Kitabı oku: «Die 7 Pforten des Geistes»

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Medienagentur Holger Kliemannel

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Titelbildmotiv: Patricia Cooney

Illustrationen: Patricia Cooney

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 9783905372496

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Einleitung

Impressum

Die Sieben Pforten des Geistes 1. Welt

Die Modelle der Realität

Gespräche mit dem alten Magus

Die Relativität unserer Modelle

a) Allgemeine Fragen zur Weltanschauung

b) Spezielle Fragen zu den „höheren“ Erkenntnissen hinter den menschlichen Modellen

Die Sieben Pforten des Geistes 2. Zeit

Die psychische Abspeicherung von Zeit

Gespräche mit dem alten Magus

Ist die Zeit aus der Sicht des Geistes eine Illusion?

a) Allgemeine Fragen und ein Fallbeispiel zum Thema Zeit

b) Magische Praktiken – Praktische Veränderungen durch Eingriffe in unsere psychische Abspeicherung von Zeit

Die Sieben Pforten des Geistes 3. Traum

Die gegenseitige Durchdringung von Traum und Realität

Gespräche mit dem alten Magus

Kann der Mensch seinen Körper verlassen?

a) Allgemeine Fragen zu Träumen oder traumähnlichen Bewusstseinszuständen

b) Erlebnisbericht vom Juni 1984

Die Sieben Pforten des Geistes 4. Chaos

Körperliche und seelische Erkrankungen

Gespräche mit dem alten Magus

Sind Krankheiten Auswirkungen seelischer Zustände?

a) Allgemeine Fragen zu körperlichen und seelischen Erkrankungen

b) Magische Absichten

Die Sieben Pforten des Geistes 5. Dämonen

Traumatische Persönlichkeitsabspaltungen

Gespräche mit dem alten Magus

Sind Dämonen die energetische Beseelung psychischer Krankheiten?

a) Allgemeine Fragen zu den traumatischen Persönlichkeitsabspaltungen

b) Erinnerungen an die Geburt eines Kinddämons

c) Der Fluch der Ahnen

d) Weitere Beispiele zum Thema „Familiendämon“

e) Krebs als energetische Beseelung eines ungelösten Problems

Die Sieben Pforten des Geistes 6. Avalon

Engel und andere höhere Wesenheiten

Gespräche mit dem alten Magus

Gibt es höhere Entitäten?

a) Allgemeine Fragen zu anderen Wesenheiten

b) Weiterführende Gedanken zu Techniken wie Persönlichkeitsübertragungen oder Energietransfer

Die Sieben Pforten des Geistes 7. Mensch

Das Geheimnis des Lebens

Das „Schwarzwälder Kirschtorten“-Modell

Gespräche mit dem alten Magus

Was ist mit anderen Bewusstseinsebenen?

a) Das Tortenmodell – eine Zusammenfassung

b) Weiterführende Gedanken zur Begegnung mit anderen Ebenen

c) Raumsprünge durch andere Dimensionen

Die Letzte Pforte zu sich selbst: ∞ Der Magus

Das Ende ist der Anfang

Dialog mit dem inneren Wächter

Das Echo aus einer verborgenen Welt

Einleitung

Diese Notizen sind kein Ratgeber im üblichen Sinn. Sie sind auch nicht für Menschen bestimmt, die nach der Wahrheit suchen, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Und genauso helfen sie keinem, der sich wie ein Jäger auf die Suche nach Erkenntnis begibt und dabei jede Lektüre verschlingt, die ihm einen neuen Wissensansatz verspricht. Als geistiger Sprengsatz für alle Formen „überlieferten“ Wissens räumen diese Denkansätze mit dem Glauben auf, dass es für das Individuum auf seiner Suche ein Ziel oder eine gesicherte Erkenntnis gäbe außer der Vielfalt anerzogener Bilder und Vorgaben, die ihm seine eigenen Vorstellungen suggerieren. Schließlich sind wir nicht, was wir zu sein glauben. Jeder glaubt, er wäre das, was ihn von anderen unterscheidet – was ihm als persönliches Selbstbild von seiner Umgebung aufgedrückt worden ist. Dabei ist das, was wir in der Umwelt ausdrücken, nur ein Ausschnitt unserer selbst. Denn: Die Suche nach Wahrheit ist mit den Werkzeugen des dualen Denkens nicht zu bewältigen – das Hindernis, das uns alle Ziele verbaut, sitzt in der Dualität unseres materiellen Denkens selbst. Deshalb lautet die magische Frage, die sich uns stellt: Wie werde ich mir bewusst, was ich gezwungen bin, zu sein?

Erst wenn ich das herausgefunden habe, weiß ich, wer ich bin!

Blicken wir nach vorn: Mit fortschreitender Entwicklung und zunehmender Vernetzung unserer Kommunikationsfelder wächst die Zahl der Menschen, welche die überlieferten Werte immer stärker hinterfragen. Dabei ist es vielen nicht mehr möglich, sich ausschließlich mit den Zielen unserer Wissensgesellschaft oder dem Leben in digitalen Informationswelten zu identifizieren, und das macht sie zu Außenseitern, denn sie sind sich zu sehr darüber bewusst, wer sie sind: überindividuelle Wesen, die auch in anderen Realitäten und Dimensionen existieren. Allmählich dämmert uns die Wahrheit: Das Ich, das wir kennen, ist nur ein schmaler Ausschnitt unseres „Seins“, das wir auf der Bühne unserer Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können. Das bedeutet, dass jeder von uns Zugang zu seinen verborgenen, tieferen Seelenschichten hat, die ihn dazu inspirieren, die Abschrankungen unserer dreidimensionalen Realität zu überwinden. Deshalb geht es hier weniger darum, unsere Haltung, wie wir die Welt wahrnehmen, aufzugeben, sondern es geht einzig darum, unsere „Lebensbühne“ zu erweitern. Und es geht darum, unsere Sicht, die Welt wahrzunehmen, auch nach innen zu richten, wenn wir wirklich verstehen wollen, wer wir sind.

Aus diesem Grund ist es auch kein Ziel, die Modelle unserer Gesellschaft anzugreifen, der Sinn liegt darin, Alternativen aufzuzeigen für Individuen, die sich mit den Zielen unserer Gesellschaft nicht identifizieren bzw. sich in die verfügbaren Rollenbilder nicht integrieren können: Menschen also, die sich nicht mit den üblichen Klischees wie Familie, Karriere oder sozialer Wohlstand zufriedengeben, sondern sich mit der Frage auseinandersetzen, was das Leben außerhalb der anerzogenen Werte sinnvoll macht. Und warum es oftmals auch gefährlich sein kann, einen solchen Standpunkt einzunehmen. Vielleicht erkennen wir dann auch die Notwendigkeit, die illusionären Bilder unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten, denn sonst würde alles zusammenfallen und das mündete in die ehrliche Erkenntnis: „Nur wer die Grundlagen unserer materiellen Modelle kennt, findet auch die Antworten, die ihm helfen, sich zum gegebenen Zeitpunkt aus diesem kollektiven Netzwerk wieder befreien zu können.“

Es gibt keinen anderen Weg: Zur Überwindung unserer dualen Denkstrukturen müssen wir bei ebendiesen anerlernten kollektiven Gesellschaftswerten ansetzen, denn wir brauchen ein Fundament, auf dem sich der Ausgangspunkt zu unserer Nachtmeerfahrt platzieren lässt. Von hier aus brechen wir nach innen auf, denn so, wie unsere domestizierten Sinne uns helfen, unser selbst geschaffenes Weltbild wahrnehmen zu können, so unterstützen uns unsere inneren Empfindungen, in die tieferen Bereiche unserer Sehnsüchte einzutauchen. Durch den Standpunktwechsel unseres inneren Beobachters können wir in die Tiefe pirschen, denn erst wenn wir unter unsere Bewusstseinsschwellen dringen, können wir feststellen, dass wir auf mehreren Ebenen gleichzeitig zuhause sind. Unterhalb der Träume bewegen wir uns in Erlebnisräumen, die so unermesslich anders sind, dass dieses Wissen, käme es an die Oberfläche, unsere materielle Welt gefährden würde. Deshalb ist es auch nachvollziehbar, dass es den normalen Menschen unter dem Deckel des Unbewussten verschlossen bleiben muss, solange sie sich nicht mit den Grundlagen ihrer Weltbilder auseinandersetzen können, denn alle geistigen Erkenntnisse zeigen immer nur auf die Prägewerkzeuge des Denkens zurück: „Im Wissen inszeniert sich das Denken in der menschlichen Form!“

Der abstrakte Denker gibt sich damit jedoch nicht zufrieden. Es geht ihm darum, sich mit diesem unbekannten unendlichen Wesensteil in sich wieder zu verbinden, der unabhängig von jeder sozialen Kultur durch alle Schichten seiner überpersönlichen Wesensnatur hindurchreicht. Da dieses innerste Sein seinen Selbstwert nicht aus den uns anerzogenen Bildern bezieht, verändert es sich auch nicht, wenn die Welt sich (weiter-)dreht. Es ist selbst Teil jeder Veränderung und sprengt jedes persönliche Selbstwahrnehmungsbild, denn es verkörpert eine Art überindividualisiertes, mehrdimensionales Bewusstsein. Mit einem Wort: Ewigkeit ist das Ziel! Das hat für jeden Suchenden seinen Preis: Er muss sich selbst ändern, wenn er seinen Blickwinkel verändern will, er muss sich selbst ausbreiten, um alle seine unsichtbaren Persönlichkeitsteile wieder in sich zu vereinen und mit einzubeziehen in die Realität, die er zuerst in ihrer ganzen Fülle verstehen muss, damit er sie am Ende mit gereinigtem Geist und ohne seelische Rückstände verlassen kann.


St. Gallen, am Ruhberg 20

Am Ende des Jahres 2010


Die Sieben Pforten des Geistes
1. Welt
Die Modelle der Realität

Zunächst geht es hier um die Frage, was unsere Welt für jeden Einzelnen ausmacht: Ist die Welt wirklich das, was sie für uns zu sein scheint? Oder ist sie nur das Resultat unserer kollektiven Vorstellung, die Essenz der gerade herrschenden gesellschaftlichen Meinung, die wir uns gegenseitig suggerieren und die wir mit allen anderen teilen?

Denken wir uns in unsere Kindheit zurück: Ist es nicht so, dass uns Vater und Mutter zum ersten Mal erklärten, wie die Welt war, wie wir sie wahrzunehmen hatten, und plötzlich entpuppte sich der geheimnisvoll schillernde Lichtfunke als ein ganz gewöhnlicher Glasaschenbecher, den Vater benutzte, um seine Zigarette darin auszudrücken. Die ganze magische Zauberwelt wurde in den nächsten Jahren auf ihre Funktionalität reduziert, d.h. jedes Ding verlor seinen Glanz in der märchenhaften Atmosphäre, die wir als Kinder wahrnahmen, und schrumpfte auf die Funktion, die ihnen von den Erwachsenen zugeordnet wurde. Und so wuchsen wir langsam in die normale überlieferte Welt der Menschen hinein, und je mehr wir die Älteren davon überzeugen konnten, dass wir die Welt genauso sahen wie sie, desto mehr durften wir ihren Applaus und ihre Anerkennung in Anspruch nehmen. Als wir älter wurden, übertrugen uns die Erwachsenen ihre religiösen Bilder. Man klärte uns darüber auf, wie die Welt entstanden war und was es mit den Zielen und dem Sinn des Menschseins auf sich hatte. Da unsere kindliche „Festplatte“ ja noch unberührt war, waren wir dankbar, die ersten Begriffe zu erhalten, mit denen wir die Außenwelt nach unseren anerzogenen Vorstellungen erkunden und wahrnehmen konnten. Da das überlieferte Konzept meist auch der einzige Maßstab war, wie wir die Welt da draußen erleben konnten, besaß diese Lernerfahrung oder Lektion zusätzlich den überaus nützlichen Nebeneffekt, nämlich dass sich uns die Welt immer gerade so zeigte, wie wir sie wahrzunehmen gelernt hatten. Dass es dabei gar keine Möglichkeit gab, die Welt anders zu betrachten, konnten wir zu diesem frühen Zeitpunkt ja noch nicht erahnen. Andererseits können wir aus unserer heutigen Sicht erfahren, wieso es so unheimlich schwierig ist, die familiären oder religiösen Frühabspeicherungen zu verändern, denn sie sind so tief in uns verankert, dass wir sie wie den berühmten blinden Fleck gar nicht erkennen können.

Was können wir erkennen?

Deshalb ist es auch wichtig zu beachten, dass unsere anerzogene Wahrnehmung immerhin ein Konstrukt ist, das uns unser gesellschaftliches Nebeneinander sichert. In einer übervölkerten, hochdifferenzierten Welt, die alle natürlichen Ressourcen längst hinter sich gelassen hat, ist gesundes, natürliches Überleben schon lange nicht mehr möglich. Unser Wirtschaftssystem ist ein wucherndes Krebsgeschwür, das sich nur dadurch im Gleichgewicht halten kann, weil es ständig wächst. Unsere komplexe Gesellschaft könnte ohne künstliche Bedürfnisse das Bruttosozialprodukt gar nicht mehr erwirtschaften, um den Lebensstandard ihrer Konsumenten zu sichern. Die Welt stünde mit einem Schlag still, wenn wir auch nur einen Moment die Stellung der Banken, der Geldsysteme oder die Funktionen der menschlichen Bilder und Vorstellungen nicht akzeptierten. Stellten wir die eigenen Grundlagen in Frage, auf denen wir stehen, verlören wir den Boden, auf dem wir unsere Existenz abstützen können: Die Welt verflösse vor unseren Augen oder zerfiele wie ein vertrocknetes Kuchenstück.

Andererseits sind Krisen immer auch ein notwendiger Teil der Entwicklung. Es ist das Sichtbarwerden eines Prozesses, der im Menschen selbst liegt und den man mit Angst und Gier umschreiben könnte. Die internationalen Verknüpfungen im Internet-Zeitalter haben das Ganze weiter beschleunigt, und es ist auch nicht die Aufgabe des Menschen, daraus zu lernen. Das – so zynisch es klingt – würde den Fortschritt hemmen. Das menschliche Wachstum lag noch nie im Zurückbuchstabieren oder in der Umkehr, der Rückkehr, sondern darin, dass es in den Lösungen von heute die Probleme von morgen schafft, die dann wiederum nach Lösungen von übermorgen verlangen. Das ist wichtig zu wissen, wenn wir der Zukunft gelassen ins Auge blicken wollen: Es gibt nie ein Paradies, das wir finden können, oder eine Erlösung, die uns glücklich macht. Es gibt stets nur Ziele, die uns die Illusion verkörpern, dass wir eines Tages glücklich werden würden, wenn wir sie erreichen könnten. Umgekehrt ist es aber so, dass diese Ziele gerade deshalb nicht erreicht werden können, weil glückliche Menschen nicht bereit sind, die gesellschaftlichen Vorgaben nach immerwährendem Wachstum zu erfüllen. Denn sobald der Mensch aufhören würde, wachsen zu wollen, bräche alles zusammen. Das bedeutet: Wir müssen uns auf ein Paradies ausrichten, das wir ständig zu erreichen suchen, ohne zu merken, dass es das Ende unserer Entwicklung wäre, wenn wir dieses Paradies wirklich erreichen würden.

Die unterschwelligen Mechanismen unserer gesellschaftlichen Modelle

Deshalb müssen wir erkennen, dass die Errungenschaften, die uns die Lebensgrundlagen schaffen, erhalten und verbessern, dieselben sind, die auch ebendiese untergraben und zerstören. Man sagt, dass alle Krisen von Menschen ausgelöst werden, aber das ist nicht ganz präzise: Krisen werden von den Inhalten und Systemen, die sich Menschen gegenseitig beibringen, ausgelöst, wenn sie sich in der Welt verwirklichen wollen. Selbsternannte Lehrer und Polizisten erkennen deshalb oft nicht, dass sie im Bestreben, Unrecht zu verhindern und zu sühnen, Unrecht und die Voraussetzungen für weiteres Unrecht schaffen. Indem sie gegen das so genannte Böse mit allen Mitteln vorgehen, verfolgen sie anstelle ihres eigenen, unerkannten Bösen „das Böse im anderen“. Damit erklimmen sie den Gipfel unbewusster Selbstverstrickung: Der Schatten versteckt sich vor sich selbst, indem er sich in der Vernichtung seiner eigenen Projektionen im Bild der anderen von seiner „verkehrten“ Lösung überzeugt. Denn es ist immer das menschliche Ringen, das, in den Fesseln der Materie liegend, nach Freiheit und Vollkommenheit strebt und dabei doch meistens in jenem tief greifenden Zustand des Ungleichgewichts endet, den unsere religiöse Tradition „Hölle“ zu nennen beliebt.

Trotzdem sind Modelle nicht nur nützlich, sondern sie sind das einzige Mittel, unserer subjektiven Blindheit eine objektive Kurzsichtigkeit entgegenzusetzen, und das ist auf dem Weg des Wissens nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt. Wir können uns nur über das Denken ergründen, da wir aber die Welt nur so sehen, wie wir sie über das Denken erleben, müssen wir uns zuerst ein Bild über unser Denken machen – und dazu brauchen wir Modelle. Im Grunde sind Modelle dazu da, unsere Gedanken um einen Fokus zu bündeln, sodass wir im Austausch mit anderen eine gemeinsame Grundlage haben, darüber zu philosophieren. Wenn wir schlau wären, müssten wir eigentlich erkennen, dass Wahrheit mit denkerischen Mitteln gar nicht zu erzwingen ist, denn im Denken erkennt sich immer nur das Denken, also das, was wir als Maßstab dazu erkoren haben, sich selbst auszumessen. Wenn wir das beherzigen, dann können wir die Modelle dazu benutzen, um unsere Psyche zu erforschen, aber nicht, indem wir die Wahrheit erkennen, sondern indem wir uns unserer individuellen Modell-Fixierung bewusst werden, wie wir uns – was bleibt uns auch anderes übrig – an die kollektive Beschreibung der Welt anpassen.

Selbstzerstörerisches Handeln als Weg der Entwicklung

Fassen wir zusammen: Wir Menschen sind Wesen, die sich nur über schmerzhafte Erfahrungen entwickeln, und ein gütiger Geist hat uns die Gabe mitgegeben, dass wir trotzdem wachsen, ganz egal, wie schmerzhaft der Verlust oder wie groß die Katastrophe ist. Nur wenn ein arglistiger Dämon uns überreden würde, herauszufinden, auf welchen materiellen und geistigen Grundlagen wir wirklich stünden, müsste das Ganze zusammenbrechen, denn wir suhlen uns im kollektiven Wahn in einem Haufen virtueller Scheiße. Wir sind mit den ganzen Systemen und Modellen so hoffnungslos verschmolzen, dass wir untergehen würden, wenn wir sie auch nur einen Augenblick in Frage stellten, und deshalb lassen wir es auch gar nicht zu. Damit das Ganze funktionieren kann, sind wir gezwungen, zu lügen. Wir müssen so tun, als ob wir das alles gar nicht wüssten, damit der Motor nicht ins Stottern kommt. Das Beste an der menschlichen Entwicklung ist der Umstand, dass sich die Szenerien immer wieder selbst aussteuern. Deshalb ist sogar das selbstzerstörerischste Handeln aus der Sicht des Ganzen letzten Endes nicht nur ein Scheitern, sondern immer auch ein Weg, der die Menschheit vorwärts treibt.

Gespräche mit dem alten Magus
Die Relativität unserer Modelle
a) Allgemeine Fragen zur Weltanschauung

Was ist für dich Magie oder der tiefere Sinn des Lebens? Das Ziel, das für die geistige Entwicklung des Menschen wichtig ist?

Für mich ist Magie der Versuch, die Grenzen, die uns unser anerzogenes Weltbild auferlegt, zu sprengen. Der tiefere Sinn im Leben liegt darin, die Voraussetzungen zu untersuchen, die uns zwingen, uns ständig innerhalb der Grenzen unseres Bewusstseinsinventars aufhalten zu müssen. Mit einem Wort: Es geht darum, die Realität zu überwinden, um zumindest ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen zu können, der das Weltbild umfasst, das man uns „eingelöffelt“ hat …

… die Realität überwinden? Was bedeutet aus magischer Sicht „Realität“?

Realität ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist es ein notwendiges Instrument für das mehr oder weniger friedliche Nebeneinander der Massen, auf der anderen ist es eine Art Gefängnis, in dem wir uns gegenseitig gefangen halten. Wir haben uns dieses Gefängnis selbst erschaffen, um uns ein System zu ermöglichen, in dem wir uns gegenseitig austauschen und gleichzeitig von den Ängsten und Irritationen unseres Unbewussten schützen können. Man könnte auch sagen, Realität ist die oberste Schicht einer „Schwarzwäldertorte“, wie wir später noch sehen werden1, welche die soziale Prägung unserer Zivilisation beinhaltet. Diese ist nur ein dünner Zuckerguss auf der Pyramide der menschlichen Evolution, und ohne sie käme sofort wieder die Instinktnatur im Menschen zum Vorschein, die Anarchie oder das Recht des Stärkeren, wie es der Zusammenbruch der Ordnung in den Städten zeigt, wenn die Gesetze durch Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Wasserfluten einen Moment außer Kraft gesetzt werden.

So ist das, was die menschliche Gesellschaft schützt, zugleich auch das, was die Entwicklung des Individuums behindert?

Die Evolution ist ein gnadenloser Aussteuerungsprozess und hat nicht das spirituelle Ziel des Erleuchteten, sondern immer die direkteste Lösung für die Entwicklung des Ganzen vor Augen. Deshalb sollte man die Realität auch nicht aus der Sicht des einzelnen Individuums, sondern immer aus der Gesamtsicht der betreffenden Massen oder Völkerstämme betrachten.

Und wer hat diese Realität geschaffen?

Ohne es zu merken – wir selbst! Wir selbst haben uns unsere materiellen Bedingungen aufgrund unserer Sinneswahrnehmungen erschaffen, die uns den Rahmen vorgaben, das Äußere zu erfassen – das ist ein jahrtausende alter Balance- und Entwicklungsakt, der sich immer weiter fortsetzt. Umgekehrt wirkt auch das, was wir im Äußeren erschaffen haben, auf unsere Sinneswahrnehmungen ein – wir erkennen das an den eigenen Götzenbildern, die plötzlich ein kollektives morphisches Feld besetzen und von Menschen an der Macht im jeweiligen Sinne benutzt werden können.

Dann war der Akt, unsere Realität zu erschaffen, sozusagen der Urahne jeder menschlichen Magie?

Ja. Unser Ego ist die Materialisation dessen, war wir zu sein denken, und die Realität ist, wenn auch nicht die gemeinsame Schöpfung, so zumindest die kollektive Aufrechterhaltung einer überlieferten Kultur, die wir ständig an den Zeitgeist anpassen. Wir sind zwar nicht die Schöpfer des Universums, aber wir sind alle die Schöpfer unserer persönlichen Welt, die mit der kollektiven Welt, wie sie uns eingelöffelt wurde, in untrennbarer Verbindung ist.

Kann man dieser dualen Realität nicht auch wieder entwischen?

Im Grunde genommen schon, denn keine Handlung ist in Stein gemeißelt – Abläufe verändern sich ständig und jede Veränderung wirkt sich wiederum auf das betreffende Handeln aus. Allerdings sind es nur wenige, die den Absprung schaffen, weil sie nicht wissen, wohin sie fliehen sollen – weil sie sich ihr verpflichtet fühlen und sie zur Grundlage ihres Seins gemacht haben. Wir drehen uns im Kreise, weil wir nicht gelernt haben, an welcher Stelle wir das Karussell verlassen können. Nur der geistig experimentierende Mensch kann der Banalität des Alltags entkommen, wenn er lernt, den inneren Dialog durch bewusste Gedankenleere abzuschalten und den Fluss der Gedanken zu unterbrechen, der ihn zwingt, die Welt in den ihm aufoktroyierten Mustern beständig wahrzunehmen – zumindest solange er sich im Zustand seiner Gedankenstille oder ähnlicher Bewusstseinsräume aufhält.

Demnach kann Realität keine objektive Wirklichkeit sein?

Realität ist die objektivste Wirklichkeit, die sich das Individuum „nach seinem Bilde“ schaffen kann. Der heranwachsende Mensch, der die Welt durch sein noch leeres Bewusstsein betrachtet, lernt schnell, die kollektiven Inhalte der Alten in seiner Umgebung so zu platzieren, dass er daraus gegenüber seiner Umwelt einen möglichst großen Vorteil herausziehen kann.

Wenn ich dich richtig verstehe, so würde sich das Tun der Menschen darin erschöpfen, ihre eigene, anerzogene Wirklichkeit zu verwalten?

Sie verwalten sie nicht nur, sie entwickeln sie auch, zumindest innerhalb der Bedingungen der ihnen vorgegebenen Strukturen. Der genormte Mensch hat allerdings nur wenige Möglichkeiten, auf diese kollektiven Muster individuell einzuwirken, weil diese Ströme ein solches Ausmaß an gesellschaftlicher Gewalt mitführen, dass sie alles hinwegspülen, was sich ihnen entgegenstellt.

Doch was treibt uns vorwärts? Was sucht sich durch uns zu erreichen, damit sich unser Schicksal erfüllen kann?

Auf den ersten Blick sind es die äußeren Ziele, die uns antreiben – aber dahinter wirkt eine unsichtbare Kraft, die immer bestrebt ist, das innere Ungleichgewicht auszubalancieren, das uns beseelt. Es hat seinen Ursprung in unseren sozialen Modellen und familiären Prägungen2. Wir sind innerlich nicht frei – alle unsere äußeren Ziele sind der ständige Versuch, das innere Manko durch einen entsprechenden äußeren Akt wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Wir können uns aber entwickeln, wenn wir mutig vorwärts gehen, die Zusammenhänge erkennen, Verantwortung übernehmen und wissen, dass das, was wir tun, wenn auch nicht immer gut, so immer das Beste ist, zumindest aus unserer Sicht.

Was ist mit unseren gesellschaftlichen Zielen? Sind sie falsch?

Sie sind nur falsch, wenn wir glauben, dass sie richtig sind. Die gesellschaftlichen Werte spiegeln das Spiel der Menschen wider, die sich gewisse Spielregeln aufstellen, damit sie etwas haben, mit dem sie sich im Leben auseinandersetzen können. Die gesellschaftlichen Werte sind nichts anderes als ein kollektives „Selbstbeschäftigungsprogramm“, damit die Menschen ihre anarchistischen Grundlagen auf einer kontrollierten Bühne ausleben können.

Wozu dann der Stress, der Krieg und die ewige Unruhe in der Welt?

Wegen unserer engen, dualen Sicht. Niemand führt Krieg um des Krieges willen, nein, Krieg führt man nur deswegen, weil der andere stets im Unrecht ist und man ihn von den eigenen, berechtigten Forderungen überzeugen will. Will man die eigenen Forderungen erzwingen, muss man sich des Krieges bedienen, was natürlich nie im eigenen Unrecht, sondern immer in der Uneinsicht der anderen liegt. Die universale Energie ist eine unpersönliche Kraft, weder gut noch böse. Sie wird erst durch die Muster unseres Bewusstseins „weiß“ oder „schwarz“. Die Unterscheidungen passieren folglich im Gehirn, im Denken. Die einseitig negativen Schilderungen der negativen Kräfte spiegeln nichts anderes als die Angst der Menschen vor ihren unbewussten, eigenen Dämonen. Die Welt ist ein Spiegel, in dem wir in allen anderen unsere eigenen Dämonen erkennen, für die wir bei uns selbst blind sind.


Blind? Das Böse existiert doch in der Welt – oder?

Ja, aber nur, weil wir die Zusammenhänge des Bösen gar nicht kennen. Das „Böse“ setzt sich meistens aus einer Vielzahl von negativen Erfahrungen zusammen, die sich wiederum aus persönlichen Enttäuschungen nähren. Die Enttäuschungen wurzeln, wie gesagt, auf negativen Erfahrungen, bei denen man nur die Fehler der anderen, nicht aber die eigenen Erwartungen sieht.

Du meinst, wir sehen unsere Fehler meistens beim anderen?

In der Regel ist das so!

Das klingt nicht gut! Wo findet sich ein Lösungsansatz?

Wir dürfen die Lösung nicht von außen erwarten, sondern müssen sie in uns selbst finden. Es geht immer darum, unabhängig vom eigenen Standpunkt einen Bezugspunkt in uns selbst zu schaffen, der uns die Möglichkeit gibt, unser eigenes Verhalten von außen zu beobachten. Dann erkennen wir schnell, dass es im Grunde gar keiner Lösung bedarf.

Wieso braucht es keine Lösung?

Weil wir stets Teil der Lösung sind! Das Problem ist immer nur der Schatten der Erkenntnis: Wir sehen stets unsere eigene Perspektive, den Punkt, von dem aus wir unsere Probleme kreieren, denn aus der Sicht des Ganzen existiert unser Problem gar nicht …

Wo existiert das Problem dann?

Nirgends. Jeder Fehler ist nur eine Art Rückseite der Erkenntnis, und der Sinn liegt darin, nicht auf der Position des Fehlers zu verharren. Oder anders ausgedrückt: Fehler sind nur die Unschärfen materieller Systeme, die ohne Bezugspunkte gar nicht existieren. Aus geistiger Sicht sind sie nichts anderes als Wegweiser zu Erkenntnissen, die den Menschen helfen, das Wirken der evolutionären Entwicklung zu erkennen, die dem materiellen Denken normalerweise nicht zugänglich ist.

Du meinst, das Unrecht bleibt solange in der Welt, solange wir es immer nur beim anderen und niemals bei uns selbst erkennen?

Ja. Nur, wer seinen Schatten erkennt, weiß, wer er wirklich ist. Und nur wer weiß, wer er ist, kann ermessen, was es heißt, sich selber zu entwickeln. Denn wir sind nicht nur die Seiltänzer über dem Abgrund, wir sind auch die Krokodile im trüben Gewässer, welche die Unglücklichen beim Absturz auffressen. Wenigstens solange, bis wir merken, dass die Sünder der eine Teil und die Krokodile die andere Hälfte unseres Wesens sind.

Aber was ist mit dem Frieden in der Welt?

Die Suche nach dem Paradies muss eine Wunschvorstellung bleiben, damit sich die menschliche Spezies entwickeln kann.

Wie … was? Wieso kann sich der Mensch nicht in Frieden und Harmonie entwickeln?

Das statische Paradies böte dem menschlichen Ego keine Grundlage zur Entfaltung. So will es die Evolution. Der Mensch braucht immer wieder Kriege mit der Aussicht auf Frieden oder ständige Krisen mit der Hoffnung aufs Paradies, eine Hoffnung, die sich aber niemals erfüllen darf, damit sie als Entwicklungsgrundlage weiter funktionieren kann.

Ich weiß nicht … das tönt ziemlich brutal. Irgendwie fehlt mir der Begriff „Freiheit“? Was ist mit dem freien Willen?

Wir haben die Freiheit, das zu tun, was im kollektiven morphischen Zeitfeld schwingt, sozusagen ein gesellschaftlich verankertes Bild von Freiheit in einem beschränkten persönlichen Rahmen umzusetzen. Es geht immer darum, „das zu tun, was getan werden muss“, wie schon Goethe wusste. Wenn wir diesen Anspruch erfüllen, erhalten wir das, was zu einem „gefühlten“ Bild von Freiheit führt.

Und wo liegt das Ziel über das gesellschaftliche oder materielle Wirken der Menschen hinaus …?

Unsere Wurzeln liegen im Geist des Universums, im Unbekannten, und wir sind hierher gekommen, um uns zu verändern – um die Gesetze der Veränderung der Materie kennen zu lernen. Es geht hier darum, zu lernen, wie wir selbst auf unsere Welt einwirken – die Bedingungen zu gestalten, durch die wir die Welt verändern können, damit wir das Wirken unseres eigenen Geistes erfahren. Erst dann können wir merken, dass wir es selbst sind, die unsere Welt gestalten, und dass wir uns selbst verändern müssten, wenn wir unsere Welt verbessern wollten.

b) Spezielle Fragen zu den „höheren“ Erkenntnissen hinter den menschlichen Modellen

Wie hältst du es selbst mit dem christlichen Gottesbild?

Solange wir diesen Gott weder in uns selbst noch in unserer Erinnerung, sondern nur in den religiösen Schriften suchen, sollten wir uns diesem Gott nur aus dem historischen Blickwinkel eines Anthropologen nähern. Jeder Mensch hält in seinem Bewusstsein die Erinnerung an die schöpferische Quelle verborgen, den Geistfunken, zu dem er zurückkehren will. Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies, die wir im Leben verdrängen, der Wille, ins gelobte Land zurückkehren zu wollen, in die Brunnenstuben, aus denen die Menschen ihre Götter schöpfen. Dahinter versteckt sich aber nicht die Rückkehr und die Verschmelzung mit der göttlichen Quelle, sondern der egoistische Anspruch, sich schöpferisch zu entfalten und im Grunde selbst wie Gott zu sein. Der Schluss liegt auf der Hand: Diese Bilder lenken von der Wirklichkeit ab – der kollektive Gott hilft uns nicht weiter, ganz im Gegenteil, er stärkt und behütet uns in unserer Illusion …

… sozusagen ein göttliches Gespenst, das sich in den eigenen Hintern beißt?

Gott ist ein Bild, das uns zwingt, uns mit den Wirkungen unserer eigenen Errungenschaften auseinandersetzen zu müssen. Irgendwie geht es darum, uns selbst die Aufgabe zu stellen, die uns hilft, Gott oder den Sinn des Lebens in den Zielen und den Auswirkungen unserer Taten zu erkennen. Deshalb zeigt dieses Bild von Gott immer wieder auf seinen Schöpfer, den Menschen, zurück …

Du glaubst, die Menschen haben sich ihren Gott nach ihrem eigenen Ebenbild geschaffen?

Klar, denn wir sehen immer nur das, was wir sehen wollen, und wir erkennen in der Welt die Dinge genauso, wie unsere kollektiven Prägungen uns einladen, das Gesehene zu interpretieren, damit es nicht aus dem Rahmen unserer gemeinsamen Vorstellung fällt. Schlimmer noch: Wir sehen in allem nur die Vorstellung unserer dualen Denkmuster bestätigt, die wir an der Wiege des Bewusstseins gerufen und seitdem differenziert und verfeinert haben. Im Grunde ist alles, was wir sehen, nichts anderes als ein Gebräu von elektronischen Impulsen im Hirn, die den Menschen zwingen, sich auf etwas zu beziehen, damit er wenigstens zwei Punkte hat, mit deren Hilfe er sich in seinem eigenen Konstrukt bewegen kann. Stell dir vor, unsere Ausrichtung, die Welt wahrzunehmen, würde sich verschieben, dann fiele die ganze Aufmerksamkeit im Wahrnehmen unserer Wirklichkeit zusammen und dann würde unsere ganze Zivilisation im Nu verschwinden.

Wo aber sitzt der Impuls, sich ein solches Ebenbild überhaupt schaffen zu wollen?

In der kollektiven Absicht selbst! Wir kreieren uns durch die Kraft unseres Geistes aus der kollektiven Vorstellung Realitäten, innerhalb derer wir uns bewegen, und deshalb braucht es in unserer dualen Vorstellung eine Ursache, auf die wir uns beziehen, damit wir nicht merken, dass alle unsere Bilder aus uns selbst strömen, und diese Ursache nennen wir „Gott“. Das ist der mephistophelische Trick …

… der Gottestrick?

Die kollektive Absicht ist der Impuls, aus der unfassbaren, numinosen Schöpfung ein fassbares Bild zu zimmern und dieses selbst geschaffene Bild wie eine Art Spiegel so vor uns hinzuhängen, dass wir daran glauben können.

So wäre der Mensch sein eigener Schöpfergott?

Das trifft den Nagel auf den Kopf! Die ersten Menschen mussten ihre Gesellschaft sozusagen noch erfinden, indem ihnen erst die Frage, wie die Welt sein könnte, zur Antwort verhalf, so, wie sie sie wahrnehmen. Die eigene Einschätzung dieser Welt da draußen färbte wiederum das Bild, das sie sich von sich selbst machten, denn die Menschen können sich nur über das innere Empfinden wahrnehmen, das die Außenwelt in ihnen auslöst. Und aus dieser beständigen Interaktion zwischen Außenwelt und Ich-Bild bauten sie sich dann ihre persönliche Geschichte zusammen.

Wir erblicken im Spiegel ein Bild von uns selbst, das uns hilft, dem Gott im Spiegel zu vertrauen?

Ja. Solange wir nicht erkennen, dass wir es selbst sind, welche die Inhalte ihrer Bilder kreieren, können wir auch nicht erfahren, dass wir gewissermaßen zum Inventar unserer eigenen Vorstellung geworden sind. Wir glauben, in unserem Hirn am Fenster zu stehen und durch die Augen auf die Welt zu sehen, dabei ist das, was wir draußen beobachten, immer nur eine Art Spiegel unserer selbst.

Habe ich dich richtig verstanden: Der Rahmen, an dem das Ding hängt, ist der Glaube, der uns die Welt zusammenhält?

So ist‘s. Damit dieses Bild aber gefasst werden kann, benötigt es einen Rahmen, und dieser Rahmen ist der menschliche Wille, mit dem wir uns gegenseitig zwingen, dieses selbst geschaffene Bild ständig zusammenzuhalten.

Und warum muss man dieses Bild zusammenhalten? Würde die Welt auseinander brechen, wenn wir es nicht täten?

Es ist nicht die Welt, die ohne den Rahmen auseinander brechen würde, denn eine solche Welt hat es ja niemals gegeben. Es ist das Konstrukt unseres Egos, eine kontrollierte Wirklichkeit zu bauen, die auseinander fallen würde, wenn die Menschen plötzlich auf die Idee kämen, nicht mehr an ihre selbst gezimmerte Welt glauben zu wollen.

Dann wären unsere Modelle eine Farce …?

Sozusagen. Es geht darum, etwas zu erschaffen, das wir kontrollieren können, damit wir uns im Glauben wiegen können, dass da draußen wirklich etwas existiert ...

… und jede Form von Gottessuche ein Witz?

Zumindest ein sehr ernstzunehmender, denn dieser Gott ist ja das selbst kreierte Bewusstseinsziel des Menschen selbst! Blättern wir zurück: An der Wiege des Menschen stand kein Gott – nur ein paar Bewusstseinswerkzeuge, die ihn von den Tieren unterschieden und mit denen er sich ein Weltbild aus dem Ewigen herausmeißeln konnte. Diese Vorstellungen oder Bilder sind die Grundlage, auf die er sich bezieht und die er inzwischen zu riesigen Wissenskathedralen aufeinandergetürmt hat, in denen Myriaden von Priestern und Wissenschaftlern beschäftigt sind, die Monumente laufend zu stützen und zu erklären. Unser ganzer Fortschritt ist nichts anderes als eine Weiterentwicklung selbst kreierter Bilder, die sich innerhalb der menschlichen Bewusstseinskapazitäten erfüllen.

Wie ist das aber mit Erkenntnis? Und worin läge die Lösung?

Vielleicht ginge es darum, einfach zu akzeptieren, dass der Preis, das Leben zu kontrollieren, das Leiden ist, das die Menschen im Kampf untereinander ständig zu entrichten haben. Es gibt keinen Weg zurück aus dem Hamsterrad. Deshalb ist auch jede Frage müßig, was wäre jetzt, wenn es anders wäre. Vielleicht sollten wir uns folgende Frage stellen: „Wie sollen wir die Probleme in der Welt begreifen können, solange wir nicht merken, dass es die Probleme in unserem eigenen Wesen sind?“

Also gibt es auch kein Paradies?

Wozu auch? Das Paradies wäre für den Menschen nichts Erstrebenswertes, da es dort für sein Ego nichts mehr zu erreichen gäbe. Die Evolution des Menschen beruht auf der sozialen und gesellschaftlichen Kontrolle, um dem instinktiven Wirken der Natur ein sozialisiertes Pendant an die Seite zu stellen, und diese Kontrolle ist das Gerüst, um das sich jede Gesellschaft herum windet und das von Zeit zu Zeit immer wieder zusammenbricht. Für den magischen Menschen geht es deswegen nicht darum, die Kontrolle zu verdrängen oder zu überwinden, sondern sich die gesellschaftlichen Muster genau anzusehen und nach dem Preis zu fragen, der für diese Kontrolle zu zahlen ist. Wie schon eingangs gesagt: Es gibt aus diesen dualen Fallen kein Entrinnen. Diese Fallen führen immer wieder zur Zerstörung und zum Zusammenbruch, woraus sich neue Ordnungen bilden. Darauf beruht die menschliche Entwicklung.

Was ist mit den höheren Zielen, die der Mensch anstrebt? Bräuchte er für sein Streben nicht ein klares Ziel … eine höhere Wahrheit?

Solange wir uns ständig darum bemühen, Klarheit zu erzwingen, liefern wir uns nur der Gewalt des menschlichen Denkens aus. Denn solange unser Verstand das Leben nur in den Dimensionen begreift, die er nachvollziehen kann, ist das Streben nach Klarheit oder höherer Wahrheit objektiv eine Illusion, nämlich dem Ewigen unsere „eigene Beschreibung“ gegenüberzustellen und daran auch noch zu glauben. Deshalb ist jede Form von Klarheit lebensfeindlich, da sie immer nur irgendwelche Ausschnitte aus der Sicht des Ganzen herauszieht und diese isoliert vom Ganzen betrachtet. Unsere „kontrollierten“ Modelle sind ein Trick, der nur deshalb funktioniert, weil wir ihn nicht hinterschauen.

Wieso braucht der Mensch dann überhaupt Modelle?

Da wir die Welt nur so sehen, wie wir sie über das Denken erleben, müssen wir uns zuerst ein Bild über unser Denken machen – und dazu brauchen wir Modelle. Im Grunde sind Modelle dazu da, unsere fokussierten Gedanken um einen Mittelpunkt herum zu bündeln, sodass wir im Austausch mit anderen eine gemeinsame Grundlage haben, sozusagen eine Beschreibung unserer Welt, um darüber philosophieren zu können …

… ich verstehe: Modelle, welche die Realität stützen, lenken in Wahrheit von der Wirklichkeit ab?

Wenn wir schlau wären, müssten wir eigentlich erkennen, dass Wahrheit mit denkerischen Mitteln gar nicht zu erzwingen ist, denn im Denken erkennt sich immer nur das Denken, also das, was wir als Maßstab dazu erkoren haben, sich selbst auszumessen. Wenn wir unser Denken überzeugen wollen, müssen wir erst Modelle schaffen, die das Denken überzeugen, und dann vergessen, dass wir diese selbst geschaffen haben. Deshalb dürfen wir von den Modellen keine Wahrheit verlangen, da Wahrheit außerhalb der Dualität des Bewusstseins ist. Es geht nicht darum, ein „Wahrheitsmodell“ zu erzwingen, sondern um zu akzeptieren, dass wir die Wahrheit mit denkerischen Mitteln gar nicht erkennen können.

Nach deinen Worten wäre jedes Modell eine lebensnotwendige Illusion?

In der Tat: Ohne diese Modelle hätte der Mensch ja nichts, an dem er sich festhalten kann, denn im Denken erkennt sich immer nur das Denken. Diese Erkenntnisse aber vermitteln uns wiederum die Modelle. Möchtest du mehr wissen?

Ich möchte alles erfahren!

Jedes Modell verfügt über seinen eigenen inneren Dämon, eine durch die geistigen Gesetze innerhalb des Modells geschaffene Wesenheit3, die auf Andersdenkende negativ abstrahlt und uns in der Gewalt des jeweiligen Energiefelds festhält. Wir kennen das aus Wissenschaft, Politik, Religion oder Esoterik. Kaum hat ein Mensch sein Modell richtig verstanden, versucht er es sofort bei anderen anzuwenden. Modelle erzeugen eine kollektive Energie, die man steuern und durch äußere Anreize immer weiter verfestigen kann. Dahinter versteckt sich der egoistische Wunsch, das Leben zu einem verbindlichen Modell für alle zu machen.

Mir kommt dieses System sehr bekannt vor … gibt es keine Alternative?

Es gibt nichts außerhalb der Modelle, denn die verschiedenen Modelle, die sich die Menschen innerhalb der Jahrtausende geschaffen haben, sind die einzige Strasse, auf der sich die Evolution bewegt.

Wohin führt die Straße?

Die Wirklichkeit ist ein Sammelsurium von Modellen – je nach den kulturellen Quellen, aus denen der Mensch seine Wirklichkeit empfängt. Das bedeutet in der Summe: Modelle sind das einzige Mittel, unserer subjektiven Verlogenheit eine objektive Lüge entgegenzusetzen, und das ist auf dem Weg des Wissens nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt.

So landen wir wieder bei der Religion?

Alle spirituellen, religiösen, magischen und esoterischen Modelle sind so etwas wie eine Auswirkung unserer materiellen Realität. Sie verkörpern die Manifestation der in der materiellen Welt unterdrückten Sehnsucht, die Welt nicht nur von außen, sondern auch von innen her zu erklären, also so, wie sich der menschliche Verstand die höheren Ziele „vorstellt“. Wenn wir das begriffen haben, sind wir für den ersten Schritt in die magische Welt bereit …

… erster Schritt wohin? Was können wir tun?

Nichts. Es tut sich ganz von selbst. Doch innerhalb dieses Nichtstuns könnten wir gewisse Dinge begreifen …

… die da wären?

Würden wir den Teufel beispielsweise nicht länger im außen suchen, könnten wir uns viel Leid ersparen – denn er ist in uns! Der schlimmste eigene Feind sind wir selbst: Es ist unser Schatten, und er will uns „killen“!

Er will uns zerstören? Das versteh ich nicht!

Der Teufel ist die abgespaltene Seite im Menschen – und er existiert in jedem von uns! Wenn wir das wissen, können wir gut schlafen …

Gut schlafen …?

Das, was wir erreichen wollen, ist determiniert von dem, was sich durch uns zu erreichen sucht, damit sich das Schicksal erfüllen kann. Das ist die letzte Erkenntnis innerhalb unseres Weges. Wüssten wir, dass es nichts zu erkennen gäbe, was wir nicht schon in uns trügen, könnten wir uns nicht mehr weiterentwickeln ...


Aber wenn der Teufel in uns sitzt?

Keine Angst – die Götter tun das ebenso! Sieh doch mal: Wir sind Kinder von Eltern, die Kinder von Eltern sind, die ebenfalls Kinder von Eltern sind usw. Das bedeutet, dass jeder von uns direkt auf den ersten Menschen zurückgeht, auf den ersten Affen, das erste Urviech usw., bis wir ganz am Schöpfungsanfang angelangt sind. Mit anderen Worten: Das ganze Universum ist in uns enthalten und deshalb ist die Kraft der Schöpfung auch ein Teil von uns. Leider ist es so, dass wir den Zugang zu unserer inneren Kraft verloren haben, die uns an der universalen Schöpfung teilhaben lässt. Deshalb können wir gar nicht mehr anders, als uns diesem selbst erschaffenen Gott anzuvertrauen, der uns in allen religiösen Machtsystemen, wuchernden Finanzmodellen, ausufernden Wachstumssystemen, wissenschaftsgläubigen Geistesvorstellungen und anderen technologischen Errungenschaften gütig entgegenblickt …

Wir können nicht anders …? Was meinst du damit?

Ohne die Systeme, die uns von unserer Spiritualität wegbringen und uns dafür den materiellen Konsum aufzwingen, wären wir gar nicht mehr lebensfähig. Diese Ambivalenz ist es, die uns Angst einflösst, denn sie hält uns den Spiegel unserer eigenen Lebenswelt vor Augen. Die finanziellen Märkte sind der Schatten der modernen Entwicklung schlechthin, wobei der Mensch zunehmend zum hilflosen Opfer seiner eigenen Schöpfung wird. Andererseits dürfen wir uns auch nicht bemitleiden: Wir haben uns diesen Dämon selbst ins Boot geholt. Letztendlich ist es der Weg des Menschen, der ihm in seinem Wesen durch die Evolution vorgezeichnet erscheint, und deshalb wird er auch niemals Frieden finden. Damit er sich mit dieser Wahrheit nicht auseinanderzusetzen braucht, schuf er sich seine Religion, die ihn von der Wirklichkeit ablenkt. Was lässt sich daraus schließen: Es ist alles in Ordnung, es gibt keinen Grund zur Sorge, zumindest nicht bevor wir uns mit unserer Vergänglichkeit auseinandersetzen oder auf dem Totenbett liegen!

Was würde sich ändern, wenn der Mensch das wüsste?

Wenn er das alles wüsste? Die ganze Welt würde mit einem Mal zusammenfallen, weil die Systeme ja nur aufgrund einer gemeinsamen Übereinkunft existieren. Wenn wir weiter wissen, dass es der eigene Glaube ist, der alles stützt, was wiederum der Grund ist, warum wir uns auf Gott verlassen können, dann werden wir erfahren, dass alles, woran wir glauben, der Glaube an unseren Glauben ist.

Könnte man nicht sagen, dass ohne unseren Glauben überhaupt nichts funktioniert …?

Man könnte in einem übertragenen Sinn sogar sagen, dass die Straße unter unseren Füßen nur solange vorhanden ist, solange unser „Glaube an die Straße“ einwandfrei funktioniert ...

… und wir nur Rollen in unserem eigenen Film spielen?

Wir spielen nicht nur die Rollen, wir führen auch Regie. Unser höheres Selbst stellt uns die Bühne zur Verfügung, auf der nicht nur unser bewusstes Ego, sondern auch höhere, unbeschreibbare Persönlichkeitsteile wie der Regisseur agieren – ich werde auf dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen4. Dieser steuert und verändert das Bühnenstück, passt das Ego an die materielle Realität seiner Umgebung an, damit der Mensch in seiner Umwelt funktionieren kann.

Wer ist dieser Regisseur?

C. G. Jung hat ihn seinerzeit das „Selbst“ genannt und als Quelle und Ziel des persönlichen Willens definiert, eine letztlich unerkennbare, transzendente Mitte, die gleichermaßen Zentrum wie Peripherie umschreibt.

Und wer ist das Selbst?

Ich kann es dir nur in einem übertragenen Sinn erklären: Das Selbst ist der Wille des Bogenschützen, in die Mitte zu treffen, und zwar noch bevor er den Pfeil abschießt.

Warum haben wir unseren Glauben dann nicht schon lange durch ein tieferes spirituelles Wissen ersetzt? Warum halten wir dann so lange an unserem alten Glauben fest?

Um uns eine Sinnfindung zu ermöglichen! Wüssten wir, dass es nichts zu erreichen gibt, dass alles genau gleich gut und harmonisch ist, dann gäbe es auch keine Unterschiede, durch die wir uns von den anderen unterscheiden können, und dann hätten Ziele auch keinen Sinn.

Sollten wir den alten patriarchalischen Gott dann nicht endlich begraben?

Der ist doch schon lange tot. Dem moderneren Persönlichkeitsteil dieses Gottes begegnen wir heute in den Tempeln der Wissenschaft. Es ist eine Art Klebstoff, der die kollektiven Assoziationen des Menschen an einen festen Bezugspunkt, ein Grundaxiom, bindet und daraus den „aristotelischen Faden“ knüpft (sozusagen das Strickmuster unseres abendländischen Denkens), ein göttlicher Trick, mittels dem man die ganze Welt nach hinten ausmessen und nach vorne dirigieren kann. Die modernen Gralshüter, die heute in diesen Gemäuern wirken, sind keineswegs weniger schlimm als die alten Priester. Sie sind genauso der religiösen Hybris verfallen und in ihrem Rausch beispielsweise damit beschäftigt, anhand komplizierter menschlicher Hochrechnungen und Tabellen entweder alle offenen Fragen unserer Vergangenheit zu entschlüsseln oder aber in der Gentechnologie durch die Methoden der molekularen Biologie gezielt in das Erbmaterial einzugreifen.

Die meisten Menschen sehen das aber ganz anders – du bist kein Freund der Wissenschaft?


Nun, ich bin kein Freund des Eigendünkels. Der Mensch neigt dazu, seine Sichtweisen in den Mittelpunkt zu stellen, und der Wissenschaftler neigt dazu, seine akademischen Erkenntnisse zum Nabel der Welt zu erklären. Dabei müssten wir nicht nur „in die Breite forschen“, sondern auch in der Tiefe gründen, also nicht nur wissen wollen, was wir alles herausfinden können, sondern uns auch mit dem Umstand auseinandersetzen, warum wir uns gezwungen fühlen, auf alle äußeren Fragen eine Antwort zu finden. Warum versuchen wir nicht auch, unsere inneren Ebenen zu erforschen, denn letztlich sind wir alle sterbliche Wesen, und keine Errungenschaft wird uns davon abhalten können, sterben zu müssen.

Du sprachst immer wieder von Bewusstseinsveränderungen, die mit dem Wechsel der inneren Ebenen zusammenhängen. Ist der Tod auch eine solche, wenn auch endgültige Veränderung?

Aus spiritueller Sicht ist der Tod völlig unbedeutend und unterscheidet sich, wenn wir von der üblichen Gedankenfrequenz auf höhere Schwingungsebenen wechseln, nur unwesentlich von unseren inneren Reisen in Träumen oder tiefen Meditationen. Er verändert lediglich die Möglichkeit, in die körperlich-materielle Realität zurückkehren zu können und zerstört, zumindest aus unserer Sicht, die Illusion, dass diese Ebene die einzige mögliche Art von Existenz ist. Das Gleiche gilt auch für die umgekehrte Seite: So wie wir von Seinsebenen jenseits unserer Realität keine Vorstellung haben, haben viele Wesen anderer Sphären auch kein Inventar angelegt, was ein Mensch ausmacht oder was eine Seele ist.

Was ist eigentlich mit erleuchteten Menschen, die das alles schon wissen?

Solchen Menschen ist es natürlich nicht mehr möglich, sich mit den gesellschaftlichen Zielen zu identifizieren – sie scheren aus dem System aus. Sie werden sich, wie oben angedeutet, auf andere physische Ebenen zurückziehen wollen – früher redete man von den geistigen Meistern im Himalaja oder der „weißen Bruderschaft“.

Sie könnten doch auch ihre eigenen Botschaften verkünden?

Nein, das können sie eben nicht, wenn sie die Zusammenhänge wirklich erkannt haben. Damit bewegten sie sich wieder im Kreis.

Das versteh ich nicht!

Jede „eigene“ Botschaft ist auch wiederum nur ein Teil unseres Spiels, innerhalb der vorhandenen Spiele über ein besseres Spiel zu verfügen. Heilsysteme und Heilslehren sind meist nichts anderes als eine Form von aufgeplustertem Größenwahn, nämlich in einer Welt des inneren und äußeren Ungleichgewichts den Heiligen Gral erobern zu wollen.

Ah ... so allmählich komme ich der Sache näher! Es gibt keinen Gott, der uns in seine Arme nimmt, kein Paradies, das auf uns wartet. Es gibt nur das Unbekannte hinter dem Spiegel unserer Bilder, das wir sowieso nicht verfehlen können ...

Gewiss. Am Ende lassen wir alles hinter uns zurück, unabhängig davon, wie unbeirrt wir im Leben unsere Ziele anstrebten. Die Wahrheit zeigt uns nämlich keinen Ort, an den wir gehen könnten, denn einen solchen Ort gab es nie. Ganz im Gegenteil, all das, wohin wir uns begeben könnten, ist ein Konstrukt unserer Phantasie, aber es ist auch – und das ist wichtig zu wissen – ein Teil unserer menschlichen Kultur.

Letzte Frage: Was macht der Weise aus höherer Sicht?

Er verbindet sich mit Gott …

… mit diesem Gott, der nur ein Bild im Kopf des Menschen ist?

Genau mit dem! Gott ist wie ein wirbelndes Gebilde, eine göttliche Blase, die alles Sichtbare im Universum emaniert und wieder verschlingt. Im Grunde ist es einfach die Energie der Schöpfung, die im Mittelpunkt der um sie herum angeordneten Sterne pulsiert. Irgendwie sind alle religiösen Formen mehr oder weniger bildhafte Umschreibungen des Schöpfungsknalles, des Impulses, der alles in Bewegung setzte an jenem Tage Null, an dem Gott seine Energie sozusagen aus sich selbst herausgeworfen hat, ohne sie jemals wieder loszulassen. Seither surft er mit allem, was er geschaffen hat, auf den Wellenkämmen des sich ständig ausdehnenden Universums immer tiefer in die Ewigkeit hinein. Oder – weniger verbrämt formuliert: Seitdem ist die Kraft Teil ihrer eigenen Ausrichtung und dringt durch alle von ihr geschaffenen Geschöpfe hindurch.

Ich glaube, langsam habe ich dich verstanden: Aus deiner Sicht wäre Gott eine Art „Silver Surfer“ am Nachtmeerhimmel …?

Das Problem mit Gott ist, dass wir unserem inneren spirituellen Teil nicht vertrauen, weil wir gelernt haben, alles, was wir in uns fühlen, katalogisieren und einordnen zu müssen. Dadurch verheddert sich unser Verstand und im entscheidenden Moment, in dem wir aufgerufen sind, der Emanation zu folgen, fühlen wir uns gezwungen, dieses Gefühl zu interpretieren. Doch der Verstand projiziert das aus dem inneren Erahnen entwickelte Gespür auf einen äußeren Götzen, den wir anbeten können, damit er uns im Kampf gegen das Böse in der Welt unterstützt. Wollen wir hinter die Fassaden unserer eigenen anerzogenen Bilder gelangen, die uns zwingen, das zu sehen, was wir als kollektive Vorstellung abgespeichert haben, stürzt uns unser aufoktroyiertes Weltbild zusammen. Nur dank dieser Netzfäden, die wir seit Tausenden von Jahren in unserem Erleben aufgespannt haben und die wir von Generation zu Generation weitergeben, binden wir uns an den gleichen Traum, und nur dank diesen Abspeicherungen, die uns ein Treppengeländer an die Hand geben, an dem wir uns sicher durch das Unbekannte hindurchhangeln können, werden wir nicht vom göttlichen Auge verschluckt …

… oder eine alte Prägeform des „Wonderful Wizard of Oz“?

Anders ausgedrückt: Solange wir uns weigern, hinter die Mechanismen zu blicken, die uns zwingen, die Welt so zu sehen, wie wir gelernt haben, sie wahrzunehmen, damit sie funktioniert, sind wir vor diesem allsehenden Auge geschützt. Deshalb gibt es auch nie ein Ende für das, was uns weiterführt: Es sind die Emanationen des Auges, die sich wie ein ins Wasser geworfener Stein, der ständig neue Kreise auslöst, bis in alle Ewigkeit aus sich selbst gebären und dabei immer neue Galaxien entstehen lassen – eine Art universeller Muttermund, durch dessen alles einsaugenden, alles aus sich heraus gebärenden Schlund jede Form am Ende ihres Zyklus eingesaugt und wieder ausgespuckt wird, um ihre Einzigartigkeit im Licht ständig wechselnder Scheinwerfer immer wieder neu zu interpretieren. So bleiben wir ewige Träumer der göttlichen Emanationen des Auges, zumindest solange wir nicht „mit dem Herzen sehen“ – solange wir nicht erkennen können, dass wir nicht nur Beteiligte, sondern auch Schöpfer unseres eigenen Lebensstücks sind.

1 Das Tortenmodell

2 vgl. auch „Fluch der Ahnen“ und „Familiendämonen“

3 Ein durch Gedanken und Willenskraft geschaffenes Kraftfeld

4 Das Phänomen abgespaltener Persönlichkeitsteile


Die Sieben Pforten des Geistes
2. Zeit
Die psychische Abspeicherung von Zeit

Im philosophischen Sinn entspricht die Gegenwart der „Vergangenheit in ihrer zukünftigen Form“. Stellen wir uns im übertragenen Sinn dazu die Schuhe an unseren Füßen vor, mit denen wir uns durch Raum und Zeit bewegen. Auch wenn unsere Aufmerksamkeit stets der Gegenwart, also demjenigen Ausschnitt gilt, der sich gerade unter unseren Sohlen befindet, sind Vergangenheit und Zukunft in demselben Maße Wirklichkeit. Sie sind nicht linear aneinandergereiht, sondern fadenförmig-spinnennetzähnlich über das ganze Zeitfeld verteilt. Dabei ist es weniger entscheidend, welches Stück Gegenwart wir gerade per pedes „abmarschieren“, viel wichtiger ist es, wie wir die aktuellen Schritte im Kopf mit allen anderen gespeicherten Erinnerungen verbinden. Der „momentane Ausschnitt“ ist lediglich der sich ständig mit uns bewegende Schnittpunkt unter unseren Füßen (die Mythologie hat dafür das Bild der die menschlichen Schicksalsfäden spinnenden Nornen entwickelt), der sich mit uns durch unser Bewusstseinsinventar bewegt und uns ständig eine große Zahl von Möglichkeiten offeriert. Es handelt sich um so genannte Assoziationsfelder, die es uns erlauben, jedes zukünftige Ereignis mit ähnlichen vergangenen Erfahrungen zu vergleichen und das Erlebnis an der Stelle im Netz zu positionieren, an der es an vergangene Ähnlichkeiten anknüpft.1

Die Gesetze von Ursache und Wirkung

Wer sich mit seinem Karma beschäftigen will, darf nicht an den Gesetzen von Ursache und Wirkung festkleben. Er muss akzeptieren, dass die Ursachen der Wirkungen selbst wiederum Wirkungen davor liegender Ursachen sind, die alle, wenn wir nur genügend tief in die Vergangenheit eintauchen, wahrscheinlich auf den historischen Schöpfungsknall zurückzuführen sind. Wenn wir über das Phänomen Zeit tiefer meditieren, erkennen wir, dass jedes Erleben nie nur „Wirkung“, sondern immer auch „Ursache“ eines in uns angelegten Verhaltens ist, das gleichzeitig in die Vergangenheit zurück- und in die Zukunft vorwärts schwingt.2 Vergangenheit und Zukunft sind gleichzeitig: Alpha und Omega sind eins. Das Problem ist unsere Vorstellung von Zeit: unsere Raumvorstellung, die sich nur zwischen zwei Punkten bewegen kann, damit uns die anerzogene duale Welt nicht „auseinander fällt“. Das ist der Bewusstseinsstoff, aus dem unsere kollektiven Bilder sind: die Spiele unserer Vorstellungen mit sich selbst, die sich stets auf sich selbst, d.h. auf Vorangegangenes beziehen. Das reflektiert sich auf allen Stationen des Pilgerwegs. Solange wir uns immer nur an den Drehbewegungen der Zeit orientieren und nicht verstehen, dass wir von unserem Tod genauso beeinflusst werden wie von unserer Geburt, so lange wird uns auch der Ablauf von Zeit als Prüfstein unserer Entwicklung ein Geheimnis bleiben und zwar ohne erkennbaren Sinn. Hier liegt das kreative Dilemma. Änderungen können nur aufgrund der Fehler vorgenommen werden, die wir gestern gemacht haben und die wir heute erkennen. Dabei können wir die Fehler von gestern auch ausmerzen, auf die wir heute stoßen, aber wir können die Fehler von morgen nicht vermeiden, weil wir sie heute nicht sehen. In diesem Sinne bleibt alles beim Alten: Wir korrigieren immer nach hinten, von heute aus, dem Punkt also, an dem uns etwas negativ auffällt, derweil die Entwicklung von morgen gerade jetzt passiert, in den Entscheidungen, die wir zwar heute treffen, die sich in ihrem Umfang jedoch auf gestern beziehen. Bis wir die Fehler dessen, was wir heute erzeugen, erkennen, ist es morgen, und das, was wir dann als Fehler erörtern, wäre von gestern, wobei die zukünftigen Erkenntnisse, während wir die alten Fehler beheben, übermorgen dann die neuen Probleme von heute anzeigen. Änderungen entstehen also nicht zu dem Zeitpunkt, an dem sie nach außen in Erscheinung treten, sondern da, wo sie als Innovation oder Impuls ins System einfließen. Wenn wir das wissen, können wir davon ausgehen, dass es sich bei den Erkenntnissen von heute eigentlich stets nur um die Erfahrungen von gestern handelt.

Die gedanklichen Verknüpfungen halten die Welt am Laufen

Jede Handlung verändert alle anderen Handlungen, denn im kollektiven Fond abgespeicherter Inhalte ist alles mit allem verknüpft. Dieser Weg beinhaltet all die Erlebnisse und Erkenntnisse, die wir zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort gemacht haben, und verhilft uns zu einer alle Assoziationen einbindenden Übersicht im Kopf, an der wir uns ständig orientieren können. Die gedanklichen Verknüpfungen, welche die Welt erschaffen und am Leben halten, sind auf die Bemühungen des wahrnehmenden Individuums zurückzuführen, um sich einen Rahmen zu bauen, auf den es sich ständig beziehen kann. Eine selbst kreierte Struktur auch, die uns Sicherheit gibt. Gleichzeitig schenkt uns dieser Trick das gute innere Gefühl, uns ständig zu entwickeln und immer besser voran zu kommen. Überspitzt formuliert ist das von uns gefühlte Zeitempfinden ein sich durch den Einfluss ständig neuer Gesichtspunkte laufend in sich „verdrehendes“ Gebilde, denn unsere Sichtweise wird ja von einem sich täglich verändernden Standpunkt geprägt. Jede Erkenntnis verändert jede andere Erkenntnis, deshalb hat jede Einsicht, die wir machen, Wirkungen auf die vergangenen Erfahrungen, die wir schon gemacht haben, womit wir wieder zur Ausgangslage zurückkehren: Nur der Mensch, der sich in seinem ganzen Wesen erkennt, ist imstande, seine innere Haltung zu erweitern. Er ist aber nicht nur das Kind, das zum Alten wird, er ist auch der Alte, der sich im Jungen erkennt. Somit finden wir im Neuen wieder zum Alten zurück: Die einzige Wahrheit, die der Vergangenheit zukommt, ist nämlich die, dass sie aus einer anderen Sicht genauso gut auch Gegenwart oder Zukunft sein kann. In diesem Sinne ist Zukunft vielleicht die kreativste aller Illusionen, zu denen Menschen fähig sind.

Gespräche mit dem alten Magus
Ist die Zeit aus der Sicht des Geistes eine Illusion?
a) Allgemeine Fragen und ein Fallbeispiel zum Thema Zeit

Was war zuerst: das Ei oder die Henne?

Weder noch. Ich denke, die Vergänglichkeit des Lebendigen war der Anfang der Vorstellung noch vor der Idee vom biologischen Konstrukt des Federviehs. Aus diesem Grunde gibt es keinen Anfang und kein Ende und genauso, wie das Ei die Erfahrungen der Henne in sich trägt, so birgt jede Geburt die Erfahrungen des Todes in sich.

Das Ende als Anfang?

Da das Ende den Anfang aus sich hervorbringt und der Anfang die Voraussetzungen für das Ende in sich trägt, ist das Ende das Ziel, das sich im Anfang als Absicht verbirgt. Vom Standpunkt der Vergänglichkeit der eigenen Position aus stellt sich das Ganze als vorübergehend oder vorbeirauschend dar. Aus Sicht des vergänglichen Bewusstseins kann Zeit stets nur „Werden“, und das setzt eben voraus, dass sie immer wieder „vergehen“ muss. Ziel ist aus der Sicht des Anfangs die Zukunft oder die „Entwicklung des ersten Schritts“ und aus der Sicht des Endes die „Vergangenheit der zukünftigen Absicht des ersten Impulses“. Mehr nicht.

So repräsentiert Zeit aus deiner Sicht das universale Gesetz, das Vergangenheit und Zukunft miteinander verknüpft?

Alle Formen von Entwicklung existieren gleichzeitig. Im Spiegel der menschlichen Entwicklung blicken uns Anfang und Ende, Geburt und Tod entgegen, die am einen Ende vernichten, was sie am anderen erschaffen haben, denn jeder Zyklus endet dort, wo er begonnen hat, und wir können in jedem Ende den Keim eines neuen Anfangs erahnen. Solange wir uns aber immer nur an den Drehbewegungen der Zeit orientieren und nicht verstehen, dass wir von unserem Tod genauso beeinflusst werden wie von unserer Geburt, so lange bleibt uns auch die Zeit ein Geheimnis ohne erkennbaren Sinn ...

… vom Tod beeinflusst werden? Dann wären Anfang und Ende die Brückenköpfe einer neuen Vorstellung von Zeit?

Nun, wir bewegen uns innerhalb einer „Vorstellung von Zeit“, die wir uns selbst erarbeitet haben. Diese Vorstellung hat den Vorteil, dass wir sie selbst kontrollieren können. Andererseits verunmöglicht uns der Wunsch nach Kontrolle, wirkliche Zeit zu fühlen oder zu verstehen. Wir müssen, um die Realität innerhalb unserer kontrollierten Vorstellung von Zeit zu erleben, jede Zeitebene außerhalb unserer anerzogenen Vorstellung von Zeit ausblenden, damit uns das Zeitkonstrukt nicht wie ein Dach über dem Kopf zusammenfällt. Deshalb ist es dem alles miteinander in Verbindung bringenden Geist unmöglich, Zusammenhänge außerhalb seiner Vorstellung von Raum und Zeit zu sehen, es sei denn, es gelingt ihm, auf eine höhere Frequenz zu „switchen“. Dann sind so genannte Wunder möglich. Lass es mich an einem Beispiel schildern!

O ja, gerne!

Zur Überprüfung meines Tortenmodells3 in diesem Buch bat ich letzte Woche Patricia und Cyrus, zwei magische Begleiter, eine Schwarzwälder Kirschtorte zu kosten. Einerseits, um zu erfahren, aus wie vielen Schichten eine solche Torte zusammengesetzt ist, und andererseits, um den Geschmack zu prüfen und den Geist dieses Erzeugnisses zu spüren. Es ging darum, herauszufinden, ob dieses Erzeugnis für das Modell geeignet ist.

Weshalb? Ist die Torte mehr als nur ein Beispiel für die Aussage eines Modells?

Nun, wenn wir ein abstraktes Modell an einen kollektiven Begriff wie eine „Schwarzwäldertorte“ binden, dann bedeutet das auch, dass wir damit gewisse Assoziationsfelder auslösen. Es ist deshalb auch nicht ganz unwichtig, welche ideelle Verknüpfung das von uns benutzte Modell in den Köpfen der Menschen freisetzt.

Du glaubst, der Geist dieser Torte dringt in die Köpfe der Menschen ein ...

... und hilft ihnen, ihre Wirklichkeit besser zu verstehen – ja!

Wer sind Patricia und Cyrus?

Patricia ist eine junge Visionärin und hervorragende Zeichnerin, die alle meine jüngeren Werke illustriert hat und die auch für die optische Umsetzung dieses Modells verantwortlich ist, und Cyrus ist ein ganz besonderer Kauz – ein Psychonautiker und philosophischer Extremist ...

… und was ist ein Psychonautiker?

Ein Psychonautiker ist einer, der in seine eigene Psyche eintaucht und mit Hilfe von magischen oder schamanischen Techniken sein Unbewusstes „bereist“. Cyrus kommt aus Paderborn, hat aber in Konstanz studiert, und aus vielen Erzählungen von ihm wusste ich, dass für ihn Konstanz ein magischer Kraftplatz war. Beispielsweise erzählte er mir, dass er während seiner Studienzeit einmal auf der Marktstätte war und dort vom Kaiserbrunnen in Richtung Hafen einen riesigen Jahrmarkt mit unzähligen Holzbuden vorfand, die alle etwas anderes anboten. Nachdem er sich dort umgesehen hatte, entschied er sich beim nahe gelegenen McDonald gegenüber vom Bahnhof etwas zu essen. Als er eine Viertelstunde später zurückkam, waren alle Buden verschwunden – ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Ein paar Monate später residierte an der gleichen Stelle, an der er die Stände wahrgenommen hatte, zum ersten Mal der Konstanzer Weihnachtsmarkt.

Eine Verschiebung der Zeitebene …?

Entweder eine Verschiebung der Zeitebene oder eine Art zukünftige Erinnerung – auf jeden Fall ziemlich spektakulär. Daher der Vorschlag, die Schwarzwäldertorte in einem Straßencafé genau an dieser Stelle einzunehmen, da ich annahm, dass dieser Ort für ihn möglicherweise einen Durchgang oder ein „Zeitfenster“ bereithielt, durch das er vom Bewusstsein unbemerkt in andere Bewusstseinsebenen „überwechseln“ konnte. Zumindest schien aber eine passende Frequenz zu herrschen, die es ihm erleichterte, mit seinem Unbewussten in Kontakt zu kommen.

Erlebnisbericht Cyrus vom 3. April 2010 – Marktstätte in Konstanz

Zu viert waren wir auf dem Weg nach Konstanz, um dort den Ebenen des Bewusstseins gemäß eine Schwarzwälder Kirschtorte zu verzehren – Ebene für Ebene, von der Welt der Illusionen bis hinunter zum Kuchenboden des amorphen Kosmos, dem ungerichteten Urgrund ohne Gravitationskerne von Ideen und Sehnsüchten. Am Marktplatzbrunnen angekommen suchten wir ein Café auf, nur um nach der eingenommenen Mahlzeit festzustellen, dass es keine Schwarzwälder Kirschtorte als Nachtisch mehr gab. Also, was tun? Wir entschlossen uns, es an einer anderen Stätte zu versuchen. Doch das nächste Café erschien uns nicht gemütlich: Wir berieten kurz und entschlossen uns dann, nicht Platz zu nehmen, sondern eine Torte zu kaufen und mitzunehmen, und zusammen eine Bank an der Uferpromenade aufzusuchen. Hier traf mich das Déjà-vu-Erlebnis oder die wieder belebte Erinnerung an einen vergangenen Traum wie ein Hammerschlag, in dem ich bereits erlebt hatte, was ich jetzt wahrnahm: Ich erinnerte mich an die beiden Begleiterinnen, die ich erst am Tag zuvor kennen gelernt hatte, und an alles, was gesagt wurde, während es gesagt wurde – gleichzeitig! Ich hätte jedes Wort mitsprechen können. Ich wies am Ende des Gespräches – es ging vornehmlich darum, wo und wie wir die Torte verspeisen würden – auf mein gerade stattfindendes Erlebnis der zeitgleichen Erinnerung hin und fügte meinen Schlusssatz, an den ich mich auch gerade in diesem Augenblick erinnerte, mit folgenden Worten hinzu: „Und jetzt habe ich in meiner Erinnerung folgendes gesagt: …!“ – und sprach aus, was ich in meinem Traum an dieser Stelle gesagt hatte. Und siehe da, es passte genau zur gegenwärtigen Situation.

Wie kann das geschehen?

Das kann keiner wissen. Vielleicht ist es ein Akt „erinnerter Zukunft“, eine Art Erlebnis, das man nicht erlebt, sondern auf der Zeitschleife schon „vorgeträumt“ hat, woran man sich plötzlich wieder erinnern kann, oder ein verdrängtes Ereignis, das im Unbewussten wirkt, bis es sich wieder in die Gegenwart drängt. Viele Erlebnisse sind unvollständig oder unbearbeitet in die Zwischenwelt der Träume und Phantasien eingefügt und werden von den Menschen in ihren Erinnerungen oft hervorgezerrt, obwohl sie sich in der erwähnten Form gar nie zugetragen haben. Es gibt tief in der Seele, unterhalb der Traumsphäre, unbekannte Kräfte, die sich am kosmischen Puls orientieren und uns die Türen zu interessanten, uns völlig unbekannten Wahrnehmungen öffnen, die bisweilen unvermittelt in unsere diesseitige Welt hineinstrahlen. Durch zufällige Realitätsverschiebungen, hervorgerufen durch Müdigkeit, Fieber, Drogen, Schocks, meditative und andere bewusstseinsverändernde Zustände, öffnen sich „Aufmerksamkeitslöcher“, die uns vermitteln, was jenseits unserer materiellen Sphäre möglich ist.

Aber wie kann ich mich dann gleichzeitig auf verschiedenen zeitlichen Ebenen bewegen?

Schwer zu sagen. Das Problem ist, dass wir nichts aus anderen Ebenen auf unsere Bewusstseinsstufe übertragen können, da wir hier kein Inventar für das „Festhalten“ unbekannter Eindrücke besitzen. Wir können uns nur innerhalb der Bewusstseinssphäre erinnern, in der wir uns gerade befinden.

Was passiert dann mit den Erkenntnissen auf diesen anderen Ebenen?

Jede Bewusstseinsebene besitzt ihr eigenes Schwingungsfeld, mittels dem wir mit Hilfe unseres Empfindens die Bilder kreieren, innerhalb derer wir uns bewegen. Durch die innere Verschiebung unserer Wahrnehmungsfrequenzen verändern sich auch die Erscheinungen, denen wir auf den verschiedenen Stufen begegnen, denn als Reflexionen der kollektiven Bilder entsprechen sie exakt den Ausformungen unserer Ausrichtung – also der Form und Größe des Gefäßes, mit dem wir die kollektiven Bilder abschöpfen ...

… die kollektiven Bilder abschöpfen? Das versteh ich nicht!

Das ist dasselbe wie im normalen Alltag, wo die Größe und die Form eines Kruges entscheiden, wie viel Wasser wir aus einem Brunnen schöpfen können. Sobald wir wieder in unsere bekannte Erscheinungswelt zurückgekehrt sind, haben wir alles, was wir auf anderen Ebenen erlebten, auch schon wieder vergessen.

Das würde bedeuten, dass wir uns an diese anderen Bewusstseinszustände nicht mehr erinnern, sobald wir uns wieder in unserer „Realität“ befinden?

So ist es! Nur in speziellen Momenten, in denen es uns „zufälligerweise“ gelingt, den Verstandeszensor oder den Traumwächter zu überlisten, ist es uns möglich, gewisse Bruchstücke von Erlebnissen oder Zusammenhänge anderer Ebenen zu erfahren, die dann – wie im Beispiel gesehen – als nicht einzuordnende Empfindungen in unsere kontrollierte Welt hineinragen.

Dann hat es die Zeit, wie wir sie kennen, nie gegeben?

Nein. Um die tieferen Ebenen in unserer Seele erreichen zu können, müssen wir das Konzept der linearen Zeit aufgeben. Sie ist nur ein künstliches Konstrukt, das nicht mit dem Universum schwingt, sondern mit der Kraft unserer Vorstellung, bestimmte Ausschnitte des Ewigen kontrollieren zu wollen. Sobald wir uns aus diesem verengten Zeitfeld in „Zeitlosigkeit“ hineinfallen ließen, fielen wir aus unserer „Übereinstimmung mit der Welt“ heraus …

… Übereinstimmung mit der Welt?

Das ist der Zustand auf der Bewusstseinsebene, wo wir die „Überlieferung der Welt“, also die Muster, wie wir gelernt haben, die Welt wahrzunehmen, akzeptieren.

Wo befänden wir uns dann?

Im Zustand meditativer Zeitlosigkeit befinden wir uns außerhalb der Grenzen, die wir uns in unserer kollektiven Wahrnehmung selbst gesetzt haben. Kurz: Unser Zeitgefühl dient lediglich dem Umstand, die verschiedenen Handlungsstränge und Knotenpunkte, die unser Erleben vermessen, voneinander zu unterscheiden.

Warum ist das wichtig?

Weil das der einzige Weg ist, um die Illusion unserer Kontrolle aufrechterhalten zu können!

Was würde passieren, wenn wir es nicht tun?

Dann liefe uns die ganze Welt davon, weil es dann ja nichts mehr gäbe, an dem wir uns zeitlich festhalten könnten. Das ist die Quintessenz der Erkenntnis, dass es absurd ist, Zeit außerhalb von Zeit verstehen zu wollen, vor allem für uns menschliche Wesen, die selbst Zeit dafür bräuchten, um es nicht zu verstehen.

Das Unverständliche nicht zu verstehen …?

Das Verständliche und das Unverständliche. Wir brauchen nicht nur Zeit, etwas zu verstehen, sondern wir brauchen genauso viel Zeit, um etwas nicht zu verstehen, denn das Verstehen ist die einzige Instanz unserer materiellen Sphäre, und sie kreiert sich ihr eigenes Universum. Es gibt im tiefsten Inneren eines jeden Wesens aber Sinne, die dieses Mysterium begreifen können, weil sie zum inneren Empfinden von Zeit imstande sind … wenn auch nicht auf der Ebene von Zeit!

Und wie kann man diesem Circulus vitiosus entkommen?

Indem wir die Frequenz unserer inneren Wahrnehmung willentlich verändern, wie wir das – wie eben besprochen – von fernöstlichen Meditationstechniken oder Experimenten mit schamanischen Zauberpilzen kennen. Schon das Einsinken in die Traumsphäre ist ein Absenken unserer inneren Aufmerksamkeit auf eine tiefere Ebene. Wenn wir uns beispielsweise an der gefühlten inneren Unendlichkeit ausrichten, dann richten wir uns gleichzeitig an einer höheren Frequenz in uns selbst aus und an der damit verbundenen spirituellen Fähigkeit – Esoteriker nennen dieses Gefühl die innere Göttin oder das göttliche Licht –, uns göttlich zu fühlen. Ein Gefühl, das mit den materiellen Gesetzen und den strukturellen Erklärungen unserer Gesellschaft nur schwer zu vereinbaren ist.

Also behelfen wir uns mit einem Sinnmodell der Zeit, das uns erklärt, warum die Dinge so laufen, wie sie laufen?

Ja! Das ist die Vorstellung, die wir aus vielen Möglichkeiten entwickelt haben, um uns als Gesellschaft auf der materiellen Ebene zu etablieren. Nennen wir es das „kollektiv abgespeicherte Modell der Zeit“, kurz: Modellzeit, im Gegensatz zu holographischer oder multidimensionaler Zeit, die wie ein universales Feld alle unsere Wesens- oder Persönlichkeitsteile umfasst und dadurch die Sphäre all dessen beinhaltet, was wir sind. Und zwar über das hinaus, was wir zu sein glauben!

Verstehe! Wie gelangt der Mensch an die Schalter der Zeit?

Der normale Ablauf von Zeit verstärkt unser Kontrollbedürfnis nach der Handhabung von Zeit, denn jede lineare Bewegung von hinten nach vorne oder aus der Vergangenheit in die Zukunft ist ein Vorgang, der beobachtet, kontrolliert und registriert werden kann. Doch unzugänglichere Teile von uns wissen auch von Vorgängen, die auf tieferen, von uns nicht „überwachten“ Zeitebenen ablaufen. Das sind Ereignisse, die wir nicht in unser Erleben einbinden und die uns erschrecken können, wenn sie unverhofft an unsere Bewusstseinstüre klopfen. Trotzdem ist es für unsere Entwicklung sehr erweiternd, uns in tiefere Bewusstseinsebenen „hinabzuträumen“, in denen Begebenheiten jenseits von linearer Zeit vonstatten gehen.

Was passiert aber, wenn wir uns tiefer in unser abgespeichertes Zeitmodell „hineinträumen“?

Mit jeder Verschiebung nicht nur auf der horizontalen, sondern auch auf der vertikalen Ebene, senkrecht durch unsere verschiedenen Bewusstseinsstufen hindurch, finden wir heraus, dass wir mehr als nur egoistische Persönlichkeitssplitter sind, die ihre eigene Ich-Wahrnehmung ständig von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft bewegen, nämlich mehrdimensionale Wesen, die tief in unbekannte Sphären und unbeschreibbare, dem Bewusstsein nicht zugängliche Welten hineinreichen. Das ist auch der Grund, warum man darüber mit „Normalos“ nicht reden kann.

So erklär uns bitte dieses „Sinnmodell der Zeit“!


Wir können nur über das reden, was uns durch Zeit sichtbar gemacht wird, aber niemals über das, was Zeit wirklich von innen her ausmacht, denn Zeit erscheint uns nur deshalb als Zeit, weil wir sie immer mit einem Ereignis verbinden und dabei nur das Ereignis sehen und nicht die Zeitqualität, die das Ereignis erschafft. Wir sehen nie die Zeitschiene, auf der sich alles bewegt, weil wir uns immer nur auf den (Zeit-)Punkt konzentrieren: den Moment des Betrachtens unter Ausschluss des Phänomens, wie sich Betrachtung überhaupt vollzieht und wie sie auf unsere Wahrnehmung einwirkt. Der Zeitpunkt ist gleichsam das Fahrzeug, mit dem wir uns auf der Zeitschiene bewegen; und obwohl Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in demselben Maß Wirklichkeit sind, weil die Schienen der Zeit zur selben Zeit in alle Richtungen des Bewusstseinskontinents der Zeit verlaufen, gilt unsere Aufmerksamkeit stets der Gegenwart, d.h. demjenigen Schienenab­schnitt, der sich gerade unter dem Fahrzeug befindet.

Du willst sagen, die Menschen agieren stets linear – auf einer Schiene, die sich aus der Vergangenheit in die Zukunft bewegt …

Ja. Dabei gibt es keine duale Schiene Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, sondern das ganze menschliche Erleben ist wie ein Spinnennetz so in die Psyche verwoben, dass wir jedes zukünftige Ereignis mit ähnlichen vergangenen Erfahrungen vergleichen und das Erlebnis an der Stelle im Netz positionieren, an der es an vergangene Ähnlichkeiten anknüpft.

Das würde bedeuten, dass wir Zeit niemals verstehen werden?

Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass alles, was wir wahrnehmen, von unserem Bewusstseinsfokus abhängt, der sich an irgendeiner Stelle des Schie­nenwerks befindet. Der Schienenabschnitt, den wir in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen, ist das Kontinuum unseres Raum/Zeit-Empfindens, das sich uns als eine Reise zwischen Geburt und Tod darstellt. Unser Erleben ist nichts anderes als unsere Raumvorstellung, die wir zwischen diesen beiden Punkten bewegen, und damit diese Bewegung auch innerhalb der Grenzen unseres Bewusstseins verbleibt, müssen wir unsere Aufmerksamkeit zuerst dorthin dirigieren, wo wir gelernt haben, die Welt wahrzunehmen. Gleichzeitig sind wir bestrebt, diese zur Wirklichkeit erhobene Wahrnehmung sehr vorsich­tig und mit äußerster Ökonomie auf der Zeitschiene zu bewegen, damit sich eine gewisse Stabilität unserer (Re-)Konstruktion der Wirklichkeit einstellt. Sonst könnte es geschehen, dass uns das gemeinsam wahrgenommene Bild der Wirklichkeit plötzlich über dem Kopf zusammenstürzt.

Wenn ich das alles richtig interpretiere, wäre unsere gefühlte Wirklichkeit nichts anderes als ein „Konstrukt von Zeit“?

Der Verstand als der Chefarchitekt unserer Wirklichkeitskonstruktion ist im Grunde mit nichts anderem beschäftigt, als die angelernten Muster unserer Wahrnehmungen und Vorstellungen zu sichten und zu ordnen. Obwohl er meistens nur den durch das Bewusstsein huschenden Mustern hinterher schaut, gewinnen seine Konstruktionen in dem Maß an Stabilität, wie es ihm gelingt, die Wirklichkeit vom Bewusstsein auszuschließen, indem er das Unfassbare zu einem Teil des Fassbaren macht …

… dann wäre nicht die Wahrnehmung der Zeit, sondern die Wahrnehmung unserer materiellen Realität der Trugschluss?

Aus der Sicht des Geistes – ja! Wenn wir statt unseres Bewusstseinspunktes die Zeitschiene selbst, auf der sich unser Bewusstseinsfokus bewegt, in den Mittelpunkt stellen, erkennen wir, dass alle Schienenstränge des Raum/Zeit-Kontinuums tatsächlich miteinan­der verbunden sind, und zwar völlig unabhängig von unserer Position oder unserer Fahrtrichtung. Jeder Vorgang verändert alle anderen Vorgänge, denn auch das Schienenstück, auf das wir unsere Aufmerksamkeit richten, ist mit allen anderen Schienenstücken verbunden. Deshalb fließen in die Erlebnisse, die wir zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort haben, immer auch die Erlebnisse aller anderen Wesen in allen anderen Abschnitten des gesamten Schienenwerks mit ein. Umgekehrt hat auch jede unserer Erfahrungen auf unserem Gleisabschnitt Wirkungen auf die Vergangenheit und Zukunft aller anderen Lebewesen, die sich in Zeit und Raum bewegen: gerade so, wie ein ins Wasser geworfener Stein Wellen verursacht, die sich in alle Richtungen und tatsächlich über alle Wasser des Planeten bewegen.

Kannst du uns dieses Phänomen an einem Beispiel erläutern?

Wir können es versuchen, denn die Gegenwart kann im seelischen Bereich sehr wohl in die Vergangenheit eingreifen und sie in ihrer Bedeutung verändern. Habe ich z. B. eine Katze erschlagen und es ist das psychologisch sinnvolle Ziel dieser Handlung, dass ich daraus eine Erfahrung gewinne, dann ist der äußere Vorgang für mich nur so lange relevant, bis ich den inneren Sinn meiner Tat festgestellt habe. In dem Augenblick jedoch, da ich den eigentlichen, mir bisher verborgenen Grund dafür erkenne, verliert der Tod der Katze, für sich betrachtet, an Bedeutung. Denn er stellt sich jetzt als Teil meines Erfahrungszuwachses innerhalb einer größer gewordenen Gesamtperspektive dar. Damit ist er, aus seiner möglichen Zukunft heraus betrachtet, in seiner eigenen Gegenwart, die für mich jetzt die Vergangenheit ist, unter Umständen überhaupt nicht mehr existent. Diesem psychologischen Vorgang begegnen wir auch oftmals bei Gerichtsprozessen, wo Fakten verhandelt werden, die sich in der persönlichen Vergangenheit der Betroffenen schon längst in die Gegenwart höherer Erkenntnisse davongestohlen haben. Man bezichtigt diese Menschen dann meistens der Verlogenheit, wenn sie sich an nichts mehr erinnern können. Vom spirituellen Standpunkt aus ist dies problematisch. Denn diese Menschen sind wie Maler, die in der Realität an den unvollständigen Teilen ihres Bildes von sich selbst malen. Dies geschieht jedoch auf einer anderen, gänzlich inneren Ebene, auf der das ganze Bild als unbewusste Schöpfung schon vorhanden ist. Über ihre eigene Ganzheit meditierend, das vollständige Bild ihrer selbst vor Augen, übertünchen die Betreffenden, während sie das Ganze zu erahnen glauben, die bereits gemalten Teile ihrer Vergangenheit immer wieder aufs neue.


Somit wirkt sich das auch auf die Illusion unserer Materie aus?

Zeit verändert die Wahrnehmung – denn sie verändert den Geist. Wir sind ja nicht die Schöpfer der Realität, wir sind nur die Schöpfer der Bilder unserer Realität, wie wir sie kennen, denn die kollektive Wahrnehmung der Realität entspricht ja exakt dem materiellen Abdruck, den wir uns im Laufe der Entwicklung geschaffen haben, und dieser Abdruck hat mit der „wirklichen“ Wirklichkeit (der Wirklichkeit außerhalb der subjektiven Perspektive) nichts am Hut. Dieser Abdruck verändert sich langsam, aber stetig, und erst aus der Sicht von Jahrzehnten werden wir uns überhaupt bewusst, dass eine vollständige Umwandlung stattgefunden hat. Tatsache ist: Hätten wir kein persönliches Umfeld, das uns ständig spiegelt, würden wir überhaupt nicht bemerken, dass wir alt geworden sind, denn das psychische Bild des Geistes und der Seele kennen keinen „Abrieb durch Alterung“.

Keinen Altersprozess, sagst du – versteh ich dich da recht?

Ich rede vom psychischen Bild des Geistes, nicht von der körperlichen Materie, denn diese kann einen Begriff wie „Zeit“ nur innerhalb ihres Zeit-Kontinuums erfassen. Der Mensch sieht die Zeit wie einen Fluss, der von einem Punkt zum anderen fließt, wenn auch nicht räumlich, sondern in einem Kontinuum von Zeit, das alle materiellen Dinge durch seinen Alterungsprozess durchwirkt. Deshalb kann er ja das Phänomen Zeit außerhalb seines Bewusstseinsrahmens nicht begreifen. Er bindet sich an die „erlebte“ Vergangenheit, die er kennt und kontrolliert, und rechnet die „unbekannte“ Zukunft an dieser hoch. Damit wird jedes „zukünftige Erlebnis“ an den Erfahrungen der Vergangenheit gemessen und der Gefühlswert des Zukünftigen damit aus dem Verflossenen beschworen. Somit ist die „zukünftige Erfahrung“ lediglich das Resultat der Messung neuer Eindrücke an den vergangenen Beobachtungen auf anderen Ebenen, deren Auswirkungen sich wie die schon mehrfach zitierten Ringe immer wieder auf die ursprünglichen Prägungen in der Kindheit beziehen. Das lässt den Körper altern.

Das bedeutet, dass der Mensch seine „Zukunftserwartungen“ immer durch eine Art Filter von „Vergangenheitsbewältigung“ presst?

Die „Straße der Zukunft“ rollt auf dem Pflaster vergangener Erfahrungen, und das ganze Leben ist im Grunde weniger ein fortlaufender Abenteuerroman, sondern eine sich immer enger zusammenziehende „Episodengeschichte“, die sich nur durch die kontrollierende Instanz des Egos wie eine fortlaufende Geschichte anfühlt. Die „persönliche Geschichte“ eines jeden Menschen illustriert diesen Mechanismus, wenn sich die vielen Wege mit zunehmender Dauer immer mehr verdichten und die immer wieder gleichen Bilder durch verschiedene Sichtweisen und Rückblenden zu einer fixen Realität verbinden, wenn simple Bilder durch die bloße Einbindung in „vergangene Erfahrungen“ zu ganzen Vorstellungs- und Empfindungskomplexen im menschlichen Hirn „realisiert“ werden.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
259 s. 49 illüstrasyon
ISBN:
9783905372496
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