Kitabı oku: «Die erste Umsegelung Asiens und Europas»

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Über den Author

Adolf Erik Nordenskiöld (1832 – 1901) entstammt einem alten schwedisch-finnischen Adelsgeschlecht. 1849 beginnt er in Helsinki Naturwissenschaften zu studieren. Sieben Jahre später muss er sich aus politischen Gründen nach Schweden absetzen. An der Stockholmer Universität macht er rasch Karriere und nimmt von 1859 bis 1864 an mehreren wissenschaftlichen Expeditionen nach Spitzbergen teil. Nachdem eine Nordpolexpedition gescheitert ist, orientiert sich Nordenskiöld nach Nordosten. Nach seiner Rückkehr aus dem Polarmeer wird er in den Freiherrenstand erhoben und findet schließlich in Dalbyö seinen letzten Wohnsitz, wo er sich hauptsächlich kartographischen Studien widmet.

Dr. Hans-Joachim Aubert (geb. 1942) lebt in Bonn und ist Wirtschaftsgeograph, Reisejournalist sowie Verfasser und Herausgeber zahlreicher entdeckungshistorischer und länderkundlicher Berichte.

Zum Buch

»(…) die glücklichste und brillanteste Polarreise die jemals durchgeführt wurde!« Sven Hedin

Die waghalsige Expedition in arktische Gefilde war hervorragend geplant, und beinahe wäre Adolf Erik Nordenskiöld als erstem Menschen in der Entdeckergeschichte die Durchquerung der Nord-Ost-Passage gelungen. Doch nur wenige Kilometer vor den eisfreien Gewässern der Beringstraße werden die Vega und ihre Mannschaft vom arktischen Winter überrascht und stecken im meterdicken Eis fest. Erst ein gutes Jahr später, am 18. Juli 1879, gelingt den Finnen nach der lebensbedrohlichen Überwinterung die erfolgreiche Beendigung der Expedition, die Nordenskiöld zahlreiche Ehrungen einträgt.

Es war lange der Traum der seefahrenden Nationen die südlichen Seewege über die arktischen Routen zu erreichen. Doch alle Versuche scheiterten an den scheinbar unüberwindbaren Eisbarrieren des Nordens. Der Erste, dem die Bezwingung der Nord-Ost-Passage und damit die Umrundung Asiens gelingen sollte, war der Finne Adolf Erik Nordenskiöld, der 1878 mit seinem hervorragend ausgerüsteten Hilfssegler Vega in See stach. Als die Expedition kurz vor der Beringstraße vom Eis überrascht wurde, musste die Mannschaft im Polarmeer überwintern. Die Crew freundete sich mit den einheimischen Tschuktschen an und machte die Entdeckung, dass ihre Sprache grundverschieden ist von der der Inuit. Als die Vega am 18. Juli 1879 nach beinahe einem Jahr im Eis endlich freikam, stand der Vollendung der Nord-Ost-Passage nichts mehr im Wege.

DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER


Adolf Erik Freiherr von Nordenskiöld 1832–1901

ADOLF ERIK NORDENSKIÖLD

NORDOSTWÄRTS

DIE ERSTE UMSEGELUNG

ASIENS UND EUROPAS

AUF DER »VEGA« DURCH

DIE NORD-OST-PASSAGE

1878 – 1880

HERAUSGEGEBEN VON

HANS-JOACHIM AUBERT

MIT 44 ORIGINALABBILDUNGEN

UND 2 KARTEN


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012

Der Text wurde behutsam revidiert nach der Edition Erdmann Ausgabe Stuttgart und Wien, 1987

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: Adolf Erik Nordenskiöld überwintert mit der Vega im Eis, Gemälde von Francis Smitheman aus dem Buch The Marine Paintings of Smitheman, mit freundlicher Genehmigung von Fartygsmagasinet i Stockholm AB, Stockholm, Schweden eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0308-3

www.marixverlag.de/Edition_Erdmann

INHALT

Einleitung des Herausgebers

Der Lebens.xhtml#eg eines Polarforschers

Die Vega – Schicksal eines Schiffes

Die Geschichte der Nord-Ost-Passage

Die Nord-Ost-Passage heute

Das Reise.xhtml#erk

Nordost.xhtml#ärts

Die erste Umsegelung Asiens und Europas

Aufbruch ins Unbekannte

Bei den Lappen von Chabaro.xhtml#a

Tierleben im Polarmeer

Im »Eiskeller« Sibiriens

Fahrt in den arktischen .XHTML#inter

Die Über.xhtml#interung

Das Volk der Tschuktschen

In der Bering-See

Aufenthalt in Japan

In den Ge.xhtml#ässern Asiens

Die Heimreise

Anhang

Auszüge aus den .xhtml#issenschaftlichen Ergebnissen der Vega-Expedition

Die Reise der Vega

.XHTML#orterklärungen

Literaturangaben

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EINLEITUNG DES HERAUSGEBERS
DER LEBENSWEG EINES POLARFORSCHERS

Per obstantia pergit intrepidus – Hindernisse überwindet der Unerschrockene. So steht es auf einer Gedenkmünze der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die 1925, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des großen schwedischen Polarforschers geprägt wurde.

Mit dieser Tugend, die wohl zum Rüstzeug aller Forscher und Entdecker gehört, lässt sich das Verdienst Adolf Erik Nordenskiölds sicherlich kaum erschöpfend beschreiben, wohl aber ein wesentliches Merkmal des erfüllten Lebens dieses Mannes, dem der Erfolg erst nach vielen Fehlschlägen vergönnt war.

Die Reise mit der Vega, von der hier berichtet werden soll, war die Krönung langjähriger Forschertätigkeit, der glückhafte Endpunkt unermüdlicher, nur zu oft tragisch verlaufender Versuche durch Seefahrer vieler Nationen, die Nord-Ost-Passage zu bezwingen. Nordenskiölds Reise um Europa und Asien war ein wagemutiges, keineswegs jedoch ein waghalsiges Unternehmen. Über zwanzig Jahre persönliche Erfahrung in arktischen Gewässern sind in diese Fahrt eingeflossen. Pedantisch genaue Vorbereitungen und das sichere Abwägen von Risiken sicherten schließlich den Erfolg. Darin unterschied er sich von den meisten Polarreisenden seiner Zeit ebenso wie durch die wissenschaftliche Zielsetzung. Obwohl nicht ganz frei von der Verlockung, als Erster den Fuß auf bis dahin nicht betretenes Gebiet zu setzen, trieb ihn weniger Rekordsucht oder das Verlangen nach unvergänglichem Ruhm als der wissenschaftliche Eifer des Mineralogen, Geologen und Historikers.

Als Adolf Erik am 18. November 1832 in Helsingfors, dem heutigen Helsinki, geboren wurde, war ihm zwar nicht der Weg eines Entdeckers vorgezeichnet, wohl aber die Liebe zur Naturwissenschaft in die Wiege gelegt. Der Vater, Nils Gustav Nordenskiöld, war ein bedeutender Mineraloge und Generaldirektor des Bergwerkswesens des unter russischer Oberhoheit stehenden Großfürstentums Finnland. Der Hang zur Wissenschaft hatte lange Tradition in der Ahnenreihe der Nordenskiölds, einer alten Adelsfamilie, die ursprünglich aus der nordschwedischen Provinz Uppland stammte, dann aber an der südfinnischen Küste ansässig wurde, als Finnland noch zum schwedischen Reich gehörte. So ist es kaum verwunderlich, dass sich der junge Adolf Erik bereits in Kindesjahren als eifriger Mineralien- und Insektensammler betätigte, unterstützt und angeleitet von seinem verständnisvollen Vater, den er auf vielen Exkursionen begleiten durfte. Als er auf die durch ihre liberale Führung bekannte Schule von Borgo kam, entwickelte sich Erik jedoch keineswegs zum strebsamen Musterschüler. »Freilich kann nicht geleugnet werden«, bekennt er freimütig in einer späteren Biographie, »dass diese Freiheit von vielen Schülern auf das Schlimmste missbraucht wurde: zeichnete ich mich doch, nach des Rektors Ausspruch, nur durch meine vollkommene Faulheit aus.« Die einsichtigen Eltern zogen jedoch nicht etwa die Zügel schärfer an, sondern ließen dem Sohn noch größere Freiheiten, verbunden mit einem Appell an die damit wachsende eigene Verantwortung. In kürzester Zeit gehörte Erik zu den besten Schülern. Als es jedoch an der Schule zu Züchtigungen kam, damals durchaus eine übliche Methode der Bestrafung, rief dies einen Aufstand unter den Schülern hervor, und viele verließen aus Protest das Gymnasium von Borgo, unter ihnen auch Adolf Erik und sein Bruder Otto. 1849 schrieb sich Adolf Erik in die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Helsingfors ein, wobei er erwartungsgemäß als Hauptfächer Mineralogie und Geologie wählte. Praktische Erfahrungen konnte er im reichen Maße durch die »Verwaltung« der umfangreichen Privatsammlung auf dem heimatlichen Gut Frugord gewinnen und durch größere Exkursionen mit seinem Vater bis in den Ural. 1855 schloss er seine Doktorarbeit über die kristallinen Formen des Graphits ab und stellte seine erste Publikation über die Mineralien Finnlands fertig, durch die auch die Fachwelt auf den jungen Wissenschaftler aufmerksam wurde.

Der vorgezeichnete Weg erfuhr jedoch am 30. November des Jahres 1855 im Wirtshaus von Thölö eine dramatische Wende. Die Studentenverbindung, der Adolf Erik damals angehörte, war hier zu einer ihrer Feiern zusammengekommen, bei der verständlicherweise auch politische Diskussionen, Reden und Trinksprüche nicht ausgespart blieben. Anlässe dafür gab es genug, wurde Finnland in jener Zeit doch als ein Territorium des russischen Zarenreiches angesehen und von einem Statthalter mit eiserner Hand regiert, der die Russifizierung mit allen Mitteln vorantrieb. Dass diese Bemühungen vor allem auf den Widerstand der auch damals politisch aktiven Studentenschaft stießen, besonders jener im schwedisch geprägten Süden des Landes, ist kaum verwunderlich.

Die aufrührerischen Reden des Abends von Thölö kamen dem russischen Gouverneur von Berg zu Ohren, der nur darauf wartete, sich für eine vorausgegangene Schlappe zu rächen, als die Studentenschaft einen von ihm eingeschleusten »Spion« entlarvt und den Gouverneur öffentlich bloßgestellt hatte. Nordenskiöld wurde wie viele seiner Kommilitonen vorübergehend der Universität verwiesen, trug diese Affäre allerdings mit Gleichmut und machte das Beste aus der Zwangspause; er lieh sich Geld und reiste über Petersburg nach Berlin. Zufällig traf er in der russischen Stadt seinen Vater, der, obwohl seiner Regierung gegenüber loyal, die Pläne seines Sohnes nicht nur billigte, sondern ihm durch Empfehlungsschreiben an die bedeutendsten Mineralogen der deutschen Hauptstadt die Tore zu den wichtigsten Forschungsstätten und Laboratorien öffnete. Als der junge Nordenskiöld im Sommer 1856 nach Finnland zurückkehrte, wurde ihm von der Universität ein Reisestipendium zur Förderung seiner weiteren wissenschaftlichen Laufbahn angeboten. Wieder jedoch griff das Schicksal in Gestalt einer Universitätsversammlung ein, diesmal einer Promotionsfeier, zu der sehr zum Missfallen des russischen Gouverneurs von Berg auch Abgeordnete der schwedischen Universitäten Lund und Uppsala geladen waren. Als Nordenskiöld in einem Trinkspruch einen Dichter mit den Worten zitierte: »Ein Hoch den großen Tagen, die entschwunden sind, ein Hoch der Hoffnung, die uns bleibt!«, hatte er beim russischen Gouverneur zum zweiten Mal verspielt. Um einer Bestrafung zu entgehen, setzte sich Nordenskiöld zunächst einmal nach Schweden ab. Dort erfuhr er auch, dass er nicht nur sein Reisestipendium verloren, sondern auch das Recht verwirkt hatte, ein Universitätsamt in Helsingfors zu bekleiden. Um so enger wurden nun seine Kontakte zu den schwedischen Universitäten, insbesondere zur Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, zu deren Gründungsmitgliedern einer seiner Vorfahren gehört hatte.

Hier traf er auch den Mineralogen Otto Torell, der dem Lebensweg Nordenskiölds eine neue Richtung gab. Der nur wenige Jahre ältere Gelehrte vermochte Nordenskiöld für eine private Kundfahrt nach Spitzbergen zu gewinnen, die der Sammlung von Versteinerungen dienen sollte. Am 3. Juni 1858 lichtete das kleine Segelschiff Frithjof, ein nicht gerade seetüchtiges, nur neunzehn Tonnen großes Küstenfahrzeug, das bedenklich leckte, im nordnorwegischen Hammerfest die Anker. Die Reise dauerte zwar nur knapp drei Monate, aber für Nordenskiöld wurde sie zum Schlüsselerlebnis: Die Arktis ergriff von ihm Besitz.

Seine berufliche Stellung in Schweden festigte sich, als er, kaum sechsundzwanzig Jahre alt, zum Leiter der mineralogischen Sammlung der Akademie der Wissenschaften ernannt wurde, einem Posten, den er bis zu seinem Lebensende bekleidete und auch ausfüllte. Für Nordenskiöld war diese Aufgabe die sicherlich lohnendste und wichtigste, die Tätigkeit, in der sein forschender Geist die größte Befriedigung fand. Zeit seines Lebens widmete er sich der Vervollständigung mit unendlicher Hingabe, sodass er bei seinem Tod eine der bedeutendsten mineralogischen Sammlungen der Welt hinterließ. Überdies trat er mit zahlreichen Fachpublikationen an die Öffentlichkeit und machte sich schnell einen Namen weit über Schwedens Grenzen hinaus.

Beim Besuch seiner alten Heimat Finnland im Spätherbst 1858 zeigte sich, dass das Kriegsbeil zwischen dem Gouverneur von Berg und ihm noch immer nicht begraben war. Als er anlässlich einer Vorladung nicht bereit war, seine damaligen »Studenten-Sünden« zu bereuen, verwies ihn der unversöhnliche Politiker des Landes, das Nordenskiöld bis zu dessen Rücktritt nun nicht mehr betreten durfte.

Als Torell, mit dem Nordenskiöld seit der Spitzbergenreise eine enge Freundschaft verband, eine neue, diesmal größere Expedition plante, war natürlich auch der bewährte Reisegefährte wieder mit von der Partie. Erneut standen mineralogische Forschungen auf Spitzbergen auf dem Programm, insgeheim aber auch der Versuch, möglichst weit nach Norden jenseits des 80. Breitengrades vorzudringen, um von hier aus vielleicht sogar den Nordpol zu erreichen, der bis dahin von noch keinem Menschen betreten worden war. Drei Wochen lang mussten die beiden Expeditionsschiffe Aeolus und Magdalena jedoch wegen schlechten Wetters in Tromsö warten, ehe sie am 7. Mai 1861 den schützenden Hafen verlassen konnten. Überhaupt stand die ganze Expedition wettermäßig unter einem schlechten Stern. An der Nordostecke Spitzbergens froren die Fahrzeuge in der Treurenberg-Bucht einen Monat lang ein, wodurch der Plan für den Vorstoß zum Pol aufgegeben werden musste. Mit einem Ruderboot erkundeten Torell und Nordenskiöld stattdessen die Hinlopen-Straße, die Spitzbergen in einen südwestlichen und einen nordöstlichen Teil trennt. Dieses Nordostland war bis dahin kaum bekannt und so gut wie unerforscht, sodass die Forscher schließlich dennoch mit wertvollem Material zurückkehren konnten, obwohl es wegen Vereisungsgefahr nicht gelungen war, das Land vollständig zu umrunden. Am 23. September erreichten die Schiffe wieder wohlbehalten ihren Ausgangshafen Tromsö.

Als Anerkennung für diese Leistung, vor allem aber für seine wissenschaftliche Arbeit, wurde Nordenskiöld zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften berufen. Als sein persönlicher Feind, der russische Gouverneur von Finnland, 1862 endlich abgelöst wurde, war der Weg in die alte Heimat, an der er trotz der 1860 erworbenen schwedischen Staatsangehörigkeit immer mit großer Liebe gehangen hat, wieder frei. Unverzüglich reiste er nach Finnland, um seinen greisen Vater nach über vier Jahren wiederzusehen. Seine Mutter war bereits 1860 gestorben, ohne dass Nordenskiöld die Erlaubnis erhalten hatte, zur Beerdigung anzureisen. Noch einmal durchstreiften Vater und Sohn auf gemeinsamen Exkursionen das Land und entdeckten sogar ein neues Mineral, das sie nach dem finnischen Gott Tapio »Tapiolit« nannten. Anlässlich dieses Besuchs lernte der junge Nordenskiöld bei Carl von Mannerheim, seinem Freund, Anna Maria von Mannerheim kennen und verliebte sich. Die glücklichen Tage in Finnland währten nur kurz, die Arbeit rief Nordenskiöld nach Stockholm zurück, wo er als Angehöriger des Adels auch einen Platz im Reichstag innehatte. Aber schon im Winter kehrte er wieder aus Schweden nach Finnland zurück, die zugefrorene Ostsee als Eisbahn für eine waghalsige Schlittschuhfahrt benutzend, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Am 13. Januar verlobte er sich mit Anna, am 1. Juli 1863 fand das trotz der ernsten wissenschaftlichen Arbeiten unbekümmerte Junggesellenleben des sportlichen Professors ein Ende. Er nahm seine Ehe sehr ernst und erteilte Torell, als dieser ihn zu einer neuen Expedition überreden wollte, schweren Herzens eine Absage. »Natürlich schlug ich mir alle arktischen Reisen aus dem Kopf«, erinnerte er sich später, aber zu groß war der Drang nach dem unerforschten Norden, zu tief saß der Bazillus der Arktis, mit dem er bereits seit der ersten Fahrt nach Spitzbergen infiziert war.

Als der Leiter der für 1864 geplanten und vom Staat geförderten Spitzbergen-Expedition überraschend verstarb und man Nordenskiöld mit dieser Aufgabe betraute, konnte der Wissenschaftler sich nicht auf sein Privatleben berufen, ohne seine Laufbahn zu gefährden. So verließ er am 7. Juni 1864 mit dem ehemaligen Kanonenboot Axel Thordsen den norwegischen Hafen Tromsö, das Tor zum Nordmeer, und nahm zunächst Kurs auf die Bären-Insel, um sich dann seiner eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, der Vermessung der Ostküste Spitzbergens. Als sich der Forscher dann wieder einmal seinem Lieblingsplan widmete, möglichst weit nach Norden Richtung Pol vorzudringen, traf er auf siebenunddreißig Schiffbrüchige, deren Fahrzeuge im Packeis gesunken waren. Mit größter Selbstverständlichkeit brach Nordenskiöld die Expedition sofort ab, um die erschöpften Fischer zurück nach Tromsö zu bringen, eine Tat, die ihn vor allem in der norwegischen Hafenstadt ein für alle Mal zum Helden stempelte.

Vier Jahre vergingen nun, ehe Nordenskiöld wieder zu einer neuen Reise aufbrach. Er widmete sich in dieser Zeit der Ruhe der historischen und naturwissenschaftlichen Forschung und bemühte sich weiter um einen Lehrstuhl an der Universität Helsingfors, ohne Erfolg allerdings. Die russischen Behörden hatten seine Studentenzeit noch immer nicht vergessen. Um so energischer verfolgte er jetzt wieder seinen alten Plan, mit einem Schiff den Pol zu erreichen. Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit, die zuweilen an Starrsinn grenzte, räumte er alle Steine aus dem Weg und beschaffte die dazu notwendigen finanziellen Mittel, die nunmehr aus privaten Quellen flossen, nachdem der Staat sich an neuen Forschungsvorhaben wenig interessiert gezeigt hatte. Mit dem Unternehmer Oskar Dickson trat ein Mäzen in sein Leben, ohne dessen tatkräftige Unterstützung alle folgenden Reisen nicht zu verwirklichen gewesen wären. Immerhin stellte die schwedische Marine ein Schiff, die einundvierzig Meter lange Sofia, zur Verfügung und rekrutierte auch die Besatzung. Als erster Offizier diente der erst sechsundzwanzigjährige Leutnant Louis Palander, zu dem Nordenskiöld eine besonders freundschaftliche Beziehung entwickelte und der später als Kapitän der Vega entscheidenden Anteil an der erfolgreichen Bezwingung der Nord-Ost-Passage hatte. Es gelang der mit einer Dampfmaschine ausgerüsteten Sofia tatsächlich, bis auf 81° 42' vorzudringen, den nördlichsten bis dahin jemals erreichten Punkt. Als Wermutstropfen brachte dieser Rekord für Nordenskiöld jedoch die entmutigende Erkenntnis, dass der Pol mit einem Schiff nicht zu bezwingen sein würde. Ohne das überragende seemännische Können des Kapitäns von Otter, des späteren schwedischen Marineministers, hätte diese Expedition einen sicherlich tragischen Verlauf genommen. Bei stürmischer See schlug das Schiff am 4. Oktober in einer Eisbarriere leck und drohte zu sinken. Nur unter dem Einsatz aller Kräfte konnte die Sofia in letzter Minute die Küste Spitzbergens erreichen, um die notwendigen Reparaturen durchzuführen. Ende Oktober war man wieder im sicheren Hafen Tromsö.

Die Anregung zur nächsten Expedition kam von Dickson, dem Philanthropen, der sein in der Holzwirtschaft erworbenes Vermögen zum großen Teil in die Polarforschung steckte. Er brauchte Nordenskiöld nicht lange zu überreden, es zu wagen, den Pol mit Schlitten vom nördlichen Spitzbergen aus zu erreichen, wo die Forscher mit einem Schiff zur Zeitersparnis überwintern sollten. Zum Einkauf von Zugtieren reiste Nordenskiöld für sechs Wochen nach Grönland, entschied sich aber nicht für die sonst üblichen Hunde, sondern für Rentiere. Gleichzeitig versuchte er durch einen Abstecher in das grönländische Inlandeis den Beweis zu erbringen, dass die Insel »Grünland« seinerzeit von Erik dem Roten ihren Namen zu Recht erhalten hatte. Auf der nur viertägigen Exkursion sah der Forscher jedoch nur Eis, ohne allerdings seine Meinung zu ändern. Auch hinsichtlich der von ihm gefundenen riesigen Eisenblöcke, die er für Meteoriten hielt, obwohl sich schon bald herausstellte, dass das falsch war, hielt er starr an seinem Urteil fest. Den Tiefpunkt seiner Forschertätigkeit erlebte er jedoch schon in den ersten Tagen der geplanten Expedition zum Pol, die im Frühjahr 1872 aufbrach, aber bereits vor dem eigentlichen Beginn scheiterte und die gesamte Mannschaft in Lebensgefahr brachte. Nur Stunden vor dem Auslaufen der beiden zusätzlich mitgenommenen Versorgungsschiffe aus dem Basislager in der Mosselbay an der Nordküste Spitzbergens wurden die Fahrzeuge, die nicht für eine Überwinterung eingerichtet waren, vom Eis eingeschlossen, das in diesem Jahr ungewöhnlich früh kam. Damit waren nicht nur fünfundzwanzig Mann, wie geplant, zu versorgen, sondern siebenundsechzig. Kritisch wurde die Lage, als sich überdies weitere neununddreißig Schiffbrüchige von eingefrorenen Fischereifahrzeugen einfanden. Zu allem Überfluss waren während eines Schneesturms auch noch alle Rentiere entlaufen. Nur eins kehrte verletzt zurück und diente später als Zugtier. Von einem Vorstoß zum Pol konnte keine Rede mehr sein, es ging ums nackte Überleben. Nordenskiöld wuchs hier als Expeditionsleiter über sich selbst hinaus und stellte einmal mehr seine organisatorischen Fähigkeiten und seine Führungsqualitäten unter Beweis. Während in einem nahegelegenen, wohlausgerüsteten Winterlager die gesamte Mannschaft durch Skorbut umkam, beklagte Nordenskiöld nur den Tod von zwei Mann. Einer starb an Lungenentzündung, der andere verschwand während eines Schneesturms beim Holzsammeln. Die eigentliche Rettung kam von der Privatjacht Eira des Briten Leigh-Smith, die nach dem harten Winter als Erste am 11. Juni die Bucht im nördlichen Spitzbergen anlief und die Besatzungen vor dem Hungertod rettete. Trotz der bedrohlichen Lage wollte Nordenskiöld nicht ganz auf Kundfahrten verzichten. Mit einer kleinen Mannschaft und einem von dem verbliebenen Rentier gezogenen Schlitten, der auch als Boot diente, brach er im April zu einer Forschungsfahrt nach Norden auf, die ihn bis zu den »Sieben Inseln« und in einem weiten Bogen über das Nordostland zurück zum Winterlager führte. Am 1. Juli 1873 verließ das Forschungsschiff Polhem die nun eisfreie Bucht und trat die Rückreise an. Es war das letzte Mal, dass Nordenskiöld Spitzbergen betreten hatte, ohne auch dieses Mal seinem eigentlichen Ziel näher gekommen zu sein. Trotz mehrfacher Versuche war ihm der große Erfolg versagt geblieben, und es bedeutete für ihn auch keine Genugtuung, dass die Universität Helsingfors ihm in diesem Moment seelischen Tiefs den früher so begehrten Lehrstuhl in Finnland anbot. Nordenskiöld lehnte ab. Er hatte bereits ein neues Betätigungsfeld für seinen unermüdlichen Forscherdrang gefunden: die Bezwingung der Nord-Ost-Passage.

Bei diesem ehrgeizigen Vorhaben standen weniger wissenschaftliche Erwägungen im Vordergrund als ökonomische. Kaufleute, sowohl in Schweden als auch in Russland, zeigten an einer Intensivierung der Handelsbeziehungen zunehmendes Interesse. Durch die immer weiter sich ausdehnenden Fangfahrten geriet die sibirische Küste in den Blickpunkt Europas und damit auch die Frage nach den günstigsten Verkehrsverbindungen zu den russischen Eismeerhäfen. 1875 und 1876 unternahm Nordenskiöld zwei Kundfahrten in das lange Zeit als »Eiskeller« gefürchtete Karische Meer östlich von Nowaja Semlja, um die Zufahrt zum Jenissej zu erkunden, wobei er mit einem kleinen Boot ohne Karte den Fluss weit stromauf fuhr. Die zweite Reise war mehr eine Trotzreaktion. Da man dem Forscher vorgehalten hatte, er hätte die Mündung des Jenissej nur dank der ungewöhnlich günstigen Wetterverhältnisse erreicht, ruhte er nicht eher, bis er auf einer zweiten Fahrt alle Zweifler auf eindrucksvolle Weise zum Schweigen gebracht hatte. Vor allem in Wirtschaftskreisen wurde diesen Fahrten größte Beachtung geschenkt, aber sie begründeten auch die Popularität des Nordmeerforschers bei der einfachen Bevölkerung, für die eine Öffnung wirtschaftlich ertragreicher Jagdgründe und Handelsplätze als Reisegrund einsichtiger war als das Sammeln versteinerter Krebstiere oder die Vermessung vereister Küstenstriche. Nordenskiöld kam dies sicherlich nicht ungelegen, vereinfachte es doch die Finanzierung seiner Lebensaufgabe.

Am 26. Januar 1877 wurde der Plan der Umseglung Asiens und Europas anlässlich eines Essens bei König Oskar II. beschlossen. Am 22. Juni 1878 lichtete das Dampfsegelschiff Vega im schwedischen Kriegshafen Karlskrona die Anker, am 21. Juli verließ die Expedition endgültig den Hafen von Tromsö zu der denkwürdigen Reise, von der hier berichtet werden soll. Dass die Fahrt bis auf die Überwinterung genau nach den vorher erarbeiteten Plänen ablief, lässt erkennen, welch große Erfahrungen Nordenskiöld im Laufe seiner zahlreichen Forschungsfahrten gesammelt hatte. Schon damals galt er als der beste Kenner der arktischen Verhältnisse.

Dennoch war er kein Draufgänger. »Keiner fürchtete das Eis so wie Nordenskiöld«, wusste einer seiner Kapitäne zu berichten, und auch gegen Seekrankheit und Heimweh war der Forscher nicht gefeit. Die Heimreise gestaltete sich von Japan an als eine Abfolge von Empfängen, Saluten und Banketten, mit der die erfolgreichen Seefahrer um die halbe Welt herum gefeiert wurden, ehe die Vega am 24. April 1880 vor dem königlichen Schloss in Stockholm festmachte. Die nationale Bedeutung der Reise lässt sich schon daran ermessen, dass seither dieser Tag als »Vegadagen« im schwedischen Kalender verzeichnet ist. Und auch die Werbung ergriff schon damals die sich ihr bietenden Möglichkeiten. Bald wurden Nordenskiöld Zigarren, Nordenskiöld-Schokolade und Nordenskiöld-Punsch zu beliebten Verkaufsschlagern.

Der Forscher selber aber zog sich in seine Studierstube zurück, um die wissenschaftlichen Ergebnisse der Reise aufzuarbeiten und einen Reisebericht zu verfassen. Die schwedische, über tausend Seiten starke Ausgabe lag bereits im Oktober 1881 vor, die deutsche zweibändige Übersetzung ein Jahr später. Überdies hatte der Forscher zahlreiche gesellschaftliche Verpflichtungen wahrzunehmen, war Abgeordneter des Reichstags und nicht zuletzt Leiter der Mineralogischen Abteilung des Nationalmuseums und Vorsitzender der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Aber der Norden ließ ihn noch immer nicht los. Er richtete sein Augenmerk diesmal auf das noch immer unbekannte Innere Grönlands, da er nach wie vor der Ansicht war, dass Erik der Rote seinerzeit dem Land nicht von ungefähr den Namen »Grünland« verliehen hatte. Am 23. Mai 1883 brach er mit der vertrauten Sofia von Göteborg zur Sommerreise auf und startete von Aulaitsivik, wo er bereits schon einmal seine Eiswanderung im Jahr 1870 begonnen hatte, zur Erforschung des grönländischen Inlandeises. Immerhin drang der kleine Trupp mit seinen schweren, von Menschenhand gezogenen Schlitten diesmal einhundertfünfzig Kilometer weit ins Landesinnere vor, zwei vorausgeschickte Lappen erreichten sogar eine Entfernung von zweihundertdreißig Kilometern und damit etwa die Hälfte der Gesamtstrecke zwischen den beiden Küsten. Grünes Land hatte man nirgends entdeckt. Darüber hinaus brachte die Reise neue wissenschaftliche Erkenntnisse, ebnete vor allem aber den Weg für eine spätere berühmte Expedition, Fridtjof Nansens Erstüberquerung Grönlands auf Skiern im Jahr 1888. Da einige die Leistung der beiden Lappen bei der Grönlandfahrt anzweifelten, organisierte Nordenskiöld nach der Rückkehr einen der ersten Ski-Wettläufe in Lappland über eine Strecke von zweihundertzwanzig Kilometern, der durch den Sieg des Expeditionsteilnehmers Lars Tuorda jeder Kritik den Boden entzog und den nordischen Skilauf als sportliche Disziplin populär machte.

Die Fahrt nach Grönland war die letzte Expedition des unermüdlichen Arktisfahrers. Er kaufte sich ein Landgut in Schweden und widmete sich der schriftstellerischen und wissenschaftlichen Arbeit, oder er zeigte seinen Kindern und deren Freunden, wie man ein Lager baut und Feuer macht. Besonderes Interesse hatte der kleine Sven, der Freund seines Sohns Gustav. Jahrzehnte später ging dieser Sven Hedin als einer der letzten großen Forschungsreisenden in die Geschichte ein und wurde überdies der bedeutendste Biograph Nordenskiölds. Aber auch traurige Zeiten sah das Gut Dalbyö. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren starb seine Tochter Maria im Jahr 1886 an Tuberkulose, neun Jahre später sein Sohn Gustav, der sich bereits erste Meriten als Forschungsreisender in Spitzbergen und Nordamerika verdient hatte. Sein jüngster Sohn Erland (1877–1932) und sein Neffe Otto setzten die Familientradition jedoch fort. Während Otto sich der Antarktis zuwandte und schließlich zum Leiter der schwedischen Antarktis-Expedition berufen wurde, erwarb sich Erland als Südamerikaforscher und hervorragender Kenner der dortigen Indianer einen bedeutenden Ruf.


Die Vega

Nordenskiölds Schriften zogen weite Kreise und inspirierten manchen berühmten Forschungsreisenden. Neben Nansen empfing Peary, der 1909 als Erster den Nordpol erreichte, wichtige Impulse, aber auch Andrée, dessen Ballonexpedition 1897 tragisch endete, beriet sich mit dem erfahrenen Polarforscher.

Nordenskiöld fand jetzt auch Zeit, sich verstärkt seiner Liebhaberei zuzuwenden, der Kartographie und der Geschichte des Reisens. Zeit seines Lebens hatte er alte Bücher und Karten gesammelt. So hatte er während des Aufenthalts in Japan Besatzungsmitglieder losgeschickt, nach alten Werken für seine Sammlung zu stöbern. Aus den Antiquariaten in ganz Europa trafen nun die Angebote ein, sodass Nordenskiöld gegen Ende seines Lebens eine der umfangreichsten Bibliotheken alter Reisebeschreibungen und historischer Karten seiner Zeit hinterließ, die heute als geschlossene Sammlung in der Universitätsbibliothek Helsinki aufbewahrt wird. In zahlreichen Veröffentlichungen über die historischen Aspekte der Entdeckungen insbesondere der Arktis und der Küste Nordamerikas machte sich Nordenskiöld auch auf diesem Gebiet einen Narnen und ließ sogar einen Faksimile-Atlas seiner Kartensammlung drucken, ergänzt durch eine grundlegende und zukunftweisende Geschichte der Kartographie. Aber auch die Mineralogie kam nicht zu kurz. Zwischen 1877 und 1888 studierte und benannte er vier neue Mineralien. Im Winter 1900 litt der Forscher, der nie krank gewesen war, an einer Grippe, die er auf seinem Gut auskurieren wollte. Am 12. August 1901 starb er dort friedlich im Schlaf an Herzversagen. Nachdem die Welt in einer großen Totenfeier in Stockholm von ihm Abschied genommen hatte, wurden die sterblichen Überreste des großen Polarforschers auf dem kleinen Friedhof Västerljung bei seinem Gut Dalbyö in Schweden beigesetzt.

DIE VEGA – SCHICKSAL EINES SCHIFFES

Nordenskiöld zeigte sich moderner Technik gegenüber immer aufgeschlossen; er hatte sich einmal sogar als Erfinder eines feuersicheren Safes betätigt, der allerdings kein Erfolg wurde. Schon 1864 hatte er sich intensiv mit der noch in den Kinderschuhen steckenden Fotografie befasst und auch versucht, sie in den Dienst seiner Reisen zu stellen, ohne zunächst jedoch zu befriedigenden Ergebnissen zu gelangen.

Bis 1868 benutzte er für seine Fahrten reine Segelschiffe verschiedener Größe. Spätestens seit der Fahrt mit der dampfgetriebenen Sofia im Jahr 1868 war er jedoch von der Maschinenkraft als allein möglichem Antrieb für größere Forschungsvorhaben im Eis überzeugt. So war auch die Vega ein dampfgetriebenes Segelfahrzeug, eins jener für das ausgehende 19. Jahrhundert typischen Schiffe, die sich der modernen Technik bedienten, ohne auf die Vorteile des Segelns zu verzichten. Nordenskiöld und sein Kapitän Palander wählten das 357 Tonnen große Fahrzeug Vega, eine 43 Meter lange, in Bremerhaven gebaute Dreimastbark mit 60 PS starker Dampfmaschine, die für die Eismeerfahrt gebaut worden war und als Walfänger diente. Auf der Marinewerft in Karlskrona wurde das Flaggschiff der Expedition für die bevorstehende Reise ausgerüstet, um der insgesamt dreißig Mann starken Besatzung und den umfangreichen Vorräten Platz zu bieten. Neben vier vorhandenen Walfangbooten führte die Vega eine kleine Dampfschaluppe mit, die noch heute erhalten ist, sowie ein Schlittenboot für Landausflüge. Die Bewaffnung, soweit man von einer solchen sprechen konnte, bestand aus achtzehn Jagdgewehren, sechs Revolvern und zwei Salutgeschützen. Merkwürdigerweise erhielt Nordenskiöld trotz seiner aus den Kreisen der Kriegsmarine angeworbenen Besatzung vom Marineminister Freiherr von Otter, seinem ehemaligen Kapitän auf der Rekordfahrt mit der Sofia, nicht die Erlaubnis, die schwedische Kriegsflagge zu führen, sodass er sich mit dem Stander der Königlichen Segelgesellschaft begnügen musste. Da nicht alle Vorräte, insbesondere die Kohle, für die gesamte Reise an Bord genommen werden konnten, dienten drei weitere Schiffe, die Dampfer Lena und Fraser und der Segler Express, als Versorgungsfahrzeuge, die das Forschungsschiff bis zur Jenissej-Mündung begleiten sollten. Nach Beendigung der großen Reise, auf der die Vega keinen ernsthaften Schaden genommen hatte, wurde das Schiff wieder an seine ursprüngliche Reederei übereignet und als Fischereifahrzeug vor Grönland eingesetzt. Das weitere Schicksal verliert sich im Dunkeln. 1901 ging das Schiff an einen norwegischen Eigentümer, drei Jahre später möglicherweise nach Schottland. Auf einer Fahrt nach Grönland wurde das Fahrzeug wahrscheinlich 1903 oder 1904 vom Eis eingeschlossen und sank.


1. Schrank, als Pulverkammer gebraucht

2. Schrank für die Instrumente

3. Sofa im Offiziersspeisesaal

4. Kajüte für Leutnant Brusewitz

5. Kajüte für die Leutnants Bove und Hovgaard

6. Speisekammer für den Winter

7. Korridor

8. Kajüte für Dr. Stuxberg und Leutnant Nordqvist

9. Offiziersspeisesaal

10. Tisch im Offiziersspeisesaal

11. Kajüte für Dr. Almqvist

12. Kajüte für Dr. Kjellman

13. Kamin

14. Kajüte für Kapitän Palander

15. Kajüte für Prof. Nordenskiöld

16. Korridor (Niedergang zum Offiziersspeisesaal)

17. Kohlenbehälter

18. Dampfkessel

19. Vorratsraum im Zwischendeck


26. Bibliothekskajüte

27. Speisekammer f. die Offiziersmesse

28. Luke zum Proviantraum

29. Luken zu den Kettenkästen

30. Luke zu einem Raum für wissenschaftliche Zwecke

31. Schiffsküche


32. Kojenplätze für die Mannschaft. Doppelte Reihen

33. Kettenbehälter und Vorratsraum

34. Luke zum Kommissvorrat

35. Luke zu der täglichen Ausgabebude

36. Luke zum Tauraum

37. Kegelkoje

38. Vorratsraum für Wasser und Kohlen

39. Maschinenraum

40. Keller


DIE GESCHICHTE DER NORD-OST-PASSAGE

Nordenskiölds Reise durch die Nord-Ost-Passage bildet den krönenden Abschluss unzähliger Versuche, den nördlichen Seeweg zu bezwingen, den Endpunkt vieler Bemühungen, die Durchfahrt von Osten wie von Westen her zu versuchen.

Wann zum ersten Mal Kunde von der Existenz eines nördlichen Seewegs um Asien und Europa herum zu den Seefahrtsnationen drang, ist kaum noch nachzuvollziehen. Bereits 1508 und 1540 zeigen zwei Karten eine nordöstliche Durchfahrt, und Reiseberichte vermitteln schon 1432, wenn auch nur bruchstückhaft, geographische Einzelheiten, die eine Existenz dieser Verbindung andeuten.

Bis dahin hat auch wenig Interesse an Reisen in den hohen Norden bestanden. Die Zeiten der Wikinger, die in kühnen Fahrten schon um das Jahr 1000 den Atlantik überquert und lange vor Kolumbus den Boden Amerikas betreten hatten, waren vergessen. Und auch der Bericht über die Fahrt um das Nordkap im Jahr 875 durch den Normannen Othere, der bis ins Weiße Meer vorstieß, ruhte noch unentdeckt in den Archiven. Ernsthaft richteten die Seefahrer erstmals ihren Blick Ende des 15. Jahrhunderts nach Norden, als durch den Vertrag von Tordesillas die großen Entdeckernationen der damaligen Zeit, die Spanier und die Portugiesen, im Jahr 1494 die außereuropäische Welt unter sich aufteilten und damit Schiffen fremder Nationen der Seeweg zu den Gewürzländern des Ostens versperrten. Sebastian Cabot, der mit seinem Vater Giovanni 1497 Neufundland und Labrador in englischem Auftrag besucht und sich einige Jahre später vergeblich bemüht hatte, einen nordwestlichen Seeweg nach Asien zu finden, veranlasste gegen Ende seines Lebens die erste große Forschungsfahrt in nordöstlicher Richtung. Im Auftrag der zu diesem Zweck gegründeten Gesellschaft der »Merchant Adventurers« verließen am 10. Mai 1553 unter der Leitung von Sir Hugh Willoughby drei Schiffe die Themse. Nur die unter dem Kommando von Richard Chancellor stehende Edward Bonaventure gelangte bis ins Weiße Meer zur Mündung der Dwina und eröffnete damit den Handelsweg zwischen Russland und England. Zwei Jahre später segelte Stephen Burroughs bis nach Nowaja Semlja, wo er bereits zahlreiche russische Fischereifahrzeuge traf. Im Jahr 1580 drangen mit Arthur Pet und Charles Jackman erstmals Westeuropäer bis in das Karische Meer vor.

Während sich die Engländer nun zunehmend der amerikanischen Küste zuwandten und dort ihre Besitzungen gründeten, traten die Holländer die Nachfolge in der Arktisfahrt an. Seit sich diese Handelsnation von spanischer Vorherrschaft befreien konnte, blickte auch dort die Kaufmannschaft mit Interesse und Neid auf die reichen asiatischen Länder und bemühte sich, einen unkontrollierten Seeweg nach China und Japan zu finden. Die Nord-Ost-Passage sollte die Lösung sein. Die Geographen waren überzeugt, dass die hohen Breitengrade um den Nordpol völlig eisfrei wären, und die aufsehenerregenden Funde holländischer Harpunen in Walen, die vor der koreanischen Küste gefangen worden waren, galten als untrügliches Zeichen eines nördlichen, eisfreien Seewegs, da man damals noch davon ausging, dass die Tiere die heißen Äquatorgebiete nicht durchqueren könnten. 1594 verließ die erste holländische Expedition mit vier Schiffen ihre Heimat und kehrte bald mit der optimistischen Nachricht zurück, dass die Karische See völlig eisfrei sei und der Fahrt nach China nichts im Weg stehe. Sogleich wurde eine neue, diesmal mit Handelsgütern beladene Flotte auf den Weg geschickt, die jedoch, vom Eis bedrängt, schon bald abdrehen musste und unverrichteter Dinge wieder nach Holland zurücksegelte. Obwohl sich der Staat nun zurückzog, rüsteten private Kaufleute erneut zwei Schiffe aus, die am 10. Mai 1596 Amsterdam verließen. Steuermann und überragende Persönlichkeit war der erfahrene Willem Barents, der schon auf der ersten Expedition von 1594 das kleine Schiff Der Bote befehligt hatte, damals aber nur bis Nowaja Semlja gekommen war. Auf dem Weg in den Norden entdeckte Barents zunächst die Bären-Insel, wenig später auch Spitzbergen, das allerdings schon früher von den Wikingern besucht worden war. Nahe der Nordspitze von Nowaja Semlja fror das Schiff ein, und die Männer waren gezwungen, als erste Westeuropäer hoch im Norden den Winter zu verbringen. Aus Treibholz errichteten sie ein festes Haus, in dem die Besatzung die arktische Nacht wohlbehalten, wenn auch unter großen Leiden überstand. Erst 1871 wurden das Lager von einem Fischer wiederentdeckt und auch die Aufzeichnungen des kühnen Seefahrers geborgen, der während des langen Rückwegs wahrscheinlich an Skorbut starb.

Mit dem Verlust des spanischen Monopols über den südlichen Seeweg nach Ostasien verlor Europa zunächst das Interesse an der Nord-Ost-Passage. Häufig besuchten jetzt jedoch holländische Walfänger die hohen nördlichen Breiten, drangen aber selten bis in die Karische See vor. Nachdem eine Expedition der Briten unter der Führung des unfähigen Kapitäns Wood 1676 erneut vor Nowaja Semlja scheiterte, wurde die Frage nach der Befahrbarkeit der Nord-Ost-Passage erst zweihundert Jahre später durch die österreichische Expedition von 1872 wieder ernsthaft aufgegriffen. Selbst der angesehene deutsche Geograph August Petermann war in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch der Ansicht, dass nordöstlich von Nowaja Semlja durch den Einfluss des Golfstroms ständig freies Wasser herrsche, eine Meinung, die auch Nordenskiöld lange Zeit vertrat. Das österreichische Forschungsschiff Tegetthoff fror 1873 jedoch ein und driftete nach Nordosten, wobei Franz-Joseph-Land entdeckt wurde. Einige Jahre später ging hier auch die Privatjacht des Briten Leigh-Smith im Eis verloren, der Nordenskiöld bei der Überwinterung auf Spitzbergen zu Hilfe gekommen war.

Die Suche nach der Durchfahrt wurde nicht nur von Westen, von Europa her, in Angriff genommen, auch vom Pazifik aus versuchten die Seefahrer, in die Bering-Straße einzudringen. Die Kolonisierung Sibiriens von Petersburg aus brachte es mit sich, dass hier vor allem die Russen eine führende Rolle spielten, nachdem sie von der Landseite her die großen Ströme Lena und Kolyma erreicht hatten. Im Jahr 1648 segelte der Kosak Simeon Deschnew mit mehreren Fahrzeugen den Kolyma abwärts in das Eismeer und wandte sich dann nach Osten, um als Erster das heute nach ihm benannte Kap zu umrunden und durch die Bering-Straße in den Pazifik zu gelangen, wo er sich am Anadyr niederließ. Die über dreitausend Kilometer lange Reise des Kosaken ist allerdings mit vielen Fragezeichen behaftet, ist es doch nicht erwiesen, ob er nicht weite Strecken auf dem Landweg zurückgelegt hatte. Als Forschungsfahrt im eigentlichen Sinn kann erst die »Große Nordische Expedition« von 1734–1742 gesehen werden. Die Leitung wurde dem in Russland ansässigen Dänen Vitus Bering übertragen, der bereits 1728, ohne es zu wissen, die Bering-Straße in dichtem Nebel durchsegelt hatte, ehe er auf 67° 18' umkehrte, um nicht vom Winter überrascht zu werden. Die Aufgabe bestand darin, die gesamte Küste zwischen Archangelsk bis nach Anadyr zu vermessen und zu erforschen. Zwar ist Berings Schicksal in die Annalen der Arktisforschung eingegangen, aber auch die Führer der anderen Schiffe, wie Owtsin, Laptew und Tscheljuskin, der als Erster am 17. Mai 1742 die nach ihm benannte nördlichste Spitze des Festlands erreichte, haben unmenschliche Strapazen bei der Erforschung der sibirischen Küste auf sich genommen. Im Dezember 1741 ist Bering nach der Strandung seines Schiffs St. Peter auf der Insel Awatscha, die nun den Namen des Forschers trägt, gestorben. Erst 1749 war das ehrgeizige Vorhaben der Erkundung des östlichen Sibiriens abgeschlossen, trotz aller Bemühungen aber noch immer nicht die Frage geklärt, ob Asien und Amerika zusammenhingen. Erst James Cook hatte mit der Resolution auf seiner letzten Reise im Jahr 1778 das Glück, bei klarer Sicht in die Bering-Straße einzulaufen und damit dieses letzte Rätsel um die Nord-Ost-Passage zu lösen.

Nordenskiöld betrat mit seiner Reise somit keineswegs unerforschtes Neuland, aber es gelang ihm als Erstem, die Passage in ihrer ganzen Länge zu befahren, eine Leistung, die auch aus heutiger Sicht zu den großen Forschungsfahrten zählt. Denn selbst im Zeitalter moderner Schiffe und starker Maschinen ist die Durchquerung der Nord-Ost-Passage noch heute ein riskantes Unternehmen und nur mit Unterstützung starker Eisbrecher zu bewerkstelligen.

DIE NORD-OST-PASSAGE HEUTE

Obwohl die Sowjetunion alle Anstrengungen unternahm, das mit Bodenschätzen reich ausgestattete Sibirien zu entwickeln, geht die Besiedlung der riesigen Region infolge des unwirtlichen Klimas nur langsam vonstatten. Als Leitlinie der Erschließung dient dabei jedoch nicht der nördliche Seeweg, sondern der Schienenstrang der transkontinentalen Eisenbahnen, denn nur er gewährleistet auch im tiefsten Winter eine sichere Verbindung mit den Industriezentren im Süden des Landes. Nicht von ungefähr liegen über die Hälfte aller Städte mit mehr als hunderttausend Einwohnern an der Transsibirischen Bahnlinie. Die bisher noch seltenen größeren Siedlungen nahe der Küste, wie Norilsk unweit der Jenissej-Mündung, verdanken ihre Existenz ausschließlich Bodenschätzen, die keine Transportprobleme aufwerfen, darunter Buntmetalle und vor allem Erdöl und Erdgas, das durch Pipelines abtransportiert wird. Durch das langsame, aber stetige Vordringen der Siedlungsgrenze in Richtung auf die Küsten des Polarmeeres gewinnt die Versorgung über See zunehmende Bedeutung. Dennoch ist die Seefahrt auch hundert Jahre nach Nordenskiölds denkwürdiger Reise noch immer ein höchst risikoreiches Unternehmen. Trotz moderner eisgehender Schiffe und riesiger atomgetriebener Eisbrecher treten durch plötzlichen Wetterwechsel immer wieder bedrohliche Situationen auf, in denen ganze Konvois vom Eis eingeschlossen werden und aus der Luft versorgt werden müssen. Den größten Teil des Jahres muss die Seefahrt eingestellt werden, sodass die Bedeutung der Nord-Ost-Passage in dem Maß abnehmen wird, in dem die Erschließung der binnenländischen Infrastruktur durch die Ausweitung des Bahn- und Straßennetzes Fortschritte macht.

DAS REISEWERK

In der großen Zeit der Forschungsreisen, besonders zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert, war es üblich, dass die Ergebnisse der Expeditionen nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen ihren Niederschlag fanden, sondern zumeist auch in Form eines Reisetagebuchs der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden, die in jener Zeit großen Anteil an der Erkundung der Erde nahm.

So war es auch für Nordenskiöld nach seiner Rückkehr selbstverständlich, seine Erlebnisse mit der Vega möglichst schnell auf den Markt zu bringen. Bereits am 9. Juli 1881 lag der erste Band vor, knapp drei Monate später der zweite. Im Jahr 1882 erschien auch die deutsche Übersetzung bei Brockhaus, auf die bei der Bearbeitung zurückgegriffen wurde. Das Reisewerk, das heute zu den gesuchten Raritäten zählt, zeichnet sich durch eine überaus umfangreiche Illustration aus: Fünfhundert Stahlstiche und neunzehn Karten begleiten den Text. Da die Bände zusammen fast eintausend Seiten enthalten, war es nicht immer leicht, die richtige Auswahl zu treffen, ohne die Aussagekraft einzuschränken.

Da Nordenskiöld durch seine enge Beziehung zur Geschichte und aufgrund seiner umfangreichen Sammlung historischer Reisebeschreibungen immer wieder historische Rückblicke auf die Erforschung der von ihm bereisten Regionen einflocht, bot sich hier noch am ehesten die Möglichkeit zur Kürzung. Die Geschichte der Nord-Ost-Passage wurde stattdessen in einer kurzen Zusammenfassung in die Einleitung übernommen. Auch die zahlreichen naturwissenschaftlichen Ausführungen, insbesondere über Flora, Fauna und Geologie, erfuhren eine Kürzung. Die Schreibweise der Namen wurde, soweit möglich, aktualisiert, die uns manchmal etwas »verschnörkelt« klingende Ausdrucksweise jedoch unter Beachtung zeitgemäßer Rechtschreibregeln beibehalten, um dem Werk nicht seine Authentizität zu nehmen. Die in eckige Klammern gesetzten Anmerkungen bzw. Ortsnamen in moderner Schreibweise sind vom Herausgeber eingefügt, eventuell unklare Begriffe sind in einem Glossar am Ende des Buches erläutert.

Hans-Joachim Aubert

AUFBRUCH INS UNBEKANNTE

Am 21. Juli war die ganze Ausrüstung der Vega an Bord, ihre Mannschaft vollzählig und alles zur Abfahrt bereit, und an demselben Tage um 2 Uhr 15 Min. nachmittags lichteten wir den Anker und traten unter lebhaften Hurrarufen einer zahlreichen am Strand versammelten Volksmenge in vollem Ernst unsere Eismeerfahrt an.

Nachdem wir Tromsö verlassen hatten, steuerten wir anfangs innerhalb der Schären nach der Insel Masö, in deren Hafen die Vega einen Aufenthalt von einigen Stunden nehmen sollte, um Briefe auf dem dortigen Postbüro, wahrscheinlich der nördlichsten Poststation der Welt, abzugeben. Während dieser Zeit erhob sich aber ein so heftiger Nordwestwind, dass wir drei Tage lang dort aufgehalten wurden.

Masö ist eine kleine, unter 71° nördl. Br., nur zweiunddreißig Kilometer südwestlich vom Nordkap, in einer fischreichen Gegend etwa in der Mitte zwischen dem Bred- und dem Magerö-Sund gelegene Felseninsel. An der östlichen Küste der Insel liegt zwischen den Felsen eine kleine Bucht, welche einen wohlgeschützten Hafen bildet. Fischfang und Hafen haben dem kleinen Ort auf dieser Insel eine gewisse Bedeutung gegeben und ihn zu einem der höchsten Außenposten nach dem Norden hin gemacht. Hier, in einer Entfernung von nur wenigen Kilometern von der Nordspitze Europas, gibt es außer zahlreichen Fischerhütten auch eine Kirche, einen Handelsladen, ein Postbüro, ein Krankenhaus usw., und ich brauche wenigstens für diejenigen, welche das nördlichste Norwegen bereist haben, wohl kaum hinzuzufügen, dass man hier auch verschiedene gastfreundliche Familien findet, in deren Kreis wir manche Stunde unseres unfreiwilligen Aufenthalts in dieser Gegend recht angenehm verplaudert haben. Die Einwohner des Ortes leben natürlich nur von Fischfang, da jeder Ackerbau hier unmöglich ist. Zwar haben Kartoffeln manchmal eine reichliche Ernte auf der nahegelegenen Insel Ingö gegeben, indessen misslingt ihr Anbau meistens infolge der Kürze des dortigen Sommers. Von wilden Beeren trifft man Preiselbeeren, jedoch nur in so geringer Menge, dass man nur selten ein oder zwei Liter einsammeln kann; Heidelbeeren kommen etwas reichlicher vor, und die norwegische Multbeere (eine kriechende Himbeerart), die Traube des Nordens, findet sich sogar außerordentlich reichlich.

In der Nachbarschaft des Nordkaps erstreckt sich der Wald jetzt nicht mehr bis an die Küste des Eismeers selbst, aber an geschützten, eine kurze Strecke innerhalb des Meeresbandes gelegenen Stellen trifft man schon vier bis fünf Meter hohe Birken.

Das Klima von Masö zeichnet sich nicht durch besonders strenge Winterkälte aus, aber die Luft ist beinahe das ganze Jahr hindurch rau und feucht. Die Gegend soll jedoch ganz gesund sein, bis auf den Umstand, dass der Skorbut, besonders während feuchter Winter, die ganze Bevölkerung heimsucht, sowohl die Gebildeten wie die Ungebildeten, die Reichen wie die Armen und alte Leute wie Kinder. Nach Angaben einer im Orte wohnenden Frau wird sehr schwerer Skorbut mittels eingemachter Multbeeren mit Rum geheilt. Ich führe diese Art der Anwendung der Multbeeren, dieses alten, wohlbekannten Heilmittels gegen den Skorbut, hier deshalb an, weil ich überzeugt bin, dass diejenigen zukünftigen Polarexpeditionen, welche hieraus eine Lehre ziehen wollen, finden werden, dass dieses Mittel wesentlich zur Gesundheit und zum Wohlbefinden aller Leute an Bord beiträgt.

Zu dem Plan dieses Werkes gehört es ebenfalls, allmählich, je nachdem, wie die Vega vorwärtskommt, einen kurz gefassten Bericht über die Fahrten derjenigen Männer zu geben, welche den Weg, den dieselbe betritt, zuerst eröffnet und demnach in ihrer Weise zur Vorbereitung der Fahrt beigetragen haben, durch welche die Umseglung Asiens und Europas endlich vollbracht worden ist. In dieser Beziehung ist es meine Pflicht, zunächst über die Entdeckungsreise zu berichten, während welcher die Nordspitze Europas zum ersten Mal umsegelt wurde, und zwar besonders deshalb, weil der Bericht über diese Reise außerdem noch dadurch großes Interesse erweckt, dass er viele merkwürdige Aufklärungen über die frühen Bevölkerungsverhältnisse des nördlichen Skandinavien enthält.

Diese Reise wurde vor ungefähr einem Jahrtausend von einem Norweger Othere aus Halogaland oder Helgeland (die zwischen 65° und 66° liegende Küstenstrecke Norwegens) ausgeführt. Derselbe scheint weite Reisen gemacht zu haben, und auf seinen Irrfahrten kam er auch an den Hof des berühmten englischen Königs Alfred der Große. Diesem König gab er eine in einfachen, klaren Worten abgefasste Schilderung seiner Seereise, welche er von seiner Heimat aus nach Norden und Osten hin unternommen hatte.

Aus Otheres Bericht geht hervor, dass er eine wirkliche Entdeckungsreise unternommen hatte, um die nach Nordost gelegenen unbekannten Länder und Meere kennenzulernen. Diese Fahrt wurde deshalb auch besonders erfolgreich, weil während derselben der nördliche Teil Europas zum ersten Mal umsegelt wurde. Ebenso dürfte es keinem Zweifel unterworfen sein, dass Othere während dieser Fahrten bis an die Mündung der Dwina oder wenigsten des Mesenflusses vorgedrungen war. Die Erzählung lehrt uns auch, dass das nördlichste Skandinavien, wenn auch dünn, dennoch von Lappländern bewohnt war, welche ein Leben führten, das sich nicht besonders von der Lebensart unterschied, welche sie noch jetzt an der Küste führen.

BEI DEN LAPPEN VON CHABAROWA

Die Vega wurde durch anhaltenden Gegenwind, Regen, Nebel und außerdem durch schweren Seegang bis zum 25. Juli abends bei Masö aufgehalten. Trotz des fortdauernd sehr ungünstigen Wetters lichteten wir dann, ungeduldig weiterzukommen, die Anker und dampften durch den Magerö-Sund in die See hinaus. Gleichzeitig lichtete auch die Lena ihre Anker, da sie Befehl erhalten hatte, der Vega, soweit möglich, zu folgen und für den Fall, dass eine Trennung von uns unvermeidlich werden sollte, ihren Kurs nach Chabarowa in Jugor-Schar, d. h. nach der Stelle zu nehmen, welche ich als Sammelplatz für die vier Fahrzeuge der Expedition bestimmt hatte. Schon in der ersten Nacht verloren wir bei dem schweren Nebel die Lena aus den Augen und sahen sie erst am Sammelplatz wieder.

Der Kurs der Vega wurde nach dem südlichen Gänsekap abgesetzt. Obgleich ich mich schon in Tromsö dafür bestimmt hatte, in das Karische Meer durch die südlichste der dahin führenden Straßen, Jugor-Schar, einzulaufen, so wurde doch der Kurs so nördlich gelegt, weil die Erfahrung gezeigt hatte, dass zu Anfang des Sommers soviel Eis in der Bucht zwischen der Westküste, der Waigatsch-Insel und dem Festland hin- und hertreibt, dass das Segeln in diesen Fahrwassern bedeutend erschwert ist. Diese Schwierigkeiten aber vermeidet man, wenn man ungefähr bei Gänseland Nowaja Semlja anläuft und dort dem westlichen Ufer dieser Insel und der Waigatsch-Insel nach Jugor-Schar folgt. Diesmal war indessen diese Vorsicht nicht erforderlich. Die Eisverhältnisse zeigten sich nämlich besonders günstig, und wir erreichten Jugor-Schar oder die Jugorische Straße, ohne eine Spur von Eis zu sehen.

Die Überfahrt von Norwegen nach Gänseland wurde anfangs von gutem Wind begünstigt, welcher jedoch, als wir uns Nowaja Semlja näherten, schwächer und spärlicher wurde. Dessen ungeachtet ging die Fahrt mithilfe des Dampfes schnell und ohne andere Abenteuer vonstatten, als dass das starke Rollen des Schiffs ein Durcheinanderschütteln verschiedener Instrumente und Bücherkisten zur Folge hatte, glücklicherweise ohne irgendwelchen erheblichen Schaden.

Am 28. Juli, um 10 Uhr 30 Min. nachmittags, bekamen wir Land in Sicht. Dies war die Landspitze, welche sich im Süden von Gänseland unter 70° 33' nördl. Br. und 51° 54' östl. L. von Greenwich in die See hinausschiebt. Das Gänseland ist eine niedrige, von Grasflächen und unzähligen kleinen Seen bedeckte Küstenstrecke, welche von dem Hauptland Nowaja Semljas hervorspringt. Der Name ist eine Übersetzung der russischen Benennung Gusinnaja Semlja und ist entsprungen aus der Menge von Gänsen und Schwänen, welche in dieser Gegend nisten.

Obgleich das Gänseland, von fern gesehen, ganz eben und niedrig zu sein scheint, hebt es sich doch von der Küste in das Land hinein langsam und wellenförmig zu einer mit unzähligen, seichten Seen überstreuten Grasebene von etwa sechzig Metern Höhe. Diese Ebene fällt beinahe überall nach dem Meer hin mit einem steilen, drei bis fünfzehn Meter hohen Absatz ab, unterhalb dessen sich im Laufe des Winters eine gewaltige Schneewehe oder ein sogenannter Schneefuß bildet, welcher erst sehr spät wieder wegschmilzt. Wirkliche Gletscher gibt es hier nicht. Auch sind keine schneebedeckten Bergspitzen vom Meer aus sichtbar, und man kann deshalb zu gewissen Zeiten des Jahres (während des ganzen Augustmonats) von Norwegen nach Nowaja Semlja segeln, dort Jagdausflüge machen und zurückkehren, ohne auch nur eine Spur von Eis oder Schnee gesehen zu haben. Dies gilt zwar nur für den niedrig gelegenen Teil der südlichen Insel, zeigt aber auf alle Fälle, wie unrichtig die allgemein geltende Vorstellung über die Naturverhältnisse Nowaja Semljas ist. Schon Ende Juni oder Anfang Juli wird der größte Teil des Gänselandes schneefrei, und kurz darauf entwickelt sich in wenigen Wochen die nordische Blumenwelt in all ihrer Farbenpracht. Trockene, günstig gelegene Stellen bedecken sich jetzt mit einem niedrigen, aber reichen, von keinem hohen Gras oder durch Gebüsche verdeckten Blumenbett. An feuchteren Stellen trifft man sogar wirkliche Grasmatten, welche, wenigstens von fern gesehen, lachenden grünen Wiesen gleichen.

Infolge des Zeitverlustes, welcher durch die Verzögerung beim Segeln längs der norwegischen Küste und durch den Aufenthalt in Masö verursacht worden war, hatten wir keine Zeit, hier zu landen, sondern setzten unsere Fahrt längs der Westküste Nowaja Semljas nach Jugor-Schar bei einem meist herrlichen, stillen Wetter fort. Das Meer war völlig eisfrei, und das Land, außer einigen in den Talsenkungen noch liegen gebliebenen Schneefeldern, war ebenfalls frei von Schnee. Hier und da sah man auch noch an den steilen Strandabsätzen einige Überreste der winterlichen Schneewehen, welche oft, da die niedrigen Luftlagen von der Sonne stärker erwärmt waren, starke Luftspiegelungen zeigten, sodass sie in der Entfernung wie gewaltige, gegen das Meer steil abfallende Gletscher aussahen. Als wir weiter nach Süden kamen, hatten wir bei klarem Wetter eine gute Aussicht über die Waigatsch-Insel. Dieselbe schien, vom Meer aus an der Westküste gesehen, eine ebene Grasfläche zu bilden, als wir uns aber Jugor-Schar näherten, sahen wir, dass sich niedrige Höhenstrecken längs der östlichen Seite der Insel hinzogen, welche wahrscheinlich die letzten Auszweigungen des nördlichen Vorsprungs vom Ural bilden.

Als wir außerhalb des Einlaufens zum Jugor-Schar waren, wurde ein Dampfboot gemeldet. Nach vielem Hin- und Herraten erkannten wir die Fraser. Ich war anfangs unruhig und fürchtete, dass ein Unglück eingetreten wäre, da sie einen Kurs dampfte, welcher ihrer Bestimmung direkt entgegen war; als aber Kapitän Nilson bald darauf an Bord kam, hörte ich, dass er nur ausgefahren war, uns zu suchen. Express und Fraser hatten seit dem 20. an dem bestimmten Sammelplatz auf uns gewartet. Sie hatten am 13. Juli Wardö verlassen und ebenso wenig wie wir irgendwelches Eis während der Überfahrt angetroffen. Die Vega und die Fraser fuhren nun gemeinsam nach dem Hafen bei Chabarowa, wo am 30. Juli abends in einer Tiefe von vierzehn Metern Anker geworfen wurde. Die Lena fehlte noch. Wir fürchteten, dass dieses kleine Dampfboot Schwierigkeiten gehabt hätte, sich in der schweren See zu halten, welche wir jenseits des Nordkaps angetroffen hatten, da selbst bei der größeren Vega eine Sturzwelle über Deck geschlagen war und eine der daselbst festgeschnürten Kisten zerbrochen hatte. Unsere Besorgnis war jedoch unbegründet; die Lena hatte ihren Konstrukteuren Ehre gemacht und sich in dem Seegang gut gehalten. Die Ursache der Verzögerung war eine Kompassabweichung, welche in diesen nördlichen Breitengraden größer gewesen war als die, welche aus den Untersuchungen gewonnen war, die man vor der Abreise zu diesem Zweck angestellt hatte. Am 31. Juli warf die Lena neben den anderen Fahrzeugen Anker, und so war denn unsere ganze kleine Eismeerflotte an dem bestimmten Sammelplatz vereinigt.


Die Kirche in Chabarowa

Chabarowa ist ein kleines Dorf, welches auf dem Festland südlich von Jugor-Schar und westlich von der Mündung eines kleineren, zu gewissen Zeiten sehr fischreichen Flusses gelegen ist. Im Sommer wird der Ort von einer Menge Samojeden [Lappen], welche ihre Rentierherden auf der Waigatsch-Insel und auf den umliegenden Tundren weiden lassen, sowie von einigen Russen oder russifizierten Finnen bewohnt, welche von Pustosersk hierher kommen, um Tauschhandel mit den Samojeden zu treiben und mithilfe derselben zu jagen und in dem umliegenden Meer zu fischen. Im Winter treiben die Samojeden ihre Herden nach südlichen Gegenden, und die Handelsleute führen ihre Waren nach Pustosersk, Mesen, Archangelsk und anderen Orten. So ist es wahrscheinlich seit Jahrhunderten zugegangen, doch sind die festen Wohnstätten erst in neuerer Zeit aufgeführt worden. Dieselben werden nämlich in der Beschreibung über die Reisen der Holländer in diesen Gegenden nicht erwähnt.

Jetzt besteht das Dorf, oder die »Samojedenstadt«, wie es die Fangmänner stattlich benennen, gleich anderen großen Städten aus zwei Stadtteilen, dem Stadtteil der Vornehmen – einigen aus Holz erbauten und mit flachem Torfdach versehenen Hütten – und dem Volksquartier, einem Haufen schmutziger Samojedenzelte. Außerdem gibt es auch noch eine kleine Kirche im Ort, bei welcher, gleich wie an mehreren Stellen des Strands, Votivkreuze aufgestellt sind. Die Kirche ist ein Holzhaus, welches durch eine Zwischenwand in zwei Abteilungen geteilt ist, von denen die innere, die eigentliche Kirche, nur wenig über zweieinhalb Meter hoch und ungefähr fünf Meter im Quadrat ist. An der östlichen Wand befinden sich während der Zeit, wo die Gegend bewohnt ist, eine Menge von Heiligenbildern, die von den Fangmännern bei Gelegenheit aufgestellt werden. Vor den Bildern hingen große verbogene alte Kupferlampen oder vielmehr Lichthalter, welche umgewendeten, an drei Ketten aufgehängten byzantinischen Kuppeln glichen. Dieselben waren mit vielen dünnen und auch einigen dicken Talglichten vollgesteckt, welche bei unserem Besuch angezündet wurden. Gleich oberhalb der Stelle, wo wir landeten, standen zahlreiche Schlitten, mit Waren beladen, welche die russischen Handelsleute hier eingetauscht hatten und die im nächsten Herbst nach Pustosersk abgehen sollten. Die Waren bestanden hauptsächlich aus Tran sowie aus Fellen von Eisfüchsen, gewöhnlichen Füchsen, weißen Bären, Wölfen, Vielfraßen, Rentieren und Seehunden. Die Bärenfelle hatten oft einen sehr dichten, weißen Winterpelz, waren aber dadurch verdorben, dass der Kopf und die Tatzen abgeschnitten worden waren. Außerdem sah ich unter ihren Vorräten Walrosszähne und Stricke aus Walrosshäuten. Bemerkenswert ist, dass die gleichen Waren schon in Otheres Bericht erwähnt werden.

Ich besuchte den Ort zum ersten Mal Anfang August 1875. Man feierte eben einen russischen Feiertag, und wir konnten schon von fern zahlreiche Gruppen von Russen und Samojeden am Strand stehen sehen. Als wir näher kamen, fanden wir sie mit verschiedenen Arten von Spielen beschäftigt, und obgleich es für sie wohl seit Menschengedenken das erste Mal war, dass europäische Herren ihre Stadt besuchten, ließen sie sich kaum mehr in ihrem Vorhaben stören, als wenn einige fremde Samojeden sich plötzlich in ihre Reihen gemischt hätten. Einige standen in einem Kreis und warfen abwechselnd ein Stück Eisen auf die Erde, das ungefähr wie eine kurze Rahe geformt war, wobei die Kunst darin bestand, dass das scharfe Ende so in einen auf den Boden gelegten Ring fiel, dass es in der Erde stecken blieb. Andere waren mit einem unserem Kegelspiel ähnlichen Spiel beschäftigt, und wieder andere mit Ringen und anderem. Russen und Samojeden spielten ohne Unterschied miteinander: die Samojeden, klein, hässlich, mit verwirrtem, ungeordnetem Haar, in schmutzige Sommertrachten aus Fellen gekleidet, die bei manchen mit einem grell gefärbten Baumwollzeug überzogen waren; die Russen, groß, wohlgewachsen, mit langem, von Öl glänzendem Haar, zierlich gescheitelt, gekämmt und gekräuselt sowie durch ein Stirnband oder eine Kopfbedeckung zusammengehalten, und in lange, mit einem Gürtel um den Leib befestigte, bunte Blusen gekleidet. Ungeachtet der anfangs gezeigten gekünstelten Gleichgültigkeit, welche ersichtlich zum guten Ton zu gehören schien, wurden wir freundlich empfangen. Zunächst wurden wir eingeladen, in Gesellschaft mit den anderen unser Glück und unsere Geschicklichkeit im Spiel zu versuchen, wobei es sich bald zur nicht geringen Freude unserer Wirte zeigte, dass wir uns auf diesem Feld durchaus in keinen Wettstreit, weder mit den Russen noch mit den Samojeden, einlassen konnten. Hierauf lud uns einer der Russen in seine Behausung ein, wo wir mit Tee, russischen Weizenbrezeln von ungesäuertem Teig und Branntwein bewirtet wurden. Einige kleine Präsente wurden uns überreicht, mit einer artigen Andeutung der Sachen, welche anstelle derselben willkommen sein würden, eine Andeutung, welcher ich, soweit meine Mittel es gestatteten, mit Vergnügen nachkam.

Anfangs herrschte vollständige Eintracht zwischen unseren russischen und samojedischen Wirten; am nächsten Tag aber war ein ernster Streit im Anzug, weil die Ersteren einen von uns einluden, mit einem in der Nähe einer russischen Hütte stehenden Rentiergespann zu fahren. Die Samojeden wurden hierdurch sehr beleidigt, gaben aber, soweit sich dies mit Zeichen tun ließ, zu erkennen, dass sie selbst auch gern fahren würden, wenn wir es wünschten; und dass es ihnen mit ihrer Erklärung ernst war, zeigten sie dadurch, dass sie dann und wann den Streit abbrachen und mit ihren Rentiergespannen eine sausende Fahrt zwischen den Zelten unternahmen. Die Schlitten der Samojeden sind sowohl für die Winterfahrt auf dem Schnee wie für die Sommerfahrt auf dem Moosbett der Tundra und den wassergetränkten Mooren berechnet.

Bei den Zelten wimmelte es von kleinen schwarzen und weißen langhaarigen Hunden mit spitzer Schnauze und spitzen Ohren. Sie werden ausschließlich zum Hüten der Rentierherden gebraucht. An einigen Stellen der Küste benutzt man sie auch als Zugtiere.

Da ich wusste, dass die Samojeden auf ihren Wanderungen immer Götzenbilder mit sich schleppen, so fragte ich, ob sie mir nicht einige derselben verkaufen könnten. Anfangs antworteten sie ausweichend. Es lag zutage, dass teils ihr Aberglaube sie abhielt, auf mein Verlangen einzugehen, und teils auch, dass sie sich vor den Westeuropäern der Beschaffenheit ihrer Götzenbilder ein wenig schämten. Der Metallglanz einiger Rubelstücke, welche ich mir in Stockholm eingewechselt hatte, veranlasste jedoch schließlich eine alte Frau, alle Bedenklichkeit beiseitezusetzen. Sie ging nach einem der beladenen Schlitten hin, welche sie als Magazine zu benutzen scheinen, und suchte lange, bis sie endlich einen alten, unbrauchbaren Lederstiefel in die Hände bekam; aus diesem zog sie einen hübschen Lederstrumpf hervor, aus welchem schließlich vier Götzenbilder zum Vorschein kamen. Nach weiteren Unterhandlungen erstand ich dieselben für einen ganz ansehnlichen Preis. In dem hier vorliegenden Fall wurde der Handel durch den Umstand erleichtert, dass die alte Hexe Anna Petrowna, welche ihre Götzen verkaufte, als Christin getauft war, welcher Umstand natürlich von mir genutzt wurde, die Eigentümerin an das Unrecht zu erinnern, das sie begehe, wenn sie als Christin noch fortfahre, solche Teufeleien wie ihre »Bolvane« (Götzenbilder) zu verehren, und indem ich ihr die Notwendigkeit vorstellte, dieselben schleunigst loszuwerden. Aber meine zu gleicher Zeit sophistischen und egoistischen Behauptungen wurden von den Umstehenden, sowohl Russen wie Samojeden, missbilligt, indem sie erklärten, dass im Ganzen genommen kein besonderer Unterschied zwischen den Bolvanen der Samojeden und den Heiligenbildern der Christen existiere. Es wollte sogar scheinen, dass die Russen selbst diese Bolvane als Repräsentanten einer Art Heiliger der Samojeden in der anderen Welt ansähen.

Nachdem indessen der Götzenhandel, obwohl nicht zu meiner Zufriedenheit, weil ich für mein Geld zu wenig erhalten zu haben glaubte, zum Abschluss gebracht worden war, wurden wir ebenso wie im Jahr 1875 von einem der Russen eingeladen, in seiner Hütte Tee zu trinken. Diese bestand aus einem Hausflur und einem ungefähr vier Meter im Quadrat messenden, kaum zweieinhalb Meter hohen Zimmer. Die eine Ecke nahm ein großer Feuerherd ein; zur Seite desselben befand sich die sehr niedrige Tür und dieser gegenüber eine Fensterluke, unter welcher einige Kisten aufgestellt waren, die bei dieser Gelegenheit als Teetisch benutzt wurden. Längs der beiden übrigen Seiten des Zimmers waren an der Wand befestigte Bettstellen aus Brettern, mit Rentierfellen bedeckt. Die Fensterluke schien früher mit Glasscheiben versehen gewesen zu sein, von diesen waren aber jetzt die meisten zerschlagen und durch Bretter ersetzt worden, und man kann sich wohl kaum wundern, wenn Glas hier ein selten gesehener Luxusartikel ist.

Sobald wir in die Hütte eingetreten waren, nahmen die Vorbereitungen zu der Teegesellschaft ihren Anfang. Zucker, Brezeln, Teetassen mit Untertassen und eine Branntweinflasche wurden aus einem gewöhnlichen russischen Reisekoffer hervorgenommen. Feuer wurde gemacht, Wasser gekocht und Tee in der gewöhnlichen Weise bereitet, wobei sich eine dicke schwarze Rauchwolke in dem oberen Teil des niedrigen Zimmers ausbreitete, welches während dieser Zeit sich dicht mit einer Menge Neugieriger gefüllt hatte. Bis auf diese kleineren Unannehmlichkeiten verlief das Fest sehr angenehm unter fortwährendem Gespräch, das mit großer Lebhaftigkeit geführt wurde, obgleich der Wirt und die meisten seiner Gäste sich nur mit Schwierigkeit einander verständlich machen konnten.

Von hier begaben wir uns nach den Lederzelten der Samojeden, welche abseits der von den Russen bewohnten Holzhütten lagen. Auch hier wurden wir freundlich empfangen. Verschiedene der Zeltbewohner waren jetzt mit etwas größerer Sorgfalt in eine Tracht aus Rentierfellen gekleidet, etwa wie die Lappländer. Die Feiertagstracht der Frauen war besonders kleidsam. Dieselbe besteht aus einem ziemlich langen, am Leib eng anschließenden Kleid aus Rentierhaut, welche so dünn ist, dass sie von der Mitte an in hübschen, regelmäßigen Falten herabfällt. Der Rock ist mit zwei oder drei ungleichfarbigen Volants oder Fransen von Hundefell versehen, zwischen welchen Borten von grellfarbigen Zeugstücken aufgenäht sind. Die Fußbekleidung besteht aus hohen, hübsch und geschmackvoll eingefassten Rentierfellstiefeln. Im Sommer geht man mit bloßem Kopf. Die Frauen haben dann das schwarze struppige Haar nach hinten in zwei mit Riemen, bunten Bändern und Perlen zusammengeflochtene Haarbüschel geteilt, welche auch noch da, wo das Haar aufhört, sich in einer künstlichen Verlängerung der Flechten fortsetzen.

Die jungen Frauen schmücken sich hier also wie überall anderswo nach bestem Vermögen; aber hübsch sind sie deshalb dennoch nicht in unseren Augen. Sie wetteifern mit den Männern im Schmutz. Gleich den Männern sind sie klein von Wuchs und haben schwarzes, grobes, dem Pferdehaar ähnliches Haar, eine gelbe, oft durch Schmutz verborgene Gesichtsfarbe, kleine, schielende, gewöhnlich triefende und entzündete Augen, eine platte Nase, breite hervorstehende Kinnbacken, dünne spindelartige Beine und kleine Füße und Hände.

Die Tracht der Männer, welche derjenigen der Lappländer gleicht, besteht aus einem weiten und langen Päsk, welcher um den Leib herum durch einen mit Knöpfen und Messingbeschlägen reich verzierten Gürtel zusammengehalten wird, an welchem das Messer hängt. Die Stiefel aus Rentierfell reichen gewöhnlich bis über die Knie hinauf, und die Kopfbedeckung besteht aus einer eng ansitzenden, ebenfalls aus Rentierfell gefertigten Mütze.

Die Sommerzelte, die einzigen, die wir gesehen haben, sind konisch und mit einem Loch im Dach zum Ableiten des Rauchs versehen, der von dem in der Mitte auf dem Boden befindlichen Feuerplatz aufsteigt. Die Schlafplätze sind in vielen Zelten hinter einem Vorhang aus Baumwollzeug verborgen.

Von den Polarvölkern, mit denen ich Bekanntschaft gemacht habe, stehen die skandinavischen Lappländer ohne Zweifel am höchsten, und nach diesen kommen die Eskimos im dänischen Grönland. Beide sind christliche und des Lesens kundige Völker, welche gelernt haben, eine Menge Erzeugnisse auf dem Gebiet des Ackerbaus, des Handels und der heutigen Industrie anzuwenden. Sie sind auch jetzt noch Nomaden und Jäger, können aber nicht länger Wilde genannt werden, und der gebildete Europäer, welcher eine längere Zeit unter ihnen gelebt hat, fasst häufig eine gewisse Vorliebe für viele Seiten ihrer Lebensart und Denkweise. Nächst diesen an Bildung kommen die Eskimos im nordwestlichen Amerika, auf deren ursprünglich rohes Leben die amerikanischen Walfänger einen sehr wohltätigen Einfluss ausgeübt zu haben scheinen. Ihnen folgen die Tschuktschen, welche bisher nur wenig mit Leuten der europäischen Rassen in Berührung gekommen sind, deren Erwerbsquellen aber während der neueren Zeit in bedenklicher Weise abgenommen zu haben scheinen, sodass auch die Kraft und die Lebenslust der Nation sehr merkbar geringer geworden sind. Zuletzt kommen die Samojeden oder wenigstens diejenigen Samojeden, welche die Grenzgegenden nach den Ländern des kaukasischen Stammes hin bewohnen. Auf diese scheint der Einfluss der höheren Rassen mit ihren Reglements und Verordnungen, ihren Handelsleuten und vor allem mit ihrem Feuerwasser entschieden verschlechternd eingewirkt zu haben.

Als ich einst einen Eskimo im nordwestlichen Grönland, welcher durch sein sehr übertriebenes Selbstwertgefühl bekannt war, fragte, ob er nicht zugeben wollte, dass der dänische Gouverneur mehr gelte als er, erhielt ich von ihm die Antwort: »Das ist nicht so sicher; der Gouverneur hat zwar ein größeres Besitztum und scheint mehr Macht zu haben, aber es gibt doch Leute in Kopenhagen, denen er gehorchen muss – über mich hat aber niemand zu befehlen.« Dasselbe stolze Selbstgefühl trifft man in der Hütte des Lappen und in dem Fellzelt des Tschuktschen. Bei den Samojeden dagegen scheint dasselbe durch ein Gefühl der Untergebenheit und der Furcht verdrängt zu sein.

Aus älteren Reisebeschreibungen sowie aus eigener Erfahrung wusste ich, dass eine andere, vielleicht niedrigere Art von Götzenbildern als diejenigen, welche Anna Petrowna aus ihrem alten Stiefel hervorgesucht hatte, an mehreren Stellen auf den mit Knochen geopferter Tiere bestreuten Hügeln aufgestellt sein würde. Unser russischer Wirt erzählte uns, dass die Samojeden von weit entlegenen Gegenden nach diesen Plätzen zu wallfahren pflegten, um dort zu opfern und Gelübde abzulegen. Lange Zeit aber wollte keiner der dortigen Russen mir als Wegweiser dienen. Endlich erbot sich jedoch ein junger Mann, mich an eine Stelle auf der Waigatsch-Insel zu führen, wo ich das Gewünschte würde sehen können. Ich machte deshalb am nächsten Tag in einer der Dampfschaluppen einen Ausflug nach dem anderen Strand der Jugor-Straße.

Der Opferplatz war auf dem höchsten Punkt der südwestlichen Spitze der Waigatsch-Insel gelegen und bildete einen natürlichen Hügel, welcher sich einige Meter über die umgebende Ebene abhob. Diese wurde nach dem Meer zu durch einen steilen Abgrund abgeschlossen. Das Land war flach, erhob sich allmählich zu einer Höhe von achtzehn Metern über das Meer. Hier und da gab es seichte Einsenkungen in der Ebene, welche mit einem recht reichen, ebenmäßig grünen Graswuchs bedeckt waren. Die höher gelegenen, trockenen Teile dagegen prangten in einem äußerst üppigen Blumenteppich. Wald fehlt ganz und gar. Auch die Gebüsche sind kaum eine Elle hoch und auch dieses nur an geschützten Stellen, in Talsenkungen und am Fuße steiler, nach Süden gelegener Hänge.

Der Opferhügel bildete einen Steinhaufen von einigen Metern im Quadrat, welcher auf einer besonderen Erhöhung der Ebene lag. Zwischen den Steinen fand man:

Rentierschädel, welche zur Herausnahme des Gehirns zerschlagen waren, die aber die Hörner noch am Stirnknochen sitzen hatten; diese waren so zwischen den Steinen aufgestellt, dass sie ein dichtes Gebüsch von Rentierhörnern bildeten, was dem Opferhügel sein eigentümliches Gepräge gab.

Rentierschädel mit durchbohrtem Stirnbein und auf Stöcke gezogen, welche in den Hügel eingesteckt waren. Mitunter waren auf diesen Stöcken viele Gesichter eingeschnitten, eins über dem anderen.

Knochen von Bären, worunter sich auch die Tatzen und der nur zur Hälfte von seiner Haut entblößte Kopf eines Bären befanden, welcher erst so kurz vorher geschossen worden war, dass das Fleisch noch nicht hatte verwesen können.

Und endlich die mächtigen Wesen, denen alle diese Herrlichkeiten geopfert worden waren.

Letztere bestanden aus Hunderten von kleinen Holzsplittern, nach oben äußerst plump in Form von Menschengesichtern ausgeschnitten, von denen die meisten fünfzehn bis zwanzig und einige bis zu dreihundertsiebzig Zentimetern lang waren. Sie waren alle auf der Ostseite des Hügels in den Boden gesteckt. Nahe dem Opferplatz sah man Stücke von Treibholz und Überreste der Feuerstelle, auf welcher die Opfermahlzeit angerichtet worden war. Unser Wegweiser erzählte, dass bei diesen Mahlzeiten der Mund der Götzen mit Blut und mit Branntwein bestrichen würde.

Mein Wegweiser wurde jetzt augenscheinlich unruhig und sagte, dass ich den Zorn der Bolvanen dadurch versöhnen müsste, dass ich ihnen selbst etwas opferte. Ich äußerte sogleich, dass ich bereit wäre, dies zu tun, wenn er mir zeigen wollte, wie ich dabei zuwege gehen sollte. Einigermaßen verlegen und zweifelhaft, inwieweit er mehr den Zorn der Bolvanen als die Strafe fürchten sollte, welche in der anderen Welt denjenigen treffen soll, der falschen Götzen opfert, sagte er, dass ich nur einige Kupfermünzen zwischen die Steine zu legen brauchte. Mit einer feierlichen Kirchenmiene legte ich hierauf meine Gabe auf den Hügel, nämlich zwei Silbermünzen, sicherlich die größte Kostbarkeit, die je hier geopfert worden war. Jetzt war der Russe zufrieden, erklärte aber, dass ich verschwenderisch gewesen wäre, da ein paar Kupfermünzen völlig genügend gewesen wären.

Am folgenden Tag bekamen die Samojeden zu wissen, dass ich zu ihrem Opferhügel geführt worden war. Für ihren eigenen Teil schienen sie wenig Gewicht darauf zu legen, erklärten aber, dass der Wegweiser schon von den beleidigten Bolvanen gestraft werden würde. Er würde seine Tat vielleicht schon im nächsten Herbst bereuen, wenn seine Rentiere von den Waigatsch-Inseln zurückkehrten, wo sie gegenwärtig von den Samojeden gehütet würden; ja, wenn die Strafe ihn nicht jetzt ereile, würde sie ihn in der Zukunft heimsuchen oder auch seine Kinder oder Kindeskinder treffen, sicherlich aber würden ihn die Götter nicht ungestraft lassen. In Bezug auf Gottes Zorn stimmten ihre Religionsbegriffe vollständig mit den Lehren des Alten Testaments überein.


Opferhöhle auf der Waigatsch-Insel

Dieser Opferplatz war übrigens nicht besonders alt. Ein älterer Opferplatz hatte dagegen sechshundert Meter näher nach dem Strand hin unweit einer Höhle gelegen und war von den Samojeden mit abergläubischer Ehrfurcht betrachtet worden. Eine Menge Holzgötzen waren hier aufgestellt gewesen; aber vor etwa dreißig Jahren hatte ein eifriger, neu eingesetzter und deshalb streng durchgreifender Archimandrit [orthodoxer Priester] die Stelle besucht, den Opferhügel niedergebrannt und anstelle desselben ein noch dort stehendes Kreuz errichtet. Eine Vergeltung hatten die Samojeden jedoch nicht durch Zerstörung dieses Zeichens christlicher Anbetung ausgeübt; sie überließen die Rache den Göttern selbst, überzeugt, dass dieselben bald alle Rentiere des Archimandriten umbringen würden, und verlegten nun ihren eigenen Opferplatz etwas tiefer in das Land hinein, und vorläufig hatte kein weiterer unverständiger Glaubenseiferer Eingriffe in ihre Bolvanenverehrung gemacht.

Der alte Opferplatz war noch durch die Masse von Knochen- und rostigen Eisenstücken erkennbar, welche um das russische Kreuz herum noch über ein weites Gebiet verstreut lagen. Auch sah man dort noch Überreste des Feuerplatzes, auf welchem die Schamanengötzen verbrannt worden waren.

TIERLEBEN IM POLARMEER

Wenn man nicht die wenigen Samojeden in Betracht zieht, welche sich während der letzten Jahre auf Nowaja Semlja niedergelassen haben oder im Sommer auf den Ebenen der Waigatsch-Insel umherstreifen, so sind alle die Länder, welche in der Alten Welt das Forschungsfeld der Polarforscher bilden – Spitzbergen, Franz-Joseph-Land, Nowaja Semlja, Waigatsch, die Halbinsel Taimur [Taimyr], die Neusibirischen Inseln und vielleicht auch Wrangel-Land – völlig unbewohnt. Die Bilder von Leben und Abwechslung, welche der Eingeborene mit seinen eigentümlichen Sitten und Gebräuchen dem Reisenden in fremden entlegenen Ländern gewöhnlich darbietet, findet man hier nicht. Aber stattdessen ist das Tierleben, welches man dort im Sommer antrifft – denn im Winter verschwinden beinahe alle über der Meeresfläche lebenden Wesen aus dem höchsten Norden –, frischer und vielleicht sogar reicher oder, richtiger gesagt, weniger durch die Üppigkeit des Pflanzenlebens verborgen als im Süden.

Es sind jedoch hier nicht die größeren Säugetiere, wie Wale, Walrosse, Seehunde, Bären und Rentiere, welche zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, sondern die unzähligen Scharen von Vögeln, welche den Polarfahrer während des langen Sommertags des Nordens umschwärmen.

Schon lange, ehe man in das eigentliche Gebiet des Eismeeres eingesegelt ist, sieht man das Fahrzeug von Scharen großer grauer Vögel umgeben, welche dicht über die Oberfläche des Meeres dahinfliegen oder vielmehr -schweben, indem sie sich mit dem Wogenschwall heben und senken und eifrig nach irgendeinem essbaren Gegenstand auf der Wasserfläche spähen oder in dem Kielwasser des Schiffs schwimmen, um ausgeworfenen Abfall aufzuschnappen. Dies ist der arktische Sturmvogel (Mallemuck, Eissturmvogel). Der Sturmvogel ist furchtlos und gefräßig; er hat einen üblen Geruch, weshalb man ihn auch nur im Notfall isst, obgleich das Fleisch, wenn der Vogel nicht kurz vorher zu reichlich in verfaultem Fleisch geschwelgt hat, durchaus nicht unschmackhaft für denjenigen sein soll, welcher wenigstens gegen einen nicht allzu scharf hervortretenden Trangeschmack abgehärtet ist. Bei der Bären-Insel und Spitzbergen ist derselbe allgemeiner als bei Nowaja Semlja, und hier scheint er auch kaum in irgendeiner größeren Anzahl zu nisten. Nördlich von Skandinavien kenne ich drei Stellen, wo große Scharen von Sturmvögeln nisten: Die erste ist auf der Bären-Insel auf dem Abhang einiger nicht sonderlich steiler Klippen außerhalb des sogenannten Südhafens der Insel, die andere am südlichen Strand der Branntwein-Bai auf Nordostland [Spitzbergen] und die dritte auf Vorsprüngen steiler Bergwände im Inneren des Eisfjords [Spitzbergen]. An den letzteren Stellen sind die Nester unzugänglich; auf der Bären-Insel dagegen kann man ohne allzu große Schwierigkeit eine ganze Kolonie ihrer schmutzig grauen, kurzen, an beiden Enden gleichmäßig abgerundeten Eier berauben. Diese sollen ganz gut von Geschmack sein. Das Nest ist höchst unansehnlich und übel riechend wie der Vogel selbst.

Wenn das Schiff etwas weiter nach Norden hinauf in ein eisbestreutes Meer gekommen ist, so hört der Seegang plötzlich auf, der Wind legt sich, und das Meer wird spiegelblank, indem es sich mit einer langsam leichten Wogenbewegung hebt und senkt. Scharen von Alkenkönigen (Krabbentaucher) und Teisten schweben jetzt in der Luft und schwimmen zwischen den Eisstücken. Der Alkenkönig, welcher auch »Seekönig« oder »Rotges« genannt wird, kommt auf Nowaja Semlja außer in dem südlichen Teil nur wenig vor und brütet dort auch nicht, soviel mir bekannt ist. Die Lage des Landes ist zu südlich und das Steingeröll an den Seiten der Berge zu unbedeutend für das Wohlbefinden dieses kleinen Vogels. Auf Spitzbergen aber kommt er in unglaublichen Scharen vor und nistet in den ein- bis zweihundert Meter hohen Steinhaufen, welche Frost und Verwitterung an mehreren Stellen der Seiten der steil abfallenden Küstenberge, z. B. bei dem Horn-Sund, der Magdalena-Bai, auf den Norskinseln (nahe an 80° nördl. Br.) und anderen Stellen gebildet haben. Diese Steinhaufen bilden den Palast des Alkenkönigs, reicher an Räumen und Sälen als irgendeine andere Stelle auf dem weiten Erdenrund. Klettert man zwischen den Steinen hinauf, so sieht man hier und da ganze Wolken von Vögeln plötzlich aus dem Boden hervorkommen, um entweder in der Luft umherzuschwärmen oder über die See hinauszufliegen, und gleichzeitig geben sich die unter der Erde zurückgebliebenen durch ein unaufhörliches Geschnatter und Gemurmel zu erkennen, welches dem Lärm einer Menge zankender Weiber nicht unähnlich ist. Sollte dieses Geräusch für einige Augenblicke verstummen, so braucht man nur zu versuchen, durch irgendeine der Öffnungen zwischen den Steinen ihr Geschrei nachzuahmen, um sofort eifrige und andauernde Antwort von allen Seiten zu erhalten. Die in der Luft kreisenden Vögel lassen sich bald genug wieder auf die Steine des Bergabhangs nieder, wo sie unter Streit und Zank so dicht aneinanderhocken, dass man fünfzehn bis dreißig Stück auf einen Schuss töten kann. Ein Teil des Schwarms fliegt dann wieder auf, und ein anderer sucht wie die Ratten seine Sicherheit in den Schlupfwinkeln zwischen den Steinblöcken. Bald aber kriechen sie wieder hervor, um, wie auf geheime Verabredung, in dichten Schwärmen zur See hinauszufliegen und ihre aus Krebstieren und Würmern bestehende Nahrung zu suchen. Der Vogel taucht mit Leichtigkeit. Sein einziges, blauweißes Ei legt er ohne Nest unmittelbar auf den Erdboden, so tief hinunter in den Steinhaufen, dass man nur mit Schwierigkeit dazukommen kann. In dem Steingeröll der Berge nördlich von dem Horn-Sund [West-Spitzbergen] traf ich am 18. Juni 1858 zwei Eier dieser Vögel, welche unmittelbar auf einem zwischen den Steinen befindlichen Eislager lagen. Wahrscheinlich hatte die Brutzeit damals noch nicht angefangen. Wo die Hauptmasse dieser Vögel den Winter zubringt, ist unbekannt, sie kommen aber frühzeitig nach dem Norden zurück, mitunter sogar zu früh. So sah ich 1873 gegen Ende April eine Menge erfrorener Alkenkönige auf dem Eis im nördlichen Teil der Hinlopen-Straße [Meeresenge zwischen West-Spitzbergen und dem Nordostland]. Dem Geschmack nach ist der Alkenkönig ausgezeichnet, und er gibt, infolge der starken Entwicklung der Brustmuskeln, mehr Nahrung her, als man bei der geringen Größe des Vogels erwarten sollte.

Außer dem Alkenkönig trifft man zwischen dem Eis schon weit vom Land ab ganze Scharen von Alken, und je näher man dem Strand kommt, um so mehr nimmt ihre Zahl zu, besonders wenn die Strandklippen dieser gewöhnlichsten Vogelart der Polarländer eine passende Brutstelle bieten. Hierzu werden Klippenwände gewählt, welche steil gegen das Meer abfallen, aber doch durch Vorsprünge und Unebenheiten den brütenden Vögeln Platz bieten. Auf den wirklichen Alkenfelsen liegt Ei an Ei, in dichten Reihen von der Spitze der Klippe bis in die Nähe der Wasserfläche, und der ganze Felsen ist dicht mit Vögeln besetzt, welche außerdem noch in Scharen von Tausenden und Abertausenden nach und von dem Berg fliegen und die Luft mit ihrem äußerst unangenehmen Geschrei erfüllen. Die Eier werden ohne eine Spur von Nest auf die kahle oder nur mit altem Vogelabgang bedeckte Klippe so dicht aneinandergepackt gelegt, dass ich 1858 von einem Klippenvorsprung von unbedeutender Ausdehnung, der von der Spitze des Alkenfelsens mittels eines Taus erreicht wurde, nicht weniger als eine halbe Tonne Eier einsammeln konnte. Jeder Vogel hat nur ein ziemlich großes, grau und braun gesprenkeltes Ei von sehr abwechselnder Farbe und Form. Nachdem es eine Zeit lang bebrütet worden ist, wird es mit einem dicken Lager Vogelabgang bedeckt, und hieran pflegen die Fangmänner die verdorbenen Eier von den frischen zu unterscheiden.

Feuert man einen Schuss gegen den Alkenberg ab, so fliegen Tausende von Vögeln aus ihren Horsten, ohne dass sich die Zahl derjenigen, welche sich nicht aufscheuchen lassen, zu verringern scheint. Die plumpen und kurzflügeligen Vögel fallen, wenn sie sich aus ihrem Horst werfen, anfangs ein ziemliches Stück abwärts, ehe sie »genügend Luft« unter die Flügel bekommen, um fliegen zu können. Viele plumpsen, ehe dies geschieht, ins Wasser und manchmal in das Boot hinunter, welches vielleicht eben an dem Fuß des Vogelbergs entlang rudert.


Papageientaucher


Teist

Ein unaufhörliches, unbehagliches Geschnatter zeigt an, dass ein beständiges Geklatsche in der Alkenkolonie vorherrscht; und dass die Eintracht nicht groß ist, davon zeugt das heftige Geschrei, welches sich von Zeit zu Zeit hören lässt. Hier drängt sich ein Vogel vor, um noch einen Platz auf einem bereits vollgepackten Vorsprung zu bekommen, und dort zanken sich ein paar andere um das Eigentumsrecht an einem Ei, welches auf einer Klippenkante von nur wenigen Zoll Breite gelegt worden ist und das nun während des Streites in den Abgrund gestürzt wird.

Junge von der Größe eines Alkenkönigs habe ich bereits Mitte August der Mutter folgen sehen.

Neben den Alkenkönigen und Alken sieht man zwischen dem Treibeis an der Küste zwei andere nahe verwandte Vogelarten: den Papageientaucher und den Teist oder Blässling. Papageientaucherfelsen kenne ich nicht von Spitzbergen her. Der Papageientaucher scheint dort nur in geringer Zahl zu brüten, obgleich er sich noch auf dem nördlichsten Teil der Insel findet. Auch bei Nowaja Semlja kommt er ziemlich spärlich vor. Der Teist wird dagegen, obgleich nie in großen Scharen versammelt, überall an den Ufern auf Spitzbergen und Nowaja Semlja, sogar bis nach der Parry-Insel unter 80° 40' nördl. Br. [kleine Inselgruppe vor der Nordküste Nordostlands] angetroffen, wo ich 1861 verschiedene ihrer Nester sah. Diese werden auf den Spitzen steil abfallender Strandklippen angelegt. Außen auf den Buchten schwimmen die Teiste oft paarweise zusammen. Ihr Fleisch schmeckt ungefähr wie das der Alken, ist aber zäher und schlechter; die Eier sind dagegen gut.

Alken, Teiste, Papageientaucher und Alkenkönige kommen nie im Inneren des Landes vor. Niemals lassen sie sich auf einer Grasfläche oder auf einem ebenen Sandufer nieder; die steilen Seiten der Vogelberge, das Meer, das Grundeis, Treibeisstücke und kleine, aus dem Wasser hervorragende Steine bilden ihren Aufenthalt. Die schwimmen mit großer Geschicklichkeit sowohl auf wie unter der Oberfläche des Wassers. Die Teiste und Alkenkönige fliegen schnell und gut, die Lummen dagegen schwerfällig und schlecht. Die Letzteren dürften deshalb im Winter wohl kaum weiter von ihren Brutstellen fortziehen als bis nach dem nächsten offenen Wasser, und es lässt sich annehmen, dass keine Lummenkolonie an Stellen angelegt werden, wo das Meer auch weit von der Küste ab ganz und gar zufriert. Hierauf beruht vielleicht die Seltenheit der Alken oder Lummen im Karischen Meer.

Während der Fahrt im Polarmeer folgen den Schiffen fast immer zwei Möwenarten, die raublustige Großmöwe und die geschmeidig geformte, schnell fliegende dreizehige Möwe, und wenn der Robbenfänger an einem Eisstück anlegt, um einen geschossenen Seehund abzuziehen, so dauert es nicht lange, bis eine Menge schneeweißer Vögel mit schwarzblauem Schnabel und schwarzen Beinen sich in der Nachbarschaft niederlässt, um ihren Teil der Beute zu erhalten. Das ist die dritte, gewöhnliche Möwenart des Nordens, die Elfenbeinmöwe.

In Laune und Lebensart sind diese Möwenarten ganz verschieden. Die Großmöwe ist stark genug, um ihre Eier und Jungen gegen die Angriffe des Bergfuchses verteidigen zu können. Sie brütet deswegen gewöhnlich auf der Spitze leicht zugänglicher kleinerer Klippen, Hügel oder Steinhaufen, am liebsten in der Nähe der Alkenfelsen oder auf Vogelinseln, wo die Jungen der Nachbarn ihr Gelegenheit zu Raub und Jagd während der Zeit bieten, wo ihre eigenen Jungen aufgefüttert werden. Manchmal, wie z. B. bei der Branntwein-Bucht auf Spitzbergen, brüten die Großmöwen zusammen in großen Scharen auf Vorsprüngen steiler Felsenseiten, mitten unter den Alken. Auf der Bären-Insel habe ich sie auf der Strandfläche selbst, an einer Stelle sogar unter dem Bogen eines von einer Klippe herabstürzenden Wasserfalls brüten sehen.

Noch gewöhnlicher als die Großmöwe ist in den nordischen Ländern die dreizehige Möwe. Man trifft sie weit in das Meer hinaus, wo sie den Schiffen ganze Tage lang folgt, die Mastspitzen umkreisend, und manchmal – nach Aussage der Fangmänner, wenn ein Sturm im Anzug ist – nach den Spitzen der Wimpel schnappend. Wenn das Schiff im Hafen liegt, versammeln sich diese Möwen gewöhnlich um das Fahrzeug herum, um alles Essbare zwischen dem ausgeworfenen Abfall aufzuschnappen.

In den bebauten Gegenden Europas sind die größeren Säugetiere so selten, dass die meisten Menschen in ihrem Leben kein wildes Säugetier, nicht einmal eins so groß wie ein Hund, gesehen haben. Im hohen Norden ist dies aber nicht der Fall. Die Zahl der größeren Säugetiere ist zwar auch hier nicht mehr so bedeutend wie im 17. Jahrhundert, wo ihre Jagd zwanzig- bis dreißigtausend Menschen ein reichliches Auskommen gab; noch immer aber nährt die Jagdausbeute bei Nowaja Semlja und Spitzbergen mehrere Hundert Fangmänner, und selten wird im Sommer für denjenigen, welcher sich an den Küsten dieser Inseln aufhält, ein Tag vergehen, ohne dass er einen Seehund oder ein Walross, ein Rentier oder einen Eisbären sieht. Zu einem richtigen Bild der Umgebung und Lebensweise des Polarforschers gehört deshalb auch eine Schilderung des Auftretens und der Lebensweise der wilden Säugetiere in den Polarländern.

Eine merkwürdige Tatsache ist es, dass die Rentiere, ungeachtet der verheerenden Jagd, welcher dieselben auf Spitzbergen ausgesetzt sind, dort doch in so viel größerer Menge vorkommen als auf dem nördlichen Nowaja Semlja oder der Taimur-Halbinsel, wo sie vor den Verfolgungen der Jäger ziemlich geschützt waren. Selbst auf dem lang gestreckten Teil des südlichen Nowaja Semlja ist das Rentier trotz der reichlichen Sommerweide so selten, dass man beim Landen dort kaum auf eine ergiebige Rentierjagd rechnen kann. Erst weiter nach Norden hinauf, zu beiden Seiten des Matotschkin-Schar, kommt es in größerer Menge vor.

Es verdient hierbei erwähnt zu werden, dass das Rentier vor dreihundert Jahren, als der nördliche Teil von Nowaja Semlja zum ersten Mal von Menschen besucht wurde, dort nicht allgemeiner vorgekommen zu sein scheint als in der jetzigen Zeit.

Auf Spitzbergen haben die Rentiere erst durch die Jagd der Holländer und Engländer und später durch die der Russen und Norweger bedeutend abgenommen. In dem nordwestlichen Teil der Insel, wo die Holländer ihre Tranküchen hatten, sind sie sogar vollständig ausgerottet worden.

Am besten kennt man das Leben des wilden Rentiers von Spitzbergen. Im Sommer hält es sich zu den Grasflächen in den eisfreien Talgängen der Insel, im Spätherbst zieht es, nach der Aussage der Fangmänner, nach der Meeresküste, um das Seegras zu fressen, welches sich am Strand aufgeworfen findet, und im Winter begibt es sich nach den moosbekleideten Berghöhen im Inneren des Landes, wo es ganz gut zu gedeihen scheint, obgleich die Kälte dort im Winter fürchterlich streng sein muss. Wenn die Rentiere im Frühjahr an die Küste zurückkommen, sind sie nämlich noch ganz fett, aber einige Wochen später, wenn sich auf dem Schnee eine gefrorene Rinde gebildet hat und diese Eiskruste die Abhänge der Berge schwer zugänglich macht, dann werden sie so mager, dass man sie kaum essen kann. Im Sommer aber fressen sie sich bald wieder fett, und ihre Fettigkeit im Herbst ist so groß, dass sie auf einer Ausstellung von Mastvieh unbedingt einen Preis gewinnen würden.


oben: Elfenbeinmöwe unten: Dreizehige Möwe

Der Eisbär kommt vorzugsweise an den Küsten und Eilanden vor, welche von Treibeis umgeben sind, häufig sogar auf den Eisfeldern weit hinaus in die See. Zwischen den Treibeisstücken macht er gewöhnlich seinen besten Fang. Jetzt ist er an den im Sommer eisfreien Südwestküsten von Spitzbergen und Nowaja Semlja ziemlich selten, kommt aber in den nördlichen, beinahe beständig von Eis umgebenen Teilen dieser Insel allgemeiner vor.

Der Eisbär findet sich übrigens überall längs der Nordküste Asiens und Amerikas, dem Anschein nach in um so größerer Menge, je weiter man nach Norden kommt. Mitunter ist er auch, erst auf dem Eis, dann schwimmend, bis nach der Nordküste Norwegens gekommen.

Der Eisbär ist nicht schwer zu töten. Wenn er einen Menschen bemerkt, nähert er sich gewöhnlich, in der Hoffnung eines Fanges, mit geschmeidigen Bewegungen und in hundert Zickzackwindungen, um nicht zu zeigen, wohin eigentlich sein Ziel geht, und dadurch seine Beute zu erschrecken. Hierbei klettert er oft auf einen Eisblock und hebt sich auf die Hinterbeine, um einen weiteren Gesichtskreis zu erlangen, oder er steht auch still, mit augenscheinlicher Bedachtsamkeit nach allen Seiten witternd, um mithilfe des Geruchs, auf den er sich mehr zu verlassen scheint als auf sein Gesicht, sich über die rechte Art und Natur der umliegenden Gegenstände zu unterrichten. Wenn er glaubt, es mit einem Seehund zu tun zu haben, kriecht er oder schleppt sich auf dem Eis entlang und soll dann den einzigen von der weißen Farbe des Eises abstechenden Teil seines Körpers, die große schwarze Schnauze, mit seiner Vordertatze zu verbergen suchen. Wenn man sich nur still verhält, so kommt der Bär auf diese Weise so nahe, dass man ihn auf einige Büchsenlängen Entfernung leicht erlegen oder, was die Fangmänner für sicherer ansehen, mit der Lanze töten kann. Begegnet man unbewaffnet einem Eisbären, so sind gewöhnlich einige heftige Bewegungen und Schreie genügend, ihn in die Flucht zu jagen; flieht man aber selbst, so kann man sicher sein, ihn dicht hinter sich auf den Fersen zu haben. Wird der Bär verwundet, so flieht er stets. Oft legt er mit der Tatze Schnee auf die Wunde, und mitunter gräbt er im Todeskampf mit den Vorderfüßen ein Loch in den Schnee, um seinen Kopf darin zu verbergen.

Wenn man vor Anker liegt, schwimmt der Bär mitunter zu dem Fahrzeug hinaus; und schlägt man in entlegenen Gegenden sein Zelt auf, so findet man häufig des Morgens beim Erwachen einen Eisbären in der Nachbarschaft, welcher während der Nacht das Zelt umschnuppert hat, ohne es anzugreifen. Ich erinnere mich jetzt nur eines Falles, wo der Bär gewagt hatte, in ein bewohntes Zelt hineinzuschauen, und zwar war dies auf Kanes Reise [Elisha Kent Kane, amerikanischer Polarforscher, 1820–1857, versuchte von Grönland aus 1854 den Pol zu erreichen]. Er wurde durch das Anzünden einiger Streichhölzer verscheucht. Ich selbst habe mit meinen Kameraden eine Nacht nach der anderen in Gegenden im Zelt gelegen, wo wir sicher sein konnten, dass der Lagerplatz, während wir im tiefsten Schlaf lagen, von irgendeinem Bären genau bewacht wurde, welcher auch, als der Koch aufstand, um Kaffee zu kochen, selten versäumte, auf Schussweite heranzukommen.


Eisbären

Dagegen hat der Eisbär eine besondere Neigung, eine Inventarisierung der Proviantniederlagen verlassener Fahrzeuge und Boote vorzunehmen, welche man am Strand aufgelegt hat. Die meisten arktischen Reisenden wissen mancherlei merkwürdige Abenteuer zu erzählen, denen sowohl Menschen wie Bären bei solchen Gelegenheiten ausgesetzt waren. Auf der Reise von 1864 kam z. B. einmal ein großer Bär und untersuchte genau den Inhalt eines mit dem Zelt überdeckten Bootes; welches wir einige Stunden vorher im Inneren des Großfjords [Spitzbergen] ohne Wache zurückgelassen hatten. Er fraß einen sorgfältig angerichteten Rentierbraten auf, zerriss unsere Reservekleider und streute die Schiffszwiebäcke und andere Sachen umher; und nachdem wir am Abend nach unserer Rückkehr unsere Sachen wieder zusammengelesen, das Zelt ausgebessert und uns schlafen gelegt hatten, kam derselbe Bär wieder und eignete sich während unseres Schlafens alles Rentierfleisch an, das wir anstatt des verlorenen Bratens für die Fahrt am folgenden Tag zubereitet hatten. Während einer der englischen Expeditionen zur Aufsuchung Franklins wurde einmal ein Bär erlegt, in dessen Magen man unter anderen guten Sachen den Vorrat eines ausgeplünderten Heftpflasterdepots fand. Der Bär kann auch große Steine fortwälzen, aber eines Lagers von gefrorenem Sand kann er nicht Herr werden.

Der Eisbär schwimmt ausgezeichnet, aber nicht so schnell, dass er durch Schwimmen entgehen könnte, wenn er, wie es oft geschieht, bei seinen Fluchtversuchen seine Rettung im Meer sucht und man ihn in einem Boot verfolgt, wenn also ein Boot und tüchtige Ruderer zur Hand sind. Dabei ist er, wie die Fangmänner behaupten, ebenso leicht zu töten wie ein Schaf; man muss sich jedoch beeilen, sich seiner mit der Harpune oder in anderer Weise zu bemächtigen, da er, wenn er nicht sehr fett ist, schnell sinkt.

Ob der Bär den Winter in einem Lager verbringt, ist noch nicht völlig entschieden, jedoch verschiedene Gründe sprechen dafür. Er verschwindet z. B. während der dunklen Zeit fast vollständig von den Überwinterungsplätzen, und man hat mitunter Höhlen unter dem Schnee gefunden, wo Bären verborgen gewesen waren. So geschah es einmal, dass Tobiesen [Sivert Tobiesen, 1821–1873, berühmter norwegischer Robbenfänger und Eismeerfahrer, erfroren 1873 bei der Überwinterung auf Spitzbergen] mit einem Fuß in eine derartige Höhle geriet, und zwar zu nicht geringem Schrecken für den vielerfahrenen Fangmann wie für den Bären.

Ich kenne nur eine einzige Gelegenheit, bei welcher ein norwegischer Fangmann von einem Bären ernstlich beschädigt wurde. Es scheint jedoch, als ob dieses Tier in solchen Gegenden kühner und gefährlicher wäre, in denen es noch nicht mit den gefährlichen Jagdgerätschaften der Menschen Bekanntschaft gemacht hat. Während der ersten englischen und holländischen Reisen traf man z. B. in Gegenden, wo der Eisbär jetzt fast ganz und gar fehlt, beinahe an jedem Landungsplatz Bären an, mit denen man gezwungen war, richtige Kämpfe aufzunehmen, Kämpfe, welche manchmal mehrere Menschenleben kosteten.


Walrosse

Das wichtigste Fangtier ist während der letzten fünfzig Jahre das Walross gewesen, aber auch dessen Ausrottung beginnt, sodass es bereits jetzt nur noch selten im Sommer an der Westküste von Nowaja Semlja südlich von Matotschkin-Schar angetroffen wird. So haben wir z. B. während unserer Besuche auf dieser Insel in den Jahren 1875, 1876 und 1878 nicht ein einziges dieser Tiere dort gesehen. Aber an der Karischen Pforte, an der Ostküste von Nowaja Semlja und an gewissen Stellen im Karischen Meer kann man noch einen reichlichen Fang machen. In früherer Jahreszeit soll das Walross auch zwischen dem Treibeis an der Westküste und nach Süden hin gegen die Mündung der Petschora vorkommen, obgleich die Anzahl der Tiere, welche von den Samojeden bei Chabarowa gefangen werden, äußerst gering zu sein scheint. Dagegen aber sahen die Holländer bei ihren ersten Reisen in diese Gegenden eine bedeutende Menge dieser geselligen Tiere; aber auch damals kamen die Walrosse hier nicht in so großer Menge vor wie zu derselben Zeit auf Spitzbergen und der Bären-Insel, welche offenbar ihre Hauptheimat bildeten.

Fanggerätschaften


Harpune für den Fang des Weißwals


Lanze


Harpune für den Walrossfang

Geselligkeit und Neugierde scheinen Hauptcharakterzüge der Walrosse zu sein. Diese ihre Eigenschaften habe ich Gelegenheit gehabt zu beobachten, als ich einst an einem stillen, herrlichen nordischen Sommertag über das spiegelblanke, mit Treibeis bestreute Meer mitten zwischen einer bedeutenden Herde dieser Tiere hindurchfuhr. Ein Teil derselben folgte dem Boot ein langes Stück in aller Friedlichkeit, dann und wann einen grunzenden Laut von sich gebend; andere schwammen ganz nahe an das Boot heran und erhoben sich hoch aus dem Wasser, um die Fremdlinge in Augenschein zu nehmen, und wieder andere lagen so dicht gepackt auf dem Treibeis, dass dieses bis an den Rand im Wasser versenkt lag, während die im Meer umherschwimmenden Kameraden sich mit Gewalt einen Platz gerade auf dem vorher schon überfüllten Ruheplatz zu erzwingen suchten, obgleich eine Menge unbenutzter Eisstücke in der Nachbarschaft umhertrieb.

IM »EISKELLER« SIBIRIENS

Bei der Überfahrt nach der Waigatsch-Insel begegnete ich der Lena, welche jetzt erst nach dem vereinbarten Sammelplatz fuhr. Ich gab ihrem Kapitän Befehl, unverzüglich bei Chabarowa vor Anker zu gehen, Kohlen von der Express einzunehmen und sich fertig zu machen, sofort nach meiner Rückkehr von dem Ausflug gleichzeitig mit den übrigen Fahrzeugen die Anker zu lichten und weiter zu segeln.

Am 31. Juli abends kehrte ich an Bord der Vega zurück, sehr froh und zufrieden mit dem, was ich auf meinem Ausflug nach der Waigatsch-Insel gesehen und eingesammelt hatte. Die Lena war jedoch noch nicht ganz in Ordnung, weshalb die Abreise bis zum Morgen des 1. August verschoben wurde. Hierauf lichteten alle Fahrzeuge die Anker und segelten oder dampften durch die Waigatsch-Straße oder Jugor-Schar in das Karische Meer ein.

In den ältesten Berichten ist viel von hohen, mit Eis und Schnee bedeckten Bergen die Rede, welche in der Nähe der Straße zwischen der Waigatsch-Insel und dem Festland vorkommen sollen, sowie auch, dass dort die höchsten Berge der Erdoberfläche sein sollten, deren Spitzen sich bis zu einer Höhe von hundert deutschen Meilen erheben sollten. Die Ehre, die höchsten Berge der Erde zu besitzen, ist später von den Einwohnern im nördlichen Russland der Umgebung von Matotschkin-Schar zugeteilt worden, »wo die Berge sogar höher sind als der Bolschoj-Kamen«, ein einige Hundert Fuß hoher Hügel an der Mündung der Petschora – eine orographische Auffassung, welche einen neuen Beweis zu dem alten Satz liefert, dass »in dem Reiche der Blinden der Einäugige König ist«.

Die meisten Fahrzeuge, welche durch Jugor-Schar in das Karische Meer segeln wollen, müssen dort einige Tage vor Anker liegen, um günstige Winde und Eisverhältnisse abzuwarten. Gute Häfen gibt es jedoch nicht in der Nachbarschaft des Sunds, brauchbare Ankerplätze kommen aber vor, teils in der Bucht bei Chabarowa am westlichen Eingang des Sunds und teils, nach den alten holländischen Karten, auf der östlichen Seite zwischen der Mestni-Insel und dem Festland. Von dem letztgenannten Ankerplatz habe ich jedoch keine eigene Erfahrung, und ebenso wenig habe ich gehört, dass norwegische Fangmänner dort geankert haben.

Als wir 1878 durch Jugor-Schar segelten, war der Sund völlig eisfrei. Das Wetter war herrlich, aber der Wind so schwach, dass die Segel nur wenig Dienste leisteten. Infolgedessen ging die Fahrt nur langsam vorwärts, besonders, da ich die vier Fahrzeuge zusammenhalten wollte und das Segelschiff Express, dass es nicht zurückbleibe, von dem Dampfer Fraser bugsiert werden musste. Außerdem ging viel Zeit mit Dreggen und dem Heraufholen von Wasserproben verloren.

Am Nachmittag des 1. August hatten wir den Sund passiert und dampften in das östliche davor gelegene Meer, welches das Ziel so vieler Spekulationen, Vermutungen und Schlusssätze umsichtsvoller Regierungen, gewinnlustiger Kaufleute und gelehrter Kosmographen schon seit dem 16. und 17. Jahrhundert gebildet hat und welches auch für die Geographen und Gelehrten unserer Zeit bis in die unmittelbarste Gegenwart ein Mare incognitum gewesen ist. Gerade dieses Meer ist es, welches den Wendepunkt aller früheren Nordostfahrten gebildet hat.

Wenn man die kleine neuentdeckte Insel »Einsamkeit« nicht mit in Betracht zieht, so ist das Karische Meer nach Nordosten hin offen. Es wird im Westen von Nowaja Semlja und der Waigatsch-Insel, im Osten von der Halbinsel Taimur und im Süden von dem nördlichsten Teil des europäischen Russland, Beli-Ostrow und den bedeutenden Mündungsbuchten des Ob und des Jenissej begrenzt.

Wo die Berge anfangen, zeigen sich zwischen denselben einige wenige oder nur äußerst unbedeutende Eisansammlungen, und selbst die Bergspitzen sind im Sommer frei von Schnee. Erst weiter nach Norden hin fangen die Gletscher an, welche noch weiter nördlich an Zahl und Größe zunehmen, bis sie schließlich ein zusammenhängendes Inlandeis bilden, welches, gleich dem Inlandeis auf Grönland und Spitzbergen, mit seiner gewaltigen Eishülle Berg und Tal ausgleicht und das Innere des Landes zu einer Eiswüste verwandelt und einen der Bildungsherde für die Eisberge und Gletscherblöcke bildet, welche in den Schilderungen von Seefahrern in den Polarmeeren eine so große Rolle spielen. Ich selbst habe das Inlandeis auf dem nördlichen Teil von Nowaja Semlja nicht besucht, aber ganz sicher kann die Erfahrung, welche ich auf Grönland gewonnen habe, auch auf die Eiswüsten Nowaja Semljas angewandt werden.

Ebenso wie auf Spitzbergen ist auch hier ganz sicher das Eisfeld durch tiefe, bodenlose Klüfte unterbrochen, über welche die Schneestürme des Winters zerbrechliche Schneebrücken schlagen, welche die Öffnungen der Abgründe so vollständig bedecken, dass man unmittelbar am Rande stehen kann, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass ein Schritt weiter unvermeidlicher Tod für denjenigen ist, welcher, ohne die gewöhnliche Vorsichtsmaßregel zu beobachten, durch ein Tau mit seinen Begleitern verbunden zu sein, seinen Weg über diese hart gepackte, aber durch keine gefrorene Schneerinde verbundene, blendend weiße, beinahe samtartige Fläche des Schneefeldes sucht. Wenn man, nach Beobachtung der nötigen Maßregeln zum Schutz gegen die Gefahr des Herabstürzens in diese Klüfte, sich weiter über das Eisfeld hin begibt, in der Hoffnung, dass die scheinbar ebene Fläche des Schnees gute Tagesmärsche gestatten werde, findet man sich leicht in seiner Hoffnung getäuscht. Man kommt nämlich an Stellen, wo das Eis überall von schmalen, durch gefährliche Klüfte begrenzten Talgängen mit bis zu fünfzehn Meter hohen steilen Wänden durchschnitten wird, über welche man erst nach endlosen Zickzackwanderungen an Stellen kommen kann, welche mit Schnee gefüllt und dadurch passierbar geworden sind.

Im Sommer wiederum, nach dem Schmelzen des Schnees, erhält die Eiswüste ein ganz anderes Aussehen. Der Schnee ist verschwunden, und der Boden wird jetzt von einem grauen, tonartigen Staub beschmutzt, den Wind und Regen, wahrscheinlich von entfernten Berghöhen, auf die Gletscherfläche geführt haben. Zwischen dieser Tonerde und auch unmittelbar auf dem Eis selbst findet sich eine dünne Decke geringer Pflanzenorganismen. Die Eiswüsten der Polarländer bilden also auch die Heimat einer eigentümlichen Art von Flora, welche, so unansehnlich sie auch zu sein scheint, doch eine wichtige Bedingung für den Ausgang des Kampfes bildet, welcher hier Jahr auf Jahr und Jahrhundert auf Jahrhundert zwischen Sonne und Eis vor sich geht.

Das Inlandeis auf Nowaja Semlja hat indessen eine zu unbedeutende Ausdehnung, als dass sich größere Eisberge bilden könnten. Deshalb kommen auch derartige Eisberge im Karischen Meer nicht vor, und selten trifft man auch nur größere, herumtreibende Gletschereisblöcke.

Der Name »Eiskeller«, welchen das Karische Meer von einem berühmten russischen Forscher erhielt, war deshalb nicht durch die Menge der Eisberge, sondern dadurch veranlasst, dass die Eisdecke, welche im Winter infolge der strengen Kälte und des geringen Salzgehalts des oberen Wassers sehr mächtig wird, obgleich früh gebrochen, nicht von den Meeresströmungen fortgeführt und über ein auch im Winter offenes Meer verteilt werden kann. Der größte Teil des Eises, welches sich im Winter im Karischen Meer bildet, und vielleicht auch ein Teil von dem, welches von dem Polarbassin dort hinuntertreibt, wird im Gegenteil gegen die Ostküste Nowaja Semljas angehäuft, wo es während des Sommers die drei Sunde versperrt, welche das Karische Meer mit dem Atlantischen Ozean verbinden. Es sind diese Eisverhältnisse, welche das Missglücken aller älteren Nordostfahrten verursacht und dem Karischen Meer seinen schlechten Ruf und den Namen »Eiskeller« eingetragen haben. Jetzt wissen wir, dass es sich nicht so gefährlich damit verhält, wie man früher glaubte, dass das Eis des Karischen Meeres größtenteils schmilzt und dass man deshalb dieses Meer während des Sommers sehr wohl für die Schifffahrt benutzen kann.

Im Allgemeinen war unsere Kenntnis des Karischen Meeres noch vor einigen Jahrzehnten nicht nur unvollständig, sondern auch unrichtig. Man glaubte, dass sein Tierleben äußerst arm wäre und dass alle Meerespflanzen fehlten; man hatte keine Senkbleiuntersuchungen, außer unmittelbar an der Küste, veranstaltet; die Richtigkeit der Karten wurde mit Recht stark in Zweifel gezogen. Jetzt ist dies alles sehr wesentlich verändert. Die Küstenlinien, welche das Meer begrenzen, sind auf den Karten festgestellt; man kennt die Eisverhältnisse, die Strömung, die Tiefe der verschiedenen Teile des Meeres, und man weiß, dass die alte Vorstellung über seine Armut an Tieren und Pflanzen völlig unrichtig ist.

Zunächst will ich zu dem Bericht über unsere Fahrt durch das Karische Meer zurückkehren. Hierüber enthält mein Tagebuch Folgendes:

2. August. Fortdauernd herrliches Wetter und kein Eis. Die Lena scheint sich von den übrigen Fahrzeugen entfernen zu wollen und bemerkt nicht die Flagge, die als übereingekommenes Zeichen gehisst ist, dass ihr Kapitän an Bord der Vega kommen oder sich wenigstens mit seinem kleinen Fahrzeug bis auf Hörweite nähern soll. Die Fraser wird deshalb entsandt, um die Lena einzuholen, was auch gegen Abend gelingt.

3. August. Am Morgen kam Kapitän Johannesen an Bord der Vega. Ich gab ihm Befehl, Dr. Almqvist sowie die Leutnants Hovgaard und Nordqvist an Bord zu nehmen und mit denselben nach Beli-Ostrow abzugehen, wo sie während sechsunddreißig Stunden Freiheit hatten, zu jagen und Volk, Tiere und Pflanzen nach ihrem Belieben zu studieren; darauf sollte die Lena, wenn möglich, durch die Straße zwischen der Insel und Jalmal nach Dicksonshafen weiterfahren, wo auch die übrigen Fahrzeuge zusammentreffen sollten.

Im Laufe des Tages hatten wir viel verteiltes und zerfressenes Eis angetroffen, welches uns durch seinen dämpfenden Einfluss auf den Seegang nur hätte von Nutzen sein können, wenn es nicht den gewöhnlichen Begleiter des Grenzeises, einen dichten Nebel, im Gefolge gehabt hätte, welcher sich jedoch mitunter etwas aufklärte.

Gegen Abend bekamen wir Beli-Ostrow in Sicht. Diese Insel bildet, vom Meer aus gesehen, eine ganz gleichmäßige Ebene, welche sich nur wenig über das Wasser erhebt.

4. August. Ein leises Schaukeln gab am Morgen zu erkennen, dass das Meer, wenigstens für eine bedeutende Strecke luvwärts, wieder eisfrei war. Schon gestern nahm der Salzgehalt im Wasser ab und der Tongehalt zu, und jetzt ist das Wasser nach Filtrierung beinahe trinkbar. Es hat eine gelbgraue Tonfarbe angenommen und ist fast undurchsichtig, sodass das Schiff in Tonschlamm zu segeln scheint. Wir sind offenbar im Stromgebiet des Ob und des Jenissej.

5. August. Noch immer unter Segel im Karischen Meer, in welchem das eine oder andere Stück Eis umhertrieb. Das Eis hörte vollständig auf, als wir nordwestlich von Beli-Ostrow waren. Mehrere Male während des Tages hatten wir nur neun Meter Tiefe, was jedoch infolge der ebenen Beschaffenheit des Meeresbodens nicht gefährlich ist. Nebel, starker Seegang und eine knappe, aber ziemlich harte Brise verzögerten unser Fortkommen.

Am 6. August um 3 Uhr morgens bekamen wir Land in Sicht. Im Nebel waren wir ein Stück in den Auslaufbusen des Jenissej hineingefahren, sodass wir umwenden mussten, um nach unserem Bestimmungsort Dicksonshafen zu kommen. Die Mastspitzen der Express waren über die Eilande nach Norden hin sichtbar, und bald lagen beide Fahrzeuge südlich von einem Eiland vor Anker, von dem wir annahmen, dass es die Dickson-Insel sei; als aber kurz darauf auch die Fraser an unsere Seite kam, erfuhren wir, dass dies ein Missverständnis war. Der Strand, welcher, von unserem ersten Ankerplatz aus gesehen, zum Festland zu gehören schien, gehörte in Wirklichkeit zu dieser ziemlich ausgedehnten Insel, innerhalb derer der Hafen selbst gelegen war.

Der Hafen, welcher jetzt von Leutnant Bove auf der Karte verzeichnet ist, wurde 1875 von mir entdeckt und Dicksonshafen genannt [zu Ehren seines Mäzens Oskar Dickson]. Es ist der beste bekannte Hafen an der ganzen Nordküste Asiens und wird in Zukunft sicher eine große Bedeutung für die Ein- und Ausfuhr Sibiriens erlangen.

Bei unserer Ankunft sahen wir sechs wilde Rentiere auf der Dickson-Insel weiden, von denen eins von Palander erlegt, die anderen aber vergebens gejagt wurden. Außerdem sahen wir einige Bären, und überall zwischen den Steinhaufen fand man Überbleibsel von Lemmingen und Füchsen. Im Übrigen war das höhere Tierleben ziemlich armselig.

Ich bin überzeugt, dass noch der Tag kommen wird, wo es große Magazine und viele das ganze Jahr hindurch bevölkerte Wohnstätten am Dicksonshafen geben wird. [Der Hafen ist heute ein bedeutender Umschlagplatz für das Hinterland des Jenissej-Gebietes.] Jetzt aber ist die Gegend bis nach Goltschicha völlig unbewohnt, obgleich früher zahlreiche, das Fluss- und Meeresufer entlang über die Jenissej-Mündung hinaus bis an die Pjäsina aufgeführte Wohnhäuser vorhanden waren. Diese sind seit langer Zeit verlassen, an erster Stelle wohl infolge des Abnehmens der Jagd, wahrscheinlich aber auch deshalb, weil die einfachen und anspruchslosen Sitten der alten Zeit auch hier an der fernen Nordküste Sibiriens neuen Bedürfnissen gewichen sind, welche schwer in einer Zeit zu befriedigen waren, in der noch keine Dampfboote den Verkehr auf dem Flussgebiet des Jenissej vermittelten.

Die Simovien an der Mündung des Jenissej bildeten seinerzeit die am weitesten nach Norden vorgeschobenen festen Wohnstätten der europäischen Völkerstämme. Gelegen, wie sie es waren, am Fuße der kahlen Tundra, beständigen Schneestürmen im Winter und schweren Nebeln während des größeren Teils des hier so kurzen Sommers ausgesetzt, scheint es, als ob dieselben ihren Bewohnern nicht viele Gelegenheiten zu Genüssen hätten bieten können, und der Anlass, warum man gerade diese Gegend zum Aufenthalt gewählt hatte, besonders in einem an ausgezeichnetem Boden so reichen Land wie Sibirien, scheint sich schwer erklären zu lassen.



Für die Einwohner dieser Gegenden soll kein besonders guter Vorrat an russischen Frauen vorhanden sein, wenigstens beklagte sich der Kosak Theodor, welcher in den Jahren 1875 und 1876 einige verunglückte Versuche machte, mir als Lotse zu dienen, und welcher selbst ein schon ältlicher, runzelig gewordener Junggeselle war, dass das schöne oder schwächere Geschlecht unter den Russen sehr wenig vertreten wäre. Er lenkte das Gespräch sehr oft auf die Vorteile gemischter Ehen, indem er – ich weiß nicht, ob von Erinnerungen oder Hoffnung inspiriert – meinte, dass ein Dolganenweib die wünschenswerteste Partie für einen heiratslustigen Mann in jener Gegend wäre.

Etwas weiter nach Süden, aber noch weit nördlich von der Waldgrenze, gibt es jedoch ganz wohlhabende Bauern, welche große, aus vielen Häusern bestehende Simovien bewohnen, in denen ein gewisser Luxus herrscht, wo man auf Teppichen von Pelzwerk geht, wo die Fenster ganz sind, die Heiligenbilder mit Gold- und Silberplatten bedeckt, die Wände mit Spiegeln versehen und mit zierlich gemalten Kupferstichporträts russischer Kaiser und Generale bekleidet sind. Diesen Wohlstand erwarben sie sich durch ihren Handel mit den Eingeborenen, welche mit ihren Rentierherden auf der Tundra nomadisieren.

Treibholz, teils kleinere Zweige und Wurzelstücke, teils ganze Bäume mit noch daran sitzenden Teilen von Zweigen und Wurzeln, kam im innersten Teil einiger geschützter Buchten des Dicksonshafens in solcher Menge vor, dass sich der Seefahrer dort ohne Schwierigkeit mit dem erforderlichen Brennmaterial versehen kann. Die Hauptmasse des Treibholzes, welches der Fluss herabführt, bleibt jedoch nicht an dessen eigenen Ufern liegen, sondern schwimmt in die See hinaus und treibt dort mit den Meeresströmungen umher, bis das Holz so viel Wasser eingesaugt hat, dass es sinkt, oder bis es an die Ufer von Nowaja Semlja, der Nordküste Asiens, Spitzbergens oder vielleicht Grönlands geworfen wird. Ein Teil des Treibholzes sinkt, ehe es das Meer erreicht, oft so, dass die Stämme aufrecht auf dem Boden des Flusses mit dem einen Ende gleichsam wie mit Wurzeln im Sand festgehalten stehen. Sie können in dieser Weise für die Schifffahrt, wenigstens an den flacheren Stellen des Stromes, sehr unbequem werden. Eine Bucht gleich außerhalb Dicksonshafen war sogar beinahe abgeschlossen durch ein natürliches Palisadenwerk von Treibholzstämmen.

7. August. Die Vega nahm Kohlen von der Express ein. Am Abend kam die Lena, sechsunddreißig Stunden, nachdem die Vega in diesem Hafen Anker geworfen hatte, d. h. genau zu der bestimmten Zeit.

Als die Fraser und die Express am Morgen des 9. August nach der höher den Fluss hinauf gelegenen Stelle abfuhren, wo ihre Ladung aufgestapelt war, waren auch die Vega und die Lena, segelfertig. Ich ließ jedoch die Fahrzeuge noch einen Tag länger in Dicksonshafen verweilen, teils, um Leutnant Bove Gelegenheit zu geben, seine kartographische Aufnahme desselben abzuschließen, teils, um womöglich eine Ortsbestimmung dieser wichtigen Stelle zu erhalten. Infolge des beständig mit Wolken bedeckten Himmels bekam ich jedoch diesmal ebenso wenig wie während der Reise von 1875 Gelegenheit dazu, was als Beleg dafür dienen kann, welcher Art das Wetter zur Sommerzeit an diesem Platz ist, wo sich das warme Wasser des Jenissej in das Meer ergießt. Die Vega und die Lena lichteten also am Morgen des 10. August die Anker, um ihre Fahrt fortzusetzen. Der Kurs wurde nach der westlichsten der Inseln gestellt, welche alte Karten außerhalb des Mündungsgebietes der Pjäsina verlegen und Kammenni-Ostrow [Stein-Insel] benennen, ein Name, welcher anzudeuten scheint, dass die ihrer Naturbeschaffenheit nach mit den steinigen Inseln um Dicksonshafen herum übereinstimmen. Der Himmel war bedeckt, die Lufttemperatur bis + 10,4°C und das Wasser anfangs bis + 10°, später bis + 8° erwärmt sowie der Salzgehalt der Meeresoberfläche unbedeutend. Während des Tages war kein Eis sichtbar. Von einem frischen Südostwind begünstigt, konnte die Vega ihre Fahrt mit voll gespannten Segeln antreten. Kleinere Felseninseln, die auf der Seekarte nicht verzeichnet sind, erinnerten uns jedoch bald an die Unzuverlässigkeit der Karten. Dies sowie eine dicke Luft zwangen Kapitän Palander, mit großer Vorsicht sowie unter scharfer Ausschau und beständigen Untersuchungen mit dem Senkblei vorwärtszusegeln. Warmes Wetter und ein eisfreies Meer begünstigten auch am folgenden Tag unsere Fahrt; dann wurde aber der Nebel so dicht, dass die Vega schon am Morgen bei einer der vielen kleinen Inseln, welche wir auf unserem Weg antrafen, beilegen musste.

Am Nachmittag hatte sich das Wetter wieder so weit aufgeklärt, dass wir weitersegeln konnten. Hin und wieder zeigten sich Eisstücke, und während der Nacht nahm das Eis in beunruhigender Weise zu; doch kam es auch jetzt noch nicht in so großer Masse vor, dass es bei klarem Wetter oder in bekannten Fahrwassern der Seefahrt hätte hinderlich werden können.

Am 12. August segelten wir fortwährend zwischen umfangreichen Feldern zerstreuten Treibeises, das teils aus grobem, altem Eis, teils aus stark zerfressenem Jahreseis bestand. Es bildete jedoch kein ernstliches Hindernis gegen das Vorwärtskommen, und wahrscheinlich würden wir in größerer Nähe des Strands sogar völlig eisfreies Wasser gehabt haben; natürlich war es aber, außer im wirklichen Notfall, nicht ratsam, in dem Nebel und dem unbekannten Fahrwasser uns allzu sehr dem Land zu nähern. Am Fuß eines großen Grundeisblocks, an dem wir für einige Stunden beigelegt hatten, waren viele Fische sichtbar; und während des folgenden Tages sahen wir an einer der Inseln, wo das Wasser sehr klar war, den Meeresboden mit unzähligen toten Fischen derselben Art bedeckt. Vermutlich waren sie aus gleicher Ursache umgekommen, wie so oft Fische im Ob in solch großer Menge getötet werden, dass die Luft dadurch verpestet wird, wenn nämlich ein größerer Zug Fische vom Eis in einem engen Loch eingeschlossen worden ist, wo das Wasser nach dem Zufrieren seiner Oberfläche nicht mehr durch Absorption aus der Luft den verbrauchten Sauerstoff hat ersetzen können und wo die Fische selbst in dieser Weise erstickt oder buchstäblich ertrunken sind.

Am 13. August segelten wir wieder an einer Menge kleiner Klippen und Inseln vorbei. Das Meer war anfangs ziemlich eisfrei, bedeckte sich aber später mit gleichmäßigen dünnen Eisstücken, welche nicht aufeinander »geschraubt« und also während des Winters keinem Eisdruck ausgesetzt gewesen waren. Dieses Eis hatte keine besonderen Übelstände für die Seefahrt zur Folge, gleichzeitig aber wurde alles von einem äußerst dichten Nebel eingehüllt, welcher uns bald nötigte, in einer kleinen Bucht an der Küste Anker zu werfen. Ich versuchte vergebens, irgendeine Ortsbestimmung der Stelle zu erhalten. Am Ufer lag beinahe überall noch ein ziemlich hoher Schnee- und Eisrand, welcher im Nebel das Aussehen mächtiger Gletscher hatte; im Übrigen war das Land frei von Schnee.

Während der ganzen Zeit unseres Aufenthalts hier herrschte ein äußerst anhaltender Nebel, welcher jedoch am 18. September sich endlich etwas aufklärte. Wir lichteten sogleich die Anker und dampften den westlichen Strand der Taimur-Insel entlang weiter; dieselbe ist von einer Menge Inseln umgeben, welche auf den Karten nicht bezeichnet sind [sie tragen heute den Namen Nordenskiöld-Archipel], und möglicherweise ist die Taimur-Insel selbst durch Sunde in mehrere Teile geteilt. Auf unserer weiteren Fahrt hinderte uns jedoch der noch immer dichte Nebel, die Inseln, zwischen denen hindurch die Vega ihren Weg suchte, anders als nur ganz oberflächlich aufzunehmen. Soviel konnten wir aber doch sehen, dass die Nordspitze der Taimur-Insel nicht so weit nach Norden hinaufreicht, wie die Karten gewöhnlich angeben.

Eis trafen wir nur in geringer Menge, und was wir davon sahen, war äußerst zerfressenes Buchten- oder Flusseis. Ich glaube kaum, dass wir während des ganzen Tages eine einzige Scholle erblickten, die groß genug war, um darauf einen Seehund auszuweiden. Wirkliches altes Treibeis, wie man es an der Nordküste Spitzbergens antrifft, hatten wir noch nicht gesehen. In Bezug auf die Beschaffenheit des Eises findet zwischen dem Karischen Meer und dem Meer nördlich und östlich von Spitzbergen eine vollständige Ungleichheit statt. Eine andere auffallende Verschiedenheit liegt in dem Mangel an warmblütigen Tieren, welcher in dieser bisher von aller Jagd verschont gebliebenen Gegend vorherrscht. Im Laufe des Tages hatten wir nicht einen einzigen Vogel gesehen, ein Umstand, der mir vorher nie während einer Sommerfahrt in den arktischen Gegenden begegnet ist, und ebenso war kaum ein Seehund zu erblicken gewesen.

Am 19. August fuhren wir fort, längs der Küste teils zu segeln, teils zu dampfen, meist in einem äußerst dichten Nebel, welcher sich nur zeitweise soweit zerteilte, dass die Küstenlage unterschieden werden konnte. Um nicht getrennt zu werden, mussten beide Fahrzeuge oft mit der Dampfpfeife Signale geben. Das Meer war glatt wie ein Spiegel. Nur wenig und stark zerfressenes Eis zeigte sich ab und zu; im Laufe des Tages aber dampften wir an einem ausgedehnten, ungebrochenen, landfesten Eisfeld vorbei, welches eine Bucht an der westlichen Seite der Tscheljuskin-Halbinsel einnahm. Das Eis, aus dem dasselbe bestand, erschien im Nebel ungeheuer stark und hoch, obgleich es in Wirklichkeit beinahe ebenso zerfressen war wie das, welches die Eisstreifen bildete, die uns hier und da auf dem Meer begegneten.

Der Nebel hinderte alle weite Aussicht über das Meer, und ich fürchtete bereits, dass die nördlichste Spitze Asiens so eisumschlossen sein würde, dass wir nicht an derselben würden landen können. Bald aber schimmerte eine dunkle, eisfreie Landspitze im Nordosten aus dem Nebel hervor. Ein nach Norden offener Busen schnitt hier in das Land hinein, und in diesem warfen beide Fahrzeuge am 19. August um 6 Uhr nachmittags Anker.

Wir hatten jetzt ein jahrhundertelang vergebens erstrebtes Ziel erreicht: Zum ersten Mal lag ein Fahrzeug an der nördlichsten Landspitze der Alten Welt vor Anker. Es ist deshalb nicht zu verwundern, dass dieses Ereignis durch Aufhissen der Flaggen und durch Kanonensalute sowie später, nachdem wir von unserem Ausflug ans Land zurückgekehrt waren, durch eine Festlichkeit an Bord mit Wein und Toasten gefeiert wurde.


Die Vega und die Lena, das Kap Tscheljuskin salutierend

Ebenso wie bei unserer Ankunft am Jenissej wurden wir auch hier von einem großen Eisbären empfangen, den wir schon vor dem Ankern der Fahrzeuge am Strand auf- und abgehen und dann und wann unruhig ausschauen und nach dem Meer zu schnüffeln sahen, um zu erforschen, welch merkwürdige Gäste jetzt zum ersten Mal in sein Reich eingedrungen waren. Ein Boot wurde ausgesetzt, um ihn zu erlegen; Brusewitz war der auserkorene Schütze, der Bär aber hütete sich, diesmal mit unseren Gewehren nähere Bekanntschaft zu machen. Die Kanonensalute veranlassten ihn so vollständig zur Flucht, dass er nicht einmal, wie die Bären sonst zu tun pflegen, am folgenden Tag wiederkam.

Die Nordspitze Asiens bildet eine niedrige, durch einen Busen in zwei Teile getrennte Landzunge, deren östlicher Arm sich ein wenig weiter nach Norden erstreckt als der westliche Arm. Ein Bergrücken mit allmählich abfallenden Seiten zeigt sich von der östlichen Spitze in südlicher Richtung in das Land hinein und scheint bereits innerhalb des Gesichtskreises eine Höhe von dreihundert Metern zu erreichen. Gleich dem darunterliegenden Flachland war seine Krone beinahe schneefrei; nur an den Seiten des Berges oder in tiefen, von Schneebächen ausgegrabenen Furchen und kleinen Tälern auf der Ebene waren große weiße Schneefelder sichtbar. Ein niedriger Eisrand stand noch an den meisten Stellen längs des Strands. Aber kein Gletscher wälzte seine blauweißen Eismassen an den Seiten der Berge herab, und keine Eisseen, keine hervorspringenden Felsblöcke, keine hohen Bergspitzen verschönerten das Bild der Landschaft, welche die einförmigste und ödeste war, die ich im hohen Norden gesehen habe.

Überall war der Boden, ebenso wie auf dem Eiland, an welchem wir am 11. August vor Anker lagen, in mehr oder weniger regelmäßige Sechsecke zersprungen, deren inneres Feld gewöhnlich von Wachstum entblößt war, während aus den Sprüngen verkrüppelte Blumengewächse, Flechten und Moose hervorsprossen. An einigen Stellen war der Boden jedoch mit einer aus Moosen, Flechten, Gras und Halbgras gebildeten Pflanzenmatte bedeckt; doch waren die Blumengewächse hier weniger zahlreich, die Moose verkrüppelter und weniger fruchttragend. Auch die Flechtenflora war, nach Dr. Almquists Untersuchung, einförmig, obgleich häufig ganz üppig entwickelt. Am reichsten an Gewächsen war der äußerste Vorsprung der Landspitze. Es hatte beinahe das Aussehen, als ob viele der Gewächse des Taimurlandes versucht hätten, von hier aus weiter nach Norden zu wandern, dabei aber, als sie das Meer angetroffen, dort geblieben wären, außerstande weiterzukommen und nicht geneigt, wieder umzukehren.

Alle Flüsse waren jetzt ausgetrocknet, aber ausgedehnte flache Flussbetten gaben zu erkennen, dass zur Zeit der Schneeschmelze ein reicher Wasserfluss hier stattfand. Das Gemurmel der Schneebäche und das Vogelgeschrei durchbrechen dann gewiss die Einsamkeit und das Schweigen, welches jetzt über den kahlen, beinahe allen Wachstums entblößten Lehmbetten des Flachlands ausgebreitet liegt. Wahrscheinlich kann man jedoch etwas weiter im Land, in irgendeinem gegen die Winde des Nordmeers geschützten Talgang ganz andere Naturverhältnisse, ein reicheres Tier- und Pflanzenleben finden, welches Letztere während der Sommerzeit ebenso blumenreich sein mag wie das, welches uns in den Talgängen des Eisfjords und der »Namenlosen Bucht« [der Besimannaja-Bai] entgegentritt [Spitzbergen]. Menschenspuren sahen wir hier nicht. Die Erzählungen, welche bereits um das Jahr 1600 herum über die Beschaffenheit der Nordspitze Asiens im Umlauf waren, machen es jedoch wahrscheinlich, dass die sibirischen Nomaden ihre Rentierherden auch manchmal bis hier hinaus getrieben haben. Es ist sogar nicht unmöglich, dass russische Fangmänner von Chatanga auf der Nordspitze des Taimurlandes gejagt haben; und dass Tscheljuskin [russischer Forscher, der 1742 als Erster diesen Punkt auf dem Landweg erreichte] wirklich hier gewesen ist, davon zeugt die auf russischen Karten ganz richtige Darstellung des Vorgebirges, welches jetzt mit Recht seinen Namen trägt.

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