Kitabı oku: «Tagebuch eines frommen Chaoten»

Aus den Englischen von Andreas Ebert

Inhaltsverzeichnis
Titelinformationen
Vorbemerkung
Samstag, 14. Dezember
Sonntag, 15. Dezember
Montag, 16. Dezember
Dienstag, 17. Dezember
Mittwoch, 18. Dezember
Donnerstag, 19. Dezember
Freitag, 20. Dezember
Samstag, 21. Dezember
Sonntag, 22. Dezember
Montag, 23. Dezember
Dienstag, 24. Dezember
Mittwoch, 25. Dezember
Donnerstag, 26. Dezember
Freitag, 27. Dezember
Samstag, 28. Dezember
Sonntag, 29. Dezember
Montag, 30. Dezember
Dienstag, 31. Dezember
Mittwoch, 1. Januar
Donnerstag, 2. Januar
Freitag, 3. Januar
Samstag, 4. Januar
Sonntag, 5. Januar
Montag, 6. Januar
Dienstag, 7. Januar
Mittwoch, 8. Januar
Donnerstag, 9. Januar
Freitag, 10. Januar
Samstag, 11. Januar
Sonntag, 12. Januar
Montag, 13. Januar
Dienstag, 14. Januar
Mittwoch, 15. Januar
Donnerstag, 16. Januar
Freitag, 17. Januar
Samstag, 18. Januar
Sonntag, 19. Januar
Montag, 20. Januar
Dienstag, 21. Januar
Mittwoch, 22. Januar
Donnerstag, 23. Januar
Freitag, 24. Januar
Samstag, 25. Januar
Sonntag, 26. Januar
Montag, 27. Januar
Dienstag, 28. Januar
Mittwoch, 29. Januar
Donnerstag, 30. Januar
Freitag, 31. Januar
Samstag, 1. Februar
Sonntag, 2. Februar
Montag, 3. Februar
Dienstag, 4. Februar
Mittwoch, 5. Februar
Donnerstag, 6. Februar
Freitag, 7. Februar
Samstag, 8. Februar
Sonntag, 9. Februar
Montag, 10. Februar
Dienstag, 11. Februar
Mittwoch, 12. Februar
Donnerstag, 13. Februar
Freitag, 14. Februar
Samstag, 15. Februar
Sonntag, 16. Februar
Montag, 17. Februar
Dienstag, 18. Februar
Mittwoch, 19. Februar
Donnerstag, 20. Februar
Freitag, 21. Februar
Samstag, 22. Februar
Sonntag, 23. Februar
Montag, 24. Februar
Dienstag, 25. Februar
Mittwoch, 26. Februar
Donnerstag, 27. Februar
Freitag, 28. Februar
Samstag, 1. März
Sonntag, 2. März
Montag, 3. März
Dienstag, 4. März
Mittwoch, 5. März
Donnerstag, 6. März
Freitag, 7. März
Samstag, 8. März
Sonntag, 9. März
Montag, 10. März
Dienstag, 11. März
Mittwoch, 12. März
Donnerstag, 13. März
Freitag, 14. März
Samstag, 15. März
Sonntag, 16. März
Montag, 17. März
Dienstag, 18. März
Mittwoch, 19. März
Donnerstag, 20. März
Freitag, 21. März
Samstag, 22. März
Sonntag, 23. März
Montag, 24. März
Dienstag, 25. März
Mittwoch, 26. März
Gründonnerstag, 27. März
Freitag, 28. März
Samstag, 29. März
Sonntag, 30. März
Montag, 31. März
Dienstag, 1. April
Mittwoch, 2. April
Donnerstag, 3. April
Freitag, 4. April
Samstag, 5. April
Sonntag, 6. April
Montag, 7. April
Dienstag, 8. April
Mittwoch, 9. April
Donnerstag, 10. April
Freitag, 11. April
Samstag, 12. April
Sonntag, 13. April
Montag, 14. April
Dienstag, 15. April
Mittwoch, 16. April
Donnerstag, 17. April
Freitag, 18. April
Samstag, 19. April
Sonntag, 20. April
Montag, 21. April
Dienstag, 22. April
Mittwoch, 23. April
Donnerstag, 24. April
Freitag, 25. April
Samstag, 26. April
Sonntag, 27. April
Montag, 28. April
Dienstag, 29. April
Mittwoch, 30. April
Donnerstag, 1. Mai
Freitag, 2. Mai
Samstag, 3. Mai
Sonntag, 4. Mai
Montag, 5. Mai
Dienstag, 6. Mai
Mittwoch, 7. Mai
Donnerstag, 8. Mai
Freitag, 9. Mai
Samstag, 10. Mai
Sonntag, 11. Mai
Montag, 12. Mai
Dienstag, 13. Mai
Mittwoch, 14. Mai
Donnerstag, 15. Mai
Freitag, 16. Mai
Samstag, 17. Mai
Sonntag, 18. Mai
Montag, 19. Mai
Dienstag, 20. Mai
Mittwoch, 21. Mai
Donnerstag, 22. Mai
Freitag, 23. Mai
Samstag, 24. Mai
Sonntag, 25. Mai
Montag, 26. Mai
Dienstag, 27. Mai
Mittwoch, 28. Mai
Donnerstag, 29. Mai
Freitag, 30. Mai
Samstag, 31. Mai
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
15. Auflage 2007
ISBN 9783865064349
© Copyright 1990 by Joh. Brendow & Sohn Verlag, GmbH, Moers
Originalausgabe: Originally published in English
by Marshall Morgan & Scott Publications Ltd., part of
Marshall Pickering Holding Group under the title
THE SACRED DIARY OF ADRIAN PLASS (Aged 37 3/4).
© 1987 by Adrian Plass
Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Ebert
Einbandgestaltung: Georg Design, Münster
Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg
1. digitale Auflage 2013
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
www.brendow-verlag.de
Vorbemerkung
Der (vom Autor erfundene) Sohn des Tagebuchschreibers, Gerald Plass, frönt einem eigenartigen Hobby: Er tüftelt Anagramme aus. Laut Brockhaus Enzyklopädie von 1966 ist ein Anagramm »die Umstellung der Buchstaben eines Wortes, um Pseudonyme, Wortspiele u. a. zu bilden … Im 16. und 17. Jahrhundert wurde es bei Pseudonymen und Buchtiteln verwendet, so von … Christoffel von Grimmelshausen (Pseudonym: German Schleifheim von Sulsfort) … «
Im angelsächsischen Raum erfreut sich diese Spielerei, der man im Mittelalter allerlei mystische Bedeutungen gab, einer gewissen Beliebtheit. In Deutschland ist sie heute fast ausgestorben. Ein einziges Bändchen mit (allerdings genialen) Anagramm-Gedichten ist auf dem Markt: Oskar Pastior, Anagramm-Gedichte, München 1985. Ihm habe ich die Varianten zum Stichwort »seinesgleichen« beim Tagebucheintrag vom Mittwoch, 19. Februar, entnommen. Die restlichen Anagramme in dieser Übersetzung habe ich auf langen Eisenbahnfahrten und – anlässlich eines Besuchs – mithilfe meiner sprachbegeisterten Mutter ertüftelt. Zu meiner Entlastung bei der Übersetzung künftiger Plass-Werke (es gibt noch mehr!) bitte ich die Leserinnen und Leser dieses Buches, eigene Anagramm-Einfälle beim Verlag einzusenden.
Der Übersetzer
Andreas Ebert
Samstag, 14. Dezember
Fühle mich innerlich geführt, ein Tagebuch anzufangen. Eine Art spirituelles Logbuch zur Erbauung künftiger Geschlechter. Höhere Eingebungen und Erkenntnisse werden immer wieder neu aus seinen Zeilen emporstrahlen wie ein Leuchtturm in der Nacht.
Weiß nicht, was ich heute schreiben soll.
Na ja, morgen ist Sonntag. Am Sonntag muss doch was los sein, oder?
Sonntag, 15. Dezember
Alle Jahre wieder dieser Weihnachtsrummel! Diesmal werde ich nur zehn Karten verschicken. Was ist schließlich der Sinn von Weihnachten?!
In unserer Kirche geht es in letzter Zeit zu wie in einem Auktionshaus. Ein Blick, und schon wirst du beseelsorgt. Meine Devise lautet deshalb: »Keine falsche Bewegung und erlöst lächeln!« Heute früh predigte Edwin Burlesford. 45 Minuten zum Thema »Sünde«! Eine Rekord-Predigt: neun Gummibärchen. Gegen Halbzeit wollte ich mich gerade mit Nachschub versorgen, als Edwin plötzlich schrie: »WOLLUST!« und mir die Tüte unter den Stuhl fiel. Steckte den Kopf zwischen die Beine, um die Gummibärchen zu orten, kam aber nicht mehr hoch, weil Doreen Cook die Hände auf meinen Hinterkopf gepresst hatte. Sie betete, »dass unser verzweifelter Bruder von der Finsternis zum Licht geführt wird«. Das war auch mein Herzensanliegen – schließlich war es da unten zappenduster. Als sie mich endlich wieder das Licht der Welt erblicken ließ, befand sich dieses impertinente christliche Lächeln auf ihrem Gesicht. War nahe dran, ihr einen echten Grund zu bieten, mir zu vergeben. Jeder denkt jetzt, ich habe ein riesiges Wollustproblem. Beim Kirchenkaffee lächelten mir alle aufmunternd zu. Leonard Thynn umarmte mich. Ich trug mich auf Edwins Liste fürs Weihnachtsliedersingen am nächsten Sonntag ein, um zu beweisen, dass ich nicht völlig verdorben bin. Gerald will auch mitmachen.
Montag, 16. Dezember
Mein Sohn Gerald sagt, nächsten Samstag kommt James Bond im Fernsehen. Schade, dass sich das mit dem Singen überkreuzt. Aber der Dienst des Herrn hat natürlich Vorrang!
Habe völlig geistesabwesend einen Karton mit 50 Weihnachtskarten gekauft. Wenn schon – die reichen für fünf Jahre.
Dienstag, 17. Dezember
Habe letzte Nacht geträumt, ich bin James Bond.
Mittwoch, 18. Dezember
Ist Weihnachtsliedersingen schriftgemäß? Rief Doreen Cooks Mann Richard an, der die Auffassung vertritt, Weihnachtsbäume sind heidnisch. Fehlanzeige – anscheinend ist das Singen in Ordnung.
Wieder 50 Karten gekauft.
Donnerstag, 19. Dezember
Könnte es sein, dass Gott mir sagen will, ich soll James Bond sehen? Schlug die Bibel aufs Geratewohl auf und legte meinen Finger irgendwo auf die Seite. Da stand: »Und die Hunde leckten das Blut … «
Ging zu Bett. Manchmal verstehe ich Gott nicht …
Freitag, 20. Dezember
Legte ein »Vlies«1 aus. Wenn pünktlich um 9.04 Uhr ein Gnom in einer japanischen Admiralsuniform an meiner Haustür erscheint, dann weiß ich, dass Gott möchte, dass ich Weihnachtslieder singe.
9.05 Uhr: Ein Wunder! Keiner hat geklingelt. Damit ist der Fall erledigt. Um 10.30 Uhr kam bloß Leonard Thynn und verkaufte Weihnachtskarten. Nahm 50.
Samstag, 21. Dezember
Was für ein Abend!
19.30 Uhr: Filmbeginn. Wunderte mich, dass sich Gerald vor die Flimmerkiste setzte. »Was ist mit den Weihnachtsliedern?«, wollte ich wissen. »Ach, weißt du«, sagte er, »ich hab schon am Montag den ollen Edwin angerufen und ihm gesagt, dass heute ein guter Film läuft und dass ich deshalb nicht kommen will.«
Warum mache ich so was nie?
20.45 Uhr: Edwin an der Tür. Hat sich Sorgen gemacht, weil ich nicht beim Singen erschienen bin. Ich verlor die Nerven und erklärte ihm, ich hätte immer noch an meiner Wollust zu kauen.
23.00 Uhr: Edwin verließ mich, nachdem er mich zweieinhalb Stunden beseelsorgt hatte. Verpasste das Filmende. An der Tür sagte Edwin: »Ich geh jetzt nach Haus und seh mir den Bondfilm an. Meine Frau hat ihn auf Video aufgezeichnet.«
Gerald behauptete, das sei das beste Filmende gewesen, das er je gesehen hat. Dabei grinste er auf eine reichlich unchristliche Weise. Aber im Großen und Ganzen ist er in Ordnung. Tätschelte gönnerhaft mein Haupt und meinte, Gott hätte mich trotz allem lieb.
Nächstes Jahr werde ich keine einzige Weihnachtskarte verschicken.
… Trotz was???
Sonntag, 22. Dezember
Heute war ein Gastprediger in der Kirche. Hatte eine Mönchskutte an und sagte, Gott ist unser Freund und mag uns. Alles schielte verstohlen zu Edwin, um zu sehen, ob wir einverstanden sind. War schwer zu sagen, weil Edwin selig lächelnd dasaß wie ein satter Säugling. Der Redner zitierte andauernd Mutter Teresa von Kalkutta, die bekanntlich römisch-katholisch ist!
Hinterher tuschelte uns Richard Cook zu: »Alles schön und gut, aber ist sie bekehrt?«
Gerald zischte zurück: »Alles schön und gut, aber wie viele verlauste Bettler hast du letzte Woche gewaschen, Richard?«
Anne sagte, sie fand den Mönch wundervoll. Dann wird es wohl stimmen.
Heute hat uns eine doppelte Hiobsbotschaft erreicht, die uns in nachhaltige Depressionen stürzen würde, wenn wir keine Christen wären: Annes Onkel Ralph, der ordinärste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist, muss Weihnachten ausgerechnet bei uns verbringen! Das wäre nicht so schlimm, wenn sich nicht gleichzeitig ab morgen meine eigene Großtante Marjorie angekündigt hätte. Sie lehnt Gummibärchen ab – wegen ihres »toxischen Potenzials«! Gerald rieb sich die Hände, als er die Neuigkeiten vernahm.
Oh je …
Lag noch eine Weile wach und dachte darüber nach, was der Mönch gesagt hatte: »Gott ist mein Freund und mag mich.« Fand dabei irgendwie Frieden.
Montag, 23. Dezember
Traf Gerald im Korridor, als ich von der Arbeit kam. Er sagte: »Die Titanic hat angedockt.«
Fand Tante Marjorie im Wohnzimmer, wo sie dasaß und die Fernsehzeitung durchforstete. Nachdem wir unseren traditionellen Begrüßungskuss gewechselt hatten, bei dem das ungeschriebene Gesetz gilt, dass keine Faser meines Gesichtes auch nur eine Faser ihres Gesichtes berührt, sagte sie: »Ich zirkle jene Sendungen mit schwarzer Tinte ein, die ungeeignet sind und die wir während der Weihnachtstage nicht sehen werden!«
Gerald steckte seinen Kopf zur Tür rein und sagte: »Draußen steht ein Mann, der eine besondere Sendung hat.«
Stellte sich heraus, dass es sich um den Postboten handelte, der eine späte Runde machte. Ein Päckchen und zwei Karten. Als am Abend alle im Bett waren, zählte ich die Karten, die wir bisher gekriegt haben. Nicht so viele wie letztes Jahr. Ich vergebe natürlich allen, die uns vergessen haben; aber ich finde, die könnten sich ruhig ein bisschen mehr anstrengen. Das ist doch schließlich der Sinn von Weihnachten, oder!?
Onkel Ralph kommt morgen an.
Wie in aller Welt wird das bloß mit Tante Marjorie und ihm werden?
Gerald sagt, im Vergleich zu Onkel Ralph wirkt Otto Waalkes wie der Erzbischof von Canterbury.
Apropos Gerald: Ich muss mehr mit ihm unternehmen. Er hat mich gefragt, ob ich am Freitag mitkomme und mir die neue christliche Band anhöre, die er jetzt mit ein paar Freunden aufzieht.
Sie nennen sich Bad News for the Devil – Schlechte Nachricht für den Teufel.
Ich werde gehen.
Ich mag Musik.
Dienstag, 24. Dezember
Wie ist es möglich, dass jemand wie Anne einen Onkel wie Ralph hat? Er kam kurz nach dem Mittagessen an, klein und dick und auf einem lächerlichen Motorroller! Für ihn ist das Leben eine Art Disneyland, allerdings freigegeben ab 18.
Katastrophale Erstbegegnung mit Großtante Marjorie. Küsste sie frontal auf den Mund und sagte: »Wusste gar nicht, dass dieses Weihnachten ein Extra-Leckerchen auf der Speisekarte steht. Halt dich an mich, Marjy-Mädchen! Könnte sein, dass du auf Ralphys Wellenlänge funkst.«
Tante Marjorie wurde blass wie ein Laken und weigerte sich den verbleibenden Abend, Ralph eines Blickes zu würdigen, geschweige denn, mit ihm ein Sterbenswort zu reden – sogar als er die Fernsehzeitung durchblätterte und meinte: »Hey! Super Service! Da ist schon jemand das Programm durchgegangen und hat die besten Sendungen angekreuzt!«
Anne und ich platzierten noch spät am Abend die Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Die von Onkel Ralph sind alle flaschenförmig.
Wollte von Anne wissen, was Gott an Onkel Ralph ihrer Meinung nach mag. Sie sagte: »Seine Nichte.« Küsschen!
Mittwoch, 25. Dezember
Weihnachten!
Tante Marjorie verfügte sich am Morgen in eine »ordentliche« Kirche.
Ralph war noch nicht aus den Federn, als auch Gerald, Anne und ich zum Weihnachtsgottesdienst aufbrachen.
Alles wunderschön – bis zu jenem Zeitpunkt mitten in der Gebetsgemeinschaft, als George Farmer, der hinter mir saß, aufstand und begann, mit geballter Faust hin und her zu fuchteln, während er glutvoll um »Eintracht und Bruderliebe zwischen allen Gotteskindern« betete.
Plötzlich traf mich seine Faust mit aller Inbrunst an der Schläfe; ich kippte vornüber und war einen Augenblick lang weg. Schüttelte mich, um wieder klarzukommen, und merkte zu meinem Erstaunen, dass Farmer noch immer in Fahrt war, als sei nichts passiert!
Spürte nicht viel Eintracht und Bruderliebe.
Hinterher sagte ich zu ihm: »Ich vergebe dir, dass du mich k. o. geschlagen hast, George.«
Er sagte: »Ich? Wirklich?«
Gerald meinte: »Doch. Es war beim fünfundzwanzigsten ›und, lieber Heiland, lass uns auch … ‹– ich habe mitgezählt.«
Gingen nach Hause.
Verbrachte den Rest des Tages damit, Onkel Ralphs Witze strategisch abzufangen, bevor die Pointe die Zielgerade überqueren konnte. Wurde immer schwieriger, weil er immer mehr Whisky trank.
Nach dem Tee ging er auf sein Zimmer, um etwas »wirklich Gutes« für ein Spiel zu holen, das er kannte.
Kam mit einem Gummiaffen zurück, der an einer langen elastischen Leine befestigt war. Sagte zu Großtante Marjorie, sie sollte den Affen oben in ihr Kleid stopfen und unten wieder rausholen. Dann sollte sie den Affen ihm geben, damit er ihn durch seine Hosen ziehen könnte. Daraufhin würde er ihn an Anne weiterreichen.
Dachte einen Augenblick lang, die Tante fällt in Ohnmacht.
Sie begab sich frühzeitig zu Bett. Die Flasche Gin, die ihr Ralph heute früh geschenkt hatte, hinterließ sie ungeöffnet im Papierkorb unter der Treppe.
Gerald, der den Tag anscheinend außerordentlich genossen hat, fragte Ralph, ob er noch weitere »gute Spiele« wüsste.
Ralph sagte, das beste Spiel, dass er kennt, geht so, dass alle im Kreis sitzen und jeder trinkt eine Flasche Whisky. Dann verlässt ein Mitspieler das Zimmer und die anderen müssen raten, wer es war.
Wie soll man ein christliches Haus führen, wenn Leute wie Onkel Ralph da sind?!
Glaube, ich wäre ein prima Christ, wenn mir die anderen nicht dauernd dazwischenfunken würden.
Habe das schon früher bemerkt.
Erwähnte es abends im Bett gegenüber Anne.
Sie sagte: »Ich verspreche dir, Schatz, dass Gerald und ich alles tun werden, um deiner Heiligkeit keine Stolpersteine in den Weg zu legen.«
Vermute eine Prise Ironie zwischen den Zeilen.
Donnerstag, 26. Dezember
Richard Cook erschien heute früh, um uns zur Silvesterfeier der Gemeinde einzuladen. Redeten in der Küche.
Hatte Angst, Onkel Ralph könnte plötzlich auf der Bildfläche erscheinen und etwas Anstößiges von sich geben.
Fürchte, ich war nicht ganz aufrichtig.
Ich sagte: »Annes Onkel Ralph verbringt das Weihnachtsfest diesmal bei uns, Richard. Er ist kein Christ und kann manchmal – wie soll ich sagen – schwierig sein. Aber ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass zu unserem Glaubenszeugnis auch gehört, dass wir einen Geist der Toleranz zeigen und vielleicht sogar hin und wieder den Eindruck erwecken, dass uns Dinge gefallen oder amüsieren, die – wie soll ich sagen – nicht ganz – ääh – in Ordnung sind.«
Sagte das, weil ich mir bei ein oder zwei von Ralphs Witzen das Lachen nicht hatte verkneifen können. Und weil ich wusste, dass er es schaffen würde, zu Richard zu sagen: »Der hier ist gut! Adrian hat sich fast in die Hosen gemacht, als er ihn gehört hat!«
Was das »Zeugnis« betrifft, so habe ich im Zusammenhang mit Onkel Ralph bisher keinen Gedanken an so was verschwendet. Wohl nicht der christliche Typ, nehme ich an.
War erstaunt, als wir mit unserem Kaffee ins Wohnzimmer wechselten. Ein Wunder musste geschehen sein. Ralph schüttelte Richard ganz ruhig und höflich die Hand und bestand darauf, ihn zu unserem bequemsten Sessel zu geleiten, während er sagte: »Es ist mir ein wirkliches Vergnügen, einen von Adrians Freunden kennenzulernen. Nehmen Sie doch bitte Platz!«
Als Richard sein Gewicht auf den Sessel verlagerte, ertönte unter ihm ein äußerst abstoßendes Geräusch. Er fuhr hoch wie von der Tarantel gestochen, und Onkel Ralph lüftete das Sitzpolster, um eine kürzlich noch mit Luft gefüllte Gummiblase zu Tage zu fördern, auf der » HUPKONZERT « stand. Ralph kriegte sich kaum ein.
Richard, der sich offensichtlich zu Herzen genommen hatte, was ich in der Küche gesagt hatte, begann mit seiner gekünstelten Fistelstimme zu gackern und sagte: »Oh, was für ein überaus gelungener Scherz! Ich missbillige ihn keineswegs. Oh nein! Ich denke, das war sehr spaßig. Ha, ha!«
Schämte mich in Grund und Boden.
Rief Richard später an und beichtete ihm, dass ich nicht sehr ehrlich gewesen war.
Eins muss man ihm lassen: Der gute alte Richard ist nicht nachtragend. Weiß nicht, ob er bloß ein dickes Fell hat oder ob das Liebe ist.
Als Anne und Gerald kamen, erzählte ich, was passiert war.
Anne, die mit Tante Marjorie auf einer Missbilligungstour durch unser Viertel gewesen war, verhielt sich ziemlich reserviert.
Gerald dagegen ließ mich die Ereignisse dreimal erzählen. Konnte ihn noch Stunden später wiehern hören, als wir alle längst im Bett waren.
Welch ein Glück, dass Marjorie und Ralph morgen abreisen. Uns reicht’s erst mal.
In der Nacht bohrende Zahnschmerzen …
Freitag, 27. Dezember
Die beiden sind weg! Endlich wieder Friede.
Ging am Abend zur Unity Hall, um Bad News for the Devil bei der Probenarbeit zu belauschen. Als ich ankam, verharrte ich einen Augenblick vor der Tür und vernahm ein Geräusch, das sich anhörte, als ob ein Klavier durch einen Fahrstuhlschacht fallt, während jemand unter dem Klavierdeckel eingeklemmt ist.
Erfuhr später, dass es sich um eine Nummer handelte, die den Titel trägt »Friede ist nah«.
Dachte bei mir, ein besserer Name für die Gruppe wäre »Ziemlich ermutigende Nachricht für den Teufel«.
Behielt das aber für mich.
Sie sind ja alle so unheimlich motiviert.
Gerald spielt Lead-Gitarre, Vernon Rawlings Bass und Elsie Burlesford Flöte. William Farmer ist zuständig für Schlagzeug (sehr laut) und Sologesang (absolut unverständlich).
Im Gespräch erfuhr ich, dass keiner von ihnen im Traum an Ruhm oder Reichtum interessiert ist. Sie wollen mit ihrer Musik ausschließlich dem Herrn dienen.
Habe Gerald noch nie so bei der Sache erlebt.
Edwin hat sie eingeladen, in drei Wochen im Gottesdienst zu spielen, falls sie bis dann »soweit sind«.
Hmmmm …
Samstag, 28. Dezember
Zahnschmerzen zwar erträglich, aber pausenlos. Anne braucht es nicht zu wissen.
Sonntag, 29. Dezember
Aufgestanden.
Zahnschmerzen.
Wieder ins Bett.
Montag, 30. Dezember
Über meinem Haupte verlöschen alle Lichter.
Dienstag, 31. Dezember
Wachte um fünf wegen diesen vermaledeiten Zahnschmerzen auf. Trübsal! Intensives Gebet auf dem Klo. Vielleicht gehen sie ja einfach weg. Werde immer reizbarer. Muss aufpassen, dass Anne nichts merkt.
Um 21 Uhr zur Silvesterparty der Kirche bei den Cooks. Zuvor hatte ich gesagt: »Wir bringen Tsatsiki mit, oder?«
Anne hatte gemeint: »Kuchen wäre wahrscheinlich besser.«
Erinnerte Anne sanft, aber bestimmt daran, dass uns die Schrift lehrt, dass der Mann das Haupt des Weibes ist. Wir nahmen Tsatsiki mit.
Alle brachten Tsatsiki mit! Kein Brot, kein Kuchen, kein Pudding, nichts als Tonnen von – Tsatsiki.
Anne sagte: »Was nun, mein Herr und Gebieter?«
Gerald meinte, das Gebet des Herrn sollte künftig geändert werden in »Unser tägliches Tsatsiki gib uns heute. Denn das ist das Einzige, was Christen essen.«
Richard Cook stand in der Nähe und hatte alles mitgehört. Er sagte, das sei eine Verhöhnung des Wortes und ob Gerald wirklich ein reines Gewissen habe?
Gerald erwiderte blödsinnigerweise: »Na klar, wir geben doch immer Lenor in den letzten Spülgang!«
Richard floh in Richtung Himbeerbrause. Ich wünsche mir manchmal, Gerald würde nicht dauernd so was machen.
Gingen nach ein oder zwei Stunden voller lauter und peinlicher Spiele, die George Farmer organisiert hatte.
Beim Verlassen des Gartens stießen wir auf Leonard Thynn, der gerade eine theologische Debatte mit einem großen Gartenzwerg hatte und dabei fortwährend an einer eindeutig geformten und riechenden Flasche nuckelte. Brachten ihn heim. Gerald bestand darauf, ihn ins Haus und ins Bett zu schaffen. Typisch Gerald. Nicht fromm, aber lieb.
Mittwoch, 1. Januar
1.30 Uhr. Anne schläft längst. Ich nicht. Mein Gebiss steht in Flammen!
Da kann ich auch gleich meine Vorsätze fürs neue Jahr schriftlich niederlegen:
(1) Jeden Morgen werde ich Anne eine Tasse Tee ans Bett bringen. Sie verdient es.
(2) Jeden Morgen werde ich Stille Zeit halten, nachdem ich Tee gemacht habe. Werde Gott mehr von meiner Zeit schenken. Er verdient es.
10 Uhr (bei der Arbeit): Entsetzlich! Bin hundemüde, nachdem ich noch so lange auf war und über meinen Vorsätzen gebrütet habe. Vergaß, den Wecker zu stellen, sodass wir alle verschlafen haben. Anne war auf 100. Gerald grinste auf seine unnachahmliche Weise, die einen auf die Palme treiben kann. Zu spät im Geschäft. Keine Stille Zeit.
Zahnschmerzen entsetzlich, aber ich spüre, dass der Herr zu mir sagt: »Ich will dich heilen. Geh nicht zum Zahnarzt!« Gebet ist dran! (Nehme Schmerztabletten, bis Gebet erhört.)
Donnerstag, 2. Januar
Zahnschmerzen SCHLIMM!!! Frau hässlich. Sohn lächerlich. Gott nicht-existent. Stille Zeit? Tee am Bett? Ha! Warum heilt Gott meinen Zahn nicht, wenn er doch angeblich so wunderbar ist? Hosentaschen voller zerknüllter Aspirin-Schachteln. Fürchte, Anne schöpft Verdacht.
Freitag, 3. Januar
SCHMERZ! SCHMERZ! SCHMERZ!
Richard kam abends vorbei, um sich bei Gerald zu entschuldigen, dass ihm Dienstag der Kragen geplatzt ist. Dann entschuldigte sich Gerald dafür, dass er Richard dazu gereizt hat, sich zu vergessen; dann entschuldigte sich Richard dafür, dass er nicht schon früher gekommen ist; dann sagte Gerald … usw. usw. So was Absurdes! Die haben keine Zahnschmerzen!
Später sagte Gerald, eine Entschuldigung von Richard gleicht noch am ehesten dem juristischen Tatbestand grob fahrlässiger Körperverletzung. Fühlte plötzlich einen stechenden Schmerz in der Backe und nannte Gerald einen »arroganten Heiden«.
Anne sah mich zuerst pickelhart und durchdringend an, dann nickte sie bedächtig. »Ich wusste es«, sagte sie, »du hast Zahnschmerzen.«
Sie besorgt mir für morgen einen Nottermin.
MORGEN, Herr! Bitte heile mich vor morgen! Sie arbeiten doch samstags sowieso nicht, oder? Doch?
Samstag, 4. Januar
War beim Zahnarzt!!! Er hat meinen Zahn repariert!! Wie wundervoll, liebenswert und schön ist die Welt!
Schwebte nach Hause zu meinem betörenden Eheweib, meinem charmanten Sohn. Plauderte dabei mit meinem Gott und Herrn, der mich so lieb hat.
Warum in aller Welt machen die Leute so ein Theater, wenn sie zum Zahnarzt sollen? Alles, was man braucht, ist ein bisschen Courage, das ist alles.
Sonntag, 5. Januar
Brachte Anne ohne Hadern und Murren den Tee ans Bett.
Lange Stille Zeit.
Lud Richard Cook, Leonard Thynn und Edwin Burlesford, unseren Gemeindeältesten, zum Sonntagstee ein. Gerald benahm sich bis kurz vor Schluss mustergültig.
Plötzlich beugte er sich geheimnisschwanger vor und sagte mit todernster Miene: »Richard, darf ich dir mal unter dem Siegel der Verschwiegenheit eine wirklich erstaunliche Tatsache verraten?«
Richard lernt es nie.
»Nur zu«, sagte er – gespannt wie ein Regenschirm.
»Wusstest du«, sagte Gerald feierlich, »dass die Buchstaben von Michael Jackson so umgestellt werden können, dass sie Na ja, Milchsocke! ergeben?«
Anne runzelte die Stirn.
Ich erstickte am Tee.
Edwin prustete.
Leonard gackerte.
Richard fragte: »Wer ist Michael Jackson?«
Montag, 6. Januar
Machte auf dem Heimweg von der Arbeit einen Abstecher in den christlichen Buchladen.
All diese Bücher!
Gerald sagt, erbauliche Taschenbücher sind wie chinesisches Essen. Zunächst sehr sättigend, aber es dauert nicht lang, bis man wieder was braucht.
Erwischte aber diesmal ein wirklich gutes Buch über den Glauben. Es heißt: »Du liebe Güte – was in aller Welt tun wir in Gottes Namen um Himmels willen?«
Finde den Titel sehr originell.
Es geht darum, wie Christen durch den Glauben Berge versetzen können, wenn sie wirklich im Einklang mit Gott sind. Sehr inspirierend.
Wartete, bis keiner in der Nähe war und begann, mit einer Büroklammer zu üben. Legte sie auf den Schreibtisch, blickte sie gebieterisch an und wollte, dass sie sich bewegt. Nichts! Versuchte, es ihr mit lauter Stimme zu befehlen.
In diesem Moment kam Gerald herein und fragte: »Warum schreist du so rum, Papa?«
Konnte ihm schlecht erklären, dass ich einer Büroklammer Kommandos gab!
Sagte, ich übe Stimm-Projektion.
Er fragte: »Was ist denn das?«
Ich sagte: »Weiß ich selber nicht.« Fühlte mich wirklich belämmert.
Anne erzählt, dass bald wieder jemand ins leer stehende Haus nebenan einzieht. Wäre schön, wenn es Christen wären oder wenigstens Leichtbekehrbare.
Dienstag, 7. Januar
Gerald hat es geschafft, einen Samstagsjob bei Woolworth zu kriegen. Sagt, das würde dazu beitragen, das musikalische Equipment für die Band zu finanzieren.
Anne fragte: »Bist du sicher, dass du nach einer langen Woche im College nicht zu erschöpft bist?«
Gerald lachte, als hätte sie etwas besonders Albernes von sich gegeben!
Am Abend ein weiteres Rendezvous mit der Büroklammer. Nahm diesmal wirklich Vollmacht über sie in Anspruch. Rührte sich keinen Millimeter vom Fleck.
Sagte Gott, ich würde alles aufgeben, was er von mir verlangt, wenn er sie dazu bringen würde, sich wenigstens drei Zentimeter zu bewegen.
Nichts!
Alles ziemlich besorgniserregend. Wenn man bloß den Glauben von der Größe eines Senfkorns braucht, um einen ganzen Berg zu versetzen, wie viel Hoffnung gibt’s dann für mich, wo ich nicht mal eine Büroklammer motivieren kann, zu machen, was man ihr sagt!
Mittwoch, 8. Januar
Richard und Edwin haben am Abend auf eine Tasse Kaffee reingeschaut. Wir plauderten ein Weilchen, als plötzlich Gerald mit einer Ladung Leitungen und Steckern und ähnlichem Zeug unterm Arm reinkam.
Richard sagte: »Ich höre, du wirst am Sonnabend dem Herrn bei Woolworth dienen, Gerald.«
»Hängt davon ab, ob er reinkommt oder nicht«, sagte Gerald.
Komische Sache – Richard, bei dem die Religion aus allen Knopflöchern trieft, machte eine unheimlich finstere und sauertöpfische Miene, als er das hörte. Edwin dagegen, der Kirchenältester ist und bei uns mehr oder weniger die Gemeinde managt, fiel in seinen Sessel, strampelte mit den Beinen und lachte sich halb tot. Seltsam!
Hoffte, Richard würde vor Edwin aufbrechen, damit ich ein bisschen Seelsorge in Sachen Glaube kriegen könnte, aber die beiden gingen zusammen.
Erzählte Anne später, ich hätte von einem Mann gehört, der versucht hat, durch den Glauben eine Büroklammer zu bewegen, es aber nicht geschafft hat. Sie gähnte und meinte: »Na ja, ein paar abartige Spinner muss es wohl geben.«
Donnerstag, 9. Januar
Am Abend Hauskreis. Wir hörten eine evangelistische Kassette von Billy Graham. Die alte Mrs. Thynn, die fast taub und etwas schwer von Begriff ist, sagte: »Seit Billy Graham im Fernsehen übers Brot des Lebens geredet hat, kauf ich nur noch Graham-Brötchen. Was meint ihr, wie meine Verdauung seitdem funktioniert!«
Danach trotzdem noch gute Gebets- und Anbetungszeit. Vergaß fast eine Stunde lang die Geschichte mit der Büroklammer, weil ich an Jesus dachte und dadurch ganz abgelenkt wurde. Bat Gerald am Ende der Anbetungszeit, die Anzahl der gewünschten Getränke festzustellen.
Er sagte: »Also, ihr goldigen Charismatiker – Hände runter, wer Kaffee will!«
Ich weiß nicht, warum man ihm das alles durchgehen lässt.
Ein ziemlich merkwürdiges Paar war heute zum ersten Mal da, Mr. und Mrs. Flushpool. Sagten den ganzen Abend kein Wort, saßen bloß da und hörten zu. Edwin nahm mich später beiseite und fragte, ob ich die beiden nicht demnächst mal zum Abendessen einladen könnte, weil sie doch gerade erst Gemeindemitglieder geworden sind und noch keinen kennen. Sagte, ich müsste erst mal Anne fragen. Edwin war draußen, bevor ich ansetzen konnte, ihm mein Glaubensproblem anzuvertrauen.
Freitag, 10. Januar
War wieder in der Unity Hall, um zu sehen, wie sich die Band macht. Dieser technische Aufwand! Klang aber schon viel besser. Denke, sie haben jetzt das Stadium erreicht, wo sie sich mit Fug und Recht »Keine besonders gute Nachricht für den Teufel« nennen könnten.
Sie sagten, Sachen wie Plattenverträge würden sie überhaupt nicht reizen, außer natürlich, sie würden in diese Richtung geführt werden. Dieser William Farmer kommt mir allerdings noch immer ein bisschen überspannt vor. Wenn der in dem einen oder anderen christlichen Zirkel auftreten würde, die ich kenne, würde bestimmt irgendwann einer aufstehen und einen Exorzismus vorschlagen.
Anne sagt, die Flushpools könnten nächste Woche Donnerstag kommen. Wirkte dabei nicht übermäßig begeistert. Ungewöhnlich für Anne. Normalerweise ist sie sehr gastfreundlich.
Samstag, 11. Januar
Stand heute zeitiger auf, um dieser verflixten Büroklammer eine letzte Chance zu geben. Endete damit, dass ich sie grimmig, wenn auch phon-schwach (weil ich keinen wecken wollte), anzischte. Als ich aufgab und die Tür aufmachte, stieß ich auf Anne und Gerald im Nachthemd, die gelauscht hatten und ziemlich besorgt aus der Wäsche guckten.
Anne sagte: »Schatz, warum sagst du zu der Büroklammer, du würdest ihr schon zeigen, wo’s langgeht, wenn sie nicht endlich ihren dämlichen Akt bringt?«
Erklärte mit dem Rest von Würde, den ich aufbringen konnte, dass ich ein Glaubensexperiment durchgeführt habe und ein bisschen aus der Haut gefahren bin, weil es nicht geklappt hat.
Anne sagte: »Aber Liebling, Christsein heißt doch nicht, einem magischen Zirkel anzugehören. Warum sollte Gott wollen, dass du durch den Glauben eine Büroklammer versetzt?«
Gerald rieb sich die Augen und sagte: »Papa, ich finde, du bist unbezahlbar. Ich würde dich nicht für viel Geld hergeben.«
Gefiel mir, dass er das sagte. Anne kochte mir ein warmes Frühstück. Fühlte mich wirklich ziemlich glücklich.
Am Abend schlechte Karten bei Anne. Trank Tee mit Gerald, nachdem er seinen ersten Arbeitstag hinter sich hatte. Fragte ihn, ob es dort ein paar nette Mädchen gibt. Entwickelte sich zu einer Diskussion über das Aussehen von Frauen.
Schließlich sagte Gerald: »Wenn’s hart auf hart geht, kann ich mir keine Frau vorstellen, die’s mit Mama aufnehmen kann.«
Völlig in die Konversation vertieft sagte ich: »Oh, ich schon!«
Anne packte noch zwei Bratwürste auf Geralds Teller und nahm mir meine weg, bevor ich fertig war.
Gerald kann doch nicht geplant haben, dass das passiert … oder?
Sonntag, 12. Januar
Heute Morgen eine Sechs-Gummibärchen-Predigt zum Thema »Zeugnisgeben« von Edwin. Sehr gut. So, dass du gleich rausrennen wolltest und jemanden bekehren. Driftete in einen wohligen Tagtraum ab, in dem ich begann, auf den Straßen zu predigen. Am Schluss hatte sich eine riesige Menschenmenge um mich geschart, die alle unter Tränen Buße taten und von ihren Krankheiten geheilt wurden – nur durch die Berührung meiner Hand. War während des folgenden Liedes den Tränen nah, als ich mir vorstellte, wie ich zu den unüberschaubaren bedürftigen Massen der Welt redete.
Fuhr erschreckt hoch und kam zu mir, als ich merkte, dass Edwin Freiwillige suchte, die nächsten Freitag echte Straßenevangelisation machen wollten.
Rutschte so tief in den Sitz wie möglich und versuchte, wie jemand auszusehen, dessen brennender Missionseifer von unverrückbaren Sachzwängen gebremst wird.
Leonard Thynn, der neben mir saß, rammte mir den Ellbogen in die Rippen und tuschelte: »Komm! Du bist da bestimmt gut drin! Ich mach mit, wenn du mitmachst!«
Ehrlich! So was ist mir noch nie passiert. Thynn führte sich auf, als wären wir zwei Pfadfinderinnen, die sich darum reißen, im selben Zelt zu schlafen.
Hob also die Hand, Leonard ebenso. Bei einer besonderen Zusammenkunft im Anschluss sagte Edwin, wir würden zwei und zwei losmarschieren. Leonard und ich sollen mit den Leuten reden, die im Hamburger-Schnellimbiss in der High Street ein- und ausgehen.
Fühle mich bei der Aussicht ein bisschen deprimiert. Nur mal angenommen, ich treffe jemanden, den ich kenne! Habe Leonard sehr gern, aber er ist nicht der zuverlässigste Mensch auf der Welt.
Fragte heute Abend Anne und Gerald, was sie von dem Ganzen halten. Gerald sagte, seiner Meinung nach würden Leute, die Fischburger bevorzugen, offener sein als Hamburger-Fans. Versuchte, mich zu zwingen, nicht zu fragen warum, platzte aber nach zwei Minuten.
Ich fragte: »Und weshalb sind Fischburger-Esser angeblich offener?«
»Weil«, sagte Gerald, »sie dem Fleisch bereits abgeschworen haben.«
Er muss nachts wachliegen, um sich diesen Mist auszudenken.
Montag, 13. Januar
Lag selbst letzte Nacht eine Weile wach und machte mir Sorgen wegen Freitag. Ich werde nicht wissen, was ich sagen soll! Wünschte mir, ich würde einem abseitigen Kult angehören, der Frösche anbetet.
Fand eine Notiz von Gerald auf dem Tisch, ich sollte – wenn ich am Ende der Woche hinausgehe, um die Welt zu ändern – der gewichtigen Tatsache eingedenk sein, dass Mister Billy Graham ein Anagramm von Hybrisgellt am Rima ist.
Richard rief mittags an, um zu fragen, ob er morgen Abend mit seinem Sohn Charles vorbeikommen könnte, um über ein »kleines Problem« zu reden.
Alles ziemlich rätselhaft. Ich dachte, Charles ist erst unlängst zum zweiten Trimester in die Bibelschule abgereist. Im letzten Trimester hatte er wöchentlich einen Brief an die Gemeinde geschrieben, aus dem Edwin gelegentlich Auszüge vorgelesen hat. Gerald, der Einblick in die ungekürzten Originaltexte hatte, sagte, im Vergleich zu Charles’ Episteln wirken die Paulusbriefe wie knapp hingeschluderte Gelegenheitsschriften.
Möchte wissen, was schiefgegangen ist.
Und wer oder was ist Rima?
Dienstag, 14. Januar
Ging heute wieder in den christlichen Buchladen, um zu sehen, ob sie was Gutes zum Thema Straßenevangelisation haben. Schließlich fragte ich den Mann hinter der Theke. Es muss irgendwo eine Spezialschule geben, wo man Jugendherbergseltern, Fundbürobeamte und Leute ausbildet, die in christlichen Buchläden arbeiten.
Ich sagte: »Haben Sie bitte was über Straßenevangelisation?«
»Straßenevangelisation?«, fragte der Buchhändler derart angeekelt und ungläubig, dass ich unfreiwillig einen Schritt zurücktrat und dabei eine lebensgroße Pappfigur von Cliff Richard umriss.
Geriet etwas in Panik und sagte: »Keine Sorge, nur ein Sekündchen und schon habe ich ihn auferweckt.« Hob Cliff auf und wandte mich wieder an den Verkäufer, der asthmatisch schnaubte.
»Ja«, sagte ich tapfer, »Straßenevangelisation bitte!«
Verließ den Laden mit einem Buch, das wirklich großartig zu sein scheint. Der Buchhändler hat es schließlich leise schimpfend irgendwo in der Abteilung für christliche Gartenpflege aufgestöbert, wo es ein verschreckter Kunde in panikartiger Flucht fallen gelassen haben muss.
Es heißt »Prozeduren, Prinzipien, Praktiken und probate Problemlösungen für professionelle Promenaden-Prediger« und stammt von einem Mann namens A. P. Lunchington, der angeblich in seinen Breitengraden unter dem zärtlichen Kosenamen »die Straßenlaterne« bekannt ist, was auf seine unermüdlichen Bemühungen zurückgeht, den finsteren Gassen seiner Heimatstadt geistlich heimzuleuchten. Ich werde es lesen, wenn Richard weg ist.
Richard kam um halb acht mit Charles an. Der arme Junge sah meinem Empfinden nach völlig verstört aus. Ich sagte: »Ich dachte, das Trimester hat diese Woche angefangen, Charles. Ist es dir nicht gut ergangen?«
Charles sagte: »Der Herr hat mir kundgetan, ich solle nicht ins Kolleg zurückkehren. Er möchte, dass ich ihm anderswo diene.«
Anne sagte: »Und wohin meinst du, will er, sollst du gehen?«
Charles sagte, er dächte, er sollte so bald wie möglich die Koffer packen und in den Nahen Osten abreisen, weil Gott ihm klargemacht hätte, dass er ihn genau dort haben wollte.
Anne fragte sanft: »Wie hat er dir das klargemacht, Charles?«
Charles beugte sich vor und erklärte mit Feuereifer: »Es ist kaum zu glauben! Aber fast jedes Mal, wenn ich die Bibel aufschlage, steht da was über Israel oder die Juden!«
Prustete beinahe los, aber Anne blickte mich scharf an. Richard sah unglücklich aus.
Anne fragte: »Charles, mein Lieber, was stimmt nicht in der Schule?«
Hatte jenes Gefühl, das mich manchmal bei Anne beschleicht, dass ich eine ganze Passage der Konversation verpasst habe. Er hatte keinerlei Probleme am Kolleg erwähnt!
Nach ein paar Tränen von Charles und ein bisschen gut Zureden stellte sich heraus, dass sich der arme Kerl im letzten Trimester einsam, unnütz und sündig gefühlt hatte und einfach die Aussicht nicht aushielt, weitere drei Monate Misere vor sich zu haben.
Nach ein wenig Gebet, viel Kuchen und guten Ratschlägen von Anne, sagte Charles, dass er jetzt denkt, er geht doch zurück.
Richard sehr zufrieden. Lächelte sogar! Wie konnte Anne das wissen? Warum hat er nicht mit seiner Mutter geredet? Ich scheine manchmal gar nichts zu kapieren.
Zu spät, um abends noch mit dem neuen Buch anzufangen. Lag wieder wach und zermarterte mir wegen Freitag das Hirn. Was soll ich bloß sagen, Gott? Ich weiß absolut nichts. Was soll ich bloß sagen? Was soll ich bloß sagen?
Mittwoch, 15. Januar
Setzte mich am Abend mit Lunchingtons Buch hin, in der Hoffnung, mir ein paar gute Tipps von ihm zu holen. Was für ein erstaunliches Werk! Ich verstehe nicht, wann dieser Mann Zeit findet, um zu essen oder zu schlafen. Sein Leben ist buchstäblich eine Aneinanderreihung von atemberaubenden Wundern. Wem er auch begegnet und was er auch tut – das alles könnte direkt aus dem Neuen Testament stammen! Besser gesagt: Das Neue Testament wirkt wie ein frühes und eher missglücktes Vorspiel zu Lunchingtons Leben.
Der Mann weiß nicht, wie es ist, wenn man Zweifel, Depressionen, Versagen oder Mutlosigkeit erlebt. Jeder, dem er begegnet, scheint sich auf der Stelle zu bekehren, und absolut nichts kann diesen Mann runterziehen. Und erst die Straßenevangelisation! Soweit ich sehe, muss Lunchington nur einen Schritt aus der Haustür machen und schon wimmelt es auf einem bis dato gänzlich verwaisten Abschnitt des Bürgersteigs von einer unüberschaubaren Menge von Menschen, die schubsen und drängeln, um nah genug an Lunchington ranzukommen, damit er ihnen bei ihrer Glaubensentscheidung mit Rat und Tat zur Seite steht. Fiel nach der Lektüre des Buches ausgelaugt in den Sessel zurück.
War verwirrt, als ich in meinem Hinterkopf den leisen, aber definitiven Wunsch bemerkte, diesem Lunchington einen gezielten Tritt zu verpassen, am besten zwischen zwei Wundern. Wies diesen unwürdigen Impuls als Anfechtung des Feindes von mir und wählte Leonards Nummer.
Ich sagte: »Hallo, Leonard, ich wollte dir nur sagen, dass ich gerade ein großartiges Buch übers Zeugnisgeben gelesen habe, und ich denke, wir sollten es machen wie dieser Mann und am Freitagabend in der Kraft des Glaubens hinausschreiten, angetan mit der Waffenrüstung des Geistes und in der Gewissheit, dass der Sieg bereits unser ist, bevor wir überhaupt anfangen!«
Thynn sagte: »Ganz deiner Meinung, aber können wir vielleicht vorher bei George’s reinschauen und uns ein oder zwei kühle Helle genehmigen, nur ‘nen Schluck gegen die Muffe oder was?«
Wenn ich einst meine geistliche Autobiografie verfasse, wird Thynn nicht darin vorkommen – oder bestenfalls in etwas nachgebesserter Form. Anstatt »ein oder zwei kühle Helle« vorzuschlagen, wird er sagen: »Amen, Bruder! Halleluja!«
Donnerstag, 16. Januar
Habe heute früher mit der Arbeit aufgehört. Machte einen Spaziergang zur Mugley-Siedlung, um Bill und Kitty Dove zu besuchen, unsere Lieblings-Senioren in der Gemeinde. Saßen am Kamin, aßen warme Waffeln und tranken Tee. Bill und Kitty haben beide ein Lächeln, als ob hinter ihrem Gesicht ein Licht angeknipst worden ist.
Kitty sagte: »Oooh, beeil dich! Deine Waffeln werden gleich kalt!«
Bill sagte: »Trink ‘ne schöne Tasse Tee mit uns. Komm ans Feuer und erzähl uns, was der kleine Gerald so treibt.«
»Hi-hi-hi!«, kicherte Kitty. »Der kleine Gerald, hi-hi-hi!«
Erzählte ihnen von Weihnachten und Tante Marjorie und Onkel Ralph und der Band. Sie nickten und strahlten und nickten.
Bill sagte: »Und du? Was treibst du so?«
Erzählte ihnen über unser Zeugnis am Freitag.
Kitty leuchtete mich an. Sie sagte: »Du bist ein wundervoller Mann, dass du den Leuten von unserm lieben Herrn Jesus erzählen willst. Da wird er sich aber freuen!«
Fühlte mich plötzlich weinerlich und windelweich. Ich sagte: »Ganz so ist es nicht. Ich bin überhaupt nicht wundervoll und … «
Bill sagte: »Oh doch, das bist du. Gott liebt dich bis zum Platzen. Er ist absolut verrückt nach dir, also musst du wundervoll sein. Nimm noch eine Waffel und stell dich nicht so an!«
Verließ die beiden und fühlte mich bestens versorgt.
Guter Hauskreis heute Abend, außer als Doreen Cook sagte: »Nur fürs Gebet und unter dem Siegel der Verschwiegenheit, aber habt ihr die Sache mit Raymond schon gehört?« Edwin bremste sie mit sanft tadelndem Ton, von wegen Klatsch und Tratsch.
Dieses Paar, die Flushpools, waren wieder da. Sagten kein Sterbenswort, außer als Gerald Mrs. Flushpool eine Tasse Kaffee anbot und sie mit den Worten ablehnte: »Als ich noch im Fleisch wandelte, pflegte ich …, aber jetzt nicht mehr!«
Fragte Anne später, warum sie sich so geziert hat, die beiden einzuladen. Sie schüttelte langsam den Kopf und sagte, sie wüsste es selber nicht. Sonderbar …
Wüsste doch zu gern, was Doreen über Raymond erzählen wollte.
Freitag, 17. Januar
Schweißtreibende Stille Zeit. Bat zunächst Gott um ein Zeichen, dass heute Abend alles gut gehen würde. Erinnerte mich augenblicklich an die Stelle, wo es heißt: » … ein böses und ehebrecherisches Geschlecht sucht ein Zeichen.« Musste sodann an Johannes den Täufer denken, der im Gefängnis die Zuversicht verloren hatte und Jesus um ein Zeichen bat und fühlte mich wieder in guter Gesellschaft; augenblicklich fiel mir jedoch der ungläubige Thomas ein, und ich hatte wieder Schuldgefühle; dann kam mir Gideons Vlies in den Sinn und ich fühlte mich wieder legitimiert …
Es wäre vielleicht ewig so weitergegangen, aber Anne rief, dass es Zeit ist, zur Arbeit zu gehen.
Gerald hatte für mich ein kleines Silberkreuz dagelassen, das ich tragen sollte, und einen Zettel, auf dem stand, dass Evangelisieren ein Anagramm von Viel Gas rein? Nee! ist.
Abends zu nervös, um vor dem Feldzug noch zu essen. Suchte eine Weile nach einer Ausgabe der Heiligen Schrift, die auf das Auge Uneingeweihter wie »Die Gewehre von Navarone« wirkt. Fand schließlich ein unaufdringliches Exemplar.
Leonard erschien um sieben mit einer gigantischen, messingbeschlagenen Familienbibel unterm Arm. Er sagte, seine Mutter wollte, dass er die nimmt, weil schon ihr seliger Großvater sie dabeigehabt hätte, als er 1906 auf der Straße predigte. Thynn hatte einen grotesken altväterlichen schwarzen Anzug an, der aussah, als hätte er ursprünglich einem Totengräber gehört. Sagte, das sei sein bestes Stück.
Bezogen Posten vor der Hamburger-Braterei. Leonard wirkte wie ein gemeingefährlicher Geistesgestörter mit religiösen Wahnvorstellungen, der in Begleitung seines Wärters Ausgang hat. Fühlte mich absolut miserabel und hoffnungslos. Immer, wenn ich jemanden ansprach, der die Imbissstube betrat oder rauskam, echote Leonard jedes meiner Worte.
Ich: »Nabend!«
Kunde: »Nabend!«
Leonard: »Nabend!«
Ich: »Ganz schön zugig, was?«
Kunde: (lachend) »Harn se recht!«
Leonard: »Ganz schön zugig, was?«
Kunde: »Wie bitte?«
Leonard: »Ganz schön zugig, was?«
Kunde: (unsicher) »Äääh … ja!« (hastiger Abgang)
oder
Ich: »Entschuldigen Sie mich!«
Kunde: »Ja, was …?«
Leonard: (am Ende der Nerven) »Entschuldigen Sie mich!«
Kunde: »Wie bitte?«
Leonard: »Ääh … entschuldigen Sie uns beide!«
Kunde: (blickt auf Thynns lächerlichen Aufzug samt Bibel)
»Ja, natürlich, ich entschuldige Sie.« (hastiger Abgang)
Nicht gerade der dynamischste geistliche Dialog aller Zeiten! Am Ende hatten wir beide Hunger und gingen in den Laden, um uns ein paar Pommes zu leisten. Gerieten unabsichtlich mit einem Mann namens Ted ins Gespräch, der sich entschlossen hatte, hier in der Wärme einen Hamburger zu verdrücken, bevor er nach Hause ging. Nachdem wir eine Weile geredet hatten, hatte Leonard plötzlich die Eingebung, dass das ja jetzt »ES« sein könnte und begann hinter Teds Rücken, stumme, aber eindeutige Mundbewegungen zu mir hin zu machen: »Komm schon, bekehr ihn!« Fühlte mich dadurch komplett blockiert. Brachte es immerhin fertig, Ted stotternd zu fragen, ob er jemals gedacht hat, christliche Werte sollten in unsrer Gesellschaft stärker zur Geltung kommen. Hatten danach eine ganz gute Diskussion, die – wer hätte das gedacht! – damit endete, dass Ted sagte, er hätte nichts dagegen, am nächsten Sonntag mit uns zur Kirche zu kommen!!
Als sich draußen vor dem Laden unsere Wege trennten, sagte Ted: »Übrigens von wegen Werte in der Gesellschaft und so, drum komm ich ja jetzt immer am Freitag und ess hier mein Abendbrot. Da ist so ‘ne Bande von Halbstarken, die machen freitagabends mit ihrer Bumsmusik immer so ‘nen ekligen Krach, und das dauert so zwei Stunden. Ist direkt neben mir, in der Unity Hall. Also, das ist mal wirklich was, was verboten gehört! Na ja, nichts für ungut, bis Sonntag früh dann also! Nabend allerseits!«
Später, als Leonard (unter Absingung von Let It Be! auf den Text: »Wir haben einen, haben einen … «) nach Hause gegangen war, versicherte ich mich, dass Gerald nicht in der Nähe war, und erzählte Anne, was Ted über den »ekligen Krach« gesagt hatte.
»Was passiert Sonntag«, sagte ich, »wenn Ted merkt, dass die Halbstarkenbande, die ihn jeden Freitagabend aus dem Haus treibt, in unserer Kirche spielt? Und dass einer der Bandenführer mein Sohn ist?!«
Anne sagte: »Ich weiß nicht, was passiert, aber ich bin sicher, dass alles gut wird. Denk an Lunchington. Der würde sich wegen so was keine grauen Haare wachsen lassen.«
Ha! Lunchington! Ich wage zu behaupten, der hätte die ganzen Fischburger zum Leben erweckt und jedem von ihnen ein Traktat in die Flosse gedrückt.
Sagte am Abend nur ein kurzes Gebet: »Gott, bitte bring Ted zu dir. Amen.«
Samstag, 18. Januar
Brauchte heute früh fast eine Stunde im Bad, um zwei widerspenstige Haarsträhnen zu zähmen, die – was ich auch versuchte – immer wieder dergestalt hochstanden, dass ich wie der böse Feind persönlich aussah. Kaum hatte ich sie in die Knie gezwungen, versetzte sie Gerald abermals hinterrücks in Rebellion, als ich gerade mein Frühstücksei köpfen wollte.
Aufgekratzt ist gar kein Ausdruck! Er sagte: »Morgen ist der Tag, Papa! Edwin hat uns gestern Abend gehört und sagt, der Count-down für Sonntagmorgen kann anlaufen. Mama, Papa.« Er war plötzlich ganz ernst. »Ihr werdet morgen stolz auf mich sein.«
Anne sagte: »Da sind wir ganz sicher, mein Lieber!«
Machte meinen Mund auf, aber meine Gedanken kamen sich gegenseitig derart in die Quere, dass ich keinen Ton rausbrachte. Gerald merkte nichts. Er sagte: »Muss gehn, muss gehn! Zeit für die Arbeit! Sind selber schuld, wenn sie so blöd sind und mich anstellen!« Er tanzte im Walzerschritt durch die Tür und sang dabei: »Das ist die Schlappe von Woolworth … «
Verschwand, steckte aber schon ein paar Sekunden später den Kopf erneut durch die Tür.
»Übrigens, Papa.«
»Ja.«
»Dieser Typ, den du gestern Abend kennengelernt hast.«
»Ja?«
»Vielleicht ist es ja unsre Musik, die ihn an den Punkt bringt, wo er wirklich eine Entscheidung fällt.«
»Ja, Gerald«, sagte ich, »da könntest du recht haben.«
Hmmm …
Sah heute Nachmittag unseren zukünftigen Nachbarn flüchtig durchs Flurfenster, als er ins Haus ging – um was auszumessen, nehme ich an. Er wirkt entspannt, zufrieden, raucht eine große gemütliche Pfeife; irgendwie strahlt er so was wie Glück aus.
Unwahrscheinlich, dass er Christ ist, scheint mir. Werden es rauskriegen, sobald er eingezogen ist.
Sonntag, 19. Januar
Gerald schon früh auf und davon, um die Anlage für die Band in der Kirche aufzubauen. Natürlich total aufgeregt.
Kam mit Anne später auch zur Kirche, in der leisen Hoffnung, dass Ted doch nicht aufkreuzt. Saß wie üblich ganz hinten und behielt die Tür im Blick. Sah plötzlich Ted, der ziemlich nervös durch den Eingang schwankte. Spürte eine plötzliche Woge von Stolz. Da drüben stand mein ganz persönlicher potenzieller Bekehrter! Mir gehörte er! Und sonst niemand! Mir! Erhob mich in der Absicht, ihn mit ausdrucksstarker, wenn auch stiller Bescheidenheit und Wärme zu grüßen, als Thynn zu meinem Entsetzen durch den ganzen Kirchensaal dröhnte: »Ah, Ted, mein alter Freund! Als wir Sie neulich abends fragten, ob Sie mit uns zur Kirche kommen, waren wir nicht sicher, ob Sie wirklich kommen. Aber jetzt sind Sie da! Hat natürlich nichts mit uns zu tun. Das wissen wir alle. Ha, ha!«
Eine abscheuliche Zurschaustellung für meinen Geschmack – und sehr frustrierend. Konnte doch jetzt schlecht aufstehen und sagen: »Entschuldigt mich bitte, aber ich war auch dabei. In Wirklichkeit habe ich die meiste Zeit geredet.«
Immerhin geleitete ihn Leonard zu dem leeren Stuhl, den ich direkt neben mir reserviert hatte. Kurz danach begann der Gottesdienst, den zum Glück Edwin selber leitete. Edwin hat zwar manchmal den Hang, dieselben ausgelutschten Geschichten immer wieder aufzuwärmen, aber dafür hat er nichts dagegen, ob du sitzt oder stehst oder mit den Händen in der Luft wackelst oder tanzt oder nicht tanzt oder pantomimisch Schneewittchen und die sieben Zwerge aufführst oder sonst was machst, solange du dich dabei wohlfühlst und keinem anderen in die Quere kommst. Ted schien das Singen und Beten ganz gut zu gefallen. Edwins Verkündigung (fünf vollständig konsumierte Gummibärchen und ein sechstes gerade zwischen den Zähnen) war ein bisschen enttäuschend. Es ging die ganze Zeit um die christliche Familie und wie man besser miteinander zurechtkommt, nicht das knallharte Evangelium, das Ted meiner Meinung nach hätte hören sollen. Blinzelte zur Seite um zu sehen, ob er schon Tränen in den Augen hat. Habe das Gefühl, das ist immer ein vielversprechendes Zeichen. Auch nicht das leiseste Glitzern, soweit ich sehen konnte! Er hörte jedenfalls zu.
Dann kam der Teil, dem ich entgegengezittert hatte. Edwin sagte: »Und jetzt, liebe Freunde, möchte ich, dass ihr eine brandneue christliche Band hört, die ausschließlich aus jungen Leuten unserer Gemeinde besteht. Sie haben für ihren heutigen Auftritt wirklich schwer geackert und wollen jetzt eine ihrer eigenen Kompositionen spielen – Friede ist nah. Wie wär’s mit einem freundlichen und ermutigenden Willkommensapplaus für Bad News for the Devil?«
Sie waren besser, kein Zweifel, aber es handelte sich noch immer um eine solide Geräuschkulisse. Der junge William Farmer trommelte und sang wie jemand, dem man elektrische Leitungen an einem sehr empfindlichen Körperteil installiert hat.
Bemerkte mit einer gewissen Nervosität, dass sich Ted in seinem Stuhl nach vorn beugte, einen verwirrten Gesichtsausdruck annahm und angespannt der Musik lauschte.
Als es aus war, herrschte einige Augenblicke lang betäubtes Schweigen, das von Mrs. Thynn unterbrochen wurde, die fragte: »Wie sagt er, heißen die?«
Leonard sagte: »Schlechte Nachricht für den Teufel, Mutter.«
Hoffe um Geralds willen, dass der Beifall, der in diesem Moment einsetzte, Mrs. Thynns Replik übertönte: »Schlechte Nachricht für jedermann, wenn du mich fragst.« Merkte plötzlich, dass mir Ted auf die Schulter tippte. »Hörn Sie mal«, flüsterte er, »die Typen da klingen genauso wie die Typen, die jeden Freitag in der Unity Hall sind.«
Räusperte mich: »Also, Ted, ääh also, ich meine, diese Typen hier sind diese Typen da, ääh, wenn Sie verstehen, was ich meine. Der eine, der die Lead Gitarre spielt, ist sogar mein Sohn – Gerald.«
»Wolln Sie damit sagen«, fragte Ted, »dass Sie mich gefragt haben, ob ich nicht herkommen will, und dann hab ich das mit den Halbstarken gesagt, und Sie haben mich trotzdem eingeladen?«
Merkte plötzlich, dass Gerald ans Mikrofon getreten war. Puterrotes Gesicht vor Nervosität, überhaupt nicht wie Gerald. Sah ihn plötzlich als kleinen Jungen vor mir.
»Wir sind noch ziemlich mies«, sagte er, »aber wir werden uns noch steigern, und ich wollte bloß sagen, dass das Lied, das wir gerade gebracht haben, also, das ist einem neuen Freund von meinem Papa gewidmet, der Ted heißt. Er sitzt dort hinten, und wir wollen Ted bloß sagen, dass wir hoffen, dass er, ääh, dass er also auch bald zur Familie gehört.«
Konnte aus irgendeinem Grund nicht schlucken. Ted schaute finster vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf: »Hab nie ‘ne Familie gehabt«, sagte er grimmig.
Am Ende des Gottesdienstes meinte Ted: »Möcht mal gern ein Wort mit dem Obermacker reden.« Ich stellte ihn Edwin vor. Konnte es mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass ich ihn eingeladen habe. Sie verschwanden zusammen in einem Nebenzimmer.
Schwebte nach Hause.
ICH BIN EIN CHRIST, DER ZEUGNIS ABLEGT UND MENSCHEN ZUM HERRN FÜHRT!!!
Wenn es so weitergeht, könnte man mich eines Tages einladen, bei christlichen Konferenzen zu reden!
Montag, 20. Januar
Wachte heute Morgen auf und fühlte mich älter, reifer und irgendwie patriarchalischer. Hoffte, Anne und Gerald würden mit etwas mehr Respekt als sonst auf jene Aura stiller Heiligkeit reagieren, die ich um mich spürte. Als ich nach unten kam, sagte Anne: »Die Katze hat hintern Fernseher gekotzt. Machst du das bitte weg, ja!? Ich muss ein paar wichtige Sachen erledigen.«
Gerald überreichte mir ein gefaltetes Blatt Papier, bevor er zum College aufbrach. Als ich es öffnete, fand ich darauf die Frage: »Lieber Papa, wusstest du schon, dass egozentrisch ein Anagramm ist für noch zeigt Er’s!?«
Ging zur Arbeit.
Dienstag, 21. Januar
Machte heute Nachmittag auf dem Nachhauseweg eine kleine Unterbrechung, um mit einem Mann zu plaudern, der ein paar Häuser weiter die Straße runter im Garten arbeitete. Dachte, ich sollte meine neue Gabe des Zeugnisgebens ausprobieren. Als ich sagte, ich sei Christ, antwortete er: »Schön, wenn das so ist, warum beschneiden Sie dann nicht Ihre beschissene Hecke ein bisschen, damit wir Heiden nicht jedes Mal in der Gosse landen, wenn wir an Ihrem Haus vorbeimüssen.«
Ging mit hochrotem Kopf weiter. Dieser Kotzbrocken! Soll sich bloß nicht einbilden, er kann mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe! Wie es der Zufall will, hatte ich mich gerade selber entschlossen, mir heute mal die Hecke vorzunehmen, aber NICHT wegen dem, was der gesagt hat. Borgte mir die elektrische Gartenschere von Mr. Brain, unserem ältlichen Nachbarn, der ab und zu in die Kirche kommt, und hatte die Sache in null Komma nichts erledigt.
Erwähnte gegenüber Anne nicht, was der Mann gesagt hatte. Sie quengelt auch schon einige Zeit wegen der Hecke – genauer gesagt, seit letztem Sommer.
Gerald erklärt mir, er will zu Hause sein, wenn morgen die Flushpools kommen. Sagt, er sei neugierig.
Mittwoch, 22. Januar
Im Geschäft Anruf von Kitty Dove. Erzählte, Ted sei gestern bei ihnen zum Tee gewesen und hätte gesagt, er möchte Jesus gern nachfolgen, aber Edwin hätte ihm geraten, die Sache ein paar Wochen lang gründlich zu durchdenken und sich in der Zwischenzeit ab und zu mit den Doves zu treffen.
»Er spricht in höchsten Tönen von dir, mein Lieber«, sagte Kitty, »und ich finde, er hat ganz recht!«
Wie kommt es, dass ich immer dann, wenn mir die Doves was Nettes sagen, das dringende Bedürfnis habe, ihnen zu versichern, dass ich nicht so gut bin, wie sie meinen?
»Hat gefragt, ob er uns die nächsten beiden Male freitagabends besuchen kann«, fuhr Kitty fort. »Der Zeitpunkt war ihm ganz besonders wichtig. Sagte, Freitag wäre der beste Abend für ihn, wenn wir nichts dagegen hätten. Ist das nicht wundervoll?«
Grinste in mich rein. »Ja«, sagte ich, »das ist wundervoll.«
Als abends um sechs das Telefon klingelte, nahm Gerald den Hörer ab. Kam zurück und sah verblüfft aus.
Er sagte: »Das war Mrs. Flushpool. Sie können nicht, sagt sie, weil ihr Mann an einer alten Krankheit laboriert, die ihm im Fleisch noch immer zu schaffen macht, und sie würden gern nächsten Donnerstag kommen, so Gott will und sie leben und es passt. Kannst du zurückrufen, wenn nicht?«
Ist es nicht HERRLICH, wenn etwas, was passieren sollte, obwohl du nicht wirklich wolltest, dass es passiert, aber dachtest, es müsste passieren, weil es so richtig ist, dann doch nicht passiert – und du bist nicht schuld?
Verbrachte einen sehr gemütlichen Abend mit Anne und einer Flasche Wein. Gerald futterte seine eigene Portion und die Portionen von Mr. und Mrs. Flushpool auf und ging dann aus. Alles höchst erfreulich.
Ich würde doch zu gerne wissen, was Doreen letzte Woche über Raymond erzählen wollte. Nur fürs Gebet natürlich …
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.