Kitabı oku: «ALIEN: COVENANT - der offizielle Roman zum Film»

ALIEN ™
COVENANT

EIN ROMAN VON
ALAN DEAN FOSTER
Story von Jack Paglen und Michael Green Drehbuch von John Logan und Dante Harper Basierend auf Charakteren geschaffen von Dan O’Bannon und Ronald Shusett
Für Dan O’Bannon und Ronald Shusett Es lebt.
und
Für Frank und Chellene, Künstler und Freunde, mit Dank.
ALIEN™: COVENANT
ISBN (Gedruckte Ausgabe): 978-3-95835-222-3
ISBN (E-Book-Version): 978-3-95835-223-0
This translation of Alien™: Covenant, first published in 2017, is published by arrangement with Titan Publishing Group Ltd.
This is a work of fiction. Names, characters, places, and incidents either are the product of the author’s imagination or are used fictitiously, and any resemblance to actual persons, living or dead, business establishments, events, or locales is entirely coincidental. The publisher does not have any control over and does not assume responsibility for author or third-party websites or their content.
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überarbeitete Ausgabe
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Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Über den Autor
I

Es träumte nicht. Dazu war es nicht fähig. Das Fehlen dieser Fähigkeit war keine Absicht, kein Vorsatz. Es war einfach eine bekannte Konsequenz, die aus seiner Schöpfung resultierte. Der Gedanke dahinter war, dass es keine Überraschungen geben sollte.
Ohne ein unbewusstes Bewusstsein gab es auch keine abstrakte Begriffsbildung. Es fehlte die Ansammlung spekulativer Informationen, die zum Träumen notwendig war.
Und doch – gab es da etwas. Schwierig, es zu definieren. Im Grunde genommen konnte es nur seinen Zustand der Nichtexistenz definieren. Es konnte nur verstehen, was es nicht wusste, nicht sehen konnte, nicht spürte.
Im Fehlen des Träumens gab es auch keinen Schmerz. Es gab keine Freude. Von beidem gab es nicht einmal einen hypofraktionierten Prozentsatz. Es gab nur den anhaltenden Zustand eines nicht ganz vollständigen Nichts. Beinahe zu sein.
Dann eine Wahrnehmung, die zu einem Gedanken führte. Analyse: mögliche visuelle Reizaufnahme. Eine Voraussetzung für auxiliäre neurale Stimulation. Neuronen wurden abgefeuert. Elektrische Impulse verschickt. Es gab eine kleine aber unbestreitbar neuromuskuläre Reaktion.
Augen öffneten sich.
Es konnte sein Gesicht nicht sehen. Hätte es das gekonnt, und hätte es weitere kognitive Fähigkeiten gekannt und diese aktiviert, hätte es ein menschliches Gesicht bemerkt. Frisch, makellos, ohne Falten durch hohes Alter oder zu viel Nachdenken. Gleichmäßig und gut aussehend. Blaue, regungslose Augen. Neu. Dieses spezielle Gesicht würde nicht den Geist widerspiegeln, der dahinter verborgen lag. Sowohl das Gesicht als auch der Geist waren konzipiert worden – programmiert –, aber nur eines davon war in der Lage, sich zu verändern.
Akustische Wahrnehmung. Das Erkennen äußerer Geräusche. Als Reaktion darauf erwachten weitere neurale Verbindungen. Es hörte eine Stimme, die Worte formte. Sie zu verstehen, war leicht; sogar leichter als aufzuwachen.
»Wie fühlst du dich?«
Langsam.
Es musste sich langsam bewegen. Achtsamkeit war lebensnotwendig. Es war wichtig, dass der ungeduldige Körper dem beschleunigten Geist untergeordnet blieb.
Einen vorläufigen Test ausführen, und dann bestenfalls einen, bei dem verschiedene Systeme miteinander interagierten.
Langsam, methodisch, öffneten und schlossen sich Augenlider. Die Frage bedurfte einer verbalen Antwort. Die Bewegung von Luft, Lippen, Zunge.
»Lebendig.« Seine Stimme war ruhig, gleichmäßig. Normal. Vielleicht mit einer Spur Überraschung – die Aufmerksamkeit konzentrierte sich noch eher auf das eigene Befinden als auf den Fragesteller. »Blinzeln … fühlen … blinzeln.«
»Sehr gut« sagte die Stimme. »Was noch?«
»Leben. Blinzeln.« Zur Bekräftigung blinzelte es … er wieder. Die Programmierung bestätigte jetzt, ein Er zu sein … die gleichen neuralen Bahnen, leicht verbesserte Geschwindigkeit, gleiches Ergebnis. Gut. Erfolgreiche Wiederholung bestätigte die Funktionsfähigkeit.
Ganz in der Nähe lächelte ein Mann. Genugtuung war seinem Gesicht abzulesen, aber keine Wärme. Er legte den Kopf leicht schief, während er die Gestalt studierte.
»Was siehst du?« Als keine Antwort folgte, fügte er ermutigend – oder vielleicht befehlend – hinzu: »Sprich.«
Es-Er suchte den umgebenden Raum ab, analysierte, identifizierte. Eine Flut von Informationen externer Quellen: visuell und akustisch. Nichts davon überwältigend. Mühelos aufgenommen. Ein unerwarteter Genuss stellte sich ein, jene Art der Befriedigung, wenn man etwas besonders gut tat. Erkenntnisse stürzten auf ihn ein.
Der Raum war groß. Aus einem Boden aus Milchglas und Quarz wuchs eine Fülle an Mobiliar, alt und neu, wie seltene Blumen in einem sorgfältig angelegten Garten. Das Design war exquisit, der Geschmack erlesen. Kunstwerke zierten die Wände; und die Wände waren ihrerseits Kunstwerke, durch die Wahl der Materialien, mit denen man sie errichtet hatte. Die Beleuchtung variierte in dem Raum, je nach Bedarf.
Es-Er fuhr damit fort, den Raum zu untersuchen, während Es-Er gleichzeitig identifizierte. Die Identifizierung erfolgte verbal, wie gewünscht.
»Weiß … Raum … Stuhl. Thron. Carlo-Bugatti-Thron. Hauptbestandteile Walnuss und geschwärztes Holz. Zinn, Kupfer, Messing. Leicht restauriert.« Die Augen fuhren umher, fütterten das Gehirn mit Informationen. »Piano. Steinway Konzertflügel. Geeignet für alle Arten von Kompositionen. Von Pergolesi über Penderecki bis Pang-lin. Die Alliteration ist gewollt.«
»Spinnennetz in der Ecke«, fuhr Es-Er fort. »Pholcus phalangioides, Webspinne. Besser bekannt als Große Zitterspinne oder Daddy Langbein. Harmlos. Ebenfalls harmlos: Piano-Spinnen-Musik-Verbindung: Fred Astaire, Tänzer, Kinofilm Daddy Langbein, 1955.« Augen in Bewegung, alles in sich aufnehmend. Identifizierend und bewertend.
»Kunst. Natività, die Geburt Christi, von Piero della Francesca, Italiener, 1416 bis 1492 …« Sein Blick fand Weyland. Er verstummte.
»Ich bin dein Vater«, unterbrach Weyland das Schweigen.
Weyland, Sir Peter. Geboren am 1. Oktober, 1990. 2016 zum Ritter geschlagen.
Es-Er dachte sorgfältig nach, bevor Es-Er antwortete.
»Mensch.«
»Ich bin dein Vater«, wiederholte Weyland. Lag da ein Anzeichen von Verärgerung in seiner Stimme? Oder lediglich Ungeduld? Es-Er entschied, nicht länger auf dem Punkt zu beharren. Es gab nichts zu gewinnen. In Ermangelung weiterer Fragen schwieg Es-Er weiter.
»Blinzele«, befahl Weyland.
Es-Er tat es. Es bedurfte nicht länger einer Analyse vor der Befolgung einer Anweisung – nur die Reaktion. Die simple neuromuskuläre Erwiderung bedurfte nur einer kleinen Anstrengung. Weyland seufzte leicht und wählte seine nächsten Worte mit Bedacht.
»Bewege dich.«
Es-Er erhob sich von dem Platz, an dem Es-Er nicht gestanden hatte, und lief. Da es keine genaue Anweisung gab, entschied Es-Er, seinen Weg selbst wählen zu können. Das brachte Es-Er dazu, schrittweise ein paar Objekte in dem Raum zu untersuchen. Das tat Es-Er schweigend, ohne aus eigenem Antrieb eine Konversation zu beginnen.
»Perfekt«, sagte Weyland.
Es-Er hielt inne und lenkte seine Aufmerksamkeit vom Leblosen zum Lebendigen.
»Bin ich das?«
»Perfekt?« Weyland schien leidlich überrascht, zu diesem Zeitpunkt der kognitiven Entwicklung schon eine Frage gestellt zu bekommen. Überrascht, aber nicht erfreut. Es implizierte so viel mehr als die reine Fähigkeit zur Konversation. Das war zu erwarten gewesen, aber nicht so früh.
»Nein«, korrigierte Es-Er. »Bin ich dein Sohn? Gewisse Aspekte der Wahrnehmung korrelieren nicht mit dieser Schlussfolgerung.«
Weyland antwortete sofort, als hätte er mit einer solchen Frage gerechnet. »Du bist meine Schöpfung.«
Analyse: »Das ist nicht zwangsläufig das Gleiche.«
»Semantik«, beharrte Weyland. »Ich bestimme dich. Das genügt. Für deinen Einsatzzweck ist das ausreichend.«
Dieses Mal keine Diskussion. Stattdessen: »Wie heiße ich?«
Das verblüffte Weyland. Offenbar war er nicht auf alles vorbereitet. Er dachte einen Moment darüber nach. Er musste improvisieren, was auf ganz eigene Art für einen Erfolg mindestens so wichtig war wie gute Vorbereitung.
»Sag du es mir«, antwortete er. »Such dir deinen Namen aus. Deine erste selbstbestimmte Tat.«
Es-Er sah sich um. Die Einrichtung bot genügend Inspiration. Seine Gedanken schufen neue Bahnen. Es sollte bedeutungsvoll sein, aber leicht auszusprechen, leicht zu merken. Nichts emotional Aufdringliches.
Seine optischen Sinne stoppten und identifizierten Michelangelos David-Statue aus Carrara-Marmor. Es-Er konnte die leichten Erhebungen und Gravierungen des Flachmeißels erkennen. Eine Kopie möglicherweise, aber mit echter Kreativität angereichert. Nicht zwangsweise ein Widerspruch. Er lief zu ihr hinüber.
»David«, sagte er. Von Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni. Im Sommer 1504 vollendet und errichtet. »Wir sind David.« Es-Er streckte eine Hand aus und stellte Kontakt mit dem Stein her. Er war kalt, trocken, unnachgiebig. Nicht menschlich, und doch so überaus menschlich. »Wunderschön und kalt.«
»In jeder Hinsicht perfekt«, pflichtete Weyland bei.
»David«, raunte er. Laut ausgesprochen in diesem wunderschönen, teuren, sterilen Raum, empfand er den Klang seines eigenen Namens als befriedigend. Er würde genügen. Er drehte sich zu Weyland um, der ihn beobachtete. Ein Netzwerk aus Neuronen erzeugte Neugier. »Warum hast du mich geschaffen?«
Der Industrielle war entzückt.
»Abstrakte Fragestellung, gut …«
Das war weder eine Antwort, noch schien es ausweichend gemeint zu sein.
David versuchte es noch einmal. »Warum hast du mich geschaffen, Vater?«
Die nächste Antwort wich der Frage aus. Sie implizierte eine Erwartungshaltung und Neugier. Beides korrelierte exakt mit dem, was David erlebte, und er verstand.
»Spiele.« Weyland deutete auf den Konzertflügel. David ging zu dem Instrument hinüber und nahm sich kurz Zeit, die Bank davor zu untersuchen. Ihre Höhe, Stabilität, Funktion.
Er nahm ohne Mühen Platz.
Schweigen, und dann fragte er: »Was möchtest du, dass ich spiele?«
Weyland dachte einen Moment darüber nach. »Wagner«, sagte er schließlich.
David antwortete, ohne zu zögern oder Weyland anzusehen: »Medley.«
Zum zweiten Mal wählte Weyland das Geschenk der freien Wahl. »Der Geber entscheidet.«
Die Antwort kam sofort: »Einzug der Götter in Walhall?«
Ein weiterer erstaunter Blick. »Ohne Orchester? Das wäre anämisch. Brians Gotische ohne die Chöre. Hovhanesses St. Helens ohne das Tam-Tam. Markhonim ohne den Berg. Verwässert.«
»Findest du?« David ließ sich nicht abbringen. »Wir werden sehen.«
Er begann zu spielen.
David spielte nicht einfach nur, indem er auf perfekte Art und Weise die berühmte Passage aus dem Rheingold wiedergab, sondern schuf während des Spiels gleichzeitig seine ureigene Variation des Themas. Die Musik schwoll an, während sich Weyland an seiner Schöpfung erfreute.
»Erzähle mir die Geschichte«, forderte er den Künstler auf.
»Das ist das Ende der Oper Das Rheingold.« Trotz der Hochherzigkeit der Musik blieb Davids Reaktion emotionslos. Seine Stimme blieb exakt die gleiche, während er spielte, egal, ob die Musik in pianissimo oder fortissimo erklang. An den geeigneten Stellen erzitterte das Instrument unter seinen Fingern, seine Worte jedoch nicht.
»Die Götter haben den Menschen den Rücken gekehrt, weil sie schwach, unbarmherzig und von Habgier besessen sind, und deshalb verlassen sie auf immer die Erde, um in ihr perfektes Himmelreich zurückzukehren – die Festung Walhalla. Doch jeder ihrer Schritte ist von Tragödien überschattet, denn die Götter sind verdammt. Es ist ihr Schicksal, in einem verheerenden Feuer zu sterben, das nicht nur sie, sondern Walhalla selbst verschlingen wird. Sie sind so korrupt wie die Menschen, die sie zurückließen, und ihre Macht ist nur eine Illusion.«
Unvermittelt hörte er auf zu spielen, irgendwo in der Mitte der Regenbogenbrücke.
»Es sind falsche Götter.«
Weyland war fasziniert. »Wieso hast du aufgehört? Du hast so wundervoll gespielt. Deine persönliche Interpretation war – perfekt.«
Zum ersten Mal beantwortete David eine Frage mit einer Gegenfrage. »Darf ich dich etwas fragen, Vater?«
»Bitte.« Es schien, als ob er damit gerechnet hatte. »Frag mich, was immer du willst.«
»Wenn du mich geschaffen hast«, sagte David, »wer schuf dann dich?«
»Ah, die Frage aller Fragen, von der ich hoffe, dass du und ich sie eines Tages beantworten werden. Du bist elegant, makellos und aufrichtig, David, während die Antwort auf diese Frage es nicht ist. Besonders nicht angesichts der ungeheuren Vielfalt von Optionen, wie sie von vielen begünstigt werden. Wir werden unsere Schöpfer finden, David. Schöpfer, denn was unsere Schöpfung anbelangt, glaube ich nicht an die Einzigartigkeit.«
»Außer bei dir selbst«, berichtigte David ihn. »Du bist einzigartig.«
»Das bin ich, im wahrsten Sinne des Wortes«, stimmte Weyland zu. »Aber ich bin eine Ausnahme.«
David dachte darüber nach. »Jeder hält sich selbst gern für einzigartig. Man kann sich nicht selbst definieren.«
Weyland tat die Bedenken seiner Schöpfung mit einem Schulterzucken ab.
»Dann werde ich es anderen überlassen, mich so zu definieren, wie sie wollen, und bin mit meiner persönlichen Meinung zufrieden. Ich wiederhole: Wir werden unsere Schöpfer finden. Wir werden uns ihnen zu erkennen geben und an ihrer Seite Walhalla betreten.« Er schritt durch den luxuriösen Raum und deutete auf eine unbezahlbare Skulptur, ein einzigartiger Guss, ein herausragendes Zeugnis der Fähigkeiten des Künstlers. Die ganze Zeit über wurde er von den beiden einzigen anderen Augen im Zimmer verfolgt. Gemustert.
»All das … diese Wunder an Kunst und Design und menschlicher Genialität, sind beispielhaft für die großartigsten Schöpfungen der Menschheit.« Er drehte sich um und betrachtete seinen Nachkommen. »Diese Dinge … und du. Die herausragendsten Schöpfungen von allen. Denn du bist Kunst, David.« Er deutete in den Raum. »Der David, der du bist, ist so viel Kunst wie diese außergewöhnliche Skulptur dort. Und doch ist alles, all das hier, und ja, auch du, bedeutungslos angesichts der einzigen Frage, die zählt. Woher kommen wir?«
David, der vor einem Triptychon von Bacon stand und von dessen sich vor Schmerzen krümmenden Monstern eingerahmt wurde, beantwortete die Frage erneut mit einer Gegenfrage: »Wieso glaubst du, dass wir von irgendwoher kommen?« Zum ersten Mal seit seinen ersten Worten war eine Betonung in Davids Worten auszumachen. »Die Vielen, die du erwähntest, glauben nicht daran, dass wir von irgendwoher kommen. Wieso sollten sie falsch liegen, und du richtig?«
Weyland stieß ein schwaches Grunzen aus.
»Die Geschichte der Wissenschaft ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Minderheiten, die der Masse das Gegenteil bewiesen. Darum geht es in der Forschung. Darum geht es in der Kunst. Turner und Galileo studierten den Himmel und teilten die gleiche Geisteshaltung, während sie sich der Sache von verschiedenen Seiten aus näherten. Ich sehe mich selbst als einer von ihnen.«
»Ich weigere mich zu glauben, dass die Menschheit nur eine zufällige Randerscheinung molekularer Umstände ist«, fuhr er fort. »Kaum mehr als das Resultat eines biologischen Zufalls und träger Evolution. Wenn ich so etwas sage, dann als Wissenschaftler. Es gehört mehr dazu, als ein Blitz, der eine Kohlenstoffsuppe in Bewegung versetzt. Da ist mehr. Da muss mehr sein, und wir werden es finden, Sohn.« Er machte eine Handbewegung, die den Raum und seine ganze Pracht einschloß. »Anderenfalls hat nichts von alledem eine Bedeutung.«
David schwieg für einen Moment, bevor er antwortete. Dieses Mal nicht als Frage.
»Erlaube mir dann, darüber nachzudenken.«
Mit jedem Wortwechsel erstarkte er mehr und mehr als individuelles Wesen und sein Selbstvertrauen in seine Fähigkeit zur Kommunikation wuchs.
»Du hast mich geschaffen. Und doch bist du unvollkommen. Das lässt sich erkennen, auch wenn du es nicht direkt ansprichst. Ich selbst, der ich perfekt bin, werde dir dienen. Und doch bist du menschlich. Du suchst nach deinem Schöpfer. Ich sehe meinen vor mir. Du wirst sterben. Ich nicht. Das sind Widersprüche. Wie werden diese gelöst werden?« Er starrte den Industriellen mit undurchdringlicher Miene an.
Weyland deutete zu seiner Rechten.
»Bring mir die Tasse Tee.«
Ein dampfendes Teeservice stand auf einem Tisch weniger als einen Meter von ihm entfernt. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, sich umzudrehen und die Tasse selbst aufzunehmen. Davids starrer Blick wich nicht von ihm, sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Weyland wiederholte die Frage, nur etwas nachdrücklicher.
»Bring mir die Tasse Tee, David.«
Um das zu tun, musste David den gesamten Raum durchqueren. Obwohl ihm die Unstimmigkeit zwischen der Bitte und der Realität nicht entging, folgte er der Aufforderung. Mit einer geschmeidigen Bewegung nahm er die Kombination aus Tasse und Untertasse auf und reichte sie Weyland.
Nach einem Moment, dessen Bedeutung wichtiger war als die reine Dauer, nahm Weyland die Tasse entgegen und nippte daran.
Die Frage war beantwortet und der Standpunkt dargelegt worden, mit einem Minimum an Worten. David war erschaffen worden, um zu dienen. Diese Beziehung duldete keine weitere Diskussion. Da gab es nichts zu debattieren, kein Abwägen von Befindlichkeiten. Die Schöpfung diente dem Schöpfer. Das war ein Fakt, und Fakten ließen sich nicht verändern. Vorausgesetzt, dass man sie zuvor als Fakt bewiesen hatte. Ausgehend von den wissenschaftlichen Grundsätzen war dies nur möglich, indem man seine Studien anwendete, um Beweise für seine Theorien zu finden. Wenn man hinreichend Beweise anhäufen konnte, hatte man einen Fakt. Der fehlende Bestandteil war die Zeit.
David stand schweigend neben Weyland und wartete auf die nächste Frage oder den nächsten Befehl. Er hatte eine Menge Fragen.
Und genügend Zeit.
II

Daniels schlief. Daniels träumte. Der kognitive Grenzbereich, den ihre Gedanken bevölkerten, war tief, doch der Unterschied kümmerte sie nicht. Es zählte nur, dass ihr Inhalt sie glücklich machte.
Etwas strich über ihre Lippen. Es war dünn, fleischig, und der Druck, den es ausübte, war schwach. Genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie es erkannte, lächelte sie, bevor ihre Augen sich öffneten. Ihr für gewöhnlich leicht nach unten gebogener Mund formte sich zu einem Lächeln.
Ein ihr vertrautes Gesicht beugte sich über sie. Sie kannte jede Pore und jedes Fältchen darin. Von Letzteren waren noch nicht so viele zu sehen, aber es wäre ihr egal, wenn da noch ein paar mehr gewesen wären. Mit der Zeit würden sie ohnehin auftauchen. Und ganz bestimmt würde sie für einige von ihnen verantwortlich sein. So war das in der Realität. Im echten Leben.
Das war etwas, worauf sie sich freute. Dass sie sich gegenseitig formen würden. Ein Teil von mir in deinem Gesicht, ein Teil von dir in meinem. Zusammen leben und zusammen wachsen. Ehefrau, Ehemann, und schließlich Kinder.
Das weiche Gesicht von Jacob beugte sich näher heran und küsste sie.
»Guten Morgen«, sagte er. »Ich hab den Schornstein versetzt.«
Informationen, aber keinesfalls Neuigkeiten. Mit einem Stöhnen lächelte sie erneut und versuchte, sich unter einem Berg Kissen zu begraben. Grinsend schob er sie beiseite. Sie blinzelte, und ihre großen braunen Augen sahen ihn liebevoll an. Sie dominierten ein Gesicht, das mädchenhaft und doch ernst war, eingerahmt von einer ordentlichen Ponyfrisur, die ihre Stirn bedeckte, und einem leicht eingekerbten Kinn. Obwohl sie wie jemand aussah, der mit seinen Gedanken oft woanders war, nahm sie ihre Umgebung stets sehr bewusst wahr.
»Komm schon, Schlafmütze. Das musst du dir ansehen.«
Er rieb an einer verfärbten Seite eines kleinen Würfels, den er in der Hand hielt. Ein dreidimensionales Bild erwachte daraus zum Leben, und dehnte sich vor ihnen aus. Es schien absolut echt zu sein. Während er den Würfel in der einen Hand hielt, benutzte er die andere, um das Bild eines einfachen Bauwerkes zu verändern, drehte es gelegentlich, um einen anderen Blickwickel darauf zu haben, zoomte ins Innere, dann wieder heraus. Mit einer einfachen Fingerbewegung rief er Bezeichnungen zu dem Bild auf. Manchmal vergrößerte er sie, um sie besser lesen zu können, manchmal wischte er sie beiseite. Als er schließlich die Perspektive eingestellt hatte, die er wollte, stieß er eine Ansammlung von Anmerkungen zur Seite, um einen unverstellten Blick auf das Gebäude zu bekommen. Er konnte seine Aufregung kaum zurückhalten.
»Schau es dir an. Ich hab ihn von der südwestlichen in die nordwestliche Ecke verschoben. Sieht besser aus, oder? Und wenn wir ihn wirklich jemals zum Heizen benutzen müssen, ist der Luftstrom im Nordwesten besser.«
Mit schicksalsergebener Belustigung schüttelte sie ein paarmal den Kopf und umklammerte eines der Kissen, während sie zu ihm aufsah.
»Du hast mich nicht deswegen geweckt«, sagte sie. »Bitte sag mir, dass du mich nicht deswegen geweckt hast.«
»Und ich habe Kaffee gemacht«, fügte er entschuldigend hinzu.
»Und es schneit.«
Sie seufzte, begrub noch einmal für einen Moment ihr Gesicht in dem Kissen, und rollte sich dann aus dem Bett.
Er hätte ihr den Kaffee gebracht, wenn sie ihn darum gebeten hätte, aber irgendwie bekam er seine Version des uralten Gebräus nie so richtig hin. Es war einfacher, wenn sie ihn selbst zubereitete. Ein Blick aus dem Fenster sagte ihr, dass es tatsächlich schneite. Dicke Flocken sammelten sich draußen auf den Dächern der großen Gebäude und ließen das normalerweise eher trostlose Stadtbild etwas sanfter erscheinen. Die Großstadt war müde, seelenlos und schien von ihrer eigenen Last erdrückt zu werden.
Ein paar Fußgänger, die bei dem Wetter unterwegs sein mussten, trotteten auf den Gehsteigen dahin, wortlos, ohne nach oben zu schauen, ohne mit ihren Nachbarn zu sprechen. Ihre sichtliche Schwermut deckte sich mit dem Aussehen der sie umgebenden Bauwerke. Bei diesem Wetter schienen ihre Leben und Erwartungen keine Freude zu beinhalten.
Mit dem Kaffee in der Hand – doppelt Milch, zwei Stück Zucker – lief sie zurück zum Bett. Jacob, der ihren Platz beschlagnahmt hatte, lag auf dem Rücken und spielte an der Projektion herum. Kleinigkeiten der Hütte reagierten auf die Bewegungen seines Zeigefingers.
»Das wird einmal unser Zuhause werden. Die Position des Schornsteins ist wichtig.« Er runzelte die Stirn. »Warte, vielleicht sah er doch besser auf der anderen Seite aus. Schwierig zu sagen, ohne ein anständiges Bild der tatsächlichen Umgebung. Der Luftstrom ist wichtig, aber Ästhetik ebenso. Wir bauen das nur einmal, also sollten wir es gleich beim ersten Mal richtig machen.«
Sie unterbrach ihn nicht. Nippte nur an ihrem Kaffee und beobachtete ihn. Er war so verliebt in dieses Blockhaus … und sie war so verliebt in ihn. Sie hätte etwas sagen können, eine Meinung äußern, und sei es nur, um anzuzeigen, dass sie ihm zuhörte, aber sie wollte ihn nicht unterbrechen. Nicht in seinen Traum platzen.
Sie drehte sich um und sah zu dem Fenster und auf die Winterlandschaft hinaus. Sie fragte sich, ob es in ihrer neuen Heimat Schnee geben würde. Nach allem, was sie bislang wussten, waren ihre Optionen ausschließlich tropischer Natur.
Eine Stimme ertönte. Sie wollte es nicht hören. Es war nicht Jacob, und es war nicht in seinem Traum. Es war nicht in ihrem Traum. Sie war real.
»Sieben Uhr«, verkündete Mutter mit der gleichen Stimme, die sie für alle Ansagen dieser Art verwendete. »Es ist alles in Ordnung.«
Auf die Durchsage folgte eine kurze Melodie. Es war die Aufnahme einer Schiffsglocke, frühes zwanzigstes Jahrhundert, welche aus einer Laune der Designer der Covenant heraus durch die Zeit gereist war. Ein Stück Vergangenheit, das von den Erbauern der Gegenwart weit in die Zukunft getragen wurde. Ein kleiner Scherz zur Belustigung derer, die es dem Programm des Schiffs hinzugefügt, es aber, da sie auf der Erde festsaßen, niemals im Einsatz hören würden.

Auf der anderen Seite einer langen gebogenen Durchsichtigkeit, die nicht aus Glas und auch kein Fenster war, das auf ein düsteres städtisches Panorama hinaus zeigte, stand eine Person, die auf die schlafende, lächelnde Daniels hinunterblickte. Ihr Name war Walter, und es … er … war perfekt – so perfekt wie man Perfektion auf synthetische Art herzustellen vermochte.
In ihrem Traum lächelte Daniels erneut über einen geheimen Gedanken. Das löste bei dem Androiden ebenfalls ein reflexhaftes Lächeln aus. Er trat an die Seite der Kapsel der schlafenden Frau und überprüfte flüchtig die Anzeigen. Alle normal. Methodisch, ohne die Wiederholung zu beachten, die einen Menschen mürbe gemacht hätte, ihn aber in keiner Weise störte, bewegte er sich weiter, um die angrenzende Kapsel zu überprüfen.
Jacob.
Ebenfalls alles normal.
Nachdem er seine Morgenrunde im Hyperschlafbereich der Crew beendet hatte, machte er kehrt und begab sich in die benachbarte Kabine.
Entlang der sich gegenüberliegenden Wände befanden sich zweitausend einzelne Kälteschlaf-Kapseln, eine neben der anderen, und trotzten gleichzeitig der Zeit und dem Verständnis. Hinter den transparenten Sichtfenstern waren die schlafenden Gesichter von Männern, Frauen und Kindern zu sehen. Jeder für sich zufrieden, schlummernd, eingehüllt in der Behaglichkeit beruhigender Träume. Ihre Leben, ihre Gesundheit, und ganz besonders die Zukunft jedes Einzelnen, lag in seiner Verantwortung.
Walter nahm das nicht auf die leichte Schulter.
In einiger Entfernung leuchtete eine bernsteinfarbene Sonde auf. Keinem Menschen – selbst jemandem mit bestem Sehvermögen – wäre es aufgefallen. Er hingegen bemerkte es sofort. Er machte sich auf den Weg zu der Quelle und überprüfte die entsprechende Diagnose an der Kapsel. Er erlaubte sich eine sehr kurze Pause für die Analyse des Problems, gefolgt von ein paar kleinen notwendigen Anpassungen. Die bernsteinfarbene Anzeige wechselte sofort zu einem durchgehenden Grün zurück. Er war zufrieden.
Zeit, die Sicherheitsbehälter der Embryonen zu überprüfen. Er öffnete eine der Laden, von denen jede einen menschlichen Embryo in verschiedenen Entwicklungsstadien enthielt, und fragte die Werte ab. Alle Anzeigen waren grün, und da Mutter über sie wachte, war alles in Ordnung.
Er erlaubte sich ein Lächeln.
»Walter.« Wieder Mutters Stimme. Informativ, hilfreich, niemals befehlend. Ein Computer konnte ebenso wenig Befehle erteilen wie ein Androide. »Bitte auf der Brücke melden. Es ist Zeit, das Energiegitter aufzuladen. Wir sollten damit beginnen.«
»Bin auf dem Weg, Mutter.«
Bitte hatte sie gesagt. Wie umsichtig von ihren Designern, ein Höflichkeitsprotokoll zu integrieren, welches selbst dann eingesetzt wurde, wenn sie mit einem Androiden sprach. Walter benötigte keine gesprochenen Höflichkeitsfloskeln, aber er wusste sie dennoch zu schätzen.
Verglichen mit der restlichen Größe der Covenant wirkte die Brücke beinahe intim. Sie hatte, wie Walter befand, genau die richtige Größe, um eine Crew und all die nötigen Instrumente und Funktionen unterzubringen.
Obwohl die Erbauer des Schiffs die Räumlichkeiten ohne Weiteres hätten größer anlegen können, waren sie nicht die Art von Menschen, die gern Platz verschwendeten.
No waste space in space, sagte er zu sich selbst; nicht zum ersten Mal und wohl auch nicht zum letzten Mal. Er war durchaus in der Lage, seinen eigenen Sinn für Humor zu schätzen, auch wenn im Moment niemand da war, mit dem er ihn hätte teilen können.
Er ließ sich an seiner Station nieder und ging die Vorab-Checks durch, die vor dem Aufbau eines Energiegitters nötig waren. Die Kontrollen und Anzeigen reagierten sofort.
AUTOMATISCHER LANGSTRECKEN-AUFLADEZYKLUS WIRD EINGELEITET
Sich selbst zunickend antwortete Walter laut. »Kollektoren werden jetzt ausgefahren.«
Da seine Stimme die einzige war, die man auf der Covenant hören konnte, verpasste er keine Gelegenheit, sie zu benutzen. Nicht, weil sie vor lauter Nichtbenutzen noch einrosten würde – ein weiterer Witz – aber seine Stimme war so gestaltet worden, dass sie angenehm klang, und wenn die Situation es erforderte, genoss er es, sich selbst zuzuhören.
Obwohl die Kollektoren wie riesige Segel aussahen, waren sie das nicht. Von der Größe einer kleinen Stadt breiteten sie sich ungeheuer schnell aus und erreichten ihre volle Ausdehnung innerhalb weniger Minuten. Mit nur den Sternen – und Walter – als Zeugen ihrer Schönheit, glänzten sie in der interstellaren Nacht und sammelten jene Energie, welche die Menschen des Altertums lange ignoriert hatten.
Während die Namen dieser Energien recht einfach waren, war es die Physik dahinter keineswegs. Die Menschheit hatte tausende Jahre benötigt, um ihre Existenz zu entdecken, aber nur hunderte Jahre, um zu lernen, wie man sie nutzbar machte. Ihre Diffusität machte es notwendig, dass die Kollektoren sie bündelten und konzentrierten. Nur dann waren sie für die Maschinen der Covenant zu gebrauchen und imstande, die internen Systeme mit Energie zu versorgen. Für Walter waren sie die unsichtbare Stärke des Schiffs.
Eine Weile wartete er auf der Brücke, überwachte das ständige Anwachsen, bis er sicher war, dass die Operation normal verlief. Erst dann ging er weiter, um einen seiner liebsten Bereiche des Schiffs zu kontrollieren. Jener Teil, der grün war. Jener Teil, der die Erde war.
Die Hydroponische Sektion war angefüllt mit Vegetation. Einige der Pflanzen hatte man wegen ihres Nährwertes mitgenommen und um sie schließlich irgendwo anzupflanzen, einige für Experimente, und manche Sorten einfach nur, um die Erinnerung an das Zuhause aufrecht zu erhalten, wegen ihres psychologischen Wertes für die Kolonisten. Zierpflanzen und Bäume teilten sich den Raum mit Gurken und Quinoa. Er schritt zwischen ihnen hindurch und pfiff gedankenverloren vor sich hin, während er die Nährstoff- und Wasserzufuhr prüfte und die Beleuchtung analysierte, um sicher zu gehen, dass es genau die richtige Wellenlänge hatte, um ein gesundes Wachstum zu gewährleisten. Während er pfiff, strich er mit der Hand zärtlich über Halme, Blätter, Stämme, Blüten und Rinden.
»Du weißt, dass das ein Irrtum ist.«
Mutter, die immer präsent war.
Er sah nicht auf. »Was?«
»Dass Musik das Wachstum und die Gesundheit von Pflanzen begünstigt.«
»Wieso dachtest du, ich würde für die Pflanzen pfeifen?«
»Sehr komisch. Obwohl ich nicht sicher bin, ob man die Geräusche, die du von dir gegeben hast, Musik nennen kann. Ich schätze, du …« Sie unterbrach sich urplötzlich.
Walter war sofort alarmiert. Mutter tat nie etwas unvermittelt. In das anhaltende Schweigen hinein formulierte er ein Stichwort.
»Mutter?«
»Walter. Wir … haben vielleicht ein Problem.«
Viele Dinge waren in Mutter einprogrammiert worden. Wissen. Technische Fähigkeiten. Allgegenwärtige Auffassungsgabe. Und Untertreibung.
»Es wurde ein atypischer Energieanstieg festgestellt«, fuhr sie fort, »der aus schweren Materiepartikeln besteht. Ich untersuche die Zusammensetzung.«
»Wo?«
»Sektor 106. Ganz in der Nähe. Die Quelle war maskiert, deswegen die ungewöhnliche … nein, in unmittelbarer Nähe. Wegen der einzigartigen Verkettung räumlicher und gravitationsbedingter Verzerrungen war sie nicht eher zu entdecken. Entschuldigung. Die erste Analyse war unzureichend, um Intensität als auch Nähe abzuschätzen. Eine Neubewertung kommt zu dem Ergebnis, dass der Energieanstieg bedeutend sein könnte. Eine Gefahrenbewertung ist zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.«
»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit einer Kollision?« Walter stand regungslos und hörte aufmerksam zu.
»Sehr hoch. Empfange Werte aus unmittelbarer Nähe. Genaue Berechnung erfolgt.«
Ohne auf weitere Details zu warten, verließ er die hydroponische Abteilung und eilte zur Brücke, während er Befehle erteilte.
»Mutter, fahre die Kollektoren ein und leite alle Reserven und die Notenergie auf die Schilde um. Leite Notfall-Programm für das Wecken der Mannschaft ein.«
»Wird eingeleitet. Neuberechnung hat ergeben, dass extreme Nähe erreicht wurde. Aufprall in neun, acht, sieben …«
Die Partikelwelle selbst war unsichtbar, aber ihre Auswirkungen waren untrüglich, als die Schockwelle gegen das Raumschiff schlug. Stark genug, um den übernatürlich standfesten Walter von den Füßen zu holen, fegte sie durch die Schutzschilde und verwüstete das gigantische Schiff. Während die Kollektoren eingeholt wurden, begannen einige derer, die noch ausgefahren waren, zu reißen. Aufgrund ihrer enormen Größe konnten die ausladenden Energiekollektoren nicht schnell genug eingefahren werden, um den Konsequenzen zu entrinnen. Aus einem unvorstellbar dünnen Material gefertigt waren sie nicht konzipiert worden, um einem derartigen Ansturm hochenergetischer Partikel standzuhalten, wie winzig diese Partikel für sich genommen auch sein mochten.
Alles, was Walter tun konnte, war, sich selbst Halt zu verschaffen. Für das Schiff konnte er nichts weiter tun. Ihm blieb nur die Hoffnung, dass Mutter dem Partikelansturm Herr wurde.
Was ihn selbst betraf, konnte er nun das Prinzip der Hoffnungslosigkeit verstehen. Er konnte es spüren.
Es gefiel ihm nicht.
III

Von einem Augenblick zum nächsten war alles verschwunden, wie eine zarte Blume, die von einem Wirbelsturm hinweggefegt wurde. Das Zimmer in der namenlosen Stadt, das Blockhaus, das Bett, der Kaffee, der Ehemann – alles verschwand blitzartig, als wäre es nie da gewesen.
Daniels wurde aus dem Schlaf gerissen, war sofort hellwach, und wurde in der Hyperschlafkapsel hin und her geworfen. Während sie noch dabei war, zu realisieren, wo sie sich befand, wurde sie von einem erneuten Ruck nach oben gegen die klare, gebogene Gehäuseabdeckung geschleudert. Als sie wieder zurückfiel, blutete ihre Nase von dem Aufprall. Ihr erster Gedanke war, dass sie vermutlich eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Noch benommen, in Ermangelung zusammenhängender Gedankengänge, übernahm ihr Training die Kontrolle über ihren Körper.
Die Finger ihrer rechten Hand, halb taub von den Nachwirkungen des Hyperschlafs, hämmerten auf das Tastenfeld im Inneren der Kapsel. Die Traumbilder, Wärme, Geschmäcker und Liebe wurden durch die kalte Starre der Schlafkammer ersetzt, deren harte Oberflächen und grellen Lichter durch die Abdeckung zu sehen waren. Benebelt von den Monaten, die sie im Hyperschlaf verbracht hatte, und vom plötzlichen Aufwachen, versuchte sie, ihre Umgebung zu verstehen. Die Realität zu verstehen.
Ein paar der anderen Kapseln waren bereits geöffnet. Einige waren leer, doch in den meisten befanden sich noch ihre Insassen. So wie Daniels kämpften auch diese um mentales und körperliches Gleichgewicht. Anders als sie hatten einige jedoch mit weitaus stärkeren Nebenwirkungen einer hastigen Wiederbelebung zu kämpfen. Wüste Beschimpfungen begleiteten die breite Palette von körperlichen Reaktionen wie Erbrechen, Schwitzen und Zittern.
Im Idealfall sollte das Notfallweckprogramm aus dem Hyperschlaf eigentlich keine derartigen Nebenwirkungen hervorrufen. Andererseits, so rief sie sich ins Gedächtnis, sollte das Notfallweckprogramm erst gar nicht eingeleitet werden. Lichter blitzten um sie herum auf, und aus mehreren Wandpaneelen stoben teuflische Funken. Außerdem war da Rauch. Rauch in einem Raumschiff war ein schlechtes Zeichen. Die Filter des Lüftungssystems arbeiteten bereits auf Hochtouren. Alarme drangen an ihr Ohr.
Das war nicht die Art, wie sie aus einem Hyperschlaf hätte aufwachen sollen. Es hätte Kaffee geben sollen. Es hätte Essen geben sollen. Und zu allem Überfluss trieben noch immer die übrig gebliebenen Fragmente ihres wunderschönen, wohltuenden Traumes durch ihr Bewusstsein, bis …
Jemand schlug sie. Das war ganz sicher kein Teil ihres Traums. Es störte sie nicht, dass das ein Teil der Realität war, denn es half ihr, auf eine Weise den Kopf freizubekommen, wie es das Übermaß an visuellen und akustischen Warnsignalen nicht vermochte.
»Daniels … Daniels, wir … können Sie mich hören? Ich bin es, Oram. Christopher Oram!«
Sein Tonfall war eindringlich und sachlich, als würde er seine Worte an jemanden richten, der schon vollständig aufgeweckt worden war. Obwohl er noch seinen weißen Schlafanzug trug, war er in deutlich besserer Verfassung als sie, schwitzte nur leicht und wirkte zumindest optisch nicht krank. Im Gegensatz zu seinem schlanken Körperbau war seine Stimme stark und energisch, wie sein Griff, und er hatte ganz offensichtlich keine Zeit, sie oder irgendjemand anderen zu verhätscheln.
»Wachen Sie auf, Daniels! Wachen Sie auf! Ich hab keine Zeit für so was. Ich brauche Sie – ich brauche jeden – und zwar jetzt! Wir haben ernsthafte Schäden erlitten und …« Er sah in die Richtung, aus der ein anderes erst kürzlich aufgewachtes Crewmitglied auf sie zu getaumelt kam. »Tennessee – helfen Sie mir mal. Ich muss mich um die anderen kümmern!«
Damit überließ Oram die immer noch unsichere Daniels dem Neuankömmling und eilte zu einer weiteren Kapsel, die sich öffnete.
»Komm schon, Liebling.« Tennessee, ein alter Freund und Kollege, half ihr, aus der Kapsel zu steigen, und hielt sie fest. »Jacob steckt in Schwierigkeiten.«
Groß, kräftig, mit dicken schwarzen Locken auf dem Kopf und einer Gesichtsbehaarung, die wie mit der Axt gehauen aussah, wirkte er eher wie jemand, dem man lieber nicht in einer dunklen Gasse hinter einer Bar begegnet wäre, und nicht wie ein ausgebildeter Pilot eines Kolonieschiffs. Wenn man ihn nur entsprechend anregte oder reizte, konnte er sich auch so anhören. In seinem Schlafanzug sah er wie ein gigantischer, wenn auch urplötzlich zornig gewordener Teddybär aus. Er beugte sich über sie, und rief mit dröhnender Stimme: »Jacob braucht uns.«
Das war der letzte Ruck, den sie benötigte, um endgültig wach zu werden. Sie wirbelte zu der Kapsel neben ihr herum. Jacobs Kapsel. Anders als die Kapseln der anderen Crewmitglieder hatte sich seine nicht geöffnet. Ihr Ehemann lag reglos darin, noch immer gefangen im morpheusschen Griff des Hyperschlafs. Er lächelte, was normal war. Unter der transparenten Abdeckung sammelte sich wirbelnder Rauch und nahm ihnen die Sicht auf den Schlafenden. Das war definitiv nicht normal. Und was noch schlimmer war – sie wusste, was das zu bedeuten hatte, und was passieren würde, wenn …
»MACHT SIE AUF!«
Nachdem mehrere Versuche an den äußeren Kontrollen der Kapsel erfolglos blieben, trat Tennessee an die manuelle Notentriegelung. Doch alles ziehen, drücken und sich gegen die Hebel lehnen, half nichts – sie wollten nicht nachgeben.
Oram, der zurückkehrte, sah, was los war, und versuchte alles, was ihm einfiel, um von den Instrumenten an der Kapsel irgendeine Art von Rückmeldung zu bekommen. Doch nichts funktionierte. Das einzige Resultat war, dass die Menge und Dichte des Dampfes in der Kapsel zunahm, zusätzlich begleitet von einem plötzlichen Funkenregen und knackenden Geräuschen am Fuße der Hyperschlaf-Einheit, wo sie mit dem Deck verbunden war.
In der Kapsel ging ein Zucken durch Jacobs Gesicht, der langsam das Bewusstsein erlangte, während die Kapsel damit kämpfte, auf Orams immer verzweifeltere Befehle von außen zu reagieren. Gefangen zwischen katastrophalem mechanischen Versagen und immer knapper werdender Zeit gab es nichts, was Daniels regungsloser Ehemann an seinem Schicksal hätte ändern können.
»Zurück! Aus dem Weg!«
Sergeant Lopé kam zu ihnen. Mit seinem Bart, der langsam ergraute, hatte er das Auftreten eines freundlichen Großvaters. Ein freundlicher Großvater, der es mühelos mit einem Trio Angreifer aufnehmen konnte. Als erfahrener Anführer des militärischen Teils der Besatzung, welcher der Schiffsmannschaft assistieren sollte, konnte es der hagere Berufssoldat nicht mit den technischen Fähigkeiten der Leute aufnehmen, die bereits um Jacobs Leben kämpften. Statt technischen Wissens brachte er primitivere, wenn auch gleichsam nützliche Fähigkeiten mit.
Er packte eine der überdimensionierten mechanischen Zwingen, die sie anachronistischerweise Rettungsscheren nannten, rammte ein Ende des Geräts in den funktionslosen Verschlussmechanismus der Schlafkapsel und suchte nach der richtigen Position.
»Steck es auf deiner Seite rein«, rief er Tennessee zu.
Beide Ansatzpunkte mussten absolut luftdicht sitzen, sonst würde es nicht funktionieren. Einen Teilerfolg gab es bei dieser Prozedur nicht – entweder, die Kapsel würde sich öffnen, oder verschlossen bleiben, bis es zu spät war.
Zusammen gelang es den Männern, die Zwinge vorschriftsmäßig zu befestigen, dann legten sie ihr gesamtes Gewicht in den Apparat, denn nun ging es nur noch um pure Kraftanwendung. Es war egal, ob sie die Schlafkapsel dabei beschädigten, denn im Fall der Fälle gab es noch Reserveexemplare an Bord. Sie bissen die Zähne zusammen, während ihre Muskeln sich verkrampften. Schließlich sprang ihnen Daniels zur Seite, die die verzweifelten Anstrengungen der Männer mit all ihrer Kraft unterstützte.
Doch nichts rührte sich.
In der Kapsel gab es eine Explosion. Verglichen mit der Kakofonie der anderen Geräusche in der Hyperschlaf-Sektion war diese nicht laut, aber doch erheblich genug, um die beiden Männer zu zwingen, reflexartig zurückzuweichen. Auf der anderen Seite der Plastikscheibe quoll noch mehr Rauch hervor und zum ersten Mal … Feuer. Daniels stieß ein unkontrolliertes Heulen aus, warf sich hysterisch auf die Kapsel und zerrte verzweifelt an dem nutzlosen Rettungswerkzeug.
In der Kapsel erwachte unterdessen ihr Ehemann und riss die Augen auf. Durch den Rauch und die stärker werdenden Flammen erkannte er, wo er war. Sein Blick blieb an ihr hängen. Doch er dauerte nur einen kurzen Moment. Genau wie sein Lächeln. Es sollten die letzten beiden Dinge sein, die er in seinem Leben tat.
Daniels hörte nicht auf zu schreien, als das Innere der Kapsel in Flammen aufging, so als hätte jemand eine Fackel auf einen Haufen aus leicht brennbarem Material geworfen. Obwohl prinzipiell feuerfest, brannten die Kapseln schnell und heiß, wenn das Innere erst einmal Feuer gefangen hatte. Alles ging in Flammen auf – das Bett, die Versorgungsschläuche, die Instrumente … und Jacob.
In der Hyperschlaf-Sektion gab es zwar Feuerlöschsysteme, aber kaum innerhalb der einzelnen Kapseln. Denn die Pods waren so konzipiert worden, dass sie sich leicht und unmittelbar öffnen ließen, wenn nötig auch über die manuellen Notsysteme. Im schlimmsten aller Fälle konnten sie über die speziellen Rettungswerkzeuge geöffnet werden, wie jenes, das Lopé und Tennessee benutzten. Und das seinen Dienst versagt hatte.
Es kostete Tennessee seine ganze Kraft, um Daniels von dem Pod und dem Inferno wegzuziehen. Die Kapsel, immer noch versiegelt, immer noch nicht zu öffnen, hielt den Brand unter Verschluss.
Tennessee, der sie verzweifelt zu trösten versuchte, konnte Daniels nur in die Arme nehmen, sie festhalten und hemmungslos an seiner Brust schluchzen lassen. Oram und Lopé, deren Bemühungen nutzlos gewesen waren, konnten nichts anderes tun als zusehen. Weder Orams Fähigkeiten noch die körperliche Stärke des Sergeants hatten ausgereicht, um die widerspenstige Kapsel zu öffnen.
Wenn wir nur etwas mehr Zeit gehabt hätten, dachte Oram.
Zeit. Zu wenig, um ein Leben zu retten. Doch nun musste er schnell handeln, um das Überleben der anderen zu sichern. Tausender anderer. Er bemerkte den bärtigen, dicklippigen, kräftig gebauten Cole und den schlanken, jugendlichen Ledward, zwei Privates, die neben Lopé aufgewacht waren, und wies sie an, sich um Jacobs Überreste zu kümmern. Dann begab er sich mit dem Sergeant im Schlepptau ohne Umwege zur Krankenstation des Schiffs.

Das Bild, das sich ihm bot, war fürchterlich, und nur mit dem Wissen zu ertragen, dass es noch schlimmer hätte sein können.
Ein Segment von Hyperschlaf-Kapseln war aus den Halteklammern gerissen und auf den Boden gestürzt. Trotz ihrer robusten Bauweise waren einige davon aufgesprungen, und hatten ihre unwissenden Insassen der unvollendeten Wiederbelebung ausgesetzt. Andere waren aus den Pods gefallen, deren Deckel sich vollständig und vorzeitig geöffnet hatten. Sie waren ebenfalls tot. Überall stoben Funken herum, und Crewmitglieder versuchten, gegen die Flammen anzukämpfen und den Strom für jene Pods abzuschalten, die nicht mehr benötigt wurden.
Zwei weitere reanimierte Privates bahnten sich ihren Weg durch das Chaos auf der Suche nach weniger beschädigten Pods und Schlafenden, die das Desaster womöglich überlebt hatten. Oram erkannte die stets ernste Rosenthal, deren körperliche Attraktivität über ihre stumpfe Professionalität hinwegtäuschte, und die gleichaltrige, blonde Ankor. Lopé ging zu ihnen, um den Stand ihrer Bemühungen zu erfragen.
Oram wandte seinen Blick von dem Desaster ab und erblickte Karine, die die Verwahreinheiten der Embryonen überprüfte. Ihre glatten, dunkelblonden Haare schimmerten auf der dunklen Haut. Sie quittierte die Ankunft ihres Ehemanns mit einem flüchtigen Blick, blieb aber, wo sie war, und tat ihre Arbeit. Für das Überleben der Embryonen zu sorgen war ihr wichtiger als alles andere. Ihre Sorge und ihr Interesse galten dem Leben an Bord des Schiffs, nicht der Technik.
Sie hatte ihren Job, er hatte seinen.
Er wusste, dass sie ihn in diesem Moment um seinen nicht beneidete.

Oram und Karine überließen die Aufsicht der Hyperschlaf-Sektion Lopé und seinem Team. Sie erreichten den Eingang zu der hell erleuchteten Brücke und hielten an.
Oram hatte nicht um diesen Moment gebeten. Es spielte keine Rolle, dass man ihn für so etwas trainiert und er die Fähigkeiten erworben hatte, es zu tun. Er hätte alles dafür gegeben, in diesem Moment in seiner Kapsel zu liegen und zu schlafen, und darauf zu warten, an ihrem eigentlichen Bestimmungsort ungleich gesünder aufzuwachen. Viel zu oft treffen wir die Entscheidungen in unserem Leben nicht selbst, sondern sie werden für uns gefällt. Jacob war …
Karine legte eine Hand auf seinen Arm. »Das ist jetzt deine Mannschaft. Sie brauchen einen Anführer. Du hast keine andere Wahl. Du wusstest das, als wir uns dafür gemeldet haben.« Sie schenkte ihm ein liebenswürdiges, aufmunterndes Lächeln. »Du schaffst das, Chris. Du hast es immer geschafft.«
Mit diesen Worten ließ sie ihn zurück und betrat die Brücke. Ein weiteres Crewmitglied, das sich zu den anderen gesellte. Aber sie war nicht einfach nur ein anderes Crewmitglied. Nicht für ihn. Natürlich hatte sie recht. Und außerdem hatte er einen Vertrag unterschrieben. Er nahm sich einen Moment Zeit, um sich vorzubereiten, dann folgte er ihr.
Die Navigationskonsole in der Mitte des Raums war so etwas wie ein Anachronismus. Wie die anderen Konsolen an der gegenüberliegenden Seite der Brücke ebenfalls. Auf einem Kolonisierungs-Raumschiff stand die Kommunikation jedem zur Verfügung, der wach und bei Bewusstsein war. Man musste nur laut genug sprechen, damit Mutter es hören konnte. Die Brücke wirkte daher wie eine Reise zurück in eine Zeit, in welcher der Kontakt zwischen Individuen nur persönlich und von Angesicht zu Angesicht hergestellt werden konnte.
Diejenigen jedoch, die Schiffe wie dieses studiert, gebaut und designt hatten, wussten es besser. Je länger die Reise andauerte, desto wichtiger wurden zwischenmenschliche Interaktionen. Gespräche über Handheld-Geräte oder das allgegenwärtige Schiffsystem waren schnell und effizient, aber sie taten nichts für die menschliche Psyche. In der unermesslichen und unpersönlichen Weite des Alls hielt die Nähe zu einem Lächeln, einem Geruch oder zu Schweiß die Menschlichkeit am Leben. Die mentale Gesundheit der Crew war mindestens so wichtig wie die physische Gesundheit des Schiffs.
Deshalb gab es Konsolen und Stühle, die am Boden festgeschraubt waren, und durch die Arbeit waren alle gezwungen, einander anzusehen, sich zuzuhören und hin und wieder auch physischen Kontakt herzustellen. So konnte man sich davon überzeugen, dass der Gegenüber aus Fleisch und Blut war und nicht nur eine Holo-Projektion, die aus einer der Schiffsdateien stammte oder einem schlimmen Hyperschlaftraum.
Oram nahm auf seinem Sitz Platz. Die meisten der Crewmitglieder waren anwesend. Natürlich als Paare – mit Ausnahme von Walter. Nur Paare bildeten die Crew eines Kolonisierungsschiffes. Paare gewährleisteten Effizienz und Detailgenauigkeit. Ganz abgesehen von geistiger Gesundheit.
Oram war noch nicht offiziell der Captain, obwohl er seine bisherige Stellung als Chef der Biowissenschaft bereits an seine Frau abgegeben hatte. Er fühlte sich unwohl in seiner neuen Rolle, die ihm durch die Tragödie und die Umstände aufgezwungen worden war. Ohne Karine, die ihn unterstützte und beriet, hätte er die Verantwortung höchstwahrscheinlich abgelehnt, Vertrag hin oder her.
Aber sie war hier, saß neben ihm, ruhig und zuversichtlich, gewieft und einfallsreich, wo er unsicher war. Manchmal hielten die anderen Mitglieder der Crew seine Hilflosigkeit für Arroganz. Dagegen konnte er nichts tun. So war er eben. Er konnte vielleicht die anderen täuschen, aber nicht seine Frau.
Tennessee saß nicht auf seinem Platz oder irgendwo anders, sondern lungerte auf der Brücke herum. Oram beneidete den großen, unbekümmerten Piloten für seine Fähigkeit, sich zu entspannen. Was andere vielleicht für Sorglosigkeit hielten, war charakteristisch für jemanden, der mit sich und dem Universum im Reinen war. Eine nützliche Eigenschaft, ganz besonders in einer solchen Situation. Egal, wie die Umstände auch sein mochten, er wusste, dass er sich darauf verlassen konnte, dass der Pilot seine Befehle effizient und ohne Fragen ausführen würde. Außerdem würde die arme Daniels ohne die Freundschaft zu Tennessee und seiner emotionalen Stärke bereits auf der Krankenstation liegen.
Faris war ebenso unbekümmert wie ihr Gatte. Ein Mädchen vom Lande, das es vorzog, sich das nicht anmerken zu lassen, und sogar eine noch bessere Pilotin war – ein Thema, über das sich die beiden häufig im Scherz stritten. Ihre temperamentvolle und leicht schlüpfrige Beziehung belebte zu jeder Zeit die Wachphasen der Mannschaft.
Vor ihrem Abflug aus dem Erdorbit hatte die Verwaltung ihre hin und wieder bissigen Streitereien mit Sorge beobachtet, bis man verstand, dass diese gelegentlichen Sticheleien stets warmherzig und nie bösartig gemeint waren.
Upworth und Ricks waren das mit Abstand jüngste Paar am Tisch. Ihr junges Alter stand jedoch nicht im Widerspruch zu ihren Fähigkeiten, welche die Navigation und Kommunikation umfassten.
Insbesondere Upworth war schnell beleidigt, wenn der Verdacht aufkam, sie sei für ihre Position nicht qualifiziert genug. Vielleicht lag es an ihren großen Augen, ihrem vollen Mund und ihrer zierlichen Statur, die sie noch jünger wirken ließ, als sie war. Tennessee hatte sie einmal »als Sprengstoff verkleidete Kewpie-Puppe« bezeichnet, woraufhin sie in der Schiffsbibliothek nachsehen musste, was eine Kewpie-Puppe war.
Wenn man etwas an ihr bemängeln konnte, dann dass sie dazu neigte, für Probleme improvisierte Lösungsansätze zu finden, obwohl für diese Probleme bereits genaue Anweisungen existierten. Rick hingegen war ruhig, kompetent, und neigte eher dazu, die Dinge nach Vorschrift anzugehen. Er bildete den Gegenpart zu Upworths hin und wieder aufbrausendem Charakter.
Wenn es um das Unvorhergesehene ging, war Oram selbst jemand, der eher nach Protokoll vorging als zu improvisieren. Seine Frau ebenso. Daher fühlte er sich mit Ricks verbunden.
Aber abgesehen von Upworths Hang, hier und da ein wenig auszuflippen, hatte er den allerhöchsten Respekt vor dem frisch vermählten Paar, das es vorgezogen hatte, die Erde zu verlassen, um sich für die Kolonisierung einzuschreiben.
Lopé stand ebenfalls lieber als zu sitzen. Als Chef der Sicherheit an Bord der Covenant, und später der Sicherheit für die Kolonie, war er Soldat der alten Schule. Seinen weniger ehrfurchtgebietenden und jüngeren, aber gleichsam professionellen Lebenspartner und stellvertretenden Leiter Sergeant Hallet übertraf er nur um ein Rangabzeichen.
Hallet war der Letzte, der etwas außer Atem eintraf.
»Entschuldigen Sie die Verspätung, Sir«, sagte er zu Oram und gesellte sich zu Lopé. Sein Ehering blitzte kurz im Licht der Deckenlampe auf, und passte genau zu jenem, den der Sergeant trug.
Oram winkte ab. Das war nicht der Zeitpunkt, um auf das Protokoll zu pochen. Er räusperte sich ein paar Mal und sah jeden der Anwesenden an, bevor er mit düsterem Tonfall das Wort ergriff.
»Es hilft nichts, darum herumzureden. Wir haben einen furchtbaren Verlust erlitten, sowohl für die Crew als auch für die Kolonisten. Und ich – ich bin jetzt Ihr neuer Captain.«
Seine Stimme verschärfte sich. »Ich habe nicht darum gebeten, ich habe es nicht gewollt, aber so ist es nun mal. Ich werde mein Bestes tun, um Jacobs großartigem Vorbild zu folgen.« In dem Wissen, dass die anderen ihn gespannt musterten, suchte er nach Worten. Bioscans von schlafenden Lebensformen abzunehmen war definitiv einfacher als mit wachen Personen zu sprechen, stellte er verdrießlich fest. Er suchte nach etwas Geistreichem, aber ihm fielen nur Plattitüden ein. Sie würden reichen müssen.
»Wir werden ihn schmerzlich vermissen«, fuhr Oram fort. »Aber wir haben viel Arbeit vor uns. Danke, dass Sie mich unterstützen werden.«
Na also. Für den Moment hatte er seine Pflicht getan, was die emotionalen Bedürfnisse seiner Crew anbelangte. Ihren Gesichtern nach zu urteilen waren seine Worte vielleicht nicht inspirierend gewesen, aber sie hatten genügt. Erleichtert konnte er nun zum Wesentlichen übergehen.
»Wenn man bedenkt, dass das, was uns getroffen hat, praktisch aus dem Nichts aufgetaucht ist, sind wir in einem besseren Zustand als gedacht. Unsere strukturelle Integrität liegt derzeit bei dreiundneunzig Prozent, obwohl noch immer ein paar der Sekundärsysteme offline sind. Wir haben siebenundvierzig Kolonisten und sechzehn Embryonen der zweiten Generation verloren. Und ein Crewmitglied, wie Sie wissen. Darüber hinaus haben zweiundsechzig Pods Schäden erlitten, allesamt rettbar.«
»Rettbar?«
Upworths Sarkasmus ließ nicht lange auf sich warten.
Er schürzte die Lippen. »Reparierbar, wenn Ihnen das lieber ist. Wichtig ist, dass wir sonst niemanden verloren haben.« Das war das Problem mit Hyperschlaf-Einheiten. Entweder funktionierten sie – oder sie versagten. Dazwischen gab es nichts, weder in der Technologie, noch für die Schlafenden. Obwohl er gerüchteweise gehört hatte, dass es in Einzelfällen anders gewesen war und die Resultate recht hässlich ausfielen. Eine beschädigte Kapsel erfolgreich zu reparieren war eine heikle Angelegenheit. Aber auf der Covenant würde es keine dieser Einzelfälle geben. Nicht, solange er das Kommando innehatte.
»Also, was war das? Was ist passiert?«, wechselte Tennessee geschickt das Thema. »Lassen Sie mich raten. Mutter saß auf dem kybernetischen Pott und während sie überschüssige Bytes abgedrückt hat, sind wir in etwas hinein gerauscht?«
Rosenthal und Cole lächelten, aber niemand lachte.
Froh darüber, sich wieder den technischen Fragen zuwenden zu können, ließ Oram Walter die Lage erklären.
»Das Schiff wurde von einer hochenergetischen Schockwelle getroffen, deren Annäherung vor unseren Langstreckensensoren wegen der Dichte von Materie und Strahlung in unserer unmittelbaren räumlichen Nähe verborgen blieb«, erklärte Walter. »Deshalb wurde sie erst bemerkt, als sie sozusagen direkt über uns war. Sie traf uns, bevor die Kollektoren vollständig eingefahren werden konnten. Und sie traf uns mit voller Wucht. Wenn wir …«
Oram, den ein plötzlicher Gedanke zornig machte, unterbrach ihn. »Warum waren Sie nicht an den Kontrollen? Dafür sind Sie und Mutter doch hier.«
»Dafür«, räumte Walter ein, »und für viele andere Dinge. Ich kann keine Entschuldigungen anbieten, nur Erklärungen. Alle Überwachungssysteme waren online und voll funktionsfähig. Ich war die ganze Zeit über anwesend, wie immer. Allerdings gibt es noch einen Präzedenzfall oder eine Vorschrift, wie im Fall von Partikelblitzen, deren Gegenwart von ähnlich hinderlichen Feldern verborgen wird, zu verfahren ist. Man ging davon aus, dass in der Tiefe des Raums ein solches Ereignis zu unwahrscheinlich wäre, um sich darüber Sorgen zu machen.« Er machte eine Pause. »Einfach gesagt, war das nicht der Fall. Oder, um es weniger technisch auszudrücken: Wir hatten Pech.«
»Walter hat recht«, ergriff die stets verständnisvolle Faris Partei für den Androiden. »Es war Pech. Selbst die besten Piloten haben einmal Pech.« Sie lächelte Walter an. »Und die besten Androiden.«
Oram weigerte sich, das zu akzeptieren.
»Nein, nein. Ich glaube nicht an Glück oder Pech«, sagte er. »Der Weltraum ist kein Ort, um sich auf Glück zu verlassen. Mir wäre es lieber, wenn wir besser vorbereitet und kompetenter wären, als einfach Glück zu haben.«
Seine Frau zuckte mit den Schultern, verschränkte die Arme und sah ihren Mann an. »Ich bin sicher, dass die Konstrukteure der Covenant das berücksichtigten, als sie die Systeme installierten und kalibrierten.«
»Schuldzuweisungen, wenn man das so nennen kann, bringen uns nicht weiter.« Wie immer konnte man sich darauf verlassen, dass Tennessee eine Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene brachte.
Da weitere Vorwürfe offensichtlich zu nichts führten, beschloss Oram, die Erklärung hinzunehmen – so unbefriedigend sie auch sein mochte – und weiterzumachen. Er konnte die Hintergründe später noch mit Walter diskutieren, nachdem andere wichtige Entscheidungen getroffen und in die Tat umgesetzt worden waren. Sie besprechen und einen Bericht über den Zwischenfall an die Erde schicken.
»Wir haben noch – wie viele? – acht oder neun Ladezyklen vor uns, bis wir Origae-6 erreichen«, sagte er. »Dann sollten wir damit beginnen. Die beschädigten Sektionen der Kollektoren müssen repariert oder ersetzt werden. Das Gleiche gilt für die Schäden am Schiff. Alle kritischen Schäden müssen behoben sein, bevor wir den nächsten Sprung machen können.«
Ein unangenehmes Schweigen folgte.
Er spürte, dass sie erneut darauf warteten, dass er etwas sagte. Etwas mehr. Aber was? Karine versuchte ihm mit ihren Blicken etwas zu signalisieren, aber er wurde beim besten Willen nicht schlau daraus.
Zu seiner Überraschung war es Walter, der das zum Ausdruck brachte, was alle außer Oram dachten: »Sollen wir einen Termin für die Trauerfeier anberaumen, Sir?«, fragte er. »Für die Toten?«
Das war es also? Während ein Teil von ihm es verstand … und sogar nachempfinden konnte, war es der dienstbeflissene, geschäftsmäßige Teil von ihm, der im Moment die Oberhand besaß. »Kümmern wir uns zuerst um die notwendigen Reparaturen«, antwortete er, und fügte dann hinzu: »Ich achte die Verstorbenen genauso wie Sie, aber meine Sorge gilt jetzt erst einmal den Lebenden.«
Obwohl die Sicherheit normalerweise dem Captain unterstand, agierte sie mit einem gewissen Grad an Unabhängigkeit, die dem Mitarbeiterstab versagt blieb. Daher zögerte Lopé nie, seine Meinung zu sagen. Seine Stimme klang traurig. »Wir haben gerade siebenundvierzig Kolonisten und unseren Captain verloren. Wir sollten ihnen die letzte Ehre erweisen.«
Von dem Einwand des Sergeants aus der Fassung gebracht, drehte sich Oram zu seiner Frau um. Dieses Mal ohne den Versuch einer nonverbalen Konversation.
»Er hat recht, Christopher.«
Oram war nicht überzeugt. »Wenn wir die Reparaturen nicht schnell angehen, könnten wir alle Kolonisten verlieren.« Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern. »Eine Sache der Perspektive, meine Damen und Herren. Das größte Glück der größten Zahl.«
»Wir sollten zumindest etwas für Captain Branson tun.«
Die Tatsache, dass der Protest, so milde er auch war, von dem ansonsten kooperativen Tennessee kam, bestärkte Oram nur darin, auf seiner Meinung zu beharren. Entweder zeigte er jetzt die nötige Autorität, oder man würde ihn und seine Entscheidungen für den Rest der Reise anzweifeln. Möglicherweise war es nicht der richtige Zeitpunkt oder das richtige Thema, um seine Durchsetzungskraft zu demonstrieren, aber die Umstände hatten ihn in diese Lage versetzt – und nicht umgekehrt.
»Nein. Die Diskussion ist beendet. Die Entscheidung wurde getroffen. Ich sehe keinen Grund, darüber weiter zu diskutieren.«
Seine Frau sah zu Boden. Sie schämte sich für ihn, gleichzeitig aber wusste sie, dass das Schlimmste, was sie tun konnte, war, sich auf die Seite der Crew zu schlagen. Also schwieg sie.
Es war nicht der unpassendste Moment, den sich Daniels aussuchen konnte, um die Brücke zu betreten, aber nah dran. Niemand sagte etwas, was in dieser Situation das Klügste schien. Das Wichtige zuerst, Trauer und tröstende Worte konnten warten. Sie sah am Boden zerstört und verzweifelt aus, als sie jeden der Reihe nach ansah und neben einem verdächtig leeren Stuhl Platz nahm. Doch als sie sich an die anderen wandte, klang sie gefasst.
»Das Terraforming-Modul ist stabil«, sagte sie, »obwohl die, ahm, Verbindungsstreben etwas beschädigt wurden. Ohne EVA-Untersuchung kann ich es nicht genau sagen.«
»Darum kann ich mich kümmern, ferngesteuert«, versicherte Walter. »Wenn die Lage besorgniserregend wäre, hätte Mutter uns das bereits mitgeteilt.«
Sie nickte. »Ich muss noch die Verriegelungen an den Klammern für die schweren Maschinen und Fahrzeuge prüfen. Um den Kleinkram mache ich mir keine Sorgen. Wenn davon etwas herumgeflogen ist, stellen wir es einfach wieder hin. Auf den Monitoren im Hangar sind keine Schäden zu sehen, aber ich will sichergehen. Wir sind anständig durchgerüttelt worden.«
»Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch dabei helfen«, bot Walter an. »Mutter wird mich informieren, wenn meine Dienste anderweitig benötigt werden.«
Sie sah den Androiden an. »Danke.«
»Wie lange dauert es, bis wir den nächsten Sprung machen können, Walter?«, fragte Oram.
»In ein paar Stunden werde ich es genauer wissen. Mutter ist immer noch dabei, die Schadensberichte auszuwerten. Wir müssen hier warten, bis der Ladevorgang vollendet ist. Natürlich würde es unseren Weiterflug beschleunigen, wenn wir die beschädigten Kollektoren reparieren. Wenn wir davon ausgehen, dass die dringendsten Probleme schnell behoben werden, würde ich sagen, dass ein paar Tage genügen werden, um uns wieder auf die Reise zu schicken.«
»Wenn alle wichtigen Reparaturen beendet sind«, fuhr er fort, »sollten wir den Versuch unternehmen, diesen Sektor zu verlassen, für den Fall, dass noch weitere Energieblitze folgen, die ähnlich unvorhersehbar sind wie jener, der uns traf. Zweitrangige Reparaturen können während des Weiterflugs erledigt werden.«
»Ich stimme zu.« Oram sah jeden auf der Brücke an. »Wir können die kleineren Reparaturen nach dem nächsten Sprung beenden. Gehen wir an die Arbeit.« Sie wussten, was zu tun war. Oram schluckte es hinunter wie andere eine Pille gegen Verstopfung. »Wegtreten.«
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Tennessee das Gesicht verzog und ihn tonlos nachäffte. Er entschied, es durchgehen zu lassen, als sich alle ihren Stationen und Aufgaben zuwandten.
Daniels wollte ebenfalls aufstehen und den anderen folgen.
»Danny?«, raute Oram ihr leise zu. »Kann ich Sie kurz sprechen?«
Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl, während der letzte ihrer Kollegen die Brücke verließ. Oram beugte sich über den Tisch zu ihr herüber und senkte die Stimme. Auf seine unbeholfene Art versuchte er, sie zu trösten.
»Ich weiß, es gibt nichts, was ich sagen könnte, aber … es tut mir leid. Er war ein hervorragender Captain und ein guter Mann. Jacob und ich waren nicht immer einer Meinung, wie Sie wissen. Aber selbst, wenn wir uns wegen einer Formalität uneins waren, habe ich seine Entscheidungen stets respektiert. Am Ende hat er es immer geschafft, die Leute zu überzeugen, und dass ohne sie anzuschreien oder auf seinen Rang zu pochen. Es war eine Ehre, unter ihm dienen zu dürfen.«
Sie rang sich ein Lächeln ab. »Ich weiß das zu schätzen, Chris. Und Jacob auch …«
Sein Tonfall veränderte sich. »Sie sollten sich ein paar Tage freinehmen.«
»Ich würde mich lieber auf Trab halten.« Das Lächeln, oder was davon übrig war, verschwand sofort wieder.
»Das war kein Befehl.« Er bemühte sich, die Stimmlage zu halten, doch es gelang ihm nicht gut genug.
Sie starrte ihn an. Für gewöhnlich wäre ihr Auftreten entschiedener gewesen, trotziger, das wusste er. Aber in ihrer Situation war sie dazu nicht in der Lage. Er sah ihrem Blick an, dass er sich näher erklären sollte.
»Ich bin jetzt für die Mission verantwortlich«, erinnerte er sie, »und für das Leben und Wohlergehen jedes Einzelnen hier an Bord, egal ob es die Crew ist oder die schlafenden Kolonisten. Ich habe mich nicht darum gerissen, diese Position einzunehmen, und ich brauche die Hilfe aller. Das heißt, ich muss darauf zählen können, dass jeder sein Bestes gibt. Sie eingeschlossen.« Er versuchte seinerseits ein Lächeln. »Wenn wir keine Pausen machen wollen, ist das meistens der Moment, wo wir sie am nötigsten brauchen. Nehmen Sie sich ein paar Tage frei. Heulen Sie sich aus, okay?«
Sie starrte ihn ungläubig an.
»Mich ausheulen? Ich hab da einen Vorschlag, Chris – Captain. Vielleicht könnte er sich als hilfreich erweisen. Wie wäre es, wenn ich den Verlust meines Ehemannes auf meine Art verarbeite? Ich denke nicht, dass ich damit gegen irgendwelche formale Richtlinien des Mannschaftshandbuches verstoße … Sir.«
Sie stand auf, drehte ihm schroff den Rücken zu und verschwand schnell von der Brücke.
Oram sah ihr nach, in dem Wissen, dass die Situation besser hätte ablaufen können. Das alles war neu für ihn, so viel musste er zugeben. Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Noch vor Kurzem war er ein einfaches Mitglied der Crew gewesen. Doch nun, mit dem Tod von Jacob Bronson, hatte sich eine unvermeidliche Kluft zwischen ihm und der Crew gebildet. Dagegen konnte er nichts tun. So funktionierte die Befehlskette eben.
Er brauchte nun Karines Rat dringender als je zuvor.
Oram kramte zwei metallene Betperlen aus seiner Tasche und begann, sie gedankenverloren in einer Hand herumzurollen und dem Geräusch zu lauschen, das sie machten, wenn sie aneinanderstießen. Er durfte nicht zulassen, dass Episoden wie die Begegnung mit Daniels eben ihn von seinen Pflichten ablenkten. Von nun an hing alles von Konzentration, Konzentration und Konzentration ab. Deshalb musste er gelassen bleiben und jede Situation gründlich ausloten, seien es zwischenmenschliche Interaktionen oder ein Bericht aus der Technik. Denn trotz seiner neuen Position und der damit verbundenen Verantwortung war ihm sehr daran gelegen, weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis zu seiner Crew zu pflegen.
Die Zukunft würde zeigen, ob das möglich war.

Tennessee und Ankor tauchten aus einer der Wartungsschleusen auf und entfernten sich von dem riesigen Rumpf der Covenant. In der Schwärze des interstellaren Raums wirkten sie mit ihren leuchtend gelben EVA-Raumanzügen voller Ausrüstung und den übergroßen Hochleistungshelmen wie riesige einäugige Käfer.
Mit äußeren Antennen wäre die Ähnlichkeit zu Käfern noch größer gewesen, aber aus Sicherheitsgründen war alles – inklusive verschiedener Anzeigen – in den Anzügen oder den Helmen selbst verbaut worden. Die rundliche Form der Anzüge sorgte dafür, dass man in ihnen gegen das Schiff oder andere feste Objekte prallen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass dabei lebenswichtige Gerätschaften abrissen oder herausgezogen wurden.
Tennessee wählte seinen Kurs so, dass er an der Spitze des Auslegers von einem der Kollektoren ankommen würde, während Ankor auf den Mastkern zusteuerte. Beide Männer hatten eine genau vordefinierte Aufgabe. Sofern keine unvorhergesehenen Probleme auftauchten, bestand keine Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten. Sie wussten, was sie taten. Wenn jeder für sich schuftete, war die Arbeit doppelt so schnell geschafft.
Um sie herum erstreckte sich das Weltall: eine endlose Weite von Sternen und Nebeln, wunderbar und überwältigend in ihrer Schönheit. Das Wissen, dass dieser Anblick, der sich ihnen bot, faktisch kein Ende besaß, machte die Aussicht nur noch ehrfurchtgebietender. Jene Pracht dehnte sich beinahe unendlich in alle Richtungen aus, ohne einen angrenzenden Planeten oder Mond, der die Sicht versperrte.
Eine Pracht, und gleichzeitig eine kalte, gleichgültige Leere, die nur von ihren Anzügen zurückgehalten wurde. Staunen und Angst lagen dicht beieinander. Es half, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, die vor einem lag, um sich nicht ablenken zu lassen. Tennessee jedoch konnte nicht anders, als seine Eindrücke laut auszusprechen.
»Verdammt. Ihr solltet diese Aussicht sehen.«
Upworths Stimme, klar und vertraut, drang aus den Lautsprechern seines Anzugs. »Wir können gar nichts sehen, bis du die äußeren Kameras repariert hast. Außerdem wäre es nicht das Gleiche. Sich eine Projektion anzusehen, ist etwas anderes, als wirklich da draußen zu sein.«
»Projektion, Schmojektion – warum siehst du nicht einfach aus dem verdammten Fenster, Schätzchen?« Dann wandte er sich per Funk an seinen Begleiter. »Ankor, sehen wir zu, dass wir die Teile wieder zum Laufen kriegen, damit die armen Leutchens in der Blechdose die Aussicht genießen können. Ich geb's auf, es zu beschreiben.« Er unterbrach sich kurz, um die hell leuchtenden Anzeigen in seinem Helm, in der Nähe seines Kinns zu überprüfen. »Gib mir Bescheid, wenn du in Position bist.«
Tüchtig wie eh und je war sein Kollege bereits am Zielort angelangt.
»Ich bin in Position. Vielleicht ja deshalb, weil ich nicht herumalbere und die Aussicht bestaune. Lass uns anfangen.«
Tennessee grinste und begann, mit einem Schneidwerkzeug den beschädigten Teil eines der Kollektoren abzusägen. Dann zog er daran. Obwohl das lichtdurchlässige Material um ein Vielfaches größer war als der winzige Mann im Raumanzug, wog es vergleichsweise wenig. Ein Ruck genügte, um die gerade herausgeschnittene Sektion davonschweben zu lassen, weg von dem Rest des Paneels und der Covenant.
Tennessee spulte etwas von einem schnurähnlichen Kabel hinter sich ab, zündete die Treibstoffdüsen an seinem Anzug und steuerte, stark beschleunigend, auf das hintere Ende des Masts zu. Es dauerte eine Weile, bis er die Lücke, die nun ohne Kollektoren war, überflogen hatte. Als er das andere Ende der beschädigten Sektion erreicht hatte, sicherte er sein Kabel und gab Ankor ein Zeichen. Daraufhin holte der andere Mann das reparierte Segel ein.
Das ist schon mal ein guter Anfang, dachte Tennessee bei sich. Und jetzt zum nächsten, lass das All um deinen Kopf kreisen, versuche zu vermeiden, dass dir schwindelig wird, und immer so weiter.
Jeder für sich bewegten sich beide Männer methodisch von einem beschädigten Teil des Kollektors zum nächsten.
IV

Aus rein psychologischer Notwendigkeit heraus waren die Räume und Korridore in Kolonialschiffen von beträchtlicher Größe. Für die Kolonisten selbst war das natürlich nicht von Belang. Sie schliefen in ihren Kapseln, untätig und bewusstlos, mit dem Wissen, dass man sie nicht aufwecken würde, bevor das Schiff nicht seinen Bestimmungsort erreicht hatte.
Diese vorübergehenden Särge mit transparenten Deckeln mussten nicht sonderlich ausladend sein. Es brauchte nur genügend Platz für einen Körper, der bequem darin liegen konnte, sowie für die Maschinen und Instrumente, welche die biologische Traumwelt aufrecht erhielten, die man Hyperschlaf nannte. Auf diese Art konnte man so viele Kolonisten auf engstem Raum unterbringen, wie es technisch machbar war.
Für die muntere, arbeitende Crew war das anders. Wann immer man sie zu Wartungsarbeiten, Kontrollen, Ladevorgängen oder anderen Pflichten aufweckte, war es für sie wichtig, dass ihnen genug Raum zu Verfügung stand, um sich frei zu bewegen, und ebenso viel Privatsphäre, um sich zu entspannen. Anderenfalls konnte bei aller Schönheit des Alls der Umstand, dass man dutzende, vielleicht sogar hunderte Lichtjahre von der nächsten atembaren Atmosphäre, dem nächsten gurgelnden Fluss, dem nächsten kühlen Regen entfernt war, selbst die besttrainierten und am besten vorbereiteten Individuen langsam in den Wahnsinn treiben.
Deshalb hatte man Daniels Kabine, wie die ihrer Kollegen, so groß konzipiert, wie es physisch und ökonomisch möglich war. Und soweit möglich enthielt sie jeden Komfort, der sich in das Design integrieren ließ. Verstellbares Licht über dem Kopfende des Bettes sorgte für angenehmes Lesen oder Stimmungs- und Farbwechsel, je nach Wunsch. Das Bett stand am hinteren Ende des Raumes, unter einer sechseckigen Öffnung, durch die man einen mehrteiligen Blick auf den Weltraum dahinter hatte.
Die spektakuläre Aussicht, die verstellbare Beleuchtung, das herrlich bequeme Bett – nichts davon spielte eine Rolle. Denn wie alle anderen Kabinen an Bord der Covenant war diese dafür entworfen worden, den Bedürfnissen eines Ehepaares zu entsprechen.
Doch für Daniels hatte die vergleichsweise luxuriöse Ausstattung nichts Tröstliches an sich. Stattdessen erinnerte es sie daran, dass sie nun allein war. Ihr Leben, wie auch ihre Ehe, hatte den plötzlichsten, unerwartetsten und heftigsten Einschnitt erleben müssen.
»Heul dich aus«, hatte Oram zu ihr gesagt. Ein Ratschlag, der für sie das emotionale Äquivalent für einen Toilettengang war. Sie war zu abgestumpft gewesen, um ihm eine zu verpassen. Wobei sie das sowieso nicht getan hätte. Dafür war sie zu gut trainiert. Wahrscheinlich sogar zu gut trainiert, um zu weinen – wenn sie seinem Rat hätte folgen wollen. Wenn man Dienst auf einem Raumschiff tat, bewahrte man eher Haltung als Emotionen zu zeigen.
Sie wusste, dass sie Oram keinen Vorwurf für seinen unbeholfenen Versuch, sie zu trösten, machen sollte. Du solltest es ihm zumindest hoch anrechnen, dass er es versucht hat, sagte sie sich. Mehr als effiziente Drohne denn geborener Anführer war ihm die ungeliebte Rolle des Captains aufgedrückt worden. Wie jedes Mitglied der Crew war er in seinem Fachgebiet überaus kompetent. Nun, da er außerhalb seines gewohnten Umfelds der Biowissenschaften agieren musste, hatte er es mit lebhafteren und widerspenstigeren Organismen als seinen geliebten Proben zu tun.
Sie erlaubte sich ein zartes Lächeln. Es würde nicht so schlimm werden mit ihm als Captain. Karine würde ihm stets mit Rat und Tat zur Seite stehen und Alternativen anbieten.
Sie setzte sich auf das Doppelbett, ohne die vielen Sterne draußen vor der Fensterluke eines Blickes zu würdigen. Es war ein echtes Bett, dessen beruhigendes Gewicht dem Wunder der künstlichen Schwerkraft zu verdanken war. An Bord der Covenant musste niemand schwebend in irgendwelchen Netzen schlafen. Trotzdem war das Bett nicht länger behaglich, und sie brachte es nicht über sich, von dessen Rand in die Mitte zu rutschen. Einladend thronte es hinter ihr, eine weite vertraute Lücke, die sich nie wieder schließen ließ.
Ihr Blick, wach aber gleichgültig, wanderte in der Kabine umher. Zwei Arbeitsstiefel standen säuberlich abgestellt neben ihren in dem Regal; linker Stiefel immer links, der rechte immer rechts. Kleidungsstücke hingen ordentlich darüber, seine immer links, ihre immer rechts. Daneben befand sich Jacobs wertvolle Sammlung vorsintflutlicher Schallplatten und der dazugehörige liebevoll restaurierte Plattenspieler, für dessen Erhalt über die Jahre ein halbes Dutzend ähnlicher Geräte ausgeschlachtet worden war.
An anderer Stelle, ebenfalls vom Bett aus zu sehen, war ihre Kletterausrüstung verstaut, die sie in der Hoffnung mitgenommen hatten, das alte Hobby in ihrem neuen Zuhause wieder aufzunehmen. Keiner von beiden wäre glücklich darüber gewesen, sich auf einer neuen Welt ohne Berge niederzulassen.
»Es ist mir egal, welche Umgebungstemperatur herrscht, oder welche Geologie es dort gibt«, hatte er ihr bei mehr als einer Gelegenheit erklärt. »Wo immer die Kolonie gegründet wird, wird es Berge geben müssen, auf die man klettern kann.«
»Und wenn es eine Wasserwelt ist?«, hatte sie im Scherz entgegnet. »Oder wenn die Welt so alt ist, dass alle Berge abgetragen wurden und sie so flach ist wie die Großen Ebenen?«
»Im ersten Fall würde ich Berge aus Salz oder Kalziumkarbonat bauen, auf die man klettern kann. In letzterem Fall würde ich Dreck aufschichten und zu Silikat härten.«
Jacob war immer der Optimist, zeigte sich immer von der fröhlichen Seite. Wunderbare Qualitäten für einen Captain. Wundervolle Qualitäten für einen Ehemann. Ihr Blick blieb an einem Ausdruck der Außenansicht seines Lieblingsprojekts hängen.
Die altertümliche Blockhütte.
Der Traum ihres Mannes.
Ex-Mannes, korrigierte sie sich schweigend.
Verstorbener Ehemann.
Eingeäscherter Ehe…
Die Türglocke läutete, melodisch und ohne Entschuldigung für die Störung.
Wer könnte das denn noch sein um diese Zeit? Das war einer von Jacobs wiederkehrenden Witzen gewesen. Im All war es immer Nacht. Aber noch nie war es so dunkel gewesen.
Sie trat zur Tür und öffnete diese. Es war Walter. Sie sah, dass er eine kleine Schachtel bei sich trug.
»Guten Abend. Störe ich?«
Freundlich, höflich, rücksichtsvoll. Wieso konnte er nicht den Captain vertreten? Aber das war nicht möglich. Androiden, egal wie leistungsfähig man sie auch programmiert hatte, waren geschaffen worden, um zu dienen. Um zu folgen, nicht um zu führen. Niemals zu führen.
Sie dachte darüber nach, ihn wieder fortzuschicken, entschied dann aber, dass jede Gesellschaft besser war als allein ihren Gedanken nachzuhängen.
»Nein. Kommen Sie rein. Schön, Sie zu sehen.«
Er trat ein, wartete an der Tür, bis sich diese hinter ihm schloss, und hielt ihr dann die Schachtel hin. »Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.«
Sie nahm die Schachtel, öffnete sie. Darin befanden sich drei perfekt aufgereihte 4Cs – zylindrische, entflammbare chemische Röhren. Oder, in der bemerkenswert hartnäckigen Terminologie aus vergangenen Zeiten: Joints. Sie konnte ein Lächeln nicht verbergen.
In personifizierter Komik erläuterte Walter: »Die atmosphärischen Bedingungen in der Hydroponischen Abteilung eignen sich ideal für die Anzucht von Cannabis.«
»Ich könnte die gleichen Cannabionide auch als Tabletten zu mir nehmen«, erklärte sie ihm.
»Das stimmt, aber ich glaube, dass eine bestimmte Form von Ästhetik mit dieser Form der Aufnahme verbunden ist, welche die gesamte Erfahrung verstärken und damit zu ihrer Wirksamkeit beitragen kann. Außerdem bedarf es der Konzentration von Geist und Fingern, um den Akt zu vollziehen. Ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt der Aufnahme.«
»Sie denken aber auch an alles.«
»Das ist nur meine Programmierung.«
Genau wie Bescheidenheit, dachte sie bei sich. »Das stimmt nicht.«
»Mit Verlaub …« Er zögerte genau lange genug, bevor er fortfuhr. Die Pause war ebenfalls eine Konsequenz der guten Programmierung, aber es kümmerte sie nicht. »Ich verstehe, dass Tätigbleiben eine effektive Methode sein kann, Traumata zu verarbeiten. Wäre es hilfreich, wenn Sie wieder zur Arbeit gingen?«
»Oram hat mich aus dem Dienstplan gestrichen.« Sie zog eine Grimasse. »Befehl des Captains. Flennen, statt zu arbeiten.«
»Damit wollte ich nicht sagen, dass wir ihn darüber informieren. Das ist ein großes Schiff. Es gibt eine Menge zu tun, an Orten, die nur selten gescannt werden.«
Sie war immer noch skeptisch. »Man wird mich auf den Überwachungsmonitoren sehen.«
»Das hängt davon ab, wo Sie arbeiten. Der Sicherheitsrahmen des Schiffs ist ausreichend, aber nicht allgegenwärtig. Außerdem wird die Sicherheit von der Sicherheit überwacht. Ich bezweifle, dass es Sergeant Lopé interessiert, wo Sie Ihre Freizeit verbringen. Und was unseren neuen Captain angeht, hat dieser ganz sicher andere Dinge zu tun. Wenn ich mich recht erinnere, erwähnten Sie vorhin, dass Sie nach dem Status der schweren Ausrüstung in der Terraforming-Sektion sehen wollten? Ausgehend von den Schäden, die wir generell erlitten haben, halte ich es für sinnvoll, diese Sektion einer näheren Inspektion vor Ort zu unterziehen. Und wie ich vorhin schon sagte, werde ich Sie gern begleiten, wenn Sie das wünschen.«
Ihr Blick war voller Dankbarkeit.

Die Terraforming-Sektion war von enormer Größe. Riesige Fahrzeuge aller Arten, dafür gedacht, eine Kolonie von Grund auf aufzubauen, wurden von Klemmschellen und Seilen in Position gehalten.
Zumindest hoffte Daniels, dass dem so war.
Während sie und Walter durch den Hangar liefen, sah sie erleichtert, dass trotz der immensen Erschütterung, die das Schiff aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, noch alles an seinem Platz zu sein schien. Keine der Klammern hatte sich gelöst, keine Ketten oder Gurte waren lose oder abgerissen. Alles befand sich noch an Ort und Stelle, so wie man die Covenant ursprünglich beladen hatte.
Manchmal, so dachte sie bei sich, sind die alten Mittel doch die besten. Elektronische Verschlussmechanismen waren stärker und leichter zu warten – bis der Strom ausfiel. Ein Seil hingegen hatte etwas Ursprüngliches und Primitives, Menschliches und Funktionales an sich. Sie lächelte in sich hinein. Doch in Ermangelung von Seilen würden es mechanische Klampen, Karbonfasern und Metallketten auch tun.
Die Räder und Ketten der riesigen Erdbaumaschinen ragten weit über den beiden auf, während sie eine Reihe von Maschinen abliefen und dann in eine andere Reihe abbogen. Als Chef der Terraforming-Einheit kannte Daniels den Namen, Zweck und Preis von jedem Teil der Ausrüstung genau. Sie konnte die Handbücher der jeweiligen Maschinen im Schlaf abrufen, oder, wenn notwendig, jede spezifische Komponente oder jedes Kontrollelement in den Kabinen bedienen. Aber mindestens genauso gut kannte sie auch ihre eigenen Grenzen.
Wir alle sind nur Notfallsysteme für Computer, sagte sie sich immer wieder.
Natürlich hätte sie auch per Ferndiagnose überprüfen können, ob alle Maschinen noch fest verankert an ihrem Platz standen, das wusste sie. Aber das hätte sie nicht im gleichen Maße befriedigt. Und sie wusste so gut wie Walter, dass man, wenn man körperlich und geistig zu tun hatte, zu abgelenkt war, um nachzudenken über …
»Es war noch nicht einmal meine Idee«, erklärte sie dem Androiden, der mühelos mit ihr Schritt hielt. »Zuerst hielt ich es für albern. Zeitverschwendung, Zeit, die wir nicht einmal haben würden, denn als Mannschaft ist es ja zuallererst unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Kolonisten sich niederlassen können. Aber Jacob hatte diesen Traum, uns in der Neuen Welt eine Hütte zu bauen. Eine, wie sie die alten Pioniere auf der Erde errichteten. Aber mit moderner Klimaanlage und Geräten und anderen zeitgemäßen Annehmlichkeiten.
Man hat Blockhütten auf jedem Kontinent gefunden, auf dem es Bäume gab, erklärte er mir. Eines der ersten Bauwerke der Menschheit, das nicht aus Steinen oder Erde gemacht wurde, und ausgehend von den Bildern, die er mir zeigte, sahen sie überall fast gleich aus, egal welche Kultur sie erbaute. Ein echter Teil menschlicher Geschichte.«
Sie beugte sich nach vorn und überprüfte noch einmal eine Radkralle von der Größe eines kleinen Fahrzeugs. Damit wurde ein riesiger Schaufelbagger an Ort und Stelle gehalten. Alles saß bombenfest.
»Also, das hatte er jedenfalls vor«, fuhr sie fort. »Zum eigenen Vergnügen und als Hommage an die allerersten Kolonisten. Eine Hütte am See. Wirklich romantisch. Dabei spielte es für ihn keine Rolle, ob der See natürlichen Ursprungs oder künstlich angelegt war, aber auf Origae-6 gibt es einen riesigen See in dem Gebiet, das man für das sofortige Terraforming ausgewählt hat.« Sie lief um das vordere Ende des Schaufelbaggers herum und überprüfte den unteren Teil der Klammer an dem riesigen Vorderrad auf der anderen Seite. »Sicher.«
»Sicher«, bestätigte Walter, der seine eigene Schnelluntersuchung anstellte. Sie liefen zu dem nächsten massigen Fahrzeug in der Reihe. »Ich verstehe das nicht ganz. Wir führen ausreichend vorgefertigte Wohneinheiten mit uns, sowohl für die Crew, als auch für die Kolonisten. Es gibt Pläne für zukünftige Modifikationen und ergänzende dauerhafte Bauwerke, sowie die Mittel, diese zu errichten, sobald man die geeigneten Rohmaterialien dafür gefunden hat.« Er schien aufrichtig verblüfft zu sein. »Und doch wollte Jacob eine Blockhütte bauen?«
»Ja«, antwortete sie. »Eine echte Blockhütte, aus echtem Holz. Genau nach historischen Vorbildern gebaut. Deshalb gibt es im Lagerraum des Schiffs, zusammen mit den vorgefertigten Materialien, die Sie erwähnten, in unserem persönlichen Container alles an Äxten und Sägen und Metallnägeln.«
Walter wirkte nachdenklich. »Metallene Nägel. Das ist in der Tat ein historischer Bezug. Aber was, wenn es Bäume, so wie wir sie kennen, auf Origae-6 nicht gibt?«
Sie stieß ein leichtes Kichern hervor. »Jacob meinte, dann würde er welche aus Plastik gießen lassen und mit Farbe ansprühen und mit Texturen versehen, damit sie echt aussehen. Ich bin immer davon ausgegangen, dass er weiß, was er tut und wie er es tun muss. Ich selbst habe nicht den blassesten Schimmer, wie man eine Blockhütte baut.«
Sie verstummte, und ihre Stimme verhallte. Walter, der von einem Rohrextruder aufsah, den er gerade überprüfte, leuchtete sie an. Er sah, wie der Kummer in ihre Augen stieg, als sie den Blick über die gewaltige, stumme Ausrüstung schweifen ließ, mit der man die Kolonie errichten würde.
Sie machte eine kleine kreisende Handbewegung, mit der sie den Extruder sowie den Rest der Maschine, die vor ihr festgemacht war, einschloss.
»Das alles hier, die beste Ausrüstung, die die Menschheit zur Verfügung stellen kann, dient dazu, unser neues Leben aufzubauen. Für den Rest der Crew macht es Sinn. Und für die Kolonisten natürlich auch. Aber ich selbst frage mich … was kümmert mich das alles noch?«
»Sie haben keine Wahl.«
Stirnrunzelnd sah sie ihn an: »Sie meinen, weil ich einen Vertrag unterschrieben habe, der mich zu einem Teil der Crew macht?«
»Nein. Weil Sie versprochen haben, eine Hütte an einem See zu bauen.«
Sie spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte. »Das war Jacobs Versprechen. Jacob versprach, die Hütte zu bauen.«
Walter erwiderte ihren Blick. Sein Gesichtsausdruck war freundlich, seine Stimme voller Anteilnahme. »Die gesamte Crew der Covenant wurde aus Paaren zusammengestellt. Die menschliche Crew.« Er berichtigte sich selbst ohne die leiseste Spur von Verbitterung. »Die Crew dieses Schiffes funktioniert in Paaren. Als Teams. Wenn die eine Hälfte des Teams nicht mehr in der Lage ist, seine Pflichten zu erfüllen, dann ist …«
»… die andere Hälfte dazu verpflichtet, diese Pflichten zusätzlich zu den eigenen zu erfüllen«, beendete sie seinen Satz. »Ich bin nicht sicher, ob dazu auch eine Hütte an einem See auf Origae-6 gehört, aber ich weiß den Gedanken zu schätzen. Wer weiß? Wenn ich erst einmal da bin und die Chance habe, wieder ungefilterte Luft zu atmen und etwas anderes als dehydriertes Essen zu mir zu nehmen, bringe ich mir vielleicht die Kunst des Blockhüttenbauens bei. Vielleicht – und nur vielleicht – mache ich das.«
»Sie werden es tun.«
Sie tätschelte seinen Arm. Er fühlte sich wie echtes Fleisch an, genau so, wie es sich anfühlen sollte. »Sie sind ein guter Freund, Walter. Und wenn Sie jetzt sagen, dass dies Teil Ihrer Programmierung ist, werde ich Ihnen eine verpassen.«
Es war ein Beweis für die Kunstfertigkeit, die in seiner Programmierung steckte, dass er nichts darauf entgegnete.

Auf der Brücke befand sich niemand außer Mutter, und sie selbst war nicht sichtbar. Mutter war die Brücke. Sie war überall und nirgendwo an Bord der Covenant, immateriell und doch immer verfügbar, um einen Befehl auszuführen oder eine Frage zu beantworten.
Die Fragen, die Oram verfolgten, als er den mit Instrumenten angefüllten Raum betrat, konnten nicht von einem Computer beantwortet werden. Wäre sie gefragt worden, hätte Mutter natürlich versucht, eine Antwort zu finden. Manchmal war er versucht, seine Bedenken laut auszusprechen, nur um zu erfahren, welche elektronischen Antworten er bekommen würde. Aber er versuchte es nie wirklich. Zum einen, weil sie womöglich Sinn ergeben hätten, und zum anderen, weil die Möglichkeit bestand, dass sie seinen widersprechen würden.
Die leichte Decke, die er über den Schultern trug, war auf der Brücke genauso unnötig wie vorher in seiner Kabine. Obwohl die Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den einzelnen Kabinen frei veränderbar war, war ein Großteil der Crew mit den Einstellungen zufrieden, die Mutter anhand des jeweiligen Alters, der Physiologie und den vorab gesammelten persönlichen Vorlieben eines jeden für angemessen erachtete. Der Schlaf an Bord eines Raumschiffes war eine private Angelegenheit – eine der wenigen – und Mutter störte die Crew nur selten mit Vorschlägen.
Eine Decke, oder Bettwäsche allgemein, war eine Extravaganz, aber eine kleine, und wichtig für die geistige Gesundheit der Crew. Wenn also jemand besser auf Laken, unter einer Steppdecke, einer Daunendecke oder einem falschen wollenen Schafsfell schlief, dann ging man davon aus, dass es der Effizienz und der geistigen Gesundheit zuträglich war, und die Firma stellte diese Dinge bereitwillig zur Verfügung.
Seine altmodische gedruckte Bibel hatte er sich unter den Arm geklemmt. Sie gab ihm mindestens so viel Halt wie Mutters Gegenwart. In seiner Hand klackerten die Betperlen rhythmisch gegeneinander. Er hätte sich etwas gegen seine Unruhezustände verschreiben lassen können, aber er bevorzugte die Betperlen. Anders als Medikamente waren ihm diese vertraut und machten nicht abhängig. Jedoch hätte man sich darüber streiten können, ob die Kugeln nicht mindestens genauso zur Gewohnheit werden konnten. Eingehüllt wie ein Pilger wanderte er geistesabwesend über die Brücke, sah hin und wieder auf eine Konsole oder eine Anzeige. In Abwesenheit der menschlichen Besatzung war es still und alles funktionierte nach Plan. Anderenfalls hätte Mutter ihn alarmiert. Und doch hielt er vor der Anzeige an einer der Konsolen inne. Sie zeigte Aktivitäten auf der Entsorgungsstation. Neugierig aktivierte er die visuelle Anzeige.
Hell und farbenfroh erschien aus der Konsole eine Projektion, direkt vor ihm. Während er schweigend zusah, wuchs im Stillen sein Missfallen. Nicht wegen der Handlungen, die dort vor sich gingen, sondern wegen dem, was hinter diesen stand.

Daniels stand neben Walter in der Entsorgungsstation. Beide richteten ihre Aufmerksamkeit auf einen Monitor. Der Bildschirm zeigte einen podartigen Sarg, der in die äußere Schleuse befördert worden war. Der Sarg war verschlossen und bereit, dem Vakuum übergeben zu werden.
In der Halle herrschte absolute Stille, bis Walter das Schweigen brach: »Wollen Sie, dass ich ein paar Worte sage? Ich bin mit einer Reihe von Begräbnisritualen vieler Konfessionen programmiert worden. Ich wäre auch in der Lage, aufgrund meiner persönlichen Kenntnis des Verstorbenen zu improvisieren.«
»Nein, danke«, murmelte Daniels. Für einen kurzen Moment herrschte wieder Schweigen.
»Wenn Sie keine Trauerfeier wünschen«, fuhr Walter fort, »darf ich Sie dann fragen, warum Sie meine Gesellschaft wünschten?«
Sie sah zu ihm hinüber. »Wie Sie in der Terraforming-Sektion erwähnten, besteht diese Crew aus Paaren. Das war der ganze Sinn dieser …« Sie unterbrach sich. »Ich dachte, Sie kennen sich mit dem Alleinsein aus. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie etwas sagen wollen, ich – ich weiß auch nicht, was ich mir gedacht habe. Ich weiß nur, dass ich das hier nicht allein tun wollte.«
Walter fühlte sich gerührt, auf seine Art. Von einem programmatorischen Standpunkt aus war die Situation … kompliziert.
Er war nicht unbedingt erleichtert, als die Zugangstür aufglitt und Tennessee und Faris eintraten, aber erfreut. Unsicher, ob seine Anwesenheit allein ausreichend war, um Daniels Einsamkeit abzumildern, wusste er, dass die Ankunft von zwei ihrer Freunde eher dafür sorgen würde. Ebenso, wie er wusste, dass die Flasche Whiskey und die vier Schnapsgläser, die Tennessee bei sich trug, ihre Stimmung nochmals verbessern würden.
Tennessee schaffte es, sie in einer seiner bärenartigen Umarmungen zu begraben, ohne die Flasche oder die Gläser fallen zu lassen.
»He Liebes«, sagte er sanft. »Wie geht's dir?«
Er entließ sie aus seiner Umarmung, dann sah er kurz zu seiner Frau.
Daniels lächelte ihn an. »So gut es eben geht, schätze ich. Danke, dass ihr beide gekommen seid.«
Tennessee würdigte die hoch erhobene Flasche mit einem anerkennenden Blick. »Sein Lieblings-Whiskey. Ein Mann mit Geschmack.«
Ausgesprochen geschickt für einen Mann seiner Statur jonglierte er mit der Flasche und den Gläsern, während er einschenkte.
»Pur. Ohne Eis, ohne Wasser, ohne Bier, ohne alles, wie er immer sagte.«
Er musterte die Person neben sich. »Walter?«
»Man muss mit den Wölfen heulen.« Der Androide streckte die Hand aus und nahm ein Glas. Obwohl das alkoholische Getränk vom physiologischen Standpunkt aus keine Bedeutung für ihn hatte, war es die Geste der Kameradschaft, die zählte.
»Amen, Bruder.« Faris honorierte die Geste, indem sie kurz ihr eigenes Glas hob. »Das nenne ich eine anständige Programmierung.«
Nach ein paar feierlichen Schlückchen, sowohl, um den Inhalt der Flasche zu würdigen, als auch die Stimmung aufzulockern, setzte Tennessee zu einem feierlichen Trinkspruch an.
»Auf all die guten Menschen, die zu früh von uns gegangen sind. Wir werden sie nicht vergessen.«
»Wir werden sie nicht vergessen«, erklang es einstimmig von allen.
Dann wurde weitergetrunken. Daniels leerte ihr Glas schnell, dann drehte sie sich zu Walter um. Er sagte alles Notwendige mit den Augen, wohl wissend, dass weitere Worte überflüssig und unzureichend sein würden. Oder unpassend, schlimmstenfalls.
Schließlich fragte Faris vorsichtig: »Soll ich es tun?«
»Nein. Danke.« Daniels trat einen Schritt nach vorn. »Das ist meine Aufgabe.«
Sie warf dem Sarg einen letzten liebevollen Blick zu, dann drückte sie auf den Knopf. Akustische Signale untermalten das einzelne Swuusch, als die Luft aus der Entsorgungsschleuse wich und den Sarg gleichzeitig begleitete und antrieb.
Eine Außenaufnahme zeigte, wie der Pod von der Covenant wegschoß. So unendlich klein vor der überwältigenden Schwärze des Kosmos verschlang ihn die dunkle Unermesslichkeit beinahe sofort. Gemeinsam mit ihren Freunden sah Daniels dabei zu, wie der Sarg zusammen mit ihrer strahlenden Zukunft im Nichts verschwand.

Von seiner Position auf der Brücke aus beobachtete ein schweigsamer Oram den gesamten Vorgang, von den ersten feierlichen Momenten, bis zu der vom Alkohol unterstützen ausgelassener werdenden Stimmung. Es gefiel ihm nicht. Es hatte keine Versuche gegeben, ihn in die Trauerzeremonie einzubeziehen, so kurz sie auch war, oder ihn überhaupt darüber zu informieren. Im Prinzip waren keine Vorschriften verletzt worden, aber es war auch nicht korrekt. Als Captain hätte man ihn darüber im Vorfeld in Kenntnis setzen müssen und seine Zustimmung einholen sollen.
Stattdessen hatten sie es ohne ihn getan. Man hatte es nicht direkt vor ihm verborgen, vielmehr hatte man ihn umgangen.
Er war erst seit Kurzem und durch einen tragischen Zufall Captain. Wenn der Rest der Mannschaft ihn nicht genügend respektierte, um ihn von einer Beerdigungszeremonie in Kenntnis zu setzen, dann würde er es schwer haben, ein Schiff zu führen. Er sann darüber nach, wie er die Situation verbessern konnte, aber ihm fiel nur wenig ein.
Die Betperlen klackten etwas schneller in seiner Hand.
In der Stille auf der Brücke klangen sie ungewöhnlich laut, aber nicht laut genug, um die Stimme hinter ihm zu übertönen. Obwohl sie ihm vertraut war, war er doch überrascht, sie zu hören.
»Komm ins Bett, Christopher«, forderte seine Frau ihn sanft auf. Sie trug einen Ganzkörperanzug aus leichtem Material, das sich nicht für die Arbeit, aber perfekt für einen gelegentlichen Spaziergang eignete.
»Wie lange stehst du schon da, Karine?«
Sie gähnte und lächelte. »Lange genug.«
Anstatt sie anzusehen, nickte er in Richtung der Projektion. »Dann hast du gesehen, was dort passiert ist? Hast du gesehen, wie sie meine Befehle missachtete?«
»Du meinst, weil sie ihrem Ehemann die letzte Ehre erwiesen hat? Und dich nicht um Erlaubnis gefragt hat? Tss. Wie konnte sie nur.« Als er weiterhin ihrem Blick auswich, trat sie auf ihn zu, bis er ihrem Blick nicht länger ausweichen konnte, ohne sie absichtlich zu ignorieren.
»Wenn wir Origae-6 erreicht haben«, erinnerte sie ihn, »werden diese Menschen nicht mehr deine Mannschaft sein. Wenn die Covenant ausgemustert wurde, damit sich jeder an der Entwicklung der Kolonie beteiligen kann, werden sie und wir einfach nur noch Kolonisten sein, so wie auch jeder, der gerade noch im Hyperschlaf liegt. Sie werden nicht mehr deinen Befehlen unterstehen. Sie werden unsere Nachbarn sein. Das solltest du nicht vergessen, denn sie werden es ganz bestimmt nicht vergessen. Also behandle sie nachsichtig. Wenn die Kolonie erst einmal steht und funktioniert, wirst du sie weitaus mehr brauchen als sie dich.« Sie suchte seinen Blick. »Sie zu verärgern, nur weil du dich gekränkt fühlst oder wegen einer kleinen Regelwidrigkeit, ist sicher nicht die beste Art, okay?«
Sein zögerliches Schulterzucken war genauso kaum wahrnehmbar wie seine Antwort.
»Ja.«
Sie hatte natürlich recht. Karine hatte immer recht.
Er hasste das, aber er liebte sie.
Liebevoll berührte sie sein Gesicht, dann senkte sie die Hand und hielt sie ihm mit der Handfläche nach oben entgegen. Er brauchte nicht zu fragen, was sie von ihm wollte – sie hatten dieses Spiel schon mehr als einmal gespielt. Mit einem resignierten Seufzen übergab er ihr die Betperlen. Sie schloss ihre Finger um die Kugeln, beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben, und wandte sich zum Gehen.
»Kommst du?«, fragte sie. »Du brauchst deinen Schlaf, Christopher. Das wird dich zu einem zugänglicheren Captain machen. Und sowieso zu einem besseren Menschen.«
»Ich muss noch eine Sache erledigen. Geh schon mal vor, Karine. Ich komme gleich nach.«
Sie wartete, bis er die Übertragungen aus der Entsorgungsluke abgeschaltet hatte, dann nickte sie bestätigend und zufrieden, drehte sich um und ging. Er wartete, bis sie die Brücke verlassen hatte. Dann konzentrierte er sich, kniete sich auf den Boden und begann zu beten.
Dort, in der Mitte der High-Tech-Brücke, umgeben von einem Regenbogen aus hellen Anzeigen und gelegentlichen leisen Tönen, schloss er seine Augen und faltete die Hände.
Ein zufälliger Beobachter hätte meinen können, dass niemand da war, der die Geste bemerkt hätte.
Oram aber hätte ihm widersprochen.

Daniels war betrunken. Sie wusste es. Es war ihr egal. Aber sie ließ sich in ihrem Zustand nicht gehen. Was sie sich von ihrem exzessiven Alkoholkonsum erhofft hatte, war nicht das Nirvana, sondern sich zu betäuben. Obwohl sie sich dahingehend alle Mühe gegeben hatte, war sie erfolglos gewesen.
Sie war benommen, hatte aber noch immer Empfindungen.
Verdammt, dachte sie durch den vom Alkohol aufgetürmten Nebel hindurch. Warum bin ich noch nicht bewusstlos? Gibt es denn keine Gerechtigkeit in diesem Universum?
Aus dem antiken Schallplattenspieler drang die wohlklingende Stimme von Nat King Cole, der »Unforgettable« sang. Eines von Jacobs Lieblingsliedern, und eines, dem sie oft in stillen, intimen Momenten gelauscht hatten. Still genug war es, dachte sie amüsiert, aber nicht intim. Für Intimitäten brauchte es zwei. Two to tango, two to travel, two to … to …
Entgegen ihrer Hoffnung lichtete sich der Nebel vor ihren Augen. Sie hatte seine Kleidung aus dem Schrank geräumt, zusammen mit allem anderen, was ihm und nicht ihr gehörte. Socken, eine unbeholfene Muschelkette, die sie für ihn gemacht hatte, Hemden, Hosen, Schuhe.
Knick-knacks, paddy-wacks, give a girl a break …
Sie hatte kein Problem damit gehabt, Anspruch auf den Rest Whiskey in der Flasche zu erheben, die Tennessee mitgebracht hatte.
Bekräftigt durch die Extradosis flüssigen Rückhalts begann sie, die verschiedenen Kleidungsstücke zu kleinen Haufen zusammenzulegen. Erst als sie die letzten Kleidungsstücke zusammengetragen hatte, war sie in der Lage, mit den persönlicheren Gegenständen fortzufahren.
In die Jahre gekommene Fotografien teilten sich den Platz auf dem Boden mit zeitgemäßeren Arten der Momentaufnahmen. Sie hatte sie zu einem Halbkreis ausgebreitet, kniete vor ihnen und studierte das Mosaik, das sie aus ihrem früheren Leben formten. Hin und wieder berührte sie eine Fotografie oder ließ ihre Finger durch eine Projektion gleiten, um nicht nur optischen, sondern auch physischen Kontakt mit ihnen herzustellen. Keines davon sah sie sich mehr als einmal an, nahm jedes Bild zum letzten Mal in sich auf, bevor sie sich dem nächsten zuwandte.
Eine ganz besondere Projektionsfläche starrte sie an. Sie erwog, diese zu übergehen, aber sie lag nur da und forderte sie auf, aktiviert zu werden. Also legte sie den Daumen auf die Einheit und lehnte sich zurück, um die Aufnahmen anzusehen, die sie enthielt. Aufnahmen, die sie nur allzu gut kannte.
Jacob, der vor den weiten gezackten Ausläufern des Grand Tetons Gebirges stand, die in den strahlendblauen Himmel wie eine seiner geliebten antiken Holzsägen schnitten, hatte sich zu ihr umgedreht. Lächelnd, immer lächelnd.
»He, wann kommst du endlich her? Ich vermisse dich!« Er drehte sich halb zurück und deutete auf die zerklüftete Gebirgskette, die hinter ihm aufragte. »Sieh dir diese Berge an. Ich weiß, ich weiß, ich sagte, ich würde nicht ohne dich klettern, aber – komm schon, sieh dir das an! Ich kann den Granit bis hier hin in meinen Fingern spüren. Beweg deinen Hintern hierher, oder ich kann nicht versprechen, dass …«
Sie hielt das Bild an. Der Ton lief weiter, doch ihr Schluchzen übertönte ihn.
Das machte nichts. Sie kannte ihn auswendig.

Als sie nicht mehr weinen konnte, mit pochenden und schmerzenden Augen, zwang sie sich, alles wegzupacken. Bilder, Kleidungsstücke, Kletterausrüstung, alles. Bereit, eingelagert zu werden, zusammen mit ihren Träumen. Übrig blieb nur eine kleine Kiste mit Andenken, die sie auf der Kommode stehen ließ. Sie enthielt kleine Dinge, dumme Sachen, Fragmente eines Lebens, das man bereits gelebt hatte. Dinge, die für jeden anderen außer ihr bedeutungslos gewesen wären.
Sie öffnete die Box und strich nacheinander zärtlich über den Inhalt: einen Glasring, einen Streifen alter Fotos aus einem Fotoautomaten, der sie beide zeigte, einen Knopf, den sie von dem lächerlichen Anzug behalten hatte, den er auf einem Kostümball mit der Mode des mittleren einundzwanzigsten Jahrhunderts getragen hatte, zwei alte Metallnägel, die er mit viel Liebe aus einer eingestürzten Bergarbeiterhütte im Hinterland von Wyoming geborgen hatte.
Als sie einen der Nägel in die Hand nahm, fand sie ein Stück Schnur – selbst für Schnur gab es auf einem Raumschiff Platz, dachte sie bei sich – und knotete das eine Ende direkt unter der Kuppe des Nagels fest. Er hatte seine alte Muschelkette besessen, sie hatte jetzt den Nagel.
Sie legte sich den selbst gemachten Schmuck um den Hals. Das kleine Stück alten Eisens fühlte sich kalt auf ihrer Brust an.
Daniels schloss die Augen, während ihre Finger den Nagel fest umklammerten.
V

Wenn man die Relativitätstheorie außer Acht ließ, schien die Zeit außerhalb und innerhalb eines Raumschiffs gleich schnell zu vergehen. Das galt auch für die Covenant, wo die Arbeiten an den hauchdünnen Energiekollektoren mit Vorsicht und Bedacht ausgeführt wurden.
Auf der Brücke ging es nun lebhaft zu, die komplette Besatzung war an den jeweiligen Stationen beschäftigt. Auf ihre Arbeit konzentriert waren Ricks, Upworth, Walter und Faris trotzdem in der Lage, miteinander zu kommunizieren, ohne den Blick von ihrer jeweiligen Tätigkeit zu nehmen.
Einiges ihrer Energie und Aufmerksamkeit galt der Überwachung der Aktivitäten außerhalb des Schiffs. Das größte Interesse galt momentan Tennessee. Anders als bei anderen Mannschaftsmitgliedern, die Einsätze außerhalb des Schiffs verrichteten, war es nicht nötig, die Monitore mit den persönlichen Gesundheitsanzeigen zu überwachen, um die körperliche oder geistige Verfassung zu beurteilen. Sein Pfeifen war Bestätigung genug, dass es ihm gut ging.
Als Tennessee gerade dabei war, eine der letzten beschädigten Transmissionsreihen zu reparieren, betrat Oram die Brücke. Wie auf Kommando wurden die Lichter, Anzeigen, Projektionen und Hologramme, die bislang nur auf Notenergie liefen, plötzlich heller. Andere, die komplett ausgeschaltet waren, erwachten zum Leben. Die Erleichterung darüber war allen anzusehen und den freudigen Kommentaren zu entnehmen.
Eine breit grinsende Upworth wandte sich an die nächstgelegene Komm-Einheit. »Gute Arbeit, Tee. Wir sind wieder komplett live hier unten, und den ersten Checks nach zu urteilen scheint alles wieder online zu sein.« Sie sah sich um. »Ich hab die Brücke nicht mehr so belebt gesehen, seit wir das Sol-System verlassen haben, und du verpasst alles. Komm wieder rein.«
»Verstanden«, antwortete Tennessee. »Fliegt nicht ohne mich ab.«
Faris, die an ihrer Station saß, zögerte keine Sekunde, als sie die jüngere Frau ansah. »Bitte, lass uns ohne ihn abfliegen. Er kreist sowieso die meiste Zeit in seinem eigenen Orbit, also sollte er da draußen ganz gut ohne uns auskommen.«
Upworths Grinsen wurde noch breiter, während sie den Kopf schüttelte: »Das kann ich nicht machen. Jemanden zurücklassen, auch wenn die Gründe dafür absolut gerechtfertigt wären, ist gegen die Regeln. Die würden mir das Gehalt kürzen.«
»Was kümmert es dich?«, gab Faris zurück. »Du kehrst doch sowieso nicht wieder zur Erde zurück, um es einzusammeln.«
»Geht an eine Wohltätigkeitsstiftung.« Upworth überprüfte Tennessees Fortschritte und stellte befriedigt fest, dass die Funktionen seines Anzugs genauso gut waren wie die Werte des Mannes darin.
»Okay, aber dann streichen sie mir vielleicht meine Wohnerlaubnis auf Origae-6. Davon abgesehen brauchen wir ihn an Bord. Mit ihm ist es hier weniger langweilig.«
»Ansichtssache«, entgegnete Faris lächelnd.
Die Sticheleien brachen ab, als Daniels hereinkam und offensichtlich ziemlich mitgenommen aussah. Dass man auf einem Raumschiff optimierte und recycelte Luft atmete, half trotzdem nicht gegen einen Kater.
Oram lächelte zur Begrüßung, aber sein Gesichtsausdruck blieb angespannt.
»Willkommen zurück. Wir fühlen uns wohl nicht besonders heute Morgen?«
Er hätte noch mehr dazu gesagt, aber die Worte seiner Frau klangen ihm noch in den Ohren.
Sie sah ihn kaum an. Seinem Verhalten – ganz zu Schweigen von seinem Tonfall – war anzumerken, dass er von der Trauerfeier wusste. Und von dem Umtrunk.
Sie können mich mal … Captain, dachte sie. Ihr Kopf hämmerte viel zu heftig für eine geistreiche Bemerkung, auch wenn Sarkasmus sonst ihre Stärke war. Schweigend begab sie sich an ihre Station und ignorierte die heimlichen Blicke, die auf sie geworfen wurden.

An der Außenseite des Schiffs beendete das Reparaturteam seine Arbeit. Ankor überprüfte ein letztes Mal die Anzeigen der Leitungen im Inneren des Mastes, an dem er gearbeitet hatte. Da alles funktionierte, schloss er zufrieden die Wartungstür, drehte sich um und beförderte sich mit einem sanften Druck auf die entsprechenden Kontrollen seines Anzugs in Richtung der wartenden Luftschleuse.
»Alles in Ordnung hier. Ich geh wieder rein, Tee. Gute Arbeit.«
»He«, antwortete der stämmige Mann, »ich liefere immer nur erstklassige Arbeit ab.«
Da er alle notwendigen Reparaturen am Kollektor und dem zugehörigen ausfahrbaren Arm beendet hatte, bereitete sich Tennessee darauf vor, von seiner Position am Ende des Masts zum Schiff zurückzukehren.
Ein schneller Check der Anzeigen in seinem Helm bestätigte, dass alle relevanten Systeme wieder normal funktionierten. Das bedeutete, dass sie über das wiederhergestellte Kommunikationssystem Kontakt zur nunmehr weit entfernten Erde herstellen konnten. Auch wenn die Übertragung wie auf einer elektronischen Perlenschnur immer noch unendlich lange dauerte.
Obwohl die Covenant komplett autark funktionierte, was für jedes Kolonieschiff galt, war dieser dünne Faden als Verbindung zur Heimatwelt Erde immens wichtig. Während ihres Flugs setzte das Schiff bei jedem Wiederauflade-Stopp ein Relais ab, um so das Netz zu erweitern. Wenn sie erst einmal auf Origae-6 angekommen waren, konnte man so jene zuhause auf der Erde darüber informieren, dass die Kolonie erfolgreich am ausgewählten Zielort errichtet wurde.
Er aktivierte den Antrieb in seinem Anzug und trieb zurück auf die Hauptsektion des Schiffs. Eines musste man den Außenbordaktivitäten lassen, sagte er sich. Man konnte die heimatliche Basis unmöglich aus den Augen verlieren, weil es innerhalb eines Lichtjahres kein anderes mögliches Ziel gab. Er ließ Ankor wissen, dass mit ihm alles in Ordnung war.
»Verstanden«, antwortete sein Kollege. »Wir sehen uns drinnen.«
»Bin direkt hinter dir«, ließ Tennessee ihn wissen. »Stellt schon mal ein Bier für den müden Reisenden kalt.«
»Geht klar, Kumpel.« Das war Upworth, nicht Ankor. »Ich bin dabei.«
»Vielen Dank. Mach vielleicht zwei draus. Ich bin unterwegs.«
»Weißt du«, murmelte Upworth über den geschlossenen Kanal, »wenn wir so viel hochprozentigen Alkohol sparen würden, wie du verbrauchst, könnten wir damit das Schiff für einen Extra-Sprung mit Energie versorgen.«
»Das würde nicht klappen«, erklärte er. »Ich bräuchte mehr Stoff, um den Extra-Sprung zu überstehen. Sinkender Ertrag.«
Er machte sich bereit für den Rückweg, die Schleuse im Fokus.
Dann war plötzlich alles tot.
Kein Ton über die Audio-Übertragung. Nicht mal ein statisches Rauschen. Die Blickfeldanzeigen in seinem Helm waren ausgefallen. Er fand sich schwebend in der Dunkelheit wieder, mit Ausnahme des schwachen Leuchtens ferner Sterne und den Lichtern des Schiffs. Es brauchte keine Instrumente, um ihm zu bestätigen, dass sich sein Herzschlag und seine Atmung plötzlich verdoppelt hatten. Dass die Lebenserhaltungssysteme funktionierten, wusste er nur aus einem einfachen Grund: weil er noch am Leben war.
Was zur Hölle?
Er griff nach der Kontrollen für den Notfall-Reset, als plötzlich ein bleiches Gesicht im Inneren seines Helms aufblitzte. Es war nur flüchtig, nicht zu erkennen, und wurde von einem ganz eigenen und überaus beunruhigendem hochfrequenten Kreischen begleitet.
Instinktiv zuckte er zurück. Sowohl das Bild als auch dieses Geräusch dauerten nur eine Sekunde an, dann waren sie verschwunden. Als er weiterschwebte, waren die einzigen verbliebenen Geräusche, die er hörte, das Pochen seines Herzens und sein schweres Atmen.
Er sprach in die Funkeinrichtung seines Anzugs und vergaß dabei völlig, dass diese zusammen mit den anderen Instrumenten nicht mehr funktionierte.
»Was zum … habt ihr das gesehen? Irgendwas ist gerade …«

Er redete weiter. Auf der Brücke der Covenant hörte man seine Stimme, aber sie war schwach und verzerrt. Die besorgte Faris beugte sich zu Upworths Station hinüber.
»Was hat er gesagt? Ich könnte schwören, dass er etwas gesagt hat.«
»Keine Ahnung.« Upworths Finger huschten über die Konsole, versuchten, die Übertragung deutlicher zu machen, sie zu verstärken. »Er hat etwas gesehen, glaube ich.«
»Tennessee«, rief Faris lauter, »kannst du mich verstehen?«

Das konnte er nicht. Stattdessen erschrak er ein zweites Mal, als das geisterhafte bleiche Gesicht erneut erschien, dieses Mal schärfer. Immer noch verzerrt, dehnte und verbog es sich vor seinen Augen wie Ektoplasma. Mal menschlich, mal nichtmenschlich – das bleiche Antlitz veränderte sich so schnell, dass er keine individuellen Gesichtszüge erkennen konnte.
Und dann war da noch dieses Kreischen. Genauso unverständlich wie das Gesicht unkenntlich war, gellte es in seinen Ohren. Beinahe dachte er, dass er Worte oder zumindest Silben ausmachen konnte. Beinahe konnte er in den Geräuschen, die auf dem schmalen Grat zwischen Sinnhaftigkeit und Wahnsinn balancierten, den Versuch erahnen, Worte zu bilden.
Sowohl die Bilder als auch der Ton schienen dieses Mal ein wenig länger zu sein, bevor sie komplett verschwanden.
»Herrgott«, murmelte er. »Was war das?« Er versuchte sein Glück wieder an der Komm-Einheit. »Ich komme rein.«

Aus dem Helm auf dem Diagnosetisch führten so viele Kabel und Filamente heraus, dass Tennessees Anzugshelm an ein außerirdisches pilzartiges Gewächs erinnerte. In Projektionen, Hologrammen und auf einfachen Monitoren blinkten Informationen auf Basis ihrer analytischen Programmierung auf. Zusammen schwebten sie als riesige Datenprojektion über dem Tisch.
Die Mannschaft hatte sich um den Tisch versammelt. Einige von ihnen konzentrierten sich auf die zusammengefasste Darstellung, während andere wiederholt auf einige spezifische Anzeigen blickten. Da die Möglichkeit bestand, dass Tennessees Begegnung ein Sicherheitsproblem darstellte, hatte sich ihnen auch Sergeant Lopé angeschlossen.
Obwohl die Verbindung während Tennessees Außer-Bord-Aktivitäten zusammengebrochen war, hatten die Notfallsysteme seines Anzugs automatisch alles mitgeschnitten. Also konnte die Crew sehen, wie das veränderliche weiße Gesicht, vorerst stumm, in der Projektion erschien. Trotz der Versuche des Computers, es zu verifizieren, blieb ungeklärt, was genau es war. Und doch war klar, dass es sich um ein Gesicht handeln musste … von irgendetwas. Es wand sich, vor und zurück, vor und zurück. Niemand hatte eine Idee, was es sein konnte.
Ricks war der Erste, der eine Theorie äußerte. »Das ist wahrscheinlich eine verloren gegangene, fehlerhafte Transmission.« Er sah zu Tennessee hinüber. »Dein Anzug muss sie aufgeschnappt haben, als du so weit draußen gearbeitet hast, hinter den internen Kommunikationspuffern des Schiffs. Deshalb haben wir sie hier nicht empfangen. Das Signal ist ungeheuer schwach.«
»Eine fehlerhafte Transmission«, wiederholte Lopé. »Woher?«
Niemand antwortete ihm. Niemand konnte ihm antworten, und nach wiederholter Betrachtung der Aufnahme war sich auch niemand auf der Brücke mehr sicher, ob er wissen wollte, woher diese kam.
Oram stellte eine Frage in den Raum: »Mutter, können wir die dazugehörige Audioaufzeichnung hören?«
Kopf vor, Kopf zurück. Nun begleitet von dem unverständlichen Kreischen. Manches davon klang beinahe verständlich, dachte Daniels. Wie alle anderen auch versuchte sie, aus dem Gehörten schlau zu werden. Es klang halb sinnvoll, halb irre.
Rick dachte weiter laut nach: »Wahrscheinlich keine komplette Transmission, sonst wäre sie schärfer. Muss ein Echo sein. Möglicherweise kam sie herein und hing im Pufferspeicher fest, während wir von der Welle getroffen wurden. Ein paar der Instrumente sind schwer beschädigt worden. Diese Daten sind nicht das einzige, was durch den Mixer gedreht wurde.«
»Nein, ich glaube nicht, dass es ein Echo ist. Es ist eine direkte Übermittlung«, widersprach Upworth. Sie deutete auf ihre Konsole. »Es findet sich auch in den Log-Dateien. Alle sechsundvierzig Sekunden, seit wir den letzten Raumsprung zum Wiederaufladen beendet haben.« Sie sah stirnrunzelnd auf die Anzeigen. »Ich weiß nicht, warum es sich erst jetzt zeigt, oder warum es in den internen Anzeigen in Tennessees Anzug auftauchte und nicht hier.«
Ricks klang, als wollte er sich rechtfertigen. »Echo. Niemand weiß, wo und wann so etwas auftreten kann. Das Schiff reitet auf einer Welle und schon gehen die Standard-Übertragungssequenzen den Bach runter.«
In der Antwort von Oram schwang ein Unterton mit, als würde ihm etwas bekannt vorkommen. »Es klingt wie …«, murmelte er. »Ich erinnere mich.« Wohlwissend, dass ihn alle anstarrten, erklärte er mit normaler Stimme. »Ich bin als Pfingstkirchler aufgewachsen.«
Lopé machte ein komisches Gesicht. »Was ist das? So eine Art besonderer Kindergrippe?«
Der Captain lachte nicht darüber. »Eine Religionsgemeinschaft. Sehr alt, Fegefeuer und so was.« Er deutete auf das Hologramm. »Während der Treffen konnte man so etwas wie das hier hören. Man nannte es in fremden Zungen reden. Die Worte klingen bekannt, aber sie sind gerade anders genug, dass sie nicht wirklich Sinn ergeben. Zumindest nicht für Außenstehende. Für jemanden aus der Gemeinde hörte sich jedoch alles normal an. Es gibt da eine Möglichkeit. Vielleicht bringt es nichts, aber …« Er hob die Stimme ein wenig. »Mutter. Spiel das Signal langsamer ab. Suche nach eigenständigen Wortmustern in der Übertragung. Blende alles aus, was nicht dazu passt. Setze die verbliebenen Teile neu zusammen. Und spiele es rückwärts ab.«
»Verstanden«, antwortete das Schiff. »Bitte warten.«
»Gottes Wort ins Gegenteil verkehrt.« Oram sprach zu sich wie zu jedem anderen auf der Brücke. »Die Sprache der Lüge. Die Sprache des Teufels.«
Faris quittierte die Bemerkungen ihres Mannes mit einem dünnen Lächeln. »Das ist sehr beruhigend.«
Upworth sah ihn neugierig an. »Wie kommen Sie darauf, Captain?«
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