Kitabı oku: «Die Wäscheleinen-Schaukel»

Yazı tipi:

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Ahmad Danny Ramadan

Die Wäscheleinen Schaukel

Roman


Über den Autor

Ahmad Danny Ramadan ist ein syrisch-kanadischer Autor, ein Geschichtenerzähler und ein LGBTQ-Geflüchteten-Aktivist. Sein Roman wurde mehrfach ausgezeichnet. Er lebt mit seinem Ehemann in Vancouver.

Über das Buch

Dieser Roman führt durch die Lebenswege zweier homosexueller syrischer Männer, die sich im kriegszerrütteten Syrien kennenlernen und über Beirut und Kairo schließlich gemeinsam nach Vancouver fliehen. Die Erinnerungen an ihre zurückgelassene Heimat werden in den fantasievollen, manchmal schwermütigen, aber jede für sich wunderschönen Geschichten wiedererweckt, als einer der Protagonisten vier Jahrzehnte später versucht, seinen Partner an dessen Sterbebett am Leben zu halten.

Die einzelnen Geschichten bilden ein verwobenes Mosaik aus bewegenden, nachklingenden Eindrücken einer Kindheit in Damaskus, von Liebesgeschichten im Verborgenen, den gewaltvollen Erfahrungen des Krieges und der Homophobie sowie der hoffnungsvollen Suche nach einem freieren Leben.

Ahmad Danny Ramadan, der selbst 2012 von Syrien nach Kanada geflohen ist, eröffnet den Lesenden in seinem Roman auf poetische Weise die ungewöhnliche Perspektive queerer Menschen in Syrien auf die Erinnerungen an eine untergehende Heimat.

Der britische Independent wählte ihn 2019 unter die 30 besten Debütromane.

„Eine bemerkenswerte Lektüre. Danny Ramadan öffnet seinen Leser*innen eine Welt und führt sie mit Sensibilität und Spannung durch diese Welt.“ Bernhard Schlink in der New York Times

Inhalt

Prolog

Der hakawati erzählt seine eigene Geschichte

Die Geschichte des Geliebten, der sich für einen Abenteurer hielt

Die Geschichte des Mannes, der bis ans Ende seiner Tage nicht mehr schlief

Die Geschichte vom verzauberten Prinzen

Die Reisen des ins Land der Frauen

Die Konkubine mit der Rose aus Glas

Die Geschichte vom Zoo der Königin

Der König und sein Thron

Das Haus mit dem schönen Ausblick

Die Geschichte von Thekla, die drei Mal zu Gott betete

Der Wahrsager und seine Geschichte

Die Geschichten derer, die gegangen sind

Die zwei Könige

Die Großzügigkeit eines Einsamen

Die entflohene Prinzessin erzählt ihre Geschichte

Der Sandsturm und die Hexe

Die Geschichte des Zuhörers

Danksagung

Glossar

Für die Kinder von Damaskus –

so bin ich mit meinem Kummer umgegangen …

Und ihr?

Er ließ sich in den Schaukelstuhl fallen, ebenden Stuhl, in dem Rebeca in der Frühzeit des Hauses Stickstunden abgehalten, in dem Amaranta mit Oberst Gerineldo Márquez Dame gespielt und in dem Amaranta Úrsula Babykleidung genäht hatte, und in blitzartiger Klarheit erkannte er, dass er dem auf seiner Seele lastenden Druck von so viel Vergangenheit nicht würde standhalten können.

Gabriel García Márquez

Prolog

Die süßesten Küsse sind jene, die wir an verbotenen Orten tauschen. Jener Kuss, den ich dir im dunklen Fond eines Taxis auf dem Weg durch Damaskus stahl, während der Fahrer über die Kontrollpunkte und den Krieg schimpfte; jener Kuss, als ich dich bei H&M in Beirut zurück in die Umkleide zog und meine Lippen auf deine presste; jener, den du mir gabst, als wir uns am Wreck Beach bei Vancouver im hohen Gras versteckten.

Für uns waren die meisten Orte verboten. Wir lernten uns im kriegsgeschüttelten Damaskus kennen und zogen im religiös gespaltenen Beirut zusammen, bevor wir schließlich in Kanada landeten. Für uns bedeutete das Vorspiel nicht sanfte Berührungen und zärtliche Küsse, sondern einen Platz zu finden, wo uns weder Polizisten noch aufgebrachte Eltern noch neugierige Nachbarn aufspüren würden. Es bedeutete, die Vorhänge fest zuzuziehen und den anderen zum Stillsein zu ermahnen, wenn er vor Lust zu laut stöhnte, was uns, wenn auch nur für kurze Zeit, ein trügerisches Gefühl der Sicherheit verschaffte.

Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, der süßeste von unseren Küssen war der allererste. Dieser Kuss ist mir kostbar, denn er war die erste Blüte in einem Garten verbotener Früchte, den wir gemeinsam pflanzten. Er war der Spross, der durch die Erde unseres banalen Lebens brach und all die anderen Blumen gedeihen ließ.

Ich sehe vor mir, wie wir eines Abends im Spätfrühling 2011 auf dem Berg Qasyun standen und schweigend auf Damaskus hinabblickten. Unter uns säumten immer mehr Lichter das Labyrinth der Straßen; die unzähligen Moscheen wurden neongrün beleuchtet. Am Abendhimmel erschienen die Sterne und funkelten auf dem dunklen Baldachin über uns; wir waren umgeben von einer unvergänglichen Kulisse tanzender Lichter.

»Was auch immer mit dieser Stadt passiert, das hier wird bleiben«, hast du gesagt, die Lichter der Stadt in deinen Augen, als berge ihr Dunkel ein ganzes Universum. »Kein Krieg kann der Schönheit von Damaskus etwas anhaben.«

Du hast auf die Umayyaden-Moschee links von uns gezeigt und mich durch die umliegenden Straßen dirigiert, bis ich dein Elternhaus ausmachen konnte, ein winziges Haus, dessen Mauern mit Weinlaub bewachsen waren. Ich wedelte vage in die Richtung, in der mein dunkles Elternhaus stand, es hob sich ab wie ein kranker Zahn, nur wenige Blocks von eurem entfernt.

Ich zitterte; meine Nase fühlte sich an wie ein Eiswürfel, der in meinem Gesicht schmolz, in meinen Augen standen Tränen. Du zogst mich an dich, legtest mir den Arm um die Schulter und begannst schüchtern zu lächeln. »Ich hatte einen schönen Tag«, flüsterte ich. Du brummtest etwas Zustimmendes.

Dort, unweit des Gipfels, tief in seinem Schatten, küssten wir uns. Meine Lippen verschmolzen nur eine Sekunde lang mit deinen; du zogst meine Oberlippe zwischen deine Zähne, und die Wärme deines Gesichts prickelte an meiner eiskalten Nase. Auf einmal warst du kein Fremder mehr. Du warst kein unbekanntes Wesen mehr, das mich gleichermaßen entzückte und ängstigte.

Du wurdest zu jemand Vertrautem, Sicherem, Einladendem und Warmem.

Aus Angst davor, von Soldaten oder Passanten in unserem Versteck überrascht zu werden, küssten wir uns nur kurz. Du strichst mir noch einmal übers Haar und löstest dich von mir. Dann setztest du dein schiefes, scheues Lächeln auf und seufztest. »Das sollten wir wiederholen«, sagte ich. Du lachtest.

Der Tag, an dessen Ende wir auf dem Berg die Sterne betrachteten, begann im Herzen der Altstadt von Damaskus, wo ich im Pages Café nervös auf dich wartete. Das Café, an der Ecke einer schmalen Gasse neben einer historischen Schule gelegen, war schummrig und gemütlich, und es wurde zum Treffpunkt für Liberale, Freidenker und intellektuelle Rebellen in Damaskus, bevor sie verhaftet oder getötet wurden oder flüchten mussten.

An den Wänden hingen abstrakte Poster und Gemälde. Manche versprachen eine Revolution, andere beschworen ein utopisches Damaskus, das die glorreichen Sechzigerjahre wieder aufleben lassen würde. Der Duft von türkischem Kaffee und frisch gebackenen syrischen Leckereien erfüllte das Café mit einem heimeligen Gefühl und überdeckte irgendwie den durchdringenden Schweißgeruch, den die Geheimpolizisten in Zivil absonderten. Sie hatten sich unter die Rebellen gemischt und belauschten unsere Gespräche, hinterließen mit ihren Stiefeln Dreck auf dem schwarz-weißen Fliesenboden und konnten es kaum erwarten zu gehen, um Freidenker anzuzeigen oder Aktivisten verhaften zu lassen.

»Ich habe eine Geschichte für dich«, sagte ich zu dir, als du an dem Ecktisch neben dem alten Klavier Platz nahmst, Sonnenstrahlen fielen, reflektiert von der Fassade der benachbarten Schule, durch die hohen, schmalen Fenster in das Café. Du hast gelächelt und dein schwarzer, akkurat gestutzter Bart glänzte mit deinen Zähnen um die Wette. Es war unsere allererste Begegnung – ich sah dich durch die Glastür kommen und wusste sofort, dass du es warst. Ich kannte deine Fotos von der Dating-Seite. Als du das schummrige Café betratst, hüllte dich die Sonne in ein engelhaftes Licht.

Du wirktest überrascht, um nicht zu sagen baff. Später erfuhr ich, dass du dachtest, was für ein Idiot du wärst, dich mit diesem Fremden zu treffen. Dass ich auf die üblichen Begrüßungsfloskeln verzichtete, machte dich verlegen, fast ängstlich. Du bist schon immer unsicher geworden, wenn du deine Komfortzone verlassen hast.

»Klar, erzähl mir eine Geschichte«, hast du taktvoll erwidert und im Geist die Schritte gezählt, die du bis zur Tür brauchen würdest.

»Meine früheste Erinnerung ist«, begann ich, »wie ich auf dem Schoß meiner Großmutter saß. Sie hat mich gekitzelt und dabei mit dem Mund so grässliche Geräusche gemacht. Ich muss drei Jahre alt gewesen sein, aber ich weiß noch, dass ich aus vollem Herzen lachte.«

Eine Sekunde lang lag dieser Das kann doch nicht dein Ernst sein-Blick auf deinem Gesicht. Du wusstest nicht, wie du darauf reagieren solltest. Du wusstest nicht, was als Nächstes kommen würde. In der Hoffnung, dass dich ein Anruf vor einem Nachmittag mit diesem Freak retten würde, warfst du einen Blick auf dein Handy-Display.

»Weißt du, ich erzähle dir das, weil ich ein Geschichtenerzähler bin«, sagte ich. »Ich bin ein Fabulierer, ein Dichter, ein hakawati.«

Es dauerte einen Moment. Du schautest mir in die Augen, begannst zu lächeln und sagtest: »Dann erzähl mir eine Geschichte.«

Dieses Lächeln, dieses wunderschöne, intensive, unerträglich süße Lächeln, das sich durch die vielen Schutzschichten deiner Seele einen Weg bahnte, brachte mich dazu, dich zu bitten, mich auf den Berg Qasyun zu begleiten, brachte mich dazu, dich zu küssen, mich in dich zu verlieben, während wir durch eine Stadt fuhren, die im Krieg versank.

Für den Rest unserer gemeinsamen Zeit in Damaskus hast du zweimal pro Woche bei mir übernachtet und deiner Mutter irgendeine Lügengeschichte darüber aufgetischt, wo du bist. Du zogst meine Pyjamahose an, und sie passte wie angegossen. Wir spielten Karten mit meinem Mitbewohner und blieben viel zu lang auf. Wenn dein Bedürfnis nach sozialer Interaktion gestillt war, bekamst du immer diesen speziellen Gesichtsausdruck, den ich sofort registrierte. Ich zog dich am Arm und nahm dich mit in mein Schlafzimmer. Mein Mitbewohner stellte kichernd Vermutungen über unseren Wunsch nach Privatsphäre an. Dabei kuschelten wir den Großteil der Nacht nur, weil wir mitten in der Unterhaltung einschliefen.

Der Genuss des Morgenkaffees auf meinem Balkon wurde oft durch das Schreien und Brüllen von Armeeoffizieren und Polizisten gestört, die jemanden verfolgten, um ihn zu verhaften. Sie zerrten den Flüchtigen am Hemd zu Boden, während die Frauen aus seiner Familie, die vom Fenster aus zusahen, lauthals jammerten und sich ihre weißen Kopftücher fester ums Gesicht zogen. Der Gefangene wurde unter den Blicken der Schaulustigen, darunter auch du und ich, in den Kofferraum gestoßen, dann wurde der Deckel zugeklappt und das Auto fuhr davon. Als wir das erste Mal Zeugen einer solchen Szene wurden, schlug uns das Herz bis zum Hals, und wir versteckten uns zwei Stunden lang in meinem Schlafzimmer. Nach ein paar Verhaftungen gewöhnten wir uns an das Brüllen und Wehklagen, frühstückten einfach weiter und stellten das Radio an.

Ich weiß nicht mehr, wie oft wir um drei Uhr morgens aufwachten, weil es irgendwo am anderen Ende der Stadt knallte. Der Kriegslärm hallte durch die stillen Straßen, und wir schreckten in Panik aus dem Schlaf hoch und fühlten uns sehr verlassen. Eines Nachts hast du gewimmert, noch halb im Schlaf, aus dem Land der Träume gerissen, voller Sorge, die Explosionen könnten zu nah bei uns sein. Ich strich dir übers Haar und beruhigte dich. »Das ist ein Feuerwerk, das ist nur ein Feuerwerk«, flüsterte ich, und du schliefst wieder ein.

Einmal kam die Explosion dann tatsächlich aus nächster Nähe; sie erschütterte die Wohnung und weckte uns beide auf. Wir hatten das Gefühl, es sei direkt vor unserem Haus passiert. Danach knatterten Maschinengewehre auf den Straßen.

Auf allen vieren flüchteten wir aus dem ungeschützten Schlafzimmer ins fensterlose Badezimmer. Ich legte mich in die Badewanne und du legtest dich auf mich drauf. Deine Augen waren weit aufgerissen, sahen aus wie kleine weiße Untertassen. Zitternd kautest du auf deiner Lippe herum. »Mein Rücken tut weh«, sagtest du und zeigtest auf die Narbe an den oberen Rippen, die wie eine Verbrennung aussah. »Ich bin ja da«, flüsterte ich und zog dich enger an mich, bis das Knattern der Maschinengewehre zu einem undefinierbaren Geräusch verklungen war.

In jener Nacht in der Badewanne liebte ich dich, als würde ich Gedichte über die Schönheit von Damaskus rezitieren. Als Eröffnung weckte ich dein Begehren mit sinnlichen Berührungen, schlich mich in deine Welt wie die ersten Tropfen Sonnenlicht auf den Bergen von Damaskus. Ich überzog dein Gesicht mit den Farben des Sonnenaufgangs, als ich mit den Zähnen an deinen Ohrläppchen zog. Ich erkundete jeden Winkel deines Körpers wie ein verirrter Reisender, der durch die alten, verschlafenen Straßen der Stadt wandert, klopfte mit den Fingerspitzen an das Tor zu deiner Seele wie ein schüchterner Botenjunge an die Holztüren der alten Häuser in Sarouja, wenn er warmes Brot und Baladi-Käse bringt. Ich drehte dich herum und kitzelte deine Füße, und du lachtest wie ein Kind, das im al-Jalaa-Park mit dem dowikha fährt. Ich hauchte ein lustvolles Stöhnen in dein Ohr, gleich dem Seufzer einer alten Holzbrücke, die unter dem Gewicht der Seelen, die sie trägt, ächzt. Unsere Körper verschmolzen, und wir bewegten uns, als würden wir die sich schlängelnden Straßen an den Hängen von al-Muhadschirin hinauf- und hinuntergleiten. Ich drückte atemlose Küsse auf deine Stirn, während ich deinen Körper von meinem löste, übersät von Bissspuren und herrlich nass vor Schweiß.

In jener Nacht liebtest du mich, als wärst du eine Invasionsarmee in einem plötzlich aufgeflammten Krieg. Mit ruhiger Hand zogst du mich aus und schmiegtest deinen Kopf an meine Rippen. Du hieltest mir mit der Hand den Mund zu aus Angst vor lauschenden Nachbarn hinter den dünnen Wänden. Ich gab mich deinen Händen hin wie ein verängstigter Teenager, der in einen Abgrund des Schmerzes entführt wird. Wir rangen, kämpften, deine Zähne gruben sich in meine Haut, bis du mir endlich glorreich und blutig deine Seele offenbaren konntest. Du hast gestöhnt und das Stöhnen sofort unterdrückt, wie ein standhafter Häftling, der seinen Wärtern und Folterern den Sieg nicht gönnt. Als du in mich eindrangst, wurde ich stumm, als hätte mein gesamter Körper kapituliert. Ich klammerte mich an dich wie ein Ertrinkender. Schließlich wandtest du dich von mir ab, mit reumütigem Blick und Schuldgefühlen, die du nur mit dir selbst ausmachst. Außer Atem kehrte ich von einer Reise zu deinen innersten Gedanken zurück.

Als wir die Badezimmertür öffneten und zurück ins Bett gingen, war das Knattern der Maschinengewehre längst verklungen.

Nur in diesen Augenblicken konnten wir ganz wir selbst sein, nackt in den Armen des anderen, beinahe blind für die Welt um uns herum. Außerhalb meines Schlafzimmers mussten wir auf jeden Schritt und jede Geste achten, hatten Angst vor dem Krieg, Angst vor unseren Familien, Angst vor allem außer uns beiden.

»Hakawati, geh nicht«, sagtest du, als ich ein paar Tage später aufstand, um mich anzuziehen. Du hast mit nacktem Oberkörper auf meinem Bett gesessen, und wir konnten die Stimmen unserer Freunde hören, die gerade munter wurden. Was war noch mal der Grund gewesen? Hatten wir am Abend zuvor eine Geburtstagsparty gefeiert, und alle waren so lange geblieben, dass der Heimweg quer durch Damaskus zu gefährlich gewesen wäre? Ich erinnere mich nicht mehr. Jedenfalls spielten wir die ganze Nacht Karten und tranken billigen Wodka. »Wir sind acht Leute im Haus, und ich habe nichts zum Frühstücken da«, sagte ich und suchte nach einem sauberen T-Shirt. »Ich bin in zehn Minuten zurück, ich laufe nur eben zum Laden gegenüber.«

»Ich komme mit«, sagtest du, und ich lächelte. Du strecktest mir deine Hand entgegen und ich dir meine. Unsere Finger berührten sich eine Sekunde. Aus der Ferne hörten wir eine kleine Explosion, aber das kümmerte uns nicht. Wir waren schließlich in Damaskus. Du packtest meine Hand und zogst mich zurück zum Bett, ich lachte, rief abwehrend deinen Namen, dann gab ich nach, du öffnetest den Reißverschluss meiner Hose, ich streifte deine herunter. Wir umschlangen einander mit den Armen. Deine Lippen verschmolzen mit meinen, und wir sackten aufs Bett.

»Hier drin wird’s ganz schön heiß«, sagte ich zu dir, und du hobst die Hand zum Fenster. Erst dachte ich, du hättest es zu schnell aufgezogen und dabei die Scheibe zerbrochen. Aus dem Augenwinkel sah ich Flammen, sie breiteten sich über die Straße aus wie eine jäh erblühende Feuerrose. Ein donnernder Lärm dröhnte in meinen Ohren, und Glas- und Holzstücke regneten auf mich herab. Ich packte dich, und wir rollten uns auf den Boden, Glasscherben bohrten sich uns in den Rücken. Ich schrie gellend, aber ich hörte nicht, wie ich schrie.

Dann war die Explosion auf einmal vorbei, und es herrschte wieder Stille, sozusagen die Ruhe nach dem Sturm.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich dich, deine Augen waren weit aufgerissen. »Ja. Und mit dir?« Ich musterte kurz dein Gesicht, dann stand ich auf. Geblendet ging ich zu dem kaputten Fenster. Ich warf einen Blick hinaus, drehte mich zu dir um und sagte: »Das war eine Autobombe, direkt gegenüber. Direkt vor dem Laden.«

Doch all das ist jetzt nur noch eine ferne Erinnerung. Diese Erinnerungen sind mein einziger Trost, während ich hier in diesem Bett liege, im ersten Stock unseres denkmalgeschützten Hauses in einer beschaulichen, stillen Ecke von Vancouvers West End, ein alter Mann von fast achtzig Jahren, der versucht, die Tage des Terrors in Syrien zu vergessen, ohne die Erinnerungen an unsere Liebe zu verlieren, die wir uns gemeinsam geschaffen haben.

Ich habe unzählige schlaflose Nächte damit verbracht, deine Atemzüge zu zählen, während du dich an die letzten Reste von Leben in dir klammerst. Deine wunderschöne Brust, inzwischen mit weißen Haaren bedeckt, bewegt sich rhythmisch auf und ab wie die Wellen am Strand von Beirut, wo du mir einmal das Leben gerettet hast. Damals war dein Brusthaar schwarz, ein Inbegriff der Männlichkeit auf deinen Muskeln. Du hast mich aus der Ferne angeblickt und gelächelt. Ich gestattete meinem Blick, über deinen Körper zu wandern, und rief mir deine Konturen und das Gefühl deiner Haut in Erinnerung, bevor ich zurücklächelte.

Siebenunddreißig Jahre lang war ich der Schwache; ich bin derjenige, der ständig krank wird, sich ins Bett verkriecht und keine Berührungen erträgt. Ich bin derjenige, der jammert, wenn er sich den Zeh an dem verdammten Tischbein anstößt. Ich bin der mit den Knochenbrüchen und der ausgekugelten Schulter. Und jetzt kommst du mir beim Sterben zuvor? Ich fühle mich betrogen, ja, sogar verraten. Dabei habe ich mich doch so angestrengt! Damals am Strand habe ich dir versprochen, das Rauchen aufzugeben und beim Whisky kürzerzutreten. Und schau mich jetzt an, ich bin ein alter, mürrischer Mann, der mit einem Glas in der Hand und einer Zigarette im Mund herumläuft, während du auf dem Totenbett liegst.

Du musstest ja unbedingt eine Million Mal diesen verdammten syrischen Spruch sagen: »Tou’borni inschallah«, mögest du mein Grab schaufeln. Es ist scherzhaft gemeint, und ich antworte darauf mit: »Baid al-shar«, möge das Böse fernbleiben. Was soll daran liebevoll sein, wie kamen unsere Großväter und davor ihre Großväter nur darauf? Man fordert den Tod nicht ungestraft heraus, und offenbar hat der Tod einen makabren Sinn für Humor.

Auch dein Gesicht verrät Überraschung. Du stellst dir dieselben Fragen wie ich. Warum ich, scheinst du zu denken, warum hat sich der Tod ausgerechnet mich herausgepickt? Der Tod ist Willkür schlechthin. Einmal starb vor unserem Haus hier im West End eine Frau mit ihren Kindern. Sie wurden von einem Auto überfahren. Du hast gesagt, du hättest gesehen, wie ihr Geist ihren Körper verließ, während sich die Menschen um sie scharten. Ich konnte ihre Seele nicht sehen, die deinen Worten nach leuchtete wie tausend Sonnen. Ich machte deine Medikamente für deine Wahrnehmung der Realität verantwortlich; sie stürzten dich immer mehr in Verwirrung.

Es ist jetzt fast vierzig Jahre her, dass wir Syrien 2012 verlassen haben. Wir wurden älter in einer Stadt, in der wir nicht geboren wurden. Die Luft, die wir atmeten, war nicht für uns bestimmt. Wir bugsierten uns gegenseitig durch ein Leben, das wir nicht erwartet hatten. Tief im Innern bewahrten wir die Erinnerungen an Syrien, während wir einander dabei zusahen, wie uns die Haare ausfielen, wir Falten bekamen und wie aus jungen, ruhelosen Männern Getriebene wurden. Wir führten hier in Kanada ein einfaches Leben; geradezu ereignislos, als würden sich all unsere Erlebnisse auf die ersten vierzig Jahre unserer Existenz konzentrieren. In den mehr als dreißig Jahren danach standen wir weiterhin im Bann unseres alten Lebens und vergaßen, das neue voll und ganz auszuschöpfen. Jetzt sind wir zwei alte Männer am Rand des Vergessens, bereit, in den Abgrund des Vergangenen zu springen.

Während ich auf deinen letzten Atemzug warte, schwebe ich selbst an der Schwelle des Todes: Ich habe das Gefühl, in einem ruhigen Meer auf dem Rücken zu treiben, die Sonne scheint mir in die Augen, und ich möchte mich den Wellen ergeben – Welle um Welle trägt mich ins Unbekannte. Ich kann den Sandstrand am Horizont nicht sehen, aber ich akzeptiere die kühlen Fluten; sie laden mich ein in die dunklen Tiefen der See. »Du gehörst zu den Wesen der Kälte«, sagen die Stimmen. Meine Nervenenden sind freigelegt wie bei einem Verbrennungsopfer, und die Fluten sind meine Rettung. »Aber ich kann noch nicht gehen«, flüstere ich matt und kraftlos zurück. »Er braucht mich noch.« Die Stimmen lassen nicht locker, und es fühlt sich wie das Richtige an, mich einfach der Kälte zu überlassen. Mein müdes Ich dem letzten Abgrund anheimzugeben. Doch ich widersetze mich, und die Wellen werden wütend, werfen mich ans Ufer und lassen mich zitternd und nach Luft ringend im Sand zurück.

Deine Medikamente machen dich in letzter Zeit nervös; du sprichst kaum mit mir und schläfst fast nicht und verlangst ständige Aufmerksamkeit. Nur in meinen Geschichten findest du Erleichterung. Dabei hast du sie all die Jahre mit mir ignoriert; sie waren dir zu detailreich, oft wolltest du sie nicht hören oder du unterbrachst mich dauernd. Jetzt wachst du in den frühen Morgenstunden auf, hievst dich mühsam hoch, schaltest das Licht ein und weckst mich auf. »Ich kann nicht schlafen. Erzähl mir eine Geschichte«, sagst du. »Ich habe deine Geschichten immer geliebt.«

Du wirst zu meinem Schahriyar, und ich zu deiner Schahrasad. Der Tod ist der Henker vor der Tür; er wird mich köpfen, wenn meine erschöpften Gehirnzellen deinem Wunsch nach Unterhaltung nicht nachkommen. Wir sind die Reinkarnation von drei Charakteren, die wir nur allzu gut kennen. Schahrasad rettete ihr Leben, indem sie den König neugierig auf die Fortsetzung der Geschichte machte, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass du deine Seele davon abhältst, deinen Körper zu verlassen, weil du wissen willst, wie die Geschichte endet. Du bist sozusagen ein Serienjunkie, der dem Serienfinale entgegenfiebert.

Als ich ein Junge war, schrieb ich Geschichten, um mein Leben zu retten; jetzt erzähle ich dir genau diese Geschichten in der Hoffnung, dich zu retten. Du öffnest die Augen, du bist wach. Du hievst dich hoch, schaltest das Licht ein und blickst mich an. »Erzähl mir eine Geschichte«, sagst du.

Der hakawati erzählt seine eigene Geschichte

Wir sind umgeben von Schwingungen wie von einem ungeschriebenen Musikstück. Diese verborgene Melodie erzeugt für uns eine Routine. Jede unserer Handlungen ist wie ein sanftes Streichen über die Saiten einer Violine. Wir komponieren eine Symphonie aus Traditionen und täglichen Gewohnheiten, die das Leben imitieren; aber das ist nicht das Leben, sondern eine Bewegung auf der Tonleiter. Der Klang deiner Schritte, wenn du am späten Vormittag das Bett verlässt und ins Badezimmer gehst; das Pfeifen des Wasserkochers, wenn ich deinen Kaffee zubereite; das schmerzvolle Ächzen, wenn ich die Treppe zu deinem Zimmer hinaufgehe – all das vermischt sich mit den unablässigen Geräuschen, die unser altes Haus macht. Zusammen erzeugen diese Geräusche ein Leben, das wir auch dann in uns spüren, wenn wir nicht auf sie achten.

Ich habe mich an diese Musik gewöhnt, und jetzt kann ich mir das Leben ohne sie nicht vorstellen. Eine meiner heimlichen Freuden ist, meine Gedanken schweifen zu lassen, im Kopf ein Bild deiner dicken weißen Augenbrauen zu zeichnen, wenn du in den Spiegel schaust und nach einer früheren, schönen Version von dir suchst, die es nicht mehr gibt. Selbst wenn ich mit den Hunden im Garten sitze, sehe ich vor mir, wie du mühsam versuchst, eine weitere Stufe zu bewältigen, die fünfte Stufe knarrt immer ein bisschen; das muss ich irgendwann reparieren.

Unser Garten ist riesig und von wuchernden Bäumen und Büschen eingerahmt, die ihn umschmiegen wie ein Armband ein Handgelenk. An den nicht sehr vielen sonnigen Tagen in Vancouver wird er grün, und die Blumen beäugen einander und machen sich bereit für eine neue Bestäubungsperiode. An den verregneten Wintertagen, die sich viel zu lange hinziehen und uns ans Haus fesseln, wird er matschig, in den Ecken bilden sich kleine Wasserlachen. Der heftige Regen trägt mit seinem beharrlichen Trommelrhythmus zur Symphonie bei, wenn er auf die Pfützen in unserem Garten prasselt.

Unser Haus war weiß, als wir es vor über zwanzig Jahren kauften. Wir strichen es erst rot, weil wir das peppig und hübsch fanden, und dann grün, weil dich die Farbe an dein Elternhaus in Damaskus erinnerte. Als wir älter wurden, verabschiedeten wir uns von den fröhlichen Farben und gaben uns mit einem dunklen Grau zufrieden, der Farbe deiner Augen, wenn du frühmorgens aufwachst und deine Medizin und dein Frühstück verlangst.

Der Wind traf immer die Südseite des Hauses, riss Fenster auf und ließ Türen zuknallen. Er machte die Hunde verrückt und weckte uns mitten in der Nacht auf. Er pfiff wie ein fremder Mann auf der Straße, der sich über uns lustig macht. Er brachte die Gerüche der English Bay und des Sunset Beach mit. Er trug den Duft der Donuts vom nahe gelegenen Tim Hortons zu uns und machte uns fast jeden Morgen Appetit darauf.

Jetzt rüttelt der Wind nicht mehr an unserem Haus, in unserer Symphonie fehlt eines der wichtigsten Instrumente. Hohe Wolkenkratzer haben sich rings um unser kleines zweigeschossiges Haus angesiedelt und es im Laufe der Jahre langsam, aber penetrant eingekreist.

Du hast unser Haus angefüllt mit Gemälden, Mosaikarbeiten und traditionellen Sitzecken wie in deinem Elternhaus damals in Damaskus. Wochenlang hast du Möbel gerückt, dann hast du dich in eine Zimmerecke gestellt und dir im Geist alle möglichen geselligen Zusammenkünfte ausgemalt, die nie stattfanden. Du hast überlegt, ob das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto deines Großvaters zentral an der Wand oder in einem versteckten Winkel deines Arbeitszimmers hängen sollte. Erst wolltest du einen blauen Teppich für das Wohnzimmer, dann hast du einen dunkelgelben gekauft und es nur Tage danach schon wieder bereut. Du hast gern im Garten gearbeitet und die Pflanzen gegossen.

Mit solchen Abwägungen ist es nun vorbei. Du gärtnerst nicht mehr. Du hast seit fünf Jahren kein einziges Möbelstück verrückt. Im Wohnzimmer liegt kein Teppich, und auf dem Foto deines Großvaters, das du achtlos in unserer Abstellkammer deponiert hast, sammelt sich der Staub.

Nachts verstummen die Geräusche unseres Lebens, öffnen den Raum für die Geräusche des Unbekannten, die durch die Fenster in unser Haus dringen. Nachts schläfst du, und ich bleibe wach, lausche den Stimmen und versuche ihre Botschaften zu deuten. Werden sie mir eine Geschichte für dich erzählen? Manchmal ja, manchmal nein. Dein rhythmisches Ein- und Ausatmen hält mich wach, und ich frage mich, ob du wohl gerade von deinem eigenen Paradies träumst.

Als du noch ein Junge warst, dachtest du, dir stünde die ganze Welt offen. Du hast dein Herz dem Lachen geöffnet und Witze gerissen. Einmal hast du mir ein altes Video von dir gezeigt, aufgenommen mit einer Kamera, die ihr euch von einem Bekannten deines Vaters, einem Hochzeitsplaner, ausgeliehen hattet. Man sah, wie du im weißen Jackett und mit roter Fliege dastandest und stumm dem Beat eines Reggae-Songs lauschtest, der in den Neunzigerjahren in Syrien ziemlich angesagt war. Auf einmal fingst du zu tanzen an, ohne die Menschen um dich herum oder das Lachen deines Vaters wahrzunehmen. Du hast die Schritte der Tänzer in dem Musikvideo imitiert, dich nach links und rechts gedreht, laut beim Refrain mitgesungen. Du hast die Füße bewegt, so schnell du konntest, und im Takt mit dem Kopf genickt.

Das, hast du mir erzählt, sei dein Himmel. Das war die Zeit, als du noch du selbst warst, bevor du vor der Realität des Lebens geflüchtet bist und deine Gedanken in deinem Kopf eingesperrt hast. Als du älter wurdest, hast du aufgehört zu lachen und zu tanzen und dir stattdessen einen sarkastischen Humor zugelegt, an dem niemand teilhaben darf, und ein Bedürfnis nach persönlichem Freiraum entwickelt, um ungestört deinen Gedanken nachhängen zu können.

Dein Atem wird mühsamer, und kurz krampft sich mein Herz vor Angst zusammen. Schließlich öffnest du die Augen. Du lächelst mich an. »Darf ich dir jetzt das Ende erzählen?«, frage ich und ziehe dich an mich; du lässt deinen müden Kopf, bis zum Rand mit Medikamenten zugedröhnt, auf meiner Brust ruhen. Ich höre das leichte Knacken meiner gebrochenen Rippe, die unter dem Gewicht ächzt. Ich ignoriere es wie in den vergangenen sechzig Jahren. Auch du hörst das Knacken.

»Ich will dir nicht zur Last fallen«, sagst du und verschiebst den Kopf. »Deine gebrochene Rippe ist nie richtig verheilt.«

Ich ziehe dich enger an mich. »Keine Sorge, das spüre ich kaum noch.« Ich kratze mich genau an der Stelle, wo die gebrochene Rippe liegt.

Mit Anfang zwanzig habe ich eine Weile in Kairo gelebt. Ich habe dir diese Geschichte schon einmal erzählt, vor vielen Jahren, aber seitdem nicht mehr. Ich erzähle nicht gerne alte Geschichten von gebrochenen Rippen und schmerzhaften Erfahrungen. Sie haben nichts mehr mit mir zu tun, sondern mit anderen Männern, die sie an meiner Stelle erlebt haben. Jede Phase meines Lebens kommt mir vor wie die Geschichte eines anderen Mannes, keinen dieser Männer kenne ich gut. Keinen von ihnen verstehe ich jetzt noch. Diese Geschichte handelt von einem Mann, der mit Anfang zwanzig in Ägypten lebte. Er brach aus, verließ seine Familie in Syrien und zog in ein Land, das er nur aus Mumienfilmen und Jugendbüchern kannte. Warum hat dieser Mann diese Entscheidung getroffen? Was hat ihn dazu gebracht, alle Anzeichen zu ignorieren und die leere, dunkle Straße in den Außenbezirken Kairos entlangzugehen, allein und arglos?

Der fremde Mann wurde in seiner Clique ägyptischer Freunde als homosexuell geoutet. Den Rest der Geschichte kannst du dir denken: Eines Nachmittags bekam er einen Anruf von einem seiner Freunde. Er wurde aufgefordert, in ein Einkaufszentrum zu kommen, und er tat es. Dort setzte sich dieser Fremde zu seinen Freunden im Gastro-Bereich, wo es penetrant nach McDonald’s-Essen roch.

»Wir haben Geschichten über dich gehört«, sagte einer aus der Gruppe, ein großer, dunkelhäutiger Bursche mit dickem Schnurrbart und Weihnachtsmannbauch. »Du sollst wissen, dass wir dich unterstützen, wir lassen dich nicht fallen, wir stehen hinter dir.«

»Was bist du? Ein Top oder ein Bottom?«, erkundigte sich Fady, in den der Fremde verknallt war. »Ich meine, wenn du ein Top bist, kannst du einfach ein Mädchen heiraten und mit ihr machen, was du willst.« Der Fremde wollte auf ihre Fragen nicht antworten; er fühlte sich getäuscht und in die Ecke gedrängt. Er wollte vom Tisch aufstehen und ohne einen Blick zurück verschwinden. Er wollte sich in seine eigenen Fantasien flüchten. Im Geiste hielt er mit Fady Händchen, und Fady verstand und begrüßte sogar seine Avancen. Die beiden tauschten einen Kuss, eine Berührung und ein Flüstern.

Die Gruppe, alle acht Männer, diskutierte immer noch das Sexualleben dieses Mannes; sie überlegten sich einen Plan, um das, was von seiner Seele übrig war, zu retten. »Vielleicht könnten wir ein bisschen Geld für ihn zusammenkratzen«, schlug Fady vor und meinte jenen Mann, der ich früher einmal war. »Und ihn auf die Hochzeit vorbereiten.«

Endlich fühlte sich der Fremde zu einer Reaktion imstande.

»Ich habe euch nie um eure Akzeptanz oder euer Verständnis gebeten«, sagte er. Er hielt ihnen vor, wie oft jeder von ihnen in seinem Haus übernachtet hatte, wie oft sie alle im selben Bett wie er gelegen und bis zum Morgengrauen von Liebe und Verlust gesprochen hatten. Er merkte, dass all diese Augenblicke, die ihm so teuer waren, bedeutungslos wurden. »Du hast neben mir geschlafen.« Er deutete auf den Weihnachtsmann, dessen Gesicht rot angelaufen war. »Habe ich dich angefasst? Habe ich dich belästigt? Habe ich dir auch nur im Entferntesten ein unangenehmes Gefühl gegeben?« Keiner wusste etwas darauf zu erwidern.

Der Fremde verließ fluchtartig den Tisch; er sprang die Rolltreppe hinunter und stand auf einmal vor dem Kino. Als er auf die Plakate starrte, beschloss er, sich V wie Vendetta anzusehen. Auf dem Weg in den Kinosaal fing er eine Unterhaltung mit einem Angestellten an, einem hübschen, dunkelhaarigen Typen etwa in seinem Alter. Sie wechselten kurze Sätze, während er in der Schlange darauf wartete, dass die Türen des Kinosaals geöffnet wurden. Der Fremde fragte sich, ob sie gerade flirteten, und kam, je länger ihr Gespräch dauerte, zu dem Schluss, dass es so war. »Ich habe den Film schon ein paarmal gesehen«, meinte der Angestellte, mit der kleinen Taschenlampe in seiner Hand spielend. »Er ist super.«

Der Angestellte erläuterte, warum ihn der Film so berührt hatte. »V ist ein einsamer Wolf«, sagte er und ließ seine großen dunklen Augen auf dem Gesicht des Fremden ruhen. »Er wird von der Gesellschaft ausgestoßen und von seinen Mitmenschen abgelehnt, nur weil er ist, wie er ist.« Inzwischen wollte der Fremde nur noch den Arm um die Taille des Angestellten schlingen und ihn leidenschaftlich küssen.

»Aber er bringt die Gesellschaft dazu, ihn zu akzeptieren, wie er ist«, fügte der Angestellte leise hinzu. Seine Lippen waren verführerisch, seine Haut schimmerte warm. »Es war ein revolutionärer Akt.«

»Keine Ahnung, wie sie das übersehen konnten«, flüsterte der Angestellte dem Fremden zu, »aber in dem Film küssen sich zwei Frauen, und die ägyptischen Zensurgötter haben die Szene nicht herausgeschnitten.«

Als der Fremde durch den Saal zu seinem Platz ging, folgte ihm der Angestellte mit den Augen; im dunklen Kino, der Film lief schon, schlüpfte der Angestellte auf den leeren Platz neben dem Fremden. Er raunte ihm ein kurzes Hallo zu und sah auf die Leinwand.

Augenblicke später fand die Hand des Angestellten den Weg zu den Fingerspitzen des Fremden. Der Fremde zog die Hand zu sich und nahm sie in seine. Als sich die beiden Frauen auf der Leinwand zärtlich küssten, umklammerten sich die Hände ganz fest. Die Finger neckten einander, während V und Evey zu Beginn des dritten Teils im Takt ihres eigenen Herzschlags tanzten. Schweigend hörten die beiden Männer, wie V sagte: »Eine Revolution ohne Tanzen ist eine Revolution, die sich nicht lohnt.«

Als das Licht anging und sich der Saal allmählich leerte, lösten sie ihre Hände voneinander. Sie sahen sich an und lächelten. »Kann ich deine Telefonnummer haben?«, fragte der Angestellte schüchtern, und der Fremde grinste. Während sie ihre Kontaktdaten tauschten, spürten sie, wie ihnen das Blut ins Gesicht schoss. Sie trennten sich mit dem Versprechen auf ein Wiedersehen.

Der kalte Wüstenwind fuhr in die Kleider des Fremden; fröstelnd lief er zu Fuß durch die leeren Straßen nach Hause, weil er kein Taxi fand. Er fühlte sich sicher und war in Hochstimmung wegen der Aussicht auf ein Date mit einem süßen Angestellten mit weichen Händen. Hinter sich hörte er Schritte. Die nächtlichen Geräusche animierten ihn zu einem langsamen Tänzchen. Er schlenderte dahin, trunken von der kühlen Brise.

Das war die Nacht, in der ich aus dem Körper des Fremden geboren wurde; ich brach gleichsam aus ihm hervor. Dieser unschuldige Junge lebte, als er das Kino verließ, und war tot, als ich am nächsten Tag mit ausgekugelter Schulter und gebrochener Rippe im Krankenhaus aufwachte.

Als der Fremde und ich – noch in einem Körper vereint – uns umdrehten, sahen wir sie kommen. Sie kamen schnell. Es waren sieben. Fady war nicht dabei. Ihre vertrauten Gesichter hatten unvertraute Mienen. Der erste Tritt landete direkt zwischen den Beinen. »Chawal«, sagte einer von ihnen. »Tunte!«

Der Fremde und ich wehrten uns nicht; wir standen einfach nur da und versuchten unser Gesicht zu schützen. Es folgte ein Stoß gegen die Brust, der einen stechenden Schmerz in der Lunge hervorrief. Ein Schlag gegen das Knie, der uns zu Boden fallen ließ. Dann ein Trommelfeuer aus Tritten. »Ich tue es für dich«, sagte der Weihnachtsmann. »Du sollst wissen, wer du wirklich bist.«

Die Hände des Fremden erlahmten, er konnte sein Gesicht nicht mehr schützen. Langsam glitten sie nach unten. Auf seinem Brustkorb landete ein Tritt mit der Schuhsohle. Er hörte das Knacken, als die angeknackste Rippe komplett durchbrach, es dröhnte in seinem Kopf. Auch ich hörte es. Sein Verstand raste, er konnte nicht mehr denken. Die Tritte, die seinen Körper trafen, zerfetzten seine Eingeweide. Er versuchte tief einzuatmen. Er versuchte zu sprechen. Die Worte erstarben auf seiner Zunge. Er versuchte um Vergebung für eine Sünde zu bitten, die für ihn keine Sünde war. Er hörte seine eigenen Atemzüge. Er rang nach Atem, doch die Luft gelangte nicht in seinen Körper. Er hatte das Gefühl zu ersticken. Er wünschte sich, sie würden aufhören. Er wünschte, sie würden das Knacken seiner Knochen hören. Er wünschte sich Gnade.

Im Geiste sah er ihre lächelnden Gesichter, wenn sie sich am Wochenende in seiner kleinen Wohnung versammelten; irgendjemand brachte eine Shisha mit, ein anderer kaufte genügend kuschari oder Sonnenblumenkerne für alle. Sie spielten zusammen »Alarmstufe Rot«, manchmal online, manchmal mit zwei Computern, die sie in seiner Wohnung miteinander verbanden. Er kochte ihnen Tee. Sie liehen sich Bücher von ihm und lasen seine Kurzgeschichten.

Allmählich ließ der Schmerz in seinem Körper nach. Er spürte ihn nicht mehr. Ich wurde das Schließfach für seinen Schmerz; ich wurde das Gefäß für sein Leid. Er verlor den Bezug zur Realität. Während ich zurückblieb und die Schläge abfing, glitt er in seine Fantasien ab. Er stellte sich vor, wie er den Angestellten anrief und sich mit ihm zum Kaffeetrinken verabredete, irgendwo am Nilufer. Er würde dem Angestellten bei einem Blumenmädchen mit einem schmutzigen Kopftuch eine Rose kaufen. Der Angestellte würde sie zwischen den Seiten einer Graphic Novel pressen, die er ein paar Wochen zuvor gekauft hatte. Das Buch würde für immer nach Blumen duften, und die Rose würde unsterblich werden wie eine Rose aus Glas.

Jedes Wochenende würden sie zusammen ins Kino gehen und sich eine Komödie oder ein Drama ansehen. Sie würden sich über Superhelden-Filme streiten und im dunklen Kino Händchen halten. Wenn sie nach Hause gingen, würden sie sich einen Gutenachtkuss geben. Sie würden zusammen alt werden, und eines Tages würde er, während er in einem mit Filmplakaten tapezierten Schlafzimmer in den Armen seines Geliebten lag, friedlich entschlafen.

Beim letzten Schlag, der in seinem Gesicht landete, kehrte er in die dunkle Gasse zurück. Er hustete Blut und spuckte es aus. »Bas«, bettelte er, »es reicht, bitte.« Seine gebrochene Rippe hatte wohl seine Lunge durchbohrt; ich spürte, wie sie sich dort einnistete. Sie wuchs in seiner Lunge wie ein Baum mit verdorrten, blattlosen Ästen, schrammte an seinem Herzen vorbei und kratzte an der Innenseite seines Brustkorbs. Der Fremde spürte, dass er sterben würde. »Bas«, flüsterte er, doch es kam als Zischen heraus, begleitet von Blut.

In jener Nacht hatte ich meine erste Begegnung mit dem Tod.

Er erschien rasch, mit einem Lächeln auf seinem Skelettgesicht. Er winkte mit den Fingern, und die Welt blieb stehen; ein Tropfen Blut in meinem Augenwinkel gefror auf meinem Gesicht wie eine rote Träne, die ich nicht weinte. Die Gesichter wurden zu wütenden Masken; die Füße verharrten Millimeter vor meinem Körper. »Du kannst jetzt loslassen«, sagte der Tod. »Du musst dich nur für tot erklären, dann bist du es.«

Der Tod trug eine schwarze Kapuze wie der Sensenmann im Cartoon; seine Finger waren kalt wie Eiszapfen, als sie sanft über mein Gesicht strichen. In jener Nacht zeigte er mir alles: Er zeigte mir die Zukunft, die ich haben, die Geschichten, die ich erzählen, und die Männer, die ich kennenlernen würde. Er zeigte mir dich, mein Liebster, und ich sah dich. »Das ist dein Leben«, sagte er. »Du wirst am Bett deines Geliebten sitzen, wenn er im Sterben liegt, und ihm eine Geschichte nach der anderen erzählen, um ihn vor meinen kalten Fingern zu retten.«

Während mich die Dunkelheit umfing, fragte er mich, ob ich bereit sei, all dies loszulassen und mit ihm ins Unbekannte zu entschwinden. War ich nicht. »Du erzählst ihm die Geschichten nicht, um ihn am Leben zu halten«, behauptete er. »Sondern weil du dir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen kannst. Es wird ein egoistischer, trauriger Akt der Selbsterhaltung sein.« Schahrasad wollte den Sultan nicht von seinem Wahn befreien, weil sie ihn liebte. Sie wollte einzig und allein ihren Kopf vor dem Schwert des Henkers bewahren.

Die Welt um mich herum war dunkel, sodass ich nur das Licht in den Augen des Todes sah. Ich streckte die Arme aus und nahm das Gesicht des Todes in meine Hände. Ich drückte einen blutigen Kuss auf seine weißen Zähne und flehte ihn an, mich hierbleiben zu lassen.

In diesem Augenblick streifte der Tod den unschuldigen jungen Mann von mir ab. Es war ein schmerzhafter Vorgang; es fühlte sich an, als würde ein Teil meiner Seele aus mir herausgerissen werden. Der Tod lächelte mich an und entnahm meinem Innern eine geisterhafte Gestalt, einen Jungen, der ich früher einmal war und der nun ein Fremder für mich ist.

Dieser fremde junge Mann besucht mich manchmal, wenn ich hier mit dir im Bett liege. Er ruft mir längst Vergangenes ins Gedächtnis. Er flüstert mir Gedichte ins Ohr, während ich darauf warte, dass du aufwachst, damit ich weiß, dass du noch lebst.

»Erzähl mir eine Geschichte«, bittest du mich jetzt. Der Tod steckt den Kopf durch den Türspalt; in seinem Umhang erkenne ich den Fremden. Er wirkt glücklich. Er hat seinen Schmerz in mich hineingegossen und diese Welt gegen einen unschuldigen Himmel eingetauscht. Sein Schmerz in mir lässt sich nicht unterdrücken. Er meldet sich von Zeit zu Zeit, pocht laut in meinen Knochen. Er fühlt sich an wie das Schreien eines Kindes, das von seiner Mutter verlassen wurde. Manchmal schrillt er in meinen Kopf. Er knallt gegen meine gebrochene Rippe und prallt an meine ausgekugelte Schulter. Er reißt mich weg von dir und entführt mich an dunkle Orte, die ich nicht mag, doch das behalte ich für mich.

Ich lächle dir zu, mein Liebster, und komme deiner Bitte nach. »Es war einmal ein Mann, der erzählte seinem Liebsten eine Geschichte. Sie trug den Titel ›Der schönste Selbstmord‹ und handelte von einer Frau namens Evelyn McHale.«

Evelyn McHale war bereits tot, als sie auf dem Auto aufschlug. Während sie geräuschlos vom sechsundachtzigsten Stock des Empire State Building fiel, verließ ihre Seele ihren Körper und stieg rasch nach oben, folgte ihrem weißen Halstuch – dem Halstuch, das sie, bevor sie sprang, über die Kante des Gebäudes geworfen hatte.

Ein Geist kommt anscheinend selten allein. Während ich dir von Evelyn erzähle, befreit sich ein weiterer Geist aus den Fängen des Todes. Die Frau steht in der Ecke unseres Schlafzimmers und lauscht meiner Geschichte über eine Frau, die sich wie sie von der Welt verabschiedet hat.

Ich kenne den Geruch ihrer Kleider; ich kenne ihre tief liegenden Augen. Der Geist meiner Mutter sagt keinen Ton. Ich höre ihre Stimme, sie kommt von unter dem Bett, wo sie sich wie ein Monster versteckt. »Ich habe dich neun Monate lang im Leib getragen«, wiederholt die Stimme, doch der Geist schweigt immer noch. »Du bist ein Teil von mir.«

Ich wurde in Damaskus geboren und war ein einsames Kind. Schon vor meiner Geburt sagte man mir den bösen Blick nach. An einem ihrer guten Tage erzählte mir meine Mutter, als sie zum ersten Mal spürte, wie ich gegen ihre Bauchdecke trat, habe eine alte unverheiratete Tante von mir ihren Bauch gestreichelt. »Er wird ein großer und starker Junge werden«, sagte sie mit neidisch funkelnden Augen. »Du solltest gut auf ihn aufpassen.« Von da an hatte meine Mutter Schwangerschaftsbeschwerden. Nach meiner Geburt war ihre Milch trocken und salzig. Ich war ein schwächliches Kind, wurde leicht schikaniert, war einsam.

Sie sieht mich vorwurfsvoll an, und ich fröstle. Ich kann mich viel zu gut an dich erinnern, Mutter. Du raubst mich meinem lauschenden Liebsten, reißt mich aus dem Bett und wirfst mich in das eisige Loch der Erinnerung. Dort sehe ich dich in der Ecke unseres verstaubten Wohnzimmers sitzen und auf meine Heimkehr aus der Schule warten, in der Hand das Strickzeug. Du machst gerade einen blau-gelben Winterpullover, der potthässlich ist. Trotzdem werde ich ihn tragen müssen. Das Wohnzimmer ist spärlich beleuchtet und versinkt unter einer Staubschicht, im Fernsehen läuft eine bescheuerte syrische Seifenoper. Ich hasse den Staub, ich hasse die Seifenoper, ich hasse den Pullover, und am meisten hasse ich dich.

Die Luft ist zum Schneiden; die Fenster wurden seit Wochen nicht geöffnet, und sobald ich mit meiner schweren Schultasche durch die Tür trete, habe ich das Gefühl zu ersticken. Du starrst mir entgegen, siehst die Finsternis in meinen Augen und weißt, wie sehr ich mich vor dir fürchte. Du beginnst zu lächeln; aus dem Lächeln wird ein Lachen, als würdest du dich an der Angst weiden, die du mir einflößt. Dein Lachen dringt durch das ganze Haus, bis hin zu den Schulbüchern in meinem Zimmer, meinen alten Kassetten und den Fotos, die ich vor dir verstecke.

»Hallo Mutter«, sage ich.

»Fick dich«, antwortest du.

Sie hörte den Aufprall nicht, als ihr Körper auf die vor dem Gebäude geparkte Cadillac-Limousine schlug; sie sah nicht, wie sich die Menschen um ihren toten Körper scharten. Sie sah sich nicht selbst, in gewohnt eleganter Haltung, die Füße an den Knöcheln gekreuzt, die Perlenkette um den Hals drapiert, die weißen Handschuhe blitzsauber. Sie spürte nicht das Metall des Wagens, das sich um sie schmiegte wie eine Wolke in der Fantasievorstellung eines Kindes; sie ärgerte sich nicht darüber, dass sie unterwegs ihre High Heels verloren hatte.

Wie eine grüne Muräne schleichst du dich mitten in der Nacht in mein Zimmer. Deine Kleider sind schlampig. Deiner Liebe fehlt jede Eleganz. Mit einer Hand drehst du langsam den Türknauf, in der anderen hältst du ein Küchenmesser. Meine gut trainierten Sinne wecken mich auf, meine Augen gewöhnen sich in Sekundenschnelle an die Dunkelheit, und ich sehe dich. Du stehst vor mir, groß und mächtig, wie eine Statue, die Gift und Galle spuckt.

»Deine Augen glühen in der Dunkelheit wie die eines Dämons«, sagst du zu mir, und ich springe aus dem Bett und schubse dich weg. Im Fallen reißt du zwei Regalbretter mit meinen Büchern herunter, meinen einzigen Freunden auf der Welt, und ich ergreife die Flucht. Barfuß und in Unterwäsche stürze ich zur Tür.

»Komm zurück, du kleiner Scheißer!« Ich springe die Treppe hinunter, immer drei Stufen auf einmal nehmend. Mein vierzehnjähriges Herz pumpt Blut durch meinen jungen Körper. Meine Muskeln krampfen sich vor Angst zusammen, und Tränenströme laufen mir übers Gesicht. Ich bin voller Angst, verstört. Für dein Kind bist du eine Göttin, und eine Göttin ist zu allem fähig. Du bist ein Diktator, der in meinem Blut badet, und ich bin schwach, kraftlos und wüsste nicht, wie ich mich gegen ein Messer verteidigen sollte.

Ich höre dich immer noch rumoren, als du wie ein Tiger im Käfig durch das Haus streifst und deine Einsamkeit hinausbrüllst. Eilig laufe ich vorbei an den geschlossenen Geschäften zu meinem Lieblingsversteck hinter den Mülltonnen an der Kreuzung, wo mich eine öffentliche Treppe vor den Blicken der Passanten und dem kalten Nachtwind schützt. Ich vertreibe mir die Zeit damit, Autos und Sterne zu zählen, warte darauf, dass dein jüngster Ausbruch vorübergeht.

In meinem Unterschlupf breche ich laut in Tränen aus. Ich habe das Gefühl, mich in freiem Fall zu befinden, von der Kante in einen gierigen Schlund gestoßen. Du bist eine Göttin, und ich wurde von meinem Glauben getäuscht. Dein Herz sollte eigentlich Liebe zu deinen Kindern hervorbringen, so wie deine Brüste Milch für sie hervorbringen sollten.

Zwischen den Gebäuden zu beiden Seiten unserer schmalen Straße, die sich aneinander lehnen wie alte Freunde, muss ich eingeschlafen sein. Nicht zum ersten Mal. Am Morgen rapple ich mich auf und gehe nach Hause, den Blicken der neugierigen Nachbarn und Ladenbesitzer ausweichend. Ich schleppe meinen müden Körper die Treppe hinauf. Am Tor unseres Hauses spitze ich die Ohren, in der Hoffnung, dein Schnarchen durchs Haus dröhnen zu hören. Als ich sicher bin, dass du tief und fest schläfst, schlüpfe ich durch die Tür in mein Zimmer.

Ich erinnere deinen Geist daran, wie du dort in der Ecke meines Schlafzimmers stehst und mir die flüchtigen Momente und die letzten Nächte mit meinem Geliebten raubst, dass ich diesen Weg der Schande nicht zum letzten Mal ging.

Wie ein Mond, der sich aus der Dunkelheit schält, erscheint sie vor mir, auf einem Foto, das vier Minuten nach ihrem Tod geschossen wurde. Ich versuche Evelyn McHale zu ignorieren, aber sie verfolgt mich. Sie liegt da wie die Tochter einer Göttin, die sich für die Sünden anderer geopfert hat. »Sagt meinem Vater«, schrieb sie in ihrem Abschiedsbrief, »dass ich zu viele Veranlagungen meiner Mutter geerbt habe«. Sie hatte Angst um ihren Geliebten und ihre eigenen Nachkommen und brachte ein Blutopfer für sie. Sie ruft meinen Namen, fragt sich, ob ich eine Umarmung, einen Kuss oder eine Gutenachtgeschichte brauche. Ihre geschlossenen Lider, ihr Haar, ihr vermutlich bordeauxrotes Kleid, all das hat sich in meine Gehirnzellen eingebrannt; ein leuchtendes Foto-Negativ von ihr in meinem Hinterkopf.

Wie die Männer, die sich um den Leichnam von McHale versammelt haben, bin ich alarmiert. Es ist später Vormittag, und ich rieche Rauch, der in mein Zimmer dringt. Was jetzt?, überlege ich und öffne die Tür. Meine einzige Angst ist, dass mein ausgeklügelter Fluchtweg durch Feuer blockiert sein könnte. Langsam erkunde ich das Haus und schnuppere, versuche herauszufinden, wo genau es brennt. Ich gehe in die Küche. Vielleicht hast du wieder einmal einen deiner fehlgeschlagenen Kochversuche im Backrohr vergessen. In der Küche ist niemand, im Spülbecken türmen sich bis zum Rand Eierschalen und schmutzige Teller von den unzähligen Omeletts, die ich mir gemacht habe. In der Ecke fault ein Bananenbündel vor sich hin, umschwärmt von Fliegen, und die Kartoffeln im Plastikkörbchen haben lange, gewundene Keimlinge. Es riecht durchdringend nach brennendem Öl. Jemand hat die Kühlschranktür offengelassen, aber der Kühlschrank ist leer.

Mein Herz schlägt schneller. Womöglich hast du ja die Haustür in Brand gesteckt. Der Gedanke daran zu sterben, erstickt mich wie Asche.

Der Rauch kommt vom Balkon. Dort stehst du in einer Ecke, vor dir eine große Tonne; Flammen züngeln daraus hervor und spiegeln sich in deinen starr blickenden Augen. Auf deinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus; es macht dir Spaß, wie einem Kind, das die Puppe seiner Schwester so lange an die Wand wirft, bis das Gesicht eingeschlagen ist.

Ich will herausfinden, was da los ist, und gehe näher heran. Laut hustend, um dich aus deiner Trance zu reißen, mache ich einen Schritt auf dich zu. Du nimmst keine Notiz von mir. Schließlich trete ich durch die Tür zu dir auf den verstaubten alten Balkon. Für mich war dieser Balkon immer eine Zuflucht; ich wünschte mir, er wäre breit genug, um mir eine Schaukel darauf bauen zu können.

In den Flammen kokeln Dutzende Fotos. Ich schnappe nach Luft, als ich merke, dass es meine Fotos sind: Fotos, die ich mit zwölf im Ferienlager geknipst habe; ein Foto aus der Schule, auf dem ich total krank aussehe; ein Foto von dir mit einer Rose im Haar, hinter dir glitzert das Meer; ein Foto von mir und meinen Cousins in unseren Eid-Kleidern; ein Foto von mir, vergnügt lachend, als ich mit einem anderen Jungen seilspringe. Mein kleines Gesicht auf diesem Foto brennt. Das Feuer frisst sich in die Ränder, verbrennt das Seil, zerstört die Gesichtszüge des anderen Jungen, erreicht meinen Körper, verbrennt meine Arme, meine Ohren, meine Haare, meine Stirn, meine Augen und schließlich meinen lachenden Mund, sodass er nicht vor Schmerz aufschreien kann.

Von der anderen Seite der schmalen Straße späht ein Nachbar auf dem Balkon eines alten Hauses neugierig zu uns herüber, wie wir eine Stunde lang still dastehen. Das Feuer trägt dich in ein Land deiner Fantasie; deine Augen folgen den Flammen. Das war’s dann mit dem Teilen von Erinnerungen am Throwback Thursday und all den süßen Kinderfotos.

Scheiße, ich werde dir keinen Grund für eine Ohrfeige geben. Ich werde den Mund halten; von mir aus kannst du das ganze Haus abbrennen. Zumindest hat der Rauch den gammeligen Gestank aus der Küche übertüncht.

Der Nachbar hingegen ist nicht so schlau wie ich. »Gibt es ein Problem?«, ruft er herüber. Zwei Leute sehen von der Straße nach oben und wundern sich. Du gibst keine Antwort. In aller Seelenruhe gehst du ins Haus und holst ein Buch aus meinem Zimmer – eine arabische Übersetzung von Joyce’ »Ein Porträt des Künstlers als junger Mann.« Ich bin froh, dass ich es schon gelesen habe.

Du zielst und schleuderst das Buch über die Straße; du hast nicht genug Kraft in der Hand, aber der dramatische Akt schüchtert den Nachbarn genug ein, dass er sich nicht weiter einmischt. »Verpiss dich«, flüsterst du. Das Buch trifft das Haus gegenüber zwei Etagen tiefer und fällt dann auf die Straße, die Seiten flattern wie die Flügel eines aufgeschreckten Vogels.

»Fotos sind haram, sie sind sündig«, sagst du. »Sie sind Pforten zur Hölle und werden Geister und Dämonen zu uns bringen.« Ich starre einen Moment auf mein Buch unten auf der Straße. Ein Mann tritt darauf, ein anderer kickt es weg, dann ist es verschwunden.

Der Sprung vom Empire State Building hat sie für immer unsterblich gemacht. Sie ist gesprungen, um vergessen zu werden. Ihr letztes Porträt erzählt nur von ihrem Kampf, ihrer Erleichterung darüber, dass nun nicht mehr die Sehnsucht, dazuzugehören, an ihr nagte. Sie wirkt, als hätte sie einen langen Spaziergang in einem Dschungel aus Heu gemacht und beschlossen, sich im Gras auszuruhen, als hätte sie ihre High Heels abgestreift und würde mit geschlossenen Augen die Sonne genießen, das Kinn mit einem Gänseblümchen streicheln, das sie unterwegs gepflückt hat. Nur dass das Gras ein Bett aus Metall, der Körper tot und das Gänseblümchen eine scharfe Glasscherbe ist.

Wann habe ich beschlossen wegzulaufen? Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern. Es kam so unerwartet wie der Frühlingseinbruch nach einem langen Winter. Der Gedanke wurde immer stärker wie die Sonne im April, durchbrach die Stürme deines Geschreis. Durchdrang den dunklen Nebel meiner Verlassenheit und Isolation.

Jenen letzten Moment, als es dann so weit war, werde ich niemals vergessen. Du sagtest, dass du spazieren gehst. Du machst jeden Tag einen langen Spaziergang und verschwindest stundenlang. Keiner weiß, wo du bist, und es scheint auch keinen zu interessieren.

Du legst dein Make-up auf, knallgrünen Lidschatten, etwas Rot auf die Lippen, und bindest dir dein weißes Kopftuch um, bevor du Stufe um Stufe die Treppe hinuntergehst, deine klappernden High Heels erzeugen einen hypnotischen Rhythmus. Sobald das Klappern verklungen ist, stürze ich auf den Balkon; ich sehe dich auf der Straße, mit deiner berühmten blauen Jacke, deinen Lieblingsstrümpfen, deiner weißen Handtasche. Mir liegt der Geruch meiner verbrannten Erinnerungen in der Nase, in der Tonne ruht noch ihre Asche. Du gehst mit gleichmäßigen Schritten die Straße entlang, bis du nicht mehr zu sehen bist. Meine Sonne scheint. Ich gehe.

Meine Bücher sind entbehrlich. Ich behalte nur mein Lieblingsbuch. Kleidung besitze ich nicht viel; ich nehme nur die mit, die nicht mit Blut oder Erinnerungen besudelt ist. Die Tasche, die einmal meine Schultasche war, füllt sich rasch mit meinen Sachen. In meiner Hosentasche ist Geld. Meine Schuhe warten an der Tür auf mich.

Ich werfe einen letzten Blick auf mein Zimmer, das schmale Bett, die blaue Matratze, die hölzernen Fenstergitter, meine Bücherregale, die zum Teil kaputt sind. Das kleine weiße Sofa und den kleinen Kamin. Ich verabschiede mich davon, ich werde das alles nie wiedersehen.

Nachdem ich die Haustür hinter mir geschlossen habe, erlaube ich mir einen Abschiedsscherz, ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und breche ihn ab. Ich lächle boshaft.

Zehn Jahre sind vergangen, seitdem ich dich zuletzt gesehen habe, Mutter. Ich habe dich auf Schritt und Tritt gemieden; meine Flucht scheint niemals zu enden. Wie kann man seiner eigenen DNA entkommen? Wie kann man zurückblicken, sich denken: Scheiß drauf, und weitermachen?

Auf der obersten von drei Stufen, die zu einem kleinen Restaurant in Damaskus führen, sah ich dich an einem Vorfrühlingstag Ende der Zweitausenderjahre wieder. Ich fragte mich, ob du zu mir herunterkommen würdest oder ob ich zu dir hinaufgehen sollte. Mit den hellwachen Sinnen einer Straßenkatze scannte ich unwillkürlich meine Umgebung nach einem möglichen Fluchtweg.

Als du mich umarmtest, erschauderte ich. Du stelltest mir Fragen über mich, über meine Reisen um die Welt. Du lächeltest, lachtest, wirktest ruhig und ausgeglichen. Mir war klaustrophobisch zumute, und ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Du klagtest über deine Einsamkeit. Ganz allein würdest du in deinem alten Haus sitzen, nachdem du alle um dich herum vertrieben hattest. Müsstest dich ohne Hilfe in einem Krieg durchschlagen, den du nicht verstehst. Ich weiß nicht, was mich mehr ärgerte: dass du zu denken schienst, du seist immer noch mein Problem, oder dass du anscheinend vergessen hattest, wie oft du mich vernachlässigt und mir eine Ohrfeige gegeben hast, wenn ich nach Abendessen fragte. Ich spürte, wie mein Körper von einem leichten Zittern erfasst wurde, ich hörte es wie ein Raunen, als würde ein Kind in meinem Ohr flüstern. Meine Knie wurden weich, als wäre ich immer noch ein kleiner Junge, der nach deiner Aufmerksamkeit schreit, nach deiner Anerkennung lechzt, sich hinter Mülltonnen versteckt.

Nach einer Stunde verabschiedete ich mich von dir, und du fragtest mich, wohin ich als Nächstes reisen würde. Ich antwortete aufrichtig: »Ich weiß es nicht.«

Hat sie geschrien?, frage ich mich. Die Geschichte, die ich meinem Geliebten erzähle, klingt schwach, unausgegoren. Meine Fantasie wandert durch Raum und Zeit; ich stelle mir vor, wie Evelyn vom Empire State Building fällt. Doch sie fällt gar nicht, sondern entspannt ihren Körper und lässt sich vom Wind tragen, schließt die Augen und schwebt ihrem nächsten Leben entgegen. Hat sie geschrien? Ich bezweifle es. Aber es muss eine Schrecksekunde gegeben haben. Jenen Moment der Unsicherheit, bevor sie den sicheren Tod akzeptierte, einen Augenblick, in dem die Welt alle Logik verlor und Evelyn wie eine ausgepresste Zitrone bittere, hässliche Laute ausstieß, bevor sie ruhig wurde und sich vom Wind sanft tragen ließ. Erst da hörte der Schmerz auf, hörte das Herz auf zu pumpen und kam der Tod, schnell, einladend und endgültig.

Zwanzig Jahre lang verbrachte meine Mutter in einem Zustand wie in den ersten Momenten des schönsten Selbstmords, versuchte verzweifelt, die Folgen ihrer Entscheidungen zu korrigieren, schrie, stieß die Fäuste in die Luft, wütend auf die Welt. Nun, da sie ihr unabänderliches Schicksal akzeptiert hat, klammert sie sich an die Erinnerung einer Eleganz, die sie nie besaß; sie macht sich zurecht, damit ihr letztes Porträt das zeigt, was sie als ihr wahres Ich betrachtet: Perlen um den Hals, perfekte Frisur, abgestreifte High Heels und das Lächeln der Akzeptanz im Gesicht. Aber ich werde dich nicht auf deinem Sinkflug begleiten, Mutter. Wir sehen uns an der Limousine.

»Ich bin traurig«, sagst du, als ich die Geschichte beende. Die Luft ist wieder erfüllt von Geräuschen; endlich ist der neue Morgen angebrochen. Ich habe es ein weiteres Mal geschafft, dich eine Nacht lang am Leben zu halten; nun kann ich in Frieden schlafen. Schahrasad braucht ihren Schönheitsschlaf.

»Tut mir leid, dass ich dich traurig gemacht habe«, antworte ich und drücke einen Knopf, um die Vorhänge zu schließen. Sie gehen langsam zu wie in einem alten Theater nach einer gelungenen Aufführung.

»Diese Geschichte handelt von deiner Mutter, nicht wahr?« Es ist eine Feststellung, keine Frage; du erwartest keine Antwort und drehst mir den Rücken zu. Auf deinem Rücken sehe ich das kleine Vogel-Tattoo.

Ich lächle und ziehe die Decke zu mir. »Du alter Deckenwegzieher«, sage ich, »lässt mich frieren.«

Während ich meinen Körper auf den kleinen Tod einstimme und die letzten wachen Momente des Tages genieße, bevor ich mich von dieser Welt verabschiede und in die Welt der Träume eintauche, singe ich dem Tod, der immer noch an der Tür steht, ein leises Lied. Er lächelt mir zu; unter seinem Umhang erkenne ich ihr Gesicht. Sie blickt mich an, mal schuldbewusst, mal vorwurfsvoll, weil ich sie damals in Damaskus verlassen habe, um mit dir um die Welt zu reisen.

»Mach mir ein bisschen Platz«, sagt der Tod, als er langsam in das Zimmer vordringt. Ich höre ihn, aber du nicht. Ich sehe, wie er auf unser Bett zukommt, während du blind für seine Anwesenheit bist. Manchmal ahmt er deine Bewegungen nach, macht sich über dich lustig, während du ihm direkt in die Augen siehst, ohne ihn wahrzunehmen. Er lächelt mich an wie ein alter Freund; er ist mein ganz persönlicher Folterknecht. Er ist meine ständige Erinnerung daran, dass du bald fort sein wirst. Ich heiße ihn in unserem Bett willkommen. Wie jede Nacht, seit ich zurückdenken kann, gesellt er sich zu uns, schläft zwischen dir und mir.

Die Geschichte des Geliebten, der sich für einen Abenteurer hielt

»Mir bleibt nicht mehr viel Zeit«, sagst du; in deiner Stimme liegt ein gewisser Nachdruck. »Schon gut. Du hast dein Bestes getan. Wir wissen alle, dass wir einmal sterben müssen.«

Ich starre dich verständnislos an, während ich in einer kleinen weißen Schüssel Eier verquirle und zusehe, wie sich Eiweiß und Dotter mischen. Ich gebe immer einen oder zwei Teelöffel Mehl in mein Omelett, damit es schön locker wird. Weiches Sonnenlicht fällt durchs Fenster, die angenehm wärmende Spätsommersonne von Vancouver. Der Wasserkessel blubbert auf dem Herd, und ich habe bereits zwei Teebeutel in die schwarz-weißen Becher mit Hundemotiven gelegt.

»Ach, ich habe vergessen, die Eier zu salzen«, antworte ich. Solche Gespräche über den bevorstehenden Tod und Untergang beleben dich; sie geben dir das Gefühl, ein Ziel zu haben. Ich biege bei meiner Reise in den Tod auf die Zielgerade ein, denkst du wahrscheinlich. Da kann ich mich unterwegs ebenso gut amüsieren.

Nur selten unterbrichst du unsere stumme Routine, und wenn doch, dann nur, um eine deiner düsteren Bemerkungen zu machen. Du warst schon immer ein Meister darin, deine Gedanken für dich zu behalten. Du schützt sie eifersüchtig, wie das Drachenweibchen, das seine Eier vor dem hungrigen Sindbad verteidigt. Du baust Mauern aus einsilbigen Antworten, wehrst mit Kopfschütteln und bösen Blicken ab und überlässt mir die Interpretation.

Bin ich in dich verliebt oder in das Abenteuer, dich zu entdecken? Bin ich süchtig nach dem emotionalen Puzzle, das mein Herz zusammenfügen muss? Habe ich die fehlenden Teile mit zutreffenden Darstellungen von dir ausgefüllt, oder habe ich sie in den Farben meiner eigenen Leinwand gemalt? Ich schätze, ich werde keine Zeit mehr haben, es herauszufinden. Ich bin verärgert, und du merkst es. »Scheiße«, sagst du, »du hast deinen Sinn für Humor verloren.« Du warst immer der Komiker von uns beiden.

»Nein. Ich mag nur keine Gespräche über den Tod, während ich Frühstück mache«, entgegne ich und deute mit dem Löffel hinter meinen Rücken, wo unser ständiger Gast in seinem schwarzen Umhang am Tisch sitzt und wie ein Kind mit der Gabel wedelt, während er auf seinen Anteil vom Toast wartet.

Je älter du wurdest, desto kürzer wurden unsere Unterhaltungen. Früher redeten wir über Götter und Könige, Lieder und die Schönheit des Frühlings, jetzt über das Frühstück und den nahenden Tod. Mit zunehmendem Alter wurde dir dein emotionales Chaos zu viel, als wärst du ein Glas, das bis zum Rand mit vergiftetem Wasser gefüllt ist; jetzt läuft es über und ergießt sich auf deine Zunge, und du bespuckst mich damit, wann immer es dich zerfrisst.

Du warst nicht immer so verschlossen. Du warst das Glück deiner Familie, der jüngste von deinen Brüdern, das Nesthäkchen. Alle standen dir zur Seite, schenkten dir Liebe und Aufmerksamkeit. Dein Vater bat deine Brüder, ihre Süßigkeiten mit dir zu teilen, und deine Mutter gab dir das letzte Stück Kuchen. Manchmal frage ich mich, warum du mit mir fast nie so redest wie mit deinen Geschwistern; bin ich eine Enttäuschung für dich? Könnte ich dir einen solchen Kuchen backen wie deine Mutter? Habe ich dir jemals im gleichen Maß wie deine Familie das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein?

»Das riecht gut«, sagst du von deiner Tischseite aus, und ich weiß genau, dass du lügst; du hast vor drei Jahren deinen Geruchssinn verloren. »Damals bei der syrischen Armee gab es kaum jemals frisch gekochte Eier. Wir hatten oft wochen- oder monatelang keine Eier. Habe ich dir von dem Offizier erzählt, der einem Eierdiebstahl in meiner Einheit nachging?« Ich lächle; ich drehe dir den Rücken zu, aber du weißt, dass ich lächle.

»Ach, jetzt kommst du wieder mit deinen Geschichten«, sage ich. »Ja, ich erinnere mich sogar an die Pointe: Wir bei der syrisch-arabischen Armee kalkulieren alles mit ein, Kameraden.« Ich imitiere eine tiefere Stimme. »Wenn ihr mehr als ein Ei pro Tag esst, scheißt ihr das zweite bloß aus.« Wir lachen, und du fängst zu husten an; ich sehe nach, ob mit dir alles in Ordnung ist, dann widme ich mich wieder den Eiern.

»Am schlimmsten war es, wenn der Offizier an unserem Posten auftauchte«, sagst du, den Faden wiederaufnehmend. »Wir waren an der syrisch-jordanischen Grenze stationiert und bekamen häufig Besuch von hochrangigen Offizieren. Angeblich wollten sie Jagd auf Schmuggler machen, aber tatsächlich jagten sie mit ihren Sturmgewehren Kaninchen. Einmal saß ich in Unterwäsche in dem beheizten Bunker und kochte Tee, als der Offizier durch die Tür trat.«

»Das klingt wie der Anfang eines klassischen Militärpornos«, werfe ich ein.

»Du kannst mich mal. Der Kerl war achtundsechzig, potthässlich und fett; ich war neunzehn.«

»Wow. Du bleibst definitiv deinem Beuteschema treu«, sage ich. Es dauert eine Sekunde, bis der Groschen fällt. Du stehst auf und gehst, dich an einer Stuhllehne abstützend, langsam zu mir herüber, und während ich bis zu den Ellbogen in Rührei, Olivenöl und labneh stecke, schlingst du die Arme um mich und drückst mir einen Kuss auf den Rücken. »Für mich wirst du immer jung sein«, sagst du.

Du spielst mit meinen Gefühlen. Mit einem beiläufigen Satz stürzt du mich in deine Dunkelheit, um mich dann mit einer Geste in dein sonniges Licht zu ziehen. Ich folge dir wie ein Idiot. Ich bin deiner rätselhaften Liebe hoffnungslos ausgeliefert. Die Tatsache, dass ich dein erster Liebhaber war, bleibt ein Warnzeichen, das rot in meinem Hinterkopf leuchtet – selbst nach den vielen gemeinsamen Jahren. Ich mache mir Sorgen, dass ich zu prägend für dich bin. Ich mache mir Sorgen, dass ich dein Schicksal, jemand anderen kennenzulernen, verhindere.

Habe ich dich im Stich gelassen? Hätte ich mich mehr anstrengen müssen, dich glücklicher zu machen? Hätte ich dir meine komplexe Geschichte und meine Bürden ersparen sollen? Vielleicht hätte dich dann jemand anderer so glücklich gemacht, wie ich es nicht konnte. Vielleicht würdest du dann nicht sterben, mitten in unserem Gespräch wegsacken.

»Du musst mir keine Blumen bringen«, sagst du beim Abendessen. »Ans Grab, meine ich.« Das dämmrige Licht des Sonnenuntergangs trotzt der Dunkelheit im Haus, sickert durch den Vorhangspalt herein. Im Radio läuft ein alter Jazz-Song. Ich gebe arabische Gewürze zu dem chinesischen Essen, das noch von gestern übrig ist, und wärme es auf.

»Sind wir wieder bei diesem Thema?«, sage ich müde, ich sehne mich nach Ruhe und versuche einfach nur, friedlich zu essen; ich bin nicht in Stimmung für eine erneute Diskussion. Der Tod verlässt den Tisch, um Anrufe bei seinen Agenten in aller Welt zu erledigen. »Wie oft müssen wir dieses Gespräch denn noch führen?«, sage ich nicht zum ersten Mal. Du betrachtest mich schweigend, während meine Miene von Emotionen verzerrt wird. Ich halte meine Zunge einen Augenblick im Zaum, doch dann entschlüpft mir doch ein letzter Satz: »Manchmal hat es keinen Sinn, mit dir zu reden.«

Nachts offenbarst du deine wahren Farben. Du legst dein Lächeln ab wie einen nassen Regenmantel. Deine Fröhlichkeit vom Morgen ist nur schöner Schein, wie eine Falschmünze. Du verlierst dich in Gedanken an dein finsteres Schicksal, liegst hilflos im Bett, wartest auf den Schlaf, der niemals kommt. Du fängst an, den Moment kurz vor Sonnenuntergang zu fürchten, wenn dir bewusst wird, dass eine weitere schlaflose Nacht vor dir liegt. Eine weitere Nacht, in der Pillen und Tränke nutzlos sind. Ich sehe, wie du dich einem Vampir gleich in eine finstere Kreatur verwandelst, die nach Aufmerksamkeit und Streit giert. Deine Stimmung sinkt, wird schwarz wie die Nacht, so wie die Sonne, wenn sie am Horizont versinkt, von einem warmen, verwischten Orange in ein düsteres Blau übergeht.

Je nachdem, wie der Abend läuft, setzen wir uns um diese Tageszeit zusammen und bemitleiden uns gegenseitig, oder ich erzähle dir eine Geschichte, die die Bestie in dir zum Schweigen bringt, sodass du dich problemlos in dein warmes, einladendes Bett bringen lässt, wo dich eine weitere Geschichte ins selige Land der Träume schickt. Diese glorreichen Nächte jedoch sind gezählt.

Nach ausgedehntem Schmollen meinerseits, das du mit ebensolcher Bitterkeit erwiderst, beschließe ich, einen Testballon loszulassen, um abzuschätzen, wie sich der Abend entwickeln wird. »Wenn wir uns streiten«, flüstere ich von der anderen Seite des Tischs, »habe ich das Gefühl, mein Leben ist ein Bild, das ein bisschen schief an einer weißen Wand hängt. Ich kann es eine Weile ignorieren. Aber irgendwann geht es nicht mehr, dann stehe ich von meinem bequemen Sessel auf und rücke es gerade.« Ich halte ein Glas Whisky in der Hand, das ich mir kurz zuvor mit dramatischer Geste eingeschenkt habe. Ist das die Andeutung eines Lächelns auf deinen Lippen? Wirst du heute Nacht friedlich und traumlos schlafen? Ich mache weiter. »Du bist mein wertvollstes Gemälde, mein Rebell gegen rechte Winkel und gerade Linien. Ich ertrage es nicht, dass diese Wut zwischen uns herrscht.«

Ich sage es dir nicht, aber auch wenn der Auslöser unseres Streits war, dass du bei jeder Mahlzeit vom Sterben anfangen musst, was mir zunehmend lästig wird, gibt es noch einen weiteren Grund, warum ich immer mit dir ins Reine kommen möchte: Auch ich merke ja, wie der Tod unsere Zukunft in Beschlag nimmt, während er sich hier im Haus nützlich macht. Was ist, wenn ich im Streit mit dir einschlafe und am Morgen ohne dich aufwache? Weil jeder Moment mit dir unser letzter sein könnte, muss jeder Moment ein großes Finale sein.

»Habe ich dir schon mal erzählt, wie ich mich als Kind verlaufen habe?«, fragst du über den Tisch hinweg. Ich schmunzle; ja, hast du. »Nein, hast du nicht. Wie ist es dazu gekommen?«

»Ich weiß, warum mir das ausgerechnet jetzt wieder eingefallen ist«, antwortest du lächelnd. Deine Augen strahlen bei der Erinnerung an deine Kindheit. »Es lag an all dem Gerede über Gräber.«

Du sagst es, als wärst nicht du derjenige, der dieses Thema an unseren Esstisch bringt.

Du warst elf, höchstens dreizehn, als du eines Tages in einem tranceartigen Zustand aufgewacht bist; du hattest das Bedürfnis, die Grenzen der dir bekannten Welt auszuloten. An jenem Morgen erlaubte dir dein Geist, innerhalb der geschützten Zone, der Blase, mit der dich deine Familie umgab, so weit zu wandern, wie du konntest. Du warst bis an die inneren Wände gelangt. Alles außerhalb davon erschien dir bunt und zum Greifen nah, und du wolltest die Blase platzen lassen und erkunden, was jenseits davon lag.

Anders als mir ging es dir nicht um Flucht. Du fühltest dich wohl in deinem Königreich und wolltest die Grenzen ausdehnen. Deine Familie schenkte dir die Welt. Deine Mutter, die nachts im Schlaf kicherte und davon träumte, womit sie dich verwöhnen könnte, kochte dir montags und donnerstags immer deine Lieblingsgerichte, ful bi zeit, und molokhia. Deine älteren Brüder brachten dir bei, wie man Mäuse fängt und Katzen versorgt, und wo es das beste Fleisch für das kibbeh nayeh deiner Mutter gab. Deine Tante, die mit einem entfernten Cousin verheiratet war, brachte dir Geschenke mit, wenn sie aus der saudi-arabischen Wüste zurückkehrte: Nike-Turnschuhe und Spielsachen, für die man Batterien brauchte. Von allen Kindern der Familie schenkte sie dir dieses prächtige blaue Pferd: Es begann auf Knopfdruck zu galoppieren und beendete seine Vorführung mit einem Wiehern und Schnauben. Die Welt, die dich umgab, war ein sicherer Hafen. Damaskus nahm dich mit offenen Armen auf, und du ließest dich von ihm umarmen.

Damals vollzog sich in Syrien ein Kurswechsel. Das Land blühte wirtschaftlich auf, nachdem Präsident Hafis al-Assad die angespannten Beziehungen zum Westen normalisiert und die Einladung zu einer Friedenskonferenz mit Israel angenommen hatte. In den Achtzigerjahren hatte es auf den staatlich subventionierten Märkten lange, ermüdende Schlangen gegeben, weil das Land unter den von den USA initiierten Sanktionen litt, aber jetzt verschmähten die Menschen den billigen Reis und den Zucker, von dem der staatliche Tee nicht süß wurde, und griffen zu importierten Waren. Die Fabrik deines Vaters, die Papiere für den Buchdruck und Geschenkverpackungen herstellte, war wieder profitabel. Wenn er von seinem langen Arbeitstag im Büro heimkehrte, brachte er Äpfel, Orangen und kunafa von der Zuckerbäckerei Nabil Nafiseh an der Malki-Ecke Arnous-Straße mit. Er kaufte deinem älteren Bruder sogar ein Auto, einen Mercedes Baujahr 1961, mit dem er röhrend durch die Straßen fuhr und die Mädchen in ihren Hidschabs erschreckte, wenn sie die Koranschule in Bab Sharki verließen.

Damaskus erschien sauber, prickelnd und voller Möglichkeiten. Die Menschen legten ihre sieben Jahre alten Jacken ab, die an den Ellbogen mit Flicken ausgebessert waren, sie konnten sich neue Kleider leisten. In den Läden des Suk al-Hamidiyah gab es wieder Spielsachen und reich verzierte Backgammon-Spiele.

Dein weitester Ausflug führte dich zum Markt Zanket el-Setat, zu dem dich deine Mutter mitnahm. Dort kauften die Frauen ihre Stoffe, um sich Kleider daraus zu nähen. Der Markt war eng, und durch die Tische vor den Läden wurde es noch vollgestopfter. Die Frauen schoben sich mit ihren Kindern an der Hand durch die Menschenmenge und sahen sich nach den besten Stoffen und der neuesten Hidschab- und niqab-Mode um.

Deine Mutter stieß mit einer älteren Frau zusammen, die sie gut kannte. Die alte Frau trug eine Menge Taschen; sie hatte blaue Augen und ein freundliches Lächeln. »Das ist die Schneiderin Samira«, erklärte dir deine Mutter. »Sie ist die Beste ihrer Zunft. Sie näht Kleider für die reichen Frauen von Polizei- und Regierungsbeamten.« Du hast der alten Frau hinterhergesehen und ihren Namen sofort wieder vergessen.

Die Blicke der feilschenden und ihre Waren feilbietenden Männer meidend zog deine Mutter dich in dieser überfüllten Straße in eine Ecke und betrat mit dir ein Geschäft, dessen Tür so niedrig war, dass sie den Kopf einziehen musste. Darin sahst du an den Wänden und unter einer gläsernen Tischplatte Dessous, ordentlich sortiert nach Größe und Farbe. Deine Mutter deutete auf ein Set; es glitzerte nur so vor Gold und falschen Diamanten, und sie fragte nach dem Preis, während du rot anliefst.

»Morgen wird deine Frau sich auch solche Sachen kaufen«, flüsterte dir deine Mutter spöttisch ins Ohr, ein Lächeln im Gesicht. »Sei nicht so schüchtern, Sohn. Es wird dein eheliches Recht sein. Deine Frau wird die Königin aller Bräute sein. Sie wird alles Gold der Welt für dich tragen.«

Du verließest das Geschäft in dem Gefühl, ein rechtmäßiger König auf dem Thron deiner Zukunft zu sein. Damaskus wurde zu deinem Königreich, das du weiter erforschen wolltest.

An jenem schicksalhaften Morgen hinterließ der Regen, der damals, vor der Trockenheit, noch reichlich fiel, glitzernde Pfützen auf den alten Straßen, und du wolltest in jede einzelne hineinhüpfen. Der Duft von Jasmin, der dein Elternhaus in Damaskus umgab, kitzelte deine Sinne mit süßer Verheißung. Am nahe gelegenen Abbasiden-Platz plätscherte noch ein Springbrunnen, er wurde von gelben Taxis umrundet, deren Lack durch die Sonne abplatzte, sodass ihre Metallhaut den Elementen ausgesetzt war. Der Wind trug den Duft der Apfelblüten aus Ghuta zu den Hügeln von Damaskus und erfüllte sie mit einem einladendfrischen Aroma. Das riesige Schwertdenkmal am Umayyaden-Platz im Stadtzentrum glänzte in den Regenbogenfarben unter der heißen Sonne des Spätfrühlings.

An jenem Morgen warst du besonders abenteuerlustig und wolltest auf eigene Faust etwas unternehmen, und so sagtest du zu deiner Schwester: »Wir müssen das Grab unseres Großvaters besuchen.«

Wie kamst du auf diese Idee? Du weißt es nicht mehr. Du warst noch zu jung, um das, was du tun wolltest, begründen zu können. Ich würde sagen, dein Motiv war, dass du dein Erlebnis vom Ramadan-Fest wiederholen wolltest. Beim letzten Ramadan nahm dich dein Vater frühmorgens mit zum Grab deines Großvaters auf dem Friedhof unweit eures Hauses. Die Tradition, die Toten zu besuchen und ihnen ein frohes Fest zu wünschen, ist die demütige Eröffnung eines langen Tages voller Leckereien und Geldgeschenken, gefolgt von zu vielen Süßigkeiten und rassistischen Liedern auf der Schaukel.

»Ali wird niemals sterben, denn seine Töchter sind schwarz und hässlich wie Affen.« Solche Lieder sangen wir zum Ramadan-Fest, in einer Zeit, als es in Syrien noch Feste gab, und ohne Gefühl dafür, wie unangemessen diese Lieder waren.

Du gingst Hand in Hand mit deiner kleinen Schwester in die Richtung, die du für die richtige hieltest. Als ich die Geschichte zum ersten Mal hörte, wusste ich schon, dass ihr euch verlaufen würdet; du hast einen lausigen Orientierungssinn. Du gingst die überdachte Straße des Suks Medhat Bascha entlang, in deiner Nase die Düfte exotischer Gewürze aus den Läden zu beiden Seiten. Dann bogst du nach links in die Qanawat-Straße ein. Damals saßen dort alte Männer und tranken schwarzen Tee, während sie taulieh spielten; sie fluchten, wenn sie schlecht würfelten, und immer wieder zog einer an seiner geliebten arjileh. Jeder brachte seine eigene Wasserpfeife mit, stolz auf die wunderschöne Ausführung seines Exemplars. Du gingst mit deiner Schwester an ihnen vorbei, ohne zu ahnen, dass bald dort, wo diese alten Männer saßen, überall Gebrauchtwarenläden entstehen würden. Die Händler in diesen Läden feilschten den lieben langen Tag lautstark mit alten Frauen auf der Suche nach billiger Kleidung für ihre Söhne und Töchter und stritten sich über die Differenz von fünf syrischen Pfund, die verlangt wurden, aber nicht bezahlt werden wollten. Auch die Besitzer der Gebrauchtwarenläden ahnten nicht, dass bald dort, wo sie sich niedergelassen hatten, Demonstranten unterwegs sein würden, die mit grünen Fahnen gegen das syrische Regime protestierten und aus voller Kehle Freiheit forderten. Die Demonstranten wiederum ahnten nicht, dass sie von Soldaten mit Gewehren und Schwertern verdrängt werden würden, die sofort zu schießen anfingen.

Im lieblichen Licht der frühen Morgensonne seid ihr durch das Gewirr der alten Straßen von Damaskus gelaufen. Deine Schwester zitterte ein wenig, aber dir hat Kälte noch nie etwas ausgemacht. Die Kälte erfrischte dich und gab dir einen Energieschub. Du fühltest dich lebendig und allwissend, wie ein Gott auf seinem Thron. Dein Lächeln verzog sich zu einem Grinsen, als du den Eingang des alten Friedhofs erblicktest. Es war die Schwelle zu etwas Verbotenem, schwer Erreichbarem und Besonderem. Als du den ersten Schritt in den Friedhof machtest, fragtest du dich kurz, ob jemand dich und deine Schwester darauf ansprechen würde, was ihr hier zu suchen hattet. Ob jemand zu euch sagen würde: »Jetzt ist doch noch nicht das Ramadan-Fest, mein Sohn«, und euch zurück zu euren Eltern schicken würde.

Niemand hielt euch auf, als ihr den Friedhof betratet.

Morgens verlieren solche Orte ihren Schrecken; sie werden zu einem Hort der Ruhe und des Friedens, wo die Geräusche vorbeifahrender Autos gedämpft klingen. Du gingst auf der rechten Seite an den Gräbern vorbei und sprachst bei jedem einzelnen den islamischen Gruß, wie es dich dein Vater gelehrt hat. In die Grabsteine waren Verse aus dem Koran und die Namen der Verstorbenen eingraviert. Die Grabsteine in Damaskus sind immer sehr formell: Auf ihnen steht der Vor- und Nachname des Verstorbenen, der Name seines Vaters und das Sterbedatum, gefolgt von Gebeten. Es wirkt unpersönlich und einsam.

Aber dann kommt Eid, das Fest des Fastenbrechens, und die Menschen strömen auf die Friedhöfe. Sie bringen Blumen und Myrte und versammeln sich um die Gräber ihrer Lieben. Sie erzählen den Toten Geschichten und das Neueste von ihren Angehörigen, beten für sie und lesen ihnen Passagen aus dem Koran vor. Väter erzählen ihren Söhnen übertriebene Geschichten von ihren toten Großvätern, um ihren Kindern eine glorreiche Vergangenheit mitzugeben.

»Mein Großvater hatte vier Ehefrauen«, sagte dein Vater bei deinem ersten Besuch auf dem Friedhof, und du standst am Grab und hörtest ihm aufmerksam zu. »Er besaß ein kleines Stück Land am Rand von Ghuta, bei Maschrou Dummar. Dort baute er ein Haus mit Garten. Er pflanzte zwei Bäume von jeder Frucht, die er mochte, damit sie sich vermehren konnten.«

»Er nannte es Noahs Garten«, meinte dein Vater schmunzelnd; von fern drang das Gebet einer weinenden Frau zu euch.

Die Ehefrauen deines Urgroßvaters pflegten sich im Garten zu versammeln, wo ihr Ehemann einen Pool gebaut hatte. Sie schätzten einander, versicherte dir dein Vater, standen sich nahe wie Schwestern. »Sie schwammen im Pool, alle vier um meinen Großvater herum, und brachten ihm Kirschen, Äpfel und Feigen, während er im kühlen Wasser lag, um der Augusthitze zu entkommen.« Nicht einmal beim Schwimmen habe sein Großvater die weiße Kopfbedeckung abgenommen, behauptete dein Vater, vermutlich um seine beginnende Glatze zu verdecken.

Zu spät merktest du, dass du dich, während du in der Erinnerung an die Geschichten deines Vaters schwelgtest und ziellos umhergingst, im Friedhof verlaufen hattest. Angst kroch in deinen Blick, und du packtest die Hand deiner Schwester fester. Auf einmal gerietest du in Panik. Du begriffst, dass du dir einen zu großen Bissen von der Welt genehmigt hattest und daran zu ersticken drohtest.

Beim Anblick deiner Tränen fing deine Schwester an zu weinen. Du liefst kreuz und quer, um den Ausgang zu finden. Anstatt deine Schwester zu trösten, hieltest du nach jemandem Ausschau, der sich um sie kümmern sollte. Du wusstest nicht, was du mit ihr machen solltest, und wünschtest dir deine Mutter herbei, die deine Schwester immer auf den Schoß nahm und wiegte, bis sie sich beruhigte. Inzwischen heulte deine Schwester lauthals. Es war auf dem ganzen Friedhof zu hören. Hoch ragten die Grabsteine über euch auf. Sie kamen dir vor wie Türme, die dir die Sicht auf mögliche Retter versperrten, während sie für deine Schwester Monster waren, die sie verschlingen wollten. Diese Vorstellung ließ sie hysterisch aufschreien.

Plötzlich tauchte ein alter Mann hinter einem der Grabsteine auf; er trug ein weißes Hemd und eine kleine weiße Kappe. Du gingst auf ihn zu, und etwas Vertrautes an seinem langen Gesicht, seinem buschigen weißen Schnurrbart und seiner schwarz gerahmten Lesebrille gab dir ein tröstliches Gefühl der Sicherheit in seiner Nähe.

»Onkel, bitte sag mir, wo ist al-Buzuriyeh?«, fragtest du ihn, und er lächelte.

»Das ist weit von hier. Sehr weit.«

Eure kleinen Herzen rutschten euch in die Kniekehlen, aber während deine Schwester wieder laut aufschluchzte, bliebst du ruhig, wenn auch nur äußerlich. »Wir wollen zur Schule, Onkel, bitte bring uns zur Schule.«

Der Mann wandte sich zum Gehen und winkte euch, ihm zu folgen; er bewegte sich ohne Hast zwischen den Grabsteinen hindurch, berührte dabei jeden einzelnen und sagte as-salaam alaikum. Er sprach mit ihnen wie mit alten Freunden, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Ihr beide folgtet ihm vertrauensvoll. Wenige Augenblicke später wart ihr am Friedhofstor angelangt. »Geht diese Straße runter«, sagte er, mit seinem zitternden, knochigen Finger deutend, »dann kennt ihr euch wieder aus.«

Ihr würdet zu spät zum Unterricht kommen, deshalb seid ihr gelaufen, aber du blicktest dich noch einmal um, und da war der Mann verschwunden.

»Ich vermisse Damaskus«, sagst du, und ich spüre deinen Stimmungswandel; wieder einmal verliere ich dich an die Dunkelheit. Der Tod hat sich erneut zu uns gesellt, während wir im Haus unserer Abendroutine nachgehen. Er hilft uns, das Licht zu löschen und uns zu vergewissern, dass wir den Herd auch ausgeschaltet haben. Bei unserem frühabendlichen Tanz unterhalten wir uns weiter. Ich rücke den gelben Teppich gerade, und du bläst die Windlichter in der Sitzecke aus. Ich kontrolliere die Küche, während du im Badezimmer deine Medikamente einnimmst. Die Hunde, ebenso alt wie wir, heften sich erst an unsere Fersen, dann verziehen sie sich in eine Ecke, rollen sich zusammen und schlafen.

»Du vermisst dein Damaskus; ich sage dir schon seit Jahren, dass es nicht mehr existiert.« Dasselbe Gespräch haben wir bereits vor drei Wochen geführt. »Das Damaskus, das du kennst, in dem Großväter durch Geschichten wieder lebendig werden, wo auf den Balkonen wunderschöner rothaariger Frauen Jasmin wächst und wo wir uns kennengelernt haben, ist vom Krieg verschlungen worden.«

Ich trete durch die Tür und sehe dich traurig im Flur stehen. Mir wird klar, dass ich dich noch tiefer in den Abgrund deiner Erinnerungen gestoßen habe. »Du wirst es lebendig erhalten«, sage ich, während ich dich an mich drücke, um dich wieder zu mir zu holen. »Wir werden es gemeinsam lebendig erhalten.«

Der Tod steht in der Ecke und grinst uns zu, bevor er die Ohren der schlafenden Hunde inspiziert. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen.

Als du dich ins Bett legst, machst du nicht sofort das Licht aus, sondern genießt erst die kühlen Laken, dann drehst du dich zu mir. »Bringst du mir Blumen?« fragst du. »Ans Grab?«

»Nein, ich bringe dir meine Geschichten«, antworte ich, und du schmiegst deinen Kopf an meine Schulter. Bevor du mich darum bittest, beginne ich zu erzählen. Du weißt wie der Sultan, dass mir dein Wunsch nach Unterhaltung Befehl ist. »Es war einmal ein Mann, der sein geliebtes Land verließ und in die Ferne ging, und bei seiner Rückkehr hatte sich alles verändert.«

»Im Namen Allahs des Barmherzigen! Eins! Zwei! Drei! Vier! Fünf! Er schlief noch halb, als sie seine Tür aufbrachen und in sein Zimmer stürmten. Vom Bett aus sah er zu, wie sie seine Wohnung durchsuchten; er glaubte wahrhaftig zu träumen. Sie ignorierten ihn, wie er aufrecht im Bett saß, sich mit den Fingernägeln am Kopf kratzte und zu verstehen versuchte, was um ihn herum vorging. Er wehrte sich nicht, als sie ihn packten und durch die Tür zerrten. Er sah, wie sie die Treppe zum Dachgeschoss seines kleinen Hauses hinaufstiegen. Dort oben hatte er seine Leinwände, in einem kleinen Raum, den er in ein Atelier umgewandelt hatte. Hinter zugezogenen schwarzen Vorhängen arbeitete er hier bis in die Morgenstunden. Er verstand, dass dies kein Traum war, als er registrierte, dass einer von ihnen ein Gemälde in Blautönen unter dem Arm davontrug, während sich vom Achselschweiß die Farben vermischten, was dem unfertigen Werk eine ganz eigene Note verlieh.

Als er in den Kofferraum eines Autos gestoßen wurde, vor den Augen wehklagender Frauen mit Kopftüchern auf den Balkonen, war die Morgensonne noch sanft, aber ihre Strahlen kündeten bereits von einem langen, heißen Tag.

Sechs! Sieben! Acht! Neun!

Sie brachten ihn zur Polizeiwache, aber er wusste nicht, weshalb er verhaftet worden war. Da er seine Bilder niemandem zeigte, mussten sie aus einem anderen Grund zu ihm nach Hause gekommen sein. Er versuchte herauszufinden, was sie von ihm wollten und warum sie so wütend waren; welchen Fehler er begangen hatte; irgendeinen Fehler musste er ja gemacht haben. Nervös rief er sich die Ereignisse der vergangenen Woche ins Gedächtnis, aber es war nichts Besonderes vorgefallen. Vielleicht hatte er unabsichtlich ein Mitglied der Königsfamilie beleidigt; vielleicht hatte er einen von ihnen mit dem Auto geschnitten. Er zermarterte sich das Hirn, doch vergeblich. Ich hab ja gewusst, dass mir dieses Auto irgendwann zum Verhängnis werden wird, dachte er. Obwohl seine Fahrkünste erbärmlich waren, sprang er manchmal einfach in sein Auto und raste mit Vollgas los. So lebte er seinen Fluchtinstinkt aus, er hatte dann das Gefühl totaler Selbstbestimmung über sein Leben und vielleicht auch über seinen Tod.

Als der Ermittlungsbeamte in den Raum kam, in der Hand eines seiner Gemälde, wusste er, dass der eigentliche Grund für seine Verhaftung inzwischen keine Rolle mehr spielte.

Zehn! Elf! Zwölf!

Er konnte nicht ahnen, dass sich die Männer nach seiner Inhaftierung eingehend über seine Bilder und die nackte Frau, die darauf in den merkwürdigsten Posen dargestellt war, unterhalten hatten, nicht ohne Allah dafür um Gnade anzurufen.

Um die Identität seiner Musen zu schützen, hütete er sich vor einem allzu genauen Porträt. Die Männer konnten sehen, dass er die Gesichter der Frauen auf den Bildern absichtlich unkenntlich gemacht hatte. Bei den Augen war ihm dies am schwersten gefallen; sie bargen so viele Hoffnungen und Träume, Forderungen und Sehnsüchte. Wenn er die Frauen aus dem Gedächtnis malte, malte er auch ihre Gesichter und verwischte erst danach mit einem kleinen Pinsel die Augen, die Nasen und ihre markanten Gesichtszüge.

Als der für die Asservatenkammer zuständige Beamte ein oder zwei Wochen später Inventur machte, stellte er fest, dass bis auf eines alle Bilder fehlten. Verblüfft sah er noch einmal in seinen Unterlagen nach. Eigentlich sollten es siebzehn Bilder sein!

Der Beamte trat einen Schritt zurück und dachte an den Papierkram, den er nun erledigen musste, doch dann drehte er das Bild um, um es sich anzusehen.

Es zeigte den Rückenakt eines junges Mädchens, das in einem Zimmer stehend durch das hölzerne Fenstergitter nach draußen sah. Auch dieser Beamte konnte den Blick nicht abwenden; mit den Augen verschlang er ihre Kurven, die vollen Pobacken, den nackten Rücken, geschwungen wie der Korpus einer Violine.

Auf dem Rückweg in sein kleines Büro versteckte er das Bild unter seinem Hemd. Im Schutz des Büros zog er es heraus, öffnete die unterste Schreibtischschublade und legte es hinein, dann verschloss er die Schublade mit einem Schlüssel. Den Schlüssel steckte er sich in die Hosentasche, als er in die behelfsmäßige Teeküche der Asservatenkammer ging, um sich Tee zu kochen.

Dreizehn! Vierzehn! Fünfzehn! Sechzehn! Siebzehn!

Der Anwalt des Künstlers reichte ihm die Salbe unter dem Tisch, damit es der Wachmann nicht sah. Er sagte dem Künstler, dass man ihn am nächsten Tag ausweisen würde. Der Künstler verstand nicht, warum, und fragte den Anwalt, ob er seinen Job nicht behalten könne. »Sie wurden gefeuert«, erklärte der Anwalt. »Ihr Chef hat Sie gefeuert, als er von den Bildern hörte.« Der Anwalt sagte, jemand habe ihn wegen rücksichtslosen Fahrens angezeigt, aber als die Polizei die Bilder fand, beschloss man, ihn wegen unsittlichen Verhaltens festzusetzen. Ohne Job verlor er seine Arbeitserlaubnis, und man würde ihn deshalb ausweisen.

Er starrte einen Moment auf die Salbe in seiner Hand, bevor er sie in seine Unterwäsche steckte. Dann dankte er dem Anwalt und ging zu seiner Zelle zurück.

Während der paar Sekunden, die sich die Zellentür öffnete, starrten die anderen Gefangenen auf die kleinen Lichtkreise, die in den dunklen Raum drangen. Die Tür fiel zu und ließ sie ohne Licht und ohne Hoffnungsschimmer zurück, und er suchte mit geschlossenen Augen nach einem freien Platz auf dem Boden.

Müde ließ er sich zu Boden gleiten; auf seinem Rücken fühlte sich der kalte, feuchte Stein angenehm an, linderte das Brennen, das er dort spürte. Kurz stach ihm der Gestank von Kot und Erbrochenem in der Nase, der dem Eimer in der Zellenecke entwich, aber er ignorierte ihn. Nach einer Weile gewöhnte er sich daran und nahm ihn gar nicht mehr wahr.

Er spürte die schweren Atemzüge seiner vielen schlafenden Zellengenossen an seiner Stirn. Vor einer Woche, als er an diesen Ort gekommen war, hatte er seine Mitgefangenen gefürchtet. Vergewaltiger, Diebe und Mörder waren in einem Raum versammelt, und er war körperlich geschwächt. Er versuchte den Harndrang so lange wie möglich zu unterdrücken, scheute ihre Blicke, aber er wusste, dass er sich nur in dem Eimer Erleichterung verschaffen konnte. Schließlich wurde der Ruf der Natur übermächtig, und er ging langsam, jeden Blickkontakt meidend, zum Eimer, um sich zu erleichtern. Von dem Gestank, der ihm entgegenschlug, wurde ihm so übel, dass er fast auf die Knie fiel.

Mit weit aufgerissenen Augen drehte er sich zu den anderen Gefangenen um, erwartete, dass ihn ein Vergewaltiger packen oder eine Gang umbringen würde. Aber auch sie wandten die Augen ab, sahen in eine andere Richtung. Da wurde ihm klar, dass sie sich ebenso nackt fühlten wie er und dass er hier drin sicherer war als draußen, wo er den Wachen ausgeliefert war.

Er lag auf dem Rücken und konnte den Schmerz spüren. Es fühlte sich wie eine V-förmige Verbrennung an, die auf seinem Rücken vor sich hin schwelte. In seiner Vorstellung wurde sie zu einem Vogel, der ihn von diesem Ort wegtrug, zurück in sein Heimatland. Auf einmal fasste eine Hand nach seiner Brust, und er zuckte vor Schmerz zusammen, aber seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und er erkannte einen fünfzehn oder sechzehn Jahre alten Jungen. Das Gesicht des Jungen war mit getrocknetem Blut bedeckt, offenbar war seine Nase gebrochen. Der Künstler lächelte matt und rutschte näher an den Jungen heran, erlaubte ihm, noch einmal seine Brust zu berühren; der Junge ließ seinen Kopf darauf ruhen, seine Tränen strömten ohne Unterlass.

Achtzehn! Neunzehn! Zwanzig! Einundzwanzig! Zweiundzwanzig!

Er hoffte, dass Amal ihn am Flughafen erwarten würde, doch sie war nicht da. Nur Abdul-Salam, sein Freund aus der Oberschule, und Bassem, sein Bruder, holten ihn ab. Er sah ihnen in die Augen und fragte nicht nach, und sie lieferten auch keine Erklärung.

Sie brachten ihn in sein Elternhaus, wo seine Mutter ihn mit Küssen empfing. Ihre Augen waren nass vor Tränen, und ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie ihn an sich drückte. Sie lächelte ihn an und löste sich von ihm, damit er seinen Vater im Rollstuhl begrüßen konnte. Wortlos trat er zu seinem Vater und küsste als Respektsbezeugung dessen Finger. Der Vater jedoch wandte den Blick ab, bevor er Bassem aufforderte, ihn in sein Schlafzimmer zu schieben, und als er die Tür hinter sich zuschlug, klang es wie ein Pistolenschuss.

Dreiundzwanzig! Vierundzwanzig! Fünfundzwanzig!

Als der Künstler in seinem ehemaligen Zimmer aufwachte, hatte er Angst, und er sah sich um, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich in seinem Elternhaus war. Er sprang aus dem Bett, doch davon wurde ihm schwindlig. Er zog die Vorhänge zurück und ließ die Strahlen der wärmenden, sanften Sonne seines Heimatlandes ins Zimmer, und es fühlte sich an, als würde sich warmes Wasser über seinen Körper ergießen. Lächelnd kratzte er sich an der Brust. Er trat vom Fenster zurück und sah in den Spiegel, bevor er den Schlafanzug seines Bruders auszog und sich anschickte, in die Kleidung vom Vortag zu schlüpfen.

Als seine Mutter ohne anzuklopfen hereinkam, war er noch in Unterwäsche. Sie schnappte überrascht nach Luft und befahl ihm, sich nicht weiter anzukleiden. Dann verließ sie das Zimmer und kam mit einer Garnitur frischer, sauberer Wäsche zurück. Sie half ihm beim Anziehen, wie früher, als er noch ein kleiner Junge war und sich das Hemd noch nicht selbst zuknöpfen konnte.

Eine Heiterkeit erfasste ihn, wie er sie seit einer Ewigkeit nicht mehr empfunden hatte, und er zog den Kopf seiner Mutter an seine Brust und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er mit ihr hinausging.

Im Wohnzimmer waren bereits alle Familienmitglieder versammelt: sein Vater, sein Bruder und die Töchter seiner verwitweten Schwester. Er spürte ihre musternden Blicke, deshalb wandte er sich ab und griff nach dem Telefon, um die Botschaft anzurufen und sich nach seinen Sachen zu erkundigen, deren Nachsendung man ihm zugesichert hatte. Als sich niemand meldete, fiel ihm ein, dass heute einer der glorreichen nationalen Feiertage war, an dem eine Revolution vergangener Zeiten gefeiert wurde.

Sechsundzwanzig! Siebenundzwanzig! Achtundzwanzig! Neunundzwanzig! Dreißig! Daraufhin versuchte er Amal auf dem Handy zu erreichen, das er ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschickt hatte. Er hatte sie gebeten, für seine Nummer einen speziellen Klingelton einzurichten, »Kiss« von Prince. Den Text kannte er nicht genau, aber er hatte den Song einmal in einer Fernsehsendung gehört, deren Moderator den Text übersetzt hatte, sodass er um den Inhalt wusste. Er stellte sich ihr glänzend neues Telefon vor, das die Liebe seines Lebens um einen einfachen Kuss bat, immer und immer wieder.

Als sie nicht ranging, ahnte er, dass er ihre Mutter anrufen musste.

Die alte Dame hob ab, aber sie hatte keine guten Nachrichten für ihn. Amal war vor einer Weile mit ihrem Geliebten davongelaufen. Vor Schock hatte sich die alte Mutter, als es passierte, immer wieder selbst ins Gesicht geschlagen und unentwegt den Namen ihrer Tochter geschluchzt; inzwischen hatte sie sich allerdings damit abgefunden, nachdem sie die Sache siebentausend Mal mit siebentausend Nachbarinnen durchgekaut hatte. Amal habe das ganze Geld, das er ihr für die Hochzeit geschickt habe, mitgenommen und sei mit Saad weggelaufen, der gerade mal einundzwanzig Jahre alt war.

Er wünschte der Mutter alles Gute und legte auf, dann brach er in lautes Lachen aus.

Einunddreißig! Zweiunddreißig! Dreiunddreißig! Vierunddreißig!

Er öffnete seinen alten Malkasten, zog weißes Papier aus der Schreibtischschublade und befreite die Farben aus ihren kleinen Gefängnissen. Wie früher versuchte er zu den Farben zu sprechen und sich dabei vorzustellen, wie sich jede davon anmutig auf das weiße Papier legte und sich so erneut ein nackter Körper ergab, der nach Freiheit lechzte.

Nach einer Stunde gab er es auf; er hatte nur herumgekleckst und eine gesichtslose Figur produziert.

Sein Rücken machte sich wieder bemerkbar, deshalb ging er zu dem Zimmer seiner Eltern, klopfte leise an und öffnete die Tür. Durch den schmalen Spalt konnte er seinen schlafenden Vater erkennen und seine Mutter, die mit dem Rücken zu ihm auf einem Stuhl saß und mit im Schoß zusammengelegten Händen durch das hölzerne Fenstergitter starrte. Er flüsterte ihren Namen, und sie erwachte aus ihrer tiefen Versunkenheit und folgte ihm in sein Zimmer, wo er sein Hemd auszog und sie die Salbe zur Hand nahm.

Fünfunddreißig! Sechsunddreißig! Siebenunddreißig! Achtunddreißig! Neununddreißig!

Während seine Mutter behutsam die Salbe auf die brennenden Wunden auftrug, schweiften seine Gedanken unwillkürlich zu dem Augenblick, als sie ihm mitten in der Wüste das Hemd ausgezogen hatten. Zwei Männer sahen zu, wie er auf Knien um Gnade flehte, während ein Richter abseitsstand. »Für deinen Verstoß gegen die guten Sitten wirst du zu vierzig Peitschenhieben verurteilt«, sagte der Richter. »Möge Allah dir gnädig sein.«

Ein Mann mit schwarzer Maske holte mit der Peitsche aus, pries Allah den Barmherzigen und fing an zu zählen.

Vierzig!

»Hast du geschlafen?«, frage ich dich flüsternd.

…

»Bist du wach?«, hauche ich kaum hörbar.

…

»Ich liebe dich«, sage ich, ohne eine Antwort zu erwarten.

»Ich liebe dich auch.« Deine Stimme kommt aus dem Land deiner Träume.

Die Geschichte des Mannes, der bis ans Ende seiner Tage nicht mehr schlief

»Wo hast du die Donuts versteckt?«, rufst du aus der Küche.

»Keine Ahnung«, entgegne ich von meinem Schreibtisch aus, wo ich gerade einen Joint baue.

»The show must go on«, sagt der Tod mit tiefer Stimme. Er, eine Gestalt aus den griechischen Sagen, möchte mit mir kiffen. Mit geübten Fingern rolle ich den mit einem Filter stabilisierten Joint, lecke am Blättchen und klebe die Kante fest. Und fertig ist die perfekt geformte Tüte Glückseligkeit.

»Wenn ich ihn nicht unterhalte«, frage ich, »wer dann?«

Vor Jahren schon habe ich den Rauchmelder in meinem Arbeitszimmer ausgetrickst. Und so ist der Duft von Marihuana, vermischt mit dem Geruch nach alten Möbeln und Whisky, das Erste, was unseren Besuchern auffällt. Manche gehen darüber hinweg, andere fragen direkt: »Kifft ihr?«, die Augen hoffnungsvoll aufgerissen und anzüglich grinsend. Als Antwort öffne ich lächelnd meinen kleinen Beutel und baue einen Joint.

Ich hatte hier in Vancouver einen Dealer, es war der erste Kontakt, um den ich mich nach unserer Ankunft kümmerte. Ein hochgewachsener Weißer mit einem freundlichen Lächeln, der uns den Stoff mit dem Motorrad ins Haus lieferte. Wenn er seinen großen Rucksack öffnete, erfüllte der Duft von Gras das ganze Haus. Mit blumigen Worten beschrieb er seine verschiedenen Cannabis-Sorten, erklärte uns fachkundig die Wirkung jeder einzelnen, riet zu einer speziellen Sativa für die frühen Morgenstunden oder einer bestimmten Indica für das intime spätabendliche Beisammensein. »Ein Aphrodisiakum«, murmelte er bewundernd und zog eine Dose hervor, die bis zum Rand mit gut versiegelten Achtelpäckchen gefüllt war. »Das kleine Luder hat mich schon oft in Schwierigkeiten gebracht.« Wir lachten viel, und ich kaufte alles, was er empfahl.

Inzwischen beziehe ich mein Gras aus einer der großen Apotheken; ich gehe mit meinem Cannabis-Ausweis in der Tasche dorthin und hole es selbst ab. Eine junge Frau mit einem Tattoo auf der einen Gesichtshälfte bittet mich, meine Kreditkarte auf den Scanner zu legen. Sie interessiert sich nicht dafür, was ich kaufe; sie schwärmt mir nicht vor, wie sich der Genuss von Marihuana auf den Sex auswirkt.

Der Tod, der voller Ungeduld auf seine Tüte wartet, reicht mir das Feuerzeug. »Nun zünde das kleine Luder schon an!«, sagt er. Ich nehme den ersten Zug, inhaliere tief, spüre den Stoff durch meine Adern rasen und gegen die Innenseite meines Schädels knallen. Ich muss husten, und der Tod, der sich bei mir beliebt machen will, sagt eilfertig: »Salamtak – Gesundheit!« Der nächste Zug setzt meine Augen in Flammen. Mein Handy meldet sich, irgendeine alberne Werbenachricht, die ich ignoriere. Ich reiche den Joint an den Tod weiter, der ihn mit spitzen Fingern entgegennimmt. »Pass auf deine kalten Finger auf«, schmunzle ich, »nicht, dass du dich verbrennst.«

»Ich kenne mich damit aus«, sagt der Tod, als er sich den Joint schnappt und daran zieht. Ich sehe, wie der Rauch in seiner knochigen Mundhöhle verschwindet und dann für ein, zwei Sekunden seinen Brustkorb füllt, bevor er wieder ausgestoßen wird. »Natürlich habe ich selbst noch nie gekifft«, schickt er hinterher. Seine Stimme wird noch tiefer. »Aber wenn ein Mensch stoned stirbt, schmeckt seine Seele nach Heidelbeeren.«

»Ich weiß noch, dass wir damals in Damaskus Codenamen für unser Gras hatten«, sinniere ich laut. Wir nannten das Hasch ›sausan‹ – als würden wir unsere unschuldige kleine Schwester oder ein Kind meinen. »Komm rüber und bring sausan mit«, sagte ich beispielsweise zu einem Freund am Telefon, denn ich hatte Sorge, dass die Regierung mich abhörte. Wenn der Freund dann erwiderte: »Sausan ist heute zu müde, vielleicht kommen wir morgen«, erfasste mich und meine Besucher eine Welle der Enttäuschung. »Marihuana war nicht zu bekommen«, erkläre ich dem Tod, während ich wieder am Joint ziehe. Es ging das Gerücht um, dass die Hisbollah, die extremistische Gruppierung im benachbarten Libanon, den Drogenhandel in Syrien beherrschte und mit dem Verkauf von Cannabis einen Teil ihrer Aktionen finanzierte. »Der ganze gute Stoff ging in den Export«, scherze ich. Der Tod lacht.

Das Dope weckt in meinem Hirn Erinnerungen an vergangene Zeiten, es ist wie mit einem alten Lied, das ich schon unzählige Male gehört habe. Ich kann Dinge, die ich getan habe, einfach nicht ad acta legen. Und es sind vor allem die beschämenden Ereignisse, die mir im Gedächtnis bleiben. Als Junge arbeitete ich in den Ferien bei einer Touristeninformation. Die Erinnerung an den Moment, in dem ich beim unbefugten Lesen von Akten im Büro des Geschäftsführers erwischt wurde, hält sich hartnäckig. Da war ich vierzehn.

Während der syrischen Schulferien im Sommer organisieren viele Eltern Ferienjobs für ihre Kinder. Nachdem ich vom Haus meiner Mutter ausgerissen war, suchte mein Vater zwei Nächte lang in den kalten Straßen von Damaskus nach mir, bis er mich auf einer Bank im Sibki-Park fand, hungrig und umringt von streunenden Katzen mit traurigen Augen. Er gab mich in die Obhut meiner Großmutter und kam nur selten zu Besuch, bis ich alt genug für einen Ferienjob war.

Er forderte mich auf, mein bestes Hemd und meine beste Hose anzuziehen, und fuhr mit mir die zwanzig Minuten bis zur Arnous-Straße. Ich dachte, er würde mich in die Eisdiele Damer einladen, wo es das leckerste Eis gab. Ich dachte, er würde mir etwas Süßes kaufen oder sich mit mir über meine Rückkehr zu meiner Mutter unterhalten wollen. Doch er brachte mich zu einem Büro, wo er mich mit einem Freund von ihm bekannt machte und meine Dienste als Hilfskraft anbot. Ich wurde eingestellt. Ich musste Geschirr spülen und für die Besucher der Touristeninformation Kaffee und Tee kochen. Als ich eines Tages das Büro des Geschäftsführers putzte, sah ich einige Akten auf Englisch offen herumliegen.

Damals hatte ich gerade angefangen, Englisch zu lernen; russische Literatur und griechische Sagen las ich immer noch in arabischer Übersetzung. Die Sätze in den Akten ergaben für mich keinen Sinn, ich verstand nur wenige Worte, aber ich war neugierig. Ich wollte diese Sprache unbedingt beherrschen.

Plötzlich polterte Alaa herein, ein Mann von der Größe eines Elefanten und mit einem vergleichbaren Sinn für Humor. Er beschimpfte mich lautstark und schubste mich umher. Ich war ehrlich geknickt, schließlich hatte ich keine Firmengeheimnisse ausspionieren wollen. Allerdings hatte ich auch keinen Kaffee kochen wollen, aber das gehört nicht zur Sache.

Ich wurde noch am selben Tag gefeuert. Der Augenblick, in dem ich zum ersten Mal im Leben gefeuert wurde, hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Es ist albern, aber dieser schmachvolle Moment, der eigentlich am nächsten Tag hätte vergessen sein sollen, kommt mir immer mal wieder in den Sinn. Er markiert mein allererstes Versagen. Jedes Mal, wenn ich einen Neuanfang wagen will, schwappt diese Erinnerung nach oben und führt mir wieder lebhaft vor Augen, wie ich vor acht Riesen, langbeinigen Frauen mit schicken Handtaschen und Männern mit gepflegten Schnurrbärten, gedemütigt werde.

Der Tod, der meinen Gedanken lauscht, beugt sich lächelnd zu mir herüber und reicht mir den Joint, während der Rauch aus seinen Augenhöhlen wabert. Als sich unsere Finger berühren, spüre ich seine Kälte. Wenn die Seelen der Bekifften nach Heidelbeeren schmecken, sollte ein Joint, den man mit dem Tod persönlich teilt, wie der Himmel selbst munden.

»Weißt du«, sagt er, »du änderst dich nie. Ich habe bei der einen oder anderen Gelegenheit ein Stück deiner Seele mitgenommen. Tief in deinem Innern bist du immer noch ein Kind, das sich nach Anerkennung sehnt. Dein ganzes Leben lang hast du gegen dein Schicksal angekämpft; immer willst du der Stärkere sein, der Härtere. Du willst alles kontrollieren und kannst nicht loslassen. Du hältst dich selbst für fehlerhaft und alle anderen für perfekt. Und du fühlst dich nur dann nicht minderwertig, wenn du der Stärkere bist.« Der Tod hält einen Moment inne, um Luft zu holen; ich ziehe an meinem Joint. »Was du dabei anscheinend nicht kapierst: Du suchst die Fehler immer bei dir, nie bei den anderen.«

In grünliche Rauchschwaden gehüllt fährt der Tod fort: »Du bist die umgekehrte Version von Dorian Gray: Das Bild, das du von dir selbst hast, ist gefärbt von deinen Ängsten und Unsicherheiten, und das hindert dich daran, dein wahres Ich zu erkennen.« Er übernimmt wieder den Joint. »Nachts, wenn er nach deiner Geschichte eingeschlafen ist und du dich einsam fühlst und fürchtest, wo versteckst du dich dann vor deinen Ängsten?«

»Ich verstecke mich hinter dem Rauch«, sage ich, und wir fangen an zu kichern.

Ich sollte dem Tod die Wahrheit sagen. Doch letztendlich kennt er sie schon. Seit dem Tag, an dem ich aus dem Haus meiner Mutter weglief, war ich immer in Bewegung. Es heißt, dass der Mensch im Angesicht einer Gefahr entweder kämpft oder flieht. Ich habe mich für die Flucht entschieden und bin seitdem auf der Suche nach einem sicheren Ort, ohne je einen ruhigen Moment zu finden, um zu erkennen, dass ich ihn längst erreicht habe.

»Du machst alles viel zu kompliziert«, sagt der Tod. »Die Wahrheit ist ganz simpel, deine Fantasie wurde zu deinem Zufluchtsort, dem Ort, an dem du Frieden gefunden hast.« Er erklärt mir, dass es außer Kampf oder Flucht auch noch eine dritte Möglichkeit gibt. »Du kannst einfach die Pausentaste drücken«, sagt er. »Du kannst die Welt um dich herum anhalten wie einen Film auf deinem alten Videorekorder und dich in dein Refugium zurückziehen.« Das Gras spielt meiner Wahrnehmung einen Streich. Plötzlich sehe ich mich als Kind mit einem Damaszener Schwert aus Holz, wie ich gegen eine Biene kämpfe, doch mein Schatten ist ein arabischer Krieger, der ein aus Ali Babas Schatzhöhle gestohlenes Schwert hält und sich gegen den Angriff des grimmigen Riesenvogels Roch wappnet.

»Immer wenn die Welt mein Licht verdunkelt«, räsoniere ich, »fliehe ich in mein Schattenreich.«

Schweigen breitet sich im Zimmer aus. Der Tod und ich hören, wie du durchs Haus wanderst, wobei du absichtlich mein Arbeitszimmer meidest. Du weißt, dass ich heute schon meinen zweiten Joint rauche, und du magst den Geruch nicht. Dann rümpfst du immer die Nase und murmelst etwas Missbilligendes, bevor du wieder in deine eigene Gedankenwelt versinkst.

»Erzähl mir eine Geschichte«, sagt der Tod und lehnt sich im Schaukelstuhl zurück, seinem Lieblingsplatz in meinem Arbeitszimmer. »Die guten erzählst du alle ihm. Ich möchte eine andere, nur für mich.« Ich lächle.

»Vor langer Zeit«, beginne ich, »lief ich einmal total high durch die Straßen von Beirut. Es war dunkel, aber irgendwie fand ich mich zurecht.«

Sanft schaukelnd hört mir der Tod zu.

Total stoned gehst du die vertraute Straße entlang. Die Lichter der Straßenlaternen und der Autoscheinwerfer haben eine hypnotisierende Wirkung auf dich, wie kleine Sonnen erstrahlen sie in der Dunkelheit. Du kennst doch den Weg; entspann dich, deine Beine wissen, wo es langgeht, mach einfach langsam.

Drei obdachlose Frauen kampieren auf dem Bürgersteig deiner Straße. Als du vor achtzehn Monaten hierhergezogen bist, war es nur die eine auf der linken Straßenseite, die die Passanten um einen Dollar anbettelte, während sie gleichzeitig versuchte, ihr zweijähriges Kind im Auge zu behalten, das auf der belebten Straße umherlief. Auch sie sind Syrer. Man hört es an ihrem Akzent, wenn sie dich um Kleingeld bitten. Sie heben die Stimmen, als du näherkommst, wie eine Schallplatte mit Sprung wiederholen sie Segenssprüche, dass deine Mutter ewig leben möge und deine Arbeit erfolgreich und gesegnet sei. Du gehst vorbei, ihre Stimmen verebben hinter dir.

Deine Hand umklammert einen Umschlag, deine schwitzenden Finger hinterlassen auf beiden Seiten dunkle Abdrücke. In dem Umschlag stecken zwei Konzerttickets. Die Musik aus dem Laden nebenan ist zu laut; eine arabische Melodie, gespielt auf der Oud, womit die Restaurants in Beirut das gängige Orient-Klischee bedienen. Du brauchst ein Red Bull, entspann dich, verlange eines, bezahle, halte die blau-silberne Dose in der anderen Hand – das ist kompliziert! Nimm einen Schluck. Es schmeckt schal, doch die Kohlensäure kribbelt auf der Zunge.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 kasım 2024
Hacim:
312 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783944666754
Telif hakkı:
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