Kitabı oku: «Fridolins heimliche Ehe»
Erstes Buch
I
Bester aller Leser, ich führe dich in ein Haus in Berlin, in der jetzigen Königgrätzer Straße, die zu jener Zeit noch Hirschelstraße hieß; über den Hof, in den dritten Stock; in ein Zimmer, das dir ohne meine Hilfe selber sagt, wes Geistes Kind darin wohnt. Wenn vier Wände voll Kupferstiche und Photographien nach den berühmtesten Gemälden der Welt, wenn einige Dutzend Gipsabgüsse nach der Antike, wenn Reliefs, Statuetten, Bildermappen, Schnitzwerke, künstlerische Geräte jeder Art, jedem Quadratzoll freien Raumes aufgenötigt, wenn die Unmöglichkeit, sich zwischen diesen tausend schönheitsfrohen Hindernissen gefahrlos hindurchzuwinden – wenn dies alles das Dasein eines Kunstfreundes verkündigen kann, so bist du dessen hier nach dem ersten Blick gewiß. Als ein Mensch von Geist – für den ich dich halte – siehst du nach dem zweiten Blick, daß dieser Kunstfreund eine auffallende Vorliebe für Rafaels frühere Madonnen und zugleich für Rembrandtsche Radierungen hat; und du erlaubst dir daraus zu schließen, daß vermutlich zwei Seelen in seiner Brust wohnen, von denen die eine nach der zarten Grazie des Südens, die andere nach dem derben Humor des Nordens zeigt. Trittst du alsdann auf den Balkon, der sehr liebe- und sinnvoll in einen kleinen Garten verwandelt ist, doch aus dessen Nachbarschaft alle Spätzchen und Tauben, sobald nur der Thürgriff sich regt, in wahrer Todesangst aufflattern, so sagst du dir nach diesem dritten Blick, daß die hier wohnende Doppelseele die Blumen zu lieben und die Vögel zu hassen scheint. Das Bild eines sonderbaren Menschen fängt sich dir zu gestalten an; und nach dem vierten Blick – auf den Gaskronleuchter, an dem schon jetzt, im hellen Zwielicht, alle Flammen brennen, und auf die Kerzen in allen Ecken umher – fügst du die Bemerkung hinzu, daß du offenbar zu einem leidenschaftlichen Lichtfreund gekommen bist. Wie liebebedürftig dieser Lichtfreund ist, erkennt dein fünfter Blick auf ein langes Gesims, auf dem – die künstlerische Anordnung dieser Wand mit unästhetischer Sentimentalität unterbrechend – eine lange Reihe kleiner Photographien in stillosen Rähmchen Front macht: würdige, aber unbedeutende Kreise und Greisinnen in Kleidern von verschollenem Schnitt; eben ins Weinen übergehende Mundwinkel von mißvergnügten Kindern, mit unendlich glücklichen und unschönen Müttern; ein paar reizende, behagliche Frauenköpfe in Häubchen (vermutlich, denkst du, hat er sie geliebt, und sie haben andere geheiratet) und endlich einige Gruppen junger Männer mit kühn geschlungenen Krawatten und, sozusagen, begeistertem Haarwuchs, und nicht ohne widmende Unterschriften: »Ihrem teuren Meister«, »Ihrem Fridolin«. Wer ist dieser Fridolin? Dein sechster Blick auf einen großen Kalender an der Thür scheint es dir zu verraten. In abwechselnden Farben, blau, rot und gelb, siehst du hier die Wochentage angezeichnet oder unterstrichen; die Sonntage sind frei. Zuweilen steht neben dem heiligen Blasius, oder der ehrenwerten Veronika, oder der frommen Agatha, mit kleinster Gelehrtenschrift geschrieben: Vier bis Fünf, oder: halb Sechs. Du hast keinen Zweifel mehr. Du stellst bei dir fest, daß dieser derb-zarte Kunstmensch, der die Ordnung, die Spielereien, die Menschen, das Licht und die Blumen liebt und die Vögel haßt, ein angestellter Lehrer der Kunst ist, den zärtliche, tändelnde Jünglinge Fridolin nennen, der seinen Liebhabereien und Idealen lebt, und dem sich zu nähern – wenn man kein Sperling ist – wohl seinen Reiz haben möchte.
Und so hast du dir einzig durch die Kraft deines Scharfsinns ein nicht mehr undeutliches Bild dieses Menschen gemacht, und mir die Anstrengung erspart, durch die der Erzähler dem Leser oft so furchtbar wird: dich durch eine langwierige und umständliche Aufklärung zu verwirren.
Indessen irrst du, mein Lieber, wenn du, durch diese Erfolge kühn gemacht, dir nun auch seine körperliche Erscheinung vorzustellen suchst, und aus der Summe seiner zarten Eigenschaften auf einen zierlichen, blaffen Menschen mit schmalen, bartlosen, gleichsam geräuschlos lächelnden Lippen und bescheiden zurückgezogenen Formen schließest. Du irrst, weil du noch nicht ahnst, was die Natur mit ihm vorhatte. Im Gegenteil! Die Uhr schlagt eben fünf, und er tritt ein: strahlend, ein Mann wie der Graf Egmont, mit dem schönsten Blondbart und einer großen, stilvollen Locke über der Stirn, einer machtvollen Nase, die der Geist der Schönheit noch im rechten Augenblick gehemmt und geformt hat, mit breiten Schultern und hochgewölbter Brust. Er sieht um sich her, seine große Nase scheint etwas Feindliches zu wittern, sie rümpft sich schmerzlich, und über ihr, in einer finsteren, gebieterischen Falte, erscheint ein drohender Zug, der sich über dem schön gekräuselten Knebelbart wiederholt. Er schüttelt sein schön wallendes Haar. Er stampft mit dem rechten Fuß. Er tritt zornig zur Klingel. Er klingelt so ungestüm, daß die Widerstandskraft der Klingelschnur dem Tapezier Ehre macht. Er zieht noch einmal. Er steht da und wartet. Was für ein Opfer seiner Erbitterung erwartet er? Es scheint gefährlich zu sein, diesem aufgebrachten Grafen Egmont gegenüber zu treten, – wenn man nicht mindestens der Herzog Alba ist. Wie kommt diese Licht- und Blumen-, diese Madonnenseele zu dieser Gestalt? Hat der weiseste aller Leser sich doch über ihr Inneres getäuscht? – Man muß warten, bis jemand eintritt. Frau Therese Ritter tritt ein.
Eine stattliche Dame mit einer stattlichen schneeweißen Haube, mit schon etwas graulichen Locken, doch einem merkwürdig blühenden, angenehmen, phlegmatischen Gesicht.
»Herr Professor haben geklingelt,« sagt sie mit einer ebenso angenehm phlegmatischen Stimme und blickt ihn sanft, doch ohne alle Unruhe an.
»Sie haben's also gemerkt!« erwidert er. »Ja, meine Liebe, ja, ich habe geklingelt! Ich habe geklingelt, weil Sie in Ihrem ganzen Leben nie thun, was ich will! Es sollte hier geräuchert werden. Warum ist nicht geräuchert? Sie wissen, daß ich diesen verfluchten Kohlengeruch verabscheue, daß er mich umbringt! Warum vernachlässigen Sie mich? Warum thun Sie nie, was ich will?«
»Ich vernachlässige Ihnen nicht,« erwidert die sanfte Dame (deren Verhältnis zu den Regeln der Grammatik kein ganz lauteres ist), »und ich thue immer, was Sie wollen; und ich werde Sie räuchern.«
»Ich werde Ihnen räuchern, wollten Sie sagen!« berichtigt er sie. »Ihnen! Dativ. Wem zum Nutzen, oder wem zum Schaden – der Dativ!«
»Also ich werde Ihnen räuchern, Herr Professor,« antwortet sie unerschüttert.
»Jetzt werden Sie räuchern, jetzt, wenn es zu spät ist! Wissen Sie nicht, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß? Als Sie eben sagten: ›ich werde Ihnen räuchern‹, wußten Sie da, daß ich dieses Lokal jetzt verlassen muß, oder wußten Sie es nicht?«
»Ich weiß alles, Herr Professor,« erwiderte sie mit der angenehmsten Ruhe; »und ich werde räuchern, weil Sie doch wiederkommen.«
»Wie unendlich weise Sie sind, Frau Professorin! Frau Geheime Allwisserin! Woraus schließt Ihre Allweisheit, daß ich nach der Vorlesung nicht in irgend eine Gesellschaft, unter Menschen gehe, sondern zu Ihnen, in Ihre Kohlen-Stankosphäre zurückkomme?«
»Weil Sie in Ihre Krawatte nicht den großen, künstlichen Gesellschaftsknoten geschlungen haben, sondern den kleinen, fürs Haus; und weil Sie die graue Sammtweste angezogen haben – und in der kommen Sie immer wieder nach Hause.«
»Eine merkwürdige Weste! Eine Weste, in der man immer wieder nach Hause kommt! Dagegen die zwanzig anderen Westen – die sind anders. In diesen zwanzig andern bin ich nie wieder nach Hause gekommen!«
Die sanfte Frau Ritter errötete ein wenig; doch dann lächelte sie. »Ich hab's wohl dumm gesagt, aber Sie wissen doch, was ich meine, und ich hab' doch recht.«
»Diesen Tag müssen wir also rot anstreichen: ein Tag, an dem Sie recht hatten! Er ist denkwürdig in Ihrem Leben. Der zwanzigste März; vergessen Sie ihn nicht! Sie werden also räuchern, geistreichste aller Frauen, und ich werde zehn. Aber Sie erlauben mir wohl, daß ich diesen Gestank, mit dem Sie mein Zimmer beglückt haben, nicht als Andenken mitnehme. Ich hab meinen Zuhörern versprochen, sie mit den schönen Künsten, aber nicht, sie mit den gemeinen Dünsten bekannt zu machen!«
Der Professor, Graf Egmont, hatte vom nächsten Tisch ein Fläschchen mit Kölnischem Wasser genommen – auf jedem Tisch stand ein solches Fläschchen – und bespritzte damit seine graue Sammetweste, sein Hemd und die große Jupiterlocke über seiner Stirn.
»Der Herr Professor haben also nichts mehr zu befehlen?« fragte Frau Ritter, ohne eine Miene zu verziehen; als hätte sie nur erlebt, was sie alle Tage erlebte. Auf diese Frage trat er dicht vor sie hin, die Hände auf dem Rücken, streckte sein Gesicht so nahe gegen das ihre vor, daß er sie fast hätte küssen können, und sagte, jede Silbe einzeln betonend: »Nein! Sie können zehn!«
Sie ging. Auf ihren weichen Schuhen ging sie stumm und geräuschlos hinaus. Die Thür schloß sich leise. Das Unwetter war aus.
Der Professor blieb stehen und sah ihr nach. Zwischen seine Augenbrauen legten sich neue Falten; es schien ihm nicht ganz zu gefallen, daß das Unwetter schon aus war. Er trat an eine der Etageren, die das Zimmer verbauen halfen, nahm seinen Hut und hätte ihn beinahe aufgesetzt; doch zwei Schritte weiter setzte er ihn wieder aufs Klavier. Er sah nach der Klingelschnur, wie wenn er den unentschieden gebliebenen Kampf mit Frau Ritter erneuern wollte. Sein zweiter Blick fiel jedoch auf die Uhr; er nahm den Hut wieder auf. Dann trat er an die Thür, um sein Auge auf einen Zettel zu werfen, den er unter den großen Kalender genagelt hatte, mit folgender Inschrift:
»Fridoline! Ne quam immemor sis te philosophum esse.«
Zu deutsch:
»Fridolin! Vergiß nie, daß du ein Philosoph bist.«
»Te philosophum esse!« wiederholte er vor sich hin. Die Thür ging zurück; er glaubte Frau Ritters Gang wieder zu hören und zwang seinem Gesicht den Ausdruck philosophischer Ruhe auf. Indessen sein Ohr hatte sich getäuscht. Es erschienen zwar wieder ein paar geräuschlose Schuhe, aber es bewegte sich auf ihnen eine männliche Gestalt. Ein langer, graublasser Mensch in einem dunkelgrauen Schlafrock, mit graublondem Haar; die Schultern ebenso schmal und abfallend, wie die des Professors ins Wagerechte strebten; das lange Haar hinter die Ohren gestrichen, die mattgrauen, träumerischen Augen aus knochigen Höhlungen hervordämmernd. Dieser lange Mensch sagte kein Wort, sondern nickte dem andern nur zu; kam dann mit ein paar schwerfällig schleifenden Schritten heran und reichte ihm seine große Hand.
Der Professor nahm sie, ebenso stumm, und bückte sich dann, um ein ledernes Täschchen aufzuheben, das der Schlafrock bei diesen schaufelnden Bewegungen von der nächsten Etagere gerissen hatte.
»Habe ich wieder etwas —?« fragte der Lange und machte ein ängstliches Gesicht.
»Ja. Dieses Täschchen. Zum sechstenmal, teurer Bruder.«
»Wehe! – Zerbrochen?«
»Nein. Ledertaschen zerbrechen nicht.«
»Dieses unglückselige Zimmer! – Mußte das Täschchen da liegen?«
»Ja, es mußte.«
Der Lange betrachtete das Täschchen. Er lächelte. »Ich muß unmaßgeblich bemerken,« sagte er, »daß ich nicht begreife, wozu du das Täschchen brauchst.«
»Es gibt eine höhere Art, Dinge zu gebrauchen, mein lieber Philipp, als daß man sie auf die gemeine, tagtägliche Weise abnützt.«
»Ich kann nämlich nicht finden,« fuhr der Lange fort, »daß dieses Täschchen ein Herrentäschchen ist.«
»Nein, sondern ein Damentäschchen.«
»Und wozu brauchst du es also?«
»Ich hab' es um mich. Ich hab' es vor Augen. Dieweil es ein Andenken ist.«
»Ein Andenken!« wiederholte der Lange mit weicher werdender Stimme. Dann verstummte er. Seine Augen sahen träumend, gleichsam durch das Täschchen hindurch, in die Luft, ins Ferne. Sie zogen sich zusammen, wie um ein zu ihnen aussteigendes Gefühl zu unterdrücken. Zuletzt nahm er das Täschchen in die Hand und nickte ihm mit wehmütig langsamen Bewegungen zu, als wär' es ein Andenken, das ihn betreffe. Er wiegte es mit seinem langen Arm hin und her. Der Professor störte ihn nicht.
»Fridolin!« sagte er endlich, als dieser, den Hut auf dem Kopf, schon in die Thür getreten war, um zu gehn.
»Adieu, mein Sohn. Ich muß fort.« »Ja so, du mußt fort. Ich wollte dir noch etwas sagen.«
»Wenn ich wiederkomme!«
»Wenn du wiederkommst, dann sind auch deine jungen Leute, deine Leibschwaben, deine Kunstjünger da; dann kann ich nicht, wie Bruder zum Bruder, mit dir reden. Eine Minute, Fridolin! Hast du noch eine Minute?«
»Zwei hab' ich noch übrig,« erwiderte Fridolin und sah nach der Uhr.
»Ich hab' mir's wieder überlegt, Kunstbruder;« der Lange, indem er das sagte, suchte scherzhaft zu lächeln. »Ich bin nun ganz mit mir einig. Auf den Rest meines Urlaubs werde ich verzichten. Morgen früh werd' ich abreisen. Ich bin dir zur Last.«
»Was bist du?« – Fridolin trat unwillkürlich wieder ins Zimmer hinein, wie um besser zu hören. »Ein Hansnarr bist du!« setzte er dann gefaßter hinzu.
»Da ist zunächst Judica,« fuhr Bruder Philipp mit seiner etwas tonlosen Kanzelstimme ruhig fort, während er das Täschchen wieder auf und nieder wiegte. »Das Kind ist unterhaltend, sagst du; es erheitert dich, sagst du. Ich danke dir. Ja, es ist vielleicht ein unterhaltendes Kind. Aber es ist ein unerzogenes Kind – ein Kind, dem die Mutter fehlt«
Hier wurde er zunächst still; und ohne ihn zu sehen, hätte man schon an der Art seines Verstummens gehört, daß ein ungetrösteter Witwer gesprochen hatte.
»Nun, wir lassen ihr ja eine Erzieherin kommen, wenigstens ein Stück von einer Mutter,« entgegnete Fridolin.
»Da ist dann also zweitens die Erzieherin,« fing Bruder Philipp, den Faden seiner Logik fortspinnend, wieder an. »Wir kennen sie nicht; sie kann auch unterhaltend sein; sie kann das Gegenteil sein. Du bist der liebenswürdigste Verehrer der Weiblichkeit, wenn sie dir – Kopf und Herz etwas warm machen; aber sie sind dir zuwider wie die Spinnen, wenn sie dich langweilen. Soll ich mir vielleicht übermorgen schon sagen: die Erzieherin meiner Judica ist ihm zuwider wie eine Spinne, und ich hab' ihm diese Spinne in seine Schachtel gesetzt?«
»Bei alledem muß ich fort,« erwiderte Fridolin, der wieder auf die Uhr sah.
»Da bin dann also drittens ich,« fuhr der Bruder fort, der bei der Vertiefung in sein Thema keine Unterbrechung mehr hörte. »Ein morsches Stück Fleisch, dem sein bißchen Leben und Glück abhanden gekommen ist; eine traurige Ruine. Ganz und gar der Gegensatz zu dir. Ich rege dich durch den Gegensatz an, sagst du. Ich danke dir. Aber was zahlst du für diese Anregung, Fridolin? Du hast in deiner großen Junggesellenwohnung bequem gelebt wie ein Prinz; jetzt schläfst du in deinem Studierzimmer —«
»Im Schutz Apollos!« rief Fridolin dazwischen, den Zeigefinger auf den Apollo von Belvedere gerichtet, der, in der Ecke auf eine Säule gestellt, über dem Bett emporragte.
»Es war schon vordem immer nur die Frage, ob man in deinen Zimmern sich selbst, oder irgend einer Gipsfigur den Hals brechen werde; jetzt ist es mir rein unbegreiflich, daß wir nicht jeden Morgen und jeden Abend einen Schwerverwundeten hinaustragen. Und für was opferst du dich auf? Weil du mich ›retten‹ wolltest, wie du sagtest; weil du mich aus meinem verödeten kleinen Nest in andere Luft bringen wolltest; weil du mich zerstreuen und erheitern wolltest. Du wirst mich nicht retten, Fridolin. Ich bin noch jung, sagst du. Aber du wirst mich nicht zerstreuen und erheitern. Du wirst sehen, daß du mich weder zerstreuen, noch erheitern kannst; denn mir ist nicht zu helfen.«
»Ich werde dich noch sowohl zerstreuen, als auch erheitern; aber jetzt muß ich fort!«
»Denn da ist nun noch viertens meine unglückselige Neigung, alles ernsthaft zu nehmen, über alles zu disputieren, mich gegen jeden Widerspruch zu ereifern Du willst gehn? Gut, ich gehe mit.«
»So nimm deinen Hut!«
»Ich nehme meinen Hut —« (Er griff nach dem Klavier, nahm aber statt eines Hutes Fridolins rotes Fez in die Hand, blieb stehn und fuhr fort:) »Meine geradezu unüberwindliche Unart, aus Anhänglichkeit an meine Ueberzeugungen bockbeinig, ausfällig, sogar grob zu werden; eine Unart, von der d u mich leider am wenigsten kurieren kannst, weil deine Lebhaftigkeit, deine Hitze mich nur immer von neuem reizt —«
»Ein Viertel auf Sechs!« rief Fridolin aus und trat ins andere Zimmer, um nun endlich zu gehn.
»Wie leider wieder heute nachmittag,« fuhr Philipp fort, »als ich mich fortreißen ließ, unbrüderlicherweise heftig zu werden; weil du in diesem unseligen Kampf des Staats gegen die Kirche dich des geradezu gewaltthätigen Staats mit einem Ungestüm annahmst —«
»Des gewaltthätigen Staats?« rief Fridolin zurück. »Mein teurer Philippus, gegen dieses Wort könnt' ich dir Dinge sagen – Gegenbeweise – wenn ich nicht fort müßte —«
»Was könntest du mir noch sagen, das ich nicht heute nachmittag schon Punkt für Punkt widerlegt hätte? Womit wolltest du den höchst berechtigten Unwillen entkräften, mit dem ein Mann von Rechtsgefühl und Gewissen, ein Mann von heiligen und sittlichen Ueberzeugungen sich gegen diese Selbstüberhebung der weltlichen Gewalt empören muß? Gegen diese —«
»Selbstüberhebung? Der weltlichen Gewalt?« – Fridolin kam einen Schritt zurück. »Selbstüberhebung? Wir? Der Staat? Unser toleranter, menschlicher, gemäßigter, für alle sorgender Staat? – Aber ihr geistlichen Menschen, ihr kennt ja weder ihn, noch euch selbst; ihr wollt blind sein und seid es; euch ist nicht zu helfen!«
»Uns ist nicht zu helfen? Warum nicht? Aus welchem Grunde wäre uns nicht zu helfen? Weil wir die oberflächliche Altklugheit, die Naseweisheit, die Wichtigthuerei deines edlen Staats« (Fridolin war drei Schritte fortgegangen, blieb nun wieder stehn) »nicht imponierend finden, weil wir ein höheres Ideal haben, darum also ist uns nicht zu helfen? Weil wir das Kommandieren so eines naseweifen Staats in die Kirche hinein unerträglich finden —«
»In welche Kirche? Was geht diese Kirche dich an? Wenn du die Bäffchen eines protestantischen Pastors trägst, mußt du dich dann des Papstes und seiner Unfehlbarkeit annehmen? – Alle Teufel, ich muß fort!« Er war an der äußeren Thür.
Indessen Philipp kam ihm mit drei großen, langgezogenen Schritten ins andere Zimmer nach.
»Ich nehme mich der Unfehlbarkeit an? Wie kannst du sagen, daß ich mich der Unfehlbarkeit annehme? Ich verwerfe den Papst und seine Unfehlbarkeit; ich kenne ihn nicht, ich brauche ihn nicht, ich will ihn nicht; wie kannst du dann so leichtsinnig, so frivol sein, zu sagen, ich nehme mich seiner an?« (Fridolin kam zurück, schüttelte zornig seine Jupiterlocke gegen des Bruders hochgerötetes Gesicht und wollte reden; jedoch Philipp fuhr fort:) »Nein, ich nehme mich weder des Papstes noch seiner Unfehlbarkeit an; aber der Religion! Was will euer Staat? Er will die Menschen erziehen, er allein, ohne Religion! Kindisch! Unmöglich! Ihr mögt die Welt philosophisch zusammenflicken und chemisch zersetzen, ihr mögt euch euer Geld durch Aktienschacher erschwindeln und an der Börse verspielen – aber ihr seid und bleibt nur eine höhere Affenart, ohne Religion!«
»Ich danke dir!« entgegnete Fridolin, der nun endlich zu Worte kam, mit gereizter Stimme. »Also wenn ich in den wahren Spiegel deiner Seele blicke, so sehe ich mich da nur als einen höheren Affen! Weil ich den Unsinn bekämpfe, den die Feinde deiner eigenen Kirche zum Weltgesetz machen wollen, bin ich, dein Bruder, dir nur ein höherer Affe!«
»Du mir nur ein höherer Affe? hab' ich dich gemeint? Wie kannst du mir meine Worte so im Munde verdrehen —«
»Ich verdrehe dir deine Worte? Hast du uns nicht alle miteinander höhere Affen genannt —«
»Ohne Religion!«
»Ohne welche Religion? Ohne eure entartete, handwerksmäßige, eingebildete, in ihrem eigenen Morast ertrunkene Religion! Behaltet sie für euch, eure Religion! Was thut ihr damit? Ihr vertreibt die Religion mit eurer Religion!«
»Wir vertreiben die Religion mit unserer Religion? Gott im Himmel, und solchen Unsinn höre ich mit an!«
»Solchen Unsinn und das sagst du mir?«
»Nun, wem denn anders, als dir? Hat denn ein anderer ihn gesprochen, als du? – Wir vertreiben die Religion mit unserer Religion! Ich nehme mich des Papstes und seiner Unfehlbarkeit an! Uns ist nicht zu helfen! Wir wollen blind sein und sind es! – Und das alles, das alles höre ich geduldig mit an!«
»Du hörst es geduldig mit an? Auf jedes meiner Worte mit Beleidigungen antworten, das nennst du geduldig mit anhören? Nun so bitte ich Gott, mich nie erleben zu lassen, daß du etwas ungeduldig mit anhörst! – Ich sage dir nur noch eins:« (er wandte sich zum siebentenmal zur Thür, und drehte sich an der Thür zum siebentenmal herum) »Menschen wie mich vertreibt ihr durch eure Religion aus der Religion! Ich habe meinen Gott, ich brauche meinen Gott, ich weiß, daß ich nur ein unbedeutender, kleiner Kunstprofessor bin gegen meinen Gott; aber euer Gott, dem ihr euren schwarzen Kleidrock angezogen, dem ihr eure Priestermütze aufgesetzt und euer unduldsames Herz eingesetzt habt, der ist mir für meinen Gott« (er suchte das Wort) – »für meinen Gott zu dumm! Und ihr taugt zum Verfluchen und zum Whistspielen, aber nicht zum Erziehen der Menschheit!«
Diese Rede griff dem Pastor Philipp zu hart ans Herz. Er verwickelte seine großen Hände vor Aufregung ineinander. Er atmete schwer. Er keuchte endlich hervor: »Und ich will glauben, Fridolin – ich will glauben, zu deiner Ehre, daß du dies alles in einem Anfall von Irrsinn gesprochen hast!«
In diesem Augenblick schlug die Uhr auf der Kommode, einer alten Rokokokommode, halb Sechs.
»Heiliger Gott! Halb Sechs! Die Vorlesung!« – Fridolin stand wie betäubt. Er stand da und horchte, als müsse die Uhr noch einmal und anders schlagen. Dann riß er die Thür zum Vorplatz auf und stürmte hinaus.
Philipp starrte ihm nach. Auf einmal war er tief erschrocken; noch ohne zu wissen, warum. Er hörte die Treppenthür auffliegen und wieder zufallen. Dann ward es still. Dann glaubte er noch ein paar laute Worte, einen Fluch oder etwas Aehnliches zu vernehmen; auch das verhallte. Plötzliche tiefe Stille nach dem lauten Streit. Er sah im Zimmer umher, sonderbar verwirrt. Sein Blick fiel in einen alten Spiegel mit Figurenschnitzwerk an der Wand, der ihm seine eigene Gestalt zeigte. Wie seltsam befremdet blickte er auf dieses seltsam befremdet auf ihn blickende, gerötete, dann nach und nach erblassende Gesicht. Die glühenden Augen, die bleichen, bartlosen Lippen, die lange Gestalt im Schlafrock verstörten ihn sehr. Endlich fuhr er zusammen, als plötzlich eine schnarrende Stimme hinter ihm sprach:
»Fridoline! Ne quam immemor sis te philosophum esse.«
»Wer spricht?« fragte er unwillkürlich.
»Wer spricht?« wiederholte die Stimme. Darauf folgte ein lautes, sonderbares Lachen.
Philipp erkannte nun erst den philosophischen Ratgeber, der ihn aus seinem Käfig in der Ecke angerufen: den rotschwänzigen Papagei, den einzigen Freund Fridolins im ganzen Vogelgeschlecht, den »außerordentlichen Professor«, wie Fridolins Kunstjünger ihn nannten. Er saß auf seiner vergoldeten Stange und wandte dem Pastor den Kopf von der Seite zu; sein kluges, rundes Auge schien zu sagen, daß er sich nach Gebühr über ihn lustig mache.
Philipp, statt zu lachen seiner melancholischen Seele war in diesem Augenblick auch der Gedanke unmöglich, daß man lachen könnte – warf auf den unheimlichen Vogel einen verwirrten Blick; trat dann, beinahe hastig, durch die Thür und kehrte in Fridolins Arbeitszimmer zurück. Da stand er. Er hob das lederne Täschchen auf, das er abermals von der Etagere herabgerissen hatte. Indem er es in der Hand hielt, fiel ihm wieder ein, warum er vorhin hergekommen war. Er war gekommen, seinem brüderlichen Herzen Luft zu machen, einmal alles zu sagen, was er über Fridolins Seelengüte, Opferfreudigkeit, unermüdliche Teilnahme und Fürsorge, über seine eigene Dankbarkeit und stille Rührung auf der Seele hatte; und zugleich dem Bruder die Beleidigungen abzubitten, die ihm heute nachmittag im Eifer des Streits entschlüpft waren. Dies war meine Absicht! dachte er und seufzte. »Ich hab' sie nicht erreicht!« setzte er laut hinzu.
Der Papagei nebenan hatte dieses Selbstbekenntnis, so gedämpft es gesprochen war, offenbar gehört; denn in seiner sonderbar ironisch klingenden Sprechweise, wie zum Spott, wiederholte er: »Ich hab' sie nicht erreicht!«
Philipp ging aufgebracht zur Thür und machte sie zu.
Mit elegisch langsamen Bewegungen wand er sich dann zwischen Flügel und Stehpult, Bücherschrank und Bildermappengestell, Lehnstühlen und Gueridons hindurch, bis er den geschnitzten Renaissancesessel vor dem großen Schreibtisch erreicht hatte; setzte sich, nahm einen Bogen Briefpapier (kleines Format, mit Fridolins Monogramm), seufzte, nahm einen aus Elfenbein geschnitzten Federstiel zur Hand und sing an zu schreiben:
»Mein lieber Bruder! Ich habe nun also leider aufs neue bewiesen, daß ich Dir zur Last, daß ich in Deinem Hause überflüssig bin. Diesen Beweis, glaube ich, habe ich geliefert. Wenn die Existenz eines verfinsterten, trübsinnigen, durch das Unglück leider nicht veredelten Menschen, der nicht einmal die Gabe hat, in der Form liebenswürdig zu sein, und der durch seine besprochene unglückselige Neigung, sich gegen jeden Widerspruch zu ereifern, allemal zu unbrüderlicher Heftigkeit sich fortreißen läßt, – wenn die Existenz eines solchen Menschen überflüssig ist, so brauchen wir nun wohl jenen Satz nicht mehr zu beweisen. Morgen früh also verlasse ich mit Judica – der die Vorsehung vermutlich aus höheren Erziehungsabsichten so einen Vater geschenkt hat! – Dein gastliches Haus, und kehre mit dem Rest meines Urlaubs in mein ›Nest‹ zurück. Gott lohne Dir – besser, als ich es konnte – all Deine Güte und Liebe; wenn er Dir auch eines Tages durch die Fügung der Weltgeschicke beweisen wird, daß ich recht hatte, und daß die Selbstüberhebung des ideallosen, gewaltthätigen Staats am Felsen der Religion zerscheitern wird.
Dein unglücklicher BruderPhilipp.«
Er hatte geschrieben und seufzte; dann faltete er den Bogen, siegelte, schrieb die Aufschrift: »An Fridolin«, und wand sich auf dem Wege, auf dem er gekommen war, wieder hinaus.
II
Professor Fridolin – diesen Namen, den seine Freunde ihm gegeben, den die Welt sich angeeignet hatte, denke ich ihm zu lassen – Professor Fridolin hatte die Sitte bei sich eingeführt, seine Lieblingsschüler von den drei Akademien, an denen er Kunstgeschichte lehrte, an einem Abend jeder Woche einzuladen und nach den »Gesetzen des Hauses« (wie sie nach und nach durch zahlreiche ungeschriebene Kompromisse mit Frau Ritter festgestellt worden waren) zu bewirten. Doch da er sich im letzten Jahr gewöhnt hatte, mit Vorliebe abends und in die Nacht zu arbeiten, und da er weder dieser Gewohnheit, noch jener geheiligten Sitte entsagen wollte, so hatte er zwischen beiden gleichsam ein Abkommen getroffen: seine Jünger – oder die »Leibschwaben«, wie man sie zu nennen pflegte – fanden ihre Tafel im Papageienzimmer gedeckt, während der Professor in seinem Allerheiligsten saß, studierte und schrieb; es wäre eine Unthat wie Tempelraub gewesen, ihn in diesem Asyl zu stören; aber es war ihr Recht, »mit edler Mäßigung« laut und lustig zu sein, und von Zeit zu Zeit erschien der »Meister« in der Thür, um eines seiner blühenden Scherzworte unter sie zu werfen, oder einen ins Unmögliche hinaufgekletterten ästhetischen Streit durch ein weises Wort auf den Boden der Wirklichkeit zurückzurufen.
Es waren ihrer fünf, die an diesem Abend – anderthalb Stunden, nachdem der Pastor seinen kummervollen Brief geschrieben hatte – die drei Treppen zu Fridolins »Turmwohnung« erstiegen, unterwegs alle Echos des Treppenhauses durch eine leidenschaftliche Debatte über die Vorzüge der Malerei vor der Skulptur in Aufruhr bringend. Sie klingelten; Frau Ritter selber öffnete ihnen die Thür und lächelte sie an. Es war das angenehme mütterliche Lächeln, mit dem sie jeden (ehemaligen oder gegenwärtigen) Leibschwaben ihres Professors zu begrüßen pflegte; denn wiewohl ihr eigentliches Lebensgefühl das Gefühl der Verehrung für Professor Fridolin war, den sie für den außerordentlichsten aller Menschen hielt, so hatte sie doch zu viel Macht und Würde neben ihm gewonnen, um nicht auf die Jünglinge, denen er geistiger Vater war, mit einem gewissen Mutterblick herabzusehn. Sie hatte überdies drei Säulen, an denen ihr Selbstgefühl sich emporrankte: die Zeit ihrer Mädchenschönheit (o ferne Zeit!), in der sie von Malern und Bildhauern bewundert, und auf geschenkten Parkettsitzen durch Ludwig Devrients »scheniales« Spiel begeistert worden war; und ihre mittelbare Nachkommenschaft, die Kinder ihres »studierten« Bruders: einen Neffen (die zweite Säule) und eine Nichte (die dritte); zwei Menschen, von denen sie so Großes und Hoffnungsvolles zu sagen wußte, daß der Professor sich endlich entschlossen hatte, die Nichte – obwohl noch niemand sie gesehen – als Versuchserzieherin für Judica in sein Haus zu berufen. Seitdem ihr dieser Entschluß in feierlicher Sitzung, nämlich in Gegenwart des Pastors und seiner Tochter, mitgeteilt worden war, hatte Frau Ritters Lächeln, nach der Behauptung der »Leibschwaben«, einen noch mütterlicheren Charakter angenommen; und es erreichte heute den Zenith der Mütterlichkeit, da der Abend gekommen war, an dem diese hoffnungsvolle Nichte das erwartungsvolle Haus betreten sollte.
»Guten Abend, Tante Ritter!« (niemand von ihnen nannte sie anders) sagte der vorderste der fünf, und hängte seinen Ueberzieher, den er in jugendlicher Ungeduld schon auf der Treppe ausgezogen hatte, an den großen Kleiderriegel, der den Vorplatz verengte. »Ist der Herr Professor schon aus der Vorlesung zurück?«
»Ich hab' ihn geräuchert,« erwiderte Frau Ritter, »und hab' ihn nachlegen lassen; er ist aber noch nicht zurück.«
»Sie werden täglich schöner, majestätischer, Tante Ritter!« sagte der zweite, der kleinste, und küßte ihr mit übermütiger Galanterie die Hand.
Es erfolgte hierauf ein leichter Klaps auf die Hand, mit der er die ihre ergriffen hatte. »Und Sie werden wohl nie was anderes werden, als was Sie sind,« erwiderte Tante Ritter; »und man wird Ihnen höchstens zum Professor der Allotria machen.«
»Geben Sie uns heute warmen oder kalten Braten, Tante Ritter?« fragte der dritte. »Es ist ja der große Tag, an dem Ihre große Nichte einziehen soll.«
»Ist sie sehr hübsch, die Nichte?« fragte der zweite wieder, der den Charakter als Don Juan unter den Leibschwaben (sie nannten ihn »Frivolin«) angenommen hatte.
»Singt sie?« fragte der vierte.
»Ist ihre Erscheinung mehr malerisch oder mehr plastisch?« fragte der fünfte, und lachte; da er die Eigenschaft vieler Menschen hatte, über seine Witze sogleich nach ihrer Geburt herzlich zu lachen.
»Wie ist ihre Architektur?« setzte der erste hinzu.
»Sie sind alle gottloses Volk, und mein kalter Braten verbrennt,« antwortete Frau Ritter; worauf sie mit ihren sanften Schritten vom Vorplatz in die Küche entschwebte.
Die jungen Männer traten lachend und singend in das Papageienzimmer ein, in dem der Tisch schon gedeckt stand. Der »außerordentliche Professor«, oder »der weise Pittacus« – wie sie diesen psittacus erithacus (rotschwänziger Papagei) umgetauft hatten – saß bewegungslos auf der oberen Stange, hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Aber aus dem Nebenzimmer, dem »Allerheiligsten« Fridolins, ertönte eine Art von Gesang; eine rauhe, kaum mehr melodische Tonfolge, die eine verunglückende Erinnerung an ein bekanntes Schubertsches Lied zu sein schien.
Die Leibschwaben horchten. »Wäre das Pastor Philippus?« fragte der eine halblaut.
»Das ist nicht die hohle Grabesstimme des Pastors Philippus,« erwiderte »Frivolin«; »nie singt ein Pastor so falsch. Das ist eine Naturerscheinung, die man näher erforschen muß.«
Er öffnete die Thür.
Auf Fridolins Bett, über die türkische Decke, die es verhüllte, hatte sich mit auffallender Vertraulichkeit ein junger Mann mit langen Beinen hingestreckt, hielt eine bläulich rauchende Zigarre von sich ab, und sang jene von sich selbst verlassene Melodie vor sich hin. Der schwarze Hut, den er noch auf dem Kopfe trug, war ihm über die Stirn und über die Augen gesunken; man konnte von seinem Gesicht nur die ins Römische spielende Nase, ein Stück vom Kinn und das Profil seiner Lippen sehn. Aber um den bartlosen Mund regte sich, sobald er zu singen aushörte, ein so besonderer, sein ironischer Zug, daß er den Eigentümer der über ihm gewölbten Nase, gleichsam wie ein steckbrieflich beschriebenes besonderes Merkmal, verriet. Der kleine »Frivolin« richtete sich hoch auf und rief aus: »Mensch, du bist Leopold!«
Der junge Mann auf dem Bett erhob sich, ohne etwas zu erwidern. Er setzte sich auf die Kante, betrachtete die fünf, die in den verengten Raum wie im Gänsemarsch hintereinander eintraten, und stand dann, als auch der letzte die Thür hinter sich hatte, lang und langsam auf. Ein nicht unliebenswürdig sarkastisches Lächeln überflog sein Gesicht. Er ließ sich Zeit, ehe er die Gesellschaft anders als mit diesem Lächeln begrüßte. Seinen Hut zurückschiebend, so daß die stark ausgearbeitete Stirn sichtbar ward, führte er den scharfen, gewohnheitsmäßig beobachtenden Blick seiner grauen Augen noch einmal von einem zum andern, und ein Ausdruck unwillkürlicher Ueberlegenheit blieb eine Weile in seinen Zügen stehn. Bis er endlich, vor sich hin nickend, den Mund öffnete und sagte: »Es ist merkwürdig. Ihr seht alle noch auf den Buchstaben genau so aus, wie vor einem Jahr. Guten Abend, ihr Männer!«
»Hast denn du dich verändert?« gab der kleine Frivolin, etwas empfindlich, zurück. »Doch ja, er hat sich verändert. Seht, er trägt sich nach der neuesten Mode. Er hat sich seinem Schneider untergeordnet. Er trägt einen Cylinder und Lackstiefel. Wenn ich fragen darf, Leopold, wann bekommt man denn deine Hand?«
»Hier sind alle beide,« erwiderte Leopold lächelnd; »empfindlicher junger Mann! Ich machte mir nur erst das Vergnügen, euch ein wenig zu betrachten, – als Naturforscher, der ich bin. Ihr Kunstforscher habt euch allerdings, wie man sehen kann, die Freiheit von der Mode und die souveräne Herrschaft über den Schneider erhalten. Eure gesinnungsvollen Halsbinden, eure überzeugungstreuen Westenformate – noch dieselben, wie vor einem Jahr! Ihr wart standhafter als ich. Ja, ja. Diese Hemdkragen; unternehmend und doch edel. Mich hat die Welt so weit heruntergebracht, daß ich, ohne vor Scham zu erröten, aussehe wie jedermann.
Der Schneider denkt, und ich ziehe seine Gedanken an; Teilung der Arbeit; das moderne Prinzip. Guten Abend, Risotto! ›Deine blauen Augen schauen immer noch zum Himmelslicht.‹ Ich sehe, du hast noch alle deine Ideale.«
Der Jüngling mit den sanften, blauen Augen, den Leopold so begrüßte, war ein Hüne von Gestalt, dem man deshalb das Beiwort »Riese« noch durch die vergrößernde italienische Endung »otto« verstärkt hatte; doch war dabei das minder ehrenvolle »Risotto« herausgekommen.
Risotto errötete nach seiner Gewohnheit; dann erwiderte er mit seiner zarten Stimme, die aus dem Munde eines solchen Riesen jedesmal überraschte: »Ich hoffe, du bist von unsern Idealen nicht abgefallen, – wenn du auch nach deinem Beruf nicht mehr zu uns gehörst.«
»Ich gehörte nie zu euch,« entgegnete Leopold. »Es war nur eine Grille von mir, ein Jahr lang Kunst zu naschen, eh ich mich ganz darauf warf, die Natur zu verdauen.«
»Wie du das wieder ausdrückst!« sagte Risotto, der abermals – diesmal aber vor Unwillen – errötete. »Ein ideales Streben, das du hattest, so zur ›Grille‹ zu machen!«
»Ich liebe die hohen Worte nicht,« antwortete Leopold mit etwas altkluger Kälte.
»Du hast Fridolin noch nicht gesehn?« fragte der kleine Frivolin.
»Nein. Ich erwartete ihn.«
»Du willst hier mit uns zu Abend essen?«
»Ich denke.«
»Wie ich höre,« fuhr Fridolin mit wichtiger werdendem Gesichtsausdruck fort, »bist du Darwinist.«
»Ich bin Darwinist.«
»Entwickelungstheorie?«
»Entwickelungstheorie.«
Leopold schwur bei sich im stillen, daß dieses Wort »Entwickelungstheorie« ungefähr alles sei, was Fridolin davon wisse; er unterdrückte aber diesmal die Ironie seiner Mundwinkel und schwieg.
»Entwickelungstheorie,« wiederholte Risotto mit einem Ton, in dem er einen schmerzlichen Vorwurf und ein sanftes Bedauern zusammenmischte. »Du hattest früher, mit uns, ein – wie soll ich sagen – eine höhere, eine philosophische Weltanschauung.«
»Damals war ich ein Narr!«
Auf diese kurze Antwort entstand eine Pause. Die fünf Jünger der Kunst sahen einander an und schwiegen. Nur Fridolin, indem er langsam, gedankenvoll vor sich hin nickte, schien sich die Zustimmung zu dieser Ketzerei von einem höheren Standpunkt aus vorzubehalten.
Die peinliche Stille dauerte nicht lange. Die Stimme der Frau Ritter, dann die Fridolins ward vom Vorplatz vernehmbar. »Ist mein Leopold da!« rief er mit seinem herzlichen Pathos aus. Gleich darauf trat er in die Thür, und glänzende Freude in den Augen, die beiden Arme etwas feierlich ausbreitend, blieb er stehen und sagte:
So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter
Des größten Vaters, endlich zu mir nieder!
Erst nachdem er diese Verse aus der »Iphigenie« mit schönster Betonung gesprochen, ging er auf den ihm entgegentretenden Leopold zu, schloß ihn in die Arme und küßte ihn auf den Mund.
»Und somit heiße ich dich willkommen!« setzte er dann hinzu. »Hast du Hunger oder Durst, so sage der Tante Ritter deine Wünsche. Und nun zuerst zu den Geschäften, ehe ich mich den Freuden des Wiedersehens widme!«
Er wandte sich zu den Leibschwaben, faßte zwei von ihnen ins Auge und den, der ihm zunächst stand, am Arm. »Du siehst hier diese Kommode,« sagte er.
»Ja, die sehe ich.«
»Diese Kommode ist für Fräulein Ottilie Ritter, die erwartete Nichte, auszuräumen. Ihr Inhalt besteht aus —«
»Papieren, Scharteken und Westen.«
»Ganz recht. Unterrichteter junger Mann! Es wird von euch beiden zukünftigen Architekten erwartet, daß ihr die Entleerung dieses Gebäudes in der nächsten Viertelstunde bewerkstelligt, und mit architektonischem Scharfsinn andere Räumlichkeiten für die ausgeräumten Papiere, Scharteken und Westen ausfindig macht.
Dies sei der Beruf,
Wozu der Meister euch erschuf!
Denn wer sich seinen Hunger nicht verdient, verdient nicht, daß er ihn stille.«
Professor Fridolin sprach noch, als die jungen Männer schon vor der Kommode standen und knieten und ihre Schubladen leerten. Fridolin winkte nun Risotto zu sich heran (neben dem er selber klein und zierlich wurde); aber eh er ihn anredete, warf er noch einen freudigen, zärtlichen Blick auf Leopold und sagte: »Wie ähnlich er seiner Mutter geworden ist! – Mein Sohn, seit wann bist du hier in Berlin?«
»Seit heute nachmittag.«
»Du hattest vermutlich deiner Mutter versprochen, ihr sogleich zu schreiben?«
«Ja.
»Und hast es vermutlich noch nicht gethan?«
Leopold schüttelte den Kopf.
»Aber du wünschest nicht ohne den Segen deiner Mutter durch das Leben zu gehn?«
»Eigentlich nicht!« erwiderte Leopold.
»So verdiene dir den Segen deiner Mutter, und damit dein Abendessen!« fuhr Fridolin fort; bot dem Jüngling seinen Arm und führte ihn mit heiterer Galanterie an den großen Schreibtisch. »Hier ist ein Stuhl« (er drückte ihn sanft darauf nieder), »hier eine Feder« (er gab sie ihm in die Hand) »und hier eine Korrespondenzkarte; eine große Erfindung für dieses verkommene Zeitalter! – Schreib. Wir grüßen die Fürstin Mutter,« setzte er mit der Handbewegung eines Fürsten hinzu.
Leopold lächelte und schrieb.
»Nun zu Ihnen, Risotto!« fing der Professor wieder an. »Ich hatte Ihnen den ehrenvollen Auftrag erteilt, die erwartete Nichte am Bahnhof zu empfangen und unter dem Schutz Ihrer Endlosigkeit in dieses Haus zu geleiten. Warum sind Sie hier, mein Sohn, und nicht auf dem Bahnhof?«
»Der Zug kommt erst um Neun.«
»Wissen Sie das gewiß?«
»Ich glaube ganz bestimmt.«
»Was für eine wunderbare Bereicherung der Logik!« rief Fridolin aus; »ich glaube ganz bestimmt! Ich glaube, was ich nicht weiß; ›ich glaube ganz bestimmt‹ heißt also im gemeinen Deutsch: ich weiß ganz bestimmt nicht. Mann der körperlichen Endlosigkeit und der geistigen Begrenzung« (Risotto errötete stark), »nehmen Sie Ihren Hut! Ich fürchte ganz bestimmt, Sie kommen sonst zu spät. Verdienen Sie sich Ihr Abendessen, indem Sie es erwarten; und glauben Sie ganz bestimmt, daß man es Ihnen aufheben wird.«
»Gut, ich gehe auf der Stelle,« erwiderte Risotto; »obgleich ich wirklich ganz bestimmt – —«
Leopold stand auf. »Ich habe geschrieben,« sagte er mit Genugthuung.
»Soll ich die Postkarte mitnehmen?« fragte Risotto.
»Sie dürfen sie mitnehmen,« antwortete Fridolin.
Der Riese streckte einen seiner mächtigen Arme aus und ergriff die Postkarte; Fridolin trat aber hinzu und nahm sie ihm wieder aus der Hand. »Zuerst die Frage, mein Sohn! Was thun Sie, wenn man Ihnen eine Karte, einen Brief anvertraut, mit der Aufgabe, ihn in den nächsten Briefkasten zu stecken?«
»Ich – ich nehme ihn.«
»Und dann?«
»Dann steck' ich ihn in die Tasche.«
»Beklagenswerter Irrtum! Hat die Tasche ein Gedächtnis? Nein. Erinnert sie dich an sich? Nein. Bist du sicher, daß der Brief nicht eine Woche, einen Monat, ein Vierteljahr in dieser Tasche verweilen wird? Nein. Was wirst du also thun? Antworten Sie, junger Mann! – Er versinkt in tiefes Schweigen. – Sie werden den Brief in der Hand behalten, bis Sie ihn dem zuverlässigeren Schlund des Briefkastens überantworten.«
»Sehr wahr!« entgegnete Risotto. Er nahm die Postkarte zwischen zwei Finger, lächelte wie ein großer, kluger Knabe, der etwas Neues gelernt hat, empfahl sich und ging.
»Mein teurer Rudolf!« sagte Fridolin, der sich nun an den vierten seiner Leibschwaben wandte, indem er von dem kleinen Schreibtisch, der nahe am Balkonfenster stand, einige bedruckte Blätter nahm: »du kennst diesen Korrekturbogen?«
»Ja. Ich hab' ihn gestern abend für dich gelesen —«
»Mit mir zusammen,« setzte Frivolin hinzu.
»Es kann kein Fehler mehr drin sein,« fuhr Rudolf fort (der junge Mann, der über seine Witze so herzlich lachte); »denn wir haben uns die furchtbarste Mühe gegeben —«
»Gemeinschaftlich,« setzte Frivolin hinzu.
»Dennoch hab' ich mir erlaubt,« entgegnete der Professor, »den Korrekturbogen noch selber nachzulesen; und es schmerzt mich, euch mitteilen zu müssen, daß ich, eurer furchtbaren Mühwaltung zum Trotz, zwei unentdeckt gebliebene Fehler gefunden habe. Hier, meine Freunde: dieses umgefallene u, und dieses ›Veränderung‹ statt ›Verwunderung‹. Es hatte einen Sinn, wenn ich schrieb: ›Zu seiner großen Verwunderung blieb alles genau wie es war.‹ Aber ich glaube, es wäre nicht gut, wenn ich geschrieben hätte: ›Zu seiner großen Veränderung blieb alles genau, wie es war.‹ Ich fürchte, Leser von schroffer Ausdrucksweise würden diesen Satz einen Unsinn nennen. Aus diesem Grunde hab' ich mir erlaubt, das Wort ›Verwunderung‹ wieder herzustellen.«
»Merkwürdig! Unglaublich!« sagte Rudolf, die Augen weit aufreißend, als könnten sie dadurch ihr Versehen noch nachträglich gut machen. »Wir haben doch alle beide —«
»Diese Seite, glaube ich, hab' ich nicht durchgesehn,« fiel Frivolin ihm ins Wort.
»Doch! grade diese!« erwiderte Rudolf entrüstet.
»Streitet nicht, junge Thoren! Wer die Schuld von sich abwälzen will, wälzt sich damit noch eine zweite auf. Warum mute ich euch zu, so einen Korrekturbogen zu lesen? Sollt ihr eines Tages euer Brot in Leipzig oder Berlin als Korrektoren verdienen? Niemand kann das wünschen. Wozu also? Weil es eine nützliche Turnübung für eure Augen, für euer Gehirn ist. Weil es euch zwingt, mit Auge und Verstand zugleich bei einer Sache zu sein. Ihr hattet euch bereits überhoben, meine Freunde; verdient euch nun euer Abendessen dadurch, daß ihr euch ohne nutzlose Verwunderung dieser ›Veränderung‹ schämt!«
»Fridolin!« rief einer der beiden Bauakademiker von der Kommodenecke her, und kam dann mit einer dunkelgrünen Sammetweste heran, die er beim Ausräumen aus einem großen Haufen von Westen ausgelesen hatte.
»Was wünschest du?« fragte Fridolin.
»Ich hab' noch nicht eine von deinen Westen geerbt,« sagte der junge Architekt. »Wenn du mir diese da vermachen wolltest!«
Fridolin betrachtete sie mit feierlichem Ernst. »Es ist eine meiner schönsten, stimmungsvollsten Westen,« sagte er dann. »Sie ist nach der Idee des Wammses gebaut.«
»Im Geiste dieser Idee würde ich sie tragen,« antwortete der Architekt.
»Wende sie herum!«
Der Architekt wendete sie herum.
»Sieh da hinten nach, ob sie schon eine Inschrift hat.«
Der Architekt untersuchte ihr Futter auf der Rückseite. »Hier steht noch nichts!« antwortete er.
»Gut! So sei es! Nimm eine Feder und schreib deinen Namen auf die Rückseite. Sobald ich diese Weste entlasse, ist sie dein.«
»Ich danke dir —«
»Still!«
Der zweite der Bauakademiker, der mittlerweile die Räumung der Kommode vollendet hatte, kam nun gleichfalls mit einer Weste angeschritten. »Herr Professor!« sagte er, und ergänzte seine Rede durch einen bittenden Blick.
Fridolin ließ sein Auge mit Wohlgefallen auf diesem Jüngling ruhen, dessen nicht schöner, aber charaktervoller Kopf für einen Menschen von Lebensernst, von tüchtiger, vielleicht auch idealer Sinnesart sprach. Er strich ihm leise über das dichte, braune Haar. »Legen Sie die Weste weg,« gab er dann zur Antwort. »Ich hab' für Sie einen andern Beweis meiner Freundschaft, Franz.«
Die Augen des jungen Mannes leuchteten. Die Leibschwaben traten alle heran, als errieten sie, was bevorstehe.
»Jene glücklichen Alten« – fuhr der Professor mit der ihm eigenen feierlichen Grazie fort – »jene glücklichen Griechen hatten vieles vor uns voraus; dieses eine haben wir vor ihnen: daß wir den Vorzug, den wir einzelnen Menschen geben, schon in der Form der Anrede seelenvoll ausdrücken können. Ich sage zu jedermann: Sie; ich sage zu Männern, die mir näher treten, in heitren Momenten: Ihr; ich sage zu Freunden: du. Warum beabsichtige ich nun auch zu Ihnen du zu sagen? Warum – lassen Sie mich zu Ende reden, Franz – warum will ich dir das Vorrecht erteilen, mein brüderliches Du zu erwidern? Weil durch deine Eigenschaften, deine Verdienste die Bruderschaft zwischen uns hergestellt ist, die ich keineswegs als ein allgemeines, angeborenes Menschenrecht, im Gegenteil als das letzte Resultat der Selbstveredlung, als den Lohn der wahren Menschwerdung betrachte. Gib mir deine Hand! Ich hab' dich beobachtet. Ich finde dich auf dem rechten Wege. In diesem einen laß mich dir zum Vorbild dienen: ich liebe keinen Menschen, eh ich ihn achten gelernt habe; und ich fühle mich gezwungen, jeden zu lieben, der mir Achtung abnötigt. Umarmen wir uns! Also: Du.«
Dem guten Jungen, dem Franz, traten ein paar Thränen in die braunen Augen. Er wollte etwas sagen, stotterte dann aber nur, in seinen Thränen lachend: »Fridolin! Du!«
Fridolin küßte ihn noch einmal auf die Stirn; dann wandte er sich ab und sagte heiter: »Und so wären wir nun mit den Geschäften zu Ende.«
Sein Blick fiel indessen auf den kleinen Fridolin, der sich ihm in den Weg stellte, offenbar in einer Absicht, die er nicht in Worten auszudrücken wagte. Denn er sah nur mit ergänzenden Gebärden abwechselnd auf den Professor und auf den soeben zur Bruderschaft Berufenen, lächelte dann mit einem gewissen Ungewissen Lächeln, sagte aber nichts.
Der Professor zog die Augenbrauen in die Höhe; zum Zeichen, daß er sogleich erriet, welches Verlangen sich in Fridolin regte. Er blieb stehen und sah ihn eine Weile gleichfalls schweigend an. Der Ausdruck unsicherer Keckheit und trotzigen Selbstvertrauens, der auf des Jünglings Gesicht allmählich, und mehr und mehr, gleichsam verdunstete, schien ihn zu ergötzen. Endlich sagte er: »Nehmen wir an, mein Sohn, daß ich bereits erraten hätte, was Sie so stumm von mir wünschen. Fühlen Sie sich würdig, dasselbe zu erleben« – er deutete auf Franz – »was dieser Knabe erlebt hat?«
Der kleine Frivolin warf einen unwillkürlichen, etwas geringschätzenden Blick auf Franz; ebenso unwillkürlich richtete er sich etwas höher auf. »Ich glaube, ich bin davon frei, mich zu überschätzen,« erwiderte er; »aber ich weiß nicht, warum ich mich unwürdig fühlen sollte, Ihnen so nahe zu stehn, wie der gute Franz.«
»Meinen Sie?« fragte der Professor, mit humoristischem Ernst. »Wie sagt Hamlet, mein Freund? ›Behandle jeden nach Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher?‹ Wie sage ich, Hamlet erweiternd? ›Behandle jeden nach seiner eigenen Schätzung, und wem ist nicht eine Million und eine Ehrenkrone gewiß?‹ – Ich werde Ihnen noch folgendes sagen, Frivolin; und sowie ich es gesagt habe, werd' ich euch auf eine Stunde verlassen, da ich mit diesem Heimgekehrten« (er meinte Leopold) »mich unter den Bäumen des Tiergartens ein wenig austauschen will. Junger Frivolin, Sie sind ein begabter Mensch. Sie sind vielleicht der Begabteste unter den zukünftigen Menschen, die von unsern drei Akademien sich unter meiner Fahne der Kunstgeschichte versammeln. Aber Sie haben einstweilen noch zu viel Glauben an sich selbst, und zu wenig Glauben an unsere Ideale. Ich beobachte auch Sie! Ich hab' in Ihnen drei Götter entdeckt, zu denen Sie beten: den Erfolg, das Frauenzimmer und das Geld. Mein Sohn, die Kunst läßt dir durch mich, deinen Professor, sagen: ›Du sollst keine andern Götter haben neben mir!‹ Wollen Sie ein großer Künstler werden, so schreiben Sie vor allem die Worte eines andern großen Künstlers an Ihre Thür« (er deutete unwillkürlich auf die philosophische Inschrift an seiner eigenen):
»Die Kunst hab' ich geliebet,
Die Kunst hab' ich geübet
Mein Leben lang.
Die Künste hab' ich verachtet,
Nach Wahrheit nur getrachtet.
Drum wird mir nicht bang.«
Professor Fridolin hatte die letzten Verse mit edel pathetischen Bewegungen des rechten Armes begleitet. Dann ergriff er seinen Hut, winkte Leopold, ihm zu folgen, und ging zur Thür. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehn und blickte auf Fridolin zurück, der mit einem aus verschiedenen Gefühlen gemischten Erröten kämpfte. »Und was also Franz und die Bruderschaft betrifft,« setzte er hinzu —
Frivolin horchte auf.
»So sag' ich Ihnen, mein Sohn: Ihre Stunde ist noch nicht gekommen.«
III
Der März dieses Jahres (es ist lange her) war nach einem harten Winter plötzlich mild geworden; und drei Wochen lang hatte er nun schon diese menschenfreundliche Rolle gespielt. Man hatte, nach Menschenart, bereits vergessen, daß Berlin eine der Hauptstädte des Nordens ist, man glaubte die Herrschaft des Frühlings angebrochen, die »Erdachse« zu Gunsten eines milderen Klimas »gedreht«; das dem nordischen Menschen eigene, stillende, festigende, schön befriedende Wintergefühl zerflatterte mehr und mehr in die Unruhe der Seele, die der Lenz hervorbringt. Der Abend dieses zwanzigsten März war noch mehr als alle früheren von lauen Lüften und fast sommerlich warm gefärbten Wolken verklärt. Als Fridolin mit Leopold auf die Straße hinaustrat, hatte der beinahe volle Mond das klare Gewölbe erstiegen und beleuchtete den langsamen Wolkenzug, den ein phantasievolles Auge für einen ungeheuren Wanderzug heimkehrender Frühlingsvögel halten konnte. Die beiden, diesem Zuge folgend, schlenderten über den Potsdamer Platz, durch die stillere Bellevuestraße in den Tiergarten hinein, und auch die Nacktheit seiner dunklen Bäume beirrte ihre Frühlingsgefühle nicht. Die leise Luft wehte so mild; der Geruch sprießender Blätter, Veilchenduft und Vogelgesang schien sie zu durchschwärmen. Fridolin hatte seines jungen Freundes Arm genommen; er sing an, leise ein Lied zu singen; Leopold sang nicht mit, aber er störte ihn nicht. So hatten sie noch wenig gesprochen, als sie endlich der »Rousseau-Insel« gegenüber stehen blieben und ein träumerischer Gedankengang, der Fridolins Züge weich machte, ihn festzubannen schien. Er lehnte sich an einen Baum. Der Mond beschien seinen schwarzen, weichen, künstlerisch eingedrückten Hut, und das immer noch schöne Gesicht. Die Falte zwischen den Augen war von der lyrischen Stimmung, in der er sich fühlte, fast aufgelöst; die blauen Augen hatten einen Ausdruck beinahe weiblicher Empfindsamkeit, einen sanften Glanz, sanft wie do« Mondlicht, das ihn überfloß. Leopold, den klugen, beobachtenden Blick auf Fridolin geheftet, stand gleichfalls still, ohne sich zu rühren. Um seine Lippen rührte sich wieder der feine, frühreife, überlegene Zug; doch er ließ Fridolin träumen, wie er wollte, und störte ihn nicht. »In solcher Nacht,« fing Fridolin endlich an,
»In solcher Nacht ward ich zur Nachtigall
Und flötete von unerhörter Liebe.«
»In solcher Nacht,« sagte Leopold mit seinem ruhigen Baß, »lief ich an der Rousseau-Insel Schlittschuh, mit einer Dame im Pelzmuff, und ward geliebt.«
»Mein teurer Freund,« erwiderte Fridolin wehmütig, »dein jugendlicher Hochmut hat leider recht. Du bist jung, ich bin alt.«
Leopold lächelte. »Du bist vierzig, ich zweiundzwanzig! Wenn ich vierzig Jahre alt sein werde, werd' ich nicht ›von unerhörter Liebe flöten‹, sondern alle zweiundzwanzigjährigen Jünglinge durch mein Liebesglück beschämen, zur Verzweiflung bringen, rasend machen.«
»Glaubst du? – Es scheint, mein Lieber, dieses Jahr, seit ich dich nicht gesehn, hat dich Sohn des Glücks noch glücksstolzer, noch selbstgewisser gemacht! – Du hast dich verschönert, das ist wahr; du siehst reifer, geistreicher, siehst bedeutender aus. Du siehst aus wie deine Briefe: fünfundzwanzigjährig. Wär' ich deine Mutter, so würd' ich stolz auf dich sein. Da ich aber nur dein Freund bin – und vor einem Jahr noch dein ›Meister‹ war – so möcht' ich dir lieber sagen, mein Sohn, daß du doch immer noch ein Werdender bist.«
»Ebensogut könntest du dem Baum sagen, daß er ein Baum ist,« erwiderte Leopold lächelnd. »Wie und wann sollt' ich denn vergessen, daß ich ein Werdender bin? Daß ich werde, das ist's ja, warum ich lebe.«
Fridolin nickte zufrieden. »Da sagst du einmal ein gutes Wort! Wenn du so denkst, mein Sohn, sehe ich den Klettersprüngen deines Lebens etwas ruhiger zu. Und wie lange denkst du noch ein Werdender zu sein?«
»Ich will dir sagen, Fridolin, was ich denke, – damit du mich auslachen kannst. Ich hab' mir vorgesetzt, mit fünfundzwanzig Jahren fertiger Selbstarzt, mit dreißig Jahren fertiger Charakter, mit fünfunddreißig Jahren fertiger Meister meines Berufs zu sein.«
»Deines Berufs als Naturerforscher?«
»Ja.«
Fridolin seufzte mit sentimentalem Humor. »Und ich, mit vierzig Jahren, bin weder als Selbstarzt, noch als Charakter, noch als Berufsmeister fertig. Ich bin die Unfertigkeit. Ich bin das Niefertigwerden.«
»Du bist die Unzufriedenheit,« entgegnete Leopold.
Fridolin schüttelte den Kopf. »Mein guter Freund, wolle mich nicht trösten! In einem bin ich vielleicht fertig, fertiger als ihr alle: in der Selbsterkenntnis. Ich scheue mich auch nicht aus falschem Stolz oder falscher Scham, dir, einem zweiundzwanzigjährigen Menschen, zu sagen, was ich von mir denke. Warum sollt' ich mich scheuen? Vor Risotto, vor Fridolin bin ich der Meister, der höhere Mensch, den sie ehren sollen; aber vor dir, der du mir eines Tages hoch über den Kopf wachsen sollst – widersprich mir nicht – vor dir zeig' ich mein nacktes, hemdloses Ich. Was für ein Ich? Wer bin ich? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es! Ich bin der Mensch ohne Mittelpunkt. Warum treib' ich dies oder das? Warum bin ich dies geworden, und warum nicht das? Niemand weiß es. Ich glaube, ich könnt' alles werden, und nichts; das ist das tragische Rätsel meiner Erschaffung.«
Leopold lachte.
»Worüber lachst du?«
»Ueber diese Wirkung des Frühlings. Der warme Abend lagert wie eine Bruthenne über deinem Hirn und brütet das Ei deiner Schwermut aus. Was du bist? Jedenfalls das Original, das der Schöpfer aus dir machen wollte; und das ist ihm gelungen.«
»Ein schönes Original! Ohne Mittelpunkt. Das Original des Nie-Original-Werdens. Ich lehre, und weiß nichts. Ich schreibe, und hab' keinen Stil. Wie oft hat deine junge Weisheit, dein Goethetum mir meine stillosen Sätze vorgeworfen! Ich bin die Disharmonie. Oben ein schöner Mann, unten zu kurze Beine. Ein Jupiterbart und eine dünne Stimme. Ein Herz, das für eine Idee, für einen Freund auf der Stelle verbluten könnte, und ein für sein Junggesellenbehagen sorgender, ängstlicher Egoist. Warum bin ich Kunstprofessor geworden? Ich weiß es nicht. Meine Gliedmaßen sagen mir, daß ich ursprünglich etwas anderes werden sollte. Meine Muskeln, meine Gelenkigkeit, meine Fähigkeit, mich zu verrenken, meine Tanzmeistergrazie. Wenn dir das alles nicht sagt, daß ich meinen Beruf verfehlt habe, so sagt die Natur dir nichts! So oft ich in einem Zirkus sitze, möcht' ich aufstehen und zu dem versammelten Volke sprechen: Seht hier einen Mann, der seinen Beruf verfehlte – der zum Kunstreiter bestimmt war!«
Fridolin trug diesen Satz mit so dramatischer Lebendigkeit, mit so ausdrucksvollen Bewegungen der Arme vor, daß Leopold unwiderstehlich gereizt ward, in ein heftiges Lachen auszubrechen. Es zeigte sich auf Fridolins Gesicht, daß dieser Erfolg seiner Rede ihm schmeichelte. Er unterbrach den Lachenden nicht. Er blieb noch in der theatralischen Haltung stehn, in der er geendet hatte. Doch als Leopold wieder still ward, ließ er die Arme und die Augen sinken, und setzte mit halb humoristischem, halb wirklichem Ernst hinzu: »Bekenne, mein Freund, daß dieser Zustand meines Organismus teils lächerlich, teils verächtlich ist.«
»Kunstreiter oder Kunstprofessor,« erwiderte Leopold mit derselben Art von Ernst: »immer doch noch Kunst.«
»Aber gegen die Natur. Ich zeige dir, dem Naturforscher, eine interessante Erscheinung. Ich bin ein Protest gegen die Natur.«
»Vor allem glaub' ich, daß du unverheiratet bist,« entgegnete Leopold mit seinem klügsten Lächeln. »So mancher Mensch, der seinen Mittelpunkt vergebens in sich selber suchte, fand ihn dann in der Ehe. Dahin verlegte ihn die Mutter Natur! Wenn du noch heiraten würdest, Fridolin, würdest du vielleicht nicht mehr finden, daß du zum Kunstreiter bestimmt warst.«
Ueber Fridolins Züge flog ein Hauch von Schwermut, der sich jedoch in einem Ausdruck geistreicher Erregtheit sogleich wieder verlor. »Gut!« sagte er, »ich lehne mich noch einmal gegen meinen Baum und antworte auf diese Einrede. Warum heirat' ich nicht? Es wäre vielleicht noch Zeit. Es gäbe noch jüngere und ältere Damen, die mir Tante Ritter zu ersetzen geneigt wären. Es ist wahr, die alte Tante Ritter, diese so sehr vortreffliche Frau, genügt mir nicht. Mein Verhältnis zur Welt als Onkel genügt mir nicht. Mein Beruf, meine Leibschwaben, meine Freunde, das alles genügt mir nicht. Ich sehne mich nach einer Ergänzung, Leopold! Ich mache noch immer lyrische Gedichte, worin ich mich nach dieser Ergänzung sehne. Ich hole sogar zuweilen noch meine Flöte wieder hervor, um auf ihr auszudrücken, daß ich mich sehne. Zuweilen, im Verlauf dieses Jahres, hab' ich geglaubt, es sei die Sehnsucht nach dir; habe Briefe an dich geschrieben, wie an eine Geliebte – unterbrich mich nicht – verrückte Briefe —«
»Die ich nicht kenne,« fiel Leopold ein.
»Nein. Ich hab' sie nicht abgeschickt. Sie liegen noch in meinem Schreibtisch; nie wirst du sie lesen. Ich liebe dich sehr, mein Sohn; ich sonne mich in dir; – aber auch du bist mir diese Ergänzung nicht. Du bist mir zu positiv; zu klar; – sagen wir, zu männlich. ›Was von Menschen nicht gewußt, oder nicht bedacht‹ – so eine Ergänzung mein' ich.«
»Eine weibliche Ergänzung also,« sagte Leopold lächelnd.
»Mein lieber Sohn,« erwiderte Fridolin,
»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide!
Eine weibliche —! Natürlich. Man sieht mich an, sieht meinen schönen Bart, und sagt: ›eine weibliche Ergänzung!‹ – Laß mich darauf folgendes antworten – und stell dich nicht immer von einem Bein aufs andere, steh ein wenig still. Warum heirat' ich nicht? Warum hab' ich deine schöne Schwester geliebt, und dann auf ihrer Hochzeit mit einer andern – Kotillon getanzt? Warum hat mein Bruder, der Franz, die Kinder mit meiner Schwägerin Therese erzeugt, die jetzt seine Neffen wären, wenn ich Therese ebensosehr geheiratet, wie geliebt hätte? Warum bin ich vierzig Jahre alt geworden, ohne zu heiraten? Warum werd' ich fünfzig, sechzig, siebzig Jahre alt werden und nicht geheiratet haben? Warum? – Mein teurer Leopold, weil ich – —«
Er brach ab und versank in geheimnisvolles Schweigen.
»Nun?« fragte Leopold.
Fridolin verließ seinen Baum, trat auf den Jüngling zu und blieb vor ihm stehn. Nachdem er dann sein sanftes Auge hatte umherschweifen lassen, ob irgend ein dritter ihn vernehmen könnte – doch kein Mensch war in dieser nächtlichen Oede zu sehen – sagte er mit scheinbarer Gelassenheit:
»Weil ich in einer heimlichen Ehe lebe, mein Sohn.«
Er beobachtete die Wirkung dieser Worte auf Leopolds Gesicht. Die klugen, geistreichen Züge des Jünglings gerieten so außer Fassung, daß er einem einfältigen Menschen sehr ähnlich sah. Fridolin schlug ihm auf die Schulter, mit einem elegischen Lächeln: »Soll ich dir sagen, Leo, wie du in diesem Augenblick aussiehst? Nicht wie der weise Schweiger Oranien vor seinem Egmont – wie du mich früher nanntest. Nicht wie Goethe vor Napoleon. Sondern wie jener Leutnant, der nachts vor Dummheit nicht schlafen konnte.«
»Eine heimliche Ehe!« sagte Leopold endlich. »Ich denke nur noch nach, ob ich dir ein Wort davon glauben soll, oder nicht.«
»Mein teurer Leopold! ›Wer darf sagen, ich glaub' es? Wer darf sagen, ich glaub' es nicht?‹ – Fasse dich, Leo. Es handelt sich um eine jener heimlichen Ehen, die sich vor den Augen der Menschen ereignen, ohne daß sie sie sehn. Um eine Naturerscheinung. Um eine psychologische Thatsache!«
Leopold konnte nicht umhin, seine Augen noch weiter als vorhin zu öffnen. Fridolin freute sich dieser Wirkung. Er zündete sich dann, seine Ueberlegenheit genießend, mit behaglicher Ruhe eine Zigarre an, ohne zu sprechen. Es war hier windstille Luft. Er blies den Rauch kunstvoll in untadelhaften blauen Ringen nach oben, wo sie langsam verschwebten, bis er endlich fortfuhr: »Du erwartest schweigend, wie ein Philosoph, was ich zur Erläuterung dieses Satzes sagen werde. Darin erkenn' ich dich. Darin gefällst du mir. Ich will dich zum Dank dafür mit jenem zu Tode citierten Worte Hamlets von den ›Dingen im Himmel und auf Erden‹ und von der ›sich nichts träumen lassenden Schulweisheit‹ verschonen-, obwohl es mein Vorrecht ist, dein Dasein durch klassische Citate zu schmücken. Und nachdem ich dich nun lange genug auf dem Stuhl der Erwartung habe sitzen lassen, werde ich, der Kunstprofessor, dir, dem Naturforscher, ein Geheimnis der Natur enthüllen, mein Sohn.«
»Ich höre!«
»Gut. Du hörst. Ich rede. Was unterscheidet die Kunst von der Natur? Daß die Kunst das in sich Abgeschlossene, ewig Fertige, die Natur das ewig Werdende und Vergehende, ewig Unfertige ist. Die Kunst duldet keine Grenzenlosigkeit, die Natur keine Grenze. Nehmen wir an, die Natur hätte – als ihr höchstes irdisches Gebilde – den Menschen hervorgebracht. Hat sie ihn als eine abgeschlossene, fertige Einheit hervorgebracht? Nein. In ebenso vielen Formen und Farben, als es Individuen gibt. Der thörichte Laie sagt: sie hat den weißen, den schwarzen, den roten Menschen geschaffen. Die höheren Intelligenzen – du und ich – wir sagen: es gibt nicht den weißen, den schwarzen und den roten Menschen, sondern es gibt alles, was es geben kann; vom weißesten Weiß durch alle Möglichkeiten der Verdunkelung bis zum schwärzesten Schwarz. Es fehlt kein Uebergang, es fehlt keine Verbindung. Könnte man alle Menschen dieser Erde in einer Reihe nebeneinander stellen, nach ihrer Hautfarbe geordnet, vom hellsten Albino bis zum verfinstertsten Neger, so würde jener thörichte Laie trotz aller Mühe nirgends eine Grenze finden, wo die eine Farbe aufhört und die andere beginnt. Er würde ganz vergebens eine Lücke suchen. Oder wenn er endlich den Triumph erlebte, zwischen zwei Menschen die sie verschmelzende kleine Schattierung zu vermissen, so würde ihm der Weltgeist auf die Schulter klopfen und sagen: ›Mein Sohn, stelle du dich zwischen diese beiden Menschen; denn diese Schattierung bist du.‹«
Leopold mußte lachen.
»Lachst du,« fragte Fridolin, »über meine Darstellung oder über die Sache? Gibst du die Richtigkeit meines Satzes zu?«
»Ich bin entschlossen, sie zuzugeben, Fridolin,« antwortete Leopold.
»Gut. Du bist entschlossen. Wie hat diese selbe Natur es mit diesem selben Menschen in Hinsicht seines Geschlechts gemacht? Fragen wir den thörichten Laien! Der thörichte Laie – der ewig thörichte – antwortet: Die Natur schuf den Mann und schuf die Frau; und weiter nichts. Fragen wir ihn weiter: Und es ist also jeder Mann einfach ein rechter Mann, jede Frau einfach eine rechte Frau? Wenn du die Menschen deiner Bekanntschaft auf ihre geistige Beschaffenheit, auf ihr Gemüt, auf ihren Charakter ansiehst, findest du, mein Lieber, daß jeder Mann durchaus männlich, jedes Weib durchaus weiblich geartet ist? Oder findest du, daß es hier sonderbare Abweichungen und Ausnahmen gibt? – Er nickt. – Wenige? Viele? – Er nickt. – Sanfte, starke, ungeheuerliche? Mannweiber? Weibmänner? – Er nickt. Es gibt alles. Er nickt, notgedrungen, zu allem! – Nun, mein thörichter Laie, so laß uns höhere Intelligenzen dir sagen, daß diese sogenannten ›Abweichungen‹ und ›Ausnahmen‹ auch hier nur die unzähligen Uebergänge, Zwischenglieder der grenzenlosen Natur sind; daß sie auch hier keine Grenze, keine Lücke kennt. Wir werden dir abermals alle Menschen der Erde nebeneinander stellen, diesmal nach den seelischen Eigenschaften des Geschlechts, vom Nordpol der Männlichkeit bis zum Südpol der Weiblichkeit geordnet; und wenn dann der Weltgeist die Gewogenheit hat, dir auf einen Augenblick seinen alles durchdringenden Weltblick zu leihen, so wirst du zur Beschämung deines blöden Geistes wahrnehmen, daß vom männlichsten Mann bis zum weiblichsten Weib keine Schattierung, keine Möglichkeit fehlt. Daß es unter anderm in der Mitte dieser langen Reihe sehr merkwürdige Wesen – sagen wir nicht ›Ausnahmen‹, sondern ›Uebergangsmenschen‹ – gibt, die, was ihre liebe Seele betrifft, ungefähr ebenso viel vom Manne wie vom Weibe haben; die männlichen Verstand haben und weibliches Empfinden – oder weiblichen Geist und männlichen Charakter – oder alles aus Männlichem und Weiblichem gemischt. Die daher ihre Ergänzung – da ja jedes Geschlecht nach seiner geistigen Ergänzung strebt – sowohl nach rechts als nach links, sowohl beim Manne als beim Weibe suchen; deren seelische Magnetnadel bald nach dem Nordpol der Männlichkeit, bald nach dem Südpol des Weiblichen zeigt. Die man« (Fridolin seufzte) – »die man leider tragische Erscheinungen nennen muß: denn sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sticht den Mann. Die andere Hälfte nicht; sie hat den Mann in sich selbst. Suchen sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe.«
»Das ist die heimliche Ehe, von der ich dir sagte,« setzte Fridolin nach einer Pause hinzu.
Leopold hatte ruhig, fast ohne sich zu rühren, zugehört. Auch jetzt blieb er still, nur daß er vor sich hin nachdenklich nickte.
»Du widersprichst mir nicht?« fragte Fridolin.
»Nein.«
»Du gibst zu, daß ich, ›der Unterzeichnete‹, in so einer Ehe mit mir selber lebe?«
»Ja. Nun, da du das Wort gesagt, die Sache bezeichnet hast, gebe ich es zu.«
»So begreifst du nun, mein Freund, warum ich nicht geheiratet habe, und warum ich nicht heirate.«
Leopold lächelte liebenswürdig elegisch, und ergriff Fridolins Hand. »Und daß ich indiskret frage,« sagte er, »lebt ihr glücklich miteinander? Oder vielmehr, lebst du glücklich mit dir?«
Statt zu antworten, nahm Fridolin auch Leopolds andere Hand; er hielt sie beide, seine eigenen Arme von sich streckend; ein Ausdruck tragischen Humors zog ihm langsam über das Gesicht. »Warum nehme ich deine Hände?« fragte er nach einer Weile. »Warum genügt es mir nicht, meine eigene linke Hand mit meiner rechten zu nehmen? Ach, mein Freund, zwei halbe Menschen ergänzen sich schlecht; erst zwei ganze Menschen ergänzen sich gut; so hat die Natur es gewollt. Sieh mich an, Leopold!« (Er wiederholte noch weicher:) »Sieh mich an. Die Natur hat mich, nach meines Leibes Gestalt, mit diesem klassischen Bart, dieser breiten Brust, ganz zum Manne geschaffen. Ich sehe aus wie Graf Egmont, sagt ihr. Graf Egmont gefiel den Frauen; – ich teile mit ihm dieses freundliche Geschick. Es haben sich Verliebungen und Leidenschaften ereignet; es ist nicht gezählt worden, wie viele. Und ich selbst —! Meine Konstitution ist zärtlich, mein Herz ist verliebt. Eine reizende Frau zwingt mich in der ersten Stunde zum Wohlgefallen, in der zweiten zur Entzückung, in der dritten zum lyrischen Gedicht. Beabsichtige ich sie auch zu heiraten? Ja, ich beabsichtige es. Ich bin bereit, mit jedem um ihren Besitz zu kämpfen. Was bin ich? Nur noch ein liebender, verliebter Mann, weiter nichts. hab' ich noch eine Erinnerung davon, daß auch eine weibliche Hälfte in mir wohnt? Nein. Ich hab es vergessen. Ich weiß nicht, daß ich es wußte. Ich dichte, liebe, werbe; – man erwidert meine Gefühle. Nehmen wir an, daß man sie erwidert. Ich merke, ich höre, ich erfahre es, daß man sie erwidert. Was geschieht nun? Gehe ich nun hin und sage: Mein Fräulein, ich liebe Sie, werden Sie meine Frau!? – Nein. Ich sage mir in stiller Rührung, wie schön es ist, daß sie mich liebt. Ich freue mich. Ich freue mich ein paar Tage mit reiner Freude; dann mit wehmütiger Freude. Ich dichte an die liebende Geliebte ein schwermütiges Gedicht. Ich bedaure sie. Ich leide um sie. Warum bedaure ich sie? Weil mittlerweile – die weibliche Hälfte in mir gleichsam wieder heimgekommen ist. Diese weibliche Hälfte, mit der ich verheiratet bin. Sie war verreist; sie ist nun wieder da! Sie erinnert mich daran, daß ich ihr gehöre. Konflikt. Zwiespalt der Gefühle. Stille Verstörung, Zerrüttung. Ein neues lyrisches Gedicht. Was ist sie mir, die liebende Geliebte? Der Frau in mir ein Gegenstand der Abgunst, des Mißtrauens; dem Mann in mir ein Gegenstand blutender Entsagung. Ja, ich entsage. Mit Schmerz, mit dem Gefühl meiner Unseligkeit; aber ich entsage. Die Ehe zwischen uns – zwischen mir und mir – stellt sich wieder her. Wir legen auch diese mißlungene Liebe zu den Toten. Bin ich nun glücklich? – Nein, mein Freund; glücklich bin ich nun nicht.«
Sie schwiegen eine Weile. Endlich nahm Leopold das Wort: »Glücklich nicht. Ich glaub' es. Aber du beruhigst dich, nicht wahr.«
»Ja, ich beruhige mich. Ich ziehe mich in meine Einsamkeit – oder Zweisamkeit – zurück. Ich arbeite. Ich lebe meinem Beruf; – wenn ich auch den rechten verfehlt habe,« setzte er lächelnd hinzu. »Arbeit ist Segen. Auch leben mit sich selber ist Segen. Ein Unglücklicher, mein Freund, bin ich also nicht! – Wir – ich und ich – leben in unserer Ehe so hin. Wie lange? Vielleicht drei Monate; vielleicht ein halbes Jahr. Ein neues Bild: neue Untreue. Diesmal wird – vermutlich – meine weibliche Hälfte ungetreu. Alles wahrhaft Männliche entzückt mich. Mit edlen Männern, mit liebenswürdigen Jünglingen zu reden, zu denken, zu schwärmen, wird mein höchster Genuß. Ich fühle wie der Beste aller Menschen, wie Sokrates: in schönen Jünglingen die schöne Seele zu suchen und zu bilden – in nicht schönen die innere Schönheit zu finden – scheint mir die edelste Aufgabe des Menschen zu sein. Einer gefällt mir vor allen. Ich suche ihn auf. Ich ziehe ihn an mich heran. Ich träume von ihm. Eines Morgens sage ich mir plötzlich: die Welt ist nichts ohne diesen Julius (oder Fritz); ich könnte nicht mehr leben, wenn ich ihn nicht hätte. Ich erziehe ihn, ich bilde ihn, ich opfere mich ihm. Ich sehne mich nach ihm. Alle Merkmale, alle Narrheiten der Liebe sind da. Doch wem sag' ich das alles! So hab' ich vor zwei Jahren ja auch dich geliebt. Du weißt, mein Freund, wie ich bin; denn du weißt, wie ich war!«
Leopold lächelte. »Deine edle Liebe machte mich stolz,« antwortete er; »übrigens, sie verblendete mich nicht. Jeden Morgen und jeden Abend war ich darauf gefaßt, daß die unausbleibliche Enttäuschung eintreten werde.«
»Enttäuschung: du sagst das rechte Wort!« entgegnete Fridolin. »Endlich, eines Tages, beginnt die Enttäuschung. Meine männliche Hälfte – Gott weiß, wo sie so lange war – kommt zurück. Sie sieht diesen Zustand und beginnt ironisch zu lächeln. Sie sieht sich den Gegenstand dieser Liebe an und findet, daß die weibliche Hälfte unserer Seele ein wenig verblendet war; daß der ›Gegenstand‹ doch auch nicht vollkommen ist. Daß er seine Schattenseiten hat. Seine Fehler. Seine Häßlichkeiten. Die weibliche Hälfte wehrt sich eine Weile; – endlich wehrt sie sich nicht mehr. In dem kalten Bade dieser Kritik kühlt sie sich ab. Der ›Geliebte‹ wird ein guter Kamerad, der Engel ein Mensch. Dauernde Freundschaft? Ja. Dauernde Liebe? Nein. Elegische, resignierte Verständigung zwischen uns – zwischen mir und mir. Die Untreue ist aus, die Ehe ist wieder da. Mein werter junger Mann, der du der Geliebte unserer weiblichen Hälfte warst, du wirst nun unser immer gern gesehener Hausfreund sein; aber unserer Ehe wirst du nicht mehr gefährlich werden!«
Fridolin begleitete diese Anrede an den gedachten jungen Mann mit so anmutig theatralischen Bewegungen, daß Leopold herzlich lachte. Es war, als müsse der so lebhaft angeredete junge Mann zwischen den Bäumen erscheinen, als müsse man aus seinem Munde jetzt die Antwort hören. Nachdem er ihn unwillkürlich mit den Augen gesucht hatte, sagte Leopold: »Jedenfalls meinen Glückwunsch zum erneuerten Hausfrieden! Und zum Trost sage dir, Fridolin, daß du wenigstens ein Original, ein Unikum unter den Menschen bist.«
»Ein Unikum? – Mein Teurer, du sprichst wie jener thörichte Laie, nicht wie eine höhere Intelligenz. Ein Unikum? Glaube mir, es gibt ungezählte Existenzen, ähnlich wie ich. So viele Junggesellen beiderlei Geschlechts – so viele sogenannte ›Originale‹ und ›Käuze‹ – so viele Eheleute sogar, die sich in der Ehe ausnehmen wie der Fisch im Sande – sind ähnliche, nur etwas ungleichere Mischungen als ich. Man stößt auf sie, man wundert sich über sie, man lacht oder man ärgert sich über sie, man findet sie ›sonderbar‹ – aber man zergliedert sie nicht wissenschaftlich, man erkennt sie nicht. Und wer erkennt sie am wenigsten? Sie selbst. Worin allein bin ich ein Unikum? Darin, daß ich mich begriffen habe; daß ich meine tragische Stellung im Weltganzen verstehe. Das ist meine Größe« (er richtete sich bei diesen Worten mit humoristischem Ernst in seiner ganzen Größe empor). »Hier stehe ich, ein Objekt für die Wissenschaft. Studiert mich, begreift mich! Zunächst du. Mann der Wissenschaft, Mann der Natur, begreife mich; fuße dann auf mir, und von meinem Scheitel aus die Welt betrachtend, suche die verwandten Erscheinungen, suche das Ganze zu verstehn. Ich hab mich dir preisgegeben; – danke mir dafür nicht. Dank begehr' ich nicht. Aber bewähre an mir den großen, erhabenen Undank der Wissenschaft, indem du, ohne Schonung für mein kleines Ich, an mir und durch mich eines der Geheimnisse der Natur für die Menschheit enträtselst!«
Nachdem er diese Anrede an Leopold mit dem ihr zukommenden anmutreichen Pathos gesprochen hatte, verließ er seinen Baum (an den er sich inzwischen wieder gestellt hatte) und wandte sich dem rötlich erhellten Teil des Nachtgewölbes, der Stadtseite zu. »Komm,« sagte er, »laß uns gehn. Sieh nach deiner Uhr; die meine steht. Halb neun! Schon! Es wird Zeit, daß wir zu meinen Leibschwaben zurückkommen; zu diesen liebend strebenden Jünglingen, die mich ahnen, aber nicht begreifen.«
IV
Die Leibschwaben hatten im Papageienzimmer abgetafelt; Frau Ritter war verschwunden, niemand gab acht, wohin. Die vier jungen Männer – denn Risotto war noch nicht zurück – saßen fest auf ihren Stühlen, und da sie nicht mehr aßen, desto eifriger trinkend, setzten sie ihre Gespräche, die ihrer Natur und ihrer Behandlungsweise nach endlos waren, mit wachsenden Stimmen fort. Sie hatten sich des gemeinsamen und geordneten Disputierens bald entschlagen, da es Bedürfnis der jungen Deutschen ist, alle zugleich zu sprechen, und waren in Gruppen von je zwei zerfallen; Rudolf (zukünftiger Ingenieur) stritt mit dem einen der jungen Architekten über die beste Form und Ausrüstung der Schlittschuhe, Franz (der andere Architekt) mit Fridolin über die Berechtigung des Nackten in der Malerei. Indessen saßen sie ungünstig verteilt: sie stritten über Kreuz, die kämpfenden Paare durch den großen Tisch getrennt, und die Schwierigkeit, sich einander verständlich zu machen, wuchs um so rascher, je unausbleiblicher jeder Verstärkung einer Stimme die Verstärkung der Querstimme folgte. Man sah durch den blauen Dampf von vier Zigarren vier durch die Anstrengung gerötete Gesichter, denen in rascher Abwechselung vier Tonwellen entflossen, die sich ungefähr in der Mitte des Tisches wütend bekämpften. Pittacus, der Papagei, saß auf seiner Stange; er schien durch den Lärm der Stimmen allmählich in Aufregung zu geraten, aber er schwieg noch, zerbiß eine Visitenkarte, die ihm Fridolin in sein Gitter gesteckt hatte, und wiegte sich von Zeit zu Zeit unruhig hin und her.
– — »Riemen! Veraltet! So wenig Riemen wie möglich!« rief Rudolf seinem Architekten hinüber. »Wir haben an diesen verdammten überflüssigen Riemen lange genug zu laborieren gehabt!«
– — »Keine Leda mit dem Schwan? Und warum nicht?« (Es war Fridolins Stimme.) »Warum sollte ich keine Leda mit dem Schwan mehr malen —«
– — »Indem ich behaupte« (rief der junge Architekt gegen Rudolf), »daß jede Dame auf diese Weise zu Fall kommen wird!«
– — »Nun, dann male sie wie du willst!« (Franz, sich gegen Fridolin vorbeugend, drang mit aller Kraft seiner Stimme auf einige Augenblicke durch.) »Male sie, wie du willst! Aber für dich! Sie öffentlich ausstellen – nein! Heutzutage nicht mehr!«
– — »Und überhaupt, was sollen diese Frauenzimmer auf dem Eise? Dahin gehört der Mann! Die wahre, echte Kunst lernt nur der Mann!«
– — »Nein! Ein schönes Weib ist schön; und das Schöne ist Kunst! Und hundertmal, mit hundert Schwänen, werde ich sie ausstellen, mein Lieber, splitterfasernackt —«
– — »Schnürstiefel, weiter nichts! Schnürstiefel das einzige! Ohne Schnürstiefel keine Haltung, keine Sicherheit!«
– — »Das heißt die Kunst herabwürdigen!« schrie Franz. »Und so eine Entweihung es wäre, der melischen Venus die Sandalen herunterzuziehen —«
– — »Schnürstiefel? Weg mit den Schnürstiefeln; wir brauchen sie nicht! Wer ein rechter Kerl ist, läuft auch ohne sie!«
– — »Die melische Venus? Und wenn ich ihr die Schnürstiefel hundertmal herunterzöge – die Sandalen, wollte ich sagen Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr!« brüllte Fridolin.
Der Architekt, Rudolfs Gegner, schlug auf den Tisch: »Und wer ohne Sandalen läuft, versteht nichts von der Sache!«
»Ohne Sandalen? Was heißt das! Von Schnürstiefeln war die Rede —«
»Hundert Millionen Schnürstiefel und Sandalen!« rief Franz mit dem Humor der Verzweiflung und mit einer fürchterlichen Stimme aus, »wenn ihr alle durcheinanderschreit, so hört die Verständigung auf!«
»Verständigung? Mit dir werde ich mich nie verständigen!« rief Fridolin.
»Wer sprach von Sandalen?« schrie Rudolf dazwischen.
»Wer sprach von Schnürstiefeln?« fragte Franz zurück.
»Meine Herren!« rief Rudolf, und schlug nun auch seinerseits – doch nicht mit der Faust, sondern mit einem Lineal – auf den Tisch. »Ich werde wahnsinnig! Wechseln wir die Plätze – oder debattieren wir auf irgend eine menschenähnliche Weise!«
»Parlamentarische Debatte!« rief Franz aus. »Präsident! Einer hat das Wort!«
»Gut!« sagte Fridolin mit schon heiserer Stimme; »ich bin Präsident!«
Rudolf, der Ingenieur, schüttelte den Kopf. Sein ganzes Gesicht fing an zu lachen; zum Zeichen, daß er sogleich einen Witz machen werde. »Wir haben hier einen besseren Präsidenten, der jedenfalls bei der Stange bleiben wird. Ich schlage den außerordentlichen Professor, den weisen Pittacus, zum Präsidenten vor!«
Die Banakademiker lachten; nachdem zuerst Rudolf selber gelacht hatte. »Ein Gedanke! – Der unparteiische, weise Pittacus präsidiere! – Acclamation!« riefen sie durcheinander.
In einigen Augenblicken hatten sie den Käfig, der auf einem beweglichen Postament ruhte, an ihre Tafel herangerollt, und forderten den Papagei nun mit possenhaften Gebärden und Worten auf, den Vorsitz in ihrer Versammlung zu übernehmen. Man stellte ein gefülltes Glas vor ihn auf den Tisch, und legte vom Nachtisch Mandeln und Traubenrosinen hinzu. »Worüber stritten wir noch?« fragte Rudolf.
»Ueber Leda und die Schlittschuhe,« antwortete Franz.
»Ich bitte ums Wort!« sagte Fridolin, der seit der beschämenden Rede, die der Professor ihm gehalten hatte, seine persönliche Würde durch aufgeregte Heiterkeit und starke Aussprüche zu behaupten suchte. »Präsident Pittacus, ich bitte ums Wort!«
Der kluge Vogel, der in diesem Zimmer schon manche parlamentarische Debatte mit angehört hatte, antwortete zum unermeßlichen Jubel der jungen Männer, mit höchstem Ernst, völlig regelrecht:
»Du hast das Wort.«
»Ein Genie! Der Kerl ist ein Genie!« rief Rudolf aus.
»Man muß ihn veröffentlichen! Er gehört der Wissenschaft an!« rief der jüngere Architekt.
»Man führe Protokoll über alles, was der weise Pittacus spricht!« setzte Franz hinzu.
Fridolin stand auf. Er blickte ungeduldig um sich her. »Angenommen also« – fing er an – »ich wollte der melischen Venus die Sandalen und so weiter herunterziehen und sie einmal mit dem Schwan malen —«
»Ach was! Nichts mehr von Sandalen!« warf Franz dazwischen.
»Mir ›schwant‹ Unheil!« rief der andere Architekt.
»Wenn du die melische Venus entsandalisieren wolltest, würde man sich sehr darüber skandalisieren!« rief Rudolf und lachte.
»Meine Herren!« schrie Fridolin, »wer ist am Wort? Ich appelliere an den Präsidenten! Ich habe das Wort!«
»Du hast das Wort,« wiederholte der Papagei mechanisch mit seiner schnarrenden Stimme.
»Hört! hört!« rief Fridolin aus. »Dieser Pittacus ist gescheiter als mehrere von uns! – Ich habe also das Wort. Ist die melische Venus ehrwürdiger als die Wahrheit? Das kann sie nicht sein. Also sie ist es nicht. Wie lieben wir die Wahrheit? Wir lieben die nackte Wahrheit. Wir lieben es, daß die Wahrheit enthüllt wird. Wenn mir also einer daher kommen will und sagen: mein Lieber, enthülle mir diese würdevolle melische Venus nicht – so schlage ich einfach auf den Tisch —«
Er schlug allerdings auf den Tisch; aber das ganze Gebäude seiner Logik aufzuführen, war ihm nicht vergönnt. Die Thür ihm gerade gegenüber ging auf, und ein Mädchen, ein kleines Geschöpf von sechs oder sieben Jahren, trat mit höchst neugierigem Ausdruck des kecken, altklugen Gesichts herein. Sie hatte sich einen ihrer beiden Zöpfe aufgelöst, so daß ihr das Haar sehr verwildert über die Schulter hing; auch war ihre kleine zerknitterte Halskrause in bedauernswerter Verfassung. Die weniger zierliche als drollige Gestalt hüpfte mehr, als sie ging, und kam an den Tisch, wie wenn sie hierher gehörte.
»Judica! Judica!« riefen die jungen Leute. »Kleine Judica, wo hast du so lange gesteckt?« rief Franz ihr zu. »Setz dich zu deinen alten Kameraden, hierher an den Tisch.«
»Schenkt ihr ein! Schenkt ihr ein!«
»Einen Stuhl für Judica neben Pittacus!«
Fridolin richtete sich auf. »Meine Herren!« fing er wieder an; »so sehr ich dieses kleine Fräulein schätze – wir sind hier nicht, um mit weiblichen Kindern zu tändeln, sondern um über die Berechtigung des Nackten in der Kunst parlamentarisch zu streiten. Ich hatte das Wort —«
»Ein anderes Thema!« rief Franz. »Judica ist unser Gast; ein etwas kindlicheres Thema!«
Rudolfs Gesicht begann wieder zu lachen. »Ich judiziere,« rief er aus, »daß Judica Präsident werde!«
»Bravo! Gut! – Judica Präsident!«
»Man nehme sie mitsamt ihrem Stuhl und fetze sie obenan!«
»Ich bemerke,« rief Fridolin (immer heiserer) dazwischen, »daß wir den weisen Pittacus zum Präsidenten ernannt haben —«
»So ernennen wir nun die thörichte Judica!« entgegnete Rudolfs volle Stentorstimme. »Judica präsidiert!«
Die Architekten wiederholten: »Judica präsidiert!«
Die Kleine saß bereits auf ihrem Ehrenplatz und blickte keck um sich her. »Ich kann sehr gut präsidieren,« sagte sie. »Aber sprecht nun nicht mehr so viel dummes Zeug; ich will mit euch singen.«
»Auch das ist gut! Singen ist gut!« rief der jüngere Architekt, und trommelte vor Behagen auf den Tisch.
Alsbald stand Rudolf auf, nahm einer männlichen Büste unter Lebensgröße, die auf einem der Bücherschränke stand, einen alten, vergilbten, bestaubten Kranz von dem kahlen Scheitel, und setzte ihn Judica auf. »Mir ist, als sollten wir den Rundgesang singen,« setzte er dann hinzu.
»Ja, euren alten dummen Rundgesang!« sagte Judica vergnügt.
»Große und kleine Kinder!« warf der um seine Rede betrogene Fridolin geringschätzig hin; lehnte sich in seinen Stuhl zurück und fing vor Aerger an, heftiger zu trinken. Die andern sangen. Das Metall ihrer Kehlen war zwar schon um mehr als die Hälfte herabgeschmolzen; aber sie nahmen, nach der Gewohnheit der Jugend, ihre Lustigkeit für Musik. Der Rundgesang ging um den Tisch. Judicas sonderbare, unmelodische Stimme krähte mit wie ein junger Hahn. Endlich sprang Rudolf auf, erhob sein Glas und sagte: »Herr Präsident, ich bitte um das Wort.«
»Der dicke Rudolf hat's Wort!« entgegnete Judica.
»Ich habe das Wort. Es hilft alles nichts, ich muß ein Lied singen, das schönste und wahrste, das je gedichtet worden ist —«
»Wer hat es gedichtet?« fragte Franz.
»Ich. – Wer lacht? Ich, auf meiner großen Reise nach Frankreich; das heißt, ich mit Leopold zusammen – Wo ist Leopold?«
Er sah um sich her, plötzlich verwundert, daß Leopold nicht da war.
»Leopold? Verschwunden,« antwortete Fridolin gleichgültig.
»Leopold? Er ist mit dem Professor fortgegangen,« sagte Franz.
»Er ist mit dem Professor fortgegangen,« wiederholte tiefsinnig der andere Architekt.
Rudolf nickte mit dem (schon etwas schweren) Kopf. »Gut! Er ist fort. Er sei fort. Wir haben damals dieses Lied, bei Burgunderwein, miteinander gedichtet, und es lautet:«
Er begann zu singen; doch so, daß er mehr sprach als sang, in einer komisch feierlichen Manier:
Trinket den Wein
So lang' er noch rot ist!
Werfet das Geld weg
So lang' es noch Kot ist!
Lebt doch der Mensch nur
So lang' er nicht tot ist!
»Das ist ein bißchen lustig!« sagte Judica, in die Hände klatschend. Wohl durch die roten Gesichter der Leibschwaben angeregt, sang sie dann selber mit possenhaftem Humor:
Lebt doch der Mensch nur
So lang' er noch rot ist!
»Ich bitte ums Wort,« sagte auf einmal Fridolin, der still vor sich hin fortgetrunken hatte, und stand wieder auf.
»Du hast das Wort!« erwiderten Judica und der Papagei zu gleicher Zeit.
»Wenn ich also den melischen Schwan – — ich wollte sagen: wenn ich die melische Venus —«
Franz stand gleichfalls auf und fiel ihm ins Wort. »Fridolin!« rief er aus, auf die Kleine blickend. »Bedenke, wo du bist und zu wem du sprichst!«
Indessen Fridolin, den seine Rede nun schon so lange bedrückte, ließ sich nicht mehr halten. »Wenn ich aus der melischen Venus eine Leda mache,« fing er wieder an —
»Zum Teufel mit deiner Leda!« unterbrach ihn Rudolf und schnellte in die Höhe. Auch der jüngere Architekt erhob sich, mit beiden aufgehobenen Händen protestierend. Alle vier standen; nur die kleine Judica saß noch und blickte die aufgeregten Jünglinge verwundert an.
»Wenn ich diese melische Leda,« fuhr Fridolin unerschüttert fort, »dann von einem graziösen Schwan liebkosen lasse – in edler, malerisch schöner Stellung —«
»Halt's Maul!« rief Rudolf aus, den sein Zorn übermannte.
»So ist das alles schön, schön, und weiter nichts!« schrie Fridolin mit dem Rest seiner Stimme. »Und wenn die heilige Jungfrau nackt am schönsten ist, so male ich sie, wie Michel Angelo, nackt! Und wenn es ein edles und malerisches Vergnügen ist – —«
Es stand geschrieben, daß Fridolin seine Rede nicht beenden sollte. Denn in diesem Augenblick unterbrach ihn Franz, der plötzlich heftig errötet war, mit Gewalt, indem er ihn am Arm herumdrehte und auf eine junge Dame aufmerksam machte, die mitten im Zimmer stand. Diese junge Dame, in einem dunkelgrauen Reisekleid, über das sie ein schwarzes Mäntelchen geworfen hatte, ein einfaches Hütchen auf dem braunen Haar, schien schon früher eingetreten zu sein, ohne daß die jungen Männer sie bemerkt hatten; wenigstens warf sie sehr befremdete Blicke von Judica auf die jungen Männer, von den jungen Männern auf Judica, und ließ ihre braunen Augen mit einem solchen Ausdruck auf Fridolin ruhen, daß es ihn, durch die Nebel seines Gehirns hindurch, lebhaft verwirrte. Etwas weiter zurück stand der Riese Risotto, mit Schirmen, Reisedecken, Handtäschchen bepackt. Er bemühte sich schon eine Weile, seinen Kameraden über die schlanke Dame hinweg Zeichen zu machen, daß sie diese Unterhaltung abbrechen sollten; doch da er keine Hand frei hatte, sah er sich darauf beschränkt, fürchterliche und unverständliche Gesichter zu schneiden.
»Die Nichte!« flüsterte Franz.
Rudolf nickte verlegen und wiederholte: »Die Nichte.«
»Hier wären wir nun also, Fräulein Ritter!« sagte Risotto mit seinem gutmütigsten Lächeln, um die verlegene Stille zu unterbrechen.
»Ja, hier wären wir,« entgegnete das Fräulein in einem ganz eigenen Ton (übrigens mit einer sehr angenehmen Stimme) und blickte hin und her. Die Flaschen und Gläser, die erhitzten Jünglinge, die lästerlichen Reden, die kleine Judica mitten unter diesen Jünglingen, der staubige alte Lorbeerkranz auf ihrem Kopf, der Papagei, der nun auf einmal mitzusprechen anfing, – diese Fülle von unvermuteten Erscheinungen nahm ihr etwas die Fassung. Sie sah nach allen Thüren, als erwarte und wünsche sie sehr, irgend einen Menschen eintreten zu sehen, der mehr Vertrauen erwecke. Doch da niemand erschien, wandte sie sich endlich an Franz, der schon eine Weile Miene machte, sie anzureden, und nur noch an seiner Krawatte zupfte. »Entschuldigen Sie, mein Herr,« sagte sie mit reizender Ueberlegenheit. »Wohnt hier denn eigentlich der Herr Professor . . ., oder nicht?«
»O ja, er wohnt hier,« antwortete Franz; »gewiß.«
»Freilich wohnt er hier,« bestätigte Risotto.
»Es scheint aber nicht, daß er zu Hause ist!« sagte das Fräulein, mit einem neuen kritischen Blick über die Gesellschaft.
»Ich bedaure sehr: er ist ausgegangen,« erwiderte Franz.
Rudolf trat etwas vor, um gleichfalls zu erwidern: »Ja, er ist ausgegangen.«
»Mit Leopold,« fetzte der jüngere Architekt hinzu; doch hinterdrein errötete er lebhaft, indem er sich sagte, die Dame werde nicht wissen, wer Leopold sei.
»Und der Bruder des Herrn Professors?« fragte das Fräulein.
Die jungen Männer zuckten mit den Achseln.
»Man weiß nie, wo der ist,« fügte Risotto zur Erklärung hinzu.
»Und Frau Ritter, meine Tante?«
»Ist sie nicht in der Küche?« fragte Rudolf zurück.
Risotto öffnete die Thür, die durch ein kleineres Zimmer zur Küche führte, warf einen Blick hinein und schüttelte den Kopf. »In der Küche ist sie nicht,« antwortete er.
»Also ist sie verschwunden,« sagte Franz.
»Ja, sie ist verschwunden,« wiederholte der andere Architekt.
»Spurlos,« setzte Rudolf hinzu.
Das Fräulein konnte sich nicht enthalten, halblaut vor sich hin zu sagen: »Ein unglaublicher Zustand!« Ihre braunen Augen gingen aufgeregter umher; die kleinen, grau behandschuhten Hände ballten sich; ohne Zweifel vor Verdruß, vor Empörung. Sie ging nach dem Fenster zu und blickte hinaus; dann wieder ins Zimmer zurück. Plötzlich nahm ihr lebhaftes, geistreiches Gesichtchen einen Ausdruck zwischen Lachen und Weinen an, als sie bemerkte, daß die sonderbare Gesellschaft sich mittlerweile schon um die Hälfte verringert hatte. Fridolin war verschwunden, er hatte sich, ohne einen Laut von sich zu geben, entfernt; Risotto war ihm, unter dem unausgesprochenen Vorwand, daß er die Sachen des Fräuleins ablegen müsse, gefolgt; und der jüngere Architekt schlich gerade in diesem Augenblick hinter Risotto her. Das Lachen auf dem Gesicht der jungen Dame siegte. Mit resolutem Humor lehnte sie sich gegen die Fensterwand zurück, kreuzte die Arme, und schien nun ruhig erwarten zu wollen, wie dies enden werde.
»Wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen könnte —!« sagte Franz nach einer langen Pause.
»Ich danke,« erwiderte sie. »Mir fehlt nichts.«
»Aber ein Stuhl —«
»Auch nicht ein Stuhl. Ich stehe hier sehr gut.«
Unterdessen stand die kleine Judica mitten im Zimmer und starrte ihre zukünftige Erzieherin wie eine nicht uninteressante, aber etwas unheimliche Erscheinung an, ohne sich zu rühren. Schleppende Schritte vom Küchenzimmer her machten das Kind auf einmal lebendig. Sie horchte. »Gott sei Dank!« sagte sie und holte erleichtert Atem, »da haben wir meinen Papa.«
»Ah – —!« sagte Franz. »Der Herr Pastor!«
»Der Bruder des Herrn Professors,« setzte Rudolf beruhigend und tröstend hinzu.
Pastor Philipp trat ein; nicht mehr in seinem dunkelgrauen Schlafrock, sondern zum Ausgehen gerüstet, den Hut in der großen Hand; übrigens so trüben und verstörten Angesichts, wie der ehrliche Mann sich eine verlorene Seele am Tage des jüngsten Gerichtes vorstellen mochte. Es that dieser schmerzlichen Erscheinung keinen Abbruch, daß der Kragen seines Oberrocks nur zur Hälfte niedergeschlagen war und daß der Henkel emporstand. Auch war das lange Haar ein wenig in Verwirrung geraten und zum Teil den Ohren entronnen, hinter die es gehörte; und so stand die lange schwarze Gestalt etwas verwildert da. Was ihn nun vollends verwirrte, war der Anblick der jungen Dame an der Fensterwand. Seine grauen Augen starrten mit einem verzweifelt ungewissen Ausdruck auf sie hin, und er machte eine unwillkürliche Bewegung, wieder umzukehren, die aber schon im ersten unklaren Versuch erstarb.
»Du!« flüsterte Rudolf neben Franzens Ohr: »jetzt könnten wir auch stille verduften; wie?«
»Thun wir's,« flüsterte Franz.
Das Fräulein konnte sich einbilden, geträumt zu haben: so geräuschlos war die stürmische Erscheinung der Leibschwaben wieder verschwunden. Nur die leeren Flaschen und Gläser, der Papagei, Judica, und – wie der Anfang eines neuen Traums – die unwahrscheinliche Gestalt des Pastors Philipp blieben ihr zurück.
»Fräulein – Fräulein Ritter, nicht wahr?« sagte Philipp verstört.
»Ich bin so frei,« antwortete sie mit einer leichten Verbeugung.
»Die Erzieherin – — die Erzieherin meiner Tochter, nicht wahr?« »Ich habe die Ehre.«
Der unglückliche Philipp, der diesen Abend am liebsten in einer menschenleeren Wüste zugebracht hätte (und dem es aus freien Stücken nie eingefallen wäre, eine fremde junge Dame in sein Haus zu nehmen), antwortete, um etwas zu sagen: »Ja, Sie – Sie haben die Ehre. Allerdings. Das heißt —«
»Das heißt?« fragte sie höchst erstaunt.
»Ich wollte sagen,« stammelte er, seinen Hut leise hin und her schwenkend: »ich reife morgen früh ab. Ich und meine Tochter —«
Er blickte nach Judica. Das Mädchen war fort. Sie war den Leibschwaben leise nachgeschlichen.
»Sie reisen morgen früh ab?«
»Wenn Sie erlauben – ja.«
»Nun, und ich —?« fragte das Fräulein.
»Ja, und Sie —!« gab der Pastor zurück, und sah ihr hilflos fragend ins Gesicht, wie wenn er von ihr die Antwort darauf erwarte. »Es ist« – setzte er endlich hinzu – »es ist eine sonderbare, verzwickte Geschichte.«
»Ja, es scheint so, mein Herr!«
»Die Gründe, die mich bestimmen, von hier fortzugehen —« (Sein Hut fiel ihm zur Erde; doch mit einer raschen Bewegung hob er ihn wieder auf und drückte ihn gegen seinen eingefallenen Leib.) »Nämlich, wenn Sie meinen Bruder kennten – — aber Sie kennen ihn wohl noch nicht.«
»Nein,« sagte sie, und sah ihn immer verwunderter von oben bis unten an. Es begann ihr in diesem Hause unheimlich zu werden. »Wenn ich fragen darf,« fiel sie ihm in die Rede: »wo bleibt meine Tante?«
»Ihre Tante? Hat sie Sie nicht am Bahnhof empfangen?«
»O nein. Keineswegs.«
»Merkwürdig! Sonderbar! Sie wollte doch noch hinaus – und sie fragte mich doch noch, welcher Bahnhof es fei – und ich sagte ihr —«
»Sie sagten ihr —«
»Nun, der Stettiner Bahnhof, sagte ich ihr —«
»Ah!« rief das Fräulein aus. »Da wartet sie denn wohl noch jetzt!«
»Wieso —«
»Weil ich auf dem Frankfurter Bahnhof angekommen bin – wie ich dem Herrn Professor geschrieben hatte – und wie die Geographie es von mir verlangte.«
Pastor Philipp lächelte bestürzt. »Merkwürdig—! Son —«
»Sonderbar!« setzte sie mit ihrem Galgenhumor ergänzend hinzu.
Bei diesem Wort, dessen Ironie er dunkel empfand, überkam den unglücklichen Pastor ein Gefühl der Vernichtung, das ihm die letzte Kraft nahm, unter Menschen ein Mensch zu sein. Indem er seinen Hut in die andere Hand drückte, murmelte er plötzlich, halbverständlich: »Sie erlauben – — Geschäfte – — daß ich mich entferne.«
Er wollte zur Thür.
»Ich bitte um Vergebung!« rief das Fräulein ihm nach; das Blut schoß ihr ins Gesicht. »Wollen Sie mir wenigstens noch sagen, mein Herr, was dies alles bedeutet? Ich komme her, weil man mich herbestellt; ich finde keine Tante, keinen Hausherrn, dagegen eine Art von – von Bacchanal; ich finde das Kind, das ich erziehen soll, in der – merkwürdigsten und sonderbarsten Gesellschaft; ich finde endlich Sie, und Sie sagen mir, daß Sie morgen früh mit diesem Kind davonreisen —«
»Aus Gründen – leider – ja —«, stammelte Pastor Philipp.
»Und Sie geben mir dunkel zu verstehen, daß ich gleichzeitig überflüssig geworden bin; doch das Warum überlassen Sie mir zu erraten; und nachdem Sie die Güte gehabt haben, mich in diese unbeschreibliche Situation zu versetzen, teilen Sie mir mit, daß Sie sich entfernen!«
»O nein – wenn Sie wünschen, daß ich bleibe —«
»Ich wünsche nicht, daß Sie bleiben,« fuhr das Fräulein von neuem errötend fort; »aber ganz im allgemeinen wünsche ich, daß man mich über diesen Zustand ein wenig aufklärt – und daß man mich ungefähr wie einen Menschen behandelt«
Sie brach ab; denn sie hörte Tritte, Bewegungen, und sah eine Gestalt in der offenen Thür.
»Ah!« sagte sie aufatmend. Und unwillkürlich murmelte sie vor sich hin: »Endlich kommt ein Mensch!«
V
Fridolin und Leopold waren bis an das Haus in der Königgrätzer Straße gelangt, als Fridolin noch einmal stehen blieb und fragte: »Nun, und deine Liebe, mein Sohn, deine Liebe zu jener Dame – wie heißt sie doch noch?«
»Nichts!« antwortete Leopold.
»Nichts?«
»Nein. Es ging nicht. Sie hielt sich nicht.«
»Sie hielt sich nicht?«
»Nein. Als ich sie naturwissenschaftlich analysierte, erkannte ich sie als Katze; felis communis, Linné.
»Wie altklug der Junge spricht! – Bedauernswerte Geschöpfe, die ihr doch seid, ihr Naturforscher. Ein Mädchen sitzt neben euch bei Tisch; schlank, frisch wie eine Knospe, blond – sagen wir, blond —, strahlende Augen, liebliches, Helles Lachen, reizende Einfälle, rosige Fingerspitzen, zum Einbeißen. Uns wuppert und puppert das Herz vor Freude, uns, den alten Männern. Der junge Naturforscher, der große Gelehrte, hat keine Zeit, sich zu freuen: er analysiert. Er zergliedert sie. Er zieht ihr eine ihrer Eigenschaften nach der andern, wie die Häute von einer Zwiebel, herunter. Dann legt er das Resultat auf den Tisch: ›Hier!‹ sagt er, ›bestimmen wir nun, zu welcher Spezies sie gehört. Ah! das ist eine Katze. Ah! das ist ein Blaustrumpf. Ah! das ist ein Pfau. Man hätte sich in sie verlieben können, wenn sie kein Pfau wäre; aber hier sehen wir's ja: sie ist ein Pfau. Gute Nacht! War auch wieder eine von diesen langweiligen Gesellschaften . . .‹ Darauf gähnt er. Darauf geht er nach Hause. Darauf legt er sich in seinem wollenen Unterhemd – denn die Wissenschaft empfiehlt Wolle – zu Bett, und träumt von einer Kritik in der Zeitschrift für vergleichende Anatomie, die ihn den größten Naturforscher der Gegenwart nennt. Darauf wacht er auf – und ist noch ganz derselbe altkluge, trockne, naseweise Bengel wie am Abend vorher.«
»Ich danke dir!« sagte Leopold und drückte ihm die Hand.
»Ist die Schilderung falsch?«
Leopolds Antwort war nur ein liebenswürdiges Lächeln. Endlich sagte er: »Vielleicht.«
»Und worin?«
»In dem letzten Abschnitt: zu Hause. Darauf legt er sich – doch ohne Wolle – zu Bett, ärgert sich über den verlorenen Abend – über die niedlichen jungen Mädchen mit den rosigen Fingerspitzen, der vortrefflichen Erziehung und der langweiligen Seele – über die zerstörenden Wirkungen der naturwissenschaftlichen Kritik – über sich selbst. Darauf versucht er einzuschlafen; aber er kann nicht. Eine junge Dame steht hinter seinem Kopfkissen und flüstert ihm etwas zu; – ›ah!‹ sagt er, ›das bist du!‹ Darauf setzt sie sich auf einen Stuhl neben seinem Bett, lächelt ihn an, – und nun wird ihm wohl.«
»Eine Dame? – Wer?«
»Meine zukünftige Braut. Die, welche es sein wird.«
Fridolin riß die Augen auf und zog die Brauen nach oben. »Wie? Dieser junge Naturforscher da
hätte ein heimliches Ideal? – Oder – — kein Ideal, sondern Fleisch und Bein?«
»Einstweilen, mein Alter,« erwiderte Leopold lächelnd, »weiß ich weder, ›wer und von wannen sie ist, noch die Heimat und die Erzeuger‹. Sie kommt vermutlich durchs Schlüsselloch, und geht – mir durch den Kopf.«
»Dieser Mensch ein Idealist! – — Du liebst sie.«
»Ja. Denn sie hält sich. Ein wirklich liebenswürdiges Mädchen, Fridolin; geistvoll, nachdenklich; auch zuweilen übermütig; auch angenehm anzusehn. Sie sitzt dann da und wir führen Gespräche – Gespräche, Fridolin, die sich dem Schönsten an die Seite stellen, was seit Adam und Eva vorgefallen ist. Aber wir sind in der Regel beide ebenso verständig wie liebenswürdig; als Kinder unserer rationellen Zeit. Zuweilen kommt sie auch, wenn ich arbeite; lehnt sich mir plötzlich auf die Schulter, mit ihrer leisen, beruhigenden Art, und sieht mir aufs Papier – mit einem Blick des Verständnisses – — diesen Blick hat sie oft. Und dann – dann werde ich ganz zufrieden, ganz still, und analysiere nicht mehr.«
»Natürlich liebt sie dich —«
»Ja. Und diese Liebe eines so vorzüglichen Geschöpfes, dessen Namen ich nicht einmal kenne – die thut mir sehr wohl.«
»Hm! – Und wenn du dieses vorzügliche Geschöpf nie auf Erden findest —«
»Ich werd' sie finden, Fridolin; daran zweifle ich nicht. Und wenn ich sie finde, sagen wir uns sicherlich am ersten Tag, daß wir zusammen gehören.«
Fridolin antwortete hierauf nichts, sondern trat ins Haus. Erst als er den Hof überschritten hatte und am Eingang zu seinem dreistöckigen »Turm« stand, blickte er auf Leopold zurück, der ihm stumm gefolgt war. »Mein Sohn,« sagte er mit einem Gesicht voll Zufriedenheit und Wohlgefallen: »ich nehme alles zurück, was ich gegen dich sagte. Gott sei Dank, du bist doch auch noch ein Narr!«
Leopold lächelte behaglich. Sie stiegen die Treppen hinauf. Als sie den Vorplatz in Fridolins Wohnung erreicht hatten, hörten sie eine wohlklingende, aber lebhafte, etwas erregte Frauenstimme; sogleich öffnete Leopold leise die Thür. Die Stimme an sich schien ihn zu interessieren: denn statt einzutreten, blieb er stehn. Fridolin desgleichen. Endlich sagte die weibliche Stimme: »Aber ganz im allgemeinen wünsche ich, daß man mich über diesen Zustand ein wenig aufklärt – und daß man mich ungefähr wie einen Menschen behandelt —«
»Jetzt wird es Zeit!« sagte der Professor vor sich hin und trat voran in die Thür. Hier konnte er nun nicht umhin, zu lächeln, als er die furchtbare Niedergeschlagenheit seines Bruders Philipp, die in sich zusammengesunkene Gestalt, die nach vorn gefallenen langen Haare sah, an denen hier und da, wie Tautropfen an »Frauenhaar«, ein verlegener Schweißtropfen hing. Die junge Dame dagegen schien sofort ihre Seelenruhe wieder zu gewinnen; die reizende Röte in ihrem Gesicht verschwand, sie murmelte etwas, und der Professor glaubte die schmeichelhaften Worte zu verstehen: »endlich kommt ein Mensch!«
Augenblicklich trat er in der ritterlichen Haltung des Grafen Egmont auf sie zu, machte ihr eine seiner stilvollsten Verbeugungen und sagte: »Mein Fräulein! erlauben Sie mir zunächst Ihnen mitzuteilen, daß ich hier zu Hause, und daß ich ein Jahr nach diesem meinem Bruder auf besonderen Wunsch meiner Eltern zur Welt gekommen bin, um alles, was er schlecht machen würde, wieder gut zu machen. So gewiß Sie Fräulein Ottilie Ritter sind —«
Sie verneigte sich bejahend.
»So gewiß hat mein geistlicher Bruder etwas angerichtet, das indessen unsere weltliche Einsicht noch wieder gut machen wird. Ich bitte dich, mein teurer Philipp, schweig einen Augenblick still! – Er hat Ihnen offenbar gesagt, daß er morgen abreisen wird. Dies sagt er jeden Sonnabend, seit er hier ist; denn der Sonnabend ist sein schlimmster Tag. An diesem Tag pflegte er sonst seine Predigten zu machen – — mein teurer Philipp, schweig noch einen Augenblick still! – Er wird morgen nicht abreisen. Wir alle werden beisammen bleiben, Ihre Tante wird kochen und backen, mein Bruder wird damit genährt werden, Sie werden seine Tochter zu einem Engel erziehen, und ein blühender Gatte wird sie einst aus Ihren Händen empfangen. Bitte, legen Sie ab! Sie haben die Handschuhe noch an. Dänische! – Ich auch. Man erwirbt sich nach und nach ein kleines Vermögen, wenn man nur noch die billigen dänischen trägt. Haben Sie schon zu Abend gegessen? – Nein. Ihr Lächeln sagt nein. (Ein allerliebstes, geistreiches Lächeln! setzte er stillschweigend hinzu.) Ich hatte ohnehin schon diesen fürchterlichen Verdacht! Mein teurer Leopold – ich stelle Ihnen hiermit Leopold Rheinau vor; ein sehr merkwürdiger Mensch; Naturforscher; nach meinem Tode mein Biograph – mein teurer Leopold, analysiere nicht beständig diese junge Dame, sondern sorge dafür, daß wir ein Abendessen bekommen! Tante Ritter Ha! Wo steckt Tante Ritter?«
Das Fräulein, mit einem Seitenblick auf den Pastor, antwortete: »Wir erwarten sie noch.«
»Wir erwarten sie?«
»Ja. Sie ist – noch nicht zurück. Erlauben Sie, daß ich sie in ihrer Abwesenheit ein wenig vertrete; daß ich für das Abendessen sorgen helfe!«
Indem sie das sagte, schwebte ihre anmutige Gestalt schon zur Thür hinaus, hinter Leopold her.
Fridolin sah ihr nach. »Tante Ritter,« sagte er, »in der Wahl dieser Nichte, scheint mir, waren Sie glücklich! – Aber ein niederträchtiger Zigarrengeruch. Diese Jungen paffen! – Da fällt mir erst ein: alle meine Leibschwaben sind fort. Wo sind sie hin?« – Er ging ans Fenster, riß es aus, um reine Luft einzulassen, und wiederholte: »Philippus! wo sind sie hin?«
»Wohl mir, daß ich nicht deiner Leibschwaben Hüter bin!« erwiderte der unglückliche Pastor, der nun endlich zu Worte kam. »Ich kann dir nicht sagen, wo sie sind; denn ich weiß es nicht. Ich weiß nur – — Fridolin!«
»Was?«
»Du sagst, daß ich nicht abreisen werde, daß ich bleiben werde; aber du hast meinen Brief noch nicht gelesen – meinen Brief an dich, der in deinem Arbeitszimmer auf deinem Tisch liegt.«
»Nein; ich verspreche dir, ich werde ihn lesen; und dann werd' ich mir einen Fidibus daraus machen, und wir werden uns nach dem Abendessen die Friedenszigarre dran anzünden.«
»Du bestehst darauf, daß ich bleibe – auch nach dem, was heute zwischen uns vorgefallen ist?«
»Ja, ich bestehe darauf; weil – —«
Er brach ab und sah durch das Fenster in die Nacht hinaus.
»Weil —?« fragte der Pastor.
Fridolin drehte sich um. Es war ihm plötzlich etwas Feuchtes in die Augen gekommen. »Weil – weil du bei mir in der Kur bist und deine Kur noch nicht aus ist; und weil ich deiner und meiner Mutter auf ihrem Sterbebett versprochen habe, dich nie zu verlassen; und weil – und weil wir zu alt sind, um dumme Jungen zu sein.«
Damit wandte er sich wieder ab, und ging nach der Küche zu.
»Es scheint Ihnen irgend etwas Unheimliches an mir aufzufallen,« sagte in diesem Augenblick Fräulein Ottilie, die sich mit Tellern und Bestecken zu schaffen machte, lächelnd zu Leopold, der mit der großen Bratenschüssel in beiden Händen vor ihr stand: »denn statt diesen Braten weiter zu befördern, sehen Sie mich die ganze Zeit furchtbar nachdenklich an.«
Der junge Mann fuhr auf wie aus einem Traum. »Verzeihen Sie! – Den Braten weiterbefördern; ja!« – Er that es, indem er ihn kurzweg dem Küchenmädchen auf die beiden roten Hände legte; dann blieb er wieder stehn. »Es scheint wirklich, ich benehme mich wie ein Narr!«
»Der Ausdruck wäre zu hart,« entgegnete das Fräulein mit ihrem stillen, feinen, humoristischen Lächeln.
»Bei Gott, Sie sind es!« sagte er plötzlich.
»Wer bin ich?«
»Und sind's doch auch wieder nicht,« murmelte er halblaut; nachdem er ihr so fest ins Gesicht gesehen hatte, daß sie errötete.
»Ich verstehe Sie nicht – — vier Personen, vier Bestecke diese niedlichen kleinen Dessertmesser! – Und nun, mein Herr, nachdem Sie sich so unendlich nützlich gemacht haben, sollten Sie wohl zu den Männern zurückkehren und das ›ewig Weibliche‹, die Küche, verlassen.«
»Sie sind es!« rief Leopold wieder aus.
»Wirklich, mein Herr – —« Das Fräulein sah ihn ernsthaft und mit einem Ausdruck des Mißvergnügens an. »Ich verstehe Sie nicht.«
»Bitte, verzeihen Sie mir! – Ich muß Ihnen albern vorkommen, wie ein Gymnasiast. – Und doch schwebt mir – schwebt mir eine Frage auf der Zunge
– eine höchst alberne Frage.«
Das Fräulein sah ihn ungewiß an.
»Darf ich fragen —?«
»Ich bitte —«
»Nicht wahr, ich bin es nicht?«
Das Fräulein sah ihn nicht mehr ungewiß, sondern erschrocken an. Trotz seines gescheiten, ruhigen Gesichts glaubte sie einen Augenblick, ein verwirrter Mensch stehe vor ihr. Sie antwortete nichts.
»Ah, mein Fräulein,« fing er mit einem liebenswürdigen, elegischen Lächeln wieder an: »ich sehe wohl, was Sie von mir denken! – Nicht wahr – es fällt Ihnen bei meinem Anblick nichts, gar nichts ein? Ich erinnere Sie an nichts? Sie haben mir gar nichts, ganz und gar nichts zu sagen?«
»Ich müßte lügen,« erwiderte sie langsam, ihn noch immer anstarrend; – »nein.«
»Ich danke Ihnen – das heißt, verzeihen Sie – oder vielmehr – — Ich komme Ihnen verrückt vor, natürlich. Weder wie ein Naturforscher – noch wie ein erwachsener Mensch. Wenn ich Ihnen sagen könnte – — ich kann's nicht. Aber diese Aehnlichkeit – — und dann wieder nicht. Dann wieder nicht!«
»Was spricht der junge Mann für Zeug?« rief Fridolin, der schon eine Weile in der Nähe der Thür stand und in die Küche hereinsah. »Ich verstehe kein Wort!«
»Ich auch nicht!« sagte Fräulein Ottilie, die ihren Humor wiedergewonnen hatte, und lachte.
»Fräulein Ottilie, das Essen wartet!« rief der Professor. »Lassen wir diesen Jüngling noch unverstanden, und nähren wir uns! – Und dann beim Nachtisch – Sprachverderber nennen es Dessert – sag' ich Ihnen eine Idee, die ich soeben, bei Ihrem Anblick, gehabt habe.«
Wie, hat denn hier jeder Mensch bei meinem Anblick Ideen? dachte das Fräulein; ging in das Speisezimmer und legte die Bestecke auf den Tisch.
»Was für eine Idee?« fragte der Pastor, der dem Professor mit seinen langen Schritten nachgekommen war.
»Was für eine Idee? – Daß ich in acht Tagen ein freier Mann bin; daß ich Judica versprochen habe, mit ihr eine Reise zu machen, sobald wir den nötigen weiblichen Schutzengel für sie hätten; daß wir ihn nun haben; und daß so eine Reise dich, geistlicher Bruder, wieder gesund machen wird —«
»Eine Reise im April?«
»Ueber die Alpen – an den Gardasee – ins gelobte Land Italien!«
»Nach Italien!« krähte Judicas Stimme; das Kind, das sich aus des Professors Arbeitszimmer herbeigeschlichen hatte, klatschte vor Vergnügen in die Hände.
»Hurra, nach Italien, und Tante Ritter kommt!
Tante Ritter kommt!« krähte sie plötzlich aus einer anderen Tonart.
»Bei Gott, Tante Ritter kommt!« rief der Professor aus, ging würdevoll an die Thür zum Vorplatz und öffnete sie.
Das Fräulein legte die letzte Serviette und das letzte Besteck auf den Tisch und eilte hinaus.
Leopold sah ihr noch von der Küche aus nach. Er schüttelte den Kopf. »Nein, sie ist es nicht,« sagte er vor sich hin. »Ich dachte wirklich, sie wär' es. Wenn auch mein Anblick ihr etwas gesagt hätte – — Er hat ihr gar nichts gesagt. Wir sind's beide nicht! – — Uebrigens hat Fridolin recht: ich bin doch auch noch ein Narr.«
Zweites Buch
I
Die kleine Judica stand am offenen Fenster und sah nachdenklich, das heißt nach Kinderart, mit glotzenden Augen, in den hellen Himmel hinaus. »Woran denkst du, Kind?« fragte Fräulein Ottilie, die am anderen Fenster saß, ein Buch in der Hand, in dem sie mit großer Unaufmerksamkeit las. »Komm her und sag mir einmal alles, was du denkst.«
Das Kind sprang herbei, kniete vor Ottilien nieder und stützte ihre beiden spitzen Ellbogen auf deren Schoß. »Was ich denke?« sagte sie. »Erstens denk' ich —«
»Erstens huschele nicht und muschele nicht, sondern sprich deutlich, so daß man jedes Wort, jede Silbe hört. Was hatte dir die arme Silbe ›stens‹ gethan, daß du sie verschlucktest? Und dann krähe nicht; sondern steig ein wenig tiefer in deine kleine Kehle hinab. Und nun fang' wieder an!«
»Erstens also denk' ich – oder dacht' ich eben – daß mir alles so komisch vorkommt, weil alles so anders ist. Daß wir hier in Italien an einem ganz himmelblauen See wohnen, wo alles schon grün wird, und wo an furchtbar hohen Felsen natürliche Oelbäume wachsen – — Du!« unterbrach sie sich selbst; »weißt du, was ich weiß? Hier werden die Ruten für die Kinder von den Oelbäumen genommen; es zieht gut an; ich hab' es selber probiert.«
»Das ist allerdings interessant; aber sag mir, was dir sonst noch ›komisch‹ vorkommt.«
»Sonst noch? – Daß mein Papa gar nicht so mißmürrisch herumgeht, wie in Berlin, sondern ein sehr netter Papa ist —«
»›Mißmürrisch‹ ist ein Wort, mein Kind, das es bis jetzt noch nicht gibt; die kleine Judica wollte ›mißmutig‹ sagen.«
»Ja, das wollt' ich sagen! – Und dann, daß der Papa und der Onkel Fridolin nicht mehr so zanken wie früher, seit du bei uns bist und seit wir hier sind. Und dann, daß ich dich nicht mehr Sie nenne, sondern du. Und dann, daß ich mich nicht mehr vor dir fürchte, wie zu allererst, sondern dich gräßlich lieb habe – ja, gräßlich lieb hab' ich dich!« wiederholte sie, sprang auf und drückte Ottilie so heftig an sich, daß das Fräulein beinahe aufgeschrieen hätte.
»Unart, du thust mir weh! – Uebrigens hast du mir deine Liebe vorgebellt wie ein junger Hund. Komm, sag noch einmal, ganz lieblich, ganz schön: ›daß ich dich gräßlich lieb habe.‹«
»Daß ich dich gräßlich lieb habe!« wiederholte das Kind mit treuherziger Sanftmut und Deutlichkeit. »Du, die jungen Hunde!« fuhr sie dann plötzlich fort. »Der Wirt von unserm Herbergo hat eine Hundefamilie; der Papa heißt Corbo, sie heißt Spiega; sie haben drei Kinder, zwei sind schon verschenkt. Tante Ottilie, – Onkel Fridolin kann die Hunde nicht leiden! gar keine Hunde! Aber dich hat er sehr gern.«
»Wirklich?« sagte Ottilie, lächelte, und ward rot.
»Nu! warum wirst du rot?« fragte das kleine aufmerksame Geschöpf. »Weißt du, was er gesagt hat? Du wärst auch die beste Erzieherin, die es geben könnte; und zu mir hat er gesagt: Seit Tante Ottilie da ist, wirst du kleiner Unband schon eine Art von Mensch; und befolge nur immer alle ihre Gebote – — Haha! Tante Ottilie, ich weiß auch schon das sechste Gebot. Du sollst dich nicht erbrechen.«
Das Fräulein lachte, notgedrungen, einen Augenblick auf. Wohl auch noch eins von den Unkräutern aus der Leibschwabenzeit! dachte sie. Da ist viel zu jäten! – Sie nahm das Kind, das so unschuldig mitlachte, in einer unwillkürlichen Regung in die Arme, hob es auf ihren Schoß und küßte es auf den Mund.
Judica erwiderte ihre Zärtlichkeit; dann sagte sie: »Du! haben alle Männer alle Erzieherinnen so gern, wie der Papa und Onkel Fridolin dich?« (Das Fräulein war nahe daran, wieder zu erröten.) »Und ist es eigentlich nett, Erzieherin zu sein? Soll ich auch einmal eine werden – glaubst du?«
»Jedenfalls sollst du gescheit werden,« sagte Ottilie; »und nicht mehr solche Fratzen schneiden, wie eben jetzt.«
Auf diese Anmerkung ward das Gesicht des Kindes eine Weile ganz ruhig; Ottilie fuhr sanft mit der Hand darüber hin, wie um die letzte Fratze wegzuwischen; Judica hielt dazu still. Endlich sagte sie, wie aus einem tiefen Nachdenken erwachend: »Tante Ottilie!«
»Was?«
»Weiß der liebe Gott nun schon, was ich werden werde?«
Ottilie lächelte. »Wenn er allwissend ist, mein kleiner Fragetot, so muß er's wohl wissen.«
»Ja, aber —!« sagte Judica mit einem sehr schlauen Gesicht, »wenn er sich nur nicht irrt! Er denkt gewiß, ich werd' eine Mutter; aber wenn alle Leute die Erzieherinnen so gern haben, dann werd' ich doch wohl auch noch eine Erzieherin.«
»Meinst du!« erwiderte Ottilie mit möglichst ernsthaftem Gesicht. »Was hast du da für ein Stück Papier?« fragte sie dann, da Judica ein mit sehr kleiner Schrift beschriebenes Blatt aus der Tasche zog und entfaltete. »Verse! – Wie kommst du dazu?«
»Das sag' ich dir nachher,« antwortete das kluge Ding; »wenn du mir's vorgelesen hast. Bitte, lies mir's vor! Der Onkel schreibt so schauderhaft klein und so fix, ich kann's eigentlich gar nicht lesen.«
Ottilie sah hinein; statt vorzulesen, las sie für sich, – folgendes Gedicht:
Oft schon floh ich in Wälder tief,
Tief im Herzen die Liebe.
Träg' am Felsen das Echo schlief,
In mir, weckend das Echo, rief
Laut und leise die Liebe.
Immer nach Liebe die Liebe rief;
Echo antwortete: »Liebe!«
O du, holder als Alle zumal,
Thränenquelle der Liebe!
Tausend Boten der Lust und Qual,
Innige Blicke, ach ohne Zahl,
Leise dir sagen: »Ich liebe!«
Ich, ich liebe! Wann sagst du einmal,
Echo des Herzens: – —?
»Nun? Willst du mir's denn nicht endlich vorlesen?« fragte das Kind. »Nein!« sagte Ottilie. »Oho! Warum nicht?«
»Weil es für so ein kleines dummes Mädchen nicht geschrieben ist; weil du's nicht verstehst. Sieh mir ins Gesicht! Du hast mir versprochen, immer die Wahrheit zu sagen.«
»Ja. Ich will ja auch.«
»Wie kommst du zu diesem Papier? Wo hast du es weggenommen?«
»Ach Gott – — es lag so da.«
»Wo lag es?«
»Wo es lag? – Du mußt aber nicht böse werden.« »Danach fragt man nicht, sondern man sagt die Wahrheit.«
»Wo es lag? Auf Onkel Fridolins Schreibtisch; auf der großen Mappe.«
Es ist seine Hand! dachte Ottilie. Ein sehr verliebtes Gedicht!
»Nun? Bist du böse?«
»Kind, was würd'st du thun, wenn man dir deine Puppe, dein Butterbrot, dein Bilderbuch wegnähme – wenn auch nur zum Scherz – und du suchtest und suchtest und fändest sie nicht? Du würd'st weinen und heulen wie ein Schloßhund. Onkel Fridolin weint nicht, aber es kränkt ihn doch.«
»Ich will's schnell wieder hintragen,« sagte Judica zerknirscht und sprang auf. »Tante Ottilie, gib her!«
»Da hast du's,« sagte Ottilie, – hielt es aber doch noch eine Weile fest. Ihre Augen flogen noch einmal über die Verse hin. »Oft schon floh ich in
Wälder tief« – »O du, holder als alle zumal« – — Sie wußte nicht, wie es zuging, aber ihr fiel auf, daß in beiden Strophen die Anfangsbuchstaben der Zeilen die gleichen waren. Zuerst O – dann T – dann nochmals T – — Hier erschrak sie. O—T—T—I—L—I—E. Ottilie. Die ersten Buchstaben in beiden Strophen: Ottilie. Ihr Name.
In diesem Augenblick zog die Kleine, ungeduldig ihr Verbrechen wieder gut zu machen, Ottilien das Blatt aus der Hand und sprang damit hinaus.
Zu ihrer Erleichterung sah Ottilie sich allein. Sie hätte den Wechsel der Farben auf ihrem verräterisch lebhaften Gesicht nicht verbergen können; sie war überrascht, bewegt. Dieses Gedicht an sie! Von ihm. Ganz Liebe; ganz Begehren nach Liebe. »Ich, ich liebe! Wann sagst du Keinmal, Echo des Herzens: – —?« Sie wiederholte sich diesen Schluß. Sie bemerkte plötzlich, Selbstbeobachterin wie sie war, daß etwas ganz Ungewohntes, Sonderbares mit ihr geschehe. Es ward ihr angenehm weh ums Herz; weil ihr alles Blut nach dem Herzen strömte. Es lief ihr ein süßer Schauder über die Haut. Es schoß ihr auf einmal eine Flut von Kraft, Lust, Entzücken, Uebermut in den Kopf, in die Glieder. Es kam ihr der Gedanke, zu singen. Sie fühlte deutlich, daß eine Art von Verrücktheit sie erfaßte. Gott im Himmel! dachte sie, was ist mir geschehn?
Eine Bewegung an der Thür schreckte sie aus diesem Taumel auf. Ihr heißes, glückstrahlendes Gesicht zu verbergen, trat sie näher ans Fenster und starrte hinaus.
Der Morgensonnenschein lag aus dem nackten, bräunlichen Felsengebirg, stieg an den schroffen Abstürzen hinunter und schwamm unten zitternd auf der blauen Flut des Sees, der bis an den Garten des Hotels heranplätscherte und mit seinen kühlen, feuchten Atemzügen Ottiliens Stirn und Wangen zu erfrischen schien. Rechts, wo der See in einer von Vorstadthäusern umbauten Bucht endete, lief eine blendend helle Fahrstraße in vielen Windungen vom Felsen herab. Wenn man so scharfe Augen hatte wie Ottilie, so sah man auf dieser Fahrstraße einen Mann in grünem Rock und schwarzem Schlapphut herunterschlendern; so erkannte man seinen Vollbart, seinen etwas zu zierlichen, kurzschrittigen Gang, sein schottisches Plaid auf der hohen Schulter, und so sagte man sich, daß es der Professor Fridolin fei. Ottilie sagte es sich. »Oft schon floh ich in Wälder tief,« dachte sie plötzlich, und vor unaussprechlichem Vergnügen mußte sie lachen.
»Worüber lachen Sie?« fragte eine bekannte klanglose Stimme hinter ihr, in der Thür.
Selbstbeherrschung! dachte sie auf der Stelle, obwohl sie zusammenfuhr. Erzieherin seiner Tochter! – Weiterlachen! – Sie lachte weiter und drehte sich herum. Die lange Gestalt des Pastors Philipp war auf die Schwelle getreten; in etwas ungeschickter Haltung, wie immer, aber mit zutraulichem, vergnügtem Ausdruck auf dem blaßgrauen Gesicht. »Darf man eintreten?« fetzte er mit fast schalkhafter Feierlichkeit hinzu. »Sie stellen sich ganz allein ans Fenster und lachen sich etwas vor. Großer Gott, wer das auch so könnte! Darf man fragen, mein Fräulein, wie Sie das machen, und worüber Sie lachten?«
Angenehme Leute, dachte Ottilie, die so langsam sprechen, daß man alle Zeit hat, sich zu fassen! – »Ich will's Ihnen verraten, Herr Pastor,« sagte sie darauf laut. »Es fiel mir eine Dummheit ein; darüber lachte ich.«
»Wenn ich über jede Dummheit lachen wollte oder könnte, die mir in den Sinn kommt, so würde man mich wohl vom Morgen bis zum Abend lachen hören!« sagte der Pastor mit seinem langsamen, melancholischen Humor. »Doch es sollte ja nicht von mir die Rede sein; sondern von diesen Blumen, – diesen Blumen und Gräsern. Wollen Sie gefälligst – —« Er unterbrach sich und trat ihr näher, seinen Hut in der Hand; als er nun vor ihr stand, sah sie, daß sich in dem Hut ein Blumenstrauß versteckt hatte. »Wollen Sie gefälligst bedenken, verehrtes Fräulein, daß es nur Feldblumen und Aprilblumen sind; und daß es die ersten sind« – die Unterlippe des guten Pastors begann ein wenig zu zittern – »die ersten, die ich seit langen Jahren gepflückt habe. Ich glaubte vernunftgemäß zu handeln, mein Fräulein, indem ich sie nicht in der warmen Hand trug, sondern im Hut; indem ich also unbedeckten Hauptes nach Hause ging, und die Blumen im Hut mit diesem Taschentuch – diesem noch ungebrauchten Taschentuch – gegen die Sonne verdeckte. Wenn ich mir nun erlaube, Fräulein Ottilie —«
Das Fräulein fiel ihm gerührt ins Wort: »Wie! Mit bloßem Kopf sind Sie in der Sonne gegangen – den Blumen zuliebe —«
Sie bedachte nicht, daß man den Pastor nicht in einer unvollendeten Rede unterbrechen konnte; daß dies vielleicht noch nie einem Menschen gelungen war. Der Pastor winkte ihr mit dem Taschentuch, wie wenn ein Parlamentär die weiße Fahne schwenkt, um Waffenstillstand zu erwirken; und als sie darauf unwillkürlich verstummte, fing er wieder an:
»Wenn ich mir nun erlaube, Fräulein Ottilie, Ihnen diesen unbedeutenden Blumenstrauß vom Ufer des Gardasees zu überreichen, so soll damit ein Wort durch die Blumensprache gesprochen sein: eine letzte Bitte nämlich um Verzeihung —«
»Um Gottes willen! ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,« fiel sie ihm wieder ins Wort.
»Eine letzte Bitte nämlich um Verzeihung – wenn anders so ein unglückseliges Gebaren ohne Sinn und Verstand ganz und völlig verziehen werden kann: ich meine – und ich brauche nicht zu sagen, was ich meine —«
»Nein!« sagte sie lächelnd. »Wir haben's beide gewußt, und haben's beide vergessen!«
Diese Antwort, oder vielmehr diese Unterbrechung, schien dem Pastor ausnehmend zu gefallen; einige Augenblicke verstummte er, und war drauf und dran, den Schluß seiner Rede zu opfern. Mit einer letzten Anstrengung fuhr er aber fort: »Ich meine jenen ersten Abend, an dem ich Sie auf so – ungeschickte und beleidigende Weife begrüßte, – ohne zu ahnen, mein Fräulein, was für einen Segen ich armer, kurzsichtiger Mensch aus meinem Hause gleichsam hinwegzufluchen im Begriffe war. Was für einen Segen, mein Fräulein« (er ergriff ihre Hand und ließ sie nicht wieder los) – »was für einen Segen.«
Ottilie konnte nicht umhin, ihm gerührt ins Gesicht zu sehn; obwohl sie bei sich dachte: Seine Hand hat vierzig Grad Reaumur! – »Ich hab' Sie damals nicht fluchen hören,« sagte sie freundlich; »und ich kann auch nicht einsehn, was für ein absonderlicher Segen ich Ihnen bin.«
»Was für ein Segen? – Da ist erstens meine Judica; es war ein unglückseliges, verwildertes, moralisch schiefgewachsenes Kind; in ein paar Wochen haben Sie es grade gezogen; ich sehe Ihnen zu und begreife es nicht. Da ist zweitens. der Vater dieser Judica« (er lächelte); »eine morsche, traurige Ruine; aber Sie kommen mit Ihren kleinen, kunstfertigen Händen, tragen die frischen Bausteine der Heiterkeit, des Gottvertrauens, der Menschenliebe,« (er stockte) »der weiblichen – weiblichen Liebenswürdigkeit und Anmut herzu, und flicken diese elende Ruine so kunstgerecht aus, daß sie wirklich schon anfängt, sich wie eine menschliche Behausung auszunehmen; daß man sich sagt: lassen wir sie denn in Gottes Namen noch ein paar Jahre stehn, 's ist ein alter Kasten, aber er hält doch zusammen! – Da ist dann drittens mein Bruder —«
Ich geb' es auf, ihn zu unterbrechen! dachte Ottilie.
»Da ist dann drittens mein Bruder; er sing an, einsam und ältlich zu werden; er fing an, sich zu einem rechthaberischen alten Junggesellen auszubilden; – aber die frische Luft, die Sie in unser stockiges Dasein gebracht haben, macht ihn wieder jung. Obwohl sich damit leider auch seine Lebhaftigkeit, sein Ungestüm verjüngt, womit er seine kirchenfeindlichen Gesinnungen an mir ausläßt und sich gegen meine heiligsten Ueberzeugungen erbittert —«
»Kirchenfeindliche Gesinnungen? Die, mein' ich, findet man im Herrn Professor nicht —«
»Ich weiß, Sie nehmen sich seiner allemal an!« fiel ihr der Pastor, indem er etwas aufgeregt lächelte, ins Wort. »Ich weiß, mein Fräulein, Sie verteidigen ihn, wenn er die Selbstüberhebung der weltlichen Gewalt, wenn er ihre brutalen Angriffe auf die Kirche als einen Segen für die Menschheit verherrlicht —«
»Nun,« sagte Ottilie lächelnd, »vielleicht geht der Herr Professor im Feuer des Streits gelegentlich zu weit —«
»Sie sagen: vielleicht? Sie sagen: gelegentlich? Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen zu bemerken, daß mein Bruder noch nie mit mir gestritten hat, ohne zu weit zu gehn; und daß ich erstaunen muß, Sie gegen seine maßlosen Angriffe auf alles, was uns heilig sein soll, so tolerant zu finden. Wenn Sie – —« Er unterbrach sich selbst: »Ich wünschte durchaus nicht, an diesem Morgen und mit Ihnen zu streiten; aber wenn Sie alle die grenzenlosen Uebertreibungen meines Bruders, alle seine Ketzereien verteidigen —«
»Die Uebertreibungen nicht!« warf Ottilie ein.
»Die Uebertreibungen nicht! also seine Ketzereien! Das also wollten Sie sagen« (sie schüttelte den Kopf) – »das also geben Sie zu! Nun, mein Fräulein, so sagen Sie diesem begeisterten Lobredner des gewaltthätigen Staats, diesem Kirchenfeind, für den Sie so warm eintreten, daß er sich leider nie die Zeit genommen hat, die Geschichte der Kirche zu studieren; sonst wüßte er aus tausend Blättern dieser Geschichte, daß die rohen Faustschläge des weltlichen Arms nie etwas anderes bewirkt haben, als das Gewissen der Menschheit zu wecken und den Glauben zu stärken. Sagen Sie diesem Fanatiker des Polizeistaats, mein Fräulein, daß an einer Stelle eines heiligen Buchs geschrieben steht: ›Ihr seid ausgegangen, als zu einem Mörder, mit Schwertern und Stangen, mich zu fangen . . . Aber das ist alles geschehen, daß erfüllet würden die Schriften der Propheten!‹ Sagen Sie diesem Mann, der nach Ihrer Meinung mir ›vielleicht und gelegentlich zu weit geht‹, daß ich jetzt, Gott sei Dank, die Fassung gewonnen habe, seine Maßlosigkeiten mit christlicher Geduld, oder, wenn er lieber will, mit Philosophie zu ertragen; und daß ich nur an dem Einen festhalten, und dieses Eine nie und nimmer verleugnen, und dieses Eine ihm immer und immer wieder in die Ohren und ins Gewissen rufen und verkündigen werde: Ihr seid und bleibt ohne Religion eine höhere Affenart!«
Damit trat er zurück, vergaß seinen Hut (in dem sich noch immer der Blumenstrauß befand) und ging, das Taschentuch statt des Hutes in der Hand, mit großen Schritten hinaus.
Da geht er, wie immer, durch die falsche Thür, dachte Ottilie, während sie ihm nachsah. Es war die Thür, die in ihr Schlafzimmer, und erst von da auf den Gang führte. – Uebrigens scheint es, ich bilde mich hier zum Blitzableiter aus; dies war, glaub' ich, schon das vierte theologische Wetter, das, statt am Professor Fridolin, an mir heruntergefahren ist! – »Nur zu, nur zu,« sagte sie und lachte. »So bleibt es beim kalten Schlag!«
II
Ein heiteres, taktmäßiges Klopfen, im anapästischen Kurz, kurz, lang, kurz, kurz, lang, pochte an die Thür.
»Herein!« sagte sie.
Der Professor Fridolin erschien. Er hatte die ritterliche Gewohnheit angenommen, zu klopfen, wiewohl dieses Zimmer nicht für Ottilie allein, auch für gemeinschaftliche Geselligkeit bestimmt war. Sein festlich strahlendes, lebensfrohes Gesicht war, obgleich ihn dieser Morgengang erhitzt hatte, nicht mehr als gewöhnlich gerötet; wie denn seine Freunde ihm nachsagten, infolge eines Naturfehlers könne er gar nicht erröten. Desto purpurner, ganz mit Rot übergossen, stand Ottilie da. Sie vermied es, so gut es ging, ihn anzusehn; wie wenn auf seinem Gesicht das Gedicht an sie, mit den sieben ersten Buchstaben, geschrieben stünde, und das Zartgefühl ihr verböte, es daselbst zu lesen. »Guten Morgen!« erwiderte sie etwas beklommen auf seine heitere Begrüßung.
»Es verlängert offenbar das Leben, nach Italien zu reisen,« sagte Fridolin: »dies ist nun schon der achte Sonntag, den ich in acht Tagen erlebe! – Ist es wahr, Fräulein Ottilie, was mir Judica vorhin sagte, daß Sie Ihren jungen Herrn Bruder morgen hier erwarten?«
»Ja,« erwiderte sie; »auf der Durchreise nach Rom. Mit einem Reifestipendium —«
»Der Glückliche! – — Aber ich beneide jetzt niemand auf der Welt. Hier in Riva ist Rom!
War nicht mein Bruder bei Ihnen? Oder irrte ich, wenn ich ihn die Fliesen des Korridors eben abwetzen hörte?«
»Sie irrten nicht,« sagte sie mit gezwungenem Lächeln; »er war eben hier.«
»Und hat sich vermutlich bei Ihnen, unserm italienischen Lexikon, unsrer lebendigen Grammatik, wieder Rats erholt? oder mich wieder bei Ihnen verklagt? wieder den Kreuzzug gegen mich gepredigt?«
»Ich glaube, dazu wäre Ihr Herr Bruder wohl der letzte Mann!« antwortete sie sanft.
»Nach Ihrer Vorstellung, ja! Sie halten ihn offenbar für einen milden, sanften Nazarener. Sie nehmen ihn unter Ihre Engelsflügel, so oft man ein Wort über ihn spricht; Sie bemuttern ihn. Als ich neulich behauptete, im sechzehnten Jahrhundert hätte er mich, seinen Bruder, lebendig rösten lassen, versicherten Sie mir, ich sei ein zweiter Franz Moor, und er ein Engel. Ich weiß, Sie beide haben sich gegen mich verschworen; Sie beide werden eine neue Sekte bilden, deren Lebenszweck ist, mit allen Andersgläubigen die Affenkäsige der zoologischen Gärten zu bevölkern; und für mich werden Sie einen besonders bauen lassen, mit der schwarzen Inschrift: ›Fridolin, der gottlose Staatsaffe oder Vernunftgorilla. Von einigen auch der Kunst-Pavian genannt. Er spuckt und beißt.‹«
»Nun?« sagte Ottilie lachend. »Hat der Herr Pastor unrecht, wenn er behauptet, daß Sie gern übertreiben?«
»Sehn Sie: wie allemal nehmen Sie sich seiner an! Ich sage kaum drei Worte, so ruft mir die ganze Sekte zu: du übertreibst! Ob ich in der Hauptsache recht habe, ob meiner sogenannten Uebertreibung die Wahrheit, die absolute, ewige Wahrheit zu Grunde liegt, darauf geht man nicht ein! – Sehn Sie, Sie lächeln schon wieder —«
»Weil mir scheint, Sie wollen mich schon wieder, wie gestern, mit dem Herrn Pastor verwechseln —«
»Verwechseln? Ich will seine Angriffe abwehren, Sie, meine Beste, treten vor und schlagen mir die Waffe aus der Hand; was soll ich thun? Ich raffe mein Schwert wieder auf und wende mich nun gegen Sie! – Glauben Sie etwa, Fräulein Ottilie, daß die Liebe zum Schönen, zur Weisheit, zur Vernunft – diese friedliche, ideale Liebe – nicht auch ihre kriegerische Kehrseite hat, den ebenso idealen Haß gegen die Feinde des Schönen und der Vernunft? Glauben Sie, daß wir Männer der Kunst und Wissenschaft nicht auch in eine große Armeeliste eingetragen und mobil gemacht sind, daß wir nicht die Soldaten des Weltgeistes und dazu berufen sind, seine Schlachten zu schlagen? Glauben Sie, Fräulein Ottilie —«
»Aber wirklich, ich widerspreche Ihnen nicht; gar nicht; ich erlaubte mir nur, zu sagen, daß Ihr Herr Bruder —«
»Der durch meine Uebertreibungen Gereizte, der ungerecht Angegriffene, der von einem zweiten Franz Moor grausam Verleumdete ist! – Sehn Sie gefälligst in dieses Zeitungsblatt, Fräulein Ottilie: hier, auf dieser Seite, können Sie lesen —«
»Ich danke; wirklich, ich glaube es unbesehn – alles, was da steht —«
»Sie glauben es? Sie glauben, daß dieser pfäffische Maulwurf, dieses Nachteulengehirn recht hat, dieser Kerl, der da in seiner deutschen Muttersprache schreibt, zur Ehre Gottes müsse das deutsche Reich wieder zerstört, die deutsche Wissenschaft wie altes Papier verbrannt, die deutsche Poesie als neues Heidentum ausgerottet werden? Dieser Weltanschauung stimmen Sie zu, Fräulein Ottilie? Aus Parteinahme für meinen geistlichen Bruder stimmen Sie ihr zu —«
»Um Gottes willen, nein! Ich stimme ihr nicht zu; ich finde, daß sie verrückt ist; – und ich bin überzeugt, auch der Herr Pastor findet sie verrückt —«
»Sie sind überzeugt – natürlich, denn Sie breiten ja stets Ihre beiden Arme schützend über ihm aus! – Nun, Fräulein Ottilie, fragen Sie ihn selbst! Geben Sie ihm dieses Blatt; dieses Zeitungsblatt! Lassen Sie ihn diese Leichenpredigt auf Deutschland lesen und fragen Sie ihn, ob er wirklich den Mut der Konsequenz hat, bis zu diesen letzten Folgerungen mitzumarschieren! Fragen Sie ihn, ob er es vorzieht, mit diesem Rabengesindel ein kanonischer Gläubiger, oder gleich uns andern ein ›höherer Affe‹ mit Idealen, mit Bildung, Vaterland, Kunst und freier Vernunft zu sein!«
Er legte das Zeitungsblatt neben ihr auf den Tisch; seine blauen Augen strahlten sie mit einer solchen Kraft der Ueberzeugung an, daß ihr in dem Augenblick wirklich nichts einfiel, das sie erwidern könnte. Judicas Stimme ließ sich im Nebenzimmer hören. Der Professor brach ab. Er machte eine Bewegung, mit. der er sich empfahl. »Fragen Sie ihn! fragen Sie ihn!« wiederholte er noch einmal. »Hören Sie, was die Sekte darauf erwidert! Und dann sagen Sie ihm, verehrte Gegnerin, was ich, der Vernunftgorilla, Ihnen gesagt habe!«
Ottilie sah ihm nach; denn mit diesen Worten ging er (übrigens durch die rechte Thür) hinaus. Sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte, warf sie sich auf einen Stuhl; es war ihr auf wirklich lächerliche Weise zwischen Lachen und Weinen zu Mut. Sie nahm das Zeitungsblatt in die eine, des Pastors Hut mit dem Blumenstrauß in die andere Hand. Plötzlich mußte sie lachen; – obwohl ihr etwas weh that, sie wußte nicht was. Ja, es ist begreiflich, dachte sie, daß ich ihnen allmählich unentbehrlich werde: denn seit ich da bin, können sie aufs schönste miteinander streiten, ohne daß sie die Unannehmlichkeiten des Wortwechsels haben. Ich bin ihre Rednerbühne. Ich bin die Zeitung, in der sie ihre polemischen Leitartikel niederlegen. Sie drucken sich an mir ab. Dann gehn sie erleichtert von bannen und kehren zu den Freuden des Lebens und der Bruderliebe zurück. Wirklich, ich fange an, mich für ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu halten! – Sie stand auf. Ihr alter Galgenhumor lachte ihr aus den Augen. Auf einmal fuhren ihr wieder Verse durch den Sinn:
»O du, holder als Alle zumal« —
»O du – —«
Weiter wußte sie's nicht.
»Guter Gott!« sagte sie, »für einen Liebenden, der Verse auf mich macht, hat er mir eben eine schöne Predigt gehalten!« —
»Bist du wieder da, mein Kind?« fragte sie die eintretende Kleine, indem sie sich sehr zusammennahm. »Wo hast du so lange gesteckt?«
»Ich hab' das Blatt Papier wieder auf Onkel Fridolins Schreibtisch gelegt; und dann hab' ich aus dem Fenster geguckt und – und —«
»Nun?«
Das Kind dachte nach. »Und aus dem Fenster geguckt,« sagte sie endlich; »weiter weiß ich's nicht.«
»Träumerin! Ich werd' dir Arbeit geben! – Du hast das Blatt auch genau wieder auf seine Stelle gelegt?«
»O ja! – — Ich glaube. – — Ich weiß es nicht mehr gewiß.«
»So wird es besser sein,« sagte Ottilie mit halber, etwas unterdrückter Stimme, »ich seh' selber nach!« Sie führte die Kleine an der Hand in Professor Fridolins Zimmer, das mich auf den Garten hinausging; durch das offene Fenster sah sie Fridolin unten, am See, in einer Laube sitzen. »Nun, wo liegt dieses unglückliche Blatt?« fragte sie das Kind.
Wozu fragte sie noch; sie hatte es schon gesehn.
»Hier!« antwortete Judica. »Und hier lag es auch, Tante Ottilie.«
»Gewiß?«
»Ganz gewiß.«
Ottilie nahm es nochmals in die Hand. Die kleine zierliche Schrift schien's ihr anzuthun. Ihre Augen lasen, und ihre Lippen lasen, sich leise bewegend, mit. Hat er's hier liegen lassen, dachte sie, damit ich es finden soll? Als ich ihm neulich scherzend sagte, man müsse alles Schriftliche vor mir hüten, weil ich mit meinen Luchsaugen drei Schritte weit lese, auch die kleinste Schrift – hat er sich das gemerkt? – —
Sie war wieder bei den letzten Versen:
Ich, ich liebe! Wann sagst du einmal,
Echo des Herzens: – —?
Diese drei Silben, die da fehlen, dachte sie, – hat er gar gehofft, das Echo werde sie hinschreiben? —
»Ich liebe« – wie das klingt! Plötzlich fühlte sie, daß sie ihn liebte.
III
Sie sah auf – und das Blatt fiel ihr aus der Hand. Der junge Naturforscher, Leopold, stand drei Schritte von ihr, auf der andern Seite des Schreibtisches; in grauem Anzug, eine Reisetasche über die Schulter gehängt, einen Stockschirm in der Hand. »Guten Morgen, mein Fräulein!« sagte er scheinbar ruhig mit seinem bedächtigen Baß. »Ich such' hier den Professor. Schönen guten Morgen, Fräulein Judica.«
Das Kind sprang auf ihn zu. »Wo kommen Sie her? so plötzlich?« fragte Ottilie.
»Gott sei Dank, es scheint, Sie erkennen mich wenigstens noch! – Ich komme von Berlin. Ich langweilte mich in Berlin. Ich hab' Tante Ritter gefragt, ob sie etwas an Sie zu bestellen hätte, und mit ihren Grüßen und mit dieser Reisetasche hab' ich mich auf den Weg gemacht.«
Ottilie starrte ihn etwas befremdet an. Will er mich noch einmal fragen, dachte sie, ob »er es ist«? – »Der Herr Professor wird sehr erfreut sein,« stammelte sie. »Sie kommen direkt —«
»Ja. Ich hab' mich wie einen Koffer expediert, und bin nun da.«
»Meine Tante ist wohl?«
»Ihre Tante ist schön und gesund, Berlin ist eine Wüste, und ich bitte Sie, Fräulein Ritter, geben Sie mir eine Hand.«
»Welche Sie wollen – hier. – Judica! Ruf den Onkel! Sag ihm, wer hier ist.«
Judica stürzte ans Fenster; es war aber nicht mehr nötig, Fridolin zu rufen: denn durch die Thür, die Leopold beim Kommen halb offen gelassen hatte, trat der Herr Professor eben mit einem sonderbaren Gefolge ein. Im Gänsemarsch gingen Pastor Philipp und der Wirt des Hotels – ein kleiner, munterer Italiener mit gelbem Gesicht und schwarzem Kraushaar – hinter Fridolin her; alle drei mächtige grüne Büschel in der Hand, der Italiener lachend, die beiden Brüder mit komisch ernsten Gesichtern. Als Fridolin Leopold erblickte, stutzte er einen Augenblick; doch gleich darauf drückte er dem Jüngling, ohne ein Wort zu sagen, seinen Büschel in die Hand, bedeutete ihm, sich dem Zuge anzuschließen, und griff in die Ecke neben der Thür, wo ein ganzer Haufe solcher Büschel lag. Mit einem von ihnen bewaffnet setzte er den feierlichen Marsch durch das Zimmer fort; verneigte sich mit dem lächerlichsten Pathos vor Fräulein Ottilie, und ging dann in den entferntesten Winkel des Zimmers voran. Die andern folgten; auch Leopold, der mit philosophischer Ruhe erwartete, was geschehen werde. Judica hatte sich hurtig gleichfalls mit einem Büschel versehen und stapfte hinter ihm her.
Als der Professor bis in die Ecke gekommen war, wandte er sich zu Ottilien zurück und sagte: »Vossignora« (ein halb fragender, halb stolzer Blick auf den Wirt; dieser nickte) oder L«ce1teri?g. haben gestern die Klage auszustoßen geruht, daß in diesem sonst paradiesischen Aufenthalt jene kleinen geflügelten Dämonen, welche man Fliegen nennt, sich mit einer Schnelligkeit vervielfältigen, die die Naturkundigen unter uns leider nicht befremdet. Soll man wünschen, daß der Dame unseres Hauses durch diese geflügelten Dämonen das Leben verbittert werde? Nein. Was soll man also wünschen? Daß diesen Dämonen hier das Leben verbittert werde. Genehmigen Sie also den vor Ihnen stehenden, von mir organisierten ›Chor der Fliegenjäger‹, der es sich zur Aufgabe machen wird, täglich zu wiederholten Malen für die Ruhe Ihrer Seele und den Frieden Ihrer Nase zu sorgen, und der in diesem feierlichen Augenblick beginnt —«
Dieser Schlußsatz der Rede wäre so würdig vollendet worden, wie er begonnen hatte, wenn sich nicht gerade jetzt dem Redner eine große Fliege auf die schöne Nase gesetzt und ihn so unversehens gekitzelt hätte, daß er alle Haltung verlor und mit der freien Hand nach ihr schlug. »Verdammte Bestie!« schloß er seine Rede. Alle fünf Büschel schlugen dann gleichzeitig auf diese unparlamentarische Fliege los. Sie entfloh in eine andere Ecke, der Pastor ^verfolgte sie mit seinen längsten Schritten; Judica krähte vor Vergnügen; der Italiener jagte mit vielen Maledetta's hinter seinen Landsmänninnen her; ein wildes Chaos entwickelte sich. Endlich lief Ottilie, sich die Ohren zuhaltend, hinaus. Die Fliegenjäger folgten ihr aber, von Fridolin geführt; sie ordneten sich, sie kämpften in den anderen Zimmern systematisch, die Wände gleichsam mit vollen Salven bestreichend und, wie bei Treibjagden, nach den offenen Fenstern zu eine Kette schließend. Endlich glaubten sie gesiegt zu haben, warfen ihre Büschel auf einen Haufen, und Judica stieß ein Triumphgeschrei aus. Der Wirt verschwand; der Pastor, dessen sich eine unchristliche Berserkerwut bemächtigt hatte, verfolgte noch mit Judica eine letzte Fliege bis in Ottiliens Schlafzimmer; Leopold aber warf sich erschöpft in eine Sofaecke und streckte die Beine von sich.
»Ein furchtbar unpraktisches Verfahren!« sagte er mit einer Art von Erbitterung.
»Alles Bedeutende erscheint zunächst unpraktisch,« entgegnete Fridolin, der sich, nicht weniger erschöpft, in einem »Faulenzer« ausstreckte. »Uebrigens, guten Morgen! Uns so zu überraschen, war eine gute Idee.«
»Weil ich in dem verwünschten Berlin keine andere Idee mehr hatte, hatte ich diese. Guten Morgen! – Uebrigens« – er sah sich um – »wo sind wir hier?«
»In Philipps Zimmer.«
»Wo ist – Fräulein Ottilie geblieben?«
Ehe Fridolin antwortete, hörte man aus dem Garten herauf einen leisen Gesang. Fridolin horchte; sein Gesicht verklärte sich. Endlich deutete er mit einem Finger dahin, von wo die Stimme heraufkam.
»Sie ist offenbar vor unserm Kriegslärm entflohn!« sagte Leopold.
Fridolin blickte Leopold an, ohne etwas zu erwidern. Dann, nach einer Weile, sagte er: »Verständigen wir uns, mein Sohn. Gehen wir keine Schleichwege um einander herum. Nicht wahr, du bist hergekommen, weil du die oben genannte Dame – wiedersehen wolltest.«
»Nehmen wir an,« erwiderte Leopold nach einer Pause, »daß es so ist.«
Der Professor versank in Schweigen. Nach einer viel längeren Pause sagte er endlich: »Es war zu erwarten; denn es ließ sich denken.«
»Brauch' ich dir zu sagen, mein Freund,« setzte er nach einer neuen Pause hinzu, »daß ich bei dieser Sache, wie man zu sagen pflegt, ein – Interesse habe?«
»Ich war so frei, es bereits zu erraten,« antwortete Leopold. »Diese Fliegenjagd war eine von deinen Liebeserklärungen; nicht? – Du bildest dir ein, Fräulein Ottilie zu lieben.«
»Ich bilde mir's ein? Wieso?«
»Nun, da du doch weißt, daß du mit dir selbst in der bekannten ›heimlichen Ehe‹ lebst.«
Fridolin schwieg hierauf wieder eine Weile. »Mein guter Leopold,« sagte er dann mit überlegenem Lächeln, »diese Phantasie hast du also ernst genommen, wie ich sehe.«
»Wie?« sagte Leopold verdutzt und richtete sich auf: »eine Phantasie?«
»Ja. Bleib sitzen. Rege dich nicht auf. Diese lange Seelengeschichte, die ich dir damals erzählte – vielleicht machte ich mir nur den Spaß, dir, dem Naturforscher, eine merkwürdige ›psychologische Naturerscheinung‹ plausibel zu machen. Vielleicht um dir zu zeigen, mein Sohn, daß ich doch noch dein Meister bin. Du hast meine wissenschaftliche Auseinandersetzung gläubig hingenommen —«
»Fridolin!« unterbrach ihn Leopold, der nun vor ihm stand und ihn mit seinen forschenden Augen zu ergründen suchte. »Hast du damals Komödie gespielt, oder spielst du sie jetzt?«
»Ich überlass' es deinem Scharfsinn, mein Teurer, darüber ins klare zu kommen. Du bist ja ein bedeutender Kopf.«
»Jedenfalls – jedenfalls glaubst du Fräulein Ottilie zu lieben?«
»Ich hätte das Recht, mein Sohn, darüber zu schweigen; aber ich find' es würdevoller, dir offen zu antworten: Ja. Ich glaube nicht zu lieben, sondern ich liebe.«
»Hm! – Und was die Gegenliebe betrifft – —«
Leopold wartete auf Antwort.
»Vielleicht hältst du, junger Mensch, es für eine Thorheit, daß ich mit meinen vierzig Jahren noch die Liebe eines jungen Mädchens zu gewinnen hoffe; aber ich – so wie du mich hier in diesem Lehnstuhl liegen siehst – ich hoffe es.«
Unwillkürlich atmete Leopold auf; er hofft nur! dachte er. – »Was ich dann noch sagen wollte —« fuhr er fort.
»Sage es.«
»Du denkst sie zu heiraten?«
»Was dieser junge Mann alles fragt! – Ja, ich denke sie zu heiraten. Natürlich wenn sie will.«
»Du denkst sie jedem andern streitig zu machen?«
»Auf die Art, die meiner würdig ist: mit den Waffen des Geistes und des Herzens – ja. Das denke ich.«
Leopold ging im Zimmer auf und ab. Er zog sein Taschentuch hervor und rieb sich damit die Stirn. Der Professor folgte ihm mit den Augen, ohne sich zu rühren. Endlich blieb der Jüngling vor ihm stehn, mit einem feinen, klugen Lächeln um die bartlosen Lippen; während die grauen Augen Fridolin scharf beobachteten. »Es scheint mir, du bist im Stadium der Selbsttäuschung,« sagte er.
»Inwiefern?« fragte der Professor.
»Ich erinnere mich, daß du mir damals sagtest – ungefähr so war's —: ›Ein reizendes Frauenzimmer entzückt mich; ich verliebe mich. Weiß ich nun noch, daß ich auch eine weibliche Hälfte habe, mit der ich innerlich verheiratet bin? Nein. Ich hab' es vergessen. Ich weiß nicht, daß ich es wußte.‹«
»Das alles hätt' ich dir damals, abends im Tiergarten, gesagt?«
»Ja. Mein Gedächtnis ist nicht übel, wie du weißt. Du sagtest mir noch mehr: ›ich beabsichtige sie zu heiraten,‹ sagtest du; ›ich bin nur noch ein verliebter Mann; ich dichte, ich werbe‹ – — Das ungefähr waren deine Worte.«
»So! – Und daraus schließest du nun —«
»Daß dieser Zustand, in dem du deine heimliche Ehe verleugnest, auch jetzt wieder über dich gekommen ist; daß du dich jetzt nicht kennst.«
Der Professor stand auf. »Und du, der zweiundzwanzigjährige Fant, kennst mich besser als ich?«
»In diesem Augenblick, ja. Du willst Fräulein Ottilie heiraten? Du darfst sie nicht heiraten; das wäre Bigamie.«
»Das wäre Bigamie?« – Fridolin erhitzte sich. Er verlor seine lange bewahrte philosophische Fassung; er schüttelte seine große Jupiterlocke, daß sie hin und her flog. »Mein liebes Kind!« sagte er, »weil ich dir einmal eine allegorische Fabel vorgetragen habe, die ganz zu verstehn du leider noch viel zu jung bist, darum dürft' ich nicht heiraten? Und weil du dich zufällig in eben dieselbe Dame vergafft hast und ihr von Berlin an den Gardasee nachgereist bist, darum wär' es Bigamie, wenn ich Ottilie Ritter heiratete? – Ich bitte dich, laß mich ausreden; auch ich will einmal ausreden – ich, der Mann, den jeder unterbricht. Es wird offenbar Zeit, mein Sohn, daß ich dir folgendes sage! Wenn ich noch nicht entschlossen war, Ottilie Ritter zu heiraten, so bin ich es jetzt. Und ich bin entschlossen, der musterhafteste Ehemann zu werden, den es gibt! Ich bin entschlossen, euch jungen Mannsbildern von heute, euch fischblütigen Naturforschern und Verstandesknechten zu zeigen, wie so ein Idealist aus der alten Schule die wahre Liebe und die wahre Ehe versteht! Und endlich bin ich entschlossen, dir zu beweisen, mein Lieber, daß ich ein freier Mensch bin und thun kann, was ich will! – Bist du mein Nebenbuhler, – gut! Thu, was du kannst. Setz deine verständige Jugend gegen mein unverständiges Alter. Laß es uns gegenseitig für eine Ehre halten, miteinander um Ottilie Ritter zu kämpfen. Aber bilde dir nicht ein, daß ich vor deinen Einreden zurückweiche! – Ich hab' deine Schwester geliebt und dann auf ihrer Hochzeit mit einer andern getanzt; ich hab' Therese Fischer geliebt und bin dann, als mein Bruder Franz sie heiratete, sein Trauzeuge gewesen; aber bilde dir nicht ein, mein Lieber, daß ich auch auf Ottilie Ritter freiwillig und gutmütig verzichte. Kämpfe mit mir – und siege, wenn du kannst!«
»Fridolin!« rief Leopold, der nun endlich zu Worte kam, hinter ihm her. Aber Fridolin lief hinaus. In der Thür hätte er beinahe den Pastor Philipp über den Haufen gerannt, der blaß und mit sehr verstörten Gesichtszügen dastand. Doch ohne auf ihn zu achten, lief Fridolin an ihm vorbei und in sein eigenes Zimmer, und ließ den jungen Naturforscher mit der sich auflösenden Naturerscheinung der heimlichen Ehe allein.
IV
Es klopfte an Fridolins Thür. Eben hatte er sich erst auf sein Sofa geworfen und suchte sich nach dieser Erregung zu fassen, sein heftig schlagendes Herz gleichsam mit den Händen zu halten, in die Zukunft zu denken, – als er es pochen hörte. Er blieb still. Neues Klopfen. Endlich trat der Pocher ungerufen ein. Es war Pastor Philipp. Seine Gestalt war noch vorgebeugter, seine Schritte noch schleifender, sein Gesicht noch blasser als sonst. So geräuschlos wie möglich ging er bis an das Sofa, auf dem der Professor lag, und setzte sich daneben auf einen Stuhl.
»Verzeih, lieber Bruder, daß ich eintrete,« sagte er mit großer Langsamkeit und mit etwas Feierlichem in der Stimme.
»Was wünschest du?« fragte Fridolin, innerlich gereizt. »Willst du wieder einmal fort?«
»Nein; das nicht. Darum komme ich nicht. Fridolin, hast du zwei Minuten für mich?«
Resigniert antwortete Fridolin: »Ich habe sie. Sprich.«
»Ich habe eben, unfreiwilligerweise, einige Worte gehört – achte nicht auf meine Stimme« (sie fing nämlich an zu zittern), »ich glaube, sie ist etwas belegt – — einige Worte gehört, über die ich mit dir reden muß. Ottilie Ritter. Du sprachst von Fräulein Ottilie Ritter. Ich wollte in mein Zimmer – und stand noch vor der Thür – und weil du leider, nach deiner Gewohnheit, sehr laut sprachst, habe ich's gehört.«
»Was hast du gehört?« fragte Fridolin, indem er auffuhr.
Der Pastor drückte ihn sanft wieder in seine Ecke zurück. »Du sollst nicht zu kurz kommen, lieber Bruder,« sagte er mit einem rührend melancholischen Lächeln: »ich werde dir auch etwas von Fräulein Ottilie Ritter sagen; so gleicht's sich aus. Es war allerdings eine Untreue gegen meine Vergangenheit – — Kurz, Fräulein Ottilie – — Es ist mir damit gegangen, wie ich niemals gedacht hätte. Ich bin wieder aufgelebt. Ich habe heute allerlei Blumen und Kräuter gepflückt wie ein junger Mensch; ich habe mit euch Fliegen gejagt; – noch vor vierzehn Tagen hätte ich ebenso gut meinen Herrn Jesum Christum verleugnet, als solche Thorheiten getrieben. Ich bin noch jung, sagst du. Ja, ich bin wohl noch jung. Es ist mir nun selber so zu Mute, als wenn ich wirklich noch jung wäre. Und da sie, wie du gleichfalls sagst, die beste Erzieherin meines Kindes ist, die ich finden könnte – und da ich leider gar kein Talent habe, allein zu leben Bitte, bleib in deiner Ecke, wie ich auf meinem Stuhl – — So hab' ich heute morgen auf meinem Spaziergang, während ich die Blumen pflückte, gedacht: ich glaube wirklich, wenn sie wollte, ich wollte wohl. – Das war es, was ich meinerseits dir zu berichten hatte.«
Während er dies sagte, lag Fridolin nicht mehr in seiner Ecke, sondern stand, gegen den Tisch gelehnt, riß die Augen weiter und weiter auf, und nickte dazu, ganz verstört, mit dem Kopf. »Auch du willst sie haben!« rief er endlich aus. »Jeder will sie haben! – Und um mir das so ins Gesicht zu sagen, kommst du herein? – Wenn du vorhin an deiner Thür gehört hast, daß ich von Ottilie Ritter sprach, weißt du dann nicht, wie es in mir aussieht?«
»Ich weiß, allerdings,« murmelte der Pastor; »ich bitte dich, rede nicht so laut. Du willst auf Fräulein Ottilie nicht verzichten, hast du gesagt —«
»Nein! ich will und werde nicht auf sie verzichten! Ich werde nicht! Nicht gegen alle Brüder der Welt —!«
»Aber was redest du von allen Brüdern der Welt,« fiel ihm der Pastor ins Wort; der immer leiser und hohler sprach, je mehr Fridolins Stimme sich erhöhte. »Ich war nur gekommen, um dir mit brüderlicher Offenherzigkeit zu gestehen, was ich meinerseits vor einer Stunde gedacht hatte —«
»Es ist gut! Denke, wolle, mache deine Pläne; nur zu! Thut alle miteinander, was ihr wollt, was
ihr könnt! Hindernisse – — O! Hindernisse machen mich nicht irre, sie thun mir gut, sie wecken meine Energie, sie reizen mich. Gebt mir Hindernisse, ich springe darüber hinweg!«
»Aber was redest du von darüber Hinwegspringen, von Hindernissen —«
»Wie!« fuhr Fridolin auf. »Wirfst du mir etwa kein Hindernis in den Weg, wenn du mir sagst: ich liebe sie auch? Reißest du nicht an meinem Herzen herum, wenn du mir sagst: ich kann nicht allein leben, sie soll bei meinem Kind bleiben, sie soll meine Frau sein? – Aber ich verzichte nicht!« rief er heftiger aus. »Nein! Sag mir nichts mehr! Ich verschließe meine Ohren, meinen Verstand, mein Herz, ich höre nicht zu. Sagt mir nichts mehr von euch; sagt mir nichts von dieser gottverdammten ›heimlichen Ehe‹! Ich will eine Ehe haben wie ihr alle, wie die ganze Welt, ich will heiraten, ich will glücklich werden, und alle eure Hindernisse sollen mich nicht hindern!«
»Um Gottes willen,« stammelte Philipp; »was
für ein Ausbruch – — Fridolin—!« – Da bricht er vollends aus und ist aus der Thür. Fridolin! – — Hat man denn diesen Mann je in diesem Zustand gesehn? – Ich glaube, ich zittere. – ›Nicht gegen alle Brüder der Welt‹ – Bin ich denn so ein unbrüderlicher Bruder, daß man mir solche Kriegserklärungen ins Gesicht werfen muß? Haben wir beide so miteinander gelebt, daß er von mir hinwegstürzt wie von einem Feind, und mir – — – Ich hätte gar nicht kommen, von meinen eigenen Gedanken gar nichts sagen sollen; – ich bereue immer zu spät. ›Heimliche Ehe‹ – was wollte er mit seiner ›heimlichen Ehe‹? Ich verstehe es nicht. – Ich dir Hindernisse geben, daß du darüber hinwegspringst? Zum Dank für all deine Liebe und Güte, deine Opfer, deine brüderliche Sorge und Treue? Ich, der ich mich hinstelle und den Menschen Christi Wort und Lehre predige-, ich, der ich weiß, wie viel besser und im Geiste reicher und in allem liebenswerter du bist als ich – —
»Nein!« sagte er laut nach diesen leisen Gedanken, und ging mit einer Entschlossenheit, die an ihm selten war, aus der Thür.
Er ging in sein Zimmer; niemand begegnete ihm. Er schloß die Thüren zum Korridor und zum Nebenzimmer ab, holte aus einer Ecke einen Handkoffer hervor, und begann, zuweilen seufzend, zuweilen aus tiefer Zerstreuung auffahrend und nachsinnend, was er denn eben gewollt, allerlei Wäsche und Bücher einzupacken. Die kunstvolle Berechnung und Ersparung des Raumes, die er dabei nach alter Gewohnheit betrieb, kostete ihn viele Zeit; denn so oft er die Entdeckung machte, daß eine noch kunstvollere Behandlung des Raumes möglich sei, packte er seufzend sein ganzes Werk wieder aus und zwang seine Hemden, Reisebücher, Strümpfe und Kirchenzeitungen, sich noch inniger aneinander anzuschließen. Als er endlich nach Verlauf einiger Stunden alles vollbracht und mit sich und mit seinem Koffer abgeschlossen hatte, schloß er noch einmal auf, holte mit vieler Mühe Tintenfaß, Briefpapier und Feder wieder hervor, die er voreilig mit eingepackt, und schrieb in seiner kleinen, steilen Schrift folgenden Brief:
»Mein verehrtes Fräulein! Ein plötzlicher, an sich unbedeutender Anlaß zwingt mich, mit dem nächsten Omnibus, der nach Mori an die Eisenbahn geht, abzureisen und Sie mit meiner Judica im Schutze meines Bruders zurückzulassen. Ob ich Sie noch hier in Riva wiedersehe, oder später erst, und wann und wo, das alles würde ich Ihnen schon heute sagen, wenn ich's heute schon könnte. Ich kann es nicht. Nehmen Sie einstweilen meinen aus tiefstem Herzen kommenden Dank für alles, was Sie an meinem Kinde gethan haben und etwa noch thun werden; und gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß, was ich auch gegen die kirchenfeindlichen Gesinnungen meines Bruders vor Ihnen geäußert haben mag (und ich hatte sowohl das Recht als die Pflicht, ihm darin entgegenzutreten!), er in allem übrigen einer der verehrungswertesten und edelsten Menschen ist. Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich, der ich über sein Seelenheil leider manche Sorgenstunde habe (und ich wäre ein Mensch ohne Gewissen und Glauben, hätte ich sie nicht), daß ich ihm für sein irdisches Heil allen Segen, allen Trost, alle Liebe wünsche, die ein so liebenswertes, großes Herz für sich begehren kann. Sagen Sie ihm, mein verehrtes Fräulein, daß der Gegensatz zwischen unseren religiösen und politischen Ueberzeugungen, oder sonst irgendein Gefühl, welches es auch sei, mich nicht hindert, seinen Wünschen jeden eigenen Wunsch zum Opfer zu bringen; und daß ich in mir den tröstlichen Glauben habe, alle die Liebe, die er verdient, werde ihm zu teil werden.
»Ich werde später von mir hören lassen, wie und wo ich bin; den nötigen Reisebedarf führe ich in meinem Handkoffer mit. Der eine meiner Hüte, mit den Blumen (deren einziger Zweck war, Sie für jene unsere erste Begegnung nochmals um Verzeihung zu bitten), blieb bei Ihnen stehn; ich brauche ihn nicht, ich reife mit dem andern. Es ist heute Sonnabend, der Wirt unseres Hotels wird Ihnen die Wochenrechnung überreichen; wollen Sie sie meinem Bruder geben, daß er sie bezahle. Und nun leben Sie wohl, – und Gott gebe Ihnen und meinem Bruder gute Gedanken.
Hochachtungsvoll
ergebenst
der durch Sie glückliche Vater Judicas.«
V
Pastor Philipps Brief war vielleicht noch nicht ganz geschrieben, als Fräulein Ottilie die letzte Hand an ihre Toilette legte, in der sie beim Familiendiner erscheinen wollte. Diese Toilette war, in Ermangelung von Versen (sie machte keine), gleichsam eine Antwort auf Fridolins Gedicht: die Frisur, der Kopfputz, das Krägelchen, die Farbe ihres Kleides, alles nach Professor Fridolins Geschmack und gelegentlich ausgesprochenen Wünschen gewählt, konnten auch für eine Art von Akrostichon gelten; jedes Stück des Anzugs ein Buchstabe, das Ganze: »Fridolin.« Es war dadurch etwas Veilchenhaftes über sie gekommen, das ihr eigentlich nicht natürlich war; sie stand vor dem Spiegel und konnte nicht umhin, es leise zu empfinden; doch mit der Entschlossenheit, die jedes lebhafte Gefühl des Herzens hat, warf sie diese leise Empfindung unter den Tisch. Konnte es denn wohl noch eine Täuschung sein, daß sie Fridolin liebte? Warum hatte sie denn wieder (schon zum drittenmal!) dieses Blatt mit dem verräterischen Gedicht in der Hand? Warum hatte sie es heimlich aus seinem Zimmer geholt und sich in ihrem eigenen damit eingeschlossen? Und warum setzte sie sich nun, als Veilchen geschmückt wie sie war, mit rot blühenden und glühenden Wangen an ihren Schreibtisch, zog ein zierliches Bleistiftetui hervor, das ihr der Professor gestern abend geschenkt hatte, legte das Gedicht vor sich hin, und sah auf die letzte Zeile mit einem herzlichen, tiefen Seufzer herab?
»Ich kann diese Lücke nicht mehr sehn,« sagte sie halblaut. Dieses Gedicht behalt' ich, dachte sie dann leise. Warum legte er's auch so offen auf den Tisch? – — Wenn ich's behalte, so kann ich die Lücke ja ausfüllen: die drei letzten Silben.
Ich, ich liebe! Wann sagst du einmal,
Echo des Herzens: – —?
Nun? Echo des Herzens? – Sie dachte nicht länger, sie nahm den Bleistift und schrieb. Nach »Echo des Herzens« setzte sie an und schrieb (und es machte ihr Mühe, in die kleine Schrift des Professors ihre großen, kühnen Buchstaben hineinzuzwängen): »Ich lie —«
»Nein!« sagte sie, sprang errötend auf und warf den Bleistift hin. »Wie komm' ich dazu? Was mache ich? Gott im Himmel, was ist mit mir geschehen, daß ich so lyrische Narrheiten treibe? Und ich, ich will andre Kinder erziehn?«
Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihre Gedanken; es war ihr recht. Sie warf das Gedicht in eines der Bücher, die auf ihrem Tisch lagen, packte die andern darauf, so daß es zu unterst lag, und ging dann an die Thür, sie aufzuschließen. Sie hatte gedacht, es sei Judica. Zu ihrer Verwunderung stand Leopold vor ihr – jetzt ohne Reisetasche, Schirm und Stock – und begrüßte sie mit einer fast zu höflichen Verbeugung.
»Darf man wagen, Sie einen Augenblick zu stören?« fragte er. »Haben Sie für mich eine Minute Zeit?«
»Einen Augenblick« – »eine Minute« – für einen Mann nicht sehr logisch! dachte sie. – »O ja,« sagte sie lächelnd, »ich hab' für Sie die gewünschte Zeit.«
»Ich sehe, daß Sie schon lächeln, mein Fräulein,« erwiderte Leopold etwas mühsam und sichtlich verlegen; »das ist kein hoffnungsvoller Anfang für mich. Ich weiß sehr gut, wie es mit mir steht. Ich bin – beklommen, verlegen; daher ungeschickt. Sehn Sie, ich sage Ihnen das lieber selbst, damit Sie es nicht hinter meinem Rücken denken, mein Fräulein. Wenn ich es selber sage, so erscheint es weniger absurd, weniger lächerlich. Darum sag' ich es selbst.«
»Eine gute Maxime, und gewiß sehr praktisch,« entgegnete Ottilie heiter und leichthin. Sie betrachtete ihn mit beginnendem Interesse.
»Es liegt in der Sache,« fuhr er fort; »die Beklommenheit, mein' ich. Erstens hab' ich Ihnen gegenüber, damals in Berlin, eine auffallende Dummheit gemacht; das liegt nun auf meinem Selbstbewußtsein, das drückt mich. Zweitens bin ich, wie ich glaube, im Begriff, eine zweite Dummheit zu begehn; das richtet mich auch nicht auf. – Bitte, lächeln Sie lieber, wertes Fräulein, als daß Sie mit diesem furchtbaren Ernst zuhören, was ich Ihnen sage.«
Sie lächelte.
»Sehen Sie, mein Fräulein, – ich hab' damals, in Berlin, behauptet, ›Sie seien es‹; und ich hab' Sie gefragt, ›ob ich es sei, oder nicht‹. Nicht wahr, ich würd' Ihnen nun ebenso unverständlich und ebenso lächerlich sein, wenn ich Sie jetzt fragen wollte: ob Sie es wenigstens werden könnten, und ob – — ob ich es wenigstens werden könnte.«
O weh, sie wird rot, dachte er; ich fange meine Sache sehr plump an; ich bin ja wohl ein Esel.
»Wirklich, mein Herr —«
»Bestes Fräulein,« fiel er ihr ins Wort, »ich bitte, haben Sie noch einen Augenblick mit mir Geduld; einen Augenblick! Es handelt sich da um einen Traum – nein, eine Vision – einen Aberglauben – — Man sucht in so einem Fall die Worte und man findet sie nicht. Könnt' ich dichten, so hätt' ich sie wahrscheinlich schon gefunden. Ich hab' es auch versucht. Ich hab' versucht, ein Gedicht darüber zu machen; in diesem Versmaß: ›Stilles Rätsel, Seele meiner Träume‹; – es ging nicht. Ich kann's nicht. Ich bin kein Poet, mein Fräulein; ich bin ein Naturfex; ein trockener Mensch; homo formica, Linné. Das einzige Gedicht, das ich in meinem Leben gemacht habe, hat sechs Zeilen und nur drei Reime; und das hab' ich noch dazu nicht allein gemacht, sondern mit meinem Freund, dem ›dicken Rudolf‹, zusammen; – übrigens, wenn ich gerecht sein will, das ist wirklich bedeutend.«
»So werden Sie es auswendig wissen,« sagte Ottilie in ihrer alten Heiterkeit; »und so bitt' ich sehr, tragen Sie es vor.«
»Es ist nur durch seine antike Einfachheit und durch die Wahrheit seiner Behauptungen bedeutend, mein Fräulein.«
»Ich liebe die Einfachheit und die Wahrheit; also bitte, tragen Sie es vor!«
Leopold ließ sich nicht länger nötigen, er rezitierte seine Verse, – dieselben Verse, die der dicke Rudolf an jenem Abend in Berlin den Leibschwaben vorgesungen hatte:
Trinket den Wein
So lang' er noch rot ist!
Werfet das Geld weg
So lang' es noch Kot ist!
Lebt doch der Mensch nur
So lang' er nicht tot ist!
»Ein nicht sehr rührendes, aber ein erbauendes Gedicht,« sagte Ottilie und lachte.
Leopold verneigte sich. »Ich hab' seitdem noch dreimal den Versuch gemacht,« sagte er, »mich ebenso aufzuschwingen; aber die Natur hatte sich erschöpft, wie es scheint; ich hab' nur diesen einen Löwen zur Welt gebracht.«
»So müssen Sie mir dieses Ihr Einziges in mein Album schreiben; – wollen Sie? Ich hab', wie so viele Gräfinnen, Pfarrerstöchter und Gymnasiasten, mir auch ein Album angelegt, für lyrische und didaktische Ergüsse. Wollen Sie so gut sein —?«
»Mein Fräulein, diese Ehre —«
»Hier ist das Album, hier ist Feder und Tinte!« – Sie suchte unter den Büchern auf ihrem Schreibtisch, holte eines in schwarzem Leder mit Goldschnitt hervor und legte es vor ihn hin. »Und hier ist ein Stuhl!«
»Meine Schriftsteller-Eitelkeit verbietet mir, mich dagegen zu sträuben; denn es könnte Sie plötzlich wieder gereuen,« sagte Leopold mit immer gemütlicherem Humor. »Also ich setze mich!« – Er schlug ein leeres Blatt in dem Album auf (es waren noch viele weiße Blätter darin) und fing augenblicklich an:
»Trinket den Wein
So lang' —«
Halt! dachte er und hielt inne.
»Nun? Warum schreiben Sie nicht?«
»Ich – ich feile noch!« gab er etwas zögernd
zur Antwort. Oho, dachte er, vielleicht brächte ich
eine Anspielung hinein auf das, was ich eigentlich will; irgend so ein Wort – — Es kommt schon; es kommt. Warum sollen wir denn immer Rotwein trinken? – Er setzte wieder an und schrieb den ersten Satz kühn zu Ende:
»Trinket den Wein
So lang' er noch weiß ist!«
»Feilen Sie noch immer?« fragte Ottilie nach einer Weile.
»Nein,« sagte er und schrieb nun, ohne wieder abzusetzen, zu Ende. Dann überreichte er ihr das Buch, mit etwas verlegenem und sehr ernsthaftem Gesicht.
»Also lassen Sie sehn, ob Sie es zu Tode gefeilt haben oder nicht!« – Sie las:
Trinket den Wein
So lang' er noch weiß ist!
Gebet das Herz weg
So lang's noch im Preis ist!
Lebt doch der Mensch nur
So lang' er kein Greis ist!
»Was soll das?« fragte Ottilie und ward rot. »Das ist – ein anderes Gedicht. Wie kommen Sie dazu, das hierher zu schreiben?«
Leopold fühlte, daß er gleichfalls errötete, und verlor auf einmal wieder all seinen Humor. »Verzeihen Sie!« stammelte er.
»Was beabsichtigen Sie mit dieser Art, zu ›feilen‹?«
Werd' es los, dachte Leopold; werd' es los! – Er nahm sich zusammen und murmelte: »Was ich —? – Eine – eine Anfrage.«
»Verzeihen Sie!« setzte er hinzu, da er sah, daß es ihr um die Lippen zuckte. »Es kam mir so in den Mund – in die Feder – — Seien Sie nicht böse, mein Fräulein Mein alter Aberglaube – denn ich glaube wirklich, Sie sind es – Und es ist so ein verrückter Zustand, nicht zu wissen, – nicht zu wissen, ob man es ist oder nicht.«
Das Fräulein schien diese letzten Worte nicht mehr zu hören; es ging ihr ein ganz eigenes, rätselhaftes Spiel über das glühende Gesicht. Indem sie die Lippen ein wenig öffnete, suchte sie mit den Augen auf dem Tisch. Aus dem Album war, als Leopold es vorhin aufgehoben hatte, um es ihr zu überreichen, ein loses Blatt herausgeglitten und lag neben den andern Büchern da; ein auf der sichtbaren Seite unbeschriebenes Blatt. In sich vertieft, wie sie war, setzte sie sich auf den Stuhl, nahm ihren Bleistift und fing an, auf diesem Blatt zu schreiben.
»Was, mein Fräulein —?« fragte er, brach aber, sowie er sich laut sprechen hörte, wieder ab.
Sie murmelte etwas, das er nicht verstand. Ihr Bleistift ging geschwind über das Papier; blieb dann stehn, wie ein gehemmschuhtes Rad; und lief dann wieder fort. Kurze Zeilen entstanden unter ihren zierlichen Fingern. Sowie sie fertig war, machte sie einen langen Haken über das Blatt herunter, stand auf und trat zurück.
»Ich soll lesen —?« fragte er verwirrt.
Sie nickte, ohne ihn anzusehn. So trat er denn neben den Stuhl, beugte sich etwas vor und las. Sie hat auch »gefeilt«! dachte er. Mit einen: Gefühl, das ihm den Atem versetzte, las er still für sich:
Schenket den Wein ein
So lang' er noch rein ist!
Suchet kein Herz mehr auf,
Das nicht mehr sein ist.
Lebt doch der Mensch nur
Dieweil er zu Zwei'n ist!
Er las es einmal, dann wieder, dann zum drittenmal; doch zuletzt nur noch mit den Augen, ohne Sinn und Verstand. Es war ihm elend zu Mut. Hätt' ich's nicht denken können? dachte er. Wer viel fragt, kriegt viel Antwort! – Endlich entstand ihm eine Art von Nebel vor den Augen, und er glaubte nur noch durch diesen Nebel die beiden Zeilen zu sehn: »Suchet kein Herz mehr auf, das nicht mehr sein ist!« Er fühlte sich tief beschämt, – und noch tiefer betrübt. Eine wahre Furcht befiel ihn plötzlich, Ottilie wieder zu sehn, oder ihr Kleid hinter sich rauschen zu hören. Er horchte, ohne sich zu rühren. Jetzt wird es rauschen! dachte er. Doch es rauschte nicht. Das Zimmer war totenstill. Er hörte nur die Fliegen, die durch die offenen Fenster wieder hereinzogen; und die Fliegenjagd, das Gespräch mit Fridolin, sein schwerer Gang hierher, alles fiel ihm wie durch einen Zug an tausend Gehirnfäden wieder ein, so daß er zusammenzuckte. Unwillkürlich wandte er sich um, als hätte Ottilie ihn von hinten berührt. Es hatte ihn aber niemand berührt. Sie war fort. Geräuschlos war sie verschwunden.
Und was thut man nun? fragte er sich in Gedanken. Etwas muß man thun! Er nahm das verhängnisvolle Blatt wieder in die Hand und drehte es hin und her, wie wenn er den Pfeil in seiner Wunde herumdrehte. »Uebrigens war es schon beschrieben!« sagte er, in seinem Elend, halblaut vor sich hin. »Auch auf der andern Seite ein Gedicht!« Mechanisch begann er die Verse auf dieser Rückseite zu lesen. Allmählich wurden seine Augen größer. und so groß wie nie. Er sah Fridolins kleine Schrift, sah die Anfangsbuchstaben (Ottilie hatte sie mit ihrem Bleistift, vor einer Stunde, einen nach dem andern unterstrichen), und sah endlich, was das »Echo« am Schluß hinzugethan hatte. »Ich lie —« stand da, – in Ottiliens Schrift. Er erkannte sie. Er hatte sie erst heute, an diesem Morgen, in Judicas Schreibheften studiert. Fridolin und Ottilie! dachte er. Großer Gott! Ja, nun weiß ich genug.
»Findet man dich hier?« fragte Fridolins Stimme. Der Professor, in seiner schönsten Sammetweste, die Krawatte in der großen, kunstvollen Verschlingung, die er selber erfunden hatte (seine Leibschwaben nannten sie den »gordischen Knoten«), Bart und Haar künstlerisch gepflegt, stand hinter ihm in der Thür. Er hatte den Jüngling gesucht, um ihm zu zeigen, daß dieser »Kampf« um Sie die Freundschaft zwischen ihnen nicht beirren solle. »Findet man dich hier?« wiederholte er, doch ohne in Ton oder Miene Eifersucht zu verraten. »Ich hoffe, du weißt, mein Sohn, daß man in einer Viertelstunde zur Tafel gehn wird; Sprachverfälscher nennen es ›Diner‹.«
»Ich weiß, daß ihr zur Tafel gehen werdet,« antwortete Leopold; – »übrigens, alles ist bereits – in Ordnung. Lies dieses Gedicht. Von dir, an sie. Hier lag es, – in ihrem Album. Und ihre Antwort steht schon darunter; lies. Wünschest du sie noch deutlicher? Ich nicht!«
Fridolin hatte gesehen, begriffen, und war nahe daran, das Blatt vor Ueberraschung fallen zu lassen; aber mit der flachen Hand fing er es noch auf. »Ottilie —!« rief er aus. Leopold beobachtete das freudige Erschrecken auf Fridolins Gesicht, beobachtete jede Veränderung, die es darauf hervorbrachte, und rührte sich nicht.
»Mein lieber Freund,« sagte der Professor endlich, mit dem weichsten Ton, den er in der Kehle hatte, – »ich bin ganz bestürzt. Das ist eine Katastrophe.«
»Das ist wenigstens eine Enthüllung, die alle weiteren Forschungen überflüssig macht,« erwiderte Leopold mit künstlicher Kaltblütigkeit. »Also sie war es nicht. Sie sah nur so aus. Ich ›analysiere‹ nun weiter!«
»Was war sie nicht?« fragte Fridolin und starrte ihn an.
»Nicht so ein Kindskopf wie ich! – — Machen wir keine Redensarten, Fridolin, mit Glückwünschen und Bedauern; jeder fühlt ja doch nur, was er fühlen kann. Ich kehre nun zur – Wissenschaft zurück. Beitrag zum Seelenleben: Abteilung ›jugendliche Mystik‹, ›Aberglauben des Herzens‹! Adieu. Auf Wiedersehn – irgendwo.«
»Irgendwo? – Was willst du? Wohin?«
»Fort,« antwortete Leopold und ging aus der Thür.
VI
Ottilie schritt unten im Speisezimmer, das auf den Garten hinausführte, schon lange ungeduldig auf und ab. Die Tafel war, Gott weiß wie lange, gedeckt, die Suppe war erschienen und war wieder entfernt worden; denn von den drei Herren der Gesellschaft ließ sich noch immer nicht ein einziger sehn. Das Fräulein trat wieder einmal (ungefähr zum zehntenmal) an die Glasthür, um in den Garten hinauszuschauen und vielleicht dort einen dieser Männer zu entdecken. Sie legte ihr Gesicht gegen die Fensterscheibe. Sie trommelte mit allen zehn Fingern darauf. Alles war umsonst. Endlich trat sie zum zehntenmal in das Zimmer zurück und wandelte wieder – wie die Figuren eines mechanischen Theaters, die immer von neuem vorüberspazieren, vorüberreiten oder vorüberrauchen – bis an die andere Thür.
Die kleine Judica kam hereingesprungen. »Nun?« fragte Ottilie, »hast du den Papa, oder den Onkel, irgendwo entdeckt?«
»Den Papa – nein.«
»Aber den Onkel?«
»Tante Ottilie,« fragte das Kind, anstatt zu antworten, »ist es eigentlich eine Sünde, wenn man horcht?«
»Warum fragst du danach? – Hast du den Onkel gesehn?«
Etwas unsicher, was sie sagen solle, schüttelte Judica den Kopf. »Ich hab' ihn nicht gesehn – aber ich hab' ihn gehört.«
»Wo?«
»In seinem Zimmer. Weißt du, was er da that? Er ging da grade so auf und ab, wie du hier unten. Du, Tante Ottilie! Wenn einer an eine Thür kommt und hört, daß in dem andern Zimmer einer laut mit sich selber spricht, und wenn einer dabei so sonderbar ist, und wenn einer dann horcht, – ist das Sünde?«
»Was hast du denn behorcht?« fragte Ottilie unruhig, ohne auf die Frage zu antworten.
»Zuerst sagte er immer: ›Ottilie! Ottilie!‹ und ich dachte, Tante Ottilie, du wärst da oben bei ihm; aber du warst doch hier unten. Und dann – — Du! Warum nennt er dich sonst immer Sie, und warum nannte er dich nun Du?«
»Das weiß ich nicht; aber du bist ein kleines dummes Ding und hast gewiß alles falsch verstanden; – und nun ist's genug.«
»Oho! es fängt ja erst an! – Tante Ottilie, hat denn jeder Mensch eine heimliche Ehre? Onkel Fridolin hat eine heimliche Ehre; das hat er dreimal gesagt.«
»Was redest du da alles; ich verstehe nichts,« fiel Ottilie ihr ins Wort.
»Ich auch nicht,« sagte Judica treuherzig. »Ich weiß auch gar nicht, warum er dich so bedauert; bist du denn so unglücklich? Immer wieder hat er dich bedauert; und sich auch; – aber dann kam eine andere dazwischen; denn auf einmal sagte er: ›Eva des Herzens!‹ Und die hat er dann auch bedauert; und dann —«
Das Kind schmiegte sich näher an Ottilie und flüsterte, wie wenn ein Küchlein, das den Habicht gesehen hat, unter dem Flügel der Mutterhenne piepst: »Und dann, glaub' ich, hat er geweint.«
Ottilie stand in wachsender Unruhe da. Was war geschehn?
»Und dann, Tante Ottilie, kam offenbar irgend ein Mensch zu ihm ins Zimmer, der etwas von ihm wollte —«
»Was?« fragte Ottilie unwillkürlich.
»Ich weiß nicht; aber Onkel Fridolin wollte nicht. Er wurde sehr laut und sagte: ›Ich kann nicht! Ich darf nicht! Mein Schicksal!‹ – Und dann rief er: ›Ich dich unglücklich machen! Und mich!‹ – Und dann rief er: ›O Gott!‹ – Und da ging denn wohl auch der andre Mensch wieder fort; denn es wurde still. Da bin ich endlich an die Thür gegangen und wollte sie aufmachen; aber sie war verschlossen. Onkel Fridolin fragte furchtbar laut: ›Wer ist da?‹ Und ich war' vor Schreck beinahe fortgelaufen. Ich dacht', er hätte gemerkt, daß ich gehorcht hatte; – glaubst du, Tante Ottilie, daß er's gemerkt hat?«
»Siehst du: dein böses Gewissen!« sagte Ottilie; doch mit Anstrengung. »Nun, und was dann?«
»Dann bin ich doch stehen geblieben, weil du mir gesagt hast, daß ich vor Menschen, die mir nichts zuleide thun, nie davonlaufen soll. Und hab' hineingerufen: Onkel Fridolin, warum du denn nicht zum Essen kommst? – ›Geh' nur!‹ sagte er dann, ›ich komme gleich! Geh', laß mich allein!‹ Und da bin ich fortgegangen, und die Treppe herunter.«
»Also wird er ja kommen!« murmelte Ottilie vor sich hin. »Also wird er ja kommen!« wiederholte sie laut, wie um ihrem unmäßig klopfenden Herzen zuzusprechen. Sie nahm ihr Taschentuch, das sie vorhin mit kölnischem Wasser getränkt hatte, und legte es sich gegen die Schläfen, die Stirn. Ich verstehe nichts, dachte sie; nichts. Aber es ist ja wohl in diesem Leben nicht das erste Mal! – Warten und sich fassen.
Sie ging wieder an die Glasthür; Judica kam ihr nach. »Tante Ottilie!« sagte das Kind, indem es an ihrem Kleide zupfte, »der Carlo. Er hat eine lettera; einen Brief.«
Carlo, der Sohn des Hausknechts, stand mit einem Billet in der Hand hinter Judica. »Gib her,« sagte Ottilie hastig und nahm es ihm aus der Hand. Es war an sie. Von wem? – Sie schickte den Jungen fort und öffnete. »Leopold Rheinau« war die Unterschrift. Die Buchstaben erschienen ihr ungeheuer groß, übermenschlich groß, – vielleicht weil sie eine ungewöhnlich kleine Handschrift zu sehen erwartet hatte. Sie lächelte über ihre Aufregung und las:
»Verehrtes Fräulein! Warum schreibe ich Ihnen? Ich weiß es nicht. Es wäre vielleicht würdevoller, wenn ich schwiege. Ich weiß es nicht. Es zieht mich auf eine wirklich unwiderstehliche Weise, Ihnen zu sagen, daß ich nun alles weiß, und alles begreife.
»Vielleicht hat die Natur, die so gern ihre kleinen Geheimnisse vor uns hat, Ihnen vorbehalten, einen Menschen, der unheiratbar schien (Gott im Himmel, was für ein Wort; verzeihen Sie), zu einer richtigen ganzen ›Hälfte‹ zu machen. Glauben Sie mir, ich bin kein besonders guter Mensch; und mir ist schlecht zu Mut; aber ich wünsche Ihnen alles Glück, alles Gute. Alles. Ich sehe jetzt, ich bin nicht ganz so schlecht, wie ich als Skeptiker, als Physiolog von mir dachte. Alles Glück, alles Gute! Und verzeihen Sie mir, daß ich zu denken wagte, es könnte sein, – was nicht ist.
»Ich bin schon fort, wenn Sie dieses lesen; mit dem Dampfschiff, nach Peschiera, und dann so weiter. Grüßen Sie die andern; sagen Sie ihnen, – was? – Plötzliche Notwendigkeit, abzureisen; bitte, sagen Sie das. Ich werde Sie ewig verehren. Solange ich lebe, mein' ich; solange ich atme. Solange ich Ich bin. Ich werde verzweifelt gelehrte Bücher schreiben und – — – Und leben Sie wohl!«
Was für ein sonderbarer Brief das ist, dachte Ottilie. Wie er mich rührt.
»Kind, was zupfst du schon wieder?« fragte sie Judica, die sich mit dem ganzen Gewicht ihrer kleinen Person an Ottiliens Kleid hängte.
»Paolo!« antwortete das Kind. »Er hat eine lettera; einen Brief.«
Paolo, der Kellner, trat in der doppelten Würde seiner Stellung und seiner Nation vor das Fräulein hin. »Hier ist die Rechnung,« sagte er in seinem zischenden Mailänder Italienisch; »der Schignor Filippo hatte sie verlangt. Die Wochenrechnung. Und hier ist ein Brief.«
»Geben Sie, geben Sie!« sagte Ottilie. – Paolo ging.
Sie öffnete das Billet; ihr erster Blick flog wieder zur Unterschrift. Sie las:
»Hochachtungsvoll
ergebenst
der durch Sie glückliche Vater Judicas.«
Der Vater Judicas schreibt mir? – Warum? – Sie wendete das Blatt und las den Anfang: »Mein verehrtes Fräulein! Ein plötzlicher, an sich unbedeutender Anlaß zwingt mich, mit dem nächsten Omnibus -«
Abzureisen? Der auch?
»Der nach Mori an die Eisenbahn geht —«
Ist der nicht schon seit einer Stunde fort? dachte sie. Ja; seit einer Stunde! – Sie las weiter; sie las bis zum »hochachtungsvoll ergebenen« Schluß. Das Blut trat ihr in die Wangen, mehr als einmal. Endlich lachte sie, legte Pastor Philipps Brief in dieselbe unnatürliche Form wieder zusammen, in der sie ihn empfangen hatte, und nahm die Rechnung zur Hand.
Sie las sie Wort für Wort, Ziffer für Ziffer, von oben bis unten; dann bemerkte sie, daß sie nicht ein Wort, nicht eine Ziffer wirklich verstanden hatte. »Wir haben keine Andacht dafür!« sagte sie vor sich hin. »Mein Gott, was für ein Tag!« Plötzlich fuhr sie zusammen. Warum? Weil sie Schritte hörte; weiter nichts. Wessen Schritte? – Sie sah nicht zurück; sie blieb gegen die Glasthür gewendet stehn. Gleich darauf fühlte sie wieder an ihrem Kleid – als arbeite jedesmal ein elektrischer Apparat – Judicas Zupfen.
»Was gibt's?« fragte sie.
»Du, Tante Ottilie!« sagte das Kind. »Der Herr von diesem Hause. Der Herbergo.«
»Hat er auch eine lettera?« fragte Ottilie und drehte sich herum. Auf einmal wurde sie blaß. Der kleine Wirt, der mit sehr ernstem Gesicht, ungefähr mit dem Ausdruck eines die Anklage begründenden Staatsanwalts, vor ihr stand, hielt wirklich auch einen Brief zwischen seinen gelblichen Fingern.
»Wegen der Rechnung, Signora; ich komme wegen der Rechnung,« sagte er (auf italienisch) fast etwas unverschämt.
»Eilt es Ihnen so sehr?« fragte sie erstaunt. »Wollen Sie sich gefälligst an den Herrn Professor wenden, sobald er kommt.«
»Sie sind sehr gütig,« erwiderte der Wirt mit beleidigendem Lächeln. »Ter Signor Filippo weist mich an, die Rechnung Ihnen zu überreichen; Sie weisen mich an den Signor Professore; der Signor Professors weist mich an den Signor Filippo. Aus diesem Kreislauf komm' ich nicht heraus, – und ebensowenig mein Geld.«
»Mein Herr!« sagte Ottilie, die über und über erglühte; »ich verstehe Sie nicht. Wie kann es Ihnen einfallen, in diesem Ton – — – Ich werde den Herrn Professor ersuchen, augenblicklich zu kommen!«
»Werden Sie ihn wirklich ersuchen? – Ich führe dieses Hotel seit zehn Jahren, meine Dame, ich kenne diese kleinen Kunstgriffe alle. Alle. Bemühen Sie sich nicht. Ich weiß schon, woran ich bin; Dio mio! wie hatt' ich mich in diesen Herren getäuscht! – Sie sind noch da. Ich halte mich an Sie. Ich ersuche Sie um mein Geld.«
»Mein Herr, Sie sind verrückt!« fuhr es aus Ottilien heraus. »Sowie der Herr Professor kommt —«
»Glauben Sie, daß er kommt?« fiel ihr der Wirt ins Wort. »Ich glaube es nicht. Er hat sich schon empfohlen, Madame. Ich Ahnungsloser! Ich wußte noch nichts vom Verschwinden des Signor Filippo; darum ließ ich ihn fort! In diesem Billet wird das Geld für die Rechnung wohl nicht stecken, Madame; ich fürchte, nein.«
»Was für ein Billet? Geben Sie her!« – Sie nahm es ihm aus der Hand und riß es auf, ohne nach der Aufschrift zu sehn. Kleine, sehr kleine Buchstaben hüpften ihr entgegen; hüpften wie Flöhe, da ihr alles vor den Augen auf und nieder flog. Endlich, nachdem sie die Lider mehrmals mit Gewalt geschlossen, las sie und erriet sie, was da geschrieben stand:
»Mein lieber Philipp!«
Also nicht an mich, dachte sie; doch in der Not des Augenblicks, in der Angst ihres Herzens las sie weiter:
»In dieser unglückseligen Stunde, wo ich Dir so unbrüderlich den Krieg erklärt, meiner selbstsüchtigen Leidenschaft das erste und letzte Wort gelassen habe, sprach nicht Ich aus mir, sondern Es; dieses schreckliche Es, das nicht ›Wir‹ ist, aber sich oft mit so verhängnisvoller Macht bemüht, es zu sein. Nenne es, wie Du willst; ich nenne es Es. Jetzt komme ich wieder zu mir. Ich werde wieder der Mann, der sein Schicksal begreift; der ihm stille hält; der seine im Leid geübten Schultern hinhält, das auf ihn gelegte Verhängnis zu tragen. Ich weiß, ich weiß, ich soll keiner von den ›Glücklichen‹ sein. Ich weiß, daß ich für Dein Glück zu sorgen habe; dies ist meine Pflicht; andres zu wollen, habe ich kein Recht. Ich weiß es. Ich verzichte. Ich ward zum Verzichten geboren. Was ist einfach zu thun? Daß wir Dich glücklich machen. Gut, wir wollen es thun. Unserer sterbenden Mutter hab' ich es gelobt. Wir wollen es thun. Kümmere Dich nicht um das, was mir dabei geschieht. Ich drücke mein Herz zusammen, daß es nicht verblutet, und bleibe mit mir allein; in meiner heimlichen Ehe.
»Vergessen! Ottilie vergessen! – — Ich werde versuchen, es zu machen, wie ich's damals machte, als der Arzt mir sagte: Geben Sie die Zigarren auf; rauchen Sie nicht mehr. Damals ergriff ich die einzig richtige Maßregel gegen mich. Ich sagte mir: mein Lieber, es ist ein Ding der Unmöglichkeit, morgens und abends zu rauchen. Ich gab mir diese Unmöglichkeit zu, und rauchte nur noch ›nach Tische‹. Anfänglich noch meine vier Zigarren hintereinander; allerdings. Ich ließ mich einige Tage gewähren; dann sagte ich mir: Drei Zigarren sind schicklich und deiner würdig; mehr nicht. Ich gab es mir zu. Dann: zwei. Dann: eine. Dann ging ich zum Arzt und sagte: ›Soll ich Ihnen auch diese eine noch opfern? Verlangt es die Wissenschaft? Gut! So soll es geschehn!‹ – Nein. Er ließ mir die eine. Ich rauche sie noch.
»So will ich's auch hier versuchen! – — Vielleicht laßt ihr mir dann wenigstens einen Seufzer, einen Gedanken . . . Werde glücklich, Philipp! Ich eile, euch zu verlassen. Ein Einspänner führt mich nach Arco, und von da nach Trient. Wohin weiter? Laß mich daran nicht denken . . . Lege meinen Anteil an der Rechnung aus. Kein falsches Mitleid mit mir! Ich kann nicht mehr schreiben, nicht mehr denken. Sag Ottilien – das heißt, sag ihr nicht – daß ich fliehe, weil ich verzichte; daß ich verzichte, weil ich bin
Dein unglücklicherFridolin.«
– — »Nun? und meine Rechnung?« fragte der Wirt, als sie schon lange ausgelesen hatte und noch immer nichts vernehmen ließ. »Werden Sie mich gefälligst zahlen, Madame?«
Auf diese Frage starrte Ottilie ihm wie erwachend ins Gesicht. Es stand ihr mit erstaunlicher Klarheit alles auf einmal vor Augen: daß sie kein Geld hatte, daß Fridolin auf sie verzichtete, und daß sie mit Judica und der unbezahlten Rechnung in der Fremde allein war.
Von dieser Tragikomödie überwältigt sank sie auf einen Stuhl. Sie hatte noch Besinnung genug, ihre Lage grausam komisch zu finden; und indem sie das dachte, fing sie an zu weinen.
Drittes Buch
I
Der beste aller Leser folgt mir abermals in das Haus in Berlin, in der Königgrätzer Straße; über den Hof, in den dritten Stock. Er folgt mir in das kunstgeweihte Arbeitszimmer, in dem er sich – da er nicht allzu wohlbeleibt ist – noch eben umdrehen kann; lehnt sich gegen den großen Bücherschrank und stellt sich dem Apollo von Belvedere gegenüber; und da er dem Apollo von Belvedere gegenüber steht, sieht er auch zu dessen Füßen, in der »zierlichen Bettstatt«, »mit feiner Wolle bedecket«, den schlafenden Fridolin. Es ist früher Morgen. Er schläft. Er scheint kummervoll zu träumen; denn sonst wäre die Falte zwischen seinen Brauen – diese Falte, der er ein wehmütiges Gedicht gewidmet hat – nicht so tief. Er seufzt. Ueber diesem Seufzer wird er vermutlich erwachen. Ganz? Noch nicht. Er öffnet die Augen, sie sehen aber noch nicht. Erst sein Geruchssinn, der stärkste, feinste seiner Sinne, erwacht; die schöne Nase, die »Lerche« unter seinen Organen, wie er sie nennt, die jeden Morgen das Leben zuerst begrüßt. Sie schwellt ein wenig die Flügel. Sie erinnert sich der Veilchen, die zwei Schritte entfernt auf einem der »Stockwerkel« stehn (Sprachverderber nennen es Etagere). Ueber diesem Genuß erwachen auch die Augen, gehen der Nase nach und erblicken das tiefe Blau, das aus den kleinen duftenden Blumen herüberschwimmt. Sie saugen es ein. Ihr eigenes blasseres Blau scheint sich an diesem tieferen zu wärmen. Die Falte zwischen ihnen wird weicher; es regt sich etwas wie Heiterkeit um den schönbärtigen Mund. Aber wie lange? Nur einen Augenblick. Der Professor richtet sich auf; er schlägt die türkische Decke zurück, die ihn verhüllt, läßt die Augen in dieser gefüllten Oede, dieser kunstvollen Einsamkeit umhergehn, und eine traurige Schwermut schleiert sich über sein Gesicht . . . Wieder regt sich die »Lerche«, die schöne Nase. Sie zieht sich hinauf. Will sie den Morgen ansingen? – Nein. Aber sie niest.
Der Professor wirft sich auf sein Lager zurück, zieht wieder die Decke über seine Schultern, und blickt mißmutig, beinahe kläglich aus ihr hervor. »Warum hab' ich geniest?« sagt er. »Weil ich mich erkälte. Warum erkält' ich mich? Weil man mich nicht mehr abreibt; weil man mich nicht mehr mit kaltem Wasser behandelt. Warum reibt man mich nicht mehr ab?« – Er zieht an der Klingelschnur, die rechts neben ihm hängt. Wird man nun gleich kommen oder nicht? Wird man ihn wieder vernachlässigen oder nicht? – Nein; man kommt. Frau Therese Ritter – ebenso reinlich, ebenso angenehm, ebenso phlegmatisch wie vordem – tritt ein.
»Herr Professor haben geklingelt,« sagt sie, unter der schneeweißen Haube hervor, und blickt sanft und still zu ihm hinüber.
»Ja, ich erlaubte mir, zu klingeln,« antwortet er. »Wollen Sie zunächst die Gnade haben, mir zu sagen, was Onkel Reaumur heute meldet?«
»Draußen zwölf plus; drinnen« (sie blickte auf ein Thermometer neben der Thür) »vierzehn Grad, Herr Professor.«
»Dieser nordische April fängt an, Mai zu werden! – Wie kann ich bei vierzehn Grad im Zimmer niesen? Das ist unnatürlich. Das ist ein Aufschrei der verweichlichenden Kultur. Seit zwei Tagen erst aus dem Land, wo die wirkliche Sonne scheint, zurück, und schon morgens um sechs geniest! – Ich wünsche Doktor Strehlau zu sehn. Meine Beste, warum stellen Sie Doktor Strehlau in der Küche bei Ihren Wassereimern an, statt ihn hereinzuschicken? Warum lassen Sie mich auf ihn warten?«
»Ich lasse Ihnen nicht warten, Herr Professor; aber er war noch nicht da.«
»Noch nicht da! – Alle Welt verläßt mich! – Also wenn dieses Ungeheuer kommt, so schicken Sie es herein.«
»Er soll Ihnen wohl abreiben, Herr Professor.«
»Das kann er nicht; denn die Natur hat das Abreiben nur in Verbindung mit dem Accusativ gestattet, meine Liebe. Wen soll er abreiben? Mich. Tante Ritter, haben Sie die Güte, sagen Sie: mich.«
»Mich,« sagte sie mit dem angenehmsten Lächeln. »Aber es geht ja nicht. Sehn Sie Ihnen doch um, Herr Professor; wo soll er« (sie verschluckte den Dativ, da Fridolin sie erwartungsvoll ansah) – »wo soll er Sie hier abreiben; es ist ja kein Platz nicht.«
»Wenn kein Platz nicht ist, so werde ich in des Herrn Pastors Schlafzimmer gehn; da finden wir Platz.«
»Und der Herr Pastor« – fragte Tante Ritter scheinbar ganz unschuldig, und ohne sich zu rühren – »kommt er denn noch nicht wieder, Herr Professor?«
»Tante Ritter,« erwiderte Fridolin, »die Neugier sieht Ihnen schon aus hundert grauen Augen heraus; wie wenn Sie mich durch ein Prisma anguckten mit – mit fünfzig Ecken. Ich kann Ihnen auch heute nicht sagen, wann der Herr Pastor wiederkommt, weil ich es auch heute nicht weiß.«
»Und meine Nichte —«
»Und ebenso steht es mit der Nichte,« setzte er, einen Seufzer unterdrückend, mit leidlicher Fassung hinzu.
»Das geht mir dann ja auch weiter nichts nicht an,« erwiderte sie resigniert. »Wenn ich man bloß wüßte, Herr Professor – aber ich frage Ihnen« (ein vorwurfsvoller Blick; sie verbesserte sich) »ich frage Sie nicht mehr danach – warum Sie denn eigentlich so plötzlich wiedergekommen sind; Sie ganz allein.«
»Wollen Sie mir gütigst gestatten, Tante Ritter, Ihnen über diesen Gegenstand unserer Unterhaltung eine letzte Bemerkung zu machen?«
»Bitte!« sagte sie.
»So versichere ich Ihnen hiermit, daß Sie eine ausgezeichnete Frau, aber eine neugierige alte Gans sind; und daß ich mich augenblicklich von Ihnen scheiden lasse, wenn Sie noch ein einzig Mal – ein einzig Mal! – auf diesen Gegenstand der Unterhaltung zurückkommen. Und jetzt erlauben Sie, daß ich mich mit meinen Strümpfen bekleide.«
Diesem Wink, sich zu entfernen, folgte Frau Ritter ohne Widerstreben, und in Betracht der Mitteilung, die ihr geworden war, mit untadelhafter Fassung. Sie ging auf ihren weichen Schuhen stumm und geräuschlos hinaus. Erst in der Thür fiel ihr ein, daß sie es diesmal wohl ihrer Würde schuldig sei, das letzte Wort zu behalten. »Na ja, ich gehe ja schon,« sagte sie zurück.
»Doktor Strehlau ist da!« rief sie dann aus dem andern Zimmer, nachdem sie verschwunden war. Die Thür öffnete sich wieder, und der Mann, den Fridolin »Doktor Strehlau« benannt hatte, trat mit schwerem Schritt in seinen mächtigen rindsledernen Soldatenstieseln herein. Ein breitschulteriger Pommer, der Offiziersbursche des Majors, der im Vorderhaus wohnte; das jüngste Exemplar einer niederen Gattung von »Leibschwaben«: »Leibschwaben aus dem Volke«, wie Leopold sie getauft hatte. In seinen frühesten Morgenstunden, ehe der Dienst bei seinem Major begann, bediente er den Professor, wie alle seine Vorgänger im Majorsdienst denselben Professor in denselben Stunden bedient hatten. Er hatte das alleinige und ausschließliche Recht, Fridolins Stiefel zu wichsen; er genoß den Vorzug, sämtliche Röcke und Hosen des Professors ausklopfen zu dürfen; er ward unter Umständen »zur Disposition gestellt«, nämlich zur Disposition der Frau Ritter; endlich avancierte er zum »Doktor der Wasserkunst«, und seine roten Hände lernten ein nasses Laken um Fridolins Glieder schlagen und sie so lange auf und nieder kneten und reiben, bis der Professor schrie, er halte es nicht mehr aus. Dieses Amt hatte ihm den Ehrennamen »Doktor Strehlau« verschafft. Er war ein gewissenhafter Mann in allem, was er betrieb. Er kam mit großer Regelmäßigkeit auch nach Tische und trank die Bierreste aus; er machte es durch sein aufmerksames Wesen unmöglich, daß in Fridolins Haushaltung etwas »umkam«; auch verließ er nach der Abreibung nicht gerne das Zimmer, eh ihm die gewohnte Morgenzigarre von Fridolins milder Hand überreicht worden war.
»Guten Morgen, Herr Professor!« sagte er eintretend, mit einem wohlwollenden Lächeln über sein breites, rotbackiges Gesicht.
»Sehn Sie her, mein Sohn!« antwortete Fridolin. »Sehn Sie diesen Strumpf, an meinem rechten Bein. Nennen Sie das Pünktlichkeit? Dieser Strumpf an meinem rechten Bein sagt Ihnen, mein Sohn, daß Sie heut zu spät kommen.«
»Je, das ist wol leider nicht anders,« erwiderte Musketier Strehlau in aller Treuherzigkeit. »Ich hab' wol gestern abend etwas lange gekneipt, Herr Professor.«
»Etwas lange gekneipt! Wer sagt mir das? Ein Greis im Feldmarschallsalter oder ein zweiundzwanzigjähriger Kriegsknecht? Als ich Ihre paar Jahre auf dem Buckel hatte, Doktor Strehlau, kneipte ich, wenn es sein mußte, bis vier, und stand um fünf wieder da. Wollen Sie mich gefälligst heut abreiben oder nicht?«
»Fangen wir wieder an?«
»Ich hab' heut morgen völlig unmotiviert geniest; darum fangen wir wieder an. Im braunen Zimmer. Erwarten Sie mich mit Ihrem niederträchtigen nassen Laken, und mit meinen Kleidern, im braunen Zimmer. Gehn Sie in Ihrem Kriegerrock voran, ich in meinem Zivilhemd folge Ihnen nach.«
»Je, das muß dann wol,« sagte Doktor Strehlau und ging.
Fridolin sah sich allein. »Großer Gott!« seufzte er auf, indem er sich den Strumpf wieder herunterstreifte; »Ottilie! – Ottilie! – — Aber morgens und abends an sie zu denken, ist mir ja verboten. Warum verboten? Weil mein höheres Ich es nicht will. Weil der kategorische Imperativ in mir sagt: es soll nicht sein. Also darf es nicht sein! – Ne unquam immemor sis te philosophum esse. Sie wird dich vergessen, wie dich schon manche vergaß; sie wird mit einem andern glücklich werden; – mein Lieber, vergiß du sie auch; versuch, was du kannst! – Zur Abreibung!« – Er stand ohne Hemde da, fühlte, daß er sogleich wieder niesen werde, hüllte sich in seine türkische Decke und eilte hinaus.
»Beachten Sie, Doktor Strehlau,« sagte er, als das nasse Laken ihn umschlungen hielt und die beiden roten Fäuste des Musketiers an seinem Rücken auf und nieder fuhren, »beachten Sie, daß ich keinen Laut von mir gegeben habe, als dieses infam eisige nasse Tuch über mich her fiel.«
»Je, das ist auch keine Kleinigkeit, Herr Professor,« erwiderte Strehlau.
»Reiben Sie stärker; – ich sage mir einfach, daß ich es nicht fühle, dann fühle ich's nicht. Reiben Sie auch weiter unten; kein Teil des menschlichen Körpers soll verachtet werden; jeder thut seine Pflicht und verdient sein Recht. Haben auch Sie Ihre Pflicht gethan, mein Sohn, und Ihre Lektion in dem kleinen Geographiebuch gelernt? – Warum schweigen Sie, Doktor Strehlau?«
»Na, einiges hab' ich wol gelernt; wenn Sie mir's gütigst überhören wollen —«
»Sagen Sie mir die großen französischen – (Au! – Der Kerl reibt wie ein Wahnsinniger – Aber laß ihn; nur zu) die großen französischen Festungen her, wie ich's Ihnen aufgegeben habe.«
»Also erstens Paris.« (Pause.)
»Verweilen Sie nicht zu lange bei Paris; gehn Sie weiter.«
»Lilie.«
»Nicht Lilie! sondern Lille. (Lilie!! Ach Lilie – Ottilie Bruch des Verbots. – O Philipp! O Leopold!) Reiben Sie nicht zu stark.«
»Je, also Lille.«
»Weiter, weiter, mein Sohn!«
»Lyon.«
»Lyon ist gut. – Aber Sie verschnaufen jedesmal so lange, wie wenn Sie die Festung eben erobert hätten. Doktor, fahren Sie fort.«
»Es gibt keine französische Festung Namens ›Je‹. Rücken Sie vor! Rücken Sie vor!«
»Bordeaux – ist das auch 'ne Festung?«
»Mein lieber Sohn – — Nur drauf auf die Schulterblätter – — Sie bestehen ja schlecht. Ich hab' es übernommen, Ihre Bildung zu erweitern; ein deutscher Soldat muß ein gebildeter Mann sein; er muß gebildeter sein als alle Soldaten der Welt. Hören Sie, was ich sage, aber hören Sie darum nicht auf, zu reiben, Doktor Strehlau. Ihre Vorgänger waren fleißiger als Sie! Selbst meine kleine faule Nichte ist jetzt fleißiger als Sie – (O Judica! – O Ottilie!) Trinken Sie weniger Bier, mein Sohn, und essen Sie mehr Nahrung des Geistes.«
»O, ich will ja auch, Herr Professor. Sagen Sie mir's man tüchtig. Je, die kleine Judica —! Die hat's in sich. Die gefällt mir besser als ihr Vater, Herr Professor, – wenn ich auch meine Meinung sagen soll.«
»Es ist aber nicht gewünscht worden, daß Sie Ihre Meinung sagen sollen; niemand hat es gewünscht. Bleiben Sie bei Ihren Festungen, mein Sohn; und erobern Sie sie bis morgen alle! Haben Sie gehört? (Jetzt reibt er mir die Haut vom Leibe herunter. Ich halt's nicht mehr aus! – Doch; ich halt's noch aus.)«
»Bis morgen alle; da geb' ich Ihnen mein Wort.«
»Beachten Sie, Doktor Strehlau, daß wir so, während wir der Pflege und Mißhandlung des Leibes obliegen, zugleich den Geist beschäftigen, als ging' ihn diese Mißhandlung nichts an; als existierte sie nicht. Beachten Sie, daß das die Art gebildeter Männer ist; daß der Geist, mein Sohn – weil er das Höhere ist – — Halt! Hören Sie auf! Sind Sie toll? Hören Sie auf!«
»Je, 's thut wol weh, Herr Professor —«
»Abtrocknen! Sanft! – — Mein Hemd! – Für was für einen Heiligen halten Sie mich, daß Sie mir die ganze Haut herunterschinden? – Meine Hose! – Ich hasse Sie. Sie sind mir ein Gegenstand des – —«
Doch er brach ab; er murmelte vor sich hin: »Te philosophum esse. Te philosophum esse! – — Meine Strümpfe. Die reinen. Nummer elf. Jetzt verlassen Sie mich. Doktor Strehlau, Sie haben Ihre Schuldigkeit gethan; hier ist Ihre Zigarre. Mein Sohn, rauche sie mit Verstand! Und die französischen Festungen!« rief er ihm nach.
»O, ich werde ja wol,« sagte Doktor Strehlau mit seinem vertrauensvollsten Lächeln und ging aus der Thür.
II
Fridolin kleidete sich an. Er seufzte. Er kämmte sein schönes Gelock; aber er salbte es heute nicht; er salbte es nie, wenn sein Herz Kummer hatte; er vernachlässigte sich. Als er den Kamm wieder reinigte, legte er die Haare, die zwischen dessen Zähnen hängen geblieben, einzeln, eines nach dem andern, auf ein Blatt Papier; er zählte sie. Schwermütig sah er sie an und schüttelte den Kopf. Dreiundvierzig! – Drei und vierzig! – Ich werde ein Kahlkopf. Ich bin bereits ein Kahlkopf in der Idee. Die Natur führt diese Idee in mir aus; langsam, doch unfehlbar. Heute, an meinem Geburtstag, muß ich entdecken, daß ich an einem Morgen dreiundvierzig meiner Haupthaare verliere! – Mein Geburtstag. Wer denkt an ihn? Niemand. Kaum ich selbst. Hat Tante Ritter mir gratuliert? Nein. Warum soll sie mir auch noch gratulieren – sie oder irgend jemand? Zu was? Wer bin ich? Ein Nichts. Ein Wesen ohne Glück, ohne Stern. Diese Falte zwischen meinen Augenbrauen (er stand vor dem Spiegel) wird tiefer und tiefer; mein Leben flacher und flacher. Ich war ein sonderbares, bemerkenswertes Etwas; jetzt bin ich ein nicht mehr zu bemerkendes Nichts!
»O, die Natur in mir ist schlau!« sagte er plötzlich vor sich hin. »Sie sieht, wie ein kluger Hund, daß sie dem kategorischen Imperativ in mir gehorchen muß; sie soll an Ottilie nicht denken; was thut sie? Sie beschäftigt sich mit allem sonstigen Kummer, den ich habe, seufzt darüber, und kommt so zu ihrem Recht. O wie schlau die Natur ist! Vielleicht – wie
weise! Gehen wir zum Frühstück. Drei Viertel
auf Sieben. Kaffee; warmer Kaffee, frisches, weißes Gebäck; was für ein lieblicher Gedanke. Versuchen wir, an diesem einsamen Geburtstag, trotz der einundvierzig Jahre und der dreiundvierzig Haare, doch nicht unglücklich zu sein!«
Mit diesem philosophischen Gedanken trat er über die Schwelle und ging dem Papageienzimmer zu, in dem er zu frühstücken und zu tafeln pflegte. Als er hineintrat, mußte er wohl erstaunen. Auf dem gedeckten Tisch stand ein riesiger Topfkuchen (seine Jugendliebe), von Frühlingsblumen bekränzt; zierliche und majestätische Blumensträuße umgaben ihn; ein hoher silberner Becher, dessen Teckel eine weibliche Figur krönte (durch ihre Embleme suchte sie zu beweisen, daß sie die Knust sei), stand hinter dein Topfkuchen, ihn edel überragend. Ihn überragten wieder drei lebendige Leibschwaben, Rudolf der Ingenieur, Franz und der andre junge Architekt; alle in Schwarz gekleidet und in den feierlichen Ernst des Augenblicks gehüllt. Dies Ganze aber überragte Risotto, der zu hinterst stand, wie ein Glockenturm; aus dessen oberstem Geschoß denn auch zuerst, wie der festliche Gruß der Morgenglocke, ertönte: »Guten Morgen, Professor Fridolin!«
»Guten Morgen, Professor Fridolin!« sprachen die andern ihm nach.
»Da sind wir,« setzte der dicke Rudolf hinzu.
Fridolin sah sie alle an und schwieg. Die Überraschung, die plötzliche Rührung machte ihn stumm.
»Rudolf, du hast das Wort,« murmelte Risotto.
Rudolf trat vor. Er hustete; dann fiel ihm offenbar ein, daß der Meister, der vor ihm stand, ihn und sie alle gelehrt hatte, ihre Rede ohne Räuspern und Husten, edel und frei zu beginnen, und er begann: »Du hast uns verschwiegen, Fridolin, daß heut dein Geburtstag ist; aber wir wußten es. Wir haben gehört, daß du wieder da bist; also sind wir gekommen,« (er lächelte) »dir durch die Blume« (er deutete auf die Sträuße) »zu sagen, wie wir dich verehren – dich verehren —«
»Und lieben,« fetzte Franz mit seiner treuherzigen Stimme hinzu.
»Und lieben,« wiederholte Rudolf. »Und dir diesen Becher zu bringen; als ein kleines Andenken an deine treuen Schüler —«
»Unsere Namen stehen alle darauf,« schob Risotto ein.
»Und als ein Zeichen unsrer Dankbarkeit, Anhänglichkeit —«
»Und Bewunderung,« sagte der jüngere Architekt.
Rudolf blickte etwas unwillig nach den ihn unterbrechenden Hintermännern zurück; dann fuhr er fort: »Wir wollten auch den kleinen Fridolin auffordern, mitzukommen; aber wo steckt er? Unbekannt. Wir wissen nicht mehr von ihm, als von der Kawisprache —«
»Es liegt auch nichts daran,« warf Risotto ein.
»Wir hätten ihn auch als Dichter für diesen Festtag gebraucht,« fing Rudolf wieder an; »denn er ist leider der einzige von uns, der im Versemachen so einen —« (er suchte das passende Wort) »so einen gewissen Wupptich hat; so den eigentlichen Pli.«
»Pli ist ein Fremdwort,« unterbrach ihn Fridolin, der bis dahin ohne körperliche Regung zugehört hatte. »Ich ziehe, wenn es sein muß, sogar Wupptich vor.«
»Den wir also nicht haben,« fuhr Rudolf fort; »und so haben wir in unsrer Not an Franz appellieren müssen, der, was das Dichten betrifft, eigentlich ein hilfloser Greis ist —«
Franz lächelte resigniert.
»Und an mich, der darin gleichfalls ein hilfloser Greis ist,« fetzte Rudolf gutmütig hinzu. »Wir haben uns gesagt: es muß nun daraus werden, was wird; etwas Dummes oder etwas Gescheites; lyrisch, tragisch, romantisch, equilibristisch, komisch, medizinisch – wenn's nur etwas wird.«
»Und von alledem ist es etwas geworden,« ergänzte Risotto von hinten.
»Jedenfalls ist es höherer Unsinn geworden,« sagte Franz – der nun gleichfalls vortrat – und lächelte treuherzig. »Und auch Risotto und der Waldknabe« (er meinte den jüngeren Architekten) »haben mitgeholfen; und nun werden wir es dir, wenn du erlaubst, mit verteilten Chorstimmen recitieren, wie in der ›Braut von Messina‹.«
Fridolin verneigte sich ausfordernd. Hierauf traten die vier Jünglinge in eine Reihe. »Hannemann, geh du voran!« murmelte Risotto, indem er Franz mit seinem mammuthaften Ellbogen anstieß.
Franz lächelte still in sich hinein, wie über den Unsinn, der sich nun ereignen werde; dann fing er an:
»Und einundvierzig Jahre sind nun voll!
So sprach der Klang, der mir zum Ohre goll —«
»Wir haben nämlich die unmöglichen Reime den möglichen vorgezogen,« fiel ihm Rudolf ins Wort. »Thut, was ihr könnt,« entgegnete Fridolin;
»ich habe
In England mich an viel gewöhnen lernen – —
Mein teurer Franz, ich bitte, fang noch einmal an!« Franz lächelte wieder, dann sprach er:
»Und einundvierzig Jahre sind nun voll!
So sprach der Klang, der mir zum Ohre goll;
So sprach die Glocke der Erinnerung,
Die mir im Herzen ihren Hammer schwung;
Und Andacht senkte sich in meinen Busen,
Noch ehe ich mein Morgenbrot gespusen.«
Rudolf trat vor und fuhr fort:
»Vielleicht – so dacht' ich – fühlt er jetzt den Gruß,
Den dieses Herz zu ihm hinüber blus;
Er freut sich des, ist heiter, pfeift und singt,
Vielleicht auch hat ein Ohr ihm jetzt geklingt;
Da fühlt er es: der Tag ist angebrochen.
Den er so sorglich aller Welt verstochen.«
Der Waldknabe (trat vor):
»Ernst wird sein Geist; ein Seufzer steigt empor;
Er denkt des Tags, der ihn der Welt gebor:
›Wie sind die Jahre doch so rasch zerronnen.
Und Kindheit, Jugend – wie dahingeschwonnen!
Grau liegt der Tag und bleiern um mich her;
Was träumt' ich nicht, als ich ein Kind noch war'!
Das Alter fühl' ich nahn, noch schleicht's auf Socken;
O Jugendblüte! wie bist du geknocken!‹«
Risotto (gerührt, mit weicher Stimme):
»Nicht also, Meister! Nicht in Gram versunken!
Dir winkt die Jugend, wie sie sonst gewunken!
Was fehlt dir? Blieb dir nicht des Geistes Schwung,
Wenn auch des Leibes Knospenzeit vergung?
Und wir sind da, die liebenden Getreu'n:
Leibschwaben sind wir, wollen's ewig seun!«
Franz:
»Und dieses also dir gedichtet habend,
Wünsch' ich dir herzlich einen guten Morgen.«
»›Habend – Morgen‹ ist gut!« sagte Fridolin heiter; die Rührung verbergend, die sein weiches Herz ergriffen hatte. »Was soll ich euch zum Dank für diesen Morgengruß sagen, meine Freunde? Diese Reime – so sans raison – und doch ist Raison darin. Ihr habt recht. Ich glaube, ihr habt recht. Noch sind wir jung!
Mut, Freunde, Mut! wir sind noch nicht zu Boden;
Fünf Regimenter Terzky sind noch unser
Nebst Buttler's wackren Scharen.«
»Das ist das Wort!« sagte Risotto, sich die Hände reibend. »Das ist das rechte Wort!«
»Ich glaube wahrhaftig, infolge dieses Unsinns steht mir jetzt eine Thräne im Auge; – mag sie, ich wehre ihr nicht. – Wie soll ich euch danken? – Soll ich euch danken? Nein. Hier habt ihr meine Hand; meine Hände. Zwei – und zwei. Ihr habt mir mehr zuliebe gethan, als ihr wißt; als ihr denken könnt. Ihr seid – — Ich soll euch nicht danken? Doch. Ich werde versuchen, euch zu danken. Auf meine Weise! Hier —!«
Er trat an einen Kasten und öffnete dessen unterstes Fach. Hier lagen die Papiere, Scharteken und Westen nebeneinander, die die Leibschwaben an jenem Tage, als Ottilie einzog, hierher ausgeräumt hatten. Er deutete mit dem ausgestreckten Finger auf die Westen hin. »Ihr habt da hinten eure Namen eingeschrieben,« sagte er. »Diese benamsten Westen sollten euer sein, sobald ich sie entließe. Ich entlasse sie heute. Meine lieben Söhne, nehmt, was euch gehört! Ich bin ein armer deutscher Kunstprofessor; alles, was ich für euch habe, sind Westen, – und das Herz, das darunter schlug!«
»Bei Gott, Fridolin, wir danken dir von ganzem Herzen,« sagte Rudolf gerührt.
»Mir hattest du noch keine vermacht,« seufzte Franz bescheiden. »Du gabst mir freilich statt dessen das Allerbeste, was ich mir wünschen konnte: das brüderliche Du —«
»Solltest du darum zu kurz kommen?« sagte Fridolin. »Wähle dir eine unter ihnen, die noch keinen Namen trägt, und sie ist dein.«
»Was wünschen Sie, Tante Ritter?« fragte er, da plötzlich ihre Erscheinung und ein unverständliches Gemurmel ihrer Lippen ihn unterbrach.
»Daß ich Ihnen doch auch beglückwünschen will!« sagte sie lauter. »Ich halt's nun nicht länger mehr aus. hab' vorhin nichts sagen dürfen, Herr Professor; hatt' den jungen Herrn versprechen müssen, mir gar nichts merken zu lassen, daß ich's wüßte, was für ein Tag heute ist. Und daß Sie immer gesund und glücklich sind, Herr Professor!« (Sie drückte ihm die dargebotene Hand.) »Und daß Sie gar nie mehr brummig sind;« – sie lächelte mütterlich. »Na, und daß wir immer beisammen bleiben, der Herr Professor und ich.«
»Tante Ritter,« erwiderte Fridolin, »sehn Sie diese Jünglinge an: sie beerben mich, jeder nimmt sich die Weste, die ich ihm vermache. Kann ich auch Ihnen eine Weste schenken? Nein. Aber es geht mir heut umgekehrt wie jenem Richard dem Dritten, vor dem Sie in Ihrer holden Jugend gezittert haben, als der große Ludwig Devrient ihn spielte: ›ich bin in der Gebelaune heut‹. Sie haben sich in Ihr goldenes Medaillon eine Locke von mir gewünscht. Im braunen Zimmer finden Sie, auf einem Blatt der ›Dioskuren‹, dreiundvierzig Haare von mir. Nehmen Sie sie hin! Und in die Rückseite des Medaillons – o Großmut! – stift' ich Ihnen meine Photographie; die, welche Sie schmeichelnderweise so ähnlich finden, weil ich darauf lächle. Ich verspreche Ihnen, auch im Leben zu lächeln, so oft ich kann. Sollt' ich wieder einmal brummen, Tante Ritter, so öffnen Sie dieses Medaillon, halten Sie mir diese lächelnde Photographie vor Augen, und ich werde lächeln. Und nun gehn Sie und schicken Sie das taube Küchenmädchen an die Thür: man hat schon zweimal geklingelt. Und gehn Sie zur Küche und richten Sie ein kaltes Frühstück mit edlem Rheinwein für diese Jünglinge her; denn es ist unsre wohlerkannte Pflicht, aus jenem Becher zu trinken!«
III
»Es klingelt zum drittenmal,« bemerkte Risotto.
»Jetzt wird geöffnet,« antwortete Rudolf.
Die Thür ging auf, und ein unbekannter junger Mann, mit noch zartem, dunkelbraunem Flaum auf der Oberlippe, trat ein. Er sah aus wie ein Mann, der geradeswegs vom Bahnhof kommt, nach einer durchfahrenen Nacht: etwas verwildertes Haar, interessante Blässe, überwachte Augen, bestaubter Reiseanzug. Indessen erglühte sein blasses Gesicht, als er, noch immer schweigend, näher trat, offenbar den Hausherrn mit den Augen suchend. Fridolin schwieg gleichfalls und betrachtete ihn.
»Nicht wahr, ich irre nicht – Sie sind es,« sagte endlich der junge Mann, mit sehr erregter Stimme.
»M glaube, daß ich es bin,« erwiderte Fridolin. »Wenn Sie mir gefälligst sagen wollen —«
»Ich muß mich entschuldigen,« fiel ihm der Fremde ins Wort, »daß ich so sehr früh morgens, und so gradeswegs von der Reise – ohne Toilette zu machen – Ich hatte nicht Zeit – nicht Ruhe. Ich mußte augenblicklich hierher – — Entschuldigen Sie. Ich komme wegen meiner Schwester, mein Herr.«
Fridolin sah dem aufgeregten Jüngling, der mit einer sehr wohlklingenden, männlichen Stimme so verworren sprach, höchst aufmerksam ins Gesicht. »Ich will schwören,« sagte er plötzlich, »das ist Fräulein Ottiliens Bruder!«
»Ja, der bin ich, mein Herr. Ich komme, Sie zu fragen« (sein feines, edles Gesicht nahm einen auffallenden, fast drohenden Ausdruck an), »was diese ganze Geschichte – dieses ganze Benehmen gegen meine Schwester bedeutet.«
»Was für ein Benehmen? – Mein Bester, ich verstehe Sie nicht!«
»Ich bitte, mein Herr,« sagte der junge Mensch, indem er heftig errötete: »keine Ausdrücke der Vertraulichkeit; – ich bitte sehr. Wenn ich je gedacht hätte, daß meine Schwester eine solche Behandlung – eine solche Behandlung!« wiederholte er – »von Ihnen erfahren würde, – ich hätte nie zugegeben, daß sie dieses Haus betreten hätte, mein Herr.«
Fridolin starrte ihn an. Die Leibschwaben traten alle vier in jugendlicher Aufregung näher und blickten auf den Meister, was er sagen werde. »Wer versteht dies?« fragte Fridolin endlich. »Ich nicht. Wenn Sie wirklich dieser Bruder sind – aber Sie sind es – man sieht es – der Fräulein Ottilie am Gardasee besuchen wollte —«
»Ich habe sie auch besucht, mein Herr; oder vielmehr, ich wollte sie besuchen – aber sie war fort. Nachdem Sie sie auf diese unverantwortliche, auf diese ganz unglaubliche Weise verlassen hatten!«
Jetzt errötete Fridolin; und es währte eine Weile, bis er Worte fand. »Sie haben Ausdrücke,
mein junger Herr Verlassen? Ich bin abgereist.
Ja. Ich hab' Fräulein Ottilie bei meinem Bruder zurückgelassen, dessen Tochter sie erzieht. Wenn das —«
»Sie hatten sie bei Ihrem Bruder zurückgelassen? Wie können Sie das sagen, mein Herr, da dieser Bruder schon fort war? – Sie sind abgereist, mein Herr, Sie haben meine Schwester mit dem Kind allein gelassen; im Hotel, ohne Geld – wie eine Betrügerin, die ihre Rechnung nicht bezahlen kann; – meine Schwester, mein Herr. Ich kenne Ihre Beweggründe nicht; aber ich bin so frei, Ihnen grade heraus zu sagen, daß ein Ehrenmann —«
»Oho!« rief Risotto aus und drängte sich vor.
»Schweigen Sie, Risotto!« sagte Fridolin, der sich philosophische Ruhe zu erkämpfen suchte. »Wenn ich verteidigt werden muß, so verteidige ich mich selbst. Mein Herr!« sagte er, sich zu dem Jüngling wendend (Gott im Himmel, wie kann man mit einem Baß und einem Schnurrbart dieser Ottilie so ähnlich sehn!) »mein Herr, ich würde Ihnen ewig dankbar sein, wenn Sie einstweilen noch auf die moralische Beurteilung des Falls verzichten und mir mitteilen wollten, wie diese unbegreifliche Geschichte zusammenhängt! wie Sie dies alles erfahren haben, wo Fräulein Ottilie sich jetzt befindet – wo sie jetzt ist!«
»Wo sie jetzt ist? – Mein Herr, das wünschte ich von Ihnen zu erfahren; dazu reis' ich ja her; dazu reis' ich Tag und Nacht. Und um Ihnen ins Gesicht zu sagen —«
»Ich bitte, haben Sie noch ein wenig Fassung und Geduld, sagen Sie mir noch nichts – (die ganze Ottilie!) reißen Sie mich lieber aus meiner eigenen grenzenlosen Unruhe – gehn wir historisch zu Werke, wenn's Ihnen möglich ist. Die historische Entwickelung, mein Herr! Sie kamen nach Riva —«
»Ja, ich kam nach Riva! Ich hatte meiner Schwester geschrieben, daß ich auf der Durchreife nach Rom sie besuchen werde« (Fridolin nickte) – »auf einen Tag, oder zwei« (Fridolin nickte wieder) – »ich gehe also ins Hotel, ich suche sie auf. Sie ist fort! ›Diese Dame ist fort!‹ sagt der Kellner und lacht mir unverschämt ins Gesicht. Ich wende mich an den Wirt. ›Diese Dame ist fort,‹ sagt er – mit so einem zweideutigen, verdammten Grinsen – —
»Was wünschen Sie, mein Herr?« sagte der junge Mann auf einmal zu Fridolin; »warum starren Sie mich denn fort und fort an?«
»Verzeihen Sie – (Ottilie als Knabe! – Der interessanteste ausgewachsene Knabe, den ich in meinem Leben gesehn!) Nur weil diese wahrhaft merkwürdige Aehnlichkeit – — Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie sogar, fahren Sie fort.«
»Nun ja; ich frage also – — Das heißt, ich wollte diesem Wirt zunächst deutlich machen, daß er sich jedes unpassenden und beleidigenden Mienenspiels zu enthalten habe; aber die italienischen Ausdrücke sielen mir nicht ein! – ›Ich frage ihn also: ›die ganze Gesellschaft ist fort?‹ – ›O ja,‹ sagt er, ›so nach und nach. Zuerst die drei Herren, einer nach dem andern. Ganz in der Stille. Zuletzt ist die Dame mit der Kleinen allein; macht eine Theaterscene mit Thränen; erklärt mir dann, sie habe kein Geld, könne mich nicht zahlen. Wenn Sie mich nicht zahlen können, sag' ich ihr, so werden Sie erlauben, daß ich mir anderweitig helfe; denn es gibt auch hierzulande Polizei, Madame, und es gibt Gerichte —‹«
»Großer Gott!« rief Fridolin aus, der sich nicht länger hielt. »Polizei! Gerichte! – Was ist geschehn? In Verhaft —?«
»Ich bitte Sie, mein Herr, lassen Sie meinen Arm,« sagte der junge Mensch, wieder heftig errötend. »Nein, nicht in Verhaft. Wär' sie in Verhaft, so spräch' ich nicht so ruhig zu Ihnen, wie ich es thue, sondern sagte Ihnen —« (erbitterter) »sagte Ihnen —«
»Haben Sie noch einmal die Geduld, mein Herr, objektiv zu bleiben; nur noch ein einziges Mal! (Wie gut dieses Aufbrausen ihm steht!) Haben Sie die Güte, mir mit drei Worten zu sagen, was geschehen ist!«
»Nun also mit drei Worten: sie ist fort! Denselben Abend ist ein Herr gekommen; er hat sie angeredet; wie es also scheint, hat er sie gekannt. Dann hat sie ihm allerlei erzählt, was der Wirt nicht verstanden hat; denn er versteht wenig Deutsch. Dann hat dieser Herr für meine Schwester die ganze Rechnung bezahlt; – wobei der Wirt wieder lächelte,« setzte der junge Mann hinzu und biß sich auf die Lippe. »Am andern Morgen sind sie alle drei – das Kind, meine Schwester und dieser Herr – miteinander abgefahren; im Wagen, nach Trient.«
»Leopold! Ich denke und hoffe, es war Leopold!« rief Fridolin aus.
»Ich weiß nicht, wer ›Leopold‹ ist,« erwiderte der Jüngling. Ich weiß nur, daß dieser Herr, über den der Wirt so unverschämt lächelte – und ich konnte auf das Wort impudenza im Augenblick nicht kommen! – daß dieser Herr sich vor der Abreise ins Fremdenbuch des Hotels eingeschrieben hat: Frivolino, pittore. Berlino. Weiter weiß ich nichts.«
»Frivolin!« rief Risotto aus. »Da haben wir die Pastete!«
»Ich hatte Sie ersucht, mein Sohn, zu schweigen,« fiel ihm Fridolin in die Rede. »Was ist das? Wie kommt der kleine Frivolin an den Gardasee? Ist er uns nachgereist? Was hat er gewollt? – Und dieser Don Juan muß Fräulein Ottilie auslösen? nach Trient begleiten? – Trient? Telegraphieren wir augenblicklich nach Trient!«
»Das wäre sehr überflüssig,« erwiderte Ottiliens Bruder, der bei den Worten »Don Juan« sich aufs neue verfinstert hatte. »Ich war ja in Trient! Ich fuhr von Riva dorthin. In jedem Hotel fragte ich nach einer jungen Dame, einem Kind und einem Herrn, – bis man mir in der ›Corona‹ sagte, die drei Herrschaften, die ich bezeichnet hätte, feien da gewesen, hätten zu Abend gespeist; doch noch in der Nacht seien sie weitergefahren mit dem Schnellzug nach Norden zu. Dies ist das letzte, was ich erfahren habe. Der Portier sagte ein Wort von ›Bolzano‹, von Bozen; ich fuhr nach Bozen; hab' sie dort in jedem Hotel, jedem Kaffeehaus, in jeder Straße gesucht. Nichts. Keine Spur. Und darauf bin ich denn direkt nach Berlin gefahren; zu Ihnen, mein Herr.«
»Heiliger Gott! (Wenn er mich so ansieht, hat er ganz die Augen der Schwester; diese braunen Augen.) Wir wissen also nichts; nichts. Unter Fridolins Schutz in die Welt hinein! – Wohin? – Was soll man thun? – Was soll man jetzt thun? – Auch mein Bruder verschwunden; – ich verstehe nichts. Verschwunden, und seine Judica zurückgelassen; – Rätsel über Rätsel! – Mein Herr! – Herr Ritter also – Ferdinand Ritter – nicht wahr —«
Der Jüngling nickte.
»Was ich etwa dabei verschuldet habe, Herr Ritter (ganz die Rittersche Nase) – davon nachher. Jetzt handelt sich's darum, diese verlorene Schwester zu entdecken! – Telegraphieren! – Wohin? – Ueberallhin; natürlich. Wo kann sie sein? Da sie nicht in dieses Haus zurückgekehrt ist – was das einfachste, das natürlichste gewesen wäre —«
»Also Sie glauben, mein Herr,« unterbrach ihn der Bruder, »daß meine Schwester nach einer solchen Behandlung hierher zurückkehren wird?«
Fridolin errötete. (Wie diese männliche Ottilie in seiner Impertinenz entzückend ist!) »Gut, mein junger Herr; – reden Sie, ich handle. Reden Sie, was Sie wollen; ich telegraphiere. Franz! Setz dich, mein Sohn. Hier an den Tisch. Feder und Papier. Tinte. Ein Telegramm! An meinen Bruder Philipp; in Neustadt. Wenn er von Riva plötzlich abgereist ist, wohin wird er gereist sein? Nach Hause. Wohin wird Fräulein Ottilie mit seiner Tochter gereist sein? Vermutlich ebendorthin. – Vermutlich? Zuviel gesagt. Sagen wir: vielleicht. Versuchen wir's. Also ein Telegramm!«
Franz saß; Fridolin diktierte:
»Bist du da? Ist Fräulein Ottilie mit Judica dir nachgereist? Oder was weißt du von ihr?
Fridolin.«
»Wieviel Worte?« fragte er, nachdem Franz geschrieben hatte.
»Mit der Ueberschrift einundzwanzig,« antwortete Franz.
»Streiche ›ist‹! ›Ist‹ ist überflüssig. ›Ist‹ ist nicht lakonisch; nicht telegrammesk. Schreibe statt ›bist du da‹ einfach: ›Zurückgekehrt?‹ Und dann setze hinzu: ›Drahtantwort bezahlt.‹ Zwanzig Worte. In Ordnung.«
»Und nun —?« fragte Franz, indem er aufstand.
»Nun nimm das Telegramm, deinen Hut, und hab die Güte und lauf!
»Setzen Sie sich gefälligst, Risotto!« fuhr Fridolin fort, während Franz sich entfernte. »Wir telegraphieren weiter! – Wenn Sie mir freundlichst, im Interesse der Sache, sagen wollten, Herr Ritter: wohin Ihre Schwester sich etwa sonst gewendet haben könnte, wenn sie weder hierher, noch zu dem Vater Judicas gereist ist.«
»Wohin sonst?«
»Zu ihrem Onkel vielleicht; zu ihrem und meinem Onkel, bei dem sie war, ehe sie hierher kam.«
»Eine Vermutung, die alles für sich hat! – Wenn Sie mir die Adresse dieses Onkels geben wollten.«
»Hier ist seine Karte,« antwortete der junge Mensch, indem er sie aus der Brieftasche zog, und reichte sie Fridolin hin. »Oder soll etwa ich —«
»Dies alles ist meine Sache, meine Pflicht; ich bin ja der Schuldige, der Verantwortliche; Sie sagen es selbst. Schreiben Sie, Risotto! Zuerst die Adresse, nach dieser Visitenkarte. Haben Sie's? – Sie haben. – ›Bitte um gütige Auskunft: Fräulein Ottilie Ritter bei Ihnen? Oder wo? Drahtantwort bezahlt.‹ Meine Adresse darunter. Genau zwanzig Worte. Gut.«
»Soll ich gehn?« fragte Risotto.
»Ja, kleiner Risotto, gehn Sie, opfern Sie sich für die Sache. Wir müssen heute schnell, entschlossen und groß sein! Fort mit dem Telegramm! – — Risotto ist fort. Versäumen wir nichts, mein Herr. Wohin könnten wir unsern Hilferuf noch erschallen lassen? Wohin könnte Fräulein Ottilie sich gewendet haben, wenn nicht zum Onkel? An wen und was ließe sich denken?«
»Ich wüßte nur eine Tante in Potsdam,« antwortete der Jüngling. »Diese Tante in Potsdam lud sie erst neulich ein, sie zu besuchen —«
»Lud sie erst neulich ein! Also eine Vermutung, die alles für sich hat! (Selbst das Wort ›Potsdam‹ klingt angenehm, wenn dieser Bruder Ottiliens es sagt.) Wir telegraphieren nach Potsdam! Die Adresse, wenn ich bitten darf?«
»Ich weiß sie nicht.«
»Auch nicht die Straße?«
»Nein.«
»Das ist nichts für den Telegraphen; – das ist eine Aufgabe für die findende menschliche Vernunft. Mein teurer Rudolf! In der nächsten Viertelstunde geht ein Zug nach Potsdam; in fünf Minuten – längstens! – bist du am Bahnhof; in dreiviertel Stunden drüben auf der großen Potsdamer Brücke. Du wendest dich an die Polizei, erfragst dir diese Tante – — ihr Name, Herr Ritter?«
»Frau Altschwager; Antonie Altschwager; Witwe; Blumenmacherin, – oder etwas dergleichen.«
»Oder etwas dergleichen! – Anhalt genug, mein teurer Rudolf, für einen Kopf wie deiner. Du erfragst sie, besuchst sie, erfährst dort, wie es steht. Gott sei Dank, meine Freunde, wir haben Ferien, wir können diese Sache im großen Stil behandeln und betreiben, wie sie's von uns verlangt! – Du bist noch nicht fort? – Ah, er geht schon fort. Nimm meinen Segen mit, mein Sohn, und verdiene dir meinen Dank!«
»Wann kann er wieder hier sein?« fragte Fridolin sich selbst und sah nach seiner Uhr. »Wir haben drei Viertel auf Acht. Sagen wir: in zwei Stunden; sagen wir mit Berücksichtigung der menschlichen Gebrechlichkeit: drei. – Und abgereist mit diesem Fridolin? Sagt unsre Vernunft uns nichts über diesen Fridolin? Ließen sich nicht auch seine Spuren verfolgen? – Ich glaube, ihr erzähltet mir einmal, er wohne hier mit einem Bruder zusammen; einem Bruder mit roten Haaren und ohne Talent. Waldknabe! hab' ich recht?«
Der Waldknabe nickte.
»Du wirst seine Wohnung wissen?«
»O ja. Allerdings.«
»Weit von hier?«
»O nein.«
»Also nimm deinen kleinen fashionablen Deckel, mein Sohn, und lauf! Suche diesen Bruder. Frag ihn, was er von dem verschollenen Fridolin weiß —«
»Wollen wir nicht lieber durch den Lokaltelegraphen —?« fragte der junge Architekt, da er eben die Aufwärterin mit dem Frühstück eintreten sah.
»Durch deine eignen werten Beine ist besser, mein Sohn; ›würd' ich sonst, Liebchen, dir es raten‹? Du bist ja schneller dort, und schneller zurück. Verdiene dir das Frühstück, indem du es in diesem Augenblick philosophisch verachtest!«
IV
»Gut, er ist fort,« sagte Fridolin, als auch der letzte der vier Leibschwaben das Zimmer verlassen hatte und er sich mit Ottiliens Bruder allein sah. »Wir haben jetzt Zeit, mein Herr, an meine Verschuldung zu denken; mich zu verurteilen, wenn ich der Schuldige bin. Hier steht Clavigo – dort sein Ankläger, Beaumarchais. Erledigen wir mich! Aber suchen wir, wenn es Ihnen gefällig ist, dabei die Forderungen der kritischen Vernunft mit denen des Leibes zu vereinigen. ›Unterdessen das Frühstück.‹«
»Ich danke Ihnen,« sagte der Jüngling mit sanfter Stimme und einem Lächeln, das er nicht zu unterdrücken vermochte. »Ich könnte jetzt nicht frühstücken. Ich danke Ihnen.«
»Also eine nüchterne Untersuchung meiner Schuld! (Er hat gelächelt. Er lächelt wie sie. O dieses Lächeln —!) Herr Ferdinand Ritter, warum zögern Sie? Warum sagen Sie nichts?«
»Verzeihen Sie mir!« sagte Ferdinand errötend. »Ich hab' Sie beleidigt. Ich sehe ja aus allem, was Sie da thun, daß Sie in dieser unbegreiflichen Sache – ganz gewiß ohne Schuld sind. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich – — Verzeihen Sie mir!«
»Daß Sie sich Ihrer Schwester so ritterlich, vielmehr so brüderlich annahmen, sollte ich Ihnen verzeihen?«
»Ich hab' Ihnen« (der Jüngling ward wieder purpurrot) »starke Dinge gesagt. In der ersten Aufregung – in dem Glauben, daß – — Nicht wahr, ich hab' Ihnen starke Dinge gesagt,« wiederholte er, indem er zaghaft lächelte.
(Er lächelt noch schöner als sie!) »Ich danke Ihnen für jedes starke Wort, Herr Ferdinand Ritter, das Sie mir gesagt haben; denn es hat mich einen der besten, der – idealsten Brüder kennen gelehrt! – Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen das sage. Warum sollt' ich nicht? Warum sollten sich Menschen nicht das Ehrende, das Erfreuende sagen? Wenn es das Wahre ist! – Uebrigens bestimmte Sie die Natur dazu, der Ritter dieser Schwester zu sein. Sie sind nur eine andere Ausgabe von ihr; eine Uebersetzung. Eine Uebersetzung in die festere, straffere Sprache der Männlichkeit. Verstehe ich Ihre Hand recht? Sie wollte sich mir geben? – Hier haben Sie die meine. Verständigung; Versöhnung. Es macht mich glücklich, Herr Ferdinand Ritter – Ferdinand! ein schöner Name – es macht mich glücklich, uns versöhnt zu sehn. Auf unbegreifliche, unvernünftige Weise haben wir Ihre Schwester verloren; sorgen wir uns nicht: auf dem Wege der begreifenden Vernunft werden wir diese Schwester wiederfinden.«
»Ich bin ohne Sorge!« erwiderte Ferdinand. »So, wie Sie es betreiben – und so resolut, wie meine Schwester ist – — Ganz ohne Sorge! Ich danke Ihnen. Wenn Sie mir nur verzeihn!«
»Verzeihn! Dieses Wort werde nicht mehr gehört; es sind« keinen Platz mehr zwischen Ihnen und mir. Warum stehn wir noch immer? Ich hab' Sie noch nicht sitzen sehn; das ist unnatürlich. Setzen wir uns; an diesen so freundlich einladenden Tisch. Sie wollen nicht essen? So trinken wir wenigstens; aus diesen grünen Rheinweingläsern, Herr Ferdinand – — Sie erlauben, daß ich alter Professor Sie bei Ihrem Vornamen nenne. (Er nickt. Er lächelt. Dieser edle Ausdruck!) Also ich schenke ein. Wie es gluckst. Zu den schönsten Geräuschen der Natur gehört für mich dieses Glucksen der Flasche beim ersten Glas. Wie das zögernde, zärtliche Seufzen einer Schönen beim ersten Kuß —«
Er stockte. Plötzlich fiel ihm Ottilie ein; Ottilie und alles. Es fiel ihm ein, daß er sie ja liebe. Aber welche Veränderung! Es that ihm nichts dabei weh. Er fühlte keinen Schmerz. Da saß er wieder: der Junggesell Fridolin, der nicht heiraten soll und auch nicht heiraten möchte; nicht mehr der Graf Egmont, der um ein Mädchen seufzt, sondern der Professor Sokrates, der Menschen wirbt, der sich in eine werdende Jünglingsseele vertieft. Er sah gleichsam sich selber zu, und mußte lächeln. Es war ihm, als erblickte er hinter einem Schleier das auf ihn geheftete stille, weise Auge der Natur, das ihm lautlos sagte: »Siehst du, mein Sohn, so spiele ich mit dir! Vom Mädchen weg locke ich dich zum Jüngling – und von dem führ' ich dich zu dir selbst zurück – und dich so hin und her schaukelnd halt' ich dich fest in deinem Bund zwischen dir und dir. Was wolltest du von Ottilie? Hier ist sie, – in anderer Gestalt. Sieh diesen freundlichen, unschuldigen Jüngling an; so schön, so edel wie sie; wecke seine Seele, bilde sie, fülle sie, gewinne sie dir, so ist sie ja dein. War Sokrates mit Xantippe glücklich? Nein. Gute, edle Jünglinge zu finden, denen er Lehrer, Meister, Vater, Freund war, das war sein Glück. Das ist auch das deine. Hier sitzt es dir gegenüber. Erfülle deinen Beruf!«
»Der Wein ist vortrefflich,« sagte Ferdinand schüchtern, die tiefe Stille unterbrechend, nach einer geraumen Weile. »Aber, Herr Professor, Sie trinken ja nicht.«
Fridolin fuhr aus seinem Sinnen auf; er nickte; dann hielt er die freundlichen, sanften Augen auf den Jüngling geheftet. »Sie sagen zum erstenmal ›Herr Professor‹ zu mir; – es sei auch das letzte Mal, Ferdinand. Es klingt von Ihren Lippen unnatürlich; unmenschlich. ›Herr Professor!‹ Wie glücklich waren jene Alten, jene Griechen, die keine Titel kannten; nur Mensch und Mensch! – Sagen Sie ›Fridolin‹; Fridolin, weiter nichts. Alle meine jungen Freunde nennen mich so; – und ich betrachte Sie schon als meinen Freund. Sagen Sie's; ich bitte. Sagen Sie: Fridolin.«
»Fridolin!« sagte Ferdinand; mit Schüchternheit, Heiterkeit und Stolz.
»Fridolin! Wie schön dieser Name von Ihren Lippen klingt. Ihre Schwester – — Was wollte ich Ihnen noch von Ihrer Schwester sagen – — Nehmen Sie Ihr Glas! Ich wünsche Ihnen etwas zu sagen; – und ich fürchte nicht, daß es Sie eitel macht; denn Ihnen sieht Charakter aus den braunen Augen; Verstand, Idealität. Klingen Sie an, mein junger Freund. Trinken wir darauf, daß Sie so unverdorben, so gut, so – ideal bleiben, wie Sie sind. Sagen Sie mir nichts! Werden Sie rot – nur zu – aber sagen Sie nichts. Ich weiß, ich sehe, Ferdinand, daß Sie von edler Art sind. Ich glaube, ich hab' ein wenig vom Auge, vielmehr vom ›Dämon‹ des Sokrates. In einer schönen Gestalt eine schöne Seele! – — Wie jugendlich verschämt, wie gerührt er mich ansieht. Ferdinand, – Ihre Hand. Ich hab' Sie achten gelernt, als Sie mir Ihre Beleidigungen so schlank und dreist ins Gesicht warfen; jetzt, da Sie mir so unnachahmlich freundlich in die Augen schauen, lerne ich Sie lieben.«
»Fridolin!« rief Ferdinand und sprang auf; denn die Bewegung, in die er geraten war, trieb ihn vom Stuhl empor. »Was sind Sie für ein Mensch —!« – Er stammelte; er sah ihn voll Bewunderung an. »Wenn es möglich wäre – wenn es möglich wäre, Fridolin, daß Sie mich jemals lieb hätten!«
»Ist schon geschehn,« sagte Fridolin heiter, um seine eigene lyrische Wallung zu verbergen, und nahm die beiden Hände des Jünglings in die seinen. »Warum sollte es auch erst übers Jahr, warum erst im Herbst, warum erst morgen geschehn? Am ersten Tag, oder nie! Durch Ihre Augen, Ferdinand, sieht man klar und tief in Ihre Seele hinein. Hinter diesen Fenstern wohnt wahre, warme Jugend, reine Gefühle, Begeisterung. Begeisterung ist alles! Gib einem Menschen alle Gaben der Erde und nimm ihm die Fähigkeit der Begeisterung, und du verdammst ihn zu lebendigem Tod. Wo ich in einer jungen Menschenbrust Begeisterung fühle, da glaub' ich, hoff' ich und lieb' ich. Ja, Kind, ich liebe Sie. ›Sie!‹ Wozu sag' ich ›Sie‹? Jene glücklichen Griechen kannten kein Sie. Mein glückliches altes Herz kennt für dich kein Sie. Warum warten, bis wir noch einige tausend Worte miteinander gewechselt haben. Gib mir den Becher her; den silbernen Becher da mit der silbernen Dame. Weihen wir ihn ein! Leere die Flasche in ihn aus. Setz ihn an die Lippen. Auf Begeisterung, Freundschaft, Liebe und Du! – —
»Wie thöricht wir sind,« fuhr Fridolin fort, als sie getrunken hatten und der von seinen Gefühlen ganz übermannte Ferdinand in einer Art von hilfloser Verzückung dastand – »wie thöricht wir sind, wenn wir am frühen Morgen verzagen; da wir ahnungslosesten Geschöpfe, wir blinden Maulwürfe der Oberwelt nicht wissen, was der Tag uns bringt. Hätt' ich denn vor einer Stunde auch nur denken können, daß dieser mein Geburtstag, den ich verwünschte, mich so außermaßen glücklich machen würde? – Aber ich seh' dich an und bemerke, mein teurer Ferdinand, daß du, die Wahrheit zu sagen, wie ein kleiner Schmutzsinke aussiehst. Noch ganz so, wie die Berlin-Anhalter Bahn dich. der Menschheit zurückgab. Führen wir dich in dieses Zimmer nebenan; dort übergeb' ich dir Seife, Kamm, Bürste, ein frisches Hemd. Und dann, wenn der gereinigte Adonis aus dem Seifenschaum emporgestiegen, führen wir dich zu deiner liebenden Tante; denn mir fällt ja eben ein, daß Frau Therese Ritter deine Tante ist, und daß du Schurke – o welch ein Wort für diesen edelsten aller Jünglinge! – daß du ihr noch nicht Guten Morgen gesagt hast.«
V
»Eine Depesche,« sagte der Ueberbringer, als er Tante Ritter herausgeklingelt hatte. »Ein Telegramm an den Herrn Professor.«
»Ein Telegramm!« rief Fridolin, der es durch die offene Thür von seinem Zimmer aus hörte. »Schon ein Telegramm! – Ich sagt' es immer: neben dem Leuchtgas – mit dem man nun endlich seine Zimmer einigermaßen hell machen kann, Ferdinand – ist der Telegraph die größte Erfindung des Jahrhunderts und ein Beweis für die Güte Gottes. Hier, Mann der Elektricität! haben Sie die Bescheinigung. Sie wünschen eine Zigarre? Nehmen Sie sich eine Zigarre aus jener Kiste. Wenn ich glücklich bin, sollten Sie unglücklich sein? Nein. Guten Morgen. – Lesen wir jetzt das Telegramm!«
»Von wem?« fragte Ferdinand.
»Nicht von meinem Bruder, wie ich dachte; von deinem Onkel, mein Sohn. ›Meine Nichte Ottilie nicht hier. Wissen nichts von ihr. Durch Ihr Telegramm lebhaft beunruhigt.‹ – So! Das ist nun das Resultat, daß wir diesen würdigen Mann auch noch beunruhigt haben; völlig nutzloser Weise. Es ist kein Segen beim Telegraphieren, mein Sohn!«
»Man klingelt,« sagte Tante Ritter (die inzwischen ihren Neffen, den Sohn ihres studierten Bruders, mit strahlendem Stolz von der Seite betrachtet hatte) und lief hinaus.
»Eine Depesche,« murmelte jemand draußen an der Thür. »Eine Depesche an den Herrn Professor.«
»Dieser Morgen ist nicht der stillste in meinem Leben!« sagte Fridolin. »Bitte, geben Sie her. Wie Ferdinand mich mit den erwartungsvollen braunen Augen anglänzt. Noch nicht wie ein Philosoph! – Aber wohlgekämmt, wohlgereinigt; ein edler Anblick. Hier, mein Herr! Die Bescheinigung. Sollte ich ungerecht sein? Nehmen auch Sie sich eine Zigarre; dort aus jener Kiste. Er lächelt dankbar. Guten Morgen! Lesen wir jetzt das Telegramm!«
»Von deinem Bruder?« fragte Ferdinand.
»Ja. ›Bin hier.‹ Der Schurke! Der Verräter! ›Weiß von Ottilien nichts. Verstehe nichts. In grenzenloser Unruhe.‹ – Da haben wir's! Der auch! Fluch auf die Telegramme!«
Ferdinand sah ihm über die Schulter. »Da steht ja noch ›Bitte dringend Aufklärung‹,« sagte er.
»Aufklärung! Also ein neues Telegramm! – Was wissen wir mehr, als er? – Ferdinand, das Chaos beginnt!«
»Es scheint wenigstens,« sagte Ferdinand lächelnd, »die Philosophie hört auf.«
»Bist du schon so weit, mein Sohn, mit mir deinen Spott zu treiben? (Wie wunderbar ihm das steht!) Gut, ich werde mich fassen; – ich werd' ihm telegraphieren. Aber was? – Warum ist er nicht hier, statt in Neustadt? Was hat dieser geistliche Verräter jetzt in Neustadt zu thun? – Ich werd' ihm telegraphieren – — bitte, mein teurer Ferdinand, setz dich hin und schreib.«
»Ich schreibe.«
»›Aufklärung mündlich; anders nicht. Europa erwartet, daß du noch heute hierher zurückkehrst. Drahtantwort bezahlt.‹ Dies zwingt ihn, Ferdinand. Er muß. Es liegt ein Segen auf der Telegraphie!«
Es klingelte.
»Eine Depesche für den Herrn Professor,« sagte der Mann, dem Frau Ritter draußen öffnete.
»Meine Zigarrenkiste für Dienstmänner wird heut noch leer!« rief Fridolin aus. »Von wem kommt denn das? – — Hier, mein Herr; Bescheinigung und Zigarre. Lesen wir. Wie? Von Rudolf, aus Potsdam? Schon? – Wunderbarste aller Erfindungen! – ›Frau Altschwager sogleich gefunden. Sie weiß nichts. Ist nun sehr in Sorgen. Komme mit nächstem Zug. Rudolf.‹ – Muß dieser Hansnarr das telegraphieren? Ist das eine Depesche? – In Sorgen! – Wir wissen nichts! – Wir wissen nun wenigstens dreifach, mein teurer Ferdinand, daß wir nichts wissen.«
»Dieses ewige Reißen an die olle Klingel!« brummte Tante Ritter und lief wieder hinaus.
Fridolin horchte auf das vierte »Eine Depesche für den Herrn Professor«. Aber es blieb aus. Die Stimmen der Leibschwaben ließen sich durcheinander vernehmen. Franz, Risotto und der Waldknabe traten geräuschvoll ein.
»Wir trafen nämlich den Waldknaben auf der Straße!« sagte Risotto, indem er nach Atem rang. »Und haben ihn begleitet —«
»Und haben Fridolins noch kleineren Bruder gefunden,« fiel Franz ebenso atemlos ein. »Zu Hause. Und er hat richtig —«
»Von Fridolin einen Brief,« setzte der Waldknabe in aller Eile hinzu.
»Hat er einen Brief?« rief der Professor mit seiner ganzen Stimme. »Ihr habt ihn mitgebracht? – Königliche Briefpost, Segen der Kultur! – Lese jemand ihn vor.«
»Ich also!« sagte der Waldknabe, der ihn in der Hand hielt. »›Mein teurer Rotkopf! Ich sitze hier in Leipzig im ›Nürnberger Hof‹, habe mein Geld auf eine sehr interessante Weise durchgebracht, und kann nun nicht fort; sintemal mir sowohl das große als das kleine Geld fehlt. Bitte, schicke mir! Sagen wir, fünfzig Thaler, – wenn Du sie hast. In bekannter brüderlicher Liebe Dein Fridolin.‹«
»Das ist alles?« fragte Ferdinand.
»Ja.«
»So mißbraucht man die Post?« rief Fridolin entrüstet. »Dies ist ein Telegramm, und kein Brief! Was steht darin? Nichts, als: ›schicke Geld‹. Also auch der nun ohne Geld! – Und Ottilie? Wo ist sie?«
»Es steht auch seine Adresse in dem Brief,« sagte Ferdinand, den die Aufregung wieder rötete. »Wenn meine Schwester – — wenn sie in demselben Hotel wäre – —« stammelte er verlegen. »Jedenfalls – kann er uns sagen, wo er sie gelassen hat; wo sie ist. Ich fahre hin. Ich such' ihn auf. Leipzig, im Nürnberger Hof!«
»Du, mein Sohn, wolltest hin?«
»Ja, ich. Bin ich nicht der Bruder?«
»Sehr wahr! Du bist der Bruder,« erwiderte Fridolin. »O, du hast recht! – Ich begleite dich – — Kann ich dich begleiten?« – Er warf einen Blick auf das neue Telegramm an Philipp, das noch auf dem Tisch lag. »Ja so! Philipp. Mein Bruder. Mein hilfloser, unkluger – — Darf ich fort? Nein. Ich muß seine Antwort erwarten, – und ihn selbst. Meine Freunde, was ist das für ein Tag! – — Aber du hast recht. Sie ist deine Schwester. Reise voran, mein guter Ferdinand; mein Ottilius; ich folg' dir nach. Ja, ich folg' dir nach!«
»Wann?« fragte der Jüngling, indem er ihm mit treuherziger Liebe in die Augen sah.
»Wann? – Wenn meine Sehnsucht und die Möglichkeit sich wie kongruente Dreiecke decken; wenn das Schicksal mir wieder hold ist. Jeder von uns hat seine Pflicht; du die Schwester, ich den Bruder; thun wir, was wir müssen. Geh, mein Sohn; – neun Uhr; – ich werd' hier unterdessen die Eifersucht dieser Jünglinge wecken, indem ich ihnen erzähle, was für ein Mensch du bist, Ottilius! – Wünschest du den nächsten Zug zu versäumen? Nein. Wozu? Also nimm deinen Ueberrock und deinen Hut, sag schön ›adieu‹ und leb wohl!«
»Adieu!« sagte Ferdinand lächelnd, mit naiver Anmut, und drückte Fridolins Hand. Dann stülpte er sich seinen grauen, weichen Hut auf das braune Haar, das nun wie auf der Flucht vor diesem Ueberfall in Ringeln hervorquoll. Er warf sich den Ueberrock, statt ihn anzuziehen, auf die Schultern, mit einer jugendlich unternehmenden Bewegung. Fridolin sah das alles; er sah schweigend zu, er verschlang dieses ganze jugendschöne Bild mit künstlerischer Freude. Er stand still. Erst als Ferdinand ihm und den andern einen letzten Wink mit der Hand zugeworfen hatte und zur Thür hinausging, rührte er sich auch.
An der obersten Treppenstufe holte er den Jüngling ein; »Ottilius!« rief er ihn an. »Steh noch einen Augenblick still! – Wie du davonstürmst. Ich zittre: du verschwindest mir am Ende wieder, wie du gekommen bist; du warst vielleicht nur eine Erscheinung – nur ein Gedanke – — Lach über mich, aber steh noch still. Dein Halstuch sitzt schief! Erlaube, daß ich dir's umbinde, wie es sich gehört. Ottilius! Kind! Es muß etwas Edles, Gutes aus dir werden; das erwart' ich von dir. Ich werde dir nach Leipzig telegraphieren, was ich von dir erwarte. Ich hab' jetzt wieder einen Zweck auf der Welt; – du bist dieser Zweck! Und nun laß mich dir noch den allzu schiefen Hut etwas grader setzen; und geh, und sieh dich nicht um, wenn ich dir übers Geländer nachsehe.«
VI
»Leipzig!« rief der Schaffner. Der »bayrische Zug« war in die Halle des bayrischen Bahnhofs zu Leipzig eingefahren; die Wagenräder brummten in ihrem tiefsten Baß, dann standen sie still. Fast alles stieg aus; auch Leopold. Er hängte sich seine Tasche wieder um, die im Coupé neben ihm gelegen hatte; verglich – nach einer alten Gewohnheit, die mit ihm reiste – seine Taschenuhr mit der des Bahnhofs: die Differenz war gering, die Bahnhofsuhr zeigte drei Viertel auf Neun. Schon jetzt hatte die Sonne diesen Aprilmorgen angenehm erwärmt; der Tag versprach warm, vielleicht heiß zu werden; – man merkt kaum, daß man nicht mehr in Italien ist! dachte Leopold. Nur die nackten Bäume, die grausam modernen Häuser, und die – Eingeborenen sagen mir's, wo ich bin. Heut noch nach Berlin? Wozu? Was thu' ich in Berlin? – Er seufzte. Still vor sich hin blickend schüttelte er den Kopf. »Morgen nach Berlin,« sagte er; »heute hier. Hier kennt mich kein Mensch. Diesen Reiz hat Leipzig mit Verona und Peschiera gemein! Also bleiben wir hier!«
Er verließ den Bahnhof, und da er nichts als seinen Stockschirm und seine – allerdings sehr gefüllte – Reisetasche zu tragen hatte, wehrte er alle Dienstmänner, die sich ihm antrugen, ab, und wanderte aufs Geratewohl in die Stadt hinein; entschlossen, sein Gasthaus diesmal nicht nach Bädeker, sondern nach dem Augenschein zu wählen und einfach da einzutreten, wo es ihm gefiel. Ich erinnere mich, dachte er im Gehn, ein paar Schritte von diesem Bahnhof gibt's einen »Nürnberger Hof«; ich war einmal drin; den vermeiden wir: denn da gefiel es mir nicht. Richtig, da steht er. Gehn wir also vorbei! – Er ging an ihm entlang, sah über seine Front hin, sich mit wehmütigem Gefühl jener Zeit erinnernd, als er auf seinem ersten größeren Ausflug in die Welt da oben am Fenster stand und den poesielosen Häuserwirrwarr, die furchtbare Einfachheit der Gegend überblickte; doch alles war merkwürdig, denn alles war neu; noch alles zu gewinnen und noch nichts zu verlieren. Ich glaube, dachte er, ich bin seitdem sechzig Jahre alt geworden! – Dieses Eckfenster war's. Ich erinnere mich, am Abend saß ich dann allein, bei der Lampe, schrieb einen langen Reisebrief nach Hause; mir ward so nächtig zu Mut, es sing mir an in den Ohren zu singen und zu summen, – und zum erstenmal trat Sie hinter meinen Stuhl, sah mir aufs Papier, und sagte nichts; und doch dachte ich mir: »sie ist es«. Damals begann unser Verhältnis. Was für ein Kind war ich! Gott, was für ein Kind! – Das alles ist nun vorbei. Sechzig Jahre alt. An diesem Eckfenster war's, Ivo jetzt die Dame heraussieht. Die junge Dame Ottilie! – Mir war schon wieder einmal, als Hätt' ich Ottilie gesehn. Wie damals in Desenzano; wie in Verona auf der piazza della erbe; – es gibt nichts Dümmeres, Verlogeneres als so ein paar Augen – wenn hinter ihnen, im Gehirn, etwas in Unordnung ist. Ich muß immer wieder hinsehn, um den Augen wissenschaftlich zu beweisen, daß sie es nicht ist – — nein, daß sie es ist. Sie ist es! Bei Gott! – Ihr Oval. Ihr Haar. Wie sie jetzt den Kopf – — hält Ottilie! Mein Herz schlägt wie verrückt. Sah' sie doch einmal her! – Wie blaß. – Sie sieht nicht her. Sie thut es um keinen Preis. Ist sie es? Ja! Oder ich kann nicht mehr sehn! – Wie kommt sie hierher? Was heißt das? Hinter ihr – ein Mann. Was für ein Mann? – Bin ich toll? hab' ich das »zweite Gesicht«? – Sie spricht mit ihm. Sie wehrt etwas von sich ab – —
»Wohin wünschen Sie, mein Herr?« fragte der Portier, als Leopold in den »Nürnberger Hof« hineinstürmte und sogleich die Treppe hinan. Leopold murmelte etwas, das keines Menschen Ohr verstanden hätte, und sprang, drei Stufen auf einmal, hinauf, dem Portier aus dem Gesicht. Seine Tasche schlug ihm bei jedem Sprung in die Seite. Im zweiten Stockwerk war's; dessen entsann er sich. Die Thür dort in der Ecke mußte es sein; das sagte er sich. Er stand vor der Thür. Sollte er anklopfen? ohne weiteres öffnen? – Stimmen drangen heraus. Eine männliche und eine weibliche Stimme. Die männliche schien zu flüstern; die weibliche auch; dann hob sie sich und wuchs; nun erkannte er sie. »Sie haben gehört!« sagte sie laut. »Mein Herr, Sie haben gehört!«
Warte ich noch länger? dachte Leopold. Indem er das dachte, hatte er schon den Thürgriff in der Hand und öffnete. Ja, in der That, es war Frivolin; Frivolin, mit feurigen Augen, sehr erhitztem Gesicht, – und in diesem Augenblick vor Ottilie Ritter auf den Knieen.
»Sie sind unverschämt, mein Herr!« sagte das Mädchen, indem sie, rot bis an die Schläfen, einen Schritt zurücktrat. »Verlassen Sie – —«
Auf einmal brach sie ab. Sie bemerkte, daß jemand die Thür geöffnet hatte, und erblaßte heftig.
Leopold, ohne ein Wort zu sagen, ging auf Fridolin zu, der sich erhob, und faßte ihn am Arm. »Du – —!« sagte er außer sich. Er hatte so wenig Atem, so stürmisches Herzklopfen, und ein so grimmiges, zusammenziehendes Gefühl, daß er für jetzt keine weiteren Worte fand. Er war sich nur, nach dem Zustand seines Innern, bewußt, daß etwas geschehen werde; und zunächst, wie aus Furcht, der Gegenstand seines Grimms könne ihm in Luft zergehen oder in den Boden versinken, ergriff er Frivolin vorne bei der Brust.
»Leopold —!« rief dieser aus.
Ottilien entfuhr ein leiser Schrei der Ueberraschung; ein so freudiger Ton, daß es Leopold überlief. Doch im nächsten Augenblick trat sie heran, legte ihre Hand auf den Arm, den der junge Mann nach Frivolin ausgestreckt hatte, und zog ihn hastig zurück. »Ich bitte, ich bitte —!« sagte sie mit Fassung. »Keine Handgreiflichkeit. Ich danke Ihnen – aber mit diesem Herrn komm' ich selber zu Ende. Ich hab' ihm gesagt, was er ist. Ich ersuche ihn jetzt, mich zu verlassen – und dieses Zimmer nicht wieder zu betreten – dann ist es gut. Sie haben gehört, mein Herr, und Sie werden nun gehn!«
»Ich werde gehn,« erwiderte Frivolin, der wahrhaft heroische Anstrengungen machte, eine gewisse Würde zu behaupten. »Was diesen Herrn betrifft« (er vergaß im Augenblick, daß Leopold sein Freund und Duzbruder war), »so mag er nur sagen, was er von mir wünscht; ich bin zu allem bereit.«
»Imperti – —«
Ottilie unterbrach Leopold mitten im Wort, und legte mit vieler Grazie einen Finger auf ihren Mund. »Sagen Sie nichts, wenn ich bitten darf! Ich bin in meinem Zimmer, und ich helfe mir selbst. Es ist gar keine Ursache, daß die Herren sich schöne Sachen sagen; ich allein bin die Angegriffene, und ich bin mit dem Angreifer schon fertig. Herr – Herr Leopold!« fuhr sie fort, da sie sich nicht auf seinen Vatersnamen besann. »Ich bitte Sie, treten Sie hierher, neben mich. Bitte, bleiben Sie stehn. Dieser Herr findet seinen Weg hinaus, ohne daß Sie ihm helfen.«
»Sie sind sehr gütig, mein Fräulein!« sagte der kleine Frivolin, mit überlegener Ironie und würdevollster Haltung (wie er selber dachte); oder stammelte er vielmehr in großer Geistesverwirrung (wie man's in Wirklichkeit sah). »Sie fassen die Sache so auf – wie – wie Sie sie auffassen. Ich – — mein Fräulein Leben Sie wohl!«
Damit richtete er sich in seiner ganzen Größe auf und schritt, ohne sich weiter um diese unbedeutende Episode seines Lebens zu bekümmern, grade auf den Thürpfosten zu; denn allerdings verfehlte er die Thür. Indessen schon nach dem ersten Zusammenstoß mit dem Pfosten erkannte er, daß er sich mehr nach rechts zu wenden habe, und wendete sich nach rechts. Er stand in der Thür. Sein Ausweg war frei. Alles lag hinter ihm. Allerdings auch sein Hut. Er ward sich bewußt, daß er seinen Hut vergessen hatte; vollkommen bewußt. Umkehren? Nein. Holen lassen. Später. Jetzt im bloßen Haar und mit Würde hinaus! – So schritt er denn fest (wie er dachte) oder stolperte (wie Ottilie es ansah) hinaus, und machte die Thür hinter sich zu.
»So, das wäre vorbei!« sagte Ottilie, und versuchte zu lachen.
»Mein Fräulein —!« nahm Leopold das Wort, dem das Herz noch klopfte. »Und ich soll ihm nicht nach? Soll diesem – Menschen nicht nach?«
»Nein,« antwortete sie; die nun plötzlich, da sie sich ihm allein gegenüber sah, errötete. »Ich seh' keinen Grund. Ist ein Frauenzimmer denn so ein halber Mensch, daß immer ein Mann für sie eintreten muß? – Er hat seine Antwort, und nun kann er gehn.«
»Und Sie? Wie kommen Sie hierher? Wo sind alle die andern? Wo ist Fridolin?«
Sie sollte heute öfter als billig erröten. »Das alles erzähl' ich Ihnen,« sagte sie mit Mühe. »Jetzt – — Judica rührt sich. Bitte, leise, leise. Wo sie sich rührt? Dort, nebenan.«
»Sie liegt im Bett?«
Ottilie nickte.
»Sie ist krank?«
»Die arme Kleine; freilich ist sie krank. Wären wir sonst noch hier? – Sie rührt sich wieder. Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, – oder kommen Sie mit.«
»Ich komme mit,« sagte er leise. Sie traten ins Nebenzimmer ein. Bei gedämpftem Licht lag hier die kleine Judica in einem ungeheuren Bett, wie wenn man eine Puppe in eine Kinderwiege legt; sie hatte die Augen geöffnet und zeigte den beiden ihr sonderbar gerötetes und geschwollenes Gesicht. Als sie Leopold erkannte, lächelte sie ihn an. »Das ist gescheit!« sagte sie mit der drolligen Altklugheit eines kranken Kindes und hielt ihm eine ihrer heißen Hände hin. »Tante Ottilie, endlich sehn wir einen Menschen! – Du, Leopold, ich bin krank.«
»Es scheint so,« sagte er. »Rotlauf, Rose, nicht wahr?«
»So sagt der Arzt,« entgegnete Ottilie; »und so sieht's denn auch aus.«
»Und warum im Bett?«
»Als wir es gestern auf der Herfahrt entdeckten, ward der Herr – —« (sie brach ab, und die Arme mußte schon wieder ihre Farbe wechseln) »ward unser Begleiter sehr ängstlich und bestand darauf, daß wir hier in Leipzig aussteigen, statt sogleich weiterzufahren bis Berlin. Er brachte uns hierher. Er holte den Arzt; – so einen alten, bedächtigen —«
»Von der alten Schule,« fiel Leopold ein.
»Ich weiß nicht, von welcher Schule; aber als – jener Herr Fridolin ihn sehr eindringlich fragte, ob das Kind nicht hier übernachten, hier seine Genesung abwarten müsse, sagte der Arzt: allerdings. Er schüttelte den Kopf, daß mir Angst ward. Er schickte das Kind sogleich zu Bett, und verordnete einen warmen, trockenen Umschlag aufs Gesicht – — Hast du ihn schon wieder heruntergewühlt, du schlechter Patient!«
»O, er macht mich so heiß,« antwortete die Kleine. »Muß ich denn so heiß sein, Leopold?« setzte sie fragend hinzu.
Leopold strich ihr in seiner ruhigen Art langsam übers Gesicht. Dann wandte er sich zu Ottilien, mit der ganzen Fassung, die ihm an diesem Krankenbett plötzlich wiedergekehrt war. »Mein Fräulein!« sagte er. »Ich bin freilich noch jung. Ich studiere noch. Ich bin kein Arzt. Dennoch weiß ich« (er sagte das alles mit der schlichtesten Ruhe), »daß ich von diesem Fall mehr weiß, als jener alte Herr. Daß seine Methode bei dieser Art von Gesichtsrose nicht die rechte ist. Hätten Sie so viel Vertrauen zu meinem bartlosen Gesicht, daß Sie mir erlaubten, das Kind nach meiner Methode gesund zu machen?«
Ottilie sah ihn an. Es verwunderte sie sehr. daß zwischen ihnen beiden jede Verlegenheit verschwunden, unmöglich geworden schien. Seine sinnigen grauen Augen, seine weit ausgewölbte Stirn machten ihn so viel älter, – sein treuherziges Lächeln machte ihn so viel kindlicher, als er war. »Gewiß!« sagte sie plötzlich, ohne sich zu besinnen. »Vertrauen? Gewiß.«
»Sie gestatten mir, Judica zu behandeln, wie ich es gut finde?«
»Ich weiß wirklich nicht,« sagte sie und lächelte, »warum ich so viel Vertrauen zu Ihnen habe; aber ich habe es. Was wollen Sie thun?«
»Bleiwasser,« sagte er kurz. »Kein Flanell; keine trockene Hitze. Das bißchen Fieber, das die Kleine hat« – er hatte inzwischen den Puls gefühlt, aber er legte nun auch ein Thermometer an, das der junge Naturforscher aus der Brusttasche zog – »das bißchen Fieber hat hier nichts zu sagen. Es kommt Ihnen aber wohl komisch vor, daß ich so zuversichtlich rede! – Ich – ich dachte nämlich, Sie lächelten. Nein, Sie lächeln nicht. Ich werde, wenn das Thermometer seine Schuldigkeit gethan hat, unsre kleine Patientin ersuchen, wie andre Menschenkinder aufzustehn; und ich werd' das Bleiwasser besorgen.«
»Das werd' ich thun!« sagte Ottilie rasch. Sie klingelte und schickte zur Apotheke. Judica stand auf. Das Kind hatte während dieser ganzen Zeit den neuen Arzt mit großen Augen angesehn, doch ohne ein Wort zu sagen. Als sie sich wieder in ihren Kleidern sah, trat sie vor den Spiegel, entdeckte ihre Verunstaltung und schnitt sich selber ein verwundertes Gesicht.
»Du!« sagte sie dann. »Wie kommt's, daß du hier bist? Hat Frivolin dir's telegraphiert?«
»Nein, mein Kind,« antwortete Leopold, und sah dabei Ottilie an.
»Er wollte telegraphieren,« murmelte Ottilie; »noch gestern abend. Ob er's gethan hat —«
»Vermutlich nicht,« murmelte Leopold. »Ich komme nicht von Berlin, mein Kind,« setzte er laut hinzu; »sondern von Italien her. Und du —? Warum bist du nicht mehr am Gardasee, sondern hier in Leipzig?«
»Weißt du das noch nicht?« fragte die Kleine zurück. »Mein Papa und der Onkel mußten ja plötzlich abreisen; – nämlich wegen Familiengeschichten,« setzte sie mit Wichtigkeit hinzu; »und wegen der heimlichen Ehre. Und denke dir, dann hatten wir kein Geld! Und dann kam Fridolin und war sehr verwundert, und bezahlte alles; – aber den mag ich nicht. Er hat unterwegs immer nur mit Tante Ottilie gesprochen, und gar nicht mit mir. Und überall hat er bleiben wollen; und als ich zuletzt krank wurde, hat er sich beinahe gefreut; und wir müßten hier aussteigen, denn es wäre bedenklich und mein Zustand wäre griechisch; und so blieben wir hier.«
Leopold murmelte etwas zwischen den Zähnen, das sie nicht verstand. »Schwatz nicht so viel, mein Kind,« sagte er dann; »sei ein gescheiter, vernünftiger Patient. Du hast achtunddreißig Grad.«
»Ist das viel?«
»Es ist mehr als genug. Du wirst die Ehre haben. dich auf dieses Sofa zu legen; – so. Ich deck' dich zu. Das Bleiwasser ist da; gut. Erster Umschlag. Das kühlt? – Ich werd' wechseln, so oft es nützlich ist. Unser Rezept heißt: Bleiwasser und Geduld!«
»Ich werd' Geduld haben, Leopold,« sagte die Kleine sanft. »Leopold, ganz gewiß. Du bist so nett und so gut!«
»Also auf Wiedersehn,« sagte er und ging ins andere Zimmer, Ottilien nach, die bei Judicas Mitteilungen über Fridolin geräuschlos hinausgegangen war. »Fräulein Ottilie!« sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er vor ihr stehen blieb. »Verzeihen Sie. Nicht daß ich an das rühren will, was – hinter uns liegt. Aber – eine Frage. Eine einzige gestatten Sie mir.«
»Bitte —!« flüsterte sie.
»Die Kleine sprach vorhin von einer ›heimlichen Ehre‹. Was weiß dieses Kind —? Rätselhaft. Und – was wissen Sie?«
»Diese selbe Frage schwebte mir auf den Lippen,« antwortete sie; »von mir zu Ihnen. Aber ich hätte, fürcht' ich, den Mut nicht gehabt. Schauen Sie mich nicht so an; ich weiß, ich bin wieder rot. In – in irgend einem Brief hab' ich von einer ›heimlichen Ehe‹ gelesen, ohne ein Wort zu verstehen. Können Sie mir sagen, was das ist?«
»Ich will annehmen,« erwiderte Leopold, indem er die klugen Augen auf sie heftete, – »ich will annehmen, der Verfasser des Briefs sei eben wegen dieser ›heimlichen Ehe‹ plötzlich abgereist.«
»Nehmen Sie es an.«
»Und dieses Rätsel soll ich Ihnen lösen —«
»Wenn Sie können; ich bitte.«
»Fräulein Ottilie! Ein – ein jeder Mensch – Aber das Bleiwasser. Entschuldigen Sie einen Augenblick! – — – Hier, meine brave Patientin! eine neue Kühlung. Nun denk an etwas Angenehmes, meine kleine Judica, und lieg still! – — – Sie liegt still. Sie hat müde Augen —«
»Heute nacht schlief sie wenig,« erwiderte Ottilie.
»Also ich fahre fort,« sagte Leopold; immer die Stimme dämpfend. »Ich glaub' aber, ich kann Ihnen das so im Stehen nicht sagen; bitte, setzen Sie sich.
Ein jeder Mensch – — Ein jeder Mensch ist ein Ganzes, hat also zwei Hälften; nicht wahr, das ist klar. Jener Mensch hat zwei sonderbare Hälften: eine männliche – und eine weibliche. Nun, und die eine ist mit der andern verheiratet. Das ist seine ›heimliche Ehe‹.«
Ottilie sah ihm lange ins Gesicht, ohne etwas zu sagen, ohne die Lippen zu bewegen. Dann nickte sie mehrmals, fast unmerklich, mit dem Kopfe.
»Sie verstehen mich?«
»Ich verstehe Sie,« gab sie leise zur Antwort.
»Ohne daß es – daß es Sie erschüttert?«
Sie erglühte, doch sie lächelte sanft. »Ich hab' vor allem das Verlangen nach Wahrheit,« flüsterte sie.
»Sie denken nicht übel von mir, daß ich es Ihnen sagte?«
»Nein.«
»Sie sehen also, diese heimliche Ehe ist ein psychologischer Zustand; weiter nichts. Vielleicht etwas Aehnliches, wie meine heimliche Verlobtheit – — Das Bleiwasser. Sie entschuldigen! – — – Hier, meine kleine Judica. Wahrhaftig! sie schläft. Ob es sie aufweckt, wenn ich den Umschlag wechsle? – Nein. Himmlischer Kinderschlaf! – — – Wir haben schon Hilfe,« sagte er in seinem leisen, ruhigen Baß, als er zu Ottilie zurückkam. »Morpheus ist schon da.«
Ottilie sah ihn mit stiller Dankbarkeit an. Ihr Atem eilte aber, ihr Busen hob sich stark. Die Gedanken in ihr schienen sich zu jagen. »Nun hätt' ich noch eine Frage,« flüsterte sie endlich. »Lachen Sie mich nicht aus.«
»Es ist durchaus keine Gefahr —!« murmelte er, indem er sich wieder setzte und sie ansah.
»Ihre ›heimliche Verlobtheit‹ – — Was für einen psychologischen Zustand meinten Sie damit? – Nicht wahr, ein neugieriges Frauenzimmer; das denken Sie jetzt.«
»Reden Sie nicht so! – Was sollte ich Ihnen nicht sagen? Ihnen sag' ich alles. Meine ›heimliche Verlobtheit‹? – Ich bin vielleicht ein kühler, nüchterner, phantasieloser Mensch, Fräulein Ottilie; aber was hilft das: die Natur in uns hat ihren Willen, ihre Phantasie. Man will mich ergänzen, Fräulein Ottilie; – ich meine, in mir die Natur. Ich hab' nämlich in mir keine weibliche Hälfte; – also trachtet man in mir danach, also träumt man davon. In stillen Stunden träumt man in mir von ihr. Nun, – und dann kommt sie. Ich fühle, daß sie da ist; ich sehe, ich höre sie; wir – lieben uns. Ich meine das unvollständige Ich in mir und seine Ergänzung. Also seine Braut. Das – nun ja, das ist meine ›heimliche Verlobtheit‹; – aber verstehen Sie das? Nicht wahr, mein Fräulein, Sie verstehen es nicht.«
»Warum sollt' ich nicht,« sagte sie, ohne ihn anzusehn.
»Es war also eine abgemachte Sache,« fing er wieder an und bemühte sich zu lächeln. »Ich glaubte an sie. Ich dachte: wenn ich sie finde, verstehen wir uns sogleich; wir ergänzen uns einfach; – und ich werd' sie finden, das ist gewiß! – Dann kam jener Abend – — Lachen Sie über mich; es thut nichts. Jener Abend in Berlin, wo ich Sie sah. Ich hätte geschworen, Sie sind es. Ich sagte es Ihnen; – nicht wahr, ich hab' es Ihnen gesagt? Und darauf hielten Sie mich für einen Narren; natürlich. Nur Sie? Ich selbst! – Darauf reisten Sie ab. In mir blieb man dabei: sie ist es; sie ist es! Ich reiste Ihnen nach. Ich – — Und so kam alles – — Und nun wissen Sie alles, Fräulein Ottilie; – und nun, bitte ich, lassen Sie uns vom Wetter sprechen.«
VII
Leopold stand auf. Er ging durchs Zimmer, von Ottilien abgewandt; dann trat er ans Fenster. Ottilie blieb still. Sie saß und rührte sich nicht.
Endlich verließ er das Fenster und trat wieder ins andere Zimmer, zur schlafenden Judica. Als er zurückkam, saß Ottilie noch immer auf demselben Fleck. »Sie schläft mit viel Talent,« sagte er ruhig. »Wir haben aber noch Geschäfte, Fräulein. Soll ich nicht an den – Professor telegraphieren, wo Sie und Judica sind?«
»Wohin?« antwortete sie. »Ich weiß nicht, wo er ist.«
»Also aufs Geratewohl nach Berlin, in seine Wohnung. Nicht wahr?«
»Gewiß. Alles, wie Sie wollen. Alles, was Sie wollen, ist gut.«
»Dann wollte ich wohl noch eins! – Daß Sie ausgehn, Fräulein. In die Luft. Sie sehn übel aus; – ich rede schon wieder als Arzt,« fetzte er mit einem leicht gemeinten, doch aus Mißgriff ernsthaften, innigen Lächeln hinzu.
»Ich danke Ihnen,« sagte sie herzlich. »Ruhe war' mir besser, glaub' ich. All diese Nächte hab' ich – schlecht geschlafen . . . Lassen Sie mich hier!«
»Dann sollten Sie versuchen, ob Ihnen die horizontale Lage nicht gut thäte, und das Schließen der Augen. Auf dem Diwan hier.«
»Und Judica —?«
»Haben wir denn nicht mich? – Ich werd' mich teilen, Fräulein, und abwechselnd die Rose im anderen Zimmer und die blasse Lilie in diesem Zimmer bewachen. Verzeihen Sie; ein schlechter Witz unter aller Würde! Ich schäme mich. Es scheint, der Kopf wird immer schwach, wenn«
»Das Herz,« wollte er fortfahren; er brach aber ab. Er stand wieder in verschwiegener, ruhiger Haltung da. – »Noch ein Geschäft, wollt' ich sagen!«
»Was für eins?«
»Dieser – Frivolin hat in Riva, und also natürlich auch später, Geld für Sie ausgelegt. Ich habe bei mir; genug. Wär' es Ihnen nicht lieber, Fräulein, mein Schuldner zu sein? Sagen Sie mir nur, was, wieviel er für Sie ausgelegt hat; ich schreib' ihm ein Billet und schick' ihm das Geld – und diesen Hut, den er hier hat stehen lassen – durch den Kellner auf sein Zimmer.«
»Sie sind sehr gütig,« sagte sie, halb erfreut, halb erschrocken. »Was für eine Last wär' mir von der Seele; – aber die Berechnung!«
»Sie haben keine Notizen —?«
»Doch; alles notiert. – Aber es zusammenzurechnen – —« Sie lächelte hilflos. »Ich hätte jetzt
nicht den Kopf dazu; ich bin zu müde, zu dumm.«
»Wollen Sie mir Ihre Notizen anvertrauen? Zu Bruchrechnungen, glaub' ich, wär' ich heut auch nicht fähig; aber einfach addieren und multiplizieren kann ich wohl noch. Legen Sie sich schlafen. Ich bitte, denken Sie, ich sei heute Ihr Arzt. Wollen Sie das denken, Fräulein Ottilie?«
»Ja,« flüsterte sie. Nachdem sie ihm ihr kleines Taschenbuch gegeben, streckte sie sich aus. Nur noch einen stillen, dankbaren Blick warf sie ihm zu; dann schloß sie die Augen.
Verlangte sie mehr nach Schlaf, oder danach, mit sich allein zu sein? – Wer weiß es. Nach einigen Versuchen, die beste Lage zu finden, lag sie still, als schliefe sie nun fest. Leopold betrachtete sie eine Weile; dann ging er leise zu Judica hinein, legte ihr wieder Bleiwasser aufs Gesicht, und zog sich die Stiefel von den Füßen. Dann nahm er aus seiner Reisetasche ein Paar Morgenschuhe, trat hinein und freute sich, wie leise er nun ging. Er rechnete, schrieb das Billet an Frivolin und das Telegramm, trug beides geräuschlos hinaus; auch Frivolins Hut. Dann saß er wieder da; horchte, pflegte und schwieg.
Was dachte er? – Wer weiß es. Von zehn zu zehn Minuten ging er – man kann sagen, unhörbar – zu Judica hinein; sonderbarerweise kam er aber immer wieder ins andre Zimmer zurück. Endlich war ihm, als habe er dies nun schon mindestens zwanzig- bis dreißigmal gethan; und zu der tiefen Stille um ihn her hatte sich in ihm ein tiefer Hunger gesellt. Doch in heroischer Ruhe saß er da. Er beobachtete die verschiedenen Gefühle, die der Hunger in ihm erregte; die Rückwirkungen des öden Magens auf das vernachlässigte Gehirn; die interessanten Fortschritte der Abspannung, die thörichte Empfindlichkeit der Kopfhautnerven, die sich durch Wehthun beschwerten. Niemand wird satt von des andern Schlaf, dachte er; das war ja schon längst eine ausgemachte Sache! – Wie dieser Wurm, der Magen, sich krümmt. Wie still, wie reizend sie daliegt. Wie ähnlich. Sie ist es. Wozu leugn' ich mir's weg. Ganz umsonst! Sie ist es!
»Leopold!« rief plötzlich Judicas Stimme – jetzt wieder krähend wie ein junger Hahn – aus dem andern Zimmer. Darüber wachte Ottilie auf und fuhr in die Höhe. »Was gibt's? Was ist geschehn?« fragte sie, noch schlaftrunken.
»Nichts, als daß die Kleine sich rührt,« antwortete Leopold und trat durch die offene Thür. Ottilie stand auf und folgte ihm. Das Kind lag noch ruhig auf seinem Sofa, und hielt den Umschlag fest, damit er ihm nicht vom Gesicht herunterfalle; aber die Augen waren groß aufgeschlagen und ein heiteres, rasches Nicken begrüßte Leopold. »Du, Leopold,« sagte sie, »ich glaub', ich hab' geschlafen.«
»Und ich weiß es sogar,« sagte er und strich ihr sanft über das Köpfchen.
»Thu das noch einmal; o, das thut gut. Ganz zuletzt hab' ich geträumt! Da kam ein Mann auf mich zu, mit so einem kleinen rötlichen Schnurrbart wie Frivolin, sah mich sehr bös an und sagte, ich hätte achtunddreißig Grad und eine heimliche Ehre; und davon wachte ich auf.«
Ottilie lachte. Leopold nickte nur, als hätte das Kind etwas sehr Ernsthaftes und Verständiges gesagt, nahm ihr den warm gewordenen Umschlag ab und wechselte ihn. »Die Rose fängt schon an zu welken,« sagte er. »Wir werden bald wieder eine gesunde Judica haben; nur noch ein wenig Geduld.«
Die Kleine sah ihn an; auf einmal faßte sie seine niederhängende rechte Hand und küßte sie.
»Was machst du?« sagte er.
»O, du bist so gut!«
Ottilie, die hinter Leopold stand, murmelte etwas; aber so leise, daß er nicht hörte, was.
»Auch Tante Ottilie ist gut,« setzte Judica hinzu.
»Darauf will ich schwören!« erwiderte Leopold.
»Schwören mußt du nicht; das soll man ja nicht. Du, Leopold —«
»Was, mein Kind?«
»Mein Kind, sagst du. Aber das bin ich auch. Ich bin nun euer Kind!« – Sie lächelte sehr zufrieden, sehr vergnügt. – »Du und Tante Ottilie, ihr seid nun mein Papa und meine Mama.«
»Meinst du?«
»Gewiß! Leopold! Warum habt ihr beide eigentlich keine rechten Kinder?«
»Weil wir nicht verheiratet sind.«
»Warum heiratet ihr euch denn nicht?«
Judica verwunderte sich, daß Leopold ihr keine Antwort gab; daß er nur stumm mit seiner Hand über die ihre strich. Auch Ottilie sagte nichts. Sie rührte sich nicht. Das einzige, was sie that, war, daß sie in den neben ihr hängenden Spiegel sah; doch nicht um sich, sondern um Leopold zu betrachten . . . Eine Glocke unterbrach das Schweigen. Es war die Glocke des Hotels, die zur Tafel rief.
»Aha!« sagte Judica und richtete sich auf.
»Wollen wir nicht essen?« bemerkte nun Leopold, nachdem er einen tiefen Atemzug gethan hatte.
Ottilie nickte. »Wir essen hier, nicht wahr?« erwiderte sie. »Das heißt – ich nahm ohne weiteres au, daß Sie noch bei uns bleiben.«
»Könnt' ich Sie denn verlassen, eh Sie zu Hause sind?« antwortete er kurz.
»Zu Hause!« murmelte sie. – Ich zu Hause? Wo? setzte sie in Gedanken hinzu. – Sie faßte sich aber und ging zur Thür. »Ich werde klingeln, ich werde bestellen,« sagte sie, ohne zurückzusehn. »Bitte, nehmen Sie Platz!«
»Du —!« sagte das Kind auf einmal, als Ottilie hinaus war, und blickte Leopold in das bleiche Gesicht. »Tante Ottilie« (flüsterte sie) »gibt dir keinen Kuß; willst du von mir einen haben?« – Und in aller Unschuld hielt sie ihm ihre Lippen hin.
Er lächelte gerührt; hob sie empor, hielt sie in seinen Armen und küßte sie auf den Mund.
VIII
Die letzte Abendsonne schien ins Zimmer herein; Ottilie stand am Fenster (und die Aussicht mußte unerschöpfliche Reize für sie haben, da sie schon lange so stand); Leopold saß auf dem Diwan, in eine Zeitung vertieft, über die er hinwegblickte. Es klopfte. Er ging an die Thür. Draußen stand der Kellner, mit einem Brief in der Hand.
»Für wen?« fragte Leopold.
»Ja, wenn man das wüßte!« sagte der Kellner mit einem verzweifelt gescheiten Lächeln. »›An Ottilius Ritter, Nürnberger Hof, Leipzig.‹ Hier wohnt Fräulein Ritter; Fräulein Ottilie Ritter, wie im Fremdenbuch steht. Also das stimmt.«
»Nun ja! Geben Sie her.«
»Es steht Sie aber nicht ›Fräulein‹ da; sondern es steht Sie da nichts. Und nicht Ottilie, sondern Ottilius. Also das stimmt nicht.«
»Da wär' er also nicht an das Fräulein —«
»Erlauben Sie; dieses ›Ottilius‹ kann Sie auch ein Versehen sein; ein Schreibfehler. Es kann heißen sollen ›Ottilie‹. Also dann stimmt es.«
»Nun also! Da ist kein Zweifel —«
»Erlauben Sie; es ist doch ein Zweifel: denn wenn man an eine Dame schreibt, so schreibt man doch ›Fräulein‹; nicht wahr? Wenn man aber nicht an eine Dame schreibt —«
»So schreibt man ›Herrn‹; hier steht aber weder ›Herrn‹ noch ›Fräulein‹; also ist's einfach ein Schreibfehler. Also ›es stimmt‹!«
»Allerdings, danach stimmt es,« sagte der denkende Kellner; »und da wir keinen andern Ottilius Ritter im Hause haben, als das Fräulein —«
»So geben Sie endlich her! Guten Abend!«
Leopold nahm den Brief, trat ins Zimmer zurück und ging zu Ottilien, die (so fesselnd war die Aussicht) noch immer am Fenster stand. Jetzt erst, im vollen Licht, erkannte er die kleine Schrift auf dem Couvert: Fridolins Schrift. Eine plötzliche Bewegung lief ihm über die Hand; auch über das Gesicht. Sie verschwand aber wieder, plötzlich, wie sie kam. »Ein Brief an Sie!« sagte er mit unveränderter Stimme.
Auch Ottilie erkannte die Aufschrift. Was wird sie nun thun? dachte Leopold. – Sie schloß die Augen, als sie die kleinen Buchstaben erkannt hatte, und verzog die Lippen; dann sah sie eine Weile starr auf das Papier, offenbar in Gedanken verloren. »Herr Leopold,« sagte sie plötzlich, »bleiben Sie doch stehn. Lesen Sie mit mir.«
»Den Brief? Ich mit Ihnen?«
»Ja. Ich bitte. Wir lesen ihn zusammen; – nicht wahr? Ich halt' ihn so gegen das Licht. Können Sie sehn?«
»O gewiß, gewiß,« murmelte er. Er war bewegt; es ward ihm mühsam, zu reden. Sie sahen einander nicht an; er blickte ihr über die Schulter und las mit ihr.
»Mein teurer Ottilius!«
Jetzt sah sie ihn an. »Das ist ja doch nicht an mich!« sagte sie verwirrt.
»Bitte, lesen wir noch eine Weile weiter!«
»Es gehört zu den gewöhnlich für unpraktisch gehaltenen, in Wahrheit aber praktischen Dingen, kurz nach, kurz vor dem persönlichen Sehen zu schreiben. Bis es dem Schicksal gefallen wird. Dich, Darlehn, mir zurückzugeben (beachte die sorgsame Interpunktion) —«
»Das ist nicht an mich!« sagte Ottilie lächelnd.
»Dieses Rätsel müssen wir lösen,« erwiderte Leopold. »Müssen wir nicht?«
Sie antwortete nichts; sie las aber weiter wie er.
»Bis dahin setze ich mich hin und schreibe an Dich. Es wird der erste warme Tag in Deutschland; Thoren nennen ihn heiß. Doch was wollte ich Dir sagen? – Bei einem Blick aus die von Dir gebrauchte Bürste, die noch vor mir liegt, fällt es mir wieder ein. Also, – Ottilius!
»Als Du Dich – vor zwei Stunden war's – mit dieser Bürste hier bürstetest, sagtest Du mir, daß Dein Lebenswunsch sei, Dich ganz der Kunstwissenschaft zu ergeben, wenn Dein Geist dazu ausreiche. Dein Geist! – Ich traue ihm Großes zu, Ottilius. Ich erwarte Schönes von ihm. Ich verlange von ihm Gutes. Großes, Schönes und Gutes! – Das Schicksal gibt Dich mir für Leopold, den Treulosen, der die Kunst verließ, um sich von der großen Kokette, der Natur, an der Nase herumführen zu lassen —«
Leopold verneigte sich.
»Ja, Ottilius! Du wirst unter unsere Fahne treten, meinen Beruf ergreifen, mich fortsetzen, mein Erbe werden; mein zweites Ich. Darum sagte ich Dir noch auf der Treppe, mein Kind: ich habe jetzt wieder einen Zweck auf der Welt; Du bist dieser Zweck. Seit ich Dich vom Schicksal geschenkt bekommen habe – geliehen, wollte ich sagen; aber ich hoffe, Du bleibst mir – seitdem bin ich nicht nur stolzer, Ottilius, auch hagestolzer; hagestolzer als je. Ich hab' Dir's noch nicht gesagt, aber warum sollt' ich es Dir verschweigen, Dir; – ich liebte Deine Schwester. Es war ein Vorgefühl Deiner, glaub' ich, Ottilius —«
Als Leopold so weit gelesen hatte, stand er nicht länger still; er trat einen Schritt zur Seite, um wenigstens einiges von Ottiliens Angesicht zu sehn. War sie auch schon so weit gekommen? bis zu dieser Stelle? – Ja; offenbar. Sie lächelte. Aber, wie es schien, ohne Schmerz. Sie nickte vor sich hin. Dann erwiderte sie Leopolds Blick: »Nun verstehe ich,« sagte sie, fast mit Heiterkeit. »An Ferdinand, an meinen Bruder ist dieser Brief. Er nennt ihn Ottilius. Das ist also die Lösung! – O! O! Was für ein Geschick!«
»Wollen wir nun nicht ganz zu Ende lesen?« fragte Leopold mit halber Stimme. »Fräulein Ottilie! Was thut's?«
Sie schwieg, doch sie lasen.
»Es war ein Vorgefühl Deiner, glaub' ich, Ottilius, nun hab' ich euch beide; seid, bleibt meine Freunde, und ich habe die Welt! – Du willst die Kunstwissenschaft studieren. Ich soll Dein Meister sein, sagst Du. Willst Du bei mir wohnen? Wenn mich mein Bruder wieder verläßt, ist die Hälfte der Wohnung frei. Das braune Zimmer wäre für Dich. Jeder lebt, wie er will. Das Papageienzimmer wird dann neutrales Gebiet für uns beide. Doch brauchst Du es nicht einmal zu betreten; denn Du hast zu Deinem Zimmer einen eigenen Aufgang, drei Treppen hoch. Wir können also, in vollkommenster Unabhängigkeit, nebeneinander sterben, ohne daß der eine etwas vom andern erfährt. Zeig mir ein Haus in Berlin und Umgegend, wo das so bequem geschehen kann, wie in meinem! – Aber wie Du willst. Komm zurück und sieh!
»Sobald ich aus Neustadt, von meinem geistlichen Bruder, Nachricht habe —
»Später. Hier wurde ich unterbrochen; auf eine Stunde oder mehr —
»Nachschrift. Halb zwölf. Abermals unterbrochen. Bruder Philipp kommt selbst! Zugleich Telegramm aus Leipzig. Von Leopold! Ha! – Sobald Philipp da ist, mit dem zweitnächsten Zug, ziehen wir euch nach. Ich werde Dich wiedersehn . . . ›Welt geh nicht unter, Himmel fall nicht ein!‹ – Dieser Brief eile mir voraus! der glückliche.
Dein offenarmiger Fridolin.«
Sie hatten beide zu Ende gelesen, und schwiegen beide. Was soll ich sagen? dachte Leopold. Endlich sagte er: »Begreifen Sie, Fräulein Ottilie, wie dieser Brief hierher kommt? Verstehn Sie's besser als ich?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Tante Ottilie!« rief jetzt die kleine Judica mit sanfter Stimme vom anderen Zimmer her. Alsbald ging Ottilie hinaus; Leopold blieb stehn.
Die unerschöpflichen Reize der Aussicht schienen auch ihn zu verführen; er trat ans Fenster und blickte irgendwohin: wohin, ward ihm allerdings nicht bewußt. Ein lebhafter Wortwechsel auf dem Korridor, der sich näherte und lauter ward, sing endlich an, ihn zu beschäftigen. Die Stimme des denkenden Kellners ließ sich hören, von einer andern, jüngeren übertönt. Plötzlich ward die Thür geöffnet; – »denn es schien doch alles zu stimmen!« rief der Kellner, sich offenbar verteidigend, aus. »Sie sind ein – —!« rief der andere, Jüngere dagegen, verschluckte aber das Hauptwort, und trat dann ungestüm in das Zimmer ein.
»Mein Herr!« sagte der Eindringling, als er Leopold erblickte. »Etwas Aehnliches hab' ich noch nicht erlebt!«
»Darf ich fragen, was —«
»Ihr ganzes Benehmen, mein Herr! Sie – Sie —« (er mußte Atem holen) – »Sie drängen sich meiner Schwester als Reisebegleiter auf, Sie führen sie in der Welt herum, statt nach Hause, Sie mißbrauchen offenbar ihre Verlegenheit —« (hier holte er wieder Atem) – »und endlich nehmen Sie meine Briefe an sich, mein Herr!«
»Ah! Fräulein Ottiliens Bruder —«
»Ja, ihr Bruder, mein Herr! Sie sehn. Und ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß ein Ehrenmann —«
»Ferdinand!« rief Ottilie dazwischen, die in die offene Thür getreten war; Judica hinter ihr. »Bruder! Woher kommst du?«
»Hoffentlich noch nicht zu spät,« antwortete er, mit dem Gesicht eines Menschen, der zu Begrüßungen und Umarmungen noch keine Zeit hat, und mit einem drohenden Blick auf Leopold. »Ich stieg leider in Bitterfeld aus —« (seine Erbitterung wuchs) »kam dann aus Versehen in einen falschen Zug – nach Halle. Von da jetzt hierher; um sechs statt um eins. Mein Herr! Keine Umstände. Geben Sie mir den gestohlenen Brief!«
»Mein Herr!« fuhr nun Leopold auf. »Für wen halten Sie mich —«
»Nun, für den Herrn Frivolin – oder wie Sie heißen. Geben Sie mir meinen Brief!«
»Guter Gott!« rief Ottilie. »Für Herrn Frivolin hältst du diesen Herrn? Diesen Herrn – meinen Freund! Meinen – — Was für ein Irrtum! Gib ihm lieber die Hand. Beide, beide Hände. Und nimm hier deinen Brief; – verzeih mir, Bruderherz, ich hab' ihn gelesen; ich sag' dir nachher, warum. Nimm ihn; und entfalte deine edle Stirn und laß dir einen Kuß geben; und nun setz dich und lies!«
»Meinen Brief – geöffnet – —«
Indessen weiter kam der Jüngling mit seinem Murmeln nicht mehr; er sah die ersten Worte »Mein teurer Ottilius«, lächelte glücklich und stolz, trat näher ans Fenster und las. »Fridolin an mich!« sagte er still vor sich hin. Dann bewegte er nur noch die Lippen, als läsen sie mit. Nach einigen Zeilen hatte er schon vergessen, wo er war; er sah nicht, daß Ottilie mir Leopold ins andere Zimmer trat, noch daß die kleine Judica ihn neugierig anschaute; er hörte weder Leopolds gedämpften Baß, noch Ottiliens Flüstern.
»– — Herr Leopold!«
»Was, mein Fräulein?«
»Sagen Sie nicht mehr ›mein Fräulein‹; es klingt so unnatürlich, so kalt; es thut mir weh. Was erleben wir alles heute; – und was für sonderbare Entdeckungen haben wir gemacht. Und Bekenntnisse. Und – — und glauben Sie noch, daß ›ich es bin‹?«
»Gott helfe mir, Fräulein Ottilie, ich kann nicht anders!« erwiderte Leopold.
»Hm!« sagte sie gerührt. »Sie haben mir heute Ihr ganzes Herz preisgegeben, und ich sollt' es nicht thun? – Ihr Glaube steckt an. Woher kommt es, Herr Leopold? Ich glaube nun wirklich auch, daß ich es bin. Und daß Sie es sind. Lassen Sie meine Hand!«
»Ottilie —!«
»Es fing schon in Riva an – — Warum bin ich zu stolz, Ihnen das zu gestehn. Seit Ihrem rührenden Brief – und seit eine gewisse Erkenntnis über mich kam – — O, was machen Sie. Denken Sie« (sie fühlte seinen Arm; ein Lächeln suchte um ihre Lippen lebendig zu werden, aber es starb sogleich) – »denken Sie, ich könnt' Ihnen noch wieder davonlaufen, nachdem ich das gesagt habe?«
»Ottilie! Tag und Nacht hab' ich geglaubt, Sie sind es; nun, da Sie mir's selber sagen, ist es unglaublich! unglaublich!«
Er schien es aber doch zu glauben; denn er umschlang sie, und während nebenan Thüren, Schritte, Stimmen, Worte laut wurden, hielt er sie so umschlossen, als wäre sie sein Ich und er hätte sich selbst gefunden und konnte nach einem Naturgesetz nicht mehr von sich lassen.
»– — Na, da haben wir's!« war das erste, was er wieder hörte. Ottilie machte sich los. Fridolin (und unter seinem Arm durch die kleine Judica) stand mit Ferdinand in der Thür; hinter ihnen noch eine lange, langhaarige, schmalschultrige Gestalt.
Es gab für Ottilie keine Wahl; sie mußte noch einmal erröten.
»Hab' ich's nicht unterwegs zu Philipp gesagt?« fuhr Fridolin fort. »hab' ich's nicht gesagt, daß dieser stille Mensch, dieser Naturforscher —? – Ich bitte, mein lieber Leopold, sag mir nichts; beleidige mich nicht, indem du mir noch erst durch Worte erklären willst, wie dies alles sich historisch entwickelt hat. Die Zeit, die mich mit einem Kurierzug – in drei Stunden und fünfundzwanzig Minuten – hierher beförderte, hat mich auch mit Beschleunigung auffassen gelehrt! – — Fräulein Ottilie, Gott sei Dank, Sie sind wieder da. Sie leben. Und – und es geht Ihnen gut. Wollen Sie mir und meinem geistlichen Bruder das Unglück von Riva verzeihen? Und wollen Sie uns die Hand darauf geben, Fräulein Ottilie, daß wir Freunde bleiben?«
Sie gab ihm bewegt die Hand; sie wollte auch etwas sagen; aber Pastor Philipp, dessen angesammelte Gefühle – Wehmut und Entsagung – auf seinem blaßgrauen Angesicht keinen Platz mehr fanden, nahm bereits das Wort. »Mein Fräulein!« sagte er, indem er den Hut in seiner Hand leise hin und her schwenkte. »Wir sind kurzsichtige Menschen; – selten hab' ich es so gefühlt, wie heute. Als ich damals meinen Hut bei Ihnen stehen ließ – den ich übrigens noch nicht brauche; es eilt mir nicht – da dachte und ahnte ich nicht, welche Lösung und wann, und wo, wir erleben würden. Es hätte« (er ward weich; zu weich) »auch vielleicht anders kommen können.« (Er faßte sich wieder:) »Es ist nicht anders gekommen. Des Himmels Wille geschehe! – Ich glaube, mein Fräulein, Sie beugen sich heute gern vor dem Unerforschlichen, der uns alle leitet; Sie sagen heute mit mir, daß alle Philosophie, alle Vernunft zu kurz kommt, und« (er lächelte) – »und daß wir doch nur eine höhere Affenart sind ohne Religion!«
»Amen!« sagte Fridolin. »Heut will ich nicht streiten. Wo ist Ferdinand?« – Er wandte sich zu dem Jüngling, der sich noch immer stumm bemühte, den ganzen Zusammenhang der Dinge zu fassen. »Hauptmann, ich bin in deiner Abwesenheit ein bißchen vorlaut gewesen,« sagte Fridolin: »ich hab' mit Tante Ritters Hilfe das braune Zimmer schon für dich hergerichtet. Kind, ich wollte für dich arbeiten, solang' ich dich nicht sähe. Willst du?«
»Ob ich will!« rief Ferdinand mit Begeisterung aus. »Meister! Fridolin! Freund!«
»Ich glücklichster aller Menschen!« sagte Fridolin; – »und das alles an meinem Geburtstag! – Leopold! Warum schüttelst du so lächelnd den Kops? Behauptest du noch glücklicher zu sein als ich? – Streiten wir nicht. Sag mir nur eins« (er trat vor Leopold hin und sah ihm mit allerhöchstem Ernst ins Gesicht, während er halblaut fragte:) »ist sie es?«
»Ja, Fridolin, sie ist es,« antwortete Leopold ebenso leise und mit demselben Gesicht.
»Nun, dann sind wir einig!« erwiderte Fridolin laut. »Kinder, Freunde,« fuhr er heiter fort, seine Bewegung bekämpfend, »halten wir zusammen! Es ist mein Geburtstag; es ist ein festlicher Augenblick; – stellen wir uns. Zur Gruppe! Es gibt so viele Dinge, die sehr oft auf der Bühne und nie in der Wirklichkeit vorkommen; die ich mir aber angewöhnt habe zu thun, damit sie auf der Bühne weniger unnatürlich erscheinen. Monologe zum Beispiel. Ich halte Monologe, damit der Schauspieler sagen kann: dies ist nach der Natur! – So laßt uns eine Gruppe machen; die Bühne wünscht es. Eine Gruppe, wie sie min hoffentlich auch das Leben aus uns macht! Leopold und Ferdinand – Natur und Kunst. Philipp und ich – Himmel und Erde; aber Sie, Fräulein Ottilie, müssen freundlich der Engel bleiben, der zwischen uns vermittelt! Und wenn Leopold eines Tages heiraten sollte – warum sollte er nicht – so mieten wir ihm ein Quartier in der Königgrätzer Straße, Berlin. Willst du, Leopold? – Er will! Dies alles telegraphiere ich an meine Leibschwaben, nach Berlin. Ich glaube, es gibt noch Glück! Nun, dann bleib' es bei der ›heimlichen Ehe‹!«
»Heimliche Ehre heißt es, Onkel Fridolin,« belehrte ihn die Kleine. »Aber, du! warum gibt jetzt Tante Ottilie, da hinten in der Ecke, Leopold einen Kuß?«