Kitabı oku: «Die rastlosen Reisen des frommen Chaoten»
ADRIAN PIASS
Die rastlosen Reisen
des frommen Chaoten
ADRIAN PIASS
Die rastlosen Reisen des frommen Chaoten
Aus den Englischen von Christian Rendel

Dieses Buch ist Jeremy Gates gewidmet.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
5. Auflage 2007
ISBN 9783865064325
© 1996 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Original: The Sacred Diary of Adrian Plass – Christian Speaker.
Aged Forty-five and Three Quarters. © 1996 by Adrian Plass
Einbandgestaltung: Georg Design, Münster
www.brendow-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Copyright
Montag, 31. Januar
Dienstag, 1. Februar
Mittwoch, 2. Februar
Donnerstag, 3. Februar
Freitag, 4. Februar
Samstag, 5. Februar
Sonntag, 6. Februar
Montag, 7. Februar
Dienstag, 8. Februar
Mittwoch, 9. Februar
Donnerstag, 10. Februar
Freitag, 11. Februar
Samstag, 12. Februar
Sonntag, 13. Februar
Montag, 14. Februar
Dienstag, 15. Februar
Mittwoch, 16. Februar
Donnerstag, 17. Februar
Freitag, 18. Februar
Samstag, 19. Februar
Sonntag, 20. Februar
Montag, 21. Februar
Dienstag, 22. Februar
Mittwoch, 23. Februar
Donnerstag, 24. Februar
Freitag, 25. Februar
Samstag, 26. Februar
Sonntag, 27. Februar
Montag, 28. Februar
Dienstag, 1. März
Mittwoch, 2. März
Donnerstag, 3. März
Freitag, 4. März
Montag, 7. März
Dienstag, 8. März
Mittwoch, 9. März
Donnerstag, 10. März
Freitag, 11. März
Samstag, 12. März
Sonntag, 13. März
Montag, 14. März
Dienstag, 15. März
Mittwoch, 16. März
Donnerstag, 17. März
Freitag, 18. März
Samstag, 19. März
Sonntag, 20. März
Montag, 21. März
Dienstag, 22. März
Mittwoch, 23. März
Donnerstag, 24. März
Freitag, 25. März
Samstag, 26. März
Freitag, 1. April
Samstag, 2. April
Sonntag, 3. April
Montag, 4. April
Dienstag, 5. April
Mittwoch, 6. April
Donnerstag, 7. April
Freitag, 8. April
Samstag, 9. April
Sonntag, 10. April
Montag, 11. April
Dienstag, 12. April
Mittwoch, 13. April
Donnerstag, 14. April
Freitag, 15. April
Samstag, 16. April
Sonntag, 17. April
Montag, 18. April
Dienstag, 19. April
Mittwoch, 20. April
Donnerstag, 21. April
Freitag, 22. April
Samstag, 23. April
Ostersonntag, 24. April
Montag, 25. April
Dienstag, 26. April
Mittwoch, 27. April
Donnerstag, 28. April
Freitag, 29. April
Montag, 31. Januar
War gestern im Gottesdienst während der Predigt etwas abgelenkt. Sehr intelligenter Gastredner. So intelligent, dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon er sprach.
Gegen Anfang seiner Ansprache sagte er plötzlich sehr laut:
»Wer wird sich erheben und das Missfallen des Herrn an Gemeinden bezeugen, die unbußfertig kleistogam sind?«
Richard Cook, der neben mir saß, sprang auf und rief: »Ja, Herr, wir weisen diese kleistogamen Tendenzen in unserer Gemeinde zurück, und wir stellen uns ihnen entgegen!«
Als er sich wieder setzte, beugte ich mich zu ihm hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: »Was bedeutet kleistogam?«
Er flüsterte zurück: »Keine Ahnung.« Ehrlich!
Während der Redner weiterleierte, beschloss ich, wieder ein Tagebuch zu beginnen, nur für eine Weile, um einige meiner Erfahrungen in meiner Rolle als christlicher Redner aufzeichnen zu können. Jede Menge Einladungen für die nächsten drei Monate, und da ich vor dem Ende des Finanzjahres noch massenweise Urlaub zu verbrauchen habe, werde ich eine ganze Menge davon annehmen können.
Unglaublich, wie das alles ins Rollen gekommen ist. Es fing damit an, dass ich von örtlichen Gemeinden eingeladen wurde, Auszüge aus den Sachen vorzulesen, die ich geschrieben hatte, doch in den letzten zwei Jahren bin ich kreuz und quer durchs ganze Land gekommen. Inzwischen mache ich nicht nur Lesungen, sondern sage auch etwas. Anne sagt, es hört sich ganz gut an, solange ich die Wahrheit sage, aber wenn nicht, klinge ich wie ein aufgeblasener Trottel – ich glaube, so hat sie sich ausgedrückt. Sie hat eine ganz besonders subtile Gabe der Ermutigung.
Kaum zu glauben, dass meine drei Bücher über die Leute aus unserer Gemeinde von so vielen Leuten gelesen worden sind. Bin froh, dass Gerald mich überredet hat, mein erstes Tagebuch an einen Verleger zu schicken, obwohl ich ein wenig schockiert war, als ich feststellte, dass das Buch, das eigentlich eine ernsthafte, hilfreiche Darstellung des Christseins im Alltag hätte sein sollen, von Kritikern als »beißende Satire über die moderne Gemeinde« bezeichnet wurde. Etwas ärgerlich auch, einige meiner wichtigen geistlichen Einsichten als »lächerliche moderne religiöse Einstellungen, urkomisch karikiert« etikettiert zu sehen.
Aber wenn die Leute sagen, es sei beißende Satire, dann ist es das vielleicht auch. Zumindest habe ich den Kniff jetzt heraus – ich brauche nur ernsthaft zu schreiben, und die Leute brüllen vor Lachen. Ich hoffe wirklich, dass dieses Buch schließlich als eine Art ernsthaftes Handbuch für christliche Redner benutzt werden wird, aber nachdem ich erlebt habe, was mit dem ersten passiert ist, würde es mich nicht wundern, wenn es einmal als wichtiger Beitrag auf dem Gebiet der Begonienzucht gelten würde.
Wir werden sehen …
Muss im Lexikon nachsehen, was »kleistogam« ist …
Dienstag, 1. Februar
Habe heute Morgen beschlossen, dass ich auch eine dieser Unterstützergruppen haben sollte, die viele andere christliche Redner haben. Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Vorstellung. Ich als Gottes auserwähltes Werkzeug, eindrucksvoll und ummantelt mit Vollmacht in der Öffentlichkeit, doch zurückhaltend und voll sanfter Freundlichkeit im Privatleben, wo ich mich in demütiger Unterordnung den Diensten, den Ratschlägen und der Kritik, einer kleinen Gruppe von Leuten öffnen würde, die es als ein Vorrecht empfänden und stolz darauf wären, an dem teilzuhaben, was Gott durch mich täte.
Erwähnte die Idee beim Frühstück gegenüber Anne und Gerald.
»Die Sache ist die«, sagte ich, »dass ich mich ihrem Rat und ihrer Kritik unterordnen würde und ihnen gegenüber gewissermaßen rechenschaftspflichtig wäre und … äh … so.«
Anne ließ mitten im Toastbrotschmieren das Messer sinken, lachte kurz auf und sagte: »Aber du kannst doch Kritik nicht ausstehen, Schatz. Das war schon immer so. Du kriegst Wutanfälle, sobald jemand irgendetwas sagt, das auch nur entfernt nach Kritik klingt – stimmt’s nicht, Gerald?«
»Mama hat recht, Papa«, sagte Gerald. »Kritik ist eines von den Dingen, bei denen kleine Schaumfleckchen in deinen Mundwinkeln auftauchen.«
War völlig entsetzt über diese Reaktion auf meine Idee. »Ich kann Kritik sehr wohl ausstehen, Anne – ich habe noch nie im Leben einen solchen Unsinn gehört! Wie kannst du nur so etwas sagen? Mir ist das Herz eines Dieners gegeben.«
Gerald sagte: »Dann hat dein Organismus wohl das Transplantat abgestoßen, Papa.«
Ignorierte ihn.
»Und ich kriege auch keine ›Wutanfälle‹. Das klingt ja, als wäre ich – als wäre ich ein kleines Kind, dem gesagt wird, dass es keinen Bonbon mehr kriegt. Bitte nehmt zur Kenntnis, dass Gott in mir mächtig gearbeitet hat, was den Bereich Kritik angeht. Offen gesagt, ihr könntet gar nicht falscher liegen, selbst wenn ihr es darauf anlegen würdet.«
An dieser Stelle brachen beide in Gelächter aus, aus Gründen, die mir völlig unverständlich waren. Gerald war so mit Kichern beschäftigt, dass er gar nicht merkte, dass seine Haarspitzen in der Marmelade hingen. Das tröstete mich etwas.
Als sie sich wieder erholt hatte, sagte Anne: »Tut mir leid, Adrian, ich bin sicher, dass Gott mächtig in dir gearbeitet hat, es ist nur – «
»Dass es noch nicht offenbar geworden ist.«
»Nein, Gerald, bitte nicht – das wollte ich nicht sagen. Was ich sagen wollte«, fuhr Anne in ihrem vernünftigen Tonfall fort, »war, dass du dich wirklich verändert hast. Du hast ganz recht. Du bist dir jetzt viel mehr der Probleme und Fehler bei dir selbst bewusst, die du in der Vergangenheit überhaupt nicht bemerkt hast. Aber seien wir ehrlich, Schatz, es fällt dir immer noch nicht leicht – nun ja, dir anzuhören, was andere Leute darüber zu sagen haben, stimmt’s? Es ist sicherlich sehr nützlich und beeindruckend, wenn du vor großen Sälen voller Leute stehst und erzählst, dass du keine besonders großartige Person bist, aber schließlich hast du vollkommen in der Hand, was die Leute in so einer Situation über dich wissen dürfen, nicht wahr? Die halten dich sogar für umso toller, weil du so offen über deine Fehler redest, also gewinnst du so oder so, oder? Und das ist prima, solange du ein bisschen Kritik von Leuten wie uns vertragen kannst, die dir nahe stehen und sich nicht so leicht beeindrucken lassen.«
Sie beugte sich herüber und ergriff meine Hand. »Es tut mir leid, Schatz. Gerald und ich hätten eben nicht so über dich lachen sollen. Es war nur so witzig, dass du einen Wutanfall kriegtest, als ich dich dafür kritisierte, dass du jedes Mal einen Wutanfall kriegst, wenn jemand dich kritisiert. So war es doch, oder nicht? Adrian, du siehst doch, worauf ich hinauswill, nicht wahr?«
Vorübergehend gelähmt durch die Schlacht, die in mir tobte. Wollte nicht beleidigt oder wütend wirken, weil die beiden das sicher wieder als Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, interpretiert hätten, wollte aber auch nichts sagen, da ich wusste, dass es beleidigt oder wütend klingen würde, denn so fühlte ich mich im Moment nun einmal. Brachte eine Art hölzerne Nickbewegung mit glasigem Blick zu Stande.
»Falls es dir etwas hilft, Papa«, sagte Gerald, der inzwischen etwas auf die Rückseite eines Briefumschlages gekritzelt hatte, »hier ist ein kleines Gedicht zum Thema:
Frei bekenn’ ich meine Sünden,
denn Gott gewährt mir Gnade,
doch hältst du mir die Fehler vor,
polier’ ich dir die Fassade.
Trifft das ungefähr den Kern?«
Konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Anne ging frischen Kaffee aufsetzen.
Ich sagte: »Dann findet ihr die Idee mit der Unterstützergruppe also nicht gut?«
»O doch«, sagte Anne, »ich finde die Idee hervorragend, solange du dich wirklich angreifbar zeigst und sie nicht nur als Mittel gebrauchst, um – nun ja, um deinen Status als ›Star‹ zu betonen und zu genießen. Aber das willst du ja nicht, oder?«
Klingt ja, als wäre ich Robbie Williams.
»O nein … nein, das wäre schrecklich. Das fände ich absolut grauenhaft …«
»Und du willst doch sicherlich auch nicht die Zeit der anderen verschwenden, nicht wahr? Weißt du was? Warum bittest du nicht Edwin, eine Gruppe für dich zusammenzustellen? Er weiß am besten, welche Leute er darum bitten kann.«
»Ach«, sagte ich, »ich hatte eigentlich eher gedacht, ich würde mir aussuchen, wer dazukommt.«
»Genau«, sagten Anne und Gerald im Chor.
Dankte Gott widerwillig, aber aufrichtig für meine Familie, bevor ich heute Abend zu Bett ging.
Wüsste gern, ob Norma Twill in meiner Unterstützergruppe sein wird. Eigentlich aus keinem besonderen Grund. Wüsste es nur gern, weil sie – nun, weil sie sehr … äh … nett ist.
Mittwoch, 2. Februar
Zwei Uhr nachmittags.
Habe gerade mit Everett Glander zu Mittag gegessen, der sich immer noch nicht bekehrt hat, obwohl er doch nun schon seit zehn Jahren Kontakt zu mir hat – dem großen reisenden Evangelisten!
Werde allmählich ziemlich nervös. Wenn ich es nicht schaffe, die Person zu bekehren, die seit einem Jahrzehnt neben mir sitzt, wie soll ich dann bei irgendjemand anderem etwas bewirken? Was bilde ich mir eigentlich ein? Ich meine, ich fühle mich nicht einmal wie jemand, von dem man sich vorstellen könnte, dass Gott ihn gebraucht, um mit Menschen zu kommunizieren. Und was bringt mich auf den Gedanken, dass eine Gruppe vielbeschäftigter Leute ihre Zeit damit verschwenden würde, mich zu unterstützen, wenn sie selbst wichtige Dinge zu tun haben? Und warum sollte Gott überhaupt wollen, dass ich, ausgerechnet ich, hingehe und ihn repräsentiere? Angenommen, er will eigentlich gar nicht, dass ich ihn repräsentiere, aber meine Ohren sind vom Satan verstopft worden. Was ist, wenn der Teufel mich um den Finger gewickelt hat? Angenommen, ich wäre ein aktiver Handlanger des Bösen, ohne es zu merken. Was ist, wenn ich der Antichrist bin? Was ist, wenn ich tatsächlich das Tier aus der Offenbarung bin, dazu bestimmt, für alle Ewigkeit in den Feuersee geworfen zu werden?
Beunruhigt mich ein bisschen, der Gedanke.
23.30 Uhr.
Habe Gerald gezeigt, was ich im Büro geschrieben habe, als er heute Abend heimkam. Er las es und sagte: »Ja, sehr ausgewogener Gedankengang, Papa, wie üblich. Meinst du nicht, du hast dich da vielleicht ein kleines bisschen hineingesteigert? Wenn die Engel dereinst gemächlich durch die Stadt aus Gold schlendern und ihr Tier mit Pommes genießen, eingewickelt in alte Heukelbach-Traktate, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, dass du es bist, den sie da verzehren.«
Sagte ihm, dass ich eigentlich selbst nicht glaube, was ich da geschrieben habe – es käme mir nur sozusagen etwas albern vor, mir einzubilden, dass Gott mich »aussendet«. Er nickte sehr nachdenklich und sagte, er werde die Angelegenheit gründlich überdenken.
Weiß nicht, was mit Gerald im Moment los ist. Bin nicht sicher, ob wir uns Sorgen um ihn machen sollten oder nicht. Er hat seinen Job hingeschmissen und ist wieder bei uns eingezogen. Schön, ihn hier zu haben, aber was ist los? Im Moment lebt er von seinen Ersparnissen und sagt, er habe eine große Entscheidung zu treffen. Anne und ich ertappen uns ständig dabei, dass wir nervös hinter ihm herschleichen, als ob er jeden Augenblick explodieren könnte. Ständig macht er lange Spaziergänge oder arbeitet stundenlang an seinem Computer oder sitzt einfach still in seinem Zimmer.
Er sagt, er würde gerne mitkommen, wenn ich losziehe, um meine Ansprachen zu halten. Gutes Zeichen – oder?
Sicher.
Donnerstag, 3. Februar
Habe heute frei genommen, um einige wichtige Vorbereitungen zu treffen.
Kam spät herunter und stellte fest, dass Gerald bereits zu einem seiner Marathon-Spaziergänge aufgebrochen war. Fand einen Umschlag auf dem Küchentisch, der schlicht an »666« adressiert war. Finde ich überhaupt nicht amüsant. Drinnen waren vier beschriebene Blätter. Das erste las sich folgendermaßen:
Lieber Spielball Satans,
habe über das nachgedacht, was du gestern gesagt hast, und bin zu dem Schluss gekommen, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst, solange du nicht tatsächlich anfängst, dich für jemanden zu halten, auf dessen Mitarbeit zu verzichten Gott sich gar nicht leisten könnte. Er hat schon immer Idioten gebraucht – tut mir leid, ich meine damit nicht, dass du ein Idiot bist. – Du weißt schon, wie ich das meine. Was ich sagen will, ist: Es gibt keine besonderen Leute, nur gewöhnliche. Wenn er meint, dass du ihm von Nutzen sein kannst, dann ist das sein Problem, nicht deines. Ich dachte mir, dich interessiert vielleicht der beigelegte Abschnitt aus der Bibel, den ich ein wenig umgeschrieben habe. Ich glaube eigentlich nicht, dass es damals anders war. Gewöhnliche Leute – etwas anderes gibt es nicht.
Alles Liebe,
der Sohn des Tieres.
Machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und faltete die drei Blätter auseinander, die mit dem Brief im Umschlag gewesen waren. Habe Geralds »umgeschriebenen Bibelabschnitt« hier abgeschrieben. Was wohl Gott davon hält? Ich habe so ein komisches Gefühl, als ob er für Gerald die Regeln ein bisschen großzügiger auslegt …
»Nach diesem aber bestellte der Herr auch siebzig andere und sandte sie zu je zwei vor seinem Angesicht her in jede Stadt und jeden Ort, wohin er selbst kommen wollte. Er sprach aber zu ihnen: ›Die Ernte zwar ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte. Gehet hin! Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Traget weder Börse noch Tasche noch Sandalen, und grüßet niemand auf dem Weg.‹
Und siehe, einer von den siebzig erhebt seine Hand und fraget: ›Wenn du ›Sandalen‹ sagst, Herr, sollen wir das als allgemeinen Oberbegriff für alle Arten von Fußbekleidung verstehen, oder geht es dir insbesondere um Sandalen. Ich frage nur, sintemal ich ein außerordentlich schönes Paar Wanderschuhe besitze, ideal für Leute, die umherwandern, wie du es uns wahrlich befiehlst.‹
Bevor der Herr antworten konnte, fällt ihm ein anderer ins Wort und spricht: ›Herr, ich habe deine Worte vernommen, aber siehe, die Haut unter meinen Füßen und auch unter den Füßen meines Freundes Fidybus – dessen, der mit mir zusammen eine Zweiergruppe bildet, sintemal wir über längere Zeit gut miteinander auskommen und das schon immer so war, seit wir als Knaben zusammen spielten … äh, mir entfällt, was ich sagen wollte …‹
Jesus spricht müde: ›Etwas über die Haut unter deinen Füßen und denen deines Freundes Fidybus?‹
›Ah, wahrlich, ja, jetzt kommt es mir wieder. Die Haut unter meinen Füßen ist ebenso wie die unter den Füßen meines Freundes Fidybus, denn sie wird auf steinigem Boden bald wund und empfindlich. Und uns kommt der Gedanke, dass der Anblick zweier Männer, die einander stützen und langsam und unter Schmerzen einherhumpeln und ›Uh!‹ und ›Ah!‹ und ›Au!‹ machen, wann immer einer von ihnen einen Fuß auf die Erde setzt, diejenigen in den Städten und Orten, in die du uns sendest, zum Spott veranlassen könnte, wenn wir die Botschaft verkündigen, dass der Sohn Gottes naht. ›Wie müssen erst seine Füße aussehen, wenn er noch nicht einmal mit diesen beiden Clowns Schritt halten kann!‹ werden sie höhnen. Dürfen wir daher, Meister, um deinen Segen für den Einfall bitten, Lumpen um jeden meiner Füße und jeden der Füße meines Freundes Fidybus zu wickeln? Schließlich fallen Lumpen keineswegs unter die Wörterbuchdefinition von Sandalen, stimmst du uns nicht zu?‹
Und siehe, ein wahrliches Babel fußbekleidungsbezogener Anfragen erfüllt die Luft, und Jesus erhebt seine Hand und spricht: ›Moment mal! Lasst mich die Sache klarer ausdrücken. Keine Sandalen bedeutet nichts an den Füßen, ja? Nichts! Weder Wanderstiefel noch Lumpen noch Tennisschuhe noch Skateboards noch irgendetwas, das ich im weitesten Sinne des Wortes als Sandale auslegen könnte. Habt ihr das alle verstanden? Gut. Und nun, macht euch auf zu je zwei, und – ‹
›Äh, entschuldige, Herr.‹
›Ja, Thomas?‹
›Wegen deines Befehls, dass wir zu je zwei gehen sollen.‹
›Ja?‹
›Äh, niemand will mit Thribbiel gehen.‹
Und der Herr fragt: ›Nun, und warum will niemand mit Thribbiel gehen? Er sieht doch ganz verträglich aus.‹
›Er ist ein bisschen merkwürdig, Herr.‹
›Nun, wir sind alle ein bisschen merkwürdig, oder nicht? Wie auch immer, ich organisiere es immer so, dass wir eine gerade Anzahl ergeben. Mit wem gehst du, Thomas?‹
Thomas erwidert traurig: ›Mit mir will auch niemand gehen, Herr. Schon in der Grundschule hat mich nie jemand ausgewählt.‹
›Nun, könnte es nicht sein, dass Thribbiel mit dir gehen will?‹
›Ich bezweifle es.‹
›Nun, dann fragen wir ihn doch einfach, was meinst du? Thribbiel, möchtest du Thomas begleiten?‹
›Ja, Herr, aber könntest du ihn bitten, dass er sich ein bisschen weniger negativ benimmt? Er kann einen so richtig ›runterziehen‹.‹
›Thomas, kannst du das tun?‹
›Ich bezweifle es, aber wahrlich, ich werde es versuchen.‹
›Gut‹, spricht der Herr, ›und nun können wir vielleicht endlich weitermachen. Macht euch auf zu je zwei, und – ‹
›Befiehl Thribbiel, dass er nicht so viele Witze macht, Herr. Es liegt wenig Sinn darin, dass ich positiver bin, wenn er nicht einmal versucht – ‹
›Macht das unter euch aus!‹ spricht der Herr. ›Wahrlich, diese ganze Angelegenheit wirkt eher wie ein Kindergartenpicknick denn wie ein Auftrag, das Reich Gottes zu errichten.‹ Er hält inne, um sich zu sammeln. ›Also, ich wiederhole meinen Befehl, dass ihr euch zu je zwei aufmacht, weder Beutel noch Tasche noch Sandalen tragt und unterwegs niemanden grüßt. Und jetzt geht!‹
Doch sofort erhebt einer der Siebzig seine Hand, um den Herrn zu fragen, ob er ein kleines rosa Handtuch mitnehmen dürfe, und sofort fangen alle wieder von vorne an. Einer erkundigt sich bezüglich seines Kulturbeutels, der genau in eine kleine Tasche passt, die ihm seine Mutter extra in sein Gewand genäht hat, ein anderer fleht, ihm möge ein kleines Stofftier gestattet sein, ohne welches er sich nachts nicht sicher fühlt, und wieder ein anderer wünscht für den Fall, dass er den Herrn selbst unterwegs trifft, zu wissen, ob der Befehl, niemanden zu grüßen, auch für diesen Fall gilt, bis sich, siehe, ein großer Lärm törichter Fragen erhebt.
Da ruft der Herr laut nach Ruhe und spricht: ›Hört mal, ich glaube, wir haben den Sinn dieser Reise noch nicht ganz begriffen, nicht wahr? Es geht nicht darum, dass ihr alle möglichen Sachen in euer Gepäck schmuggelt und euch darauf herausredet, dass Stofftiere nicht durch die Duden-Definition von Sandalen abgedeckt sind, sondern darum, dass ihr von mir abhängig seid! Versteht ihr das? Kein Beutel, keine Tasche, keine Sandalen, kein Teddybär, keine Visakarte – geht einfach!‹ Darauf senkt sich ein langes Schweigen herab, und gerade als Jesus schon glaubt, sie seien jetzt tatsächlich zum Aufbruch bereit, erhebt sich eine ängstliche Hand.
Jesus betrachtet den Besitzer der Hand mit zusammengekniffenen Augen. ›Ja?‹
›Äh, wegen deines Befehls, dass wir keine Börse mitnehmen sollen, Herr?‹
›Ja‹
›Nun, äh, um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was eine Börse ist, Herr, und, nun ja, es macht mir Sorgen, dass ich, äh, eine Börse mitnehmen könnte, ohne zu wissen, dass ich sie habe. Also dachte ich mir …‹
Als sie das hören, spotten die anderen neunundsechzig laut, lachen und rufen: ›Ha! Du Depp! Weißt du nicht, was eine Börse ist? Das weiß doch jedes Kind. Was für ein Trottel!‹ Da knirscht Jesus mit den Zähnen und spricht: ›Also schön, wer kann uns sagen, was eine Börse ist?‹
Und siehe, das Lachen verfliegt von den Gesichtern der neunundsechzig. Einer wagt eine Vermutung, eine Börse habe etwas mit Aktien zu tun.
Jesus schüttelt den Kopf und spricht: ›Also schön, wie viele wissen nicht, was eine Börse ist?‹
Alle siebzig erheben ihre Hände.
Jesus stößt einen kleinen Seufzer aus, lächelt vor sich hin und spricht: ›Na gut, setzt euch wieder hin. Ich fange noch einmal von vorne an …‹«
Freitag, 4. Februar
Was Gerald gestern gesagt hat, hat mich sehr aufgeheitert und inspiriert. Er hat absolut recht! Ich bin qualifiziert, für Gott zu sprechen, gerade weil ich nur ein ganz gewöhnlicher Nachfolger bin. Bilde mir ein, dass ich diese Tatsache jetzt mehr zu schätzen weiß als die meisten Leute. Ich brenne regelrecht für den Herrn! Kann es kaum erwarten, morgen zu einer Veranstaltung bei »Reginalds und Eileens Nachmittagstee-Club« in West Hammerton zu fahren, einem Dorf hier in der Nähe. Diese Leute haben mich eigens gebeten zu kommen. Sie freuen sich darauf, und ich werde ihnen nicht durch meine dummen Sorgen um mich selbst die Freude oder den Zugang zu geistlichen Dingen vermiesen.
Halleluja!
Samstag, 5. Februar
Kam um halb drei mit Gerald im Gemeindehaus in West Hammerton an, reichlich rechtzeitig für meinen Vortrag, der für drei Uhr angesetzt war. Ging in die Halle mit meinem schüchternen Ja-ich-bin’s-Leute-aber-ich-bin-auch-nicht-andersals-ihr-Ausdruck auf dem Gesicht. Hätte mir die Mühe sparen können. Es schien sowieso niemand zu merken, wer ich war.
Als wir eintraten, kam ein elegant gekleideter, ziemlich alter Mann mit steif militärischer, aber schon etwas unsicherer Haltung auf uns zu, der sich als Mr. B. Granger vorstellte, Sekretär von Reginalds und Eileens Nachmittagstee-Club. Sagte, die Person, die mich eingeladen habe, könne leider nicht kommen, weil sie inzwischen verstorben sei (eine erbärmlich lahme Ausrede, wie Gerald später bemerkte), sodass er eigentlich nicht so recht wisse, was hier eigentlich laufe.
Erschwerend komme hinzu, erklärte er mit seiner altersdumpfen, bellenden Stimme, dass ich die Alternative zu jemandem sei, der, soweit ich es verstehen konnte, nicht hatte an die Stelle eines Mannes treten können, der nicht als Ersatz für eine Frau hatte kommen können, die abgesagt hatte, einen wunderbaren Menschen namens Mr. A. Whittle zu vertreten, der ein Experte über »West Hammerton in alter Zeit« war und dessen Erscheinen (nebst dem seiner Dias) eigentlich der allgemeine Wunsch gewesen wäre.
Ob ich auch Dias mitgebracht hätte? Nein, weniger. – Oh.
Auf eine Frage von Gerald hin erklärte Mr. B. Granger, dass
»Reginalds und Eileens Nachmittagstee-Club« seinen Namen der Tatsache verdanke, dass er vor vielen Jahren von zwei Leuten namens Reginald und Eileen ins Leben gerufen worden war, die inzwischen ebenfalls verstorben waren.
Gerald nickte verständnisvoll.
Die meisten der etwa zwanzig älteren Leute, die in Viereroder Fünfergruppen an den kleinen Tischen saßen, starrten mich an, als ich Mr. B. Granger zu der Stelle folgte, wo ein Mikrofon gestanden hätte, wenn sie eines besessen hätten.
Sie hassen mich, dachte ich, weil ich nicht Mr. A. Whittle bin und weil ich keine Dias habe.
Mr. B. Granger blickte verstohlen auf ein kleines Stück Papier, das er in der Handfläche verborgen hielt, und räusperte sich gebieterisch.
Er sagte: »Also, fangen wir an, meine Damen und Herren. Zuerst die Bekanntmachungen.« Pause. »Es gibt keine. Hat irgendein Mitglied vor der Vorstellung des Referenten etwas bekanntzugeben?«
Eine uralte, weißhaarige kleine Dame, von der Last der Jahre gebeugt, hebelte sich von ihrem Stuhl hoch und machte sich entschlossen auf den verschlungenen Weg nach vorne, von wo sie sich mit zittrig aggressiver Stimme an die Versammlung wandte.
»Ich wollte nur sagen, dass ich seit zwanzig Jahren alle sechs Club-Tischtücher mit nach Hause genommen und gewaschen habe und nicht bereit bin, das noch weiter zu tun. Es ist an der Zeit, dass mal jemand anderes an die Reihe kommt.«
»Worin genau besteht diese Aufgabe, Mrs. Lazenby?«, erkundigte sich Mr. B. Granger in ernstem, dienstbeflissenem Tonfall.
»Man muss einmal im Jahr alle sechs Tischtücher mit nach Hause nehmen und waschen«, sagte Mrs. Lazenby ziemlich erwartungsgemäß. »Aber das mache ich jetzt schon seit zwanzig Jahren, und ich glaube, ich habe meinen Teil getan. Es ist an der Zeit, dass auch mal jemand anderes drankommt. Ich bin nicht bereit, es noch weiterhin zu tun. Ich habe es zwanzig Jahre lang gemacht, und ich glaube, das reicht. Nun kann jemand anderes – «
»Mrs. Lazenby hat es zwanzig Jahre lang gemacht«, unterbrach Mr. B. Granger, der offenbar merkte, dass die ständige Wiederholung dieser Beschwerde Mrs. Lazenby enorme Befriedigung verschaffte und dass sie vermutlich bis in alle Ewigkeit fortfahren würde, ihren Standpunkt deutlich zu machen, wenn niemand sie aufhielt, »und ich glaube, sie hat ihren Teil getan. Es ist an der Zeit, dass jemand anderes an die Reihe kommt, denn sie ist nicht bereit, es auch weiterhin zu tun.« Er räusperte sich noch einmal. »Ich möchte im Namen aller Mrs. Lazenby unseren Dank und unsere Anerkennung für die Arbeit ausdrücken, die sie während der letzten zwanzig Jahre bezüglich der Tischtücher auf sich genommen hat. Drücken wir ihr wie üblich unsere Wertschätzung aus, wenn sie sich nun von dem Posten zurückzieht, auf dem sie uns so großartige Dienste geleistet hat, und das seit – «
»Zwanzig Jahren«, ergänzte Mrs. Lazenby genussvoll, »und ich bin nicht bereit – «
»Vielleicht möchte sich nach dem Vortrag, wenn die Erfrischungen gereicht werden, eine Freiwillige – oder ein Freiwilliger« – Heiterkeit an den Tischen – »melden. Nochmals vielen Dank, Mrs. Lazenby, für Ihre unschätzbaren Bemühungen um unseren Club.«
Mrs. Lazenby trat, begleitet von unverhohlen lustlosem Applaus, widerstrebend, aber triumphierend den verschlungenen Rückweg zu ihrem Tisch an, wo sie sofort mit ihren zwei unmittelbaren Sitznachbarn eine heftig geflüsterte Diskussion über die Tatsache begann, dass sie es zwanzig Jahre lang gemacht habe und nicht bereit sei, es noch weiterhin zu tun …
»Schön«, hakte Mr. B. Granger die »Bekanntmachungen« auf seinem kleinen Zettel ab, »kommen wir zu unserem Referenten. Und wir schätzen uns in der Tat sehr glücklich, heute Mr. E. Bass hier begrüßen zu dürfen, einen sehr beliebten örtlichen Laienprediger.«
(Das einzig Zutreffende an dieser Vorstellung waren die Geografie und das Geschlecht, was, wie Gerald später bemerkte, nicht viel nützt, falls man kein reisender Gynäkologe ist.)
»Mr. Bass’ Vortrag, dem wir alle mit … äh … mit großer Vorfreude entgegensehen, trägt den Titel« – ein kurzes Schielen auf den Zettel – »trägt den Titel ›Lesungen aus dem Tagebuch eines frohen Choristen‹ und wird uns bis zum Tee um fünfzehn Uhr fünfunddreißig beschäftigen. Es gibt keine Dias. Vielen Dank, Mr. Bass.«
Die einzige Person in jenem Raum, mich selbst eingeschlossen, der meine dialosen »Lesungen aus dem Tagebuch eines frohen Choristen« Spaß machten, war Gerald, der natürlich jeden Augenblick auskostete. Der Rest meines Publikums starrte mich entweder mit unverhohlener Verwirrung oder schwerhöriger Verständnislosigkeit an, während ich mich, die Oberlippe unangenehm an den Zähnen klebend, durch eine halbe Stunde völlig ungeeigneten Materials quälte, das nicht das leiseste Schimmern eines Lächelns hervorzurufen vermochte. Genauso gut hätte ich versuchen können, Pflanzen mit Sand zu gießen.
Auch nicht gerade hilfreich war die Tatsache, dass ungefähr zehn Minuten vor dem Ende des Vortrags zwei Damen an unterschiedlichen Tischen sich wie durch Zauberei in exakt demselben Moment erhoben und in der Küche verschwanden, wo sie die nächsten zehn Minuten damit verbrachten, mit allem möglichen Zeug herumzuklappern und zu klirren und zu scheppern und sich dabei so laut zu unterhalten, dass sie einander über ihr eigenes Geklapper und Geklirr und Geschepper hinweg verstehen konnten.
War hinterher total ausgelaugt. Als Mr. B. Granger dazu einlud, Fragen zu stellen, meldete sich nur ein Zuhörer.
War ich bekannt mit Mr. A. Whittle, der einen Vortrag mit höchst interessanten Dias aus dem alten West Hammerton hielt? Nein, leider war ich nicht bekannt mit Mr. A. Whittle, der einen Vortrag mit höchst interessanten Dias aus dem alten West Hammerton hielt.
Diese Information schien jedem weiteren Interesse den Garaus zu machen. Verspürte den starken Wunsch, Mr. A. Whittle den Garaus zu machen und ihn mitsamt seinen Dias zu Reginald und Eileen zu befördern.
Hatte meinen Tee dringend nötig. Gerald kam mit den alten Leuten prächtig zurecht. Brachte sie zum Lachen und verwickelte sie in lockere Plaudereien. Wünschte, er hätte den Vortrag gehalten. Ich will nie wieder einen halten – niemals.
Die Versammlung endete mit dem Absingen des Clubliedes, angeleitet von einem Klavier in der Ecke, dessen Tastatur ebenso lückenhaft zu sein schien wie das Gebiss des alten Herrn, der es mit zittriger Großtuerei bearbeitete. Der Text des Liedes, das mit großer Inbrunst zweimal gesungen wurde, lautete folgendermaßen:
Reginald und Eileen sind nicht mehr unter uns,
denn hingerafft hat sie der Tod vor langer Zeit,
doch tut’s uns auch weh, wir treffen uns zum Tee,
und alle Welt ist Zeuge uns’rer Fröhlichkeit.
Gerald fuhr uns nach Hause. Ich saß jämmerlich da, mein im Voraus geschriebenes Dankeskärtchen (»Wir alle wissen die neuen Einsichten in die Arbeit unserer Chöre, die Sie uns heute Nachmittag vermittelt haben, sehr zu schätzen«) und meinen Fünf-Pfund-Schein in der Hand umklammert, und fragte mich, wie ich es anstellen konnte, alle weiteren Termine abzusagen. Auf dem ganzen Heimweg produzierte Gerald, der immer noch das Bedürfnis hat, jeden Witz bis zur bitteren Neige auszuweiden, deprimierend akkurate Imitationen von Mr. B. Granger, wie er sagte: »Mr. E. Bass, ein sehr beliebter örtlicher Laienprediger, dessen Vortrag den Titel ›Lesungen aus dem Tagebuch eines frohen Choristen‹ trägt.«
Anne und Thynn, der auf eine Tasse Tee vorbeigekommen war, lachten Tränen, als Gerald ihnen von meinem albtraumhaften Erlebnis erzählte.
Vielleicht sollte meine Unterstützergruppe aus chronisch Depressiven bestehen; dann könnten die wenigstens zweimal im Monat auf meine Kosten herzhaft lachen.
Der arme alte Leonard ist immer noch etwas angeschlagen seit dem Tod seiner Mutter. Doch wie er heute abend sagte, kann sie jetzt unter all den himmlischen Wesen wenigstens verstehen, was die anderen sagen. Was Leonard gegen Ende ihres Lebens zur Raserei brachte, war, dass sie sich weigerte, ein Hörgerät zu tragen, weil sie ihrer Meinung nach nicht schwerhörig war, sondern nur nicht verstehen konnte, was die Leute sagten.
Wir bekommen L. T. zurzeit ziemlich häufig zu sehen.
Sonntag, 6. Februar
Habe heute in der Gemeinde ein paar Worte mit Gott gewechselt. Bat ihn um irgendetwas, das mir hilft, die ganze Sache mit den Vorträgen wieder positiver zu sehen. Ich scheine viel zu leicht das Selbstvertrauen zu verlieren.
Als ich mit den anderen herauskam, blickte ich auf und sah eine Wolke, die genau wie Südamerika aussah. Fragte mich, ob das vielleicht »das Zeichen« wäre. Wies Richard Cook auf die Wolke hin.
Ich sagte: »Siehst du die Wolke dort, die genau wie Südamerika aussieht? Meinst du, das könnte ein Zeichen sein?«
Er sagte: »Ja, könnte sein, nur ist das nicht Südamerika. Sie hat genau die gleiche Form wie Italien. Das ist erstaunlich! Gott ruft dich nach Italien.«
Dachte mir, ich höre lieber mal, was die anderen denken. Gerald meinte, seiner Ansicht nach sei es der indische Subkontinent.
Anne (die besonders den Westen Englands liebt) sagte, es sei ganz bestimmt die Lizard-Halbinsel in Cornwall.
George Farmer wusste, dass es nur Grönland sein könnte, was, wie er sagte, eine Bestätigung für das sei, was er schon seit jeher über mich dachte.
Thynn sagte, es sei eine Karotte, und vertrat die Ansicht, ich sei berufen, denen zu dienen, die mit Wurzelgemüse arbeiten.
Kam schließlich zu dem Schluss, dass die Wolke doch nicht das Zeichen war, nach dem ich Ausschau hielt, es sei denn, Gott erwartet von mir, dass ich den größten Teil unseres Planeten bekehre, nicht zu vergessen diejenigen, die mit Wurzelgemüse arbeiten. Ich meine, Gott hat die Welt erschaffen, oder nicht? Dann müsste er doch auch in der Lage sein, ein Stück davon akkurat zu zeichnen, wenn er will.
Montag, 7. Februar
Die Wolken haben sich geteilt! Wenn ich auch sagen muss, dass es reichlich lange gedauert hat …
Erwachte in finsterer Stimmung.
Gerald, der sich bereiterklärt hat, als mein unbezahlter Teilzeitsekretär zu agieren, solange er zu Hause ist, überreichte mir heute Morgen den folgenden Brief. Er sei mit der ersten Post gekommen, sagte er. War ziemlich aufgeregt, als ich zu lesen begann. Darin stand Folgendes:
Sehr geehrter Mr. Plass,
Grüße im Namen dessen, der uns bevollmächtigt.
Hiermit setzen wir Sie davon in Kenntnis, dass das betende Nachdenken unseres Gemeindevorstandes Sie als Gottes auserwählten Gastredner zum Anlass unserer diesjährigen Herbst-Familien-Gemeindefreizeit offenbart hat. Ihre Botschaft wird am Freitag, dem achten September, um neunzehn Uhr dreiunddreißig ausgerichtet werden und sollte nicht länger als siebenundzwanzig Minuten sein, einschließlich einer abschließenden fünfminütigen Zeit, in der sich Zeichen (bitte ohne Ruhen im Geist und langwierige individuelle Dienste) an und unter der Versammlung manifestieren können. Ihr Vortrag muss sich auf angemessene biblische Bezüge stützen (bitte anhand der Revidierten Urtextgetreuen Umgangssprachlichen Dogmatisch Unverfänglichen Übersetzung der Heiligen Schrift) und sollte sich in drei leicht verständliche Abschnitte teilen, deren Überschriften mit demselben Buchstaben beginnen.
Humor in begrenztem Umfang (bitte mit Zurückhaltung) ist zu Beginn zulässig, um zu demonstrieren, dass Christen auch Sinn für Spaß haben, sollte jedoch bald einer ermahnenden und belehrenden Redeweise weichen, die in einem beherrschten, dabei jedoch auch bewegend leidenschaftlichen Appell zur Veränderung des Lebens gipfelt, etwa um die Zwanzig-Minuten-Marke. Bitte betonen Sie, dass solche Veränderungen sich innerhalb eines konfessionellen Bezugsrahmens vollziehen sollten. In der Vergangenheit haben einige Referenten bedauerlicherweise gewissermaßen alle Zäune niedergerissen, sodass einzelne Mitglieder unserer Gemeinde auf Abwege gerieten und zu neuen geistlichen Weiden abwandern konnten. In diesem Zusammenhang möchten wir Sie bitten, die gottgegebene Autorität unserer Gemeindeältesten zu betonen sowie die Tatsache, dass Ihre Aufgabe einfach darin besteht, die anwesenden Gemeindeglieder in ihre Richtung zu weisen.
Bitte fordern Sie nicht zu Fragen auf, da diese unweigerlich den Zeitplan durcheinanderbringen und oft eine verwirrende Wirkung auf jene haben, die noch nicht fest auf unser Verständnis und unsere Auslegung des Wortes gegründet sind.
Wir möchten Sie bitten, über das Thema »DEM GEIST RAUM GEBEN« zu sprechen. Bitte fühlen Sie sich (innerhalb der oben genannten Richtlinien) frei, der Führung des Herrn in der Verkündigung seines Wortes zu folgen, wie es Ihnen aufgetan wird.
Bitte informieren Sie uns über das Honorar, das Sie voraussichtlich dafür verlangen werden, bei diesem Anlass das Werk des Herrn zu tun, wobei Sie bitte bedenken wollen, dass wir, abgesehen davon, dass wir bereits schwer verschuldet sind, während wir auf die Bestätigung warten, dass gewisse Glaubensunternehmungen wirklich von Gott sind, wahrscheinlich am Ende der Veranstaltung zahlungsunfähig sein werden und dass alles überzählige Geld ohnehin im Allgemeinen fortgegeben wird, um das Leiden kranker und hungernder Kinder zu lindern, um die sich niemand kümmert und die in den von Armut geschlagenen Teilen der Welt einsam in der Gosse dahinvegetieren.
Ihre Fahrtkosten werden wir selbstverständlich übernehmen. Wir beabsichtigen, bei der Überlandbus-Gesellschaft einen Fahrschein zu erwerben und Ihnen zuzusenden, deren Fahrplan eine ideale Verbindung ausweist, Abfahrt von Ihrem Wohnort um fünf Uhr dreißig morgens am fraglichen Freitag, voraussichtliche Ankunft um achtzehn Uhr dreißig in einer Ortschaft, die zwei Meilen vom Veranstaltungsort entfernt liegt. Der letzte Abschnitt Ihrer Reise könnte in Form eines forschen Spazierganges vor sich gehen (nicht unakzeptabel nach einer Tagesreise im Bus, wie ich zuversichtlich annehme), oder falls Sie sich dazu entschließen sollten, glaube ich, dass in der Ortsmitte auch Taxis zur Verfügung stehen. Freilich vermute ich, dass es Ihnen widerstreben dürfte, einen so großen Anteil Ihres Honorars dafür aufzuwenden.
Sollten sich größere Schwierigkeiten ergeben, und nur wenn unbedingt nötig, können Sie uns natürlich am Veranstaltungsort telefonisch erreichen, aber ich möchte Sie darauf hinweisen, dass sich dort nur ein Telefon befindet, und zwar im hintersten Winkel eines ausgedehnten und durch zahlreiche Schlösser gründlich abgesicherten Kellersystems unter einem ganz anderen Gebäude als dem, das wir benutzen werden, und dass der Verwalter des Zentrums, der sich bereits im fortgeschrittenen Alter befindet, unter Arthritis leidet und Sonderwünschen nicht sehr zugänglich ist, keinen telefonischen Zugang zu Besuchern erlaubt. Sicherlich verstehen Sie, dass wir seinen guten Willen in dieser Hinsicht nicht überstrapazieren wollen. Wenn Sie sich zu dem Fußmarsch entschließen (und die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen), sollten Sie spätestens um neunzehn Uhr bei uns sein, sodass Ihnen noch eine gute halbe Stunde Zeit bleibt, um das Zentrum zu erkunden, sich ein oder zwei Minuten auszuruhen, Ihr Abendessen einzunehmen, das June Salmons in eine Schüssel gießen und aufbewahren wird, um es Ihnen aufzuwärmen, ein paar von den Leuten zu begrüßen, zu denen Sie sprechen werden, ein Kennenlern-Spiel zu beaufsichtigen, ein kurzes Wort an die Kindergruppe zu richten, deren Veranstaltung kurz vor der unsrigen beginnt, und sich den Ältesten zu einer Zeit der Unterweisung und des Gebets anzuschließen, bevor Sie mit Ihrem Vortrag beginnen.
Ich schätze, dass bei der Veranstaltung etwa dreihundert Personen anwesend sein werden. Der Saal, den wir benutzen, war früher ein Arm eines alten Klosterganges und ist, wenngleich sehr lang, doch auch sehr schmal. Wie Sie sich vorstellen können, ist es eine anregende Herausforderung für einen Redner, mit einem Publikum aus fünfundsiebzig Viererreihen zu kommunizieren, insbesondere, wenn, wie es hier der Fall ist, kein Lautsprechersystem zur Verfügung steht. Bitte sprechen Sie laut und deutlich, da die meisten unserer älteren Freunde gerne hinten sitzen, um leichter hinauszukommen, wenn sie sich langweilen oder die sanitären Einrichtungen aufsuchen müssen.
Nach der Versammlung sind Sie herzlich eingeladen, noch zu bleiben und sich mit den Leuten zu unterhalten, solange Sie es wünschen, wenn wir auch vollstes Verständnis dafür haben, dass Sie rechtzeitig in die Stadt zurückkehren müssen, um den Bus für Ihre Heimreise zu erreichen, der um einundzwanzig Uhr dreißig abfährt. Falls Sie schweres Gepäck zurück in die Stadt zu tragen haben, sagen Sie nur den Ältesten Bescheid, die Ihnen gern ihre Dienste zu sehr günstigen Preisen anbieten werden.
Vielleicht sollte ich am Rande noch erwähnen, dass auch die Möglichkeit einer Übernachtung im Konferenzzentrum besteht, und für den Fall, dass Sie sich dazu entschließen wollen, lege ich Ihnen gerne die gültige Preisliste bei. Der Gruppenrabatt, den die Mitglieder unserer Gemeinde genießen, würde Ihnen, fürchte ich, nicht zugute kommen, und ich muss auch betonen, dass Ihre Rückfahrkarte, falls Sie als zahlender Gast bleiben, ihre Gültigkeit verlieren wird, sodass Sie für eine alternative und möglicherweise sehr kostspielige Rückreisemöglichkeit für den folgenden Tag sorgen müssten. Das Letzte, das wir wollen, ist, dass Sie am Ende mit leeren Taschen dastehen und sich ausgenutzt fühlen. Das wäre nicht sehr christlich, nicht wahr?
Bitte bestätigen Sie uns so bald wie möglich Ihre Verfügbarkeit für diese Veranstaltung und Ihre Zustimmung zu den oben ausgeführten Punkten.
Ihr
Dennis Floom
(Für die Gemeinschaft des offenen Herzens)
P.S.: Bitte legen Sie Ihrer Antwort einen frankierten und adressierten Rückumschlag für die Zusendung Ihrer Busfahrscheine bei.
Gerald muss mich für schrecklich naiv halten. Merkte, dass der Brief nicht echt war, sobald ich mir die Worte auf dem Papier näher ansah und die Schrift von Geralds Maschine erkannte. Wollte gerade anmerken, dass ich Witze über Einladungen zu Vorträgen im Moment nicht besonders witzig finde, als er mir einen anderen Brief übergab, der mir von meinem Verlag zugeleitet worden war.
Ich traute meinen Augen nicht!
Der Brief kam aus einem Ort namens Bongalinga Creek in Westaustralien und setzte mich davon in Kenntnis, dass die Gemeinden von Bongalinga Creek eine Inszenierung der
»Theatralischen Tonbänder des Leonard Thynn« planten, eines Buches, das ich vor einigen Jahren geschrieben habe und das vom Einstudieren eines Stückes für ein lokales Theaterfest handelt. Man entschuldigte sich für die kurzfristige Benachrichtigung, aber aufgrund einer erst ganz kürzlich eingegangenen, zweckbestimmten, anonymen Spende sei man in der Lage, mich und Leonard einzuladen, NACH AUSTRALIEN ZU KOMMEN und der Vorstellung am vierundzwanzigsten März dieses Jahres beizuwohnen, und ALLE KOSTEN WÜRDEN ÜBERNOMMEN. Falls ich Lust hätte, auf ein paar Veranstaltungen zu sprechen, wenn ich schon da wäre, könne man vermutlich AUCH FÜR ANNE DIE REISE BEZAHLEN.
Konnte vor Aufregung kaum sprechen. Musste erst grundlos den ganzen Weg bis hinauf zum Dachboden und zurück rennen, bis sich all die hüpfenden Sprungfedern in meinem Innern wieder beruhigten. Gerald sagt, wenn etwas daraus wird, will er mitkommen und seine Reise selbst bezahlen. Konnte gar nicht erwarten, es Anne zu erzählen, als sie mittags nach Hause kam. Hatte schreckliche Angst, ihr würde irgendeine blöde Hochzeit oder Beerdigung einfallen, an der die Reise scheitern würde. Die Sorge hätte ich mir sparen können. Sie sagte, das Einzige, was mich daran hätte hindern können zu fahren, wäre gewesen, wenn sie nicht hätte mitkommen können. Alle drei vollführten wir einen kleinen Tanz durch die Küche. Ist das aufregend!
Ich bin ein internationaler Redner, und ich fliege nach Australien! Ich fliege nach Australien, und ich bin ein internationaler Redner! Nach Australien fliege ich in der Rolle eines internationalen Redners!
Ich halte Vorträge in Australien auf internationaler Basis!
Internationaler Vortragsdienst ist die Basis, auf der ich nach Australien fliege!
Rief heute Abend Leonard an. Erzählte ihm, dass wir nach Australien fliegen und dass er Ehrengast bei der Aufführung in Bongalinga Creek sein wird.
»Großartig!«, sagte er. »Muss ich dafür Übernachtungszeug einpacken?«
Dienstag, 8. Februar
Den ganzen Tag über bester Laune.
Heute Abend ein Anruf von Pastor Spool, dem Pfarrer der St.-Dermot’s-Kirche am anderen Ende der Stadt.
Er sagte: »Ah, Mr. Plass, darf ich Ihnen sagen …«
»Nennen Sie mich Adrian.«
So sind wir internationalen Redner nun einmal.
»Nun, das ist sehr freundlich, bitte fühlen Sie sich frei, mich mit Vladimir anzureden.«
»Vladimir?«
»Vladimir, ja, richtig. Nun, Adrian, ich rufe an, um zu fragen, ob Sie vielleicht freundlicherweise die Möglichkeit in Betracht ziehen könnten, uns hier in St. Dermot’s am Sonntag, dem dreizehnten März, mit einem Besuch zu beehren. Mir ist natürlich klar, dass jemand, der so bekannt ist wie Sie, ohnehin schon einen ziemlich vollen Terminkalender hat, aber ich dachte mir …«
Tat so, als blätterte ich durch einen Kalender voller Auslandsreisen, und erwiderte: »Schauen wir mal. Ja, die Australienreise ist erst später in dem Monat, das wäre also kein Problem …«
»Australien – meine Güte, was für eine Anhängerschaft Sie haben müssen, Adrian. Ich nehme an, Sie reisen durch die ganze Welt, was?«
»Nun …«, lachte leichthin, als wollte ich es nicht zu sehr aufbauschen, »so würde ich das nicht ausdrücken.«
»Sie würden es nicht so ausdrücken! Aber ich bin ganz sicher, dass es wahr ist!«
»Oh nein …«
»Sie meinen also, Sie könnten uns am dreizehnten noch hineinquetschen? Unsere Gemeinde wäre sehr begeistert, wenn das möglich wäre.«
»Ja, ich glaube, da kann ich Ihnen helfen, äh, Vladimir. Ich trage es mir gleich in den Kalender ein. Es handelt sich vermutlich um den Vormittagsgottesdienst, nicht wahr?«
»Genau!«, sagte Pastor Spool, der alles, was ich sagte, erstaunlich intelligent zu finden schien. »Der Vormittagsgottesdienst, völlig richtig – ganz genau! Ich bin Ihnen wirklich äußerst dankbar, und Sie müssen uns Ihr normales Honorar für einen solchen Anlass wissen lassen. Darauf muss ich bestehen.«
»Oh, das ist überhaupt kein Problem. Übrigens, Vladimir, ich frage mich – Ihr Vorname klingt irgendwie, äh …«
»Tja nun, ja, nein, wissen Sie, ja, Sie haben völlig recht, das ist wirklich ein ungewöhnlicher Vorname für einen britischen, anglikanischen Geistlichen, aber die schlichte Wahrheit ist die, dass meine arme, liebe Mutter als junges, leicht zu beeindruckendes Mädchen mit einem Wodkalieferanten durchging, und das Ergebnis, ob Sie es glauben oder nicht, war ich.«
»Oh.«
»Nun, nochmals herzlichen Dank.«
»Keine Ursache. Dann sehen wir uns also am dreizehnten März um – zehn Uhr?«
»Zehn Uhr, Volltreffer! Bis dann, und nochmals vielen Dank, dass Sie bereit sind, unsere Kinderandacht zu übernehmen. Auf Wiedersehen.«
Hatte schon aufgelegt, als Spools letzte Worte bei mir einrasteten.
Eine Kinderandacht?
Ach was, wenn ich durch die ganze Welt reisen und Vorträge halten kann, dann werde ich doch mit ein paar Kindern keine Schwierigkeiten haben, oder?
Mittwoch, 9. Februar
(VOR DEM ABENDESSEN)
Verbrachte heute auf der Arbeit viel Zeit damit, über meinen Dienst im Allgemeinen und unsere Auslandsreise im Besonderen nachzudenken. Würde gern den Leuten mit der Gabe der Heilung dienen. Es muss wunderbar sein, einen echten Heilungsdienst zu tun. Natürlich will ich mich nicht beklagen über das, was ich tue. Nur – nun ja, es muss einfach wunderbar sein.
Verstrickte mich völlig in eine meiner besonders angenehmen Lieblingsfantasien. Es ist ein wunderbarer Tagtraum.
In einen eleganten Anzug gekleidet, gehe ich langsam durch den Mittelgang eines riesigen, brechend vollen Saales, während hinter mir auf der Bühne eine Band leise spielt. Sehnsüchtige, flehende Augen versuchen meinen Blick aufzufangen, während ich vorbeigehe. Arme strecken sich mir beschwörend entgegen, in der verzweifelten Hoffnung, dass vielleicht schon die Berührung meines Jacketts an den Fingern des Leidenden Heilung bringen könnte. Schließlich stehe ich vor einem kleinen Mädchen im Rollstuhl. Sie zwingt ein Lächeln auf ihr gebrochenes, hübsches kleines Gesicht, als sie die Aura geistlicher Vollmacht spürt, die mich umgibt. Meine Augen füllen sich mit Tränen des Mitgefühls, als ich meine Hand auf die dünne, verkümmerte Schulter dieses kleinen Opfers des Sündenfalls legte. »Was möchtest du von mir?«, frage ich mit tiefer, kosmisch widerhallender Stimme (etwa wie die in der Bierreklame). »Ich möchte laufen können«, flüstert sie.
»Und das sollst du auch«, antworte ich. »Und das sollst du auch. Im Namen Jesu – sei geheilt!« Langsam, dramatisch stemmt sie sich empor auf die Beine; in ihren schmerzerfüllten Augen leuchtet eine neue, strahlende Hoffnung auf, und dann plötzlich rennt sie los, rennt und rennt den ganzen Mittelgang entlang und hinauf auf die Bühne. Auf die ersten erstaunten Ausrufe folgt lauter, anhaltender Applaus, als ich ihr ins Scheinwerferlicht folge, nur um mich mit einem Gesichtsausdruck, in dem sich Erschöpfung, Freude und Schmerz mischen, bescheiden abzuwenden, der Dunkelheit der Seitenkulissen entgegen. Denn niemand errät die ungeheure persönliche Anstrengung –
»Hast du mal ein Taschentuch?«
Manchmal hasse ich das wirkliche Leben. Stellen Sie sich vor, aus einem riesigen Saal voller anhimmelnder, mit tragischen Nöten beladener Menschen und einem kranken Kind in einem Rollstuhl zurückkehren zu müssen – zu Everett Glander mit seiner Erkältung. Besonders, zumal ich nur noch ein Taschentuch hatte und mir damit gerade die Tränen abtrocknen wollte, nachdem mich der Gedanke an meinen großartigen Heilungsdienst zutiefst bewegt hatte. War wirklich ärgerlich, mein letztes Papiertaschentuch an jemanden abgeben zu müssen, der sich so hartnäckig weigert, sich zu bekehren. Glander ist zwar zu ein paar Gemeindeveranstaltungen mitgekommen, seit er vor ein paar Jahren auf unserer Party Frank Braddock kennen gelernt hat, aber bei ihm scheint nichts so recht zu wirken. Wenn ich nicht wüsste, dass Gott vollkommen ist, würde ich sagen, dass er bei Glander ein paar vorzügliche Gelegenheiten verpasst hat. Frage mich, ob er wohl anders wäre, wenn er erlöst wäre. Hoffentlich. Im Moment beweist er großes Talent darin, genau das zu sagen, was man im Moment partout nicht hören will. Das tat er auch heute, nachdem ich ihm mein letztes Taschentuch gegeben hatte.
»Warum bittest du nicht Gott, meine Erkältung wegzunehmen – oder steht mir das aus irgendeinem Grund nicht zu? Oder hat etwa er auch noch kein Mittel gegen die gewöhnliche Erkältung gefunden? Oder ist es – «
»Everett, wenn Gott deine Erkältung heilen wollte, könnte er es einfach so tun.«
Schnippte mit den Fingern und wandte mich mit einer Geste, die »Ende des Gesprächs« signalisierte, wieder meiner Arbeit zu.
»Nun, warum sollte Gott denn meine Erkältung nicht heilen wollen, alter Junge?«
Sah ihn an. Weil, dachte ich im Stillen, er dich wahrscheinlich ebenso unangenehm und widerlich findet wie ich und ein Wunder dich endlich dazu veranlassen könnte, jeden Sonntag in die Gemeinde zu kommen, und dann müsste ich dich sechs Tage in der Woche ertragen anstatt nur fünf. Falls es uns nicht gelingt, natürlich, eine kleine Denomination extra für Leute wie dich zu gründen, genannt die Siebenten-Tags-Everett-Glanderiten, bei denen die Gemeindeglieder während des Gottesdienstes ihre Klagen erheben anstatt ihre Arme.
Laut sagte ich: »Weil sein Wille souverän ist und er allwissend ist. Wahrscheinlich ist es für dich besser, eine Erkältung zu haben, als keine Erkältung zu haben, auch wenn es für uns schwer zu verstehen ist.«
Glander sagte: »Warum ist deine Stimme auf einmal so hoch, Adrian? Stimmt etwas nicht mit deinem Hals?«
Murmelte tonlos: »Gleich wird etwas mit deinem nicht stimmen, wenn ich ihn zu fassen kriege.«
»Also, was du meinst«, nervte Glander mich weiter, »ist das gute alte ›Leben-im-Mysterium‹-Syndrom, richtig?«
»Nun, ganz so würde ich es nicht ausdrücken, aber …«
»Also schön, mein Alter, dann nenne mir doch mal ein Beispiel für einen möglichen Grund, warum es für mich besser sein könnte, weiterhin eine Erkältung zu haben, als geheilt zu werden. Einer reicht schon.«
Er lehnte sich zurück, kaute auf seinem Bleistift und grinste, dass es mich zum Schäumen brachte. Zermarterte mir das Gehirn nach irgendeiner überzeugenden Antwort. Versuchte so auszusehen, als ob ich in aller Ruhe eine von vielen möglichen Antworten auswählte, die mir vor Augen standen.
Ich sagte: »Nun, äh, zum Beispiel könntest du vielleicht heute abend auf dem Heimweg die Straße entlanggehen …«
»Ich steige immer direkt vor der Tür in den Bus, alter Junge.«
»Na gut, dann steigst du eben heute Abend in den Bus und setzt dich zufällig neben einen internationalen Experten in der medizinischen Forschung, der …«
»Davon dürfte es auf dem Oberdeck der Linie 39 Richtung Grey Prospect Road nicht allzu viele geben, meiner bescheidenen Ansicht nach.«
Knirschte mit den Zähnen. »Nun, dieser hier ist ein mittelloser, aber sehr intelligenter Forscher, der kurz davor steht, ein – du weißt schon, was du vorhin sagtest – ein Mittel gegen die gewöhnliche Erkältung zu finden, und er sieht dich an, wie du neben ihm vor dich hin schniefst, und plötzlich kommt ihm die Erleuchtung. Plötzlich ist das Puzzle vollständig, und er kommt nach Hause und schreibt alles auf, und binnen Kurzem werden Millionen Menschen von ihrer Erkältung geheilt, und alles nur, weil Gott dich nicht in dem Moment geheilt hat, als du dachtest, es wäre jetzt an der Zeit.«
War recht zufrieden mit mir.
»Schon, aber wenn er wollte«, beharrte Glander, wobei er mich an einen jener Presslufthämmer erinnerte, die mit ihrem wahnwitzigen Knattern ausgerechnet den Schluss einer Fernsehsendung übertönen, die man unbedingt hören will, »könnte er diese Millionen Menschen auch so heilen. Oder habe ich alles falsch verstanden?«
»Nein – ich meine, ja, könnte er.«
»Und warum tut er es nicht?«
»Nun, weil, äh … Er heilt sie nicht, weil …« Schrie im Stillen zu Gott:
JA, WARUM HEILST DU SIE DENN NICHT, LIEBE GÜTE? WENN GLANDER ES AUF DIE REIHE KRIEGT, WARUM DANN NICHT DU?
Glander sagte: »Pass auf, nur für den Fall, dass sich herausstellt, dass heute Abend kein Experte in der medizinischen Forschung im Bus neben mir sitzen und meine Inspiration brauchen sollte, wie wäre es, wenn du jetzt dafür beten würdest, dass meine Erkältung verschwindet?«
»Jetzt?«
»Jetzt.«
Irgendwie brachte ich ein elendiglich genuscheltes Gebet zustande, aber ich hatte nicht den leisesten Glauben, dass es erhört werden würde. Außerdem hatte ich, wenn ich ehrlich bin, nicht das leiseste Interesse daran, dass es Everetts nasalen Atemwegen besser ging. Ein Teil von mir hoffte sogar, dass sich bei ihm irgendwelche Komplikationen einstellten und er sterben würde. Bei mir scheint das Christentum überhaupt nicht zu funktionieren, wenn ich in seiner Nähe bin. Den Rest des Vormittags über schniefte er laut und demonstrativ vor sich hin, und in der Mittagspause ging er hinüber zur Drogerie und kam mit einer Packung Taschentücher zurück. Erstattete mir mein eines Taschentuch demonstrativ zurück.
Vielen Dank, Gott – für nichts!
Er hätte mich ja auch mal unterstützen können, oder? Hege die leise Hoffnung, dass es ausgeht wie in einem dieser christlichen Taschenbücher, indem Everett mich später anruft, um mir zu sagen, dass er geheilt ist, und wir uns schluchzend in die Arme fallen …
SPÄTER
20 UHR (NACH DEM ABENDESSEN)
Gerade rief Anne nach mir und sagte, Everett sei am Telefon. Raste ziemlich aufgeregt hinaus in die Diele.
»Ich rufe nur an, um dir zu sagen«, sagte Everett, »dass ein gewaltiges Wunder geschehen ist.«
»Du meinst, deine Erkältung …?«
»Richtig. Meine Erkältung hat sich nicht im Geringsten gebessert. Also wird es vermutlich nicht lange dauern, bis die Zeitungen voll von diesem wunderbaren neuen Heilmittel sind, von dem du gesprochen hast.«
»Everett, du weißt doch, dass das nur ein Bei…«
»Allerdings muss ich sagen, Adrian, dass sich in der medizinischen Forschung heutzutage wirklich seltsame Typen als Experten tummeln. Die neben mir heute Abend im Bus war eine Karikatur einer unglaublich dicken Frau mit Charlie-Chaplin-Schnurrbart, die zufällig nur ein paar Häuser weit entfernt von mir wohnt, und ich muss ehrlicherweise sagen, dass sie für jemanden, der gerade dabei ist, das medizinische Problem des Jahrhunderts zu knacken, nicht sehr begeistert von meiner Erkältung zu sein schien, alter Junge. Sogar ganz im Gegenteil. Aber wie auch immer. Bis morgen – das heißt, falls ich mich nicht krankmelde.«
Ging völlig deprimiert zu Bett.
Donnerstag, 10. Februar
Erzählte heute Morgen beim Frühstück Anne und Gerald von Glander. Ich sagte: »Warum konnte Gott ihm nicht einfach das Maul stopfen und seine dämliche Erkältung heilen? Jetzt muss ich mir den ganzen Tag seine blöden Sprüche anhören.« Anne erwiderte: »Es ist wirklich schade, dass du so viel Mitgefühl an ihn verschwendest, Schatz. Man sollte erwarten, dass all die Wärme und Liebe und echte Anteilnahme und das Wohlwollen, die du ihm entgegenbringst, ihm gar keine andere Wahl lassen würden, als geheilt zu sein. In Zukunft solltest du dir nicht die Mühe machen, all diese positive Energie an Leute zu verschwenden, die du jeden Tag siehst. Spar sie dir lieber für die Leute auf deinen Versammlungen auf. Meinst du nicht auch, Gerald?«
Konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass Anne ziemlich übertrieb.
Gerald reichte mir einen Briefumschlag, auf dessen Rückseite etwas geschrieben stand. Er sagte: »Du hast völlig recht, Mama, und ich habe hier ein kleines Gedicht für Mr. E. Bass geschrieben, den beliebten Laienprediger und Verfasser des
›Frohen Choristen‹. Er kann es bei seiner nächsten Versammlung vorlesen.«
Las das Gedicht laut vor.
»Hilf mir, denn dies ist mein Entschluss, o Herr,
dass ich zu denen, die sich täglich mit mir quälen,
dereinstmals durch ein Wunder deiner Gnade
genauso freundlich bin wie vor den vollen Sälen.«
Jaja, schon gut, schon gut …
Fuhr zur Arbeit mit dem Wissen, dass ich Glander, falls ich seinen Sarkasmus noch einen weiteren Tag lang ertragen musste, wie falsch meine Einstellung auch gewesen sein mochte, wirklich etwas verpassen würde, wovon er sich heilen lassen könnte. Glücklicherweise hatte er sich heute krankgemeldet, sodass es nicht dazu kam.
Preis dem Herrn!
Musste trotzdem den ganzen Tag über Heilung nachdenken. Als ich nach Hause kam, bat ich Gerald, mir ernsthaft zu sagen, wie er über die ganze Sache dachte.
»Papa«, sagte er, »ich habe eine Weile darüber nachgedacht, und mir scheint, dass viele Leute, wenn es um Dinge wie Heilung geht, die Bibel gerne umschreiben, damit sie in ihr Konzept passt. Besonders die Dinge, die Jesus gesagt und getan hat. Mir ist schleierhaft, wie manche Leute das, was sie tun, mit dem vereinbaren können, was sie in den Evangelien lesen. Es gibt so eine Art religiöser Sturheit, die nicht zulassen will, dass die Direktheit im Handeln Jesu zu einem Faktor in der Gleichung des täglichen Lebens wird. Ich denke, dahinter steckt wohl die Angst vor dem kosmischen Schock, den man erleidet, wenn man die Augen aufmacht und sich voll der Tatsache stellt, dass Gott wirklich Mensch geworden ist.«
Völlig verdattert von dieser Rede. Erstaunlich! Ist das wirklich derselbe Gerald, der sich vor nicht allzu langer Zeit in der Diele von hinten an mich heranschlich, mir ein rohes Ei in die Anorakkapuze legte, als ich gerade bei Regen hinausgehen wollte, und sich dann kaputtlachte, als ich zurückkam und sagte, irgendein Riesenvogel müsse das Ei aus großer Höhe auf meinen Kopf fallengelassen haben, als ich gerade die Kapuze aufsetzte? Ich hoffe, er wird nicht zu ernsthaft.
Später gab mir Gerald noch einen dieser Texte, die er am Computer zusammenbastelt. Er sagte: »Sieh dir mal diesen Abschnitt aus dem Pseudo-Lukas an, Paps. So etwas habe ich gemeint, als ich sagte, dass manche Leute die Bibel umschreiben. So muss es gewesen sein, wenn manche Christen, die ich kenne, recht haben sollten.«
Folgendes hatte Gerald geschrieben:
»Ein Mann mit Aussatz kommt zu ihm und spricht: ›Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen.‹ Und Jesus streckt seine Hand aus und berührt den Mann. ›Ich will‹, spricht er. ›Sei rein!‹
Und siehe, Jesus schlendert voll Freude von dannen, doch der Aussätzige ruft ihm mit lauter Stimme nach und spricht:
›Äh, Entschuldigung, vielleicht ist es dir entgangen, aber ich bin immer noch aussätzig. Ein kleines Detail, aber für mich nicht ganz unwesentlich.‹
Und Jesus zischt voll Verärgerung durch die Zähne und erwidert: ›Weißt du nicht, dass ich ganzheitliche Heilung bevorzuge? Wahrlich, wahrlich, du musst ganz schön naiv sein, wenn du wähnst, die Heilung betreffe allein den Leib. Wandelst du etwa nicht auf dem neuesten Stand der einschlägigen Literatur?‹
Der Mann spricht: ›Ich weiß nur, dass ich vor fünf Minuten noch aussätzig war, und siehe, ich bin immer noch aussätzig.‹
›Nun‹, entgegnet Jesus, ›trotz deiner Klagen bist du in einem sehr realen Sinne nicht mehr aussätzig.‹
›Na fantastisch‹, beharrt der Mann, und Sarkasmus bemächtigt sich seiner, ›aber ich bin immer noch aussätzig in dem trivialen, doch ebenso realen Sinne, dass Teile von mir herabgefallen sind und du offenbar nicht in der Lage bist, sie zu ersetzen.‹
Da schnaubt Jesus und spricht: ›Einer muss sich doch immer beschweren! Also schön, mein Junge, es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, von denen, wie ich hinzufügen möchte, keine ein Versagen aufseiten meiner Person oder irgendeines anderen Mitgliedes des Managements darstellt. Mögest du sie an deinen Fingern abzählen.‹
›Dann sollten es aber nicht mehr als drei sein‹, spricht der Aussätzige.
Jesus ignoriert ihn. ›Erstens, dir mangelt es an Glauben – ziemlich wahrscheinlich. Zweitens, du hast es versäumt, deine Heilung in Anspruch zu nehmen – den Fehler machen viele. Drittens, du bist eigens dazu auserwählt worden, dass andere durch dein Leiden gesegnet werden – herzlichen Glückwunsch. Viertens, deine Heilung wird in Gestalt des Todes kommen. Und tschüss! Fünftens, du bist berufen, aber nicht auserwählt – Pech. Wie auch immer, ich muss von hinnen. Ich habe eine große Speisung vorzunehmen, und der Umfang des Budgets stellt mich vor eine große Herausforderung.‹
Er geht, und der Aussätzige rafft sich auf und spricht abermals und abermals zu sich selbst: ›Ich bin nicht aussätzig! Ich bin nicht aussätzig! Ich bin nicht aussätzig …‹ Und siehe, von diesem Tag an war er im ganzen Land als der verrückte Aussätzige bekannt.«
Muss mir wohl doch keine Sorgen machen, dass Gerald übermäßig ernst wird!
Anne sagte heute Abend: »Ich weiß gar nicht, warum du auf einmal diese fixe Idee mit der Heilung körperlicher Krankheiten hast. Sicher, diese Reginald-und-Dingsbums-Veranstaltung war eine Katastrophe, aber du weißt doch von deinen anderen Veranstaltungen und Büchern her, dass Gott dich auserwählt hat, ihm zu helfen, die Gefühle und inneren Spannungen und Sorgen der Leute zu heilen, indem du sie dazu bringst, zu lachen, ein bißchen zu weinen und sich zu entspannen. Eine Menge Leute würden ihre Großmutter dafür verkaufen, dazu fähig zu sein.«
Sagte heute Abend zu Gott: »Anne hat wohl recht, wie immer. Ich sollte dankbar sein, ich weiß. Es ist nur, dass – nun, man kann nun einmal keine geheilten Gefühle aus Rollstühlen aufspringen sehen. Ich will mich nicht beklagen …«
»Tust du aber«, sagte Gott.
Freitag, 11. Februar
Ziemlich beunruhigt über diese Kinderandacht, zu der ich mich törichterweise bereit erklärt habe. Etwas sagt mir, dass ich Spool sofort hätte zurückrufen und ihm sagen sollen, dass nur eine Einheit wildgewordener Söldner mit Maschinenpistolen mich dazu bringen könnte, zu einer jener das Ego niederknüppelnden Gruppen kleiner Kinder zu sprechen, von denen hin und wieder Redner in Fetzen gerissen werden, die keine Ahnung haben, was sie tun.
Fragte Anne, ob sie meint, dass ich klarkommen werde.
Sie sagte: »Nein, aber du hast es versprochen. Warum hast du gesagt, dass du es machen willst?«
Ich werde Vladimir anrufen und ihm sagen, dass ich das nicht machen kann. Wahrscheinlich rufe ich ihn gleich morgen an.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.