keine Fahrräder?“


Ich überlasse die Kinder meiner Frau Marietta, die ihnen ein Eis kauft, während ich mir meinen Weg durch die Massen in Richtung Marathon bahne. Wenn ich mich beeile, sehe ich die Führenden wenigstens noch kurz, wenn sie zum letzten Mal an dieser Stelle vorbeilaufen. Um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen, muss ich über eine Fußgängerbrücke. Ich laufe die Stiegen hinauf. Meine Kamera baumelt an meinem Hals, und mein Hemd ist durchgeschwitzt. Es hat 27 Grad. Ich weiß nicht, wie die es schaffen, einen Marathon bei diesen Temperaturen zu laufen.

Die Brücke ist voller Menschen, die in Richtung Park wollen. Überall sehe ich lange, nackte Beine. Unten am Flussufer liegt eine Frau oben ohne vor einer Bar und sonnt sich. Die Luft ist mit einer fast schon bedrohlich wirkenden Mixtur aus Reichtum und Anarchie schwanger. Hier trifft Sex in the City auf Mad Max. Oben auf der Brücke spazieren zwei Frauen lässig auf den riesigen gebogenen Stahlträgern, die die Brücke halten. Doch keiner scheint sie zu beachten, fast so, als ob dies ganz alltäglich wäre. Am höchsten Punkt des Stahlbogens setzen sie sich hin und genießen die Aussicht, während sich ihre langen Kleider wie Segel in der leichten Brise aufblasen.

Ich lasse das Gedränge hinter mir und steige eine Stahltreppe hinunter auf Straßenniveau. Die Straße ist abgesperrt und hier, auf dieser Seite des Flusses, ist alles ruhig. Aus ein paar dünnen Rohren wird Wasser auf den leeren Asphalt gesprüht, während eine Handvoll Leute geduldig an der Brüstung im Schatten der Brücke lehnen.

In einem kleinen Pavillon sitzen zwei Fernsehtechniker vor einem Pult mit elektronischen Geräten und einem Bildschirm. Auf dem Monitor ist eine kleine Gruppe Läuferinnen zu sehen. Eine Italienerin liegt in Führung. Dicht hinter ihr die üblichen Verdächtigen: eine Kenianerin, eine Äthiopierin und zwei japanische Athletinnen.

Ich behalte den Bildschirm im Auge und wünschte mir, dass ich etwas zu trinken dabeihätte. Währenddessen höre ich in der Ferne einen Helikopter. Das muss der Helikopter sein, der die Läuferinnen aus der Luft beobachtet. Von der anderen Seite des Flusses dringt der ausgelassene Lärm des Parks herüber.

Plötzlich stehen zwei Japanerinnen neben mir, so, als hätten sie sich gerade materialisiert. Beide tragen Jogginganzüge in den Nationalfarben Japans und unterhalten sich angeregt, während sie immer wieder gespannt die Straße in Richtung Helikopter hinaufblicken. Auf der anderen Seite der Straße beobachte ich, wie einige Leute eine japanische Flagge über die Absperrung hängen. Kaum sind die Läuferinnen in Sichtweite, beginnen sie mit ihren hohen Stimmen zu jubeln. Die beiden japanischen Frauen neben mir springen auf und ab und feuern ihre Teamkameradinnen an, als die fünf Führenden vorbeilaufen.

„Gambare, gambare“, rufen sie, bevor sie davonrauschen, wahrscheinlich, um noch einen weiteren Blick an einer anderen Stelle der Strecke auf die Athletinnen zu erhaschen.


Es war übrigens meine Frau, die die Idee hatte, auf dem Landweg nach Japan zu reisen. Nachdem ich meine Familie für sechs Monate nach Kenia mitgenommen hatte, wurde ich mit Kommentaren überflutet, in denen immer wieder gesagt wurde, wie geduldig und verständnisvoll Marietta sein müsse. Die Leute scherzten oft, dass, wenn sie ihren Partnern so etwas vorschlagen würden, sie sich gleich auf eine Scheidung gefasst machen könnten. Was diese Leute allerdings nicht wussten, war, dass Marietta eine geborene Abenteurerin ist und ganz entzückt darüber war, nach Kenia zu ziehen.

Japan hatte anfangs jedoch nicht die gleiche Anziehungskraft auf sie. Vielleicht weil es nicht exotisch genug ist. Erst als sie die Idee hatte, über Land zu reisen, entwickelte sie richtige Begeisterung für das Projekt.

„Fliegen ist irgendwie komisch“, sagte sie. „Du wirst an einer Stelle in die Luft gehoben und an einem vollkommenen anderen Ort auf der Erde und in einer anderen Zeitzone abgesetzt. Das ist ein Schock für dein System. Und du erfährst nichts über die Zeit und den Raum, die Welt, die dazwischen liegt.“

Ihrer Ansicht nach fühlt es sich natürlicher an, die Welt über Land zu bereisen. Außerdem lieben die Kinder Züge. Es würde Spaß machen. „Denk nur an all die Orte, die wir am Weg besuchen werden.“

Ich blickte sie nervös an. Ich wünschte, ich wäre auch so begeistert davon gewesen, zusammen mit drei kleinen Kindern mehr als 14.000 Kilometer auf dem Landweg zu reisen, doch allein der Gedanke daran erfüllte mich mit Panik.


So bestieg ich an einem Montag Ende Juli mit feuchten Händen den Zug um 9:06 an der Tiverton Parkway Station in Devon und machte mich auf nach Kyoto, Japan.

Unsere Route führte nördlich der Ostsee durch Dänemark, Schweden und Finnland. Mit Kindern durch Skandinavien zu reisen, war eine wahre Freude. Als wir in Finnland den Zug von Turku nach Helsinki erwischen wollten, bemerkte die Dame am Ticketschalter, dass wir Kinder dabeihatten.

„Wollen Sie in der Nähe des Spielwaggons sitzen?“, fragte sie. Dort gab es eine Rutsche und eine Spielzeugeisenbahn, in der Kinder sitzen können, sowie eine Bücherecke. Die Zeit verging wie im Flug.

Das alles änderte sich schlagartig, als wir Russland erreichten. Kaum waren wir in Moskau angekommen, sah mich meine jüngste Tochter Uma an und sagte: „Paps, in Finnland hat es mir besser gefallen.“

Dabei hatten wir noch nicht einmal den Bahnhof verlassen. Ich wollte kein vorschnelles Urteil abgeben, aber ich wusste, was sie damit meinte.

Diese Vorahnung sollte sich in den nächsten Wochen bestätigen. Freundliches Service scheint in Russland ein Fremdwort zu sein. Die meisten Kellner und Bediensteten in Kaffeehäusern, Zügen oder an anderen Orten sind anscheinend der Ansicht, dass Gäste oder Kunden ignoriert und mit einem gleichgültigen Achselzucken bedacht gehören, sollten sie sich weiter dem Aberglauben hingeben, bedient zu werden.

Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir just zur Zeit der Leichtathletikweltmeisterschaften in Moskau ankommen. Doch die Veranstaltung scheint am Großteil der Einwohner vorüberzugehen, auch wenn ich an der einen oder anderen Bushaltestelle ein paar wenige Poster, auf denen Usain Bolt zu sehen ist, erspähe. Wie sich herausstellt, ist Bolt, genauso wie Uma, auch nicht besonders begeistert von der Stadt. In einem Interview meint er: „Die Russen lachen nicht gerade viel.“

Nach dem Marathon der Frauen – bei dem die beiden Japanerinnen am Ende den dritten und vierten Platz belegen – geselle ich mich wieder zu meiner Familie im Gorki-Park. Die Sonne brennt nun nicht mehr ganz so schlimm herunter, und ich finde Marietta und die Kinder auf einem staubigen Spielplatz. Zu ihrem Glück habe ich bereits ein weiteres Highlight eingeplant – einen Abend im Luschniki-Olympiastadion, um bei den Leichtathletikbewerben zuzusehen.

Das Stadion ist halb leer, trotz der Tatsache, dass Usain Bolt in den 100-Meter-Läufen startet. Wir finden uns umgeben von fahnenschwingenden Briten aus Basingstoke und Cheltenham. Irgendwie hat es etwas Beruhigendes an sich, zu hören, wie sich andere in einem vertrauten Dialekt über den russischen Service beschweren.

Vor uns sitzt ein älteres russisches Ehepaar, das aufgrund des Heus, das noch unter ihren Hemden hervorschaut, so aussieht, als käme es aus einem entlegenen Dorf. Das ist eines der Dinge, die ich an der Leichtathletik liebe – dass sie Leute wie diese anzieht. Trotz dem übertriebenen Rummel rund um die Sprinterstars ist die Leichtathletik im Kern doch noch etwas altmodisch geblieben.

Heute Abend findet das 10.000-Meter-Finale der Herren statt. Ich bin genauso aufgeregt wie alle anderen, den britischen Champion Mo Farah gegen die besten Kenianer und Äthiopier laufen zu sehen. Das Starterfeld wird dann noch von den restlichen Europäern und ein paar Japanern komplettiert. Trotz ihrer Stärke bei Straßenrennen haben die Japaner schwache Ergebnisse auf der Bahn, und es kommt daher auch nicht überraschend, dass sich ihre drei Läufer in diesem Rennen schnell am Ende des Feldes wiederfinden, als sich die Geschwindigkeit erhöht.

Farah spielt sich mit der Konkurrenz und läuft eine Zeitlang ziemlich am Ende des Feldes, bevor er beginnt, es von hinten aufzurollen, und das Rennen schlussendlich mit einem komfortablen Vorsprung gewinnt. Nach dem Wettkampf gehe ich hinunter an den Rand der Bahn, um ihn auf der Ehrenrunde abzufangen, und komme gleichzeitig mit seinem Coach, Alberto Salazar, an, der seinem Schützling gerade gratuliert. Nach der Umarmung und der Freude über den Sieg geht Salazar an mir vorüber.

„Gute Arbeit“, sage ich zu Salazar.

Er ist einer der genialsten Trainer auf der Welt. Neben Farah, dem Doppelolympiasieger von 2012, war noch ein weiterer seiner Athleten, der US-Amerikaner Galen Rupp, der in London Silber gewann, hier am Start gewesen und belegte den vierten Platz. Wenn also jemand vorzeigen kann, wie man die Kenianer und Äthiopier schlägt, dann Salazar.

„Danke“, antwortet er und verschwindet.


Seit wir mit der Planung für unsere Reise nach Japan begonnen haben, war die siebentägige Fahrt von Moskau bis Wladiwostok mit der Transsibirischen Eisenbahn etwas, das mir Magenschmerzen verursachte.

Wir beginnen unsere Zugfahrt an einem sonnigen Sonntagmorgen. Am Bahnsteig warten schon mehrere Familien zwischen Bergen an Gepäck. Als der Zug einfährt, steigen wir ein und machen uns auf die Suche nach unserem Abteil, wobei jeder von uns abwechselnd die schweren Taschen den Korridor entlangschleppt. Viele der Reisenden stehen draußen und säubern die Fenster ihres Abteils. Ein Reiz dieser Reise ist es, dazusitzen und die Welt draußen vorbeiziehen zu sehen. Doch die Fenster sind voller Schmutz. Marietta holt einige Feuchttücher hervor, geht zu unserem Abteilfenster und nimmt an der Massenputzveranstaltung teil.

Einige Minuten später fordert sie ein Schaffner auf, wieder einzusteigen, und dann fährt der Zug ab. Wir lassen Moskau hinter uns und fahren vorbei an Holzhäusern und grauen Plattenbauten, durch kleine Ortschaften und endlose Wälder, immer weiter, tage- und nächtelang, über den Ural und dann nach Sibirien. Die Landschaft ist überraschend schön, übersät mit kleinen Häusern mit spitzen Dächern und Holzbrunnen im Garten, fast wie aus einem Märchen.

Russen wundern sich oft darüber, dass Touristen sich diese Zugfahrt zum Spaß antun. Für sie ist es nur ein Mittel, um von A nach B zu kommen, und nichts weiter. Der Prunk an Bord des Zuges ist eher vernachlässigbar. Die Abteile in unserem Waggon sind modrig, und die Waschräume bestehen aus nichts anderem als einer schmutzigen Metalltoilette und einem Waschbecken. Der Speisewagen besteht aus abgestoßenen Holztischen und ausgebleichten Vorhängen. Außerdem ist er meist voll mit deutschen Touristen oder betrunkenen Russen, die traurig vor sich hin starren. Als wir den Speisewagen aufsuchen, drückt uns die Kellnerin eine Speisekarte in die Hand, voll mit lecker klingenden Gerichten, die so gut wie allesamt nicht verfügbar sind.

„Borschtsch“, sagt sie, in einem Tonfall, der andeutet: entweder das oder gar nichts.

Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Irkutsk, wo wir am Ufer des tiefsten Sees der Welt, dem Baikalsee, sitzen, Eis essen und Steine hüpfen lassen, besteigen wir eine noch ältere und klapprigere Garnitur. Die Luft im Zug ist drückend heiß, und es stinkt nach Zigarettenrauch. Zu unserem Horror müssen wir feststellen, dass die Fenster sich nicht öffnen lassen. Als wir aus der Station fahren, ziehe ich mir mein T-Shirt aus. Ich schwitze, während ich versuche, unsere Betten zu machen, und zähle bereits die Stunden, die wir in diesem Ofen verbringen müssen, bis wir Wladiwostok erreichen.

Die nächsten drei Tage verbringe ich damit, die Türen zwischen unserem Waggon und dem nächsten offen zu halten, damit der Zigarettengestank durch die kleine Öffnung abzieht. Doch immer wieder kommt jemand, der die Tür schließt. Drei Tage lang bunkern wir uns ein und halten die Tür zu unserem Abteil geschlossen, um unsere Atemluft zu schützen. Wir verbringen die Zeit gemeinsam mit Lesen, Schachspielen und Filme sehen. Nicht gerade die beste Vorbereitung auf mein Abenteuer in Japan. Abgesehen davon, dass ich einmal im Amager Fælled Park in Kopenhagen laufen war, hatte ich auf unserer Reise keine Gelegenheit gehabt, mich fit zu halten. Normalerweise genieße ich es, laufen zu gehen, wenn ich im Ausland bin, und nutze es, um meine neue Umgebung kennenzulernen, doch wenn wir nicht gerade in einem Zugabteil eingepfercht waren, hatten wir andere Dinge zu tun, wie etwa etwas zu essen aufzutreiben oder eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden.

Als der Zug am letzten Tag dann mitten in der Gluthitze der sibirischen Taiga zum Stehen kommt, glaube ich, dass ich endgültig durchdrehe. Während die Stunden vergehen, reicht der Gedanke daran, dass wir die Fähre verpassen und in Wladiwostok festsitzen könnten, aus, dass ich am liebsten in das metallene Bettgestell beißen möchte. Glücklicherweise laufen die Kinder, die sich tragischerweise bereits an die verrauchte Luft gewöhnt haben, den Gang rauf und runter und spielen mit den anderen Kindern im Zug.

Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiß, wie lange ich das noch ertragen kann, als der Zug plötzlich einen Ruck macht und sich langsam wieder in Bewegung setzt.

Am nächsten Morgen sind wir schon ganz aufgeregt und freuen uns darauf, Russland mit der koreanischen Fähre zu verlassen. Als wir Wladiwostok hinter uns lassen und die frische Luft und die warme Sonne auf unseren Gesichtern spüren, können wir endlich wieder befreit durchatmen. Nach zwei Tagen auf See erreichen wir Japan.

3

Wir nehmen den Hochgeschwindigkeitszug nach Kyoto, unserem Zielort. Das Innere des Zugs ist so breit wie ein Flugzeug, und auch die Sitzplätze sind in zwei Reihen zu je drei Sitzen angeordnet. Der Zug ist voll mit Leuten, die gerade von der Arbeit kommen. Kaum jemand spricht. Es ist eine Art ruhiger Tagesausklang. Ich sitze neben Lila, meiner ältesten Tochter. Sie liest. Auf der anderen Seite von mir sitzt ein Mann, der mit seinem Telefon spielt. Ich blicke an ihm vorbei durch das Fenster und beobachte, wie Städte und Ortschaften in der bläulichen Abenddämmerung vorbeiziehen. Wir fahren auf Höhe der Hausdächer. Jenseits der beleuchteten Straßen und Gebäude erheben sich bewaldete Berge, wie große Schatten, umgeben von weißem Nebel.

„Argh, aufhören“, höre ich Uma rufen, die etwas weiter hinten im Waggon sitzt. „Das ist ungezogen, Ossian. Umbaya.“

Dem folgt ein herzzerreißendes Jaulen als Antwort.

„Ach du liebe Zeit“, sage ich zu Lila. Sie grinst und amüsiert sich darüber, dass ihre beiden Geschwister das einzige Geräusch verursachen, das neben dem sanften Brummen des Zugs zu hören ist.

Hinten bricht ein richtiger Streit aus. Lila wirft einen Blick den Mittelgang hinunter und sieht mich dann glucksend an.

„Die sind so laut“, sagt sie.

Es ist vier Wochen her, seit wir mit unseren Koffern den Zug am Tiverton Parkway in Devon bestiegen haben. Nun sind wir endlich an unserem Ziel.

„In Kürze erreichen wir Kyoto“, ertönt es auf Englisch durch die Sprechanlage des Zugs, der nun immer langsamer wird. „Der Ausstieg befindet sich auf der rechten Seite.“


Wir schleppen unsere Koffer aus den hell beleuchteten Tiefen des Bahnhofs durch ein riesiges unterirdisches Einkaufszentrum hinaus in die warme Nacht. Alles in allem 13 Koffer und Taschen, wovon einige so schwer sind, dass sich beinahe der Boden des Waggons senkte, als wir sie in den Zug hievten.

Ossian, unser Jüngster, sitzt auf seinem Koffer und betrachtet die hohen Gebäude ringsherum.

„Wohin fahren wir jetzt?“, fragt er.

„Wir sind da“, sage ich. „Nur noch eine letzte Taxifahrt, dann ist es geschafft.“

Wir stehen neben einem riesigen Parkplatz. Ein Taxi nach dem anderen fährt an uns vorbei, doch keines bleibt stehen. Sie sehen uns, mit dem vielen Gepäck und den Kindern, und fahren weiter. Es sind kleinere Limousinen mit weißen Schutzbezügen auf den Sitzen und uniformierten Fahrern, die weiße Handschuhe tragen. Die beleuchteten Taxischilder auf den Taxidächern sind herzförmig. Endlich hält eines vor uns an.

„Hoteru?“, fragt der Fahrer.

Ich gebe ihm einen Zettel, auf dem eine Adresse auf Japanisch steht. Wir haben uns für ein paar Tage bei einem alten Freund namens Max einquartiert. Der Fahrer studiert den Zettel ein paar Sekunden, nickt, nimmt die schwersten Koffer und hebt sie in den Kofferraum seines Wagens.

Es ist nicht einfach, alles zu verstauen, doch er gibt sich Mühe. Einige unserer Taschen stellt er zu unseren Füßen hin, andere müssen wir auf den Schoß nehmen. Dann sind wir und unser Gepäck endlich verstaut. Wir fahren durch das Zentrum Kyotos in Richtung Norden, vorbei am kaiserlichen Palast, Fahrrädern und Menschen, die in Gruppen – wie Touristen – durch die Straßen ziehen, sowie an jungen Männern, die in Schaufenstern stehen und Comics lesen.

Im Wagen selbst hören die Kinder fasziniert der japanischen Stimme des Navis zu. Der Fahrer stellt den Bildschirm auf Fernseher. Es läuft gerade eine Gameshow. Man hört viel Gelächter und sieht, wie die Kandidaten immer wieder am Boden liegen. Draußen auf der Straße wird es langsam leerer, und auch die Häuser werden kleiner, bis wir nach einer etwa 25-minütigen Fahrt anhalten. Wir erkennen die Silhouette eines Mannes, der an der Straße steht. Ein Engländer in Leinenhosen und einem weißen T-Shirt.

Ich hatte Max zum ersten Mal vor zwölf Jahren in London getroffen. Beide folgten wir damals den Lehren eines Inders namens Prem Rawat, der über die Essenz des Lebens predigte, über die wunderschöne Realität der menschlichen Existenz und so weiter. Max schwebte herum wie eine erleuchtete Seele und meditierte jeden Tag stundenlang. Er hatte so eine ruhige Ausstrahlung, dass es schon wieder etwas verstörend wirkte.

Ich weiß gar nicht einmal mehr, was er arbeitete, wenn er überhaupt einen Job hatte. Im Alter von 16 Jahren schien Max nur ein weiterer Teenager ohne Zukunft zu sein. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er noch ein Kind war, und seine Lehrer an der Schule in Leeds hielten ihn für einen Unruhestifter. Nachdem er bei seinen GCSE-Tests durchgefallen war, aber trotzdem an der Schule bleiben wollte, um sein Abitur zu machen, sagte man ihm, dass dies reine Zeitverschwendung wäre.

„Es war eine Herausforderung“, erzählte er mir. „Und das war genau das, was ich damals brauchte.“

Zwei Jahre später studierte er am renommierten Somerville College in Oxford Biologie.

Eines Abends, in einem Londoner Café, sagte er, dass er sich für eine Stelle als Englischlehrer in Japan beworben und eine Zusage bekommen habe. Er denke gerade darüber nach, ob er den Job annehmen solle. Das Nächste, was ich hörte, war, dass er das Land verlassen hatte. Nun, zwölf Jahre später, steht er vor seinem Haus in Kamigamo, einem wohlhabenden Bezirk im Norden Kyotos, und ist nicht damit zufrieden, wo der Taxifahrer angehalten hat. Auf Japanisch bittet er ihn, ein paar Meter weiter vor zu fahren.

Max spricht nicht nur fließend Japanisch, er hat auch ein Buch in dieser Sprache geschrieben und hält Vorträge über Kindheit, Lebensweise, Träume – eigentlich über alles, was die Leute von ihm hören wollen. Er scheint sich seine eigene kleine Gruppe an treuen Anhängern geschaffen zu haben – Maxiten, wenn man so will.

„Kommt herein“, sagt er, während er einen unserer Koffer nimmt und uns in einen kleinen Vorbau führt, wo wir unsere Schuhe ausziehen. Madoka, seine Frau, und sein zweijähriger Sohn Sen begrüßen uns, als wir das Haus betreten und eine Treppe nach oben gehen, die in einen kleinen, mit Tatamimatten ausgelegten Raum führt, in dem sich ein niedriger Tisch und einige Kissen befinden. Es ist noch immer sehr warm, deshalb haben wir auch nichts dagegen, als Max uns mit eigenartig riechendem Wasser besprüht.

„Effektive Mikroorganismen“, erklärt er uns. „Gute Bakterien. Das hilft nach einer langen Reise.“

Die Kinder kichern und genießen das kühle Spray. Mikroorganismen sind, wie wir bald erfahren, eines von Max’ Lieblingsthemen. Sie können für alles verwendet werden. Er trinkt sie, badet in ihnen und besprüht Dinge mit ihnen. Inklusive Menschen.

Etwas später begleite ich Max auf einem kleinen Spaziergang durch die Nachbarschaft. Mein Kopf ist nach unserer Reise um die halbe Welt immer noch nicht zur Ruhe gekommen, und alles erscheint ein wenig wie aus einem Comic. Die Straßen sehen so ordentlich und ruhig aus, das Straßenlicht wie mit Buntstift gezeichnet, und die Blätter des nahe gelegenen Waldes scheinen so, als wären sie einzeln gezeichnet worden. Hie und da fährt jemand auf einem quietschenden Fahrrad an uns vorbei.

Am Ende von Max’ Straße steht ein Schrein, umgeben von Bäumen. Max verbeugt sich höflich am mit roten Säulen eingefassten Eingang und deutet mir, dasselbe zu tun. Drinnen fühlt sich die Stille der Nacht noch stiller an, beinahe zum Greifen still. Wir folgen dem Kieselsteinweg bis zum eigentlichen Schrein. Das hervorstehende Dach und die dunklen Ecken tauchen im Laub der Bäume auf, fast wie ein lang vergessener Ort. Das melodische Zirpen der Grillen erfüllt die Dunkelheit. Ohne ein Wort zu sagen, folge ich Max bei einem simplen Ritual. Ich wasche meine Hände, läute eine stumme Glocke und verbeuge mich.

„Jetzt darfst du dir etwas wünschen“, flüstert Max mir zu.

Während ich so dastehe, fühlt sich diese mich einhüllende Stille beinahe magisch an. Ob das von dem Schrein kommt? Ich beschließe, dass wir diesem Schrein mit dem Verbeugen und dem Ritual eine gewisse Ehrerbietung erwiesen haben. Vielleicht wächst diese Ehrerbietung mit jeder Person, die diese Stätte besucht. Ich bin mir bewusst, dass ich mir etwas Größeres, Wichtigeres wünschen sollte, doch in diesem Moment fällt mir nur der Grund ein, weswegen ich nach Japan gekommen bin: Ekiden.

Ich spreche es nicht laut aus, aber ich bitte um Hilfe bei der Suche nach einem Ekiden-Team. Dann werfen wir eine Fünf-Yen-Münze in ein Kästchen, drehen uns um, verbeugen uns und verlassen den Schrein. Wir überlassen den Wunsch diesem zwischen Bäumen versteckten Ort und der Gnade der Shinto-Götter.


Am nächsten Abend gehe ich das erste Mal auf den Straßen Japans laufen. Max ist auch dabei. Er ist zwar kein Läufer, doch er meint, dass er es einmal ausprobieren wolle, solange ich hier sei. Früher einmal war er Kapitän der Fußballmannschaft seiner Schule gewesen.

„Yorkshire-Meister“, sagt er stolz.

Wir beginnen gemächlich. Obwohl ich in den letzten Monaten wegen der Reise so gut wie nicht gelaufen bin, fühle ich mich aufgrund des Mangels an richtigen Mahlzeiten in der Transsib recht leicht und jogge gemütlich neben Max her.

Es ist kurz vor 23 Uhr, als wir loslaufen, doch es ist noch immer sehr schwül. Nach dem geschäftigen Treiben untertags sind die Straßen nun wieder zu ihrer nächtlichen Stille zurückgekehrt, die nur gelegentlich durch die Geräusche eines langsam dahinrollenden Autos oder Fahrrads gestört wird. Ein Mann auf einem Moped fährt langsam die Straße hinunter, während sein Hund an der Leine neben ihm herläuft.

Max erzählt mir, dass seine Frau einen ehemaligen Arbeitskollegen namens Kenji Takao kontaktiert hat. Takao war ein professioneller Läufer und hat gute Kontakte in der Ekiden-Szene. Außerdem besitzt er ein Amateurteam, bei dem wir mitmachen dürfen. Das erste Training sei kommenden Freitagabend in Osaka.

Als mir – noch in England – bewusst wurde, dass ich ja kein professionelles Ekiden-Team brauchen würde, wurde mir unser künftiger Wohnort in Japan ziemlich egal. Ich hatte noch immer die Hoffnung, mich bei einigen Teams vorstellen zu dürfen und eines davon zu überzeugen, mich mitmachen zu lassen. So war es eine Option, nach Tokio zu ziehen, wo es sehr viele Ekiden-Mannschaften gibt. Doch in den Augen meiner Familie war dies weniger ideal, denn wir müssten lange suchen, bis wir eine Wohnung fänden, die größer als eine Schuhschachtel wäre. Kyoto war die nächstbeste Option. Zwar gibt es dort weniger Ekiden-Teams als in Tokio, aber immer noch genügend. Abgesehen davon ist die Stadt nur zwei Stunden mit dem Hochgeschwindigkeitszug von der Hauptstadt des Landes entfernt, und unser Freund Max lebt auch hier und hatte angeboten, uns dabei zu helfen, uns einzuleben und mir als Übersetzer auszuhelfen. Zudem ist Kyoto eine wunderschöne Stadt und liegt nahe dem Berg Hiei-zan, der Heimat der berühmten Marathonmönche. Diese Tendai-Buddhisten nutzen das Laufen, um spirituelle Erleuchtung zu erlangen, und absolvieren 1000 Marathons über 1000 Tage – eine unglaubliche Herausforderung, die nur wenige Menschen jemals erfolgreich abgeschlossen haben. Ich wusste nicht, ob die Möglichkeit bestand, einen dieser Mönche zu treffen, doch ich hoffte, es zumindest versuchen zu können.

Interessanterweise ist Kyoto auch der Geburtsort des Ekiden-Sports. Während der Edo-Zeit (1603 bis 1868) liefen Kuriere mit Botschaften zwischen Tokio und Kyoto, der alten kaiserlichen Hauptstadt, hin und her. Sie hielten an Versorgungsstationen, die entlang des Weges verstreut waren, um sich auszuruhen und zu stärken. Dabei gaben sie die Nachrichten meist an andere Kuriere weiter, die dann den nächsten Abschnitt der Strecke liefen. Dieser Tradition entstammt auch die Idee des Ekiden.

Das Wort „Ekiden“ setzt sich aus zwei japanischen Schriftzeichen zusammen, nämlich aus dem Schriftzeichen für „Station“ () und dem Schriftzeichen für „weiterleiten“ (). Um die Idee des Weitergebens einer Nachricht zu symbolisieren, tragen die Läufer ein Band über der Schulter, das Tasuki genannt wird und das immer an den nächsten Läufer übergeben wird. Der erste offiziell veranstaltete Ekiden-Wettbewerb startete im Jahr 1917 in Kyoto und führte über 508 Kilometer bis nach Tokio. Irgendwo in der Stadt gibt es eine Gedenktafel, die an den Start des Rennens erinnert.

Der letzte Grund, der für Kyoto sprach, war die Schule. In England gehen meine Kinder in eine Steiner-Schule, die einem anderen Lehrplan als konventionelle Schulen folgt. Wir hofften, dass ihnen, wenn sie in Japan auch in eine Steiner-Schule gingen, der Wechsel weniger schwerfallen würde und der Lehrplan etwas vertrauter wäre.

Steiner-Schulen gibt es auf der ganzen Welt. Auch hier in Japan. Eine der renommiertesten davon befindet sich in einem Vorort von Kyoto namens Kyotanabe. Also entschieden wir uns für diesen Ort.


Bereits nach 20 Minuten muss Max stehen bleiben. Er schwitzt heftig und hat Seitenstechen. Ich jogge ein wenig auf der Stelle, um zu sehen, ob er sich wieder erholt, doch er schüttelt nur den Kopf. Ohne zu sprechen, gehen wir langsam wieder zurück zu seinem Haus. Nach einiger Zeit kommt Max wieder zu Atem. Er erzählt mir, dass Kenji, der ehemalige Läufer, den seine Frau kennt und der ein Amateurteam besitzt, aus Kyotanabe stammt, dem Ort, in dem die Schule liegt. Er wäre quasi unser Nachbar, wenn wir dort hinziehen.

Bevor wir bei Max’ Haus ankommen, bleiben wir wieder bei dem Schrein stehen, trinken etwas von dem glasklaren Wasser dort und sammeln uns etwas. Am Eingang des Schreins befindet sich ein kleiner Kinderspielplatz. Ein junges Paar sitzt verlegen händchenhaltend auf einer kleinen Bank und versucht, so unauffällig wie möglich zu erscheinen, während Max zu den Schaukeln hinübergeht.

Er hatte mir von einem Freund erzählt, einem Yogalehrer, der ihm einige Tricks beigebracht hat. Und nun will er mir eines dieser Kunststücke vorführen. Max zieht sich auf die Querstange hinauf und dreht sich mit seinem Oberkörper nach vorne, bis seine Beine in die Höhe ragen. Mit konzentriertem Blick atmet er tief ein, schwingt seine Beine hinauf und über die Stange zurück wieder in die Startposition. Immer weiter rotiert er um die Stange und atmet dabei kräftig aus. Das Pärchen auf der Bank versucht, nicht hinzusehen. Nach ein paar weiteren Umdrehungen stoppt er und hängt mit dem Kopf nach unten von der Stange.

„Ein alter Sprinttrainer an der Uni hat mir einmal gesagt, wenn du zehn von diesen Schwüngen hintereinander machen kannst, kannst du die 100 Meter in unter zwölf Sekunden laufen. Schon für einen brauchst du eine Menge Kraft“, sagt er.

Darauf konzentriert er sich wieder und dreht sich noch einmal um die Stange, während ich zusehe. Dann lässt er sich wieder auf den Boden hinunter und wischt sich den Staub von den Händen.

„Ich bin ziemlich außer Übung. Im Moment schaffe ich nur sechs“, erklärt er.


Ein Haus in Japan zu finden, das man für länger als sechs Monate mieten kann, ist nicht so einfach für eine britische Familie. Ich habe von vielen Seiten gehört, dass Japaner nur ungern an Ausländer vermieten. Japan wird oft als ein homogener Inselstaat dargestellt, der nur sehr wenig mit Ausländern zu tun haben will. Für über 200 Jahre war es das Nordkorea der Welt und stellte das Ein- und Ausreisen unter Todesstrafe. Ein wenig von diesem isolationistischen Gedanken ist noch immer vorhanden. Vor einigen Jahren musste der japanische Verkehrsminister, dessen Aufgabe es unter anderem war, den Tourismus im Land anzukurbeln, zurücktreten, da er meinte, dass die Japaner Ausländer nicht besonders mögen. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage fand heraus, dass es Hunderte von Hotels in Japan gibt, die offen zugeben, ausländische Gäste abzuweisen.

2002 führte das Harvard Institute of Economics eine umfassende Studie durch, die zum Ergebnis kam, dass Japan eines der homogensten Länder der Welt ist. Das ganze Konzept von Japan als einzigartige, isolierte Insel wurde schon so oft von Japanern und Nicht-Japanern beschrieben, dass es sogar ein eigenes Genre dafür gibt: Nihonjinron. Dieses Konzept wird allerdings von einigen Gelehrten als veraltete Form eines kulturellen Nationalismus abgetan. Aber noch bevor ich in Japan ankam, stieß ich bereits auf unzählige Türen, die sich auf meiner Suche nach einem Ekiden-Team, dem ich beitreten könnte, vor meiner Nase schlossen. So wie Brendan Reilly es in seiner E-Mail geschrieben hatte: „Japan kann manchmal eine frustrierend verschlossene Gesellschaft sein.“

Just zu jenem Zeitpunkt, als wir am Beginn unserer Reise nach Japan mit dem Eurostar kurz davor waren, in den Channel-Tunnel einzufahren, rief mich Max am Handy an.

„Dhar, ich habe ein Haus für euch gefunden, aber du musst mir jetzt sagen, ob ihr es nehmen wollt oder nicht.“

Inzwischen zog die Landschaft Kents am Fenster vorbei. Uma fragte mich, ob ich ihr etwas vorlesen würde, und Ossian sprang laut singend auf seinem Sitzplatz auf und ab.

„Das Haus ist wirklich schön und nicht besonders teuer. Und es liegt nicht weit von der Schule entfernt“, meinte Max.

„Wir nehmen es“, antwortete ich.

Es war die erste konkrete Zusage, die ich bekam, seit ich mit den Arrangements für unseren Umzug nach Japan begonnen hatte. Und ich wollte diese Chance nicht verpassen. Abgesehen davon hatten wir bereits so viel dem Zufall überlassen, dass es im Moment egal war, wo wir wohnen würden. Meiner Meinung nach hatten wir kaum eine andere Wahl, als auf Gott zu vertrauen. Und auf Max.

Ein paar Sekunden später fuhr der Zug in den Tunnel ein, und die Verbindung riss ab.

„Sieht so aus, als hätten wir ein Haus, wenn wir dort sind“, sagte ich zu Marietta, die vor mir saß.

„Wirklich? Wie ist es?“

„Keine Ahnung.“


Das Haus ist schmal und hoch und passt genau zwischen zwei ähnliche Gebäude in einer kleinen, steilen Sackgasse in Kyotanabe. Um dorthin zu gelangen, zwängen wir uns alle in Max’ kleinen roten Sportwagen. Kaum sitzen wir drin, besprüht er wieder zuerst uns mit effektiven Mikroorganismen und dann das Auto. Er besprüht sogar die Reifen und erklärt uns, dass sie sich dadurch weniger schnell abnutzen.

Wir fahren durch die Stadt, vorbei am kaiserlichen Palast und hinaus in die Vororte südlich von Kyoto, wo wir auf die Autobahn auffahren, die sich auf hohen Betonpfeilern in die Lüfte erhebt. Die Straßen biegen und kreuzen sich, dass man sich beinahe nicht mehr auskennt, und ehe wir uns versehen, befinden wir uns wieder auf Straßenniveau, wo wir an eintönigen Flächen mit Reisfeldern und vereinzelten Lagerhäusern, Scheunen und alten Plakatwänden vorbeikommen.

Nach etwa zehn Minuten erreichen wir wieder eine verbaute Gegend, mit großen Einkaufszentren, Parkplätzen und einem McDonalds Drive-Through.

„Willkommen in eurer neuen Nachbarschaft“, sagt Max, während Marietta und ich nervöse Blicke austauschen.

Die Kinder sind ganz aufgeregt, als wir an einer Feuerwehrstation vorbeikommen. Die Feuerwehrautos glänzen rot und sind vielleicht halb so groß wie die, die wir aus England kennen. Auch ein kleiner Ambulanzwagen parkt vor der Station.

Während wir weiterfahren, ertappe ich mich dabei, vergeblich nach einem Park zwischen den vielen Gebäuden Ausschau zu halten oder nach Anzeichen einer Grünfläche, auf der man spielen, laufen oder sich irgendwie anders vom Betondschungel erholen könnte.

An einem Tante-Emma-Laden biegen wir rechts ab und fahren einen steilen Hügel hinauf, vorbei an der Steiner-Schule und in ein Wohnviertel. Wir befinden uns noch immer in den Sommerferien, und die Straßen sind ruhig. Es hat etwa 30 Grad. Die Häuser stehen nahe an der Straße und so knapp nebeneinander, dass kaum eine Person dazwischenpasst. Bei fast allen Häusern sind die Rollläden unten.

Schließlich halten wir vor dem Haus, das für die nächsten sechs Monate unser Heim sein wird. Wir steigen aus. Wir sind sicher ein Kuriosum hier in der Gegend, doch es gibt kein Anzeichen dafür, dass uns jemand heimlich beobachtet. Max schließt die Eingangstür auf. Drinnen ist es dunkel. Die Jalousien sind unten, und das Haus ist komplett leer. Keine Möbel, Töpfe oder Pfannen. Nicht einmal ein Kühlschrank oder eine Waschmaschine.

„Lasst uns einkaufen gehen“, sagt Max.

4

Und so beginnt unser neues Leben in Japan. Bevor wir England verließen, las ich das Buch Mister Aufziehvogel des japanischen Autors Haruki Murakami. Es spielt in einer unscheinbaren Nachbarschaft in einem japanischen Vorort wie diesem hier. Doch hinter der scheinbaren Normalität des Alltagslebens verbirgt sich eine dunkle, verstörende und surreale Welt. Während wir unsere Futons auf dem nackten Holzboden ausrollen, frage ich mich, worauf wir in unserer kleinen Sackgasse stoßen werden.

Die erste Person aus unserer Nachbarschaft, die sich uns vorstellt, ist eine Dame namens Rie, die nebenan wohnt. Es ist eine kräftige Frau mit einem breiten, freundlichen Lächeln. Und sie spricht sogar Englisch. In ihrer Jugend, bevor sie heiratete und Kinder bekam, hatte sie ein halbes Jahr in London verbracht. Während der nächsten sechs Monate sollte sie unsere gute Fee sein. Immer, wenn es Schwierigkeiten gibt, wir Briefe in unserem Briefkasten nicht lesen können oder wissen wollen, wie wir unsere Rechnungen bezahlen müssen, uns Bücher aus der Bibliothek ausborgen wollen oder einen Arzt suchen, erscheint sie wie aus dem Nichts an unserer Tür und bietet uns ihre Hilfe an.

Ein paar Monate, nachdem wir eingezogen sind, bestellen wir unabsichtlich eine große Menge an Meeresfrüchten. Als es an der Tür läutet, steht ein Mann mit einer Schachtel und einem Zettel da. Ich verstehe kein Wort von dem, was er sagt, und so nehme ich beides entgegen. Meine Kinder wollen sehen, was sich in der Schachtel befindet. Wir nehmen den Deckel ab und sehen, dass die Box bis oben hin mit Eis und Plastiktüten mit Wasser gefüllt ist, in denen sich noch lebende Schalentiere räkeln.

„Marietta“, rufe ich, „hast du das bestellt?“

Das Einzige, was uns in so einem Fall übrig bleibt, ist, hinüber zu Rie zu gehen. Sie sieht sich den Zettel an und meint, dass wir wahrscheinlich das falsche Kästchen auf einem Formular angekreuzt haben. Wir verwenden sehr oft einen örtlichen Zustelldienst, der uns Essen liefert. So bestellen wir auch einmal unabsichtlich 100 Zwiebeln. Wir hatten kaum ein paar davon aufgebraucht, als in der folgenden Woche bereits eine weitere Großlieferung Zwiebeln auftaucht.

Mit Meeresfrüchten ist das etwas anderes, die müssen schnell verzehrt werden, vor allem wenn man sich ansieht, wie sie sich noch in den Tüten bewegen. Unser Problem ist allerdings, dass wir alle Vegetarier sind. Rie lächelt und meint, wir sollen uns keine Sorgen machen. Sie kauft uns die Schalentiere ab und wird sie selbst zum Abendessen zubereiten.

„Meine Kinder werden sich freuen“, sagt sie, als hätten wir ihr damit einen großen Gefallen getan.

Die anderen Leute, mit denen wir in den ersten Tagen Bekanntschaft schließen, sind eine Familie, die gegenüber wohnt und deren drei Kinder ebenfalls die Steiner-Schule besuchen. Wie es der Zufall so will, geht eine der Töchter in Lilas und eine in Umas Klasse. Sie haben auch einen 15-jährigen Sohn. Die Familie spricht kein Wort Englisch, doch als sie hören, dass ich nach Japan gekommen bin, um ein Buch über das Laufen zu schreiben, ist Yoshiko, die Mutter, ganz verzückt. Wir brauchen ein Weilchen, um zu verstehen, was sie uns sagen will, doch es stellt sich heraus, dass ihr Sohn oft zusammen mit seinen Freunden läuft. Und zwar jeden Morgen vor Schulbeginn. Um halb sechs.

Zuerst glaube ich, dass ich sie missverstanden habe. 15-jährige Burschen, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang miteinander laufen gehen? Wirklich? Sie gehören nicht zu einem Verein, sie tun es nur, weil es ihnen Spaß mache, meint sie. Das kann ich mir nicht vorstellen, und so frage ich sie, ob ich vielleicht einmal mitlaufen dürfe. Sie sieht mich an, als wäre ich eine Art Priester, der ihr einen Freipass in den Himmel anbietet.

„Danke, danke“, sagt sie immer wieder, während ich mich frage, worauf ich mich da wohl eingelassen habe.


Am nächsten Morgen, es ist 5:20 Uhr, läutet mein Wecker. Ich ziehe meine Laufsachen an und trete vor die Haustür in den stillen Morgen. Es ist bereits recht warm. Ryohei, der Junge aus dem Haus gegenüber, wartet bereits. Er trägt einen Mund-Nasen-Schutz und lehnt an seinem Fahrrad. Er verbeugt sich höflichst und deutet auf die Räder in unserer Auffahrt. Es war uns gelungen, Fahrräder für uns alle – außer für mich – zu erstehen. Also nehme ich das von Marietta und folge ihm die Straße hinunter.

Vor dem Tante-Emma-Laden an der Ecke hält er, steigt vom Rad und schaut herum, fast so, als ob sich seine Freunde in den Büschen verstecken würden. Nichts bewegt sich im gräulichen Zwielicht. Es ist noch sehr früh. Dann sehen wir einen Jungen auf seinem Fahrrad die Straße entlang in unsere Richtung kommen. Ohne etwas zu sagen, bleibt er neben uns stehen und steigt ab. Er sieht nicht gerade überrascht aus, mich zu sehen. Einige Minuten später gesellt sich ein dritter Junge zu uns. Er lächelt und begrüßt mich auf Englisch, bevor er sich seinen beiden Kameraden zuwendet und sich leise mit ihnen unterhält. Sie alle tragen Shorts und T-Shirts. Keine spezielle Laufkleidung, sondern einfache Baumwollleibchen und normale kurze Hosen.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass englische Teenager so zeitig am Morgen aufstehen würden, um laufen zu gehen. Aber ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, wie oft das in Japan vorkommt. Das Ganze kann auch reiner Zufall sein, dass ich genau in der einzigen Seitengasse gelandet bin, in der es Teenager gibt, die um halb sechs in der Früh laufen gehen. Doch das scheint auch etwas weit hergeholt. So entdecke ich zum Beispiel einen anderen Jungen, der gerade Baseball trainiert, als ich wieder einmal frühmorgens das Haus verlasse. Er wirft den Ball immer wieder gegen eine Hauswand und versucht, ihn dann zu fangen. Als ich einmal spätnachts nach Hause komme, sehe ich zwei Männer, die gerade Schlagen trainieren, allerdings mit zirka 200 Federbällen, anstelle von Baseballbällen. Die Federbälle sind auf der ganzen Straße verstreut, wie kleine Papierlampions. Was diese beiden Männer, der eine Junge und die Teenager, mit denen ich an diesem Morgen laufen gehe, gemeinsam haben, ist, dass sie wirklich ernsthaft trainieren. Das ist kein einfaches „Herumspielen“, das ist richtiges Training. Sie nehmen es ernst. Diese Einstellung zum Sport wird mir während meines Aufenthalts in Japan immer wieder begegnen.

Nachdem wir noch ein paar Minuten gewartet haben, ohne dass noch jemand gekommen wäre, steigen die drei Burschen wieder auf ihre Fahrräder und fahren los. Sie haben moderne Mountainbikes, auf denen sie sanft und geräuschlos durch die Straßen gleiten. Mariettas Rad ist alt, schwerfällig, ohne Gangschaltung und mit einem klapprigen Kindersitz. Dazu kommt, dass es zu klein für mich ist, und so muss ich mich richtig anstrengen, um mit ihnen mithalten zu können.

Nach einer etwa fünfminütigen Fahrt verlassen wir die Vorstadtstraßen und erreichen eine weite, offene und flache Gegend mit Feldern. Die Sonne geht gerade auf und lässt Reihen von Auberginenpflanzen und Orangenbäumen in Gold erstrahlen. Jetzt macht es auf einmal Sinn, bereits wach und draußen in der Natur zu sein und herumzufahren, als wären wir vier Entdecker, die einen neuen Planeten erforschen.

Ohne uns zu unterhalten, fahren wir zwischen den Feldern hindurch, bis wir einen Fluss erreichen. Dann folgen wir dem Flussufer, bis wir unter einer gigantischen Brücke anhalten. Über uns hören wir die brummenden Motoren der ersten Autos, die bereits unterwegs sind, sowie einige Lastwagen. Hier an der Straße befinden sich Warenhäuser, ein Autosalon und auch einige Wohnblöcke. Ein paar Pensionisten tummeln sich bereits entlang des Uferwegs. Doch sie machen keinen gemütlichen Spaziergang oder führen ihre Hunde Gassi, so wie in England. Nein, sie tragen Sportbekleidung, schwingen ihre Arme durch die Luft und betreiben Sport.

Wir lassen unsere Fahrräder nahe des Ufers im Gras liegen. Es gibt keinen Grund, sie abzusperren. Dann gehen wir zum Startpunkt oben auf der Brücke.

Eigentlich ist es schade, dass wir hier oben an der Straße stehen und uns aufwärmen, wo es doch da unten am Fluss so viel Platz gibt. Aber das hier ist ihr Start, markiert durch eine Linie am Boden.

„Fünf Kilo“, sagt Ryohei zu mir und meint damit fünf Kilometer. Ich bin mir sicher, dass sie diese fünf Kilometer millimetergenau abgemessen haben. Auf jeden Fall dauert das Aufwärmen nicht lange. Ichi, ni, san, eins, zwei, drei … und los geht’s.

Sie sprinten los, als wäre dies ein 100-Meter-Rennen. Meine alten Beine brauchen einige Zeit, um auf Touren zu kommen. So zeitig am Morgen so schnell zu laufen, bereitet meinen um diese Zeit noch eingerosteten Sehnen einige Schmerzen. Ich muss erst einmal langsam beginnen, während die drei Burschen entlang des Flusses vorauslaufen. Sind die wirklich so schnell? Ich versuche, das Tempo zu erhöhen, um sie einzuholen.

Nach ein paar Minuten läuft mir der Erste von ihnen wieder entgegen. Er joggt gemütlich. Ryohei und sein anderer Freund kommen mir nun auch entgegen, doch viel gemächlicher als zuvor. Als ich wieder bei der Gruppe bin, gibt Ryohei erneut Gas. Wir erreichen eine Markierung am Weg, und beide drehen um. Wir laufen in moderatem Tempo zusammen zurück zum Startpunkt, wobei Ryohei immer wieder kurze Sprints hinlegt. Schließlich wird er langsamer, und sein Freund und ich geben Gas. Inzwischen bin ich aufgewärmt, und das Laufen fällt mir nun viel leichter, doch ich will ihnen nicht davonlaufen. Wir kehren wieder zum Ausgangspunkt an der Straße zurück, und alle stoppen ihre Zeit. Ryohei nimmt seine Maske ab, und zum ersten Mal sehe ich sein Gesicht. Er atmet schwer, doch er lächelt.

„Danke“, sagt er und verbeugt sich vor mir.

Alle drei sind nun viel gesprächiger. Ryoheis Freund, der Schnellere, spricht etwas Englisch. Ich frage ihn, warum er jeden Tag so früh aufsteht, um zu trainieren.

„Es ist mein Hobby“, sagt er.

Als wir uns auf unsere Fahrräder schwingen und nach Hause fahren, ist es noch nicht einmal halb sieben, doch das Training für den Tag ist erledigt. Zumindest bis zum nächsten Morgen, wenn ihr Hobby sie wieder früh aus dem Bett holen wird.

Auf dem Weg nach Hause unterhalten sich die drei, dabei fahren sie langsam, ihre Ellenbogen auf die Lenkstangen gestützt. Sie haben noch genügend Zeit, also kein Grund zur Eile. Bei jeder Ampel stoppen sie und warten geduldig auf Grün, selbst dann, wenn weit und breit kein Fahrzeug zu sehen oder hören ist.

Diese Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten, ist etwas, was ich in Japan oft bemerke. Selbst bei Teenagern scheint sich rebellisches Verhalten auf Kleidung und Frisuren zu beschränken.

Als ich eines schönen Tages in den örtlichen Zug einsteige, sitzen drei Teenager am Boden des Wagens. Sie tragen zerrissene Jeans und unterhalten sich lautstark miteinander. Das war wahrscheinlich das asozialste Verhalten, auf das ich während meiner Zeit in Japan stieß. Nicht, dass sie andere Fahrgäste belästigen, doch nach Monaten in Zügen, in denen es mucksmäuschenstill war, ist es schon ein kleiner Schock, drei Burschen auf dem Boden sitzen zu sehen, die sich laut miteinander unterhalten.

Als der Zug mit der Zeit immer voller wird, bemerke ich, wie die drei aufstehen, um Platz für die anderen Fahrgäste zu machen. Sie sprechen nun auch wesentlich leiser und benehmen sich ganz brav. Einer von ihnen setzt sich sogar eine Maske auf. Wahrscheinlich hat er eine leichte Verkühlung und will niemanden anstecken.

Natürlich gibt es in Japan auch Kriminalität, obwohl diese niedriger ist als in den meisten anderen Industrieländern, und auch die Teenager rebellieren, doch ich kann diese Bereitschaft zur Konformität deutlich spüren, dieses Sich-an-die-Regeln-Halten und Sich-in-die-Gesellschaft-Einfügen.

Es gibt einen fundamentalen Unterschied in der Wahrnehmung des Platzes, den eine Person in der Gesellschaft einnimmt. Ein Sprichwort, das ich in Japan immer wieder höre, ist: Der Nagel, der hervorsteht, wird flachgehämmert. Für westliche Ohren mag sich das furchtbar anhören. Es bedeutet: Unterscheide dich nicht von den anderen, versuche nicht, etwas anderes zu tun, sondern behalte den Kopf unten und arbeite mit den anderen zusammen.

In ihrem Buch Understanding Japanese Society schreibt Joy Hendry darüber, wie dieses Konzept gesellschaftlicher Harmonie und Kooperation japanischen Kindern schon im frühesten Alter eingeimpft wird. So sagt sie, dass die alljährlichen Sporttage in dem Kindergarten, in dem sie arbeitete, vor allem dazu da seien, Teamwork über individuelle Konkurrenz zu stellen. Sie sagt, dass Tauziehen und drei-, fünf- oder siebenbeinige Rennen typische Disziplinen seien, in denen Zusammenarbeit unerlässlich ist, um Erfolg zu haben. Sie erwähnt auch, dass Fernsehsendungen für Kinder oft das Thema Kooperation wiederholen, indem zum Beispiel der Held daran scheitert, wenn er ein Monster oder eine außerirdische Macht allein besiegen will, und zwar so lange, bis ihm andere, die ebenfalls dieser Gefahr ausgesetzt sind, zu Hilfe kommen.

Unter Erwachsenen gibt es mehr Aktivitäten, die in geordneten Gruppen ausgeführt werden, als ich es aus Großbritannien gewohnt bin. Egal, wohin man geht – meist bei Touristenattraktionen, aber auch in unscheinbaren Vororten –, überall kann man geordnete Gruppen von Leuten sehen, die von Personen mit Fähnchen herumgeführt werden. Oft tragen sie auch gleiche Jacken und Hüte.

Diese konformistische Ader erklärt vielleicht bis zu einem gewissen Grad, warum der Ekiden in Japan so populär ist und warum gerade der Langstreckenlauf, eine typische Einzelsportart, in einen Mannschaftssport umgewandelt wurde.

Viele der besten Ekiden-Teams in Japan wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, als Teil des Wiederaufbaus. Wettbewerbe wurden als Möglichkeit gesehen, die Leute zusammenzubringen und die Moral und den Gemeinschaftsgeist des Volks nach den Schrecken des Kriegs wieder zu stärken. In dieser Zeit wurden auch viele der bekanntesten Marathonbewerbe des Landes ins Leben gerufen, etwa der Biwa-See Marathon (erstmals 1946) und der von Fukuoka (1947), sowie viele der wichtigsten Ekiden-Rennen, die anfangs nur als Training für Marathons gedacht waren.

Die größten Wettbewerbe wurden von Zeitungen gesponsert – und die meisten davon werden es noch immer –, damit die Menschen über die Teams und Läufer lesen und die Ergebnisse mitverfolgen konnten. Das half sehr dabei, die Popularität unter der Bevölkerung zu steigern. Und je stärker die japanische Wirtschaft in der Nachkriegszeit wuchs, umso mehr Geld begannen Firmen in ihre Teams zu stecken, indem sie die besten Athleten an den Universitäten verpflichteten und ihnen sogar zusätzlich Trainingszeit während der Arbeit gewährten.

Dieses starke Engagement im Langstreckenlauf begann sich bald zu rechnen, und in den 1960er-Jahren, als Japan zu einer weltweiten Wirtschaftsgroßmacht heranwuchs, dominierten japanische Läufer den Marathon so, wie es die Kenianer und Äthiopier heute tun. 1965 wurden zehn der elf schnellsten Zeiten von japanischen Männern gehalten. 1966 waren 15 Japaner unter den 17 Besten.

Eine vielbewunderte Eigenschaft der japanischen Gesellschaft war damals ein Konzept namens Wa, Gruppenharmonie. Ein ganz besonderer Verfechter dieser Idee war der Coach des wohl berühmtesten japanischen Baseballteams, der Yomiuri Giants, die von 1965 bis 1973 neunmal in Folge die nationalen Meisterschaften gewannen. Baseball ist in Japan sogar noch um einiges populärer als Ekiden, und laut William W. Kelly, Professor für Anthropologie und Japanologie an der Yale University, wurde der Erfolg der Yomiuri Giants zum kraftvollen Überbegriff für die vor Selbstvertrauen strotzende Industriegesellschaft und konkurrenzstarke, aufstrebende Wirtschaftsmacht, als die sich Japan gerne selbst darstellte. Mehr von einem Feldmarschall als von einem General Manager dirigiert, projizierten die Spieler der Giants ein Bild und einen Spielstil, der Teamwork, Engagement und das Kollektiv in den Vordergrund stellte.

Viele aufstrebende japanische Firmen betrachteten die Giants als Vorbild, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich selbst für das Wohl der anderen aufopfert, in der von den Angestellten erwartet wurde, zur Harmonie der Gruppe beizutragen – in diesem Fall zur Harmonie der Firma. Das bedeutete auch, dass die Arbeit an erster Stelle stand, vor der Familie und den Eigeninteressen, die zuletzt folgten. Das typische Bild eines japanischen Büroangestellten oder Sarariman, wie sie in Japan genannt werden, war ein Mensch, der früh ins Büro kommt, es spät wieder verlässt und nach der Arbeit zusammen mit seinen Arbeitskollegen etwas trinkt, bevor er nach ein paar Stunden Schlaf wieder früh zur Arbeit fährt. Die Anzahl der schlafenden Männer in Anzügen, die ich abends in den Spätzügen sehe, deutet darauf hin, dass dieses Verhalten noch immer weitverbreitet ist, obwohl vielleicht nicht mehr ganz so dominant wie einst.

Viele Unternehmen übernahmen das Konzept des Wa in ihre Firmenmottos, und Japan verdankt seinen wirtschaftlichen Aufstieg in der Nachkriegsära wohl zu großen Teilen dieser Idee.

Robert Whiting schreibt in seinem 1989 erschienenen Buch You Gotta Have Wa, das von japanischem Baseball handelt, das Wort für Individualismus, Kojin-shugi, sei in Japan ein fast schon unanständiges Wort … Das Konzept und die Praxis der Gruppenharmonie sei der größte Unterschied zwischen japanischem und amerikanischem Baseball. Es ist der rote Faden, der sich durch das japanische Leben und den japanischen Sport zieht.

„Selbst die Bienen haben es hier“, sagt Max eines Tages zu mir, als wir durch die Vororte Kyotanabes fahren, auf der Suche nach einer gebrauchten Waschmaschine.

„Die Bienen?“

„Man hat einmal versucht, in Japan europäische Honigbienen anzusiedeln“, erklärt er mir. „Aber sie wurden von den riesigen japanischen Hornissen ausgerottet. Die europäischen Bienen konnten ihnen nichts entgegenhalten. Als die Hornissen die Bienenstöcke angriffen, flogen die Arbeiterinnen einzeln aus, um den Angriff abzuwehren. Doch gegen die riesigen Hornissen hatten sie nicht den Funken einer Chance. Die haben ihnen mit ihren Kiefern einfach den Kopf abgerissen. Eine kleine Gruppe Hornissen kann einen ganzen Bienenstock innerhalb weniger Stunden vernichten.

Japanische Bienen dagegen verteidigen sich auf eine andere Art. Anstatt hoffnungslos in ihren Tod zu fliegen, warten sie, bis die erste Hornisse zum Auskundschaften in den Bienenstock eindringt. Dann stürzen sich alle gemeinsam in einem dichten Schwarm auf die Hornisse. Sie versuchen auch nicht, sie zu stechen, sondern beginnen so stark mit ihren Flügeln zu vibrieren, dass die Temperatur ansteigt und das Kohlendioxid, das sie produzieren, den ganzen Stock ausfüllt. Die Hornisse hat bei diesen hohen Temperaturen und CO2-Werten keine Chance zu überleben. Das ist die Stärke der Gruppe“, sagt Max und hält vor einem weiteren Secondhand-Laden, vor dem eine Reihe gebrauchter Fahrräder und Waschmaschinen steht.

Ekiden verkörperte den Geist des Wa perfekt. Ein Staffellauf kann nur dann erfolgreich sein, wenn jeder Teil der Staffel seine Aufgabe erfüllt. Hier müssen alle zum Wohl des Teams an einem Strang ziehen. Es passte perfekt zum damaligen Zeitgeist, und so erfreute sich der Ekiden Schritt für Schritt immer mehr an Popularität und überholte damit den Marathon in seiner Beliebtheit.

Natürlich wäre es zu einfach, den Aufstieg des Ekiden allein an der konformistischen Natur der japanischen Gesellschaft festzumachen. Tatsächlich fängt diese weitverbreitete Sichtweise Japans als Kollektivgesellschaft bei genauerem Hinsehen langsam zu bröckeln an.

„Wenn die Japaner solche Konformisten sind, wie kommt es dann, dass alle ihre landestypischen Sportarten wie Judo, Karate, Sumo und so weiter Einzelsportarten sind?“, fragt Brian Moeran, Professor für Wirtschaftsanthropologie an der Kopenhagener Business School.

Das ist eine gute Frage. Roland Kelts, der japano-amerikanische Autor von Japanamerica: How Japanese Pop Culture Has Invaded the US, meint, dass Ekiden deshalb so gut zu Japan passt, weil dieser Sport auf einer individuellen Leistungskomponente aufgebaut ist. So schreibt er, dass, obwohl Japan dazu tendiere, die Harmonie der Gruppe über die Wünsche des Einzelnen zu stellen, dies nicht bedeute, dass Individualität und individuelle Leistungen und Verantwortung abgewertet würden. Tatsächlich legt das Konzept des Amae, das Bedürfnis voneinander abhängig zu sein und sich gut mit anderen zu verstehen, großen Wert auf individuelles Verhalten und individuelle Leistung. Du musst als Einzelner ein besserer Mensch sein, wenn sich andere auf dich verlassen. So gesehen sei Ekiden der perfekte Sport für die Japaner, denn während jeder Einzelne sein Bestes geben müsse, sei das Ziel der Erfolg der Gruppe, meint er.

Baseball dreht sich im Grunde auch um diesen Kampf zwischen zwei Individuen, in diesem Fall zwischen Werfer und Schlagmann, die beide für ihr Team kämpfen.

Keine dieser beiden Sportarten definiert sich speziell über Konformität oder das Nicht-Hervorstechen, sondern mehr darüber, dass die Verantwortung des Einzelnen im Vordergrund steht, dass jede einzelne Person ihren Teil zum Erfolg des Teams beiträgt. Beim Ekiden ist das sogar noch mehr der Fall als in anderen Teamsportarten, da eine schlechte Leistung alles zunichtemachen kann. Und wirklich, das Wort, das ich in den nächsten Monaten am öftesten zu hören bekomme, wenn andere mit mir über Ekiden sprechen, ist „Verantwortung“, das recht prägnant das Zusammenspiel des Einzelnen mit der Gruppe beschreibt.

Während mir alle diese Gedanken durch den Kopf gehen, erhalte ich ein paar Tage später endlich die Gelegenheit, einige Ekiden-Läufer persönlich zu treffen.

5

Meine erste Station in der japanischen Laufszene ist das Amateurteam, das Max’ Kontakt, dem ehemaligen Profiläufer Kenji Takao, gehört. Das Team trägt den Namen Blooming.

Die Mannschaft trifft sich an einem Ort namens Dawn Centre in Osaka. Max, der selbst am Training teilnehmen will, und ich fahren gemeinsam dorthin. Obwohl er immer zu kämpfen hat, wenn wir laufen gehen, sagt er, dass es sein Ziel sei, mich am Ende der sechs Monate zu schlagen. Er sagt das nicht aus Spaß oder um mich zu ärgern, er sagt es, als wäre dies ein Fakt. Im gleichen Ton, in dem er mir erklärt, welchen Bahnsteig wir nehmen müssen, behauptet er, dass er in sechs Monaten schneller laufen wird als ich.

Ein Teil seines Selbstvertrauens rührt sicher daher, dass er mich noch aus Zeiten kennt, in denen ich nicht lief. Diese Erinnerungen haben sein Bild von mir als Läufer sicherlich getrübt.

„Ich hatte keine Ahnung, dass du dich für Sport interessierst“, sagt er. „Ich konnte mich dich gar nicht als Läufer vorstellen.“

Bei einem unserer ersten gemeinsamen Ausläufe bietet er mir ein paar Shorts an.

„Ich glaube nicht, dass die passen“, sage ich, als ich sie vor mich hin halte.

„Komm schon“, sagt er. „Ich bin mir sicher, du kannst dich da reinzwängen.“

Er kann es kaum fassen, als ich sie anziehe und sie mir viel zu groß sind.

Wir verlassen die U-Bahn-Station in Osaka und betreten die Straße an einer großen Kreuzung. Mehrere Betonbrücken spannen sich hoch über unsere Köpfe hinweg. Das Dawn Centre, ein hohes Glasgebäude, ist nicht weit von hier. Mit seinen vielen Konferenzräumen sieht es ein wenig aus wie ein Kongresszentrum.

„Vierter Stock“, sagt Max und deutet auf eine Hinweistafel an der Rezeption. Die Tafel ist voll mit für mich unlesbaren Zeichen. Ich bin froh, dass ich Max dabeihabe.

Im Versammlungsraum von Blooming stehen viele Tische, die auf eine lange Schreibtafel an der Wand gerichtet sind. Die Szenerie erinnert an ein Klassenzimmer. Kenji, ein kleiner, schlanker Mann, eilt herüber, als er uns bemerkt. Er lächelt und verbeugt sich. Dann bittet er uns, Platz zu nehmen. Der Raum ist voller Männer, von denen die meisten älter sind als ich. Trotz der Hitze, die draußen herrscht, sitzen sie in mehreren Schichten Laufausrüstung da und unterhalten sich leise, während sie die beiden großen Gaijin, die gerade hereingekommen sind, ignorieren. Auf einem weiteren Tisch ganz vorne hat Kenji einige Dinge zum Verkauf bereitgelegt. Es sind vor allem Produkte für die Behandlung von Verletzungen.

Nach ein paar Minuten öffnet sich die Tür, und zwei Frauen treten ein. Sie setzen sich auf die noch freien Plätze. Kenji macht ein paar Witze, doch alle anderen Anwesenden sitzen ruhig da. Max sieht sich um und grinst, so als fände er das alles sehr amüsant.

Kenji sagt etwas über mich, Finn-san. Max meint, wir müssen nach vorne gehen und uns selbst vorstellen. Ich stehe neben Kenji, während Max übersetzt, was ich sage. Inzwischen geht draußen die Straßenbeleuchtung an, und der Tag neigt sich langsam seinem Ende zu.

Ich erzähle, dass ich ein Buch über das Laufen in Kenia geschrieben habe und nun nach Japan gekommen bin, um mehr über das Laufen hier zu erfahren, speziell über Ekiden. Die Leute in Japan sind ganz überrascht, dass ich gekommen bin, um mehr über das Laufen zu lernen. Ihnen ist nicht bewusst, dass die Japaner zu den weltbesten Langstreckenläufern zählen oder dass Ekiden ein Sport ist, der nur in Japan existiert.

Nachdem ich fertig bin, applaudieren sie mir. Als wir uns wieder setzen, kommt ein Mann zu uns herüber, hockt sich neben unseren Tisch und spricht mit Max. Er fragt, was meine Bestzeit über 10K sei. Als ich 35 Minuten sage, scheint er beeindruckt zu sein. Der Mann sagt, ihm fehle noch eine Person für ein Ekiden-Team in ein paar Monaten, für den Biwa-zan. Und ob ich laufen wolle?

Ich packe die Gelegenheit beim Schopf. Das war genau das, worauf ich gehofft hatte.

„Arigato“, sage ich und verbeuge mich mit einem Kopfnicken.

Der Mann nickt, wobei seine Haare beinahe seine Augen verdecken. Er sieht anders aus als die anderen hier. Berechnend, distanziert. Nicht so verlegen und unterwürfig. Irgendwie erinnert er mich an Charles Bronson, den Schauspieler. Max sagt mir, dass der Name des Mannes Morita sei. Er ist der Star von Blooming, der schnellste Läufer im Team.

Bevor wir mit dem Abendtraining beginnen, hält Kenji noch eine Rede vor der Gruppe. Die Leute hier zahlen gutes Geld, um mitlaufen zu dürfen. Dafür bekommen sie von dem ehemaligen Champion allerdings auch gute Ratschläge und Insiderwissen. Kenji läuft normalerweise auch mit, doch er erholt sich gerade von einer Langzeitverletzung und einer Operation, und so humpelt er mehr, als er läuft. Doch selbst damit ist er noch recht flott unterwegs. Alle seine Bewegungen sind schnell. Auch seine Sprechweise.

Ich weiß nicht, ob es an mir liegt, doch er redet mit den anderen über Ekiden. Er erzählt, dass Ekiden in Japan inzwischen populärer sei als der Marathonlauf. Es sei mehr als nur ein Rennen, sagt er, es gehe darum, dass Menschen zusammenkommen und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.

Kein hervorstehender Nagel, gibt Max mir mit einem Gesichtsausdruck zu verstehen, der zu sagen scheint: Verstehst du jetzt, was ich meine? „Niemand, der versucht, sein eigenes Ding zu machen.“

Der bekannteste Ekiden, so erzählt Kenji der Gruppe, ist der Hakone Ekiden, ein reiner Herrenwettbewerb, der ausschließlich zwischen Unimannschaften ausgetragen wird. Der Grund für die Popularität liegt in der Spannung dieser Veranstaltung. Dieser Ekiden ist länger als die meisten anderen und wird über zwei Tage auf einer anspruchsvollen Strecke gelaufen. Dabei wechselt die Führung ständig. Professionelle Konzernteams, so sagt er, seien zu glatt, zu organisiert, zu maschinenhaft. Sie laufen immer so, wie es erwartet wird, immer das gleiche Tempo, ohne große Überraschungen. Doch beim Hakone, an dem nur Studenten teilnehmen, kann viel passieren.

Ich mache mir viele Notizen. Das ist richtig interessant. Kenji Takaos Leitfaden für Ekiden.

Schließlich ist es an der Zeit, laufen zu gehen. Kenjis Trainerteam – er hat drei Assistenten – erklärt das heutige Training an der Tafel. Sie nennen es ein „40-Minuten Build-up“. Im Prinzip heißt das, dass wir 20 Minuten lang mit niedrigem Tempo unterwegs sind und dann immer schneller werden.

Dann geben uns die Trainer das Signal, und wir machen uns auf den Weg. Eine Schwadron altersschwacher Läufer, die sich langsam durch den beleuchteten Korridor zu den Aufzügen bewegt. Als sich die Aufzugstür im Erdgeschoß öffnet, mache ich den Fehler und steige als Erster aus. Max erklärt mir, dass ich Kenji den Vortritt hätte lassen sollen, da er die wichtigste Person der Gruppe ist.

„Ist nicht so schlimm, das konntest du nicht wissen“, beruhigt er mich. Es ist schwierig zu erkennen, ob ich jemanden vor den Kopf gestoßen habe. Doch niemand scheint es mir vorzuhalten. Alle unterhalten sich so wie vorher, als wir in die schwüle Nacht hinaustreten und eine Seitengasse hinter dem Gebäude bis zum Eingang eines Parks entlangjoggen. Aus dem dunklen Blätterwald der Bäume, nicht weit von uns weg, erhebt sich ein riesiges mehrstöckiges Gebäude in den Himmel.

„Die Burg von Osaka“, sagt Kenji stolz.

Ein prächtiger Anblick.

„Sugoi“, antworte ich. Fantastisch.

Im Park tummeln sich überall Läufer, die den gleichen Weg, der teilweise um die Burg herumführt, immer wieder vor- und zurücklaufen. Sie laufen meist in Gruppen und joggen langsam vor sich hin.

Wir mischen uns unter die Masse der Jogger, bleiben aber in unserer großen Gruppe zusammen. Das Tempo ist sehr langsam. Einige unserer Begleiter bringen den Mut auf, mir die eine oder andere Frage zu stellen, die Max sehr ausführlich beantwortet. Ich habe keine Ahnung, was er ihnen alles erzählt, doch ich höre ihre „Oohs“ und „Aahs“ und sehe, wie sie mich anblicken, so als ob ich große Dinge vollbracht hätte. Ich gebe es auf, Max darum zu bitten, immer alles zu wiederholen, und vertraue darauf, dass er ihnen das richtige Bild eines Engländers vermittelt, der ein Buch schreibt und als Erster einen Lift verlässt.

Nach genau 20 Minuten erhöht sich das Tempo, und unsere Gruppe beginnt sich auseinanderzuziehen. Der Weg führt für etwa eineinhalb Kilometer in einem Bogen um die Burg, und so laufen wir immer wieder die gleiche Strecke auf und ab. Ich fühle mich gut und laufe in der schnellsten Gruppe, die von Morita angeführt wird. Ich erwarte jeden Moment, dass sich das Tempo nun Schritt für Schritt verschärft, doch es bleibt gleich, bei etwa sieben Minuten für die anderthalb Kilometer. Ich kann mir nicht helfen, aber in der letzten Minute starte ich los und lasse die anderen hinter mir zurück. Über die Jahre hinweg war ich Mitglied in vielen verschiedenen Laufvereinen, und am Anfang ist es immer etwas kompliziert. Jeder Verein hat seine eigene Hackordnung, und das Letzte, was sie wollen, ist, dass irgendein Neuling daherkommt und alles über den Haufen wirft.

Ich erinnere mich, als ich meinem Klub in Devon beitrat, kurz nachdem ich aus Kenia zurückgekommen war. Der Vorsitzende des Vereins fragte mich, ob ich viel liefe, und ich erzählte ihm, dass ich gerade sechs Monate in Kenia verbracht hatte. Dort war ich einen Marathon in 3:20 Stunden gelaufen. Doch das war an einem ziemlich heißen Tag. Auf einer Staubstraße. Auf einer Seehöhe von über 1500 Metern.

„Gut, dann stecke ich dich in Gruppe 3“, sagte er.

Auf der Vereinswebseite hatte ich gelesen, dass sie fünf Gruppen hatten, wobei Gruppe 1 die langsamste war und Gruppe 5 die schnellste. Gruppe 3 kam mir persönlich ein wenig langsam vor.

„In Kenia habe ich mit Wilson Kipsang trainiert“, protestierte ich. „Sechs Monate lang.“

Er runzelte die Stirn und musterte mich.

„Na gut, dann kommst du eben mit mir in Gruppe 4“, lenkte er ein.

Wir liefen in einer kleinen Gruppe mit gemütlichem Tempo hinunter an die Küste von Torquay. Frisch zurück vom Höhentraining in Kenia konnte ich es nicht erwarten, schneller zu laufen. Genau an diesem Punkt wurden wir von einem Rudel schnellerer Läufer überholt, die auf die Straße auswichen, um an uns vorbeizukommen.

„Wer sind die?“, fragte ich den Vereinspräsidenten.

„Das sind die Fünfer“, erwiderte er.

Das sah mehr nach meinem Tempo aus. Zudem war es auch eine recht große Gruppe. Ich hatte das Gefühl, dass mir hier etwas entging.

„Darf ich mich denen anschließen?“

„Die werden aber nicht auf dich warten, wenn du nicht mithalten kannst“, antwortete er. „Wir schon.“

Ich zögerte für einen Moment. Ich konnte sehen, dass es ihn ärgerte, zu denken, dass ich es besser wüsste. Zugegeben, 3:20 war jetzt nicht gerade eine besonders beeindruckende Marathonzeit, doch man muss auch die schwierigen Bedingungen bedenken. Bevor die Gruppe endgültig weg war, traf ich meine Entscheidung.

„Ich riskiere es einfach“, sagte ich und sprintete den Fünfern hinterher.

Schlussendlich war es kein Problem. Die Gruppe war gut, doch es fiel mir recht leicht, ihr Tempo zu halten. Hinterher erntete ich jedoch ziemlich böse Blicke vom Vereinsboss, aber er sagte kein Wort. Es dauerte Monate, bevor er mir diese Aktion verziehen hatte.

Hier in Osaka halte ich mich zurück und laufe in der Gruppe. Es wäre wohl respektlos, gleich bei meinem ersten Training allen davonzulaufen. Doch dieser Drang, einfach loszulaufen, die Beine das machen zu lassen, was sie wollen, ist zu stark. Am Schluss stehen alle herum und schütteln ihren Kopf darüber, dass ich so schnell gelaufen bin. Max, der bereits eine Runde vor Schluss ausgestiegen ist, steht daneben und lacht. Der Einzige, der kein Wort sagt, ist Morita. Er wirft mir einen finsteren Blick von unter seinen Haaren zu.

Ich muss zugeben, dass ich darüber überrascht bin, so weit vor den anderen zu sein. Ich bin nicht einmal annähernd in Bestform und habe immer noch Probleme mit der hohen Luftfeuchtigkeit, die hier herrscht. Ich frage mich, wo all die schnellen Läufer sind. Sind das alles Profis? In Japan gibt es ungefähr 1500 Profiläufer, die bei verschiedenen Unternehmen unter Vertrag stehen, um dort für das jeweilige Ekiden-Team zu laufen. Im Vereinigten Königreich, das etwa die Hälfte der Bevölkerung Japans hat, gibt es wahrscheinlich weniger als 20 professionelle Langstreckenläufer, Sportler, die mit Laufen ihr Geld verdienen. Das heißt, dass viele der talentiertesten Sportler Großbritanniens einer normalen Arbeit nachgehen und sogar dafür bezahlen, abends im Laufverein laufen zu dürfen. Wären diese Topläufer hier in Japan Profis? Wäre ich Japaner, hätte ich dann vielleicht sogar meinen Lebensunterhalt mit Laufen bestreiten können?

Dieser Level an Professionalität in Japan erklärt zum Teil auch die Diskrepanz zwischen den beiden Nationen, wenn man einen Blick auf die Ergebnisse wirft. Britische Spitzenläufer wären wohl deutlich schneller, wenn sie mehr Zeit und Ressourcen ins Training stecken könnten, und viele andere hätten einen Ansporn, ihr Talent zu entwickeln. Stattdessen müssen die meisten Läufer ihr Training irgendwo zwischen Job und Familie hineinquetschen. In den meisten Fällen fehlt die Motivation, laufen zu gehen oder früh aufzustehen, um die eine oder andere zusätzliche Trainingseinheit einzulegen beziehungsweise Geld für Massagen auszugeben und die Tiefenmuskulatur im Fitnesscenter zu trainieren. Auch für die besten Läufer in Großbritannien ist Laufen meist nur ein Hobby. In Japan, andererseits, kann es für diejenigen, die ein gewisses Niveau haben, eine solide Karriereoption sein, mit professionellen Trainern, Sponsoring und Anerkennung.

Als wir uns schweißgebadet auf dem Weg zurück zum Dawn Center befinden, erzählt mir Max, dass er sehr zufrieden mit seinem Lauf sei. Er meint, dass es für den Anfang recht gut sei.

„Ich spüre es richtig, gerade in diesem Moment produziert mein Körper Hämoglobin. Ich war schon immer gut darin. Sechs Monate … du wirst schon sehen.“

Zurück im Konferenzraum trocknen sich die Männer den Schweiß mit Handtüchern ab, ziehen sich wieder ihre Bürokleidung an und verwandeln sich zurück in Buchhalter, Ärzte und Manager. Nur Kenji und ich behalten unsere Laufkleidung an. Als alle fertig sind, kommen die Frauen wieder in den Raum, auch sie sind nun wieder normale Zivilistinnen. Jemand teilt liebevoll verpackte Kekse aus, während Kenji seine Nachbesprechung hält. Max kann sich nicht dazu aufraffen, Kenjis Worte zu übersetzen. Ich glaube, er ist zu müde.


Während sich der Anfang meiner Nachforschungen über den Ekiden recht erfolgreich gestaltet hat, speziell mit einem Platz in einer Mannschaft, steht meinen Töchtern in Kyotanabe die schwierige Aufgabe bevor, sich in einer japanischen Schule einzuleben.

Doch sie sind beide recht optimistisch, was das anbelangt, und am ersten Schultag stehen sie auf und machen sich ohne Diskussionen fertig. Es scheint fast so, als würden sie sich darauf freuen.

„Lila sagt, dass es gut ist, in die Schule zu gehen, weil man dann etwas zu tun hat, wenn es regnet“, erklärt mir Uma.

Die Schultaschen geschultert und ausgerüstet mit neuen Schuhen und Kleidern sowie einem neuen Federpennal hüpfen sie vergnügt den kurzen Weg zur Schule vor uns die Straße hinunter, durch unsere vorstädtische Nachbarschaft. Erst als wir etwa 50 Meter vor der Schule sind, verlangsamen sich Umas Schritte.

„Komm bitte mit mir in die Klasse“, sagt sie, während sie mich an der Hand festhält.

Wir haben den Kindern bereits gesagt, dass wir das tun würden. Wir haben es auch schon mit den Lehrern besprochen. Ich vermute, dass die anderen Kinder uns zuerst anstarren und vielleicht auch versteckt kichern würden.

Doch es wird wohl nicht so eine Aufregung geben, wie sie es in der Schule in Kenia erlebt hatten.

„Natürlich“, sage ich. „Es wird schon alles gut gehen.“


Als wir den Schulhof betreten, bricht die Hölle los. Es ist der erste Tag nach den Sommerferien, und die Kinder sind schon von Haus aus aufgeregt, doch als sie sehen, wie wir Richtung Eingang gehen, flitzen sie vor uns herum, schlittern über den Holzboden, rufen und deuten auf uns. Es ist so, als würden wir ein Haus voller aufgeregter junger Hunde betreten, die alle zu uns herlaufen, verwirrt stehen bleiben und dann aufgeregt kläffend weglaufen.

Wir kämpfen uns durch das Getümmel, bis wir endlich das Klassenzimmer erreichen. Marietta und Ossian begleiten Lila und ich Uma. Sie blickt auf den Boden und hält meine Hand fest. Die Kinder führen uns zu Umas Tisch, doch selbst ich habe Probleme, mit diesem Chaos fertig zu werden. Sie tippen mich am Arm an und stellen mir Fragen, die ich nicht verstehe. Weit und breit ist kein Lehrer zu sehen.

Wir finden Umas Tisch, und sie setzt sich. Noch immer klammert sie sich an meinen Arm und wartet darauf, dass dieser Tumult endlich vorbei ist. Ich stehe etwas unbeholfen in der Gegend herum und lächle die anderen Kinder an, die weiter wie von der Tarantel gestochen herumlaufen. Ich wünschte, ich könnte sagen: „Ich verstehe euch nicht.“ Doch selbst dafür reicht mein Japanisch nicht aus.

Endlich ertönt die Schulglocke und kündigt die Ankunft der Lehrerin an.

Damit beruhigen sich die Kinder zwar, doch sie tratschen noch immer, als die Lehrerin lächelnd zu uns herüberkommt. Sie nimmt Umas Hand und spricht mit ihr auf Englisch. Zum ersten Mal blickt Uma auf, ein leichtes Lächeln in ihrem Gesicht. Ich sage ihr, dass ich nun gehen müsse, und sie schaut mich mit feuchten Augen an. Sie lässt meinen Arm los, und ich verlasse die Klasse, in der Hoffnung, dass alles gut wird.


Als ich meine zwei Töchter später wieder von der Schule abhole, scheint es ihnen ganz gut zu gehen. Ich frage vorsichtig, wie es so war, und beide antworten: „Gut“, ihre übliche Antwort, wenn sie nicht in der Stimmung sind, uns zu erzählen, was sie erlebt haben. An diesem Nachmittag spielen sie draußen mit den anderen Kindern in unserer Straße und werfen freudig Wasserballons in die Luft, damit sie platzen, wenn sie auf dem Boden aufklatschen. Und so scheint es, dass wir nun endlich angekommen sind. Unser kleines Vorstadthaus, die Kinder in der Schule, die schon ein paar Freunde gefunden haben, unsere ordentlich nebeneinander aufgereihten Fahrräder im Vorgarten. Unser Leben in Japan, so scheint es, hat begonnen.

Doch noch am gleichen Abend, als wir in unserem „japanischen Zimmer“ sitzen, mit seinen Papierschiebetüren und den Tatamimatten am Boden, vor uns die Reste des Abendessens auf einem niedrigen Holztisch, spielt Lila mit ihren Essstäbchen und schiebt die letzten Reiskörner in ihrer Schale herum.

„Uma sagt, sie will morgen nicht zur Schule gehen“, erzählt sie, während sie uns ansieht.

Dann beginnen beide plötzlich zu weinen und sagen, wie schrecklich die Schule sei, und dass die anderen Kinder sie anstarren und Fragen stellen, die sie nicht verstehen. Sie bekamen auch das falsche Mittagessen, sagen sie, die falschen Hüte und die falschen Schuhe.

„Ich will nicht anders sein“, sagt Uma und bricht mir mit ihrem Schluchzen fast das Herz.

In jener Nacht, als die beiden schlafen, sehen sich Marietta und ich an. Das war nicht der Plan. Wir fühlen mit unseren Kindern, doch wir können doch nicht jetzt schon aufgeben, nach nur einem Tag. Ich denke, dass sie, wenn sie das überstehen und sich einleben, eine Lektion fürs Leben gelernt haben. Sie werden wissen und verstehen, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Und wenn sie lernen, damit umzugehen und sich einzugliedern, etwas Japanisch zu sprechen und sich der Situation anzupassen, dann wäre dies etwas, was sie ihr ganzes Leben lang begleiten wird. Ich stelle mir vor, dass sie eines Tages zur Schule gehen und ihre Freunde auf Japanisch begrüßen, sich vergnügt auf ihre Plätze setzen und über einen Witz, den einer der Jungs macht, lachen. Wäre das überhaupt möglich?

Am nächsten Morgen, als ich zehn Minuten in Umas Klasse verbringe, um sie zu beruhigen, fällt es mir schwer, zu glauben, dass das möglich ist. Wortfetzen fliegen wie aus Maschinenpistolen geschossen durch das Klassenzimmer. Es scheint unmöglich, irgendetwas davon zu verstehen. Nach zehn Minuten lasse ich sie allein, während sie mit stoischem Blick an ihrem Tisch sitzt. Sie protestiert nicht, als ich mich hinausschleiche. Wahrscheinlich weiß sie, dass ich ihr nicht helfen kann.

In den nächsten Tagen gibt es zwar noch weitere Proteste, doch langsam legt sich die ganze Aufregung wieder. Marietta rät mir, nicht auf Vernunft zu setzen oder die Kinder anzuflehen, zur Schule zu gehen, sondern einfach vorauszusetzen, dass sie gehen. Das heißt, auch wenn sie sagen, dass sie nicht gehen wollen, bereiten wir ihnen, ohne ein Wort zu verlieren, ihre Pausenbrote vor, legen ihnen ihre Kleidung heraus und packen ihre Schulbücher zusammen. Das scheint zu funktionieren. Während ich mich darum sorge, dass ich vielleicht die Ängste meiner Kinder ignoriere, ist mir auch klar, wie enttäuscht wir alle wären, wenn wir einfach so aufgeben würden, ohne es wirklich versucht zu haben. Abgesehen davon sind wir nur in diesen unscheinbaren Vorort gezogen, damit wir es nicht weit zur Schule hätten. Wir haben auch bereits sechs Monatsmieten im Voraus bezahlt, und das für ein Haus ohne Garten. Wenn sie nicht in die Schule gehen, bekommen wir vielleicht alle noch einen Lagerkoller.


Wegen der Probleme meiner Töchter, sich in der Schule einzuleben, lasse ich meine Entscheidung, nach Japan zu gehen, noch einmal Revue passieren. Bis jetzt habe ich noch keinen der großen Läufer getroffen, doch wenn man sich die Ergebnislisten ansieht, dann weiß ich, dass irgendwer irgendwo etwas richtig gemacht haben muss. Ich muss nur tiefer graben und es finden. Warum ist das so interessant?

Nun, einerseits macht es mich neugierig, warum Langstreckenlaufen hier ein so beliebter Sport bei den Zuschauern ist. In anderen Teilen der Welt interessieren sich wirklich nur die fanatischsten Fans für Langstreckenrennen. Die meisten Menschen, die in Europa oder den USA Marathons verfolgen, kennen nicht einmal die Namen der Läufer, die in der Spitzengruppe laufen. Sie interessieren sich fast nur für ihre Freunde oder Verwandten, die irgendwo ihm großen Feld oder weiter hinten laufen. Die Führenden sind nur als Benchmark interessant, eine Projektion davon, was möglich ist. Es ist schon beeindruckend, sie laufen zu sehen, doch ihre Namen, ihre Geschichten oder Rivalitäten sind irrelevant. In Japan sind diese Eliteläufer jedoch große Stars.

Der andere Grund, der die Kultur des Laufsports in Japan so faszinierend macht, ist meine Chance, etwas Neues zu lernen, etwas, das mir helfen kann, mich als Läufer weiterzuentwickeln. Oft werde ich gefragt, wie sich mein Laufen nach den sechs Monaten in Kenia verändert hat. Die Wahrheit ist: fast gar nicht. Kenia hat mich dazu inspiriert, öfter laufen zu gehen und die Leidenschaft und den Enthusiasmus, die dort geherrscht haben, für mein eigenes Training zu übernehmen. Doch einige dieser Schlüsselfaktoren, die diese Läufer so großartig machen, kann ich einfach nicht kopieren. In Kenia auf dem Land aufzuwachsen, jeden Tag zur Schule zu laufen, hinunter zum Fluss, zu den Feldern, und das alles barfuß und auf einer Höhe von über 2000 Metern.

Andererseits ist das in Japan ja auch nicht der Fall. Die japanische Gesellschaft ist, betrachtet man Komfort und Bequemlichkeit – Dinge wie Fernsehen, Autos, Büros, die unsere Fähigkeit zu laufen verkümmern lassen –, der in Großbritannien sehr ähnlich. Zumindest oberflächlich betrachtet. Trotzdem gibt es Tausende von superschnellen Läufern in Japan. Warum? Es ist eine faszinierende Frage, und mein nächster Stopp auf der Suche nach einer Antwort darauf ist die Ritsumeikan-Universität in Kyoto.

6

Wenn man an der Ritsumeikan-Universität am Rande von Kyoto ankommt, so sieht man als Erstes eine Laufbahn. Die Bahn liegt in einer mit Gras bepflanzten Senke vor den Hauptgebäuden. Alle, die mit den endlosen Shuttlebussen von und zur Zugstation ankommen oder abfahren, sehen die Laufbahn und die Athleten, die darauf laufen. Es ist eine ständige Erinnerung an die zentrale Rolle, die der Sport, und im Speziellen das Laufen, an japanischen Universitäten einnimmt.

Zusätzlich zu seinem Amateurverein Blooming hat Kenji vor Kurzem begonnen, die Ekiden-Teams der Männer an der Ritsumeikan-Universität zu trainieren. Diese Mannschaft ist eine der größten außerhalb Tokios und Umgebung.

In Japan sind Universitätsteams die beliebtesten Ekiden-Teams. Das liegt zum Teil daran, dass – wie Kenji es schon seinen Läufern von Blooming gesagt hat – die Profimannschaften zu berechenbar und die Rennen dadurch nicht mehr so aufregend sind. Doch zum Großteil liegt es am Hakone.

Im Herzen des japanischen Laufsports gibt es einen Wettbewerb, eine Veranstaltung, die weit über allen anderen steht: der Hakone Ekiden. Schon jetzt taucht dieser Name bereits überall auf, doch erst am Ende meiner sechs Monate in Japan weiß ich, wie viel Drama und Bedeutung bei diesem Wort mitschwingen. Ich sehe, wie die Leute reagieren, wenn ich dieses Wort erwähne, wie ihre Augen größer werden.

„Ikimasu“, sage ich dann ganz ehrfürchtig zu ihnen, ich werde dort sein, so als ginge es um eine Pilgerreise ins Heilige Land. Wenn sie mich das sagen hören, wissen sie, wie ernst ich es meine.

Der Hakone ist nicht nur der größte Wettbewerb im japanischen Rennkalender, er ist die größte jährliche Sportveranstaltung in Japan. Das Rennen dauert über zwei Tage und erreicht normalerweise Einschaltquoten von fast 30 Prozent im japanischen Fernsehen. Die Quoten sind ähnlich denen des Super Bowl in den USA und höher als die eines FA-Cupfinales in Großbritannien. Dazu kommt, dass dieses Event am 2. und 3. Jänner stattfindet, zur Hauptsendezeit, wenn die Menschen nach den Neujahrsfeiern noch frei haben.

Zusätzlich zu den Zusehern vor den Bildschirmen sind die Straßen entlang der 217,9 Kilometer langen Strecke mit unzähligen Zuschauern gesäumt. Es ist wirklich episch.

Schon Monate vor dem Rennen erhalten wir Werbung in unserem Briefkasten in Kyotanabe, die zum Kauf von Hakone-Merchandise anregen soll: Handtücher, Jacken, Baseballkappen. Sapporo bringt für diesen Anlass sogar ein Bier auf den Markt.

Der Hakone Ekiden reicht weit über die Grenzen des Laufsports hinaus und spricht auch Leute an, die sich normalerweise nicht fürs Laufen interessieren. Es ist eine landesweite Veranstaltung. Wahrscheinlich ist es sogar der meistgesehene Laufwettbewerb der Welt. Doch so wie ein schwarzes Loch alles, was ihm zu nahe kommt, verschlingt, so bringt auch die ungeheure Popularität des Hakone Ekiden einiges an Problemen für den japanischen Laufsport mit sich.

So sind zum Hakone ausschließlich männliche Universitätsmannschaften aus Japans Kanto-Region, der Gegend rund um Tokio, zugelassen. Im Grunde genommen ist es also ein lokaler Laufwettbewerb zwischen Universitäten. Und da wären wir schon einmal beim ersten Problem, nämlich, dass dieser Wettbewerb alle anderen Universitäten des Landes, auch Kenjis Ritsumeikan in Kyoto, die sich in der Region Kansai befindet, von vornherein ausschließt.

Natürlich wollen die besten Läufer in den Schulen den Hakone laufen. Das bedeutet, dass ein Coach wie Kenji, der nach Läufern für seine Nicht-Hakone-Universität sucht, sich mit den Burschen begnügen muss, die von den Hakone-Teams übriggelassen wurden, nachdem sie sich die größten Talente einverleibt haben. Natürlich gibt es auch immer wieder Spätzünder oder Läufer, die sich in der Schule verletzt oder dort das Training nicht ernst genug genommen haben und ihr Talent erst später entwickeln, doch im Großen und Ganzen werden die Topläufer aus den Sekundarschulen auch zu den Topläufern an den Universitäten.

Das Ergebnis ist ein unüberwindbares Zweiklassensystem: Unis aus der Region Kanto und diejenigen, die sich nicht in der Region Kanto befinden.

Was Universitäten in Kanto alles tun, um den Hakone zu gewinnen, kann man anhand eines Gebäudes sehen, das für das Gewinnerteam von 2012, die Toyo-Universität, errichtet wurde und knapp vor meiner Ankunft in Japan eingeweiht wurde. Die Universität hat ihrem Ekiden-Team ein eigenes, hypermodernes Hauptquartier gebaut, mit Fitnessraum, Whirlpool, Eisbad, Speisesaal und genügend Schlafräumen für 100 Personen. Das Gebäude befindet sich neben der Laufbahn der Universität, wobei die Schlafräume allerdings alle in Richtung eines nahe gelegenen Parks blicken.

„Wenn du die ganze Zeit nur die Laufbahn siehst, kannst du nicht richtig abschalten“, erklärte der Toyo-Cheftrainer, der eine Schlüsselrolle bei der Planung dieses Gebäudes gespielt hat.

Interessanterweise hat der Hakone genau den gegenteiligen Effekt, wenn es um den Ekiden bei den Damen geht. Während die Universitäten der Region Kanto alles in ihre Herrenteams stecken, in der Hoffnung, beim Hakone zu glänzen, vernachlässigen sie ihre Damenteams. Und da die Universitäten im Rest des Landes keinen Hakone haben, stecken sie mehr Zeit und Geld in ihre Damenmannschaften, was darin resultiert, dass die besten Ekiden-Teams bei den Damen von Universitäten stammen, die nicht am Hakone teilnehmen. Das beste von allen ist das Damenteam der Ritsumeikan, die Landesmeister von 2012, die mit sieben Meistertiteln auch den Rekord halten.

Bei meiner ersten Fahrt zum Campus der Ritsumeikan-Universität sitze ich auf der Rückbank von Kenjis Wagen. Er holt mich und Max vom Bahnhof ab. Am Beifahrersitz sitzt eine Schülerin aus der Realschule.

„Osaka, Nummer zwei“, sagt er stolz.

Anscheinend ist sie die zweitschnellste 3000-Meter-Läuferin ihrer Altersklasse im nahe gelegenen Osaka. Kenji hat sie unter seine Fittiche genommen und setzt große Hoffnungen in sie.

„Olympische Spiele in Tokio“, sagt er, und seine Augen leuchten dabei vor Freude.

Das Mädchen lächelt nur höflich.

Als wir das Tor zum Universitätscampus passieren, läuft das Damenteam gerade in einer großen Gruppe auf der Bahn. Sie laufen alle in diesem typischen Stil, den alle japanischen Läuferinnen haben. Dieser Stil mag zwar effektiv sein, doch er sieht sehr unspektakulär aus. Aus der Ferne betrachtet, könnte das auch eine Gruppe von Joggerinnen sein, und nicht eine der stärksten Damenlaufstaffeln der Welt.

Leider hat die Trainerin des Damenteams ihren Athletinnen verboten, mit Kenji oder irgendjemand anderem aus dem Männerteam zu sprechen. Sie will nicht, dass ihre Mädchen abgelenkt werden oder vom Weg abkommen. Einmal, einige Monate später, stoßen wir auf zwei der Läuferinnen in der Ritsumeikan-Kantine. Sie sind freundlich, blicken sich aber immer wieder um, ob sie vielleicht beobachtet werden. Schließlich haben sie zu viel Angst davor, dabei gesehen zu werden, wie sie mit uns reden, und verlassen uns.

Kenji lacht, als ich ihn frage, ob es mir erlaubt wäre, eine der Läuferinnen zu interviewen.

„Nein, nein“, winkt er ab und schüttelt den Kopf.

Er parkt sein Auto neben den Publikumsbänken aus Beton am Rande der Laufbahn, wo sich das Herrenteam versammelt hat und sich angeregt unterhält, während sie auf ausgebreiteten Gummimatten Dehnungsübungen machen.

„Os“, murmeln sie, als wir uns nähern.

Kenji trägt mehrere Schnellhefter und Clipboards, macht einen Witz und kichert in sich hinein. Einige der Läufer lächeln gequält, doch die meisten fahren mit ihren Dehnungsübungen fort.

Ich bin nicht sicher, ob sie mich erwartet haben. Max sagte mir, dass Kenji kein Problem damit hätte, wenn ich mich mit seinem Team unterhalten und vielleicht sogar mit ihm laufen wolle, also bin ich in meinem Trainingsoutfit gekommen. Auch Max ist bereit, mitzulaufen.

„Lass uns sehen, was passiert“, meint er.

Nachdem Kenji alle begrüßt hat, stellt er uns seinem Teamkapitän, Daichi Hosoda, vor. Daichi hat lange Haare, die er offen trägt, und ein breites, jugendliches Lächeln. Er gibt uns die Hand, verbeugt sich höflich und heißt uns beim Training willkommen. Insgesamt besteht das Ekiden-Team aus ungefähr 30 Läufern. Kenji erklärt, dass das heutige Abendtraining aus einem 15-Kilometer-Zeitlauf in der Gruppe besteht. Er fragt, ob wir mitmachen wollen.

„Ju Kilo“, schlägt er vor, ein entschärftes Training für Max und mich. Zehn Kilometer. „Okay?“

Es ist ein Tempo von etwa vier Minuten pro Kilometer geplant, deutlich schneller als das der Amateurgruppe. Allerdings nicht so schnell, dass ich nicht über zehn Kilometer mithalten könnte. Nach unserer einmonatigen Reise nach Japan habe ich bereits zwei Wochen Lauftraining intus, und ich fühle, wie meine Fitness langsam wiederkehrt. Die Strecke ist ein 1,25 Kilometer langer Straßenabschnitt, den wir auf und ab laufen. Somit kommen wir immer nach 2,5 Kilometern am Start vorbei, was uns genügend Möglichkeiten gibt, auszusteigen, wenn es uns zu viel wird. Es ist ein ziemlich heißer Abend, doch die Luftfeuchtigkeit ist im Gegensatz zu den vorherigen Wochen etwas niedriger.

Bevor es losgeht, bilden wir zusammen einen großen Kreis, und Kenji stellt Max und mich offiziell vor. Er erklärt seinen Schützlingen, dass sie sich nicht scheuen sollen, mit uns zu reden. Einer aus dem Team fragt uns sofort nach unserem Alter. Max sagt, dass ich 39 Jahre alt sei und er 35. Der Mann, der die Frage gestellt hat, sagt etwas darauf, worauf Max etwas erwidert, und alle zu lachen beginnen.

„Was hat er gesagt?“, frage ich Max.

„Er hat gesagt, ich sehe viel jünger aus“, antwortet Max lachend.

Ich bekomme keine Komplimente, und so gehen wir hinüber zum Start, wo wir uns schnell aufstellen und alle ihre Uhren einstellen. Und nach noch einmal Durchzählen und ein paar aufmunternden Worten geht es los. Ich suche mir einen Platz in der Mitte der Gruppe. Vorne an der Spitze läuft der Kapitän des Teams. Es ist schon eine Weile her, dass ich mit höherem Tempo in einer Gruppe gelaufen bin, und es fühlt sich gut an, zurück in einem Rudel mit anderen zu sein und das rhythmische Geräusch unserer Schritte auf dem Asphalt zu hören. Alle laufen ohne Anstrengung, doch keiner spricht auch nur ein Wort. Die Herausforderung kommt erst. Jetzt heißt es erst einmal abwarten und sich in Geduld üben.

Die Straße schlängelt sich um die Rückseite der Universität, vorbei an Tennisplätzen und ein paar größeren Parkplätzen. Dann erreichen wir einen am Boden markierten Punkt, drehen um und laufen wieder zurück.

Max kommt uns entgegen. Er musste abreißen lassen, doch er gibt noch immer alles. In seinem Gesicht sieht man förmlich die Anstrengung, und er ignoriert uns, als wir vorüberlaufen. Als wir wieder am Start ankommen und auf die zweite Runde gehen, ruft uns ein Team an Betreuern und Trainern unsere Zeiten zu. Einer von ihnen, der Teamtrainer, macht Fotos mit einem iPad.

Und so geht es auf die zweite Runde. Erst jetzt registriere ich, dass es beim Hinlaufen leicht bergauf geht. Inzwischen macht sich die schwüle Nacht, die sich immer mehr über mich legt und mir die Energie aus den Beinen saugt, immer mehr bemerkbar. Ich merke, wie ich langsam ans Ende des Feldes zurückfalle. Bergab, am Rückweg zum Start, bemühe ich mich, an der Gruppe dranzubleiben, doch ich spüre, wie ich mich anstrengen muss.

Als wir auf die dritte Runde gehen, falle ich zusammen mit einem anderen Läufer zurück. Ich blicke zu ihm hinüber. Er sieht mich an. Sein Kopf ist leicht zur Seite geneigt, und er sieht nervös aus.

Mein Vorteil ist, dass ich jederzeit stehen bleiben kann. Die anderen warten nur darauf, bis es so weit ist. Ich bin kein Läufer. Ich bin ein Autor. Ich mache das hier nur zum Spaß. Dieser Gedanke ist in solchen Momenten, wenn es hart auf hart geht und meine Beine darauf drängen, langsamer zu werden, immer ein Trost. Andererseits schwingt aber auch eine gewisse Enttäuschung mit. In meiner eigenen Vorstellung bin ich ein Läufer. Allerdings nur so lange, bis ich es mit richtigen Läufern zu tun bekomme. Diese Erfahrung kann dann ziemlich demotivierend sein.

Doch der Bursche neben mir läuft um seine Zukunft, um seinen Platz im Team. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er seinen Platz an dieser Uni aufgrund seiner läuferischen Leistung in der Schule bekommen hat. Vielleicht hofft er sogar, Profi zu werden. Vor dem Training hat mir einer der anderen Studenten erzählt, dass die meisten hier im Team hoffen, nach der Uni einmal Profi zu werden. Das ist der Weg, den sie verfolgen. Doch nicht alle würden es auch schaffen.

Mein nervöser Begleiter und ich absolvieren zusammen die dritte Runde, bevor ich erschöpft aufgebe. Er läuft tapfer weiter und macht sich auf die vierte Runde. Als sich das Tempo erhöht, beginnen nun auch andere Läufer am Ende der Gruppe zurückzufallen. Noch immer führt der Teamkapitän das Feld an.

Ich blicke auf meine Uhr. Ich bin 7,5 Kilometer in 30 Minuten gelaufen. Ich schwöre mir, dass ich das nächste Mal zehn Kilometer durchhalten werde.

Während wir auf die Läufer warten, fragt mich Kenji, ob die Kenianer auch im Gänsemarsch laufen.

„Nicht wirklich“, erkläre ich ihm.

Anstatt auf einem kurzen Straßenabschnitt auf und ab zu laufen, laufen die Kenianer kilometerlang auf staubigen, unbefestigten Wegen. Sie laufen eigentlich so gut wie nie auf Asphalt, wenn sie es vermeiden können.

Kenji sagt, es sei für Ekiden-Läufer wichtig, auf der Straße zu trainieren, da es deine Beine an Straßenrennen gewöhne. Als ich darauf hinweise, dass sich die Kenianer auch ohne Asphalttraining ziemlich gut auf der Straße schlagen,3 meint er, dass sie noch viel besser wären, wenn sie auf Asphalt trainierten.

Es ist ein Thema, auf das Kenji und ich wieder zu sprechen kommen werden, doch für den Augenblick nicke ich nur und gebe ihm damit zu verstehen, dass ich seiner Logik folgen kann, auch wenn ich nicht ganz damit einverstanden bin.

Bevor wir Kenji an diesem Abend verlassen, sagt er uns, dass sie nächste Woche auf ein einwöchiges Trainingslager in den Bergen fahren und wir herzlich willkommen seien, uns ihnen anzuschließen. Ich akzeptiere diese Einladung sofort. Es scheint, als hätte ich doch noch ein richtiges Ekiden-Team gefunden, dem ich beitreten kann.


Während der Hakone der Höhepunkt der universitären Ekiden-Saison der Männer ist, gibt es im Vorfeld noch zwei andere bedeutende Bewerbe. Den Izumo Ekiden und den landesweiten All-Japan National Ekiden. An diesen Wettkämpfen nehmen Teams aus allen Teilen des Landes teil, ganz im Gegensatz zum Hakone, der nur auf Teams aus der Region Kanto beschränkt ist. Für die Mannschaften aus dem restlichen Japan bedeutet das, dass sie zwei Gelegenheiten haben, sich selbst ins Rampenlicht zu stellen, wenn sie gegen die viel prestigeträchtigeren Hakone-Teams antreten und versuchen, sie zu besiegen.

Kenjis Job ist es also, das Herrenteam der Ritsumeikan so gut wie möglich auf diese beiden Rennen vorzubereiten und zu zeigen, dass es auch ein Leben abseits des Hakone gibt. Um sein Team für diese Aufgabe in Form zu bringen, fährt er mit seinen Leuten für ein einwöchiges Trainingscamp in die Berge. Max und ich sind mit von der Partie und stoßen am dritten Tag nach einer sechsstündigen Fahrt über kurvige Autobahnen von Kyoto nach Nigata zu ihnen. Hier oben ist die Luft nicht mehr so feucht. Wir befinden uns nun auf etwa 900 Höhenmetern, nicht besonders hoch, doch genug, damit die Lungen etwas mehr arbeiten müssen.

Wir kommen am Nachmittag an und gesellen uns zu den anderen auf der Laufbahn. Es gibt auch einige andere Teams, die hier trainieren. Die Laufbahn hat nur drei Bahnen, und weit und breit ist nichts von Wurfkäfigen oder Sandkästen für den Weitsprung zu sehen – das Ganze ist einzig und allein für die Langstreckenläufer da. In den Sommermonaten wird das gesamte Areal für Ekiden-Teams hergerichtet, mit Laufbahnen und Trails, so weit das Auge reicht. Da es im Winter sehr viel schneit und die Gegend oft unter einer dicken Schneedecke begraben ist, leben nur sehr wenige Menschen hier. Alles erscheint ziemlich verlassen, abgesehen von den Läufern. Es ist ein Paradies für Laufsportler.

Das Ritsumeikan-Team hat bereits einen Morgenlauf hinter sich und ist nun beim „freien Laufen“. Das heißt, dass jeder Läufer sein eigenes Tempo, seine eigene Route und Distanz wählen darf. Kenji weist den Teamkapitän an, uns auf einen Lauf mitzunehmen.

Obwohl sich die Berge hier über viele Kilometer erstrecken, laufen wir einen markierten kurzen, zickzackförmigen Pfad im Wald neben der Laufbahn entlang. Mit den vielen Kurven ist er etwa 800 Meter lang, und so drehen wir eine Runde nach der anderen, bis der Kapitän entscheidet, dass es reicht. Die anderen Läufer tun es ihm gleich. Wie Züge einer kleinen Modelleisenbahn, die vor- und zurückfahren.

Ich frage den Teamkapitän, ob er auch professioneller Ekiden-Läufer werden will, wenn er mit der Uni fertig ist. Soweit ich es beurteilen kann, ist eine Karriere im Laufsport eine der Triebfedern für das viele Training. Im Vereinigten Königreich sind die Aussichten, Profiläufer zu werden, so gering, dass die meisten Leute den Gedanken daran aufgeben, wenn sie auf die Uni gehen. Wenn du nicht gerade Mo Farah heißt, dann bedeutet eine Karriere als professioneller Langstreckenläufer, dass du, wenn du Glück hast, ein wenig Sponsorengeld einer Lotteriegesellschaft und ein paar Ausrüstungsgegenstände von einem Sponsor zur Verfügung gestellt bekommst, sowie den Hungerlohn, den du als Preis- und Antrittsgeld bei Rennen erhältst. Da aber die Kenianer und Äthiopier fast alle Straßenrennen auf der Welt gewinnen, bleiben für die meisten britischen Läufer gerade einmal ein paar Hundert Pfund übrig – und das nur hin und wieder. In Japan können sogar die langsamsten Profis zumindest so viel wie ein Büroangestellter verdienen, während der finanzielle Anreiz für die Topathleten noch viel größer ist.

Als der Kapitän dann meint, dass er nicht Profi werden will, kommt das überraschend für mich. Er will Feuerwehrmann werden. Er erzählt, dass sein Vater auch Feuerwehrmann sei. Doch als Teamkapitän muss er sicherlich der beste Läufer sein. Warum will er also nicht Profi werden?

Er lächelt schüchtern, fast so, als ob ihm die Frage unangenehm sei. Es stellt sich heraus, dass er nicht einer der besten Läufer ist. Er ist vor allem deswegen Kapitän, weil er der Älteste im Team und ein guter und recht beliebter Student mit guten sozialen Kompetenzen ist. Der Typ, der auch mit Fragen eines ausländischen Journalisten umgehen kann. „Die Karriere eines Ekiden-Läufers ist kurz“, sagt er. „Wenn deine Zeit vorbei ist, stecken sie dich hinter einen Schreibtisch. Und das auch nur, wenn es ein gutes Unternehmen ist. Andere Firmen entlassen dich einfach.“

Ich muss zugeben, dass sich das nicht mehr so toll anhört, wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet. Als wir an der Bahn vorbei zurücklaufen, dreht dort eine Gruppe von drei Profiläuferinnen mit hohem Tempo ihre Runden. An ihren Gesichtern kann man ablesen, wie sie leiden, jede Einzelne scheint am Rande eines Zusammenbruchs zu stehen.

Wir laufen an ihnen vorbei und dann wieder zurück in den Wald.

„Wirst du für die Feuerwehr Ekiden laufen?“, frage ich unseren Kapitän.

„Ja“, antwortet er.

Ich frage ihn, warum er läuft. Was ihn dazu antreibt, weiter zu trainieren, ein Teil des Teams zu sein? Er sieht mich verdutzt an und läuft dann ohne etwas zu sagen weiter. Auf dem Waldweg sind unsere Schritte kaum zu hören. Nach etwa einer Minute blickt er zu Max hinüber, so als hoffe er, dass sich die Frage in Luft aufgelöst hat.

„Eigentlich laufe ich gar nicht so gern“, sagt er.

Dann zuckt ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. Vielleicht ist er erleichtert, es endlich einmal ausgesprochen zu haben.

„In der Schule habe ich sehr viel Sport betrieben, doch im Laufen war ich eben besser als in den anderen Sportarten. Die Leute haben mich unterstützt und angespornt.“

Einige Monate später bekommt er seinen Job als Feuerwehrmann. Ich freue mich für ihn. Vielleicht kann er nun endlich mit dem Laufen aufhören. Oder er macht gegen seinen Willen weiter, nur um andere zufriedenzustellen.


Nach dem Training gehen wir in die Teamunterkunft. Das Haus gehört einem älteren Ehepaar und ist ein spitz zulaufendes Holzgebäude mit zwei schlafsaalähnlichen Zimmern mit Stockbetten für die Sportler. Im Waschraum wird es eng, und so sitzen wir zu dritt oder zu viert in der großen verfliesten Badewanne, voll mit dampfend heißem Wasser. Nun, da das Training vorbei ist, unterhalten sich alle entspannt und lachen.

Nachdem wir sauber sind, versammeln wir uns im neonbeleuchteten Esszimmer. Lange Tische mit grünen, geblümten Tischtüchern, auf denen sich das Essen stapelt. Da sind Schüsseln mit Suppe und in Streifen geschnittenem, rohem Gemüse. In der Mitte eines jeden Tisches stehen kleine Wärmeplatten mit Töpfen, in denen sich eine Suppe mit Fisch und Seetang befindet. Max und ich kommen als Letzte. Zwei Plätze gegenüber von Kenji sind für uns reserviert, die Essstäbchen liegen bereits ordentlich auf ihren Haltern am Tisch.

Ich bin zwar Vegetarier, doch ich denke, dass ich mich diesmal etwas anpassen muss. Die Töpfe sind voll mit Gemüse, Nudeln und Fisch. Ich versuche, die Fischstücke so gut wie möglich zu vermeiden, und fülle meine Schale mit dem Rest. Zusätzlich gibt es noch genügend Reis, an dem man sich sattessen kann. Und Misosuppe. Und Natto – eine streng riechende Beilage aus fermentierten Sojabohnen. Das erste Mal, als ich Natto kostete, war vor zwölf Jahren, als ich meinen Bruder besuchte und er den Ekiden für seine Schule am Tag nach dem Nacktfest lief. Ich konnte es damals nicht ausstehen, und die Japaner machen sich einen Spaß daraus, es unbedarften Fremden vorzusetzen und es sie probieren zu lassen. Abgesehen davon, dass es nach nassen, stinkenden Stiefeln riecht, ist es auch noch mit einem ekeligen Schleim bedeckt. Doch heute probiere ich es zum zweiten Mal, und irgendwie schmeckt es gar nicht einmal schlecht.

„Natto strotzt nur so von gesunden Bakterien“, meint Max. Genauso wie Miso.

„Die japanische Küche kennt viele fermentierte Gerichte, so wie diese hier“, erklärt Max. „Sie fördern die Produktion guter Mikroorganismen in deiner Darmflora, die wiederum deine Verdauung anregen, was wichtig für die Gesundheit und das generelle Wohlbefinden ist. Speziell für Sportler ist das gut, denn sie können dadurch mehr Energie aufnehmen.“

Alle Sportler, die ich in Japan treffe, folgen einer ziemlich traditionellen japanischen Ernährungsweise aus Reis, Misosuppe, Natto, Seetang, Fisch, Buchweizennudeln, Tofu und Gemüse als Basisnahrungsmittel ihres täglichen Essens. Jeden Tag essen sie eine Kombination daraus zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Das ist eine unglaublich gesunde Ernährung, die auch dazu beiträgt, dass Japan eines der gesündesten Länder der Erde ist. Das Land hat nicht nur die höchste Lebenserwartung, wie ja weithin bekannt ist, sondern in einer 2013 von der UNO erstellten Liste der übergewichtigsten Staaten der Ersten Welt hatte Japan mit einem Anteil von nur 4,5 Prozent von übergewichtigen Menschen in der erwachsenen Bevölkerung den niedrigsten Wert. Im Vergleich dazu belegte Großbritannien mit 24,9 Prozent an übergewichtigen Erwachsenen Platz 23.4

Eine weitere großangelegte Studie der American Heart Association im Jahr 2013 fand heraus, dass Kinder in den entwickelten Ländern heute im Schnitt etwa 90 Sekunden länger brauchen, um eine Meile zu laufen, als noch vor 30 Jahren. Ein gewisser Verlust an Fitness wurde in allen Staaten der Ersten Welt festgestellt, bis auf einen: Japan, wo die Kinder und Jugendlichen heute schneller laufen als noch ihre Eltern. Obwohl dies natürlich auch teilweise auf die Bedeutung des Sports an den Schulen zurückzuführen ist, so kann man davon ausgehen, dass eine gesunde Ernährung bei solch niedrigen Zahlen ebenfalls eine Rolle spielt.

Natürlich existieren in Japan auch industriell hergestellte Frühstückszerealien, Sandwiches, Burger, Pizzas und anderes ungesundes Essen, doch sind sie nicht so allgegenwärtig wie in der westlichen Welt, und sie bilden keinesfalls die Basis der Ernährung der Menschen.

Weizen, eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel in Europa und Amerika, das über die letzten Jahre als ungesunde, problematische Nahrungsressource in Kritik geraten ist, wird in Japan weitaus seltener gegessen. Wenn man in Japan im Supermarkt einen Laib Brot kaufen will, bekommt man nur drei Scheiben abgepacktes Brot. Für meine Kinder, die gerne Toast zum Frühstück essen, bedeutet das, dass wir fast immer das ganze Regal leerräumen, wenn wir einkaufen gehen.

Zudem sind die Portionen in Japan generell kleiner als in der westlichen Welt. Einmal bemerke ich in einem Restaurant, dass man Pommes frites als Beilage zu einem Gericht bestellen kann. Da kann ich nicht widerstehen. Als ich dann mein Essen bekomme, liegen da genau drei Pommes in einer winzigen Schüssel.

Es gibt zahlreiche Studien, die die Auswirkung der Portionsgröße auf unsere Essgewohnheiten untersucht haben, und alle kamen zu dem wenig überraschenden Ergebnis: Wenn man einer Person eine größere Portion von etwas anbietet, isst diese Person auch mehr. In einer Studie wurde sogar 14 Tage altes, schales Popcorn verwendet. Diejenigen, die eine größere Portion bekamen, aßen auch mehr davon, selbst wenn sie danach zugaben, dass es scheußlich schmeckte. Kleinere Portionen und weniger Kalorien sind zurzeit Modebegriffe im Gesundheitsbewusstsein der westlichen Welt. Doch genau diese Dinge werden in Japan schon seit langem praktiziert. Die gängige japanische Phrase „Hara hachi bu“ bedeutete so viel wie „Iss, bis du zu 80 Prozent satt bist“.

Außerdem verhindert das Essen mit Essstäbchen, dass man sich über-isst, denn man ist gezwungen, langsamer zu essen, was wiederum bedeutet, dass man sich schneller satt fühlt. Inzwischen bin ich es gewohnt, mit Stäbchen zu essen, und wann auch immer ich die Gelegenheit habe, mit einer Gabel zu essen, kommt es mir so vor, als würde ich das Essen wie ein gieriges Monster in mich hineinstopfen.

Raffinierter Zucker, eines der schlechtesten Nahrungsmittel, die man essen kann, und das unserem Körper seine Energie entzieht und laut Robert Lustig, dem bekannten Kinderarzt und Professor für Neuroendokrinologie, besser als Gift eingestuft werden sollte, wird in Japan auch weit weniger verwendet. So ist es in Japan nicht so wie in unseren Breitengraden üblich, eine Mahlzeit mit einem süßen Dessert zu beenden. Im Ritsumeikan-Trainingscamp steht überhaupt kein Zucker auf dem Speisplan.

Aber lassen wir die Kirche einmal Dorf. Auch Japan ist nicht perfekt, und es gibt genügend Läden, die Unmengen an farbenfrohem und grell verpacktem Junkfood verkaufen. Doch selbst dort sind Schokoriegel und Tüten mit Süßigkeiten kleiner als in anderen Ländern. Dazu kommt, dass salzige Snacks nicht aus Chips oder Wurstsemmeln bestehen, sondern aus Reisbällchen, die mit fermentierten Pflaumen oder Fisch gefüllt und in Seetang oder Tofu eingewickelt sind.

Ich habe einmal den angesehenen Ernährungswissenschaftler Tim Noakes dazu befragt, was er von der japanischen Kost hält und ob diese Ernährungsweise der Verbesserung der sportlichen Leistung dienen könnte. Seine Antwort war, dass sich diese Ernährung „großartig“ anhört.

Dr. Kevin Currell, der Leiter der Abteilung für Performance Nutrition am English Institute of Sport, stimmt dem zu: „Es ist eine exzellente Kombination aus Nahrungsmitteln für jeden Athleten. Die richtige Mixtur aus Kohlenhydraten, Proteinen und Gemüse – und am wichtigsten ist, dass das Essen von guter Qualität und frisch zubereitet ist, denke ich. Das ist die Ernährungsweise, die wir unseren Athleten empfehlen würden.“

Nach meinen sechs Monaten in Japan, in denen ich mich größtenteils von der traditionellen japanischen Küche ernährte – außer zum Frühstück, wenn ich Toast und Porridge aß, weil mein Gaumen am Morgen so sehr an Süßes gewöhnt ist –, wog ich weniger als jemals zuvor in meinem Erwachsenenleben (67 Kilo – als wir von England losfuhren, hatte ich 73 Kilo). Obwohl ich einen großen Teil dieser sechs Monate mit Laufen verbrachte, trainierte ich aber nicht härter als in den letzten beiden Jahren zuvor in England. Selbst als ich für den London Marathon trainierte und wirklich viel lief, wog ich nie unter 71 Kilo.


Nach dem Abendessen ziehen sich die Athleten auf ihre Zimmer zurück. Max und ich haben ein Zimmer, das wir uns teilen. Es ist im typisch japanischen Stil gehalten und besteht aus einem Boden mit Tatamimatten und einem Schrank mit Bettzeug. Für Max und mich ist es noch zu früh, schlafen zu gehen, und so erkunden wir in unseren Hausschuhen ein wenig das Haus.

Unten wurde ein Behandlungsraum eingerichtet. Die Tür steht offen, und ich stecke meinen Kopf hinein. Auf dem Tisch wird gerade einer der Läufer von einem Trainer massiert. Eine Assistentin, eine Studentin, massiert einen anderen Läufer, der am Boden liegt. Ein gedrungener Student mit Brille untersucht derweilen sein Knie mit einem Ultraschallgerät, während der Rest derer, die sich in dem Raum befinden, rundherum am Boden sitzen und sich unterhalten. Kenji sitzt auch am Boden. Sein Laptop steht geöffnet vor ihm, und er gibt die gestoppten Zeiten von heute in eine Tabelle ein.

„Komm rein“, sagen sie und machen ein wenig Platz. Meine Anwesenheit sorgt für ein kurzes Schweigen im Raum. Ich kann förmlich sehen, wie der eine oder andere versucht, sich einige Worte auf Englisch zu überlegen.

„Itai?“, frage ich den Läufer mit dem Ultraschallgerät. Tut es weh?

Alle beginnen zu lachen. Ich bin unsicher, ob dies an meinem Versuch, Japanisch zu sprechen, liegt, oder an der Idee, dass das Gerät Schmerzen bereiten könnte. Vielleicht liegt es auch nur an der generellen Verlegenheit.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺1.344,13

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
383 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783903183896
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar