Kitabı oku: «Im goldenen Käfig»
Aicha Laoula
Im goldenen Käfig
Meine Befreiung von tödlichen Intrigen und Traditionen

Die Namen einiger in diesem Buch erwähnten Personen wurden aus Gründen der Persönlichkeitsrechte geändert.
Widmung
Zunächst einmal möchte ich dieses Buch mir selbst, Aicha Laoula, widmen, meiner Freiheit als Frau und als Mensch. Mit diesem Buch wollte ich an meine durch die Sklaverei zerstörte Kindheit erinnern und über meine Jugend, die einer Zwangsehe geopfert worden war.
Ich widme es meinen Kindern: den beiden, die noch leben, und den beiden, die sterben mussten, die aber in meinem Herzen weiterleben, was auch für meine zwei ungeborenen Kinder gilt. Ich widme es meinem jetzigen Ehemann, der mir treu ist und der mich liebt. Ich widme es auch meinen Schwestern und Brüdern sowie meinem geliebten Vater, der mir durch seine Liebe die Kraft zum Leben gab, und meiner Mutter, weil sie mich auf die Welt brachte.
Vor allem aber widme ich dieses Buch allen Frauen, die heute noch unterdrückt werden, den jungen Mädchen, die nach wie vor zu Zwangsehen genötigt werden. Ich widme es allen Kindern und Jugendlichen, die heute noch versklavt werden. Ich widme es allen Menschen, die aufgrund ihrer Familie oder aufgrund von Traditionen, politischen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht frei sein können. Ich widme es allen Personen, egal ob Mann oder Frau, alt oder jung, die in Frieden und Harmonie leben möchten. Ich widme dieses Buch auch dem Schutz der Tiere und der Natur. Ich widme es der Brüderlichkeit und Toleranz zwischen Nationen, Religionen, Ethnien und Kulturen. Gott möge unsere Anstrengungen segnen, eines Tages in einer Welt der Liebe und Freiheit zu leben. Amen.
Inhalt
Ankunft in der Schweiz
Bilals Ex
Die Schwangerschaft
Lesen und Schreiben
Der Frühling
Freunde
Die Geburt
Urlaub in Marokko
Die Schulden
Die Lähmung
Der Umzug
Neue Welten
Der Psychiater
In Marokko
Die Schwangerschaft und die Geburt
Der tragische Urlaub in Marokko
Der Umzug
Die Geburt
Ihr Sohn wird nicht leben
Meine Mutter in der Schweiz
Der Schwiegervater in der Schweiz
Mein Bruder Hmad
Meine Reise nach Marokko
Bei Hmad in Italien
Hussein
Mounir
Die Anzeige
Die Schwangerschaft
Einlieferung in die Psychatrie
Die Geburt
Therapie gegen die Ängste
Der schreckliche Tag
Die Rehabilitation
Meine Mutter
Der Umzug
Die Tragödie in Italien
Die Genesung von Mounir
Die lang ersehnte Freiheit
Rückkehr zur Arbeit
Invalidität
Der Führerschein
In Marokko
Schweizer Staatsbürgerschaft
Bilal erkrankt
Die Staatsbürgerschaft
Die Stunde der Wahrheit
Meine Freiheit ist nah
Mein neues Leben
In Marokko
Schwangerschaft und Trauer
Die Veröffentlichung meines ersten Buches: »Verkauft!«
Mein zweites Buch
Die grösste Prüfung vor meiner vollständigen Befreiung
Einige Worte über alte Menschen
Die Welt meiner Träume
Antworten auf die Fragen
Mein Dank
Ein Wort von Gabriel Palacios
Ein Wort von Aichas Hausarzt
Ein Wort von Dr. h. c. L. F.
Ein Wort von Moana Ingrid
Ein Wort von Aichas heutigem Ehemann
MET-Klopftherapie
Ankunft in der Schweiz
Ich war 16 Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Europa kam. Mein Mann Bilal und ich waren vom Flughafen in Marrakesch nach Genf geflogen, wo wir zwischenlandeten, um anschließend nach Zürich weiterzufliegen. Das Herz schlug mir bis zum Hals, meine Gefühle wechselten zwischen Freude und Angst vor all den neuen Dingen, die mich erwarteten. Meine Entdeckungsreise der neuen Welt, in die ich innerhalb weniger Stunden katapultiert wurde, begann bereits am Flughafen in Zürich. Ich war buchstäblich überwältigt von seiner Schönheit und seiner Größe und vor allem von der Tatsache, dass alles glänzte und blitzsauber war. Mein Blick wurde sofort auf ein Modellflugzeug gelenkt, das in der Mitte der Decke dieses großen Gebäudes ausgestellt war. Ich war verblüfft und fasziniert vom Anblick der Rolltreppen, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sah. Starr vor Verblüffung beobachtete ich, wie sie die Menschen nach oben und unten trug, ohne dass auch nur die geringste Anstrengung nötig war, die Stufen hinauf oder hinunterzusteigen. Es fiel mir nicht leicht, mir vorzustellen, auf diesen sich bewegenden Stufen hinaufzufahren, ich hatte Angst, zu stolpern und zu fallen. Doch ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ließ mich inmitten der Menschen von den Stufen tragen, während sich mein Mann hinter mir um den Gepäckwagen kümmerte. Ich bemerkte, dass die Menschen hier eher ruhig und leise sprachen. Auch die Art sich zu kleiden unterschied sich von der, die ich aus Marokko kannte. Die Kleidung war hier eher dunkel und es fehlte diese Lebendigkeit leuchtender Farben, die ich von uns, speziell von meinem Volk, den Berbern, kannte. Außerdem stellte ich fest, dass die meisten Frauen Hosen trugen, nicht wie bei uns, wo man in den Städten lange bunte Djellaba trug, und in den berberischen Dörfern trugen die Frauen knöchellange Röcke in leuchtenden Farben und die Männer eine Djellaba, die ebenfalls bis zum Knöchel reichte. Zum ersten Mal sah ich so viele Menschen, die meisten hatten helles Haar und ebenso helle Augen und Haut, und es kam mir vor, als hätten sie seit langer Zeit keine Sonne gesehen. Ich beobachtete diese völlig neue Welt um mich herum, während mein Gehör versuchte, diese neuartige Sprache zu verstehen, die überall um mich herum ertönte. Ich fragte Bilal, welche Sprache das sei und er sagte, es wäre Deutsch. Ab dem ersten Moment erschien mir diese Sprache recht beschwerlich. Ich fragte mich, ob ich jemals in der Lage wäre, sie zu erlernen, wo ich doch nun in diesem Land leben würde. Ich bemerkte, dass es überall sehr sauber und ordentlich war, selbst auf der Straße, und das gefiel mir gut. Alles war in perfekter Ordnung, niemand stieß mit den Ellenbogen, während die Menschen in der Bahn ordentlich ein- und ausstiegen, einer nach dem anderen. Mir war sofort bewusst, dass dieses Volk hier sehr zurückhaltend war, im Vergleich zu uns in Marokko, wo die Menschen offener und kommunikativer sind. Bei uns begannen die Leute Gespräche, ganz gleich, wo sie waren: unterwegs, während sie auf öffentliche Verkehrsmittel warteten, während des Einkaufs, immer und überall. Auch wenn man sich nicht kannte, man unterhielt sich sofort über sein Privatleben und persönliche Angelegenheiten und tauschte Erfahrungen aus und bat sein Gegenüber um Rat. Diese Art der Kommunikation ist praktisch wie das Lesen der Tageszeitung oder das Lauschen der Nachrichten im Lokalradio. Alle sind über alles und jeden informiert.
Der Zug fuhr lautlos von Zürich in Richtung Schaffhausen ab, mit einem Tsch-tsch und dem leichten Brummen der Schienen, das mir ebenfalls neu war. Vom Zug aus blickte ich auf die schöne Stadt Zürich, eingehüllt in einen Schleier von Schnee, der gerade frisch gefallen war. Auch wenn sich die Bauweise und die Architektur der Stadt von den Städten, die ich kannte, unterschieden, gefiel sie mir. Außerhalb der Stadt tat sich eine wunderschöne Landschaft auf, schneebedeckt, unter dem Bäume hervor blitzten, die auf mich wirkten, als wäre kein Leben in ihnen. Eine magische Landschaft grenzenloser Wälder, eine einzigartige Natur, ganz anders als die meines Landes, das eine Steinwüste mit trockener Erde ist, das ich aber doch so sehr für seine Wärme und die Sonne liebte, die jeden Tag schien. Gegen sechs Uhr am Abend war es bereits dunkel, als wir in der schönen Stadt Schaffhausen ankamen, die bereits um diese Uhrzeit verlassen schien. Die wenigen Passanten konnte man an einer Hand abzählen. Im Gegensatz zu unseren Städten in Marokko, in denen das Leben bis Mitternacht pulsierte! Ich stieg aus dem Zug, brrrrrr! Ich wurde von einem Schauer erfasst, der mich wie ein Igel zusammenrollen ließ. Ich trug Jeans und eine Lederjacke, die für diese eisige Kälte nicht geeignet waren. Nie zuvor im Leben hatte ich eine ähnliche Kälte verspürt, sie war stechend und schien meine Haut bis auf die Knochen zu durchdringen. Nach einer zehnminütigen Fahrt mit dem Bus kamen wir vor einem dreistöckigen Haus an. Es war alt aber in einem wunderschönen architektonischen Stil gebaut. Ich blieb stehen, um es einen Augenblick lang zu bestaunen, dieses Gebäude, das ab heute mein neues Zuhause sein sollte. Das Haus stand in der Mitte eines Gartens, umgeben von Bäumen ohne Blättern, die leblos wirkten. Ich hatte das Gefühl, dass sich sowohl die Natur als auch die Menschen und das ganze Land in einem tiefen Winterschlaf befanden, eingehüllt von Dunkelheit und in vollkommener Stille. Ein Gefühl der Nostalgie und der Beklemmung überkam mich, vielleicht hervorgerufen durch den Nebel, die Kälte und die Feuchtigkeit, die ich überhaupt nicht mochte. Gleichzeitig verspürte ich aber auch eine unheimliche Freude über meinen ersten Kontakt mit Schnee, der sich am Straßenrand türmte. Noch nie im Leben hatte ich so viel Schnee gesehen. Ich erinnerte mich an der ersten Schnee in meinem Dorf. Ich war noch sehr klein, als ich eines Morgens mit meinen Brüdern und Schwestern aus dem Haus ging und sich uns ein wunderbares und einzigartiges Schauspiel bot. Das ganze Land war weiß. Meine Geschwister und die Kinder des Dorfes verloren keine Zeit, sich mit nackten Füßen hineinzustürzen, in diese weiße und kalte Substanz, um damit zu spielen. Ich hingegen war einfach stehen geblieben, um dieses Wunder schweigend zu bestaunen. Die Kinder waren voller Euphorie und juchzten vor Freude, während sie kleine Bälle formten und den Hügel hinunterrollen ließen. Wir Kinder waren alle barfuß und trugen eine Tunika aus Wolle mit kurzen Ärmeln, ohne Hose oder gar Höschen, Dinge, die wir zu dieser Zeit nicht kannten. Ich stand einfach nur da und beobachtete die Schneebälle, die wie von Zauberhand immer größer wurden, während sie ins Tal hinab rollten. Leider war diese Freude nur von kurzer Dauer, denn der Schnee wich noch am selben Tag der Sonne und kam nie mehr zurück.
Nach einer gewissen Zeit ermunterte mich Bilal, ins Haus zu gehen. Ich nahm meine Tasche und folgte ihm in den dritten Stock. Ich war froh, mich ein wenig von der Kälte im Inneren des Hauses zu erholen, doch auch im Haus war es furchtbar kalt und feucht. Selbst das Wasser auf dem Geschirr im Spülbecken in der Küche war gefroren. Bilal hatte den Holzofen angezündet und wenige Minuten später ließen mich der Geruch des Holzes und die Wärme der Flammen ein wenig entspannen. Bilal war glücklich, mir sein Zuhause zeigen zu können: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, ein Badezimmer mit Dusche, eine Küche und ein Raum vor dem Haupteingang. Der Boden der Zimmer war mit hellbraunem Teppich bedeckt, der Rest der Fußböden hingegen mit beigem Vinyl. Die Wände des Wohnzimmers hingen voller Poster, große und kleine, Bilder von Sängern, Bilals Idole, der berühmteste darunter war Bob Marley, er war auf einem Bild mit fliegenden Zöpfen abgebildet. Die Tür des Wohnzimmers war in den verschiedensten Farben gestrichen, keine davon hatte eine präzise Form, es waren für mich unerkennbare Bilder. Eines Tages fragte ich Bilal, wer die Tür so seltsam gestrichen hatte. Seine Antwort lautete: »Das ist Kunst. Ich habe das gemalt. Es ist ein Bild, das jeder so interpretieren kann, wie er will. Es nennt sich abstrakt.« Ich betrachtete weiterhin die Tür, von rechts, dann von links. Ich legte mich auf den Boden, betrachtete sie von unten, dann mit etwas Abstand, ohne Erfolg. Ich war nicht in der Lage, dieser Malerei eine Form zu geben, die mir logisch erschien. Letztlich kam ich zu dem Entschluss, dass ich einfach zu unwissend war, um das zu verstehen, was Bilal Kunst nannte. In Marokko hatte ich noch nie davon gehört. Für mich war dies ein neues Wort in meinem Wortschatz. Kunst? Abstrakt? Was ist das? Hm … mit den Schultern zuckend ließ ich die Tür Tür sein.
Ich fand mich in einer völlig anderen Welt wieder, auch was die Auslegung bestimmter Dinge betraf, und wir sprechen dabei nicht nur von Geschmäckern und der Einrichtung oder den farblosen Farben in Bilals Zuhause. Ab dem ersten Tag stand für mich fest: Ich musste diesem Junggesellenhaushalt etwas mehr Weiblichkeit verleihen. Die Wände mussten gestrichen werden und die Fenster hatten keine Vorhänge.
Im Wohnzimmer gab es einen großen Holzkamin, der zum Flur hin offen war. Er war mit grünen Fliesen verkleidet und von einer Bank umsäumt, auf der ich gerne saß und mich von der angenehmen Wärme des Kamins umarmen ließ. Ich saß hier oft stundenlang mit geschlossenen Augen und dachte nach. Ich stellte mir vor, wie ich auf meinem Hügel in Marokko saß, wo ich das Gefühl von Freiheit und Seelenfrieden verspürte. Wo ich die Wärme der Sonne spürte und den blauen Himmel und die steinigen Ebenen beobachten konnte, soweit das Auge reichte.
Im Wohnzimmer war es warm, im Rest des Hauses dagegen kalt. Alle Möbelstücke waren braun und antik, aus den 40er Jahren, aber in einem guten Zustand. Am Boden des Wohnzimmers war eine Abbildung eines großen menschlichen Gesäßes, aus Holz geschnitzt. Jedes Mal, wenn wir Gäste empfingen, schämte ich mich dafür. Bei uns in Marokko wäre es undenkbar gewesen, eine solche Figur den Gästen zu präsentieren. Es war viel zu intim, ein Tabu. Ein gutes Beispiel für etwas, was mich stets schockierte, war, wenn ich Bilder von nackten Frauen sah, aufgehängt in den Wohnzimmern einiger Leute hier in der Schweiz, auch dies nannten sie Kunst, von der ich wirklich nichts verstand. In Marokko wäre es undenkbar, ein solches Bild aufzuhängen, es wäre ein Zeichen mangelnden Respekts gewesen, ein Skandal.
Im Schlafzimmer standen eine braune Kommode, mit einem Foto von mir darauf, und ein Bett. An der Wand über dem Bett hing ein orientalischer Teppich, dessen rote Farbe bereits verblasst war. Vom Fenster aus sah man die Bahngleise, das alte Haus wurde jedes Mal erschüttert, wenn ein Zug vorbeifuhr. Ich war glücklich, in einem Haus zu leben, in einem Haus, das ich schließlich mein Zuhause nennen konnte. Die Dinge oder die Familie, die ich während meiner ganzen Kindheit vermisst hatte. Tief im Inneren meines Herzens hoffte ich, dass ich mich in dieses neue Land integrieren könnte und dass mit Bilal alles gut werden würde.
Ich konnte es kaum erwarten, die neue Welt um mich herum bei Tageslicht zu erkunden. Als ich am nächsten Tag erwachte, lief ich ins Wohnzimmer zum Fenster, das auf die Hauptstraße blickte, die die Stadt Schaffhausen mit dem Ort Neuhausen verband. Ich richtete meinen Blick gen Himmel und erkannte, dass ich den blauen und klaren Himmel wohl in Marokko zurückgelassen hatte. Hier war der Nebel so dicht, dass man ihn hätte in Scheiben schneiden können, wie eine Schokoladentorte. Ein Nebel, der sich sowohl über die Stadt als auch die Gemüter ihrer Einwohner legte, besonders über mich, die ich den Nebel nicht leiden konnte. Andererseits rief der Schnee eine immense Freude in mir hervor.
Voller Bewunderung betrachtete ich die Schneeflocken, die vom grauen Himmel fielen und sich anschließend sanft auf den nackten Ästen der Bäume und am Boden niederließen. Die Berge von Schnee an der Seite der Straße, der Verkehr, der in ordentlichen Bahnen ohne den lärmenden Ton der Hupen vor sich hinfloss, frei von Menschen, die kreuz und quer über die Straße liefen und das eigene Leben in Gefahr brachten, wie es bei uns der Fall war. Hier gingen die Menschen geordnet und nur dort über die Straße, wo es Fußgängerkreuzungen gab und sie warteten an den Ampeln, bis sie auf grün schalteten und das Zeichen zum Gehen gaben. Zur damaligen Zeit beachteten in Marokko nicht einmal die Fahrer die roten Ampeln, geschweige denn die Fußgänger. Die Fahrer gaben Gas ohne Rücksicht auf die Fußgänger zu nehmen, während sich diese unter den Verkehr mischten. Rette sich wer kann! Heute ist die Situation allerdings auch bei uns eine andere.
Über der Straße vor dem Haus gab es eine Brücke, über die eine weitere Eisenbahnstrecke verlief. Hinter dieser Brücke stand eine Fabrik, eine Keramikfabrik, wie ich später erfuhr. Neben der Fabrik war das Schönste und Wundervollste, auf das ich in diesem Land traf. Der majestätische und prächtige Fluss, der durch die Stadt verlief und im Rheinfall endete. Ich verliebte mich vom ersten Moment an in diesen Fluss. Ich konnte es kaum erwarten, hinauszugehen, um die Stadt zu besichtigen und alles Neue zu erkunden. Nach dem Frühstück zog ich mich warm an, damit ich mit Bilal nach draußen konnte. Links neben dem Eingang des Gartens, in der Nähe der Eingangstür, bemerkte ich eine rote Rose, die sich entfaltete, und aus der stacheligen Pflanze ohne Blätter hervorstand, doch die Kälte hatte sie zu Eis verwandelt. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorüberging, hielt ich kurz inne und bewunderte sie. Welch ein Wunder! Eine völlig intakte Rose, regungslos, zum grauen Himmel gewandt, als würde sie sich Gott lobpreisend zuwenden.
Wir nahmen den Bus an der Haltestelle vor dem Haus. Bei unserer Ankunft war ich von der Schönheit Schaffhausens verzaubert, die bei Tageslicht noch deutlicher zu erkennen war, auch wenn die Sonne nicht schien. Für mich war ein Tag ohne Sonnenschein sehr ungewöhnlich. Ich verliebte mich sofort in diese Stadt. In der Altstadt war es sehr ruhig, hier fuhren weder Autos noch Motorräder. Die Fußgänger waren ruhig und niemand erhob seine Stimme, während er sprach und man hörte keine Schreie von Kindern, die auf den Straßen spielten. Ich ging umher, die Augen auf die Wände der alten Häuser gerichtet, von denen die schönsten Malereien herunterstrahlten, die, wie ich gehört hatte, die Geschichte der Stadt darstellten. Ich blieb vor den Brunnen stehen, die über die ganze Stadt verstreut waren und bewunderte die großen Statuen, die in der Mitte der Brunnen posierten. Ich beobachtete sie sehr lange und versuchte, ihre Bedeutung zu verstehen. Niemals zuvor hatte ich die Statue einer Person gesehen. Bilal forderte mich auf, etwas schneller zu gehen, aber ich war von all dem Neuen und allgemein von dem Leben dieser Stadt so fasziniert. Voller Verwunderung bemerkte ich, dass die Hunde an der Leine ausgeführt wurden, die Babys wurden in Wagen spazieren gefahren und nicht auf den Rücken gebunden, wie bei uns, vor allem auf dem Land. Ich bemerkte auch, dass die Menschen immer flott unterwegs waren, als hätten sie es ganz eilig. Ich betrachtete jedes Detail und saugte jeden Geruch auf und verarbeitete all die neuen Gefühle, die in mir geweckt wurden. Schließlich kamen wir am Supermarkt an, der völlig anders war als unsere Souk und die marokkanischen Geschäfte. Ich bestaunte die Regale, vollgestopft mit Dosen, Tütchen, Päckchen, Tuben, Töpfchen, Flaschen, kleine und große. Ich konnte weder lesen, was sich darin befand, noch wusste ich, wie ich diese neuen Gerichte kochen sollte. Es überraschte mich, dass es selbst für Hunde und Katzen eine Vielzahl leckerer Gerichte gab, ich fand die Idee wundervoll und brillant. Bei uns aßen die Katzen und Hunde die Reste, wenn sie das Glück hatten, welche zu bekommen, wenn nicht, mussten sie sich selbst etwas beschaffen, um zu überleben. Erleichtert atmete ich auf, als ich die Theken voller Gemüse und frischem Obst sah und dahinter einen Metzger, der Fleisch verkaufte, das nicht verpackt war. Ich war erleichtert, frische Lebensmittel zu sehen, von denen ich wusste, wie man sie zubereitete. Während unseres Ausflugs beobachtete ich aufmerksam die Straßen und die Wege, um sie mir einzuprägen, wenn ich einmal allein in den Supermarkt gehen würde.
Am ersten Arbeitstag von Bilal stand ich um fünf Uhr morgens auf, um ihm sein Frühstück zuzubereiten, aber er verweigerte es und erklärte mir, dass er so früh am Morgen nichts aß. »Aber ich kann dir doch wenigstens einen Tee oder einen Kaffee machen!« Er bedankte sich, verabschiedete sich und ging. Ich war enttäuscht, weil ich ihm doch eine gute Frau sein wollte, wie ich es in Marokko gesehen hatte. Jeden Morgen stand ich auf, um ihm vom Fenster aus zu winken und ihm hinterherzublicken, bis sein Roller hinter der Kurve verschwand. Oft kam einer seiner Arbeitskollegen vorbei und nahm ihn mit in seinem Transporter, um auf weit entfernte Baustellen zu fahren. Es war noch dunkel und die Straßenlaternen brannten noch. Ich schloss das Fenster und zitterte am ganzen Körper, ich rollte mich zusammen, brrrr, was für eine Kälte! Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass Bilal so früh zur Arbeit gehen musste, während ich mich noch einmal in die warmen Decken kuscheln konnte. Ich war an eine solche besondere Behandlung nicht gewöhnt, wo ich doch meine ganze Kindheit mit Arbeit verbrachte hatte, von der Morgendämmerung bis spät in die Nacht, als kleine Sklavin reicher Familien. Oft machte ich am Morgen trotz der Kälte einen kleinen Spaziergang. Die Straßen waren noch menschenleer und die wenigen Leute, die vorbeikamen, liefen schnell, eingehüllt in ihre Jacken, um sich vor der Kälte zu schützen. Am liebsten spazierte ich den Fluss entlang, der mir immer viel Freude bereitete. Ich verspürte großen Respekt für das Wasser, das bei uns auf dem Land als sehr wertvoll galt. Hier hingegen floss es, ohne dass es jemand bemerkte. Ich sehnte mich danach, ein wenig von diesem kostbaren Strom in meine Heimat zu schicken. Hätte ich ein Wunder geschehen lassen können, ich hätte es gemacht. Das Wasser hätte aus meinem Dorf ein kleines Paradies werden lassen, indem es Gras für die Tiere und eine reiche Ernte für die Menschen hätte wachsen lassen.
Nach meinen Spaziergängen kehrte ich zurück, um die Hausarbeit zu erledigen. Ich musste eine Beschäftigung finden, um nicht in Verzweiflung zu geraten, wegen all dem Nebel und der Einsamkeit. Ich musste diese große Umstellung in meinem Leben irgendwie bewältigen. Ich wusste nicht, ob ich mich glücklich oder unglücklich fühlen sollte. Es war eine ganz neue Herausforderung, die es zu meistern galt. Die Spaziergänge und die Hausarbeit machten mich körperlich müde und beschäftigten meinen Kopf. Doch nachdem ich mit dem Haushalt fertig war, machte ich ein kleines Nickerchen. Niemals zuvor in meinem Leben hatte ich so viel geschlafen oder so viel Erholung gehabt, noch hatte ich jemals so viel Ruhe und Frieden erlebt, ohne ständig herumkommandiert, zur Eile getrieben oder geschlagen zu werden, wie es mir in der Vergangenheit durch meine ehemaligen Herren und meine Schwiegermutter und meine Schwägerinnen ergangen war. Nun schien es, als wäre ich im Paradies angekommen! Ganz zu schweigen von der Fülle an Essen, das ich zur Verfügung hatte, doch leider hatte ich keinen Appetit. Ich aß wenig oder gar nichts. Manchmal vergaß ich auch einfach zu essen, da ich nicht an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt war, angesichts meiner Kindheit, in der ich von den Herrschaften nur wenig oder nichts zu essen bekommen hatte. Wenn Bilal von der Arbeit nach Hause kam, wartete ich mit dem Essen auf ihn, aber oft endete es damit, dass ich alleine aß. Er sagte, er hätte keinen Hunger, weil er im Restaurant bereits ausreichend gegessen hatte. Während er auf der Baustelle arbeitete, hatte er am Mittag Hunger, am Abend dann nicht mehr. Oft dachte ich an meine Familie, die so wenig zu essen hatte, und ich wünschte mir inbrünstig, diese Fülle mit ihnen zu teilen, doch dies war leider unmöglich. Es war absurd. Während meiner gesamten Kindheit hatte ich Hunger leiden müssen und mich danach gesehnt, zu essen, und hatte nichts, und heute, wo ich ausreichend zu essen hatte, fehlte es mir an Appetit. Trotzdem fühlte ich mich glücklich und blickte voller Hoffnung in die Zukunft. Nur unter dem Nebel und der feuchten Kälte hatte ich zu leiden. Unsere Decken und das Bett waren immer feucht und kalt. Nur ich litt unter der Kälte; Bilal spürte sie nicht einmal. Er arbeitete als Maurer auf der Baustelle und trug nichts anderes als ein T-Shirt. Wenn er auf seinem Roller von der Arbeit kam, waren sein Bart und sein lockiges Haar buchstäblich gefroren, bis hinauf zu den Augenbrauen. Es war so lustig, ihn so zu sehen.
Kurz nach meiner Ankunft in der Schweiz verlor Bilal seine Arbeit, fand aber gleich darauf eine neue Anstellung in einem Geschäft namens Coop, im Zentrum von Neuhausen, nicht weit von Zuhause entfernt. Bilal arbeitete dort als Lagerist. Bilal hatte die zwei Monate seiner Arbeitslosigkeit genutzt, um mich seinen Freunden und seiner sechsjährigen Tochter Miriam vorzustellen, und auch dazu, mir die schöne Stadt Schaffhausen zu zeigen. Bilal nahm mich mit in die Bars, wo wir seine Freunde trafen. Er war großzügig und spendierte Bier für alle. Und wenn er neue Leute kennenlernte, lud er sie zu uns nach Hause ein, um Couscous zu essen. So musste ich oft für mehrere Leute Couscous kochen. Manchmal brachte er spontan und spät abends Leute mit nach Hause und ich musste dann kochen, während ich bereits im Pyjama war und schlafen gehen wollte. Diese Verhaltensweise war typisch für unser Land, wo der Ehemann die Gäste präsentierte und die Frau zu jeder Tages- und Nachtzeit kochen musste. Bilal und ich wurden ebenfalls von seinen Freunden eingeladen, mit denen wir die Wochenenden verbrachten, um gemeinsam zu essen, zu reden und Musik zu hören.
Anfangs war ich über das Verhalten der Menschen in der Schweiz schockiert. Zum Beispiel, wenn sich Paare umarmten, sich streichelten und küssten und das vor allen anderen, an den Haltestellen, in den Bars und auf der Straße. Ein solches Verhalten wäre in meinem Land undenkbar gewesen. Zur damaligen Zeit wären die Mädchen von ihren Familien geschlagen worden, während die Jungen gezwungen worden wären, die Mädchen zu heiraten, die sie entehrt hatten. Nicht einmal verheirateten Paaren war es erlaubt, sich in der Öffentlichkeit zu küssen oder Gesten der Zärtlichkeit auszutauschen, diese waren der Privatsphäre vorbehalten und auch dort in keinem Fall vor den Augen der Kinder oder naher Verwandter.
Eine weitere Sache, die mich schockierte, war zu sehen, wie die Frauen rauchten und Alkohol tranken, oder kurze und enge Kleider mit weitem Dekolletee trugen, mit den Männern in den Bars saßen und sich unterhielten, als wenn nichts wäre. Bei uns wären Frauen, die sich so verhalten hätten, bestraft und von ihrer Familie und der Gesellschaft verstoßen worden. Sie galten als Prostituierte, die keinerlei Respekt verdient hatten. Wenn mich Bilal mit in seine Lieblingsbar nahm, trank ich immer schwarzen Tee mit Sahne oder Milch, von der ich festgestellt hatte, dass sie mir sehr gut schmeckte. Ich blieb abseits sitzen und sah schüchtern auf die Leute, deren Verhalten mich verlegen machte, aber ich zeigte meine Abneigung nicht. Ich tauschte mit den Anwesenden, die sympathisch und nett waren, einen kurzen Blick und ein Lächeln aus, dann senkte ich meinen Blick scheu und sah woanders hin, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass ihr Verhalten unangenehm für mich war. Ich konnte mich an diesen Abenden nicht erfreuen, zwischen Verlegenheit und Scham, wo ich doch in einer völlig anderen Welt aufgewachsen war, in der ein solches Verhalten hart bestraft wird. Um die Wahrheit zu sagen, ich wusste noch nicht, welcher Welt ich angehörte, ich fühlte mich weder als Teil meines Heimatlandes noch fühlte ich mich meiner neuen Heimat zugehörig. Die Bar war stets vernebelt mit einer Mischung aus Zigarettenrauch und Haschisch, die Übelkeit in mir erzeugte. Ich konnte es kaum erwarten, die Bar wieder zu verlassen. Oft ging ich hinaus und setzte mich auf eine Stufe vor dem Eingang an die frische Luft, während Bilal sich innen mit seinen Freunden vergnügte. Einmal führte mich Bilal in eine Diskothek, sie war überfüllt und halb dunkel. Die Musik war sehr laut, ließ das ganze Gebäude erzittern und betäubte jeglichen Gehörsinn. Es war das erste Mal, dass ich in der Schweiz auf eine Party ging. Ich freute mich darauf und war neugierig, doch als ich dort ankam, fand ich nicht das vor, was ich erwartet hatte. Die Menschen amüsierten sich, jeder auf seine Weise. Die Atmosphäre war für meinen Geschmack zu chaotisch. Die meisten jungen Leute waren betrunken und hatten eine Zigarette in der Hand. Wegen des Lärms musste man schreien, um von seinem Gegenüber gehört zu werden. Die Musik schien die Menschen im Geiste zu bewegen, in eine andere Welt zu entführen, in eine Welt, die so ganz anders war als das alltägliche Leben. Ich bemerkte, dass die Menschen einen leeren Blick hatten, auch wenn sie sich zu amüsieren schienen. Der Rauch vernebelte die Sicht und erschwerte das Atmen. Meine Aufmerksamkeit wurde sofort auf die runden und glänzenden Lampen gelenkt, die sich an der Decke des Lokals drehten. Sie reflektierten bunte Lichter auf die Gesichter der Gäste, um dann wieder in der Dunkelheit zu verschwinden, wie von Zauberhand. Mir war klar, dass diese Art von Fest nichts mit unseren berberischen Empfängen zu tun hatte, wo die Menschen mit einem Spritzer Rosenwasser oder Orangenblüten begrüßt wurden, neben dem Duft von Weihrauch, der den ganzen Ort der Festlichkeiten erfüllte. Die Leute saßen ruhig und bequem auf bunten Teppichen und lauschten den Gesängen und sahen dem Volkstanz zu, der in der Mitte des Hofes des Hauses getanzt wurde, in dem das Fest stattfand. Niemand trank Alkohol und noch weniger wurden Zigaretten geraucht. Als Getränke kannten wir nur Tee und Wasser.
Zu unserer Überraschung trafen wir Tobias, unseren Nachbarn. Nachdem wir uns begrüßt hatten, sagt er etwas zu mir, was ich nicht verstand. Bilal übersetzte, dass Tobias mit mir tanzen wollte. Ich wandte mich Bilal zu und sagte: »Nein, ich kann nicht, ich schäme mich zu Tode! Sag ihm bitte, ich kann nicht tanzen.« Bilal übersetzte meine Worte und Tobias antwortete, dass er es mir gern beibringen würde. Ich drehte mich nicht rechtzeitig zu Bilal um und so schnappte mich Tobias an der Hand und zog mich in die tanzende Menge in die Mitte des Lokals und begann zu tanzen, er ermutigte mich, es ihm nachzutun. Vor lauter Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken. Mit einem Mann tanzen, der nicht mein Ehemann war? Und auch noch vor anderen Leuten? Nein! Über so etwas sprach man noch nicht einmal! Und dann auch noch diese seltsame Art zu tanzen! Doch Tobias schien mein Unwohlsein und meine große Verlegenheit nicht zu bemerken. Er zog mich sanft vor und zurück und drehte mich im Kreis. Mein Blick suchte Bilal, in der Hoffnung, dass er kommen würde, um mich zu befreien. Plötzlich spürte ich einen starken Krampf im Nacken. Der Schmerz war so stark, dass ich glaube, ohnmächtig zu werden. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich entschied, mich von der Hand des armen Tobias zu befreien, der glaubte, ich würde mich amüsieren. Ich war wütend auf Bilal, der mich nicht gerettet hatte. Ich sagte ihm, ich wollte sofort weg von hier, doch er wollte sich weiter amüsieren. Kurz darauf bemerkte er, dass es mir hier überhaupt nicht gefiel und brachte mich nach Hause.
Trotz der Bräuche, die sich so von den mir vertrauten unterschieden, wusste ich die Tatsache zu schätzen, dass die Menschen höflich und sehr nett zu mir waren. Sie respektierten und akzeptierten mich so wie ich war, was mir die Integration in der Schweiz ungemein erleichterte. Das einzige Problem war mein mangelndes Selbstwertgefühl. Ich fühlte mich nicht richtig wie ein Mensch, geschweige denn wie jemand, der es verdient hatte, geliebt und geschätzt zu werden. Tief in meinem Inneren herrschte noch immer die Stimme meiner ehemaligen Herren, die all die Jahre täglich nichts anderes zu sagen wussten, als dass ich ein Niemand sei, ein Nichts, dumm und unwissend. Und diese Denkmuster hatten meine Selbstachtung zerstört. Nun fand ich mich jeden Tag mit diesen inneren Stimmen konfrontiert, und zugleich mit der Realität, die das komplette Gegenteil davon war. Ich war innerlich zerrissen und wusste nicht, an welche Realität ich glauben sollte.
Zu Beginn meines Aufenthalts in der Schweiz war ich vollständig von Bilal abhängig, der mir stets übersetzte, was die anderen sagten, da ich keine europäische Sprache sprach. Ich fühlte mich ziemlich orientierungslos und verloren in dieser Welt, die ich vielleicht etwas zu perfekt für mich hielt. Ich fühlte mich minderwertig und dumm. Alle dachten, ich als Marokkanerin müsse Französisch beherrschen, wo doch Marokko einst französische Kolonie war – eine Tatsache, von der ich erst hier in der Schweiz erfuhr, da ich weder etwas von der Geschichte meines Landes noch vom Rest der Welt wusste, schließlich war ich niemals zur Schule gegangen. Wenn Bilal mich seinen Freunden vorstellte, begrüßten sie mich und sagten: »Parlez-vous français?« Ich blieb wortlos stehen und sah sie an wie eine Idiotin, da ich kein einziges Wort verstand. Glücklicherweise rettete mich Bilal aus meiner Verlegenheit und ergriff für mich das Wort. Aufgrund meiner mangelnden Bildung schien ich aus einer Art Unterwelt zu kommen, wofür ich mich zu Tode schämte.
Bilals Ex
Ein paar Tage nach meiner Ankunft in der Schweiz stürzte eine Frau, die ein Stockwerk unter uns wohnte, ohne anzuklopfen in die Wohnung. Ich starrte sie völlig verdutzt an und versuchte herauszufinden, wer sie war. Sie war etwa dreißig Jahre alt, hatte kurzes kastanienbraunes Haar und helle Haut und Augen. Sie hatte ein erzwungenes Lächeln aufgesetzt, als sie eintrat und mit herrischer Stimme nach Bilal rief. Ich bemerkte ihre Vertrautheit, mit dem Haus und mit Bilal. Sie traf im Schlafzimmer auf ihn und begann sofort, in einem streitlustigen Tonfall mit ihm zu diskutieren. Ich stand wie angewurzelt im Flur, als Bilal mit bleichem Gesicht auftauchte und mir die Frau vorstellte: »Ich möchte dir Heidi vorstellen.« Dann wandte er sich ihr zu. »Das ist Aicha« Heidi? Sie wohnte im selben Wohnhaus? Mir wurde schlecht. Die Worte meiner Schwiegermutter und meiner Schwägerinnen schossen mir durch den Kopf. Sollten sie tatsächlich Recht behalten? Heidi war die ehemalige Lebensgefährtin von Bilal. Nachdem er sie verlassen hatte, war er nach Marokko gekommen und hatte mich zur Frau genommen. Er war 32 und ich 15 Jahre alt gewesen, als mich meine Familie gezwungen hatte, gegen meinen Willen zu heiraten. Ich war damals in Samir verliebt, einem 19 Jahre alten Jungen, doch obwohl ich sehr in Samir verliebt war, hatte ich nicht vorgehabt, so bald zu heiraten. Ich fühlte mich viel zu jung zum Heiraten, doch meine Mutter und mein älterer Bruder zwangen mich zur Ehe mit Bilal. Laut ihnen versprach Bilal eine große Aussteuer, außerdem würde er mich mit nach Europa nehmen, wodurch sie sich finanzielle Unterstützung von mir versprachen. Bilal war zu uns nach Hause gekommen, um mich zu sehen und ich gefiel ihm sofort als seine zukünftige Frau. Er war ein attraktiver Mann und auch sehr sympathisch, doch trotz alledem hatte mein Herz Samir gehört, und wenn ich eines Tages beschlossen hätte zu heiraten, dann hätte ich nur Samir heiraten wollen. So sagte ich meiner Mutter, dass ich Bilal nicht heiraten wollte, aber es war nichts zu machen. Im Gegenteil, meine Mutter sagte Bilal, dass ich damit einverstanden war, ihn zu heiraten. So heiratete mich Bilal in gutem Glauben und in der Annahme, dass ich einverstanden war. Zwei Wochen später war ich die Ehefrau eines Mannes, den ich nur drei Mal in meinem Leben gesehen und noch nie gesprochen hatte. Wobei ich noch Glück hatte, den Mann, den ich heiraten würde, vor der Hochzeit gesehen zu haben. Viele junge Mädchen sahen ihren zukünftigen Ehemann zum ersten Mal erst bei der Eheschließung. Wie im Falle meiner älteren Schwester. In meinem ersten Buch (Verkauft!: Meine verbrannte Kindheit in Sklaverei) habe ich alle Einzelheiten meines Sklavendienstes sowie meiner erzwungenen Verlobung und Ehe und die meiner älteren Schwester dargelegt. Zwei Wochen nach der Hochzeit kehrte Bilal in die Schweiz zurück und ließ mich ein Jahr lang im Haus meiner Schwiegereltern zurück. Meine Schwiegermutter und Schwägerinnen waren davon überzeugt, dass Bilal Heidi noch nicht verlassen hatte und dass er mich zurückgelassen hatte, um weiterhin mit ihr zusammenzuleben. Er jedoch behauptete das Gegenteil.
Ich war hin- und hergerissen: ein Unwohlsein schlang sich um mein Herz, wie der graue Nebel, der das ganze Land einhüllte, doch ich versuchte verzweifelt, meine Gefühle nicht preiszugeben. Ich schwieg und schluckte meine Eifersucht hinunter, die mein Herz wie lodernde Flammen zu verbrennen drohte, während ich die beiden beobachtete und herauszufinden versuchte, welche Art von Beziehung zwischen ihnen bestand. Sie hatte einen wütenden Gesichtsausdruck und nach einem Wortwechsel mit Bilal drehte sie sich um und verließ die Wohnung. Ich hatte nicht verstanden, was sie auf Deutsch zueinander gesagt hatten. Ich sah Bilal an, der sehr wütend war, schloss die Tür und sagte nichts, ich fragte auch nicht, worum es ging. Ich wollte mir ein Bild von der Situation machen, bevor ich sie beurteilte. Bilal hatte mir gebeichtet, dass Heidi, als ich noch in Marokko gewesen war, ihn gedrängt hatte, sich von mir scheiden zu lassen, aber er hatte ihr gesagt, dass ich die Frau war, mit der er leben und eine Familie gründen wollte.
Bald versuchte Heidi, mit mir Freundschaft zu schließen, sie lud mich oft zu sich nach Hause ein und wollte, dass ich ihre beiden Kinder kennenlernte, die sie mit ihrem ersten Mann hatte. Ich wollte weder ihre Freundschaft noch wollte ich mit ihr zusammen sein, Bilal jedoch nahm ihre Einladungen an und ich wollte ihn nicht allein zu ihr gehen lassen. Ich konnte mich Bilal nicht widersetzen, schließlich war ich noch auf ihn angewiesen. Was alles noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass er nach der Arbeit oft erst zu ihr ging, bevor er nach Hause kam. Dieses Verhalten war wie eine Beleidigung für mich und weckte weiteres Misstrauen in mir. Ich spürte, dass ihre Beziehung noch nicht vorbei war. Ich fühlte mich in Gegenwart dieser Frau unwohl, da ich bemerkte, dass die beiden weiterhin sehr vertraut miteinander waren, gleichzeitig verspürte ich Wut. Ich verstand, dass sie ihn nach wie vor liebte und doch auch wütend auf ihn war. Vielleicht weil er sie verlassen hatte, um mich zu heiraten. Wir waren oft bei ihr eingeladen, doch irgendwann weigerte ich mich, sie zu besuchen. Bilal hingegen war glücklich, die Abende mit seinen Freunden zu verbringen, die sich in ihrer Wohnung trafen. Ich zog es vor, allein zu bleiben. Ich war es leid, gegen dieses Gefühl der Eifersucht anzukämpfen und erreichte einen Punkt, an dem es mich nicht mehr kümmerte, dass die beiden viel Zeit miteinander verbrachten und dass sie ihn zurück wollte. Erst zwei Jahre später gestand mir Bilal, was zwischen ihm und Heidi vorgefallen war, nachdem er mich geheiratet hatte. Es war genau das, was ich immer im Gefühl gehabt hatte, seit ich Heidi zum ersten Mal gesehen hatte. Leider war der Großteil des Vertrauens in meinen Ehemann damit zerstört und konnte nie wieder aufgebaut werden.
Die Schwangerschaft
Meine letzte Menstruation war schon etwas länger her, aber ich war nicht allzu besorgt darüber, ich wusste nicht wirklich, wie eine Schwangerschaft vermieden wurde. Im Grunde wusste ich kaum etwas über die Sexualität im Allgemeinen. Ich war in jeder Hinsicht ungebildet. Eines Morgens wachte ich mit Übelkeit auf und fühlte mich nicht gut. Bilal brachte mich zum Arzt. Nach ein paar Fragen, die mir Bilal übersetzte, forderte mich der Arzt auf, mich unterhalb der Taille freizumachen und mich auf seine Behandlungsliege zu legen. »Ich soll mich vor einem Mann nackt zeigen? Nein! Das kommt nicht in Frage!« »Aber er muss dich untersuchen, Aicha. Vielleicht bist du schwanger.« »Und was hat schwanger sein mit der Tatsache zu tun, mich nackt vor einem Mann zu zeigen?« Ich hatte solche Angst davor und verstand den Grund nicht. Die Frauen bei uns auf dem Land brachten Dutzende von Kindern zur Welt, nur mithilfe einer erfahrenen Frau und ganz sicher ohne einen Mann. Vielleicht wäre ein weiblicher Arzt weniger dramatisch für mich gewesen. Der Arzt saß hinter seinem Schreibtisch und hatte einen ernsten und verärgerten Blick aufgesetzt, er klopfte mit dem Stift auf seinen Block, während er darauf wartete, dass ich mich entkleidete. Da er sah, wie ich mich weigerte, rief er eine Arzthelferin, die mich in einen anderen Raum führte. Dort sollte ich mich ebenfalls ab der Taille abwärts entkleiden und auf eine Liege legen. Wenige Minuten später kam der Arzt herein und begann, meinen Intimbereich zu untersuchen und tastete sogar meine Brüste ab, während ich nur dalag und hoffte, die Liege würde mit mir im Boden versinken. Ich glaubte, vor Scham sterben zu müssen. Am Ende sagt er, dass ich im dritten Monat schwanger sei. Diese Nachricht jagte mir Furcht ein. Ich konnte es gar nicht glauben: »Ich, schwanger? Das kann gar nicht sein. Hilfe!« Ich war doch noch ein Kind. Ich hatte Angst vor der Schwangerschaft und der Entbindung und davor, keine gute Mutter zu sein und ein Kind nicht großziehen zu können. Außerdem fühlte ich mich bei Bilal keinesfalls sicher, ich kannte ihn noch nicht gut und in der Schweiz war ich noch nicht integriert. Ich wollte mich nur noch ausruhen, von all dem Stress, den ich in meiner Vergangenheit als Sklavin und bei der Familie von Bilal erfahren hatte, die mir die Hölle auf Erden bereitet hatte. Nach einem Moment dachte ich: Ich sollte Mutter werden? Ich? Ich sollte ein eigenes Kind haben? Trotz aller Ängste und Unsicherheiten gewöhnte ich mich schnell an diesen Gedanken. Von da an gab es keinen Tag mehr, an dem ich mich nicht auf mein Kind freute, ein Kind, das ganz zu mir gehören und mich seine Mutter nennen würde. Was für ein tolles Gefühl! Einzigartig auf der Welt.
Leider wurde unsere Freude über die Schwangerschaft bald durch ein Schreiben der Ausländerbehörde getrübt. »Da Ihr Touristenvisum mit einer Dauer von drei Monaten abgelaufen ist, müssen Sie die Schweiz sofort verlassen.« Diese Nachricht ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich bekam keine Luft mehr und glaubte, ohnmächtig zu werden. »Zurück zu meiner Schwiegermutter und meinen Schwägerinnen? Das kann doch nicht wahr sein! Lieber sterbe ich, als dorthin zurückzukehren. Oh mein Gott, hilf mir, damit ich nicht zu diesen Hexen zurückkehren muss.« Bilal musste sofort zur Ausländerbehörde und meine Anwesenheit in der Schweiz erklären, indem er das Dokument vorlegte, das bestätigte, dass wir in Marokko rechtmäßig verheiratet waren. Erst dann würde ich eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Ich zermarterte mir den Kopf und betete zu Gott um eine Lösung. Doch welche Lösung gab es, wo ich doch mit niemandem sprechen konnte und nicht wusste, wie ich meine Rechte kennen oder durchsetzen sollte? Bilal ging zum Amt, um die Behörden davon zu überzeugen, mir weitere drei Monate zu bewilligen, bis meine Aufenthaltsgenehmigung ausgestellt wäre, doch die Antwort blieb gleich: Ich müsse die Schweiz verlassen, könne aber drei Monate später erneut einreisen, um einen neuen Antrag zu stellen. Ich wollte nicht nach Marokko zurückkehren, auch nicht für nur drei Monate, denn die Tradition verlangte, dass ich bei meinen Schwiegereltern und nicht bei meiner Mutter leben müsste. So war ich voller Angst, dass meine Schwiegermutter mir etwas Böses antun würde und ich mein Kind verlieren könnte. Sie würde die letzte Chance nutzen, mich von ihrem Sohn fernzuhalten und dafür zu sorgen, dass ich nicht mehr in die Schweiz zurückkehren könnte. Sie war nicht damit einverstanden, dass ihr Sohn eine ehemalige Sklavin geheiratet hatte, die auch noch arm und Analphabetin war. Bei uns bleiben ehemaligen Sklaven in den Köpfen der Menschen immer Sklaven, auch wenn sie lange keine mehr sind. Sie sind häufig Zielscheibe von Demütigung und Missbrauch aller Art. Andere Menschen lassen gern ihre Boshaftigkeit, ihren Frust und ihre Wut an ihnen ab. Eine Sklavin verliert für den Rest ihres Lebens die Ehre und den Respekt, den ein Mensch verdient hat, denn ihr Leben ist nichts wert. Für meine Schwiegermutter war ich die größte Schande und Demütigung gegenüber den sogenannten normalen Leuten. Sie hatte alles daran gesetzt, mich von ihrem Sohn fernzuhalten und würde dies auch weiterhin tun.
Zwei Tage später kamen zwei italienische Freundinnen zu Besuch, die ich von Bilal kannte, Pina und Carla. Bilal fungierte wieder als mein Übersetzer, und ich erzählte unter Tränen, dass ich die Schweiz verlassen müsse. Pina und Carla versicherten mir, dass sich eine Lösung finden würde. Und tatsächlich kam ein Paar, mit denen sie befreundet waren und die an der Grenze bei Schaffhausen in Deutschland lebten, sofort zu uns zu Besuch, als sie von meinem Fall hörten. Giorgio und Nadia boten mir ihre Gastfreundschaft an, ich sollte als Touristin drei Monate bei ihnen zu Hause wohnen. Für Deutschland würde ich kein Visum benötigen. Giorgio und Nadia luden auch Bilal ein, sodass er die Wochenenden mit mir verbringen könnte. Diese Nachricht ließ mich vor Freude weinen. Ich war aus meiner Vergangenheit nicht gewohnt, dass sich jemand um mein Wohlergehen kümmerte, wie diese lieben Freunde, die erst seit Kurzem kannte. Vor meiner Abreise nach Deutschland ging ich mit Bilal zu einer Kontrolluntersuchung beim Frauenarzt. Wir erzählten ihm alles und er sah uns verdutzt an und fragte: »Wenn diese Freunde sie nicht aufgenommen hätten, dann hätte sie nach Marokko zurückkehren müssen?« Bilal antwortete: »Sicher, Herr Doktor, so ist es. Und seitdem wir diese Nachricht erhalten haben, weint meine Frau nur noch den ganzen Tag. Sie fühlt sich nicht stark genug, allein zu reisen und ich kann nicht von der Arbeit zu Hause bleiben, um sie zu begleiten.« Bilal wusste nicht, dass meine wirkliche Angst die vor seiner Mutter und seinen Schwestern war. Er wusste auch nicht, was mir seine Familie angetan hatte, und ich hatte schreckliche Angst davor, es ihm zu erzählen. Seine Mutter hatte mir geschworen, mich umzubringen, wenn ich ihrem Sohn auch nur ein einziges Wort erzählen würde. Ich musste über alles schweigen. Daher hatte ich meine Angst vor der Reise erfunden. Der Arzt versicherte uns: »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, ich werde ein Schreiben an die Behörde aufsetzen. Ich werde angeben, dass sich Ihre Frau aufgrund der Schwangerschaft nicht in der Verfassung befindet zu reisen, daher muss sie bis zur Geburt unter meiner Beobachtung bleiben. Sie kann erst drei Monate nach der Geburt reisen. Ist das in Ordnung?«
Bilal und ich sahen uns überrascht an und stießen einen Seufzer der Erleichterung aus. Das war ein großer Tag für uns. Mit Tränen in den Augen dankte ich diesem heiligen Arzt. Einige Tage später kam ein Schreiben von der Behörde, es besagte, dass ich auf Anordnung des Arztes bis drei Monate nach der Geburt bleiben durfte. Wir benachrichtigen Nadia und Giorgio sofort, um ihnen zu sagen, dass ich nicht mehr zu ihnen kommen müsste. Alle freuten sich für mich. Giorgio und Nadia organisierten aus diesem Anlass ein wundervolles Abendessen. Auch Carla, ihr Ehemann und ihre Tochter und Pina und ihr Mann waren eingeladen. Wir aßen und freuten uns gemeinsam für mich. Wenige Monate später erhielt ich meine Aufenthaltserlaubnis.
Lisa, die Ex-Frau von Bilal, kam oft zu uns, um ihre Tochter Miriam abzuholen, die jedes zweite Wochenende bei uns verbrachte. Lisa war ursprünglich Italienerin, war aber in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Sie und Bilal sprachen miteinander, ohne dass ich auch nur ein Wort verstand. Manchmal lachten sie miteinander, dann stritten sie wieder. Bisweilen übersetzte mir Bilal, über was sie sprachen, um dann das Gespräch fortzusetzen. Ich bot ihr Tee und Kekse an und setzte mich dann neben Miriam, ein entzückendes Mädchen, liebenswert und hübsch. Sie war sechs Jahre alt, hatte braunes, lockiges Haar und eine Haut glatt wie Samt. Ich mochte sie vom ersten Moment an, und sie mochte mich. Sie setzte sich oft auf meinen Schoß, ihr Gesicht zu meinem gewandt. Sie legte ihren Finger auf meine Nase und sagte: »Das ist die Nase. Das ist das Auge. Das hier ist das Ohr, das Kinn, die Zähne und die Augenbrauen.« Dann malte sie mit ihrem kleinen Händchen einen Kreis in die Luft und sagte: »Das ist das Gesicht.« Sie blickte nach oben. »Das ist der Kopf, die Haare, die Hand, der Finger, der Bauch, die Beine und die Füße.« Nachdem sie alle meine Gliedmaßen im Singular aufgezählt hatte, wiederholte sie sie im Plural. So lehrte sie mir Italienisch, ohne dass sie jemand dazu aufgefordert hatte. Sie verbrachte die meiste Zeit mit ihren Großmüttern, die nur Italienisch sprachen. Manchmal endeten die Gespräche zwischen Lisa und Bilal in einem Streit, dem ich erschrocken zusah. Am Ende nahm Lisa das Mädchen an der Hand und verließ die Wohnung, nicht ohne die Türen zuzuschlagen. Bald lernte ich auch die Großeltern Miriams kennen, die beide sehr freundlich und nett waren. Als wir Miriam einmal bei sich zu Hause abholten, bezogen sie mich in ein Gespräch mit ein und sagten zu Bilal, dass er mir alles übersetzen müsse, was sie redeten. Sie waren sehr zufrieden, dass Bilal mich geheiratet hatte und dass ich die Patentante ihrer geliebten und einzigen Enkeltochter wurde. Sie trugen Miriam auf, nett und freundlich zu mir zu sein, was sie wirklich immer war. Jedes Mal, wenn sie zu uns kam, war es wie ein Fest für mich. Sie liebte es zu essen und ich liebte es zu kochen. Mir tat ihre Gesellschaft so gut, dass ich endlich etwas mehr essen konnte. Nach dem Essen saßen wir einfach zusammen und sahen uns gegenseitig an oder wir schauten uns Zeichentrickfilme im Fernsehen an, während wir im Schneidersitz auf dem Teppich saßen. Ich sah die Bilder im Fernsehen ohne die Sprache zu verstehen. Ich lachte, wenn Miriam über eine lustige Szene lachte. Manchmal unternahmen wir gemeinsam Ausflüge in die Natur, und am Abend ging Bilal mit seinen Freunden aus. Ich blieb mit Miriam zu Hause. Nach dem Essen gingen wir Arm in Arm zu Bett. Bilal kam spät nach Hause und schlüpfte unter die Decke, immer auf der Hut, uns nicht zu wecken.
Monate vergingen und ich verlor weiter an Gewicht, weil ich nur wenig aß. Neben der Einsamkeit war es auch der Geschmack der Lebensmittel, den ich nicht mochte. Sogar das Brot schmeckte anders als in Marokko, ganz zu schweigen vom Käse, den ich als stinkend empfand. Ein schimmliger Geruch, der mir den Magen umdrehte, wie zum Beispiel der erlesene Gorgonzola oder der Camembert mit der weißen Haut, von denen ich wirklich fand, dass sie stanken. Die einzigen Käsesorten, die ich aus Marokko kannte, waren der Vachequirit und ein holländischer Käse mit roter Rinde. Natürlich standen bei uns Käse und Joghurt nur den reichen Menschen zur Verfügung und nicht so armen Menschen, wie ich einer war. Erst nach vielen Jahren gewöhnte ich mich an die Qualität der Käsesorten, die man in den Schweizer Supermärkten kaufen konnte. Das Einzige, was mir in der Schweiz sofort geschmeckt hatte, war die Schokolade. Ich aß eine Tafel pro Tag, anstelle einer normalen Mahlzeit. Auch das Obst in der Schweiz mochte ich nicht, es hatte nicht den Geschmack von Obst, das direkt auf dem Baum gereift ist. Wie die geschmackvollen Feigenkakteen oder die normalen Feigen, die wir reif direkt von der Pflanze ernteten und die so aromatisch und süß wie Honig waren, die einzigen Früchte, die bei uns auf dem Land wuchsen. Hier in der Schweiz bemerkte ich eine unglaubliche Auswahl an verschiedenen Speisen, Süßwaren ohne Ende, exotische Früchte, die ich noch nie gesehen hatte und Fruchtsäfte, die ich nicht einmal kannte. Trotz der Nahrung, die mir im Überfluss zur Verfügung stand, schmeckte mir nichts.
Ich hatte schnell gelernt, allein in die Stadt zu gehen, um die Einkäufe zu erledigen. Es gefiel mir, mich in den Supermärkten umzusehen, mit so vielen Waren, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte und von denen ich nicht einmal wusste, wie man sie verwendete. Zu meinem Glück wurde man in den Supermärkten nicht bedient, wie es in den Lebensmittelgeschäften bei uns in Marokko der Fall war, wo ein Mann hinter der Theke stand, um zu fragen, was man benötigte. Ich hätte die Leute nicht verstanden und sie mich nicht. Hier bediente ich mich selbst, da ich aber nicht lesen konnte, nahm ich nur die Lebensmittel, die ich kannte oder mithilfe der Produktbilder auf der Dose oder der Verpackung erkennen konnte. Ich musste immer darauf achten, dass ich keine Tiernahrung kaufte.
Ich ging zur Kassiererin, grüßte sie und überreichte ihr ein Bündel Geldscheine. Ich gab immer viel zu viel, denn wenn es zu wenig gewesen wäre, hätte sie mich nach mehr gefragt und ich hätte sie nicht verstanden. Ich stand völlig stumm vor ihr und wartete, dass sie mir mein Restgeld gab. Das einzige Wort, das ich mehr oder weniger sagen konnte, war Gruezi, was auf Schweizerdeutsch »Hallo« bedeutete. Ich sagte jedoch immer Guzzi. Um ein bisschen Bewegung zu haben, ging ich zu Fuß zurück. Es gefiel mir, eine Straße namens Promenade entlangzugehen, mit einem wunderbaren Ausblick und einem Spielplatz in der Mitte. Die Promenade lag an einer erhöhten Stelle in der Stadt. Von dort aus hatte man eine wunderbare Sicht auf den schönen Fluss und auf einen Teil von Neuhausen. Nach meinen Abenteuern als Touristin kehrte ich glücklich und zufrieden nach Hause zurück.
Ich konnte nur marokkanisch kochen, doch glücklicherweise konnte Bilal auch sehr gut europäisch kochen und brachte mir viel bei. Den Rest lernte ich von meinen italienischen Freunden, die ich erst seit Kurzem kannte. So lernte ich bald Spaghetti Bolognese, Ravioli, Lasagne, Pizza, Minestrone, Rindfleisch-Ragout mit Kartoffelpüree und vieles mehr zuzubereiten. Doch wenn ich all diese Gaben Gottes am Tisch servierte, träumte ich mit offenen Augen vom Fladenbrot, frisch gebacken, aus der Terrakotta-Pfanne heraus, getränkt in Olivenöl und serviert mit gesüßtem Pfefferminztee. Das übliche Essen in meinem Dorf.
Ich verbrachte meine Tage allein, in absoluter Stille. Ich hörte nichts außer dem Brummen der Autos und der Züge. Keine Rufe der mobilen Straßenhändler, keine Schreie von Kindern, die draußen auf den Straßen spielten. Der Einzige, der regelmäßig und pünktlich bei mir vorbeikam, war der Briefträger, der die Briefe in den Briefkasten schob und wieder auf seinem Roller verschwand. In marokkanischen Städten hört man von morgens bis abends die Schreie der Verkäufer, das Jammern der Bettler, die um Mitleid baten, das Rufen von Kindern, die sich spielend auf den Straßen tummelten und die Nachbarn, die sich laut miteinander unterhielten.
Lesen und Schreiben
Ich hatte den sehnlichen Wunsch, die Leute zu verstehen und die Werbeplakate und Anzeigetafeln, die überall aushingen, lesen zu können: die Schilder am Eingang der Restaurants, Banken, der Post, der Läden und dergleichen. Und die Heftchen, die ich jeden Morgen im Briefkasten fand. In diesem Land nicht lesen und schreiben zu können, ist als wäre man blind, taub und stumm. Ständig benötigte ich besondere Unterstützung. Bis zu diesem Zeitpunkt war Bilal meine Hilfe, aber ich wusste, dass ich mich nicht mein ganzes Leben auf ihn verlassen konnte. Ich sprach mit Bilal über meinen Wunsch, doch er war nach der Arbeit immer müde. Er kam nach Hause, setzte sich aufs Sofa und schlief ein, nur um anschließend ins Bett zu gehen. Die Wochenenden verbrachten wir mit Freunden oder mit Miriam. So hatte er keine Zeit, mich zu unterrichten. Tobias, unser Nachbar, war zu dieser Zeit arbeitslos und erfuhr von meinem Wunsch, so bot er mir an, mir Deutschunterricht zu geben. Bilal nahm das Angebot an und kam, um mir davon zu berichten. Ich fühlte mich auf der einen Seite geehrt und war sehr glücklich, auf der andern Seite war ich verlegen. Ich fragte Bilal: »Ein Mann will mich unterrichten? Und wann möchte er das tun? Doch am Abend, wenn du zu Hause bist, oder?« »Nein. Er hat nur vormittags Zeit.« Ich war nicht daran gewöhnt, dass Männer und Frauen so offen miteinander umgingen. In meiner Kultur galt so etwas als schweres Vergehen. Ich wusste nicht, ob ich sein Angebot annehmen oder ablehnen sollte und gleichzeitig wollte ich mir diese Gelegenheit, endlich lesen und schreiben zu lernen, auf keinen Fall entgehen lassen. Am nächsten Morgen kam Tobias und nahm auf einem Stuhl in der Küche Platz. Er legte Hefte und Stifte auf den Tisch und wartete, bis ich mich im gegenüber niederließ. Ich stand mit dem Rücken zu ihm und machte den Abwasch und wagte nicht, mich umzudrehen und ihm ins Gesicht zu sehen. Ich schämte mich zu Tode, ich zitterte und schwitzte und spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Nachdem er einen Moment gewartet hatte, rief Tobias mich zu sich. Ich trocknete mir die Hände, während ich versuchte, mein Zittern zu verbergen und setzte mich vor ihn. Er war etwa 35 Jahre alt, hatte braunes Haar und trug einen Schnurrbart und einen mittellangen Backenbart. Ursprünglich stammte er aus Deutschland, daher sprach er ein Deutsch, das sich vom Schweizerdeutsch unterschied. Er lächelte mich an, nahm ein Weinglas und hob es hoch, dabei sagte er: »Das heißt: Weinglas.« Dann ermutigte er mich, seine Worte zu wiederholen. Dasselbe tat er mit anderen Gegenständen, während ich stotternd und zitternd vor Verlegenheit alles wiederholte. Dann begann er, die ersten Buchstaben aufzuschreiben und ermutigte mich, es ihm nachzutun. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte den Stift nicht zwischen den Fingern halten. Nachdem er bemerkte, wie verwirrt ich war, unterbrach er den Unterricht. Vielleicht dachte er, ich wäre müde. Er nahm das Heft und verabschiedete sich mit einem Küsschen auf die Wange, was meine Verlegenheit noch verschlimmerte. Dann ging er. In der Tat begrüßten sich alle Freunde von Bilal mit einem Kuss auf die Wange, was für mich anfangs sehr schwer war. Meine Kultur erlaubte mir nicht, auch nur in Richtung eines Mannes zu blicken, geschweige denn, ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Am Abend bat ich Bilal, sich für mich bei Tobias zu entschuldigen und ihm auszurichten, dass ich den Unterricht nicht fortsetzen konnte. Dann musste ich eine Entschuldigung erfinden: Aber welche! »Sag ihm bitte, dass die deutsche Aussprache zu schwierig für mich ist.« Welch dumme Ausrede! Selbst ein Kind würde sie durchschauen. Und nun? Wer würde mich Lesen und Schreiben lehren?
Glücklicherweise boten mir die beiden Freundinnen, die ich seit Kurzem kannte, Carla und Pina, an, mich zu unterrichten. Carla war 30 Jahre alt, war klein, hatte kastanienbraunes Haar, ein feines Gesicht und ein hübsches Lächeln. Pina war 26, groß und blond. Sie lächelte stets und war sehr nett. Sie waren beide gepflegte Frauen, stets klassisch gekleidet. Ursprünglich stammten sie aus Italien, daher brachten sie mir bei, auf Italienisch zu lesen und zu schreiben.
Ich hüpfte vor Freude, wann immer sie vorbeikamen, um mir neue Wörter und Buchstaben beizubringen. Anfangs kamen sie am Abend, wenn Bilal zu Hause war, so konnte er für mich übersetzen, damit wir uns verstanden. Doch im Laufe der Zeit kamen sie am Nachmittag und wir kommunizierten mit Händen und Füßen miteinander. Damit ich sie verstand, kommunizierten sie auch untereinander mit Gesten und ich achtete darauf, zu verstehen, worum es sich handelte. So verließ Pina zum Beispiel die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und klopfte dann an. Carla fragte von innen: »Wer ist da?« »Ich bin es, Pina!« Carla öffnete die Tür und sagte: »Hallo.« »Hallo.« »Komm rein!« »Danke.« Dann sagte Carla mit einer Geste zu Pina: »Bitte, komm herein.« Sie unterbrachen die Szene, bezogen mich mit ein und ließen mich alles wiederholen. Zuerst musste ich die Rolle der Hausherrin nachspielen, anschließend die des Gastes. Wir schüttelten uns vor Lachen über die Fehler, die ich in der Aussprache machte. Denn tatsächlich sprach ich die Sätze auf sehr seltsame Weise aus und verwechselte dabei ständig i mit e und umgekehrt. Das lag an der Eigenart der berberischen Sprache. Wir setzten die Szene fort und amüsierten uns blendend. »Wie geht es dir?« »Gut, danke. Und dir?« »Auch gut, danke.« Wieder ließen sie mich alles wiederholen und in die verschiedenen Rollen schlüpfen. »Was möchtest du trinken, Tee oder Kaffee?« »Einen Tee, danke.« Diejenige von uns, die den Tee angeboten hatte, tat so, als würde sie in die Küche gehen und einen Tee auf einem Tablett holen, in Wirklichkeit stand der Tee bereits fertig auf dem Tisch, mit süßem Gebäck und gerösteten Mandeln, das ich jedes Mal, wenn sie vorbeikamen, vorbereitet hatte.
»Mit oder ohne Zucker?« »Mit Zucker, danke.« »Wie viele Löffel Zucker?« »Einen Löffel, danke.« »Möchtest du etwas Gebäck?« Sie zeigte auf den Tisch. »Ja, gerne, danke.« »Aicha, möchtest du auch einen Tee?« »Ja, danke.« »Mit Zucker oder ohne?« »Ja.« »Also, mit Zucker, ja?« »Ja, danke.« »Wie viele Löffel, einen oder zwei?« Sie zeigte mir die Anzahl der Löffel mit den Fingern. »Einen, danke.« So gingen meine lieben Freundinnen mit unterschiedlichen Gegenständen vor. Sie zeichneten zum Beispiel einen Schal, einen Mantel, einen Rock, einen Tisch, einen Teller und alles Mögliche andere auf einen Block und schrieben den Namen des Gegenstands unter jedes Bild. Diese Wörter musste ich auswendig lernen. Doch zuerst lehrten sie mich das Alphabet, das ich immer wieder schreiben musste, jeden Buchstaben Hunderte Mal, bis ich sie richtig schrieb. Nie zuvor hatte ich einen Stift in der Hand gehalten, noch hatte ich jemals einen Fuß in eine Schule gesetzt. Ich hatte jedoch das Glück, ein gutes Gedächtnis zu haben. Von klein an, als Sklavin, hatten mir meine ehemaligen Herrschaften Dutzende Dinge aufgezählt, die ich vom Markt holen musste. Ich musste sie mir alle merken und durfte nichts vergessen, sonst wäre ich schwer bestraft worden. Ich musste mir die Menge jedes einzelnen Gemüses, jeder Frucht und alle anderen Dinge merken. Um mich besser zu erinnern, erfand ich immer eine Art Film, mit allen Einzelheiten, die mir dann im Kopf blieben. Bis heute erstelle ich vor meinem geistigen Auge einen Film, wenn jemand mit mir spricht, während ich das Gespräch verfolge.
Pina und Carla kamen einmal die Woche, und ich konnte es kaum erwarten, dass die sieben Tage vorübergingen, um den Unterricht fortzusetzen. Ich war begierig darauf, zu lernen und ich wollte alles und sofort wissen. Eines Tages fragte ich sie schüchtern, ob sie zweimal pro Woche kommen können. Zu meiner Überraschung stimmten sie zu und kamen ab sofort zweimal, anfangs für je eine Stunde, später zwei Stunden. Die meiste Zeit jedoch verbrachten wir lachend, wir tranken Tee und aßen süßes Gebäck und geröstete Mandeln, nach denen sie verrückt waren. Endlich konnte ich lachen und glücklich sein, wie alle anderen Menschen auch. Ab dem ersten Tag meines Lebens in der Schweiz fühlte ich mich in jeder Hinsicht wie neugeboren. Ich fühlte mich Teil einer Gesellschaft, von der ich nicht dafür verurteilt wurde, dass ich eine Sklavin gewesen war. Dies rief unbändige Freude in mir hervor. Ein Gefühl, dass ich während meiner gesamten Kindheit nicht verspürt hatte, außer im letzten Jahr, das ich mit meinen Schwestern auf dem Land verbracht hatte, bevor ich verheiratet wurde. Während meiner Kindheit glaubte ich sogar, dass ich kein Recht darauf hatte, zu lachen oder glücklich zu sein, schließlich wurde ich nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier behandelt, das man ausgesetzt hatte. Das Einzige, was mir damals noch fehlte, waren meine Schwestern und mein Dorf, die Sonne und der blaue Himmel und der Kontakt mit den Tieren.
Carla und Pina gaben mir Aufgaben und ich übte und übte. Ich bat die Freunde von Bilal, die Italienisch sprachen, um Hilfe, wenn sie zu uns kamen. Sie halfen mir sehr gern und schließlich konnten wir sogar ein paar Worte miteinander wechseln. Bilal half mir auch, wann immer er konnte. Nach drei Monaten konnte ich auf Italienisch kommunizieren und sogar ein bisschen schreiben und lesen. Ich spürte eine unheimliche Freude darüber, lesen zu können. Lesen und Schreiben rief in mir ein Gefühl der Dankbarkeit hervor, das einfach nur wundervoll war. In meinem Kopf hatte sich eine neue Welt eröffnet, eine Welt voller Magie, in der ich endlich die Schriften entziffern konnte, die ich bis zu diesem Tag überall gesehen hatte, ohne ihnen einen Sinn oder eine Form geben zu können. Ich blieb stehen, um die Texte an den Eingängen der Lokale zu lesen und stand vor den Werbeplakaten, um sie wie ein sechsjähriges Kind zu entziffern, vor mich hin flüsternd, dass die vorbeigehenden Leute nichts bemerkten. »Die Leute sind nicht so dumm, dass sie nicht merken würden, dass du lesen lernst«, sagte Bilal eines Tages zu mir. Seine Bemerkung sorgte dafür, dass ich mich noch wertloser und dümmer fühlte, als sowieso schon. Ich schämte mich zu Tode und ab diesem Tag war ich noch vorsichtiger, damit niemand bemerkte, wie ich die Schriften in der Öffentlichkeit entzifferte.
Pina und Carla behandelten mich, als gehörte ich zu ihrer Familie und ich liebte sie wie meine Schwestern. Ich lud sie mit ihren Familien zu uns nach Hause zum Essen ein und sie taten es mit mir und Bilal gleich. Bald lernte ich auch ihre italienischen, spanischen und portugiesischen Freunde kennen, die auch meine Freunde wurden, und ich lud auch diese ein. Am Ende war das Haus immer voller Leute, meine Freunde und die Bilals. Jeder wusste, dass man in unserem Haus viel lachte und scherzte. Wir tranken Pfefferminztee und ich servierte dazu geröstete Mandeln und süßes Gebäck. Und nicht zu vergessen, mein Couscous, nach dem alle verrückt waren. Ich hätte, um mich in die Schweiz zu integrieren, Deutsch lernen müssen, doch gerade erst hatte ich mich in die Gesellschaft der Italiener im Herzen der deutschsprachigen Schweiz integriert. Die meisten meiner italienischen Freunde sprachen kein Deutsch und waren somit auch nicht vollständig in die Schweiz integriert. Sie blieben in ihrem Kreis und ihrer italienischen Kultur. Nur die neue Generation, die in der Schweiz geboren und dort zur Schule gegangen war, hatte sich integriert. Die ältere Generation hingegen arbeitete hier und machte dann in Italien Urlaub, um anschließend ihr Leben in der Schweiz wie in Italien fortzusetzen. Mir gefiel ihre Mentalität sehr und ich blieb viele Jahre in ihrem Kreis. Glücklicherweise sprachen einige Schweizerdeutsche in Schaffhausen Italienisch, so konnte ich mich verständigen. Trotzdem fühlte ich mich immer als Ausländer, inmitten einer Stadt, deren Sprache ich nicht verstand. Erst Jahre später, als ich mich von Verlegenheit und Scham befreit hatte, bedauerte ich, dass ich die Gelegenheit, die sich mir damals geboten hatte, nicht ergriffen hatte, nämlich die, mit Tobias Deutsch zu lernen.
In der Zwischenzeit schritt meine Schwangerschaft weiter voran, doch anstatt zuzunehmen, verlor ich weiter an Gewicht. Ich litt an Übelkeit und vertrug weder gekochte Lebensmittel noch Fleisch, nur ein paar bestimmte Früchte, Brot und Schokolade, die ich als Snack anstelle richtiger Mahlzeiten zu mir nahm. Ich verbrachte meine Tage mit Spaziergängen und der Hausarbeit. Sobald ich fertig war, suchte ich mir neue Arbeiten, doch irgendwann gab es nichts mehr zu erledigen. Ich stellte fest, dass die Hausarbeit in der Schweiz sehr einfach zu erledigen war. Die Waschmaschine wusch die Kleidung, ohne dass ich mich stundenlang über ein Becken beugen und sie von Hand waschen musste, wie ich es bei meinen ehemaligen Herren in Marokko getan hatte. Und es gab den magischen Staubsauger, der die Arbeit perfekt und schnell erledigte, anstatt die Teppiche mit dem Besen abzuschrubben oder sie draußen auf der Terrasse auszuklopfen, um sie vom Staub zu befreien, wie man es bei uns machte. Außerdem genügte es, den Wasserhahn aufzudrehen, um angenehm warmes Wasser fließen zu lassen und das Geschirr zu spülen. Um sich zu waschen, stieg man einfach in die Dusche und ließ warmes Wasser über den Körper fließen, anstatt es erst auf dem Gasofen erhitzen zu müssen oder in den Hammam zu gehen, wie es bei uns üblich war, um sich zu waschen. Es war eine Freude, als ich zum ersten Mal sah, wie der Staubsauger und die Waschmaschine alle Aufgaben wie von selbst erledigten. Ich setzte mich oft vor die Waschmaschine und beobachtete, wie die Wäsche gewaschen wurde. In solchen Momente war ich von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt, dass ich diese harten Arbeiten nicht mehr erledigen musste, wie ich es während meiner ganzen Kindheit hatte machen müssen. Das Schönste für mich war allerdings, dass ich keine Herrin mehr hatte, und auch keine Schwiegermutter und keine Schwägerinnen, die mich herumkommandieren oder mich von früh bis spät quälen konnten. Endlich frei! Frei! Frei! Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich als freier Mensch. Ein Lebewesen, das als Mensch zählte und der gleichen Welt angehörte, wenn auch nur teilweise, da ich mich tief im Inneren noch immer nicht vollständig frei und auch nicht als Mensch fühlte. Ich war aus der Sklaverei befreit, ja, aber doch nur, um am Ende in einer Ehe gegen meinen Willen in einem freien Land wie der Schweiz gefangen zu sein. Doch trotz alledem war ich dankbar, all das zu haben, was ich für ein würdevolles Leben benötigte. Das bequeme Leben war mir fremd und um mich nicht zu langweilen begann ich, den Flur weiß zu streichen, der wegen des Rauchs, der aus der Kaminklappe kam, grau geworden war. Ich wusch die Wände der Küche und des Badezimmers und putzte das ganze Haus, bis es glänzte. Ich brachte den Keller und den Dachboden in Ordnung, doch am Ende gab es nichts mehr zu tun. So begann ich damit, von Hand Vorhänge für die Fenster zu nähen. Ich besaß weder eine Nähmaschine, noch wusste ich damit umzugehen. Aber auch diese Arbeit war irgendwann erledigt. Zum Glück gab mir ein Freund von Bilal, Hans, der Gewürze in einem Geschäft in der Stadt verkaufte, Arbeit. Er brachte mir Dutzende Säcke voller Gewürze, die ich in kleine Säckchen füllen, wiegen und mit einem Preisetikett versehen musste. Diese Arbeiten erledigte ich zu Hause, im Zimmer über der Treppe. Ich räumte das Zimmer leer, putzte es und verwandelte es in ein kleines Geschäft. Zumindest hatte ich Beschäftigung und konnte ein wenig Geld verdienen. Hans zahlte mir 10 Schweizer Frankencent pro Säckchen und ich bemühte mich, so viele Säckchen wie möglich zu füllen, um noch etwas mehr Geld zu verdienen, während ich schon davon träumte, einen Teil davon zur Unterstützung meiner Familie nach Marokko zu schicken.
Der Frühling
Die weißen und violetten Blüten, Schneeglöckchen und Krokusse sprießten wie von Zauberhand aus dem noch halb gefrorenen Boden. An den Ästen der Bäume wuchsen hellgrüne Blätter mit den ersten zurückhaltenden Strahlen der Sonne, die das Land erwärmte. Alles schien neues Leben zurückzugewinnen, auch die Leute waren fröhlicher, jetzt wo es einige Sonnentage gab. Für mich war das nicht genug, ich brauchte die Sonne jeden Tag. Ich brauchte Platz. Obwohl die Natur in der Schweiz wunderbar ist, mit den vielen grünen, ordentlichen Flächen, fühlte ich mich von den Wäldern, die die Stadt und das ganze Land umgaben, und dabei jeden Blick darüber hinaus verhinderten, eingeengt. Mir fehlte dieser endlose Raum über die kahlen Hügel meines Landes hinweg. Mir fehlte die Aussicht auf weite Ebenen, die steinige Wüste und die warmen Felsen, der grüne Teppich der blühenden Wiesen, die wie von Zauberhand nach den ersten Regenfällen des Frühlings entstanden. Diese wilden Blumen machten mein Land zu einer wundervollen Oase.
Bald verwandelte sich der Garten um das Haus in ein kleines Paradies voller Blumen, über die Insekten flogen und wo die Vögel bereits im Morgengrauen ihre Lieder trällerten. Der Apfelbaum, der Birnen- und der Pflaumenbaum blühten bereits und würden bald saftige Früchte tragen. Doch der schönste Baum, der in der Mitte des Gartens üppig wuchs, war die Kirsche, die uns große, saftige und süße Kirschen schenkte. Auch die Rosen würden bald Blüten tragen, in rosa, rot und weiß.
Endlich war auch der Sommer da. Es schien, als würde mit der Ankunft der Wärme auch das Leben in der Stadt und im ganzen Land neu erwachen. Die Leute hatten wesentlich bessere Laune. Überall sah man Menschen auf den Bänken oder Wiesen sitzen, ein Buch lesen, picknicken oder während der Mittagspause Brötchen essen und die Sonne genießen. Auch Bilal und ich machten an den Wochenenden oft ein Picknick in der Natur und legten uns auf der Wiese in die Sonne. Im Sommer ist die Schweiz wahrlich ein Paradies auf Erden. Während der Woche hatte ich viel Freude daran, am Fluss entlangzuspazieren und den herrlichen Ausblick auf die üppigen Bäume und die Vielzahl der schönsten Blumen zu genießen, und vor allem genoss ich die wundervollen Wasserfälle des Rheinfalls, den ich so sehr liebte.
Ich ging zur Promenade hinauf, um den wundervollen Ausblick zu genießen oder setzte mich auf eine Bank in der Mitte des Spielplatzes. Der Park war im Sommer ein grüner Teppich, mit grünen Bäumen und den schönsten Blumenbeeten, die hier und da verstreut lagen. Während ich auf der Bank saß, beobachtete ich, wie die Eltern mit ihren Kindern spielten. Ich streichelte meinen Bauch und verspürte eine große Freude darüber, Mutter zu werden. Doch gleichzeitig verspürte ich auch eine gewisse Sehnsucht, da ich doch als Kind nie hatte spielen können und weder richtig bei meinen Eltern noch mit meinen Brüdern und Schwestern aufwachsen konnte. In mir gab es eine tiefe Leere, die ich teilweise noch immer verspüre. Ich beobachtete die Hunde, wie sie über die Wiese rannten und glücklich mit ihren Besitzern spielten. Bei diesem Anblick dachte ich: »Lieber Gott, wenn du mich doch nur als Hund in diesem Land in die Welt gesetzt hättest, dann hätte ich wenigstens Herren gehabt, die mich lieben und mich streicheln. Ich hätte glücklich und frei mit den anderen Hunden auf den Wiesen gespielt. Ich hätte genug zu Essen und einen warmen Schlafplatz gehabt und hätte jederzeit schlafen können, wenn ich gewollt hätte, statt immer dieses Gefühl der Müdigkeit zu haben, das meine Seele meine gesamte Kindheit zerrissen hat.«
Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass hier ein Hund zum Tierarzt gebracht wurde, wenn er krank war. Man gab hier mehr Geld für einen Hund aus, als bei uns für ein Kind. Hier beschützte man Hunde sogar vor kleineren Infektionen an der Pfote, wohingegen bei uns auf dem Land immer noch viele Kinder an Masern und anderen Kinderkrankheiten starben, die man mit wenigen Eurocent hätte heilen können. Ich liebe Tiere und ich bin der Ansicht, dass sie diese besondere Behandlung verdienen, aber ich dachte auch an den schlimmen Zustand, der zu dieser Zeit in meinem Dorf herrschte.
Freunde
Wenn Freunde von Bilal zu uns nach Hause kamen, wurde die Luft erfüllt von einer Mischung aus Haschisch- und Zigarettenrauch. Sie rauchten und tranken Bier und vergnügten sich, mir jedoch gefielen diese Abende überhaupt nicht. Ich konnte mittlerweile den ganzen Lärm und den Rauch nicht mehr ertragen, daher musste ich oft das Haus verlassen. Ich konnte ihren Atem, getränkt von Rauch und Alkohol, nicht mehr ertragen, genauso wenig wie ihre Blicke, verloren in der Leere, als stünden sie unter Schock. Ihr Sprechen wurde schleppend und ihre Augen rot und glänzend, als hätte sie hohes Fieber. Ihre blasse Haut wurde noch blasser und war von Müdigkeit gezeichnet. Geistig schienen sie auf einem ganz anderen Planeten zu sein. Wenn sie sich in diesem Zustand befanden, lachten sie hemmungslos und am Tag danach waren sie völlig antriebslos. Die Freude der vergangenen Nacht war am nächsten Morgen verschwunden. Aber sie wiederholten alles am nächsten Abend. Sie forderten mich auf zu trinken und mit ihnen Joints zu rauchen, doch ich dachte noch nicht einmal daran. Das war gegen meine Moral und gegen meine Kultur. Wenn wir uns in der Bar trafen, blieb ich abseits sitzen und trank Tee, litt unter dem Rauch und der lauten Musik und dem deutschen Geschwätz, das ich nicht verstand. Es wurde oft spät und wegen der Schwangerschaft war ich oft müde. Ich bat Bilal, mit mir nach Hause zu gehen, doch er zog es vor, sich mit seinen Freunden zu amüsieren. Oft war ich gezwungen, um zwölf oder ein Uhr nachts zu Fuß nach Hause zu gehen. Gott sei Dank ist mir auf diesem Weg niemals etwas zugestoßen. Nur einmal wurde ich von einem Betrunkenen belästigt. Ich saß vor der Bar, um etwas frische Luft zu schnappen, in der Hoffnung, dass Bilal herauskäme und mich nach Hause brachte. Ein Mann kam torkelnd auf mich zu, blieb stehen und sah mich an. Er sagte etwas zu mir, das ich nicht verstand. Er kam auf mich zu, zog mich fest in seine Richtung und gab mir einen Kuss. Ich war erschrocken, da mich dies vollkommen überraschte. Ich stieß ihn voller Entsetzen weg, spuckte auf den Boden und wischte mir über den Mund. Ich begann, ihn auf Berberisch zu beschimpfen, ich war so wütend und schämte mich. Ich zitterte und brach in Tränen aus. Ich fühlte mich von diesem Schwein beschmutzt. Ich sagte nichts zu Bilal, aus Angst, er würde mir die Schuld geben. Von da an beschloss ich, ihn nicht mehr in diese Lokale zu begleiten, nur noch in die normalen Restaurants und nicht mehr bis spät in die Nacht. So ging er mit seinen Freunden aus, während ich oft mir selbst überlassen zu Hause blieb. Nicht alle Freunde von Bilal übertrieben den Konsum von Alkohol oder nahmen diese Substanzen, die ihre Persönlichkeit beeinflussten. In ihrer Gesellschaft fühlte ich mich gut. Ich entschied mich, an mein Baby zu denken, das bald zur Welt kommen sollte. Deswegen wollte ich mich nur mit Leuten abgeben, die ein etwas ruhigeres Leben führten. Dieser Entschluss führte dazu, dass ich Bilals Freunde zum Rauchen nach draußen schickte, was nicht allen gefiel. Zum Glück hatte Bilal verstanden, dass es um die Gesundheit unseres Kindes ging und so rauchte er nicht mehr im Haus oder später in Gegenwart unserer Kinder, sondern nur noch draußen oder auf dem Balkon. Von da an war der Trubel in unserem Haus deutlich weniger. Ich hatte begonnen, einen Platz in meinem Leben zu finden und entschied mehr und mehr, was für mich und für meinen Sohn, der bald geboren werden würde, richtig war und was nicht. Ich wünschte unseren Freunden nur das Beste, da sie eigentlich nette, liebenswerte und rücksichtsvolle Menschen waren, doch wir hatten einfach eine ganz andere Einstellung zum Leben. Im Laufe der Zeit, als ich die Freunde besser kennenlernte, verstand ich, dass sie viel Mitgefühl für die soziale Situation und die Lage in der Welt hatten. Sie waren gegen bestimmte politische Entscheidungen, gegen Waffen und Krieg, gegen die Industrialisierung, die Umweltverschmutzung verursachte, sie waren gegen Ungerechtigkeit und Armut, gegen den Stress, der in der Arbeitswelt herrschte und so weiter. Ich denke, um all die Ungerechtigkeit, die in der Welt herrscht und in der sie zu leben gezwungen waren, ertragen zu können, haben sie sich der hypnotisierenden Wirkung dieser Substanzen hingegeben. Doch ohne es zu merken, hat diese Wirkung den Zustand und die Qualität ihres Lebens weiter verschlechtert. Wenn man keinen klaren Kopf und keinen wachen Verstand mehr hat, kann man weder das eigene Leben meistern noch Besserung in der Welt erzielen. Vielleicht irre ich mich, aber so sehe ich das.
Trotz der kleinen Schritte, die ich gemachte hatte, um meine Lebenssituation zu ändern und mich zu integrieren, fühlte ich mich nach wie vor in allem vom Bilal abhängig, sogar in Bezug darauf, wie ich mich kleiden sollte, wohin ich ging und was ich einkaufte. Bereits am Abend zuvor fragte ich immer, was ich am nächsten Tag einkaufen und kochen sollte. Wenn ich Kleidung kaufte, wählte ich nur die Farben aus, die ihm gefielen und am Ende hatte ich vor allem Klamotten in Beige oder Khaki, seine Lieblingsfarben, anstatt in den Farben Orange, Gelb, Grün und Braun, meine Lieblingsfarben. Ich fragte ihn bei allem um seine Meinung, da ich Angst hatte, einen Fehler zu machen. Ich glaubte immer noch, ich sei dumm und alle anderen wären besser als ich. Geistig war ich weiterhin in der der Rolle der Sklavin, in der mir immer andere Anordnungen gaben, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Ohne es zu merken, sah ich Bilal als meinen Herrn an, der mir Befehle erteilte. Ihm hingegen gefiel es keineswegs, dass ich ihm bei jeder Kleinigkeit um Rat fragte. Er ließ mir meine Freiheit und ermutigte mich, meine Entscheidungen eigenständig zu treffen. Bis zu diesem Moment jedoch hatte ich noch niemals eine Entscheidung ganz auf mich allein gestellt getroffen und war noch niemals an einen Ort gegangen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten. Im ersten Moment fühlte ich mich verloren, wie ein Fisch an Land. Ich musste mich an diese neue Situation gewöhnen, doch das war einfacher gesagt als getan. Ich musste schnell lernen, dass mir Bilal die Verantwortung für alles überließ, was mit unserem Zuhause zu tun hatte und, infolgedessen, auch die Erziehung unseres Sohnes. Ich erledigte alles so gut ich konnte.
Carla und Pina kamen auch weiterhin vorbei. Neben Schreiben und Lesen hatten sie mir beigebracht zu nähen, zu häkeln und zu stricken. Tätigkeiten, von denen ich schon als kleines Kind geträumt hatte, doch als Sklavin hatte ich keine Möglichkeit gehabt, solche Fertigkeiten zu erlernen. Pina war von Beruf Schneiderin und zeigte mir, wie ich meine eigenen Kleidungsstücke nach Maß nähen konnte. Bald lernte ich, mir Kleider, Röcke, Jacken und Blusen zu nähen. Später nähte ich auch die Kleidung für die Kinder und lange Röcke, die ich meinen Schwestern und meiner Mutter nach Marokko schickte. Ich hatte mir eine günstige Nähmaschine gekauft, ein altes Modell, das man mit Fußpedalen betrieb. Ich kaufte Scheren, Stoff, Faden, Knöpfe, Reißverschlüsse und dann konnte es losgehen. Ich hatte solche Freude, wenn ich meine eigenen Kreationen zwischen meinen Händen entstehen ließ und ich sie auch tragen konnte. Pina kontrollierte, dass die Nähte gerade und sauber waren und ob der Stoff perfekt geschnitten war. Sie war sehr genau und alles musste perfekt sein. Ich gehorchte ihr und korrigierte die Fehler, die nicht akzeptabel waren. Carla hingegen war meine Lehrerin für das Häkeln und Stricken, aber auch für die mediterrane Küche. Endlich hatte ich genug zu tun und langweilte mich nicht mehr. Ich war begierig danach, Neues zu lernen und war wie ein Schwamm, der alles aufsaugte. Ich lernte soviel ich nur konnte und war diesen meinen Freunden und Gott so wahnsinnig dankbar dafür, dass ich jemanden hatte, der mich lehrte.
Die Geburt
Am 20. 9. 1984 gegen drei Uhr am Nachmittag verspürte ich Schmerzen im Unterleib, während Carla und Pina bei mir waren. Als ich es ihnen gesagt hatte, rieten sie mir, meinen Koffer zu packen, da vielleicht der Zeitpunkt der Geburt gekommen wäre. Ich packte meinen Koffer mit ihrer Hilfe, weil ich keine Ahnung hatte, was man in ein Krankenhaus mitnehmen sollte. Die Schmerzen waren nicht allzu stark und so wartete ich, bis Bilal nach Hause kam. Sobald er kam, stellte ich sein Essen auf den Tisch und setzte mich ihm gegenüber. »Isst du nichts? Was hast du, geht es dir nicht gut?« »Doch, doch, mir geht es gut, ich habe nur etwas Bauchschmerzen.« »Bauchschmerzen, sagst du?« Er sprang auf und rannte die Treppe hinunter. Zwei Minuten später kam er rufend zurück: »Komm runter, los, wir gehen! Tobias fährt uns mit seinem Auto!« Er nahm mich an der Hand und lief los. »Moment! Der Koffer!« Beim Anblick des Krankenhauses blieb ich staunend mit offenem Mund stehen. Ich hätte nicht gedacht, dass es solche Krankenhäuser gab. Alles war schön und neu und glänzte vor Sauberkeit und Ordnung. Ich war besonders von den bequemen Betten mit Decken und Kissen aus flauschigen Federn beeindruckt. Das Bett, das man durch einfaches Drücken auf einen Knopf bewegen konnte, faszinierte mich, man konnte es nach oben und unten fahren oder nach vorn oder hinten kippen. Nichtsdestotrotz hatte ich Angst und war starr vor Schreck. Niemand hatte mich auf die Geburt vorbereitet und ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was mich erwartete. Die Schmerzen wurden stärker und beinahe unerträglich. Ich hatte die Nacht mit Schmerzen verbracht, aber mein Baby kam nicht auf die Welt, es hatte den Kopf noch an meiner rechten Seite und sich noch nicht nach unten gedreht. Bilal war nach Hause gegangen, kam aber am Morgen mit einem Fotoapparat zurück und begann, mich in der Lage, in der ich mich befand, zu fotografieren. Am Mittag entschieden die Ärzte, Instrumente einzuführen, um meinen Uterus zu weiten, während zwei Frauen mir auf den Bauch drückten, um die Geburt einzuleiten, doch nichts geschah. Ich war noch verkrampfter als sowieso schon, da die Ärzte Männer waren, die ständig wiederkamen, um ihre Hände zwischen meine Beine zu legen und die Öffnung meiner Gebärmutter abzutasten. In der Zwischenzeit war Bilal für zwei Stunden verschwunden und kam anschließend torkelnd zurück. Er hatte zu viel Bier getrunken, vielleicht wusste er nicht, wie er mit seiner Freude als werdender Vater umgehen sollte. Als ich ihn so sah, verspürte ich Wut und fühlte mich von ihm im Stich gelassen. Er machte ein paar Bilder und verschwand erneut, und ließ mich in meiner Verzweiflung zurück. Ich verstand das Krankenhauspersonal nicht, das mir Fragen auf Deutsch stellte, noch konnte ich meine Bedürfnisse äußern, was meine Situation noch verschlimmerte. Wir versuchten uns mit Händen und Füßen zu verständigen und mit dem bisschen Italienisch, das einige sprachen. Die Pfleger und Ärzte streichelten meinen Kopf, um mich zu trösten und mir zu sagen, wie tapfer ich sei. Trotz der starken Schmerzen schrie ich nicht, nur die Tränen liefen mir lautlos über die Wangen. Ich sah zu dem großen Fenster hinaus, das auf eine grüne Wiese blickte und das das Sonnenlicht hereinließ, das den ganzen Raum erhellte. Um ein Uhr am Nachmittag beschlossen die Ärzte, einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Es kam ein Arzt mit schwarzem Bart und mit einer Nadel in der Hand, die er langsam in meine Wirbelsäule einführte. Zu Beginn schmerzte dies sehr, doch dann spürte ich nichts mehr. Die Hälfte meines Körpers, ab dem Bauch abwärts, war wie tot. Sie wollten gerade den Schnitt setzen, als sich mein Baby wie durch ein Wunder in letzter Minute drehte und nun mit dem Kopf nach unten lag. Zwei Frauen drückten auf meinen Bauch und schließlich kam der Kleine ohne Kaiserschnitt auf die Welt. Bilal war glücklicherweise rechtzeitig zurückgekommen, um bei der Geburt seines Sohnes dabei zu sein, und fotografierte die gesamte Geburt. Ich verspürte eine große Scham, wenn ich daran dachte, dass diese Bilder in einem Fotolabor von fremden Menschen entwickelt werden würden. Obwohl ich körperlich am Ende war, spürte ich eine immense Freude, als man mir mein Kind an die Brust legte und mir sagte dass es ein Junge war. Ich habe nie zuvor eine solche Freude erlebt. Endlich hatte ich ein Lebewesen, das Teil von mir und Teil meines Lebens sein würde. Während ich sein kleines Köpfchen streichelte und ihm ins Ohr flüsterte, wie schön er war und wie glücklich ich über seine Geburt war, dachte ich an meinen Vater. Es war, als wollte ich diese Freude mit ihm teilen.
Ich blickte gen Himmel und dankte Gott für dieses kostbare Geschenk. Ich sah auf mein Baby und tief in meinem Herzen wusste ich, jetzt war ich komplett, mein kleiner Youns wäre von heute an all das, was mir immer gefehlt hatte. Er würde meine Familie und die Freude meines Lebens sein. Von heute an wäre ich nie wieder allein. Ich genoss es gerade, meinen kleinen Jungen auf dem Arm zu haben, als ich sah, dass sich der Arzt mit dem Bart auf einem Hocker vor meinen noch immer gespreizten Beinen, die mit einem Laken bedeckt waren, zurechtrückte. Ich frage mich, was er wohl tat, als ich sah, wie er ein Stück Faden in eine Nadel fädelte und begann, den Schnitt in meinem Intimbereich zu nähen, den sie mir gesetzt hatten, um meinem Baby auf die Welt zu helfen. Er saß da und nähte ruhig vor sich hin, als wäre es ein Stück Stoff. Ich wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Doch trotz alledem war ich den Pflegern und den Ärzten unendlich für ihre liebevolle Fürsorge und Aufmerksamkeit dankbar. Niemals hätte ich geglaubt, dass mich Menschen einmal auf solche Weise behandeln würden. Bilal strahlte vor Freude, während er sein Baby unsicher auf den Arm nahm. Zu meinem Glück war der Film beschädigt worden: Offensichtlich hatte Bilal die Fotokamera im Licht geöffnet. So gab es keine Bilder und Bilal war über alle Maßen enttäuscht. Nach wenigen Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst am Abend auf der Suche nach meinem Baby erwachte. Er lag neben mir, in eine himmelblaue Decke eingewickelt und schlief in seinem Bettchen wie ein Engel. Am nächsten Tag kamen Pina und Carla vorbei und nahmen Youns glücklich auf den Arm. Sie küssten ihn und betrachteten ihn so voller Zärtlichkeit, als wäre er ihr Neffe. Auch Bilal kam mich besuchen, beschränkte sich aber darauf, mich zu begrüßen. Er blieb mit verschränkten Armen und verärgertem Gesichtsausdruck stehen. Nach fünf Minuten ging er bereits wieder. Er sagte, er hasse Krankenhäuser. Sobald er auch nur einen Fuß hineinsetze, bekäme er keine Luft mehr. Er hatte eine Art Krankenhausphobie. Ich versuchte ihn zu verstehen, doch es machte mich traurig, dass er nicht bei mir war und ich die Freude über unseren Sohn nicht mit ihm teilen konnte, wie es meine Zimmergenossinnen mit ihren Ehemännern taten. Am Morgen des Tages nach der Geburt kam eine Krankenschwester und brachte mich in ein anderes Zimmer, das voller kleiner Bettchen war, in dem die Säuglinge lagen. Sie nahm Youns aus einem der Bettchen und ging in Richtung eines großen Waschbeckens. Sie wollte mir zeigen, wie ich das Baby waschen und umziehen könnte. Auch wenn ich die Worte nicht verstand, wiederholte ich alles, was sie tat. Schon beim ersten Versuch hatte ich die Prüfung bestanden und wurde zu einer frisch gebackenen Mutter. Dies gab mir die Krankenschwester durch ihre Art, wie sie lächelte und mich lobte, zu verstehen. Für mich sind Arbeiten von Hand kein Problem, auch als Sklavin hatte ich mich immer um die Kinder gekümmert. Das Problem lag allerdings woanders. Ich folgte der Schwester zurück in das Zimmer, dort stand eine Waage auf einem Tisch. Sie forderte mich auf, das Baby zu wiegen und das Gewicht und die Uhrzeit auf einen Block zu schreiben, um den Kleinen später nach dem Stillen wieder zu wiegen. Ich war sehr verwirrt, da mir derartiges völlig neu war. Bei uns werden die Leute nicht gewogen. Nur Hühner und Kaninchen, bevor sie zum Verkauf auf den Markt in unserem Dorf gebracht wurden. Ich war sehr unbeholfen und starrte die Krankenschwester an, während meine drei Zimmergenossinnen mich beobachteten, um zu sehen, ob ich sie verstanden hätte. Ich gehorchte und tat, wie mir aufgetragen war. Unter ihrem aufmerksamen Blick und dem meiner Zimmerkolleginnen legte ich den Kleinen auf die Waage, sah auf die Zahlen, die ich weder entziffern noch zählen noch auf Deutsch schreiben konnte. Ich fühlte mich, als würde ich ohnmächtige werden vor Scham und der Angst, zu scheitern. Ich schwitzte und konnte den Bleistift nicht halten, da ich so sehr zitterte. Ich begann etwas auf den Block zu kritzeln, was selbst für mich unleserlich war, geschweige denn für die Frau, die mich erstaunt beobachtete. Sie bemerkte schnell, dass ich Analphabetin war. Ich fühlte mich minderwertig, wie ein Nichts. Niemals war mir stärker bewusst, was für eine Einschränkung es war, wenn man sich nicht mittels Schreiben und Lesen ausdrücken konnte. Ich erkannte auch, dass in der Schweiz, im Gegensatz zu meinem Land, alles über Lesen und Schreiben funktionierte. Am Tag darauf versuchte es eine andere Schwester erneut, aber es war nichts zu machen. Ich begann vor Demütigung und Scham zu weinen. Als mich Bilal am Abend besuchen kam, flehte ich ihn an, mich mit nach Hause zu nehmen. Der diensthabende Arzt hingegen riet mir, noch ein paar Tage zu bleiben, aber ich glaubte, ersticken zu müssen und wollte keine weitere Nacht mehr dort verbringen. Ich ging am selben Abend mit nach Hause, auch wenn mich die genähten Stellen noch sehr schmerzten und ich weder laufen noch sitzen konnte.
Zuhause fand ich das totale Chaos vor. Berge von schmutzigem Geschirr türmten sich im Spülbecken. Aber ich war so glücklich, mit meinem Youns im Arm zu Hause zu sein. Sanft legte ich ihn in seine Wiege, in der er wie ein Engel weiter schlief. Bilal entschuldigte sich für die Unordnung: »Ich wollte noch sauber machen und einkaufen, bevor du kommst, aber nun hast du mich kalt erwischt. Es tut mir leid.« »Mach dir keine Sorgen, ich wasche das Geschirr ab, während du das Essen machst.« Aber er war außer sich vor Freude und lief immer wieder auf und ab, um Youns beim Schlafen zu betrachten.
Am nächsten Tag ging ich in die Stadt, um mit meinem Kleinen einkaufen zu gehen. Ich trug ihn in einer Art Tasche, die ich mir um die Schultern band. Es war ein wunderbares Gefühl, meinen Kleinen so nah an mir zu tragen. Ich schützte sein Köpfchen mit der einen Hand und in der anderen trug ich die Einkaufstasche und lief fröhlich nach Hause, als wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Auch wenn ich bei jeder Bewegung Schmerzen hatte, es störte mich nicht, ich war viel zu glücklich, um den körperlichen Schmerz zu spüren. Drei Tage später bekam ich 41 Grad Fieber. Ich hatte so viel Milch, dass ich zwei oder drei Kinder hätte versorgen können, und dieser Überschuss an Milch verursachte eine Entzündung in der Brust. Ich phantasierte die ganze Nacht und doch machte ich mir nicht allzu große Sorgen. Nicht einmal Bilal hatte daran gedacht, einen Arzt zu rufen. Er ging arbeiten und ich blieb im Bett, mein Baby neben mir. Ich schlief und wachte im Delirium wieder auf, schweißgebadet. Ich stand nur auf, um Youns zu stillen, seine Windeln zu wechseln, Wasser oder Tee zu trinken, und legte mich dann wieder schlafen. Am zweiten Tag kam eine Freundin von Bilal, Gabriela, zu Besuch, um mir zu gratulieren. Gabriela war sehr nett und sprach mit mir italienisch. Sie machte mir Wadenwickel mit Wasser und Essig und legte mir Kompressen auf die Stirn, dir mir sofort Linderung verschafften. Sie sagte, ich solle sofort zum Arzt gehen. Zum Arzt gehen, nur wegen ein bisschen Fieber und einer schmerzenden Brust, dachte ich im Stillen. Ich war nicht daran gewohnt, zum Arzt zu gehen. Bei meinen früheren Herrschaften wurde ich nicht versorgt, wenn ich krank war, im Gegenteil, ich musste in diesem Zustand weiterarbeiten. Immerhin war ich jetzt sicher in meinem Bett und in der Nähe meines kleinen Jungen, der mich so glücklich machte, wie ich es nie zuvor gewesen war. Auch meine Familie war nicht daran gewöhnt, zu einem Arzt zu gehen, wenn jemand krank war. Abgesehen von der Tatsache, dass es bei uns auf dem Land zur damaligen Zeit weder Ärzte noch Krankenhäuser gab. Meine Mutter hatte mir einmal erzählt, dass auch sie einmal eine Brustinfektion gehabt hatte, während sie stillte. Sie sagte, ein roter und stark pulsierender Fleck hätte sich auf ihrer Brust gebildet. Als sie die Schmerzen und das hohe Fieber nicht mehr aushielt, nahm sie ein Messer, hielt es übers Feuer, bis es glühte und schnitt sich dann in die Brust, dort wo der rote und harte Fleck war. Natürlich ohne Betäubung oder Schmerzmittel. Gelber Eiter spritzte aus dem Schnitt in der Brust. Während sie vor Schmerzen schrie, drückte sie weiter auf ihre Brust, um alles herauszulassen. Nach einigen Tagen erholte sie sich vom Fieber und die Wunde schloss sich. Glücklicherweise hatte sie von ihrer Mutter überliefert bekommen, wie diese traditionelle Behandlungsmethode funktionierte, die zwar sehr schmerzhaft war aber Leben rettete.
Obwohl Gabriela darauf bestanden hatte, ging ich nicht zum Arzt. Mir genügte der Gedanke an all die Ärzte, die mich bei der Geburt umgeben hatten, wenn auch in der guten Absicht, mir zu helfen. Das Fieber nahm seinen Lauf und die Infektion klang ohne medizinische Versorgung ab. Ich massierte meine Brust regelmäßig und pumpte die Milch ab und stillte Youns mit der gesunden Brust. Schließlich kehrte auch mein Appetit zurück, den ich seit meiner Ankunft in der Schweiz nicht mehr verspürt hatte. Ich aß ein wenig von allem, insbesondere Fleisch, das ich seit mehreren Monaten nicht mehr gegessen hatte, und sogar ein wenig Käse, der mir bis dahin nicht geschmeckt hatte. Ich gewann an körperlicher Kraft und verbrachte die schönsten Tage meines Lebens zusammen mit meinem Kind. Auch Bilal konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und unseren Sohn auf den Arm zu nehmen. Bilal hatte begonnen, regelmäßig mit mir zu Abend zu essen. Auch die kleine Miriam war glücklich und stolz auf ihren kleinen Bruder. Youns brachte große Freude in unser Leben, die mich aus der Einsamkeit riss, die ich mein ganzes Leben lang verspürt hatte.
Eines Morgens stand eine Frau vor der Tür, doch als sie bemerkte, dass ich kein Deutsch sprach, ging sie wieder. Sie war eine Betreuerin, die junge Mütter kontrollierte und unterstütze. Sie brachte ihnen bei, wie sie ihre Babys zu versorgen hatten oder gaben Ratschläge und beantwortete Fragen. Ich hatte tausend Fragen, doch es war nichts zu machen. So musste ich mich selbst darum kümmern, meinen Kleinen ohne die Hilfe oder die Erfahrung eines Erwachsenen zu versorgen. Um ehrlich zu sein, ich war ganz froh, dass die Frau wieder weg war. Ich hätte mich geschämt, ihr das Kinderzimmer zu zeigen, das nicht so eingerichtet war, wie ich es bei anderen Schweizer Familien gesehen hatte. Im Zimmer stand das Bettchen von Youns, das wir von Freunden geschenkt bekommen hatten, ein Teppich lag am Boden, eine Matratze, ebenfalls am Boden, auf der Bilal und ich neben unserem Baby schliefen, im einzigen Zimmer, das mit einem Ölofen beheizt werden konnte, zusätzlich zu dem Holzofen im Wohnzimmer. Youns hatte kein schönes Zimmer, aber dafür bekam er all meine Liebe und die seines Vaters. Bilal besaß nicht viel, da er stets all sein Geld zu seiner Familie nach Marokko schickte. Ihm blieb nur das Notwendigste zum Leben, doch trotz alledem war ich glücklich und dankbar für das, was wir besaßen. Unsere Freunde schenkten uns gebrauchte Kleidung für mich und Youns. Doch manchmal hatte ich Angst, dass wir von den anderen wegen unserer wirtschaftlichen Lage verachtet und abgelehnt werden würden. Ich war von meiner Heimat gewöhnt, dass die Armen weniger wert waren als die Reichen. Zum Glück waren unsere Freunde sehr bescheidene Menschen. Sie liebten und respektierten uns für das, was wir waren und nicht für das, was wir besaßen. Viele sagten auch, dass unser Haus eine tolle Aura hätte. Tatsächlich wollten viele von ihnen gar nicht mehr gehen, weil sie sich bei uns sehr wohl fühlten. Eine weitere Sache, die mir in der Schweiz sehr gut gefallen hat, war, dass die Menschen alle gleich behandelt wurden, ob Frau oder Mann, arm oder reich. Alle hatten die gleichen Rechte, was die Gesundheit, das Recht auf Schulbildung und die Religionsfreiheit betraf. Selbst die Tiere wurden würdevoll und besser behandelt, als in manchen Ländern der Welt die Menschen.
Ich war überrascht, dass in der Schweiz die Menschen, die auf dem Land lebten, dieselben Rechte hatten wie die aus der Stadt. Zum Beispiel gab es in den Dörfern Schulen, Postämter, Geschäfte und Banken, Ärzte, Apotheken und Verkehrsmittel, es gab elektrischen Strom und Wasserleitungen. Im Haus eines Schweizer Bauern sah es, was den Komfort anbelangte, nicht anders aus als im Haus eines Städters. Die Schweizer Bauern waren außerdem sehr stolz darauf, Landwirte zu sein. Sie gingen erhobenen Hauptes, im Gegensatz zu den Bauern bei uns, die immer mit gesenktem Kopf herumliefen, da sie sich im Vergleich zu den reichen Stadtmenschen minderwertig fühlten. Doch glücklicherweise haben sich die Dinge auch in meinem Land zum Besseren gewendet. Mittlerweile gibt es in den meisten unserer Dörfer Strom und Trinkwasser, ein Postamt, eine Telefonzelle, Geschäfte, eine Schule und eine Apotheke, und in den größeren Dörfern sogar medizinische Versorgung.
Es war Oktober und das Wetter war noch recht mild. Ich packte meinen Kleinen in seine Tragetasche und unternahm lange Spaziergänge den Fluss entlang, der ein Paradies bot, mit all den Bäumen mit ihren orangen und hellbraunen Blättern. Ein schöner Kontrast zu den grünen Wiesen und dem glitzernden Wasser des Flusses, in dem sich der mit Wolken übersäte Himmel spiegelte. Gelinde gesagt, eine magische Natur. Die Natur bereitet sich auf ihren Winterschlaf vor, so wie ich sie bei meiner Ankunft in der Schweiz vorgefunden hatte, bedeckt von Schnee und Nebel. Ich war körperlich gestärkt und begann meine Arbeit an den Gewürzen wieder aufzunehmen, wenn Youns schlief. Youns wuchs zusehends und er war ein sehr hübsches Kind, mit großen schwarzen Augen und schwarzem, lockigem Haar. Er war glücklich, zufrieden und gesund. Er hatte ein wundervolles Lächeln, das alle Leute begeisterte. Er weinte und jammerte nie. All unsere Freunde und Nachbarn liebten ihn für sein bezauberndes Wesen. Ich verrichtete meine Arbeiten in Ruhe, während er in seiner Wiege lag, die ich überallhin mit hinnahm. Oft unterbrach ich meine Arbeit, streichelte ihn und küsste ihn am ganzen Körper, ich wechselte seine Windeln und stillte ihn, um ihn dann wieder in seine Wiege neben mich zu legen. Wenn ich von der Arbeit müde war, legte ich mich mit ihm auf die Matratze und wir schliefen umschlungen ein, wie zwei Kinder. Zwischen uns entwickelte sich eine Beziehung, die weit über die zwischen Mutter und Sohn hinausging. Seit seiner Geburt fühlte ich mich wie neu geboren und wuchs gemeinsam mit ihm Tag für Tag. Vor seiner Geburt hatte ich immer das Gefühl, dass mein inneres Wachsen, das kindliche Wachstum, im Laufe der Zeit stehen geblieben war, doch jetzt war es wiederbelebt, und ich entwickelte mich, gemeinsam mit Youns, weiter.
Urlaub in Marokko
Es war Dezember, der Monat, den Bilal stets bei seiner Familie in Marokko verbrachte. Er war sehr glücklich, sie wiederzusehen, während ich eine Mischung aus Freude darüber verspürte, meine Familie zu besuchen, und Angst vor meiner Schwiegermutter. Denn die Tradition verlangte leider, dass ich den Urlaub mit meinem Mann im Hause meiner Schwiegereltern verbringen musste. Gott sei Dank hatte ich mein Kind, das mir Mut gab, und die kleine Miriam, die mit uns kam. Doch zuerst mussten wir die Geschenke für die vielen Verwandten von Bilal kaufen. Ich hatte beschlossen, ihn mit dem Geld, das ich mit den Gewürzen verdient hatte, dabei zu unterstützen, Parfums, Make-up, Cremes, Schuhe, Uhren und Schweizer Schokolade zu kaufen. Für seine Neffen kauften wir Spielzeug und Kleidung. Für meine Familie kaufte ich wenig. Wie ich meine Schwiegermutter kannte, hätte sie mich dafür verurteilt, wenn ich mehr für meine Familie gekauft hätte. Ich habe mehr Dinge für sie und ihre Töchter gekauft, in der Hoffnung, ihre Wut auf mich zu besänftigen und vielleicht Freundschaft schließen zu können. Aber ich täuschte mich, denn wie ein altes Sprichwort besagt, die Katze lässt das Mausen nicht.
Am Abend vor unserer Abreise war ich im Wohnzimmer, in dem alle Geschenke und Koffer und Taschen verteilt waren, die ich noch packen musste. Youns lag neben mir in seiner Wiege und brabbelte glücklich vor sich hin. Als Bilal nach Hause kam, sah ich, wie er 1000 Franken in Geldscheinen aus seinem Geldbeutel zog. Draußen schneite es und es war kalt, auch drinnen war es kalt, doch das Wohnzimmer war mit dem Holzofen beheizt. Ich frage Bilal, wo er denn das ganze Geld her habe, und er antwortete, es sei von der Bank. »Hast du es gespart?« »Nein, ich habe es mir geliehen.« »Ist das das erste Mal, dass du dir Geld von der Bank leihst?« »Nein, ich mache das immer so, bevor ich nach Marokko fahre.« »Du hast immer Schulden gemacht?« »Ja. Aber warum bombardierst du mich mit all diesen Fragen?« Ich sah ihn ernst an und fragte: »Bilal, wie viel Schulden hast du im Moment?« Er wandte sich ab, um die Geldscheine in ein Täschchen zu stecken. »Das geht dich nichts an. Du bist doch erst vor kurzem in mein Leben gekommen, was bildest du dir denn ein, dich in meine Angelegenheiten einmischen zu können?« »Es sind jetzt nicht mehr nur deine Angelegenheiten, Bilal. Vergiss nicht, dass wir verheiratet sind und einen Sohn haben.« Ich sah ihn ernst an und sagte: »Bitte, gib mir das Geld, wir müssen es auf die Bank zurückbringen. Wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben.« Er sah mich an wie ein Kind seine Mutter, die ihm gerade ein Verbot erteilt hatte. Nach einem tiefen Seufzer gab er mir das Geld. Es waren 3000 Schweizer Franken. Zu diesem Zeitpunkt eine enorme Summe für uns. Ich löste ein Stück des Teppichbodens in einer Ecke des Wohnzimmers und stopfte die Geldscheine darunter, dann legte ich den Teppich wieder zurecht und stellte einen Blumentopf darüber. Bei unserer Rückkehr würden wir es zurückgeben. Mit einem traurigen Blick sagte er: »Aber was machen wir, wenn unser Geld nicht für Marokko ausreicht? Du hast ja keine Ahnung, Aicha, welche Ausgaben mich erwarten.« »Wir müssen uns arrangieren, Bilal, und nur das ausgeben, was wir haben, und keinen Cent mehr.« Er war voller Sorge, weil er um die Erwartungen seiner Familie wusste. All die Jahre hatte er die Schulden bezahlen müssen, die sie in den Läden gemacht hatten, neben den großen Ausgaben, die er für sie zu Hause machen musste, ganz zu schweigen vom Bargeld, das alle von ihm erwarteten. Außerdem hatte Bilal ihnen ein Haus gebaut und mit neuen Möbeln eingerichtet und jetzt musste er ihnen einen zweiten Stock bauen und auch diesen einrichten. Bilal war der einzige der neun Kinder, der auf eine besondere Schule geschickt worden war, diese war eigentlich den Kindern französischer Familien vorbehalten, die in der Stadt leben, in der Bilal geboren und aufgewachsen war. Sein Vater hatte beim Militär gearbeitet, in einer Position, durch die er viele Leute, auch unter den Franzosen, kannte, durch die er den Vorteil genoss, seinen Sohn an dieser Schule unterrichten zu lassen. Nachdem Bilal seine Grundausbildung an der französischen Schule beendet hatte, brach er die Schule ab und wurde zu Handwerkern geschickt, um dort verschiedenen Arbeiten zu erlernen. Mit viel Geschick stellte er Silberschmuck, Taschen und Gürtel aus Leder und Souvenirs aus Holz her. Er verkaufte diese Gegenstände an die Touristen und verdiente viel Geld. Außerdem arbeitete er als privater Fremdenführer und kochte für die Touristen, besonders für die Amerikaner, die ihn sehr gut bezahlten. Doch der größte Teil seines Lohns ging an seine Familie. Bilal war von klein auf die große Verantwortung übertragen worden, seine ganze Familie finanziell zu unterstützen, als Dank für das Opfer, das sein Vater gebracht hatte, indem er ihn an der französischen Schule, gegen Geld, hatte ausbilden lassen. Als Bilal 20 war, beantragte sein Vater einen Reisepass für ihn und schickte ihn nach Europa, mit der Absicht, dass er dort arbeiten und hohe Geldbeträge an seine Familie schicken sollte. Von da an arbeitete Bilal in verschiedenen europäischen Ländern und schickte seiner Familie regelmäßig Geld. Doch eigentlich träumte er davon, zusammen mit Lisa, die er in Marokko kennengelernt hatte, um die Welt zu reisen. Doch zuerst mussten sie mehr Geld für ihre Reisen sparen und so arbeiteten sie gemeinsam in der Schweiz. In der Zwischenzeit wurde sie jedoch schwanger, und sie mussten wegen des Kindes heiraten. Am Ende ließ sich Bilal in der Schweiz nieder und zwei Jahre später ließen sie sich scheiden, weil sie sich nicht mehr verstanden.
Nun, dieses Mal würde Bilal mit weniger Geld in der Tasche nach Marokko kommen und die ganze Familie würde mir dafür die Schuld geben. Sie hatten recht, aber ich musste an unsere Familie in der Schweiz denken, neben der schweren Last, die dies für Bilal darstellte. Leider hatte mich meine Schwiegermutter noch schlimmer im Visier als zuvor, und sie hatte einen weiteren Grund, mich loswerden zu wollen.
Bei unserer Ankunft war das Haus der Schwiegereltern voller Menschen. Die Schwägerinnen, die Schwager und alle Neffen und Nichten. Pünktlich wie jedes Jahr hatten sie sich versammelt und warteten auf Bilal und die Geschenke. Bilal wurde herzlich begrüßt, ich hingegen wurde überhaupt nicht herzlich aufgenommen. Nachdem wir einen Tee getrunken hatten, beauftragte mich Bilal damit, die Geschenke zu verteilen. Meine Schwiegermutter und ihre Töchter starrten mich voller Verachtung an, als ich ihnen die Geschenke überreichte. Keiner von ihnen sagte auch nur Danke. Sie wandten sich an Bilal und bedankten sich widerwillig bei ihm. Sie waren gedemütigt, weil üblicherweise Bilal die Verteilung der Geschenke übernommen hatte. Auch er bemerkte ihre unzufriedenen Gesichter. Mir ging es schlecht bei dem Gedanken, mein ganzes Geld für diese Geschenke ausgegeben zu haben. Wie naiv war ich gewesen zu glauben, dass sie mich so akzeptiert hätten. Sobald wir allein waren, sagte Bilal: »Solche Bastarde! Hast du gesehen, dass sie noch nicht einmal ein aufrichtiges Dankeschön für uns übrig hatten? Was haben sie denn noch erwartet?« Vor Enttäuschung fing ich an zu weinen. »Nächstes Mal bringen wir gar keine Geschenke mit, damit sie es lernen!«, sagte Bilal. Natürlich wäre das eine Belastung weniger für uns gewesen. Doch leider waren die Versprechungen von Bilal in dieser Hinsicht leer und wie Stroh im Wind, schnell weggeblasen. Immerhin sorgte die Reaktion seiner Familie mir gegenüber dafür, dass er wissen wollte, was im vergangenen Jahr passiert war, das ich bei ihnen verbracht hatte. Ich hielt dies nicht für den richtigen Zeitpunkt und beschloss, ihm alles zu erzählen, wenn wir zurück in der Schweiz waren, in Sicherheit vor meiner Schwiegermutter. Ein Jahr zuvor hatte sie mir geschworen, dass sie mich, wenn ich ihrem Sohn auch nur ein Wort davon erzählen würde, was ich in ihrem Haus erlebt und zu spüren bekommen hatte, vernichten würde. Ich wusste nicht, was genau sie damit meinte, aber eines war sicher: Sie war eine verrückte Frau und zu allem fähig. Ich wusste, dass Bilal seine Brüder und Schwestern geschlagen und mit seiner Mutter einen heftigen Streit begonnen hätte, wegen dem, was sie mir angetan hatten. Ich wusste jedoch auch, dass er es schnell bereut und sofort wieder Frieden mit ihnen geschlossen hätte. Ich vertraute niemanden, noch nicht einmal ihm.
Das Schlimmste allerdings für sie war, als sie erfuhren, dass mir Bilal in der Schweiz erlaubte, zu arbeiten und mein eigenes Geld zu verdienen, neben der Tatsache, dass ich in kürzester Zeit Lesen und Schreiben, Nähen und vieles mehr gelernt hatte. Bilal selbst erzählte es ihnen, da er sehr stolz auf mich war. Zur damaligen Zeit hörte man von Frauen, die mit ihren Ehemännern nach Europa gegangen waren, immer nur, dass sie dort so lebten, wie es in Marokko üblich war. Das heißt, diese Frauen, oder zumindest die meisten davon, erlangten niemals die Freiheit. Sie wurden innerhalb der vier Wände ihres Hauses eingesperrt und standen unter der Macht ihrer Ehemänner, von denen sie ihr Leben lang abhängig waren. Ich hingegen hatte mehr Freiheiten und so wurde ich von der Familie von Bilal beneidet, was dazu führte, dass sie mich noch mehr hassten als zuvor.
Leider wurde auch die kleine Miriam von der Familie ihres Vaters und vor allem von ihrer Großmutter gehasst. Sie hasste sie so, wie sie ihre Mutter Lisa gehasst hatte. Eines Tages saß ich auf dem Sofa im Esszimmer und stillte Youns. Meine Schwiegermutter setzte sich mir gegenüber und begann, Lisa auf Arabisch zu verfluchen, während sie Miriam voller Verachtung ansah: »Deine verdammte Mutter, die dich nicht meinem Sohn überlassen wollte! Wenn sie das gemacht hätte, wäre Bilal bald nach Marokko zurückgekehrt.« Sie holte tief Luft und fuhr fort: »Ich habe Bilal geraten, das Kind in meine Obhut zu geben, nur so wäre er in sein Land zurückgekommen. Und wegen diesem Bastard von Tochter muss er wer weiß wie lange noch so fern von uns leben. Und diese ungläubige Lisa. Nie werde ich vergessen, wie sie vor Jahren, als sie noch mit meinen Sohn verheiratet war, ihn davon abgehalten hat, mir ein Haus zu bauen. Aber hast du es gesehen? Sobald er geschieden war, hat er mir das Haus gebaut.« Miriam saß voller Angst neben mir. Zum Glück verstand sie kein Arabisch, allerdings wusste sie das hasserfüllte Gesicht ihrer Großmutter zu deuten. Meine Schwiegermutter hatte vor, Bilal davon zu überzeugen, das Kind der Mutter wegzunehmen und es zur Großmutter nach Marokko zu bringen. Der Grund dafür war, dass Bilal dann noch mehr Geld schicken würde, für den Unterhalt des Kindes. So wollte sich meine Schwiegermutter ihr monatliches Einkommen sichern. Glücklicherweise hatte Bilal keineswegs vor, Miriam von ihrer Mutter zu trennen. Ich sah meine Schwiegermutter an, äußerte meine Meinung zu dieser Angelegenheit jedoch nicht. Sie war zu dumm zu verstehen, dass in der Schweiz vor allem die Frauen die Verantwortung für die Kinder trugen. Auch hätte sie nicht geglaubt, dass Bilal nicht über so viel Geld verfügte, dass er einfach ein Haus bauen konnte. Sicher hatten er und Lisa dafür Schulden machen müssen. Nie hätte sie mir geglaubt, wenn ich ihr gesagt hätte, dass Bilal Schulden machen musste, um überhaupt an dieses ganze Geld zu kommen.
Es tat mir so leid zu sehen, wie die kleine Miriam in einer Sprache beschimpft wurde, die sie nicht verstand, als ob alles ihre Schuld wäre. Eines Morgens war meine Schwiegermutter damit beschäftigt, Brotteig zu kneten. Miriam wollte ein Stück vom Teig, um einen eigenen Laib Brot zu formen, wie es alle Kinder gern taten. Also fragte sie ihre Großmutter, ob sie ein Stück haben dürfe. Diese nahm ein Stück Teig und warf es auf den Boden, während sie auf Arabisch sagte: »Nimm, Tochter einer Ungläubigen.« Das Mädchen rannte hinter der Teigkugel her und hob sie weinend auf. »Warum ist die Großmutter immer böse mit mir, was habe ich denn falsch gemacht?«, fragte sie mich mit unschuldigem Blick. Ich schloss sie in den Arm, küsste ihre Stirn und antwortete: »Du hast gar nichts gemacht, Kleines. Sie ist wütend auf sich selbst, dich trifft keine Schuld.« Ich führte sie nach draußen, damit sie mit den Hundewelpen spielen konnte, um sich ein wenig abzulenken. Doch meiner Schwiegermutter gefiel auch nicht, dass ich so liebevoll mit dem Kind umging. Eines Tages befahl sie mir, meinen Koffer und meine Tasche vor ihr auszuleeren und ihr alles zu zeigen, was ich besaß. Ich hatte solche Angst vor ihr, dass ich gehorchte. Als sie die Zäpfchen sah, die ich dabei hatte, fragte sie mich, wozu diese gut seien. Ich antwortete, dass diese für Miriam wären, falls sie Fieber bekäme. Am nächsten Tag fand ich alle Zäpfchen durchstochen vor, ihr weißlicher Inhalt war ausgeleert. Erschrocken fragte ich meine Schwägerin Touria, wer etwas Derartiges getan haben könnte. Sie antwortete, es sei ihre Mutter gewesen. Sie hatte gesehen, wie sie sie angewärmt und aufgestochen hatte, um die Flüssigkeit auszuschütten. Ich war schockiert und hoffte nur, dass Miriam kein Fieber bekäme. Von da wurde mir klar, wie viel Hass in dieser Frau gegenüber ihrer Enkelin und Lisa und vor allem mir gegenüber steckte.
Ein paar Tage nach unserer Ankunft konnte ich endlich meine Familie besuchen und sie in meine Arme schließen. Am Tag vor der Abreise kam meine Schwiegermutter in unser Zimmer und fragte: »Was hast du in der Reisetasche da?« »Ein paar gebrauchte Kleider für meine Familie« »Zeig sie mir!« Ich war nicht in der Lage, mich zu widersetzen. Natürlich hatte sie gewartet, bis Bilal das Haus verlassen hatte. Nachdem ich die Tasche auf den Boden geleert hatte, rief sie: »Ach ja? Das soll alles für deine Familie sein? Diesen Pullover behalte ich und diese Jacke nehme ich für meine Enkelin. Es wäre schade darum! Solche schönen Kleider werden von Kindern in der Stadt getragen, die zur Schule gehen, nicht von Kindern, die den ganzen Tag mit Tieren über die Hügel ziehen, wie deine Schwestern.« Sie wandte sich an ihre Tochter: »Stimmt’s, Touria?« Touria nahm die Jacke an sich, die von Hand gestrickt war, und sagte: »Ich kann die für meine Tochter haben, oder?« Ich sah sie voller Missfallen an: »Eigentlich war sie für meine Schwester Rabiha, damit sie sich auf der Weide wärmen kann. Ich finde sie für deine Tochter ein wenig zu groß.« »Ich verstehe, aber ich hebe sie einfach auf, bis sie etwas gewachsen ist.« »Lass es uns so machen, Touria, im nächsten Jahr bring ich dir eine gleiche Jacke für deine Tochter mit, in Ordnung?« Sie war beleidigt, ihre Mutter hingegen nahm einen weißen Pullover, der für meine Mutter bestimmt war. Es war unglaublich! Sie hatten bereits Geschenke erhalten, auch Kleidung, auch für die Tochter von Touria, und jetzt wollten sie auch noch diese an sich reißen. Bilal hatte ein paar Lebensmittel gekauft, um sie mit zu meiner Familie zu nehmen, doch er hatte kaum das Haus verlassen, als meine Schwiegermutter schon die Einkaufstasche auf dem Boden ausleerte, um zu sehen, was darin war. Als ich die Tasche mit den Kleidern nehmen und zu meiner Familie aufbrechen wollte, bemerkte ich, dass nur noch ein Viertel der Klamotten darin war. Die schönsten Kleider waren alle verschwunden. Ich brach in Tränen der Enttäuschung und der Wut aus. Ich fragte alle, wo die Kleider ware, aber die Antwort war immer die gleiche, nämlich, dass ich die Familie als Diebe bezeichnen und sie damit beleidigen würde. Ich verließ das Haus mit den wenigen Dingen, die sie mir gelassen hatten. Es war wie immer, aus Angst vor der Schwiegermutter erwähnte ich nichts in Bilals Anwesenheit. Er begleitete mich, und ebenso seine Schwestern, Soubida und Fttouma, die von ihrer Mutter beauftragt wurden, alles zu überwachen, was ich meiner Familie sagen würde, um ihr dann davon zu berichten. Meine Familie war außer sich vor Freude, Youns, Bilal und mich wiederzusehen. Nachdem wir gegessen und etwas Tee getrunken hatten, nahm ich die verbliebenen Kleider und breitete sie auf dem Teppich im Zimmer aus, wo wir wie in alten Zeiten im Kreis saßen. Meine Mutter verteilte sie, doch sie reichten leider nicht für alle. Dessen ungeachtet strahlten ihre Gesichter vor Freude darüber, mich in ihrer Mitte zu haben. Sie waren verrückt nach der Schweizer Schokolade, die ich mitgebracht hatte, ebenso wie einen Wecker, damit sie rechtzeitig aufstehen konnten, ohne sich auf das üblicher Kikeriki des Hahns verlassen zu müssen. Sie freuten sich auch sehr über die Lebensmittel, das Gemüse, Fleisch und Obst. Meine Schwiegermutter hatte ihrem Sohn aufgetragen, noch am selben Abend nach Hause zu kommen und die Nacht nicht bei meiner Familie zu verbringen. Sie hatte Angst, dass er Geld für meine Familie ausgeben könnte, zusätzlich zu der Tatsache, dass sie einfach nicht wollte, dass ich Zeit mit ihnen verbrachte. Ich fühlte mich nicht gut, ich hätte so gern meine Familie ein paar Tage um mich gehabt und die reine Landluft meiner Heimat genossen. Ich wollte ihnen alle Neuigkeiten aus der Schweiz berichten und die Leute aus dem Dorf und meine Bekannten besuchen. Ich wollte Youns, auf den ich so stolz war, allen zeigen, doch leider musste ich Bilal zum Haus seiner Eltern zurückbegleiten. Er tat alles, was ihm seine Mutter sagte und ich musste seinem Willen folgen, den er wiederum mir aufzwang. In Marokko verhielt er sich mir gegenüber völlig anders, ich erkannte ihn kaum wieder. Ich fühlte mich wie früher in der Sklaverei, als hätte ich einen Albtraum. Und so musste ich einen Monat Urlaub nur mit seinen Angehörten verbringen und fühlte mich die ganze Zeit über verhasst. Eine weitere Tatsache, die Bilal so gleichgültig machte, war das Gemisch, das ihm seine Mutter regelmäßig zubereitete, um ihn zu kontrollieren und ihn wie eine Marionette für ihre egoistischen Ziele einzusetzen. Es war eine Mischung, die el-mehjun genannt wurde, sie bereitete sie mit Datteln, gemahlenen Nüssen und Honig zu und fügte außerdem einen Pflanzenextrakt hinzu, der Rauschgift enthielt.
Um mich zu provozieren, fragten meine Schwägerinnen und ihre Mutter mich, ob Bilal und Heidi auch nach unserer Hochzeit weiterhin zusammenlebten. Wie üblich wussten sie genau, wie sie mich verletzen konnten. Ich schwieg, um ihnen keine Befriedigung zu verschaffen.
Larbi, Bilals Bruder, erschien mir reumütig und bat mich indirekt um Verzeihung dafür, mich während meiner Zeit in ihrem Haus vergewaltigt zu haben. Er klebte die ganze Zeit an mir und unterhielt sich lächelnd mit mir und ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Es war klar, dass er immer noch in mich verliebt war. Ich wusste außerdem, dass er Angst davor hatte, dass ich seinem Bruder von der Vergewaltigung erzählen würde, der ihn tot geprügelt hätte. So tat Larbi alles, um den Schaden wiedergutzumachen, aber er irrte sich, der Schaden, den er mir zugefügt hatte, hatte tiefe Spuren in mir hinterlassen und ich hatte noch viele Jahre damit zu kämpfen. Während unserer Unterhaltungen schwor mir Larbi, dass, wenn er einmal heiraten würde, es ein Mädchen wäre, das mir ähnlich sähe und dass sie aus meiner Heimat kommen und, wie ich, Berberin sein müsse. Das jedoch wäre eine weitere Katastrophe für meine Schwiegermutter gewesen, die die Berber hasste. In der Tat lernte er wenige Jahre später ein hübsches Mädchen aus meiner Heimat kennen, mit der er noch immer glücklich verheiratet ist und Kinder hat. Er hatte glücklicherweise aus dem Fehler Bilals gelernt, und hatte prinzipiell seine Frau von seinen Schwestern und seiner Mutter ferngehalten. Er zog in eine andere Stadt und kam nur noch selten vorbei, um seine Eltern zu besuchen. Auch vertraute er mir an, dass er nicht wollte, dass seine Familie zu Besuch kam, um keine Zwietracht zwischen ihm und seiner Frau zu säen. Auch Musa, der jüngste meiner Schwäger, heiratete ein Mädchen aus meiner Region. Meine Schwiegermutter war keineswegs glücklich darüber, dass die beiden mit Berberinnen verheiratet waren. Leider waren ihr auch meine neuen Schwägerinnen verhasst, jedoch nie in dem Maße, wie ich eine Schande für sie war, wo ich doch immer das Brandzeichen der Sklaverei trug und außerdem verhindert hatte, dass sie ihre Taschen mit Bilals Geld füllte.
Vor unserer Rückkehr in die Schweiz ging Bilal mit mir zu meiner Familie, um mich zu verabschieden. Bedauerlicherweise wurden wir von seiner Mutter und ihrer Tochter Soubida begleitet. Meine Schwiegermutter verachtete meine Familie, wegen ihrer Armut und ihrem sozialen Stand. Als wir in meiner Gegend ankamen und aus dem Taxi stiegen, blickte sie auf das wunderschöne Land mit seiner unberührten Natur und legte ihr Gesicht in Falten, wie das einer Hexe, und sagte: »Pfui!« Dabei spuckte sie auf die Erde. »Dieses Land und seine Bewohner sind weniger wert als eine faule Zwiebel!« Dabei sah sie mir direkt in die Augen. Ich war verletzt, durfte es mir aber nicht anmerken lassen. Meine Familie freute sich, mich wiederzusehen und zum Glück konnten wir eine Nacht bei ihnen verbringen. Bilal, seine Schwester und seine Mutter ließen sich nicht dazu herab, bei meiner Familie zu übernachten, sie schliefen bei Bekannten in einem Dorf weiter unten im Tal. Ich war sehr traurig darüber, dass Bilal die Nacht nicht mit mir und unserem Sohn in meinem Zuhause verbrachte. Ich wollte auch meine Schwester Saina treffen, so ging ich am Morgen des nächsten Tages hinunter ins Tal, wo Bilal mich erwartete. Zu meiner großen Überraschung wollte uns seine Mutter begleiten. Erst nachdem wir bei Saina angekommen waren, verstand ich den Grund dafür. Auch meine Mutter und meine Schwägerin Melhid, mit ihrem Baby auf den Rücken gebunden, kamen mit uns. Ich war froh, dass sie ein weiteres Kind bekommen hatte, das sie ein wenig über den Verlust ihrer vorherigen beiden Kinder, wie dem kleinen Brek, hinwegtröste. Beide Kinder waren an einer einfachen Infektion gestorben, die man mit zwei Euro hätte heilen können. Doch die Armut und die Tatsache, dass es im Dorf keinen Arzt gab, ließen dies nicht zu. Ein Taxi brachte uns so nahe wie möglich an das Dorf, in dem Saina lebte. Anschließend mussten wir einen weiten Weg durch die Berge zurücklegen, bis wir das Dorf erreichten. Auch Saina trug ein Baby, ihren zweiten Sohn, auf dem Rücken. Ihr erstes Kind war leider gestorben. Nach der Geburt hatte Saina keine Muttermilch und es gab kein Milchpulver oder Fläschchen, zur damaligen Zeit wusste man nichts von solchen Dingen in unseren Dörfern. Saina hatte Ziegenmilch in den Mund des Säuglings getropft, doch diese hatte nicht ausgereicht, um ihn zu retten. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Kinder, die unter solch schlechten und grausamen Bedingungen überlebten. Saina kam mir mit Tränen in den Augen entgegen und wir drückten uns in einer herzlichen Umarmung eng aneinander. Sie war nicht wiederzuerkennen, mit ihrem traurigen Blick, dürr und leichenblass. Sie hatte schwarze Schatten unter den Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Ihre Lippen waren kreidebleich. Es schien, als hätte Saina keinen Tropfen Blut im Körper. Die fünf Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes standen um sie herum und sie kümmerte sich liebevoll um sie, als wären es ihre eigenen. Sie war noch so jung, und doch war sie bereits völlig erschöpft. Ihr junges Leben war zerbrochen und geopfert wie ein Tieropfer, das in den Flammen eines Altars mitten in den Bergen verbrannt wurde, dessen Rauch sich in Luft auflöst. Alles geschah eben, wie es die Tradition wollte, die keine Rücksicht nahm, weder auf das Leben meiner Schwester noch auf das der anderen Mädchen, die denselben Weg gehen mussten. Meine Schwester war für nichts und wieder nichts geopfert worden. Sie konnte noch nicht einmal ihr Leben in Würde führen. Sie war der Zwangsehe zum Opfer gefallen, für das Versprechen einer Kuh von ihrem alten Ehemann, das er unserer Mutter gegeben hatte. Letztlich hatte unsere Mutter ihre Tochter und die Kuh verloren. Ihr Gesichtsausdruck war völlig leblos, nur die schlechte Behandlung und die Tyrannei ihres Mannes waren darin zu lesen. Ich beobachte, wie er sie voller Verachtung ansah und ihr befahl, uns zu bedienen, während er wie ein Pascha am Boden auf den wunderschönen bunten Teppichen saß, die sie gewebt hatte. Sie bereitete den Tee für die Gäste vor und musste ihm eine Schüssel mit Wasser bringen, damit er sich die Hände waschen konnte. Er war im Gegensatz zu ihr kräftig und stark, mit roten Backen und bösem Blick. Ich beobachtete all dies mit Entsetzen, während die anderen dasaßen, sich ausruhten und auf den Tee warteten. Saina, die nur Haut und Knochen war und ihr Baby auf ihrem gebeugten Rücken trug, bediente ihren Ehemann mit demselben angsterfüllten Gesichtsausdruck, mit dem auch ich meine ehemaligen Herren in der Vergangenheit bedient hatte. Er befahl ihr, sich zu beeilen, während sie wie eine Sklavin gehorchte, bucklig wie eine alte Frau, und das mit gerade einmal 20 Jahren, wobei sie aussah wie 40. Sie lief durch das riesige Haus, auf und ab, um die Leute zu bedienen, mit leerem Blick, als sei sie gar nicht in der Wirklichkeit – eine Wirklichkeit, die sie nicht erkannt hatte. Als junges Mädchen hatte sie unter der Misshandlung durch unseren Stiefvater und unsere Mutter zu leiden und heute unter der Tyrannei ihres Ehemanns. Es zerriss mir das Herz, meine Schwester so gebrochen zu sehen. Ich half ihr, das Mittagessen zuzubereiten, ein Tajin mit Hühnchen und Kartoffeln, während Melhid Fladenbrote aus dem Ofen nahm. Wir saßen auf den Teppichen am Boden, um einen niedrigen, runden Tisch herum und aßen alle gemeinsam von dem Tajin. Saina nahm ein Stückchen Fleisch in die Finger und wollte es gerade zum Mund führen, als ihr Mann es ihr aus der Hand riss. Ironischerweise wandte er sich an mich und reichte es mir als Zeichen seiner Wertschätzung für mich als Gast. Ich sah die Enttäuschung meiner Schwester, die ihren wenige Monate alten Sohn im Schoß hielt. Das Kind war so dünn und saugte an der Brust von Saina, die trocken und ohne Milch schlaff herunterhing. Ich warf einen Blick auf die anderen, die ruhig aßen und von diesem Vorfall offensichtlich nichts bemerkt hatten. Ich legte das Stück Fleisch wieder vor meine Schwester. Sie lächelte und nahm es zurück, um es in den Mund zu nehmen, als ihr Ehemann es ihr ein zweites Mal aus der Hand riss. Ich hörte auf zu essen und zog mich zurück. Ich glaubte, mich übergeben zu müssen und wollte schreien, bei diesem Anblick meiner Schwester. Sie sah so hungrig, enttäuscht und verzweifelt aus. Oh lieber Gott! Sie hatte denselben Blick und den unterernährten Körperbau wie die Menschen, die in den Konzentrationslagern gefangen waren. Bilder, die ich aus dem Fernsehen in der Schweiz kannte. Ich stand vom Tisch auf und ging nach draußen, um zu weinen. In diesem Augenblick verspürte ich eine solche Wut auf meine Mutter, die an Sainas Leid schuld war, da sie sie gezwungen hatte, einen alten Mann mit fünf Kindern aus seiner ersten Ehe zu heiraten. Ich wünschte mir so sehr, meiner Schwester zur Freiheit verhelfen zu können, doch das stand nicht in meiner Macht. Als Frau hatte ich nicht das Recht, mich in das Leben meiner Schwester einzumischen, die Eigentum eines Mannes war, der nicht nur unmenschlich und ungebildet war, sondern auch das Verhalten einer Bestie an den Tag legte. Ich erfuhr, dass meine Schwester, neben den Schlägen, die er ihr verpasste, bis sie blutete, auch von ihm vergewaltigt wurde.
Leider hatte ich selbst mit den Problemen mit meiner Schwiegermutter zu kämpfen, und das selbst hier, im Hause von Saina. Ich hatte Saina einige Geschenke mitgebracht. Eine Flasche Shampoo und ein paar meiner Kleidungsstücke, die ich ihr schenken wollte. Doch als ich sie ihr geben wollte, stellte ich fest, dass die Shampoo-Flasche in den Klamotten, die ich für sie in einer Tasche dabei hatte, vollständig ausgeleert war. Ich fragte Melhid, wer das gewesen sein könnte. Sie sagte mir, dass sie meine Schwiegermutter vorher gesehen hatte, wie sie sich an meiner Tasche zu schaffen gemacht hatte. Es konnte nur sie gewesen sein, sie allein war so wahnsinnig. Nach dem Mittagessen wollte meine Schwiegermutter zu einem Magier gehen, der in Sainas Dorf wohnte. Erst jetzt verstand ich den wahren Grund dafür, warum sie mit uns kommen wollte. Sie war ständig auf der Suche nach dem besten Magier, um schwarze Magie zu betreiben gegenüber allen, die sie als Feinde ansah und gegen die es zu kämpfen galt. Man sagte, dass dieser Magier einer der mächtigsten war und dass die Leute aus weit entfernten Gegenden zu ihm kamen. Sie wollte mich um jeden Preis mitnehmen, aber warnte mich zuvor: »Untersteh dich, Bilal etwas davon zu sagen!« Ich ließ Youns bei meiner Mutter. Meine Schwiegermutter sagte zu Bilal, dass sie wegen ihres Knies zu einem Heiler gehen wolle, der nur einen Steinwurf von Saina entfernt lebe, und er glaubte ihr. Wir wurden von einer Frau empfangen, die uns aufforderte, uns in einem Zimmer auf die Matten zu setzen. Der Magier trat ein und begrüßte uns freundlich. Er war ein sympathischer Mann, etwa fünfzig Jahre alt, und trug eine himmelblaue Djellaba und einen weißen Turban auf dem Kopf. Er setzte sich vor uns, kreuzte die Beine und fragte meine Schwiegermutter, was sie denn wissen wolle. Sie sagte: »Ich möchte wissen, was ich tun muss, um meinen Sohn an mich, seinen Vater und seine Geschwister zu binden. Wissen Sie, mein Sohn wohnt im Ausland und ich habe Angst, dass er nie wieder zu uns zurückkehrt oder nicht mehr regelmäßig Geld schickt.« Der Magier versicherte ihr, dass er sein Bestes tun würde. »Ach, und außerdem möchte ich die Zukunft dieses Mädchens kennen«, fügte sie hinzu und deutete dabei auf mich. Er sah mich die ganze Zeit an, während ich mich äußerst unbehaglich fühlte, dazu gezwungen, mich in Gegenwart dieses Magiers aufzuhalten, was ich freiwillig niemals gemacht hätte. Ich konnte es kaum erwarten, diesen Ort wieder zu verlassen. Dann fragte er: »Entschuldigen Sie bitte, wer ist dieses Mädchen?« und zeigte dabei ebenfalls auf mich. Sie sah mich erschrocken an und antwortet: »Das ist die Frau meines Sohnes, von dem ich eben gesprochen habe. Warum?« »Ich sehe, dass dieses Mädchen in einem weit entfernten Land, über dem Ozean, ihr Glück gefunden hat. Ich sehe, dass sie eine glückliche und segensreiche Zukunft vor sich hat.« Dann wandte er sich an mich und sagte: »Du bist ein Glückskind, meine Liebe, Gott hat dich gesegnet.« Er schüttelte den Kopf und blickte auf das Buch, aus dem er die Aufzeichnungen entnahm, um die Magie für meine Schwiegermutter zu erstellen. Sie hingegen erstarrte, als wäre sie soeben von einer giftigen Schlange gebissen worden. Sie konnte diese positive Vorhersage, die er mir spontan gemacht hatte, nicht ertragen. Sie befahl mir, hinauszugehen und sie allein zu lassen. Ich war glücklich, entlassen worden zu sein.
Am späten Nachmittag verabschiedeten wir uns von Saina und wanderten über die Berge, um die einzige asphaltierte Straße zu erreichen. Wir warteten auf ein Verkehrsmittel, doch es kam keines. Die Nacht brach herein und so entschieden wir, bei meinen Onkeln mütterlicherseits zu übernachten, die in der Nähe wohnten. Wir kamen in ihrem Dorf an, nachdem es bereits dunkel war. Erinnerungen an meine geliebte Großmutter stiegen in mir auf, die bereits verstorben war. Ihr großes Haus befand sich neben dem meinen Onkeln. Ich trat ein und fand das Haus leer vor, dabei überkam mich eine starke Melancholie und eine solche Sehnsucht nach meiner geliebten Großmutter. Ich stellte sie mir mit ihrem Stock in der Hand und ihrem Buckel vor, wie sie mit langsamen Schritten durch den großen Hof ging. Ich erinnerte mich an ihre Güte, ihre Liebe und die Ruhe, die sie auf uns Enkelkinder übertragen hatte. Mein beiden Onkel und deren Familien empfingen uns mit großer Freude und Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen brachen wir mit dem ersten Transportmittel auf. Sobald wir im Haus meiner Schwiegereltern angekommen waren, bereitete die Schwiegermutter ihre Magie vor. Sie gab etwas Wasser in eine Schüssel und wusch ihr verschmutztes Gesicht, ihre rechte Hand und ihren dreckigen rechten Fuß. Alles nach Anweisung des Magiers. Dann lag sie in dieses Wasser ein Stück Papier, auf dem der Magier etwas mit einer besonderen Tinte geschrieben hatte, und löste diesen Zettel im Wasser auf. Danach bereitet sie mit diesem Dreckwasser einen Kaffee zu und befahl mir, ihn zu trinken. »Untersteh dich, Bilal gegenüber auch nur ein Wort über den Inhalt dieses Kaffees zu erwähnen!« Ich traute meinen Augen nicht, während ich sie voller Entsetzen ansah. Mir drehte sich der Magen um, als ich nur an ihre stinkenden Füße dachte, die sie seit Tagen nicht mehr gewaschen hatte und in diesem Wasser abgewaschen hatte, das ich nun trinken sollte. Ich weigerte mich, doch sie bestand darauf. Ich sah sie mitleiderregend an und fragte, wozu das gut sein solle. »Damit du und Bilal nicht mich und meine Familie vergesst!« »Aber ich muss doch nicht dieses Zeug trinken, nur um euch nicht zu vergessen. Ich bitte dich, Mama Tamo, ich verspreche dir, alles dafür zu tun, dass Bilal euch immer besuchen kommt und regelmäßig Geld schickt, aber ich bitte dich, lass mich das nicht trinken.« Ich kam nicht gegen sie an. Sie drohte mir, sich an mir zu rächen, wenn ich nicht gehorchte. Ich schloss die Augen, hielt mir die Nase zu und trank diese Schweinerei in einem Zug aus. Ich glaubte sterben zu müssen, wenn ich nur daran dachte, den Dreck von dieser Person getrunken zu haben, die ich in diesem Moment so sehr hasste. Meine Schwägerin Soubida sah mich mit angeekeltem Gesichtsausdruck an. Ich drehte mich um und wollte mich übergeben, doch die Schwiegermutter packte mich am Arm und hielt mich zurück. »Wage es nicht, dich zu übergeben! Behalte es drinnen, damit es wirken kann!« »Verdammt! Es geht mir schlecht! Welche Wirkung willst du denn noch?« »Sprich nicht in diesem Ton mit mir! Oder hast du vergessen, wer ich bin?« Sie hielt sich für eine Heilige mit magischen Kräften, die sie von ihren Vorfahren geerbt hatte. Meiner Meinung nach war sie das Gegenteil, eine psychisch kranke Frau, doch niemand unterstützte mich in dieser Annahme. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Mit wem denn? Mit ihren Kindern, die genauso verrückt waren wie sie? Mit ihren Nachbarn, die sie um jeden Preis mieden? Inzwischen war Bilal zurückgekehrt, und sie bot auch ihm ihren verzauberten Kaffee an. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, ich musste schweigen, während ich mir den Bauch hielt vor Krämpfen und mit der Übelkeit kämpfte, es ging mir so schlecht, ich hätte tot umfallen können. Bilal setzte sich auf die Schwelle vor der Eingangstür in die Kühle des Abends, dort wo ich saß, während meine Schwiegermutter überwachte, dass ich mich nicht übergab. Er fragte mich: »Was hast du? Geht es dir nicht gut?« Ich sah weg und sagte: »Ich glaube, ich habe etwas gegessen, das ich nicht gut vertrage.« Seine Mutter presste ein falsches Lächeln heraus und ermutigte ihren Sohn, den Kaffee zu trinken. Nachdem er einen Schluck probiert hatte, spuckte er ihn auf den Boden. »Pfui Teufel! Weißt du nicht mehr, wie man Kaffee kocht, Mama?« Er ging in die Küche und sagte: »Ich mache mir einen neuen.« »Nein! Wir haben ihn alle getrunken und keiner hat sich beschwert. Trink! Ich mache dir später einen anderen.« Lügnerin. Ich war die Einzige, die ihn getrunken hatte und er sollte den Rest trinken. Er goss ihn ins Waschbecken und machte sich einen neuen. Ihr ging es schlecht, da ihr Plan nicht aufgegangen war, und das, wo sie doch dem Magier eine große Menge Geld gezahlt hatte. Die Leidtragende war jedoch ich, da ich ihre Schweinerei in meinem Magen ertragen musste. Seltsamerweise rief Kaffee bei mir ab diesem Tag des Öfteren Panikattacken hervor. Bis heute.
Gott sei Dank waren die 30 Tage des Urlaubs in der Hölle endlich vorüber. Wir flogen vom Flughafen in Marrakesch ab. Jedes Mal, wenn ich in Marrakesch war, stiegen in mir die Erinnerungen an meine Zeit als Sklavin hoch, von denen ich noch niemandem etwas erzählt hatte. Selbst Bilal wusste nicht, was ich während meiner Versklavung in der größten Stadt Marokkos erlebt hatte. Meine Schwiegereltern begleiteten uns zum Flughafen, um das letzte Geld, das Bilal noch bei sich hatte, an sich zu nehmen. Bevor wir uns verabschiedeten, zog Bilal seine Brieftasche heraus und gab ihnen alles, bis auf den letzten Cent. Endlich wieder zu Hause in der Schweiz! Das kalte und neblige Land, in dem zu leben ich mir nicht im Geringsten hatte vorstellen können. »Ich? Niemals«, sagte ich zu Onkel Lahcen, als Bilal ihn vor zwei Jahren geschickte hatte, um um meine Hand anzuhalten. Jetzt war dieses Land zu meiner Insel der Zuflucht geworden, mein Rückzugsort von allen Erinnerungen an meine Vergangenheit und den großen Gefahren, die ich bei meiner Schwiegermutter zu bewältigen hatte. Ich liebe Marokko und es wird immer mein Heimatland bleiben, aber ich hatte verstanden, dass ich dort nicht leben konnte, aufgrund der schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit.
Die Schulden
Nach unserer Rückkehr aus Marokko brachte Bilal schweren Herzens das Geld auf die Bank zurück. Ich wollte die Höhe seiner Schulden wissen, die er auf der Bank hatte, aber er weigerte sich, es mir zu sagen. Als Pina einmal zu mir kam, zog ich eine Kiste voller Unterlagen von Bilal hervor. Mit größter Geduld studierte sie alle Unterlagen, bis wir fanden, wonach ich gesucht hatte. Ich war schockiert, als ich entdeckte, dass Bilal 55.000 Schweizer Franken an Schulden hatte. Mit den im Laufe der Jahre angesammelten Zinsen, mussten wir der Bank bereits mehr als 70.000 Franken zurückzahlen. Es waren die Beträge, für die Bilal das Grundstück gekauft und das Haus gebaut hatte, in dem nun seine Eltern, seine Brüder und Schwestern lebten. Außerdem hatte er seinem Vater Geld geschickt, um einige Hektar Land zu erwerben, das der Vater jedoch auf seinen Namen und nicht auf den Bilals hatte eintragen lassen, während Bilal in gutem Glauben davon ausging, dass sein Vater ihn hatte eintragen lassen.
Bilal würde die Wahrheit erst später entdecken. Ich hatte diese Wahrheit bereits zwei Jahre zuvor im Hause meiner Schwiegereltern erfahren, doch meine Schwiegermutter drohte mir ernsthaft, falls ich es Bilal erzählen würde.
Ich legte meinen Kopf verzweifelt in meine Hände, während mich Pina fassungslos anstarrte. Ich fragte mich, wie Bilal glauben konnte, diesen hohen Betrag und die Zinsen jemals zurückzahlen zu können, wenn er doch gerade einmal 2200 Franken im Monat verdiente? Wie würden wir unser Leben finanzieren können, wenn wir anfingen, neben dem monatlichen Unterhalt für Miriam auch noch an die Bank zu bezahlen? Wie könnte man diese Katastrophe seiner gierigen Familie klarmachen, die immer noch mehr Geld von uns wollte? Ich dachte, Bilal würde sich schämen zuzugeben, dass das Geld, das er mit nach Marokko brachte, nicht allein von ihm verdient, sondern hauptsächlich geliehen war.
Mir wurde klar, dass ich mir eine andere Arbeit suchen musste, um ihm dabei zu helfen, die Schulden abzubezahlen. Eines Tages fragte ich Bilal: »Wie gedenkst du, diesen Schuldenberg, den du angesammelt hast, zurückzuzahlen?« »Woher weißt du, dass ich Berge von Schulden habe?« Ich musste gestehen, dass ich seine Unterlagen durchsucht hatte. »Du brauchst dich nicht in meine Angelegenheiten zu mischen, Aicha, ich habe schon alles geregelt.« »Was hast du geregelt? Oder denkst du, die Banken sind so dumm und geben dir endlose Kredite, die du nicht zurückzahlen musst?« Er antwortete: »Wenn die Banken mir nichts mehr geben oder ich nicht in der Lage bin, alles zu bezahlen, dann organisiere ich meine Zukunft in Marokko und bleibe für immer dort.« Ich sah ihn voller Enttäuschung an. »Was? Du hast vor zu flüchten, ohne deine Schulden zu bezahlen? Nehmen wir einmal an, es wäre so, was wird dann aus deiner Tochter?« »Wenn die erwachsen ist, kann sie zu mir nach Marokko kommen.« »Und wenn sie nichts mehr von dir wissen will, weil du sie im Stich gelassen hast?« »Naja, es ist ihre Entscheidung, ob sie zu mir kommen will oder nicht.« »Es tut mir leid, Bilal, aber ich verstehe dich nicht. Man kann doch nicht sein Kind in einem fremden Land zurücklassen, nur um sich dort unten zu bereichern. Und vor allem, für was, um Himmels willen! Um es Leuten recht zu machen, die nichts von Dankbarkeit verstehen? Damit Miriam dann die Konsequenzen tragen muss, indem sie ihren Vater verliert?« »Ich habe es dir schon einmal gesagt und ich wiederhole es gern, wir werden hier bald weggehen. Im Grunde habe ich mit diesem Geld armen Leuten und meiner Familie geholfen, die es dringend gebraucht haben. Oder siehst du das anders?« Ich war aufgebracht und stimmte ihm keineswegs zu, gleichzeitig tat es mir leid um Bilal, dem ich vor meiner Reise in die Schweiz das Versprechen abgenommen hatte, dass wir nach spätestens zwei Jahren für immer nach Marokko zurückziehen würden. Damals wollte ich überhaupt nicht in die Schweiz kommen, aus Angst vor der Kälte und dem Nebel und davor, mich nicht integrieren zu können. Doch jetzt hatte ich meine Meinung geändert. Nur in der Schweiz fühlte ich mir vor seiner Familie sicher.
Die Lähmung
Nach der Rückkehr aus Marokko änderte sich mein glückliches Leben in der Schweiz. Ich war nicht mehr so entspannt und unbeschwert wie zuvor. Die Schulden, die ich vor kurzem entdeckt hatte, belasteten mich und ich beschloss, sie gemeinsam mit Bilal so schnell wie möglich abzubezahlen. Ich hasste diese Schulden und konnte nicht mehr ruhig schlafen, solange sie nicht beglichen waren. Ich musste unbedingt schnell eine Arbeit finden, bei der ich mehr verdienen würde. Auch die Drohungen meiner Schwiegermutter verfolgten mich Tag und Nacht: »Wenn du auch nur ein Wort meinem Sohn gegenüber verlierst, über das, was du hier bei uns erlebt oder gehört hast, dann bringe ich dich um. Und denk nicht einmal dran, ihn zu überzeugen, uns kein Geld mehr zu schicken, versuche es nicht einmal. Der Tag an dem ich davon erfahre, wird dein Ende sein. Hast du das verstanden?« Die Angst und die Drohungen lähmten mich und machten es mir unmöglich, die finanzielle Belastung von uns zu nehmen, die sie uns auferlegten. Ich konnte Bilal kein Wort davon sagen, der wiederum weiterhin große Geldbeträge schickte. Er war sich dem Ernst der Lage überhaupt nicht bewusst, oder weigerte sich, die Wahrheit zu sehen. All diese Sorgen beeinträchtigen sowohl meine körperliche als auch meine geistige Gesundheit. Fieber und Halsschmerzen kamen wieder häufiger vor, obwohl ich lange nicht mehr daran erkrankt gewesen war. Eines Tages brachte mich Pina zu ihrem Arzt, einem älteren Herrn, der seinen Beruf in Teilzeit ausübte. Er hatte eine Lampe an seiner Stirn und trug eine Brille mit doppelten Gläsern, während er meinen Hals untersuchte. Er sagte, ich müsse meine Mandeln operieren lassen. Ich wurde von der Angst übermannt und fragte ihn auf Italienisch und mittels Gesten: »Wie soll das gehen, das Operieren, Doktor? Machen sie mir einen Schnitt im Hals und ziehen sie heraus? Tut das weh?« Der Arzt setzte seine Brille ab und brach in Gelächter aus, offensichtlich bemerkte er, dass ich ungebildet war. »Aber Frau Laoula, Sie müssen keine Angst haben, Sie werden überhaupt nichts spüren, das garantiere ich Ihnen. Die Operation wird über den Mund durchgeführt. Haben Sie das verstanden? Wir vereinbaren einen Termin im Krankenhaus und in etwa einem Monat werden Sie operiert.« Während der Wartezeit auf diese Operation ist mir etwas sehr Seltsames widerfahren. Eines Samstagmorgens erwachte ich mit einem Gefühl der Taubheit im ganzen Körper, aber vor allem konnte ich meine rechte Körperhälfte nicht mehr kontrollieren. Ich hatte Schwindelgefühl und Kopfschmerzen. Auf dem rechten Auge sah ich nur unscharf und ich konnte es nicht mehr schließen. Mein rechtes Bein gab einfach nach. Ich konnte mit der rechten Hand nicht einmal mehr ein Glas heben, sie war wie leblos. Ich wollte essen, doch meine Lippen konnten die Nahrung nicht halten und sie fiel mir aus dem Mund. Ich verstand nicht, was los war, aber ich machte mir keine Gedanken darüber. Ich war immer der Ansicht, dass die Krankheiten, die man bekommt, auf dieselbe Weise auch wieder verschwinden. Noch bis heute denke ich so.
Wir hatten Gäste zum Mittagessen und Bilal hatte gekocht, da ich dazu nicht in der Lage war. Während des Essens sagte eine Freundin von Bilal: »Aicha, du kommst mir heute komisch vor, was hast du?« Ich lächelte mit meinem verzerrten Gesicht, während ich die Gabel mit den Nudeln in den Mund schob, aber sie fielen mir wieder heraus, sodass ich sie mit den Fingern hineinstopfte. Sie sah mich entgeistert an, da mich dies nicht zu stören schien. Nachdem ich gekaut und die Nudeln geschluckt hatte, hielt ich mir die Hand vor den Mund und erwiderte: »Ja, ich weiß, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt, aber vielleicht ist morgen schon wieder alles gut.« Ich setzte meinen Kampf mit dem Essen fort, während die Freundin ihre Gabel auf den Teller legte und sagte: »Du machst dir keinerlei Sorgen? Vielleicht ist es etwas Ernstes? Du musst unbedingt einen Arzt aufsuchen, und zwar sofort.« »Warum sofort? Das gibt sich alles von selber, ich habe keine starken Schmerzen, außer die Kopfschmerzen, und ich spüre im Augenblick meine eine Körperseite nicht, das ist alles.« Sie sagte nichts mehr.
Am Tag darauf hatte sich mein Zustand verschlechtert, ich fühlte mich im Allgemeinen so schlecht, als hätte ich hohes Fieber. Im ganzen Körper verspürte ich ein Kribbeln und das Gefühl von Taubheit. Wegen den Kopfschmerzen und dem anhaltenden Schwindel blieb ich auf dem Sofa liegen. Meine ganze rechte Seite schien langsam zu sterben. Am Montag kamen meine Freundinnen vorbei, die sich erschraken, mich in einem solchen Zustand vorzufinden. Pina bestand darauf, dass ich ins Krankenhaus ging, alle waren der Meinung, es würde sich um etwas Ernstes handeln. Ich gehorchte und ließ mich von ihr ins Auto führen, da ich mein rechtes Bein nicht benutzen konnte und auf dem rechten Auge schlecht sah. Ein auf solche Fälle spezialisierter Arzt untersuchte mich von Kopf bis Fuß mit Instrumenten, deren Namen ich nicht einmal kannte. Dann setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und seufzte. Ich erkannte, dass es nicht so harmlos war, wie ich gedacht hatte. Auch Pina sah plötzlich besorgt aus. Der Arzt sagte mir, dass ich eine akute Lähmung der rechten Körperhälfte hätte. Pina fragte: »Doktor, was kann die Ursache dafür sein?« »Soweit ich das beurteilen kann, handelt es sich um ein Problem des zentralen Nervensystems. Die Dame muss einer sehr hohen Belastung ausgesetzt gewesen sein. Ich gebe ihr Medikamente und werde sie umgehend in das Universitätsklinikum Zürich einweisen, wo sie entsprechend versorgt werden kann. Sie muss dort mindestens einen Monat bleiben oder gar länger.« Pina übersetzte mir das, was ich nicht verstand. »Ich, ins Krankenhaus?«, fragte ich mit zittriger Stimme. »Ich habe ein kleines Kind zu Hause und ich hatte nicht vor, mich von ihm zu trennen, nein! Bitte, Herr Doktor, schicken Sie mich nicht nach Zürich.« Er sah mich traurig an und antwortete: »Um wieder gesund zu werden, benötigen Sie eine besondere Behandlung, und die gibt es nur in Zürich.« Pina sagte mir, sie würde sich um Youns kümmern und ich solle nur daran denken, wieder gesund zu werden. Glücklicherweise gewährte mir der Arzt eine Woche Zeit, um zu sehen, ob ich wieder auf die Beine käme, falls aber nicht, müsse ich ins Krankenhaus nach Zürich. Ich trocknete meine Tränen, nahm meine Medikamente mit und ließ mich, eingehakt in Pinas Arm, nach Hause bringen. In der Zwischenzeit wurde meine Mandeloperation nach hinten verschoben. Als der Arzt sagte, dass ich wohl unter großem Stress stehe, dachte ich sofort an das, was mir meine Schwiegermutter mit ihrem verzauberten Kaffee zugefügt hatte, den sie mich zu trinken gezwungen hatte. Es war nicht auszuschließen, dass sehr toxische oder giftige Stoffe darin enthalten waren, die mein Nervensystem geschädigt hatten. Bei uns wurden Menschen oft so getötet. Man verabreichte ihnen Pflanzenextrakte oder giftige Insekten, die die Menschen langsam töteten, ohne dass es jemand bemerkte. Nicht einmal die Ärzte konnten den Grund für den schlechten Gesundheitszustand der Personen herausfinden, die diese giftigen Getränke geschluckt hatten.
Eine Woche später musste ich erneut zum selben Arzt. Nach einer sorgfältigen Untersuchung sagte er: »Nun, es ist zu früh zu sagen, ob Sie ohne Hospitalisierung wieder gesund werden, aber zumindest hat sich Ihr Zustand nicht verschlechtert, und das ist, was im Augenblick zählt. Nehmen Sie weiterhin die Medikamente und kommen Sie in einer Woche wieder.« Dieses Mal verließ ich die Praxis etwas hoffnungsvoller. Tief in meinem Herzen hoffte ich, dass ich nicht nach Zürich und meinen Sohn nicht für wer weiß wie lange allein lassen musste. Im Augenblick versorgte ich Youns so gut ich konnte und er war glücklich wie immer. Alle waren besorgt um mich. Meine eigenen Sorgen waren seltsamerweise nicht größer, als wenn ich Fieber oder Halsschmerzen hätte. In meinem Kopf drehte sich alles nur darum, gesund zu werden, bevor mich der Arzt nach Zürich schicken würde. Außerdem hatte ich vollstes Vertrauen in ihn und seine Medikamente. Ich betete jeden Tag zu Gott, dass er mich gesund machen möge. »Um was soll ich mich sorgen? Ich weiß doch, dass ich wieder gesund werde. Ich war auch in Marokko immer wieder gesund geworden, auch wenn es mir noch schlechter ging, und das ganz ohne Medikamente. Und jetzt habe ich ja wenigstens Medizin«, sagte ich zu Bilal, während ich an die vielen Male dachte, als ich bei meinen ehemaligen Herrschaften krank gewesen war und sie mich trotz Krankheit und ohne Schmerzmittel weiter arbeiten ließen. Jetzt hatte ich zum einen Medikamente und zum anderen die Fürsorge der lieben Menschen um mich herum, und vor allem: die Liebe, die ich immer verspürte, wenn ich meinen Sohn in die Arme nahm. Dies half mir mehr als alle Medizin der Welt.
Einmal begleitete mich Bilal zu einer Untersuchung ins Krankenhaus. Er hielt mich am Arm, damit ich nicht stolperte, da mir mein Bein noch immer nicht gehorchte. Als wir im Stadtzentrum angekommen waren, bat ich ihn darum, ein Foto in der Fotokabine zu machen. Ich wollte es als Erinnerung haben, für die Zeit, wenn ich wieder gesund wäre. Aber er rief aus: »Nein! Ich möchte nicht, dass du in diesem Zustand ein Foto machst. Siehst du nicht im Spiegel, wie schlecht du aussiehst? Wie ein Monster! Und außerdem, wer sagt, dass du gesund wirst?« Ich ließ seinen Arm los und sagte wütend: »Ich werde ganz sicher wieder gesund! Warum glaubst du etwas anders?« Ich weinte und stammelte, da die eine Hälfte meines Mundes gelähmt war. Er sagte: »Ich habe von Menschen gehört, die ein ähnliches Problem hatten und sie sind nie wieder die alten geworden.« »Ich aber schon! Hast du verstanden?« Ich war von seinem mangelnden Vertrauen in mich enttäuscht. Ich wusste, dass er sich Sorgen machte und Angst hatte, aber er schämte sich auch, mich in der Öffentlichkeit zu begleiten, da ich so aussah. Auch ich schämte mich wegen meines Zustands. Mein rechtes Auge war Tag und Nacht geöffnet und tränte ständig. Ich musste Tropfen und Salben anwenden, um es feucht zu halten. Ich fühlte mich abstoßend, wie – da hatte Bilal schon recht – ein Monster. Ich fühlte mich von ihm abgewiesen. Zum ersten Mal kamen mir Zweifel und ich wurde sehr traurig, doch gleich danach baute ich meine innere Stärke wieder auf, die mich glauben ließ, dass ich wieder gesund würde, auch wenn ich diese Schlacht allein zu schlagen hatte. Ich frage mich, ob sich Bilal von mir scheiden lassen würde, wenn ich nicht mehr gesund würde. Nachdem mich der Arzt untersucht hatte, lächelte er und sagte: »Junge Frau, Sie werden gesund! Machen Sie weiter so und nehmen Sie die Medikamente.« Ich hätte vor Freude und Dankbarkeit platzen können. Auch Bilal war erleichtert. Nach zwei Monaten der Behandlung ging es mir wesentlich besser, zumindest äußerlich, wohingegen in meinem Inneren alles anders war als zuvor. Etwas in mir hatte sich verändert. Mein Nervensystem ist nicht mehr wie früher und das hatte erheblichen Einfluss auf die Qualität meines weiteren Lebens.
Der Umzug
Die Normalität kehrte teilweise in unser Leben zurück, doch es wurde nie wieder wie vor unserer Reise nach Marokko. Bilal arbeitete und ich kümmerte mich um Youns, das Haus und um meine Arbeit mit den Gewürzen. Mit dem Frühling kam auch die Vitalität zurück und ich hatte Lust, hinaus in die Natur zu gehen. Ich bemerkte, dass der Bereich hinter dem Haus vernachlässigt wurde und mit Unkraut und Sträuchern bedeckt war, doch keiner der Nachbarn wollte es in Ordnung bringen. Ich fing an, das Unkraut auszureißen, grub den Boden um, wendete ihn und pflanzte Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Zucchini und Salat an. Im Hochsommer konnte ich so viel von diesem Gemüse ernten, dass ich einiges davon an unsere Nachbarn und Freunde verschenkte. Pina und Carla waren entzückt von meinen Erdbeeren. Bevor sie zu mir nach oben kamen, gingen sie am Garten vorbei und aßen sich damit satt. Sie standen dann mit roten Mündern vor meiner Tür und sagten: »Oh, Aicha! Wir haben zwei große Schnecken zwischen deinen Erdbeeren gesehen und haben die reifsten gegessen. Die Erdbeeren waren aber wirklich gut, weist du?« Wir lachten gemeinsam, während wir uns begrüßten.
Den Boden bearbeiten und mich mit nackten Füßen um die Pflanzen zu kümmern, ist meine Stärke. Ich legte Youns auf eine Decke in den Schatten unter dem Kirschbaum. Während er spielte und brabbelte, arbeitete ich im Garten. Ich genoss es, die Pflanzen mit dem Wasserschlauch zu bespritzen und dabei meine nackten Füße zu erfrischen. Ich war erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit für ausreichend Wasser und für die ebenfalls reichliche Ernte, aber vor allem war ich dankbar für die Freude, frei arbeiten zu können, statt auf Befehl und unter Schlägen von Herren, wie in der Vergangenheit. Ich beobachte die Setzlinge, wie sie vor meinen Augen wuchsen, dies bereitete mir immense Freude. Ich spürte noch immer die Nachwirkungen der Lähmung, die mich doch glücklicherweise nicht davon abhielten, ein normales Leben zu führen. Ab und zu fiel mir noch Essen aus dem Mund oder mir lief etwas Speichel aus dem Mundwinkel, wenn ich sprach. Aus psychologischer Sicht verfiel ich oft in eine plötzliche Traurigkeit, die ich mir nicht erklären konnte. Auch mein Auge schloss sich noch nicht ganz. Sehr lange Zeit war meine rechte Körperhälfte vollkommen anders als die linke. Doch Gott sei es gedankt, mit der Zeit ging es mir körperlich besser, obwohl ich mich seelisch nie ganz erholte.
Es war mitten im Sommer und ich musste Bilal davon überzeugen, eine andere Wohnung zu finden, bevor der Winter Einzug hielt. Mein Kind und ich litten unter der Kälte in diesem alten Haus, abgesehen davon, dass es immer noch jede halbe Stunde von den vorbeifahrenden Zügen erschüttert wurde. Und außerdem wollte ich von Heidi wegziehen. Ich konnte es nicht mehr sehen, wie sie um Bilal herumschwänzelte. Sie hatte sogar versucht, ein Picknick am See mit uns zu organisieren. Ich hatte genug davon, zu sehen, wie sie auch Youns liebgewann. Sie kam oft, um ihn abzuholen und spielte mit ihm in ihrem Haus. Er war ja auch ein ganz Lieber; all unsere Bekannten und Nachbarn hatten sich in ihn verliebt. Seltsamerweise mochte ich Heidi und konnte nicht leugnen, dass sie eine sympathische und nette Frau war, aber es störte mich, dass sie immer noch Gefühle für Bilal hatte.
Eines Tages sagte ich Bilal ganz klar: »Wenn du mir untreu bist und ich das herausfinde, ist für immer Schluss mit uns.« Um die Wahrheit zu sagen, ich hätte nicht einmal gewusst, wohin ich gehen sollte, da ich noch nicht vollständig integriert war. Ich wusste nicht, ob ich tatsächlich allein zurechtkommen würde. Aber er nahm meine Worte ernst. Ab diesem Tag erzählte er mir, ohne dass ich ihn fragte, was er gemacht hatte, wenn er unterwegs war, wohin er ging und mit wem er zu tun hatte. Er ging nie mehr wieder allein zu Heidi nach Hause und auch sie entfernte sich Stück für Stück von uns, bis sich unsere Wege endgültig trennten. Bilal vermied letztlich sogar, allein zu Lisa nach Hause zu gehen, um Miriam abzuholen. Endlich hatte ich Ruhe von der Belastung, die durch Bilals Ex-Freundinnen verursacht wurden.
Über meine liebe Freundin Doris, die ursprünglich aus Italien stammte, fanden wir eine Wohnung in einem Drei-Familienhaus, nicht weit von Carlas Zuhause entfernt. Unsere neue Wohnung lag im Stadtteil Herblingen, am anderen Ende der Stadt. Doris und ich hatten uns über Carla und Pina kennengelernt und schlossen sofort eine enge Freundschaft und verstanden uns sehr gut. Doris ist eine sehr aufgeweckte Person, fröhlich, mit einem großen Herzen und ihren Freunden gegenüber treu. Bemerkte sie zum Beispiel, dass ich Schwierigkeiten hatte, so half sie mir stets dabei, eine Lösung zu finden, da ich noch immer nicht alle Regeln für das Überleben in diesem Land kannte. Sobald sie hörte, dass wir eine neue Wohnung suchten, unterstützte sie uns, um eine in der Nähe von Carla zu finden, damit ich nicht zu weit von den Leuten entfernt wohnen würde, die ich kannte. Sie selbst wohnte auch nur zehn Minuten von meinem neuen Zuhause entfernt. Vor dem Umzug jedoch musste ich an den Mandeln operiert werden. Ich blieb eine Woche im Krankenhaus, während sich Carla und Pina abwechselnd um Youns kümmerten. Dieses Mal konnte ich mit dem Krankenhauspersonal auf Italienisch gut kommunizieren. Die Operation hingegen verlief nicht gut. Ich musste am selben Tag noch zwei Mal operiert werden, um die Blutung zu stoppen. Nachdem ich aus der Narkose aufwachte, musste ich sehr viel Blut brechen, das sich in meinem Magen angesammelt hatte. Ich hielt mir eine Tasse aus Metall vor den Mund, aus dem ununterbrochen Blut floss. Als der Arzt sah, dass die Blutung auch vier Stunden nach der Operation noch nicht aufgehört hatte, setzte er mich erneut unter Narkose, um die Wunden zu nähen. Meine Mandeln waren sehr groß und weitläufig im Rachenbereich verteilt. Als sie mir entfernt wurden, verursachte dies eine große Wunde im Rachen. Ich glaube, dass die Frau aus Agadir daran schuld war, dass meine Mandeln eine so seltsame Form hatten. Sie wollte sie mir damals bei lebendigem Leibe mit dem Fingernagel auskratzen, als ich sechs Jahre alt war. Mein Hals war geschwollen und ich hatte brennende Schmerzen. Ich konnte weder sprechen noch essen. Ich bekam Eis, um meinen Hals zu kühlen. Erst einige Tage später konnte ich püriertes Gemüse zu mir nehmen. Nach der Operation war ich von dem vielen Blutverlust stark geschwächt.
Nachdem ich wieder gesund war, zogen wir um. Die neue Wohnung war sehr schön, mit eingebauter Heizung, und die Böden waren mit glänzendem Holz belegt. Die Familie, die vor uns dort gewohnt hatte, waren Italiener. Sie wollten wieder nach Italien zurückziehen, daher verkauften sie uns ihre Möbel, allerdings zu einem sehr hohen Preis. Sie nutzten unsere Unerfahrenheit und Naivität aus. Doch trotz dieser Täuschung war ich glücklich, in ein so schönes, warmes und komfortables Haus ziehen zu können. Ich war glücklich, wenn ich Youns frei auf dem Boden spielen lassen konnte, ohne ihm zu Hause eine Mütze und eine dicke Jacke anziehen zu müssen. Wir hatten zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, die Küche und das Badezimmer, sogar mit Badewanne, wo Youns und ich uns gemeinsam im Schaumbad amüsierten. Endlich hatten wir auch einen Kleiderschrank und ein normales Bett. Im Zimmer von Youns standen eine Kommode und ein Bettchen. Im Wohnzimmer lag ein Orientteppich, es gab braune Holzmöbel und zwei bordeauxfarbene Sofas. Die Vorhänge waren mintfarben. Die Wohnung lag im zweiten Stock und wurde von der Sonne durchflutet – natürlich nur, wenn sie schien. Leider fehlten mir der schöne Garten und die Obstbäume, die unser altes Haus umgeben hatten. Es war klar, dass ich es nicht lange ohne die Gartenarbeit aushalten konnte, die mich so glücklich machte, daher mieteten wir bald einen Garten, der eine Dreiviertelstunde zu Fuß von unserem Haus entfernt lag. Ich lief mit Youns im Kinderwagen hin und zurück, um mir das Busticket zu sparen. Ich hatte meinen kleinen Job nicht mehr, der mir eine finanzielle Hilfe gewesen war. In dieser Wohnung gab es keinen Platz, um mit den Gewürzen arbeiten zu können. Dennoch war ich glücklich, einen neuen Garten zu haben, der sich als genauso fruchtbar wie mein erster erwies. Ich pflanzte und erntete Gemüse ohne Ende. Wir hatten uns eine öffentliche Gefriertruhe in der Nähe des Gartens gemietet. So konnte ich das Gemüse waschen und schneiden und für den Winter einfrieren. Ich hatte soviel, dass ich meinen Freunden davon schenken können. Alles, was ich pflanzte, wuchs wie von Zauberhand. Ich hatte keinerlei Wissen über Gartenarbeit, ich folgte einfach meinem Gefühl. Bilal kam oft vorbei, um mir zu helfen und die Erde umzugraben, was eine sehr schwere Arbeit war. Auch Youns hatte ein Beet für sich, das er selber umgraben und gießen konnte. Er war klein, aber ich bezog ihn in alles mit ein, was ich tat. Er lernte schnell, nicht dort zu spielen, wo ich frisch gesät oder gepflanzt hatte, sondern nur in seinem Beet oder in der Wiese an der Seite des Gartens. Auf der linken Seite war ein kleiner Bachlauf, mit dem er sich vergnügte, indem er Wasser für sein Beet schöpfte. Im Garten hatten wir außerdem einen kleinen Holzschuppen voller Heu. Wenn Youns und ich müde wurden, legten wir uns Arm in Arm zum Schlafen ins Heu. Die Nachbarn um den Garten waren sehr nett. Sie zeigten mir, wie man die Gartenarbeit auf Schweizer Art verrichtete, brachten mir die Saat- und Pflanzregeln und vieles andere bei. Wer Setzlinge übrig hatte, schenkte sie den Nachbarn. Youns war liebenswert und zufrieden und sang stets vor sich hin. Er liebte vor allem die Musik. Zu Hause wollte er immer klassische Musik hören, solange, bis er mit dem Daumen im Mund einschlief. Bald fand ich Arbeit als Reinigungskraft in Neuhausen, in dem Coop, in dem auch Bilal arbeitete. Die neue Wohnung war teurer und belastete uns zusätzlich zu dem Unterhalt für Miriam und den Schulden, die wir der Bank zurückzahlten. Um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, stand ich morgens um halb fünf auf. Ich machte Youns, der noch schlief, fertig, legte ihn in seinen Kinderwagen und nahm den ersten Bus um etwa fünf Uhr. Dann musste ich einmal umsteigen, um von Herblingen nach Neuhausen zu gelangen. Ich arbeitete drei Stunden oder gar länger, von Montag bis Samstag. Glücklicherweise jammerte Youns niemals. Er lag in seinem Kinderwagen in der Küche des Coop, und wenn er Hunger hatte, gab ich ihm ein Fläschchen, das er allein trank, dann sang er vor sich hin und schlief wieder ein. Bilal und all seine Kollegen kamen oft vorbei, um ihn zu begrüßen und ein wenig mit ihm zu sprechen. Schnell wurde er von allen Mitarbeitern im Coop geliebt. Ich putzte den Boden des Supermarkts, wie ich es in Marokko getan hatte, mit dem Unterschied, dass es hier wesentlich bequemer war und ich einen sehr netten Chef hatte. Er verließ sich auf mich und lobte mich für meine gute Arbeit, die ich schnell und genau erledigte. Er sagte immer: »Machen Sie langsam. Niemand ist hinter Ihnen her.« Aber ich kannte nichts anderes, da ich doch während meiner gesamten Kindheit auf diese Weise gearbeitet hatte. Ich fühlte mich geehrt und gleichzeitig machte ich mich klein und senkte den Kopf, ich war es schlicht nicht gewohnt, gelobt zu werden. Auch Bilal war ein guter Mitarbeiter, unser Chef wusste uns beide sehr zu schätzen. Wenn ich nach Hause zurückkam, sank ich noch einmal ins Bett und Youns und ich schliefen in inniger Umarmung noch ein wenig. Am Nachmittag gingen wir in den Garten oder auf den Spielplatz, besuchten Freunde oder sie kamen zu uns. Ich war sehr glücklich, in einer solch komfortablen Wohnung zu wohnen. Bilal hingegen war nicht sehr glücklich, er musste für die neue Wohnung 550 Franken zahlen, statt 130, wie für die alte, zusätzlich hatte er die Möbel für 2000 Franken gekauft. Er sagte oft: »Wenn wir geblieben wären, wo wir waren, hätten wir all das Geld für Marokko sparen können. Stattdessen haben wir sinnlos Möbel gekauft. Wir hätten mit dem zurechtkommen können, was wir hatten.« »Du findest, dass unsere Lebensqualität nichts zählt, nur um Geld dort hinzuschicken? Für was überhaupt? Damit deine Familie im Luxus lebt, ohne einen Finger krumm zu machen, während dein Sohn und ich im Winter unter der Kälte leiden? Natürlich! Sie wohnen in einem Haus, das du gebaut und mit neuen Möbeln ausgestattet hast, wohingegen wir uns mit gebrauchten zufriedengeben müssen. Wer zahlt die Schulden, die du für sie gemacht hast? Sind es nicht wir, die wie zwei Esel arbeiten müssen? Wenn du sparen willst, spar bei ihnen, nicht bei mir und deinem Kind.« Natürlich erwähnte ich immer nur seine Brüder, Schwestern, die Schwager und Schwägerinnen und die Nichten und Neffen, die auf unsere Kosten lebten, und niemals seine Eltern, die zurecht finanziell zu unterstützen waren, um leben zu können, nicht jedoch, um im Luxus zu schwelgen, während wir im Elend hausten. Unsere Diskussionen drehten sich immer um seine Familie.
Außerdem wollte ich nicht mehr, dass er unangekündigt Gäste am Abend mitbrachte, denen ich dann Essen kochen musste. Ich war jederzeit bereit, Freunde zu Hause zu empfangen, aber nicht spät in der Nacht. Das Ergebnis meiner Rebellion war: eine Ohrfeige, gefolgt von schweren Beleidigungen auf Arabisch, die mich weitaus mehr verletzten und demütigten als die Ohrfeige selbst. Er sagte Dinge wie: »Für wen hältst du dich eigentlich? Vergiss nicht, wo ich dich herausgeholt habe und in welcher Lage du dank mir jetzt bist«, eine Anspielung auf meinen niedrigen sozialen Stand, aus dem er mich gerettet hatte. Doch ich blieb bei meiner Meinung und erwiderte: »Siehst du nicht, das ich mich um unser Kind und den Garten kümmere und arbeiten gehe? Ist das zu wenig? Ich muss schlafen gehen, damit ich früh aufstehen kann.« Mein Leben veränderte sich sehr, mein Gesundheitszustand, meine Arbeit und die Fürsorge für meinen Kleinen, dazu die Probleme mit meiner Schwiegermutter und meiner Vergangenheit, die sich lautlos in meinem Kopf herum drehte wie ein Mühlstein. All das war äußerst ermüdend.
Neue Welten
Mit der Zeit konnte ich immer besser Italienisch schreiben und lesen. Ich las jeden Tag und entdeckte immer wieder Dinge, die mir neu waren, die mich allerdings auch erkennen ließen, wie ungebildet ich war und dass ich nichts über die Welt wusste. Ich wusste nichts über unseren Planeten, nichts über Geographie, nichts über die Geschichte der Weltbevölkerung, ich hatte keine Ahnung von den Kulturen andere Länder, wusste noch nicht einmal von deren Existenz, wusste nichts über die Natur oder sonst irgendetwas. Wenn unsere Freunde über internationale Ereignisse sprachen, staunte ich mit offenem Mund und wusste zu keinem Thema auch nur irgendetwas zu sagen. Ich war die einzige Dumme, es schien, als wäre ich in einem Bunker unter der Erde aufgewachsen. Ich wusste nicht, dass es zwei Weltkriege und den schrecklichen Vietnamkrieg gegeben hatte. Jetzt entdeckte ich durch mein Lesen die Weltgeschichte, sowohl die unseres Jahrhunderts als auch die der vergangenen: die Geschichte der Römer, Ägypter, Perser, Griechen, Amerikaner und so weiter. Ich liebte die Geschichte über die Ureinwohner Australiens, der Aborigines, die der Indianer in Amerika und von Amazonien in Brasilien und die Geschichte Südamerikas. Ich interessierte mich für die Kultur Chinas und Japans, für das Leben in Tibet und das der Afrikaner, wie in der Savanne, und viele mehr. Ich liebte es, diese Geschichten zu lesen oder sie als Dokumentation im Fernsehen anzusehen. Was mich am meisten faszinierte, waren die Eskimos, die in einer Schneewelt lebten und in Häusern aus Eisblöcken wohnten. Ich konnte mir nicht vorstellen, in diesem Teil der Welt zu leben, angesichts der unglaublichen Kälte. Ich las gern über die Natur und entdeckte Pflanzen und Tiere, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ich informierte mich sehr gern über Medizin, wo ich doch als Kind den Wunsch hatte, Ärztin zu werden. Doch dies war mir unmöglich, da mir als Sklavin verboten war, zur Schule zu gehen. Außerdem hatte ich entdeckt, dass es auf der Welt noch andere Religionen gab, nicht nur eine, und dass der Planet Erde in mehrere Kontinente unterteilt war – und dass die Erde rund und der größte Teil davon von Wasser bedeckt war, eine Tatsache, die ich mir vorher nie hätte vorstellen können. Doch neben den schönen Dingen, die ich entdeckte, gab es auch negative und schmerzhafte. Zum Beispiel die Existenz gefährlicher Waffen und Atombomben, die den Planeten Erde zerstören konnten. Dies ließ mich schaudern und rief Zweifel an meiner Sicherheit hervor. Ich war schockiert, als ich im Fernsehen die Bombe in Hiroshima explodieren sah und dass alle anderen vorhandenen Bomben die gleiche Macht hatten. Diese Entdeckung stellte den Frieden und die Sicherheit, die ich in der Schweiz erlangt hatte, auf den Kopf. Ich hatte Angst vor einem dritten Weltkrieg, über den man in den 80er Jahren sprach. Ich hörte nicht mehr auf zu lesen, oft bis spät in die Nacht hinein. Bilal wachte auf und sagte: »Kannst du das Licht ausmachen und aufhören zu lesen?« »Ja, das ist die letzte Seite, versprochen.« Dann blätterte ich lautlos auf die nächste Seite, auf die eine weitere folgte. Ich entdeckte, dass der Kosmos nicht nur aus der Sonne, dem Mond und den Sternen bestand, die für meine Augen sichtbar waren, sondern auch aus einem unendlichen Raum voller Planeten und dass die Milchstraße aus Milliarden von Galaxien bestand und diese wiederum aus Milliarden von Sternen. Auch diese Entdeckung verdrehte mir den Kopf. Es war zu viel für mein kleines und begrenztes Gehirn. Mir wurde klar, dass ich in einem großen und wundervollen Universum und auf einer riesigen Erde lebte, die nicht nur aus Marokko und der Schweiz bestand, die einzigen Länder, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte. Allerdings verursachten mir diese Erkenntnis auch großen mentalen Stress und riefen in mir Angst und Unsicherheit hervor. Ich benötigte Zeit, um all das neue Wissen, das ich auf einen Schlag erhalten hatte, zu verarbeiten. Eine Erkenntnis, die mich am meisten bestürzte, waren die beiden Weltkriege und die Versklavung in Afrika. Dies tat mir sehr weh und ließ mich ein Meer an Tränen vergießen. Es zerriss mir das Herz, wenn ich las oder in den alten Filmen sah, wie die Weißen vor Hunderten von Jahren die Afrikaner gefangen genommen hatten, um sie in Amerika zu verkaufen und sie dort zum Arbeiten zu zwingen.
Es quälte mich zu wissen, dass Tausende afrikanische Familien ihren Dörfern und Familien entrissen wurden. Kinder wurden aus den Händen ihrer Eltern gerissen und als kleine Sklaven verkauft. Frauen wurden von den Weißen vor ihren Ehemännern vergewaltigt, um die schwarzen Männer zu demütigen. Meiner Meinung nach sind die Verletzungen, die durch diese schlimme Unterdrückung und den Rassenhass verursacht wurden, bis heute im kollektiven Gedächnis der Afrikaner auf dem gesamten afrikanischen und dem amerikanischen Kontinent vorhanden. Verletzungen, die durch das Brandzeichen der Sklaverei eingebrannt wurden und Jahrhunderte lang anhielten. Ich fühlte mich mit diesen Menschen sehr verbunden, da ich dasselbe Brandzeichen trug, das die Menschen gewaltsam unterteilt hat: in schwarz und weiß, arm und reich, adlig und sozial deklassiert. Doch dieses Zeichen wird nicht von Gott gesetzt, der alle auf die gleiche Weise geschaffen hat und alle auf die gleiche Weise liebt. Auch die schreckliche Misshandlung von Millionen von Menschen während des Zweiten Weltkriegs und der Kriege in Vietnam und Tibet, die ich nur aus Filmen und Büchern kannte, brachte mich zum Weinen und machte mich lange Zeit traurig. Ich konnte diese Geschichten nicht lesen, ohne mich in den Schmerz der Menschen hineinzuversetzen. Für mich war dies alles nicht einfach nur Geschichte, sondern ein Schmerz, der im kollektiven Gedächnis von Millionen von Menschen weiterlebt.
Leider musste ich einsehen, dass in jedem Teil des Planeten Menschen leben, die sich im Laufe der Jahrhunderte wie wilde Bestien verhalten hatten, die ihre eigenen Interessen durch zerstörerische Kriege, Sklaverei oder die Unterdrückung anderer durchgesetzt haben. Ich entdeckte auch die Religionen und ihre politischen Vorteile. Sie haben oft ihre Macht ausgenutzt, um Seelen zu unterwerfen, anstatt sich um sie zu kümmern. So entdeckte ich, dass die Welt und ihre Geschichte nicht so gut waren, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Am Ende war ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht besser gewesen wäre, in meiner kleinen ungebildeten Welt zu bleiben, anstatt weiterhin neue Welten zu entdecken, wie eine unerfahrene Abenteurerin, die sich in den gefährlichen Dschungel begibt. Doch meine Wissbegier sorgte dafür, dass ich nicht davon ablassen konnte, immer mehr zu erfahren, allerdings lernte ich, dass Wissen auch Schmerz mit sich brachte.
Der Psychiater
Seit unserem letzten Aufenthalt in Marokko war ein Jahr vergangen und der nächste Urlaub näherte sich. Der Gedanke daran, die Familie Bilals erneut zu treffen, jagte mir Angst ein, außerdem war ich in meiner Ehe sehr unglücklich, seit wir das letzte Mal in Marokko gewesen waren. Ich hatte das verzweifelte Verlangen danach, zu lieben und mich geliebt zu fühlen, doch meine Familie hatte mir dieses Recht genommen, indem sie einen Mann für mich ausgewählt hatte, der nicht für mich bestimmt war. So gab ich nicht Bilal die Schuld an meinem Unglück. Obwohl ich ihn lieber als Freund und nicht zum Ehemann gehabt hätte. Als ich Bilal fragte, ob er mich liebe, sagte er: Wenn er mich nicht lieben würde, wäre er nicht bei mir. Doch diese Antwort genügte mir nicht. Ich hatte das verzweifelte Verlangen danach, dass er mir seine Liebe unter Beweis stellte. Mich geliebt zu wissen – das hätte es mir vielleicht erträglich gemacht, nicht lieben zu können. Doch nicht einmal das wurde mir gewährt. Ich fühlte mich, als würde ich ertrinken, platzen und sterben. Ich konnte mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben ohne Zärtlichkeiten und ohne die Nähe einer Person zu verbringen, von der ich mich geliebt wusste und die ich liebte. Diese Tatsache bescherte mir unbeschreibliches Leid, ein Leid, dass mich Tag für Tag auszehrte und das Jahrzehnte anhielt.
Nachdem ich viel überlegt hatte, kam ich zu dem Entschluss, dass ich mich befreien müsste. So sprach ich mit Bilal und teilte ihm mit, dass ich mich scheiden lassen wollte, dass ich aber gern ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm beibehalten würde. Seine Antwort lautete: Wenn ich mich scheiden lassen wolle, würde er mich zum marokkanischen Konsulat in Bern bringen. Dort könne die Scheidung durchgeführt werden, wonach ich direkt nach Marokko zurückgeschickt werden würde, jedoch ohne Youns, der nach marokkanischem Recht in seiner Obhut bliebe. Er sagte, dass sich die Schweizer Behörden nicht einmischen würden, da wir ja in Marokko getraut worden waren. Ich kannte meine Rechte in der Schweiz noch nicht und so glaubte ich ihm. Eine schreckliche Angst überkam mich, davor, meinen Sohn zu verlieren und auch vor dem großen Skandal, den ich in meinem Land und unter meinem Volk auslösen würde, wenn ich meinen Mann verlassen und wieder zurückgeschickt werden würde. Diese Nachricht wäre für meine Mutter tödlich gewesen, eine fürchterliche Demütigung für meine Brüder aber auch eine große Freude für meine Schwiegermutter und deren Töchter. Bilal sagte oft, wenn wir uns stritten: »Vergiss nicht, was du mir alles zu verdanken hast. Du bist in der Schweiz und hast die Aufenthaltserlaubnis und wenn ich es will, schicke ich dich sofort nach Marokko zurück, doch ohne meinen Sohn Youns.« Diese Drohung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, schlimmer noch als die Drohungen meiner Schwiegermutter. Ich fühlte mich immer bedroht, sowohl in Marokko als auch in der Schweiz, und ich fühlte mich, als lebte ich angekettet in einem Gefängnis. Ich sah keinen anderen Ausweg, als mich all dem zu unterwerfen und wurde schließlich sogar krank. Es blieb mir nichts anderes übrig, als alles zu akzeptieren, als wäre es normal. Ich musste meinem Mann ständig dafür dankbar sein, mich akzeptiert zu haben, wie ich war und mich in dieses Land gebracht zu haben. Trotz alledem hielt ich ihn immer für einen guten Menschen.
Ich hatte keinen Appetit mehr und nahm sehr viel ab, war von Albträumen geplagt und schlief schlecht. Ich hatte Herzschmerzen und war ständig der Bewusstlosigkeit nahe. Bisweilen lief ich im Zickzack, als wäre ich benommen, und dennoch musste ich um halb fünf Uhr morgens aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Alle bemerkten, dass es mir nicht gut ging. Trotzdem lächelte ich immer und versuchte ein normales Leben führen, doch im Inneren fühlte ich mich wie eine Scheune, die Feuer gefangen hatte, und niemand holte die Feuerwehr. Während meiner Zeit als Sklavin war ich gezwungen gewesen, mich weder zu beschweren noch meine Schmerzen ernst zu nehmen.
Erneut ging ich zu dem alten aber so sympathischen Arzt, mit ihm konnte ich italienisch sprechen. Nach einer Untersuchung und einem kurzen Gespräch sagte er mir, dass ich zu einem Psychiater müsse. »Um was zu tun? Ich bin doch nicht verrückt, oder, Doktor?« »Nein. Der Psychiater wird Ihnen Fragen stellen, um die Ursache für Ihr Unwohlsein herauszufinden.« Er sagte mir, dass der Psychiater Italienisch spräche und in einer psychiatrischen Klinik am Ort tätig sei. Das hat mir ja gerade noch gefehlt. Wenn er mich für verrückt hält, sperrt er mich in der Klinik ein, dachte ich. Zur damaligen Zeit sprachen die Leute schlecht über psychiatrische Kliniken oder Psychologen im Allgemeinen, man sagte, wer zu einem Psychologen ging, wäre nicht richtig im Kopf. In der Tat sagten einige meiner Freunde, denen ich blind vertraute und von denen ich dachte, sie wüssten alles besser als ich, ich solle nicht zu einem Psychiater gehen. Zu einem Psychiater oder einem Psychologen zu gehen, sei ein Zeichen für mangelndes Gottvertrauen, sagten sie. Natürlich war es nicht meine Absicht, Gott nicht zu vertrauen. Leider haben mir diese Freunde, nachdem ich doch entschieden hatte, zu einem Psychiater zu gehen, später gesagt, dass ich dem Psychiater nicht vertrauen und nicht alle Einzelheiten meines Lebens erzählen solle, und dass er einen negativen Einfluss auf meine Gesundheit hätte, anstatt mich zu heilen. Sie sagten, ich müsse einfach Gott vertrauen, dann würde ich schon gesund werden. Kein Mensch könne mich heilen, sondern nur Gott. Ich war hin- und hergerissen zwischen meinem Arzt, der bekräftigte, dass ich einen Psychiater brauchte, und meinen Freunden, die das Gegenteil behaupteten. Erst Jahre später verstand ich, dass ihre Mentalität nichts mit dem Gesetz Gottes zu tun hatte. Damals glaubte ich leider alles, was sie mir sagten. Ich hatte noch keine eigene Meinung entwickelt. Ich wollte jedoch auch meinen Arzt nicht enttäuschen, so ging ich zum Psychiater, dieser saß immer mit übereinander geschlagenen Beinen und dem Notizblock darauf vor mir, auf dem er notierte, was wir besprachen. Er achtete auf meine Bewegungen und Gesten, während ich sprach. »Nun, Frau Laoula, warum sind Sie zu mir gekommen?« »Weil mein Arzt es mir geraten hat.« »Aber wie glauben Sie, dass ich Ihnen helfen kann?« »Ich weiß es nicht. Sie sind der Arzt und sollten wissen, wie sie mir helfen können.« »Sie sind verheiratet, richtig?« »Ja.« »Leben Sie mit Ihrem Mann zusammen?« »Ja.« »Wie läuft es zwischen Ihnen?« »Normal.« »Was meinen Sie mit normal?« »Ich weiß nicht, aber ich glaube, ich will damit sagen, normal eben.« Er sah mich an und stellte mir weitere Fragen, deren Sinn ich nicht verstand, das machte mich nervös und ich begann zu schwitzen. Als er mir Fragen zu meiner Kindheit stellte, verspürte ich einen Stich im Herz, als würde mir eine körperliche Verletzung zugefügt werden. Ich fühle mich schlecht und beendete dieses Thema sofort. Ich war nicht in der Lage, all den Schmerz hervorzuholen, den ich tief in mir begraben hatte. Im Augenblick beschäftigte mich viel Dringlicheres. Ich tat, wie mir meine Freunde geraten hatten. Ich sprach mit dem Psychiater über Gott und den Glauben und gab ihm nicht die Oberhand über mich. In Wirklichkeit wussten sie überhaupt nichts über meine Vergangenheit als Sklavin. Unterdessen befolgte ich ihren Rat, den Psychiater durcheinanderzubringen, um keinen weiteren Fragen über meine Kindheit oder mein aktuelles Leben ausgesetzt zu sein. In der zweiten Sitzung stellte er mir eine Frage, die mich schockierte: »Wie stellt sich die sexuelle Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Ehemann dar?« Ich spürte, wie mir die Hitze in den Kopf schoss, ich schämte mich zu Tode. Ich war es nicht gewohnt, über solche Dinge mit Männern zu sprechen. Es war bereits zu viel für mich, mit einem Mann zu sprechen, und auch noch alleine, dies war in meiner Kultur verboten. Aber das war der Gipfel: »Ich möchte nicht antworten. Bitte, Herr Doktor, stellen Sie mir keine solche Fragen mehr.« »Ich muss Ihnen solche Fragen stellen, Frau Laoula, um die Ursache für Ihr Problem herauszufinden.« Dabei legte er seine Stirn in Falten und sah mich fürsorglich an. Selbst wenn wir Jahre miteinander gesprochen hätten, mein eigentliches Problem hätte er nie herausgefunden. Mein Problem war meine Kultur und Tradition, meine Kindheit, meine erzwungene Hochzeit, die Drohung, ohne meinen Sohn nach Marokko zurückgeschickt zu werden, meine Vergangenheit als Sklavin und die Schwiegermutter, die mich mit dem Tode bedrohte, und nun auch noch meine Freunde, die mir dazu rieten, mich keinem Psychiater anzuvertrauen. Alles war so kompliziert. Ich hatte das Gefühl, dass mich niemand verstand und mir keiner helfen konnte. Wie hätte ich zum Beispiel einem Psychiater erklären sollen, dass ich im Alter von 15 Jahren gezwungen wurde, mich gegen meinen Willen zu verheiraten, und dass mich meine Familie um fünf Jahre älter gemacht hatte, damit ich nach Europa kommen konnte? Als ich in der Schweiz ankam, war ich 16 Jahre alt und musste behaupten, ich wäre 21 – obwohl natürlich viele bemerkten, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Beispielsweise die Busfahrer. Wenn ich mir ein Ticket kaufen musste, boten sie mir eines für Jugendliche an, ich musste jedoch ablehnen und das für Erwachsene nehmen, da ich laut meinen Papieren volljährig war. Die Fahrer sahen mich stets verständnislos an. Ich habe oft darunter gelitten, ein Alter vorzugeben, das ich nicht hatte, heute macht mir dies weniger aus. Als ich beim Psychiater war, war ich 18 Jahre alt, doch alle, auch der Psychiater, hielten mich für 23, wie es in meinen Unterlagen stand. Außerdem, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich gezwungen war, in einer unglücklichen Ehe ohne Liebe und Zärtlichkeit zu leben, hätte er mich vielleicht dazu gedrängt, mich scheiden zu lassen, doch dies war nicht so einfach wie man hätte annehmen können. Meine Kultur und Tradition und selbst meine Freunde hier in der Schweiz hätten dies nicht zugelassen. Auch wenn ich meinen Freunden erklärt hätte, dass ich gegen meinen Willen mit 15 Jahren zur Heirat gezwungen worden war und keine Eheurkunde unterschrieben hatte, sondern dies mein Bruder für mich getan hatte, wäre nichts zu machen gewesen. Für sie hatte meine Ehe Gültigkeit, und wenn ich mich hätte scheiden lassen, hätte ich dadurch das Gesetz Gottes gebrochen. Damals glaubte ich ihnen alles und wollte mich Gott auf keinen Fall widersetzen. Erst 27 Jahre später erfuhr ich, dass ich nach Schweizer Recht nicht legal verheiratet war, angesichts der Tatsache, dass ich minderjährig verheiratet wurde und keine Eheurkunde unterzeichnet hatte, und dass diese Ehe noch nicht einmal vor Gott Bestand hatte. Wie hätte der Psychiater verstehen sollen, dass ich mich seiner Fürsorge nicht anvertraute, weil mir meine Freunde davon abrieten? Wie hätte ich ihm sagen können, dass ich mich nicht scheiden lassen konnte? Und wie hätte er die Bedrohung von Seiten meiner Schwiegermutter verstehen können? Er hätte diese komplexe Situation nicht verstanden, also beendete ich das Thema und ließ es sein. Nicht einmal ich selbst war mir darüber im Klaren, dass ich in der Hölle lebte. Ja, ich hatte mich aus der Sklaverei befreit, jedoch nur, um in einem freien Land wie der Schweiz in einem goldenen Käfig eingesperrt zu sein. Dieser Käfig war meinem Ehemann und seiner Mutter übergeben worden, die mich Tag und Nacht bedrohte, und letztlich war dieser Käfig auch in den Händen meiner Freunde. Ich hatte keine Kontrolle über mein Leben, das von anderen kontrolliert wurde. Ich war gefangen in einem freien Land bis zu dem Tag, an dem ich mich entschied, für immer aus diesem Käfig auszubrechen und den Sprung in die Freiheit zu wagen.
Daher bat ich den Psychiater, mir keine weiteren Fragen zu stellen, doch er verstand nicht warum. Der Arme, er tat nur seine Arbeit. Am Ende musste er aufgeben. Er gab mir Medikamente, doch nachdem ich diese genommen hatte, fühlte ich mich schlecht und torkelte umher wie eine Betrunkene. Als ich beispielsweise in das Zimmer von Youns gehen wollte, ging ich stattdessen zur Haustür hinaus, ehe ich bemerkte, dass das Kinderzimmer ja auf der gegenüberliegenden Seite des Flures lag. Ich hatte Angst, dass ich mein Kind fallen lassen würde. Ich blieb den ganzen Tag mit dem Kleinen im Bett, während er neben mir spielte. Zur Arbeit zu gehen war unmöglich. Nach zwei Tagen hörte ich auf, diese Medikamente einzunehmen. Beim nächsten Mal fragte mich der Psychiater: »Wie ist es Ihnen ergangen? Schlafen Sie besser?« Ich erzählte von meiner Reaktion auf die Medikamente und dass ich sie nicht mehr nahm. »Sie müssen Sie nehmen. Sie zeigen Symptome einer Depression, wissen Sie das? Probieren Sie die halbe Dosis aus und wir werden sehen.« Ich versuchte dies einige Tage, doch ich fühlte mich weiterhin nicht gut, auch nicht mit der halben Dosis. Mir kam es so vor, als sei ich nicht mehr ich – als verlöre ich die Kontrolle über mich. Es wurde schlimmer als zuvor, so hörte ich auf zum Psychiater zu gehen und nahm keine Medikamente mehr. Meine Freunde hatten mir Zweifel eingeredet, indem sie sagten, der Psychiater würde mich nicht heilen, sondern nur noch mehr schaden. Erst einige Jahre später bedauerte ich sehr, die Therapie nicht fortgesetzt und die Medikamente in der niedrigeren Dosis nicht eingenommen zu haben. Am Ende war ich eingeschlossen in meiner Welt voller Schmerz, in der mich niemand verstand.
In Marokko
Im Januar fuhren wir mit Markus, einem Freund von Bilal, nach Marokko. Er kam um Mitternacht, um uns abzuholen, mit seinem Wohnmobil, das wie ein kleines Haus war, mit einem großen Bett, einer Dusche, einer Küche, zwei Sitzbänken und einem Tisch in der Mitte. Markus war sehr sympathisch und ein positiver Mensch, er lachte immer. Seine Gesellschaft war sehr angenehm. Drei Tage und drei Nächte fuhr er, während Bilal und ich ihm abwechselnd Gesellschaft leisteten, damit er während der Fahrt nicht einschlief. Er ruhte sich täglich nicht mehr als ein oder zwei Stunden aus, um anschließend weiterzufahren. Er hatte sich für die Nebenstraßen entschieden, die durch die Berge und die ländlichen Dörfer und entlang des Meeres verliefen. Für mich war es die erste Reise meines Lebens, die so wunderbar und schön war. Die Schönheit der Natur raubte mir den Atem. Ich war voller Vorfreude, das erste Mal Frankreich und Spanien zu sehen. Nachdem wir in Gibraltar angekommen waren, überquerten wir das Meer mit der Fähre. Youns, der Wasser liebte, war außer sich vor Freude, als er zum ersten Mal auf einer Fähre in der Mitte des Ozeans war. Obwohl er erst ein Jahr und fünf Monate alt war, verstand er schon vieles und konnte bereits viele Gefühle zeigen. Er war ein intelligentes, aufgewecktes und doch ruhiges Kind. Er beobachtete alles und nahm alles wahr, und wenn er etwas nicht verstand, fragte er mich. Wir waren nicht nur Mutter und Sohn, sondern auch beste Freunde. Noch waren es tausend Kilometer Fahrt von Tanger bis zu unserem Ziel. Wie immer war das Haus meiner Schwiegereltern voller Menschen, die Bilal erwarteten. Alles war wie immer, nur mit dem Unterschied, dass wir dieses Mal weniger Geschenke gekauft hatten. Wir hatten gebrauchte Spielsachen und Kleidung dabei, die wir von Freunden geschenkt bekommen hatten. Bilal hatte nur Uhren und Schokolade für alle gekauft. Er hatte seine Familie daran gewöhnt, jedes Jahr neue Uhren von ihm zu bekommen, für die er Hunderte von Franken ausgab. Den Bus hatten wir mit gebrauchter Kleidung, die jedoch in gutem Zustand war, vollgeladen. So konnten wir viel Geld sparen. Ich hatte entschieden, die Schulden zurückzuzahlen und in ein anständiges Haus zu ziehen, das mehr kostete, so bat ich Bilal, in Marokko einzusparen. Für ihn war dies sehr schwierig. Er hatte Angst, die Zuneigung und Liebe seiner Familie zu verlieren, die er im Austausch gegen die Geschenke, die er ihnen machte, erhielt. Ich hielt es für richtig, die Schwiegereltern finanziell zu unterstützen, die jungen Leute hingegen konnten arbeiten und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. So hatten sie nie die Möglichkeit gehabt zu lernen, allein zurechtzukommen. Die Brüder und Schwestern von Bilal waren stets mit seinem Geld aufgewachsen und hatten nichts anderes gelernt, als zu essen und zu faulenzen. Mittlerweile waren einige davon verheiratet und gaben vor, dass wir auch ihre Familien unterstützen müssten, die ständig größer wurden.
Bevor wir dieses Mal nach Marokko reisten, entschied ich, Bilal davon zu erzählen, was mir seine Familie angetan hatte. Schluchzend und unter Tränen erzählte ich, dass seine Mutter mir mit dem Tod gedroht hatte, dass sie schwarze Magie angewendet hatte, um ihn und mich zu trennen und dafür zu sorgen, dass ich krank wurde und dass ich, während ich bei ihnen gewohnt hatte, von seinen Schwestern und Brüdern verprügelt worden war. Ich erzählte, dass mir seine Mutter ins Gesicht gespuckt und mich ohne Ende beleidigt und gedemütigt hatte, dass seine Eltern mir nicht erlaubt hatten, meine Familie zu besuchen, dass ich sie in dem ganzen Jahr, in dem ich bei ihnen wohnte, nicht gesehen hatte. Außerdem erzählte ich ihm, dass seine Familie ihn betrog, um sein Geld zu bekommen, dass seine Eltern planten, das Haus, dass er ihnen gebaut hatte und die Grundstücke, die er gekauft hatte, auf den Namen seiner Brüder und Schwestern eintragen zu lassen, und nicht auf den seinen. Bilal vertraute seiner Familie blind und dachte, dass sie alles in seinem Namen eintragen lassen hatten, was er in Marokko gebaut hatte, doch so war es nicht. Bilal war schockiert und enttäuscht. Offensichtlich, so sagt er selbst, kannte er seine Familie nicht gut. »Jetzt sind sie aber zu weit gegangen!«, rief er aus. »Ich überlasse ihnen meine Frau und sie behandeln sie wie eine Sklavin? Bastarde! Haben sie vergessen, was ich ihnen alles Gutes tue? Hör zu, Aicha, ich werde ihnen das heimzahlen. Ich werde sie alle verprügeln und aufhören, ihnen Geld zu geben.« »Nein, ich bitte dich! Sag deiner Mutter nichts. Sie hat geschworen, mich umzubringen, wenn ich dir etwas erzähle. Vielleicht kennst du sie nicht, aber sie ist zu allem fähig.« »Ich hatte ständig ein seltsames Gefühl, hätte aber nicht gedacht, dass es so kommt. Ich glaubte, sie zu kennen, doch ich habe mich getäuscht. Seit meiner Jugend wohnte ich nicht mehr bei ihnen, da ich mein Zuhause früh verlassen habe. Ich kam ab und an zu Besuch oder wenn ich ihnen das Geld brachte, das ich verdient hatte. Doch jetzt ist mir alles klar und ich werde sie dafür bezahlen lassen, wenn du mich nicht davon abhalten würdest.« Doch wie ich Bilal kannte, hätte er sie alle verprügelt und am nächsten Tag hätte er sich wieder mit ihnen versöhnt. So hätte sich für mich nichts geändert, höchstens verschlechtert.
Angesichts dessen, dass er vor Wut über seine Schwestern und seine Mutter kochte, dachte ich, es wäre besser, ihm nichts von den sexuellen Übergriffen zu erzählen, die ich durch seine Brüder erlebt hatte. Bilal hätte diese schwere Demütigung nicht ertragen. Ich hatte Angst, dass er sie schwer verprügeln würde. Außerdem schämte ich mich viel zu sehr, um darüber zu sprechen. Ich fühlte mich schmutzig und schuldig. Was mir am meisten Angst einjagte, war, dass Bilal mich hätte verstoßen können, weil mich sein Bruder vergewaltigt hatte und dass dies ein wirklicher Grund für ihn hätte sein können, sich von mir scheiden zu lassen, sobald wir in Marokko ankamen, und so hätte er mir meinen Sohn genommen. Zur damaligen Zeit war es bei uns üblich, dass der Vater das Sorgerecht für die Kinder hatte. Eine Frau ging aus einer Scheidung mit leeren Händen hervor, ohne Kinder und ohne finanzielle Unterstützung. Zum Glück änderten sich diese Dinge für die Frauen auch in Marokko zum Positiven. Von Gesetzes wegen ist es nun verboten, Minderjährige gegen ihren Willen zu verheiraten, doch ich musste leider feststellen, dass sich viele Eltern darüber hinwegsetzen, so wie es damals bei mir war. Wie bei mir wird das Geburtsdatum gefälscht oder das Mädchen gezwungen, vor dem Notar zu bestätigen, dass es heiraten will. Ich habe gehört, dass es in Casablanca sogar Auffangzentren für Mädchen gibt, die ein uneheliches Kind erwarten. Diese Mädchen werden oft aus der Familie und der Gesellschaft ausgestoßen, weil sie diese unverzeihliche Schande über die Familie gebracht haben. In diesen Zentren wird ihnen und ihren Kindern Unterstützung angeboten und sie haben die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen, um finanziell unabhängig zu sein. Außerdem haben die Frauen jetzt von Gesetzes wegen nach einer Scheidung das Sorgerecht für ihre Kinder, haben Anspruch auf Unterhalt für die Kinder und auf die Hälfte dessen, was sie gemeinsam mit ihrem Ehemann besessen haben. Darüber hinaus verbietet das Gesetz dem Ehemann, seine Ehefrau zu schlagen. Doch wie aus einer Dokumentation im marokkanischen Fernsehen hervorging, halten sich nur wenige Männer an diese Gesetze. Die Frauen und ihre Familien werden auf schlimmste Weise bedroht, wenn die Frau auf ihre gesetzlichen Rechte besteht. Die Frau hat noch nicht all ihre Rechte in unserer Gesellschaft, die so stark von der Tradition beeinflusst wird, erobert. Vielleicht gelingt dies erst dann, wenn die älteren Generationen gemeinsam mit den alten frauenfeindlichen Konventionen sterben.
Sobald Bilal seine Familie sah, umarmte und küsste er sie und schien alles vergessen zu haben, was ich über sie erzählt hatte. Er verhielt sich weiterhin, als wäre nichts geschehen. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass es nichts ändern würde, wenn ich es ihm erzählt hätte.
Markus brachte mich in seinem Wohnmobil zu meiner Familie. Als er die Natur und die Ruhe meines Landes sah, das ihm sehr gefiel, entschied er sich, einige Tage zu bleiben. Als er wieder fahren wollte, funktionierte der Motor des Wohnmobils nicht mehr, so musste der arme Markus einige Wochen dort verbringen, bis ein Ersatzteil aus der Schweiz und eine Fachkraft ankamen und es einbauten.
Dieses Mal machte ich Bilal deutlich, dass ich mehr Tage mit meiner Familie verbringen wollte, allerdings ohne dass mir seine Mutter und seine Schwestern hinterherschlichen. Auch er begleitete uns, schlief aber bei Markus im Wohnmobil mitten in der Landschaft. Dies demütigte mich und machte mich traurig. Ich hätte ihn gern bei meiner Familie gehabt, aber ich wusste auch, dass seine Mutter nicht zuließ, dass ihr Sohn bei meiner Familie blieb. Im Großen und Ganzen war ich sehr glücklich, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und ihr endlich über mein Leben in der Schweiz erzählen zu können. Am Abend nach dem Essen saßen wir zusammen auf den Teppichen in einem Zimmer, während das schwache Licht einer Kerze, die auf dem kleinen runden Tisch in der Mitte stand, das Zimmer erhellte. Alle sahen mich voller Interesse an, während ich von meinem Leben in der Schweiz erzählte: vom Wetter, vom üppigen Gras und den reichen Ernten, und von dem majestätischen Fluss, der die Stadt durchzog, von den Leuten und ihren Sitten und von ihrer Art sich zu kleiden. Ich erzählte auch von Dingen, die meine Familie noch nie gesehen und von denen sie noch nie gehört hatte. Wie zum Beispiel von den Rolltreppen in den Geschäften, der Waschmaschine, der Spülmaschine, vom Staubsauger und anderen Dingen. »Was? Maschinen, die Kleidung und sogar Geschirr waschen?«, sagte Rabiha, und Fadma staunte mit offenem Mund und großen Augen. »Und was machen die Frauen den ganzen Tag, wenn diese Maschinen die Hausarbeit erledigen?«
Ich erklärte, dass der Rhythmus des Lebens in Europa viel schneller und ganz anders als der unseres Dorfes war. Dass die Mehrheit der Frauen zur Arbeit ging, dass die Leute mehr materielle Dinge besaßen und daher auch mehr Bedürfnisse hatten. Die Leute verwendeten mehr Teller und Gläser und Bestecke beim Essen. Nicht wie wir auf dem Land, die mit der Hand von nur einem Teller aßen und alle Wasser aus derselben Tasse tranken, die aus Aluminium oder Terrakotta gemacht war. Außerdem berichtete ich, dass die Menschen in Europa mehr Kleider besaßen, täglich duschten und sich oft umzogen und sie daher Kleidung und Geschirr oft waschen mussten. Daher mussten sie Maschinen erfinden, die ihnen die Arbeit erleichterten. Des Weiteren mussten ihre Häuser geputzt werden, bis sie glänzten. Darum sind die Leute dort ständig unterwegs und haben weniger Zeit als wir auf dem Land.
Sie hörten mir voller Interesse und Neugier zu. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass sie versuchten, sich alles vor ihrem geistigen Auge vorzustellen, um es besser zu verstehen. Auch mein Stiefvater bombardierte mich mit Fragen zur Politik und zur Landwirtschaft. Er fragte mich, ob es in diesem Jahr in der Schweiz geregnet habe und ob die Leute bereits ihr Land gepflügt hätten, ob die Ernte im vergangenen Jahr gut gewesen sei und so weiter. Voller Erstaunen hörte er, dass es in der Schweiz das ganze Jahr über ausreichend Regen gab, sogar im Hochsommer. Dass der Sommer nicht so warm war wie der in Marokko. Dass das Getreide, vor allem der Mais, so hoch wuchs, wie ich groß war oder gar höher. Dass einige Früchte, wie Äpfel oder Birnen, reif von den Bäumen fielen und dass nicht einmal die Kühe Lust hatten, diese zu essen, da sie vom Gras im Überfluss satt waren. Ich erzählte, dass das ganze Land wie ein grüner Teppich war, von Frühlingsanfang bis zum Einbruch des Winters, dass das Land im Winter vollständig von Schnee bedeckt war und so weiter. Die ganze Familie war verblüfft, von diesem Land erzählt zu bekommen, dass für sie nach einem Paradies auf Erden klang.
Zum ersten Mal hätte ich auch die Möglichkeit gehabt, die schrecklichen Dinge zu erzählen, die ich bei meinen Schwiegereltern während des Jahres, in dem ich bei ihnen leben musste, erlitten hatte, ohne die Vergewaltigung natürlich. Alles, was die Torturen betraf, die ich bei meinen ehemaligen Herrschaften in der Vergangenheit erlebt hatte, wusste ebenfalls keiner in meiner Familie. Es war zu schmerzhaft für mich, mit ihnen darüber zu reden, daher erzählte ich weder von dem einen noch von dem anderen. Es blieb mein Geheimnis, das ich viele Jahre mit mir herumtrug, bis ich endlich teilweise darüber sprechen konnte, doch niemals ganz. Nur dank des Schreibens kann diese Geschichte mein Herz verlassen, doch auch nur zum Teil.
Meiner Familie brachte ich ein Radio mit, sodass sie zumindest die Nachrichten über Marokko hören konnten. Ich kaufte ihnen Kassetten mit Konzertaufzeichnungen berberischer Musik. Auch über die gebrauchte Kleidung, die ich aus der Schweiz mitbrachte, waren sie sehr glücklich. Ich besuchte die Leute im Dorf, die mich abwechselnd einluden. Als Geschenk gab ich ihnen Schokolade und ebenfalls gebrauchte Kleider, sie waren sehr dankbar dafür. Jeder ermunterte mich und sagte: »Iss, Mädchen iss. Du bist viel zu dünn, iss!« Doch nach ein paar Happen bekam ich nichts mehr hinunter. Die Leute dachten sogar, dass mein Mann das Essen vor mir wegsperrte. Ich musste ihnen erklären, dass wir Essen im Überfluss hatten, ich jedoch keinen Appetit verspürte. Tatsächlich ist es bei uns so, dass eine dünne Person nicht dem Schönheitsideal entspricht. Insbesondere die Frauen müssen gut genährt sein, mit breiten Hüften, heller Haut und glattem Haar. Ich entsprach diesem Schönheitsideal überhaupt nicht und ich schämte mich sehr für meinen körperlichen Zustand. Als wir gerade im Urlaub angekommen waren, wollte meine Schwiegermutter eines Morgens, dass ich sie zum Einkaufen auf den Markt begleitete. Da es ein wunderschöner, sonniger Tag war, zog ich mir ein Sommerkleid an, das bis unter die Knie reichte und kurze Ärmeln hatte. Als sie mich so sah, befahl sie mir, meinen Wintermantel anzuziehen, den ich während der Reise getragen hatte, da es in der Schweiz tiefster Winter war. Sie sagte, ich dürfe nicht einmal einen Gürtel anlegen, damit man nicht sähe, wie dünn ich war. Sie sagte, dass sie sich schämte, mit einer Schwiegertochter in die Nachbarschaft zu gehen, die dünn wie die Wirbelgräte einer Sardine war. Es ist eine sehr beleidigende Redensart, da dünn zu sein, in unserer Kultur als Affront gegen die Schönheit gilt. So musste ich für mehrere Stunden in meinem Wintermantel schwitzen, der im Inneren mit Wolle gefüttert war, um meine Schwiegermutter nicht zu beschämen. Als ich zum ersten Mal in die Schweiz kam, war ich sehr überrascht zu hören, dass hier eine schlanke Figur und leicht gebräunte Haut als schön galt. Ich verstand die Welt nicht mehr und wusste nicht, welches der beiden Ideale das richtige für mich sein sollte: das marokkanische oder das europäische. Hier in Europa machten mir die Leute für meine Figur Komplimente, etwas, was mir nie in den Kopf wollte, da ich, wenn ich nach Marokko ging, das Gegenteil zu erwarten hatte, was mir sehr peinlich war. Dort galt: Wer mager war, der war nicht attraktiv oder sogar hässlich.
Obwohl ich bei meiner Familie war, hatte ich Angst vor den Gemeinheiten meiner Schwägerinnen und meiner Schwiegermutter. Ich konnte weiterhin nicht schlafen, wegen der Albträume, die mich aus dem Schlaf rissen. Ich hatte Angst, dass Bilal etwas von dem, was ihm erzählt hatte, verraten würde.
Trotzdem zwang ich mich, mein Land, meine Leute, die wunderbare Sonne und den blauen Himmel zu genießen. Ich besuchte Bilal und Markus, die im Wohnmobil wohnten und im Freien kochten. Meine beiden Onkel mütterlicherseits, die nicht weit davon entfernt wohnten, wo das Wohnmobil geparkt war, brachte Markus und Bilal täglich frisch gebackenes Brot, Pfefferminztee, Butter und Honig vorbei. Gelegentlich brachten sie auch Tajin mit Fleisch und Gemüse. Auch fremde Leute wurden vom Wohnmobil angezogen. Sie brachten Essen vorbei und nutzten die Gelegenheit, sich das Innere des Fahrzeugs anzusehen.
Es war wundervoll, auf dem Land und unter den Olivenbäumen mit meinem kleinen Youns spazieren zu gehen. Er lächelte mich an, während er meine Hand nahm und darauf achtete, nicht über die Steine zu stolpern. Oft malte ich mir aus, was wohl aus meinem Kind werden würde, wenn meine Schwiegermutter mich umbrächte und Bilal ihn ihr anvertrauen würde. Ich hatte begonnen, die Familie von Bilal zu hassen. Gleichzeitig kämpfte ich gegen dieses negative Gefühl, weil Gott ja nicht wollte, dass ich meine Nächsten hasste. Doch das überforderte mich, ich glaubte zu explodieren und zu sterben. Zum ersten Mal wurde ich von Panikattacken übermannt – von einer Angst, die meinen Kopf, meine Gefühle und meinen Körper vollständig einnahm. Dieses Grauen ließ mich erzittern und mir förmlich das Blut in den Adern gefrieren, auch wenn es draußen heiß war. Ich hatte solche Angst zu sterben, und ich dachte immer wieder an die Worte meiner Schwiegermutter: »Ich erledige dich, wenn du es wagst, meinem Sohn auch nur ein Wort zu sagen.«
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