Kitabı oku: «Trojanische Hühner»
Ado Graessmann
Trojanische Hühner
Genozid
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
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Ado Graessmann
Trojanische
Hühner
Ein Genozid
© 2020 Ado Greassmann
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
978-3-7497-9799-8 (Paperback)
978-3-7497-9800-1 (Hardcover)
978-3-7497-9801-8 (e-Book)
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Im Haus des Polemarchos
Glaukon: Gesetze werden zum Wohl der Allgemeinheit erlassen
Thrasymachos: Du Narr, Gesetze werden zur Machterhaltung der Herrschenden gemacht

Zeus wollte sich rächen, die Menschen hatten Prometheus das Feuer gestohlen. Zur Hochzeit der Pandora mit Epimetheus, dem Bruder des Prometheus, schenkte er ihr eine Büchse mit der Auflage, die Büchse unter keinen Umständen zu öffnen, doch sie tat es.
Aus der Büchse entwichen alle Laster und Untugenden und so kam das Schlechte in die Welt und sie wurde zu einem trostlosen Ort.
Wieder wurde die Büchse geöffnet, es begann mit der Botschaftsbesetzung und das Unheil setzte sich fort.

In diesem Jahr kam der Herbst früher als sonst, obwohl es erst Anfang Oktober war, lag schon früh am Morgen ein weißer Schleier auf den Wiesen, in der Nacht hatte es den ersten Frost gegeben. Man konnte förmlich sehen, wie sich die Kälte von den Bergen herunter wälzte, die Berge, sie bilden die Grenze zum Nachbarland, einige sind fast zweitausend Meter hoch. Keiner von uns war je bis zu den Bergspitzen hinauf gestiegen, was sollten wir auch dort oben, Fremde wurden dort schon seit Jahren nicht mehr gesehen, die kamen auch nicht mehr. Die Bergspitzen waren schon seit einigen Wochen mit Schnee bedeckt, bei Sonnenuntergang verfärbt sich der Horizont immer leicht rötlich und der Schnee glitzert weithin sichtbar, auch in der späten Dämmerung besteht noch ein leichtes Leuchten, ganz oben, wo fast keine Bäume mehr wachsen, an den Bergspitzen. Bis zur nächsten Stadt sind es etwas mehr als fünfzig Kilometer. Zuerst bilden sich dunkle Wolken die zunächst oben hängen bleiben, sie verhüllen die Gipfel, dann gleiten sie langsam an den Hängen herab, wie Lawinen die sich um die eigene Achse drehen, um dann nach und nach langsam nach unten hinab zu sinken, sie ziehen bis in das Tal hinein und mit ihnen kommt auch immer die Kälte. Am späten Nachmittag erreichen sie die Höfe die weiter unten am Ende des Tales liegen, dann sind die Berggipfel wieder frei und Nebel liegt dicht über der Erde, nicht höher als einen halben Meter, die eigenen Füße sind kaum noch zu sehen, es fühlt sich an, als würde man durch einen kalten Bach waten.
Was hinter den Bergen liegt und wie es dort aussieht, weiß keiner von uns so genau, nie hatte einer vom Dorf hinüber geblickt, über die Gipfel, in das andere Tal, keiner hatte jemals einen der Bewohner von dort gesehen, die sprechen angeblich anders als wir, die Leute im Nachbartal, im anderen Land, sie sollen aber auch den Koran in den Händen halten, so wird es wenigstens erzählt, zumindest dies haben wir gemeinsam mit den anderen.
Die Menschen hier in der Gegend sind alle Bauern und Farmer, von Reichtum keine Spur, die meisten von ihnen züchten Hühner, die tagsüber frei auf den Wiesen und Feldern herum laufen und dort nach Futter suchen, Zäune gibt es keine, Wölfe die früher manchmal in der Gegend auftauchten, wurden alle schon vor einigen Jahren erschossen, auch die Füchse lassen sich nicht mehr sehen.
Erst kurz vor der Dämmerung kommen die Hühner zurück in ihre Ställe, sie werden nicht gerufen, sie kommen von selbst, sie kennen den Weg und sie wissen, wann dort in ihren Trögen Futter für sie zu finden ist. In den Ställen ist es auch wärmer als auf den Wiesen, sie hocken auf ihren Stangen und rücken enger zusammen, so wird es noch molliger für sie. Nach Sonnenuntergang wird ihr Gegacker immer leiser, bis daraus so eine Art von Sing-Sang wird, und später, ja, dann sind sie alle stumm, bis zum nächsten Morgen. Schon bevor die Sonne aufgeht, sind sie wieder zu hören, zuerst das Krähen der Hähne, wie zur Bestätigung dass sie noch da sind, und ihr Gegacker ist nicht mehr so zart wie am späten Abend zuvor, es klingt etwas herausfordernd und selbstsicher, auf den Höfen braucht keiner einen Wecker, sie stehen mit den Hühnern auf.
Cave ist einer der Farmer, das Wichtigste was er besitzt, sind seine Hühner, auch einige Ziegen und eine alte Kuh gehörten ihm, die Milch die sie geben reichte gerade mal so für den eigenen Bedarf. Sein Hof liegt am weitesten von der Stadt entfernt und ist den Bergen am nächsten, er ist der Jüngste, er hat noch drei Brüder und eine Schwester.
Alle Farmer des Tales gehören zu einer Sippe, den Hamudas. Seine Schwester hatte vor einigen Jahren einen Neffen geheiratet, die züchteten auch Hühner, wie alle Familienmitglieder, ihre Farm ist die nächstgelegene, etwas südlich von Cave, nur einige Kilometer entfernt, von seinem Grundstück aus kann er die Gehöfte der anderen nicht sehen, das Tal macht unterhalb seiner Farm eine Biegung nach Westen und Berge versperren den Blick in das weitere Tal. Sein ältester Bruder hatte als erster eine Farm gegründet, nahe an der Stadt, er ist zehn Jahre älter als Cave.
Die wesentlichen Einnahmen der gesamten Sippe sind die Hühnereier, die Hamudas verkauften täglich mehr als zwanzigtausend Eier und versorgten damit die Stadt und den ganzen Bezirk. Kurz vor Sonnenaufgang kommt immer ein Lastwagen aus der Stadt, alle kennen den Fahrer, es ist immer der Gleiche, schon seit Jahren, ein älterer Mann, er sammelt die Eier ein, in Kisten verpackt, je hundert Stück. Zuerst die von Cave, meistens sind es fünfzig Kisten, seine Farm ist die kleinste, sein ältester Bruder liefert den größten Anteil ab. Geld bekommen sie zunächst nicht, der Fahrer übergibt ihnen nur eine Quittung, erst Ende des Monats erfolgt die Zahlung.
Einmal im Monat wählt Cave etwa hundert Hühner zum Schlachten aus, so bleibt sein Bestand konstant, meist sind es die älteren Tiere, solche, die nicht mehr so richtig legen wollten, trotzdem ist ihr Fleisch noch zart und bekömmlich. Die Hühner bringt er selbst in die Stadt, zum Markt, mit seinem alten Lastwagen, lebend in kleinen Holzkisten. Dort kennt er seit Jahren einen Händler, der alle seine Hühner auf einmal abnimmt und Cave dafür direkt bezahlt, nach dem Tagespreis, verhandelt wurde bisher nie, mit dem Geld kauft Cave meist Sachen, die seine Familie dringend benötigt, die er nicht selbst herstellen kann.
Heute, an seinem dreißigsten Geburtstag war Cave wie immer weit vor Sonnenaufgang aufgestanden, noch bevor die Hühner sich rührten, er hatte sich einen Eimer mit kaltem Wasser über den Kopf geschüttet, Wasser gibt es hier im Überfluss, am Fuß des Berges hat sich ein kleiner See gebildet, der durch das Schmelzwasser gespeist wird, das Wasser ist auch im Sommer noch immer eiskalt aber klar wie Kristall, am südlichen Ende des Sees befindet sich ein Ablauf, dort bildet sich ein Bach, der sich langsam am Hang entlang schlängelt und hinter dem Haus verläuft. Etwas Wasser leitet Cave davon über einen schmalen Kanal in einen Brunnenschacht hinein, so hat er immer genügend davon, auch im Sommer, wenn für einige Wochen kein Regen fällt.
Während der Schneeschmelze wird der Bach immer etwas breiter, das klare Wasser tritt über die Ufer, nimmt die Farbe der Erde an, füllt er seine Hände damit und hält sie gegen die Sonne, dann sieht es so aus, als würden tausend Diamanten darin tanzen. Doch zu einer richtigen Überschwemmung kam es bisher nie, das Wasser staut sich nicht weiter auf, es fließt immer durch das Gefälle rasch weiter ins Tal hinab, wird dort zu einem breiten Fluss, der auch die Stadt mit Wasser versorgt.
Nachdem er den Kopf mit einem Handtuch abgetrocknet hatte, sammelte Cave die noch warmen, frisch gelegten Eier ein, verpackte sie sorgfältig in die leeren Kisten, die der Fahrer am Vortag abgeladen hatte.
Ein kleiner heller Streifen am Horizont verdrängte die Finsternis, wurde langsam breiter und ließ die Berggipfel erscheinen. Vor Caves Augen herrschte noch Dunkelheit, aber das Licht wird schon bald mit aller Macht die Dunkelheit durchbrechen. Er trug nur ein Hemd, hatte eine alte ausgeblichene Jeans an, Jeans die waren eigentlich verboten, aber wer sollte dies hier oben schon kontrollieren, dafür war er auch zu unbedeutend, als dass sich jemand darum gekümmert hätte. Er hatte weder Socken noch Schuhe an, er liebte den direkten Kontakt mit der Erde, auch wenn er sich manchmal dadurch kleine Verletzungen zuzog, an spitzen Steinen oder an abgeschnitten Grashalmen. Im Herbst mähte er und seine Frau immer das Gras, als Futter für seine Tiere im Winter.
Seine Füße konnte er noch nicht sehen, aber jede ihrer Bewegungen hören, wie ein zartes Rascheln, das die Stille der Morgendämmerung durchbricht.
Der Hof lag geräuschlos im Schatten unter ihm, selbst seine Hühner schliefen noch, alle waren lautlos. Da es noch sehr früh war, und er nichts weiter zu tun hatte, setzte er seinen Spaziergang in Richtung Berge langsam fort.
Eine Eidechse saß regungslos vor ihm auf einem Stein, Kopf und Schwanz nach oben gestreckt, sie wartete wohl auf die aufgehende Sonne um sich aufzuwärmen, als er leicht mit dem Fuß gegen den Stein stieß, war sie plötzlich verschwunden, sein Blick verlor sich in der Dunkelheit des beginnenden Tages.
Er hatte für seine Verhältnisse viel erreicht, seitdem er als sechzehnjähriger mit Nasrim, der gleichaltrigen Tochter seines Onkels, verheiratet wurde.
Sein Vater hatte sechs Brüder und drei Schwestern, alle waren verheiratet und jede Familie hatte wenigstens fünf Kinder. Seine Vermählung wurde vom Familienrat beschlossen, sie beide waren damals erst zehn Jahre alt gewesen. Gegen diese Entscheidung konnte kein Einspruch erhoben werden, die Familie war sehr gläubig, wie alle Bewohner der Stadt und die Gesetzte wurden sehr streng eingehalten, besonders seit die Mullas das Sagen hatten. Keine Frau ging mehr unverschleiert auf die Straße, Kosmetikartikel waren aus den Regalen verschwunden, auch in der Wohnung trugen die Frauen immer ein Kopftuch, die Haare seiner Mutter hatte er nie gesehen.
Bis zur Hochzeit traf er Nasrim nur selten und hatte so gut wie nie allein mit ihr gesprochen, es waren fast immer nur wenige Höflichkeitsfloskeln, immer war eine weitere Person im Zimmer die aufpasste, dass nichts Unrechtes geschehen konnte, schon ein längerer Händedruck wäre zu viel gewesen.
Wann immer er zu Besuch kam, war auch Nasrims Haar mit einem Kopftuch bedeckt, es schien schwarz zu sein, einmal bei einem Besuch bei ihrer Familie ragte eine kleine Strähne unter dem Kopftuch hervor, sie bemerkte es sofort und schob sie wieder zurück, auch ihre Beine und Füße hatte er nie gesehen, sie waren immer bedeckt.
Beide hatten niemals zuvor einen engeren Kontakt mit dem anderen Geschlecht, nur seine Mutter hatte ihn manchmal umarmt und auf die Stirn geküsst, das war auch schon alles.
Keiner in der Familie hatte jemals mit Cave über Sex gesprochen, er hatte zwar oft davon geträumt, aber alles erschien ihm nur verworren, so unwirklich, eben nur ein Traum, das Wort Verhütung hatte er nie in seiner Familie gehört.
Auch Nasrim war unwissend, zwar hatte sie öfters beobachtet, wenn ihre Brüder morgens kurz zur Toilette gingen, dann ragten ihre Schlafanzughosen vorne weit nach oben und wenn sie zurück kamen, waren die Erhebungen wieder verschwunden. Sie hatte sich immer schlafend gestellt, auf dem Bauch liegend, mit einem geschlossen und einem offenen Auge und so ihre Brüder beobachtet, doch was sie da sah, konnte sie nicht so richtig einordnen. In der Schule wurde viel gemunkelt, aber keiner wusste so wirklich richtig bescheid.
Dies änderte sich in ihrer Hochzeitsnacht. Cave sah zum ersten Mal in seinem Leben eine nackte Frau, sehen war vielleicht zu viel gesagt, es war stockdunkel, sie befanden sich im Schlafzimmer seiner Tante, sie hatte ihnen das Zimmer für die eine Nacht zur Verfügung gestellt und dafür bei ihrer Schwägerin geschlafen, beide waren schon seit Jahren verwitwet, ihre Männer waren mit dem, was die Mullas behaupteten, nicht immer ganz einverstanden und hatten sich hierzu auch in der Öffentlichkeit geäußert. Vor einigen Jahren wurden sie am frühen Morgen von den Sittenwächtern abgeholt und verschwanden auf nie mehr Wiedersehen. Alle Nachforschungen verliefen im Sand, keiner wollte etwas wissen, gehört oder gesehen haben und nach Jahren wurden sie zu Witwen erklärt.
Die Weisheit alter Zeiten war längst vorüber, einst lebte hier ein Mann, sein Name war Zarathustra, er war weder Prophet noch war er Gott. Propheten, die verkünden Gottes Wort und lassen keine Fragen und keinen Zweifel zu, er tat dies nicht, er war auch nicht Vermittler zwischen Gott und den Menschen, wie dies die Geistlichen für sich in Anspruch nehmen. Sie versprechen nach Belieben das Paradies, oder drohen mit der Hölle, so machen sie sich selbst unentbehrlich für das jenseitige Wohlergehen des Einzelnen.
Die Zarathustrier, die müssen Gott auch nicht dreimal täglich anbeten, auch Bestechungen führen nicht ins Paradies. Jeder trägt selbst die Verantwortung für sich, nur durch gutes Denken, durch gutes Reden und durch gutes Handeln kommt man dort hin. Nur wer Gutes tut, kann Gutes erwarten, wer Böses tut, dem kann auch nur zwangsläufig Böses widerfahren. Wenn das Heil nur durch das eigene Handeln bestimmt wird, wofür braucht man dann noch Priester?
Dies ist anders bei den heutigen geistlichen Herren, sie erheben den Anspruch auf alleiniges Wissen, versprechen nach Belieben das Paradies, oder drohen mit der ewigen Verdammung, so machen sie sich unentbehrlich, Zweifel werden nicht geduldet. Ungläubige zu töten sichert das Paradies.
Auch Persepolis wurde nicht von Sklaven gebaut, alle Menschen waren gleich, auch Frauen, wenn aber alle gleich sind, warum sollten dann Kriege geführt werden?
Aber wo sind nur die alten Weisheiten geblieben?
Sie konnten ihre Umrisse nur vage erkennen, aber betasten konnten sie sich, und da erkannte Nasrim, was die Veränderung in den Hosen ihrer Brüder bewirkt hatte, sie konnte es anfassen und war überrascht von der Größe und der Härte des pulsierten Etwas, es erweckte ihre Neugier und ein plötzliches, unbekanntes Verlangen danach.
Sie hatten sich langsam gegenseitig im Stehen die Kleider ausgezogen. Cave löste als erstes ihr Kopftuch, dann den Knoten von Nasrims Haar, es fiel über ihre Schultern den Rücken hinab, er konnte es hören, wie ein sanftes Rauschen, ein feiner Duft von Jasmin stieg in seine Nase und er fühlte den seidenen Glanz ihrer Haare. Nasrim hatte die Knöpfe seines Hemdes geöffnet und es langsam über seinen Kopf gezogen. Ihr schwarzer Umhang war leicht zu lösen gewesen, er fiel herunter und bedeckte den kalten Boden des Schlafzimmers, beide stellten sich darauf und plötzlich hatten sie nichts mehr an. Zum ersten Mal in seinem Leben berührten seine Hände ihre Brüste, er empfand es fast wie einen elektrischen Schock, der sich vom Kopf über seinen ganzen Körper ausbreitete, es war sonderbar schön und zugleich noch fremd, sie waren hart und trotzdem wieder weich. Seine Hände glitten ihren glatten Bauch hinab, auch Nasrim ging auf Erkundungstour, es war wie eine Reise in eine unbekannte Welt, keiner von beiden wehrte sich dagegen.
Als sie unter der Bettdecke lagen, hatten sie schnell die wesentlichen Unterschiede und deren Bedeutung erkannt, ihnen erschien alles anders als sie es aus den heimlichen Erzählungen von den Freunden aus der Schule kannten.
Ihre Berührung steigerte Caves Erregung, die er nicht mehr verbergen konnte, ihre Hand berührte ihn und noch bevor er in sie eindringen konnte, kam es bei ihm zur Explosion. Er war bestürzt und zugleich beschämt, darüber, dass seine Männlichkeit ihn so schnell verlassen hatte, auch Nasrim schien davon überrascht zu sein und begann ihn zu trösten.
Erst einige Stunden später fanden sie doch zusammen und Cave fühlte wie an Nasrims Beinen etwas herab lief, sie hatte sich weder beklagt noch Bedauern ausgesprochen. Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster traten, sah er die roten Flecken auf dem Bettlagen.
Zwei Wochen nach der Hochzeit zogen sie nach oben, zum Ende des Tals. Es war noch Niemandsland und für einen geringen Betrag wurde es auf Caves Namen überschrieben. Zum Start hatte er von seinen drei Brüdern jeweils hundert braune Hühner geschenkt bekommen und von seinem Onkel zwei Ziegen.
Einen alten Lastwagen hatte er auch seit einer Woche, als er die Straße zu seinem Bruder hinunter lief, sah er in einem schmalen Feldweg am Rande des Waldes den Laster stehen, ohne aber weiter darauf zu achten. Er setzte seinen Weg fort, die Straße war eigentlich keine richtige Straße, es war nur ein Schotterweg, ohne Asphaltierung. Als er am späten Nachmittag zurück kam, stand der Laster immer noch an der gleichen Stelle, da er sich auf seinem Grundstück befand, ging er hin um das Objekt näher zu betrachten. Es war ein Pritschenwagen mit einer offenen Ladefläche, beladen mit verschiedenen leeren Kisten, die mit Seilen befestigt waren, und der Schlüssel steckte noch im Zündschloss. Er ging um das Auto herum und sah, dass es keine Nummernschilder hatte, wo kam es nur her, wer hatte es hier abgestellt, sicherlich sollte es ein nachträgliches Hochzeitgeschenk für ihn sein. Der Tank war noch zu einem Drittel gefüllt und als Cave den Zündschlüssel leicht nach rechts drehte, sprang der Motor sofort an.
Beim Rückwärtsfahren hatte er zunächst etwas Schwierigkeiten, obwohl er selbst vorher noch nie gefahren war, wusste er genau, was er zu tun hatte, es zahlte sich eben aus, dass er immer aufmerksam das Geschehen beobachtet hatte, wenn er auf dem Nebensitz saß, beim Eier Transport in die Stadt.
Die Hütte in die sie eingezogen waren, stand seit Jahren leer, irgend jemand hatte sie vor längerer Zeit illegal gebaut und wieder verlassen, sie war im Kaufpreis eingeschlossen. Elektrizität gab es nicht, dafür war das Grundstück zu weit von der Ortschaft entfernt, aber hinter dem Haus, in einem kleinen Holzschuppen, stand ein alter Generator der für Licht sorgte. Treibstoff hierfür war genügend vorhanden, zwei große Fässer, die ebenfalls hinter der Hütte standen, waren fast noch randvoll gefüllt.
Das Haus hatte drei Zimmer und eine Küche, der Boden bestand aus gestampften Lehm, den sie zunächst mit einigen Kuhfellen bedeckten, die Wände aus dicken Holzstämmen, zwischen den einzelnen Holzbalken befand sich Moos, das hielt im Winter etwas die Kälte und im Sommer die Wärme ab. Feuer konnte nur in der Küche und im Wohnzimmer gemacht werden. Einen Monat nach der Hochzeit war Nasrims Mutter mit nach oben zu ihnen gezogen, seitdem bewohnt sie das kleinste Zimmer im Haus. Sie war immer schwarz bekleidet, wodurch ihr blasses Gesicht noch mehr zum Vorschein kam. Sie kränkelte oft, beklagte sich über dieses und jenes, hatte immer Schmerzen, mal hier mal dort, schon seit vielen Jahren. Einmal war sie beim Doktor in der Stadt, Nasrim hatte sie dorthin gebracht, auf dem Hühnerlaster, der Fahrer hatte sie ohne Bezahlung mitgenommen, in den meisten Dörfern gab es keinen Arzt und wenn einer gerufen wurde, dann dauerte es fast immer einige Tage bis er kam, wenn überhaupt, meist erübrigte sich sein Besuch, die Patienten waren meist wieder gesund oder waren oft schon verstorben, bevor der Arzt eintraf. Die Verwandten nehmen es gelassen hin, es war eben ihr Schicksal, man wird geboren um wieder zu sterben, so will es eben Allah.
Der Doktor in der Stadt konnte ihr auch nicht richtig helfen, sie bekam von ihm einige Medikamente verschrieben, eingenommen hatte sie nie etwas davon. Mit der Zeit hörte kein Mensch mehr auf ihr Gejammer. Ihr Mann war schon vor vielen Jahren verstorben, woran weiß keiner mehr so genau, wahrscheinlich war sie die Gesündeste von allen und hatte das ewige Leben, sie mochte es eben wenn sie jammern konnte, so wusste jeder, dass sie noch am Leben war und verhinderte damit, dass die anderen sich krank fühlten und ebenfalls jammerten, ein Kranker in der Familie war schon mehr als genug, das war wahrscheinlich ihre Strategie. Sie kümmerte sich um das Essen und darüber konnte man sich nicht beklagen. Sie war aber eine Frau die Konflikte suchte und die Harmonie scheute, das Essen am Abend war ihr oft zu salzig und das gleiche am nächsten Abend wieder zu süß, obwohl sie es selbst gekocht hatte, für logische Argumente bestand bei ihr kein Zugang, alle Bemühungen um Harmonie und um Verständnis waren meist umsonst, sie konnte mit wenigen Worten alles zerstören, so war sie nun mal, wir mussten mit ihr leben, waren dazu verdammt.
Schon neun Monate nach der Hochzeit wurde sein erster Sohn geboren und noch weitere folgten in regelmäßigen Abständen, von Verhütung hatten beide ja noch immer nichts gehört und wenn Cave kam, verblieb er immer in ihr, so wurde sie immer wieder schwanger, sobald sie dafür empfänglich war. Alle Kinder wurden im Haus geboren, ohne ärztliche Unterstützung, Nasrims Mutter war durch die große Anzahl ihrer eigenen Geburten zur erfahrenen Hebamme geworden und nichts konnte sie erschrecken. In der Sippe war es so üblich, dass sich die Frauen gegenseitig Beistand bei der Geburt leisteten. Bei einigen von Caves Tanten verlief die Geburt komplizierter und einige der Kinder waren während oder kurz nach der Geburt verstorben. Daraus wurde wenig Aufstand gemacht und auch nicht weiter viel darüber geredet. Die Frauen wurden rasch wieder schwanger, dies verhalf das Geschehene schnell zu vergessen. Die Männer nahmen sowieso diese Ereignisse nicht so ernst, tranken ihren Tee und fühlten sich mehr als Unbeteiligte, nicht als Betroffene.
Nasrims Geburten hatten immer lange gedauert, die Wehen setzten schon frühzeitig ein und dauerten über Stunden, bei der ersten Geburt einen ganzen Tag. Cave war immer bis kurz vor der Geburt bei Nasrim geblieben, hatte ihre Stirn gekühlt und ihr gut zugesprochen, als die Geburt nahte wurde er von seiner Schwiegermutter aus dem Zimmer geworfen, er blieb vor der verschlossenen Tür stehen und bat Allah um seine Hilfe.
Im Haus schliefen seine Kinder gemeinsam in einem Raum, neben dem Zimmer von Nasrims Mutter, er und Nasrim hatten ihre Liegen im Wohnraum aufgestellt, die tagsüber als Sitzplätze Verwendung fanden, es war auch der einzige Raum im Haus der eine Feuerstelle hatte, mit Kamin und Abzug, nach oben, in der hinteren Ecke des Zimmers. Während des Sommers fällte Cave einige Bäume und bereitete daraus mit seinen Söhnen Brennholz für den Winter vor, die Holzscheite stapelten sie hinter dem Haus an der Wand in zwei Reihen auf, so kamen sie immer sicher über den Winter hinweg. Wenn die Nächte kälter wurden und der Frost durch das Haus zog, wurden alle Liegen in das Wohnzimmer geschoben, neben einander aufgestellt, um sich vor der Kälte zu schützen. Gegen Morgen, wenn das Feuer niedergebrannt war, zog die Kälte ein, oft war das Wasser in den Schüsseln zu Eis gefroren. Die Toilette war eine Grube, umgeben von drei Wänden mit einer Tür, ohne Verriegelung, darüber ein breiter Holzbalken, gleich hinter dem Haus, keiner hielt sich dort unnötig lange auf. Zweimal im Jahr wurde sie ausgepumpt, einmal im Frühjahr und noch einmal im Herbst, der Inhalt wurde als Dünger auf die Felder gekippt. Dann stank es für einige Tage, schon aus der Ferne war es zu riechen, aber niemand störte sich daran, so ist es eben mal auf dem Lande.
Wird man von der Notdurft auf dem Felde überfallen, dann geht man einfach in die Hocke, zieht die Unterhose herunter, bis zu den Knien und reinigt sich danach mit Gras.
An all dies erinnerte er sich im Morgennebel, etwa tausend Meter vom Haus entfernt, barfuß im feuchten Grase stehend, es war sein dreißigster Geburtstag und im Haus herrschte immer noch Totenstille als er oben an seinem Stammplatz ankam.
Als es heller wurde, hörte er ein leises Gackern, erst nur leise Töne, dann konnte er es genau hören, es kam wirklich von Hühnern, doch die Geräusche kamen nicht von unten, vom Hühnerstall, wie er es erwarten konnte, sondern von oben, aus dem Nebel, vom Berg herunter. Sie kamen immer näher, eines löste sich aus dem Nebel bis er die Umrisse von mehreren Tieren schattenhaft erkennen konnte, es waren tatsächlich Hühner, sie waren anders, seine Hühner waren alle braun, aber die, die vom Berg herunter kamen waren alle weiß, soweit er zählen konnte waren es etwa zwanzig Tiere. Doch wo kamen sie her, auch seine Brüder hatten nur braune Tiere, aus dem Tal konnten sie also nicht stammen, aber wie sind sie hierhergekommen?
Hühner fliegen nicht gerne, nur kleine Strecken, auch Laufen ist nicht ihre große Leidenschaft, sie gehen nur kurze Strecken, so lange bis sie Futter finden, deswegen hatte er auch nie einen Zaun gezogen.
Kein Mensch setzt freiwillig Tiere aus und alle erschienen groß und gut genährt zu sein. Cave hatte auch niemand gesehen, auch keine Stimmen gehört. Fremde Geräusche hätte er sofort wahrgenommen, durch die Anordnung der Berge entsteht eine Art von Schalltrichter, der Geräusche verstärkt und widerhallen lässt, selbst leises Flüstern, auch wenn es von ganz weit entfernt käme, hätte er gehört.
Sie konnten auch keine trojanische Pferde sein, wer könnte sich schon im Bauch eines Huhnes verstecken, da war kein Platz, trotzdem befiel Cave ein gewisses Unwohlsein.
Sein Vater hatte immer zu ihm besagt, höre nur auf deinen Verstand und nicht auf deinen Bauch, von dem kannst du sowieso nichts Gutes erwarten, höchstens Blähungen, und was Vater sagte, war fast immer richtig. Leider war er zu früh verstorben, trotzdem fragte Cave ihn noch immer, wenn er allein war, Vater was würdest du mir raten, was würdest du machen, eine direkte Antwort bekam er nie, zumindest bisher noch nicht, trotzdem empfand er es tröstlich wenn er so mit ihm reden konnte. Leider hatte er nicht mehr miterlebt, wie seine Kinder sich aus dem Nichts eine Existenz aufgebaut hatten, sein Stolz wäre grenzenlos gewesen, war er doch für all seine Tage nicht mehr als ein armer Handlanger gewesen, der seine Familie nur mühselig über die Runden brachte. Oft gingen sie abends hungrig zu Bett und wurden oft auf den nächsten Tag vertröstet, doch der begann meistens so, wie der Tag zuvor geendet hatte.
Trotzdem, Cave hatte ihn niemals klagen gehört, er war ein gottesfürchtiger Mensch und alles was die Mullas sagten, war für ihn unantastbar. Hätten sie behauptet die Erde sei eine Scheibe, so wäre die Erde eben auch für ihn wieder eine Scheibe gewesen. Er konnte es sich sowieso nicht vorstellen, dass die Erde sich um die eigene Achse dreht, einmal am Tag, mit großer Geschwindigkeit schneller als der Schall. Er meinte nur, wenn die Erde sich so schnell dreht, warum spüre ich dann nichts davon. Wenn ich hinten auf einem Lastwagen sitze, dann fliegt mir ja schon bei langsamer Fahrt der Hut vom Kopf. Und noch eines, wenn dies alles stimmt, warum kann ich dann nicht mit einem Heißluftballon nach oben steigen, einige Stunden dort oben verbleiben, die Erde müsste sich dann unter mir weiter gedreht haben, ja und dann, nach der Landung müsste ich mich doch weit ab vom Ausgangsort befinden. Also mein Sohn hier stimmt irgend etwas nicht und keiner von uns hat je gesehen, dass die Erde sich dreht.
Cave meinte nur, Vater wenn du in den Himmel schaust dann siehst die den Mond, wenn du auf dem Mond stehst und von dort in den Himmel schaust, dann siehst du die blau leuchtende Erde. Menschen waren schon auf dem Mond und haben gesehen wie die Erde sich dreht.
Zu Hause hatte eigentlich seine Mutter das Sagen, sein Vater mischte sich so gut wie nie in die Erziehung ein. Da der Vater aber nie eine Schule besucht hatte, war Cave so etwas wie ein junger Lehrer für ihn, er war sehr wissbegierig und er fragte ihn fast täglich, was er Neues in der Schule gelernt hatte. Cave dachte bei sich, da wäre ja noch etwas, in Physik hatte er gelernt, dass die Erde sich einmal im Jahr mit extrem hoher Geschwindigkeit um die Sonne dreht, der Lehrer meinte, dies hätte ein Mann vor vielen Jahren herausgefunden, nur dies hatte er nicht weiter erwähnt, er wollte seinen Vater nicht zusätzlich verwirren.
Als er so allein in der Kälte stand wurde er schwermütig und musste die Trauer um seinen Vater mit Macht verdrängen. Nun sei es drum, schließlich war dies schon sein dreißigster Geburtstag, vielleicht waren sie ja doch ein Geschenk von Allah, zum Geburtstag, so wie damals mit dem Auto, eine Art von Gottesbeweis, an den er nicht so richtig glauben konnte, da waren so viele Ungereimtheiten, vor allem warum sollte man Ungläubige töten und dafür einen Platz im Paradies erhalten, Ungläubige glauben ja auch an etwas, meistens ist es auch nicht viel anderes, ich glaube, wahrscheinlich gibt es weder ein Paradies noch eine Hölle, nach dem Ende gibt es auch keinen Neuanfang, und all die vielen Jungfrauen die angeblich im Paradies nur so auf die Märtyrer warten sollen, na ja, dies darf man aber nicht laut sagen, das Nachdenken können sie aber nicht verbieten oder kontrollieren, zumindest bis jetzt nicht.
Cave dachte bei sich, bei Geschenken sollte man nicht so kritisch sein, Geschenke sind eben nun einmal Geschenke, da soll man nicht zu viele Fragen stellen. Er drehte sich um und sah die Abdrücke seiner Füße im nassen Gras, die Zehen noch oben, zum Berg hin gerichtet. Auf dem Weg nach unten versuchte er gleich lange Schritte zu machen, damit seine Spuren genau parallel verlaufen, für die ersten Schritte gelang ihm dies auch, dann wurden sie länger und passten nicht mehr zusammen, es ging ja bergab, da wird man eben automatisch etwas schneller. Es war eine Art von Spiel, das er fast immer machte, wenn er nach unten ging, hierfür brauchte er niemanden, er konnte es alleine spielen. Als er zum Haus zurück ging, folgten ihm die weißen Hühner, so als sei es für sie das Selbstverständlichste auf der Welt, als hätten sie es schon immer so gemacht. Er schüttete Körner in einen Trog, sie waren wohl hungrig geworden, auf ihren Weg vom Berg herab und begannen sich sofort daran zu stärken.
Er hatte schon frühzeitig gelernt, dass man Geschenke teilen muss, daher verpackte er am Nachmittag je fünf weiße Hühner in drei Kisten und wies den Fahrer an, der am späten Nachmittag die Eier abholte, jeweils eine der Kisten bei seinen Brüdern und dem Schwager abzuliefern. Er behielt fünf davon für sich und die Neulinge wurden von seinen alten Hühnern nicht weiter beachtet und von ihnen auch aufgenommen.
Was Cave nicht erahnen konnte, die weißen Hühnern waren doch Trojaner. Aus Rache ließ der CIA die Hühner mit genmanipulierten Viren infizieren. Das tödliche Virus verbreitete sich mit rasanter Geschwindigkeit. So kam das Unheil über seine Sippe und über das gesamte Land, eine verheerende Pandemie brach aus. Die Büchse der Pandora war geöffnet. Hass und Verderben bestimmen seit dieser Zeit das Handeln beider Nationen.
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Ich bin Mike, ich sehe nicht aus wie man sich normalerweise einen Mike vorstellt, ich habe dichtes schwarzes Haar, eine lange krumme Nase, ausgeprägte Backenknochen und eine dunkle Haut.
Geboren bin ich in Palo Alto, einige Meilen südlich von San Francisco, dort bin ich auch aufgewachsen. Meine Eltern besitzen eine große Orangenplantage, mein Vater hatte sie vor etlichen Jahren von seinem Vater übernommen, lauter Apfelsinenbäume, soweit das Auge reicht, für Äpfel ist es hier zu heiß und von Anfang Februar bis Anfang November fällt auch kein Regentropfen. Wasser wird für die Plantagenbesitzer zum Hauptproblem. Trinkwasser kommt aus einem Stausee nördlich von San Francisco, selbst dort wird an den Hängen das Gras schon nach wenigen Tagen hell wie Stroh, es ist die Heimat der Klapperschlangen, geht man durch das dürre Gras, dann kann man sie manchmal hören, ohne sie zu sehen, es ist ein sonderbares Klicken wenn ihre Hornschuppen am Schwanz gegeneinander schlagen, meist sind sie nicht aggressiv, man sollte ihnen nur nicht zu nahe kommen oder auf sie treten. Antiseren gibt es auf der Ranger Station, unten bei der Schildkröten Station, falls doch jemand einmal gebissen wird.
Langsam aber stetig sinkt in den Sommerwochen der Wasserspiegel und gegen Ende August ist der Stausee fast nur noch eine jämmerliche und trübe Wasserpfütze, selbst Fische können kaum mehr darin überleben.
Zu jeder Stunde wird im Radio verkündet, dass Rasen sprengen und Auto waschen verboten sind, Waschmaschinen sollen nicht mehr als einmal täglich benutzt werden, möglichst nachts, wenn der allgemeine Verbrauch etwas absinkt.
Da meine Eltern wohlhabend sind, konnte ich die besten Schulen besuchen. Ich war nicht das, was man einen Streber nennt, hatte aber in allen Fächern immer nur die Bestnote A. Ich weiß auch nicht wie und warum, aber ich musste nie wirklich richtig pauken, ich habe so etwas wie ein photographisches Gedächtnis und was ich einmal gehört und gesehen habe, verbleibt in meinem Gehirn verankert. Auch jetzt noch, wenn mir etwas nicht spontan einfällt, gebe ich meinem Gehirn den Auftrag danach zu suchen, dies klappt auch meistens und ich bekomme dann auch prompt die richtige Nachricht. Die Hausaufgaben hatte ich schon meistens während der Pause erledigt und hatte somit viel Zeit für mein Hobby.
Unser Wohnhaus war riesig, die Anzahl der Zimmer hatte ich nie wirklich gezählt, es wurden auch nicht alle benutzt, es war ein großes Herrenhaus und stammte aus dem neunzehnten Jahrhundert, aus Holz gebaut, mit brauner Farbe bestrichen, die alle Jahre ausgebessert werden musste, irgendwo musste immer etwas nachgestrichen werden, und einem großen Eingang. Bis zur Straße waren es etwa fünfhundert Meter. Die gepflasterte Auffahrt, umrandet von Bäumen, führt in einem großen Bogen bis vor dem Eingang und wieder zurück zur Straße, für die Familienautos gab es immer genug Parkstellen. In dieser Gegend sind die Grundstücke nicht eingezäunt, ein Hausschlüssel, wenn je einer existierte, wurde bisher nie benutzt, trotzdem wurde nie etwas gestohlen.
Mein Vater hatte für mich eine kleine Werkstatt eingerichtet, in einem Seitenflügel des Hauses, für meine neue Leidenschaft, die ich nach meiner Rückkehr von unserer Schülerreise entwickelt hatte. Es begann mit einer Studienreise nach Italien, am Ende der zehnten Klasse. Unser Kunstlehrer hatte uns schon einige Monate vor Beginn der Reise auf verschiedene Kunstwerke aufmerksam gemacht, mit dem Schwerpunkt auf Marmor Skulpturen.
Er meinte Florenz und Rom, das waren zwischen Ende des fünfzehnten und dem beginnenden sechszehnten Jahrhundert der Nabel der künstlerischen und kulturellen Welt, was zu dieser Zeit geschaffen wurde, kann man nicht beschreiben, man muss es selbst gesehen haben. Die Hochrenaissance sei die Wiedergeburt der griechischen Kunst gewesen und führte zu nie wieder erreichten Schöpfungen, geschaffen für die Ewigkeit.
Unsere Studienreise begann in Florenz, wir waren in einem kleinen Hotel untergebracht, gleich neben dem Arno, zwei Nebenstraßen hinter der Ponte Vecchio, von meinem Fenster aus konnte ich die Brücke sehen. Am Flughafen in Pisa nahmen wir den Linienbus, und als wir in Florenz ankamen, war es schon dunkel, aber die Brücke überstrahlte die Umgebung, die Geschäfte waren noch geöffnet, ein Wunder dass die Brücke alles tragen kann, besonders bei den vielen Besuchern, die auf dem Scheitelpunkt des Brückenbogens stehen, dort sind keine Geschäfte, zwei kleine Plätze, auf jeder Seite einer, mit freien Ausblick auf den Fluss, danach neigt sich die Brücke nach beiden Seiten bis zu den angrenzenden Straßen. Der Regen der letzten Tage hatte den Fluss leicht anschwellen lassen, nur einige Ruderboote kämpften sich zur späten Stunde noch durch das trübe Wasser, die Liegestühle von der Badestelle an der linken Seite des Flusses waren alle unbesetzt.
Am nächsten Morgen stand ich in der Florentiner Akademie vor ihm, über fünf Meter ist er groß, aus weißen Marmor, der Meister, er war erst fünfundzwanzig Jahre alt, als er ihn aus einem Stein heraus erschaffen hatte. Einige Bildhauer hatten sich schon zuvor damit befasst, aber die Arbeit aufgegeben, und nur grobes Stückwerk hinterlassen. Doch was hatte er daraus gemacht, die Vollkommenheit, ein menschlicher Gigant, von da an konnte ich ihm nicht mehr entkommen.
Er, der ihn erschaffen hatte, er ruht nun für ewig in einem Sarkophag aus braunen Granit, auf einem großen Sockel, an der Wand, am hinteren Ende der Kirche Santa Croce, dort ist er nicht allein, nur einige Schritte von ihm entfernt ruht auch noch der Dichter Dante und gegenüber steht der Sarkophag mit den Überresten von Galileo Galilei, fast wäre er als Ketzer auf dem Scheiterhaufen gelandet, beim Vorzeigen der Folterwerkzeuge hatte er widerrufen, doch dann sagte er nur leise, mehr zu sich selbst, und sie dreht sich doch. Ich stand lange tief bewegt vor ihnen, noch Stunden nachdem ich die Kathedrale verlassen hatte, fühlte ich mich wie aufgewühlt.
Zuvor waren Steine nur einfach Steine für mich, dies hatte sich verändert, als ich vor dem Giganten stand, ich sah, wie dem toten Stein Leben und Würde eingehaucht wurde, und so begann meine Faszination für den Marmor.
Eine der Fragen die ich hatte war, wie ist der Marmor denn eigentlich entstanden?
Unser Lehrer erklärte uns, einst waren es die Schalen von Muscheln und anderen Tieren, die vor mehr als dreihundert Millionen Jahren in den Weltmeeren lebten. Sie hatten sich zum Schutz ein Gehäuse gebaut, aus einer einfachen chemischen Substanz, unser Chemielehrer meinte nur, es sei Calciumcarbonat, wir hätten es auch in unseren Knochen, das würde für die Stabilität unserer Knochen sorgen.
Als die Tiere starben fielen sie auf den Meeresboden, unzählbar viele, die Schalen der Tiere wurden zusammengepresst und durch den hohen Wasserdruck und einigen chemischen Reaktionen entstand der Marmor, weißer Marmor entstand aus weißen Schalen und farbiger wenn die Tiere farbige Schalen produziert hatten, und es gäbe über hundert verschiedene Arten davon.
Eine weitere Frage die ich stellte war, wenn Marmor immer auf dem Boden der Ozeane entstanden ist, wie kommt es dann, dass wir Marmorberge haben.
Der Lehrer meinte, weißt du, zu dieser Zeit gab es nur einen Kontinent, der zerbrach und neue Kontinente entstanden daraus und Teile des Meeresbodens wurden nach oben gedrückt, so entstanden die Marmorberge auf den neuen Kontinenten.
Als ich zurück kam, erzählte ich meinen Vater von meiner Begeisterung, einige Wochen später hielt ein Lastwagen vor unserem Haus, beladen mit vielen Marmorsteinen.
Ich hatte viel geübt, wurde aber nie ein guter Bildhauer, ich hatte aber gelernt wie beschädigte Skulpturen am besten wieder repariert werden können. Maler können Fehler leicht verbessern und neu gestalten, ist eine Nase zu groß oder zu klein, ein Finger nicht in der richtigen Position, so werden sie einfach neu gemalt und neu gestaltet, auch Modelle aus Lehm für Bronze Skulpturen können jederzeit und beliebig oft verändert werden bevor der Bronzeguss entsteht, daher nenne ich die Künstler auch die Kneter. Aber mit den Steinen ist es ganz anders, was einmal weggeschlagen ist, bleibt für immer verschwunden und kann nicht mehr ersetzt werden. Der Bildhauer muss immer genau wissen was er macht, wenn man wieder neues Leben in einen Stein einhauchen will.
Nach der High-School ging ich zunächst an die Universität of California in Berkeley, ich hatte schon im Biologie Unterricht viel von den Viren gehört und mich dafür interessiert. Dort waren einige der bekanntesten Virologen als Forscher tätig, in der Stanly Hall. Das Institut liegt gleich hinter dem Kampanile, mit Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, nach einem Jahr wechselte ich zur Harvard University nach Boston mit dem Schwerpunkt Biotechnologie und deren Nutzanwendung, als Nebenfach belegte ich Orientalistik und erlernte orientalische Sprachen. Sowohl in Berkeley als auch in Boston hatte ich Kunstgeschichte und praktische Kurse belegt, ich wurde zwar kein berühmter Bildhauer, hatte mir aber einen Namen als Restaurator und anerkannter Kunstkenner gemacht.
Ich sah sie zum ersten Mal in einer Kneipe, dort am Kanal, ganz in der Nähe wo ich wohnte. Es war nach einem langen Tag in der Uni, Vorlesungen, Übungen und Seminare, sie begannen um 7:30, die allgemeine Relativitätstheorie, der dreidimensionale Raum, die Zeit hinzugefügt ergibt die vierte Dimension. Wir kennen alle Zeit, Sekunden addieren sich an Sekunden, man kann es an der eigenen Uhr erkennen, unaufhörlich, eine nach der anderen. Und doch, so konstant wie es scheint, ist die Zeit nun auch wieder nicht. Ja auch sie ist abhängig, die Uhren ticken nicht immer gleichmäßig, mal gehen sie langsamer, mal gehen sie schneller, es kommt darauf an wo man sich befindet. Dort wo große Massen sind, vergeht die Zeit langsamer, bewegt man sich ins All, von der Erde weg, dann laufen unsere Uhren schneller, bei den modernen Navigationsgeräten wird dieses Phänomen berücksichtigt, wäre dies nicht der Fall, kämen wir nicht genau am gewünschten Ziel an. Würden die Uhren im All ein schwarzes Loch erreichen, dann gebe es die Zeit nicht mehr geben.
Die Zeit existiert auch nicht seit Ewigkeiten, es gab einen Zustand ohne Zeit, bevor das Universum entstand, als nur Energie existierte, es gab noch keine Materie und diesen zeitlosen Zustand wird es wieder geben. Zuvor war das Nichts und Nichts wird wieder sein.
Nur sehr schwer vorstellbar, aber wir kennen es alle, wir müssen nur an uns selbst denken. Bevor ich war, war ich Teil des Nichts, wenn ich nicht mehr bin, bin ich wieder Teil des Nichts, was zählen da noch meine Knochen, auch die werden irgendwann vergehen.
Die nächsten Vorlesungen waren auch nicht einfacher, mir konnte nie jemand überzeugend erklären warum Elektronen negative geladen sind, man kann es aber spüren, man muss nur den Finger in eine Steckdose stecken. Sie bewegen sich auf festgelegten Bahnen um den Kern, man weiß nur nie wo sie genau sind, sie können sowohl Materie als auch reine Energie sein und sie haben noch eine Besonderheit, scheinbar können sie zur gleichen Zeit auch an unterschiedlichen Orten sein.
Ich betrat nach Sonnenuntergang die Kneipe, von der Metro Station aus sind es nur einige hundert Meter bis dorthin, meistens, wenn ich von der Uni kam, gönnte ich mir noch einen Drink, ein Bier vom Fass. Schon als ich mit der Rolltreppe nach oben kam, bemerkte ich den Regen, er hatte plötzlich eingesetzt, ohne Schirm, mit hochgezogener Kapuze, etwas durchnässt, betrat ich meine Stammkneipe.
Ich sah sie sofort, sie saß alleine an einem Tisch, gleich neben dem Eingang, hatte einen Softdrink vor sich zu stehen und las einen Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, vom Format und vom Umfang der Zeitschrift her, konnte es die Wochenzeitschrift Nature sein, sie hatte die erste Seite umgeschlagen, so konnte ich die Titelseite nicht erkennen. In Nature werden meist nur kurze aber sehr anspruchsvolle Artikel veröffentlicht, maximal vier Seiten. Dies sprach dafür, dass die junge Dame eine Studentin im höheren Semester war, oder ebenfalls eine Wissenschaftlerin.
Wir hatten uns gesehen und doch nicht gesehen. Ich zog meine nasse Jacke aus und setzte mich an einen anderen Tisch, mit dem Rücken zur Wand, damit ich sie von der Seite sehen konnte. Der Barkeeper brachte mir ohne Aufforderung ein Bier, so wie immer. Sie hatte schwarzes Haar, eine spitze Nase, erotische Lippen und unter ihrem Pullover konnte ich ihre wohlgeformten Brüste erkennen. Ihre Beine hatte sie unter dem Tisch ausgestreckt, ihre Körpergröße konnte ich nur schätzen, so auf etwa 170 cm. Nachdem sie den Artikel gelesen hatte, trank sie den Softdrink aus, legte drei Dollarscheine auf den Tisch und verließ das Lokal ohne sich umzudrehen.
Am nächsten Tag, fasst zur gleichen Zeit, kam ich wieder zum abendlichen Drink, kurz nach neunzehn Uhr, es war fast wie ein Déjà-vu, sie saß wieder am gleichen Tisch, wieder mit einer Zeitschrift vor ihrer Nase. Als ich eintrat sah sie nur kurz auf, wir beide nickten nur etwas mit dem Kopf, eine Art von kurzer Begrüßung, sonst weiter nichts. So ging es fast die ganze Woche, bis ich es endlich wagte sie zu fragen, ob ich an ihrem Tisch Platz nehmen könnte, sie schien sich einige Sekunden zu überlegen, was sie sagen sollte, dann nur ein kurzes Kopfnicken, das ich eindeutig als eine positive Zustimmung ansah.
Ich setzte mich auf den Stuhl genau ihr gegenüber, so bestand ein gewisser Abstand, aber auch wiederum eine gewisse Nähe, ohne aber aufdringlich zu erscheinen.
Sie blickte mir zum ersten Mal direkt ins Gesicht, sie sah, dass ich fast schwarze Augen habe, so schien es wenigstens bei der schwachen Beleuchtung, eine etwas zu kräftige Nase, ausgeprägte Backenknochen und eine dunkle Hautfarbe.
Sie dachte sich, der könnte ein Südländer sein, vielleicht ein Mexikaner, eine Schönheit ist er sicherlich nicht, aber trotzdem wirkt er irgendwie attraktiv, der könnte mir schon gefallen, na mal sehen was daraus wird.
Wie immer stand wieder unaufgefordert ein Glas Bier vor mir auf dem Tisch, so wie immer.
Aus der Nähe sah sie noch viel besser aus, Selbstsicherheit sprach aus ihren Augen, durch die etwas nach oben gezogenen Mundwinkel erschien es, als würde sie leicht lächeln und ihre Lippen erschienen mir noch verführerischer als aus der Ferne.
Es sind immer die komischsten Momente bevor man wagt ein Wort zu sagen, ich überlegte mir kurz, soll ich das Gespräch mit einem Kompliment beginnen, frag ich was sie so macht, oder vielleicht wie ihr Tag war.
Um das Gespräch zu beginnen, wählte ich die einfachste Methode, ich stellte ich mich kurz vor und sagte, ich bin der Mike, ich komme fast jeden Abend hierher, nach der Uni, zum Relaxen, auf ein Bier.
Habe ich mir schon gedacht, ich bin die Terri und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Molekularbiologie.
Nach einer Woche gingen wir zum ersten Mal von der Kneipe aus direkt zu mir in meine Bude. In der Hoffnung, dass sie nicht nein sagen würde, hatte ich schon am Morgen zuvor einige Blumen und zwei Weingläser auf den Tisch gestellt.
Ich zündete die Kerzen an, das Licht war gedimmt und der Weißwein hatte die richtige Temperatur, wir schauten uns beide etwas verlegen an und mussten nicht so genau wie und wo wir beginnen sollten.
Sie machte den Anfang, sagte kein Wort und stand plötzlich eng vor mir. Das erste was mir entgegenschlug war der liebliche Duft ihres Parfüms, ihre Augen waren dunkler als ich es in Erinnerung hatte. Mit beiden Händen umfasste sie seitlich meinen Kopf, ich spürte ihren Atem schon bevor ihre Lippen mich berührten, erst meine Wangen, dann erreichten sie langsam meinen Mund. Leichte impulsartige Wallungen stiegen in mir auf, dann ging alles sehr schnell, sie öffnete ihre dunkle Seidenbluse, darunter hatte sie keinen BH, ihre nackten Brüste berührten mich, zuvor hatte sie mir das Hemd geöffnet, so dass ich ihre Brustwarzen auf meiner nackten Haut fühlen konnte.
Unsere restliche Kleidung fiel zu Boden, bevor wir mein Zimmer mit dem Bett erreichen konnten. Sie legte sich auf den Rücken, sie bewegte sich leicht und rhythmisch und wortlos, ich verweilte dort so lange ich konnte.
Es war ein seltsames Erlebnis, früher wollte ich fast immer kurz danach entfliehen, diesmal war es anders, ich hatte das Verlangen nach Umarmung und nach Wiederholung, nach mehr, und so blieb es für immer, bis heute.
Für mich war das Examen fast nur reine Formsache. Kurz danach wurde ich vom Geheimdienst angeheuert.
Top-Studenten bewerben sich nicht bei Top-Firmen, sondern Top-Firmen bemühen sich um Top-Studenten. So kam es auch, dass der Geheimdienst verdeckt mit mir Kontakt aufnahm, bevor ich noch das letzte Semester abgeschlossen hatte.
Die Anwerbung verlief sehr unspektakulär, es erschienen keine Männer mit Schlapphüten, oder in dunklen Mänteln, es kam nur einer, er nannte sich John und meinte nur, bei uns heißen sie alle irgendwie John, seinem Aussehen nach, hätte er auch Reklame für Zahnpasta machen können. Das Treffen fand auch nicht in einem finsteren Hinterzimmer statt, er hatte mir die Auswahl des Treffpunktes überlassen, so trafen wir uns in meiner alten Kneipe, gleich hinter der Metro.
Er erzählte mir auch nichts vom Vaterland oder von großen Idealen die verteidigt werden müssen, er meinte nur, wir brauchen hoch intelligente Leute, die Meister in ihrem Fach sind, denn sie sind unsere Zukunft.
Wir brauchen Wissenschaftler mit großen Ideen und Führungsqualität, deshalb bemühen wir uns um die Besten der Besten von den besten Universitäten des Landes, deren Werdegang wir schon lange vorher verfolgen, bevor wir mit ihnen Kontakt aufnehmen. Mein Boss war beeindruckt von deinen Leistungen, er meinte nur, den Mann brauchen wir.
Wir sind in den letzten Jahren etwas ins Hintertreffen geraten, die andere Seite hat extrem viel im Bereich der Biologie investiert und sich ganze Arsenale aufgebaut, dem können wir bis jetzt nichts Gleichwertiges gegenüber stellen.
Wie gesagt, wir sind schon einmal ins Hintertreffen geraten, plötzlich kreiste ein Mann in einer Kugel über uns im Weltall, wir waren schockiert und fühlten uns gedemütigt, jetzt sind wir ihnen wieder die Überlegenen, unsere Männer standen bisher als die einzigen auf dem Mond, sie sind sogar dort mit dem Auto herum gefahren, so wurden wir wieder die Besseren. So etwas wie damals darf uns nicht noch einmal widerfahren und du kannst uns dabei helfen. Wir bieten dir fast absolute Forschungsfreiheit und unbegrenzte Mittel an. Bei uns brauchst du keine Forschungsmittel zu beantragen, du musst nur sagen was du brauchst.
Ich kannte den Aufwand aus meiner Zeit an der Universität von California in Berkeley, der erforderlich ist, um Forschungsgelder zu erhalten. Fast ein Drittel ihrer Zeit verwenden die Wissenschaftler für ihre Anträge und im Durchschnitt wird nur jeder zehnte Antrag unterstützt und ist auch nur auf wenige Jahre begrenzt. Nur deine wissenschaftlichen Ergebnisse darfst du nicht so einfach veröffentlichen, hierfür ist immer die Zustimmung der Firma erforderlich, aber dein Salär wird sehr großzügig sein, mehr als dir jede Universität jemals anbieten kann und der Vertrag muss ja auch nicht für alle Ewigkeiten sein, wenn es dir bei uns nicht gefallen sollte.
Ich erbat mir eine Woche Bedenkzeit, dann stimmte ich zu, nicht aus Patriotismus heraus, überzeugend war für mich die versprochene Forschungsfreiheit, auch Terri hatte keinen Einwand gegen den Vertrag. Dann brachte mir die Firma die Grundregeln des Geheimdienstes bei, das Wort Moral ist dabei kein einziges Mal gefallen
3
Sait war Student im vierten Semester, er wollte eigentlich Chirurg werden, so wie sein Vater. Beide Elternteile stammten aus sehr reichen, einflussreichen Familien und hatten die besten Schulen in der Stadt besucht. Beide begannen im gleichen Jahr an der Universität zu studieren, der Vater Medizin, die Mutter Kunst, dort hatten sie sich auch zum ersten Mal getroffen. Sein Vater hatte seine Fachausbildung als Chirurg an der John Hopkins Universität in Baltimore begonnen und dort nach vier Jahren abgeschlossen. Als er zurück kam, hatten sie geheiratet und zehn Monate später wurde Sait geboren, seine jüngere Schwester verstarb einige Wochen nach ihrer Geburt, so wuchs er als Einzelkind auf, besuchte ebenfalls nur ausgewählte Schulen und begann mit dem Medizinstudium an der gleichen Universität, an der sein Vater Chef der chirurgischen Klinik war. Mit dem Studium hatte er keine Schwierigkeiten, er hatte wohl das naturwissenschaftliche Verständnis von seinem Vater geerbt, von seiner Mutter den Blick für das Schöne.
Sein Vater hatte Talent, ruhige Hände und als Arzt hatte er eine Art von siebtem Sinn für die Chirurgie. Als Direktor der Chirurgischen Abteilung wurde er schnell als begnadeter Chirurg bekannt und hatte die Prominenz des Landes als Patient.
Sait hatte ihn oft bei der Arbeit beobachtet, hinter dem OP Saal führte eine steile Treppe zum darüber gelegenen Stockwerk, dort befand sich ein kleiner Raum mit einer großen Glaskuppel in der Mitte, einige Stühle standen immer kreisförmig herum, die Kuppel war genau über den Operationstisch platziert, sie ruhte auf einem stabilen Sockel und die Studenten konnten bequem davor sitzen. Sie befand sich etwa vier Meter über dem OP-Tisch und ermöglichte den Ablauf der Operationen genauestens aus der Vogelperspektive zu verfolgen und das Geschehen in der unmittelbaren Umgebung zu beobachten.
Saits Vater stand immer auf der linken Seite neben dem Patienten, ihm gegenüber befanden sich zwei Assistenten, die meist nur die Haken halten mussten, um einen freien Zugang zum Operationsfeld zu ermöglichen, rechts neben ihm stand immer die OP-Schwester, sie war immer dieselbe, ihr Gesicht hatte er nie richtig gesehen, sein Vater und sie, die waren ein eingespieltes Team, sie wusste immer genau welches Instrument er als nächstes benötige, nahm es vom Beistelltisch und reichte es ohne Aufforderung in seine rechte Hand, er gab ihr das Gebrauchte zurück, alles lief sehr harmonisch ab.
Nur die Assistenzärzte wechselten fast täglich, die mussten die benötigte Anzahl von Pflichtoperationen erreichen. Der Narkose Arzt stand immer hinter dem Kopf des Patienten, der war meist auch der gleiche, sein Vater bevorzugte, wenn möglich, immer nur mit dem gleichen Personal zu arbeiten, die Schläuche ragten dem Patienten aus dem Mund, Monitore und Überwachungsgeräte überprüften die Atmung und den Kreislauf. Der Blick auf das Gesicht des Patienten wurde von oben durch ein weißes Tuch verhindert, das über einen großen Metallbügel lag, nur der Narkosearzt konnte es sehen.
Sein Vater hatte schon graue Haare und Falten im Gesicht und an den Händen, wenn er operierte war dies nicht zu erkennen. Der Mundschutz, und die Haube über dem Haar verdeckten dies, die sterilen Gummihandschuhe reichten über den unteren Anteil des OP-Kittels hinweg und verhinderten so die Sicht auf die Falten seiner Hände.
Eigentlich, vom Alter her, hätte er sich schon seit einigen Jahren im Ruhestand befinden müssen. Er hatte aber einige mächtige Beschützer und keiner in der Universität wagte einen Einspruch zu erheben, wenn es um seine Verlängerung ging, er hatte das absolute Sagen in der Klinik, operieren war für ihn so eine Art von Sucht, von der er nicht lassen konnte.
Er war öfters beim Herrscher als Gast in dessen Palast, für ausgelesene Gäste gab es auf den Empfängen immer etwas besonders, der Herrscher ließ sich von einem Lakaien aus einer mit Samt ausgelegten Schatulle eine Goldmünze reichen, die er dann in die geöffneten Hände des Gastes fallen ließ, ohne selbst die Hände des Beschenkten zu berühren. Der verneigte sich nur, murmelte einige Dankesworte, trat einige Schritte zurück, immer noch mit gebeugten Rücken, bevor er sich umdrehte, um Platz für den Nächsten zu machen.
Der gesamte Ablauf erfolgte nach einem exakt vorgeschrieben Protokoll und jeder Gast bekam zuvor genaue Anweisungen wie er sich zu verhalten hat und was er sagen konnte, Fragen durften keine gestellt werden, man befragt den Herrscher nicht, man antwortet nur.
Sein Vater hatte schon einige von diesen Goldmünzen, die wurden im Haus auf Samtkissen in einer Vitrine zur Schau gestellt und jeder der als Gast zu uns kam, musste diese vor dem Tee bewundern, und jedes Mal erzählte er dazu eine andere Geschichte.
Wenn sein Vater operierte wurde nicht viel gesprochen, es wurden auch keine Witze gerissen, sie waren ein eingespieltes Team, er und die OP-Schwester, nur ihre Nase konnte er einige male sehen, sie war gleichmäßig geformt und schien zum restlichen Teil des verhüllten Gesichts zu passen.
Sait erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem er zum ersten Mal selbst an einer Operation teilnehmen durfte, er war der einzige Student dem dies ermöglicht wurde. Zuerst erfolgte die Prozedur des Händewaschens, mindestens fünf Minuten beide Hände mit Seife und Bürste bearbeiten. Der Wasserhahn musste mit dem Ellenbogen geschlossen werden, um die Hände nicht wieder zu kontaminieren, der grüne OP-Kittel wurde gereicht und eine Schwester hielt die sterilen Handschuhe so entgegen, dass er mit angelegten Fingern hinein fahren konnte, ohne die Außenseite zu berühren, somit blieben sie auch steril.
Es war eine einfache Blinddarm Operation, der Patient war schon narkotisiert und lag vor ihm auf dem Tisch. Dieses Mal stand sein Vater auf der anderen Seite des Tisches.
Zuerst wurde ein Wattebausch mit einer langen Pinzette in eine Jodlösung getaucht und damit der Operationsbereich bestrichen, zur Desinfektion. Weiße, sterile Tücher bedeckten den OP Bereich und waren mit Klemmen an der Bauchhaut befestigt.
Die OP-Schwester reichte Sait das Skalpell und sein Vater deutete an, wo und wie lang er den ersten Schnitt legen musste.
Sait nahm das Skalpell in seine rechte Hand und berührte leicht die Haut des Patienten, ohne den Schnitt zu führen. Sein Vater bemerkte das Zögern und meinte nur, wenn du dich entschlossen hast zu schneiden, dann tu es auch, und zwar ohne zu zögern.
Es war das erste Mal, dass er einen Menschen verletzte, die Integrität einer Person zerstörte, später, als er gefoltert wurde, sah er auch manchmal dieses Zögern in den Gesichtern seiner Peiniger, nur für den Bruchteil einer Sekunde, hatten sie die Schwelle erst einmal überwunden, dann schlugen sie zu, ohne Bedenken, gnadenlos.
Ist die Gewalt erst einmal erweckt und entfesselt, dann beginnt sie sich zu verselbstständigen, den Initiator benötigt sie nicht mehr, nach dem warum wird sowieso nicht mehr gefragt.
So war es auch bei ihm, er durchtrennte mit leichter Bewegung, die Skalpell Spitze tiefer drückend, die Bauchhaut, das gelbliche Fettgewebe quoll leicht hervor, es hatte einen eigenartigen Geruch, etwas süßlich, bevor die ersten Blutstropfen austraten, dann verlief alles so, als hätte Sait dies schon hundert Mal gemacht, sein Vater hatte ihm schon am Tag vor der OP genaue Instruktionen gegeben.
Zuerst waren es nur geringe Ereignisse die Saits Unmut erweckten. Die Fürsten in weiß hatten das alleinige Sagen, nichts konnte sie in ihrer Selbstgerechtigkeit erschüttern. Er trat der Studentenvertretung bei und wurde bald zu ihrem Sprecher ernannt, nicht weil er der Sohn des Klinik Direktors war, sondern durch sein Auftreten und wie er etwas sagte, überzeugte die andren Studenten.
Sie organisierten öffentliche Diskussionsrunden, luden Professoren dazu ein, doch nie ist einer von ihnen erschienen, auch sein Vater nicht. Um sich Gehör verschaffen zu können entfalteten sie eines Tages Transparente mit Slogans wie Mitspracherecht für die Studenten, wieder erschienen die Fürsten nicht, dafür kamen aber zehn in schwarz gekleidete Herren, so als hätte sie jemand gerufen.
Sie meinten nur höflich, die Sitzung sei hiermit geschlossen, wir sollten ihnen nur folgen. Draußen vor dem Universitäts-gebäude standen schon einige Lastwagen, die Planen über den Laderaum waren schon hochgezogen und alle Studenten mussten einsteigen. Sie fuhren in eine wenig belebte Seitenstraße zu einem großen, unauffälligen Backsteingebäude, auch die Eingangstür war wie jede andere Tür, doch dahinter wurde sofort klar, dies war kein normales Wohnhaus. Jeder musste durch eine Ganzkörper-durchleuchtung, die den Menschen nackt erscheinen lässt. Der Verhörraum war fensterlos, in der Mitte stand nur ein Holztisch und zwei Stühle, die Beleuchtung war spärlich, einige Studenten setzten sich auf den Tisch, andere auf den Boden, einige begannen zu Rauchen, was die Luft noch unerträglicher machte, bis nach etwa einer halben Stunde ein dunkel gekleideter Mann den Raum betrat. Allen wurde schlagartig klar, dass sie sich bei der SAVAK befanden, der berüchtigten politischen Geheimpolizei. Der Mann sagte höflich, wir seien nur als Gäste hier, er wolle sich nur etwas mit ihnen unterhalten, er tat so, als hätte er Verständnis für uns und wolle nur wissen was uns so bewegt und ob wir alleine handeln oder ob es noch weitere Hintermänner geben würde, unsere Personalien wurden registriert und als wir das Gebäude wieder verlassen durften, war es schon dunkel.
Unter den Studenten kam Zweifel an der Sinnhaftigkeit und der Effektivität ihrer bisherigen Aktivitäten auf, einige meinten, wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir noch etwas radikaler vorgehen, die Unzufriedenheit beschränke sich in der Zwischenzeit ja nicht nur mehr alleine auf die Studenten, die allgemeine Versorgung der Bevölkerung sei nicht mehr gesichert und die Preise würden unentwegt steigen.
Auf den nächsten Transparenten die im Hörsaal entfaltet wurden standen schon Forderungen nach mehr Freiheit und Gerechtigkeit und zwar für alle. Erstaunlich war nur, dass schon kurz vor Beginn der Veranstaltung die Polizei erschien und alle Studenten festnahm. Sait hatte den Verdacht, dass einer von ihnen der Polizei heimlich und regelmäßig den Ort und die genaue Uhrzeit mitteilte, und dass dieser jemand von ihrer Organisatoren sein musste, nur die Mitglieder kannten die genauen Termine.
Dieses Mal waren die Gespräche und die Behandlung nicht mehr so freundlich, direkt geschlagen wurde noch niemand, es war aber so etwas wie eine kurze Inhaftierung aus der sie erst nach achtundvierzig Stunden entlassen wurden, während dieser Zeit bekamen sie nichts zu Essen und zum Trinken nur einfaches Wasser.
Erst als die Forderungen nach Rücktritt der Regierung erfolgten, wie es auf den Transparenten stand, gingen sie brutal vor. Kaum hatte Sait den Verhörraum betreten da lag er schon auf dem Boden.
Als die Tür sich öffnete sah er nur kurz zwei Gestalten in schwarz, der eine hatte eine Maske über den Kopf gezogen, er hatte eine lange Holzlatte in der Hand, mit der er ihn mit voller Wucht auf den Rücken schlug, er verlor das Gleichgewicht und ging zu Boden. Der ohne Maske hob ihn wieder hoch und landete einen kräftigen Faustschlag mitten in sein Gesicht, Sait hörte wie sein Nasenbein zerbrach, erst war es nur ein dumpfer Schmerz, der sich aber nach einem Bruchteil einer Sekunde auf den ganzen Kopf ausbreitete. Der Holzlattenschläger hielt ihn immer noch von hinten fest, ein Schlag mit einem Gewehrkolben traf ihn seitlich am Kinn, Blut schoss aus seinem Mund und einige ausgeschlagene Zähne flogen auf den Boden.
Seinen Mund verstopften sie mit einem schmutzigen Stofffezen und klebten zwei Streifen darüber. Blut sammelte sich in seinem Mund an, ausspucken war unmöglich, um nicht zu ersticken, schluckte er es hinunter. Sie schleiften ihn am Boden entlang und legten ihn auf einen langen Holztisch, mit dem Rücken nach oben, fixierten Hände und Füße mit Lederriemen an den Tischbeinen.
Mit Lederpeitschen, an denen kleine Kugeln befestigt waren, schlugen sie Sait auf den Rücken, schon nach dem ersten Schlag spürte er wie seine Haut aufplatzte und Blut heraus rann, es brannte wie Feuer, dann erst nach einen Bruchteil einer Sekunde traten die Schmerzen auf, sie waren unerträglich, jetzt hatte er zum ersten Mal in seinem Leben selbst erfahren, was wirklich Schmerzen sind. Nach einigen Schlägen wurde er bewusstlos, trotzdem schlugen sie weiter auf ihn ein.
Zuvor hatten die Schläger von ihrem obersten Chef, einem Herrn Dr. Faschandi, ob er wirklich einen Doktortitel erworben hatte, war unklar, so stand es jedenfalls auf seinem Namensschild, und so wollte er auch immer angesprochen werden, den Auftrag erhalten, Sait nur eine heftige Lektion zu verpassen, sie sollten aber auf keinen Fall einen Märtyrer aus ihm machen, zumal er dem Herrn Professor noch etwas schuldig sei.
In der Nacht, nach einem ausgiebigen Bankett beim Herrscher bekam er plötzlich sehr starke Unterleibsschmerzen, sein Bauch wurde so hart wie ein Brett und jede Berührung löste endlose Schmerzen aus. Im Krankenhaus erklärte der Nachtdienstarzt nach einer kurzen Untersuchung, er habe einen Ileus und er müsse sofort operiert werden. Ein Teil seines Darmes hätte sich verknotet, der Darminhalt könne nicht mehr weiter fließen und die Blutgefäße in der Darmwand würden gestaut. Nach kurzer Zeit würden seine Darmzellen absterben und der Darminhalt in den Bauchraum gelangen, die Blutgefäße würden platzen, kurz darauf würde er verbluten. Eine halbe Stunde später lag er auf dem Operationstisch und der Herr Professor habe ihm das Leben gerettet, daher nochmals, keinen Märtyrer aus Sait machen.
Gegen Mitternacht schleiften sie den noch bewusstlosen Sait aus dem Polizeigebäude und warfen ihn auf die Rückbank eines Autos, fuhren einige Kilometer in eine unbelebte Straße und schleuderten Sait aus dem langsam fahrenden Auto heraus auf die Straße und fuhren weiter.
Zwei Studenten, die der Verhaftung entkommen waren, nahmen Saits Motorrad und verfolgten den Polizeiwagen mit sicherem Abstand bis zum Geheimdienstgebäude. In einem dunklen Hauseingang auf der anderen Straßenseite verharrten sie ungesehen für einige Stunden, bis sie sahen wie ein bewusstloser Mann in das Auto geworfen wurde, es war Sait.
Dort in der dunklen Seitenstraße fanden sie ihn, er war nicht bei Bewusstsein, sein Kopf lag auf der Straße, der Rest seines Körpers lag auf dem Gehweg, überall war Blut zu sehen. Seine Hände steckten in Plastiktüten die mit Klebeband verschlossen waren, durch das viele Blut waren seine Hände nicht zu erkennen.
Der braucht dringend ärztliche Hilfe, da waren sich beide einig, in ein Krankenhaus konnten sie ihn nicht bringen, die würden sofort die Polizei benachrichtigen, einen Krankenwagen konnten sie auch nicht rufen.
Was tun, wer könnte in dieser aussichtslosen Lage nur helfen?
Einer der beiden war ebenfalls ein Medizinstudent in einem unteren Semester, er kannte aber Özlem, sie war OP-Schwester in der Uni Klinik. Sie hatte eine kleine Wohnung in einer einfachen Gegend, wenn jemand helfen kann, dann nur Özlem. Beide wussten, dass sie damit Özlem in große Gefahr bringen würden. Sie platzierten Sait auf das Motorrad zwischen Fahrer und Soziussitz, hielten ihn mit den Händen fest und fuhren ohne Licht los. Zwei Seitenstraßen vor Özlems Wohnung stellten sie den Motor ab und schoben es samt Sait bis zu ihrem Hauseingang. Alles war dunkel, in keiner Wohnung brannte Licht.
Özlems Wohnung befand sich zur ebenen Erde, sie klopften leise an die Fensterscheiben, es dauerte eine Weile, bis sie merkte, dass etwas vor ihrem Fenster geschah, sie schob den Vorhang etwas zur Seite und erkannte sofort die Situation, Özlem wir brauchen dringend deine Hilfe, flüsterte der Medizinstudent leise, ohne eine Frage zu stellen öffnete sie geräuschlos die Tür, zu dritt trugen sie den fast leblosen Körper hinein.
Sie verschloss sofort die Tür und hängte noch zusätzlich die Türkette ein, vergewisserte sich, dass alle Fenster verschlossen waren und niemand in die Wohnung sehen konnte, erst dann machte sie das Licht an. Gemeinsam legten sie Sait auf den großen Küchentisch, mit dem Rücken nach oben, seine Arme hingen an beiden Seiten herunter.
Das erste was sie sagte war, wie kann man nur einen Menschen so zurichten, dabei hatte noch keiner von ihnen erkannt, wie schlimm sie Sait wirklich zugerichtet hatten.
Sie entfernte zuerst die mit Blut gefüllten Plastiktüten von seinen Armen und sahen zu ihrem Entsetzen, dass sie ihm von jeder Hand zwei Finger abgetrennt hatten. Özlem war nicht nur eine hervorragende OP-Schwester, sie hatte auch fast eine komplette OP-Ausrüstung in ihrer Wohnung. Die Finger waren direkt vor dem ersten Fingergelenk abgetrennt, wahrscheinlich mit einer Zigarren Guillotine, fast fachmännisch, sicherlich hatten die Schlächter dies schon öfters gemacht und waren geübt darin.
Narkose brauchte Sait keine, er war immer noch bewusstlos, da die Haut an den Schnittstellen etwas überhängend und glatt war, konnte sie mit einigen Stichen die Wunden verschließen, danach hörte die Blutung zunächst auf.
Ihr war klar, sie musste so schnell wie möglich einige Blut-konserven für ihn besorgen. Komplizierter war die Versorgung der Wunden auf seinem Rücken, die mussten mehr als zwanzigmal auf ihn eingeschlagen haben, die Wunden erstreckten sich über den gesamten Rücken und reichten hinein in den Flankenbereich, das waren keine Stockhiebe, die mussten mit Lederpeitschen gnadenlos zugeschlagen haben. Zunächst entfernte sie einige Stofffetzen aus den Wunden, dann reinigte sie den gesamten Bereich mit Alkohol und bestrich den Rücken großflächig mit einer Jodlösung. An einigen Stellen klafften die Wunden soweit auf, dass Özlem sie zunähen musste.
Am nächsten Tag stand ausführlich in allen Zeitungen ein langer Bericht, die Polizei hätte frühzeitig von einer Studenten Revolte gegen die Regierung seiner Majestät erfahren und die Aufwiegler vorläufig festgenommen.
Leider sei ihnen der Anführer entkommen, er nenne sich Sait. Als der Transportwagen an einer roten Ampel halten musste, nutzte er die Gelegenheit aus, sei von der Ladefläche herunter gesprungen und in der Menschenmenge spurlos verschwunden. Die Polizei fordere daher die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf, der Mann sei gefährlich und unberechenbar. Wenn er irgendwo gesehen wird, soll sofort die Polizei verständigt werden, man solle nicht selbständig handeln, er sei zu gefährlich, und es sei auch eine hohe Kopfgeldprämie auf ihn ausgesetzt.
Ein vergleichbarer Bericht mit einem Foto von ihm wurde ebenfalls stündlich von allen Fernsehstationen ausgestrahlt. Da Sait nun ein Geächteter war, wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich, kein weiterer durfte erfahren wo er sich aufhält und die medizinische Versorgung musste unauffällig erfolgen.
Özlem hatte Zugang zum erforderlichen Verbandsmaterial und zu fast allen Medikamenten, ausgeschlossen waren die Morphium Präparate, die befanden sich in einem Sonderschrank. Das Nötigste nahm sie täglich in kleinen Mengen an sich. Für die Blutkonserven hatte sie von Sait eine Injektionsspritze mit seinem Blut gefüllt, um damit in der Klinik seine Blutgruppe bestimmen zu können. Bei der Entwendung der Blutkonserven musste sie vorsichtig vorgehen, jede einzelne war registriert und sie musste dafür den Namen eines Patienten eintragen, den sie aus dem OP-Saal kannte und der die gleiche Blutgruppe wie Sait hatte. Zwei davon legte sie zunächst in einen Kühlschrank, verstaute sie dann in ihrem Rucksack, bevor sie die Klinik wieder verließ.
Noch in der ersten Nacht bekam Sait hohes Fieber und Schüttelfrost, sie gab ihm hohe Dosen Antibiotika und Schmerzmittel. Sie wechselte stündlich die feuchten Wadenwickel und täglich seinen Verband und rieb die Wunden mit Salben ein.
Erst nach einigen Tagen senkte sich das Fieber und Sait kam wieder zu Bewusstsein. Sait hatte drei Tage keine Nahrung zu sich genommen, Özlem hatte ihn aber Wasser und Tee über eine Magensonde eingeführt. Als er wieder ansprechbar war, bekam er von ihr, bevor sie in die Klinik fuhr und am Abend als sie wieder nach Hause kam, eine warme Suppe. Er selbst konnte keinen Löffel halten, sie steckte ihm ein Kissen hinter den Rücken, damit sich sein Kopf etwas nach vorne neigte, und führte den Löffel mit der Suppe in seinen Mund. Jeder Schluck wurde zu einer unerträglichen Qual für ihn, oft verschluckte er sich dabei, aber Özlem gab nicht auf, bevor die Schüssel leer gegessen war.
So vergingen drei, oder waren es schon vier Wochen, bis er wieder auf den eigenen Beinen stehen konnte, das gebrochene Nasenbein war etwas schief zusammen gewachsen, so wie bei manchen Boxern, die ausgeschlagenen Zähne wuchsen aber nicht mehr nach. Rasieren konnte er sich auch nicht, dafür waren seine Wunden im Gesicht noch nicht hinreichend verheilt, gegen seine Dauerschmerzen nahm er alle vier Stunden Analgetika ein.
Im gleichen Haus wohnten nur Junggesellen, die schon früh morgens zur Arbeit gingen und erst wieder am späten Nachmittag zurück kamen. Das Haus hatte vier Stockwerke und eine Dachterrasse, die nicht einsehbar war, dort konnte sich Sait für einige Stunden aufhalten, ohne gesehen zu werden. Geschlafen hatte Sait bisher in der Küche auf dem Boden, auf einer Luftmatratze von ihr.
Eines Tages meinte Özlem, in ihrem Bett sei auch genug Platz für zwei, erst wusste er nicht was er sagen sollte, schließlich war es unter Strafe verboten, dass Mann und Frau zusammen liegen, wenn sie noch nicht verheiratet waren. Es vergingen einige Tage, dann schlief Sait nicht mehr in der Küche auf dem Boden, für beide begann ein neues Leben, die Welt veränderte sich grundlegend für sie.
Einmal, nachdem sie sich geliebt hatten, fragte Özlem ihn unvermittelt, Sait bist du eigentlich religiös?
Nein, ich glaube nicht an Gott, Religionen sind dafür da, um Menschen zu verdummen und um sie abhängig zu machen. Nicht Gott hat die Menschen erschaffen, sondern die Menschen erschufen für sich Gott. Einst war die Natur mit ihren Gewalten für die Menschen nicht erfassbar, nur ein höheres Wesen konnte dies alles regeln und steuern, Blitze und Donner, die konnten nur von Göttern gesendet werden. Um diese höheren Wesen freundlich zu stimmen, brachten sie Opfer dar, auch Menschen. Dann führten sie die Priester ein, die hatten ja angeblich die Gabe den Göttern näher zu stehen und zu vermitteln, zwischen den Menschen und den Göttern, sie konnten belohnen oder auch bestrafen, dann hatten sie die Hölle eingeführt, mit ihr lässt sich erfolgreich drohen, die Menschen fürchten sie mehr als sie den Himmel lieben. Das Vermitteln war aber nicht selbstlos, daran hat sich nicht viel verändert, heute ist es auch immer noch so.
Sait meinte nur, ich weiß, Religionen sind wichtig, das hält zusammen, da fragt man nicht danach ob es richtig oder falsch ist, ob es sinnvoll oder ob es Unsinn ist, da muss man einfach alles glauben was einem vorgesetzt wird, auch wenn es gegen jede Logik spricht, wer Zweifel hat und den Zweifel von sich gibt, der steht dem Feuer oder dem Schwert sehr nahe.
Der Mensch wurde auch nicht am sechsten Tage erschaffen, von Gott, angeblich hatte er ihn aus Lehm geformt, nach seinem Ebenbild, dann hatte er ihm das Leben eingehaucht, so steht es jedenfalls geschrieben. Als er danach sah, dass er alles gut gemacht hatte, ruhte er sich am siebten Tag aus.
Was für ein Fehler, was er da erschaffen hatte, entwickelte sich zu einem Monster, das meist rücksichtslos handelt und nur auf seinen Vorteil bedacht ist, Menschen, die etwas anders aussehen oder anders denken, vernichtet er, immer im Namen Gottes, die Waffen hierfür werden von den Priestern noch vor der Schlacht gesegnet.
Wesentliche Unterschiede werden als unwesentlich abgetan und Unwesentliches wird zum Wesentlichen erklärt.
Auch Moses hat es sicherlich nie gegeben, nicht durch die Steintafeln wurden die zehn Gebote in die Welt gebracht, dort am Berg.
Nein, einst war ein kluger Herrscher, der König von Babylon, er trug den Titel König von Sumer und Akkad, sein Name war Hammurabi der Erste. Er hatte einen Codex erstellen erlassen, mehr als tausend Gesetze, in Steinstelen gehauen, für jeden nachlesbar, viel mehr als nur die zehn Gebote.
Dort standen nicht nur die Gesetze, sondern auch welche Strafen bei Zuwiderhandlung drohten, gleiches galt nicht für alle, nur um dir ein Beispiel aus unserem Bereich der Medizin zu nennen, war einem Arzt ein Fehler unterlaufen, dann wurde er dafür bestraft, war der Patient vom einfachen Volke, dann konnte dies mit Schekel beglichen werden, eine Maßeinheit für Gold und Silber, den Schekel gibt es heute noch, war der Patient vom hohen Stand, dann wurde dem Arzt die Hand abgeschlagen.
Wenn es den Urvater aller großen Religionen wirklich je gab, dann kannte er auch den Codex und damit auch die zehn Gebote, die hatte er dann in die Welt gebracht.
Früher hatten es sich die Herrscher sehr einfach gemacht, sie ernannten sich selbst zum Gott und wer wagt schon an der Weisheit eines Gottes zu zweifeln, auch wenn es keiner verstand.
Etwas später ließ sich das Ganze nicht mehr so überzeugend verkaufen, daher fanden die Herrscher wieder eine neue Lösung, sie nannten sich einfach Herrscher aus Gottes Gnaden, und wer kann schon gegen die Gnade Gottes verstoßen oder Zweifel erheben, heute macht man es sich noch viel einfacher, man sagt oder man schwört, so wahr wie mir Gott helfe, du siehst überall bringen sie auch heute noch Gott ins Spiel.
Es waren schon mehr als sechs Wochen vergangen, dass Sait keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hatte. Da er nach dieser Zeit wieder ohne Unterstützung laufen konnte, dachte er, es sei nun an der Zeit, um sie aufzusuchen.
Es war schon dunkel, die Straßenlaternen waren noch nicht an, als er vor Özlems Wohnung die Haustür langsam öffnete und sich sicherheitshalber erst nach allen Seiten umsah, bevor er den Gehsteig betrat. Es hätte ihn sowieso niemand erkannt, nicht einmal seine Freunde. Er hatte sich verkleidet, dies konnte er gut, gelernt hatte er dies schon in der Theatergruppe in der Schule, sein Spitzname war daher damals das Chamäleon.
Er ging an den Häusern entlang, bis zur übernächsten Seitenstraße, dort hatten seine beiden Kommilitonen das Motorrad mit einer Kette an einen Laternenpfahl befestigt. Gestohlen hätte das alte Ding bestimmt kein Mensch, da gab es bessere Objekte. Er wischte den Staub vom Sattel und die Maschine sprang beim ersten Startversuch an.
Seine Eltern hatten ein großes Haus in einer Gegend in der nur sehr reiche Leute wohnten, es war ein sehr sicherer Ort, eingebrochen wurde dort so gut wie nie. Die letzten zweihundert Meter fuhr er ohne Licht und stellte sein Motorrad an einem Baum vor dem elterlichen Haus ab.
Er wusste, sein Vater würde um diese Zeit zu Hause sein, er hatte die Angewohnheit, wenn er aus der Klinik kam, erst einige Runden im Schwimmbecken hinter der Terrasse zu schwimmen bevor er seinen Tee trank. Nach dem Abendessen zog er sich meist in sein Arbeitszimmer zurück und bereitete sich auf die anstehenden Operationen für den nächsten Tag vor. Sein Bücherregal war gefüllt mit Anatomie Büchern und Operationsanweisungen, einige davon hatte er selbst verfasst. Sait hatte keinen Hausschlüssel dabei und klingeln wollte er auch nicht. Er wusste, die Terrassentür war fast immer unverschlossen, so auch an diesen Abend. Er ging durch den Garten und betrat das menschenleere Wohnzimmer, er hörte aber Stimmen aus Vaters Arbeitszimmer. Er klopfe kurz an und öffnete die Tür bevor jemand antworten konnten. Sein Vater saß am Schreibtisch und seine Mutter stand neben ihm. Als er das Zimmer betrat schauten beide ihn mit offenen Mündern an, und für einige Sekunden sagte keiner ein Wort.
Dann begann sein Vater ihn laut schreiend zu beschimpfen, das erste was er sagte war, du bist an allen schuld, du hast mich ins Unglück gestürzt.
An dem Tag als du verhaftet wurdest, haben sie mich fristlos entlassen und mir verboten, jemals wieder die Universitätsklinik zu betreten, das Gehalt haben sie mir auch gestrichen, nur du allein bist schuld an dieser Schmach, wie konnten sie mir dies nach alle den Jahren antun, das kann und werde ich dir niemals verzeihen.
Seine Mutter stand ebenso wie er unbeweglich da, mit offenem Mund, sie sagte aber kein Wort. Nach einer Minute des Schweigens, drehte Sait sich um und verließ das Haus schweigend, diesmal ging er aber durch die Eingangstür, dies war das letzte Mal, dass er seine Eltern sah. Er fuhr zurück und berichte Özlem haargenau genau was geschehen war. Er erzählte ihr auch von seiner ersten Operation und wie stolz er auf seinen Vater war, dass er ihn dies erlaubte.
Dies war die Operation wo ich zögerte den ersten Schnitt zu machen, ich musste zum ersten Mal in meinen Leben einen Menschen verletzen.
Özlem antworte nur mit ruhiger Stimme, ich weiß es, ich war dabei gewesen, ich habe dir das Skalpell gereicht, du hast mir aber nicht in das Gesicht gesehen.
Ich hätte da eine neue Familie für dich, die Bruderschaft, es seien zwar alle sehr gläubige Menschen, wollen aber genauso wie du, nämlich Rache nehmen an dem Herrscher und seinen Lakaien die dir das alles angetan haben. Sie wollen eine neue Ordnung schaffen.
Ein Ajatollah sei in Frankreich im Exil und dort laufen alle Fäden zusammen. Sait war immer noch ein Geächteter und sein Fahndungsfoto hing noch überall herum, exmatrikuliert war er nun auch. Bisher hatte er nur Transparente beschrieben und diese ausgerollt, manchmal auch kleine Reden gehalten, vor einigen Studenten, durch die Bruderschaft konnte er vielleicht mehr erreichen. Sie nahmen ihn mit offenen Armen auf und meinten nur, du solltest deinen Vornamen verändern, wir nennen dich ab heute nur Mohamed und wir werden zusammen etwas Neues schaffen, einen Gottesstaat aufbauen.
Die Unruhen und Demonstrationen nahmen zu, jetzt waren es nicht mehr nur die Studenten, die Lebensmittel wurden immer knapper und die Preise schienen täglich nach oben zu schießen, obwohl das Land nur so auf dem Öl schwimmt, wurde der Treibstoff knapp und mancher Taxifahrer verbrachte die meiste Zeit am Tag vor irgendwelchen Tankstellen und dort bekam er auch nicht, was er wirklich für den Rest des Tages benötigte, um seine Familie ernähren zu können.
Nachts wurden Parolen an Hauswände geschrieben, selbst der Palast des Herrschers blieb nicht mehr verschont, bis er endlich aufgab und das Land verließ.
Eine neue Zeit brach an, von nun an wurde wieder gesäubert, Menschen verschwanden einfach oder wurden öffentlich hingerichtet, die Einführung der neuen Ordnung hatte viel Menschenleben gekostet, so ist es nun einmal, wenn eine neue Gerechtigkeit eingeführt wird, das kostet eben immer große Opfer.
Sait störte sich nicht daran, er war wie besessen von seinen Rachegedanken den er jetzt umsetzen wollte und hierfür hatte er eine Idee.
Zuerst mussten der Herrscher und sein Klan zur Rechenschaft gezogen werden, danach wollte er sich an seinen Peinigern rächen.
Özlem ging weiterhin jeden Tag in die Klink, ein neuer Chef wurde von der Bruderschaft ernannt, der fast alles auf den Kopf stellte aber selbst fast keine chirurgische Erfahrung hatte.
Weißt du was Özlem, ich habe eine Idee wie wir den Herrscher zurück bekommen können, nicht durch eine Entführung wie das die Israelis vor einigen Jahren mit Eichmann gemacht hatten, dazu sind wir nicht fähig.
Die haben aber hier eine Botschaft, in der sich meist mehr als fünfzig Personen befinden, wenn wir die Botschaft besetzen und das Personal in Geiselhaft nehmen und drohen, wir würden täglich einen von ihnen erschießen, dann müssen sie den Herrscher früher oder später im Gegenzug ausliefern.
So ein Vorhaben musste aber sorgfältig geplant und organisiert werden, wichtig war vor allem die Zustimmung durch die Bruderschaft und dem obersten Ajatollah. Nachdem Sait seinen Plan dem Rat vorgetragen hatte, vergingen drei Wochen bevor er grünes Licht hierfür bekam, alle hatten ihn für gut befunden und waren davon überzeugt, dass Sait hierfür der richtige Mann ist.
Als erstes musste er eine zuverlässige Mannschaft aus dem alten Studentenstamm zusammenstellen und das Geschehen innerhalb und in die Umgebung vor dem Botschaftsbereich erkunden.
In den nächsten Tagen fuhr er und Özlem einige male mit seinem Motorrad die Straße entlang und fotografierten alle Häuser im Umkreis der Botschaft.
Die Schikanen in der Klinik und die Inkompetenz des neuen Chefs waren ihr zu viel geworden, sie hatte ihre Kündigung eingereicht und wollte sich nur noch für unser großes Ziel einsetzten. Vor jeder Fahrt hatte sich Sait wieder als Verwandlungskünstler erwiesen, für sich und für Özlem. Bei der Auswertung der Fotos fiel ihnen das Haus gegenüber der Botschaft besonders auf, an der Außenwand befanden sich in den Fugen einige dunkle Knöpfe, die bei Vergrößerung wie optische Linsen aussahen.
Das Haus, das als Lagerhaus deklariert war, reichte rückwärts bis zur nächsten Seitenstraße, hatte aber dort weder Fenster noch eine Eingangstür. Mit Erlaubnis des Rates schafften seine Leute einen Zugang mit einer verschließbaren Sicherheitstür. Hierfür wurde die Hauswand tagsüber durchbrochen, damit der Straßenlärm den Lärm der Presslufthämmer verschluckte und in der Botschaft kein Verdacht entstand. In diesen Tagen hatte auch kaum jemand die Botschaft verlassen oder sie betreten, so verlief die Operation unentdeckt.
Als sie zum ersten Mal in den dunklen Raum eintraten, sahen sie, dass vor der Wand zur Botschaft hin, mehrere Kabel von der Decke herunterhingen, die alle in einem gemeinsamen Kasten endeten. Schnell wurde klar was dies zu bedeuten hatte, sie brauchten nur die Kabel in ihre eigene Anlage zu stecken und so wurden sie die Herren über die gesamte Videoanlage, jetzt konnten sie ungesehen die Botschaft und die gesamte Straße überwachen.
Nach weiterem Durchsuchen fanden sie auch einen mit altem Möbel vollgestellten Kellerraum, hinter einigen Schränken und Stühlen verborgen befand sich eine mächtige Stahltür, die offensichtlich einen Geheimgang verschloss, der sicherlich zur Botschaft auf der anderen Straßenseite führt. Als kleine Besonderheit ließ Sait die Tür nicht zumauern, sondern eine weitere, noch stärkere Stahltür dahinter anbringen, die nur von der Lagerhausseite aus geöffnet werden konnte.
Bei der Durchsicht der Videoaufnahmen viel Sait ein Mann auf, er war etwa 30-35 Jahre alt, mit schwarzen Haaren und einer großen Hakennase, und energischen Gesichtsausdruck, er sah anders aus als die anderen, der gehörte sicherlich nicht zum Wachpersonal und ein Botschaftsmitglied war er sicherlich auch nicht. Dieser Mann war suspekt und Sait nannte ihn nur den Spion, den wollte er später einmal genauer unter die Lupe nehmen.
Für die Besetzung der Botschaft war der vierte November vorgesehen. Einige Tage nach der Besetzung ließ Sait sich die Fotos aller Personen vorlegen die sich am Tag nach der Besetzung in der Botschaft befanden, das Gesicht seines Spions erkannte er sofort, nach den Unterlagen sollte er angeblich Jim Miller heißen, ein verdächtiger jedermanns Name. Einen Tag später ließ er in der Botschaft nach seinem Spion suchen, vergeblich, er war nicht aufzufinden, wie konnte er nur aus der Botschaft entkommen?
Auch die Videoaufzeichnungen ergaben keinen eindeutigen Hinweis wie er entkommen konnte. Er ließ das Foto an alle Bahnstationen, den Flughafenschaltern und an allen Grenzübergängen verteilen, aber er blieb wie vom Erdboden verschwunden.
4
Es war schon spät am Abend, die Sonne war schon untergegangen und die Stadt lag in der Dämmerung, es war Anfang November als ich zum ersten Mal die Botschaft durch den Hintereingang betrat. Der Wachposten wurde schon vorher von meiner Ankunft informiert und winkte mich ohne weitere Kontrollen hinein.
Ich bekam ein Gästezimmer mit spärlicher Einrichtung, mit sehr einfachen Möbeln, die Matratze war hart, Stühle und der Tisch stammten wohl aus einem ehemaligen Feldlager.
Das Bewachungspersonal der Botschaft, alle Marines, mussten sich immer zu viert ein Zimmer teilen und auf dem Gang befand sich für je zwanzig Personen eine große Gemeinschaftstoilette, mit fünf separaten Duschen. Nur das gehobene Personal und der Botschafter hatten komfortable Zimmer, im zweiten Stock des Gebäudes, mit gesicherten Türen, Badewanne, Dusche und einer separaten Toilette.
Ich war seit fünf Tagen hier, eingereist war ich mit einem roten Reisepass, das Passfoto war echt, der Name aber nicht, die Echtheit wurde nie angezweifelt, er wurde ja auch von offiziellen Behörden ausgestellt, da es ein Diplomaten Pass war konnte ich auch ohne besondere Kontrolle einreisen.
Etwa einhundert Meter von der Botschaft entfernt, auf der anderen Straßenseite, befand sich ein altes Lagerhaus, das von einem Strohmann, als Abstellraum angemietet wurde. Ein früher Botschafter hatte das gesamte Haus anonym gekauft und die Kellerräume zur Verschleierung mit alten Möbeln, Kühlschränken und weiteren unnützen Dingen füllen lassen.
Vom Botschaftsgebäude aus wurde heimlich und illegal ein enger Gang unter der Straße hindurch zu einem der Lagerräume gegraben, meist nachts, durch Holzbretter abgestützt, bis der Beton gehärtet war. Es gab nur eine spärliche Beleuchtung, aber keine Belüftung für den Gang. Die angefallenen Erdmassen und Steine wurden bei Dunkelheit aus der Botschaft abtransportiert und im weiten Umfeld heimlich abgelegt, nur wenige Personen in der Botschaft wussten von dem Vorhaben. Die Eingänge des Schachtes wurden auf beiden Seiten durch starke Eisentüren abgesichert und Schränke, gefüllt mit unauffälligen Gegenständen, verdeckten den Blick darauf.
Ein Jahr nach dem Erwerb ließ der Botschafter die Außenwände und das Dach renovieren, in den Mauerfugen und unter der Dachrinne hatten die hauseigenen Handwerker Kameras angebracht, von der Straße aus erschienen sie wie kleine schwarze Knöpfe, die zwischen den Fugen wie Halterungen wirkten. Eine Kamera war direkt auf den Eingang der Botschaft gerichtet, mit den anderen konnte die gesamte Straße in beiden Richtungen bestens überwacht werden.
Alle zwei Tage wurden die aufgezeichneten Aufnahmen ausgewertet. Erschien eine Personen mehr als zweimal vor der Botschaft, dann erfolgte eine geheimdienstliche Erfassung. Auffällig war, dass sich seit einigen Tagen an den Straßenenden immer wieder kleine Gruppen von jungen Menschen versammelten, besonders aufgefallen waren zehn jugendliche Personen, die fast täglich erschienen und Aufnahmen von der Umgebung machten und wiederholt auf der anderen Straßenseite am Botschaftsgelände vorbei gingen und die Botschaft fotografierten. Geheimdienstliche Nachforschungen ergaben, dass es sich bei den jungen, bärtigen Männern um Studenten handelte, die sich in der Universität und in der Öffentlichkeit durch aggressive Hetzreden hervortaten.
Vor einigen Tagen waren alle Überwachungssysteme ausgefallen, nur die vom Botschaftsgelände am Eingang funktionierte noch. Besonders aufgefallen war ein in schwarz gekleideter Mann mit einer Kapuze, immer tief ins Gesicht gezogen und eine große Frau, ebenfalls in schwarzer Kleidung, auf einem Motorrad. Sie führen mehrmals am Tag die Straße von Süden nach Norden und wieder zurück von Norden nach Süden. Der Geheimdienst versuchte vergeblich ihre Gesichter erkenntlich zu machen. Eines Abends stieg die Frau vom Motorrad und sprühte auf die Wände des Lagerhauses in großen Buchstaben Hassparolen wie, Tod den USA, Tod den Ungläubigen und Rache für das, was ihr uns angetan habt.
Ich hatte hier eine spezielle Aufgabe, ich sollte in Erfahrung bringen, was aus den geheimen Waffenlieferungen wurde. Unsere Regierungen der letzten Jahrzehnte hatten das Land massiv mit Waffen unterstützt und Anleitungen zur Erstellung von illegalen Systemen gegeben, nicht offiziell, aber jeder der sich dafür interessierte, konnte es erfahren. So wurden Abhängigkeiten geschaffen und der Empfänger machte sich erpressbar. Einige Monate bevor der Herrscher aus dem Land geflohen war, hatte die Regierung nicht nur Luftabwehr Raketen geliefert, sondern auch Bauanleitungen für die Produktion von Kernwaffen und einige Zentrifugen für die Urananreicherung, die als Haushaltsgeräte deklariert eingeführt wurden, schließlich galt es sich gegen einen gemeinsamen Feind zu verteidigen, und da waren nun mal alle Mittel recht, der Kongress musste nicht nach seiner Meinung gefragt werden.
Der vierte November begann als sonniger Tag, gefrühstückt hatte ich noch nicht, im Konferenzraum standen mehrere Thermosflaschen mit Kaffee, Zucker, Milch und Tassen auf einem schweren Holztisch, daneben eine geöffnete Dose mit Keksen, frisches Obst lag auf mehreren Tellern.
Meine wesentlichen Informationen bekam ich verdeckt durch Ali. Ali war in Teheran geboren und hatte ebenfalls in Boston studiert, wir wurden gute Freunde und teilten uns für vier Semester meine Studentenbude. Die liegt in einer kleinen Bucht hinter dem Hafen an einem Kanal, früher war dies eine no go Gegend, bis die Bulldozer kamen und die alten Hütten niederwalzten.
Danach entstand daraus eine vornehme Gegend, mit weißen Häusern, alle nur drei Stockwerke hoch, mit Gehwegen am Kanal entlang, die reinste Idylle. Auch die Metro, die nur einige Meter von meinem Apartment verläuft, konnte wieder mit gutem Gewissen benutzt werden, auch nachts, seitdem gab es nur noch sehr selten Belästigungen oder Überfälle.
Als ich die erste Nacht dort verbrachte wurde ich vor Beginn der Dämmerung durch laute Knallgeräusche von der Straße kommend aufgeschreckt. Ich stand auf, ging ans Fester und sah sie, die Möwen. Sie stürzten pfeilartig ins Wasser, holten sich Muscheln von den Felsen und stiegen danach etwa hundert Meter in die Höhe auf. Erst über der Straße ließen sie die Muscheln wieder fallen, mit einem lauten Knall zerplatzten ihre Schalen auf dem Asphalt und konnten so von den Möwen gefressen werden. Bei Einbruch der Dämmerung unterbrachen sie ihr Schauspiel bis zum nächsten Morgen, erst als der Straßenverkehr für sie zu gefährlich wurde, beendeten sie ihr großes Muschelfressen.
Da Terri auf keinen Fall in das freie Zimmer einziehen wollte, sie hatte zwar einen Wohnungsschlüssel, sie wolle aber unbedingt ihre Freiheit behalten, hatte ich am schwarzen Brett in der Mensa einen Zettel angebracht, suche einen freundlichen und klugen Kommilitonen für meine Studentenbude, zwei separate geräumige Zimmer, ein großes gemeinsames Wohnzimmer mit Kamin, sowie Küche und zwei Bäder.
Noch am gleichen Tag meldete sich Ali bei mir, wir trafen uns am Metro Eingang und gingen in meine Kneipe auf ein Bier. Einige Zeit später kam auch Terri hinzu, bestellte wie immer einen Softdrink, sie trank nie Alkohol in der Kneipe, danach besichtigten wir drei gemeinsam meine Bude, zwei Tage später zog Ali bei mir ein, und so wurden wir schnell sehr enge Freunde, die sich fast alles teilten.
Ali war wirklich ein Genie, jeder von uns, der einst an der Eliteuniversität in Boston studierte, hielt sich für ein Genie, aber Ali war wirklich ein Genie und kein Fachidiot.
Um als Student in Harvard aufgenommen zu werden gibt es zwei Möglichkeiten, die Eltern müssen stinkreich sein und wiederholt große Summen auf das Konto der Universität als Spende überwiesen haben, oder der Bewerber musste ein sehr ausgedehntes Auswahlverfahren überstehen. Nur solche, die schon in den einzelnen Bundesstaaten die Auswahl überstanden hatten, konnten sich bewerben und wurden zu Einzelgesprächen eingeladen. Die dauerten meist drei Tage, der Kandidat wurde immer von vier Professoren aus unterschiedlichen Fachbereichen eingehend befragt, dabei ging es auch um Kenntnisse und Aktivitäten aus allen nur denkbaren Bereichen.
Ali hatte die Aufnahme in der ersten Runde geschafft und sich im Fachbereich Physik immatrikuliert. Nach zwei Semestern wurde ihm ein Stipendium angeboten, unter der Voraussetzung, dass er ein zweites Fach belegt und keine Prüfung wiederholen muss.
Während die Studiengebühren normalerweise zweitausend US$ monatlich betragen, werden diese nicht nur dem Stipendiaten erlassen, sondern er bekommt auch noch zusätzlich monatlich zweitausend US$ dazu. Fällt aber der Student einmal bei einer Prüfung durch, dann entfällt das Stipendium und er muss die gesamte Summe, die er bisher erhalten hatte, wieder zurück zahlen. Ali wählte als zweites Fach Mathematik und bestand alle Examina mit Glanz und Gloria. Ali konnte uns nicht nur die Maxwellsche Gleichung für elektromagnetische Felder im Vakuum und mit Materie erklären, für ihn war auch die Raum-Zeitverschiebung eine Selbstverständlichkeit. Er war wohl einer der wenigen unter uns, der Einstein wirklich verstand und auch die von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen als beweisbar ansah, er meinte nur, hierfür würden zurzeit leider noch die experimentellen Voraussetzen fehlen.
Die meisten Studenten, wenn sie einmal von der Uni aufgenommen wurden interessierten sich nur für zwei Dinge, ihr Studium und für Partys. Nicht so Ali, er sog alles in sich auf, was ihm über den Weg lief, wie ein Schwamm.
Neunzig Prozent unserer Kommilitonen assoziierten einen Boxer mit Goethes Faust, Ali hingegen konnte nicht nur den gesamten ersten Teil von Faust frei zitieren, er konnte auch vortrefflich die weiche und ausgeglichene Stimme von Faust und die zynisch, diabolische des Mephistos imitieren.
Wir alle hatten erkannt, dass unsere Professoren zwar tafelweise Formeln ohne ein Manuskript in ihren Händen ableiten konnten, aber ansonsten waren sie auch nur gewöhnliche Menschen.
Eines Abends als ich mit Terri im Bett lag, fragte sie mich, wie aus heiterem Himmel, Mike was hältst du davon, wenn ich auch mal mit Ali schlafen würde. Zuerst wusste ich nicht was ich sagen sollte, ich wusste ja, dass Terri nie genug davon bekam und fast immer Lust auf Sex hat. Hätte ich nein gesagt, dann hätte sie es heimlich getan, so war sie nun mal. Seit diesem Tag suchte sie sich immer einen von uns aus, mit dem sie die Nacht verbringen wollte, ihr Auswahlverfahren blieb für uns immer ein Geheimnis, manchmal, wenn sie nicht genug davon hatte, wechselte sie das Zimmer und kroch zum anderen ins Bett. Sie liebte die einfühlsame Art, die zarte Berührung, wenn sie auf dem Rücken lag, war ihr Anblick immer wie ein verzauberndes, erotisches Wunder.
Manchmal, wenn wir abends spät nach Hause kamen, lag sie schon nackt in einem unserer Betten, da gab es keine lange Diskussion, sie hatte ihre Entscheidung schon für die Nacht getroffen, und damit war es eben so, basta. Zu besonderen Anlässen, wie bestandenes Examen oder Geburtstage ging sie gleich mit uns beiden ins Bett, manchmal erfand sie einfach einen Anlass, wie heute hatte es zu viel geregnet oder es war eben tagsüber zu warm für mich, dies war für uns immer ein ganz besonderer Kick.
Dieses ungewöhnliche Dreierverhältnis hätte bei vielen zum Zerwürfnis geführt, nicht so bei mir, Ali und Terri, wir scherzten oft darüber, und es führte uns noch enger zusammen, Ali meinte immer, eine gemeinsame Freundin ist schon was Besonderes und Terri, sie kann nie genug davon bekommen, so bekam jeder was er wollte, keiner von uns hatte sich jemals beklagt oder wollte etwas verändern.
Ich sagte zu Ali, weißt du der Hauptgrund, warum es bei uns so gut funktioniert ist der, dass keiner von uns beiden einen Besitzanspruch auf Terri erhoben hat, das ist das besondere Geheimnis an unserer Dreierbeziehung.
Als ich den Konferenzraum betrat, war es noch alles dunkel, ich machte das Licht an, schenkte mir einen Kaffee ein, ohne Milch und ohne Zucker.
Ali hatte die Zeichen der Zeit frühzeitig erkannt und war kurz vor der Flucht des Tyrannen in seine Heimat zurück gekehrt und hatte mit seinen Kenntnissen sofort eine zentrale Stellung im Forschungsministerium erhalten, das auch für die Waffen-entwicklung zuständig war. Es gab ja nur eine kleine Anzahl von Wissenschaftlern, die die nötige Kompetenz hatten und vom neuen Regime ebenfalls akzeptiert wurden, nach eingehender Gesinnungsüberprüfung.
Als ich Ali nach einigen Monaten zum ersten Mal wieder sah, war seine erste Frage, wie geht es Terri, er hatte sie seit seiner Rückkehr nicht mehr gesehen. Ali hatte sich äußerlich verändert, er trug schwarze Kleidung, hatte sich einen langen Bart wachsen lassen und sah wie ein gläubiger Muslime aus. Trotz aller Verkleidung erkannte ich sofort, dies war immer noch der alte Ali wie ich ihn aus Boston kannte.
Zuerst kamen einige hohe Militärs in Uniform in den Konferenzraum, sagten kein Wort, nicht einmal guten Morgen und schenkten sich Kaffee ein. Etwa dreißig Minuten später erschien der Botschafter, ein Mittvierziger mit kurzem Haar und ausdrucksvollen Gesichtszügen, alle standen auf und begrüßten seine Exzellenz.
Das erste Thema befasste sich mit der Sicherheitslage in der Stadt und die Frage wie man sich vor einem möglichen Übergriff durch den Mob schützen konnte. Es war nicht zu übersehen, dass es in der Bevölkerung rumorte. Die Militärs meinten, mit den zwanzig gut ausgebildeten Marines als Sicherheitssoldaten könnte die Botschaft lange verteidigt werden, Waffen und Munition wären mehr als genug vorhanden, damit könne man einen ganzen Krieg führen und die Verpflegung würde für etwa zwanzig Tage reichen.
Ich schaute dem Botschafter ins Gesicht und konnte dessen Zweifel erkennen, offensichtlich schätzte er die Lage anders ein als sein Militär, verzichtete aber auf eine weitere Diskussion.
Bevor ich meinen Bericht erstatten konnte, ertönte ein lautes Hämmern und Klopfen an der Sicherheitstür, dies war ungewöhnlich, normalerweise durften Geheimsitzungen nicht gestört oder unterbrochen werden.
Der Wachposten berichtete von Menschenmassen, die sich vor der Botschaft versammelt hätten, und einige von ihnen, junge Studenten, seien schon über den Zaun auf das Botschaftsgelände vorgedrungen. Seine Exzellenz möge sich bitte schnell nach oben begeben und entscheiden was zu machen ist, die Wachposten ständen schon um das Haus herum verteilt, mit Gewehren im Anschlag, mit scharfer Munition.
Der Botschafter war ein gebildeter Mann, mit guten Sprach-kenntnissen, der auch nicht zu unüberlegten Handlungen neigte. Noch bevor er an der Eingangstür angekommen war, gab er den Befehl, dass sich alle Wachposten in das Botschaftsgebäude zurückziehen müssen und es darf auf keinen Fall von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden, dies war eine eindeutige Anordnung, der sich auch die Offiziere unterwerfen mussten, die Nichteinhaltung würde nur zu einer Eskalation führen. Durch Fenster im Erdgeschoss hindurch konnten wir sehen, dass das Tor zur Botschaft schon offen stand und immer mehr Personen auf das Botschaft Gelände strömten.
Der Botschafter öffnete die Eingangstür und von hinten reichte ihm jemand ein Megaphon. Mit ruhiger Stimme bat er die Eindringlinge in der Landessprache, das Gelände zu verlassen, dies sei exterritoriales Gebiet. Seine Ansage wurde nur durch hundertfaches Hohngelächter beantwortet.
Aus der Masse traten drei junge Männer hervor, sie waren dem Aussehen nach Studenten und nicht älter als fünfundzwanzig, Einer von ihnen schien der Mann mit dem Motorrad zu sein, sein Gesicht war nicht genau zu erkennen, er hatte die Kapuze seiner Jacke weit über das Gesicht gezogen und sich ein Tuch über die Nase und den Mund gebunden. Trotz aller Bemühungen war er auch nicht in der Kartei des Geheimdienstes erfasst, sie nannten ihn nur Mohamed, er war eindeutig der Rädelsführer, auffällig waren seine Hände an denen jeweils einige Finger fehlten, ich nannte ihn daher für mich den Fingerlosen, irgend einen Namen musste ich ihm halt geben.
Er erklärte die amerikanische Botschaft sei hiermit besetzt und sie hätten das Sagen, ab sofort, er sei der Sprecher des Rats der freien Studenten.
Ihre Hauptforderung ist die sofortige Rückführung des Schahs aus den USA und die Auslieferung der Unsummen an Gold und Geld, das sein Klan über Jahre hinweg dem Land geraubt und auf private Konten in der Schweiz und in anderen Ländern deponiert hatten, hierüber kann nicht verhandelt werden.
Nach dieser Mitteilung drangen etwa einhundert Stunden in das Botschaftsgebäude ein, entwaffneten das Personal und fanden kurz danach den Waffenraum, den sie sofort leer räumten und den gesamten Inhalt aus dem Gebäude heraus transportierten. Die entwaffneten Wachsoldaten sahen dem Geschehen tatenlos zu, was sollten sie auch anderes machen. Hunderte von Schnellfeuerwaffen aller Art und Kisten mit Munition wurden auf einen bereitstehenden Lastwagen geladen und abtransportiert. Nach einer Stunde waren sämtliche Räume der Botschaft besetzt und das gesamte Personal wurde in Geiselhaft genommen.
Im Büro des Botschafters wurden alle Regale umgekippt und der Inhalt auf den Boden geworfen, ebenso der Inhalt aller Schreibtischschubladen. Hinter dem Bild von G. Washington entdeckten sie den Botschaftssafe und forderten freundlich den Botschafter um die Herausgabe des Codes auf. Im Safe befanden sich die gesamten Pässe des Personals, frische Passport Formulare sowie die entsprechenden Stempel für die Ausstellung eines gültigen Passes, Geheimdokumente und eine größere Summe an Bargeld, alles nur US Dollars, die nicht nur für den Kauf von Lebensmittel vorgesehen waren, das meiste war für dunkle Geschäfte bestimmt und tauchte in keiner Bilanz je auf. Zunächst weigerte sich der Botschafter den Safe zu öffnen, schließlich erkannte er die Sinnlosigkeit seiner Weigerung, hatten die Besatzer doch nun hinreichend Mittel den Safe mit Gewalt zu sprengen, so nannte er die Zahlenkombination.
Der Fingerlose hatte das Botschaftsgebäude selbst nie betreten, auch seine Beifahrerin nicht, keiner der Mitarbeiter hatte jemals ihre Gesichter richtig gesehen um Fotos davon machen zu können.
Andere Studenten hatten am ersten Tag nach der Besetzung Fotos von allen Personen der Botschaft gemacht und die Namen registriert, egal ob sie einen roten Diplomatenpass hatten oder nicht. Internationale Regeln interessierten sie nicht. Mein Name nützte ihnen nicht viel. Die CIA, wir nannten sie untereinander nur die Firma, hatte eine lange Liste von Pseudopersonen, die es nicht wirklich gab, für die aber Bankkonten, Telefonrechnungen und weitere Identitäten vorhanden waren, aber von keinem gab es Frontalfotos oder Porträtfotos, nur solche, die Jedermann sein konnten.
Aus dem einen Tag wurden viele, die Anzahl der Besetzer die Tag und Nacht in der Botschaft blieben war fast immer gleich geblieben, nur die Gesichter waren meist anders. Im Konferenzraum wurden Tische und Stühle entfernet und 30 Matten für die männlichen Mitarbeiter als Aufenthalts und Schlafraum ausgelegt. Die Frauen der Botschaft bekamen einen kleinen separaten Raum. Nur der Botschafter und der Militärhäuptling durften ihr Zimmer behalten. Alle anderen Räume okkupierten die Besetzer. Sie verhielten sich uns gegenüber indifferent, es kam zu keinen Tätlichkeiten oder Übergriffen auch Grundnahrungsmittel wurden nach zwei Wochen zur Verfügung gestellt, die Alkoholvorräte waren bald aufgebraucht, Bier oder Wein zu den Mahlzeiten gab es nicht mehr. Belastend waren die hygienischen Bedingungen, zwar hatte der Botschafter seine Dusche auch für die anderen zur Verfügung gestellt, nur der Militärhäuptling nicht, er meinte ihm stehe auf Grund seines hohen Dienstgrades die alleinige Benutzung seiner Dusche zu und damit basta, trotzdem bildeten sich morgens und am Abend lange Schlangen vor den Duschräumen und die Duschdauer wurde auf fünf Minuten begrenzt.
An manchen Tagen schikanierten sie uns, stellten Strom und Wasser für einige Stunden ab. Am dritten Tag der Belagerung versuchte ich heimlich einen Fluchtversuch aus der Botschaft. Nur dem Botschafter teilte ich am Nachmittag mein Vorhaben mit, er erzählte mir von der Existenz des Geheimgangs als möglichen Fluchtweg und händigte mir den Schlüssel für die Sicherheitstüren aus.
Am späten Abend betrat ich den kleinen Abstellraum im Kellergeschoss hinter dem Sitzungssaal, schob den Schrank zur Seite und verharrte noch eine Weile im Dunklen, die Taschenlampe hatte ich noch nicht angeschaltet, um sicher zu sein, dass mein Vorhaben nicht bemerkt werden konnte. Als ich mich sicher fühlte öffnete ich problemlos die Stahltür mit dem Schlüssel und betrat den dunklen Gang, er war schmal, nicht breiter als eine männliche Person und roch muffig, ich lehnte die Tür hinter mir an, ohne sie zu verschließen und schaltete die Taschenlampe ein, nach wenigen Minuten erreichte ich eine zweite Stahltür am anderen Ende des Ganges, im Lagerhaus auf deren Straßenseite, ich steckte den Schlüssel in das Schloss und versuchte die Tür möglichst geräuschlos zu öffnen. Nach dem zweiten Versuch ging sie mit lautem Knarren auf, zu meiner Überraschung sah ich nicht in einen Lagerraum hinein, sondern stand vor einer weiteren Stahlwand, die kein Türschloss hatte. Mir wurde klar, dass diese Tür auch nicht mit Gewalt zu öffnen war, dies hätte auch zu viel Lärm gemacht und die Besatzer herbei gelockt. Da in der letzten Zeit der Gang nicht benutzt wurde und keiner von der Botschaft den Lagerraum aufgesucht hatte, war die Veränderung auch nicht aufgefallen. Die Besatzer hatten also den Gang entdeckt und den Ausgang versperrt. So verblieb mir nur die Rückkehr in das Botschaftsgebäude. Ich machte kehrt, und ging den stinkenden Gang eilig zurück.
In der Grundschule, ich glaube es war im vierten Schuljahr, hatte uns der Musiklehrer auf dem Flügel die Nocturnes op 9 no1 und op 9 no 2 vorgespielt, danach ließ er die Noten auf dem Flügel liegen, ich ging in der Pause hin, sah sie mir genau an und prägte sie mir sicher ein, auf den wenigen Metern im Gang bis zur Botschaft zurück sah und hörte ich es wieder, jede einzelne Note, nur wenige Töne, vier bis fünf unterschiedliche, sie waren wie sanfte Wolken, die kreisend mein Gemüt durchzogen und jeder einzelne Ton umfasste meine Seele mit beiden Händen. Ich wusste nicht warum ich es plötzliche hörte, war es die Dunkelheit die mich an die Nocturnes von Chopin erinnerten?
Gemälde und Skulpturen fixieren den Moment, können auch Geschichten erzählen, man muss sie nur intensiv betrachten und etwas nachdenken um sie zu erfassen, Musik erfühlt man, man braucht nicht nachzudenken, jedes Mal klingt es anders, wird immer wieder zum neuen Erlebnis, aber jeder hat die Freiheit es so zu hören wie es ihm gefällt, es klingt nicht immer gleich, der Moment bestimmt es, wie ich es höre. Religionen wollen keine Wahrheiten vermitteln, die Kunst auch nicht, sie will uns Wesentliches zeigen, es gibt keine richtige oder falsche Kunst, nur gute oder schlechte und die Töne, sie haben das Privileg unsere Seele in Wallung zu bringen.
Ich hatte mich schon öfters darüber gewundert, dass ich in einem Bruchteil einer Sekunde plötzlich ganze Szenarien sehen, Stimmen hören und Gerüche wahrnehmen kann. Dabei bin ich zugleich Akteur und Betrachter, so als würde ich mich in meinem eigenen Film von allen Seiten sehen können.
Noch bevor ich alles richtig durchdacht hatte, stand ich schon wieder neben der ersten Stahltür, trat hindurch und verschloss sie, schob den Schrank davor, alles sah wieder so wie zuvor aus.
Dies war der erste Ausbruchsversuch und nur der Botschafter wusste davon, es sollte nicht mein letzter Versuch sein. Vom Fenster aus im zweiten Stock hatte ich das tägliche Treiben auf dem Hof und vor dem Gebäude genauestens verfolgt. Dabei war mir aufgefallen, dass die Anzahl der Besatzer immer etwa gleich blieb, aber die Gesichter sich fast täglich änderten, bis auf wenige, es waren die Anführer, die sich nur im zwei Tage Rhythmus abwechselten. Einer war mir wieder besonders aufgefallen, er war ihr Anführer, der Fingerlose, er war von mittlerer Statur und zeigte ein energisches Auftreten, er wurde von den anderen Besatzern respektiert und machte immer einen konzentrierten Eindruck. Vor dem muss ich mich besonders in acht nehmen.
Die Hälfte der Besatzer waren Frauen, ihr Gesichter waren nie zu erkennen, alle trugen immer eine Burka, ohne wagten sich fast keine mehr auf die Straße, dafür sorgten schon die Sittenwächterinnen. Sie traten fast immer in Kohorten auf, mit Ästen von Rosenstöcken ausgerüstet, damit schlugen sie Frauen ohne Burka mitten ins Gesicht, die Dornen hinterließen bleibende Narben, für ihr sittenwidriges Verhalten sollten sie gebrandmarkt werden, für ihr ganzes Leben.
Ich musste also einen Weg finden, wie ich mich unbemerkt unter die Besatzer mischen konnte, um dann mit Alis Hilfe das Land verlassen zu können. Nachdem sich meine Beobachtungen bestätigt hatten, suchte ich wieder den Botschafter in seinem Zimmer auf und holte seine Zustimmung für mein Vorhaben ein. Unterhalb des Zimmers befand sich das Dach der Garage und es war ein leichtes mit einem Seil auf das Dach zu gelangen.
Ich hatte mich mit einer schwarzen Burka versehen und dunkle Handschuhe angezogen, an meinen Händen hätte man sonst leicht erkennen können, dass ich keine Frau war. Alles verlief einfacher als ich es erwartet hatte, das Seil mit dem ich mich auf das Garagendach herab ließ, wurde sofort zurück gezogen und an der Dachrinne entlang gelangte ich in den Hof, nur wenige Schritte und nach einigen Minuten stand ich auf der Straße, inmitten der Studenten, niemand hatte Notiz von mir genommen, ich war plötzlich einer von Ihnen.
Es war mir nicht möglich Ali anzurufen, seine Wohnung konnte ich auch nicht aufzusuchen, sein Telefon wurde bestimmt abgehört, denn Personen mit wichtigen Funktionen werden auch dauerhaft überwacht. Von seiner Wohnung aus hatte Ali freien Blick auf die Straße, etwas schräg gegenüber auf der andren Straßenseite befand sich eine öffentliche Telefonzelle. Beim letzten Treffen hatten wir vereinbart, dass ich auf das Dach des Telefonhäuschens einen leeren Kaffeebecher stellen würde, als Zeichen, dass ich ihn dringend sprechen muss. Am darauf folgenden Tag würde ich dann abends zwischen 22 und 23 Uhr im Schatten neben dem Telefon stehen und auf ihn warten. Noch am Abend als ich die Botschaft verlassen hatte, stellte ich einen leeren Plastikbecher auf das Telefonhäuschen, legte noch einen Stein hinein, damit der Wind ihn nicht hinweg wehen konnte. Ich sah zu seiner Wohnung hoch, es brannte aber kein Licht. Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich in dem alten verlassen Haus in einem Hinterhof, den hatte ich zufällig entdeckt, Fensterscheiben gab es keine mehr und die Türen fanden wahrscheinlich schon vor einiger Zeit Verwendung als Brennholz. Lichtschalter waren noch vorhanden, aber wenn ich die Schalter nach oben oder nach unten kippte, entstand kein Licht, war auch nicht von Bedeutung, wichtig war, dass das Haus nicht von der Nebenstraße einsehbar war, ich war zuvor nie dort gewesen und kannte die gesamte Gegend nicht, mein Instinkt hatte mich dahin geführt. Wasser und etwas Obst hatte ich mir schon besorgt und wartete bis zum Einbruch der Dunkelheit, verließ mein Versteck, trat auf die Straße, ohne dass mich jemand sah. Etwa fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit erreichte ich den Treffpunkt, um das Telefonhäuschen herum hatte sich noch mehr Müll angesammelt, leer Tüten Glasflaschen auch eine leere Kondomschachtel, aber mein Kaffeebecher stand noch genauso dort wo ich ihn gestern hingestellt hatte. Durch die spärliche Straßenbeleuchtung entstand durch das Telefonhäuschen ein langer Schatten der mir Schutz bot und mich in seiner Dunkelheit verschluckte. Es fuhren einige Autos vorbei, keines hielt an, niemand stieg aus, ansonsten verblieb die Straße menschenleer. Ich wartete mehr als zwei Stunden ohne dass Ali auftauchte, also musste ich mich für einen weiteren Tag in mein Versteck in den Hinterhof zurückziehen. Am nächsten Abend kam ich wieder zur gleichen Zeit, stand dort zum Schutze an der Hauswand angelehnt, selbst das schwache Licht warf noch den langen Schatten, auch der Becher befand sich immer noch an der gleichen Stelle. Es gab kein Licht in seiner Wohnung, doch nach etwa einer Stunde sah ich, wie sich die Haustür auf der anderen Straßenseite langsam und behutsam öffnete, ein in schwarz gekleideter Mann mit einer Kapuze, tief ins Gesicht gezogen, trat auf die Straße, schaute vorsichtig in alle Richtungen, es war Ali, schon an seiner Körperhaltung und so wie er sich bewegte, konnte ich ihn sofort erkennen. Ich blieb im Schatten stehen bis er fast das Telefon erreicht hatte und sagte leise seinen Namen. Er zögerte kurz, ging auf mich zu und umarmte mich und fragte nur leise, wie wird es wohl heute Terri gehen. Das letzte Mal hatten wir uns vor drei Wochen gesehen, bevor ich die Botschaft betrat, schon damals hatten wir alle denkbaren Sicherheitsmaßnahmen getroffen.
Ich erzählte Ali kurz wie ich aus der Botschaft entkommen war und dass ich schnellstmöglich das Land verlassen muss. Sicherlich war meine Abwesenheit bei der täglichen Kontrolle am Morgen aufgefallen und mein Passfoto an alle Behörden weitergeben worden. Zwar hatte ich einen weiteren Ersatzpass, der in meiner Jacke eingenäht war, ich hieß jetzt Gunner Sandberg, war Schwede und in Stockholm geboren, das Passfoto zeigte aber unverkennbar meine Visage, Flughäfen, öffentliche Verkehrsmittel und Grenzübergänge waren mir also verschlossen. Daher fragte ich Ali um Rat, wie ich am besten und unerkannt das Land verlassen kann. Du musst über das Gebirge fliehen, im Osten, zwar wäre der Weg zum Kaspischen Meer näher, das wirst du aber ohne Kontrollen nicht erreichen können. Nein, wähle den längeren Weg über das Gebirge nach Turkmenistan, die sprechen dort kein Farsi, aber du wirst dich schon mit ihnen verständigen können, bis dorthin wirst du nicht mehr als zwei oder drei Tage benötigen, ich kenne mich gut aus, bin dort geboren und weiß, dort gibt es nur selten Kontrollen, du musst nur manchmal die Hauptstraßen meiden, verkleide dich wie ein einfacher Arbeiter, du sprichst ja unsere Sprache gut, und wenn du Glück hast wirst du nicht auffallen. Am ersten Abend als ich mein Versteck aufgesucht hatte, sah ich in einer Ecke des Hinterhofs einen alten Lastwagen stehen, der scheinbar schon einige Zeit nicht mehr benutzt wurde, die Fenster waren total verstaubt und auf der Ladefläche stapelten sich einige leere Kisten, selbst der Schlüssel stecke noch im Zündschloss. Ali meinte nur lakonisch, ich werde die alte Kiste für dich wieder zum Laufen bringen lassen. Wir sprachen nicht viel, Ali stecke mir etwas Geld in meine Tasche, pass gut auf dich auf, wir sehen uns bald wieder. Er wollte gerade zurück gehen, da drehte er nochmals seinen Kopf zu mir um und fragte, Mike weißt du eigentlich warum Terri so eine einzigartige Frau ist, sie ist nicht nur von überwältigender Erotik, egal wie oft wir zusammen waren, es war immer wunderschön und niemals gab es einen peinlichen Moment zwischen uns, auch hatte ich niemals ein schlechtes Gewissen, und so soll es auch bleiben, dann drehte er sich wieder um und verschwand genauso geräuschlos wie er gekommen war.
Kurz vor Morgengrauen sah ich von meinen Versteck aus, wie drei dunkel gekleidete Männer den Hinterhof betraten, jeder hatte etwas schweres in beiden Händen, sie schauten sich kurz nach allen Seiten um, gingen dann geradewegs zum Lastwagen, zwei von ihnen öffneten den Tankdeckel, steckten einen großen Trichter in die Öffnung und schütteten den Inhalt von vier Benzinkanistern in den Tank. Der Dritte hob die Motorhaube an, holte einen Schraubenschlüssel aus seiner Tasche, lockerte die Verankerungen der Batterie, entfernte die beiden Kabel von den Polen, hob die alte Batterie heraus und ersetzte sie durch eine Neue. Die leeren Kanister und die alte Batterie stellten sie hinter dem Laster ab, für die ganze Aktion hatten sie nicht länger als zehn Minuten benötigt, alles verlief fast geräuschlos, sie schauten kurz zu mir herüber, aber ohne mir ein Zeichen zu geben, kein unerwünschter Beobachter hatte etwas von der ganzen Aktion mitbekommen. Einige Minuten später, mit einer gefüllten Wasserflasche in der Hand, öffnete ich die Autotür, auf dem Fahrersitz lag noch eine Landkarte, mit einem Bleistift war ein Fluchtweg eingezeichnet. Schon beim ersten Versuch sprang der Motor an.
Bis zum Gebirge waren es etwa fünfhundert Kilometer wenn ich nur auf den eingezeichneten Seitenstraßen fahren würde. Ali hatte mir auf der Rückseite der Landkarte noch einige Instruktionen eingezeichnet, was ich vermeiden sollte und wo ich Unterkunft finden konnte. Da es noch dunkel war, als ich vom Hinterhof heraus fuhr, schaltete ich nur das Standlicht ein, es waren keine weiteren Fahrzeuge oder Personen auf den Straßen zu sehen und nach einer guten halben Stunde konnte ich schon die Häuser der Stadt hinter mir in meinen Rückspiegel langsam verschwinden sehen. Der Tank war vollgefüllt, ich brauchte mir also um den Treibstoff keine Sorgen zu machen und es bestand keine Gefahr, dass an einer Tankstelle Videoaufnahmen von mir gemacht werden könnten. Ich fuhr in östlicher Richtung, der Verkehr nahm langsam zu, meistens waren es hochbeladene Lastwagen die mir entgegen kamen, einige Autos überholten mich, aber niemand nahm von mir Notiz. Am frühen Nachmittag, nach etwa zweihundert Kilometer erreichte ich eine kleine Ortschaft, in einer landwirtschaftlichen Gegend mit Obst und Getreide Anbau. In der Ortschaft war ein Krämerladen, den Ali mir auf der Rückseite der Karte beschrieben und empfohlen hatte, dort könne ich mir neben Lebensmittel auch noch nützliche Ausrüstungsgegenstände für meine Wanderung über die Berge und für die Nächte besorgen, der Besitzer des Ladens würde keine Fragen stellen, so war es dann auch. Ich besorgte mir eine wetterfeste Jacke, entsprechendes Schuhwerk, ein Feuerzeug, einen alten Kompass und eine Taschenlampe, sowie Proviant für drei Tage. Nachdem ich bezahlt hatte, meinte der Verkäufer nur, ich sollte lieber hinter dem Haus dem Feldweg entlang fahren, bis zum Wald und dort bis zum Einbruch der Nacht warten und mich und den Laster verdeckt halten. Danach wäre keine Polizeikontrolle mehr zu erwarten und die Straße wäre wieder frei für den Rest der Fahrt bis zu den Bergen.
Je näher ich dem Gebirge kam, umso schlechter wurden die Straßen, schließlich war es nur noch ein reiner Schotterweg, ohne Licht war die Straße kaum noch zu erkennen, so entschloss ich mich, nach weiteren zwei Stunden Fahrt, einen gesicherten Platz für die Nacht zu suchen, ich überquerte einen kleinen Fluss über eine Holzbrücke und stellte den Laster auf einem schmalen Weg zwischen zwei Tannen ab, die den Blick auf das Auto von der Straße aus verdeckten. Der Fluss führte klares Wasser, nach vier Tagen konnte ich mich endlich wieder einmal richtig waschen, es war mehr als nötig, Menschen beginnen unangenehm zu riechen, wenn sie lange kein Wasser mehr gesehen haben, erst merken es die anderen, dann man merkt man es selbst. Ich zog meine Kleidung aus und stieg nackt in den Fluss, das Wasser reichte mir bis zur Schulter es war kalt und erfrischend. Handtuch hatte ich keines dabei, so ließ ich mich vom Wind trocknen, bevor ich wieder meine Klamotten anzog. Die Nacht verbrachte ich auf der Ladefläche zwischen den leeren Kisten. Es war das erste Mal, dass ich seit längerer Zeit wieder einmal unter dem freien Himmel schlief, nach der Enge in der Botschaft fühlte ich mich wie im Paradies, unzählige leuchtende Sterne über mir, dazu noch das leise Stimmengewirr von unsichtbaren Tieren und das leise rauschen des Wassers, dass kontinuierlich dem Tal entgegen floss. Ich schloss die Augen und sah Terri mit einem breiten Lächeln vor mir, dann bin ich recht schnell eingeschlafen. Gegen Morgengrauen wurde es kalt, ich begann zu frieren, ich hatte aber nichts dabei womit ich mich einwickeln konnte. Meinen Atem konnte ich sehen, es sah so aus, als würde Zigarettenrauch den Weg nach außen durch meine Nasenlöcher suchen. Brennbares Holz lag genug herum, aber Feuer wagte ich keines zu machen, dazu begann es auch noch leicht zu regnen, nur einige Tropfen, ich stieg von der Ladefläche herunter und zog mich ins Führerhaus zurück, dort blieb ich bis zum Sonnenaufgang.
Ali hatte mir auf der Rückseite der Landkarte auch die Stelle angegeben, bis zu der ich fahren sollte, es waren noch etwa einhundertzwanzig Kilometer bis dorthin. Bevor ich weiter fuhr füllte ich noch meine Flasche mit Wasser vom Fluss auf, überquerte die alte Brücke und bog in die Straße ein. Seit es bergauf ging war mir kein weiteres Fahrzeug mehr begegnet, auch hatte ich keinen Menschen gesehen und nahm an, dass auch mich keiner gesehen hatte. Auf dem Weg nach oben kam ich an zwei Gehöften vorbei, einige Leute arbeiteten auf den Feldern und überall wo ich hinsah waren Hühner, aber niemand schien sich um mich zu kümmern, obwohl mein Laster nicht gerade geräuschlos war. Nach vier Stunden Fahrt hatte ich die Stelle erreicht, die mir Ali empfohlen hatte, wo ich den Laster abstellen sollte, ein schmaler Feldweg führte wieder über eine Holzbrücke zu einem spärlich bewachsenen Wald, nur wenige Bäume standen noch dort, nach den Baumstümpfen zu schließen, wurden die meisten schon vor einiger Zeit gefällt und wahrscheinlich als Bauholz oder zum Heizen verwendet, dort endete auch der Weg. Ich stieg aus, raffte meine sieben Sachen zusammen, alles passte in den neuen Rucksack, den Zündschlüssel ließ ich stecken, die Nummernschilder hatte ich schon am Abende zuvor abgeschraubt, mir war aufgefallen, dass die meisten Autos in der Gegend keine Nummernschilder hatten, so konnte auch niemand erkennen woher der Laster kam, als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme hatte ich nach Sonnenaufgang mit dem Spaten ein kleines Erdloch ausgehoben, etwa hundert Meter vom Laster entfernt, die Autoschilder hinein gelegt und wieder mit der Erde zugeschüttet. Nachdem ich die Erde noch mit der flachen Seite des Spatens festgeklopft und mit einigen Zweigen bedeckt hatte, musste ich von nun an zu Fuß weiter gehen, dafür war ich gut ausgerüstet und Bergsteigen machte mir sowieso keine Schwierigkeiten. Ich musste nur peinlichst darauf achten, von niemanden gesehen zu werden. Ich ging zur Straße zurück, von wo aus ich einen guten Überblick über die ganze Gegend hatte. Ich schätzte, bis zu den Berggipfeln waren es etwa sechs bis zehn Kilometer, erst erfolgte ein flacher Anstieg, über grüne Wiesen hinweg, bevor es steiler wurde, richtige Hindernisse konnte ich nicht erkennen. Entsprechend der Landkarte waren die Berggipfel auch die Grenze zum Nachbarland, die musste ich nur erreichen, wichtig war nur, dass mich wirklich niemand sah. Ich hatte mir die Landschaft genau eingeprägt und war mir sicher, den Steilhang auch in der Dunkelheit erreichen zu können, zumal die Nächte hier meist sternenklar sind. Ich suchte mir ein geeignetes Versteck auf der anderen Straßenseite, von wo aus ich einen guten Überblick über die Gegend hatte, musste aber dort bis zum Anbruch der Dunkelheit warten, bevor ich mich auf den Weg machen konnte. Noch am späten Vormittag kam ein einzelner junger Mann von oben der Straße entlang gelaufen, von meinem Versteck aus konnte ich ihn gut erkennen, er hatte dunkle Kleidung an, er konnte nicht älter als sechzehn oder siebzehn Jahre alt gewesen sein, ansonsten ließ sich keine weitere Menschenseele blicken. Nach einigen Stunden, am späten Nachmittag, kam der junge Mann wieder zurück, seine Schritte hatte ich schon vor einigen Minuten gehört, bevor er um die Biegung kam, sah ich, wie er plötzlich stehen blieb, in den Feldweg hinein schaute, genau dorthin wo der Laster stand. Zuerst schien er zu zögern, er schüttelte ungläubig den Kopf und entschied sich dann aber näher heran zu gehen, er ging einige Male verunsichert um das Fahrzeug herum, ich konnte es an seiner Haltung und seiner Gestik erkennen, dass er nicht glauben konnte, was er da sah. Hätte er die Motorhaube berührt, so wäre ihm aufgefallen, dass der Motor noch etwas warm war, er tat es aber nicht. Nach einer Weile stieg er in das Fahrerhaus und kurz danach hörte ich wie der Motor aufheulte, er hatte zu viel Gas gegeben. Sicherlich war er kein geübter Fahrer, einmal hatte er den Motor sogar noch abgewürgt, der Laster machte einen kleinen Sprung nach vorne und blieb dann stehen, aber schließlich gelang es ihm rückwärts auf die Straße zu fahren, ohne im Straßengraben zu landen. Von meinem Versteck aus sah ich, wie er langsam die steile Straße nach oben fuhr, als er hinter einer Kurve verschwand, hörte ich nur noch für einige Minuten das Knattern des Motors, dann trat wieder Stille ein. Nach Sonnenuntergang, die Dämmerung setzte schon früh ein, machte ich mich auf den Weg, nutzte jede mögliche Deckung aus, alles war einfacher als ich erwartet hatte, nach zwei Stunden hatte ich den Steilhang erreicht, unter mir lag das Tal, mit einem Gehöft und dort stand auch der Lastwagen, der nun wohl einen neuen Besitzer gefunden hatte. Die Bergspitzen leuchteten noch hell auf, obwohl die Sonne schon seit einiger Zeit hinter den Bergen verschwunden war. Vom Tal zog die Dunkelheit bis zu mir nach oben. Da ich ab jetzt das Gelände vor mir nicht mehr richtig erkennen konnte, richtete ich mich für die Nacht ein, ich fand zwischen zwei Felsen eine gesicherte Liegemöglichkeit, dort wuchs grünes Moos und daneben hatten sich braune Blätter angesammelt, obwohl keine Bäume in unmittelbarer Umgebung standen, der Wind hatte sie wohl hier zusammen gefegt, über mir nur Sterne und himmlischer Frieden, ich zog den Reisverschluss meiner Windjacke nach oben, streifte die Kapuze über meinen Kopf, das Moos hatte die Sonnenwärme des Tages gespeichert und sie an meinen Rücken abgegeben, kurz danach schlief ich ein. In der Nacht wurde es kalt und feucht, das Moos wirkte wie ein Schwamm, saugte das Wasser auf und gab einen Anteil davon wieder an mich ab. Ich merkte auch, wie mir einige Tropfen von der Stirn über meine Nasenspitze in den Hals liefen, mein Oberkörper war durch die Windjacke geschützt und blieb trocken, aber meine Hose klebte feucht an meinen Beinen und ich begann zu frieren. Ich dachte an Terri, wenn es uns nachts zu kalt wurde, dann rückten wir näher zusammen und wärmten uns gegenseitig, zwischen ihr und mir lagen aber leider mehr zehntausend Kilometer, so musste ich mir irgendwie anderes helfen. Mit der linken Hand schaufelte ich einiges Laub über meine Hosenbeine um damit etwas von der Kälte abzuhalten. Noch bevor die Sonne aufging bemerkte ich, dass sich im Laub noch andere Bewohner angesiedelt hatten, es waren Ameisen, die an meinen Beinen nach Wärme suchten, die meisten konnte ich wieder abschütteln und als die Sonne langsam aufging zog ich Hose und Strümpfe aus und legte alles flach auf den großen Felsen zum Trocknen aus.
Noch herrschte Stille über dem ganzen Tal, das immer noch im Dunklen unter mir lag, das Wohnhaus und die Tierställe waren schon schattenhaft zu erkennen, auch die Gestalt, die plötzlich aus der Tür trat, war nur als Umriss zu erkennen, es war wohl der junge Mann vom gestrigen Abend, der neue Lastwagenbesitzer. Obwohl der Abstand bis zum Haus ziemlich groß war, konnte ich deutlich das Knarren der Tür bis nach oben hören, es war fast so, als stände ich daneben, es war echohaft und hallte wieder. Wenn ich selbst leise Geräusche von unten bis hier nach oben hören konnte, dann galt dies wohl auch für die umgekehrte Richtung, ich musste also vorsichtig sein, selbst ein losgetretener Stein könnte mich verraten. Der Schatten ging zu den Ställen, die Türen von den Stallungen wurden geöffnet, dann wurde es laut, zahllose Hühner stürzten laut gackernd ins Freie und verteilten sich schnell auf den umliegenden Wiesen um dort nach Futter zu suchen. Die ersten Sonnenstrahlen kamen über die Bergspitzen und trafen mein Gesicht und mit ihnen eine wohltuende Wärme. Nach Sonnenaufgang dauerte es noch eine Stunde bis ich meine fast trockenen Sachen wieder anziehen konnte, ich hatte ja keine Eile. Auch die Hühner waren wieder ruhiger geworden, nur noch ein dumpfes Rauschen war zu hören, es schien von weither zu kommen, es kam wohl aus dem Tal, war bis oben zu mir zu hören. Bevor ich mich auf den Weg machte, spritze ich mir aus meiner Feldflasche etwas Wasser ins Gesicht, füllte meinen Mund mit Wasser und versuchte mit meinem rechten Zeigefinger die Zähne etwas zu putzen, Zahnbürste hatte ich keine dabei, auch auf den Kaffee musste ich wieder einmal verzichten. Bei dem Krämer im Tal hatte ich mir einige Dosen mit gekochten Bohnen gekauft, eine davon war noch übrig geblieben, ich öffnete sie, mehr hatte ich nicht zum Frühstück. Ich hatte keinen Löffel, also fischte ich sie einzeln mit dem Messer heraus, kalt waren sie nicht gerade meine Lieblingsspeise, aber besser als nichts. Nach dem Essen entfernte ich etwas Moos, grub ein Loch mit dem Messer, versenkte die leere Dose darin und bedeckte die Öffnung wieder mit Erde und dem Moos, dann sah es wieder so aus wie vorher.
Der Weg bis zur Anhöhe wurde immer steiler und felsiger, war aber im Großen und Ganzen keine besondere Herausforderung für mich, ich genoss sogar die Aussicht, setzte nach jeder Stunde eine Pause ein und ließ den Blick über das Tal schweifen und sah die Welt, so wie sich entwickelt hatte, die nicht erschaffen wurde. Die Gefahr, dass man mich noch hören konnte war vorüber, die Geräusche des beginnenden Tages verschluckten meine Schritte. In meinem Gehirn wurde das was ich sah, wie in einer Fotografie abgespeichert, ich war mir sicher, noch nach Jahren alles genau abrufen zu können.
Als ich das gegenüberliegende Tal erreicht hatte, war ich in einem anderen Land, Vorsicht war nicht mehr geboten. Ich folgte dem Kompass Richtung Osten, nach zwei Stunden Fußweg stieß ich auf eine mäßig befahrene Landstraße, ich nahm einen zwanzig Dollarschein aus meiner Tasche und winkte damit den entgegen kommenden Lastwagen zu. Schon der zweite hielt an, es war ein ähnlicher Pritschenwagen wie der, den ich für meine bisherige Flucht verwendet hatte. Die Fahrt verlief schweigend, der Fahrer und ich hatten kein Bedürfnis viel zu reden, nur das Notwendigste. In der Stadt rief ich die dortige Botschaft an, nannte meinen richtigen Namen und bat um Unterstützung. Viel musste ich nicht erklären, offensichtlich war der Botschafter von meinem Vorhaben unterrichtet worden. Er nannte mir die Adresse und ich nahm mir ein Taxi bis zur Botschaft, nach vier Nächten im Freien konnte ich wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen, zuvor konnte ich mich ausreichend duschen, und meine verschmutzten Klamotten wurden durch neue ersetzt. Ich bekam wieder einen roten Diplomaten Pass mit meinem richtigen Namen, Geld hatte ich noch ausreichend. Drei Tage später stieg ich, nach verschiedenen Zwischenlandungen, am Logan Airport in Boston aus dem Flugzeug aus, kaufte eine Flasche Champagner und einen lebenden Hummer auf dem Weg zum Ausgang, die kann man dort bei Tag und bei Nacht kaufen, für fünf Dollar das Pfund. Vor dem Flughafen Ausgang nahm ich das erstbeste Taxi. Als ich die Tür zu meinen Apartment öffnete stand Terri spärlich bekleidet, mit ausgestreckten Armen, vor meiner Zimmertür, wie sie von meiner genauen Ankunft erfahren hatte, wusste ich nicht, ich habe sie auch niemals danach gefragt, es wurde die Nacht der Nächte nach all den Entbehrungen der letzten Wochen. Eine ganze Woche hatten wir die Wohnung nicht verlassen und uns meistens im Bett aufgehalten. Der Pizzaladen und der Vietnamese an der nächsten Ecke sorgten dafür, dass wir nicht verhungerten, danach flog ich für eine Woche zur Erholung zu meinen Eltern nach Kalifornien. Schon wenige Tage nach der Besetzung der Botschaft trat die Regierung in Geheimverhandlungen ein, nicht direkt, sondern über die Botschaften befreundeter Staaten. Die wesentliche Forderung nach Auslieferung des Herrschers war durch dessen Tod hinfällig geworden. Es wurden Zusagen gemacht und fast wie immer, schloss es auch diesmal wieder heimliche Waffenlieferungen ein, über dunkle Kanäle. Nach 444 Tagen, am Tag der Einführung des neuen Präsidenten wurde die Besatzung beendet und alle Geiseln wurden am 20. Januar ausgeflogen. Zuvor waren einige Befreiungsversuche durch das Militär kläglich gescheitert, besonders die Operation Adlerkralle, zum Gespött der ganzen Welt. Das Trauma blieb haften, sie hatten nicht nur ihre Geiseln, sie hatten unsere ganze Nation gedemütigt, es wurde zu einer nationalen Schande, die nach Rache schrie, nicht nur an dem Rädelsführer.
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