Kitabı oku: «Klinische Hypnose und Hypnotherapie»

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AGNES KAISER REKKAS

KLINISCHE HYPNOSE UND HYPNOTHERAPIE

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Praxisbezogenes Lehrbuch für die Ausbildung

Achte Auflage, 2021

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin ✝ (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Umschlaggestaltung: Uwe Göbel

Satz: Drißner-Design u. DTP, Meßstetten

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Achte Auflage, 2021

ISBN 978-3-89670-505-1 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8351-8 (ePub)

© 1998, 2021 Carl-Auer-Systeme Verlag und

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

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▶ Inhalt

Vorwort

Einleitung

I Voraussetzungen

1. Grundlagen

1.1 In Hypnose ‚beamen‘ und a ist das Problem?

1.2 Mythen und Vorurteile

1.3 Hypnose aber wirkt anders

1.4 Hypnose in Stichpunkten

1.5 Therapeutisch nutzbare Phänomene der Hypnose

1.6 Objektivierbare Indikatoren von Hypnose

1.7 Hypnose – gestern und heute

1.8 Rapport und Kooperation – Die Basis der heutigen Hypnotherapie

1.9 Ist die Hypnose tief genug?

1.10 Hypnose – eine Erlebnistherapie

2. Reflexionen

2.1 Der Zauber der Stimme

2.2 Körperliche Berührung – fast ein Tabu

2.3 Das weibliche Element – Frauen bereichern die Hypnose

2.4 Unsere Kollegen in den USA – was machen sie anders, was sollten wir übernehmen?

II Methodik

Exkurs: Das Unbewußte – ein geheimnisvoller Begriff

1. Planung

1.1 Das Aufklärungsgespräch

1.2 Psychotherapie und Hypnose: Überleitung vom Gespräch zur Hypnose

1.3 Die zwanzig Schritte der ersten Hypnotherapiesitzung

1.4 Therapieplanung, Verlauf und Rückfallprophylaxe

2. Hypnoseinduktion

2.1 Induktion – Gesamtdarstellung der gebräuchlichen Verfahren

2.2 Induktion mit der Farbtafel – Textanleitung

2.3 Farbtafel

2.4 Induktionsverfahren, sprachliche Techniken

2.5 Beispiel einer ausführlichen verbalen Hypnoseein- und -ausleitung

2.6 Koppheister oder bedächtig? – Alternative zu den anderen Induktionsverfahren

3. Sprache

3.1 Beispiele von Redewendungen, die Neugierde, Fokussierung, Öffnung der Bezugsrahmen, Sicherheit, Wohlgefühl und unbewußte Kooperation unterstützen und Assoziationen anregen

3.2 Negative Suggestionen – nicht generell schlecht

3.3 Redundanz, unwiderstehlich: „… und ich lasse los und entspanne mich!“

4. Selbsthypnose – wozu?

4.1 Technik: Anweisung für Selbsthypnose

4.2 Beispiel eines Tonbandtextes für das Üben von Selbsthypnose zu Hause

4.3 ‚Carlottas Reisen‘ – Patientenbericht

5. Ideomotorische Zeichen und Signale

5.1 Die Handlevitation (HL)

5.2 Es sollte nur fürs Foto sein – wie die Handlevitation spontan Hypnose einleiten kann

5.3 Fingersignale/Fingerzeichen

5.4 ‚Der Neue‘ – exklusiv und delikat

5.5 ‚Fingerschluß‘

6. Therapeutische Arbeit mit ideomotorischen Zeichen bzw. Signalen

6.1 Diagnostischer Fragenkatalog

6.2 Therapeutische Arbeit mit ideomotorischer Bewegung

6.2.1 „Beantwortung einer nicht bewußt beantwortbaren Frage“ – eine Anleitung zur Lösung eines nicht bewußt lösbaren Problems mit Hilfe einer ideomotorischen Technik

6.2.2 „Sammeln und Loslassen“ – Hypnoseanleitungen

6.2.3 „Die Geschichte vom Bäumchen“ – Eine metaphorische Variation zu „Sammeln und Loslassen“

6.3 Traumarbeit

6.3.1 Aufzeichnungen von nächtlichen Träumen, die einen deutlichen Zusammenhang mit der erfolgten Traumarbeit aufweisen

6.4 Die Arbeit am Kindheitstrauma

6.5 Körperfarben: Gesunde Farbe in den kranken Bereich! Intervention bei psychosomatischen Erkrankungen

6.6 Drei Beispiele therapeutischer Arbeit mit ideomotorischer Bewegung

6.6.1 „Zwei linke Hände?“ – Schema des ideomotorischen Vorgehens, aufgezeigt am Beispiel einer hypnotherapeutischen Kurzintervention

6.6.2 „Richtig sein“

6.6.3 „Auf der Seite des Lebens entlangspazieren“

7. Aussteigen aus pathologischen ‚Ich-Zuständen‘ – Auflösen der Symptomtrance im prozeßorientierten Vorgehen

8. Zehn hypnotherapeutische Phantasiereisen

8.1 ‚Obstschale‘ – Halluzination auf allen Sinneskanälen

8.2 ‚Energie-Torbogen‘ – in der eigenen Kraft stehen

8.3 ‚Basar‘ – die Fundgrube in der Tiefe

8.4 ‚Lichtersee‘ – eine Wohltat für den Körper

8.5 Ordnen der Ursprungsfamilie – und an innerer Freiheit gewinnen

8.6 ‚Das Buch des Lebens‘ – die Regie übernehmen

8.7 ‚Der sicherste und geschützteste Ort‘ – Wo Angst nichts zu suchen hat

8.8 ‚Raum der Lösungen‘ – voller neuer Ideen

8.9 ‚Ohrensessel‘ – Blick zurück in die Gegenwart

8.10 Der Tag nach dem Wunder – So ist es, wenn es anders ist

9. Ein Kinderspiel

9.1 Kinder, die besten Selbsthypnotiseure

9.2 Eine Seefahrt, die ist lustig …

9.3 Individuelle Variation der „Seefahrt“-Phantasiereise

9.4 ‚Die kleine Meerjungfrau, die ihre Familie retten wollte‘

10. Hypnose in der Schmerztherapie

10.1 Theoretische Voraussetzungen

10.1.1 Hypnotherapeutische Analgesie und Anästhesie

10.1.2 Grundlegende schmerztherapeutische Strategien

10.2 Techniken

10.2.1 ‚Badesee‘

10.2.2 Die „progressive Anästhesieinduktion“

10.2.3 Hypnose in der präoperativen Situation

10.2.4 Präoperative Hypnose zur Förderung postoperativer Heilung

10.2.5 Hypnose und chronischer Schmerz

10.3 Robinson Crusoe – das neue Phantom der OPs oder: Patient hört mit

10.3.1 Intraoperativ präsentierter Tonbandtext

III In Hypnose – die Freiheit wohl grenzenlos?

1. Grenzen des Verfahrens und Mißerfolge

2. „Umprogrammieren“ oder sich unbewußte Fähigkeiten erschließen?

3. “I like junk food too much”oder: Warum auch die beste Hypnose manchmal nicht wirksam werden kann

Anhang

Fragebögen Nr. 1 bis 5

Literatur

Über die Autorin

▶ Vorwort

Von einem Lehrbuch erwartet man u. a. wissenschaftliche Diskurse zu einem breiten Spektrum von Themen, konsequente systematische und thematische Gliederung sowie ausführliche Literaturangaben. Der vorliegende Band ist ein „Lehrbuch anderer Art“, d. h. keines im herkömmlichen, konventionellen Sinn: Es beschränkt sich bewußt auf praxisbezogene Themen, die hauptsächlich auf dem persönlichen Repertoire einer offensichtlich erfahrenen, geschickten und kreativen Therapeutin und Ausbilderin basieren, während es Themen, die anderswo gründlich behandelt werden, lediglich streift. Theoretisches wird nur erwähnt, wenn es zum Verständnis des Praktischen unbedingt notwendig ist. Dafür wird das Gebotene durch konkrete Fallbeispiele anschaulich und interessant, lebens- bzw. wirklichkeitsnah vermittelt. Transkripte von Hypnosesitzungen mit Patienten oder Kursteilnehmern werden im Wortlaut wiedergegeben. So dürfte dieses Buch für „medizinische und psychologische Einsteiger in die Hypnotherapie“ (um mit den Worten der Autorin zu sprechen) ein nützliches Begleitbuch, eine willkommene Ergänzung, oft sogar eine Fundgrube sein. Gleichzeitig bietet es jenen, die mit Hypnose noch nicht vertraut sind, Orientierungsmöglichkeiten, wie Hypnose in der Praxis zur Anwendung kommen kann.

Auch der Aufbau des Buches ist unkonventionell, indem es sich nicht an strikte „Schemata“ oder Gliederungen hält. Die gewählten Themen werden weder aus dem gleichen Blickwinkel noch in einer vergleichbaren Reihenfolge besprochen. Vielmehr konzentriert sich die Autorin auf jene Punkte, die sie in der jeweiligen Situation für didaktisch hervorhebenswert hält und dem Leser nahebringen möchte, was auch ein Grund für Wiederholungen ist.

Hier wird nicht trockenes theoretisches Lernmaterial geboten, sondern man empfindet es manchmal als geradezu spannend – als ob man für ein Weilchen als interessierter Zuschauer durch einen Einwegspiegel einer Sitzung beiwohnen würde –, und man bekommt dabei einen Einblick in den Reichtum der Möglichkeiten, die dem Psychotherapeuten oder Arzt in der Praxis zur Verfügung stehen. Gleichzeitig kann man beobachten, wie bei Nutzung bekannter Techniken die Kreativität und Individualität des Therapeuten zum therapeutischen Erfolg beitragen können. So möchte das Buch den Leser dazu anregen, das Gebotene durch seine eigene Kreativität, Phantasie, Imagination und Intuition so zu modifizieren, wie es für ihn selbst, für seine Patienten und die jeweilige Situation stimmig ist, um die bestmöglichen Therapieerfolge zu erzielen.

Besonders hilfreich dürften die auf CD* gesprochenen Hypnosetexte sein, geben sie doch die bei Hypnose so wichtigen Nuancen der Sprache wieder, die man einem geschriebenen Text nicht entnehmen kann: die breite Skala und ständig wechselnden Variationen von Tonfall, Mudulation, Tempo, Stimmlagen, Lautstärke, Pausen usw.

Offensichtlich ist Agnes Kaiser Rekkas’ therapeutische Arbeit stark von Milton H. Erickson und David Cheek (die ich beide persönlich kannte) beeinflußt. Beide, aber vor allem Cheek, scheinen für dieses Buch sozusagen Pate gestanden zu haben, denn z. B. das „ideomotor signaling“ wird besonders eingehend behandelt. Durch Fallbeispiele und eine Vielfalt von Formulierungen wird eine Fülle von diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten dargestellt, die diese Modalität veranschaulichen. Der bescheidene David Cheek, der noch wenige Stunden vor seinem Tode mit mir über seine Arbeit sprach, hätte sich gefreut, eines der Themen, die ihm wichtig waren, so kreativ angewandt und von der Autorin so interessant weiterentwickelt zu sehen.

Noch ein weiterer wichtiger Beitrag von Cheek wird in diesem Buch angesprochen: intraoperative Wahrnehmung. Cheek hatte bereits 1959 versucht, Ärzte darauf aufmerksam zu machen. Die ablehnende Reaktion des „medical establishment“ schlägt sich u. a. in dem Umstand nieder, daß keine der renommierten medizinischen Fachzeitschriften auch nur einen seiner sieben diesbezüglichen Artikel veröffentlichte und diese schließlich nur in der „obskuren“ Hypnoseliteratur unterkamen. Erst knapp 30 Jahre später wurde intraoperative Wahrnehmung als seriöses medizinisches Thema aufgegriffen und zum Gegenstand von mittlerweile vier internationalen Symposien.

Durch die Veröffentlichung einer Arbeit zu diesem Thema, an der Agnes Kaiser Rekkas beteiligt war, wurde ich ursprünglich auf die Autorin aufmerksam. Damals war ich beeindruckt davon, daß für sie Patienten nicht nur Untersuchungsobjekte waren (was ihnen absolut nicht geschadet hätte), sondern daß das Design des Experiments ein Zugeständnis an die Bedürfnisse der Versuchsperson machte (was in medizinisch-wissenschaftlichen Untersuchungen unüblich ist): Agnes Kaiser Rekkas flocht therapeutische Suggestionen ein, die zwar die wissenschaftliche Untersuchung nicht beeinträchtigten, dem Patienten aber einen unerwarteten Gewinn ermöglichten.

Auch andere Themen wie Schmerztherapie, Analgesie, Anästhesie, Vorbereitung für chirurgische Eingriffe sind hier mit Beispielen belegt und mit Hinweisen für erfolgreiches Vorgehen versehen.

Neue Horizonte können sich dem aufmerksamen Leser eröffnen bei der Erörterung gewisser „Tabus“ wie Verwendung von Hypnose bei Depressionen oder Körperberührung. Während Körperberührung in der somatischen Medizin selbstverständlich und unumgänglich notwendig ist, scheint sie in der Psychotherapie immer noch als problematisch betrachtet zu werden. Agnes Kaiser Rekkas führt Gründe, Grenzen und Beispiele zu diesem Thema an.

Obwohl ich geographisch, fachlich und sprachlich „in einer anderen Welt“ lebe, hoffe ich mit diesem Vorwort einer deutschsprachigen Leserschaft hinreichend gerecht zu werden. Denn auch wenn mir die Themen dieses Buches außerordentlich vertraut und geläufig sind (ich verwende Hypnose täglich in der somatischen Medizin, der Chirurgie bzw. Anästhesie, der Gynäkologie, bei Krebspatienten usw.) und ich im deutschsprachigen Raum seit Jahren Seminare halte, so weiß ich über den europäischen Ausbildungsgang und die deutschsprachige Fachliteratur nur unzureichend und oberflächlich Bescheid. Ich glaube aber, daß das vorliegende Buch für Ärzte und Psychologen, Anfänger und Fortgeschrittene nützliche Informationen enthält und daß es sogar ein Vergnügen sein dürfte, nur einfach darin zu „schmökern“.

Christel J. Bejenke, M. D.

Santa Barbara, Kalifornien

* Agnes Kaiser Rekkas (1998): Wie von Zauberhand … CD mit drei hypnotherapeutischen Übungsanleitungen zum Buch „Klinische Hypnose und Hypnotherapie“. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

Agnes Kaiser Rekkas (2000): Seifenblasen. Vier hypnotische Anleitungen für psychosomatische Krankheitsbilder. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme).

Einleitung ◀

Das vorliegende Buch ist aus der Praxis entstanden und für den Gebrauch bestimmt. Es will nicht wiederholen, was in anderen Büchern über Hypnose schon gut und ausführlich beschrieben ist. Aus diesem Grunde sind die Mythen und Vorurteile, die geschichtlichen Stationen der Hypnose, die Hypnosephänomene sowie die Grundgedanken der heutigen Hypnotherapie nur stichpunktartig in Erinnerung gebracht, um sie als ‚Hintergrundwissen‘ zu aktivieren. Hier geht es vielmehr um die Befähigung des medizinischen und psychologischen Einsteigers in die Hypnotherapie im pragmatischen Bereich – und damit zuerst einmal um die Position des Therapeuten* im Wellengang der an ihn gestellten und zumeist unerfüllbaren Wünsche von seiten des Patienten. Die Arbeit mit der heutigen Form der Hypnose setzt ein Umdenken voraus, das beim Therapeuten anzufangen hat. Das Prinzip der therapeutischen Kooperation, verbunden mit der impliziten Prämisse der Fähigkeiten des Patienten – „All your patients are potential healers“ (David Cheek 1992) – führt das System des Helfens ad absurdum, eröffnet dafür aber im Gegenzug eine ungemein reiche Vielfalt an Möglichkeiten, welche letztendlich den Therapeuten entlasten und den Patienten stärken.

Das Grundschema der therapeutischen Veränderung in Hypnose leitet sich in logischer Konsequenz davon ab und ist einfach: Es geht darum, in veränderter Bewußtseinslage durch Visualisation oder Halluzination dem Therapieziel entsprechende Reaktionen hervorzurufen. Die suggestiv wirkenden Anregungen von seiten des Therapeuten führen den Patienten, der durch sein Leiden am Symptom motiviert und durch Erwartungshaltung aufgeschlossen sowie mit Hilfe der passenden Hypnoseinduktion absorbiert ist, wie von alleine in ein ihm neu erscheinendes und beeindruckendes „Erleben“. Dieses Erleben kann Entlastung, Ruhe, Entspannung oder sogar Schmerzfreiheit genauso umfassen wie die Fähigkeit zur Problemlösung; ebenso auch die Kraft, alten Kindheitsdramen zu begegnen, sie grundsätzlich zu ordnen und zu überwinden. Mit hypnotherapeutischer Unterstützung lernt der Patient, die erfahrenen Erlebnisse psychisch und physiologisch auszuwerten und sie für entsprechende Alltagssituationen nutzbar zu machen. Unserer Kunst obliegt es dabei, mit der richtigen Intervention zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entwicklung zu fördern. Das ist nun wiederum nicht so einfach, da es kein Standardprinzip geben kann. Jeder Mensch ist einzigartig, mit individuellem Leid, mit eigenem Kontext, in seiner Art von Weltbild, mit persönlichen Kapazitäten. Aber gerade das macht unsere Arbeit auch so aufregend und vielseitig.

Um einen Überblick über die vielfältigen, möglichen Vorgehensweisen zu vermitteln, werden in diesem Buch grundlegende bewährte Strategien und Methoden ausgebreitet. Dabei wird sowohl auf die ‚Altmeister‘ der Hypnotherapie wie Milton Erickson und David Cheek zurückgegriffen, als auch auf Methoden von befreundeten Experten und von mir selbst entwickelte Interventionsmöglichkeiten.

Das Buch veranschaulicht eine Anzahl von therapeutischen Anwendungen in der Diagnostik, in der Behandlung psychosomatisch Erkrankter, in der Hilfe zur Konfliktlösung sowie auch in der heilenden und integrativen Arbeit zur Bewältigung von Kindheitstraumata; es untermalt diese Themen mit Therapieaufzeichnungen.

Ausführlich beschrieben wird eines unserer wichtigsten Arbeitswerkzeuge, das ideomotorische Signalisieren mit der Anzeige des „neuen Fingers“ für die Bestätigung einer sich anbahnenden neuen Entwicklung nach Kaiser Rekkas. Dieser vorerst vielleicht seltsam anmutende Gebrauch eines autonomen, unbewußten Antwortsystems erscheint mir außerordentlich effektiv und ausbaufähig.

In meinen Seminaren wurde immer wieder ein großes Bedürfnis nach Wissen um schmerztherapeutische Maßnahmen deutlich. Deshalb wird das Thema Hypnose und Schmerz mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, auch in der Anästhesiologie, eingehend beleuchtet.

Die ideomotorische Traumarbeit ist aufgezeichnet und zur Illustrierung der therapeutischen Wirkung mit Patientenberichten (wie z. B. die Traumbeschreibung „Erdbeeren mit Vanillesoße“) vervollständigt.

Breiter Raum wird der Technik der Selbsthypnose, welche mit ihrer Betonung zur Selbständigkeit des Patienten als Tragbalken der Therapie fungieren kann, gegeben.

In bestimmten Bereichen, wie in der Kindertherapie, in der Therapie bei Menschen mit Depressionen oder bei psychosomatisch Erkrankten, unterscheiden sich die Konzepte im Vorgehen oft grundsätzlich oder weisen der Erfahrung nach besondere Eigenarten auf. Das Lehrbuch versucht, dieser Tatsache mit entsprechenden Kriterien und Beispielen für die Anwendung von Hypnose gerecht zu werden. Zu jedem Themenbereich finden sich außerdem Hinweise auf weiterführende Literatur.

Die Übungsbeschreibungen und Anleitungen im Wortlaut sollten als Beispiele und Anregungen verstanden werden. Man achte aber sensibel darauf, nichts zu übernehmen, was im Konzept oder inhaltlichen Bild nicht stimmig mit der eigenen Persönlichkeit ist. Dann sollte man den Text entsprechend abwandeln oder sich animiert fühlen, etwas ganz Neues zu erfinden. Generell ist es das Anliegen dieses Lehrbuches, die Basis der hypnotherapeutischen Strategien und Methoden zu beschreiben; auf dieser Grundlage will es seine Leser ermutigen, im Rahmen des eigenen Repertoires und/oder Therapieansatzes zu experimentieren und sich Neuland zu erobern.

In einem Anhang bieten fünf Fragebögen ausreichend Material, um sowohl in der Ausbildungs- und Supervisionsgruppe als auch in der persönlichen Reflexion wesentliche Kriterien in der Arbeit mit Hypnotherapie zu überprüfen. Mit jeweils unterschiedlicher Intention setzt jeder Fragebogen einen anderen Fokus, um das ganze Spektrum von der Eigenbefindlichkeit des Therapeuten bis hin zu strukturiertem Vorgehen in der Gestaltung der Hypnosesitzung abzudecken.

Agnes Kaiser Rekkas

München, August 1998

* Ich bin eine Frau, sicher eine bewußte Frau, eine Therapeutin, ein weiblicher Therapeut, und natürlich habe ich Patientinnen. Der Einfachheit halber schreibe ich aber im weiteren von dem Therapeuten und dem Patienten. Die Lösung mit „TherapeutIn“ etc. halte ich nicht für überzeugend. Ich weiß, daß ich damit Kritik provozieren werde; mein Anliegen ist aber die Vermittlung von Konzepten und Techniken in einer Form, die möglichst wenig kompliziert ist.

Teil eins

Kapitel 1
▶ Grundlagen
1.1 In Hypnose ‚beamen‘ und a ist das Problem?

Ein morgendlicher Telefonanruf:

Eine Männerstimme: „Bin ich da richtig bei Frau Dr. …?“

Ich: „Ja, Sie sind richtig.“

Der Herr: „Ich interessiere mich für Hypnose.“

Ich, freundlich: „Ja?“

Der Herr: „Ich möchte, daß Sie mich in Hypnose versetzen, damit ich meine Angst loswerde.“

Na, das ist alltäglich, und ich reagiere sachlich: „Hm, im Prinzip kann Hypnose in der Angsttherapie sehr erfolgreich eingesetzt werden. Von wem kommen Sie denn, wer hat Sie an mich empfohlen?“

Der Herr: „Ich komme über diesen Verein, wie heißt er gerade noch, ‚Verein für Deutsche Hypnose‘.“

Ich: „Aha, über die ‚Deutsche Gesellschaft für Hypnose‘.“

Der Herr: „Richtig, über die Therapeutenliste der ‚Deutschen Gesellschaft für Hypnose‘.“

Im stillen denke ich mir: „Typisch. Wieder ein Artikel in der Radiozeitschrift oder in einem Heftchen in der Arztpraxis und einem schon bekannten dummen Mythos aufgesessen oder womöglich noch etwas aus meiner eigenen Feder in einem Gesundheitsmagazin und nicht offen für Bekehrung … und dann darunter die MEG- und DGH-Adresse …“

Der Herr unterbricht mein Räsonieren: „Wissen Sie, ich mache schon eine Psychotherapie, eine ganz normale. Jetzt will ich aber endlich meine Angst weghypnotisiert haben.“

Ich betone nochmals, daß Hypnose prädestiniert in der Behandlung von Angstsymptomen eingesetzt werden kann, informiere den Herrn aber auch, daß Symptome meistens ja ihre Geschichte und auch einen Sinn haben, so daß man sie nicht einfach „wegzaubern“ dürfe, was auch nicht funktioniere. In Hypnose könne leider, aber eigentlich auch glücklicherweise, niemand anderer für einen selbst das Problem erledigen. Dagegen verhelfe der veränderte Bewußtseinszustand der Hypnose einem aber dazu, ganz selbständig neue Kräfte zu mobilisieren, so daß man letztendlich selber das Problem lösen könne. Das sei doch auch viel besser. Und außerdem befände er sich ja schon in Therapie …

Ich komme nicht weit:

Der Herr: „Und das Rauchen? Können Sie mich nicht dafür in Hypnose ‚beamen‘, damit ich aufhören kann?“

„Oh, là, là ein hartnäckiger Fall“, geht mir durch den Kopf.

Ich erkläre weiter, daß Hypnose nur in einen psychotherapeutischen Rahmen eingebettet angewendet werden sollte. Auch ich würde Hypnose ausschließlich innerhalb meiner Psychotherapien einsetzen. Und da er sich schon in einer Therapie befände, bliebe mir nur übrig, ihm eine Empfehlung zu geben, und ob er diese anhören wolle.

Der Herr: „Werden Sie mich jetzt durchs Telefon hypnotisieren?“

Amüsiert antworte ich: „Durchs Telefon? Eigentlich nicht, aber wer weiß, nichts ist unmöglich. Und Sie sind ja wirklich zu vielem bereit, um Ihre Angst zu verlieren. Das ist gut. Dann werden Sie auch erfolgreich sein!“

Klingt wie eine klassische Suggestion, könnte sogar wirken, bei der Motivation …

Pause.

Gespannte Aufmerksamkeit auf der anderen Seite.

Ich: „Wollen Sie meine Empfehlung nun anhören, um sich besser zu fühlen und sicherer zu werden?“

Der Herr deutlich: „Ja.“

Ich: „Lernen Sie Selbsthypnose! Kaufen Sie sich dazu das Buch Selbsthypnose von Brian Alman, studieren Sie es, machen Sie die Übungen und besprechen Sie alles mit Ihrem Therapeuten.“

Der Herr, hörbar aus allen Wolken fallend: „Ich soll da selber was machen können?“

Ich, die sich zufällig ergebende Chance nutzend: „Ja, Sie können, weil Sie wollen!“

Der Herr, verwundert, aber sich öffnend: „Meinen Sie?“

Ich: „Ja, ich meine nicht nur, ich bin sicher. Sie werden davon profitieren.“

Der Herr: „Warum nicht?“

Ich: „Ja, warum nicht. Alles Gute!“

Dieses Gespräch gibt die typische Erwartungshaltung wieder, der wir als Hypnotherapeuten ständig von neuem ausgesetzt sind und für die wir gewappnet sein müssen. Im Moment des Niederschreibens am PC erhalte ich einen fast identischen Anruf, auch was die nachträgliche Frage nach der Raucherentwöhnung anbelangt, nur unterschieden durch die Aufzählung aller bisher durchlaufenen therapeutischen und medizinischen Stationen (zur Beseitigung einer Schlaflosigkeit der Aufenthalt im Schlaflabor etc.) und durch den Hilferuf:

„Sie sind meine letzte Rettung!“

1.2 Mythen und Vorurteile

Die ganz besonderen ‚Hypnosephänomene‘, die von uns Hypnotherapeuten, ob wir es wünschen oder nicht, wie automatisch Besitz ergreifen

Der Glaube des Laien:

Hypnose ist nur bei leichtgläubigen und einfältigen Personen anwendbar.

Hypnose erzeugt Abhängigkeit.

In Hypnose benimmt man sich auf peinliche Art und Weise.

In Hypnose erzählt man widerstandslos alles über sich.

Aus dem hypnotischen Zustand kann man eventuell nicht zurückkehren.

In Hypnose geht man in eine Art Koma.

Jemand anderer kann einen im hypnotischen Zustand zu unfreiwilligen Aussagen oder Handlungen mißbrauchen.

In Hypnose ist man dem Therapeuten ausgeliefert.

Jemand anderer (der Hypnotiseur oder der Hypnotherapeut) könne für einen etwas auf magische Art und Weise (möglichst innerhalb einer Sitzung) erledigen.

Der Hypnotherapeut ‚versetzt einen in Hypnose‘ und manipuliert dann am Symptom, bis es weg ist.

Die immer noch verbreitete Ansicht in Fachkreisen:

Nur bestimmte (suggestible, ‚einfach strukturierte‘, ‚hysterische‘) Leute sind „hypnotisierbar“.

Hypnose ist einfach nur Entspannung.

Hypnose ist ein schlafähnlicher Zustand.

Hypnose deckt Probleme nur zu.

In Hypnose wird (gefährlicherweise) nur symptomorientiert gearbeitet.

Hypnose ist bei Depressionen kontraindiziert, sogar gefährlich wegen angeblicher Begünstigung suizidaler Tendenzen und starker Abhängigkeit vom Therapeuten.

Hypnose ist das Eintrichtern einfacher positiver (und natürlich unwirksamer) Formeln.

1.3 Hypnose aber wirkt anders

Kurzgefaßt: Der hypnotische Zustand entkrampft physisch und psychisch. Durch Tiefenentspannung mit vegetativer Umstellung bzw. Harmonisierung wird somatische Heilung unterstützt.

Psychisch wird mehr Freiraum gewonnen, mental werden innere Bezugsrahmen erweitert und Handlungsspielräume vergrößert. Insgesamt können wir von einer Stärkung der Persönlichkeit im positiven Sinne ausgehen, womit die Autonomie des Patienten gefördert wird. Traumata können aufgefunden und bearbeitet werden. Hypnose verändert innere Bilder.

Gute Erfolge lassen sich in der Schmerztherapie und in der Behandlung psychosomatischer Krankheiten verzeichnen.

1.4 Hypnose in Stichpunkten

Nach Milton Erickson beschreiben vier Worte, die alle mit dem Buchstaben ‚E‘ anfangen, die Hypnose: Excitement – Experiment – Experience – Enjoyment

Hypnose ist:

 – primär entspannend, somit entängstigend (ent„eng“stigend) und tief erholsam;

 – ein veränderter Bewußtseinszustand mit ausgeprägten Alpha-Phasen in der rechten Hemisphäre;

 – ein aktiver, wacher, geistig aufmerksamer Zustand;

 – im therapeutischen Sinn ein schöpferischer Zustand des Lernens und der Neuorientierung;

 – die Hypnotisierbarkeit ist ein natürliches Phänomen, allerdings situations- und kontextabhängig;

 – ist keine Therapie, sondern eine Methode, bei der Psychotherapie mit spezifischen Techniken im Trancezustand erfolgt;

 – ein Verfahren, das die Suggestibilität erhöht, wobei kritisches Denkvermögen und ethisches Werteurteil unverändert aufrecht erhalten bleiben.

1.5 Therapeutisch nutzbare Phänomene der Hypnose

 – Dissoziation, d. h. gleichzeitiges Erleben von hier und dort, zwei unterschiedlichen Zuständen

 – veränderte Zeitwahrnehmung, Zeitverzerrung

 – Amnesie oder Hyperamnesie

 – Zeitregression/-progression

 – Anästhesie/Analgesie

 – Halluzination

 – Katalepsie (Handlevitation) und ideomotorisches Signalisieren

 – Veränderung der Körperwahrnehmung/des Körperschemas

 – Dissoziation eines Körperbereiches

 – Hypermnesie, verbesserte Erinnerungsfähigkeit

 – ‚Trancelogik‘, was eine Bereitschaft für flexiblere Denkvorgänge durch geistige Akzeptanz von konträren Inhalten bedeutet

1.6 Objektivierbare Indikatoren von Hypnose

Somatisch:

 – Kopf sinkt, glatte, entspannte Gesichtszüge, Blässe im Gesicht, Darmgeräusche

 – vertiefte, ruhige Atmung – Veränderung der Pulsfrequenz

 – sparsame, verlangsamte Bewegungen, evtl. Katalepsie

 – Verschwinden oder Verzögerung von Reflextätigkeit

 – verringerter Hautwiderstand, verlangsamter Metabolismus, verzögerte allergische Reaktion

 – vegetative Beeinflußbarkeit (Durchblutung, Blutdruck, Magensäureproduktion etc.)

 – Senkung der Katecholamine und Glukokortikoide im Blutspiegel

 – Zunahme der Lymphozytenzahl 20 Minuten nach der Hypnose

Mental:

 – verlangsamte Reaktionsbereitschaft

 – langsames, leises Sprechen, oftmals in kindlichem Tonfall, gegebenenfalls in anderer Sprache aus der Kinderzeit (Regression)

 – zeitliche Verzögerung im begrifflichen Denken

 – „Wörtlich nehmen“, Nichtverstehen von Verneinungen („Stell dir kein blaues Auto vor“)

 – Suggestibilität im Rahmen der ethischen und moralischen Werte

 – Akzeptanz von gedanklichen Widersprüchlichkeiten

 – Flexibilität im Auffinden ganz neuer Gedankengänge, Erweiterung innerer Bezugsrahmen

 – Erinnerung längst vergessener Situationen aus frühester Kindheit

 – Absorption, klare innere Aufmerksamkeit, Konzentration auf ein Thema

 – gute Visualisierungsfähigkeit, Fähigkeit, auf „innerer Bühne“ zu experimentieren

 – erweiterte Vorstellungskraft auf allen Sinneskanälen

 – nach der Hypnose Zeit der körperlichen und geistigen Reorientierung

1.7 Hypnose – gestern und heute

Ein zusammenfassender Überblick teilt die Geschichte der Hypnose in drei Kapitel mit jeweils völlig unterschiedlichen Ansätzen ein:

Bei dem „autoritären Ansatz“ liegt der Fokus auf dem Hypnotiseur, seinem starken Willen, seiner Macht und seinem ‚magischen Auge‘. Seine Suggestionen sollen tief in unbewußte Schichten eindringen und veränderte Verhaltens- und Reaktionsweisen beim Hypnotisanten auslösen. Diese Epoche der Hypnose ist mit den Namen von Mesmer, Charcot und Freud verbunden.

Bei dem „standardisierten“ Ansatz richtet sich das Augenmerk dagegen auf den Hypnotisierten bzw. Patienten. Aus der Experimentalpsychologie entwickelt, steht die suggestive Modifizierbarkeit des Verhaltens im Vordergrund. Dieser Ansatz zeichnet sich durch langwierige Induktionsformen ausschließlich über Entspannung und mangelnde Kontextvariablen aus. Er ist inflexibel und lastet Mißerfolge einem Manko an Suggestibilität und Hypnotisierbarkeit an. In dieser Phase wurde eine Menge an standardisierter Verfahren ausgearbeitet. Ausführliche Suggestibilitätstests sollten abklären, wieweit Hypnose wirksam werden könne. Führende Persönlichkeiten waren hier Hilgard und Hull.

Der „Kooperationsansatz“ leitet sich aus einem Zusammenspiel der modernen Psychotherapien ab und berücksichtigt die systemischen Rückkoppelungsprozesse. Alle Karten werden auf die Wechselwirkung zwischen Therapeut und Patient gesetzt. Respekt und Achtung vor den Fähigkeiten des anderen werden offen ausgedrückt und die Zusammenarbeit auf gleichem Niveau unter dem Aspekt einer Konferenz zweier Fachleute betont. Keine rigiden Prozeduren, keine fixierten Methoden schränken schöpferische Prozesse ein. Der Therapeut führt bzw. begleitet den Patienten mit fachlicher Anleitung in Richtung Therapieziel. Die Trance wird als eine Phase der Neuorientierung und des Lernens verstanden. Suggestionen werden möglichst vermieden, da der therapeutische Effekt fraglich ist. Auf jeden Fall sollte eine Analyse oder Interpretation der Hypnoseerfahrung unterbleiben, um in Gang gesetzte unbewußte Leistungen nicht durch bewußte Reflexion zu stören. Dieser Ansatz ist hervorragend zur Stärkung der Persönlichkeit in allen ihren Facetten sowie zur Nähe-Distanz-Regulierung geeignet, womit er auch in der Therapie bei Depressionen (Yapko 1996) indiziert ist. Diese Erweiterung der einfachen klassischen Hypnose wird Hypnotherapie genannt, was die gewonnene Vielfalt schon andeutet. Die Väter und Mütter der Hypnotherapie sind nicht nur Milton H. Erickson, David Cheek und weitere Hypnosefachleute, sondern auch Virginia Satir und viele andere Psychotherapeuten mit weiteren methodischen Ansätzen.

Will man sich nicht mit dieser knapp-nüchternen Auflistung begnügen, lasse man sich faszinieren von Konrad Wolffs Artikel „Hypnotische Archäologie – lang ist und windungsreich der Weg von der physikalistischen Phantastik des Mesmerismus bis zum psychologischen Realismus der Ericksonianer“ (1998). Das romangleiche Schriftstück stellt in unvergleichlicher Weise die schillernde Geschichte der Hypnose dar.

1.8 Rapport und Kooperation – Die Basis der heutigen Hypnotherapie

Sie setzt bei uns Therapeuten voraus, an unbewußte Fähigkeiten und Kräfte zu glauben. Unsere eigenen Erfahrungen in Selbsthypnose und die Arbeit mit den Patienten lehren uns, mehr und mehr auf diese Begabungen, die bewußt vorerst nicht zugänglich sind, zu achten und ihnen zu vertrauen.

Eine wesentliche Bedingung für guten Rapport ist die Kunst der subtilen Beobachtung. Üben Sie das Beobachten des Patienten. Fangen Sie bei der Begrüßung an: so z. B. Bewegung, Mimik, Atmung, Sprachfluß, Sprachgebrauch, Grad der Rigidität/Flexibilität in den Denkmustern, Wachsamkeit/Aufmerksamkeit, Gespanntheit, die Fähigkeit sich zu konzentrieren etc. Nehmen Sie den Patienten wahr.

Es ist ein Dilemma, das den Patienten zu uns führt, d. h., er ist in Probleme geraten, die er durch bewußte Prozesse nicht zu lösen vermag. In der Sprache der Hypnose: Seine gelernten Bezugsrahmen sind zu eng geworden, so daß er Gefangener im eigenen System ist. Oft zeigen sich zwei Alternativen, die aber beide nicht zum Erfolg führen oder sogar in Katastrophen enden würden (pathologische Doppelbindung = Pattsituation).

Der Auftrag des Hypnotherapeuten beinhaltet nicht das Ziel, den Patienten neu zu prägen, zu beeinflussen oder (gar noch auf magische Art und Weise) zu manipulieren. Im Gegenteil soll die hypnotische Intervention des Therapeuten den Patienten anleiten, zu seinen eigenen Ressourcen zu finden. Der Therapeut suggeriert nicht, er regt innere Suchprozesse an, er ruft hervor.

Das Prinzip der Kooperation beruht auf dem nutzbringenden Zusammenschluß zweier Fachleute mit unterschiedlichen Kompetenzen auf respektvoller Ebene. Geistige und seelische Prozesse werden dabei auf besondere Art und Weise ins Fließen gebracht, so daß in der Folge therapeutische Veränderungen, für welche Art von Krankheit oder Problematik auch immer, vollzogen werden können. Das geschieht im Trancezustand auf „unabsichtliche“, spielerische Art und Weise, ohne Behinderung durch bewußte Kontrollmechanismen. Hypnose ist somit kein passiver und regressiver Zustand, sondern eine hochmotivierte Verfassung, eine Phase der besonderen inneren Konzentration, eine Zeit des Lernens.

Bestenfalls beobachtet der Patient in aller Ruhe, was sich in seinem Inneren abspielt.

Bestenfalls begleitet der Therapeut ihn dabei mit zugewandter, warmherziger, ruhiger und permissiver Art und fordert ihn auf, dem inneren Prozeß zu folgen und sich für Überraschungen (neue Lösungen, Wendungen, Schmerzbewältigung) zu öffnen.

Der Glaube an die Fähigkeit des Patienten zu dieser unbewußten Leistung und die Sicherheit in der Begleitung sind die potentesten Suggestionen, die wir dem Patienten zu geben vermögen.

(Siehe auch Gilligan 1991)

1.9 Ist die Hypnose tief genug?

Die Frage der Korrelation von Hypnosetiefe und -wirksamkeit

Zumeist den Patienten, oft aber auch den angehenden Hypnotherapeuten beschäftigt die Frage nach der ausreichenden Hypnosetiefe, die implizit den Zweifel an der Wirksamkeit der Hypnose enthält. Vorsichtig, aber auch offen geäußerte Fragen (siehe auch Fragebogen im Anhang) zielen auf diese Thematik ab: „Ich habe Sie aber immer noch gehört!“ Oder: „Ich kann mich aber an alles erinnern. Ist das denn richtig?“

Tatsächlich korrelierte man den Erfolg der Hypnose bis zur Entwicklung der modernen Hypnotherapie mit der Tiefe des hypnotischen Zustandes. Mißerfolge, d. h. Resultate, bei denen die vom Hypnosetherapeuten dargebotenen Suggestionen oder Formeln keine Resonanz zeigten, konnte man somit der mangelhaften Hypnotisierbarkeit des Probanden anlasten. Die experimentelle Hypnose beschäftigte sich ausführlich mit der Hypnotisierbarkeit, die sie an Versuchspersonen, wie z. B. Studenten testete, die im allgemeinen keine tiefere Motivation für das Ausführen von suggeriertem Verhalten haben konnten. Man fand, je nach Studie in den Resultaten etwas divergierend, eine Aufteilung der Hypnotisierbarkeit in ungefähr zwei Drittel „Normalhypnotisierbare“, das weitere Drittel verteilt auf „Hochhypnotisierbare“ und „Geringhypnotisierbare“.

Diese erforschten Hypnotisierbarkeitsvariablen lassen sich nun der Erfahrung nach aber keineswegs auf den „Menschen in Not“ übertragen. Wo Leid, Tragik, Schmerz, Angst und Trauma herrschen, erhöht sich spontan die bewußte, aber vor allem die unbewußte Motivation zur Veränderung der Situation und gleichzeitig die Suggestibilität und Hypnotisierbarkeit. In meiner Untersuchung im Rahmen einer Studie der Universität München, Medizinische Fakultät, und des Klinikums Großhadern zur Erforschung intraoperativer akustischer Wahrnehmung (mit Hypnose) in der Kardiochirurgie zeigte sich, daß die Patienten (die keine vorherige Erfahrung in Psychotherapie oder Hypnose aufwiesen) sich kurz vor dem operativen Eingriff ohne weiteres in der Hypnosetechnik anleiten ließen. Ihre Berichte lassen darauf schließen, daß sie sogar von der Intervention profitieren konnten:

„Untersucht wurden insgesamt 70 Patienten im Alter zwischen 42 und 71 Jahren, davon 19 Frauen. Das Angebot einer psychotherapeutischen Unterstützung wurde von den Patienten größtenteils positiv aufgenommen. Trotz der Knappheit des zeitlichen Rahmens am präoperativen Tag und der damit verbundenen nervlichen Belastung sowie der Fremdheit des Verfahrens konnte zu fast allen Patienten ein guter bis sehr guter Kontakt hergestellt und Interesse geweckt werden. Die Gelegenheit, das Verfahren der Hypnose zu erlernen, wurde von den Patienten bewußt/unbewußt vorteilhaft genutzt. So erlebten 95 % der Patienten eine Trance mit sichtbaren Trancemerkmalen, 92 % mit kataleptischer Handlevitation, 70 % mit ideomotorischem Signalisieren durch Fingerzeichen nach Cheek. Über 90 % der Patienten gaben an, durch die Therapie eine Unterstützung des subjektiven Wohlbefindens, innere Entspannung und Verminderung existentieller Ängste erhalten zu haben. Bei 50 % der Patienten war es möglich, eine positive Beeinflussung bezüglich Schmerzempfinden, Atemnot und anderer Mißbefindlichkeiten zu erzielen. Etwa die Hälfte der Patienten konnte anschließend an die Hypnose ein bestimmtes Tranceerlebnis – wie ein schönes, angenehmes Bild – wiedergeben. Einige Patienten übten aus eigenem Interesse nach der Intervention noch eigenständig Selbsthypnose mit Handlevitation. Bei über der Hälfte kam es im postoperativen Interview zur spontanen Handlevitation.

Folgende Patientenberichte mögen mit ihren eigenen Worten sprechen:

61jähriger Patient, Absatzmoduleur i. R. (OP: 2 x Bypass): „Die Übung hat mir sehr geholfen. Das Leichterwerden der Hand (die Handlevitation, Anm. der Verfasserin) war eine Art Genugtuung für mich. Ich bin mit einer gewissen Kraft in den OP hineingegangen. Dann habe ich die Frage gehört: ‚Was lieben Sie?‘ Ich habe gesagt: ‚Musik!‘ Dann spielte auf einmal Musik.“

69jährige Patientin, Hausfrau, (OP: Mitralklappenersatz). Diese Patientin visionierte in der präoperativen Trance, sie läge auf einer grünen Wiese und sähe in „schöne Wolken“. Postoperativ sagte sie: „Eigentlich liege ich immer noch auf dieser Wiese. Die Wolken sind auch noch da, aber bunter, prächtiger.“

66jähriger Patient, angestellt bei der Wach- und Schließgesellschaft (OP: Bypass). „Das ist jetzt gut gewesen, so beruhigend. Das liftet einen so richtig.“

Verglichen mit Erfahrungen aus der therapeutischen Anwendung von Hypnose in meiner Psychotherapiepraxis stellt sich hier ein besonders hoher Faktor an Trancebereitschaft und unbewußter Kooperation dar. So kann aus den oben aufgezeichneten Beobachtungen geschlossen werden, daß die Patienten vor einem kardiochirurgischen Eingriff einen – vor allem unbewußt – hohen motivationalen Status erreichen, um Hypnose zu erleben, zu genießen und die Erfahrung auf längere Dauer bewußt/unbewußt nutzbringend zu verwenden.“ (Kaiser 1992)

Auch meine langjährige Erfahrung mit Hypnotherapie zeigt, daß Hypnotisierbarkeit kein feststehender Faktor, sondern kontextabhängig und individuell unterschiedlich ist. Ein und dieselbe Person kann zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlichen Kontexten völlig verschieden reagieren. Abgesehen von der Stärke des aktuellen Leides, der Erwartungshaltung, Neugier und dem Willen zur Verbesserung der Situationen ist dabei verständlicherweise das Zusammenspiel mit dem Therapeuten, das sich in gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung der Kompetenz des anderen spiegelt, von großer Bedeutung.

Es kann davon ausgegangen werden, daß jeder Mensch hypnotische Zustände kennt und sie auch willentlich oder unwillentlich nach Bedarf einsetzt, was bedeutet, daß er hypnotisierbar ist. Das erklärt, weshalb dem Patienten anfangs dieser veränderte Bewußtseinszustand (ohne tieferen therapeutischen Inhalt) so vertraut vorkommt.

Erweist sich aber ein Patient als überhaupt nicht hypnotisierbar, bedarf dies der Abklärung. Die Ursache kann neben einer Störung der therapeutischen Beziehung im therapeutischen Setting liegen. Eventuell besteht auch zur Zeit kein Boden für eine therapeutische Intervention, oder der Patient hat einfach keine Lust. Die Ursache kann auch in einer unbewußt gespeicherten, unangenehmen ehemaligen Trancesituation liegen (das „Flashback-Phänomen“), die eine erneute Bereitschaft für Hypnose behindert. So konnte eine Freundin und Kollegin von mir, die Hypnose als Therapie zur Bewältigung der Schmerzen ihrer primär chronischen Polyarthritis wünschte, diesen Zustand nicht erreichen. Längeres Eruieren brachte zutage, daß sie – in Haiti aufgewachsen – unbewußt den Zustand der Hypnose mit den tranceinduzierenden, politischen Indoktrinationen von ‚Papa Doc‘ über Radio und Lautsprecher in Zusammenhang brachte. Bei derartigen Befunden ist natürlich keinesfalls zu drängen, sondern den Faktor Zeit für sich arbeiten zu lassen, Sicherheit zu schaffen und evtl. ein entsprechendes Trauma zu bearbeiten. Überhaupt sollte der Therapeut es sich zur Devise machen, in der Therapie eher auf die Bremse als aufs Gaspedal zu treten.

Ein Hinweis sei hier noch angefügt: Ein erstaunlich schnelles und tiefes Abgleiten in Hypnose kann ein Indiz für Gewalt und auch sexuelle Grenzüberschreitung in der Kindheit sowie für ‚Verrücktheit‘ im System der Ursprungsfamilie sein. Beobachtungen in dieser Richtung sollten auf jeden Fall notiert und während der Therapie im Auge behalten werden.

Nun, wie tief soll sie also sein, die Hypnose?

1. Generell braucht man für psychotherapeutische Prozesse keine tiefe Hypnose. Wenn auch praktiziert und in der Bevölkerung als Vorstellung verbreitet, geht es ja nicht darum, dem Patienten in einer Art „Tiefenhypnose“ Suggestionen zur Provokation neuer Verhaltensweisen „einzutrichtern“. Ziel ist vielmehr, ihm zur Erweiterung seiner Spielbreite maßgeschneiderte Ermutigungen zu geben. In sehr tiefen hypnotischen Zuständen könnte sogar die Gefahr liegen, daß uns der Patient entgleitet und sich der therapeutischen Arbeit entwindet.

2. Für die Arbeit mit ideomotorischem Signalisieren brauchen wir sogar nur eine oberflächliche Hypnose. Allein die Aufforderung: „Schließen Sie nun einfach mal die Augen – das tut gut –, und lassen Sie uns wissen, welches Ihr Finger für die Antwort ‚ja‘ etc. ist“, reicht schon als Induktion. Der Patient wird absorbiert, und die Hypnose vertieft sich automatisch und dem therapeutischen Prozeß angemessen.

3. Indikationen für tiefe Hypnose sind seelische und physische Erschöpfungszustände sowie die Therapie des somatischen Anteiles psychosomatischer Erkrankungen. Diese Hypnosen sollten, wenn möglich, im Liegen durchgeführt werden. Die ausgiebige Erholung „in der kristallklaren Stille“ (Meares 1983, ein australischer Arzt und Hypnotherapeut, der viel mit Krebspatienten arbeitete) trägt wesentlich zur Immunsteigerung (Untersuchung der Universität Konstanz unter Walter Bongartz 1990) und physischen Stärkung bei. Aus diesem Grunde sollten psychosomatisch Erkrankte sowie Schmerzpatienten regelmäßig zirka dreimal täglich Selbsthypnose zur Tiefenentspannung ausüben.

Gute Resultate habe ich mit tiefer Hypnose auch bei Kindern und Jugendlichen mit Tic-Erkrankungen (auch bei Tourette-Syndrom) erreichen können.

Merke: Wir Therapeuten sollten uns auf keinen Fall irgendeinem Druck von seiten des Patienten, ihn in tiefe Hypnose zu „zaubern“, beugen. Menschen reagieren unterschiedlich, und manchmal braucht es einige Übung zum Erreichen des Zieles. Auch ist der Patient darüber zu informieren, daß Hypnose kein ‚Alles-oder-nichts-Zustand‘ ist, sondern fließende Übergänge hat und sich in einer Art schwingender Wellenbewegung vertiefen und auch wieder abflachen kann.

1.10 Hypnose – eine Erlebnistherapie

Oder: Wie erklären sich psychische Entwicklung und somatische Heilung durch Hypnose?

Das Prinzip ist einfach und schlüssig, die Erklärung geradezu simpel, der Vorgang nur allzu logisch.

Zum besseren Verständnis dieser gewagt klingenden These halten Sie jetzt bitte im Lesen kurz inne und machen ein kleines Experiment:

Strecken Sie die Arme waagerecht nach vorne, die Handflächen zueinander gedreht. Schließen Sie nun die Augen und stellen sich vor, an jeder Ihrer Handflächen sei ein starker Magnet unterschiedlicher Polung, also anziehender Kraft, befestigt. Obwohl Sie versuchen, die Arme in der gleichen Stellung zu halten, sind die imaginierten Magnete stärker, die Anziehungskraft zwischen den Händen enorm – ein starkes magnetisches Kraftfeld, das die Handflächen unwiderstehlich näher und näher bringt. Sie atmen ruhig und gleichmäßig, was die magnetische Kraft noch erhöht. Dann verharren Sie einen Moment, öffnen die Augen und betrachten die Stellung Ihrer Arme und Hände. Was ist passiert? Vielleicht sind Sie überrascht, vielleicht ist es Ihnen schon von vornherein klar gewesen: Die Hände sind sich nahe gekommen. Wodurch? Durch Ihre reine Vorstellungskraft.

Wenn wir diese Erfahrung noch mit der Übung „Obstschale, Halluzination auf allen (Sinnes-)Kanälen“ erweitern, erhalten wir alle Ingredienzen für das hypnotherapeutische Menü. Allein durch die phantasievolle Vision einer leckeren, reifen Frucht, die wir in der Hand wiegen und deren Duft uns in die Nase steigt, läuft uns das Wasser im Munde zusammen, und wir müssen sogar reflektorisch schlucken. Und während ihr Aroma noch die Zunge bezaubert, versinken wir in einen Traum voller Farbigkeit und heiterem Lachen …

In feiner Abstufung, richtig dosiert, auf den Geschmack des Patienten abgestimmt, mehr geschärft zur Anfeuerung oder einfach begleitend bei seiner selbstinszenierten Hypnosereise, tun wir nichts anderes, als eben diese Vorstellungskraft für jedwedes therapeutische Ziel, ob auf physiologischer oder psychischer Ebene, zu nutzen.

Kann im Zeitraum des hypnotischen Zustandes

 – der Angstpatient Sicherheit und Ruhe erfahren,

 – der an Depressionen leidende Patient sich schwungvoll und mit neuen Ideen erfüllt fühlen,

 – der Schmerzpatient beschwerdefrei in Phantasie z. B. an einem Bergsee weilen (siehe die Übung „Badesee“),

 – der Patient, der Verbrennungen erlitt, sich intensiv Kühle und Taubheit „einbilden“,

 – der sich in der Krise befindende Patient einen Tag in der Zukunft halluzinieren, an dem das Problem gelöst sein wird, und er ganz deutlich erfährt, wie sich dies als Erleichterung und Befreiung in ihm breitmacht (siehe die Übung „Wunder“),

so ist er schon längst auf dem Weg der Besserung, Heilung, Konfliktlösung und im Begriff, seine „Bezugsrahmen“ zu erweitern und sein Lebenskonzept zu bereichern.

Mit der erlebten Sensation von Wohlbefinden, innerer Geborgenheit, Ruhe und Stärke während der Hypnose wird der Same der Veränderung schon gesät. Die Vorstellungskraft während der Hypnose setzt die Veränderung in Gang. Der Patient erinnert sich wieder, wie gut es sich anfühlt, symptomfrei zu sein, oder er lernt neu dazu. Stundenlange therapeutische Gespräche können niemals die Wirkung von fünf Minuten körperlich und seelisch durchlebter Erfahrung aufwiegen. Deshalb ist Hypnose eine Erlebnistherapie.

Fördern wir Hypnoseerfahrungen mit der zu Hause ausgeübten Selbsthypnose, mit therapeutischen Träumen, mit der Klärung von Hintergrundthemen (Traumata) und mit dem Ankoppeln der Fortschritte an das Lebenssystem (Partnerschaft/Familie) durch Partneroder Familiensitzungen, beschreiten wir eine erfolgreiche Bahn.

Ist der Patient engagiert, geistig rege, phantasievoll, wird der Fortschritt sich entsprechend dynamisch entwickeln. Er bietet in der Hypnose die Voraussetzung,

 – sich in die therapeutische Arbeit zu absorbieren,

 – sich für unbewußte Prozesse anregen zu lassen,

 – sich spielerisch neue Gefühls- und Handlungsweisen zu eröffnen,

 – Gefühle, wie zum Beispiel Zuversichtlichkeit, Gelassenheit, Ruhe, Schmerzfreiheit, Wohlbefinden, Leichtigkeit, Freude und Heiterkeit zu erleben und neu zu etablieren,

 – neue Handlungs- und Gefühlsweisen auf der inneren Bühne für (zum Beispiel) das Bestehen einer Prüfung, das positive Austragen eines Konfliktes, auszuprobieren,

 – neues Erleben durch ideomotorische Arbeit der Fingerzeichen, vor allem der Betätigung des „neuen Fingers“ zu bestätigen und zu verankern,

 – eine gute Resonanz auf gezielte posthypnotische Suggestionen zur Vertiefung des Effektes der Therapie nach der Stunde (Depoteffekt) zu erhalten,

 – letztendlich die intensive und konkrete Imagination des Therapieziels zu erreichen, was eine Menge unbewußter Arbeit in Gang setzt, um den Weg dorthin zu finden.

Kann sich ein Patient dagegen eher mühsam und stockend auf innere Bilder konzentrieren, zeigen diese kaum Plastizität, werden seine hypnotischen Erfahrungen mager und spärlich sein. Die Beschreibung seiner Tranceerfahrung fällt trocken und einsilbig aus. Entweder erreicht man durch reine Phantasiereise-Anleitungen Fortschritte oder erwägt eine andere Therapieform.

Im Gegensatz dazu haben wir es vereinzelt mit Menschen zu tun, die betont positiv auf jeden hypnotherapeutischen Vorschlag reagieren. Sie leben sich in der Hypnose geradezu aus, haben sofort eine willkürlich anmutende Handlevitation, die heftigsten und widersprüchlichsten Fingerzeichen. Sie schnaufen und verrenken sich, daß einem ganz angst und bange wird. Das sind die Patienten mit dominanten hysterischen Persönlichkeitsanteilen, für die die Hypnose zum ‚Abenteuerspielplatz‘ wird. Der Therapeut verbleibt als staunender, vielleicht aber auch irritierter Zuschauer. Der Kontakt zwischen Therapeut und Patient ist abgerissen. Diese Patienten berichten die tollsten Erlebnisse, so daß man sich wundert, daß es ihnen nicht blümerant wird. Aber sie werden in der nächsten Stunde wieder nach Hypnose fragen. Sie lieben geradezu die Hypnose, und sobald nur das Wort ‚Hypnose‘ fällt, ‚geht die Post ab‘, und das ganze Spiel beginnt von vorne. Sie bringen den Therapeuten schweißtreibend an seine Grenzen. Für Charcots Paradepatienten, die Hysteriker(innen), ist unsere Therapieart nicht geeignet. Die gewaltigen Sensationen, die kathartischen Reaktionen, mit denen sie uns in Atem halten, fruchten nicht. Stunde für Stunde vergeht, und die Therapie – und das ist das Tragische – hat keinen Nutzen. Der Therapeut ist am Ende der Stunde erledigt, und der Patient trägt keinen Gewinn davon, sondern reproduziert wie ein Perpetuum mobile seine eingefahrenen Schlaufen, ohne Chance, sie zu lösen. Hier muß eine andere Therapiemethode gewählt werden.

Kapitel 2
▶ Reflexionen
2.1 Der Zauber der Stimme

Obliegt es uns nun schon, den Patienten mit der Aufklärung, daß uns keine magischen Kräfte innewohnen, zu enttäuschen, sollten wir uns aber einer „Zauberkraft“ bewußt sein: der Tragkraft unserer Stimme. Mit ihrem Klang, der Melodie der Satzgebilde, der Betonung, dem Leisen, Lauten, dem Bestimmten, dem Herausfordernden und Fragenden, nicht zu vergessen dem Pausensetzen, verankern wir unseren Patienten. Diese Faszination, im wahrsten Sinne eine therapeutische „Fesselung“, ist zweifelsohne von wesentlicher Bedeutung für die Hypnose. Sei die Stimme beruhigend, sanft begleitend, bestätigend, zweifelnd oder wie mit sich selbst im Zwiegespräch, der Patient ist immer ‚ganz Ohr‘ für die Stimme des Therapeuten; vielleicht weniger bewußt, aber unbewußt uneingeschränkt. Tatsächlich belegen neurophysiologische Untersuchungen, daß die auditive auch die letzte zerebrale Funktion ist, die in der Allgemeinanästhesie erlischt. Die Struktur der Hörbahn (und da speziell die Colliculi inferiores) weist auch während Allgemeinanästhesie nahezu unveränderte Stoffwechselaktivität auf (Sokoloff 1981).

(Zu diesem Thema seien die Studien von David Cheek (Cheek 1959, 1962, 1964, 1966, 1980, 1988) zur intraoperativen akustischen Wahrnehmung sowie eine der darauf basierenden Studien an der Universität München (A. Kaiser Rekkas 1992) erwähnt; siehe auch den während des kardiochirurgischen Eingriffes präsentierten hypnotherapeutischen Tonbandtext mit der postoperativen Erinnerung von 23 % der Patienten im Kapitel ‚Hypnose in der Schmerztherapie‘.)

Sei er in tiefster Hypnose, der Patient lauscht uns. Er vernimmt die Melodie, die ihn begleitet, ihn geleitet und sichert, wie das Rauschen eines Baches, der an seiner Seite fließt. Es bewährt sich fast immer, während der Sitzung eine Tonbandaufnahme für das Üben zu Hause zu machen. Die meisten Patienten profitieren davon für die Selbsthypnose und verbinden automatisch das Hören der Stimme mit der therapeutischen Situation. „Ich brauche nur Ihre Stimme zu hören, da beginne ich mich schon zu entspannen und wohl zu fühlen …“ Oder die Aussage einer Patientin, die ab und an Hypnose mittels unserer Tonbandaufnahme in ihr turbulentes Leben einbaut: „Da nehme ich ein wenig ‚Instant-Agnes‘ zu mir.“ Naja, immerhin.

Wird die Stimme moduliert und differenziert eingesetzt, hat die Hypnotherapie ein wesentliches Agens dazugewonnen.

„Das ist gut so.“

Ein kleiner, unscheinbarer Satz. In wie vielen Variationen kann er ausgesprochen werden!

Hypnose darf nicht ‚triefelig‘ angeleitet werden: mit leiser, sedierender Stimmlage, besorgter Miene und der Angst im Nacken, die falsche Formulierung zu treffen. Das Repertoire sollte von heiter und beschwingt, über anspornend bis ernst, laut bis leise, und möglichst natürlich reichen. Die Worte auf der Zunge zergehen lassen, den Klang selber nachvollziehend, ganz in Konzentration, genügend geruhsame Pausen setzend, die sich stimmig anfühlen. Erlauben wir Zeiträume, in denen unsere Worte im Patienten zum Schwingen kommen und Bilder sich entfalten! Mit Hypnose arbeitend, empfiehlt es sich, die Augen selber öfters zu schließen, um ganz bei sich zu sein. Dann bekommt die Stimme einen schönen Klang und wirkt getragen. Als hypnotisches Fluidum verleiht sie dem Patienten Halt und Kraft und läßt ihn damit leichter therapeutische Schritte vollziehen.

2.2 Körperliche Berührung – fast ein Tabu

Befaßt man sich mit der Geschichte der Hypnose, wird deutlich, daß die veränderten Bewußtseinszustände, die wir heute mit „Hypnose“ bezeichnen, schon seit ihren frühen Anfängen über Mesmer bis in dieses Jahrhundert auch mit körperlicher Berührung zu tun hatten. In der klassischen Hypnose wird weiterhin Berührung zur Vertiefung der Trance eingesetzt. Erst in neuerer Zeit scheint das Anfassen des Patienten durch den Therapeuten einem nicht offen ausgedrückten Tabu zu unterliegen. Das wird verständlich, wenn wir die vielen Pseudotherapeuten auf dem Heiler- und Seelenmarkt, die das, was sie Hypnose nennen, zu egoistischen und kommerziellen Zwecken mißbrauchen, in Betracht ziehen. Vor allem in den USA erfolgten entsprechende Gerichtsprozesse, und so führt diese so effektive Art der therapeutischen Intervention ein Schattendasein. Aber was für eine verpaßte Chance! Dem Eid des Hippokrates verpflichtet, üben wir die Kunst des Heilens aus, und wir sollten nicht von einer Methode Abstand nehmen, nur weil sie andernorts mißbraucht oder verunglimpft wurde.

Ich plädiere für die körperliche Berührung in der psychotherapeutischen Arbeit mit Hypnose.

Wer kennt nicht das Wohlgefühl, auf angenehme Art berührt zu werden! Wird der Kopf sanft gehalten oder sachte und leicht bewegt, die Arme von den Schultern an abwärts zu den Händen hin ausgestrichen, ebenso die Beine, die Füße gehalten oder leicht gedrückt, erfahren wir Genuß und Entspannung. Die Wärme einer Hand zwischen den Schulterblättern läßt uns unseren „Rückhalt“ deutlicher spüren, die Hand auf dem Oberbauch die Atmung, in der Lumbalgegend die „Basis“. Genauso empfindet es unser Patient, wenn wir in Einklang mit uns selbst sind und der therapeutische Prozeß Berührung erlaubt.

Wann ist nun welche Berührung therapeutisch sinnvoll?

Es gibt drei Indikationen:

1 zur Förderung der Hypnosetiefe bei schweren Erkrankungen oder Erschöpfungszuständen

2 zur sichernden Begleitung in der Konflikt- und Traumabearbeitung

3 zur psychoneuralen Harmonisierung bei Spannungszuständen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Tics, Nervosität.

Zu 1) Fünf empfehlenswerte Varianten:

 – Der Therapeut hält mit leichtem Druck, den er langsam nachläßt, mit der einen Hand den Kopf des Patienten an der Stirne und mit der anderen am Hinterkopf.

 – Der Therapeut befindet sich hinter dem sitzenden oder liegenden Patienten und berührt mit warmen Händen Schläfen, Wangen und Kinn des Patienten.

 – Der Therapeut befindet sich ebenfalls hinter dem Patienten und legt seine Hände vorsichtig von oben auf dessen Schultern. Dann übt er über kurze Zeit leichten Druck nach unten und gleichzeitig etwas nach außen und hinten ziehend aus. Der Patient verspürt dabei im besten Falle ein Absinken der Schultern und ein Öffnen des Brustkorbes mit erleichterter Atmung.

 – Wird das als angenehm empfunden, kann der Therapeut den Kopf halten (wozu man sich der Schwere eines menschlichen Kopfes vorher bewußt sein sollte) und ganz langsam und überaus sachte leicht schaukelnd bewegen. Die daraus resultierenden vestibulären Reize wirken hypnosestimulierend. Vom Standpunkt der Bioenergetik aus kann in dem Moment, in dem die Schulter-Nackenmuskulatur in der Anspannung nachläßt, die im Kopf hochgehaltene Energie in den Körper abfließen, womit sich Blockaden lösen und Stauungen abfließen.

 – Der Therapeut führt unter leichter Berührung etwa viermalig Ausstreichungen vom Kopf her abwärts über die Arme und dann über den Körper und die Beine aus, sich bei jedem Mal von der Körperoberfläche des Patienten weiter entfernend. Der Körpertherapeut rät zum anschließenden Ausschütteln der Hände, um vom Patienten aufgenommene Energie wieder „abzuschütteln“.

Die Hände sollten nach dem Berühren generell nicht einfach weggenommen werden, sondern sich nur langsam zentimeterweise entfernen, so daß die davon ausstrahlende Wärme und Energie noch verspürt werden können. Erst dann sollten die Hände „entschweben“.

Zu 2)

Sobald ich bemerke, daß der Patient sich seinem Trauma nähert und die Situation für ihn bedrohlich wird, rutsche ich näher zu ihm hin, was ich gleichzeitig anspreche: „Ich bin bei Ihnen.“ oder: „Bleiben Sie dabei. Sie machen das sehr gut. Sie können da jetzt weiterkommen. Ich begleite Sie.“ Das ermutigt in der ‚Gefahrensituation‘ und läßt die Chance der anschließenden Verarbeitung wachsen. Intuitiv berühre ich den Patienten, wenn ich ihn in seinem Unwohlsein und in seiner Hilflosigkeit erlebe und sage, „Ich berühre Sie jetzt am Arm. Das gibt Ihnen Rückhalt, zu erledigen, was zu erledigen ist …“ etc. Die Berührung vermittelt dem Patienten die Verankerung in der äußeren Realität. Er erfährt deutlicher die Dissoziation von äußerem und innerem Erleben, lernt diese zwei Welten zu trennen und kann sich dem inneren Prozeß und seiner therapeutischen Arbeit intensiver widmen.

Ebenso wie das Näherkommen ist auch das Entfernen zum richtigen Zeitpunkt von entscheidender Wichtigkeit. Sobald deutlich wird, daß der Patient die Klippe überwunden hat, geht meine Hand zurück. Ich rutsche meinen Stuhl wieder in die Ausgangsposition und betone, daß er das nun am besten alleine erledigen könne. Leistet der Patient die abschließende „Integrationsarbeit“, sollte sich der Therapeut völlig zurückziehen und darauf vertrauen, daß dieses ohne sein Zutun am besten vonstatten geht. Der Patient selber ist sich in dieser Phase der Therapie der beste Begleiter.

Zu 3)

Bei Patienten mit einer der unter Punkt 3 (Indikationen) erwähnten Symptomatik arbeite ich oftmals in Kotherapie mit meiner Körpertherapeutin.


Abb. 1 u. 2: Berührungstechnik am Kopf und im Schulter-Nacken-Bereich zur Hypnosevertiefung; Demonstration durch die Körpertherapeutin Usha Inniss während eines Hypnose-Ausbildungsseminars

2.3 Das weibliche Element – Frauen bereichern die Hypnose

Sie, in Hysteria hingegossen, er, der potente Hypnotiseur, mit Schnurrbart ausgestattet, in Imponierstellung von seinem eigenen Auftritt „verhypnotisiert“. Die Frau, durchlässig für dieses Verfahren, weil schlicht gefügiger, einfältiger, labiler, weichlicher und wahrscheinlich doch nicht so hochgradig intelligent. Da kommt Hypnose zur Wirkung, da hat sie Effekte, da trifft die Suggestion – die Frau in Hypnose. Eine alte Szene.

Die Zeit ist vorangeschritten, die Methodik verändert, die Forschung hat die alten Annahmen auf den Kopf gestellt. Und immer noch sitzen in den Vorständen der Hypnosegesellschaften vorwiegend Männer, werden die Fachbücher von Männern geschrieben oder herausgegeben – obwohl sich da schon mal ein weiblicher Artikel einschleicht. In meinem Bücherschrank finden sich ungefähr drei Dutzend Bücher zum Fach Hypnose, eines davon von zwei Kolleginnen. Während in den übrigen Psychotherapieverfahren Frauen machtvoll vertreten sind, scheint das in der Hypnose anders zu sein. Über die Gründe sei an dieser Stelle nicht spekuliert. Es liegt mir daran sicherzustellen, daß Männer gut sind, als Therapeuten, Dozenten, Autoren. Und Frauen sind anders gut. Und es ist an der Zeit, Weibliches in der Hypnose zu etablieren. Und … es tut sich was ‚in den billigen Rängen‘! In den Seminaren beobachte ich eine steigende Anzahl von Frauen. In meinem derzeitigen Ausbildungscurriculum in München gibt es inzwischen bei 14 Frauen nur einen Mann. Nicht, daß ich dieses Verhältnis nun für besonders ausgewogen erachte. Aber es ist vorerst gut so. Die Hypnose erhält mit dem weiblichen Anteil der Therapeutin mehr Wärme, mehr Gewährendes und Permissives, mehr Raum für Wachstum und natürlich mehr Mütterliches. Wer die besonnene Anästhesistin Christel Bejenke aus Santa Barbara im Umgang mit chirurgischen, Krebs- und Intensivpatienten erlebt, wer Joan Murray-Jobsis bei schizophrenen Patienten so beeindruckend mit ihren Techniken des ‚mothering‘ und ‚nuturing‘ arbeiten sieht, wer Susy Signer-Fischer so lebendig und spielerisch von ihrer Arbeit mit Kindern berichten hört, weiß um diese Qualität.

Und zwei europäische Kongresse für Hypnose trugen sich auf zarten Frauenschultern, denen von Marianne Martin und Henriette Walter in Wien und Eva Banyai in Budapest.

Hypnose ist keine Domäne der Männer mehr, Frauen „unterwandern“ als Therapeutinnen die Hypnose.

2.4 Unsere Kollegen in den USA – was machen sie anders, was sollten wir übernehmen?

An einem meiner Ausbildungscurricula nimmt eine Anästhesistin nur deshalb teil, weil sie mal in den USA ein Flugzeug benutzte. Sonst kommt man da ja auch nicht vom Fleck. Natürlich passierte dabei etwas. Sie saß neben einem Mann. In amerikanisch aufgeschlossener Art kamen die beiden ins Gespräch. Er fragte sie unter anderem nach ihrem Beruf. Aha, Anästhesistin. Er schien beeindruckt. Wieviel Hypnose sie in ihrer Arbeit anwende? Hypnose? Sollte das ein Scherz sein? Sie hätte keine Ahnung von Hypnose. Als Anästhesistin nichts über Hypnose wissen? Nein, das sei nicht möglich. Vor kurzem sei seine Frau in Hypnose hysterektomiert worden. Die Anästhesistin konnte es nicht fassen, fragte aber interessiert nach. Und abends kam per Zufall in ihrem Hotelzimmer-TV ein Bericht über Hypnose in der Schmerzbehandlung; das hat ihrer beruflichen Laufbahn den entscheidenden ‚Kick‘ gegeben: Ihre Habilitation wird „Hypnose und Immunsystem“ zum Thema haben.

Meine USA-Erfahrungen bescheiden sich auf einen Besuch in San Diego zu einem Hypnosekongreß. Bis ich kurz vor meiner Abreise endlich alle Bus- und Trolleylinien aus dem Kopf wußte, pflegte ich auch mit dem Taxi vorwärts zu kommen. Von Billy berichte ich am Ende des Buches. Aber auch alle meine anderen Taxifahrer entpuppten sich im Laufe der Gespräche, auf überdimensionalen Highways dahinrauschend, als erfahrene und begeisterte Selbsthypnotiseure. Der italienischstämmige George brachte mit Hypnose die Durchblutung seiner unteren Extremitäten, was auch immer er damit meinte (und ich hielt mich zurück, näher nachzufragen), in Gang. Rico brauchte sie zum Einschlafen, Arthur einfach als eine Art täglicher Konzentrationsübung. Vielleicht waren alle diese Begegnungen auch Zufall, aber auffällig war es allemal. Sobald ich auf Anfrage berichtete, aus welchem Grunde ich in San Diego weilte, wußte dort jeder ‚Eingeborene‘ seine Erfahrungen mit Hypnose zum besten zu geben.

Beeindruckend ist für uns sicher die in den USA herrschende Selbstverständlichkeit in der Inanspruchnahme von Psychotherapie allgemein und der Anwendung von Hypnose im besonderen. Dafür spricht auch die Unmenge von Selbsthilfebüchern auf diesem Sektor. Diese Hypnoserenner sind gespickt mit wundervoll tönenden Slogans, wie z. B. in der Schmerztherapie: „Love the part which hurts“ oder in der Sexualtherapie: „Focus on pleasure, not on performance“. Klingt gut und ist richtig. Leider können wir das hier im Deutschen nicht so direkt verwenden, sondern bringen es weit weniger keß und eher etwas verknotet an den Mann/die Frau: „Nach allem, was Sie an Schmerzen ertragen mußten, ist es Ihnen eigentlich noch möglich, ein positives Gefühl für diesen Körperbereich zu entwickeln?“ Oder im zweiten Fall: „Achten Sie mehr auf den Genuß, als darauf, was Sie für eine Figur dabei abgeben.“ Na, so besonders überzeugend wirkt das dann wohl doch nicht. Es läßt sich im Amerikanischen einfach prägnanter ausdrücken. Das sitzt und wird verstanden. Auch die guten Interventionen von David Cheek aus dem Buch „Mind-Body Therapy, Methods of Ideodynamic Healing in Hypnosis“ – übersichtlich in Boxen aufgelistet („Stop that bleeding now, don’t waste your precious blood!“) – lassen sich nicht einfach übersetzen und anwenden. Es hört sich nämlich komisch, manchmal zu simpel und meist einfach nicht passend an. Wir sollten bei unserer eigenen Sprache bleiben und trotzdem immer offen hinhören, ob nicht doch dieses oder jenes unser Spektrum bereichern könnte.

Gehen wir vom bewußten zum unbewußten Sprachgebrauch über, können wir dagegen sehr wohl viel übernehmen, und zwar was den selbstverständlichen Gebrauch von Fingerzeichen anbelangt. Die Nutzung ideomotorischer Signale, die hier manchmal fast noch als anrüchig gilt, weil nicht weit entfernt vom Pendel und damit wieder nicht weit von Esoterik und allem, was dazugehört, ist ‚drüben‘ ein fester Bestandteil der Therapie und in der Anwendung selbstverständlich. Diese Methode wird einfach immer benutzt, und dann merkt man schon von alleine, wo sie sich erschöpft oder ihre Grenzen hat. Aufgrund meiner Erfahrung in der Arbeit mit ideomotorischen Signalen möchte ich dringend diese hervorragende, die Therapie intensivierende, den Patienten stimulierende und den Therapeuten entlastende Methode empfehlen.

Die Hypnose hatte nach dem 2. Weltkrieg in den USA einen ganz anderen Nährboden als bei uns in Europa. Große therapeutische Schulen wuchsen unter den Händen befähigter Menschen heran. Die einzelnen Disziplinen, wie die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie, die sich neu formierenden Therapierichtungen wie die Gestalttherapie, die systemische Therapie, die Bioenergetik und die Körpertherapien, sind nun aber nicht im Alleingang, sondern in der Konfrontation und der Begegnung miteinander gewachsen. So auch die Hypnose. Und da in Amerika nun sowieso immer ein bißchen mehr möglich ist, hat die Hypnose auch nicht so um ihr Image kämpfen müssen, sondern wurde einfach mehr und mehr, erfolgreicher und erfolgreicher angewendet. Befruchtet im Zusammenspiel mit den anderen Therapieverfahren, erwuchsen viele schöne neue und griffige Methoden, wobei Milton H. Erickson wohl ohne Zweifel ‚den Vogel abschoß‘. Aber auch seine Hypnotherapie ist zweifellos das Ergebnis äußerst produktiver Kooperation der ganzen Therapeutengeneration, die unentwegt experimentierte und nichts unprobiert ließ. Aber man tut Erickson unrecht, würde man ihn nicht als den begabtesten und intuitivsten aller Hypnotherapeuten mit großem Charisma einschätzen. Er ist auch nicht nachzuahmen. Er war und bleibt ‚unique‘. Und trotzdem können und sollten wir sowohl die Anregung zu neuen Einfällen beherzigen als auch die Grundannahmen des Ericksonschen Ansatzes in unser Therapiekonzept aufnehmen. Diese lauten:

Hypnose ist ein natürliches Phänomen.

Hypnose ist ein erlebnishafter Prozeß, bei dem innere Ideen und Bilder ausgetauscht werden.

Jede Person ist einzigartig, und diese Einzigartigkeit ist zu schätzen.

Jede Person hat Entwicklungsressourcen im geistigen und psychischen Bereich.

Die Hypnose stärkt und erweitert diese Ressourcen.

Die Hypnotherapie korrigiert nicht Fehler, sondern unterstützt neue Lernerfahrungen auf der Basis vorhandener Fähigkeiten.

Diese Ansicht über den anderen Menschen, der zufällig unser Patient ist, ist in der Seele humanistisch und im Herzen amerikanisch. Sie hätte hier in Europa nicht so formuliert werden können. Lassen wir uns trotzdem von diesen Prinzipien leiten und inspirieren von Experimentierfreude, Spaß, Humor und der Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit in der Intervention und dem unendlichen Pioniergeist, Hypnose immer wieder neu und für alle Bereiche nutzbringend einzusetzen!

Teil zwei
Methodik ◀
▶ Exkurs:
Das Unbewußte – ein geheimnisvoller Begriff

Schon lange vor Erfindung der Psychoanalyse ahnten Dichter und Denker von der Kraft des Unbewußten. In den letzten hundert Jahren haben sich dann viele Theorien und Modellvorstellungen vom Unbewußten (Freud und Jung) bzw. Unterbewußten (Adler) gebildet, ohne letztendlich die zugrundeliegenden Phänomene erklären zu können. Gerade die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Definitionen weisen auf einen unerschöpflichen Strom in den Tiefen der menschlichen Existenz hin.

Im Englischen spricht man von „inner mind“, von „the unconscious“ oder „deeper self“. Im Deutschen finden wir ähnlich viel- und somit nichtssagende Begriffe, die oft unbeholfen klingen, da sie nur gequält in Worten konstruieren, was wir eigentlich gar nicht benennen und definieren können. Gleichfalls ist uns ein Rätsel, was unser Unbewußtes nun tun und lassen kann. Aber wir erleben, daß wir mithilfe dieses ganz besonderen Bereiches in uns in der Therapie produktiv arbeiten können. Wir bauen darauf, auch wenn wir ihn nicht einmal vage zu beschreiben vermögen. Gestehen wir, daß wir – wie so oft in der Therapie – etwas benutzen, wovon wir im Grunde nicht so recht wissen, was es ist und wie es wirkt. Bei M. H. Erickson (1981) können wir nachlesen, wie er so herrlich intuitiv arbeitend, die Veränderung des Patienten auch nicht immer gleich erklären konnte. War das wieder eine von diesen „unfaßbaren unbewußten Leistungen“? Wahrscheinlich schon. Und meistens läßt sie sich im Rückblick doch noch nachvollziehen, diese nicht logische, sondern psycho-logische Entwicklung mit all ihrer tiefen Sinnhaftigkeit. Nehmen wir uns die Freiheit, zu dem zu greifen, was sich passend anfühlt! Gehen wir pragmatisch vor! Benutzen wir die Worte, die den jeweiligen Patienten ansprechen und verzichten auf Anspruch vollständiger Erklärung. Sagen wir einfach:

„Ein Teil in Ihnen weiß zu dieser Frage vielleicht schon eine Antwort.“

„Der Bereich in uns, der auch für unser Traumleben sorgt, kann uns oft weiterhelfen.“

„Der Körper kann sich erinnern, wie es sich anfühlt, wenn die Sonne wärmend auf die Haut scheint.“

„Auf tieferer Ebene verfügen wir ja über so viel mehr Fähigkeiten!“

„Während Sie sich bewußt vielleicht gerade fragen, was die Hypnose Ihnen heute bringen wird, kann Ihr Unbewußtes schon angefangen haben, an dem Therapieziel weiterzuarbeiten.“

Unterstützen wir den Patienten, sich an seine unbewußten Vorgänge zu halten und sie zu schützen!

Eine meiner Patientinnen mit primär chronischer Polyarthritis behandelt mit Selbsthypnose erfolgreich ihre starken Beschwerden. Direkt nach der Hypnose sind die Schmerzen wesentlich verringert, einige Stunden danach ist eine objektive Verminderung der Schwellung zu beobachten. Ihr Leitspruch lautet: „Der Glaube versetzt Berge.“ Die Fähigkeit zu glauben hat mit unserer Lebensgeschichte zu tun. Diese schließt unsere Zweifel ein und wirkt, aber nicht über bewußte Kanäle.

Kapitel 1
▶ Planung
1.1 Das Aufklärungsgespräch

Aufdecken von Mythen und Vorurteilen und Vermittlung klarer Information am Anfang der Therapie!

Typische Patientenfragen: Bin ich für Hypnose geeignet? Können Sie mich überhaupt hypnotisieren? Was wird mit mir geschehen? Verliere ich die Kontrolle? Bekommen Sie Macht über mich? Verhalte ich mich dann komisch? Weiß ich nachher noch was davon? Kann ich in meine Kindheit/mein früheres Leben gehen? Wie komme ich aus der Hypnose wieder zurück?

1. Gehen Sie davon aus, daß der Patient irrige Vorstellungen über Hypnose hat!

2. Lassen Sie den Patienten seine Vorstellungen (knapp) schildern.

3. Gehen Sie nicht auf die (oft abstrusen) Vorurteile über Hypnose ein, sondern stellen Sie sachlich die Falschheit dieser Ansichten fest und bieten dem Patienten fachlich kompetente Information an.

4. Vermeiden Sie weitere Negativbeispiele, welche in diesem Kontext schon wie Suggestionen wirken können. Erklären Sie dagegen in positiven Aussagen,

was Hypnose ist und wie sie wirkt:

1. Der hypnotische Zustand ist etwas ganz Natürliches.

2. Normalerweise wird angenehme Entspannung empfunden, womit sich das Gefühl der Sicherheit und auch der Kontrolle über die Situation vergrößert.

3. Man verbleibt immer im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und Werturteile und ist sich seiner Gefühle, Handlungen und Aussagen bewußt.

4. Hypnose unterscheidet sich vom Zustand des Schlafes, was sich neurophysiologisch besonders in der EEG-Ableitung deutlich macht. Der Entspannungszustand der Hypnose hat allerdings physiologische Gemeinsamkeiten mit denen von anderen Entspannungsverfahren.

5. Je besser man sich etwas in der Phantasie vorstellen kann (z. B. einen schönen Sonnenuntergang), um so leichter kann man sich entspannen und auf das Thema der Therapie konzentrieren.

6. Gefühle können freieren Lauf nehmen, was immer positiv gewertet werden sollte. Anschließend werden sich Entlastung und Erleichterung breitmachen.

7. Hypnose ist keine eigenständige Therapieform, sondern muß in einen medizinischen oder/und psychotherapeutischen Rahmen eingebettet werden.

8. Der Erfolg der Hypnose hängt sehr wohl von den Fachkenntnissen und menschlichen Qualitäten des Therapeuten ab, aber auf keinen Fall von Fähigkeiten magischer Art.

9. Hypnose ist eine effektive Technik, sich körperlich heilend und seelisch stärkend zu beeinflussen (Beispiele nennen).

10. In Hypnose können unter fachlicher Begleitung tiefe psychische Traumata gelöst und geheilt werden.

1.2 Psychotherapie und Hypnose: Überleitung vom Gespräch zur Hypnose

Ausgehend von einem Zeitraum von 50 bis 60 Minuten für eine Therapiestunde, ist die erste Hälfte in das therapeutische Gespräch zu investieren. Dieses dient zum ersten dem Auflisten von neuen Erfahrungen und Ergebnissen seit der letzten Sitzung. Nicht jeder Patient hat da spontan etwas zu berichten. Oftmals ist es reiner Zufall, wenn zutage tritt, daß z. B. der Nachtschlaf ruhig und erholsam war, die Abgrenzung besser oder Konflikte geklärt wurden. Viele Patienten bemerken ihre Fortschritte nicht oder ‚vergessen‘ gar, wie schlecht es ihnen ging. Aus diesem Grunde ist es oftmals vonnöten, den Patienten akribisch auszufragen und Situationen im Detail haargenau beschreiben zu lassen. Dabei erweist es sich manchmal als sinnvoll, zu erklären, daß man den anderen keineswegs seckieren möchte, sondern daß jedem – im eigenen System steckend – Veränderungen verborgen bleiben können. Es ist aber wichtig, Fortschritte zu erkennen und wertzuschätzen. Das stärkt sowohl das Selbstvertrauen als auch die Basis der Therapie („Sehen Sie, wozu Sie alles fähig sind?“). Zum zweiten gewinnt der Therapeut im Gespräch Informationen, die er für die Hypnoseintervention nutzen wird. So kann er dem Patienten besser an der Stelle begegnen, wo dieser sich innerlich gerade befindet. Der Patient wird sich besser verstanden fühlen, was die therapeutische Beziehung (den Rapport) stützt.

Natürlich ist es oftmals sinnvoll, spontan auftretende Trancezustände sofort therapeutisch zu nutzen. Aber es können auch innerhalb des Gespräches indirekt wirkende Suggestionen eingeflochten werden:

Zum Beispiel Bestätigungen: „Sehr gut, und das kann sich sogar verstärken …“

Oder Infragestellungen:

Pat.: „Schrecklich, das ist bei mir immer so.“

Ther.: „Wenn es auch bislang immer so war, wären Sie überrascht, wenn es sich ändern würde?“

Pat.: „Ja, sehr.“

Ther.: „Wären Sie bereit, sich überraschen zu lassen?“

Patient lacht. In diesem Moment erweitert sich sein Bezugsrahmen. Er öffnet sich für Neues.

Oder Fokussierung auf den Moment:

Ther.: „Wie fühlt sich denn das jetzt an, spüren Sie mal nach.“

Pat.: „Besser.“

Ther.: „Bitte beschreiben Sie mir das doch genauer.“

Dann gibt es noch die Patienten, die zum Verquasseln der Stunde neigen, sich nachher eher unwillig aus dem Sessel erheben und offensichtlich mit sich und der Therapie unzufrieden sind. Der Therapeut verbleibt mit dem Gefühl, daß die Stunde zwar anstrengend, aber irgendwie zu kurz war. Bei solchen Patienten muß der Therapeut um so besser strukturieren und rechtzeitig zur Hypnose übergehen.

Meine persönliche Erfahrung ist, daß therapeutische Gespräche eher geistige Anstrengung bedeuten und mir als Therapeuten in einigen wenigen Fällen sogar Kopfschmerzen bereiten. Wenn ich Hypnose einsetze, fühle ich mich geistig weniger ermüdet, aber emotional mehr beansprucht.

Soll nach Ablauf der Gesprächseinheit Hypnose nicht nur indirekt, sondern direkt eingesetzt werden, kann sich die Frage nach der elegantesten Überleitung stellen. Es gibt unzählige Variationen, die allein auf den Patienten und die Situation – den Therapeuten nicht zu vergessen – abgestimmt werden sollten.

Einige Beispiele:

Die eher lockere Version: „Jetzt ist es an der Zeit zu schauen, was das Unbewußte dazu meint.“

Die erklärende: „Da gibt es ja (mindestens) zwei Ebenen in uns, die wache, bewußte und eine andere, die sich ja auch in unseren Träumen ausdrückt …, wenden wir uns dieser zu, das kann uns weiterhelfen.“

Die motivierende: „Jetzt haben wir uns aber genug angestrengt. Setzen wir doch mit Hypnose fort, wo Sie sich erlaubterweise zurücklehnen dürfen.“

Die humorvolle: „Ein typischer Fall für Hypnose!“ Oder: „Da muß wohl das Unbewußte jetzt Detektiv spielen, damit wir an dieser Stelle weiterkommen.“

Die entlastende: „Ich schlage jetzt etwas ganz anderes vor: Legen Sie (in der Phantasie) das gesamte Fragenpaket/den Konflikt in Ihre Hände. Schließen Sie diese dann fest zusammen, während Sie sich zurücklehnen und tief durchatmen. In dem Moment, in dem unbewußte Arbeit für die Lösung des Problems beginnt, werden die Hände anfangen, sich zu entspannen und zu lösen.“

Die klare Aufforderung: „Sie können Hypnose, nutzen wir das!“

Wie sich im Austausch mit Kollegen bestätigt, hält sich der zeitliche Rahmen für die Hypnoseintervention bei ca. 20 Minuten. Ein Mehr an Zeit kann den Eindruck vermitteln, es sei immer noch nicht genug erzielt worden. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten ist auch hier weniger einfach mehr und umgekehrt.

Es ist die Aufgabe des Therapeuten, den Patienten zu lehren, kleinen Veränderungen Achtung zu schenken.

Bewährt hat sich auch eine kurze fünfminütige Hypnose gegen Ende der Therapiesitzung, um z. B. das Besprochene zu filtern, der unbewußten Ebene anzuvertrauen, therapeutische Träume zu initiieren oder einfach nur ein Wohlgefühl zu hinterlassen und die Therapie einzurahmen. In den meisten Fällen wird die Therapiestunde mit Hypnose vom Patienten als reichhaltiger erlebt. Er verläßt die Praxis mit dem Gefühl, etwas bekommen zu haben.

1.3 Die zwanzig Schritte der ersten Hypnotherapiesitzung

Motto: Nicht über Hypnose philosophieren, sondern knapp erklären und anwenden!

1. Problemdarstellung, Beschwerdebild (medizinisch abgeklärt?)

2. Frage nach bisherigen Versuchen der Problembewältigung

3. Ist der Patient ‚visitor‘ oder ‚customer‘, d. h. will er mich nur ‚besuchen‘ oder wünscht er wirklich Veränderung?

4. Rapport (die therapeutische Beziehung) einleiten

5. Klärung der Erwartungshaltung: realistisch, pessimistisch, zu hoch, erwartet er/sie Wunder?

6. Frage: Wann treten Ausnahmen von der Regel auf (wann beschwerdefrei?)?

7. Formulierung des Therapiezieles oder eines Teilzieles

8. Was wird dann anders sein (möglichst konkret beschreiben lassen)? Wie wird sein (Familien-)System reagieren?

9. Frage: Wie hoch ist der Glaube, das Therapieziel zu erreichen?

10. Wieviel Zeit wird nach Ansicht des Patienten bis zum Erreichen des Therapiezieles vergehen?

11. Liegt die Bereitschaft vor, maßvoll und nicht maßlos zu sein?

12. Abklären: Auf welcher Stelle der Linie ist der Patient postiert?


13. Frage: „Heute schon Hypnose?“ (Pseudofrage)

14. Frage: „In welchem Sessel in Hypnose?“ (Pseudofrage); „Jahaltung“ provozieren

15. Momentane Beschwerden (z. B. Angst, Schmerz, Unruhe) auf einer Skala von 0–100 einschätzen

16. Hypnose (evtl. auf Tonband für den Patienten mitschneiden)

17. Nach der Hypnose Tranceverifikation durch die Frage nach Zeitwahrnehmung und Eintreten von erwünschten Phänomenen.

18. „Wie ist es jetzt anders?“ Einschätzung auf der Skala nach der Hypnose. Ist der Glaube an Therapie bzw. die Fähigkeiten zur Veränderung höher?

19. Partner zu Partnersitzung bereit (systemische Einbettung)?

20. Therapiekontrakt, Absprachen, gegenseitige Verpflichtungen, Honorar.

Nicht erst Hypnose nach Vertrauensaufbau, sondern Hypnose zum Vertrauensaufbau

1.4 Therapieplanung, Verlauf und Rückfallprophylaxe

Kommt ein Patient ausdrücklich wegen Hypnose in die Therapie, schwingt in seiner Motivation die Erwartung mit, er möge schnell Fortschritte machen und geheilt werden. Da mit Hypnose verstärkt unbewußte Prozesse aktiviert werden, können in vergleichsweise wenigen Sitzungen oft gute Fortschritte erzielt werden. Das beruht auf mehreren Faktoren:

– schneller Aufbau von Vertrauen durch therapeutische Veränderungen schon in der ersten Sitzung

– Dichte und Prägnanz der hypnotherapeutischen Diagnostik mit Hilfe ideomotorischer Signale

– vereinfachtes und direktes Auffinden von Widerstand

– Involvierung des Patienten durch Spannung, Spiel, Freude

– stimulierende Zusammenarbeit zwischen Patient und Therapeut, beruhend auf dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen

– Beteiligung des Patienten an der Arbeit durch Ausüben von Selbsthypnose und damit Gewinn an Autonomie

– spielerische Breite des Verfahrens zwischen Traumaarbeit in der Zeitregression und lösungsorientiertem Vorgehen in der Zeitprogression

– Möglichkeit, parallel auf Ursachen- und Symptomebene zu arbeiten

– Depoteffekt der Hypnosearbeit, besonders dank der posthypnotischen Suggestionen

– assoziative Trancearbeit mit der Halluzination von Zuständen, in denen das Therapieziel schon erreicht worden ist (siehe Übung: „Stell dir vor, heute nacht geschieht ein Wunder, und das Problem ist morgen früh gelöst. Was ist anders?“, nach der Technik „Kristallkugel“ von de Shazer 1985). Es ist zu vermuten, daß diese Arbeit permanente Aufträge an die unbewußte Ebene gibt, sich mit dem Weg zur Problemlösung zu beschäftigen.

– möglicher Einbezug von Partner oder Familie in hypnotherapeutische Übungen (Arbeit mit dem System, systemische Einbettung)

und: Veränderungen und Entwicklungen dürfen und sollen Zeit brauchen.

Natürlich kann es zu Spontanheilungen kommen, und wir sollten dem Patienten diese Option nicht versperren. Normalerweise aber braucht jede Therapie ihre Zeit. Unser Patient lebt nicht in luftleerem Raum, sondern ist in menschliche Systeme eingebunden, deren Rückkoppelungsprozessen er – auch wenn er diese mitgestaltet – unterworfen ist. Er hat während seiner Therapie eine Menge anderer Menschen in seinem Schlepptau, die sich (oft notgedrungen) mit ihm verändern werden. Das erklärt die gewisse Trägheit des Prozesses, aber auch die oft frappierenden Auswirkungen der Therapie auf Partnerschaft oder Familie. Wenn ein Mitglied sich weiterentwickelt, bleibt das nicht ohne Spuren im gesamten Systemmechanismus. Und manchmal wirkt es gerade so, als ob der Partner sich verändere, und nicht derjenige, der brav die Therapie aufsucht. Das sind alles ganz normale Erscheinungen, die die Vielfalt der Reaktionen menschlicher Systeme widerspiegelt. Ganz abgesehen davon, sollte der Patient seine Fortschritte wirklich Schritt für Schritt genießen dürfen. Gönnen wir ihm den Stolz auf seine Veränderungen, seien sie objektiv auch noch so klein.

Die Zeitdauer mag tatsächlich kürzer, die Therapiestundenzahl weniger sein, was aber als wesentlicher Vorzug der Intervention mit Hypnose erscheint, ist, daß der Patient sich schneller wohl fühlt.

Arbeit sollte möglichst nicht aufgeschoben und Probleme nicht verschleppt werden, sonst wird der Erfahrung nach alles schlimmer. Wenn mich also jemand bezüglich eines Wunsches nach Therapie anruft, verabrede ich – wenn mir die Anfrage plausibel, das Problem bearbeitbar erscheint, und ich überhaupt noch Kapazitäten habe – möglichst bald, meistens innerhalb der nächsten zehn Tage einen Termin. Wenn dann die erste Sitzung eine gewisse menschliche Stimmigkeit zwischen uns ergibt, die Methoden abgeklärt sind und das Therapieziel formuliert ist, muß die Therapie wie ein Medikament richtig dosiert werden. Nach meinen Erfahrungen ist hoch dosiert am Anfang das Bewährteste. So werden die Sitzungen nach dem Abschließen des Therapiekontraktes mit einer Stunde wöchentlich über vier bis sechs Wochen geplant, während denen sich die Arbeitsbasis zwischen Therapeut und Patient bildet. Dieser erlernt Selbsthypnose und diverse Techniken, wie z. B. das ideomotorische Signalisieren. Erste Erfolge werden verbucht, eventuell ein Rückfall abgefangen. Die erste Partnersitzung findet statt. Der Patient darf mich jederzeit bei „Fragen, die nicht warten können“, anrufen, was überaus selten in Anspruch genommen wird. Der Patient formuliert eher: „Beinahe hätte ich Sie angerufen, aber dann habe ich es auf einmal alleine geschafft.“ Wir vereinbaren in gemeinsamer Absprache immer drei bis vier Termine im voraus. Ein Termin darf aber (rechtzeitig) abgesagt werden, wenn äußere Ereignisse sich überstürzen, er sich erstmals „prima“ fühlt und die Woche ohne Therapie bestreiten will oder wenn ihm alles „zu eng“ wird. (Dabei muß wiederum im Auge behalten werden, daß „Verschleppung“ z. B. der Konfliktsituation oder der Angstzustände, schlecht ist.) Genauso darf angefragt werden, ob schon früher als geplant ein Termin vereinbart werden kann.

Auch in der Hypnotherapie ist das Vorgehen prozeßorientiert. Das (sich evtl. modifizierende) Therapieziel immer im Auge behaltend, arbeitet man am aktuellen Geschehen, weil auf dieser Bühne die momentane Inszenierung spielt. Auf welchem inhaltlichen Gebiet ein Problem (der Abgrenzung, der Hierarchie, der Macht und Ohnmacht, des Ungleichgewichtes von Geben und Nehmen u.v.a.m.) gelöst wird, spielt keine Rolle. Es wird gelöst und ist übertragbar. Den gesamten Lebensrahmen immer überschauend, weiß der Therapeut Fortschritte zu verallgemeinern und zu unterstützen.

Arbeiten Sie permissiv! Drängen Sie nie! Der Patient kommt, weil er in Druck ist. Die Therapie selber darf nie zum Druck werden. So lassen sich die besten Erfolge verbuchen, da unbewußte Tätigkeit Freiraum braucht. Setzen Sie nicht auf Zwang und Kontrolle, sondern Vertrauen. Dann wird der Patient gerne kommen. Sie sind Modell für das, was Sie lehren. So adaptiert er automatisch, Vertrauen in sich selbst zu etablieren. Nach der Hypnose soll er die Wirkung verspüren und genießen, nicht analysieren oder interpretieren. Wenn er aber dazu neigen sollte, ist er nach der Beendigung einfach abzulenken (z. B.: „Was werden Sie mit dem Rest des Tages jetzt noch anfangen?“). Beispiele vom Gärtner, der sät und auch nicht täglich die Erde wieder aufwühlt, um zu prüfen, ob sich da wohl schon ein Keimling erspähen läßt oder von der neugierigen, dummen Schneidersfrau, die doch glatt die Heinzelmännchen derart verschreckte, daß sie für immer verschwanden, helfen, unbewußte Arbeit zu verstehen. Es gilt, den Zauber zu wahren. Der Patient muß seine Therapie schützen lernen. Er darf nicht darüber schwatzen.

Sobald der Patient Therapieerfolge aufweist, sind die Intervalle der Sitzungen nach der Devise ‚So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich‘ in Abstände von zwei bis drei Wochen zu strecken, und es ist Zeit, an Rückfälle zu denken und Prophylaxe zu betreiben. Es bedarf der Information, daß Psychotherapien eine Eigendynamik aufweisen, die einer Art höher strebender Wellenbewegung entspricht: Fortschritte und Rückfälle, wobei die Vorwärtsbewegung dominieren sollte. Rückfälle sind also natürlich und gehören zur Therapie dazu. Hierbei sollen nicht Rückfälle suggeriert werden, sondern es geht um Voraussehen und Vorbeugen. Im Wortlaut: „Ich höre von Ihnen, daß es Ihnen besser geht, und das kann man Ihnen auch ansehen. Das ist schön, und ich könnte mir vorstellen, daß Sie auf sich selber stolz sind. Nicht, daß ich Sie ärgern oder vergraulen möchte, aber es ist jetzt das erste Plateau der Therapie erreicht, und wir müssen uns mit dem Thema Rückfall beschäftigen. (‚Nach dem Motto der Polizei: Vorbeugen heißt verhindern.) Ich frage Sie jetzt: „‚Nehmen wir an, es kommt ein Rückfall, was werden Sie tun?‘“

Der Patient sollte zuerst seine Ideen beschreiben. Diese werden daraufhin mit folgenden Anweisungen komplettiert:

1. Deklarieren Sie die Situation für sich selber als Rückfall.

2. Erinnern Sie sich an die Information von mir als Fachfrau, daß Rückfälle zur Therapie gehören.

3. Reflektieren Sie gut, ob der Rückfall Ihnen einen Hinweis geben will und letztendlich einen guten Sinn erfüllt.

4. Erinnern Sie sich der Fähigkeiten, die Sie zuletzt in den gleichen Schwierigkeiten erfolgreich eingesetzt haben.

5. Wenden Sie Ihre Art der Selbsthypnose mit Ihrer eigenen Technik (Fingerschluß o. ä.) an.

Alle diese Punkte helfen, einen psychischen Abstand zu der aktuellen Situation herzustellen. Die Betrachtung der Rückfälle als natürlich nimmt die Heftigkeit sowie die Tiefe. Mit diesem Programm in der Tasche fühlt sich der Patient sicherer, und in der Konsequenz wird die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalles verringert.

Während des Therapieprozesses soll der Patient es als erlaubt empfinden, zu experimentieren und Entwicklungen auf anderem Weg zu gehen, als wir ihm vorgeschlagen hätten. Jede Art von Autarkie sollte recht sein. Manche Störung in der Therapeut-Patient-Beziehung kann vermieden werden, wenn wir als Therapeuten immer wieder unsere eigenen Bezugssysteme flexibel öffnen. Dann wird auch für uns das Therapiegeschehen spannender.

Rückt die Therapie der Stabilität des erreichten Therapiezieles nach 10, 20 oder 30 Sitzungen näher, sind Sitzungen in längeren Abständen (alle drei Monate) angebracht. Auf jeden Fall ist in einer Art Langzeitkontrolle nach einiger Zeit nochmals eine Sitzung zu planen, um den Therapieerfolg zu stabilisieren und sicherzugehen, daß der evtl. schnell erreichte Fortschritt auch anhält. Außerdem dient es uns als Selbstkontrolle zur Überprüfung und Korrektur unserer Interventionen.

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