Kitabı oku: «Anekdoten frommer Chaoten»
Cover
Titel
ADRIAN PIASS & JEFF LUCAS
ANEKDOTEN frommer Chaoten
ADRIAN PIASS & JEFF LUCAS
ANEKDOTEN frommer Chaoten
Aus den Englischen von Christian Rendel

Copyright
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865064455
© der deutschsprachigen Ausgabe
2011 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Originaltitel: Seriously Funny
First published in 2010 by Authentic Media, Great Britain.
Copyright © 2010 by Adrian Plass and Jeff Lucas.
Umschlaggestaltung: Brendow Verlag, Moers. Satz:
www.brendow-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Copyright
EINLEITUNG: ADRIAN
EINLEITUNG: JEFF
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
Anmerkungen
EINLEITUNG: ADRIAN
Als Jeff und ich uns trafen, um über die Veröffentlichung unseres Briefwechsels zu sprechen, entdeckten wir eine gemeinsame Angst. Kurz gesagt ist es folgende: Mag ja sein, dass die Wahrheit uns frei macht, aber sie könnte auch leicht dazu führen, dass wir als Häretiker verbrannt werden – in rein metaphorischem Sinne, wie ich eilends hinzufüge. Die Sache mit Briefen zwischen Freunden ist die, dass es dabei keine Regeln gibt – außer denen, auf die die Schreiber sich geeinigt haben. Wir haben ausgelotet, was wir denken und fühlen und glauben und nicht glauben, auf eine Weise, die vielleicht in ein Erbauungsbuch nicht so recht passt. Aber manchmal muss man sich eben mit der Machete durch den Wald dieser unwegsamen, wunderbaren Welt hindurchschlagen, um den Weg zu finden, den man besser gleich von Anfang an eingeschlagen hätte. Für mich (und ich glaube, für uns beide) war dieser mühselige, arboreale Prozess sehr hilfreich, wenn auch manchmal ziemlich bedrückend. Ich habe irgendwo schon einmal die Bemerkung eines amerikanischen Schriftstellers erwähnt, der meinte, Schreiben sei ganz leicht; man müsse sich nur an die Schreibmaschine setzen und eine Ader öffnen. Das ist bei mir, Gott sei Dank, nicht immer so, aber der schmerzhafte Prozess, durch den die eine oder andere dieser aus dem Herzen kommenden Botschaften endlich zutage traten, lässt sich kaum besser beschreiben.
Trotz alledem werden die Leser in diesem Buch vergeblich nach dramatisch bizarren Häresien suchen. Wir sprechen uns hier nicht dafür aus, Menschenopfer als Standardaktivität bei Gemeindefreizeiten einzuführen, und wir plädieren auch nicht für mehr Toleranz gegenüber denen, die ihre Persönlichkeit gerne durch das Medium des gegenseitigen Massakrierens ausdrücken möchten. Stattdessen werden die Leser Spuren eines geistlich exzentrischen Ringens darum finden, den klaren Verstand, den Humor, die Barmherzigkeit und den kreativen Einfallsreichtum eines Gottes zu verstehen, der häufig aufs Katastrophalste als engstirnig, schlichtsinnig, humorlos und, um ehrlich zu sein, als langweilig missverstanden wird.
Ich habe über Jeffs Briefe eine Menge gelacht, nicht zuletzt, weil sie Schilderungen einiger hochnotpeinlicher Momente enthalten. Ebenso wichtig ist, dass ich ein wenig über sie geweint und viel aus ihnen gelernt habe. Wie könnte ich das auch nicht, wenn ich darin immer wieder einen Mut machenden Blick auf das traurige, aber lächelnde Gesicht Jesu erhaschen konnte?
Kommen Sie und gesellen Sie sich zu uns. Lauschen ist erlaubt. Sie sind uns sehr willkommen.
EINLEITUNG: JEFF
Es war eine geflüsterte Idee beim Abendessen. Adrian und ich besuchten gerade eine christliche Veranstaltung, die so unsäglich langweilig war, dass es uns vorkam, als wäre der Abend als Therapie für Leute gedacht, die an chronischer Schlaflosigkeit leiden. Unsere Blicke schweiften durch den Raum über die halb geschlossenen Augen und herabsackenden Schultern des Publikums, das sich verzweifelt bemühte, gegen den Schlaf anzukämpfen. Der betäubend eintönige Vortrag schien dazu angetan, die Telefonzentrale des Seelsorgenotrufs zum Absturz zu bringen. Da kam uns beiden der Gedanke, es könnte nützlich sein, uns einmal zu unterhalten. Doch damit war eine doppelte Schwierigkeit verbunden. Erstens sind wir beide ständig auf Achse, sodass wir fürchteten, unsere nächste Begegnung im Fleische (ich zögere, diesen Ausdruck zu verwenden, weil ich mir dabei immer vorkomme wie ein Nudist) könnte durchaus eines unserer Begräbnisse sein. Und dann würde unsere Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, an sehr enge Grenzen stoßen, da ja einer von uns beiden in einer Fichtenholzkiste liegen würde. (Macht mir meine lieber aus Eiche. Fichte ist so was von aus den Achtzigern.)
Das andere Problem ist: Wenn Christen sich zu laut unterhalten, besonders über heikle Glaubensfragen, dann gibt es so eine Sorte selbst ernannter Gedankenpolizisten, die gleich mit Blinklicht und plärrender Sirene zur Stelle sind, um die unglückliche geschwätzige Seele zu verhaften, unter Häresieanklage zu stellen und an Ort und Stelle in Flammen zu setzen. Den Geruch von brennendem Fleisch fand ich noch nie sonderlich verlockend, besonders, wenn es mein eigenes ist. Diese Befürchtung wirkt sich demzufolge etwas dämpfend auf jedes Gespräch aus. Leider bedeutet das, dass viele von uns in ihren eigenen Köpfen gefangen sitzen, eingemauert mit schwierigen Ängsten, Zweifeln und Theorien, ohne die Möglichkeit zu haben, sie zusammen mit allen anderen an die frische Luft und ins Licht der Sonne zu bringen. Das kann ein ziemlich klaustrophobisches Gefühl werden, und nach einer Weile fangen die Mauern im Kopf an, immer mehr zusammenzurücken und einem den Glauben zu einem schrumpfenden kleinen Paket zusammenzuquetschen. Wenn das zu lange so geht, fängt man irgendwann an, sich in Fantasien über einen groß angelegten Fluchtplan aus der Sekte zu ergehen. Wenn die Kirche sich in so etwas wie das Kriegsgefangenenlager Colditz verwandelt und das Wachpersonal mit Maschinenpistolen bewaffnet ist und Fischaufkleber an den gepanzerten Truppentransportern hat, wird es Zeit, einen Tunnel zu graben.
So fassten Adrian und ich den Plan, einen Briefwechsel zu führen. Das bringt natürlich seine eigenen Risiken mit sich, da er ein so brillanter Schriftsteller ist und ich zwar möchte, dass er gut dasteht – aber wenn er so gut dastünde, dass ich daneben wie ein Dorfdepp aussähe, wäre mir das auch nicht recht. Es gab Momente, in denen ich mir angesichts seiner Kunstfertigkeit mit Worten wie ein Bauer vorkam, aber das macht mir nichts aus. Ich kenne Adrian seit Jahren als einen warmherzigen, freundlichen, frustrierten, fröhlichen, traurigen, hoffnungsvollen Kerl, und dieser Austausch hat Spaß gemacht, war heilsam und ging ohne jeden Anflug von Druck vonstatten. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Wäsche zu lüften, aber wir mussten sie hinterher nicht gleich säuberlich plätten und mit rasiermesserscharfen Bügelfalten versehen.
Nun also willkommen bei unserem Plausch. Schön, dass Sie sich einen Stuhl genommen haben.
EINS
Lieber Jeff,
in mir ist eine Erinnerung hochgekommen. Es geht um etwas, was mir vor zwanzig Jahren passiert ist, und ich möchte die Geschichte jemandem erzählen. Ich glaube, Du wirst es vielleicht verstehen. Du bist ja immer auf die Wahrheit aus, obwohl Du Christ bist. Außerdem möchte ich Dir von einer faszinierenden Begegnung erzählen, die ich erst vor ein paar Wochen mit einem christlichen Vortragsredner hatte, der behauptete, seinen Glauben verloren zu haben. In gewisser Hinsicht gehören die beiden Geschichten zusammen. Jedenfalls denke ich das.Vielleicht siehst Du es anders. Ich fange mit der Erinnerung an.
Neben dem neuen Supermarkt in unserem Städtchen befindet sich eine Kneipe namens »The Bandolier«, ein anheimelnd windschiefes Haus in Familienbesitz, das wohl aus der spätviktorianischen Zeit stammt. Während der letzten beiden Jahrzehnte ist im Innern eine Menge verändert worden, aber vor zwanzig Jahren gab es dort drei Schankräume. Zwischen der Saloon Bar, in englischen Wirtshäusern traditionell eine etwas elegantere, weniger turbulente Umgebung, und der Public Bar lag als Übergang oder vielleicht auch Pufferzone ein kleiner Verkaufsraum für Wein und Spirituosen, in dem ein teddybärförmiger Mann mit schütterem Haar tätig war, der jede Transaktion mit den unerklärlichen Worten »’n Schönen auch, Chef« abschloss. Die deutlich weniger elegante Public Bar war der Ort, wo man Darts, Billard und Domino spielen konnte. In diesem Teil der Kneipe konnte es bisweilen ziemlich laut und krakeelig zugehen, wenn auch meist auf eine gutmütige Art und Weise. Der dritte Schankraum, auf den es in meiner Geschichte vor allem ankommt, wurde »Snug« genannt. Er war klein, behaglich und im Allgemeinen sehr ruhig. Ein gemütlicher Ohrensessel von einem Raum und ein vorzügliches Außer-Haus-Wohnzimmer für Leute wie mich, die gern in einer Ecke sitzen und sich eines guten Buches und eines Glases Harveys Bitter erfreuen – eines süffigen Biers, gebraut von sterblichen Menschen, doch erdacht und erschaffen von Gott selbst.
Dort ließ ich es mir also an einem frühen Abend im Oktober wohl sein. Ich saß an einem kleinen Tisch in der Ecke und genoss die heilsame Kraft der Ruhe, die Qualität des Biers, die scharfe Frische der Jahreszeit und die meisterhafte Konstruktion von G. K. Chestertons Die Ehre des Israel Gow , meiner Lieblings-Pater-Brown-Geschichte.
Die einzigen anderen Gäste in der Bar waren zwei ziemlich schmuddelige ältere Männer (ganz im Gegensatz zu mir, der ich ein schmuddeliger Mann mittleren Alters war). Was das Bier anging, war ich damals ein Nipper und Genießer, doch diese beiden tranken für England. Sie waren leidenschaftliche Schlucker und Exer, und je mehr von dem goldenen Nass sie sich in die Hälse schütteten, desto heftiger stritten sie miteinander. Es wurde immer schlimmer, immer lauter, immer zusammenhangloser. Fäuste krachten auf Tische, Stühle ratschten über die Dielen, bis sich schließlich die anheimelnd bierige Atmosphäre vor Flüchen und Schimpfwörtern blau färbte und die beiden Streithähne sich auf ihre nicht mehr ganz standsicheren Beine erhoben, um ihre Meinungsverschiedenheit auf höherer Ebene weiter auszutragen.
Das gab dem Wirt sein Stichwort.
Dieser Zeitgenosse von eindrucksvoller Leibes- und Autoritätsfülle betrieb die Kneipe seit vielen Jahren. Tom war zu allen seinen Gästen freundlich und zuvorkommend, aber schlechtes Benehmen duldete er nicht. Wer Ärger machte, flog raus. So einfach war das. Er und ich hatten uns hin und wieder ein wenig unterhalten. Zu dieser Zeit unseres Lebens traten Bridget und ich (übrigens, liebe Grüße von uns beiden an Kay) fast jeden Abend spät in einer Fernsehsendung namens Join the Company auf. Ausgestrahlt im Süden Englands vor den Zeiten des Rund-um-die-Uhr-Fernsehens, war dies der letzte Programmpunkt vor dem kleinen, in die Ferne entschwindenden weißen Punkt, an den sich heute kaum noch jemand erinnert. Darin ging es um eine Gruppe von vier oder fünf Leuten, zumeist Christen, die um einen Tisch saßen und sich über Liebe, Tod, Sex, Krieg, Finanzen, Trauerfälle und andere Fragen unterhielten, die sich leicht in einem Zeitraum von nicht mehr als zehn Minuten besprechen lassen.Weil die Sendung erst so spät lief, bestand unser Publikum größtenteils aus Leuten, die an Schlaflosigkeit litten, aus Taxifahrern, Leuten, die gerade noch Snooker geschaut hatten und noch nicht dazu gekommen waren, ihren Fernseher auszuschalten, belustigten Studenten, Polizisten, Nachtwächtern, Leuten mit Depressionen und natürlich aus Kneipenwirten. Ich wusste, dass der Wirt des »Bandolier« sich diese mehr oder weniger christliche Sendung schon recht häufig angesehen haben musste, denn er hatte mich schon hin und wieder auf meine Mitwirkung dabei angesprochen.
Mit Getöse kam Tom ins Snug gestampft. Eine finstere Miene lag auf seinen großflächigen Gesichtszügen.
»He, ihr beiden!«, donnerte er. »In meiner Kneipe wird nicht geflucht! Raus! Aber dalli!«
Dann stieß er zu meinem unaussprechlichen Entsetzen seine schinkengroße Hand in meine Richtung und gab, wie um seinem Vorgehen den letzten Rest an Rechtfertigung zu verleihen, die folgenden erschütternd unvergesslichen Worte von sich:
»Da sitzt ein frommer Herr in der Ecke. Raus!«
Mit einer solchen Urgewalt war nicht zu feilschen. Nach einer kurzen Dick-und-Doof-Szene, die sich noch in der Tür abspielte, schlurften die Missetäter hinaus in die frische Herbstluft, ohne ihre gegenseitigen Beschimpfungen zu unterbrechen. Daraufhin kehrte Tom, nachdem er die Beendigung der Affäre mit einem nachdrücklichen Nicken und einem Schlag beider Handflächen auf den Tresen besiegelt hatte, zu seinen Pflichten in der Public Bar zurück. Ich blieb in trostloser Einsamkeit zurück. Mein Band mit Kurzgeschichten lag ungelesen da. Von meinem großen Glas Harvey’s hatte ich noch nicht einmal genippt.
Ich war also ein frommer Herr, der in der Ecke saß. Dass Leute aus der Kneipe geworfen wurden, weil sie fluchten, lag teilweise an mir. Zweifellos hätte Tom genau das Gleiche getan, wenn ich gar nicht da gewesen wäre, aber ich spürte, wie mir die Wangen rot anliefen bei dem bloßen Gedanken, meine »Frömmigkeit« tauge lediglich als negative Motivation für Heiden, ihre Zunge im Zaum zu halten. So viel zum Thema herausforderndes Christsein, was? Die beiden alten Kerle, die mehr getrunken hatten, als gut für sie war, waren in die Finsternis hinausgeworfen worden, während ich mit meinem Bier und meinem Buch im warmen Snug bleiben durfte. Ich weiß noch, wie ich einmal einen Witz über einen irischen Christen gemacht hatte, der Bibeln aus China heraus schmuggelte und darüber staunte, dass die Grenzwachen sie wie durch ein Wunder nie zu bemerken schienen, aber im »Bandolier« war mir sozusagen dasselbe passiert. Das Leben des Evangeliums wurde auf den Kopf gestellt. Jesus geht in die Kneipe, und die Stammgäste fliegen im hohen Bogen hinaus. Ach je …
Die Sache ist die, Jeff. Mag sein, dass ich da auf ein bestimmtes Ereignis überreagiert habe, aber an diesem Tag wurde so eine Art Keim in meinen Verstand oder meinen Geist gesetzt. Es war der Keim der Entscheidung, dass ich weder in einem metaphorischen noch in sonst irgendeinem wesentlichen Sinn als frommer Herr in der Ecke enden würde. In der Kirche gibt es reichlich genug davon, ohne dass ich das Problem auch noch größer mache. Ich hoffe, wir werden noch in so mancher Kneipe zusammensitzen, Du und ich. Aber lass uns dann nicht fromm sein. Lass uns lediglich genauso gentlemanlike sein wie Jesus, und lass uns so viele Leute wie möglich zu uns in die Ecke einladen. Was meinst Du?
Und nun die zweite Geschichte, die noch nicht so lange zurückliegt.
Eines Tages rief mich ein Mann an. Ich war ihm noch nie begegnet und konnte mit seinem Namen nichts anfangen, aber er erzählte mir, er sei einige Jahre lang als christlicher Vortragsredner und Evangelist unterwegs gewesen, nachdem er sich vom Islam zum christlichen Glauben bekehrt hatte.
»Die Sache ist die«, sagte er. »Ich habe meinen Glauben verloren. Ich glaube das ganze Zeug einfach nicht mehr. Gott ist nicht gleich hinter der nächsten Ecke. Er greift nicht in unser Leben ein, und alles, was ich den Leuten jahrelang erzählt habe, war nur ein Haufen Unsinn. Ich dachte mir, dass wir beide uns vielleicht mal treffen und darüber reden könnten, was mit mir passiert ist.«
Ich stimmte ein wenig nervös zu, und so trafen wir uns in einem kleinen Café in der Nähe der Brighton Lanes, wo man hervorragend essen und Kaffee trinken kann. Mein neuer Freund (ich werde ihn Ted nennen) erzählte mir alles noch einmal, was er mir schon am Telefon erzählt hatte, und dann noch eine Menge mehr. Es hörte sich ziemlich nachdrücklich und endgültig an, wie er davon sprach, er habe sogar den Glauben an die Existenz Gottes völlig verloren. Die ganze Zeit über schrie ich, wie es in solchen Situationen meine Art ist, innerlich zu Gott und bat ihn, mir irgendetwas Dynamisches und Nützliches zu geben, was ich dem Mann sagen konnte.
Keine Antwort! Wo ist Gott, wenn man ihn braucht? Also beschränkte ich mich darauf, zu nicken und mitfühlend vor mich hin zu murmeln und mit der Zunge zu schnalzen und all das zu tun, was man in solchen Situationen eben tut, anstatt sich vernünftig zu benehmen. Nachdem mit Teds Erklärungen und meinen schwachsinnigen Soundeffekten etwa eine Stunde vergangen war, ging mein Gegenüber nahtlos zu den Gelegenheiten über, bei denen er sich Gott wirklich nahe gefühlt hatte, und erzählte mir, wie viel ihm diese Momente bedeutet hatten. Leicht verwirrt über seinen abrupten Richtungswechsel konnte ich auch jetzt außer dem erwähnten Gemurmel und Geschnalze wenig zum Gespräch beitragen, obwohl ich hinzufügen muss, dass ich hier und da ein recht ausdrucksstarkes Nicken einbaute.
Als wir uns ein wenig später trennten, sagte Ted: »Ich möchte dir danken für das, was du mir heute Morgen gesagt hast. Es war mir wirklich eine große Hilfe.«
Einen Moment lang starrte ich ihn an und versuchte, wie jemand auszusehen, der gerade etwas Profundes gesagt hat. Ich bezweifle, dass es mir gelungen ist.
»Ah«, erwiderte ich, »das ist gut. Gut! Das ist – das ist wirklich gut.«
Später dann, im Zug nach Polegate, fragte ich mich, was mit Ted eigentlich los gewesen war.Wäre ich eine bestimmte Sorte Christ, so würde ich Dir jetzt sagen, Gott habe mir diese Frage beantwortet.Vielleicht hat er es getan. Ich weiß es nicht. Doch woher sie auch gekommen sein mag, Jeff, die Antwort auf meine Frage war, dass Ted seinen Glauben überhaupt nicht verloren hatte. Er hatte alles andere verloren, nur nicht seinen Glauben.
Damit meine ich, dass er seinen Glauben an den Gott verloren hatte, der hinter unserer Schulter steht wie eine Art göttlicher Butler, der nur darauf wartet, sich um jede Kleinigkeit zu kümmern, an der es uns mangeln oder gebrechen mag, und häufig entlassen wird, wenn etwas wirklich drastisch schiefgeht oder er nicht servieren kann, was wir uns wünschen. An jenen Gott, der sich um alle feinen Details unserer Hypotheken kümmert, aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund nie etwas gegen unsere unablässige, scheuklappenbewehrte Habgier einwendet. An den müden, langweiligen, verwässerten, westlichen Gott, der beim Supermarkt einen Parkplatz für Mrs. Blenkinsop von der Überfließend Lebendigen Glaubensgemeinde der Letzten Offenbarung frei hält, aber ein verhungerndes Kind auf den Straßen der Slums von Bangladesh nicht vor dem Tod bewahren kann. Und warum nicht? Weil es nicht genug Christen gibt, die bereit sind, sich selbst oder ihr Geld oder ihre Zeit da einzusetzen, wo er sehnlichst denen, die ihn am meisten brauchen, mit seiner Liebe begegnen möchte.
Aslan ist auf dem Weg, sagt man. Ist er das? Ist er wirklich auf dem Weg? Verbringt er etwa seine meiste Zeit damit, auf Supermarktparkplätzen herumzustehen und bei jedem Auto, das keinen Fischaufkleber auf der Heckklappe hat, »Grrrrh!« zu machen? Du weißt, was das ist, stimmt’s, Jeff? Das ist der Deal-or-No-Deal-Gott. Der Gott, der ein bisschen so aussieht wie ein älter gewordener Guido Cantz und über einer Welt präsidiert, in der Zufälle, wenn sie geschehen, als erstaunlich und bedeutsam betrachtet, und wenn sie nicht geschehen, geflissentlich ignoriert werden.
Ted war mit der eigentlichen Substanz seines Glaubens konfrontiert worden. Ich glaube, er muss sich, wie wir alle hin und wieder, der Tatsache stellen, dass echter Glaube nicht nur wegen, sondern auch trotz allem überlebt. Mag sein, dass wir heulen und toben, aber dem müssen wir ins Gesicht sehen. Petrus musste sich bei Jesus auch dieser Tatsache stellen. Es zerriss ihn fast in Stücke. Wie schwer ist es doch, unsere kindischen und falschen Vorstellungen von Gott hinter uns zu lassen und dahin zu kommen, wo wir ein kindliches Bewusstsein genießen oder fürchten oder damit ringen, das Bewusstsein, dass es unsere Aufgabe ist, an ihn zu glauben und ihn zu lieben und ihn – wage ich es auszusprechen? – zu preisen, egal, was passiert oder nicht passiert. Das ist schwer, nicht wahr? Unglaublich schwer. Vielleicht bist Du ja schon so weit. Ich noch nicht.
So, das waren meine beiden Geschichten, Jeff. Und jetzt habe ich eine Frage an Dich. Wenn wir beiden Herren in eine Ecke gedrängt und gezwungen würden, absolut ehrlich zu sein, was unsere Frömmigkeit anbelangt, was für eine Wahrheit würde dabei zum Vorschein kommen? Und würde sie uns wohl frei machen? Vielleicht schon, glaube ich. Ich hoffe es.Wir könnten es zumindest einmal versuchen, oder? Du bist dran.
Liebe Grüße, Adrian
ZWEI
Lieber Adrian,
wie schön, von Dir zu hören. Auch ich bin ein Fan (vielleicht sogar ein Verehrer) des herrlichen Biers, das Du erwähnt hast.Vielleicht sollte das alte hebräische Wort Manna mit »Harvey’s Sussex Bitter« ins Englische übersetzt werden. Doch das wäre wahrscheinlich eine unsinnige Irrlehre, da den Israeliten ja das Manna irgendwann langweilig wurde. Dagegen würde eher der Kosmos implodieren, als dass ein Mensch dieses epischen Gebräus aus Sussex überdrüssig werden könnte.
Ich fand es faszinierend, von den beiden alten Haudegen zu hören, denen im »Bandolier« die Tür gewiesen wurde, weil ein »frommer Herr in der Ecke« anwesend war, nämlich Du. Ich frage mich, ob sie mit ihren biervernebelten Hirnen überhaupt in der Lage waren, ihren Rauswurf irgendwie zu verarbeiten, während sie die Straße entlangwankten, nachdem ihr Abend wegen der Anwesenheit eines »heiligen Mannes« ein so plötzliches Ende gefunden hatte. Leider ist es uns Christen schon immer ziemlich gut gelungen, den Eindruck zu erwecken, wir wären himmlisch gesinnte Spielverderber, die Spaß vor dem Tod für verboten halten (selbst wenn es ganz harmloser Spaß ist). Nicht, dass es besonders harmlos wäre, wenn zwei Kerle im vorgerückten Alter sich gegenseitig eins auf die Glocke geben. Aber es gibt immer noch manche Jesusnachfolger, die jede Art von Spaß mit der gleichen schmallippigen Abscheu betrachten wie einen dringend salbungsbedürftigen Hautausschlag. Zu Christen fällt den meisten Leuten nicht unbedingt irgendetwas Lautes, Ausgelassenes oder gar Riskantes ein. Man erwartet von uns, dass wir durch und durch »ausgeglichen« und »konservativ« sind – nur fürchte ich, dass das nur Codewörter für
»fade« sind. Kürzlich kam ein ziemlich griesgrämiger Mann auf mich zu, nachdem ich eine Predigt mit etwas Humor gewürzt hatte (das ist Dir bestimmt auch schon mal passiert, Adrian, oder?). Er behauptete, Christen sollten keinen Spaß, sondern Freude haben. Er selber freilich schien keines von beiden zu haben. Und überhaupt, im Vergleich zu einem lauthals schallenden Lachen kommt mir »tiefe Freude« wie eine unwillkommene zimperliche Cousine zweiten Grades vor. Ich kenne Christen, die behaupten, voller Freude zu sein, aber so ein verkniffenes Gesicht machen, dass man meinen könnte, sie versuchten gerade, etwas von der Größe eines Kamels in die Schüssel zu drücken. Du bist doch so etwas wie ein Pionier auf dem Gebiet, Christen zum Lachen zu bringen. Warum fällt es uns eigentlich so schwer, uns zu entspannen?
Aber was ich interessant finde, ist die Reaktion von Tom, dem Kneipenwirt.Wie Du sagst, hätte er die beiden faltigen Möchtegerngladiatoren sicher auch so rausgeworfen, weil er nun einmal einer ist, der seinen Laden in Ordnung hält. Aber offensichtlich meinte er ja, er täte Dir einen Gefallen damit. Er wollte nicht, dass Du Dich durch die krakeelenden alten Knacker belästigt fühlst, wo Du doch in einer Fernsehsendung mitwirktest, in der es um Gott ging. Also eilte er zu Deinem Schutz herbei, um Deine Ohren vor den anstößigen Kraftausdrücken zu bewahren.
Mir scheint, Leute, die keine Christen sind, nehmen gegenüber ihren christlichen Zeitgenossen einen von zwei extremen Blickwinkeln ein – entweder den, wir seien zu schwach, um mit der wirklichen Welt fertig zu werden, oder den, wir seien zu stark, um uns mit ihr abzugeben.
Lass mich das erklären. Manche von uns erwecken den Eindruck, unser Glaube sei so zerbrechlich, dass wir uns unmöglich dem rauen Gerangel der realen Welt um uns her aussetzen könnten. Wir perfektionieren den Blick von oben herab und das missbilligende Zungenschnalzen und benehmen uns wie leidende Patienten. Am anderen Ende der Skala sind die Christen, die den Eindruck vermitteln, wir seien unangreifbar stark und hätten alles im Griff. Wir seien Leute, die schon angekommen sind, nicht solche, die noch auf dem Weg sind. Deshalb fluchen wir nicht, wir werden nicht lüstern, wütend oder deprimiert, und wenn wir mit der großen schmutzigen Welt aneinandergeraten, benehmen wir uns wie Ned Flanders aus Die Simpsons auf einem Striptänzerinnen-Kongress.Vielleicht müssen wir uns einfach gegenseitig zubilligen, die menschlichen, chaotischen, unfertigen Gotteskinder zu sein, die wir sind.Vielleicht würde das dem einen oder anderen betagten Kneipenstreithahn eine Unterkühlung ersparen.
Wo ich gerade beim Thema bin, Adrian, würde ich Dir gerne auch eine Kneipengeschichte erzählen, die ich kürzlich erlebt habe. Leider ist es eine der wenigen Geschichten, die ich habe, in denen ich ziemlich gut dastehe. Entschuldige bitte. In den meisten meiner Anekdoten bin ich so eine Art Mr. Bean mit einer Bibel: ein total tollpatschiger Typ, der von einer Riesenblamage in die nächste segelt. Ich habe schon an anderer Stelle darüber geschrieben, deshalb erzähle ich sie hier nur in groben Zügen.
Ich war mit Kay (sie lässt herzlich grüßen!) auf einer landesweiten Pastorenkonferenz in San Diego. Dort waren zweitausend Pastoren versammelt, und ich war einer der Referenten. An einem Abend gingen wir in die Hotelbar, und drei leicht angetrunkene Männer gesellten sich zu uns. Anfangs plauderten sie nur und erzählten uns in bester Laune alles Mögliche von sich. Dann fragten sie Kay, wie eine so schöne Frau dazu komme, einen so alten Mann wie mich zu heiraten. Schließlich schwankten sie hinüber zur Karaoke-Anlage.Vor den Augen der anderen Pastoren widmete einer von ihnen uns das Lied, das sie singen wollten.
Zuerst war mir das äußerst peinlich. Was würden die anderen Pastoren denken? Aber dann dachte ich mir, sei’s drum. Das Entscheidende war doch, dass diese drei gerne Zeit mit uns verbrachten. Daraus habe ich etwas gelernt … Genau wie Du möchte ich jemand sein, mit dem Leute, die Gott nicht kennen, gerne zusammen sind. Das heißt nicht, dass unser Leben andere Leute niemals vor Herausforderungen stellen sollte: Schließlich sind wir berufen, das Salz der Erde zu sein, nicht der Zucker. Ich will keineswegs sagen, dass wir uns stromlinienförmig anpassen sollten, bis wir genauso aussehen und uns genauso anhören wie alle anderen, nur damit uns die Leute mögen.
Doch die Unterhaltung an jenem Abend und die Widmung dieses Liedes stoßen mich an zu dem Gebet, Gott möge mich zu jemandem machen, der gewinnend genug ist, um der einen oder anderen Einladung zu einer Party oder zum Essen für wert erachtet zu werden. So war es schließlich auch bei Jesus, dem wir nachfolgen. Aber das wird immer ein bisschen gefährlich sein. Dass er sich mit den Unheiligen abgab, brachte es mit sich, dass er von den Frommen ständig missverstanden wurde. Doch er ließ sich nicht davon abbringen und war fest entschlossen, Zeit mit den
»falschen« Leuten zu verbringen, die ihn liebten, und das nicht nur wegen seiner legendären Fähigkeit, auf Partys für hervorragenden Wein zu sorgen. Um Deine Analogie von den frommen Herren in der Ecke auszuborgen – Jesus wechselte die Ecken. Diejenigen, die ihm nachfolgen, sollen so sein wie er. Und so zu sein wie er bedeutet, die gleichen Risiken einzugehen.
Diese ganze Geschichte mit der Frömmigkeit in der Ecke bringt mich zu Deinem Freund Ted. Ich war traurig und froh zugleich, von seinem verloren gegangenen Glauben und eurer Unterhaltung zu hören. Im Laufe der Jahre habe ich auch eine Menge von meinem Glauben verloren. Adrian, Du kanntest mich schon in meinen frühen Jahren als christlicher Eiferer. Ich konnte mit »Antworten« um mich werfen wie ein Karnevalsprinz mit Plombenziehern. Die Konturen meines Glaubens waren ganz klar und scharf. Und die Menschen betrachtete ich mit demselben Schwarz-Weiß-Denken, mit dem ich auch an meinen Glauben heranging – sie waren entweder drinnen oder draußen, gut oder schlecht, »einwandfrei« oder fragwürdig. Dass ich mich bei einer Unsicherheit oder einem Zweifel hätte erwischen lassen, war ungefähr so wahrscheinlich wie ein Auftritt des Erzbischofs von Canterbury als Modell bei einem »Friseur-des Jahres«-Wettbewerb. Ich machte mir auch große Sorgen um die Wiederkunft Jesu, was Besuche im Supermarkt zu regelrechten Zitterpartien werden ließ. Kay verschwand irgendwo in den Gängen, und nachdem ich zehn Minuten lang fieberhaft nach ihr gesucht hatte, war ich fest davon überzeugt, dass Jesus wiedergekommen sei. Mist. Ich war zurückgelassen worden, und jetzt blühte mir, in kochendes Öl geworfen zu werden, weil ich ein Christ war. Dann stellte ich fest, dass sie gar nicht den vertikalen Abflug gemacht, sondern nur auf der Suche nach Fischstäbchen in der Kühltruhe herumgewühlt hatte. Mein Glaube damals war ein seltsamer Cocktail aus blinder Gewissheit, durchsetzt mit blankem Schrecken (eine sehr merkwürdige Kombination).
Vieles hat sich verändert. Ich bin immer noch genauso überzeugt von Jesus wie eh und je (meistens jedenfalls – es gibt immer noch Momente, in denen ich im Stillen hoffe, dass wir uns nicht alle nur etwas vormachen), aber mir rollen sich heute regelmäßig die Zehennägel auf, wenn Christen mit einfachen Antworten auf schwere Fragen um sich werfen. Aus diesem Grund hat Kay mir inzwischen strikt untersagt, mir bestimmte Evangelisten auf christlichen Fernsehsendern anzuschauen. Hauptsächlich, weil sie es nicht leiden kann, eine Ladung Müsli von der Mattscheibe tropfen zu sehen.
Einen davon schaute ich mir neulich an, als ich gerade mein »Special K« mit Himbeeren und fettarmer Milch zu mir nahm (das sind viele Einzelheiten, ich weiß, Adrian, aber ich spüre eine Welle der Andacht in mir aufsteigen, wenn ich von einer so gesunden Mahlzeit spreche). »Gott hat mir einen Weg gezeigt, wie man Ärger und Druck in dieser Welt vermeiden kann«, tönte er und wedelte mit der Bibel in die Kamera. Die Ironie dieses Bibelgewedels entging mir nicht: Ist dieses Buch doch voller Geschichten von treuen und gläubigen Nachfolgern Gottes, die gejagt, in Öfen geworfen, gesteinigt und geschlagen und sogar gekreuzigt wurden. Das alles hört sich für mich nicht gerade nach Vermeidung von Ärger und Druck an.
Aber offenbar kannten dieses Leute nicht das Geheimnis eines einfachen Lebens, das der Evangelist zu bieten hatte, nämlich eine gebührenfreie Nummer anzurufen und die Kreditkarte mit einer ordentliche Spende zu belasten. »Gott hat etwas in Ihre Hand gelegt, wovon er möchte, dass Sie es mir schicken«, rief er. Mein Blick fiel auf die Schale mit breiigem Müsli, die ich in der Hand hielt. »Nein, Schatz«, sagte Kay hinter mir, gerade noch rechtzeitig …
Adrian, bei so etwas möchte ich meinen Glauben am liebsten gleich ganz über Bord werfen. Doch auch nur ein wenig von dem Glauben zu verlieren, den ich früher einmal hatte, indem ich versuche, die Schlacke wegzuwerfen und das Gold festzuhalten, ist eine beängstigende Geschichte. In mancher Hinsicht war die alte, solide Landschaft eine tröstlichere Umgebung. Ich frage mich, wohin meine verschlungenen Wege mich wohl führen werden.
Und dann all die Dinge, die einem das Leben auf dem
»Planeten Christentum« sehr schwer machen können – du weißt schon, das Zusammensein mit anderen Gläubigen. Allein gestern musste ich drei Mal fest die Zähne zusammenbeißen, als ich mich mit einer Reihe von Christen unterhielt, die mir sagten, a) die globale Erwärmung sei ein Mythos, b) Gott werde über Amerika Gericht halten, weil er Obama nicht möge, und c) Gott sei heute gut zu ihnen gewesen. Die ersten beiden Ideen werde ich keines Kommentars würdigen – aber selbst die dritte finde ich verwirrend. Wenn Gott heute so gut ist, heißt das, morgen hat er vielleicht frei, und am Donnerstag müssen wir mit einer Zeit göttlicher Ungezogenheit rechnen?
Und das Gebet ist mir zu einem kompletten Rätsel geworden. Ich meine nicht nur, dass es dabei verwirrende Aspekte gibt. Das ganze Thema ist in einer dichten Nebelbank verschwunden. Früher hatte ich Probleme mit Gebeten, die nicht beantwortet wurden – doch heute finde ich die beantworteten Gebete noch viel verwirrender. Wenn ich mir diese vor Hunger und Leid schreiende Welt anschaue, macht es mich sprachlos, dass wir hier im reichen Westen überhaupt irgendwelche Antworten auf Gebete bekommen.Von freien Parkplätzen will ich gar nicht reden. Und doch … bekommen wir sie. Gott interessiert sich für unsere banalen Anliegen, obwohl nur Gott weiß, warum. Die Haare auf unseren Köpfen sind gezählt. (Auf meiner Schulter sitzt vermutlich ein Engel mit einem Taschenrechner, weil meine von Minute zu Minute weniger werden. Du hast eine Frisur. Ich habe eine schrumpfende Halbinsel.)
Deine Unterhaltung mit Ted war offensichtlich ein echtes Geschenk von Gott und vielleicht eine Antwort auf das Gebet irgendeines Menschen. Er hatte jemanden, mit dem er gemeinsam nachdenken, ja gemeinsam zweifeln konnte.Vor allem hatte er jemanden, der Interesse hatte, ihm zuzuhören. Ich bin sicher, Deine kleinen Grunzer waren äußerst profunde Grunzer, aber es hört sich so an, als hättest Du mehr zugehört als geredet.
Tut mir leid, ich muss noch mal auf das »Bandolier« und die beiden alten Säufer zurückkommen, die da auf die Straße befördert wurden. Vielleicht brauchen wir Kirchen, in denen es so ein Snug gibt. Einen Ort, wo wir uns im Gespräch auf unsicheres Eis begeben können, ohne gleich irgendwelche felsenfesten Wahrheiten verkünden zu müssen. Wo wir aufeinander hören, anstatt nur aufeinander einzureden.Wo wir frei von der Leber weg reden können, ohne fürchten zu müssen, dass wir als Häretiker auf den Scheiterhaufen kommen. Wo wir nicht dadurch Sicherheit gewinnen, dass wir uns an Slogans klammern, die nicht funktionieren, sondern dadurch, dass wir spüren: Die Wahrheit hält es aus, wenn man darin herumstochert.
Und wenn ich zuhören sage, meine ich wirklich zuhören, nicht nur mit dem Strom dessen schwimmen, was sich in unserer Welt so tut. Jemand, der weiser ist als ich, hat einmal gesagt: Wenn man sich die Gespräche zwischen manchen Nationen und manchen Ehepaaren anhört, hört man die Dialoge der Tauben.Was meinst Du?
Danke, dass Du Ted zugehört hast. Und mir. Liebe Grüße, Jeff
DREI
Lieber Jeff,
es war eine Freude, Deinen Brief zu bekommen. Ich habe ihn verschlungen, wie ein hungriger Mann die erste wirklich sättigende Mahlzeit verschlingt, in die er seit Langem seine Zähne hat schlagen können. Bin ich froh, dass Du nicht von Deiner Albernheit geheilt worden bist! Wenn es je eine von Gott geschenkte Krankheit gab, dann diese. Ich leide an demselben Gebrechen, und es macht mir viel Freude, wenn ich auch manchmal vorsichtig sein muss. Erst kürzlich übernachteten Bridget und ich durch eine merkwürdige Unachtsamkeit in einem christlichen Gästehaus. Als wir am Morgen hinunterkamen, um uns an Eiern mit Speck zu laben, begrüßte uns ein großes Blatt Papier, das mit Reißzwecken an die Wand des Frühstücksraums geheftet war. Darauf standen die Worte:
JESUS
IST
AU FERSTANDEN!
Das hätte mir fast den Rest gegeben, Jeff.Wäre Bridget nicht da gewesen (nach Deiner Geschichte mit dem »breiigen Müsli« zu urteilen, hat Kay in Deinem Leben dieselbe Funktion wie Bridget in meinem) und hätte ich in diesem Augenblick einen Stift zur Hand gehabt, so hätte ich die Worte hinzugefügt:
UND ER
KOMMT GLEICH
HERUNTER!
Auch ich bin schon gelegentlich von Leuten angesprochen worden, die mich, so wie Dein »griesgrämiger Mann«, in dieser Hinsicht zurechtweisen wollten. Meistens kommen sie aus jenen Gemeinden, in denen die Spontaneität sehr sorgfältig organisiert wird. Vor über zwanzig Jahren zum Beispiel, kurz nachdem das Tagebuch eines frommen Chaoten erschienen war, manövrierte mich nach einer Veranstaltung, bei der, ich gestehe es, der Sünde unmäßigen Gelächters gefrönt worden war, ein großer, ernster, ausgesprochen dünner junger Mann prophetengleich in eine Ecke und begann ein Gespräch, das den folgenden Verlauf nahm.
Er: (mit heiliger Strenge und so, als hätte er um des Evangeliums willen seine Fingerspitze in etwas Ekelhaftes gesteckt) Ich habe Ihr Buch gelesen.
Ich: Ah ja. Nun – ja.
Er: (mit einem leichten Anflug von Ratlosigkeit, aber ohne die geringste Aufhellung seiner Miene) Es ist sehr witzig.
Ich: (gequält) Oh, gut. Das ist gut. Das ist …
Er: (ernst) Nur glaube ich, Nichtchristen sollten es nicht zu lesen bekommen.
Ich: Ach, wirklich? Warum nicht?
Er: Weil sie dann denken könnten, in der Gemeinde ginge es wirklich so zu.
Ich: Äh …
Manchmal freilich läuft man Leuten in die Arme, wie Du sicher nur zu gut weißt, Jeff, die noch sehr viel drastischer und beunruhigender aus der Spur geraten sind. Einmal begrüßte mich im Foyer eines Konferenzzentrums ein bissiger kleiner Terrier von einem Mann und kläffte mir laut ins Gesicht:
»Ich hasse Sie!«
Eine Lektion, die ich aus meiner Arbeit mit gestörten Jugendlichen und in jüngerer Zeit aus der Seelsorge gelernt habe (da gibt es faszinierende Ähnlichkeiten), ist es, mich in solchen Situationen im metaphorischen Sinn eher zurückzulehnen als vorzubeugen. Muss wohl so eine Art Judo sein.
»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht«, sagte ich freundlich. »Warum hassen Sie mich?«
»Weil ich es nicht leiden kann«, knurrte er, »wie Sie sich in Ihren Büchern über die Kirche lustig machen.«
Ich fiel wie gewohnt in meine Rolle der demütigen Lernbereitschaft und nickte.
»Verstehe. Mit welchen Büchern speziell haben Sie denn Probleme?«
Völlig unerschrocken erwiderte er: »Ich habe keines davon gelesen. Und ich will sie auch nicht lesen, weil ich gehört habe, dass Sie sich darin über die Kirche lustig machen.« Ich blieb noch einen Augenblick auf den Ballen wippend stehen und ging dann still weiter. Dass sich daraus noch ein produktives Gespräch entwickeln würde, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Unmittelbar nach meinem ersten Beitrag dieses Vormittags jedoch sprach mich der menschliche Rottweiler erneut im gleichen aggressiv schneidenden Tonfall an.
»Jetzt liebe ich Sie!«
Er machte einen Schritt auf mich zu, warf seine beängstigenden, unverhältnismäßig langen Arme um meinen Leib (ich hatte den Eindruck, dass sie sich zweimal um mich herumschlangen, aber das kann ja wohl nicht stimmen, oder?)
und packte mich in eine schraubstockähnliche Umarmung. Während der nächsten drei Tage leitete er jede unserer Begegnungen mit dieser überschwänglichen Geste ein. Ich glaube, ich mochte ihn lieber, als er mich noch hasste …
Also, warum albern wir eigentlich so viel herum, Du und ich? Ich vermute, es liegt daran, dass wir überhaupt nicht albern sind, wenn es um die Dinge geht, die wirklich zählen. Ich bin von gähnend langweiliger Ernsthaftigkeit, wenn es darum geht, Jesus nachzufolgen, und in meinem Glauben ermüdend orthodox. Aber ich habe gelernt, dass mithilfe des Lachens eine Menge Unrat aus dem Weg geräumt werden kann, unter dem die zentralen Wahrheiten, die niemals sterben werden, oft verborgen liegen.
Wo ist in dieser schönen, anstrengenden Welt diese Wahrheit zu finden? Ich glaube, in Deiner Geschichte von dem Karaoke-Abend liegt ein Schlüssel dazu. Ich finde diese Geschichte herrlich, Jeff. Sie hat mich an verschiedene Gelegenheiten erinnert, bei denen Leute mich gefragt haben, welcher Film mich als Christ am meisten inspiriert habe. Wenn ich dann antwortete, das sei der Film The Commitments gewesen, guckten sie immer ein bisschen verdutzt. Du kennst den Film wahrscheinlich – er handelt von einer Gruppe junger Leute in Irland, die alles tun, um eine Band auf die Beine zu stellen und groß rauszukommen. Der Film ist herrlich witzig, aber es wird darin auch hemmungslos geflucht, und er ist voller deutlicher sexueller Anspielungen. Hin und wieder geht es auch extrem gewalttätig zu.
Nun, was immer darin vorkommt, er bringt mich zum Weinen, und er bringt mich zum Beten. Er macht mir deutlich, dass Jesus in unserer Zeit genauso fest entschlossen ist, sich unter hoffnungsvolle, leidenschaftliche, fehlerhafte Menschen zu mischen, wie er es vor zweitausend Jahren war, als er als Mensch über diese Erde ging. Ich habe an anderer Stelle schon einmal von Lionel Blues Aussage gesprochen, das Judentum sei nicht sein Gefängnis, sondern sein Zuhause. Wenn man sich zu Hause geborgen fühlt, dann kann man an jeden anderen Ort der Erde gehen und vergisst doch nie, wo man wirklich hingehört. Man ist nie getrennt von der Liebe, die einen in seinem innersten Wesen behütet, egal, wo man ist und was einem passiert. Wo die Gemeinde hingegen zu einer Festung wird, verwenden wir unsere Energie entweder darauf, dafür zu sorgen, dass niemand Unerwünschtes hereinkann, oder darauf, Listen mit Vorschriften aufzustellen und unentwegt ängstlich Ordnung zu schaffen.
Du fragst in Deinem Brief, warum es Christen so schwerfällt, sich zu entspannen, Jeff. Ich frage mich, ob die Antwort auf diese Frage etwas mit dem fieberhaften Drang zu tun hat, alles immer schön in Reih und Glied zu halten. Da fällt mir ein: Kürzlich wurde ich wegen zweier Dinge zur Rede gestellt, die Bridget und ich im Laufe einer Wochenendfreizeit gesagt oder angedeutet hatten. Im ersten Fall ging es um Elia, der ja eine deiner Lieblingsgestalten ist, wie ich mich zu erinnern glaube.
Elia wird meist als einer der »großen« Propheten bezeichnet, aber wir wollten einmal genauer hinschauen, was das bedeuten könnte. Ich hatte gerade eine Reihe von Andachten speziell über Elia geschrieben und war dabei ziemlich fasziniert von der tiefen Kluft der Unzulänglichkeit, die zwischen seinen geistlichen Heldentaten und seiner allgemeinen Neigung klaffte, davonzulaufen oder aufzugeben, sobald es gefährlich wurde. Nach seinem dramatischen Sieg über die Baalspropheten auf dem Berg Karmel zum Beispiel rannte er wie ein Hase vor dem Zorn der Isebel davon, bis er schließlich mutlos unter einem Baum hockte und sagte:
»Es ist genug.« Was, so könnte man berechtigterweise fragen, war mit diesem Kerl los? Hier war der Gott, der ihn aus einer fliegenden Speisekammer mit Essen versorgt, einer Witwe einen wundersam bodenlosen Ölkrug geschenkt, einen toten Sohn erweckt, mitten in einer Dürrezeit Regen gesandt und göttliches Feuer auf den Berg hatte herabregnen lassen. Warum in aller Welt sollte der nicht in der Lage sein, mit einer rabiaten kleinen Königin fertig zu werden?
Die Antwort scheint etwas mit der Gegenwart oder Abwesenheit des Geistes Gottes zu tun zu haben. Wenn es etwas zu tun gab und Elia mit dem Geist Gottes erfüllt wurde, war ihm nichts zu schwer. Doch in den Zeiten zwischen diesen übernatürlich gelenkten und erfüllten Ereignissen wurde er zu genau dem, was er war: zu einem nicht sehr starken, nicht besonders heldenhaften Menschenwesen. Da ich selbst auch ein nicht übermäßig starkes und wohl kaum heldenhaftes Menschenwesen bin, fand ich diese Erkenntnis sehr hilfreich. Die gute Nachricht, so sagten wir zu den Leuten auf der Wochenendfreizeit, sei die, dass Gott uns gebrauchen kann, was immer auch unsere Schwächen und Ängste sein mögen, solange wir nur zum Gehorsam bereit sind, wenn die Zeit zum Handeln gekommen ist. Das ist doch eine gute Nachricht für die meisten von uns unnützen Vertretern unserer Spezies, findest du nicht? Ein bisschen erschreckend sicher auch, aber letzten Endes doch gut.
Meine Herausforderin wollte wissen, ob ich ihr nicht zustimme, dass Elias Furcht und Selbstzweifel in Wirklichkeit Lügen des Feindes waren, der ihn von seinen Aufgaben abbringen wollte. Ich hatte den deutlichen Eindruck, dass sie nicht nur den Wunsch, sondern geradezu das Bedürfnis hatte, der unangenehm negativen und widerspenstigen Natur der Fehler und Schwächen Elias dieses Etikett aufzukleben.
Habe ich ihr also zugestimmt? Hätte ich es tun sollen? Sicher, im Johannesevangelium steht etwas davon, dass Satan der Vater der Lüge ist, aber heißt das, dass ich das Bündel von Fehlern und Neigungen und Verhaltensmustern und Tendenzen, das mich als Person ausmacht, wieso auch immer, verleugnen und nicht daran glauben sollte? Gibt es so etwas wie einen geistlichen Zaubertrick, mit dessen Hilfe ich mir einreden kann, dass ich eine neue Kreatur in Christus bin und deshalb mein altes Ich einfach nicht mehr existiert? Versuch das mal, Jeff. Mal sehen, wie weit Du damit kommst.
Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Gott uns genauso liebt, wie wir sind, und viel zu sehr, als dass er uns so lassen würde, wie wir sind. Nun, dem kann ich sicherlich zustimmen, aber der Prozess der Veränderung ist ein allmählicher, und wenn er nicht sowohl geistlich als auch menschlich organisch abläuft, dann hat er nichts mit einem Gott zu tun, der uns sowohl als die Leute, die wir sind, als auch trotz unserer Unzulänglichkeiten liebt. In der Zwischenzeit, denke ich, können Du und ich und alle anderen froh und ermutigt sein durch die Botschaft von Elia, dass es Momente geben wird, in denen uns, wenn wir gehorsam sind, der Geist Gottes erfüllen und sogar Wunder durch uns bewirken wird, ungeachtet der Tatsache, dass wir so weit hinter dem Ideal zurückbleiben.
Also nein, ich habe ihr nicht zugestimmt.
Im zweiten Fall ging es um Dinge, die wir über die Gnade Gottes gesagt hatten. Wir hatten dazu ein veranschaulichendes Bild angeboten. Für den Wanderer, der sich auf die Reise des Lebens macht, gibt es drei Möglichkeiten. Auf der einen Seite sind die unwegsamen Felsen und Berge des Gesetzes. Diese Route einzuschlagen hat keinen Zweck. Sie ist zu schwierig; das schafft man nicht. Auf der anderen Seite liegt der Sumpf der Zügellosigkeit. Der sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus, aber wenn man versucht, dort entlangzugehen, sinkt man ein, erstickt und stirbt. Quer durch die Mitte verläuft der schmale Pfad der Gnade, ein Weg, der aus der unverdienten Freundlichkeit Gottes entspringt und der für jeden Menschen, der ihn braucht, individuell angelegt wird. Als ein Beispiel führten wir an, wie Jesus mit der Situation umging, als eine Ehebrecherin zum Tod durch Steinigung verurteilt worden war. Nicht, dass er das Gesetz angefochten oder ihre Tat gutgeheißen hätte, aber er fand einen typisch einfallsreichen und authentischen Weg, sie von den Konsequenzen der Sünde zu erretten. Gnade, so deuteten wir an, sei kreativ, beziehungsorientiert, konstruktiv, überraschend und befreiend, und jeder von uns habe die Aufgabe, sie an die Menschen weiterzugeben, denen wir begegnen.
Meine Herausforderin wollte wissen, ob das meiner Meinung nach auch für Homosexuelle gelte. Es könne doch wohl keine Kompromisse bei einer Sache geben, die in der Heiligen Schrift so eindeutig verurteilt werde. Nicht, dass sie persönlich solche Menschen verurteilen wollte, fügte sie hinzu. Es gebe ein schwules Pärchen in ihrer Gemeinde, und das seien ganz liebenswerte Leute. Andererseits jedoch sei unbereute Sünde nun einmal unbereute Sünde, und sie fände es nicht richtig, wenn sie die Gemeinde in der Öffentlichkeit repräsentieren würden, zum Beispiel, wenn sie im Kirchenvorstand säßen.
Nicht schon wieder, dachte ich.Warum nur dreht sich die moralische Diskussion in manchen Teilen der Gemeinde Jesu ständig nur um Sex im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen? Den Korinthern schrieb Paulus, wir sollten nichts mit einem Bruder zu schaffen haben, der sexuell unmoralisch oder habgierig sei, ein Götzendiener oder ein Verleumder, ein Trinker oder ein Betrüger.Wie viele Kandidaten für Kirchenvorstände werden eigentlich sorgfältig auf Anzeichen von Habgier, Klatsch, übermäßigen Alkoholgenuss oder zwielichtigen Geschäftspraktiken durchleuchtet?
Wie viele müssten wohl ersetzt werden, wenn das geschähe? Man mag es sich gar nicht ausdenken.
Ich kenne eine Menge schwuler Christen, die sich entschieden haben, für den Rest ihres Lebens zölibatär zu bleiben. Mag sein, dass Satan ihnen Lügen über ihre sexuellen Präferenzen eingeflüstert hat, oder auch nicht. Tatsache ist aber, wie sehr sie auch beten und ihr Bestes tun, um nach Veränderung zu streben, sie scheinen nicht davon wegzukönnen, wer sie sind und was sie sind, und jeder Tag ist eine Herausforderung und ein Kampf. Ich habe höchsten Respekt vor ihnen. Ich kenne auch schwule Christen, die glauben, dass Gott gleichgeschlechtliche Beziehungen akzeptiert. Ich habe großen Respekt vor jedem, der eine aufrichtig durchdachte und durchbetete Entscheidung über irgendeinen Aspekt seines christlichen Lebens trifft, auch wenn ich selbst nicht mit seiner Entscheidung übereinstimme. Ich habe selbst schon manche blödsinnigen Entscheidungen getroffen, und meist habe ich sie lautstark mit Bibelstellen begründet.
Wie ist das nun mit der Gnade Gottes? Nun, das Problem mit Gott ist und war schon immer, dass er sich partout nicht davon abbringen lässt, Menschen als Individuen zu begegnen und nicht als Kategorien. Die Gnade tut, was die Gnade tut. Ich finde das herzerwärmend und aufregend und beruhigend und beunruhigend und ein bisschen verwirrend, aber ganz ehrlich, ich würde es nicht anders haben wollen.
Falls ich meiner Herausforderin je wieder begegne, werde ich mich bei ihr bedanken, dass sie mich zum Nachdenken über diese Dinge gebracht hat. Aber ich würde sie auch gern daran erinnern, dass viele Leute im Laufe der letzten zweitausend Jahre versucht haben, den christlichen Glauben zu säubern und aufzuräumen, wie man ein Haus säubert und aufräumt.Tut mir leid, würde ich ihr sagen, aber das klappt nicht.Wenn Christus mitten im Chaos nicht eine echte Möglichkeit ist, dann sitzen wir mächtig in der Tinte.
Du hast recht, Jeff. Jede Gemeinde sollte einen Ort haben, wo man gefahrlos sagen und denken und fühlen kann, was immer einem auf dem Herzen liegt. Es mag eine Weile dauern, solche Orte einzurichten, aber bis dahin, scheint mir, sind wir beide schon dabei, uns einen für uns selbst zu schaffen. Das ist eine sehr behagliche Ecke hier. Du bist am Zug, glaube ich.
Liebe Grüße,
Adrian
PS Ich hatte vollstes Mitgefühl mit Dir, als die Karaoke-Burschen sich wunderten, wieso jemand wie Kay sich mit einem alten Knacker wie Dir abgibt. Bei einer Tour durch Deutschland vor ein paar Jahren wurde ein ziemlich altes Foto von mir für die Werbung verwendet. Die erste Frage aus dem Saal zu Beginn der zweiten Hälfte des Abends lautete so: »Warum haben Sie Ihren Vater geschickt, anstatt selbst zu kommen?«
Das war der größte Lacher des Abends.
VIER
Lieber Adrian,
danke für Deinen Brief, der mich dazu inspiriert hat, hinunter zur Videothek in meiner Straße zu gehen (die immer noch so heißt, obwohl es da seit dem Erscheinen der allmächtigen DVD gar keine Videos mehr gibt) und mir The Commitments auszuleihen. In der Videothek passierte etwas, was eigentlich gar nicht mit irgendetwas von Belang zu tun hat, aber da ich es amüsant fand, würde ich Dir gern davon erzählen. Glaub mir, das Folgende hat sich wirklich so abgespielt.
Während ich mich mit meiner DVD in der Hand ( The Commitments hatten sie leider nicht) an der Kasse anstellte, um mein Kleingeld loszuwerden, fiel mir ein Aufkleber auf der DVD-Hülle auf. »Bitte zurückspulen!«, stand darauf. Die Aufschrift verwirrte mich zutiefst, da es ja gänzlich unmöglich ist, eine DVD zurückzuspulen. Warum also dieser Aufkleber? Ich beschloss, mich bei dem Neunjährigen, der hinter dem Tresen Dienst tat, danach zu erkundigen.
Zwischen mir und dem etwas desinteressierten, aknegeplagten Jüngling entspann sich folgendes Gespräch:
Ich: Entschuldigung, dürfte ich Sie nach diesem Aufkleber fragen?
Pickliger Jüngling: Ja, was ist damit?
Ich: Nun, da steht »Bitte zurückspulen!« drauf. Pickliger Jüngling: Richtig. Das steht da.
Ich: Aber das ist doch albern. Pickliger Jüngling: Was? Wieso?
Ich: Weil das eine DVD ist. Die kann man doch gar nicht zurückspulen.
Pickliger Jüngling: (die Augen verdrehend) Natürlich kann man eine DVD nicht zurückspulen. Es ist ja eine DVD.
Ich: Äh, ja, das habe ich ja gerade gesagt. Also warum kleben Sie dann diesen Aufkleber drauf, der die Leute nur verwirrt und dazu bringt, deswegen nachzufragen?
Pickliger Jüngling: Ganz einfach. Als wir die Videos abgeschafft haben und zu DVDs übergewechselt sind, hatten wir noch Hunderte von diesen Aufklebern übrig. Die Chefin wollte sie nicht wegschmeißen; wir hatten sie ja extra drucken lassen. Also ließ sie uns die Dinger auf die DVDs aufkleben …
Ich: Also Ihre Chefin hat Geld für Aufkleber ausgegeben, die jetzt überflüssig sind, und dann noch mehr Geld für Arbeitszeit investiert, um diese unnützen Aufkleber auf DVD-Hüllen zu kleben, wo sie Kunden wie mich nur verwirren?
Pickliger Jüngling: (wirft über meine Schulter dem Kunden hinter mir einen Blick zu, der besagt: »Der Trottel hier hält den ganzen Betrieb auf.«) Genau. Wir haben die übrig gebliebenen Aufkleber verbraucht. Sonst noch Fragen?
Wie gesagt, Adrian, dieser Wortwechsel ist ohne jeden Belang für unsere Unterhaltung, aber ich fand ihn so grotesk, dass ich ihn Dir nicht vorenthalten wollte.
Wenn ich an Dich in diesem christlichen Gästehaus denke, wünschte ich, Du hättest Deinen Mut zusammengerafft und das »Er-ist-auferstanden«-Plakat mit einem frechen Graffitispruch verziert. Allerdings vermute ich, damit hättest Du unsere gemeinsame Gabe der Albernheit vielleicht einen Schritt zu weit getrieben. Zumindest ist »Er ist auferstanden« kein kitschiger Spruch, und es ist die Wahrheit. In meiner ersten Zeit als Christ trug ich immer einen großen Button, fast so groß wie ein Mülleimerdeckel. Er brüllte irgendeine ziemlich brachiale Botschaft hinaus – so etwas wie
»Hallo, du bist auf dem Weg in die Hölle« oder so. Ich hatte eine große Schwäche für Buttons und sonstige Accessoires aus unserer christlichen Buchhandlung am Ort. Am Heck meines Autos klebten so viele Fische, dass es aussah wie ein fahrendes Aquarium. (Übrigens, in meiner christlichen Buchhandlung hier gibt es im Moment Pfefferminzbonbons mit aufgedruckten Bibelstellen. Sie heißen »Testamints«. Auf der Packung steht »Bonbon für Bonbon die Welt verändern«. … Hätte es die Dinger doch nur schon gegeben, als Paulus lebte. Dann wäre er bestimmt als Gemeindegründer noch erfolgreicher gewesen, und Mundgeruch hätte er obendrein vermeiden können …)
Ich schweife ab. Zurück zu Slogans. Ich bin ein eifriger Beobachter von Gemeindeschaukästen und -schrifttafeln, besonders in Amerika, und ich habe schon so manchen Knaller zu Gesicht bekommen.Während einer Hitzewelle in Oklahoma, der einige Menschen zum Opfer fielen, hatte eine Gemeinde in ihrem Bestreben, die »gute Nachricht« zu verbreiten, vor ihrem Gebäude folgendes Plakat aufgehängt:
Wenn Sie meinen, hier wäre es heiß,
warten Sie nur ab.
Das ist fast so schlimm wie die markige, aber brutale Schrifttafel, die verkündete:
Ewigkeit: Raucher oder Nichtraucher?
Diese christliche Neigung zu grafischen Tiraden hat allerdings auch den einen oder anderen amüsanten Ableger hervorgebracht. Meine persönlichen Lieblingsbeispiele sind die Autoaufkleber mit der Aufschrift:
Jesus kommt wieder, tut so, als wärt ihr beschäftigt.
Oder auch:
Jesus liebt dich.
Alle anderen halten dich für ein *&%$@*&!§
Um wieder ernster zu werden: Es tat mir richtig leid, von Deiner Begegnung mit dem Mann zu hören, den Du als »Terrier« beschrieben hast. Die Bezeichnung passt perfekt auf jene Sorte frommer Leute, die einem gerne nach den Fersen schnappen, sich über jede Kleinigkeit aufregen und nicht mehr loslassen, wenn sie einen erst einmal zwischen die Zähne bekommen haben. Ich schätze, wir beide gemeinsam sind schon genug Terriern begegnet, um ein ganzes Tierheim damit zu füllen.Vielleicht hast Du ja ein dickeres Fell als ich (obwohl ich da so meine Zweifel habe), aber diese kleinen Schnapper und Bisse tun weh. Deine Geschichte von dem Terrier, der sagte, er hasse Dich (und dann leider doch noch beschloss, er liebe Dich), finde ich atemberaubend.
Man hat über die Jahre schon so manches Mal nach meiner Ferse geschnappt, und manchmal werden die Leute sehr persönlich. Du hast den Burschen erwähnt, der meinte, Du sähest alt genug aus, um Dein eigener Vater zu sein.Auf mich kam einmal eine Frau zu, nachdem ich gepredigt hatte, und fragte mich, ob ich jemals einen Schlaganfall gehabt hätte. Nein, erwiderte ich und fragte zurück, was sie zu der Frage veranlasst habe. Sie antwortete: »Wenn Sie lächeln, zieht sich nur eine Hälfte Ihres Gesichts nach oben.« Am liebsten hätte ich ihr gesagt, ich sei von Natur aus hässlich, und sie gefragt, was ihre Ausrede sei, aber so etwas können wir ja nicht machen, oder? Wir müssen uns schließlich wie Christen benehmen. Wie wär’s, wenn wir Gott fragen, ob wir jede Woche eine halbe Stunde freibekommen könnten und in Schaltjahren einen Monat? Nein, das ist keine gute Idee …
Aber das war nur ein kleiner Schnapper, verglichen mit dem üblen Biss, den ich einmal erhielt, nachdem ich in einer Gemeinde gepredigt hatte. Die Ironie ist, dass ich den Schäferhund nie zu Gesicht bekam, der sich da an mir gütlich getan hatte. Er (oder sie) schnappte einfach nur zu und war auf und davon, bevor ich auch nur »Platz!« rufen konnte. Der betreffende bissige Hund hatte nicht einmal den Mut, mich persönlich anzusprechen, sondern hinterließ mir nur einen Zettel ohne Unterschrift (ich kann anonyme Briefe nicht ausstehen; sie sind so feige) am Büchertisch. Er war säuberlich zusammengefaltet, mit rasiermesserscharfen Falten, die schon ahnen ließen, wie schneidend sich der Inhalt anhörte. Darin stand:
Sir, wir möchten Jesus hören, nicht Ihr unsinniges Geschwafel. Mit all diesen Dummheiten können Sie keine Seelen für Jesus gewinnen. Sie sind kein Prediger, Sie sind ein Komiker. Sie haben Ihren Beruf verfehlt.
Es hört sich erbärmlich an, das zuzugeben, aber dieser kleine Pfeil aus der Dunkelheit ließ mich in Tränen ausbrechen. Dabei dachte die Person, die den Zettel geschrieben hatte, zweifellos, sie wäre damit treu für die Wahrheit eingestanden, zumindest aus ihrer Sicht. Und das bringt mich wieder zu dem Gedanken, »Wahrheit« weiterzugeben. Wir haben uns darüber unterhalten, dass Gemeinden Orte brauchen, wo man ohne Angst vor Repressalien alles sagen kann, was einem im Sinn ist. Aber ist da nicht auch eine gewisse Vorsicht angebracht? Schließlich sind manche Christen unterwegs, um »die Wahrheit zu sagen«, und richten damit großen Schaden an. Wenn mir heutzutage jemand ankündigt, er werde mir »in Liebe die Wahrheit sagen«, schaue ich mich nach dem nächsten Atombunker um. Meist bedeutet die Ankündigung, »in Liebe« sprechen zu wollen, das genaue Gegenteil.
Warst Du schon einmal in einer dieser christlichen Versammlungen, wo der Prediger über Vergebung und Versöhnung spricht und der Gottesdienst dann mit einer qualvollen Zeit endet, in der alle aufgefordert werden, zu jemandem hinzugehen, dem sie Unrecht getan haben, um sich die Hand zu geben und sich wieder zu vertragen? Diese Folterveranstaltungen verschaffen ungeschickten (oder auch rachsüchtigen) Leuten eine ideale Gelegenheit, zu jemandem zu sagen: »Übrigens, ich hasse dich schon seit Jahren. Bitte vergib mir.« So können sie ihren Groll herauslassen und sich gleichzeitig mächtig fromm dabei vorkommen. Was soll mir das denn bringen, wenn einer auf mich zumarschiert und mir »bekennt«, er habe mich gehasst? Ich wäre besser dran, wenn ich ahnungslos bleiben könnte. Dann stapfen sie wieder davon, freuen sich, dass sie sich ihren Kram von der Seele geredet haben, und ich bleibe taumelnd zurück. Und manchmal gehen diese Momente grauenhaft schief, bevor auch nur ein Wort gesprochen wurde …
Bei einer christlichen Großveranstaltung (deren Namen ich nicht nennen möchte, aber sie findet im Frühjahr [engl. spring] statt, wenn man die Ernte [engl. harvest] einbringt)
hatte eine Bühnenpersönlichkeit, die notorisch schwierig war, so vielen Leuten auf die Füße getreten (die ihren Groll nun bekennen wollten), dass sich eine lange Schlange bildete. Stell Dir das vor – so allseits unbeliebt zu sein, dass die Leute sich wie an der Käsetheke eine Nummer ziehen und anstellen müssen, um Dir zu sagen, wie sehr sie Dich hassen. Wie leicht können wir selbst schöne Dinge wie Frieden und Versöhnung verderben.
Und deshalb stoße ich einen riesigen Seufzer der Erleichterung aus, wenn Du davon sprichst, dass Gott uns mitten in unserem Chaos begegnet. Heiligkeit und Chaos bestehen Seite an Seite. Kürzlich stieß ich auf die folgenden Worte von Erzbischof Rowan Williams (dem mit dem berühmten merkwürdigen Haarschnitt, unter dem sich ein Gehirn von der Größe eines Planeten zu verbergen scheint):
Ein Mensch ist nicht dadurch heilig, dass er durch Willenskraft über Chaos und Schuld triumphiert und ein makelloses Leben führt, sondern dadurch, dass dieses Leben den Sieg der Treue Gottes inmitten der Unordnung und Unvollkommenheit zeigt. Die Kirche ist heilig … nicht, weil sei eine Versammlung der Guten und Wohlgesitteten wäre, sondern weil sie vom Triumph der Gnade im Zusammenkommen von Fremden und Sündern spricht, die einander durch ein Wunder genug vertrauen, um sich zu gemeinsamer Buße und gemeinsamem Lobpreis zusammenzuschließen. … Menschlich gesprochen ist Heiligkeit immer dies: Gottes Duldsamkeit inmitten unserer Ablehnung ihm gegenüber, seine Fähigkeit, jeder Ablehnung mit dem Geschenk seiner selbst zu begegnen.1
Verzeih das lange Zitat. Ich füge es ein, weil ich a) finde, es ist sehr schön ausgedrückt, und b) wünschte, ich hätte nur zehn Prozent von dem Verstand Seiner Eminenz. (Siehst Du? Bei mir sind bisweilen selbst Momente der Einsicht mit Ehrgeiz und Neid befleckt.)
Manchmal denke ich, wir Christen denken nur in der Vergangenheitsform gern über unsere Kaputtheit nach. In dem Sinne:Wir waren kaputt, aber dann kam Jesus, und jetzt sind wir nette Leute. Dabei hat uns die Gnade nicht nur gerettet, sondern sie begleitet uns in jeder Sekunde, mit all dem Chaos und Unrat, die uns immer noch anhaften.
Ich versuche heutzutage ganz offen über meine Kaputtheit zu sprechen, und im Allgemeinen höre ich einen Seufzer der Erleichterung, wenn ich von meinen Kämpfen erzähle. Es macht mich zugleich froh und nervös, wenn Leute so nett sind, mir zu sagen, ich sei wie ein frischer Lufthauch und sie wüssten die Authentizität zu schätzen, um die ich mich bemühe. Aber das macht mir wirklich Sorgen im Blick auf den Zustand der Kirche, denn ich fürchte, dass Leute, die Echtheit ungewöhnlich und erfrischend finden, offenbar täglich per Sonde ernährt werden. Ich gebe zu, dass es mir manchmal schwerfällt, mich angreifbar zu machen (es kostet immer etwas, nicht wahr?), weil ich es auch ernst zu nehmen versuche, wenn die Bibel sagt, dass leitende Christen Vorbilder sein sollten. Doch ein Vorbild zu sein kann ja wohl nicht bedeuten, dass man ein falsches Bild vorspiegeln soll. Und ich möchte in meiner Kaputtheit befreiend sein, wenn Du verstehst, was ich meine.Wenn ich mich hinstelle und sage: »Ich bin ein mieser Kerl, und ich habe vor, das auch zu bleiben und olympiareif zu sündigen.Wer macht mit?«, dann verrate ich den innersten Kern der Botschaft Jesu. Er möchte mich liebevoll formen und, ja, verändern. Aber wenn ich andererseits einfach nur den Eindruck erwecke, ich wäre besser, als ich bin, dann erreiche ich doch nichts, außer dass ich jeden entmutige, der mir zuhört. Zumindest denke ich, dass es so läuft. Aber dann will ich auch nicht den Fehler machen, einfach nur öffentlich meine schmutzige Wäsche zu waschen …
Noch einmal zurück zu dem Mann, der sagte, er hasse Dich: Es liegt nicht nur daran, dass Du der Gemeinde Jesu ihre Schwächen und Macken vor Augen führst, sondern auch daran, dass Du ehrlich von Dir selbst und Deinen eigenen Schwierigkeiten und Ängsten sprichst. Vielleicht lässt Deine Bereitschaft, dich schwach zu zeigen, anderen ihre eigenen verborgenen Fehler unbehaglich nahe kommen. Oder vielleicht denken sie auch, Deine Bekenntnisse über noch nicht ausgestandene Kämpfe seien irgendwie ein »Verrat« am Evangelium. Manche Christen meinen ja, wir müssten alle auf Hochglanz polierte »Trophäen der Gnade« sein. Wie kommst Du damit klar, nicht nur zur Albernheit, sondern auch zur Transparenz berufen zu sein?
Ich stimme Dir vollkommen zu – wir wollen immer alles hübsch sauber und ordentlich haben, und am liebsten würden wir die Gnade steuern und zu denen hinlenken, die sie verdienen, was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Und wenn wir das versuchen, kriegen wir am Ende haufenweise lächerliche kleine Regeln und Vorschriften heraus – das, was in Zen and the Art of Motorcycle Maintenance »kleinkarierte Regeln für kleinkarierte Leute« genannt wird. Jesus war auf Schritt und Tritt von Leuten umgeben, die Experten darin waren, die Religion zu einer hektischen Plackerei zu machen, den Pharisäern. Sie hatten Vorschriften darüber, wie innig man eine Braut an ihrem Hochzeitstag begrüßen durfte und wie man eine Witwe bei einer Beerdigung zu trösten hatte. Sie beschäftigten sich mit so schwerwiegenden Fragen wie der, ob man beten dürfe, während man in einer Baumkrone arbeitet. Und (warte, was jetzt kommt) wenn jemand Brot backt und dabei nackt ist und dieses Brot dann für ein Opfer verwenden will, ist es dann unrein? Darüber habe ich mir eine ganze Weile lang den Kopf zerbrochen … Zweifellos geschah das alles in dem Bemühen, das Chaos in den Griff zu bekommen und zu bestimmen, wie »gute« Menschen aussehen. Hier ankreuzen und hurra, schon bist Du heilig und gehörst mit zum Klub. Doch wie alle Systeme war es zum Scheitern verurteilt, denn wie Du sagst: Die Gnade wirkt in jedem Einzelnen auf einzigartige Weise. Gott schafft keine Systeme, er schreibt einmalige Gedichte.
Vielleicht ist ja meine »Bitte-zurückspulen«-Geschichte doch nicht ganz so belanglos. Religion kann genauso nutzlos, genauso eine Zeitverschwendung und genauso verwirrend sein wie das Anbringen dieser veralteten Etiketten. Da schnaufen und keuchen wir uns dann durchs Leben und jagen allen möglichen irrelevanten und unwichtigen Dingen nach.Vielleicht gibt das ja unserer Gabe der Albernheit einen gewissen Wert: Indem wir lachen, vor allem über uns selbst, kratzen wir an der Kruste der Irrelevanz und Aufgeblasenheit, die Religion erzeugen kann, und machen uns auf die Suche nach dem, was eigentlich den Kern des Ganzen ausmacht. Wir schürfen nach dem, worauf es wirklich ankommt.
Wie herrlich, zu wissen, dass Gott uns alle in unserer Kaputtheit gebraucht – nicht ausnahmsweise, sondern als Regel. Daher erzählt die Bibel nicht die Geschichten einer Reihe strahlender, auf Hochglanz polierter Helden, sondern die von fehlerhaften, verwirrten Genies und Idioten, die mal etwas richtig machten, um dann in der nächsten Sekunde schon wieder etwas falsch zu machen. Wie Du sagst, Elia ist eines der besten Beispiele dafür.
Gut, Adrian, das mag für heute reichen. Irgendwann würde ich gerne noch ein bisschen mehr über den gigantischen Absturz Elias nachdenken – und ich liebe diese Formulierung, die du gebraucht hast: »Gnade ist kreativ, beziehungsorientiert, konstruktiv, überraschend und befreiend, und jeder von uns hat die Aufgabe, sie an die Menschen weiterzugeben, denen wir begegnen.« Der Satz hat mich gestern Abend wach gehalten …
Alles Liebe, Jeff
FÜNF
Lieber Adrian,
okay, ich weiß, ich bin eigentlich nicht an der Reihe. Aber Deine herrliche Beschreibung der »kreativen Gnade« hat die Erinnerung an einen der bewegendsten Momente meines Lebens geweckt, als jemand viel Mühe auf sich nahm, um mir auf kreative Weise liebevolle Freundlichkeit – die die Wurzel der Gnade ist – zu erweisen.
Dieser Jemand war mein Vater. Er war betroffen und aufgebracht, als ich als Teenager Christ wurde. Im Rückblick kann ich es ihm nicht verdenken. Er dachte vermutlich, ich hätte meine Seele irgendeiner merkwürdigen Sekte überschrieben, und sah meine Bekehrung als einen Verrat an meiner Kinderstube. Traurigerweise muss ich zugeben, dass er für mich alsbald zu einem evangelistischen Projekt wurde. Ich war so erpicht darauf, ihn mit der himmlischen Nachricht bekannt zu machen, dass ich ihm das Leben zur Hölle machte. Er ließ meine drängenden Monologe geduldig über sich ergehen, lächelte freundlich und sagte mir, er mache sich Sorgen, dass ich mein Leben an einen Mythos verschleudern könnte. Er hatte es selbst im Leben nicht leicht gehabt, und ihm lag viel daran, dass ich meines nicht vergeudete. Mit neunzehn Jahren in der afrikanischen Wüste in Gefangenschaft geraten, saß er in italienischen und deutschen Kriegsgefangenenlagern und sah seine Jugend vor sich hinfaulen, bis er, zu einer Verzweiflungstat gedrängt, die Flucht ergriff, um seiner Hinrichtung zu entgehen, sich seinen Weg quer durch Deutschland bahnte und es kurz vor dem Ende des Krieges schließlich nach Hause schaffte. Ich habe viel über jene vier Jahre nachgedacht, in denen er ständig dem Hungertod nahe war; gesprochen hat er nie viel über diese schrecklichen Tage. Gelegentlich ließ er sich dazu drängen, von der einen oder anderen Begebenheit zu erzählen, aber wie er sich dabei fühlte , darüber redete er mit mir nie. Manchmal frage ich mich, warum, Adrian. Sperrte er manche Emotionen weg, um all dem Grauen und der Ungewissheit nicht wieder begegnen zu müssen? Oder sind spätere Generationen nur gesprächiger geworden und vielleicht ein bisschen zu erpicht auf Verarbeitung?
Was er mir immerhin sagte, war, dass er nach all dem Schrecklichen, das er im Krieg gesehen hatte, nie wieder an Gott glauben könne. Zwanzig Jahre nach dem Beginn meiner ungestümen evangelistischen Bemühungen (und nicht als ihre Folge, sondern wohl eher ihnen zum Trotz) wurde mein Vater endlich Christ – das ist eine andere Geschichte. Hier soll es genügen, wenn ich sage, dass es ein wunderbar glücklicher Tag war.Von nun an wurde dieser recht viktorianisch geprägte Mann viel milder und konnte seine Liebe zu mir sehr offen ausdrücken. Dann traf ihn ein schwerer Schlaganfall. Er hatte schon immer gern geredet und hatte eine Meinung zu allem. Nun jedoch konnte er nur noch endloses Kauderwelsch von sich geben. Ich erinnere mich an lange Telefonate mit ihm, bei denen er unentwegt brabbelte und ich dazu nickte und grunzte und zustimmte, bis wir beide anfingen zu weinen – Tränen waren die einzige gemeinsame Sprache, die uns geblieben war –, weil wir wussten, dass wir uns nicht miteinander verständigen konnten und wahrscheinlich nie wieder dazu in der Lage sein würden. Die Ärzte hielten es für unwahrscheinlich, dass er seine Sprache je wiedergewinnen würde. Ihre Vermutung bestätigte sich. Der junge Mann, der vier Jahre hinter Stacheldraht gelebt hatte, saß nun wieder in einem anderen Gefängnis. In jener kalten Zelle sollte er sterben, eingeschlossen und stumm bis zum Ende.
Aber nicht ganz. Noch einmal heckte er einen großen Fluchtplan aus.
Eines Nachts übernachtete ich bei meinen Eltern. Es war schon spät, und ich war schon dabei, im Schlummer zu versinken – da klopfte es an meiner Zimmertür. Es war mein Vater. Als ich ihn hereinbat, wunderte ich mich, was er wohl wollte – schließlich kam ein Schwätzchen vor dem Schlafengehen nicht infrage.
Bildlich gesprochen, hatte mein Vater eine Lücke in dem Elektrozaun gefunden, eine Möglichkeit, mir auf kreative Weise Liebe und Gnade mitzuteilen. Er kam herein und kniete sich neben meinem Bett auf den Boden. Ein breites Lächeln strahlte aus seinem Gesicht. Und dann, Adrian, kuschelte er mich in meine Bettdecke ein.
Da lag ich, ein Mann von vierzig Jahren mit eigenen Kindern und einer Hypothek, und er nahm die Decken und die Laken und kuschelte mich ein. Dann beugte er sich über mich, strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn und gab mir einen Kuss auf die Wange. Und mit einem weiteren strahlenden Lächeln verschwand er zur Tür hinaus. Es war unbeschreiblich.
Ich konnte ihm die Wohltat erwidern. Einige Monate später trat ich in sein Zimmer, ohne anzuklopfen, denn er war nur halb bei Bewusstsein. Man hatte in seinem Krankenhauszimmer das Licht gedämpft, damit er nicht im grellen Schein der Leuchtstoffröhren würde sterben müssen. In dem Wissen, dass er nur noch Stunden zu leben hatte, beschloss ich, noch ein letztes Mal etwas für ihn zu tun. Ich kuschelte ihn ein. Ich nahm die Decken und das Laken, gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange und flüsterte ihm ins Ohr: »Geh jetzt, Papa. Mach dich aus dem Staub. Schluss mit dem Leiden. Du brauchst nicht zu kämpfen. Jesus hält dich sicher.«
Und binnen weniger Minuten war er fort.
Ich erzähle Dir das, Adrian, weil ich glaube, dass wir alle Wege finden können, um Gnade kreativ weiterzugeben. Freundlichkeit zu verbreiten ist nicht nur etwas für die Starken oder die Klugen. Und wenn wir Möglichkeiten dazu finden, werden andere durch unsere Bemühungen verändert. Ich kann die Wärme dieses einen Kusses noch bis heute spüren.
Alles Liebe, Jeff
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.