Kitabı oku: «Morphium / Nach dem Tode / Doctor Cäcilie», sayfa 2

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»So danke ich Ihnen umso herzlicher für Ihre Begleitung.«

»O bitte, das ist kein Umweg für mich, außerdem will ich Ihnen auch im Vertrauen gestehen, gnädige Frau, dass der kurze Aufenthalt in Ihrem Garten für mich ein Genuss war.«

»Ein Genuss? Ah – da wäre ich doch begierig.«

»Ja, auf die Gefahr hin, dass Sie mich auslachen. Es war ein Genuss für mich, Ihr neues Kinderfräulein zu sehen.«

Ein sehr erstaunter Blick der Geheimrätin suchte das junge Mädchen. »Fräulein Wagner ist vorzüglich gewachsen, sonst aber doch beinahe hässlich zu nennen,« meinte sie dann.

Doctor Turnau folgte mit einem unsagbar müden, schwermütigen Blicke der blühenden Mädchengestalt. »Sehen Sie einmal das glatte, glänzende, natürliche Haar an, gnädige Frau.«

Lydia lachte auf. »Aber bester Doktor, dieses schlichte, glatt zusammengedrehte braune Haar ist doch etwas außerordentlich Gewöhnliches, was finden Sie denn daran so schön?«

»Die körperliche Gesundheit, die diesen Haarwuchs bedingt,« antwortete er nachdrücklich. »Ich behaupte durchaus nicht, dass diese junge Person schön sei; ich weiß auch, was schön ist, aber sie ist gesund, durch und durch gesund. Ein Hauch von Jugendfrische und Kraft umgibt sie und macht sie reizend.«

»Wäre das etwa Ihr Geschmack?« Sie zweifelte noch immer an dem Ernst seiner Worte.

»Ich bin schon seit mehreren Jahren Kliniker,« antwortete er. »Alles, was mich umgibt, ist krank und hinfällig. Auch unsere Pflegerinnen sind zum größten Teil überarbeitet und nervös, die meisten Kollegen sind noch nicht in den gewissermaßen behaglichen Ruhestand der Privatpraxis eintreten, sie arbeiten mit Feuereifer, keiner schont sich. Die entsetzliche Luft des Laboratoriums vergiftet uns alle. Viele von uns bedürfen auch in dieser Zeit übermäßiger, geistiger Anstrengung künstlicher Anregungsmittel. Es vergehen oft Tage, an denen ich faktisch keinen einzigen normalen, gesunden Menschen sehe, – ist es da nicht erklärlich, dass ein solches Bild blühender jungfräulicher Frische und Kraft für mich etwas sehr Anziehendes hat? Bitte, sehen sie nur die roten ausgearbeiteten Hände des Fräuleins, die leidet nicht an Blutarmut – ah, die ist schön!«

»Ich gönne Ihnen den Anblick dieser Päonie von Herzen, lieber Freund. Möchten Sie sich dadurch veranlasst fühlen, die Villa Bremer nicht mehr so zu vernachlässigen, wie es bisher geschah.«

»Ich werde von Ihrer gütigen Erlaubnis demnächst Gebrauch machen, gnädige Frau.«

Er berührte mit seinen Lippen einen Augenblick die wachsbleiche Hand der Morphinistin, verbeugte sich von weitem gegen Fräulein Wagner und verließ darauf den Garten.

»Bitte, liebes Fräulein, besorgen Sie mir etwas Himbeerwasser,« sagte Lydia zur Bonne, dann setzte sie sich auf einem bequemen Gartenstuhl und nahm ihr zweijähriges Töchterchen auf den Schoß.

»Der dumme Onkel« sagte der kleine Knabe, sich jetzt auch der Mutter nähernd mit einem zornigen Blick nach der Thür, hinter der soeben Doktor Turnau verschwand.

»So etwas sagen artige Kinder nicht,« tadelte die junge Frau.

Jetzt erschien die Bonne wieder mit der gewünschten Erfrischung im Garten. Hinter ihr ging der Geheimrat Bremer, ein schlanker, eleganter Mann mit schon leicht ergrauendem, dunklen Haar.

»Wie kam denn dieser blasierte Turnau dazu, Dich zu begleiten?« fragte er, neben seiner Gattin Platz nehmend. »Er hält es doch sonst für tief unter seiner Würde, ein weibliches Wesen mit seiner interessanten Unterhaltung zu beglücken.«

»Ich traf ihn zufällig auf dem Kirchhofe, und wir unterhielten uns so angenehm, das, mir seine Begleitung natürlich erschien.«

»Wie kann dieser unnatürliche, gezierte Mensch eine vernünftige Frau angenehm unterhalten«, sagte Bremer beinahe ärgerlich. »Unter Männern ist seine Unterhaltung gar nicht geschätzt, das kann ich Dir sagen. Jung und sorgenfrei wie er ist, sucht er etwas darin einen Pessimismus zur Schau zu tragen, der eines Greises würdig wäre, dem alles im Leben gescheitert ist. Er leugnet jeden Genuss jeden Glauben, er leugnet die Liebe, er widerspricht der Natur – – –«

»Mit einem Worte, er ist Dir unsympathisch,« unterbrach Lydia ihren Mann.

»Gewiss, das ist er mir und vielen anderen Leuten. Gefällt Dir zum Beispiel dieses Andeuten einer geheimnisvollen Krankheit, dieses Spielen mit dem Gedanken an Tod und Grab – – –«

»Vielleicht fühlt er die Annäherung eines Gemütsleidens.«

»Ach was, Gemütsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat nichts zu tun, da steckt die Wurzel des Übels. Wenn er wie andere junge Ärzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten müssten, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, dass es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«

Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, dass Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.

»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit«, sagte Lydia.

Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die kleine hoch empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.

»Eine allerliebste, frische Person«, bemerkte der Geheimrat, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen Griff getan.«

»Auch Turnau fand sie reizend«, sagte Lydia lachend. »Was für ein Geschmack – dieses Vonmondsgesicht!«

»So! – Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht zugetraut«, meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu verlieren.«

»Was für eine Idee!«

Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht möglich sein, dass ein junges Mädchen einem Manne gefiel, ohne dass das Herz dabei gleich in Frage kam.

Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung des Morphiums ist Durst.

Ein Diener brachte dem Geheimrat Zeitungen und Briefe. Bald war der Hausherr in seine Lektüre vertieft, während die junge Frau sich leise erhob, um ihr Zimmer aufzusuchen. Dort vertauschte sie ihre Straßentoilette mit einem bequemen Hauskleide und legte sich nieder, einer bleiernen Müdigkeit, die in ihren Gliedern lag, nachgebend.

II.

Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt, dass Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgendwelche Nachwirkungen des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr Turnau gegeben hatte, musste doch wohl weit über das Maß hinausgehen, an das sie gewöhnt war.

Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu besuchen, das um 9 Uhr früh stattfand. Das Stubenmädchen brachte ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servierbrett zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort, von heftigem Schwindel erfasst, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit erfassten ihren ganzen Körper.

Sie schloss die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kimm vermochten die unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Mal zum Morphium.

Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie streckte sich lächelnd aus, genoss mit Bewusstsein die nun eintretende eigentümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen, erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.

Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht passte. Die Taille war aber so geschickt mit weiß arrangiert, ebenso der Hut, eine Nadel von funkelnden Rubinen schloss den Spitzenkragen, so dass die Toilette doch tadellos und sogar vorteilhaft war.

»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrat wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, dass Du blass und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut tun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«

Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriss einer kleinen Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«

»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wusste aber nicht, dass Du so bald reisen kannst.«

»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«

Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die Reise geben.« –

»Brauchst Du vielleicht Geld?«

»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.

Er gab ihr das Geld und sie sagte, dass sie gleich nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.

»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« bat er.

Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wusste, dass ihr der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, dass dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständnis gebraucht würde. Daran, dass seine Frau das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, dachte er nicht.

Der alte Medizinalrat, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm gesagt, dass eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Komplikation mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.

Bremer war fest überzeugt, dass seine Frau krank sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rate zog, beschloss er noch einmal eingehend mit dem Medizinalrat zu sprechen.

Nach der Kirche trennte sich der Geheimrat von seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.

Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadtteil, in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Torweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.

Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Atem und zitternden Knien in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile Treppe hinauf.

Bei jedem Stockwerk wurden die Entreetüren niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. Eine Menge Türen mündeten in einen engen, langen Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife – vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen Menschen. An vielen Türen befanden sich Visitenkarten mit dem Namen des Zimmerbewohners.

»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.

Das Zimmer war ganz nett und freundlich möbliert: Ein Sofa mit braunem Ripsüberzug, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume entschädigte für die Hässlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.

»Gott sei Dank, dass Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche Sofa nieder.

»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telefoniert, gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin ich, und auf meinem bescheidenen Sofa sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«

»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrat reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch – sechs Gramm geben ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«

»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«

»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertzwanzig Mark, das Gramm zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medizinaltaxe von sechzig Pfennigen für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«

Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. – –«

»Aber Herr Rast!« Lydia wurde totenbleich und sah den jungen Mann so entsetzt an, dass er einiges Mitleid empfand.

»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimrätin,« aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge von hundert bis hundertfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muss es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es gibt gewiss unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige wie unter den Ärzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, – die Versuchung ist ja so groß.«

Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater standen?« fragte sie mühsam.

»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich für Sie tue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwarengeschäft meines Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, musste ich von meinem armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. Es war hart – eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« – –

»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«

»Aber Frau Geheimrätin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«

»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muss ich verzweifeln. O, mein Gott, man gibt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken das, was ihm Lebensbedürfnis, was ihm nötiger ist als das tägliche Brot!«

»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, dass eine Dame wie Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muss, um so einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«

»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es andere, die dasselbe Bedürfnis empfinden?«

»Andere fälschen Rezepte.«

»Und das geht?«

»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Drogisten sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Ärzte, die das Mittel aus der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Rezept hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die Rezepte über Chloroform, Äther, Kokain, Chloral, Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«

»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«

»Dann schickt in der Regel der Provisor das Rezept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es gefälscht wurde.«

Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich vermochte eine solche Schmach nicht zu überleben.«

»O, das passiert aber so oft,« meinte er gleichmütig.

Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es gemacht – – Rezepte zu fälschen?«

Er legte zwei abgestempelte Rezepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind zwei echte Rezepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf eine fünf- das andere auf eine vierprozentige Lösung. Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, gehen sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Rezepte durch, zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Rezepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie sich rasch, damit ich die Rezepte in das Buch zurücklegen kann, ehe sie vermisst werden.«

Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.

Was musste dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige junge Mensch von ihr denken – von ihr, die von dem eigenen Gatten, von allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!

Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken. Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« –

»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.

»Ich will aber gar nicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt garnichts an, ich tue nichts, was irgend einen Menschen in der Welt Schaden zufügen könnte.«

»Sie schaden sich selbst.«

»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist wirklich empörend!«

»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er besaß.

Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Tränen. »Haben Sie keinen Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.

»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. Außer in Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Drogeriegeschäften geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Rezepte machen, die jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«

»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe Ware verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«

»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer Junge, dass er mehr als hochachtbar sein müsste, wenn er einem Angebote von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«

»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«

»Ich fürchte allerdings, dass er das ist, aber wenn er den Betrag für die entnommene Ware in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Prinzipal doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«

»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«

»Ich will tun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Witwe, zwei Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter. Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl isst sich kaum satt; – es wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich gönne ihm auch den Verdienst.«

Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, abends um acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.

Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt« hatte, dass der Korridor augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.

In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, dass sie ihren Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am Mittagessen teilnehmen konnte.

Die Kinder waren so lebhaft, dass sie oft bei Tische Veranlassung zu herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte, erheblich daran gehindert zu werden.

Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern spazieren zu fahren, während der Geheimrat, der später noch in sein Bureau musste, sich etwas zur Ruhe zurückzog.

Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, dass sie mit der Wahl des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohltat erwiesen hatte. Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und selbstloser Hingabe, dass die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen, während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.

In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück. Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu treten.

Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und entschuldigte sich, dass er so indiskret gewesen war, denselben zu öffnen.

»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, dass er in einer Brauerei in der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigentümlich, dass ich nur eine Bettelei vermuten konnte. Ich wusste nicht, dass Dein Schuster so weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«

Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen Frage ihres Mannes. Was für ein endliches Verhängnis zwang sie doch, Lügen – ganz gemeine Lügen zu ersinnen. wie unwürdig, wie erbärmlich stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese Weise eine Mittheilung zukommen ließ!

Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen, dass Ferdinand Preyer die gewünschten Waren nicht liefert. Weiß nun nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garniert werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«

Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war. Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waren nicht! Der arme Kommis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte, verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er – – – »lieferte die gewünschten Waren nicht.«

Was für ein Ungetüm von Pedanterie musste dieser unbestechliche junge Mann sein! Was für eine Willenskraft musste er besitzen, um in seinem freudlosen genussleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in seiner übertriebenen pflichttreue Ähnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte, die auch ein Leben der Armut und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm, ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?

Etwas wie Hass und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.

»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«

Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes Antlitz.

»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,« log sie, halb bewusstlos vor lähmendem Schrecken.

Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling«, tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen so zierlichen Fuß, wie du ihn besitzt.«

Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu beherrschen vermochte, küsste die Kinder und fuhr nach seinem Bureau.

Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloss sich in ihrem Schlafzimmer ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.

Auf irgend eine Weise musste sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie – schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Tränen kamen und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel. – Ja, was nun?

Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium, nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den Enttäuschungen dieses Tages ein krankhafte Leidenschaft konzentrierte. Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gib es mir, Gebenedeite«, flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben. Dich zu ehren und anzubeten.«

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