Kitabı oku: «Das Tour-Tagebuch des frommen Chaoten»

Yazı tipi:

ADRIAN PIASS

Das Tour-Tagebuch

des frommen Chaoten

ADRIAN PIASS

Das Tour-Tagebuch des frommen Chaoten

Aus den Englischen von Christian Rendel


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

4. Auflage 2007

ISBN 9783865064318

© 2003 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Original: The Sacred Tour of Adrian Plass

© 2003 by Adrian Plass

Einbandgestaltung: Georg Design, Münster

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

Printed in Germany

www.brendow-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Copyright

Wie alles begann

Freitag, 10. September

Samstag, 11. September

Sonntag, 12. September

Mittwoch, 15. September

Donnerstag, 16. September

Freitag, 17. September

Samstag 18. September

Sonntag, 19. September

Montag, 20. September

Dienstag, 21. September

Mittwoch, 22. September

Donnerstag, 23. September

Nach der Tournee

Wie alles begann

Anne scheint der Meinung zu sein, es wäre eine gute Idee, einige der Tagebucheinträge, die ich im Zuge unserer soeben abgeschlossenen siebentägigen Vortragstournee verfasst habe, der staunenden Öffentlichkeit zu präsentieren. Auf halber Strecke hatten wir einen Tag frei, sodass es eigentlich nur sechs Abendveranstaltungen und das eine oder andere Nebenprogramm während des Tages waren, aber wir hatten in vieler Hinsicht eine Menge Spaß.

Andererseits war ich mir nicht sicher, ob das Ganze interessant genug wäre, um andere daran teilhaben zu lassen, und vielleicht hätte ich auch mit ihr darüber debattiert, aber das hat ja nun eigentlich nicht viel Sinn. Ihre Bilanz zeigt, dass sie bis zum heutigen Tag mir gegenüber mit beängstigender Unerbittlichkeit ausnahmslos im Recht ist. Gemeinsam scheinen sie und Gott sich ihren Adrian Plass genau dahin manövriert zu haben, wo sie ihn haben wollen. Nicht, dass ich mich beschweren wollte, wie ich eilends hinzufüge. Ich bin lieber mit Anne verheiratet als mit irgendjemandem sonst auf der Welt und im Großen und Ganzen waren wir immer sehr glücklich miteinander.

Wohlgemerkt, nicht jeder würde das bestätigen. Vor ein paar Monaten übernachtete ein gläubiges Ehepaar aus Amerika bei uns. Sie hießen Todd und Wilma Valance, waren beide ausgesprochen kräftig und gesund, lächelten mit vor lauter Weisheit und Einsicht gekräuselten Augenwinkeln und hatten tiefe, aufrichtige Stimmen und riesige, blendend weiße Zähne. Nachdem wir uns von ihnen verabschiedet hatten, fanden wir auf dem Tisch in unserer Diele ein Buch mit dem Titel: »Wo ist Gott, wenn die Ehe auseinanderbricht?«. Der Umschlag zeigte ein Bild des platonischen Ideals von Mann und Frau, wie sie einander hingebungsvoll in die Augen schauen. Wenn ich’s recht bedenke, hatten die beiden Porträts starke Ähnlichkeit mit den Valances. Auf das erste Blatt hatte einer unserer Gäste geschrieben: »Von Todd und Wilma, mit Agape-Liebe und der Glaubenszuversicht, dass sich in den kommenden glücklichen Tagen die Sonne von Neuem über die lange Nacht eurer Beziehung erheben möge.«

Anne lächelte und sagte: »Oje, so weit ist es schon mit uns gekommen. Ich schätze, wir müssen uns eine UV-Lampe und zwei falsche Riesengebisse zulegen. Du nennst dich Buzz und ich könnte Lois heißen. Was meinst du?«

Wir lachten ausgiebig über Todd und Wilma und ihre beeindruckende Gabe der Entmutigung, aber dann fragte ich doch noch Anne, was die beiden ihrer Meinung nach auf den Gedanken gebracht haben könnte, dass unsere Ehe auf Grund gelaufen sei.

»Na ja«, sagte sie, »sie haben einfach nicht erkannt, dass unsere Ehe inzwischen eine Ebene erreicht hat, die sie sich nicht einmal erträumen können. Ich meine, denk bloß mal daran, dass wir heutzutage mitten im Streit eine Pause zum Kaffeetrinken und Klönen einlegen, bevor wir uns weiter gegenseitig anschreien. Das nenne ich Fortschritt in einer Beziehung.«

Wie auch immer, Todd und Wilma mögen denken, was sie wollen: Gott hat uns beiden eine glückliche Ehe geschenkt und er hat mir eine Frau gegeben, die voller sehr guter Ratschläge steckt, auch wenn ich die nicht immer hören will.

Und wenn ich darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass diese Tournee schon manches Bemerkenswerte an sich hatte, über das es sich zu schreiben lohnen könnte. Das Bemerkenswerteste war vielleicht, dass unser Sohn Gerald uns begleiten und sogar selbst an den Abenden etwas sagen konnte. Gerald ist zurzeit Vikar in einer lebhaften Gemeinde in London. Eigentlich hatte er uns während seines Urlaubs für eine Woche besuchen wollen, bevor wir abreisten, um dann während der Tour noch eine Woche lang allein unser Haus zu hüten.

Doch durch eine weitere Besonderheit konnten wir es uns leisten, die Kosten dafür zu übernehmen, dass Gerald mit uns kam. Ein neues Mitglied unserer Gemeinde, ein Mann namens Barry Ingstone, den wir bisher nur vom Sehen kannten, wollte unbedingt mit seiner christlichen Druckerei unsere Tournee sponsern, damit, wie er es in einem Brief an mich ausdrückte, »in diesen unseren Zeiten das Evangelium gepredigt und Seelen für Gott errettet werden mögen«. Die ersten Worte sollen wohl so viel wie »jetzt« heißen. Seine Vorstellung war, dass er die Kosten für die Tournee übernehmen würde und wir ihm alles erstatten würden, was wir durch Kartenverkäufe oder Sammlungen einnahmen. Für eine etwaige Differenz würde er dann aufkommen.

So wichtig diese Zielsetzung auch war, muss ich ehrlicherweise zugeben, dass meine ersten Gedanken, als ich diese Worte las, nichts mit Gerald zu tun hatten. Sie betrafen die rein eigennützige, zutiefst wunderbare Aussicht, dass wir nicht privat bei den Leuten würden übernachten müssen! Wenn die Finanzierung ausreichte, würden wir alle sieben Nächte in Gasthäusern und kleinen Hotels verbringen können, bis auf die eine in der Mitte, wo wir nahe genug der Heimat sein würden, um am frühen Morgen nach Hause zu kommen und uns einen Tag und eine Nacht freizunehmen.

Was für eine Erleichterung!

Ich sollte vielleicht erklären, dass ich – nun, sagen wir – unterschiedliche Erfahrungen mit privaten Übernachtungen bei den Leuten gemacht habe, in deren Gemeinden ich sprach. Manchmal war es prima. Oft aber nicht. Anne kann das viel besser als ich. Sie sagt, ich mache immer ein Riesenbrimborium um Dinge, die doch eigentlich ganz einfach seien. Kann ja sein, aber das liegt daran, dass diese Dinge mir nun einmal so viel Kopfzerbrechen machen.

Das fängt schon damit an, sich in einem fremden Badezimmer fertig machen zu müssen. Entsetzlich! Ich finde das unerträglich.

Zum Beispiel erinnere ich mich, wie ich einmal im Norden bei einer Familie namens Davenport übernachtete. Es waren nette Leute. Doch, sicher, es waren furchtbar nette Leute, aber – nun ja, sie waren nun einmal ganz und gar nicht meine Familie, wenn Sie wissen, was ich meine.

Am Abend zuvor hatte ich erfahren, dass außer mir nur noch drei Leute im Haus übernachteten. Da war zuerst Geoff Davenport, der Vater, herzlich, gutmütig und sehr darauf bedacht, dass ich mich bei ihm wie zu Hause fühlte und tat, was immer mir beliebte. Dann war da die Mutter, Vera Davenport, eine clevere, sehr effiziente Frau, die darauf bestand, dass ich mich entspannte, vorausgesetzt, wie ich argwöhnte, dass ich in ihrem unglaublich sauberen und aufgeräumten Haus nichts kaputt machte oder durcheinanderbrachte. Und schließlich war da die Tochter, Sally Davenport, ein ausgelassenes, hübsches Mädchen von etwa vierzehn Jahren, das viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um die Existenz anderer Leute, geschweige denn meine, mehr als ganz am Rande wahrzunehmen. Sie schien mehr oder weniger höflich allem zuzustimmen, was ich sagte, ohne je von sich aus etwas zum Gespräch beizusteuern. Nur drei Leute. In Worten: drei. Mehr waren nicht da. Ich schwöre es.

Als ich am Morgen nach meinem Vortrag in dem nahezu perfekten Gästezimmer der Davenports erwachte, blieb ich noch einen Augenblick liegen und lauschte. Ein Blick auf den reich verzierten Gästewecker neben mir verriet mir, dass es erst sieben Uhr war. Eine tiefe, tickende Stille lag über dem Haus.

Großartig!

Rasch stieg ich aus dem Bett, machte dabei so wenig Geräusche wie möglich und beglückwünschte mich dazu, dass ich vor allen anderen Hausbewohnern wach geworden war. Wenn ich mich beeilte, konnte ich ins Bad gehen, meine Dusche nehmen und sicher wieder zurück im Gästezimmer sein, bevor einer der anderen auch nur aufgestanden war. Schnell ging ich noch einmal den Lageplan der Zimmer im Obergeschoss durch, den ich mir am Vorabend im Geiste gezeichnet hatte. Links von mir befanden sich zwei Zimmer, eines davon ein weiteres Gästezimmer, das andere Geoffs und Veras Schlafzimmer, und zu meiner Rechten kamen das Bad und Sallys Zimmer.

Es war unabdingbar, auf dieser Etappe der vor mir liegenden Reise keinen Fehler zu machen, ermahnte ich mich streng. Um sieben Uhr morgens, nur mit einem Handtuch um die Lenden, auf Zehenspitzen in das Zimmer der heranwachsenden Tochter meines Gastgebers zu schleichen, war vielleicht doch nicht genau das, was Geoff sich vorgestellt hatte, als er mich so leutselig aufforderte, zu tun, was immer mir beliebte.

Ich hatte bereits die Klinke meiner Zimmertür heruntergedrückt und schob sie unter äußerster Konzentration Millimeter für Millimeter auf, als mit einem lauten Krachen die Tür des Schlafzimmers von Geoff und Vera aufflog.

Mit zusammengebissenen Zähnen verschloss ich meine Tür wieder, so lautlos ich es vermochte, und hüpfte voller Schrecken zurück in den sicheren Hort meines Bettes. Auf einem fremden Treppenabsatz unangezogen Leuten zu begegnen, die ich kaum kenne, ist für meine Begriffe so ziemlich der absolute Abgrund.

Elend hockte ich auf dem Bett und legte mir eine klar durchdachte, vernünftige Vorgehensweise zurecht. Okay, sagte ich mir, offensichtlich ist eine Person auf dem Weg ins Badezimmer. Wenn die fertig ist, kommen noch zwei andere. Angesichts dessen werde ich also einfach ganz still hier auf meinem Bett sitzen bleiben und warten, bis alle anderen Bewohner des Hauses fertig sind mit Duschen und Zähneputzen und was sie sonst noch alles morgens tun, und dann, wenn kein Zweifel mehr besteht, dass sie nach unten gegangen sind und die Luft rein ist – bin ich an der Reihe. Scheint doch ganz einfach zu sein.

Aber dann fing sie an: die endlose, unerklärliche, ununterbrochene Wanderung menschlicher Wesen von einem Ende des Korridors zum anderen und wieder zurück. Mir schien, als wäre aufgrund einer gewaltigen Naturkatastrophe in Geoffs und Veras Schlafzimmer ein riesiger Flüchtlingsstrom unterwegs über den Korridor in die Sicherheit des Badezimmers. Als der Strom versiegte und sich schon Hoffnung in mir regte, meine Stunde könnte nun gekommen sein, kamen sie plötzlich aus Sallys Zimmer, einer nach dem anderen, ganze Horden von Menschen, die ins Badezimmer stapften, Wasser laufen ließen, mit allem möglichen Zeug klapperten, husteten, gurgelten, wieder herausstapften, Türen aufrissen und zuknallten und es mir unmöglich machten, mein Zimmer zu verlassen. Soweit ich es ermessen konnte, musste der Korridor vor meiner Tür erfüllt sein von einer wogenden, drängenden Masse ungewaschener und gewaschener Menschen, die unerklärlicherweise ein Haus durchströmten, das noch am Abend zuvor nur drei Personen beherbergt zu haben schien.

Als ich mich schon allmählich damit abfand, den Rest meines Lebens in diesem Gästezimmer zuzubringen, trat plötzlich Stille ein, gefolgt von einem vorsichtigen Klopfen an meiner Tür.

»Bad ist frei!«, flötete Vera Davenport mit der Unbekümmertheit einer vollkommenen Gastgeberin.

»Oh, ja, gut, danke!«, gurgelte ich zurück.

Argwöhnisch öffnete ich meine Tür mit äußerster Behutsamkeit und spähte in beide Richtungen den Korridor entlang. Niemand in Sicht. Die Flüchtlinge und all die anderen Horden waren verschwunden. Mit bis zum Zerreißen angespannten Nerven trat ich meine Reise zum Ende des Korridors an und hatte es schon fast erreicht, als sich die Zimmertür direkt neben mir zu öffnen begann. Ich stürzte mit einem kleinen Aufschrei ins Badezimmer, knallte die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel herum.

Nachdem ich mich so weit erholt hatte, dass ich mich umschauen konnte, machte ich die beunruhigende Entdeckung, dass das Badezimmer der Davenports so perfekt war, wie ich es befürchtet hatte. Wie konnte es auch anders sein? In diesem Badezimmer funkelten tausend kleine Lichtpunkte. Es schimmerte. Es glänzte mich selbstgefällig an. Stumm forderte es mich heraus, ich möge es nur wagen, dort irgendetwas zu tun, was dazu führen würde, dass es weniger sauber und hygienisch war als vor meiner Ankunft. Es gab nur eine Richtung, die dieses Paradebad von seinem gegenwärtigen Zustand aus nehmen konnte: abwärts. Offensichtlich war Vera Davenport hier gewesen, nachdem die anderen fünfzehntausend Mitglieder ihrer Familie fertig waren, und hatte alle besudelnden Spuren menschlicher Aktivität durch Wischen und Scheuern und Sprühen beseitigt. Ich versuchte, mir innerlich eine Fotografie des Zimmers zu machen, bevor ich die Dusche betrat, um sicherzugehen, dass ich es genau so zurückließ, wie ich es vorgefunden hatte. Als ich fertig war, schrubbte ich wie ein Derwisch auf jeder Fläche herum, die ich, soweit ich mich erinnern konnte, berührt hatte, und wusste dabei doch, dass ich mir Mühe geben konnte, so viel ich wollte, eine Tatsache würde unverrückbar bestehen bleiben: Dieses Badezimmer würde, nachdem ich es verlassen hatte, weniger perfekt sein als vor meinem Eintritt.

Als ich nach dieser Reise wieder nach Hause kam und Anne erzählte, was passiert war, lachte sie nur und sagte, ich müsse lernen, zwischen meinen Problemen und denen anderer Leute zu unterscheiden. Wenn Vera Davenport ein Badezimmer haben wollte, das so aussah, als wäre es noch nie benutzt worden, dann war das ihr Problem, nicht meines. Wenn ich es nicht mochte, am frühen Morgen in den Häusern anderer Leute herumzuschleichen, dann war das mein Problem, nicht ihres.

Ich musste ihr zustimmen und kam mir plötzlich sehr albern vor bei dem Gedanken, wie fieberhaft ich dieses Badezimmer poliert und versucht hatte, es auf einen unmöglichen Standard zu bringen, von dem sowieso niemand wirklich etwas hatte. Wenn ich das nächste Mal privat bei Leuten übernachte, bin ich entschlossen, die ganze Sache viel reifer und selbstbewusster anzugehen.

Aber Mann, war ich froh, dass wir in Hotels übernachten konnten!

Freilich hatte ich Barry Ingstones Angebot schon mehr oder weniger angenommen, bevor ich von einem Faktor erfuhr, der die Sache erheblich komplizierter machte. Er hatte nämlich vor, uns zu begleiten!

Als wir uns eines Samstagnachmittags trafen, um über die Tournee zu sprechen, setzte Barry gleich zu Beginn Anne und mich mit der Großzügigkeit seines Angebots in Erstaunen. Er sah aus wie Mr. Bean unter Beruhigungsmitteln, als er uns unter überraschend häufiger Anführung biblischer Verse erläuterte, er sei bereit, die Reisekosten in Form eines Mietwagens mit allen Spesen sowie die Unterbringung von sechs Personen – sechs! – zu finanzieren, je nachdem wie groß mein

»Team« sei.

Natürlich hatte ich kein eigentliches »Team«, aber ich fing einen Blick von Anne auf und entschied kurzerhand, dass Gerald und Leonard Thynn für die vor uns liegende Aufgabe unverzichtbar waren. Gerald haben wir immer gern bei uns und Leonard ist immer so einsam, wenn wir beide unterwegs sind. Ich kam mir ziemlich gierig vor. Behutsam deutete ich Barry gegenüber an, wir würden gern noch einen Projektor und eine Leinwand mitnehmen, falls das Budget es zuließ, um Dias zeigen zu können. An bestimmten Stellen der Vorträge, die ich geplant hatte, würde es hilfreich sein, gewisse Bilder auf einer großen Leinwand zu zeigen, doch ganz abgesehen davon, dass wir so unseren Abenden eine weitere Dimension geben konnten, hatte ich noch einen ganz bestimmten Grund, diesen Vorschlag zu machen.

Der alte Zak Chambers, ein Mitglied unserer Gemeinde, der erst im letzten Jahr mit Mitte achtzig gestorben war, war früher von Beruf Kunstmaler gewesen. Er hatte naturgetreue Aquarelle von Dorfkirchen und alten Mühlen und dergleichen produziert und, soviel ich weiß, alles verkauft, was er je gemalt hatte. Seit einem schweren Schlaganfall, den er vor einigen Jahren erlitten hatte, war Zak an den Rollstuhl gefesselt und konnte seine rechte Hand nicht mehr gebrauchen. Wir alle dachten damals wohl automatisch, dass es nun mit seinem Malen vorbei wäre.

War es aber nicht.

Wie Zaks liebende, aber äußerst unverblümte Gattin Bernadette immer gern gesagt hatte, war er ein alter Sturkopf. Mit viel Mühe brachte er sich bei, mit der linken Hand zu malen, und die Ergebnisse waren – nun, sie waren außergewöhnlich. Es war, als hätte der alte Mann jetzt, ganz am Ende seiner Malerkarriere, eine ganz neue Freiheit gefunden. Er malte vor allem die Hügel, die man in der Ferne aufsteigen sah, wenn man sich ans hintere Ende seines Gartens setzte, aber das Interessante war, dass sein neuer, linkshändiger Stil Lichtjahre von dem alten entfernt war. Es waren keine abstrakten Bilder im eigentlichen Sinn, aber sie schienen geradezu lebendig zu sein vor Licht und Bewegung und aufregenden Möglichkeiten, wie unser Gemeindeältester Edwin es ausdrückte. Die Liebe dieses alten Mannes zur Natur leuchtete aus ihnen. Wenn er diese Bilder malte, spielte er richtig mit der Farbe. Anne meinte, er bereite sich auf den Himmel vor.

Ich hatte schon öfter daran gedacht, wie toll es wäre, ein paar Dias von Zaks späten Bildern zu machen und sie als Hintergrund zu Gedichten und Bibellesungen und dergleichen zu verwenden. Wenn Barry es mit dem Geld ernst meinte, war dies die Gelegenheit, das umzusetzen. Abgesehen davon konnten wir auch, falls Bernadette einverstanden war, ein paar Originale mitnehmen und sie bei den Veranstaltungen zum Verkauf ausstellen. Zaks Witwe war einigermaßen gut gestellt, sodass sie das Geld nicht nötig hatte, aber ich wusste, wie gut es ihr tun würde, zu wissen, dass die Bilder ihres geliebten Mannes geschätzt wurden und dass manche von ihnen sozusagen ein gutes neues Zuhause finden würden.

All dies erklärte ich Barry und wies ihn darauf hin, dass Leonard, wenn er uns begleitete, die Aufgabe übernehmen könne, die Leinwand aufzubauen und bei den Veranstaltungen die Bilder zu zeigen.

Barry schleuderte noch ein paar Bibelverse um sich wie Granatsplitter und meinte, das wäre kein Problem. Ich schüttelte ihm die Hand und juchzte innerlich vor Begeisterung, endlich einmal ein paar Veranstaltungen »richtig« machen zu können.

In diesem Moment ließ Barry die Bombe hochgehen. Er würde mit uns kommen!

Er wolle Anteil an der Freudigkeit der Verkündigung haben, sagte er, und mit eigenen Augen sehen, wie das Brot, das er aufs Wasser warf, während unserer siebentägigen Tournee und danach zu ihm zurückkehren würde.

Natürlich waren wir einverstanden. Was blieb uns auch anderes übrig? Was hätten Sie getan? Um es weniger biblisch, aber ebenso treffend auszudrücken: Barry war der Pfeifer, und es war sein gutes Recht, zu bestimmen, welche Melodie er spielen wollte. Also sagten wir Ja.

Tief im Innern, glaube ich, war meine Hauptsorge nicht so sehr Barrys Sucht nach Schriftzitaten, so lästig uns diese Gewohnheit auch voraussichtlich werden würde, sondern die Angst davor, was passieren würde, wenn Gerald ihm begegnete. Man kann nie wissen, was mein Sohn anstellen oder sagen wird, wenn er es mit Leuten wie Barry zu tun hat. Wir konnten nur beten, dass alles gut klappen würde.

Noch am selben Tag schaute ich bei Bernadette vorbei, um sie zu fragen, was sie von meinem Plan hielte. »Gebauchpinselt« dürfte eine treffende Beschreibung ihrer Reaktion sein. Ich glaube, wenn sie zehn Jahre jünger wäre, hätte sie darauf bestanden, mit uns zu kommen. Wir verbrachten ein paar sehr angenehme Stunden damit, die Bilder zu sichten und uns zu überlegen, wie viel wir von den Leuten, die sie »adoptieren« würden, dafür verlangen sollten. Bernadette sagte, ihr Enkel, ein halbprofessioneller Fotograf, würde die Dias für uns herstellen, sodass auch das geklärt war.

Leonard war natürlich außer sich vor Freude, uns wieder einmal auf einer Tournee zu begleiten, als er von alledem hörte, und gab mächtig damit an, mit welcher traumwandlerischen Leichtigkeit er den Diaprojektor und die Leinwand handhaben würde, die wir mieten wollten. Wie Sie später sehen werden, war diese Zuversicht vielleicht ein wenig verfrüht.

Übrigens hatte eine weitere höchst bemerkenswerte Sache, die passierte, mit Leonard zu tun und sie führte dazu, dass noch eine weitere Person zu meinem »Team« dazustieß. Ihr Name war – aber nein, jetzt ist gerade der richtige Moment, um damit anzufangen, Ihnen Einblick in meine Tagebucheinträge zu geben. Unsere Tournee sollte am 17. September beginnen und der erste Eintrag entstand genau eine Woche vorher am Freitag. Zwischen dem ersten und dem zweiten Eintrag traf Gerald ein, und wie immer war es so, als wäre er nie weg gewesen.

Freitag, 10. September

Heute Morgen rief Leonard Thynn im Büro an, hat mich schier umgehauen. Er sagt, er hat eine Freundin! Nicht zu fassen! Fragte ihn, wie sie heiße.

»Sie heißt Angels Twitten«, sagte Leonard, der sich schon lange nicht mehr so aufgeregt angehört hat. »Also, wenn wir heiraten, dann heiße ich Leonard Twitten, oder?«

»Nein, Leonard, normalerweise nimmt die Frau den Namen des Mannes an. Also, wenn ihr heiraten würdet, hieße sie …«

»Leonard Twitten?«

»Nein, die Frau behält ihren Vornamen, übernimmt aber den Nachnamen des Mannes. Verstehst du?«

»Ach, jetzt kapiere ich. Das wusste ich nicht. Ja, ich verstehe.« Kurze Pause, während die Zahnräder in seinem Hirn leise surrten.

»Adrian, ich hab’s jetzt verstanden, aber – wie soll ich denn ohne Nachnamen auskommen?«

Umklammerte den Hörer fester.

»Nein, Leonard, du hast überhaupt nichts verstanden. Du behältst doch deinen Nachnamen.«

»Aber du sagtest doch gerade, die Frau übernimmt ihn.«

»Ja, ich weiß, aber ich meinte doch nicht – hör mal, ist es nicht sowieso noch ein bisschen früh, um ans Heiraten zu denken, Leonard? Du kennst die Dame doch bestimmt noch gar nicht so lange. Seid ihr schon mal – du weißt schon – ausgegangen und so?«

»Klar, wir haben gestern Abend ‘ne Riesensause gemacht.«

»Was habt ihr denn unternommen – was Besonderes?«

»Ja, wir hatten wirklich einen sehr netten Abend, vielen Dank. Wir sind mit dem Bus zu Tesco’s gefahren und haben uns die Videos angeschaut.«

»Wirklich? Ich weiß, es gibt ein Café bei Tesco’s. Aber dass man da auch Videos schauen kann, wusste ich nicht.«

»Na klar, gestern haben sie zwei richtig gute gezeigt. Eins hat mir besonders gefallen; das lief am Ende von dem Gang mit den Haushaltswaren und handelte von einem neuen Wischmopp, der doppelt so viel Schmutzwasser aufnimmt, wegen so einem revolutionären neuen Schwammgewebe, das größer als normal ist, wenn es trocken ist, aber viel, viel kleiner, wenn es nass ist.«

»Leonard …«

»Das haben wir uns dreimal angeschaut. Meine Lieblingsstelle war die, wo diese Frau das Ende des Mopps hochhebt und anschaut, als könnte sie gar nicht glauben, wie viel Wasser der aufgesaugt hat. Angels mag am liebsten die Stelle, wo die kleine Tochter reinkommt und sagt: ›Meine Güte, Mami, wie hast du denn unseren Fußboden so glänzend sauber gekriegt?‹, und die Frau schaut sie an und sagt: ›Mit dem neuen Miracle Mop, Schätzchen, da brauche ich nur noch die halbe Zeit zum Bodenwischen.‹ Und das andere …«

»Leonard …«

»Das andere hatten wir beide schon mal gesehen, in der Mitte des ›Küche und Haushalts-Gangs. Da ging es um so ein spezielles Plastikteil, mit dem man Obst und Gemüse in alle möglichen verschiedenen Formen schneiden kann, indem man bloß immer ein anderes Plastikteil auf das Plastikteil steckt, das man in der Hand hat, zum Beispiel sternförmige Tomaten und so. Ach ja, und da kommt am Ende eine richtig gute Stelle – na ja, es kommt nicht mehr so gut, wenn man das Ende schon kennt, so wie wir, aber es ist wirklich verblüffend, wenn man es zum ersten Mal sieht, und es macht Spaß, sich die Gesichter der anderen Leute anzuschauen, die es noch nicht gesehen haben – wo es so aussieht, als wäre der Mann fertig, und dann sagt er plötzlich: ›Natürlich kann der Magic Multi-Cutter nicht Ihre Pommes frites schneiden, oder? Das wäre wirklich zu viel verlangt. Sind Sie da so sicher? Schauen Sie her!‹«

»Leonard …«

»Und dann, wenn man gerade denkt, nein, das ist nicht möglich – wenn man es noch nicht gesehen hat, meine ich –, steckt er ein neues Plastikteil auf das andere Plastikteil, schnappt sich eine große Kartoffel, und ehe du dich umsiehst, hat er einen Haufen Pommes auf dem Tisch und du weißt, dass der Magic Multi-Cutter sehr wohl Pommes frites schneiden kann! Ich könnte jedes Mal stehend applaudieren!«

»Aber ihr applaudiert nicht wirklich, oder, Leonard? Bitte sag mir, dass Angels und du nicht am Ende des Videos geklatscht habt.«

»Ach, komm schon, Adrian!«, sagte Leonard. »Ts-ts-ts!«, machte er, als hätte ich einen unaussprechlich abwegigen Gedanken geäußert. »Tesco’s ist ein Supermarkt und kein Theater. Man klatscht doch nicht im Supermarkt, oder? Es sei denn, man ist völlig übergeschnappt.«

»Nein«, sagte ich, »tut mir leid, Leonard – blöd von mir, ich weiß nicht, was mir in den Sinn gekommen ist. Also, Angels verbringt gern einen Abend im Supermarkt. Steht sie nicht auf Kino oder Essen gehen oder so was?«

»Na ja, unser Geld hat nur für den Bus gereicht und außerdem mögen wir Tesco’s, weil wir uns da zum ersten Mal begegnet sind. Gestern Abend war unser zehntes Jubiläum.«

»Was! Zehn Jahre? Warum hast du uns denn nie von ihr erzählt?«

»Zehn Tage«, korrigierte mich Leonard, »fünfzehn Stunden und vierundzwanzig Minuten. Bei den Sekunden bin ich mir nicht ganz sicher. Ja, wir trafen uns um sechs Uhr an einem Dienstagabend bei Tesco’s im Wein- und Spirituosengang. Ich bitte Gott schon seit einer Ewigkeit, eine Freundin für mich zu finden, aber ich hatte ein bisschen Angst, und deshalb habe ich immer gesagt, er solle doch jemanden aussuchen, mit dem ich irgendetwas Großes gemeinsam habe. Tja, und das hat er auch. Es ist einfach super! Wir sind beide Alkoholiker.«

»Ihr seid beide …«

»Und an dem Tag, als wir uns trafen, dachten wir beide genau dasselbe. Wir standen nebeneinander und schauten uns die vielen verschiedenen Whiskysorten an und dachten: ›Das ist es, was ich am meisten will!‹ Und dann war es wie in einem von diesen Videos, ich meine jetzt nicht die über Mopps und Gemüseschneider. Ich meine die, die man sich im Kino immer nicht anschaut, weil das zu teuer ist. Wir drehten uns um und schauten einander an und – wie soll ich das sagen, Adrian – in ein und demselben Augenblick sahen wir beide etwas, was wir vielleicht noch mehr wollten. Es war wie Zauberei. Also, ich meine nicht Zauberei. Ich meine – du weißt schon – Zauberei. Darf ich morgen mit ihr vorbeikommen und sie dir und Anne vorstellen? Ich habe ihr gesagt, dass ihr meine besten Freunde seid.«

Brachte kaum einen Ton heraus.

»Ja, natürlich könnt ihr kommen, Leonard. Wir freuen uns darauf, Angels kennenzulernen. Kommt um sieben, dann können wir zusammen essen.«

»Okay. Ach, übrigens, ich habe ihr noch nicht gesagt, dass ich Christ bin. Will nicht gleich alles vermasseln. Also kein Wörtchen darüber, ja? Bis dann!«

Ojemine …

Samstag, 11. September

Große Freude heute Morgen: Gerald kam nach Hause. Er hat es sich immer noch nicht abgewöhnt, mich zu behandeln, als wäre ich ein ziemlich rückständiger Neunzigjähriger, aber wir lieben ihn sehr. Was für ein Wiedersehen! Mir fällt es immer noch schwer, zu glauben, dass diese eigenständige, erwachsene, kompetente Persönlichkeit mein Sohn ist. Er sagt, er freut sich sehr auf die Tournee und mir würde es sehr gut tun, Anne und ihn bei mir zu haben, damit ich den Bodenkontakt nicht verliere. Anne nickte zustimmend. Hmm …

Er hat auch angeboten, selbst ein paar Worte zu sagen, wenn ich wollte, und meinte, er hätte ein paar Sachen in petto, die er jederzeit darbieten könnte. Großartig! Wir haben Gerald eigentlich noch nie in der Öffentlichkeit reden hören, jedenfalls nicht so richtig, aber bei seinem Verstand ist es bestimmt interessant, was immer es auch ist. Den Nachmittag über besprachen wir die Pläne für die verschiedenen Vortragstermine.

Heute Abend überkam uns alle drei eine völlig kindische Aufregung, als wir auf Leonard und seine Freundin warteten. Jede Menge Spekulationen von Seiten Geralds und meiner Wenigkeit bezüglich ihres Aussehens, ihres Alters und der Art und Weise, wie Leonard sich wohl in einer Beziehung machte. Anne meinte, wir müssten alles vergessen, was Leonard mir am Telefon über sie erzählt hatte, und sie einfach als Freundin eines guten Freundes willkommen heißen. Gerald sagte, er freue sich riesig, dass Leonard eine Freundin gefunden habe, und finde die Vorstellung, dass er sich »in ein Paar verwandelt«, zutiefst faszinierend.

»Komischer Name allerdings, oder?«, sagte er. »Angels Twitten. Ich habe noch nie gehört, dass jemand mit Vornamen Angels heißt.«

Punkt sieben klingelte es an der Tür. Als ich die Tür aufmachte, stand vor mir allein eine Dame, die ich noch nie gesehen hatte. Sie war Mitte dreißig, klein, zierlich und durchaus hübsch, aber sie hatte große, traurige Augen und trug ziemlich grellbunte, löchrige Hippie-Kleidung. In ihrem krausen, dunkelbraunen Haar trug sie ein Haarband, das mit lauter kleinen blauen Plastikblüten verziert war. In einer Hand hielt sie eine Milchflasche mit eingedrücktem Foliendeckel. Weiche, schöne Stimme, etwas nervös, aber sehr klangvoll.

Sie sagte: »Hallo, ich heiße Angels Twitten und komme zum Abendessen mit meinem Verlobten Leonard Thynn.«

»Willkommen! Schön, Sie kennenzulernen, Angels. Kommen Sie bitte herein. Äh, Sie sagten, Sie kommen mit Leonard, aber er scheint gar nicht, äh …«

Wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen, als ich sie gerade in die Diele manövriert und die Tür geschlossen hatte. Es war Thynn. Klar, wer denn sonst.

»Hallo, Adrian, ich rufe aus der Telefonzelle neben der Heilsarmeestation am oberen Ende der Stadt an.«

»Aber warum …«

»Ich wollte mich für unsere Verspätung entschuldigen.«

»Aber ihr habt euch nicht verspätet. Zumindest hat Angels sich nicht verspätet. Es ist jetzt sieben Uhr und sie ist schon hier. Ich habe sie gerade hereingelassen.«

»Oh, gut, da bin ich froh. Ja, weißt du, ich war gerade noch mit ihr zusammen in der Parallelstraße unterhalb von eurer. Die Sache ist die, dass ich mich verspätet haben werde, bis ich von hier wieder bei euch bin.«

»Ja, aber wieso bist du denn den ganzen Weg bis zur Heilsarmee gegangen?«

»Ich hab ein Telefon gesucht, das funktioniert.« Spürte den vertrauten Kopfschmerz nahen.

»Und warum bist du dann nicht einfach hereingekommen und hast unser Telefon benutzt?«

»Na, euch wollte ich doch anrufen.« Mir war nach Schreien zumute.

»Aber wenn du mit mir sprechen wolltest, wieso bist du dann nicht einfach hereingekommen und hast mit mir geredet?«

»Weil wir zu früh dran waren. Wir haben um die Ecke gewartet, bis es Zeit war. Dann kam mir der Gedanke, ich könnte euch doch kurz anrufen und fragen, ob wir ein bisschen früher kommen könnten, aber das nächste Telefon war demoliert, vor dem nächsten stand eine Schlange, und bis ich ein Telefon gefunden hatte, das frei war und funktionierte, war ich so weit gegangen, dass es schon zu spät war, um zu früh zu kommen, sodass es keinen Sinn mehr hatte, dich anzurufen und zu fragen, ob wir früher kommen könnten; tja, und dann habe ich eben beschlossen, dich anzurufen und mich dafür zu entschuldigen, dass ich ziemlich spät dran sein werde, bis ich wieder bei dir bin.«

»Leonard! Du hast dir bisher noch nie Gedanken darüber gemacht, ob du zu früh oder zu spät oder ungelegen oder überhaupt nicht kommst. Wie kommst du bloß darauf, dass es uns stören könnte, wenn du heute Abend ein paar Minuten früher gekommen wärst?«

Kurze Pause.

»Na ja, weißt du – es ist irgendwie anders, weil – du weißt schon, wegen …«

Seufzte und sagte mit schwacher Stimme: »Na schön, Leonard, mach dir keine Gedanken darüber, dass du zu spät kommst. Komm einfach jetzt her, so schnell du kannst, und alles ist in bester Ordnung. Bis gleich.«

Legte auf und drehte mich um. Angels hielt mir die Milchflasche entgegen.

»Für Sie und Anne«, sagte sie.

Ich sagte: »Oh, danke schön. Haben wir die auf der Treppe vergessen?«

»Nein, Leonard meinte, wir sollten eine Flasche zum Abendessen mitbringen, aber wir hatten jeder nur eine halbe Flasche Milch und kein Geld, um was anderes zu besorgen. Also haben wir alles in eine Flasche umgeschüttet und den Deckel wieder draufgemacht. Ich fand es ja ein bisschen komisch, so was mitzubringen, aber Leonard meinte, Sie mögen Milch sehr gerne, und da …«

»Ach so, natürlich, vielen Dank. Eine Flasche Milch. Wie nett. Leonard hat absolut recht. Wir lieben Milch. Ganz herzlichen Dank …«

Zehn Minuten später war alles wieder in Butter. Leonard saß (einigermaßen nervös) neben Angels auf dem Sofa, als wären sie beide bei einem Vorstellungsgespräch. Angels scheint eine ulkige Mischung als allem Möglichen zu sein. Intelligent, selbstbewusst, unbehaglich, vage, pragmatisch, verträumt.

Nachdem wir alle gegessen und dabei ungewöhnlich gute Manieren an den Tag gelegt hatten, ließen wir uns wieder im Wohnzimmer nieder und Gerald sagte: »Angels, ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich danach frage, aber ich musste bei Ihrem Namen etwas stutzen. Ich meine, Angels ist ziemlich ungewöhnlich, oder? Wenn ich es recht bedenke, erinnere ich mich auch nicht, schon jemals von jemandem mit Ihrem Nachnamen gehört zu haben. Ist Angels Twitten Ihr Geburtsname?«

»Es stört mich überhaupt nicht«, sagte Angels ernsthaft und fixierte Gerald mit ihren großen, dunklen Augen. »Eigentlich ist mein Geburtsname Angela Pathway, aber mein Vater hat es als kleiner Junge in der Schule sehr schwer gehabt, weil ein paar andere ihm den Spitznamen ›Hundeparadies‹ angehängt haben. Da er nicht wollte, dass mein Bruder und ich das auch durchmachen mussten, änderte er seinen Namen in ›Twitten‹. So nennen sie unten in Kent eine schmale Gasse, die einen Häuserblock mit dem nächsten verbindet. Und dann habe ich meinen Namen von Angela in Angels geändert, weil ein Mann bei der Stadtverwaltung sich mal vertippt hat, als er mir einen Brief schrieb, und als ich das sah, gefiel es mir so gut, dass ich beschloss, mich von da an Angels zu nennen.«

»Ach so, natürlich«, nickte Gerald lächelnd, »das ›a‹ und das

›s‹ liegen gleich nebeneinander, stimmt’s? Also, ich finde, Sie haben völlig recht. Angels ist viel hübscher als Angela. Aber wie ist es Ihnen in der Schule mit ›Twitten‹ ergangen?«

»Furchtbar!« Angels lächelte plötzlich. »Hört sich alles ziemlich albern an, nicht wahr?«

»Auch nicht alberner als die Sachen, die sich die meisten Eltern leisten«, sagte Gerald, wobei er aus irgendeinem Grund mich ansah.

»Angels schreibt Gedichte«, sagte Thynn stolz. »Ich habe sie gebeten, uns heute Abend eins vorzulesen.«

Obligatorischer Chor des Entzückens und der Ermutigung. Stimmte natürlich aus Höflichkeit ein, aber ehrlich gesagt, mir krampft sich immer der Magen zusammen, wenn Leute selbst verfasste Gedichte vortragen wollen. Meistens ist es so, dass ich das, was sie dann vorlesen, völlig undurchdringlich finde und nicht die leiseste Ahnung habe, ob es undurchdringlich gut oder undurchdringlich schlecht oder einfach nur grauenhaft ist, und dann habe ich den Stress, mir irgendeinen Kommentar dazu einfallen zu lassen, der den Betreffenden nicht verletzt, aber auch nicht dazu ermutigt, noch die anderen dreizehn Gedichte vorzulesen, die er zufällig bei sich hat. Machte mich auf das Schlimmste gefasst.

Angels zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus ihrer Handtasche. Ein halb schläfriger, abwesender Ausdruck trat in ihre Augen.

»Eigentlich ist es noch nicht fertig«, sagte sie entschuldigend, »das heißt, nichts, was ich mache, ist jemals wirklich fertig, aber ich werde es euch vorlesen. Es heißt ›Regenbogen‹.«

Ich habe es mir abgeschrieben.

Mit unverschämter Bescheidenheit

Schwelgerischer Schlichtheit

Einzigartiger Normalität

Stürzen wir, die wir über den Erdboden fliegen

Kopfüber ins springende Meer

Aufgetürmt zu bodenloser Tiefe am stillen, rastlosen Himmel

Grob liebkost von monströser Schönheit

Gefangen in der Freiheit des verdunkelnden Lichts

Selbstsüchtiges Geschenk der Mitternachtssonnen

Verbrannt vom Eis

Verraten von der Treue

Entfesselt in unseren Ketten

Aus dem Kern geschüttelt

In den sengenden Schatten

Wir, die heruntergekommenen Reichen, liegen aufgebahrt

Und sehnen uns nach Unerfüllung

Und dem blühenden Tod

Verfluchen voller Freude die donnernde Stille

In die wir tragisch, tödlich geboren sind

Heilige Weltlichkeit

Uralte Frische

Ermüdend Neues

Solch gigantische Details

In Gold gefasst und düster

Weichen auf uns zu durch den Nebel, der alles offenbart

Bis der Regenbogen wie ein Traum vom Krieg

In strahlender Einfarbigkeit

Sich schnurgerade wie ein Pfeil

Unsichtbar

Ins Blickfeld schwingt.

Eine widerhallende, verdatterte Stille legte sich über uns, als Angels ihre Lesung beendet hatte.

Hörte Gerald tonlos murmeln: »Weichen auf uns zu? Entfesselt in unseren Ketten? Heilige Weltlichkeit? Hmm …«

Kam zu dem Schluss, dass dieses Gedicht definitiv zur undurchdringlichen Sorte gehörte, wahrscheinlich zur undurchdringlich schlechten, denn, wie Gerald später sagte, es schien auf so etwas wie einem verbalen Zaubertrick zu beruhen, wo man einfach eine lange Liste von Begriffspaaren macht, die nicht zusammenpassen, und sie dann trotzdem zusammenstellt. Auf der anderen Seite hatte das Ganze irgendwie einen grandiosen Klang an sich. Sehr eigenartig. Fragte hinterher Anne, wie sie es gefunden habe. Sie sagte, für sie habe es sich angehört wie das Werk einer sehr intelligenten Person, deren Gehirn durch irgendetwas, was nicht gut für sie war, durcheinandergebracht worden sei. Fragte mich, ob ich bemerkt hätte, dass Angels die meiste Zeit gesprächig und normal und fröhlich war, aber immer dann, wenn sie anfing, über Kunst oder irgendein anderes abstraktes Thema zu sprechen, in eine andere Welt abzudriften schien, in der man ihr nicht mehr recht folgen konnte. Dachte darüber nach und kam zu dem Schluss, dass sie recht hatte. Später am Abend zum Beispiel teilte uns Leonard noch etwas über seine neue Freundin mit.

»Angels ist Tänzerin, nicht wahr, Angels?«

»Nun, ja, das stimmt – das ist mein Beruf.«

»Wirklich!«, rief Anne. »Wie interessant. Davon haben wir so gut wie keine Ahnung. Darf ich fragen, was Tanz für Sie bedeutet, Angels?«

Wieder dieser abwesende Ausdruck in ihren Augen, aber auch noch etwas anderes – eine Furcht, etwas Drängendes. Beim Sprechen machte sie elegante, wedelnde Bewegungen mit ihren Fingern, doch die Worte kamen aus ihrem Mund wie tote Blätter, die ziellos im Wind wehen.

»Was Tanz bedeutet? Nun, für mich geht es beim Tanzen im Wesentlichen darum, die philosophischen Parameter eines spezifischen kreativen Prozesses zu erfassen und dann den Mut aufzubringen, sie mit künstlerisch kohärenten Kommunikationslinien miteinander zu verknüpfen. Ich sehe den Tanz als eine fundamentale Neuausrichtung spiritueller Energie, die sich verbindet mit der Vision eines konkreten Anderen oder auch innerhalb der eigenen selektiven Vorstellungswelt. Für Tänzer ist es wichtig, sowohl den Fluss als auch die Unterströmungen des menschlichen Herzens als Schöpfer von Wellen und Gezeiten auf dem Ozean der menschlichen Erfahrung zu empfinden. Das ist es, künstlerisch ausgedrückt, was Tanz für mich bedeutet.«

Erneute widerhallende Stille. Dann sagte Thynn: »Dann geht es also nicht darum, nach einem bestimmten Muster die Beine zu bewegen?«

Angels machte die Augen wieder weit auf und sah ihn schmachtend an. »Doch, Leonard, das hast du sehr gut ausgedrückt. Du bist ein Mann mit außerordentlichem Einsichtsvermögen.«

»Bin ich das?«, sagte Leonard und machte ein überraschtes, geschmeicheltes Gesicht. »Bisher haben mir eigentlich alle zu verstehen gegeben, dass ich alles andere bin als das. Mein alter Schuldirektor sagte mir, ich sei das primitivste Überbleibsel neandertalscher Begriffsstutzigkeit, dem er je zu begegnen das Missgeschick gehabt habe.«

Er lächelte nicht ohne einen gewissen Stolz.

»Das habe ich mühelos auswendig gelernt. Er hat es mich nämlich hundertmal abschreiben lassen, nachdem er so kleine weiße Flecken in den Mundwinkeln bekommen hatte, weil er mir etwas partout nicht beibringen konnte – irgendetwas mit einer x Zentimeter tiefen Badewanne, die sich in y Stunden füllte, wenn z Liter Wasser alle was weiß ich für ein Buchstabe Minuten hineinflossen.«

»Wisst ihr was? Das ist doch großartig!«, sagte Anne. »Wir könnten eine Tänzerin für unsere Tournee gebrauchen, meinst du nicht, Adrian? Besonders jetzt, wo Barry uns so ein großzügiges Angebot gemacht hat?«

»Äh, ja – ja, warum nicht?«

Versuchte, mir gegenüber Anne nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich dieser angedeutete Vorschlag erschreckte. Ich habe gelernt, den Instinkten meiner Frau zu vertrauen, aber ich muss zugeben, dass ich mit Tänzern in der Kirche selbst unter günstigsten Voraussetzungen nicht viel anfangen kann. Mir kommt es immer so vor, als ob sie sich in Gewänder hüllen, die verhindern, dass man sieht, was für Bewegungen sie machen oder welchen Geschlechtes sie sind, und dann mit einer von ungefähr vier verschiedenen flehenden Gesten nach oben deuten und mit einem Knie in der Luft anbetend auf die Lampenschirme starren. Außerdem konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass Angels, wenn ihr Tanz von der gleichen Qualität war wie ihre Lyrik, sich vermutlich in der Tat gleichzeitig vorwärts und rückwärts bewegen sowie in die Luft springen und zu Boden fallen würde. Vermutlich würden wir nicht einmal eine Chance haben, Angels selbst tanzen zu sehen, bevor die Tournee begann.

»Sagen Sie, Angels«, fragte Anne, als hätte sie meinen letzten Gedanken gelesen, »treten Sie in den nächsten Tagen irgendwo auf, damit wir kommen und Sie tanzen sehen können?«

Angels blickte zu Boden. Ihre Stimme hörte sich deutlich leiser an.

»Ich habe schon seit Langem nicht mehr viel gemacht. Es war schwierig. Aber morgen Nachmittag mache ich etwas bei den alten Leuten im Seniorenstift Clay House. Keine große Sache, aber wenn Sie wirklich Lust haben …«

Vereinbarten, morgen Nachmittag zum Zuschauen zu kommen.

»Übrigens«, sagte Angels, »was ist das eigentlich für eine Tournee, auf die Sie gehen?«

Thynn wurde bleich und sah Anne und mich beschwörend an.

»Es ist eine christliche Vortragsreise«, sagte Anne freundlich, aber bestimmt. »Wir sind Christen. Adrian schreibt christliche Bücher, die die Leute – nun, sie finden sie ziemlich witzig und manchmal auch hilfreich. Die Tournee ist für uns eine Gelegenheit, den Leuten mehr über Jesus zu erzählen.«

»Ach so«, sagte Angels. Sie runzelte die Stirn und wandte sich an Leonard. »Dann bist du auch Christ, Leonard?«

»Manchmal«, sagte Thynn unglücklich, »aber nicht wirklich, na ja, ich schätze schon.« Plötzlich geriet er in Panik:

»Aber ich kann jederzeit damit aufhören, wenn du mich deswegen nicht mehr magst! Mir ist es egal, was ich bin, ehrlich! Was bist du? Ich werde auch einer.«

»Warum hast du mir das nicht gesagt?«, fragte Angels. »Ich bin froh, dass du einer bist. Wahrscheinlich hilft dir das dabei, so ein guter Mensch zu sein.«

Schaute zu, wie Erleichterung, Verwirrung und Verlegenheit auf Thynns Gesicht Ringelreihen tanzten.

»Und Sie, Angels?«, fragte Anne. »Haben Sie auch irgendeinen Glauben?«

Wieder der abwesende Blick.

»Ich glaube an eine heilige Verantwortung, sich auszustrecken und die Berührung des schlechthin Anderen zu empfangen, und ich glaube, wir sollten stets danach streben, die ätherischen Stränge zu zelebrieren, die in das wahre Menschsein eingewoben sind.«

»Methodistin also«, sagte Gerald.

Alle lachten, Angels genauso wie wir anderen.

Fragte Anne beim Schlafengehen, was sie von Angels hielte.

»Ich mag sie sehr«, sagte sie, »und es ist schön, Leonard so glücklich zu sehen. Sie hat wohl ziemlich schwere Zeiten hinter sich und es fällt ihr schwer, gewissen Dingen ins Gesicht zu sehen. Wir sollten sie in unsere Reihen aufnehmen, meinst du nicht? Vielleicht ist sie genau das, was wir brauchen, um unserer Tournee mal einen anderen Touch zu geben. Warten wir mal ab, wie es morgen ist.«

Hmm! Ich mag Angels auch. Kann aber einfach die leise Sorge nicht abschütteln, dass die »philosophischen Parameter eines spezifischen kreativen Prozesses« sich am Ende als ein bisschen Herumhüpfen und Mit-den-Armen-Wedeln entpuppen werden. Wir werden sehen.

Sonntag, 12. September

Anne, Gerald und ich machten uns heute Nachmittag auf zum Seniorenstift, um Angels beim Tanzen zuzuschauen. Riefen vorher noch mal an, um uns zu erkundigen, ob das geht. Die verantwortliche Person meinte, das sei kein Problem. Ihre alten Damen und Herren sähen gern mal neue Gesichter, sagte sie uns, aber wir müssten darauf gefasst sein, dass sie ein bisschen komisch reden und sich benehmen würden, da etliche von ihnen schon ziemlich abständig seien.

»Wie Tante Felicity im ›Eight Bells‹«, sagte Anne, als ich ihr davon erzählte.

Die Erinnerung an unsere früheren Ausflüge ins Eight-Bells-Wohnheim für Matrosenwitwen machte mich ein bisschen nervös. Die gute Tante Felicity, inzwischen längst dahingeschieden, behauptete immer stocksteif, ich sei vor einigen Jahren gestorben, und wenn Anne und ich sie besuchten, schien sie mein Aussehen als endgültige Bestätigung dieser fest verwurzelten Überzeugung aufzufassen. Einmal, als ich selbst im Zimmer stand, sogar direkt vor ihr, gab sie Anne den dringenden Rat, mich kremieren zu lassen, bevor ich anfinge zu stinken.

Clay House, das Seniorenstift, machte innen einen angenehm freundlichen und heiteren Eindruck, obwohl einige der alten Leutchen, denen wir heute begegnet sind, mich ein bisschen traurig gemacht haben. Gleich jenseits der sorgfältig verschlossenen Eingangstür stießen wir auf eine Dame mit rosigen Wangen, die wohl Ende achtzig, Anfang neunzig sein musste. Unterm Arm hielt sie einen ebenso antik aussehenden Teddybären an sich geklammert.

»Hallo«, sagte sie in freundlichem, etwas nervösem Tonfall.

»Ich heiße Elizabeth. Ich warte hier auf meine Mami und meinen Papi. Sie kommen bald, um mich abzuholen.«

»Oh, das ist aber schön«, sagte Anne. »Aber wollen Sie nicht erst noch beim Tanzen zuschauen, Elizabeth?«

Wie ein kleines Kind nahm Elizabeth Annes Hand und wir gingen einen langen, breiten Korridor entlang zu einem sonnendurchfluteten, rechteckigen Aufenthaltsraum, in dem zwanzig oder dreißig Heimbewohner auf ringsum an den Wänden aufgestellten Lehnstühlen saßen. An einer Seite des Raums, in der Nähe einer Durchreiche zu einer kleinen Küche, kniete Angels auf dem Boden und hantierte mit einem tragbaren CDSpieler. Als wir hereinkamen, blickte sie auf und sah uns. Sie winkte, wurde ein bisschen rot und lächelte; dann kümmerte sie sich weiter um ihre Musik.

Wenige Minuten später stand Mrs. Banyon, die Dame, mit der ich telefoniert hatte, auf und klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Nun, meine Damen und Herren«, sagte sie schwungvoll, »heute Nachmittag haben wir etwas ganz Besonderes. Angels Twitten ist hier und wird für uns tanzen – Sie erinnern sich doch alle an Angels, nicht? Sie hat uns schon einmal besucht.« Ihre Frage rief zustimmendes Gemurmel und hier und da ein Lächeln von einigen der betagten Heimbewohner hervor, doch etliche fuhren einfach fort, auf ihrem Stuhl zu schaukeln oder vor sich hin zu starren oder zu schlafen, während ein gebückt gehender Mann, in dessen Gesicht sich tiefe Unmutsfalten eingegraben hatten, einen Ausfall zur Tür machte und dabei mürrisch vor sich hin knötterte, er hasse »dieses blöde Rumgehopse«. Zwei Pfleger geleiteten ihn sanft zurück zu seinem Platz. Sie gingen sehr freundlich mit ihm um, aber ich konnte nicht umhin, Mitleid mit dem alten Mann zu empfinden.

»Und außerdem«, fuhr Mrs. Banyon fort, »haben wir noch drei weitere Gäste unter uns – Adrian, Anne und Gerald Plass, Freunde von Angels, die wir sehr herzlich hier begrüßen wollen.«

Wieder Gemurmel, Lächeln und hier und da ein Brummen. Dann war Angels mit ihrer Tanzdarbietung an der Reihe.

Inzwischen graute mir davor. Ich war richtig sauer auf Anne, weil sie von der Tournee gesprochen hatte, bevor wir Angels überhaupt hatten tanzen sehen. Falls ihr »künstlerischer Ausdruck«, wie ich vermutete und fürchtete, sich als eher gekünstelt und schlecht erweisen sollte, würde es scheußlich peinlich für uns alle werden. Irgendwie mussten wir es dann hinkriegen, nicht mehr von der Tournee zu sprechen, und sie würde natürlich genau wissen, warum nicht, und die Situation würde auf der ganzen Linie angespannt und unangenehm sein. Als die Musik begann und Angels ihre Ausgangsposition in der Mitte des Raums einnahm, war mir das Herz schwer.

Sie war fantastisch.

Das erste Musikstück, zu dem sie tanzte, war ein Orchesterstück im Staccato mit einem Chor, dessen vereinte Stimmen die Funktion eines zusätzlichen Musikinstruments zu haben schienen. Das Stück hatte einen drängenden, jagenden Rhythmus und einen leicht hysterischen Unterton, der einen aufregenden, fast gefährlichen Eindruck hinterließ. Angels begann mit langsamen, forschenden Bewegungen, als ob sie umhertastete und nach der Quelle der Musik suchte, wurde dann schneller und bewegte sich nach außen und wieder zurück in die Mitte, als ob sie sich ganz allmählich bewusst würde, dass diese Quelle in ihr selbst war. Jede Bewegung, langsam oder schnell, war so konzentriert und zielgerichtet, dass mir der Atem wegblieb und ich einen fast schmerzhaften Drang verspürte, Anteil zu haben an dem, was mit der Tänzerin geschah. Es war eine Geschichte. Es war voller Intelligenz, voller Kraft und voller Gefühl.

Keine Ahnung, was in den Köpfen der alten Leute vor sich ging, die ringsum in dem Raum saßen, aber es bestand kein Zweifel, dass die meisten von ihnen zumindest fasziniert und gefesselt waren von dem, was sie sahen und hörten. Auf dem Stuhl neben mir hatte Elizabeth während des ganzen Tanzes reglos gesessen, doch sobald er endete, drehte sie sich inmitten des dünnen Applauses zu mir um und bedeutete mir mit dem Finger, mein Ohr dicht vor ihren Mund zu halten.

»Mein Papi ist Doktor«, sagte sie, »und er kommt bald nach Hause.«

Angels bot noch drei weitere Tänze dar, jeder davon ebenso intensiv und faszinierend wie der erste. Ich nehme an, da sie ja wusste, dass wir kommen würden, hatte sie ihre besten Tänze ausgesucht, aber das hätte jeder andere genauso gemacht, ich auch. Als wir uns hinterher an dem Tee und dem Kuchen ergötzten, der durch die Durchreiche serviert wurde, sagten wir ihr, wie großartig wir sie gefunden hatten. Sie wurde wieder rot und machte ein sehr erfreutes Gesicht.

Nachdem wir allen zum Abschied gewunken hatten, kehrten wir durch den Korridor zurück zur Eingangstür, immer noch begleitet von unserer neuen Freundin und ihrem Teddybären. Als Mrs. Banyon uns die Tür aufhielt und dabei Elizabeth behutsam daran hinderte, mit uns hinauszugehen, schaute die alte Dame hinauf in Annes Gesicht und wiederholte, was sie bei unserer Ankunft zu uns gesagt hatte.

»Mein Name ist Elizabeth. Ich warte auf meine Mami und meinen Papi. Sie kommen bald und holen mich ab.«

Anne schaute in das müde alte Gesicht, kreuz und quer durchzogen von feinen Linien wie altes Porzellan, und auf den gebrechlichen Körper, der so leicht und substanzlos war, dass man kaum glauben konnte, dass er noch Leben enthielt.

»Das wird schön, Elizabeth«, sagte sie, »und Sie haben ganz bestimmt recht. Sie werden sehr bald kommen und Sie abholen.«

* * *

Bin enorm erleichtert, dass Angels so eine großartige Tänzerin ist. Anne, Gerald und ich verbrachten den Nachmittag zum Teil damit, darüber zu sprechen, wie sehr ihre Darbietung unsere geplanten Abende bereichern würde.

»Und noch etwas«, sagte Anne, »das eine oder andere von Zaks Bildern passt hervorragend zu den Tänzen. Ich sehe es schon vor mir! Ich kann es gar nicht erwarten.«

»Ganz zu schweigen davon, dass Leonard völlig aus dem Häuschen sein wird«, sagte Gerald, »dass er seine Angebetete mitnehmen kann, statt sie zurückzulassen. Die beiden sind total verschossen ineinander, stimmt’s?«

Fragte Anne, wieso sie so sicher gewesen war, dass wir keine Enttäuschung erleben würden.

Sie sagte: »Weiß ich nicht genau, nur hatte ich das Gefühl, hinter dem ganzen bedeutungslosen Gerede einem erwachsenen Menschen zu begegnen, als ich Angels kennenlernte. Das Problem ist nur, dass irgendetwas in dem Teil von ihr, der sich mit der Welt auseinandersetzen muss, offenbar durch Dinge, die uns eigentlich nichts angehen, ein bisschen durcheinandergeraten ist. Man muss schon genau hinhören, um heraushören zu können, was für ein Mensch sie im Herzen ist. Als sie mit diesen ganzen Sprüchen anfing, was das Tanzen ihr bedeutet, habe ich gar nicht so sehr auf die Worte gehört, sondern beobachtet, was in ihren Augen vor sich ging.«

Ich nickte. Sogar mir war so ein gewisses Leuchten in Angels’ Augen aufgefallen, als sie vom Tanzen sprach.

»Ich denke«, fuhr Anne fort, »die Wahrheit ist, dass ich spüren konnte, wie ein echter Tanz in ihr mitschwang. Hört sich das sehr albern an?«

»Überhaupt nicht. Aber ich wundere mich immer noch darüber, dass du gleich am ersten Abend etwas von der Tournee gesagt hast. Ehrlich gesagt, ich war ein bisschen sauer. Ich meine, wir hatten noch keine Gelegenheit gehabt, darüber zu reden, und es hätte dazu führen können, dass Leonard und Angels furchtbar verletzt und enttäuscht gewesen wären. War das nicht ein bisschen riskant?«

»Ich habe gewusst, dass du sauer warst, Liebling, aber …«

»Woher willst du gewusst haben, dass ich sauer war? Ich dachte, das hätte ich für mich behalten.«

Anne und Gerald brachen in Gelächter aus.

»Ach, Schatz, so etwas könntest du beim besten Willen nicht für dich behalten. Wenn du sauer bist, legst du immer den Kopf schief und presst deine Lippen zusammen und ziehst die Mundwinkel nach unten …«

»Und du schnaufst durch die Nase«, fügte Gerald hinzu.

»Das ist ja ein reizendes Bild, das ihr zwei da von mir malt. Wie ein Walross, das schlechte Laune hat. Aber wir kommen vom Thema ab. Ich hatte dich gefragt, Anne, wieso du es riskiert hast, Angels gegenüber die Tournee zu erwähnen, bevor wir sie hatten tanzen sehen?«

»Na ja«, sagte Anne zögernd, »auf die Gefahr hin, dass sich das wieder ziemlich albern anhört, ich glaube, ich habe es getan, weil es Momente gibt – nicht so oft, aber hin und wieder –, wo man einfach mal einen Umriss in die Luft zeichnen muss, damit Gott ihn ausmalen und in ein richtiges Bild verwandeln kann. Das glaube ich wirklich. Aber du hast recht, es ist riskant, und falls sich herausstellt, dass ich mich geirrt habe, hättest du wirklich allen Grund zu deiner Walrossnummer.«

»Ich frage mich«, sagte ich, »ob wir dieses Bild mit dem Walross vielleicht wieder vergessen könnten.«

»Kein Problem, Paps«, sagte Gerald und grinste mich an, wie er es immer getan hat, schon seit er ein Dreikäsehoch war, »du brauchst nur nie wieder sauer zu sein.«

Rief nach dem Tee bei Barry an, um zu fragen, ob es okay wäre, noch eine weitere Person mitzunehmen, und als Angels und Leonard heute Abend vorbeikamen, sagten Anne und ich ihr noch einmal, wie sehr uns ihr Tanz gefallen hatte, und fragten sie, ob sie nicht Lust hätte, mit uns auf die Tournee zu kommen und jeden Abend zwei oder drei Tänze zum Programm beizusteuern. Habe selten gesehen, wie Freude, Furcht und Begeisterung einander so im Kreis herum jagten, wie sie es in Angels’ Gesicht taten, als wir das sagten. Thynn konnte fast nur noch lallen vor Freude bei dem Gedanken, dass sein Schatz uns begleiten würde, aber er bekam, wen wundert’s, fast augenblicklich einen seiner crescendoartig anschwellenden Panikanfälle.

»Das ist ja toll!«, sagte er. »Das hätte ich nie gedacht, dass wir auf der Tournee zusammen sein könnten! Moment! Wartet mal, was ist denn mit den Hotels und so? Die sind doch alle ausgebucht. Da sind bestimmt keine Zimmer mehr frei. Und im selben Zimmer schlafen können wir nicht, weil ich doch Christ bin, so ein Pech! Nun kann sie doch nicht mitkommen.

Moment mal! Sie kann doch mein Zimmer haben und ich komme nicht mit. Nein, das hilft auch nichts; dann wären wir ja auf der Tournee nicht zusammen, und ich habe ihr doch nur mein Zimmer angeboten, damit sie mit auf die Tournee kann, damit wir auf der Tournee zusammen sind, und wenn ich nicht mitkomme, hat es ja keinen Sinn, auf mein Zimmer zu verzichten, weil wir ja nicht …«

»Mein lieber Leonard«, unterbrach Anne, die sehr gut wusste, dass solche Tiraden bis in alle Ewigkeit weitergehen können oder zumindest so lange, bis Leonard platzt oder vor Erschöpfung in Ohnmacht fällt. »Es ist bestimmt gar kein Problem, ein zusätzliches Zimmer zu buchen, und wenn doch, finden wir garantiert eine Lösung. Schlimmstenfalls kann sich Gerald in unserem Zimmer ein Feldbett aufstellen lassen oder so. Stimmt doch, Gerald?«

»Na klar«, sagte Gerald lächelnd, »und für ein mitreisendes Kind gibt es ja auch meistens Ermäßigung, oder? Allerdings muss Paps dann versprechen, mir eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, wie in den alten Zeiten.«

»Adrian«, warf Angels mit sorgenvoll gerunzelter Stirn ein, »ich würde wirklich gern mitkommen. Ich werde sicher ganz schrecklich nervös sein, aber es wäre toll, mit Leonard und euch allen zusammen zu sein und mal ein paar richtige Tänze zeigen zu können.« Sie wurde rot. »Ich meine – das soll natürlich nicht heißen, dass das im Clay House keine richtigen Tänze waren. Aber – na ja, ihr wisst schon … Das Einzige, was mir Sorgen macht, ist – nun ja, ihr seid alle Christen und die Abende werden sich um lauter christliche Sachen drehen und es ist nun einmal so, dass ich kein Christ bin.«

Fragend sah sie Anne und mich mit ihren großen, hellbraunen Augen an.

»Seid ihr sicher, dass ihr jemanden wie mich dabeihaben wollt? Wird das – wird das die Sache nicht irgendwie verderben?«

Manchmal ist es, als ob Anne und ich genau im selben Augenblick dasselbe erkennen. Nicht oft. Nur manchmal. Diesmal war es so.

Ich sagte: »Angels, ich bin ganz sicher, dass Gott möchte, dass Sie mit uns kommen, ob Sie an ihn glauben oder nicht.«

»Sie tanzen wie ein Engel«, sagte Anne, »und Gott hat schon immer Engel benutzt, um den Leuten Botschaften zu überbringen. Sie sind genau das, was er braucht und was wir brauchen. Ich bin so froh, dass Sie mitkommen.«

Den Rest des Abends verbrachte Anne am Telefon, und als wir ins Bett gingen, hatte sie die Unterbringungsfrage geklärt.

»Und das«, sagte Anne, während sie ihr Nachtlicht ausschaltete, »ohne dass du dem kleinen Gerald Gutenachtgeschichten vorlesen musst.«

Warum empfand ich einen kleinen Stich der Trauer, als sie das sagte?

Mittwoch, 15. September

Versprach Leonard, mich heute Abend im Gemeindesaal mit ihm zu treffen, um die Aufstellung und Bedienung des Projektors und der Leinwand zu üben. Er hatte die Sachen im Laufe des Tages bei einem Laden in der Stadt namens »Sights & Sounds« abgeholt und heute Abend war unsere einzige Gelegenheit, sie auszupacken und einen Blick darauf zu werfen, bevor am Freitag die Tournee beginnt.

Als ich ankam, stand Thynn in einer Ecke des Saals, presste die Hände gegen die Schläfen und starrte gebannt auf einen großen, quadratischen Metallrahmen, der mitten im Saal auf dem Boden lag und an dem an einigen Stellen eine große Bahn eines naturweißen, leinenähnlichen Materials befestigt war.

Ging vorsichtig auf Leonard zu und fragte ihn, was los sei.

»Also, ich habe dieses längliche Metalldingens zu einem Quadrat gemacht«, sagte er mit bebender, kaum hörbarer, traumatisierter Stimme, den Blick immer noch starr in die Mitte des Saals gerichtet. »Es wollte sich irgendwie nicht zu einem Quadrat machen lassen, weißt du. Es hat mich gebissen und gekniffen und versucht, sich wieder länglich zu machen, aber ich habe mit ihm gekämpft und es angeschrien und mich damit auf dem Boden gewälzt, und am Ende hat es nachgegeben. Jetzt ist es ein Quadrat. Schau!« Er gab ein kleines, irres Lachen von sich und deutete mit wedelndem Arm auf das Ding. »Es ist ein Quadrat. Das habe ich gemacht! Ich war es, der das lange, gerade Metalldingens zu einem Quadrat gemacht hat.«

»Sehr schön, wunderbar!«, sagte ich, so freundlich und aufmunternd ich konnte. »Gut gemacht, Leonard. Du hast recht, es ist ein großes Quadrat, genau wie es sein sollte, und jetzt müssen wir nur noch das Leinwandtuch befestigen, indem wir es auf all diese Metallknöpfe am Innenrand draufdrücken.«

»Habe ich schon versucht«, sagte Thynn, wandte mir seinen Blick zu und verdrehte die Augen wie eine Figur aus einem jener melodramatischen alten Stummfilme, die der Hölle einen Besuch abgestattet haben und für immer davon gezeichnet sein werden. »Ich habe es versucht, Adrian, aber dieses Monster von einer Leinwand – es hat es auf mich abgesehen. Es will mich zum Wahnsinn treiben und am Ende umbringen.«

Er drehte den Kopf und schaute auf die Uhr über der Durchreiche.

»Ich bin extra früher gekommen, weißt du, weil ich mal gucken wollte, ob ich alles fertig kriege, bevor du kommst. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um dieses lange Metalldingens zum Quadrat zu machen, und seitdem versuche ich, das Tuch zu befestigen.«

Argwöhnisch tat er einen Schritt auf die Mitte des Saals zu.

»Es sah ganz einfach aus, weißt du. Ich habe zuerst eine Ecke befestigt – das war gar kein Problem – und dann habe ich einfach an einer Seite weitergemacht und einen Knopf nach dem anderen hineingedrückt. Eine ganze Seite habe ich geschafft. Hat richtig Spaß gemacht. Ich war ganz happy. Und dann habe ich eine andere Seite gemacht. Ich dachte, das läuft ja alles wie am Schnürchen. Aber als ich mit der dritten Seite anfing, ging es plötzlich nicht mehr. Die Leinwand ließ sich nicht weit genug dehnen, und als ich auf die Knie gegangen bin und kräftig gezogen habe, ist die ganze erste Seite wieder abgegangen, und als ich dann die dritte Seite bis zum Ende zugeknöpft hatte, reichte die erste Seite nicht mehr bis an die Knöpfe. Ich habe wieder kräftig gezogen und dann ging die zweite Seite ab. Da bin ich wie verrückt auf dem Tuch herumgesprungen und habe es angeschrien und eine Frau kam herein, um den Saal zu putzen, und lief schreiend wieder hinaus.«

»Meine Güte! Und was hast du dann gemacht?«

»Na ja, dann habe ich beschlossen, erst mal tief durchzuatmen und es noch einmal zu versuchen. Ich habe mich an das Tuch angeschlichen wie eine Rothaut, Adrian, und nur einen Knopf zugedrückt und bin dann ganz beiläufig zur Tür hinausgegangen, als wollte ich nach Hause. Dann bin ich unerwartet wieder hereingekommen und habe noch einen Knopf zugemacht. Dann noch einen und dann noch einen, bis ich wieder zwei ganze Seiten zu hatte. Dann bin ich ganz plötzlich über die dritte Seite hergefallen, habe mich mit Gebrüll auf sie gestürzt und so fest an dem Tuch gezogen, wie ich nur konnte, um dieses Ding über den Knopf zu kriegen.«

»Und?«

Leonard drehte sich zu mir um, packte mich mit beiden Händen am Revers und redete fieberhaft auf mich ein.

»Sie sind alle abgegangen. Alle, Adrian. Sie gingen alle auf einmal auf und das Tuch gab so ein komisches, lachendes Geräusch von sich und sprang in die Luft, wickelte sich um meinen Kopf und versuchte, mich totzupeitschen und zu ersticken. Aber ich konnte mich irgendwie befreien und seitdem stehe ich hier in dieser Ecke und warte auf dich, damit wir es gemeinsam erwürgen können, falls es noch mehr Ärger macht.«

»Leonard«, sagte ich und löste behutsam seine Hände von meiner Jacke, »diese Leinwand ist ein lebloser Gegenstand. Sie hat kein Gehirn. Es ist nur eine Frage der richtigen Technik, um das Tuch zu befestigen. Das ist sicher knifflig, weil es sehr straff gespannt werden muss, weißt du. Sonst wären die Dias nicht richtig scharf.«

Thynn schüttelte langsam und zynisch den Kopf und sah mich an wie ein Mann, der mit knapper Not der Verfolgung einer wilden, angeblich ausgestorbenen Kreatur entkommen ist und nun Mühe hat, den Menschen daheim in der Zivilisation plausibel zu machen, was ihm passiert ist.

»Na, dann versuch du es mal«, sagte er. »Ich gehe nicht mehr in die Nähe dieses Dings. Es hasst mich.«

Während Thynn aus sicherem Abstand zuschaute, ging ich auf das Monster in der Mitte des Saals zu und musterte es einen Augenblick lang. Zufällig kannte ich den Trick, wie man die Leinwand an dem Rahmen befestigte, weil ich das schon einmal für eine Gemeindeveranstaltung gemacht hatte. Im Grunde war es geradezu lächerlich einfach, wenn man wusste, wie. Einen Moment lang liebäugelte ich mit dem inneren Anblick meiner selbst, wie ich mit links etwas erledigte, was Leonard nicht zustande gebracht hatte. Eigentlich lachhaft, die ganze Sache, wenn man bedenkt, wie chronisch unfähig ich zu allen praktischen Dingen bin.

Lass Leonard das machen.

Ulkig, wie einem manchmal so kleine Dinge in den Kopf kommen, nicht wahr? Kleine Eingebungen, die einerseits von Gott stammen, andererseits aber auch nur ein Haufen Blödsinn sein können, wie zum Beispiel bei jener denkwürdigen Gelegenheit, als ich dachte, Gott hätte mir vielleicht gesagt, ich solle mir einen Laubfrosch kaufen und ihn Kaiser Wilhelm nennen. Ich dachte schon, die Geschichte würde mich bis ans Grab verfolgen. Wenn ich es recht bedenke, kann es durchaus noch so weit kommen. Die anderen wärmen diese Sache immer noch jedes Mal auf, wenn sie finden, dass ich mal wieder auf den Teppich geholt werden müsste.

Lass Leonard das machen.

»Weißt du was, Leonard? Wie wär’s, du versuchst mal, die Knöpfe an zwei diagonalen Ecken festzumachen und dann von da aus weiterzuarbeiten?«

»Meinst du, das funktioniert?«

»Einen Versuch wäre es wert.«

Wie ein Jäger beim Anpirschen an einen waidwunden Büffel tastete er sich behutsam bis zu der Leinwand vor und löste, ein Auge zugekniffen, die beiden Knöpfe, die nach seiner letzten Attacke noch gehalten hatten. Wenige Minuten später hatte Leonard mit für seine Verhältnisse beängstigender Leichtigkeit alle Knöpfe befestigt und die Leinwand fest in den Rahmen eingespannt.

»Na so was«, sagte Thynn, als er zurücktrat und die Stätte seines Triumphes begutachtete, »das war der richtige Trick! Ich glaube, während der Tournee sollte lieber ich mich um solche Dinge kümmern, Adrian. Man braucht ein bisschen Fingerspitzengefühl dafür. Am besten überlässt du das mir.« Schließlich fügte er frotzelnd hinzu, »wollen wir ja nicht, dass etwas kaputtgeht, oder?«

Spielte mit dem Gedanken, einen Teil der Saalbestuhlung auf seinem Schädel zu zerschlagen, beschloss aber dann, diese Segnung für mich zu behalten …

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
241 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783865064318
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar