Kitabı oku: «"Und ihr wollt das Land besitzen?" (Ez 33,25)»
Forschung zur Bibel Band 124
Begründet von Rudolf Schnackenburg und Josef Schreiner Herausgegeben von Georg Fischer und Thomas Söding

forschung zur bibel

Alban Rüttenauer
„Und ihr Wollt das Land besitzen?“
(Ez 33,25)
Ezechiels Umgang
mit repräsentativen Redensarten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
© 2011 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de Druck und Bindung: Difo-Druck GmbH, Bamberg ISBN 978-3-429-03384-2 (print)
978-3-429-06008-4 (epub)
978-3-429-03385-9 (pdf)
Vorwort
Die vorliegende Arbeit wurde dankenswerter Weise im Sommer 2010 von der Universität Augsburg als Dissertation angenommen.
Erste Anregung einer näheren Beschäftigung mit Ezechiel erhielt ich durch Prof. Dr. P. Bovati vom Bibelinstitut in Rom, der meine Lizenziatsarbeit über Ez 18 begleitete mit der wichtigen Redensart in 18,2. Meinem Doktorvater Prof. Dr. Fr. Sedlmeier verdanke ich den Anstoß, die Aufmerksamkeit nun auf alle Redensarten bei Ezechiel auszudehnen und zu konzentrieren. Ich habe ihm herzlichen Dank zu sagen für so viele weiterführende Ratschläge bei der methodischen Durchführung der Arbeit, die sich als nur zu fruchtbar erweisen sollten. Zu diesen Früchten zählt neben anderen Überraschungen, daß sich erst im Verlauf der Arbeit das Thema Land als ein zentraler Bezugspunkt der Redensarten herauskristallisierte. Ich danke Prof. Dr. J. Pichler für das Zweitgutachten und Prof. Dr. Georg Fischer SJ für die Aufnahme meiner Arbeit in die Reihe „Forschung zur Bibel“.
Dank zu sagen habe ich aber auch meinen Eltern, die mir beim Korrekturlesen und bei der Vorbereitung für den Druck sehr behilflich waren. Der Pallottinergemeinschaft danke ich besonders in der Person von P. Steffen Brühl SAC, der auch in einer Zeit, wo das Geld knapp ist, den Druckkostenvorschuß für mich bereitzustellen wußte.
Zu guter Letzt sei auch Sr. Theresita Solchenberger vom Dritten Orden der Franziskanerinnen genannt, stellvertretend für all diejenigen, die mir durch ihr Gebet und andere Unterstützung während der Zeit den Rücken gestärkt haben. So hat auch der Eine-Welt-Laden von Friedberg mich immer ausgiebig durch freundlich lächelnde Damen mit dem erstklassigen Doping-Mittel eines gerecht gehandelten Kaffes versorgt.
Der größte Dank gebührt Gott selbst, der es nie unterließ, mir mit den stillen mitternächtlichen Strahlen des Mondes auch durch dichtestes textkritisches Gestrüpp hindurch tröstliche Botschaften in die Pallottinerbibliothek zu Friedberg zu schicken.
Vallendar, im Februar 2011
Alban Rüttenauer SAC
Meinen Eltern Walburga und Bernhard
INHALTSVERZEICHNIS
A. EINLEITUNG
1. Einzelheiten
1. a) Schriftbild
1. b) Abkürzungen.
2. Einführung in die Thematik
3. Methodische Überlegungen
3. a) Synchronie, sofern diachron reflektiert.
3. b) Synchronie als solche.
3. c) Diachronie reflektierende Synchronie.
B. DIE EINZELNEN SPRÜCHE
1. Die Wirklichkeit Gottes in der Sichtweise der Menschen: 8,12
1. a) Rahmenhandlung und Gliederung von Kap. 8 - 11
1. b) Kontext von 8,12 in Kap. 8
1. c) Text und Übersetzung von 8,12
1. d) Analyse von 8,12
1. e) Exkurs: Die Bedeutung von „Sehen“ im Buch Ezechiel
1. f) Die Sinnkrise des Volkes
2. Die Wirklichkeit der Menschen in der Sichtweise Gottes: 9,9
2. a) Kontext in Kap. 9
2. b) Text und Übersetzung von 9,9
2. c) Analyse von 9,9
2. d) Exkurs: Ez 7-9 und priesterschriftlicher Flutprolog Gen 6,11-13
2. e) Analyse von 9,9 Fortsetzung
2. f) Verantwortungslosigkeit in der Krise
3. Geheime Intrige am Tor: 11,2-3
3. a) Kontext in 11,1-12
3. b) Text und Übersetzung von 11,2-3
3. c) Analyse von 11,2-3
3. d) Historische Bezüge
3. e) Jahwekrieg gegen Intrige
4. Falsche Zuversicht aus mißverstandener Tempelnähe: 11,15
4. a) Kontext in 11,13-21
4. b) Text und Übersetzung von 11,15
4. c) Analyse von 11,15
4. d) Der mitgehende Gott und das Geschenk seiner Nähe
4. e) „Boden Israels“ oder „das Land“? Exkurs zu zwei konkurrierenden Begriffen
5. Die drohende Gefahr einer zweiten Gola: 12,9
5. a) Kontext in Kap. 12
5. b) Text und Übersetzung von 12,9
5. c) Analyse von 12,9
5. d) Ende der Monarchie - Anfang einer neuen Geschichte
6. Zweifel am Eintreffen der Prophetenworte: 12,22
6. a) Kontext in Ez 12
6. b) Text und Übersetzung von 12,22
6. c) Analyse von 12,22
6. d) Zeitbezug der Prophetie als Wortereignis
7. Zweifel am Gegenwartsbezug der Prophetenworte: 12,27
7. a) Kontext von 12,27
7. b) Text und Übersetzung von 12,27
7. c) Analyse von 12,27
7. d) Vergebliches Ausweichen
8. Ungerechtfertigter Anspruch selbsternannter Propheten: 13,6-7
8. a) 13,6-7 im Kontext
8. b) Text und Übersetzung von 13,6-7
8. c) Analyse von 13,6-7
8. d) Keine Zugehörigkeit zum Volk ohne gewissenhaften Umgang mit Gott
9. Trügerische Beruhigung durch Propheten: 13,10
9. a) 13,10 im Kontext
9. b) Text und Übersetzung von 13,10
9. c) Analyse von 13,10
9. d) Kühnheit bei Sonnenschein - Fluchtverhalten bei Unwetter
10. Festlegung durch natürliche Verwandtschaft: 16,44
10. a) Kontext in Kap. 16
10. b) Text und Übersetzung von 16,44
10. c) Analyse von 16,44
10. d) Die Schatten der Vergangenheit und der Boden der Tatsachen
11. Schuldverantwortung zwischen den Generationen: Ez 18,2
11. a) Kontext in Kap. 18
11. b) Text und Übersetzung von 18,2
11. c) Analyse 18,2
11. d) Freiheit trotz Bindung
12. Schuldverantwortung in der Familie: Ez 18,19
12. a) Zum Kontext von Ez 18,19
12. b) Text und Übersetzung von 18,19
12. c) Analyse von 18,19
12. d) Nicht die Verwandtschaft definiert den Menschen
13. Anstoß an Gottes Wegen: 18,25-29
13. a) Kontext von 18,25-29
13. b) Text und Übersetzung von 18,25-29
13. c) Analyse von 18,25-29
13. d) Die Freiheit Gottes und die Gedanken der Menschen
14. Preisgabe der Identität: 20,32
14. a) Kontext in Kap. 20
14. b) Text und Übersetzung von 20,32
14. c) Analyse von 20,32
14. d) Selbstbehauptung in Ergebenheit
15. Schwieriger Redestil des Propheten: 21,5
15. a) Kontext im 21. Kapitel
15. b) Text und Übersetzung von 21,5
15. c) Analyse von 21,5
15. d) Prophet im Zwiespalt
16. Das Stöhnen des Propheten: 21,12
16. a) Kontext von 21,12
16. b) Text und Übersetzung 21,12
16. c) Analyse von 21,12
16. d) Kein Entrinnen!
17. Schwacher Hoffnungsschimmer: 21,15
17. a) 21,15 im Kontext
17. b) Text und Übersetzung von 21,15
17. c) Analyse von 21,15
17. d) Wie verläßlich ist ein Hoffnungsschimmer?
18. Falsche Propheten als Mitverschworene der Oberschicht: 22,28
18. a) Kontext in Kap. 22
18. b) Text und Übersetzung von 22,28
18. c) Analyse von 22,28
18. d) Fortschreitende Verwahrlosung der Gesellschaft
19. Trauerunfähigkeit des Propheten: 24,19
19. a) Kontext in Kap. 24
19. b) Text und Übersetzung von 24,19
19. c) Analyse von 24,19
19. d) Vorweggenommenes Schicksal der Familien
20. Identitätsverlust aus Sicht der Nachbarvölker: 25,8
20. a) Im Kontext der Fremdvölkersprüche
20. b) 25,8 im Kontext von Kap. 25
20. c) 25,8: Text und Übersetzung
20. d) Analyse von 25,8
20. e) Abweisung von Neid und Schadenfreude
21. Wirtschaftliche Profitgier: 26,2
21. a) 26,2 im Kontext
21. b) Text und Übersetzung von 26,2
21. c) Analyse von 26,2.
21. d) Schutz vor rücksichtslosem Profitstreben
22. Gefährliche Selbstgefälligkeit: 27,3
22. a) Kontext von 27,3
22. b) Text und Übersetzung von 27,3
22. c) Analyse von 27,3
22. d) Schönheit und ihre Kehrseite
23. Verhängnisvolle Selbstvergottung: 28,2
23. a) Kontext in Kap. 28
23. b) Text und Übersetzung von 28,2
23. c) Analyse von 28,2
23. d) Abfahrt statt Auffahrt
24. Angemaßte Selbsterschaffung: 29,3
24. a) Kontext in Kap. 29
24. b) Text und Übersetzung von 29,3
24. c) Analyse von 29,3
24. d) Seinsverlust statt Selbsterschaffung
25. Rückhaltloses Schuldbekenntnis und tiefe Resignation: Ez 33,10
25. a) Kap. 33 als Prolog zu den Heilsworten
25. b) Interner Aufbau und Charakter des 33. Kap.
25. c) Kontext von 33,10
25. d) Text und Übersetzung von 33,10
25. e) Analyse von 33,10
25. f) Lern- und Leidensfähigkeit der Exulanten
25. g) Entscheidung zur Freiheit statt Resignation
26. Erneuter Anstoß an Gottes Wegen: 33,17-20
26. a) Kontext von 33,17-20
26. b) Text und Übersetzung von 33,17-20
26. c) Analyse von 33,17-20
26. d) Das Angebot zur Umkehr
27. Unerschütterbares Selbstbewußtsein: 33,24
27. a) Kontext von 33,24
27. b) Text und Übersetzung von 33,24
27. c) Analyse von 33,24
27. d) Ethik für Landbesitzer
28. Beachtung des Propheten im Volk : 33,30-32
28. a) Kontext von 33,30-32
28. b) Text und Übersetzung von 33,30-32
28. c) Analyse von 33,30-31
28. d) Ausbleibende Wirkung der Botschaft
28. e) Analyse von 33,32
28. f) Zustimmung ohne Folgen
29. Uneinigkeit als Einladung zu Eroberung: 35,10
29. a) Kontext in Kap. 35
29. b) Text und Übersetzung von 35,10
29. c) Analyse von 35,10
29. d) Gefahr im Verzug
30. Das Land als Wüste und Fraß: 35,12
30. a) 35,12 im Kontext
30. b) Text und Übersetzung von 35,12
30. c) Analyse von 35,12
30. d) Immer Näherrücken der Gefahr
31. Die natürlichen Gegebenheiten als Anreiz: 36,2
31. a) Kontext in Kap. 36
31. b) Text und Übersetzung von 36,2
31. c) Analyse von 36,2
31. d) Notwendigkeit von Veränderung
32. Land als Menschenfresser: 36,13
32. a) Kontext in Kap. 36
32. b) Text und Übersetzung von 36,13
32. c) Analyse von 36,13
32. d) Mut zur Veränderung
33. Das Schicksal des Gottesvolkes und die Sicht der Völker: 36,20
33. a) 36,20 im näheren Kontext
33. b) Text und Übersetzung von 36,20
33. c) Analyse von 36,20
33. d) Veränderung durch Ursachen-, statt Symptombehandlung
34. Land als wiederhergestelltes Paradies: 36,35
34. a) 36,35 im Kontext
34. b) Text und Übersetzung von 36,35
34. c) Analyse von 36,35
34. d) Verwandlung durch Veränderung
35. Physisches und moralisches Gestorbensein: 37,11
35. a) Kontext in Kap. 37
35. b) Text und Übersetzung von 37,11
35. c) Analyse von 37,11
35. d) Hoffnung wider alle Hoffnung
36. Einheit und Einigkeit des Volkes: 37, 18
36. a) Kontext in Kap. 37
36. b) Text und Übersetzung von 37,18
36. c) Analyse von 37,18
36. d) Einheit durch Gerechtigkeit
37. Scheinbare Schutzlosigkeit des Volkes: 38,10-12
37. a) Kontext in Kap. 38 - 39
37. b) Text und Übersetzung von 38,10-12
37. c) Analyse von 38,10-12
37. d) Nabel der Erde: Anziehungspunkt und Falle
38. Aussicht auf große Beute: 38,13
38. a) 38,13 im Kontext
38. b) Text und Übersetzung von 38,13
38. c) Analyse von 38,13
38. d) Mitgegangen - Mitgefangen
C. GESAMTAUFBAU DER REDENSARTEN UND IHRE THEOLOGISCHE AUSSAGE
1. Die Redensarten im Zusammenhang des Ezechielbuches
2. Die Entwicklung der Exulanten im Spiegel der Redensarten
3. Aufbau und Zusammenhang der Redensarten untereinander
4. Selbstverständnis und Herrschaftsanspruch im Personengebrauch
5. Theologische Aussage in Hinblick auf Bewältigung der Krise des Exils
6. Ezechiels Heilsdialektik entlang der Redensarten
6. a) Überwindung falschen Widerstandes gegen das auferlegte Schicksal
6. b) Bewahrung der eigenen Identität trotz unerläßlicher Anpassung
6. c) Offenheit für die überraschenden Wege Gottes
D. HAUPTAUSSAGEN DER ARBEIT IN THESEN
E. BIBELSTELLENREGISTER
LITERATURVERZEICHNIS
1. KOMMENTARE zum Buch Ezechiel und zu anderen biblischen Büchern
2. HILFSMITTEL und Textausgaben
3. Monographien und Sammelbände
4. Zeitschriftenartikel, Aufsätze und Wörterbuchartikel
5. Literatur zu aktualisierenden Vergleichen
A. Einleitung
1. Einzelheiten
1. a) Schriftbild
Für das Schriftbild wird nach folgenden Regeln vorgegangen. Es werden:
1. lateinische Ausdrücke, die konsequent lateinisch formuliert sind, klein und kursiv geschrieben;
2. eingedeutschte lateinische Fremdwörter dagegen wie deutsche Wörter behandelt;
3. Bezeichnungen der hebräischen Stammformen (Qal etc.) groß und kursiv geschrieben;
4. im Haupttext für gewöhnlich in Anführungszeichen nur übersetzte Zitate aus der Bibel gegeben;
5. Zitate aus der Sekundärliteratur in die Fußnoten verbannt;
6. bei Literaturangaben Titel von Monographien kursiv, Titel von Zeitschriftenartikeln in Anführungszeichen gesetzt, Einträge aus Wörterbüchern mit voranstehendem <Art.>, Rezensionen mit voranstehendem <Rezension> versehen;
7. in Fußnoten immer nur abgekürzte Titel genannt, mit vollständiger Angabe im Literaturverzeichnis;
8. Versuntergliederungen nach BHt immer kursiv gesetzt;
9. bei Zitierung von zwei hebräischen Wörtern und mehr gewöhnlich eine neue Zeile begonnen, um unangenehme Überraschungen bei Umbrüchen zu vermeiden.
1. b) Abkürzungen.
| at | alttestamentlich |
| BHS | Biblia Hebraica Stuttgartensia |
| BHt | Biblia Hebraica Transcripta |
| Ez | Stellenangaben nach Loccumer Richtlinien, bei ausdrücklichem Bezug auf Propheten oder Autor auch Ausschreibung des Namens. |
| ez | ezechielisch |
| FVS | Fremdvölkersprüche |
| Impf. | Imperfekt |
| K | Ketib = Lesart nach überliefertem Konsonantentext |
| Kap. | Kapitel bei biblischen Stellenangaben; sonst ausgeschrieben. |
| MT | Masoretentext (durch die Masoreten genannten jüdischen Gelehrten überlieferter hebräischer bzw. aramäischer Text des sog. AT) |
| P | Priesterschrift |
| P. | Person |
| Par. | Partizip |
| Perf. | Perfekt |
| Pl. | Plural |
| p967 | Chester Beatty Papyrus 967 |
| Q | Qetib = von Masoreten vorgeschlagene Lesart |
| Sg. | Singular |
| Vers(s). | Versionen (alte Übersetzungen) |
2. Einführung in die Thematik
Im Buch des Propheten Ezechiel kommen immer wieder die Adressaten seiner prophetischen Botschaft - sei es das ganze Volk, einzelne Volksgruppen oder gar fremde Völker - selbst zu Wort, mit einzelnen Aussprüchen oder sprichwortartigen Wendungen. Oft finden sich diese Redensarten, wie sie hier genannt sein sollen, in größeren Einheiten, die als Disputationsworte bezeichnet werden, weil die betreffende Redensart zur kritischen Auseinandersetzung über ein bestimmtes Thema das Stichwort liefert. Sie kommen aber auch in anderen Zusammenhängen vor, die sich nicht als Disputationsworte im strengen Sinn bezeichnen lassen, wo sie Zimmerli als illustrierende Zitate und Fragen der Leute von den Disputationsworten streng unterscheidet.1 In vorliegender Arbeit sollen die Disputationsworte und illustrierenden Zitate unter dem Oberbegriff repräsentative Redensarten zusammengefaßt werden.
In seiner Dissertation über die Zitate im Ezechielbuch führt Clark die Bezeichnung repräsentatives Zitat ein, um einen Mittelbegriff zwischen den sog. authentischen und fiktiven Zitaten zu finden, in der Annahme, daß es rein authentische Zitate im Ezechielbuch wahrscheinlich nicht geben wird.2 Hier wird von einem etwas weiter gefaßten Verständnis des Begriffes ausgegangen, der einige Zitate darunter zu subsumieren erlaubt, die Clark nicht dazugezählt hat. So konnte er sich z.B. nicht vorstellen, daß auch in den FVS befindliche Redensarten repräsentativen Charakter haben. Einem Hinweis Fechters folgend, darf dennoch mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß sie etwas von Eigenart und Selbstverständnis der verschiedenen Fremdvölker erkennen lassen, wenn auch aus einem besonderen Blickwinkel heraus.3 Vielleicht dürfen die Bildungs- und Informationsmöglichkeiten, die der Aufenthalt in einem Weltreich, wie dem damaligen Babylon, bot, nicht zu gering veranschlagt werden.4 Clarks Unterscheidung wird jedoch dankbar angenommen, um Stellen wie 26,17-18 und 27,32b-36 aus der Betrachtung auszuklammern, die auschließlich der poetischen Gattung eines Klageliedes entsprechen, ohne geschichtlich reelle Gestalten zu Sprechern zu haben.
Repräsentative Redensarten sind solche, die repräsentativ für die jeweiligen Sprecher stehen, ihren Charakter, ihre Einstellung, ihre Rolle. Repräsentation kann dabei auch den Gedanken der Stellvertretung mit einschließen. Die Redensarten repräsentieren Personen, die nicht unmittelbar anwesend sein müssen oder können. Für die Exilierten stellen sie die Jerusalemer bzw. die Fremdvölker dar. Sie können aber ihrerseits die Exilierten, ihre Stimmungen und Spannungen für das in späteren Zeiten wiederzuvereinende Volk lebendig erhalten wollen. Zukünftige Gestalten wie Gog werden so in die Gegenwart hereingeholt. Vielleicht ist dies der heimliche Grund dafür, daß die Babylonier mit Redensarten erstaunlich unterrepräsentiert sind. Sie waren für die damalige Zeit so allgegenwärtig, daß sie nicht eigens in Szene gebracht werden mußten (vgl. aber Ez 36,20 eine Redensart von den Völkern, zu denen die Israeliten gebracht wurden, ohne Namensnennung). Repräsentation stellt damit eine besondere Form der Verlebendigung dar. Es ist aber nicht so sehr die Verlebendigung einer Szene, als die von Personen und den mit ihnen verbundenen typischen Denk- und Verhaltensmustern. Repräsentative Redensarten, so wie sie hier verstanden werden, umfassen all die Zitate, die nach einer anderen Einteilung Clarks antithetischen oder explanatorischen Charakter tragen. Einen solchen explanatorischen Charakter haben die Verständnisfragen der Leute.5 Ursprünglich war für die gegenwärtige Untersuchung eine Beschränkung auf die antithetischen Redensarten im Sinne Clarks geplant, doch hat sich im Verlauf der vorliegenden Arbeit die kompositionelle Verknüpfung mit den Fragen der Leute zu sehr aufgedrängt, um sie übergehen zu können.
Im Unterschied zu Clark wird hier Ez 16,44 noch zu den antithetischen Redensarten hinzugezählt. Die Redensart scheint mit dem abschätzigen Wort der als Liebhaber vorgestellten Nachbarvölker nur das Urteil über die Braut Jerusalem ergänzen und bestärken zu sollen, der Vergleich mit anderen Redensarten wie 18,2; 20,32 und 25,8 zeigt aber, daß auch sie indirekt zum Widerspruch reizen will, um zu verhindern, daß verwandtschaftliche Beziehung oder unmittelbare Umgebung Freiheit und Berufung der Menschen, die zum erwählten Volk gehören, behindern. 36,35 enthält die einzige aus den mit Clark als citations with supplemental message einzustufenden Redensarten, die hier auch als repräsentative behandelt wird. Sie repäsentiert zukünftige Nachbarvölker, deren Verhalten gegenüber dem Land Israel eine entscheidende Wandlung erfährt. Antithetisch ist daher auch sie, wenn man sie im Vergleich zum früheren Verhalten derselben Völker sieht.
In einem Exkurs seiner den Fremdvölkersprüchen Ezechiels gewidmeten Untersuchung befaßt sich auch Fechter mit der Problematik der Zitate im Ezechielbuch und listet sie unter der Überschrift Zitate von Anderen auf. Ihnen stellt er Zitate von Jahweworten und Zitate von Worten des Propheten gegenüber.6 Der etwas seltsam klingenden Bezeichnung Zitate von Anderen spürt man die Schwierigkeit an, diese Anderen als Urheber der Zitate näher zu bestimmen. Offenbar läßt sich nicht mehr Gemeinsames unter ihnen feststellen, als dies, daß sie von JHWH und dem Propheten gleichermaßen verschieden sind, indem sie als dritte Größe zu ihnen hinzutreten. Diese Schwierigkeit macht auf die Problematik aufmerksam, die Zitate ausschließlich über die Sprecher definieren zu wollen. Deshalb soll hier der andere Weg beschritten werden, sie auch über eine inhaltliche Bestimmung abzugrenzen. Neben dem schon erwähnten repräsentativen Charakter fällt nämlich auch ein gewisser redensartlicher Zug an ihnen auf, Redensart im weitesten Sinne verstanden. Ein völlig adäquates Wort ist auch im Deutschen nicht leicht zu finden. Neben Alternativen, wie Sprichwort oder Redewendung, ist die Entscheidung zuletzt aus vorwiegend pragmatischen Gründen für Redensart gefallen. Diese Bezeichnung läßt viele Unterarten zu und schließt doch zugleich den Zitatcharakter indirekt mit ein. Als Redensart wird hier die typische Deutung einer Situation betrachtet, wie sie von mehreren Personen in unterschiedlichen Situationen gebraucht werden kann. Deshalb hat sie einen verallgemeinernden, mehrdeutigen Charakter, der sie zwar von einer bestimmten geschichtlichen Wirklichkeit ausgehen, diese aber auch ab einem entscheidenden Punkt bei überzogener Verallgemeinerung verfehlen läßt. In diesem Sinn sind solche Redensarten Äußerungen, wie sie von vornherein nicht im Munde JHWHs oder des wahren Propheten (im Unterschied zu den falschen) zu erwarten sind.
Es werden aus diesem Grunde nur solche Zitate behandelt, die bereits eine Deutung der jeweiligen geschichtlichen Situation enthalten, und nicht bloß eine passive Reaktion darauf. Ausgeschieden wird daher, neben den genannten Zitaten, auch das Zitat in Ez 33,21: Hier übermittelt der Flüchtling nur die geschichtliche Tatsache vom Fall Jerusalems.
Keine Berücksichtigung finden hier auch einzeln stehende Interjektionen, wie das „Ha!“ der Heidenvölker in 25,3, das keine richtige Aussage, sondern nur eine Stimmung wiedergibt.
Viele der hiermit ausgegrenzten Zitate werden dennoch indirekt miteinbezogen werden, da sie oft mit wirklichen Redensarten in kontextueller oder stichwortartiger Verbindung stehen (Vgl. z.B. 25,3 mit 25,8). Nur eine eigene sprachliche Analyse sollen sie nicht erhalten.
Eine einheitliche Bezeichnung für diese Redensarten kann man vom Ezechielbuch selber nicht erwarten. An drei Stellen, 12,22.23 und 18,2, trifft man auf die Bezeichnung
- der Maschal - „das Sprichwort“, jeweils auf einen Volksspruch bezogen. Im weiteren Sinn begegnet man dem Ausdruck noch in 14,8; 17,2; 18,2; 21,5 und 24,3. Das entsprechende Verb „sprichworten“ taucht dann noch in 12,23; 16,44; 17,2; 18,2.3; 21,5 (Piel!) und 24,3 auf. Die Verwendung dieses Wortes ist bei Ezechiel so vielfältig wie sonst in der hebräischen Bibel, man könnte aber den Eindruck erwecken, daß eine gewisse negative Bedeutung, etwa im Sinne von Spottvers, vorherrscht. In 12,22-23 und 18,2-3 ist es Gott selbst, der sich jeweils einen Maschal von seiten des Volkes verbittet. In 16,44 liegt ein fingierter Spottvers gegen die Braut Jerusalem vor. In 21,5 ist es umgekehrt das Volk, das sich über den nur in Meschalim redenden Propheten beschwert. Es bleibt dabei offen, ob der Ausdruck sich auf die Schwerverständlichkeit der Bilder bezieht oder vielleicht doch auch auf den drohenden Charakter der Gerichtsbotschaften. Tatsächlich werden einige Prophetenworte mit Drohwortcharakter als Maschal eingeleitet, so in 17,2 und in 24,3. 14,8 läßt Gott Menschen, die, ohne sich warnen und bekehren zu lassen, zum Propheten gehen, um ihn zu befragen, selbst zu Meschalim werden. Dagegen werden die Zeichenhandlungen des Propheten Ez 4,3 als
und der Prophet Ezechiel selbst 12,6; 24,24 als
(beides = „Zeichen“) und eben nicht als
bezeichnet.
Zu den entscheidenden Stilmerkmalen, anhand derer die Redensarten erkenntlich sind, gehört die Einleitung, die ihr jeweils vorausgeht und sie als Zitat kenntlich macht. Sie liefert Informationen zu den Sprechern, zu deren Verhalten und Absichten, aber auch zum allgemeinen Verständnis der Redensarten. Die Urheber der von uns gesuchten Redensarten tragen zumeist kollektiven Charakter, da es zur Natur dieser Redensarten gehört, keine einmaligen Sprachschöpfungen zu sein, sondern von ähnlich gesinnten Personen in vergleichbaren Situationen wiederholt zu werden. Redensarten von Einzelpersonen, bei denen man immer noch einen repräsentativen Charakter heraushört, findet man unter den Fremdvölkersprüchen. Diese Einzelpersonen werden als zuständige Könige, Fürsten o.ä. angesprochen, die für ein zugehöriges Volk verantwortlich sind.
Zitate anderer Menschen sind in Prophetenbüchern oft Zitate von Gegnern der Propheten.7 Die Redensarten im Ezechielbuch könnten auch als Zitate von Gegnern angesprochen werden8, aber mit einem gewissen Unterschied. Die Redensarten liefern zwar Stoff zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen, die von schroffer Ablehnung bis zu sanft mahnender Zurechtweisung reichen, die persönliche Betroffenheit des Propheten tritt jedoch meistens stark hinter seinem Eifer für den gekränkten Gott zurück. Man ahnt, daß den Propheten an den Sprechern mehr das Typische als das Individuell-Historische interessiert. Dadurch erhalten die Redensarten einen Charakter besonderer Art. Sie lassen eine einmalige historische Gelegenheit, bei der sie ursprünglich wahrscheinlich gebraucht wurden, noch eben erkennen und erhalten doch zugleich einen erzählerischen Rahmen, der sie in den Gesamtzusammenhang des Buches einbaut. Dennoch scheint es der Prophet darauf angelegt zu haben, sie als etwas nicht völlig Unbekanntes den Hörer bzw. Leser wiedererkennen zu lassen.
Die Kennzeichnung als Zitat geschieht bei Ezechiel fast immer in der etwas formelhaften Weise über die Wurzel
- „sagen“. Das In-Szene-Setzen der Redensarten kann auf unterschiedliche Weise geschehen, je nachdem, ob die Wurzel im Perfekt oder perfectum consecutivum gebraucht wird oder als Partizip auftritt. Zu schematisch erschiene es aber vielleicht, darin nur den Unterschied zwischen Vorzeitigkeit, Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit ausgedrückt zu sehen.9 Verba dicendi können ohnehin auch im Perfekt die Gleichzeitigkeit bezeichnen.10 Gleichzeitigkeit scheint jedoch aus inhaltlichen Gründen der vorherrschende Fall bei den im Ezechielbuch zitierten Redensarten zu sein, da mit ihnen die gerade herrschenden Stimmungen und Ansichten wiedergegeben werden. Die Redensarten zeichnet ihre relative Kürze aus, die mit Einleitung meist nur einen Vers umspannt. Im Wesentlichen zielen sie auf eine bestimmte Aussage ab, die durch Vergleiche oder Gegensätze hervorgehoben wird.
Daß eine gegenwärtige geschichtliche Situation durch die Redensarten eine volkstümliche Deutung erfährt, macht ihre charakteristische Eigenschaft aus. Eine solche Deutung schließt auch die inneren Gedanken, Gefühle und Stimmungen mit ein, die die Sprecher in bezug auf die zugrundeliegenden Situationen haben.
Schwierig wird es sein, einen allgemeinen Sitz im Leben für diese Redensarten zu rekonstruieren. Am Ende bleibt nichts übrig, als die Exilszeit selbst als diesen Sitz anzunehmen. Die Exilszeit ist nicht bloß eine einmalige historische Situation, sondern besitzt auch, wie für einen Sitz im Leben gefordert, allgemeine typische Eigenschaften, wie sie sich in vergleichbaren Krisensituationen wiederholen und das bis auf den heutigen Tag. Zu diesen Eigenschaften dürfte auch die besondere Hellhörigkeit der Exulanten gezählt werden, die in dem Maß, wie sie selbst zur Untätigkeit verdammt sind, auf umgehende Meinungen und Ansichten vermehrt achtgeben, um daran die Zukunft des aufgegebenen Heimatlandes abzulesen.11 Hinzu kommt der leicht verständliche, leidenschaftliche Versuch, auch über Räume hinweg mit dem Heimatland oder anderswohin verstreuten Volksgenossen in Kontakt zu bleiben.
Man braucht nur auf die jüngere deutsche Geschichte zu schauen und wird um Parallelen nicht verlegen sein. Die politische Emigration zur Zeit des dritten Reiches hat ähnliche Erscheinungsformen hervorgebracht. Die Situation war natürlich in manchem eine andere, insofern Deutschland zunächst nicht von außen erobert wurde, sondern eine selbstverschuldete Diktatur heraufbeschwor. Die Verhaltensweisen der emigrierten Intellektuellen lassen aber manchen unmittelbaren Vergleich zu. Neben der fiebrigen Suche nach Informationen über die Entwicklung im Heimatland gab es auch Entfremdungen zu denen, die als Regimegegner im Land geblieben waren. Selbst nach der Rückkehr mit Beendigung des Krieges schwelte der Streit weiter. Die Rückkehrer aus dem Exil beschuldigten die Daheimgebliebenen automatisch der Kollaboration mit der überwundenen Diktatur. Die Schriftsteller wiederum, die nicht emigriert waren, sprachen den Heimkehrern jedes Recht zu urteilen ab, weil sie die schwierige Situation im Lande nicht kennengelernt hätten. Aus einer etwas abgeklärteren und weniger parteiischen Perspektive versucht der Dichter Bergengruen den Konflikt zu schildern und läßt doch gerade dadurch ahnen, wie tiefgreifend er gewesen sein muß.12 C. Zuckmayer vertrat eine ähnlich abgeklärte Position aus Sicht der Emigranten.13 Daß diese Haltung jedoch alles andere als selbstverständlich war, bezeugt der heftige Briefwechsel zwischen K. Mann und G. Benn. Er hat so nachhaltig gewirkt, daß Günter Grass ausdrücklich auf ihn Bezug nahm, als er Anna Seghers in einem öffentlichen Brief dafür rügte, nicht gegen den Mauerbau in Berlin Protest einzulegen.14 Dieser Mauerbau erzeugte kein Exil im buchstäblichen Sinn, aber doch die erzwungene Trennung eines kulturell zusammengewachsenen Volkes mit tiefgreifenden Folgen für die Zukunft. Auch zwei Jahrzehnte nach der sog. Wiedervereinigung zeigt sich, daß sich auf rein organisatorische Art und Weise nicht jene innere Einheit eines Volkes herbeizwingen läßt, wie sie Ez 37,15-28 als eine durch Gottes Wirken zustandezukommende beschwört. Gegen die Voreiligkeit von Politikern haben es Schriftsteller und Propheten gewöhnlich nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen.
Neben dieser jüngeren Entwicklung des deutschen Staates würde auch das Migrationsschicksal so vieler Menschengruppen in Gegenwart und jüngerer Geschichte vielleicht interessante Parallelen bieten können, je nachdem wie sich das jeweilige Verhältnis zur neuen Umgebung und zur alten Heimat darstellt.
Das auffallend häufige Aufgreifen von volkstümlichen Redensarten an thematisch wichtigen Stellen bei Ezechiel ist schon immer aufgefallen. Für Zimmerli zeugt es vom seelsorgerlichen Ansatz des Propheten,15 für Keel von seiner Volksnähe.16
Sehr ausführlich geht Sedlmeier in der Einleitung zu seinem Kommentar auf die Verwendung dieser Redensarten ein. Er nennt sie geflügelte Worte17, bei denen ihn nicht nur der Umgang des Propheten damit interessiert, sondern auch das Volk selbst, das in ihnen mit seinen Stimmungen und Erfahrungen zu Wort kommt.18 Nach kurzen Besprechungen der wichtigsten Beispiele benennt er zum Abschluß auch die geistig-religiöse Landschaft der Zeit Ezechiels, die in ihnen ausgedrückt werde.19 Hiermit ist ein zusätzlicher Aspekt umrissen, der zu den Stimmungen und Lebenserfahrungen hinzukommt. Die in den Redensarten ausgesprochenen Lebenserfahrungen haben unmittelbaren Einfluß auf die wichtigsten Glaubensfragen, und das dürfte wohl der entscheidende Grund dafür sein, warum sich ein Prophet wie Ezechiel so sehr durch sie herausgefordert fühlt. In einem Artikel unterscheidet Sedlmeier als Haltungen und Strategien zur Krisenbewältigung, wie sie in den Redensarten vorkommen: Naiver Optimismus (Ez 33,24); Verharmlosen und Harmonisieren (Ez 11,3; 12,22; 12,27); Nutznießung der Krise (Ez 11,15); Resignation (Ez 33,10; 37,11); Lust nach Sensation und Erleben (Ez 33, 30-32); Bitterkeit und Zynismus (Ez 18,2; 20,32).20 Auch in anderen Prophetenbüchern kommen vereinzelt Redensarten des Volkes vor, die dann aber eher als Bericht spontaner und nicht so sehr typischer Reaktionen erscheinen. Sehr nahe kommen den ez Redensarten allerdings Stellen wie Jes 40,27 und 49,14 beim sog. Deuterojesaja,21 ebenfalls einem Exilspropheten. So hier wie bei Ez geben die Redensarten Einblick in die Ansichten des Volkes, das sich angesichts des Zusammenbruchs des Staates seine eigenen Gedanken zu machen anfängt, statt immer nur passiv zu reagieren.
Zusammenfassend lassen sich die Redensarten also folgendermaßen charakterisieren. Durch die Einleitung werden sie zu Zitaten von konkreten Sprechern bestimmt, für deren Einstellung und Wesensart sie einen repräsentativen Charakter haben. Sie gehen über eine bestimmte, sie veranlassende Situation hinaus, indem sie eine allgemeine Deutung derselben bringen, durch die sie einer grundsätzlichen Lebensauffassung dienen sollen. Eine solche Deutung fordert entsprechende Stimmungen, Ansprüche und Selbsteinschätzungen heraus, soweit nicht schon vorausgesetzt, und hat damit zu guter Letzt auch Einfluß auf die religiöse Einstellung.
1 W. Zimmerli, Ezechiel, 55*: „Die rein illustrierenden Zitate, die in 8 12 9 9 27 32b. 34a 33 30 36 20. 35 38 11. 13 zu finden sind, gehören ebensowenig zu der hier besprochenen Redeform wie die schon früher erwähnten Zitate der Leute (in 12 9 18 19 21 12 24 19 37 18, auch 21 5).“ Für die statt dessen angesprochene Redeform findet sich bei Zimmerli sowohl der Ausdruck „Disputationswort“ (S. 54*) als auch der synonyme „Diskussionsworte“ (S. 55*).
2 Mit Beziehung auf Wolff, „Zitat“, bemerkt D.R. Clark, Citations, 16: „Most of those he labels genuine ‘represent’, rather than reproduce precisely or authentically the attitudes of the speakers.“
3 F. Fechter, Bewältigung, 142, äußert in bezug auf 28,2 mit der darin befindlichen Redensart: „Es ist […] kaum von der Hand zu weisen, daß hier tyrisches ‘Lokalkolorit’ im Hintergrund steht[…].“ Möglichen Zweifeln gegenüber macht er das gesellschaftliche Milieu Ezechiels für ein solches Wissen verantwortlich, 142 Anm. 129: „immerhin aber ist mit gewisser Detailkenntnis über religiöse Praktiken bei den Nachbarn Israels gerade in priesterlichen Kreisen zu rechnen.“
4 O. Keel, „Zeichensysteme“, vergleicht die unterschiedliche Symbolsprache Jeremias und Ezechiels. Während Jeremia seine Vergleiche aus der palästinischen Alltagswelt bezieht, holt sie Ezechiel aus der mesopotamischen und ägyptischen Bildwelt. So kommt er, 46, zu dem Schluß: „Ezechiel scheint […] [im Gegensatz zu Jeremia, A.R.] der obersten Schicht der Jerusalemer Priesterschaft angehört zu haben, die sich auf Zadok zurückführte (Ez 40,46; 43,19; 44,15; 48,11). […] In Babylon scheint er mit gelehrten Kreisen Kontakt gehabt zu haben. Zumindest würde das sein detailliertes Wissen über diese Welt erklären.[…]“
5 Vgl. die Einteilung bei D.R. Clark, Citations, 60. Clark unterscheidet außerdem noch Zitate zur Ergänzung eines Prophetenwortes. Die übrigen beiden Arten, die prophetischen wie die göttlichen Selbstzitate, haben bei der somit fünf Gruppen umfassenden Einteilung für diesen Gegenstand keine Bedeutung.
6 Vgl. F. Fechter, Bewältigung, 41-48, hier bes. 42-43 Anm. 112.
7 H.W. Wolff, „Das Zitat“, 48: „Es fällt auf, wie selten innerhalb der prophetischen Rede eine Stimme angeführt wird, die das prophetische Zeugnis bekräftigt. Jahwe selbst steht für sein Wort ein. […] Die Zitate feindlicher Stimmen stehen dem wie die Regel der Ausnahme gegenüber.“
8 Vor allem entspricht dem der kollektive Charakter der Sprecher. Vgl. H.W. Wolff, „Zitat“, 48: „Wer kommt als Gegner zu Worte? Kaum sind es einzelne Personen, vielmehr treten meist Gruppen auf, die als solche Jahwes und darum seines Boten Gegnerschaft sind.“
9 Auf diese Unterschiede im Zeitbezug macht besonders F. Fechter, Bewältigung, 42 Anm. 112, aufmerksam. Einleitung durch Partizip oder Infinitiv werden von ihm durch Gedankenstrich als fehlender Zeitbezug eingestuft. Fechter gibt, 42, jedoch zu bedenken, daß „sich auch Texte finden lassen, in welchen ein solcher Zeitbezug nicht gegeben ist. Dies ist regelmäßig dann der Fall, wenn ein unbestimmtes Redesubjekt im Blick ist (‘man’, ‘Haus Israel’) und/oder im allgemeinen Sprachgebrauch häufig wiederkehrt. Klassische Beispiele dieser Gruppe sind Sprichworte oder Redensarten (z.B. 18,2).“ Da in dieser Arbeit besonders der redensartliche Charakter der Zitate hervorgehoben wird, versteht es sich, daß der absolute Zeitbezug gegenüber den Aspekten eine geringere Rolle spielen wird.
10 P. Joüon, Grammaire, § 112f: „Le qatal s’emploie pour une action instantanée qui, s’accomplissant à l’instant même de la parole, est censée appartenir au passé […]. Les exemples sont surtout fréquents avec les verba dicendi et leurs équivalents …“.
11 W. Zimmerli, Ezechiel, 251 : „Es ist wohl nicht zufällig einer der im Osten von der Heimat Getrennten, der für diese anderen [von Jeremia nicht wahrgenommenen, A.R.] Stimmen besonders hellhörig ist.“
12 W. Bergengruen, Dichtergehäuse, 157: „In der Schweiz habe ich manche Beispiele erlebt, daß von seiten der Emigranten die Forderung erhoben wurde, jeder Nichtemigrierte habe sich wegen seines Verbleibens in Deutschland zu verantworten und zu rechtfertigen. […] Ich habe es mir nie herausgenommen, den Fortgang eines Mannes zu kritisieren, der Grund hatte, sich vom ersten Tage der nationalsozialistischen Machtergreifung an unmittelbar bedroht zu fühlen, und für den auch keine Möglichkeit gegeben schien, seine geistige Arbeit in Deutschland fortzusetzen. Ich habe seine Motive und Entschlüsse respektiert, und ich kann sagen, daß ich in vielen schwachen Stunden die Emigranten, und mochten sie noch so jämmerlich daran sein, beneidet habe. Allein wie übergroß auch die Sehnsucht nach einem Aufatmenkönnen jenseits unserer Zuchthausmauern war, ich hätte es, in meinem Falle, doch nicht für richtig gehalten, fortzugehen und damit eine geistige Position, und sei sie noch so bescheiden gewesen, solange sie sich irgend halten ließ, meinen Todfeinden zu überlassen. So etwas wurde also zuletzt als Kollaborationismus bezeichnet. Unsere naive Vorstellung, es werde eine freundschaftliche, ja herzliche Wiederbegegnung zwischen lange Getrenntgewesenen geben, war ad absurdum geführt.“
13 C. Zuckmayer, Geheimreport, 21: „Suhrkamp lehnte den Gedanken an Auswanderung ab: vor allem weil er, wie Viele, die Überzeugung hatte, dass man die besseren Kräfte in Deutschland nicht einfach allein lassen könne und dürfe, dass Leute da bleiben müssten um etwas Vorhandenes zu verteidigen und durch die Zerstörungszeit zu retten, und daß für solche, die nicht fliehen mussten, der verantwortliche Platz in Deutschland sei. Dieser Standpunkt ist bei Vielen der in Deutschland Gebliebenen […] durchaus ehrlich und m.E. auch richtig gewesen.“
14 Nachzulesen bei G. Grass, Werkausgabe, Bd. IX, 33-34: „Ich bin nicht Klaus Mann, und Ihr Geist ist dem Geist des Faschisten Gottfried Benn gegengesetzt, trotzdem berufe ich mich mit der Anmaßung meiner Generation auf jenen Brief, den Klaus Mann am 9. Mai 1933 an Gottfried Benn richtete. Für Sie und für mich mache ich aus dem 9. Mai der beiden toten Männer einen lebendigen 14. August 1961: Es darf nicht sein, daß Sie, die Sie bis heute vielen Menschen der Begriff aller Auflehnung gegen die Gewalt sind, dem Irrationalismus eines Gottfried Benn verfallen und die Gewalttätigkeit einer Diktatur verkennen, die sich mit Ihrem Traum vom Sozialismus und Kommunismus, den ich nicht träume, aber wie jeden Traum respektiere, notdürftig und dennoch geschickt verkleidet hat.“
15 W. Zimmerli, Ezechiel 1-24, 103*: „ Man möchte hier in besonderer Weise geneigt sein, von einem seelsorgerlichen Ansatz der Antwort des Propheten zu reden.“ Mit diesem seelsorgerlichen Ansatz versuche der Prophet eine Antwort auf die Frage zu geben: „Was sollen wir denn heute tun?“ (102*). Die Charakterisierung Ezechiels als Seelsorger ist allerdings schon älteren Ursprungs: vgl. C.H. Cornill, Der israelitische Prophetismus, 120: „Ist die religiöse Persönlichkeit das wahre Subjekt der Religion, so ergiebt sich daraus der unendliche Werth einer jeden einzelnen Menschenseele: hier muß der Hebel angesetzt werden, und so gestaltet sich in Ezechiel die Prophetie zur Seelsorge um.“
16 O. Keel, „Zeichensysteme“, 45: „Die Disputationsworte zeigen, daß er dem Volk aufs Maul schauen konnte. Diese Disputationsworte knüpfen an sprichwortähnliche Redensarten an, mit denen sich sein Publikum gegenüber seiner Botschaft zu immunisieren versucht hat. […] So kommt auch im Ezechielbuch nicht nur seine Bildungs-, sondern auch seine Alltagswelt zum Zug.“
17 Fr. Sedlmeier, Ezechiel, 25: „Im Ezechielbuch findet sich eine Reihe von geflügelten Worten, die während der Exilszeit im Umlauf waren, sei es unter den Exilierten in Babylon, sei es in der judäischen Heimat.“
18 Fr. Sedlmeier, Ezechiel, 25: „Diese Redewendungen geben Einblick in die Art und Weise, wie Ezechiels Zeitgenossen mit dem allmählichen Zusammenbruch ihrer Hoffnungen zurechtzukommen suchten.“
19 Fr. Sedlmeier, Ezechiel, 28: „Diese vielfältigen Stimmen, die im Ezechielbuch laut werden, geben einen Einblick in die geistig-religiöse Landschaft der Zeit Ezechiels.“
20 Fr. Sedlmeier, „Füchse“, 298-300.
21 Jes 40,27: „Wozu sagt Jakob und spricht Israel, verborgen ist mein Weg vor JHWH, an meinem Gott zieht mein Recht vorbei?“ Jes 49,14: „Es sagt Zion, verlassen hat mich JHWH, der Herr hat mich vergessen.“ Man achte auf die chiastische Struktur in bezug auf die Stellung der Gottesbezeichnungen, die auch bei ez Redensarten nicht selten ist. Zum Unterschied ist bei Deuterojesaja die stärkere Subjektivierung feststellbar. Bei Ez findet sich allenfalls die 1. P. Pl. (wenn von Redensarten unter den Fremdvölkersprüchen abgesehen wird, die zuweilen einem einzelnen Fürsten in den Mund gelegt werden). Unterschiedlich ist auch der Umgang, insofern Deuterojesaja nur den Klagecharakter heraushebt, um ihn zum Anlaß für ein Trostwort zu nehmen.
3. Methodische Überlegungen
Die zur Untersuchung der Redensarten benutzte Methode kann in Abwandlung eines Wortes von Berges als diachron reflektierte und Diachronie reflektierende Synchronie bezeichnet werden.22 Dieser Grundsatz schließt drei Schritte ein.
3. a) Synchronie, sofern diachron reflektiert.
Jeder Redensart wird eine knappe Darstellung des unmittelbaren Kontextes vorangestellt. Hier können Hinweise auf Literarkritik und diachrone Analyse nicht völlig vernachlässigt werden, auch wenn für eine ausführliche Diskussion kein Raum bleibt. Dafür wird im Wesentlichen auf Zimmerli zurückgegriffen werden. Sein Kommentar23 ist nach wie vor unerreicht hinsichtlich der Vollständigkeit seiner Angaben und der Ausgewogenheit seiner Interpretation, die literarkritische Beobachtungen mit dem einheitlichen Charakter des Buches zu verbinden weiß.24
Sein Fortschreibungsmodell, das einen Grundbestand des Buches von Ezechiel herkommen läßt, den übrigen Teil des Buches aber einem Erweiterungsprozeß zuschreibt, von welchem wiederum ein Teil noch vom Propheten selbst angehängt worden sein konnte, ein anderer aber auf den Kreis seiner Prophetenschüler zurückzuführen ist, hat im allgemeinen Schule gemacht.25 Dieses Modell empfiehlt sich wegen seiner relativen Offenheit und Dehnbarkeit, wodurch es noch einer großen Zahl von Möglichkeiten Raum gibt, wie diese Fortschreibung entsprechend aktueller Erkenntnisse im Einzelnen zu erklären und beschreiben ist.
Natürlich teilen nicht alle Exegeten den Ansatz Zimmerlis. Greenberg26 verzichtet weitgehend auf Literarkritik und verlegt sich auf synchrone Strukturanalysen. Becker geht von einem pseudoepigraphischen Werk der Nach-Exilszeit aus. Er wurde ursprünglich von der Beobachtung geleitet, daß die redaktionellen Teile des Buches meistens gerade die theologisch bedeutsamsten sind und dem Redaktor möglicherweise der Löwenanteil des Buches zukommt.27 Von dort bis zu der Ansicht, daß der Redaktor selbst der eigentliche Autor sei, ist nur ein kleiner Schritt, den einzuschlagen Becker nicht gezögert hat. Positiv ist an seinem Ansatz das Interesse zu vermerken, die eigentliche theologische Aussage des Buches hervorzuheben und der theologischen Reflexion über Prophetie genauso viel Gewicht beizulegen wie dieser selbst.28 Für die Einordnung der zitierten Redensarten in das Buchganze wird dieser Aspekt zu berücksichtigen sein, weil deren Aufgreifen der Suche nach einer angemessenen Interpretation der prophetischen Botschaft verdankt sein könnte. Elemente einer weitergehenden Reflexion sind unverkennbar auch beim Umgang mit den Redensarten zu spüren. Sie zeigen sich schon rein äußerlich in der Formelhaftigkeit der Einleitungen, die auf eine gewisse Distanz zu den unmittelbaren Ereignissen hindeuten könnte. Mehr als die darin angedeuteten faktischen Ereignisse scheint den Propheten deren Einordnung im Verständnis der Leute zu interessieren.
Ob dies aber mit der pseudoepigraphischen Hypothese wirklich zuverlässig - und nicht bloß durch Postulat - zu erreichen ist, bleibt fraglich. Vielleicht wäre Becker besser beraten gewesen, bei der früheren gemäßigten Auffassung zu bleiben, die den theologisch denkenden Redaktor nicht gleich zum Autor macht. Der Begriff der Propheteninterpretation, als Eigentümlichkeit des Ezechielbuches aufgefaßt, könnte in manchem weiter führen als der mit vielen Mißverständnissen belastete der Pseudoepigraphie. Immerhin muß Becker zugestanden werden, für seine pseudoepigraphische Hypothese um größtmögliche Plausibilität bemüht zu sein. Wenn das Buch nicht später als 450 v. Chr. entstanden sein sollte, dann ist es zwar nicht leicht, aber auch nicht unmöglich, eine emotionale Beschäftigung mit knapp mehr als hundert Jahre zurückliegenden Ereignissen anzunehmen.29 Es ist aber auch auf die Schwierigkeit hinzuweisen, daß für Deuterojesaja die Zerstörung Jerusalems und des Tempels kein Thema mehr zu sein scheint, sowie auf den seltsamen Umstand, daß das Ezechielbuch keine direkte Kritik an den Babyloniern zu äußern wagt und sie nur als Vollstrecker des göttlichen Zornes sieht.
Einem pseudoepigraphischen Ansatz neigt auch Schöpflin zu. Mit der rein fiktiv zu verstehenden autobiographischen Darstellung wolle eine für den anonymen Autor bereits länger zurückliegende Epoche wiedergegeben werden.30
Wie bei einer, zumindest was die historische Greifbarkeit der Person Ezechiels selber betrifft, der pseudoepigrapischen nicht unähnlichen Hypothese die theologische Einheitlichkeit des Buches nachgerade entgleitet, davon gibt der redaktionskritische Ansatz von Garscha und Pohlmann Zeugnis. In Ablehnung eines vorgefaßten Prophetenbildes untersuchen sie die Intentionen des mutmaßlichen Redaktors. Sie kommen dann zu dem Schluß, daß es nicht nur einen, sondern mehrere Redaktoren gegeben haben muß, die aus unterschiedlichen und meist entgegengesetzten Perspektiven gearbeitet haben, indem sie die Interessen unterschiedlicher Gruppen, vor allem die der ersten Golah und der Diaspora, vor Augen hatten.31 Man kann fragen, ob dann gegenüber den späteren Redaktionen das ursprüngliche Prophetenbuch nicht hätte stärker gemacht werden müssen, anstatt es fast dahinter verschwinden zu lassen. Denn so wird nicht mehr deutlich, was die Redaktoren an dem Buch so fesselte, daß sie es mit aller Gewalt auf ihre Seite zu ziehen versuchten, anstatt ein neues zu verfassen. Interessant wäre in dem Sinne die Frage, ob sich ursprüngliche Prophetenworte herausschälen ließen, die noch keine Tendenz zu Gruppenegoismus zu erkennen geben.
Der Aufweis von Spannungen kann wertvoll sein, wenn er die Aussicht auf eine höhere Synthese, in der sie zur Einheit gelangen, steigert. Er wirkt um so unbefriedigender, wenn die Spannungen bloß ins Leere laufen und die Frage nach dem Warum und dem Wozu unbeantwortet lassen. Die Idee einer hundertjährigen Glaubensgeschichte32 ist ein schöner Gedanke, doch wenn die Redaktoren nur gegeneinander geschrieben hätten, fehlte gerade das Entscheidendste daran: das Gemeinsame und Kontinuierliche innerhalb dieses Glaubens. Indes ließe sich dieser Mangel beheben, wenn in Zukunft mehr herausgearbeitet würde, wo die Redaktoren vielleicht aufeinander aufbauen und insofern wirkliche Glaubenserfahrungen statt kollektiver Interessen zum Ausdruck bringen.33
Hossfeld hat seinerseits ein Schichtenmodell versucht, das, von der Literarkritik Zimmerlis ausgehend, doch zugleich darüber hinausgeht, insofern die Fortschreibungsidee mit ihrer Vorstellung einer organischen Entwicklung die Unterscheidung von Schichten nicht unbedingt notwendig macht. Hossfeld rechtfertigt jedoch sein Schichtenmodell mit Seitenblick auf die allzu globale Gegenüberstellung von Ezechiel und seiner Schule.34 Er bezieht dazu auch Parallelen zur deuteronomistischen Literatur und Jeremia mit ein, die Zimmerli noch mit einer größeren Zurückhaltung betrachtet hat.35 Hossfeld gibt interessante Anstöße, wie der Fortschreibungsprozess im Konkreten ausgesehen haben könnte. Um bei den kompositionskritischen Beobachtungen, in deren Verfolg der Text des Ezechielbuches in seiner Endgestalt in erster Linie mit sich selbst verglichen wird, nicht durch vorangehende Festlegungen eingeschränkt zu sein, wird auf das Schichtenmodell im Verlauf der Untersuchung nicht eigens eingegangen werden können. Erst am Ende der Untersuchung könnte überprüft werden, inwieweit die gewonnenen Ergebnisse mit dem Schichtenmodell Hossfelds in Einklang zu bringen sind, wozu in dieser Arbeit selber jedoch kein Raum mehr sein wird. Wertvoll auch für die Beschäftigung mit den Redensarten und ständig im Hinterkopf zu behalten ist Hossfelds Hinweis auf die im Buch waltende Spannung zwischen synchroner Zweiphasigkeit (Verkündigung gegenüber Exilierten bzw. gegenüber Jerusalemern) und diachroner Zweiphasigkeit (Verkündigung vor bzw. nach der Zerstörung Jerusalems).36 Insofern Phase immer schon ein diachroner Begriff ist, soll hier vereinfachend von Zweiphasigkeit (=diachroner Zweiphasigkeit) und Zweigleisigkeit (=synchroner Zweiphasigkeit) gesprochen werden.
Alles in Allem, da die diachrone Betrachtung hier nicht erstes Thema ist, darum auch nicht in die entsprechende Diskussion eingestiegen werden kann, soll für die Beherzigung des Kontextes zuerst von Zimmerli ausgegangen werden. Interessante Beobachtungen abweichender Ansätze werden nur hier und da ergänzungsweise herangezogen.37
Der Befund des Ezechielbuches ist doch so verwickelt, daß allzu einseitige und glatte Lösungsvorschläge nicht überzeugen können. Es ist der erlebnismäßigen Nähe zu historischen Ereignissen,38 wie der gleichzeitigen Abstandnahme durch reflektierte Aufarbeitung gleichermaßen Rechnung zu tragen. Das Zusammenspiel von Prophet und Prophetenschule bildet noch immer das natürlichste und ungezwungenste Erklärungsmodell dazu.
Es braucht nicht betont zu werden, daß Zimmerlis Ansatz als Arbeitshypothese und nicht als Dogma zugrunde gelegt wird, wie ihn wahrscheinlich schon der Urheber selbst verstanden hat. Es geht ja nur darum, nach aristotelischem Grundsatz das Bekannte, in diesem Fall den Text in seiner rezipierten Endgestalt, zum Ausgangspunkt zu nehmen, von dem aus vorsichtige Reflexionen über das Unbekannte, nämlich seine Entstehungsgeschichte, angestellt werden. Eine solche Hermeneutik des reflektierten Vertrauens könnte mit einer Hermeneutik des experimentierenden Verdachts, wie man das Verfahren der redaktionskritischen Methode nennen könnte, durchaus in einen fruchtbaren Dialog treten, solange beide Ansätze um ihre Grenze wissen und sich nicht ideologisch vermauern.39
3. b) Synchronie als solche.
Die synchrone Analyse bedarf nicht zwingend der Hypothese eines einheitlichen Verfassers, auch wenn sie oft im Verbund damit auftritt. Verknüpfende Bezüge können nämlich auch die Frucht eines allmählichen Entwicklungsprozesses sein. Nach Fechter stellt eine der literarischen Funktion der Zitate gewidmete Untersuchung nach wie vor ein uneingelöstes Desiderat dar.40 Gegenwärtige Untersuchung möchte dazu mit ihrem kompositionskritischen Ansatz wenigstens eine nützliche Vorarbeit leisten, um spätere Vertiefungen zu erleichtern.
Während Clark bei seiner im wesentlichen formkritischen Vorgehensweise sich mit der genauen sprachlichen Analyse nur einiger weniger ausgewählter Zitate begnügen konnte, die für die von ihm ausgemachten Zitatgattungen beispielhaft waren, führt hier an einer sprachlichen Analyse aller infrage kommenden Redensarten kein Weg vorbei. Nur so können die Bezüge der Redensarten untereinander sowohl als mit anderen Kontexten nach Gebühr aufgedeckt werden. Aufgrund dieser Bezüge ist dann zu entscheiden, ob die Redensarten eine gemeinsame Funktion besitzen, die sie für den Aufbau des Buches und seine theologische Botschaft erfüllen. Dazu sind Einzelheiten bezüglich der Sprecher, ihrer Rolle im Buchganzen und der jeweiligen Sprechersituation zu ermitteln. Auf der Grundlage der Ergebnisse können die Inhalte der Redensarten ausgewertet und gewichtet werden. Auch bei den Inhalten der Redensarten ist dann zu prüfen, ob sich thematische Schwerpunkte erkennen lassen, die sich in unterschiedlichen Variationen wiederholen.
3. c) Diachronie reflektierende Synchronie.
Die vom Inhalt der Redensarten ausgehende Reflexion auf die in der Einleitung vorgestellten oder aufgegriffenen Sprecher und deren Lebenssituation führt allmählich zur Frage nach der historischen Einordnung. Diese muß mit größter Behutsamkeit gestellt werden, weil meist nur sehr ungefähre Rückschlüsse zu erwarten sind, die auch mehr über die allgemeine Situation als über bestimmte Ereignisse Aufschluß geben. Auch ist damit zu rechnen, daß die Texte nicht gleichzeitig mit den beschriebenen Ereignissen entstanden sind, sondern aus einer bewußten literarischen Absicht heraus den Eindruck einer konsequenten Chronologie beim Leser erwecken wollen.41
Eine andere Frage ist, ob die gesammelte Analyse aller unterscheidbaren Redensarten zur Entdeckung neuer Autor- oder Redaktionsschichten, oder zur besseren Beschreibung der bereits entdeckten hinführt. Bisher ist noch kein Versuch unternommen worden, anhand der Redensarten eine solche aufzuspüren. Dabei bietet schon die Verteilung einen Hinweis. Je zufälliger und spontaner deren Einblendung ist, um so größer muß der Verdacht sein, daß ihre Verteilung mit der Arbeit und den Ausmaßen einer bestimmten Redaktionsschicht in eins fällt. Je planmäßiger und strukturgebender sie dagegen ausfällt, um so mehr läßt sie an das bewußte Vorgehen eines Autors denken, und zeugt von seinem charakteristischen Stil.42
Insgesamt möchte man fragen, ob bei Vergleichen mit anderen biblischen Werken der eigentümlich dramatische Charakter des Ezechielbuches nicht stärker berücksichtigt werden müßte,43 bevor Werke anderen Charakters und anderer Zielsetzung zur Vergleichung herangezogen werden. So setzt Pohlmann den Entstehungsprozeß des Ezechielbuches in Parallele zu dem viel späteren der synoptischen Evangelien.44 Die historische Verifizierbarkeit der Person Ezechiels wiederum vergleicht er mit derjenigen des viel älteren Mose.45 Jeremia ist mit Ezechiel wenigstens zeitverwandt und gehört wie er in den Bereich der Prophetie und dennoch kann man in dieser Hinsicht Becker nur zustimmen, wenn er warnt, an Jeremia gewonnene Methoden unbesehen auf Ez zu übertragen.46 Doch macht er es besser, so könnte man fragen, wenn er Vergleiche mit den Apokalyptikern47 und den Autoren der Königs- und Chronikbücher anstellt?48 - Eine Methode, die Ezechiel weder als einen Jesaja oder Jeremia, noch auch als einen Apokalyptiker oder Historiker interpretiert, sondern eben Ezechiel wirklich nur als Ezechiel und niemand anderen, müßte erst noch entwickelt werden. Aber Stichworte wie Propheteninterpretation (Becker), sofern richtig verstanden, oder Wechselspiel zwischen Zweiphasigkeit und Zweigleisigkeit (Hossfeld) weisen schon in eine solche Richtung, weil sie individuelle Eigentümlichkeiten der Prophetie Ezechiels bezeichnen.
Nicht nur die Gruppierung um das Ereignis der Zerstörung Jerusalems verleiht den Texten des Ezechielbuches ihre Dramatik, sondern ebenso die durch die Einflechtung von Zitaten geschaffene allgemeine Dialogsituation. Diese kennt etwa fünf Protagonisten: Gott selber; den Propheten als Sprachrohr Gottes, sowie als Bittsteller für das Volk; die Gruppe der Exilierten; die im Land Gebliebenen; die Fremdvölker. In heftigem Miteinander-Ringen versuchen diese Dialogträger eine Antwort auf die Frage zu geben oder zu erhalten, wie nach allem Gewesenen die Geschichte Gottes mit seinem Volk noch weitergehen kann.
22 U. Berges, Das Buch Jesaja, 46: „Was not tut, ist eine ‘diachron reflektierte Synchronie’, die das gewordene Textgewebe an seinen Nahtstellen behutsam öffnet, ohne dabei das Gewordene zu zerstören.“ Er bezeichnet seinen Ansatz auch als kompositionskritisch (47).
23 Walter Zimmerli, Ezechiel. Siehe Literaturverzeichnis.
24 Vergleichend mit anderen Schriftpropheten stellt W. Zimmerli, „Ezechiel, ein Zeuge der Gerechtigkeit Gottes“, 39-40, fest: „Ist der jesajanische Kreis dadurch gekennzeichnet, daß er zwei besonders ragende Gipfel aufweist - neben Jesaja selber noch jenen Unbekannten der Exilszeit, den wir Deuterojesaja nennen -, der jeremianische Kreis dagegen durch seine Nähe zum deuteronomischen Kreis, so daß eine ganze Schicht der Jeremiaüberlieferung wie durch ein deuteronomisches Farbglas gesehen zu sein scheint, so der ezechielische Traditionskreis durch seine Nähe zu den exilischen Kreisen, denen das priesterschriftliche Material des Pentateuch entstammt […] Ich möchte allerdings glauben, daß der ezechielische Schülerkreis im ganzen ungleich näher beim Propheten selber steht und in seinen eigenen Bahnen weiterdenkt und formuliert, als etwa die deuteronomischen Schüler von Jeremia.“ Wenn K.-F. Pohlmann, „Forschung (II)“, 165, Zimmerlis Ansatz mit den Worten kommentiert: „Man wird unterstellen dürfen, daß nur so die Absicherung der Authentizität und Autorität der Texte gewährleistet erschien und man so der Gefahr zu entgehen suchte, die Textfolgen mehrheitlich bzw. die Endversion ‘Ezechielbuch’ als im Grunde gar nicht vom Propheten ‘autorisiert’ ansehen und ausgeben zu müssen.“, dann wird eine solche Behauptung durch den Umstand, daß Zimmerli den einheitlichen Charakter des Jeremiabuches jeweils so ganz anders bewerten konnte als den des Ezechielbuches, als wirkliche, d.h. unbegründete, Unterstellung überwiesen. Nicht um die Untermauerung eines allgemeinen biblischen Vorurteils ging es Zimmerli, sondern um die richtige Beschreibung der individuellen Eigenheit jedes einzelnen Prophetenbuches.
25 J. Garscha, Studien zum Ezechielbuch, 1, faßt die Grundsätze der auf Zimmerli und andere (wie Eichrodt, Wevers, May) zurückgehenden Methode wie folgt zusammen: „Bei vielen Modifikationen im Einzelnen betrachtet man das Buch in seiner vorliegenden Fassung als Ergebnis eines Ergänzungs- und Bearbeitungsprozesses durch Redaktoren oder eine Prophetenschule, wobei die Grundlage des Buches vom Propheten Ezechiel selbst hergeleitet wird. In der Regel schreibt man dem Propheten den Hauptteil des Buches zu, den man mit Hilfe der historisch-kritischen Methode von Ergänzungen zu befreien sucht. Bei diesen Textanalysen geht man davon aus, zunächst den Selbstaussagen des Buches über Zeit und Ort der Wirksamkeit des Propheten zu trauen und so lange an der ‘Echtheit’ der Texte festzuhalten, bis ihre ‘Unechtheit’ bewiesen werden kann.“
26 Moshe Greenberg, Ezekiel 1-20. Ezekiel 21-37. Siehe Literaturverzeichnis.
27 Nach Darstellung anderer Positionen sagt J. Becker, Der priesterliche Prophet, 8: „Oder soll man der Redaktion den Löwenanteil zuerkennen und die Botschaft des Propheten ganz in ihr aufgehen lassen? Sie wäre dann wie durch einen Schmelzofen hindurchgegangen und in chemisch reiner Form nicht mehr zu ermitteln. Das Buch wäre dann nach Form und Inhalt einheitlich von der Redaktion geprägt. Vielleicht verdient diese Auffassung den Vorzug.“ Doch äußert er noch daselbst einen starken Vorbehalt gegen die Annahme reiner Pseudoepigraphie: „Diese Auffassung ist deshalb schwierig, weil das Ezechielbuch die geschichtliche Situation um 586 gut trifft.“ Diesen Vorbehalt scheint er später zunehmend aufgegeben zu haben, doch kann man noch einen kleinen Rest heraushören, wenn J. Becker, „Ez 8-11 als einheitliche Komposition“, 138, sagt: „Eine vierte Position schließlich, die wir vertreten, erhöht den Anteil der Redaktion bis zum Grenzwert der totalen Redaktionalität.“ In: J. Becker, „Erwägungen“, 145, versucht er sich mit der Überlegung zu helfen: „Man unterschätze […] nicht die Geschichtskenntnis biblischer Verfasser.“ Diese lasse es zu, daß auch aus einem zeitlichen Abstand heraus Ereignisse richtig wiedergegeben wurden.
28 J. Becker, „Ez 8-11“, 136, versucht einen Beitrag zu leisten zur Konkretisierung aller Aspekte, „die das Ezechielbuch als einheitliche und pseudoepigrapische Propheteninterpretation erscheinen lassen.“ Was aber wird aus dem Interpretationselement, wenn die zu interpretierende Prophetengestalt selbst ausschließlich ins Land der Fiktion verwiesen wird? Würde nicht auch hier die nachreflektierende Schule eines wirklichen Propheten den natürlichsten Nährboden für eine solche Interpretationsarbeit bieten?
29 J. Becker, „Erwägungen“, 138: „Wir rechnen schlicht mit einem Prophetenbuch aus der Retorte, das von vornherein und ausschließlich den Exilspropheten Ezechiel zeichnen will. Als Entstehungszeit kommt das fünfte Jahrhundert in Betracht.“
30 K. Schöpflin, Theologie als Biographie im Ezechielbuch, 349: „Zum einen, um Hypothesen zu vermeiden, zum anderen wegen der Gestaltung des Buches und der darin erkennbaren theologischen Aussageabsicht empfiehlt es sich, von einer autobiographischen Fiktion auszugehen, mithin also von ‘Pseudoepigraphie’ in dem Sinn, daß nicht die Person, die innerhalb des Textes als Sprecher/Verfasser in Erscheinung tritt, für das Buch verantwortlich zeichnet, sondern ein anonymer Autor.“ Schon die Wortwahl weckt den Verdacht, daß die Zuflucht zu einem anonymen Autor eine Art Flucht darstellt, um Probleme, wie die lästige Verfasserfrage, zu „vermeiden“, statt zu diskutieren. Dabei ist nicht die autobiographische Fiktion als solche problematisch, sondern der Umstand, daß mit ihr ausschließlich eine für den Autor vergangene Epoche dargestellt werden sollte. Zu einer ebenbürtigen Alternative wird der pseudoepigraphische Ansatz m.E. erst, wenn der Autor aus einer völlligen Anonymität heraustritt und sein Reflektieren der eigenen Gegenwart so deutlich erkennen läßt, wie es etwa im Danielbuch der Fall ist.
31 Nach J. Garscha, Studien zu Ezechielbuch, 16 „kommt es darauf an, mit der gleichen Intensität, mit der nach der Theologie und der Wirksamkeit eines Propheten ‘Ezechiel’ gefragt wird, auch die Intentionen der ‘Redaktoren’ zu untersuchen. Als ideales Ergebnis ist eine Theorie zu fordern, die für jeden einzelnen Text angeben kann, warum er in dieser Form an seiner Stelle im Buchganzen steht.“
32 K.-F. Pohlmann, Ezechielstudien, 254: „So hat das Ezechielbuch nach mehrfach aufeinander folgenden ‘Auflagen’ erst im weiten zeitlichen Abstand von den historischen Ereignissen, die sich auf den ersten Blick darin widerzuspiegeln scheinen, seine jetzige Endgestalt erhalten. Dieses Buch ist somit Zeugnis einer Jahrhunderte währenden Glaubensgeschichte: es ist der Beleg einer theologischen Denkarbeit, die sich immer wieder neu gegen den Verdacht richtet, daß das Volk wie der Einzelne total den wirren Entwicklungen und Konstellationen lediglich weltlicher Gegebenheiten, also dem Chaos, ausgeliefert sein könnte.“
33 Als richtungweisend für einen solchen Ansatz dürfte Christoph Barth, „Ezechiel 37 als Einheit“, gelten. Auf Zimmerli aufbauend und ihm zu Ehren gelangt er, 51-52, zu dem Schluß: „Mit allen Abwandlungen seiner Botschaft von der Erneuerung Israels, die ein ganzes Stück exilischer Theologiegeschichte widerspiegeln, bildet Ez 37 doch eine große Einheit. Befreiung und Einigung, Präsenz des messianischen Königs, Reinigung von Schuld und neuer Gehorsam, neuer Bund und neue Gegenwart Gottes - wie immer die Erneuerung verstanden sein mag: sie ist in jeder Hinsicht Geschenk neuen Lebens aus dem Tode.“ Thematische Einheitlichkeit und Kontinuität müssen also nicht zwingend im Gegensatz zur sukzessiven Abfolge theologischer Fragestellungen gesehen werden.
34 F.-L. Hossfeld, Untersuchungen, 14-15: „ … hier ist eine präzisere Differenzierung der einzelnen Redaktionsstufen erwünscht, gerade wegen der fließenden Übergänge zwischen den einzelnen Stufen oder Schichten und wegen der Unsicherheit zu entscheiden, wo wir Ezechiel als Propheten in actu oder Ezechiel den theologischen Literaten oder einen seiner Schüler vor uns haben.“ Er weiß dabei die üblichen Arbeitshypothesen (prophetischer Prediger, Literat, Schüler etc.) geschickt zu karikieren, wie sie oft wenig Anhaltspunkte in der dokumentierbaren Geschichte haben, aber doch zuweilen subjektiv helfen, die unterschiedlichen Textcharaktere für die hermeneutische Wahrnehmung in eine gewisse Ordnung zu bringen.
35 Für die Unterscheidung der Schichten vgl. bes. F.-L. Hossfeld, Untersuchungen, 524-529. Die Unterscheidung orientiert sich an der Thematik des Neuen Exodus, an deuteronomistischen bzw. priesterschriftlichen Einschlägen, sowie an Verbindungen zu Deuterojesaja, Jeremia (in nachdeuteronomistischen Partien) und den Psalmen. Vgl. jedoch W. Zimmerli, Ezechiel, 69*: „Die Feststellung einer Bekanntschaft Ezechiels mit Worten Jeremias muß aber sofort mit der Feststellung der tiefen Verschiedenheit der beiden Gestalten verbunden werden, die sich an manchen Punkten erkennen läßt bis hinaus ins Sprachliche.“ Noch strenger urteilt er, 70*, über Beziehungen zum Dtn: „Im Gesamtbild fällt bei Ez gerade die geringe Berührung mit der sprachlich und sachlich so ausgeprägten Welt des Dt auf.“
36 Vgl. F.-L. Hossfeld, Untersuchungen, 512-514.
37 Die Verfahrensweise ist daher ähnlich wie bei V. Premstaller, Fremdvölkersprüche, 9, der vermerkt: „So wird man zwar für Ez an der Tatsache eines vom historischen Propheten ausgehenden und von Späteren beendeten Entstehungsprozesses einerseits nicht abrücken, auf eine allseits befriedigende genaue literar- und redaktionskritische Zuordnung der einzelnen Texte aber verzichten müssen.“
38 L. Boadt, „Mythological Themes“, weiß für seine Annahme, daß das Buch in seinem wesentlichen Bestandteil nicht später als 562 v. Chr. abgeschlossen wurde, drei gewichtige Gründe anzuführen:
1. Das Fehlen eines FVS gegen Babylon läßt jedes Bewußtsein seiner zu Ende gehenden Macht vermissen.
2. Das späteste Datum das ausdrücklich angegeben wird, ist 571 und das letzte Ereignis, auf das angespielt wird, die drohende Invasion Nebuchadnezzars in Ägypten.
3. Nicht eingetroffene Prophezeiungen, wie die Drohungen gegen Tyrus (26-28) und Ägypten (30,20-26) oder die Ankündigung einer Wiederherstellung Sodoms (16,53-55) werden stehen gelassen.
So schließt er, 214-215: „Taken together, these all suggest that the authors in the editorial process did not know anything conrete about the end of the Babylonian empire, as dramatic as it was, and as crucial as ist turned out to be for Israel’s changed state of existence afterwards.“
39 Als umfassenden Forschungsüberblick vgl. K.-F. Pohlmann, Ezechiel. Der Stand der theologischen Diskussion. Das Werk fußt auf K.-F. Pohlmann, „Forschung (I-III)“. Vgl. auch die Besprechung von Fr. Sedlmeier, Rezension Pohlmann, Ezechiel. Der Stand der theologischen Diskussion.
40 Gegenüber der mehr formkritisch orientierten Arbeitsweise Clarks kann Fechter, Bewältigung, 45, Amn. 129, feststellen: „Infolgedessen unterbleibt auch weitgehend die Frage nach der literarischen Funktion der Zitate. Insofern ist Wolffs Studie längst nicht überholt.“
41 Vgl. J. Garscha, Studien zum Ezechielbuch, 13, wo er mit kritischem Seitenblick auf Zimmerlis Fortschreibungsmodell bemerkt: „Ob freilich die historischen Angaben von Texten mit ihrer tatsächlichen historischen Situation übereinstimmen, ob also nicht einige Worte vorgeben, in einer bestimmten Zeit entstanden zu sein, während sie in Wirklichkeit Produkte einer anderen Epoche sind, diese Frage läßt sich mit dem methodischen Ansatz der neueren Ezechiel-Forschung nicht überprüfen.“ Daß eine solche Zeitverschiebung jedoch auch über die Grenze des Exils hinausgehen könnte, ist m.E. unwahrscheinlich. Schwierig bleibt dagegen innerhalb der Exilszeit z.B. die Unterscheidung zwischen Texten, die vor, und solchen, die nach der Zerstörung des Tempels verfaßt wurden.
42 Damit wäre noch nichts darüber entschieden, ob der „Autor“ nicht vielleicht eher ein Redaktor im Sinne Beckers ist, der nur wie ein Autor verfährt.
43 Auch J. Becker, „Erwägungen“, 140, stellt fest: „Dem Ez-Buch eignet eine gewisse innere Dramatik. Es ist regelrecht inszeniert, und die Szenen gruppieren sich um das zentrale Ereignis der Zerstörung Jerusalems.“
44 K.-F. Pohlmann, Hesekiel, 36: „Ein solcher Versuch, für bereits lediglich rekonstruierte literarische Vorstufen des Ezechielbuches (golaorientierte Version, Prophetenbuch) eine weitere Vorstufe erfassen zu wollen, provoziert auf den ersten Blick wahrscheinlich den Vorwurf damit die literar- und redaktionskritische Forschungsmethode zwanghaft zu überspitzen. Daß das nicht zutreffen muß, kann man sich mit Verweis auf die Erforschung der synoptischen Evangelien klar machen.“
45 Vgl. K.-F. Pohlmann, Hesekiel, 40: „Die bisherigen Beobachtungen und Einsichten führen zu dem Schluß, daß uns Ezechiels Gestalt immer weniger greifbar wird. Das mag man bedauern, aber Ezechiel teilt hier das Geschick eines Mose und anderer, über deren historisches Wirken uns kaum etwas bekannt ist, obwohl oder gerade weil sich sukzessive das Interesse der Nachgeborenen immer mehr auf sie konzentrierte.“
46 J. Becker, „Ez 8-11“, 139: „In immer neuen Varianten fällt man auf ein sich verabsolutierendes literarkritisches Modell herein, das an Büchern wie Jesaja und Jeremia gewonnen ist und um jeden Preis die prophetische Gestalt und ihre authentische Verkündigung aus dem Gestrüpp der Redaktion herausheben will.“ Diesen gegen literarkritische Modelle gerichteten Vorwurf gibt Hossfeld, der literarkritisch arbeitet, an die Vertreter von redaktionskritischen Modellen weiter. Vgl. F.-L. Hossfeld, „Ezechiel und die deuteronomisch-deuteronomistische Bewegung“, 277: „In bezug auf Pohlmann gibt es Anfragen zur Methode (Verzicht auf Literarkritik als Basis aller weiteren Redaktionskritik) und Anfragen in bezug auf seinen spezifischen Einsatz bei der Golaorientierung von Texten des Ezechielbuches. Hier überträgt Pohlmann gewonnene Einsichten aus der Jeremiaexegese wiederum zu schnell auf die Ezechielexegese.“
47 J. Becker, „Erwägungen“, 143: „In der älteren Forschung war es üblich, von apokalyptischen Zügen der Prophetenbücher zu sprechen, wobei besonders Ezechiel formal und inhaltlich als Vorläufer der Apokalyptik galt. Eine Rehabilitierung dieser Sicht ist angezeigt. Ja, als Pseudepigraphon ist das Ez-Buch bereits dem apokalyptischen Genus zuzuweisen, dessen hervorstechendstes Merkmal die totale Verfasserfiktion ist.“
48 Vgl. Becker, „Erwägungen“, 145: „Die Königsbücher, im beträchtlichem Abstand von den Ereignissen geschrieben, wissen mit Quellen umzugehen. Auch der Verfasser des Ez-Buches ist ein wirklicher Gelehrter und auf den verschiedensten Gebieten bewandert.“ In der Tat, auf so vielen Gebieten, daß dazu das Exil in Babylonien, mit dessen charakteristischen Hochkultur sowie verzweigten Handelsbeziehungen, noch immer den besten Nährboden liefert. Wann sollte in späterer Zeit dazu eine gleiche Gelegenheit vorgelegen haben, zumal Ezechiel nicht primär den Ehrgeiz eines Historikers an den Tag legt? Zu Ezechiels erstaunlichen Kenntnissen der babylonischen wie ägyptischen Ikonographie vgl. O. Keel, „Zeichensysteme“, 45: „Die Dominanz des Visuellen im Ezechielbuch bezeugen […] drei der vier im Ezechielbuch dominierenden Testsorten: die Visionen, die Zeichenhandlungen und Bildreden. Sie zeigen, wie ich an wenigen Beispielen zu zeigen versuchte, eine große Vertrautheit mit zeitgenössischen Ritualen und zeitgenössischer Ikonographie, seien sie vorderasiatischer oder ägyptischer Provenienz. Einzig von den Disputationsworten gilt das nicht.“
B. Die einzelnen Sprüche
1. Die Wirklichkeit Gottes in der Sichtweise der Menschen: 8,12
1. a) Rahmenhandlung und Gliederung von Kap. 8 - 11
Einer Redensart, die den unter A.1. genannten Forderungen entspricht, begegnen wir nicht früher als in Ez 8,12. Die letzte findet sich in 38,13. Daß weder in den Eröffnungskapiteln 1 - 7 noch in der großen Tempelvision Kapitel 40 - 48 ein entsprechender Spruch anzutreffen ist, fällt auf und scheint nach einer Begründung zu verlangen. Zunächst einmal läßt sich die Beschränkung der Vorkommen auf die Kapitel 8 - 38 durch den Erzählzusammenhang einsichtig machen. Sie setzen nicht ein, bevor es nicht zu einer wirklichen Auseinandersetzung des Volkes mit dem Propheten gekommen sein konnte und sie hören auf, sobald das Programm für die Zukunft im Vordergrund steht. Die Zitierung der Redensarten reflektiert also die Konfrontation des Propheten mit den Hörern, auch wenn die Kommunikation durch ein seltsames, verschieden artikuliertes, im Buch selber kaum durchgehaltenes Redeverbot mehr spannend gemacht als erschwert wird.49 Srajek interpretiert den Verstummungsbefehl auf der Grundlage von Levinas’ Dialektik von Resistance and Surrender als eine Weise gesunden Widerstands. Daß Ezechiel vor der Hingabe an den Prophetenauftrag erst einmal massiven Widerstand leistet, ermögliche ihm, Echtheit und Gehalt einer empfangenen Vision zu prüfen und festzustellen.50
Die Großvision Kap. 8 - 11 hat eine Rahmenhandlung, die dem Geschehen ein zusammenhängendes Gefüge gibt. Während die Vision selbst den Propheten nach Jerusalem entführt, zeigt ihn die Rahmenhandlung in seinem gegenwärtigen Zuhause im Exil. In 8,1 sagt der Prophet:
- „und die Ältesten Judas sitzen vor mir“; in 11,25 wird berichtet, wie er den Exulanten von seinen Erfahrungen mitteilt.
Die Bezeichnung der Ältesten als „Älteste von Juda“ bereitet gewisse Probleme. Da der Prophet in einer Zeit schreibt, in der das Nordreich Israel längst untergegangen ist, beginnt der zugehörige Begriff eine Art theologische Umdeutung zu erfahren. Im Ezechielbuch haben wir in Ez 25,3 eine Stelle, die nachvollziehen läßt, wie es allmählich zu dieser Umdeutung gekommen sein könnte. Dieser Vers spricht vom Heiligtum, vom Land Israel und vom Haus Juda in einer Weise, die Zimmerli zur Vermutung angeregt hat, daß von immer weiter gefaßten Kreisen die Rede ist.51 Auch sonst gibt es Hinweise darauf, daß Ezechiel gerne in konzentrischen Kreisen denkt, ohne daß darum die Grenze dieser Kreise genau festgelegt wäre. In den Gerichtsworten Kap. 4 - 7 haben wir in 4,1-2 die symbolisch ausgedrückte Belagerung Jerusalems; in 6,2 werden die Berge Israels genannt; 7,2 scheint die Reihe mit der Ankündigung des Endes über alle vier Säume der Erde vorläufig abzuschließen. In diesem Sinne erhält „Israel“, das nicht mehr das Nordreich meinen kann, zunächst die Bedeutung von Israel im weiteren Sinn, das dann auch zur theologisch festen Größe eines vom Territorium relativ unabhängigen Gesamtvolks ausgeweitet wird, alle noch so weit verstreuten Volksmitglieder mit einschließend.52 Die neu geschaffene Möglichkeit einer Bezeichnung des Gesamtvolkes mit dem Namen Israel, die freilich nicht allein auf Ezechiel zurückgeht, dürfte einen nicht unerheblichen Beitrag zur Überwindung der Krise des Exils geleistet haben. Es ist die von der Politik losgelöste Verschmelzung des Religiösen mit dem Volksbewußtsein, die sich in einem einheitlichen Volksnamen äußert und die dem Volk die Kraft zum Überleben auch ohne die Hilfe autonomer Institutionen verleiht. Ein Phänomen, das in so mulitkulturellen Staatsgebilden wie dem mesopotamischen nicht alltäglich gewesen sein dürfte.
Die Israel-Bezeichnung entspricht einer allgemeinen Entwicklung, wie sie nicht nur bei Ez, sondern auch in anderen Spätschriften der prophetischen Literatur wahrnehmbar ist.53 Im Ezechielbuch läßt sich beobachten, wie der Begriff Israel an Bedeutung gewinnt und aufgrund seiner theologischen Tragweite denjenigen von Juda als Bezeichnung des Kernlandes verdrängt.54 So kommt das Wort Juda nur noch in sehr begrenzter Häufigkeit vor.55 Gerade in Ez 8,1 aber wird es mit den Ältesten in Verbindung gebracht und damit an einer Stelle, wo man es nicht erwarten würde. Die Ältesten treten doch im Exil auf und somit außerhalb des judäischen Kernlandes. Dagegen werden die in 8,12 sich äußernden Ältesten, die innerhalb der Vision in Jerusalem am Heiligtum gezeigt werden, ebenso überraschend als Älteste des Hauses Israel bezeichnet. Sind die Begriffe beliebig austauschbar? Eine mögliche Erklärung könnte darin gefunden werden, daß die Ältesten in 8,1, insoweit als Teil der Exilierten verstanden, aus Juda verschleppt worden sind, also nach ihrer Herkunft als Älteste Judas bezeichnet werden dürfen. Die Ältesten in 8,12 dagegen sind in ihrer Verantwortung gegenüber Gesamt-Israel gesehen, um die Schwere ihres Fehlverhaltens um so tiefgreifender zu entlarven. Daß die verschiedenen Ältestengruppen einmal nach ihrer Herkunft, ein andermal nach ihrer Bedeutung beurteilt werden, ergibt sich aus den Erfordernissen des Erzählzusammenhangs. Bei der ersten Erwähnung in 8,1 erfährt der Leser, woher sie stammen. Bei der zweiten in 8,12, wozu sie bestimmt und an welchen Maßstäben sie zu messen wären. Wenn dem Wechsel zwischen „Ältesten Judas“ und „Ältesten des Hauses Israel“ kein Wechsel im angedachten Personenkreis entspricht, ist für ihn eine stilistische Ursache zu erwägen, die im jeweiligen Kontext etwas bestimmtes hervorheben möchte.
Dem Anschein nach bleibt jedoch an dieser Stelle Ez 8,1 eine gewisse Inkonsequenz im Sprachgebrauch, die den Beobachtungen Zimmerlis in seinem Kommentar recht gibt.56 Es hat aber nicht an Versuchen gefehlt, dennoch auf der Grundlage historischer Vermutungen einen folgerichtigen Handlungsablauf herzustellen.
In einer Untersuchung zu den Ältesten im Buch Ezechiel geht Nay von der Bezeichnung „Älteste Judas“ in Ez 8,1 aus und versucht, sie als eine Gesandtschaft der Daheimgebliebenen zu verstehen, die sich nur zeitweilig bei den Exilierten aufhält, und entsprechend ihre Rolle im ganzen Buch zu erklären.57
Bei kritischer Prüfung ist zunächst einmal anzuerkennen, daß der Versuch einer solchen historischen Rekonstruktion dazu beitragen kann, einen derartigen Text wie Ez 8 - 11 im Verständnis des Lesers lebendiger und dramatischer werden zu lassen. Fragt man aber nach den möglichen Aussageabsichten des Buchautors, so stellt man fest, daß dieser äußerst wenig an historischen Einzelheiten bzgl. der Ältesten interessiert zu sein scheint. Wir erfahren nichts über Grund und Auftrag der Gesandtschaft, wenn es sich um eine solche handeln sollte. Wir erfahren auch nichts über ihre Rückkehr ins judäische Kernland, es fehlt jeder Hinweis auf einen zeitlich begrenzten Aufenthalt im Exil. Dagegen sehen wir ein ganz andersartiges Interesse, das die Ältesten immer mit einem ganz bestimmten Vorwurf in Verbindung bringt: und der lautet auf Götzendienst, Glaubensabfall. In bezug auf die Verse 8,11-12 braucht dies nicht näher erläutert zu werden, da die umfassende Einheit 8,5-18 die religiösen Greuel am Heiligtum beschreibt. In 14,3 sagt Gott zum Propheten über die Ältesten:

- „Menschenwesen, diese Männer haben ihre Götzen über ihren Herzen aufsteigen lassen.“
Im geschichtlich rückblickenden Kapitel 20, das die Sünden der Väter rekapituliert, wird in 20,30 der Bogen zur Gegenwart gespannt mit den Worten:

- „Macht ihr euch nicht auf dem Weg eurer Väter unrein und hurt deren Götterbildern nach?“ Die Anrede in 2. P. Pl., sowie die im vorhergehenden Vers genannte Verweigerung, auf eine Befragung zu antworten, zwingt dazu, an die in 20,1 genannten Ältesten zu denken, die wegen einer solchen Befragung zum Propheten kommen.
Das entspricht der übrigen Botschaft Ezechiels, der bestimmte Vergehen ganz bestimmten Personengruppen zur Last legt, mögen es die Propheten (z.B. 13,6: unberechtigte Berufung auf JHWH-Spruch) und Prophetinnen (z.B. 13,19: falsche Orakel) sein, die Priester (22,26: Vermischung von Profan und Heilig), die Fürsten (22,25: Beutegier), das Königshaus (17,7: Vertragsbruch; 19,6-7: Grausamkeit und Beutegier), etc. Die Ältesten waren nach seiner Meinung offenbar für die Pflege der religiösen Identität des auserwählten Volkes verantwortlich, besaßen hierin Vorbild-Charakter, hatten erzieherische Pflichten. Auch wenn Ezechiel von historischen Personen ausgegangen sein sollte, möchte man den Ältesten innerhalb seiner Botschaft mehr typisch-repräsentatives als individuell-historisches Gewicht zuschreiben. Offensichtlich geht es Ezechiel nicht um einige konkrete Personen, die zu den Ältesten gehören, sondern um die Ältestenschaft überhaupt in ihrer geschichtlichen Aufgabe und Größe, an der sie mit ihrer Verantwortung gemessen werden muß. In diesem Zusammenhang ließe sich auch begreiflich machen, daß es für ihn unerheblich ist, ob die Ältesten im Exil oder in Jerusalem jeweils beheimatet und wirksam sind. Sein Augenmerk richtet sich auf die Berufsgruppe in ihrer Bedeutung für den Gesamtaufbau des Volkes, der immer auch den Blick über den gegenwärtigen Moment und die erinnerte Vergangenheit hinaus in die Zukunft freiläßt.
Ein wenig gewaltsam wirkt es dagegen, die Männer am Tor mit Pelatjahu in der Mitte in 11,1 als Vermittlungs-Gestalten zwischen der Visionsebene in Jerusalem und der realen Ebene im Exil aufzufassen.58
Der Schrei des Propheten in 9,8 gibt auch sonst keinen Anlaß, die Vision unterbrochen zu sehen; denn er reiht sich gut ein in den verstärkt auditiven Charakter des Kapitels, in dem gehäuft akustische Phänomene beschworen werden, angefangen von dem
- der „lauten Stimme“ Gottes in V. 9,1, die den
der verzweifelt Gott Suchenden in 8,12 geschickt aufgreift und umdeutet. Daß der Prophet in einer Vision nicht passiv bleiben muß, daß er in derselben zum „Prophezeien“ aufgefordert werden kann, belegt auch 37,1-10.59
Daß allerdings mit 11,1 im Vergleich zum Vorherigen ein empfindlicher Einschnitt geschieht, ist immer bemerkt worden und hat zu den verschiedensten Erklärungen Anlaß gegeben. Zimmerli scheidet aus einem von ihm rekonstruierten Grundbestand der Vision 8 - 11 den Abschnitt 11,1-21 heraus.60 Um die darin enthaltenen Redensarten berücksichtigen zu können, ist hier darum vom Endtext auszugehen. Höchstens könnte gefragt werden, welche Rolle gerade diese Redensarten bei der Entwicklung des Grundbestandes bis hin zum vorliegenden Text gespielt haben. Nays Art der Interpretation stellt in allem das entgegengesetzte Extrem zu jener anderen dar, nach welcher die Kapitel 8 - 11 im wesentlichen reale historische Ereignisse in Jerusalem berichten, die nur durch den Rahmen zur Vision erklärt werden, um sie in ein Buch zu integrieren, das sonst im Exil spielt.61 Bei aller Gegensätzlichkeit haben diese Positionen das Eine miteinander gemeinsam, daß sie noch unbedingt für 11,1-13 nach einem konkreten historischen Hintergrund suchen, nur daß ihn der eine im Exil, der andere in Jerusalem vermutet.
Wenn man nicht auf einen chronologisch konsequenten Ablauf besonderen Wert legt, läßt sich in Ez 8 - 11 eine mehrstufig in konzentrischer Gliederung aufgebaute Vision wahrnehmen. Diese Stufen bilden verschiedene Ebenen in der Vision, die nicht zwingend in ein zeitliches Nacheinander gebracht werden müssen. In der Mitte ist die Doppeleinheit der Abschnitte 9,1-10,7 (Zerstörung der Stadt) und 10,8-22 (Auszug der Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel) angesiedelt. Darum ranken sich die Kapitel 8 und 11 mit der Beschreibung der gegenwärtigen Situation des Volkes und den Rahmenversen 8,1 und 11,25, welche die Ausgangs- und Schlußsituation im Exil liefern. Das Wiedererwachen Ezechiels im Exil wird durch die an die Exulanten gerichtete Heilszusage der VV. 14-21 vorbereitet.
Fraglich ist die Einordnung von Kapitel 8. Gehört es mehr zu den Visionen in 9 und 10 oder mehr zu den geschichtlichen Schilderungen in 11? Auf der synchronen Ebene läßt sich durch eine konzentrische Struktur beiden Bezügen Rechnung tragen (siehe Kapitelende).
In den drei wichtigsten Vorkommen der Ältesten in 8,1; 14,1 und 20,1 wird die sitzende Haltung der Ältesten betont; eine solche wird in 33,31 auch einer breiteren Zuhörerschaft Ezechiels zugeschrieben. Für die genauere Bedeutung dieses Sitzens bieten sich zwei Arten von Parallelen an, die zunächst unabhängig von einander betrachtet werden wollen. Die eine Art Parallele zeigt die Ältesten bei ihren offiziellen Versammlungen, bei denen gerichtliche Beschlüsse gefaßt oder politische Entscheidungen getroffen werden. In Rut 4,2 wird die Aufforderung sich niederzusetzen für jene Versammlung ausgesprochen, in der der Löser für Noomi ermittelt werden soll. In 1 Kön 21,12 handelt es sich um die Versammlung, in der die tödliche Intrige gegen Nabot ausgeführt wird. In Jer 26,10 soll die Versammlung ein Todesurteil gegen Jeremia fällen, wobei jedoch nicht die Ältesten, sondern, wie in Ez 11,1, die
- die „Anführer“, genannt werden. Das Sitzen scheint also eine allgemeine Haltung bei jeder Art von Versammlung mit offiziellem Charakter gewesen zu sein.62 Die Gewichtigkeit der Sitzhaltung, welche die Ältesten in 8,1; 14,1 u. 20,1 einnehmen, könnte allerdings auch einer bewußten Karikatur dienen63 und die Zurschaustellung der eigenen Wichtigkeit entlarven wollen. Zum Vergleich ist die andere Art von Parallele interessant, die ein ähnliches Hinsitzen auch von den Prophetenschülern erzählt. Als wichtigste Belegstelle gilt 2 Kön 4,38, die eine solche Haltung von den Schülern des Propheten Elischa berichtet.
Das Besondere bei Ezechiel ist, so kann man sagen, daß bei ihm die Ältesten sich wie Prophetenschüler verhalten. Auch diese eigenartige Verbindung ist nicht ohne Parallele. Ps 107,32 nennt als Aufgabe der Ältestenversammlung statt jedes politischen Beschlusses das Gotteslob. 2 Kön 6,32 zeigt, daß vor Elischa nicht nur Prophetenschüler, sondern auch Älteste, ganz ähnlich wie bei Ezechiel, sitzen konnten.
Wenn die Ältesten bei Ezechiel in die Rolle von Prophetenschülern schlüpfen, zeigt dies, wie ernst seine Botschaft von ihnen genommen wurde, auch wenn es an der Bereitschaft fehlen mochte, sich ihr entsprechend zu verhalten. Vielleicht entsprach es auch einer Wunschvorstellung des Autors. Denn daß Älteste in erster Linie in ihrer religiösen Verantwortung vor dem Volk gesehen werden, ist eigenartig genug. Sollen sie auf dem Weg zu einer neuen Funktion gezeigt werden, die sie aber noch nicht ganz gefunden haben?64 Die hinter der allgemeinen Befragung stehende konkrete Anfrage wird jedenfalls nicht genannt und scheint auch nicht wichtig.65
Zum Abschluß verdeutliche ein Gliederungsschema der Kapitel 8 - 11 ihre Beschreibbarkeit im Sinne einer konzentrischen Struktur.
Gliederung der Kapitel 8 - 11
| A. V. 8,1: Aufenthalt des Propheten im Exil: die Ältesten sitzen vor ihm. |
| B. VV. 8,2-4: Entrückung des Propheten nach Jerusalem. |
| C. VV. 8,5-18: Bestimmte Fehlverhalten des Volkes. |
| a) VV. 8,5-13: Greuel am Tempel mit Israel-Nennung (V. 12). |
| b) VV. 8,14-18: Greuel am Tempel mit Juda-Nennung (V. 17). |
| D. Kapitel 9 u. 10: Gottes Gerichtshandeln in Vision. |
| a) VV. 9,1-10,7: Zerstörung Jerusalems. |
| b) VV. 10,8-22: Auszug der Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel. |
| C’. Bestimmte Fehlverhalten des Volkes. |
| a) VV. 11,1-12: Ränkeschmiede am Tor. |
| b) VV. 11,13-21: Einseitige Besitzansprüche der Verbliebenen und Heilsverheißung an die Verbannten. |
| B’. VV. 11,22-24: Rückkehr des Propheten aus der Entrückung. |
| A’: V. 11,25: Aufwachen des Propheten im Exil: Bericht an die Exulanten. |
1. b) Kontext von 8,12 in Kap. 8
Die den Ältesten des Hauses Israel in den Mund gelegte Redensart findet sich innerhalb einer Komposition, die die Verse 8,5-18 umfaßt und in einer gestaffelten Steigerung verschiedene als Greuel beschriebene Bräuche und damit den religiösen Abfall am und im Jerusalemer Tempel veranschaulicht.
In vier Stufen baut sich die Steigerung auf: VV. 5-6.7-13.14-15.16-18. Das Ende jedes Abschnitts wird durch die jeweils als Überleitung wiederkehrende Redewendung
- „du wirst noch größere Greuel schauen“ (VV. 6.13.15) - als solches gekennzeichnet. Das Prinzip der Steigerung scheint weniger in den vorgeführten Handlungen zu liegen als vielmehr in der zunehmenden Nähe zum Allerheiligsten, bzw. dem vor ihm befindlichen Altar im Tempel. Was in V. 6 als Beweggrund für das Treiben der am Tempel wirkenden Personen zu lesen ist, könnte als Überschrift über der ganzen Komposition der VV. 8,5-18 stehen:

- „um sich von meinem Heiligtum zu entfernen.“66 Eigentlich eine paradoxe Aussage, wo doch eine immer enger werdende räumliche Nähe zu diesem Heiligtum beschrieben wird. Es handelt sich um eine geistige Abkehr von diesem Heiligtum,67 sich vollziehend in einem geradezu umgekehrt proportionalen Verhältnis zur räumlichen Nähe zu ihm. Innerhalb des letzten Teils der Steigerung, in 8,16, heißt es dann von den ungefähr 25 (so nach MT; 2 Mss LXX hingegen 20; vgl. BHS) Personen am Eingang des Tempels, sie standen

- „ein jeder mit seinem (wörtl: ihrem) Rücken zum Tempel JHWHs“.
Damit wird recht sinnenfällig zum Ausdruck gebracht, wie die persönliche Einstellung von der Bedeutung des Tempels, an dem sich die betreffenden Personen befinden, abgewandt ist, um sich statt dessen der natürlichen Sonnenverehrung zu widmen.
Es ist schwierig, der Hervorhebung der Köperhaltung - Rücken zum Tempel - eine andere als symbolische Bedeutung beizumessen. Nach manchen Gelehrten war der JHWH-Kult in Jerusalem anfänglich möglicherweise mit einer genuinen Sonnenverehrung verbunden, die erst in späterer Zeit allmählich verdächtigt wurde.68 Keel unternimmt den Versuch, den Sonnenkult zu Jerusalem aus vorisraelitischern Kulttraditionen abzuleiten, die, unter ägyptischem Einfluß entstanden, in israelitischer Zeit weiter gewirkt hätten.69 So ist nicht sicher, daß die beschriebenen Riten von den Zeitgenossen überhaupt als Götzendienst wahrgenommen wurden und nicht vielmehr als gewohnte Bestandteile eines als selbstverständlich akzeptierten Gottesdienstes. Odell vermutet einen zusammenhängenden Gottesdienst, durch den die Gottheit mit Hilf- und Klagerufen angegangen werden sollte.70 Das Bild der Eifersucht wäre demnach kein Götzenbild, sondern eine Votiv-Statue mit der Darstellung eines Menschen als Ersatz für Menschenopfer gewesen, durch das die Gottheit in Zeiten schwerer Krise und Gefahr gewogen gemacht werden sollte.71 Diese ansprechende These läßt sich zwar nicht zwingend beweisen, würde sich aber gut in den allgemeinen Zusammenhang der damaligen geschichtlichen Not einreihen lassen. Zutreffend ist auf jeden Fall die einfache Beobachtung, daß der Schlußvers Ez 8,18 nicht den Götzendienst, sondern die Anrufung zurückweist:
- „Und sollten sie auch rufen …“. Einschränkend ist jedoch daran zu erinnern, daß mit dem vergeblichen Rufen zu Gott in 8,18b die akustischen Beschreibungen in Kap. 9 vorweggenommen werden und insofern nicht unbedingt eine Interpretation des Vorangegangenen bieten wollen. Ebenso zutreffend ist auch die andere Beobachtung, daß das 8,5 genannte Eifersuchtsbild einsam für sich ohne menschliche Gegenwart dasteht, und doch als anstößig empfunden wird.72 Es scheint etwas in der Weise der Kontaktsuche selbst zu sein, was Gott beleidigt. Die Suche wird durch Zuflucht zu Riten unternommen, die sich verselbständigen, Alibi-Funktion übernehmen (Opferersatz) und dadurch zuletzt zum Hindernis werden. Es handelte sich also um Teile eines Ritus, in dem Gott zwar angerufen wird, aber wie ein Verschollener (vgl. sumerische Tammuzsage), der das Land verlassen hat, und zu dem die Beziehung nur über Umwege (Sonnenverehrung) hergestellt werden kann. Ist Odells These zutreffend, würde sie auch etwas zu einer koherenten Beschreibung der Ältesten und ihrer Funktion im Ezechielbuch beitragen können. Im Exil befragen sie den Propheten, weil sie auf seine Fürbitte und Mittlerrolle hoffen, die diesem jedoch durch den „Verstummungsbefehl“ - nach der Interpretation Wilsons - von seiten Gottes untersagt wird. Am Tempel suchen sie Zuflucht zu zweifelhaften Riten, um Gottes Willen dadurch zu beeinflussen, während Gottes Herrlichkeit stattdessen, davon angewidert, sich aus dem Tempel zurückzieht. Es ergäbe sich so eine Parallelität zwischen dem Verhalten im Exil und dem in der Heimat und eine ungefähr vergleichbare Antwort Gottes darauf.
Von der Redensart 8,12 ausgehend, die das Nicht-Sehen Gottes beklagt, ließen sich die am Tempel dargestellten Fehlverhalten als ebensoviel Weisen einer gestörten oder fehlerhaften Wahrnehmung des Volkes analysieren. Bei der Statue am Anfang sind die Menschen überhaupt abwesend, da für sie die Statue möglicherweise so etwas wie Ersatzfunktion übernehmen soll. Die Ältesten ziehen sich in Nischen zurück und handeln im Dunkeln. Die Frauen sind ganz von ihrer Trauer gefangengenommen und können schon wegen der verweinten Augen nicht mehr richtig sehen. Die Männer, die den Sonnenkult betreiben, dürften geblendet sein, während sie den Dingen, die die Sonne sie bevorzugt sehen lassen sollte, wie dem Tempel, den Rücken zukehren. Es sind also Weisen sehr beschränkter, einseitiger Wahrnehmung, die für das Ganze blind machen.73
Dieser im achten Kapitel erfolgenden Bewegung zum Heiligtum hin, die im Wesentlichen eine Bewegung des visionär entrückten Propheten ist, entspricht in den folgenden Kap. 9 - 11 eine umgekehrt verlaufende Bewegung, die gerade vom Heiligtum ausgeht und sich von dort gleichsam wellenförmig ausbreitet. Sie tut dies in dreifacher Weise einmal als Bewegung der Zerstörung im geschauten Gericht, von der das 9. Kapitel erzählt, sodann als Bewegung der Herrlichkeit Gottes, die nun wirklich, obschon freiwillig, den Tempel verläßt und auszieht, wovon das 10. Kapitel handelt. Dem schließt sich die Bewegung des Propheten gleichsam als ein drittes an, wenn er wieder zurück ins Exil versetzt wird (11,22-24). Wenn in 9,6 die Aufforderung an die geheimnisvolle Gruppe von 6 oder 7 Personen ergeht,74 die das Gericht an der Stadt mit ihrer Zerstörung vollziehen sollen:
- „und von meinem Heiligtum aus fangt an“, so wird die Schlüsselstellung des Heiligtums deutlich, von dem alle Bewegung ausströmt, so wie es eine solche erst angezogen hat.
Die Herrlichkeit Gottes dagegen erhebt sich in 10,4 von den Keruben, um sich auf die Schwelle des Tempels niederzulassen und den Tempel selbst mit einer Wolke zu erfüllen. In 10,18 kehrt sie zu den Keruben wieder zurück, um sich in 10,19 mit ihnen zum Osttor des Tempels zu bewegen. In 11,23 wird die Beschreibung des Auszugs neu aufgegriffen, und so fortgeführt, daß sie sich nun auf den Berg im Osten der Stadt begibt. Was weiter mit ihr geschieht, wird nicht mehr ausgeführt. Nur im Zusammenhang mit der im Exil am Fluß Kebar erschienenen Gottesherrlichkeit, die in Kap. 1 ausführlich beschrieben und auf die später immer wieder zurückverwiesen wird, läßt sich vermuten, daß sie das Land dann endgültig verläßt. Einen gewissen Hinweis darauf kann man vielleicht in der an die Exulanten gerichteten Aussage in 11,16 erblicken, wo es heißt:

- „und ich wurde ihnen zum Heiligtum beinahe“.
Die Bewegung vom Heiligtum weg scheint noch in Kap. 12 nachzuwirken, wenn der Prophet aufgefordert wird, das auch vielen der noch in Jerusalem Verbliebenen drohende Schicksal der Verschleppung durch eine Symbolhandlung zeichenhaft vorwegzunehmen. In 12,5 ist genauso wie in 8,7-8 von dem Durchbrechen einer Wand durch ein Loch die Rede, nur eben in umgekehrter Richtung. Der Prophet soll ja das erzwungene Verlassen der Stadt Jerusalem darstellen, das dem „Fürsten“ in Jerusalem und dem „Haus Israel“ dort bevorsteht. Die Verschleppung wird als die politische Folge der Zerstörung der Stadt dargestellt, von der die vorangegangenen Kapitel erzählten. Allerdings markiert 11,24, der den Prophet ins Exil zurückkehren läßt, bereits vorher einen gewissen Einschnitt. Auch unter dem Gesichtspunkt der wechselnden Bewegungsrichtung also läßt sich eine konzentrische Struktur der Vision in Kap. 8 - 11 aufrechterhalten.
Innerhalb dieser großen Vision, die sich nach ihrer doppelten Bewegung zum Heiligtum hin und vom Heiligtum weg beschreiben läßt, findet sich in der Einheit 8,5-18, die götzendienerisches Eindringen in Tempelnähe beschreibt, der Spruch in 8,12. Der Vers steht im zweiten Abschnitt der sich aus vier Teilen zusammensetzenden Komposition 8,5-18. Damit scheint er an nicht allzu bedeutender Stelle zu stehen, wenn man von der allgemeinen Regel ausgeht, daß innerhalb einer Steigerung der größte Akzent am Ende liegt. Doch ergibt eine genauere Beobachtung, daß der zweite Abschnitt der ungleich längste der Komposition ist, so daß V. 12 materialiter fast in die Mitte der Komposition gelangt. Sieben Verse gehen ihm voraus (VV. 5-11) und sechs folgen ihm (VV. 13-18). Da im hebräischen Strukturdenken die Mitte eine ganz entscheidende Rolle spielt, kann man auch hier davon ausgehen, daß sich gewissermaßen zwei Steigerungsprinzipien überlagern (Höhepunkt am Ende gegen Höhepunkt in der Mitte) und V. 12 eine besondere Schlüsselfunktion innehat.
1. c) Text und Übersetzung von 8,12

12c:
- „im Finstern“ fehlt laut BHS im textus graecus originalis, erscheint aber als wichtige inhaltliche Ergänzung zur Charakterisierung des beschriebenen Treibens. Zimmerli beurteilt es jedoch als Glosse.76 Er tendiert dazu, alles, was die Heimlichkeit des Tuns unterstreicht, für spätere Ergänzung zu halten, einschließlich V. 8, der die Notwendigkeit eines vorausgehenden Mauerbruchs beschreibt.
12c: Umstritten ist auch
- „in den Kammern seines Gespinstes.“ Die alten Versionen, wie LXX, Peshitta, Vetus Latina, Vulgata, Targumim, übersetzen alle „Kammer“ im Singular, weshalb auch Zimmerli entsprechend korrigieren möchte. Erst eine spätere Veränderung habe damit den Blick vom Tempeltreiben abgelenkt und auf die Privatgemächer der beschriebenen Personen hingelenkt.77 Man kann die Notwendigkeit einer solchen Auslegung aber auch bezweifeln, durch die Zimmerli den Heimlichkeitscharakter des Tempeltreibens für sekundär erklärt.78 Der Plural des MT könnte dem typisierenden Stil Ezechiels verdankt und als lectio difficilior beizubehalten sein. Für die Verbindung von „Jeder“ mit Plural-bildungen gibt es bei Ez mehrere Beispiele. Interessant ist ein Vergleich mit Ez 20,7, wo das „Jeder“ mit einem pluralischen Imperativ verbunden ist. Daß das Personalsuffix bei
- „seine Augen“ dann doch wieder im Singular steht, erinnert der grammatikalischen Form nach an das
- „sein Gespinst“ hier in 8,12. Die „Kammern“ müßten also nicht so verstanden werden, daß bereits jeder einzelne mehrere davon gehabt hätte, sondern daß alle zusammen mehrere haben. Der Übersetzbarkeit in moderne Sprachen wären dabei allerdings Grenzen gesetzt. Was „sein Gespinst“ dagegen betrifft, meint auch Zimmerli, daß es von den Versionen nicht mehr verstanden worden sei, die es mit einem Adjektiv vom Wortfeld „verborgen“ (absconditus) übersetzen. Er rechnet also mit der Möglichkeit, daß hier MT ursprünglicher ist.79
12e:
- „uns“ fehlt im textus graecus originalis (BHS). Gerade weil das Personalpronomen die Parallelität zu 9,9 stört, ist es als die schwierigere Lesart vorzuziehen. Anders Zimmerli, dem die Straffheit der kürzeren Version mehr zusagt.80
1. d) Analyse von 8,12
In einem durch das
(12a) zu Beginn ausdrücklich als Rede Gottes an Ezechiel gekennzeichneten Vers stehend, wird die dazugehörige Redensart zu einer Art Zitat innerhalb eines Zitates, wie alle andern Redensarten auch. Fast das gesamte Buch Ezechiel ist als Gottesrede gestaltet, so daß der doppelte Zitatcharakter kaum wahrgenommen wird. Die Frage, mit der die Rede beginnt:
- „hast du gesehen?“ (12b) wiederholt sich in allen Abschnitten der Komposition in Kap. 8. Nur im ersten Abschnitt in V. 6 tritt sie abweichend durch einen partizipialen Nominalsatz formuliert auf:
- „siehst du?“; in allen anderen Fällen, in VV. 12.15 u. 17 steht das Perfekt von
. Die Frage hebt das Außerordentliche an den zu beobachtenden Mißbräuchen hervor und provoziert eine persönliche Stellungnahme auf seiten des Propheten. Zusätzlich findet sich V. 9, also im zweiten Abschnitt, dem der zu behandelnde Ausspruch angehört, die imperativische Aufforderung
- „geh’ hin und sieh“.81 Auch dies unterstreicht die hervorgehobene Bedeutung gerade des zweiten Abschnitts (VV. 7-13) innerhalb der Komposition VV. 6-18.
Die sich anschließende Anrede des Propheten als
- „Sohn eines Menschen“ (12bV) kennzeichnet das gesamte Ezechielbuch. Um Verwechslungen mit dem an Dan 7,13 orientierten Menschensohn-Begriff des NT auszuschließen, wird hier immer mit dem verhaltenen Ausdruck „Menschenwesen“ übersetzt, was dem gemeinten Sinn in etwa nahekommt.82 Auch stilistisch dürfte diese Wiedergabe mit ihrem Anonymitätscharakter der Absicht des biblischen Originals nahekommen.83
Es folgt ein Relativsatz, der als das zu Sehende ein bestimmtes Tun anzeigt, und als Subjekte dieses Tuns, als Täter, eben diejenigen benennt, die auch als Benutzer der Redensart in Erscheinung treten werden:
- „die Ältesten des Hauses Israel“ (12c). Diese Ältesten werden bereits aus dem vorhergehenden Vers übernommen, wo sie genauer beschrieben werden:
- „siebzig Männer aus den Ältesten des Hauses Israel.“ Dieser Ausdruck ist eine deutliche Anspielung auf die erste Aussonderung von siebzig Ältesten unter Mose in Num 11,16 (Vgl. auch Ex 24,1).
Dort heißt es:
- „da sagte JHWH zu Mose, sammle mir siebzig Männer aus den Ältesten Israels“. Von Rolle und Auftreten der Ältesten im Buch Ezechiel war oben schon summarisch die Rede. Die Beschränkung auf eine bestimmte Zahl mit ihrer symbolischen Bedeutung (70 = 7x10) hebt die zusätzliche Verantwortung, die den betreffenden Personen übertragen wird, hervor. Dient die Anspielung in Ez 8,11 dazu, diese Verantwortung ins Gedächtnis zu rufen, so soll nach Mosis ein Gleiches auch für die mit den „Ältesten“ verbundene Präposition
- „aus“ gelten. Diese soll nicht so sehr der bloßen Einordnung in die umfassendere Gruppe dienen, sondern den offiziellen repräsentativen Charakter ihres Auftretens betonen.84 Der Sinn wäre nicht so sehr „siebzig Männer aus den Ältesten des Hauses Israel“, sondern „siebzig Männer in der Eigenschaft von Ältesten des Hauses Israel.“ Nur in Ez 8,11 werden die Ältesten mit dieser Zahlenangabe versehen. Die Präposition wird jedoch auch an den anderen Stellen beibehalten. So lesen wir in 14,1:
- „Männer von der Ältestenschaft Israels“ und treffen in 20,1 auf dieselbe Formulierung.
Die Vergleichsstellen Num 11,16 und Ex 24,9-11 werfen ein merkwürdiges Licht auf die Erwähnung der Ältesten bei Ezechiel. In Ex 24,9 erhalten die zuvor in 24,1 als Begleiter des Mose eingeführten Ältesten die ungewöhnliche Möglichkeit, Gott zu sehen, ohne dafür, wie sonst erwartet, sterben zu müssen. Damit ist bereits hier das Thema „Sehen“ vorgegeben, wie es in der Redensart Ez 8,12 eine so wichtige Rolle spielt. Der Hinweis erfolgt sowohl mit der Wurzel
, als auch mit der Wurzel
. In Ex 24,10 heißt es:
- „da sahen sie den Gott Israels“, und in V. 11:
- „und sie schauten den Gott.“
Es ist allerdings das Sehen der Ältesten, denen als außerordentliche Gunst gestattet wird, Gott selbst zu sehen. Ez 8,12 ist wie die Umkehrung dazu: die Ältesten klagen, daß Gott nicht sieht. Die Stelle Ex 24,9-11 weist auch sonst bei ihrer Theophanieschilderung gewisse Ähnlichkeiten mit der Thronwagenvision in Ez 1,26-28 auf. So wird an beiden Stellen der Saphir-Stein genannt. Die glänzende Klarheit der Erscheinung wird zwar nicht mit denselben, aber doch ähnlich klingenden Worten ausgedrückt. In Ez 1,28
- „der Glanz“, in Ex
- „für die Klarheit“.85
Num 11,16-29 erwähnt nicht das Sehen der Ältesten, sondern bringt einen anderen Aspekt ein, nämlich den des Geist-Empfangs, den Mose an sie weitergibt, und der mit der zeitweiligen Verleihung der Prophetengabe verbunden ist: Num 11,25:
- „da weissagten sie“. Auf die Vorbehalte und Bedenken des Josua antwortet Mose in Num 11,29:
- „wenn doch das ganze Volk JHWHs zu Propheten gegeben würde, so daß JHWH seinen Geist gäbe auf sie.“
Ein Geist-Empfang wird von Ezechiel den Ältesten nicht zugesprochen. Die Ältesten benehmen sich vielmehr nicht so, wie sie nach ihm sollten. Den Geist empfängt zuerst nur Ezechiel in der Berufungsszene 2,1-2, und später empfangen ihn die toten Gebeine in 37,10. Dazwischen ergeht an das Volk die Verheißung eines neuen Geistes in 11,19 und 36,26. Es war jedoch bereits festzustellen, daß die Szene der Befragung die Ältesten bereits fast wie Prophetenschüler auftreten läßt und damit indirekt die Aufforderung anzudeuten scheint, auf Dauer wie Propheten zu werden.
Setzt man bei Ez einen bewußten Bezug auf diese Stellen voraus, dann kommt den Ältesten bei ihm eine höchst bedeutsame Funktion zu. Statt eine präzis umreißbare historische Gruppe anzuvisieren, spannt Ezechiel mit dem Ältesten-Begriff einen Bogen von der alten Tradition der Sinai-Offenbarung zur gegenwärtigen Krise des Exils. Die Menschen, an die sich Ezechiel richtet, vermögen die damit verbundene Aufgabe nicht, oder noch nicht zu erfüllen, aber es ist doch der Maßstab, an dem sie gemessen werden müssen, wenn je eine Umkehrung der Situation zum Besseren, ein zweiter Exodus möglich werden soll. Gleichzeitig ist sogar im Exil, fern der Heimat und des Tempels, eine der Sinai-Offenbarung vergleichbare Erfahrung möglich, wie Ez 11,16 zeigt, wenn Gott sich selbst als im Exil gegenwärtiges Heiligtum bezeichnet. Der Prophet will dabei genauso wenig wie Mose für sich allein bleiben, sondern hängt von der Mithilfe verständnisbereiter Mit-Propheten ab, und beurteilt die, die bei ihm in Anschluß an Num 11,29 Älteste heißen, gemäß diesem Anspruch, wie er auch in der offiziellen Sitz-Haltung zum Ausdruck kommt.86
Der Relativsatz (12c) mit den Ältesten als Subjekt ist als Nominalsatz formuliert mit dem Partizip Qa/
- „machend“. In der Vision werden die Ältesten gewissermaßen auf frischer Tat ertappt, bei dem, was sie gerade in diesem Augenblick treiben und tun. Das so völlig unbestimmt gelassene Tun weist zurück auf den vorhergehenden V. 11, in dem es näher beschrieben wurde: mit Weihrauch in den Händen erzeigen sie geritzten Götzenbildern göttliche Verehrung. Der Charakter des Ertapptseins wird gesteigert durch die adverbialen Hinzufügungen, die die Heimlichkeit des Tuns beschreiben. Es geschieht
- „im Finstern“ (12c); offensichtlich, damit es nicht von andern gesehen wird. Diese Finsternis, deren Vorhandensein Gen 1,2 noch vor der Erschaffung des Lichtes einfach feststellt, wird sonst auch wie etwas behandelt, das sich mehr zufällig einstellt und so fast unausweichlichen, schicksalhaften Charakter trägt.87 Auch sonst erscheint diese Finsternis als etwas, in dem Menschen sich unfreiwillig befinden, aus dem sie befreit werden möchten. So taucht es bei Deuterojesaja in den Gottesknechtsliedern, etwa Jes 42,7 und 49,9, als Metapher für Gefängnis, bzw. gefängnisähnliche Situationen auf. Spr 2,13 unterscheiden dagegen ganz im moralischen Sinne des Zwei-Wege-Modells die „Pfade der Geradheit“ von den „Wegen der Finsternis“. Wird hier die Finsternis geradezu als Metapher für die Verwerflichkeit selbst benutzt, ist die Finsternis in Ez 8,12 doch eher etwas, das das schlechte Treiben nur begleitet. Insofern bleibt noch Ijob 24,16 die nächste Parallele, die beschreibt, wie die Bösen die „Finsternis“ aufsuchen und das Tageslicht meiden. Somit dient in Ez 8,12 ganz ähnlich wie in Ijob 24,16 die „Finsternis“ dazu, die gewollte Heimlichkeit eines schlechten Tuns zu beschreiben. Nur daß die Verfehlung der Ältesten in Ez 8,12 mehr liturgisch-sakraler als sozialer Natur ist. Die Finsternis läßt aber auch eine andere Deutung zu, wenn sie als notwendiger Bestandteil des von Odell beschriebenen Ritus verstanden wird, wonach sie den Aufgang der mit JHWH identifizierten Sonne besonders wirkungs- und stimmungsvoll gestalten sollte.88
Jes 29,15 kommt so nahe, daß man fast an eine bewußte literarische Bezugnahme von seiten Ezechiels denken möchte:
- „Weh euch, die ihr vor Gott in die Tiefe weicht, um einen Rat zu verbergen, damit im Finsteren eure Taten sind, da sagtet ihr: wer sieht uns und wer kennt uns?“ Die Beziehung zu dieser Stelle, die für Finsternis nicht ganz dasselbe Wort, aber doch ein von derselben sprachlichen Wurzel herkommendes verwendet, ist deshalb so bedeutungsvoll, weil damit der Bezug zu einer lange zurückliegenden, aber politisch vergleichbaren Situation hergestellt wird. Jesaja kritisiert mit diesen Worten, die nach Wildberger als ursprünglich jesaianisch angesehen werden dürfen, heimliche Bemühungen seiner Zeit um ein Bündnis mit Ägypten.89 Ezechiel kritisiert eine Bündnispolitik mit Ägypten zu seiner Zeit in ähnlicher Schärfe. Die Beziehung zur Jesaia-Stelle wirft ein gewisses Licht auf die Einbindung der Redensart in ihren unmittelbaren Zusammenhang (ihre Inszenierung). Während der Begriff „Finsternis“ eine Beziehung zur Inszenierung erlaubt, erinnert das fingierte Zitat „wer sieht uns?“ an die Redensart selbst. Ob vielleicht das „sieht uns nicht“ bei Ez 8,12, das in der Parallelstelle 9,9 fehlt, nach Vergleichung mit der Jes-Stelle hinzugefügt wurde? Im Umkreis von 9,9 fehlt wiederum ein solcher Hinweis auf die „Finsternis.“ In Beziehung zu Jes 29,15 gesehen, erhält die Ez-Stelle eine stärkere politische Akzentuierung, als man ihr unmittelbar ansehen möchte. Der „Rat“ der Jes-Stelle weist außerdem auf Ez 11,2 voraus, wo ein solcher „böser Rat“ mit einer weiteren Redensart genannt wird, bei der der politische Hintergrund deutlich im Vordergrund steht. 8,12 ist aber wohl nicht so zu verstehen, daß die Ältesten diesen Rat selber mitbetrieben - es wird ja auch kein solcher in 8,12 genannt -, sondern nur so, daß die Ältesten indirekt durch ihre religiöse Abhängigkeit von Ägypten eine solche Politik mit unterstützen. Nach Wildberger kann auch in Jes 29,15 mit der unbestimmt gelassenen Frage: „wer sieht uns?“ nur Gott selbst gemeint sein.90 Bei den Sprechern der Redensart Ez 8,12 dürfte vielleicht doch mehr Resignation als ausgesprochene Gottlosigkeit im Spiele sein. Jedenfalls macht der Vergleich deutlich, daß die Sprecher sich deshalb von Gott verlassen fühlen, weil sie sich selber mit ihrem Tun isolieren und die Dunkelheit suchen.
Der Eindruck persönlicher Verantwortung der je angesprochenen Menschen verstärkt sich noch, wenn es im Folgenden heißt:
- „ein Jeder“ (12c). Trotz der Zahl von siebzig Personen handelt es sich für Ezechiel nicht um eine Massenversammlung, bei der viele nur einfach mitgezogen werden. Der gesuchten Heimlichkeit des Tuns entspricht auch ihr privater, eigenverantwortlicher Charakter. „Ein Jeder“ tut die genannten Dinge
- „in den Kammern“. Dieser Ausdruck wird bevorzugt von den innersten Privatgemächern eines Hauses gebraucht. Als Beispiel für viele diene Gen 43,30. Dort ist es der Ort, an den sich Joseph zurückzieht, um sich auszuweinen, nachdem er unter seinen Brüdern auch seinen Lieblingsbruder Benjamin wiedererkannt hat.
In Ex 7,28 wird dem Pharao die Fröscheplage angekündigt, die bis in seine Schlaf-“Kammer“ dringen würden. Dagegen wird durch die Kammern Schutz versprochen, wenn Jes 26,20 dem Volk rät, den Tag des Gerichts in den „Kammern“ an sich vorübergehen zu lassen. Als Ort der Intimität und Verwundbarkeit des Menschen begegnet die „Kammer“, wenn in den Simson-Erzählungen Delila ihn in einer solchen zu überlisten versucht, bis es ihr endlich gelingt (Ri 16,9.12). Ein seltsamer Rückbezug auf Ez könnte in Joel 2,16 vorliegen, wenn dort das Volk zu einer öffentlichen Versammlung zusammengerufen werden soll, um durch Buße den Herrn zum Ablassen seines Zorngerichts zu bewegen. Als besondere Volksgruppe werden dabei die Ältesten eigens genannt, nachdem sie bereits am Eingang des Buches in 1,2 als erste Adressaten zum Hören aufgefordert werden. In 2,16 werden noch zusätzlich Bräutigam und Braut erwähnt, wenn
- „heraustreten soll der Bräutigam aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Brautgemach“. In poetischer Sprache will damit der Öffentlichkeitscharakter der Versammlung unterstrichen werden, für den die Mitglieder auch ihre heimlichsten Orte verlassen sollen. Ob zufällig oder beabsichtigt, ergibt sich so auch hier die Zusammenstellung von „Älteste“ und „Kammern“, um damit in meristischer Sprechweise öffentliches Amt und persönliches Privatleben mittels der Brautmetapher als Teile des gesellschaftlichen Gesamtlebens einander gegenüberzustellen. In Ez 8,12 gelingt es den „Ältesten“ auch am Tempel nicht, ihre „Heimlichkeiten“ hinter sich zu lassen.
Aber die Kammern werden noch näher bestimmt:
- „in den Kammern seines Gespinstes“. Für ein Götzenbild aus Stein benutzt auch Lev 26,1 dieses seltene Wort, wo es gilt, den bildlosen Kult einzuschärfen. In übertragener Redeweise spricht dann der Ps 73,7 von den
- „den Gebilden des Herzens“, ebenfalls abfällig im Sinne von schlechten Plänen. Ez 8,12 setzt wie Lev 26,1 den äußeren Götzenkult voraus, trägt aber durch das Personalsuffix der 3. P. Sg., bezogen auf
, eine gewisse subjektive Note ein, die an die Herzensgespinste gemäß Ps 73,7 denken läßt. Die ganze Heimlichtuerei und privatistische Absonderung der Ältesten, wie sie hier beschrieben wird, steht im schreiendsten Gegensatz zu ihrer Aufgabe als Älteste und Repräsentanten des Volkes.
Durch
- „fürwahr“ (12d) eingeleitet, schließt sich das Part. Pl.
- „sie sagen“ an, das alles Folgende als Zitat aus dem Munde der Ältesten kennzeichnet. Die Ältesten sind damit als die Sprecher der Redensart hinreichend ausgewiesen, während die partizipiale Form des Verbs nicht auf einen einmaligen Ausspruch vorausdeutet, sondern auf eine wiederholte Äußerung, und damit auf eine grundsätzliche Haltung, soweit damit ins Wort gebracht.91
Die Redensart weist eine zweiteilige Form auf (Teil 1:12e; Teil 2: 12f). Es geht um die gegenwärtige Beziehung Gottes zu seinem Volk und seinem Land, die der Spruch prägnant ins Wort zu fassen versucht. Die Spruchteile sind in mancher Hinsicht parallel gebaut: Das Subjekt, durch den Gottesnamen ausgedrückt, steht jeweils an zweiter Stelle. Das unterschiedlich ausfallende Objekt dagegen beschließt den Satz und unterstreicht damit das Unterscheidende in der Aussage der Redeteile: einmal geht es um
- „uns“ (12e), also um die Ältesten oder, wenn sie mehr als sich selbst im Blick haben, die Bevölkerung, das andere Mal um
- „das Land“ (12f). Diesem parallelen Aufbau hält die chiastische Stellung des Verbs das Gleichgewicht. Steht das Verb
- „sehend“ im ersten Teil unmittelbar vor dem beschließenden Objekt und damit relativ am Ende, so steht
-„hat verlassen“ im zweiten Teil als erstes Wort ganz zu Beginn.
Untenstehende Graphik veranschauliche die teils chiastische, teils parallele Struktur der Redensart.

Wäre nicht das „uns“ als Objekt des ersten Teils, wie es im textus graecus originalis ja auch fehlt, die beiden Verben stießen direkt aufeinander. Die Wortstellung ist nicht das einzige, was die Verben entgegengesetzt erscheinen läßt. Sie unterscheiden sich daneben auch nach ihrer grammatikalischen Form. Handelt es sich im ersten Teil um ein Partizip innerhalb eines verneinten Nominalsatzes, so trifft man im zweiten eine finite Verbform im Perfekt an.
Das Partizip wird mit
(12e), der Konstruktus-Form von
, verneint. Diese Partikel drückt den Gegensatz zu
und damit ein Nicht-Vorhanden-Sein aus, gelegentlich wohl aber auch einfach ein Nicht-Gegenwärtig-Sein.92 In anderen Fällen dient sie auch einfach als Gegensatz zum meist weggelassenen Hilfsverb sein als der logischen Kopula eines Nominalsatzes.93 Im theologischen Sprachgebrauch wird damit von andern Göttern verneint, was das Wesen Gottes ausmachen soll. Dadurch wird indirekt entweder die Unvergleichlichkeit Gottes ausgedrückt, wenn es um das Ausmaß einer bestimmten Eigenschaft geht (in sog. Unvergleichlichkeits-Aussagen) oder die Einzigkeit Gottes, wenn eine bestimmte Eigenschaft ausschließlich für den Gott Israels beschlagnahmt wird, wie z.B. das Gott-Sein überhaupt. So weit, den von anderen Völkern verehrten Wesen überhaupt jede Existenz abzusprechen, geht das AT vor Ez bekanntlich noch nicht. Wohl aber werden sie aufgefordert, diese angemaßte Eigenschaft ihrer Göttlichkeit unter Beweis zu stellen. In Jes 43,13 ist es die Fähigkeit zu retten, die nur dem Herrn zugesprochen wird. In Dtn 4,35 dagegen geht es ums Gott-Sein selbst, denn Israels Gott läßt erkennen:
- „daß JHWH selbst der Gott ist und es besteht keiner außer ihm“. In Ez 26,21 wird damit das Einmal-Nicht-Mehr-Sein von Tyrus festgestellt:
- „dem Schrecken gebe ich dich, da wirst du nicht mehr sein.“94
Im Zusammenhang des Spruches in 8,12 zeigt sich, wie das „Sehen“ in einem spannungsvollen Verhältnis zu der von den Ältesten aufgesuchten Finsternis steht. Das Sehen setzt ja Licht voraus. Die Ältesten suchen also die Finsternis auf, weil sie nicht möchten, daß sie und ihre Taten gesehen werden. Gleichzeitig behaupten sie im Spruch, daß Gott gar nicht sehen kann, weil er angeblich das Land verlassen hat. Das würde allerdings vor Gott ihre Flucht vor dem Licht überflüssig machen. Sie begeben sich also in Widerspruch zu sich selbst. Beides befindet sich aber auch in Widerspruch mit der Visionserfahrung des Propheten in Kapitel 8 - 11. Dort erfährt er Gott gerade als Jemanden, der selber alles sieht, aber auch ihn, den Propheten, vieles sehen läßt, das normalerweise in unzugängliche Dunkelheiten gehüllt wäre.
Das Objekt des „Sehens“ wird auf
, auf „uns“, auf die Sprecher, bzw. die zugehörige Bevölkerung, eingeschränkt. Das zeigt, was ihnen wichtig ist. Sie sind zunächst an ihrem eigenen Schicksal, an ihrem persönlichen Verhältnis zu Gott interessiert. Erst im Anschluß wird dies mit dem Schicksal des Landes in Verbindung gebracht. Die Meinung, daß Gott das Land verlassen hat, wird wohl aus der Erfahrung der politischen Niederlage des Landes gebildet worden sein. Das Verhalten der Ältesten, sowie ihre Art und Weise zu sprechen, verraten, welche Konsequenzen sie für sich persönlich daraus gezogen haben.
- „das Land“ spielt in den Sprüchen bei Ezechiel eine große Rolle, da es öfters wiederkehrt. Die Sprüche in 11,15; 33,24; 33,10 (Plural!) zeigen das Land als Zankapfel bei Besitzansprüchen. In 36,2 ist der Besitzanspruch auf die Berge Israels bezogen, hat aber ähnlichen Inhalt. In 36,20 geht es wieder ums Verlassen, wenn die anderen Völker spotten, daß das israelitische Volk aus dem Land ausziehen mußte. Das Land erscheint damit immer als ein heiß umkämpfter Bezirk, der entweder in Besitz zu nehmen oder zu verlassen ist. Es ist ein Ort, an dem Völker mit ihren unterschiedlichen Götterkulten sich zeitweilig als geschichtsmächtig, zeitweilig als ohnmächtig erweisen. Somit ein Ort geschichtlicher Entscheidungen. Damit im Ezechielbuch aber auch ein Ort der Bleibe oder ein Ort, der verlassen werden muß.
Wie die Beispiele für den Gebrauch von „Land“ gezeigt haben, taucht im Zusammenhang mit ihnen auch die Wurzel
für „verlassen“ regelmäßig auf. Das Subjekt können die Menschen, meistens irgendwelche Völker, oder es kann Gott sein. Ez verwendet die Wurzel sonst oft negativ, um die mangelnde Bereitschaft, Götzen (20,8) oder Hurerei (23,8) zu verlassen, zu beschreiben. In 23,29 wird Ohola von den Buhlern nackt und bloß zurückgelassen, als Anspielung auf die Situation von Niederlage und Exil. Ein besonderes Schicksal des Exils wird in Ez 24,21 benannt:
- „die Söhne und Töchter, die ihr verlassen habt, durch das Schwert sollen sie fallen“; womit, modern gesprochen, jede Familienzusammenführung vereitelt wird. Insgesamt fällt gegenüber den anderen Schriftpropheten der bei Ez überraschend seltene Gebrauch dieser Wurzel auf, die so gern für den Abbruch der Beziehungen zwischen Gott und seinem Volk verwendet wird. Von den 6 Vorkommen entfallen allein 2 auf die parallel gebauten Redensarten 8,12 u. 9,9. Sedlmeier nimmt in der Vorstellung, daß Gott das Land verläßt, den Einfluß der altorientalischen Landgott-Vorstellung wahr.95 Laut Clark wäre Ezechiel der erste, bei dem Gott nicht nur das Volk, wie bei älteren Propheten in der deuteronomischen Schule und in einigen Psalmstellen, sondern ausdrücklich das Land verläßt. Weiter entwickelt käme diese Vorstellung dann bei Deutero-Jesaja (Jes 49,14) und Trito-Jesaja (Jes 60,15; 62,4) vor. Ezechiel würde damit in 8,12 eine bekannte Formulierung (Gott sieht nicht), mit einer noch relativ unbekannten verbinden. Vielleicht eine Vorgehensweise, die bei den Redensarten immer wieder anzutreffen, aber nicht immer gleichermaßen nachzuweisen ist.96
In 8,12 ist Gott Subjekt, wobei offengelassen wird, wie freiwillig oder erzwungen sein Verlassen des Landes ist. In jedem Fall werden die politischen Verhältnisse sehr eng als Ausdruck einer bestimmten Gottesbeziehung verstanden. Das Verlassen wird im Perfekt als einmalige, abgeschlossene Handlung beschrieben. Dieses Ereignis hat den Boden bereitet für den Zustand, den der vorhergehende Nominalsatz mit Partizip
- „sehend“ beschrieben hat:97 Gott scheint abwesend und nimmt darum von dem, was die Einzelnen tun, keine Notiz mehr. Diese glauben, sich selbst überlassen zu sein.
1. e) Exkurs: Die Bedeutung von „Sehen“ im Buch Ezechiel
Wie bei den großen Schriftpropheten überhaupt erfährt auch bei Ezechiel das Verb der Wurzel
einen ausgedehnten Gebrauch. Es kommt bei ihm 77mal vor (zum Vergleich: Jes 82mal; Jer 71mal).98 An vielen Stellen dient es dazu, das Visionserlebnis des Propheten zu schildern. Im Unterschied zum ähnlichen
, das den Visionsempfang überhaupt bezeichnet, um eine besondere Qualität des Geschehens zu unterstreichen, beschreibt
mehr den Verlauf dieses Geschehens im Einzelnen, vielleicht besonders das menschliche Erleben dabei. In diesem Sinne hat
eine stärkere anthropologische Komponente als
.99
In Ez 8 kommt dies dadurch zum Vorschein, daß mit ihm nicht nur die ganze Vision, sondern auch die einzelnen Abschnitte derselben eingeleitet werden. In 11,25 wird dann damit die gesamte Vision zusammengefaßt, wenn der Prophet den Exulanten berichtet,
- „all die Dinge JHWHs, die er mich sehen ließ.“
Merkwürdiger Weise scheint die Wurzel bei Ez oft eher eine abwertende Bedeutung zu besitzen. Den falschen Propheten wird vorgeworfen, „nicht gesehen zu haben“ (13,3), während sie
- „Falsches geschaut haben“ (13,6). 7,26 kündigt das vergebliche Aufsuchen einer belehrenden „Schau“ bei den Propheten an. Anders nur in 12,23-24, wo in Erwiderung auf die Redensart in 12,22 das Eintreffen der bezweifelten Schau betont wird, wobei der Akzent jedoch auf dem Dabar, dem Wortereignis, liegt.100
Im 8. Kapitel kommt
nicht weniger als 13 Mal vor, obwohl das Kapitel im ganzen nur 18 Verse zählt. Der Prophet ist stets das Subjekt dieses „Sehens“. Oft ist er es dabei in dem Sinn, daß er von Gott nach dem Geschauten gefragt wird (VV. 6.12.15.17), daß er aufgefordert wird, genauer hinzuschauen (V. 9), oder ihm versprochen wird, im folgenden noch gewichtigere Greuel zu sehen (VV. 6.13.15). Damit ist es in erster Linie Gott selbst, der sieht und sehen läßt. Die Aussage des Ältesten-Spruches in 8,12, daß der Herr nicht sieht, wird ad absurdum geführt. Gott erscheint als ein allsehender Gott, der auch das sieht, was im Verborgenen geschieht, was von den Ältesten bewußt auch vor den übrigen Volksgenossen verborgen gehalten wird.
Vordergründig handelt es sich jedoch um das „Sehen“ des Propheten, den Gott in der Vision an seinem göttlichen Sehen teilhaben läßt. Der Prophet erhält damit Einblick in den wahren inneren Zustand des Volkes, beispielhaft vorgeführt an dem Verhalten der für dasselbe Verantwortlichen, der Ältesten.
Was ist der Sinn dieses menschlichen Sehens? Im Zusammenhang des Großabschnitts Kapitel 8 - 11 hat die Tempelvision gewissermaßen die Bedeutung, die im 9. Kapitel sich anschließende Gerichtsschau zu rechtfertigen und zu begründen. Dem Abschnitt der Tempelvision im besonderen käme damit die Bedeutung der Scheltrede zu, durch die die Betroffenen zum Bewußtsein und zur Anerkennung ihrer Schuld gebracht werden sollen. Dieses geschieht hier nicht durch eine rhetorisch aufgebauschte Anklagerede, sondern durch die nüchterne, wiederholt an den Propheten gerichtete Aufforderung zu sehen, das Faktische einfach wahrzunehmen, das aus dem Verborgenen heraufgeholt wird, um die Betroffenen zu überführen. Dieses Sehen meint also nicht eine bloß oberflächliche Wahrnehmung der Wirklichkeit, sondern bereits ein tieferes Eindringen in dieselbe. Es soll nämlich nicht beim bloßen Sehen bleiben. Das „Gesehene“ bewirkt ein Verstehen, ein Ein-Sehen, das damit seinerseits zur Grundlage einer zukünftigen Entscheidung wird.
Ezechiels eigentümliches Verständnis vom „Sehen“ soll in einer syntaktischen Wortfeld-Analyse untersucht werden, die aufzeigt, in welchen grammatikalischen und syntaktischen Zusammenhängen das Verb „Sehen“ von der Wurzel
bei Ezechiel auftaucht. Es können dabei nicht alle Stellen berücksichtigt werden, sondern nur eine charakteristische Auswahl derselben.
a) Nicht-Sehen als Folge.

Die Beispiele für das Nicht-Sehen lassen erkennen wie der Prophet die Bedingungen für das natürliche Sehen auffaßt. Die Behinderungen des Sehens, die bis zum völligen Nichtsehen führen, können von äußerer Art sein, wie das Verdecken des Gesichtes oder die räumliche Entfernung, oder, wie im zuletzt aufgeführten Beispiel, an der geistigen Einstellung liegen.
Das in der Redewendung in Ez 8,12 voreilig angenommene NichtSehen Gottes hat seine unmittelbare Entsprechung in einem menschlichen Nicht-Sehen, von dem das 12. Kap. spricht. Wenn nämlich in Ez 12,6 der Prophet aufgefordert wird, in einer Symbolhandlung die zweite Deportation vorwegzunehmen, soll er zugleich das Gesicht verhüllen, damit er das Land nicht sieht. Damit entsteht eine ähnliche Verbindung zwischen „Nicht-Sehen“ und „Land“, wie in Ez 8,12. In 12,6 ist das Land direktes Objekt des NichtSehens, während in 8,12 das Nicht-Sehen Gottes die Menschen, die Sprecher, zum Objekt hat. Aber noch durch ein weiteres Stichwort ist 12,6 mit 8,12 verbunden. „In Finsternis“ soll der Prophet (und entsprechend der Fürst in 12,12) ausziehen. Das erinnert an das Treiben der Ältesten in der Dunkelheit und den geheimen Kammern in 8,12. Die Wortwahl ist freilich eine andere,
- „in der Dunkelheit“ in 8,12,
- „im Finstern“ in 12,6. Vielleicht soll damit die größere Unfreiwilligkeit der „Dunkelheit“ neben der selbstgesuchten in 8,12 hervorgehoben werden. Außerhalb des Ezechielbuches taucht
- „und Finsternis“ nur noch in Gen 15,17 auf, bei der durch ein Opfer beschworenen Landverheißung. Liegt ein bewußtes Aufgreifen des Ausdrucks vor, dann erscheint es fast wie ein zynischer Vergleich zwischen Landverheißung und Deportation aus dem Land. Abraham wird sonst im Ezechielbuch nur in 33,24 innerhalb einer anderen Redensart erwähnt, durch die die Jerusalemer die Abrahamsverheißung für ihre eigenen privaten Ansprüche geltend machen. 12,6 könnte dann wie eine vorweggenommene Wiederlegung dieser Redensart verstanden werden.
Jüdischen Auslegern des Mittelalters war das Nichtsehen in Ez 12,6 Ausdruck von Scham.101 Greenberg erwägt auch die Möglichkeit, daß damit ein Nicht-Wieder-Sehen-Können des Landes, also die Endgültigkeit des Exils für den König ausgedrückt wurde.102 Welcher von diesen Interpretationsmöglichkeiten man auch immer den Vorzug geben möchte, unabhängig davon ist der Rückbezug zu Kap. 8, der in Kap. 12 das Nicht-sehen als eine Umkehrung der Verhältnisse erscheinen läßt. Diejenigen, die Gott ein NichtSehen wegen Abwesenheit im Land vorhalten, werden selber das Land nicht sehen (oder nicht wieder sehen können) und es verlassen müssen, mag für das Sehen nun Scham (jüdische mittelalterliche Ausleger) oder Trauer (Zimmerli) oder etwas anderes die Ursache sein. Auch das zeigt schon, wie wichtig das Sehen für den Propheten ist, daß es überhaupt ein eigener Bestandteil einer symbolischen Handlung ist.
Von einer Vernachlässigung des rechten Sehens ist in 13,3 bei der Kritik der falschen Propheten die Rede. Von ihnen gilt, sie sind Propheten,
- „die ihrem eigenen Geist hinter her gehen und haben dabei nicht gesehen.“ Bei Propheten möchte man bei „Sehen“ am ehesten an Empfang von Visionen denken. Ezechiel hat aber wahrscheinlich ganz bewußt nicht die dafür zutreffende Wurzel
genommen, sondern eben die andere
, um so die anthropologische Komponente stärker zur Geltung zu bringen. Als Voraussetzung für das NichtSehen aufgefaßt, hätte das dem eigenen Geist Nachgehen die Folge, daß die Wahrnehmungsfähigkeit für Dinge, die über den eigenen Geist hinausgehen, entsprechend behindert wird. Insofern kein äußeres unabwendbares Hindernis vorliegt, ist diese Art des Nicht-Sehens zu einem großen Teil selbstverschuldet.
b) Sehen als Folge

Im Kapitel 16 sind es die Liebhaber der abtrünnigen Braut Jerusalem, denen Gott die Blöße derselben aufdeckt, so daß es dann in V. 37 heißen kann:
- „da sehen sie deine ganze Blöße.“ Man darf auch hier vermuten, daß mit dem Sehen nicht an die bloße Sinneswahrnehmung gedacht ist, sondern, daß die Liebhaber die Blöße bewußt als das wahrnehmen, was sie ist, daß sie auch das Spiel verstehen, daß mit ihnen getrieben wurde.
Die Entblößung verführt dazu, in diesem Umgang Gottes mit der Braut Jerusalem den Ausdruck patriarchalischer Überlegenheit und Gewaltausübung zu sehen. Tatsächlich scheinen kaum Beispiele einer solchen Entblößung im Fall von Frauen, die des Ehebruchs bezichtigt wurden, vorzuliegen. Daneben gibt es aber viele Bilddarstellungen von entblößten Kriegsgefangenen. Das hat Smith-Christopher zu der Vermutung veranlaßt, daß an dieser Stelle die Bildebene gewissermaßen verlassen, und durch die Entblößung das teils eingetretene, teils noch ausstehende Schicksal des Exils selbst beschrieben werde.103 Die geschilderte Entblößung steht damit für den äußersten Tiefpunkt innerhalb der allgemeinen Krise des Volkes.104
An den zwei andern Stellen ist Gott zwar nicht direkt Objekt des Sehens, dieses Sehen schließt aber zugleich das Erkennen mit ein, daß Gott gehandelt hat, daß er an dem zu Sehenden unsichtbar mitgewirkt hat. In 21,4 steht zu lesen:
- „Und alles Fleisch wird sehen, daß ich, JHWH, es [das Feuer] entzündet habe.“ Und in 39,21:
- „Und alle Völker werden sehen mein Gericht.“
Diese Verwendung von
wird dadurch ermöglicht, daß seine Bedeutung sich mit derjenigen von
berührt. Zuweilen werden sie fast synonym gebraucht. Das ist z.B. nach Zimmerli neben Ez 21,4 auch in 39,21 der Fall, wo er jeweils eine Entsprechung zum Erweiswort gegeben sieht, d.h. zu jener Erkenntnisformel mit dem Wortlaut: „sie werden erkennen, daß ich der Herr bin.“105 Im Unterschied zu
kann man vielleicht auch hier, ähnlich wie im Unterschied zu
, behaupten, daß mit
weniger das Ergebnis des Erkennens als solchen gemeint ist, als vielmehr der menschliche Vorgang, durch den es zu einem solchen Erkennen kommt.
Dabei werden die beiden Wurzeln jedoch nie so schroff entgegengesetzt wie es bei dem P zugeschriebenen Vers in Ex 6,3 der Fall ist, der Gott zu Mose sagen läßt, er wäre zwar den Vätern erschienen (
- „ich erschien“, Nifal
), hätte sich aber nicht mit seinem Namen zu erkennen gegeben (
- „ich ließ mich nicht erkennen“, Nifal
). Immerhin ist auch hier die Entgegensetzung nur relativ, weil doch zugleich gesagt sein soll, daß die Väter bereits auf dem richtigen Weg waren. Daß auch für P
oft ein tieferes Sehen bedeuten konnte, belegt der Schöpfungsbericht, wenn es hier von Gott selbst in regelmäßigen Abständen heißt:
- „da sah Gott, daß es gut war“ (z.B. Gen 1,10), bis es nach der Erschaffung des Menschen heißen kann:
- „und Gott sah all das, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31).
c) Sehen als Voraussetzung.



Bei den hier aufgeführten Beispielen kommt Ezechiels eigentümliche Auffassung vom Sehen am deutlichsten zum Tragen. Das Sehen erscheint hier als ein Wahrnehmen von Zusammenhängen, die nicht unmittelbar auf der Oberfläche liegen, und deshalb ein tieferes Eindringen und Hineinschauen in die wahrgenommenen Dinge erfordern. Entscheidendes Kriterium für die Reihenfolge der Stellen in der Besprechung ist die Frage, was zwischen dem Sehen und der Folgehandlung passiert, das in der Regel nicht ausgesprochen, aber gedanklich vorausgesetzt wird.
Manchmal ereignet sich der Schritt vom Sehen zum Erkennen unmittelbar, ohne daß eine Zwischenstufe ausdrücklich benannt wird. Ez 10,20 spricht aus, wie der Prophet in seiner Vision von der Herrrlichkeit Gottes, wie sie die vorhergehenden Verse beschreiben, in den Kerubim die Lebewesen aus der ähnlichen Vision in Kap. 1 wiedererkennt.
- „Das sind die Lebewesen, die ich gesehen habe unterhalb des Gottes Israels am Fluß Kebar, da erkannte ich, daß Kerubim sie selbst sind.“ Die durch Sehen und Erinnern identifizierte Übereinstimmung von zwei auf den ersten Blick unterschiedenen Größen (Kerubim, Lebewesen) erfüllt, wie Ruwe deutlich gemacht hat, eine doppelte Funktion. Einmal erkennt der Prophet in Tempelnähe bzgl. der Vision etwas, das ihm vorher entgangen ist: die Identität der Kerubim mit den Lebewesen; zum andern werden die Kerubim dem Gebäude des Tempels entfremdet, indem sie mit dem Thronwagen aus dem Tempel ausziehen.106 Ein ungeheuer komplexes Spannungsgeflecht zwischen Erfahrungen im Exil und Erfahrungen am Tempel - wie immer auch durch Visionen vermittelt - ist damit ausgesprochen. Das Sehen leitet hier etwas ein, was man als Wesenserkenntnis beschreiben könnte. Die visionäre Erscheinung des Wagens mit den Lebewesen wäre für sich nichtssagend, wenn nicht durch tieferes Sehen auch deren Sinn und Bedeutung hervorträte. Auf diese Weise deutet die Stelle an, welche Art des Sehens den im 13. Kapitel gescholtenen Propheten gefehlt haben könnte. Diese konnten dann auch irgendwelche Visionen und Erleuchtungen haben, konnten sie aber nicht richtig einordnen, weil ihr menschliches Sehen und Deuten von einer falschen Motivation verdorben war.
Wenn Ez 14,22 das Schicksal der zweiten Deportation vorwegnimmt, heißt es an die Adresse der Betroffenen der ersten Deportation, die die aus der zweiten aufzunehmen haben werden:

- „da werdet ihr ihre Wege sehen und ihre Taten und werdet euch trösten über das Böse, das ich über Jerusalem brachte.“ Auch hier geht das Sehen einem Verhalten voraus. In V. 22 ist es das Sich-Trösten. In V. 23 folgt dann noch, einen Schritt weiter gehend, das Erkennen Gottes im Sinne der Erkenntnisformel.
Objekt des Sehens sind die „Wege und Taten“ der Jerusalemer, die den Exulanten durch die erneute Deportation Überlebender sichtbar werden; damit also etwas, das ein sittliches und religiöses Urteil herausfordert. Es ist ein Urteil, das den Betroffenen freigestellt wird. Sie sollen nicht durch eine Argumentationskette überzeugt werden, sondern durch das, was sie mit eigenen Augen wahrnehmen können. Wie das Sehen Verstehen ermöglichen und die Fähigkeit verleihen soll, sich ein eigenes Urteil zu bilden, wird hier besonders deutlich. Denn mit dem Trost, mit dem sich die schon Exilierten über die Zerstörung Jerusalems hinweghelfen, ist die Einsicht in Sinn und Berechtigung dieser als Gericht zu verstehenden Katastrophe mitgedacht. Die Gotteserkenntnis wäre die höchste Stufe in diesem Verstehensprozeß, der gemäß der ez Theologie vom Sehen den Ausgangspunkt nimmt.
Im 18. Kap. wird das „Sehen“ zum Anlaß einer Verhaltensänderung innerhalb einer kasuistisch wirkenden Beispielreihe. Bei diesem Generationenvergleich zu Beginn des Kapitels, der deutlich macht, daß die Eingebundenheit in eine Familie die eigene freie Willlensentscheidung nicht behindern muß, leitet ein solches „Sehen“ bei dem „guten“ Sohn in V. 14 die Entscheidung ein, sich nicht an das trügerische Beispiel des „schlechten“ Vaters zu halten:

„Und siehe, er zeugt einen Sohn und der sieht alle Sünden seines Vaters, die er tut, er sieht sie und tut nicht ihnen entsprechend.“
Damit ist auch hier das Sehen kein gleichgültiges, neutrales Beobachten, sondern die Voraussetzung für ein geistiges Urteil, dem eine persönliche Entscheidung für das eigene Handeln folgt.
In 18,28 verhält es sich ganz ähnlich, nur daß hier der einsichtige Sünder die eigenen Taten sieht, wie trotz fehlender ausdrücklicher Benennung des Objekts anzunehmen ist, und dadurch zu einer Kehrtwende in seinem Leben bewogen wird.
Im 23. Kap. hat, im Gegensatz zum 18., wo das „Sehen“ des Schlechten Anlaß zu Besinnung und Umkehr wird, dieses „Sehen“ bei der Jerusalem verkörpernden Oholiba den umgekehrten Erfolg. Von ihr heißt es in V. 11:
- „da sah Oholiba ihre Schwester“, das heißt wohl, sie sieht sowohl die Taten, als auch das Schicksal ihrer Samaria verkörpernden Schwester Ohola. Dennoch treibt sie es noch schlimmer. Das Sehen führt also nicht automatisch zu einer Sinnesänderung, sondern stellt nur vor die bewußte Entscheidung. Damit erhöht sich die Schuldhaftigkeit des Verhaltens, wenn die Chance, aus dem Beispiel der Schwester zu lernen, nicht ergriffen wird. Dies Beispiel macht auf die erstaunliche Tatsache aufmerksam: das Sehen ist zwar notwendig zu einem Sinneswandel, für sich allein genügt es aber noch nicht. Es muß immer noch die freie Willensentscheidung hinzukommen. Diese vier entscheidenden Stellen: 14,22; 18,14; 18,28; 23,11 sind alles Stellen, an denen das Sehen eine moralische Bewertung herausfordert, die ihrerseits den, der sieht, vor die Notwendigkeit einer eigenen Entscheidung stellt.
Von dem zu Sehenden geht oft eine Warnung aus, wie sie in 33,1-9 der Prophet als Wächter vermitteln soll. Es stellt den Menschen vor eine Wahl und macht dem Einzelnen sowohl die Freiheit zu wählen, als auch die mit einer getroffenen Wahl verbundenen Konsequenzen bewußt. Man möchte bei Verwarnung zunächt an Worte denken, die zu hören waren. Aber ein Prophet wie Ezechiel hat auch viel durch Symbolhandlungen gewirkt, bei denen es zunächst, bevor eine Erklärung folgte, nur etwas zu sehen gab (Vgl. z.B. 12,1-7; 37,15-17). Aber auch viele seiner Reden bedienen sich der Bildworte, wie sie sich an eine sinnenfrohe Phantasie wenden. Der ganze Abschnitt 33,1-9 kann in gewisser Hinsicht als paradigmatisch für das Verhältnis von Sehen und Hören aufgefaßt werden: das anrückende Schwert wird gesehen; die weitergegebene Warnung davor wird gehört. Damit erhält das prophetische Sehen eine größere Exklusivität gegenüber dem Hören. Denn weit sehen vermag hiernach nur der auf einen besonderen Posten gestellte Wächter, der Prophet, während das Zuhören für alle gilt.
In 16,6 ist es Gott selbst, der bei seinem Vorübergang das Findelkind sieht:
- „da sah ich dich zappelnd in deinem Blut.“ Das Sehen läßt hier vordergründig die Not und Hilflosigkeit der als Findelkind angeredeten zukünftigen Braut erkennen. Damit wird das „Sehen“ hier ebenfalls zum Anlaß für eine Entscheidung, ein bestimmtes Handeln. Nur daß hier, wo es sich um die Gottheit selber als Subjekt des Sehens handelt, kein Entscheidungszwang vorliegen kann, sondern reine Entscheidung in Freiheit. Was Gott dabei an-“sieht“ ist hier noch nicht Sünde oder verkehrtes Verhalten, sondern das Elend und die Verlassenheit. Vielleicht sieht er aber auch in seinem erwählten Geschöpf etwas von den innerlich angelegten Möglichkeiten. Das An-Sehen wird dabei zum Anlaß einer Berufung. Gott beobachtet mit seinem Sehen die weitere Entwicklung in V. 8:

- „da ging ich an dir vorüber und sah dich, und siehe deine Zeit, die Zeit der Liebe.“ Gott sieht erneut die durch die Metapher „Liebe“ angedeuteten Möglichkeiten, die dem Entwicklungsstadium der jungen Frau entsprechen. In Ez 23,13 geschieht es ihm mit Oholiba, der Schwester von Ohola:
-“da sah ich, daß sie sich verunreinigte“. Ein Sehen, das den wahren Zustand und die dadurch zerstörte Beziehung offenbart und damit die Ankündigung und Rechtfertigung des Gerichts vorbereitet.
Eine scheinbar neutrale Stelle findet sich in 19,11. Von dem Weinstock, der unmittelbar vorher mit der wahrscheinlich das Königshaus Juda vorstellenden Löwenmutter identifiziert wurde, heißt es hier:
- „da wurde er gesehen bei seiner Höhe und bei der Menge seiner Zweige.“ Gleich im Anschluß wird V. 12 ohne weitere Begründung das Gericht an diesem gut gediehenen Weinstock vollzogen. Da der Umschlag von Aufstieg und Fall so abrupt erfolgt, schwingt auch hier in der Bedeutung nachträglich so etwas wie das Sichtbar-Werden von Hochmut mit. Gesehen-Werden hat etwas mit Preisgabe, Sich-Aussetzen, Risikobereitschaft zu tun. Wie das aktive Sehen eine Entscheidung ermöglicht und herausfordert, so fordert das Sich-Zeigen, Sich-Sehen-Lassen das Schicksal heraus.
Unter den Vergleichsstellen im Ezechielbuch sind es folgende Stellen, an denen das Sehen das Wahrnehmen und Erkennen von etwas Schlechtem, Sündhaftem beschreibt. Die erste Stelle in 12,3 ist etwas zweifelhaft und daher nicht in die Tabelle mit aufgenommen worden. Der Prophet wird aufgefordert, das noch einem Teil der Verbliebenen bevorstehende Schicksal der Verbannung in einer Symbolhandlung vorzuführen.
- gewöhnlich übersetzt als „vielleicht sehen sie, denn sie sind ein widerspenstiges Haus“. „Sehen“ bezöge sich dann vordergründig auf die Symbolhandlung als Objekt. Die Betonung der Widerspenstigkeit des Volkes wäre eine Einschränkung, die das „vielleicht“ zu Beginn rechtfertigt. Im Sinne von: „Vielleicht sind sie so widerspenstig, daß sie nicht einmal …“ Man könnte das
hier aber auch als Einleitung eines Objektsatzes verstehen und dann übersetzen: „Vielleicht sehen sie, daß sie ein widerspenstiges Volk sind.“ Dann würde hier die Form von
ein Sehen bedeuten, das ein Einsehen, ein Erkennen auf dem Weg zur richtigen Selbsterkenntnis ist. Parallelen zu ähnlichen Stellen wie Ez 4,27 möchten die Ursache sein, warum diese Stelle wahrscheinlich von noch keiner Übersetzung als Objektsatz aufgefaßt wurde.
Sehr merkwürdig ist die Stelle in 21,29. Als Begründung für das angedrohte Gericht heißt es dort:

„Daher, so spricht der Herr, JHWH, weil ihr denken laßt an eure Fehler, wenn eure Übertretungen offenbar werden, so daß die Sünden an all euren Taten gesehen werden, weil eurer gedacht wird, werdet ihr handgreiflich gefaßt werden.“
Es genügt offensichtlich nicht, nur vom Gesehenwerden der Handlungen zu sprechen, es muß noch eine besondere Qualität an diesen Handlungen unterschieden werden, die sie erst zu Sünden macht und für die es darum eine tiefergehende Wahrnehmung braucht. Das Gericht wird durch den König von Babylon vollstreckt, der eine Leberschau vornehmend vorgestellt wird, die ihm den nächsten Zielpunkt für sein Heer zeigen soll. Das judäische Königshaus schien sich darauf zu verlassen, daß ein heidnischer Herrscher wie der König von Babylon nur ein falsches Orakel bei einer solchen Leberschau erhalten könnte. Doch auch ein solches kann Gott dazu dienen, die Sünden des eigenen Volkes zu offenbaren und damit zu strafen.
An den Stellen 19,11 und 21,29 ist das Subjekt des Sehens anonym. Man darf zwar annehmen, daß es letztlich Gott ist, der sieht, daß aber zugleich an eine unbestimmte Öffentlichkeit gedacht ist, die er als Zeuge für die Notwendigkeit eines Gerichtes in Anspruch nimmt, wie solches bei Gerichtsworten in ausdrücklicher Form - etwa als Anrufung der Berge, des Himmels, oder anderer stummer Zeugen der Natur - nicht selten ist.
In 23,14 ist es ein bestimmtes Sehen, das Oholiba zur Versuchung wird:
- „da sah sie Männer geritzt auf die Wand, Bilder der Chaldäer“. Die Formulierung erinnert mit den geritzten Bildern an die Tempelvision in Kap. 8.
Ez 20,28 ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie bei Ezechiel das Sehen oft einer in freier Entscheidung gewählten Handlung vorangeht:
- „da sahen sie jeden erhöhten Hügel und jeden belaubten Baum und opferten dort ihr Opfer.“ Dabei könnte es sich um einen Rückbezug auf Dtn 12,13 handeln, wo das Opfern verboten wird
- „an jeder Stätte, die du siehst“. Doch hier ist das Sehen nur in einem angehängten Relativsatz enthalten und bräuchte nicht unbedingt ursächlich für das falsche Handeln zu sein. Anders dagegen bei Ez 20,28, wo ähnlich, wie in den Beispielreihen von Kap. 8, das Sehen im Hauptsatz den nachfolgenden Handlungen bewußt vorangestellt wird, um so deutlich zu machen, daß es für sie zum Anlaß wird.107 Daß die Stelle also, auch wenn sie wirklich auf Dtn 12,13 zurückweisen sollte, im Sinne des im Ezechielbuch herrschenden Verständnisses vom Sehen umgeformt worden ist, scheint offensichtlich.
Nach Hahn und Bergsma könnte auch eine bewußte Anlehnung an deuteronomischen Sprachgebrauch vorliegen, um so den Gegensatz zur Gesetzgebung des Dtn fühlbarer werden zu lassen. Mit den „unguten Gesetzen“ in V. 25 würde dann gerade auf diese Gesetzgebung angespielt, die sich aufgrund des laxeren Verhältnisses zum Kult vom Heiligkeitsgesetz unterscheidet. Der Gebrauch des Lokaladverbs „dort“ diene dazu, Beziehung und Gegensatz deutlich zu machen.108
Allen genannten Vorkommen ist gemeinsam, daß das „Sehen“ einer persönlichen Entscheidung vorausgeht, einer Entscheidung, die immer eine Entscheidung für oder gegen etwas oder Jemanden ist. Dabei werden verschiedene Möglichkeiten ausgeschöpft. Es kann die Entscheidung Gottes sein, mit seinem Volk einen Bund zu schließen, es kann die Entscheidung zur Fällung oder Aussetzung eines Gerichtsurteils sein, es kann auf Seiten der Gläubigen die Entscheidung für oder gegen schlechte oder gute Beispiele sein. Gott selbst bleibt als der allsehende, immer zugleich der Unsichtbare, der nicht gesehen werden kann, von dem man sich kein Bild machen kann. Daran ändert auch die großartige Vision der Gottesherrlichkeit nichts, die dem Propheten geschenkt wird, aber nie Gott selbst unmittelbar sehen läßt. Die Beziehung zu ihm wird daher nie durch das rein natürliche Sehen als solches hergestellt oder erhalten, wohl aber durch ein kontrolliertes Sehen, das nicht allen Eindrücken nachgibt und Raum läßt für jene Wirklichkeit, die über das Sichtbare hinausgeht. Das ist allerdings ein Sehen, das an tiefere, verborgene Schichten dieser Wirklichkeit teilhaben läßt. Ein Sehen, das von der äußeren Tatsächlichkeit getroffener Entscheidungen „ab“-sieht und statt dessen „hin“-sieht auf jenen geistig sittlichen Bereich der Freiheit, in dem Entscheidungen erst getroffen werden müssen.
Weitet man den Blick über das Ezechielbuch hinaus, so bietet sich der weisheitliche Gebrauch der Wurzel bei Kohelet als Parallele an. Bei ihm ist sie die umfassende Wahrnehmungsart, mit der der Weise zu seinen Lebenserfahrungen kommt, um sie zu sammeln und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Am programmatischen Vers 1,14 läßt sich diese Tendenz ablesen:
- „Ich sah alle Taten, so unter der Sonne getan wurden. Und siehe: Das alles ist Windhauch und Weben der Luft.“ Auch hier bereitet das Sehen den Boden für etwas anderes. Nur daß dieses Andere keine freudige Entscheidung zur Tat ist, sondern ein resignierter Weisheitsschluß.
Man könnte vier Stufen unterscheiden in dem durch das Sehen ermöglichten Wandlungsprozeß nach Ez:
1. Das Sehen, das ein bestimmtes Urteil unumgänglich macht.
2. Reflexion über Behinderung oder Erleichterung eines rechten Sehens.
3. Die Veränderung einer bestimmten Verhaltensweise oder Einstellung, die das Urteil herausfordert.
4. Die rechte Gotteserkenntnis als höchstes Ziel.
In 8,12 ist von einem Nicht-Sehen die Rede: Gott sieht nicht die Sprechenden. Der Grund ist seine fehlende Gegenwart im Land. Diese macht sein Sehen unmöglich. Er kann nach Meinung der Sprechenden nicht sehen. Dieses Sehen bzw. Nicht-Sehen-Können ist im Verständnis der Sprechenden ein äußerlicher Vorgang, der die unmittelbare Gegenwart voraussetzt. Als Antwort auf diese Meinung der Sprecher kehren sich im Ezechielbuch im Gefolge die vermeinten Verhältnisse in ihr Gegenteil um. Nun ist es Gott, der alles sieht, weil er alles durchschaut, und im ez Sinne alles versteht. Das Nicht-Sehen in 12,6 drückt symbolisch die Blindheit des Fürsten und mittelbar auch des ganzen Volkes aus. Das Volk sieht nicht, weil es nicht versteht, und, wenn man Odell folgt, in gewisser Weise auch nicht gegenwärtig ist, indem es sich hinter Ersatzriten zurückzieht, um auch einer persönlichen Entscheidung auszuweichen, wie sie aus einem richtigen Sehen erfolgen müßte.
Das Interessante hierbei ist, daß Sehen und Verstehen in eine besondere Beziehung zum Land gesetzt werden. Für die Sprecher der Redensart in 8,12 ist die Gegenwart Gottes im Land Bedingung und Voraussetzung für das Sehen und Wahrnehmen des religiösen Kultes. Durch die prophetische Antwort wird auch dieses Verhältnis umgekehrt: Das Sehen und Begreifen der eigenen Schuld, sowie die Einsicht in das einzig wahre Gottesverhältnis wird zur Voraussetzung für die Rückkehr ins Land und den wesentlichen - nicht bloß zufälligen - von Gott gewährten Besitz des Landes. Was erst Voraussetzung war - die Gegenwart im Land - wird selbst, auch für das Volk, infrage gestellt, und muß seinerseits erst Ziel und Gegenstand einer Neu-Vergewisserung werden, die durch neu erlerntes Sehen und Verstehen ermöglicht wird.
1. f) Die Sinnkrise des Volkes
Die Ältesten reihen sich mit ihrem bemerkenswerten Spruch in eine Folge unterschiedlicher Situationen und Vorgänge ein, an denen ganz unterschiedliche Menschen beteiligt sind. Nur die
- „die Ältesten des Hauses Israel“ erhalten eine Bezeichnung, die historisch einzuordnen ist. Ob aber wirklich mit ihnen an eine bestimmte historische Gruppe gedacht ist, bleibt trotzdem fraglich.
Die einzige mit Namen genannte Person unter ihnen, Jaasanja, Sohn Schafans, ist nicht ermittelbar. Die weinenden Frauen, wie die 25 Männer mit dem Rücken zum Tempel, die auf die Ältesten folgen, bleiben jeweils anonym. Das Götzenbild am nördlichen Eingang, das vorher erwähnt wird, steht für sich allein ohne anwesende Personen.109 Historisch verifizierbare Angaben sind also in der Komposition so gut wie nicht enthalten,110 oder wenigstens schwer nachweisbar.
Es konnte ein mit der Ältesten-Gruppe verbundener Bezug zur Sinai-Offenbarung und zum Ruf des Mose nach einem prophetischen Volk wahrscheinlich gemacht werden. Das Exil wird damit indirekt mit der Wüstenwanderung verglichen. Das Verhalten der Ältesten führt exemplarisch vor Augen, wie weit das Volk noch von dem Ideal eines solchen prophetischen Volkes entfernt ist und damit von der Möglichkeit eines zweiten Exodus. Auf der anderen Seite soll eben gerade diese Möglichkeit allmählich vorbereitet werden.
Mit Hilfe von Bildern und Szenen in einer dichterisch kunstvoll ausgearbeiteten Komposition bringt der Prophet zur Anschauung, wieviel Widersprüchlichkeiten und Unwahrhaftigkeiten in der Anhänglichkeit an den Tempel zusammenkommen können. Diese durch den Tempel vermittelte Gottesbeziehung also, die zwar geschichtliche Vorgänge begleitet, aber nicht unmittelbar an ihnen ablesbar ist, ist dasjenige Element, worin die Sprechersituation am ehesten zu suchen ist. Der Tempel ist auch der „Ort“, an dem das Gericht beginnt, um von dort weiter auszustrahlen (9,6). Der Wechsel von Haus Israel (8,11 u. 8,12) zu Haus Juda (8,17), sowie ihre gemeinsame Nennung in 9,9 läßt sich am ehesten als das literarische Stilmittel erklären, durch komplementäre Ergänzung die Gesamtheit des Volkes hervorzuheben. Im 11. Kapitel wird die Erzählung zumindest dem Anschein nach historischer.
Das einzige Gewisse, was gesagt werden kann, ist, daß Ezechiel exemplarische Verhaltensweisen des Volkes durch die Vision in räumlicher Nähe zum Tempel geschehen läßt. Bei einer so vorsichtigen Formulierung bleiben verschiedene Möglichkeiten gewahrt. Das exemplarische Verhalten läßt sich sowohl als einheitlicher Ritus, als auch als Abfolge einzelner völlig selbständiger Handlungen verstehen. Neben der häufig genannten Möglichkeit, daß Ez in Jerusalem geschehene Dinge durch die Vision mit dem Exil verbindet, ist auch grundsätzlich mit der weniger oft genannten Möglichkeit zu rechnen, daß er Exilserfahrungen (Tammuz-Verehrung!, sonst nirgendwo im AT erwähnt) nach Jerusalem projiziert.
Das Geschehen am Tempel mit seiner Zusammenschau von Handlungen, die an verschiedenen Orten des Tempels stattfinden und das möglicherweise gleichzeitig, trägt auch in sich den Charakter einer Vision. Die mit der Versetzung nach Jerusalem begonnenen Raumwechsel pflanzen sich weiter fort. Man weiß nicht, wie man sich das ganze Geschehen ohne diesen visionären Rahmen vorstellen sollte. Denn dieser hält nicht nur Jerusalem und Exil zusammen, sondern verbindet auch innerhalb Jerusalems die einzelnen Abschnitte. Keels Feststellung, daß bei Ez die räumliche Komponente die zeitliche überwiege111, wird vielleicht nirgendwo sonst so deutlich wie in der Visionseinheit 8-11. Der Charakter der ganzen Vision ist so gehalten, daß zugunsten einer konsequenten räumlichen Bewegung die zeitlichen Gesetze zumindest stellenweise außerkraft gesetzt oder relativiert werden.
Die Redensart in 8,12 ist dabei so allgemein formuliert, bedient sich einer so einfachen und klaren Sprache, drückt eine mögliche Empfindung der Zeit so direkt aus, daß zu vermuten steht, daß sich nicht nur die Ältesten, sondern überhaupt weite Teile der Bevölkerung darin wiederfinden konnten. In ihrem Inhalt läßt diese Redensart keinen Gegensatz zwischen Jerusalemern und Exulanten erkennen. Sie wird zwar nur in Jerusalem ausgesprochen, doch die Sprecherbezeichnung „Älteste“ schlägt die Brücke auch zu den Exulanten, unter denen sich auch Älteste befinden, wie 8,1 erkennen läßt. Während die Redensart 8,12 liturgisch verankert ist, wird die Variante 9,9, wie noch ausführlicher zu zeigen sein wird, in einen sozialkritischen Zusammenhang gerückt. Diese räumliche, personelle und inhaltliche Variabilität der Redensart befähigt sie, die Thematik auszusprechen und einzuführen, die das Volk bewegt. Hier geht es nicht mehr bloß um Gerichtsankündigung, hier kommen Menschen zu Wort, die bereits Gericht an sich erfahren haben und nun nach dessen Sinn und der weiteren Zukunft fragen. Es sind nicht bloße Einzelstimmen, die sich hier melden, es ist letztlich das Volk selbst, das nach der äußeren Katastrophe auch in eine innere Sinnkrise gerät, durch die nichts weniger als die eigene Identität auf dem Spiel steht. Die Frage, deren Beantwortung durch diese Redensart wie alle weiteren notwendig gemacht wird, ist die, wie das Volk nach seinen Niederlagen und Verlusten einerseits noch als Volk überleben und andererseits die Beziehung zu JHWH wiederfinden kann, von dem es sich verlassen glaubt.
Die Redensart benennt die drei Hauptagenten, die in den Wirren die tragenden Konstanten bleiben: JHWH, Land, wir (=Volk). Die innere Entfremdung von Gott infolge der politischen Niederlage hat nun auch in religiöser Beziehung eine gewaltige Lücke hinterlassen, die durch irgendetwas ausgefüllt werden mußte. Der Prophet hat es nicht mit religiös gleichgültigen, verweltlichten Menschen zu tun, sondern im Gegenteil mit Menschen mit einem allgemeinen religiösen Bedürfnis, das sich einen anbetungswürdigen Gegenstand sucht. Von diesem Gegenstand erhoffen sie eine Verbesserung ihrer Situation, nachdem sie sich in der Hoffnung, die sie auf JHWH gesetzt haben, enttäuscht sehen.
Für das Empfinden des Volkes, so verdeutlicht die Redensart, bedeutet die politische Niederlage, daß Gott das Land verlassen haben muß. Auch der Prophet berichtet innerhalb der Vision, wie die Herrlichkeit Gottes den Tempel verläßt, allerdings aus freiem Entschluß und nicht aufgrund einer Niederlage, sondern abgestoßen von dem götzendienerischen, ungerechten und verantwortungslosen Treiben in Tempelnähe. Dies mindert aber gerade nicht seine Gegenwärtigkeit (u.a. auch im Gericht), sondern läßt sie außerdem Formen annehmen, durch die auch die Verbannten an ihr teilhaben können.
Der Inhalt der Redensart ist so gehalten, daß er einen spannungsvollen Gegensatz zum übrigen Visionsgeschehen aufbaut. Der Spruch läuft auf das Land als Zielwort zu. Darin zeigt sich, welchen Vorrang für das Volk das Politische hat. Der Tempel wird im Spruch nicht erwähnt. Nichts an ihm deutet darauf hin, daß er in Tempelnähe seinen ursprünglichen Ort hat. Die Vision dagegen versetzt den Propheten unmittelbar an den Tempel und läßt vom Land ihrerseits so gut wie nichts sehen. Für den Propheten hat ebenso sicher das Religiöse um seiner selbst willen den Vorrang, und nicht als Mittel zur Erreichung eigener Interessen. Die Redensart spricht von Gott als von einem Gott, der nicht sieht, weil seine Gegenwärtigkeit in den Nöten der Zeit vermißt wird. Gleichzeitig werden die Sprecher vorgeführt wie Menschen, die gar nicht gesehen werden wollen und das Dunkel heimlicher Gemächer aufsuchen. Dem allen gegenüber erscheint Gott in der Vision als ein Alles sehender Gott, vor dem das Dunkelste und Geheimste nicht verborgen bleibt. Für das Volk in der Redensart bedeutet die Niederlage im Lande, daß Gott ein ohnmächtiger Gott ist, der das Land verlassen und damit sein Volk preisgegeben haben mußte. Statt dessen zeigt die Vision einen Gott, der nicht nur im Himmel einen von seinem irdischen Wohnsitz unabhängigen Standort besitzt, sondern der auch auf der Erde sich frei und unabhängig von den Menschen bewegen kann und infolge dessen so etwas wie eine Allgegenwart besitzt.112
Zimmerli hat 8,12 u. 9,9 als rein illustrierende Redensarten eingestuft.113 Die genauere Analyse zeigt aber, daß auch sie in einen weiter zu fassenden dialogischen Zusammenhang einzuordnen sind. Die Antwort erfolgt nicht in Form einer Rede mit einzelnen Argumentationsschritten, sondern in dem umgebenden Visionsgeschehen selbst, das ohne viel rhetorischen Aufhebens der Wirklichkeitsdeutung in den Redensarten den Spiegel vorhält.114 So wird schon hier bei der Besprechung der ersten Redensart der Verdacht geweckt, daß die Redensarten auch über den beschränkten Rand unmittelbarer Hin- und Widerrede hinaus tiefer mit dem allgemeinen Gang des Buches verbunden sind, als dies bisher wahrgenommen, oder zumindest dargestellt wurde.115 Das abschließende Gericht ist über das Land noch nicht hingegangen. Erst nach diesem Gericht, das die Exilierten nur noch aus sicherer Entfernung wahrnehmen, wird an eine Rückkehr ins Land und an eine Wiederherstellung des Volkes zu denken sein.
49 Nach Prüfung aller bisherigen Erklärungen dieses Verstummungsbefehls, der den Propheten doch nicht buchstäblich verstummen läßt, kam seinerzeit R.R. Wilson, „An Interpretation of Ezekiel’s Dumbness“, 101, zu dem Ergebnis, ihn so zu verstehen, daß Ezechiel kein Mittler mehr zwischen Volk und Gott sein durfte: „In this dispute Ezekiel is forbidden to be a mediator. He can no longer promote dialogue between the two parties. He can no longer intercede with Yahweh on behalf of the people to make sure that they receive a fair trial. He can no longer argue the people’s case with Yahweh. The implication of iii 26 is that in the dialogue which Yahweh carries on with his people through the prophet, communication can now move in only one direction: from Yahweh to the people.“ Pohlmann interpretiert den Verstummungsbefehl als durch die Diaspora-Redaktion nachträglich eingefügte Abwertung der ersten Golah. Vgl. K.-F. Pohlmann, Hesekiel, 77: „Die Erstexilierten sind keine von Jahwe bevorzugte Sondergröße; in keiner Weise stehen sie vor Jahwe besser da als das sonstige Israel.“ Er sieht hierin einen Bezug zur Weigerung Gottes, auf die Befragung durch die Ältesten einzugehen: „Deswegen soll sich Ezechiel den Ältesten verweigern, die durch ihn Jahwe zu befragen suchen (20,1f.31).“ Wenn man historisch nicht so konkret werden möchte, und sich vom Vorliegen einer so tendenziösen Redaktion nicht überzeugen läßt, kann man immer noch davon ausgehen, daß das Ezechielbuch als literarisches Werk mehr auf Fernwirkung als auf Nahwirkung berechnet ist, d.h. daß die Reden Ezechiels sich mehr an die Leser als an die vorgestellten Adressaten richten.
50 M.C. Srajek, „Constituiton and Agency“, 148: „Someone of Ezekiel’s caliber will not easily trust a vision or dream, but will rather seek for theological reasons either to dismiss the vision or to accept it.“
51 Vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 1259: „Hier zeigt übrigens 25,3 mit seiner Parallelisierung von ‘Heiligtum’, ‘Land Israels’ und ‘Haus Juda’ deutlich, daß Jerusalem, Juda und Land Israel als konzentrische Kreise verstanden sind und daß man ‘Israel’ auf keinen Fall auf das Nordreich im Unterschied zu Juda deuten darf.“ Um die Eigenschaft der Begriffe als konzentrische Kreise deutlich werden zu lassen, muß Zimmerli allerdings die Reihenfolge derselben in 25,3 in seiner Deutung umstellen, um ‘Land Israel’ ans Ende setzen und das ‘Heiligtum’ durch Jerusalem ersetzen zu können.
52 W. Zimmerli, Ezechiel, 1260: „Es ist in alldem ganz deutlich, daß Ezechiel in seiner Verkündigung immer wieder das Gottesvolk als Ganzes sieht, ob er sich nun im einzelnen an seine Exilsumgebung wendet, ob er Jerusalem und Juda vor Augen hat oder ob er die Gesamtvolksgeschichte in ihrer ganzen Weite zu Gehör bringt.“
53 Unter Berufung auf L. Rost stellt W. Zimmerli, Ezechiel, 1259 fest, „daß die Bezeichnung Judas mit dem Namen ‘Israel’ bei den Propheten seit dem ausgehenden 8. Jahrh., in dem das Nordreich unterging, nachzuweisen ist.“
54 W. Zimmerli, Ezechiel, 1258: „es fällt auf, wie nachdrücklich im Buche des Judäers Ezechiel von ‘Israel’ geredet ist.“
55 W. Zimmerli, Ezechiel, 1258: „Den insgesamt 186 Vorkommen von
stehen ganze 15 Belege für
gegenüber.“ Dagegen zählt er, 1260, zum Vergleich bei Jeremia 125 Israel-Nennungen gegen 183 Juda-Nennungen.
56 W. Zimmerli, Ezechiel, 1259: „ Nach allem bleiben für einen in seiner Motivierung nicht durchsichtigen synonymen Wechsel von der Israel- zur Judabenennung nur die Stellen 8,1 […] und 8,17, wo vom Sündigen des Hauses Juda […] die Rede ist.“
57 R. Nay, Jahwe im Dialog, bes. 147-181. Die Möglichkeit dazu findet er durch die Erzählung von der Seraja-Gesandtschaft in Jer 51,59 bestätigt. Für das Verständnis der Großvision Kapitel 8 - 11 ergeben sich damit für ihn weitreichende Konsequenzen. So will er das Visionsgeschehen an verschiedenen Stellen unterbrochen sehen, an denen der Prophet zum direkten Dialog mit den vor ihm versammelten Ältesten zurückkehrt. Dieses geschieht nach ihm in 9,8, wo der Prophet angesichts der geschauten Zerstörung Jerusalems zum ersten Mal aufschreit. Dieser Schrei soll von den Ältesten im Exil gehört werden, die Zeugen seiner ekstatischen Entrückung sind. Darum wäre der Ausspruch in 11,3 in Wirklichkeit eine Äußerung eben dieser Ältesten, mit der sie auf den Schrei reagieren. Die VV. 11,4-12 bildeten ihrerseits die prophetische Antwort auf den Ältesten-Spruch. Sie unterbrächen die Vision, da prophetische Verkündigung nach Nay in einer solchen keinen Platz hat. In V. 13 soll Pelatjahu während dieser Verkündigung und damit im Exil sterben und dadurch den Propheten erneut zu einem Aufschrei bewegen. Wegen der etymologischen Herkunft des Namens von
„entkommen“ (Qal) oder „retten“ (Piel) ist sein Tod Vorbedeutung für das Schicksal der Bevölkerung in Jerusalem: nicht einmal ein „Rest“ soll übrigbleiben.
- „der Flüchtling“ überbringt später in 33,21 die Nachricht vom Untergang der Stadt.
58 R. Nay, Jahwe im Dialog, 153-154: „Nicht nur Pelatjahu, sondern auch die 25 Ältesten spielen eine Doppelrolle auf der Visions- bzw. auf der Anredeebene […] Wir nennen sie darum Vermittlungsgestalten. Das Gotteswortes [sic] ist innervisionär an sie gerichtet, wird aber vom Propheten den Ältesten Judas verkündigt.“ Die Gruppe vor dem Tor wird aber nicht als Älteste bezeichnet, sondern als ‘Anführer des Volkes’. Sie werden auch sonst in einer Weise gezeichnet, die wenig Vergleichspunkte mit dem Verhalten der Ältesten bietet. Als Experiment kann man Nays extremen Versuch gelten lassen. Wenn er auch in Konkretem wenig überzeugen kann, so hilft dieses Experiment zumindest indirekt, die Schwierigkeiten des Textes besser zu verstehen und sie in einem grellen Lichte erscheinen zu lassen. Wenn je könnten seine Ansichten aber nur für eine Vorstufe des Textes zutreffen, da seine gegenwärtige Fassung jede Visionsunterbrechung unterbindet, wie in 11,24, wo der Prophet erst müsahm ins Exil wieder zurückkehren muß, deutlich wird.
59 W. Zimmerli, Ezechiel, 244: „Daß Ez den Auftrag bekommt, in dieses gottlose Gerede der von ihm visionär geschauten Männer hinein zu prophezeien, hat seine nächste Parallele in dem großen Gesicht 37,11ff., wo dann wie hier das Prophetenwort die Vision mitbestimmt.“
60 Vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 202: „Am unmittelbarsten heben sich 11,1-21 als Fremdkörper aus dem übrigen Zusammenhang heraus.“
61 Vgl. K.-F. Pohlmann, Hesekiel, 135: „ […] den Verweisen auf eine visionäre Erfahrung ‘Ezechiels’ kam lediglich die Funktion zu, auf diesem Weg sicherzustellen, daß ‘Ezechiel’, obwohl im Exil, zugleich doch in Jerusalem dortige Vorgänge wahrnehmen und dazu Stellung nehmen konnte. Veranlaßt zu dieser Konstruktion sah sich die golaorientierte Redaktion im Blick auf Ez 11,1-13. Denn der hier agierende Sprecher war unzweifelhaft in Jerusalemer Vorgänge verwickelt.“
62 R. Mosis, „Ez 14,1-11“, 191, hebt diesen Charakter besonders hervor: „Die Ältesten nehmen jene Haltung ein, die ihnen zukommt, wenn sie zu einer offiziellen Amtshandlung zusammenkommen.“
63 Vgl. R. Mosis, Ezechiel, 150-151, zum Anspruch der Ältesten: „ Wenn also Männer von der Ältestenschaft Israels zum Propheten kommen, um Jahwe für sich zu befragen, nehmen sie für sich in Anspruch, in Wahrheit zur Gemeinschaft des Gottesvolkes zu gehören und mit Jahwe, dem Gott Israels und dem Gott der ganzen Welt, verbunden zu sein.“
64 Weiteres zu dem Thema Älteste im Ezechielbuch soll weiter unten bei der Analyse von 8,12 unter B.1.d) verhandelt werden.
65 R. Mosis, „Ez 14,1-11“, 191, findet es „verständlich, warum nicht gesagt wird, was denn die Ältesten erfragen wollen. Allein die Tatsache ist wichtig, daß sie Jahwe für sich befragen wollen, obwohl sie nicht von ihren Götzen gelassen haben.“
66 Zu diesem Versteil werden recht unterschiedliche Übersetzungen geboten. In dem hier gebotenen Vorschlag wird das „Sich-Entfernen“ auf die Menschen am Tempel und nicht auf Gott selbst bezogen. Zu den Gewährsleuten beider Möglichkeiten vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 193, 215, Anm. zur Stelle. Von Zimmerli wird das Wort unmittelbar als Entfernung des Altars aus dem heiligen Bereich verstanden. Das schließt aber ein weitergehendes Verständnis dieses Sich-Entfernens wohl nicht aus, wie es M. Greenberg erwägt, der wie Zimmerli übersetzt. M. Greenberg, Ezekiel E, 168-169, meint nämlich, dieses Entfernen „implies more than physical distancing; it includes sentiments of indifference or hostility where attachment formerly existed - i.e., alienation (Jer 2:5; Ezek 44:11; Job 19:13); here the bestowal of worship on objects outside the sanctuary, in disregard of the divine presence inside it (cf. vv. 15-16). Alternatively, there may be an allusion here to a compulsory alienation from the sanctuary in the form of exile - the inevitable effect of people’s misdeeds.“
67 Diese Geistigkeit ist im Sinne des ezechielischen
- „Herz“ - zu verstehen, der nach Texten wie Ez 11,19 u. 14,1-11 Ausgangspunkt des Abfalls wie der rechten Gottesverehrung ist.
68 Zur archäologischen Feststellung eines solchen Sonnenkultes vgl. J. Glen Taylor, Yahweh and the Sun. Schon W. Zimmerli, Ezechiel, 221, gab ähnlichen Vermutungen statt: „Dabei ist es auch hier durchaus möglich, ja, wahrscheinlich, daß diese Ritualelemente im Verständnis derer, die sie üben, nicht als Verrat am Jahweglauben, sondern als Elemente einer möglichen solaren Interpretation Jahwes verstanden worden sind.“ Olsan versucht eine Beziehung herzustellen zwischen den Sonnenverehrern bei Ezechiel und den Tempeltorhütern in den Chronikbüchern: D. Olsan, „The Gatekeepers“, 237: „Curiously, Ezekiel does not tell us who or what these approximately 25 (MT) or 20 (LXX) men are. One suspects they are priests, but I think we should not be too quick to role out the 22 nightshift gatekeepers of 1 Chron 26,17-18 who are always on duty ‘at the rising of the day’ and who give particular honour and attention to the east. We should also keep in mind that in the first temple period, the gatekeepers were priests.“ Kritik an deren Kultpraxis hätte darum auch zu ihrer Entfernung vom Tempel geführt. „But my thesis is a very simple one: to the degree that the fluctuating fortunes of the priests and Levites in ancient Israel were due to unacceptable forms of Yahwism running afoul of prophetic condemnation (like Ezekiel’s) and radical reforms (like Josiah’s), the gatekeepers would likely have been swept along, too.“
69 O. Keel, „Kulttraditionen“, 488: „Eine Reihe von Gründen macht es sehr wahrscheinlich, daß Salomo nicht einen neuen Tempel gebaut, sondern einen schon bestehenden Tempel renoviert und ausgebaut hat.“ Der Tempelweihspruch in 1 Kön 8,12f. lasse auf einen ursprünglichen Sonnenkult schließen, denn die Verse, so 489, „besagen nichts Geringeres, als daß JHWH eine Sonnengottheit aus dem Tempel ausgebürgert, sie an den Himmel verbannt und ihren Platz im Dunkel des Allerheiligsten eingenommen habe.“ Darum meint er, 492 Anm. 143, mit Blick auf Ezechiels Anspielung auf die Herkunft der Braut Jerusalem in 16,3: „Ein echtes Wissen um die hurritisch-hetitischen Beziehungen des vorisraelitischen Jerusalem findet sich vielleicht noch beim gelehrten Ezechiel […].“
70 M.S. Odell, „The Image of Jealousy“, 134: „That the chapter can and should be read as an account of a coherent ritual is, in fact, implied in the deity’s announcement of judgement in 8,17-18. Although the abominations constitute a major theme of this chapter, Yahweh does not condemn Judah’s idols so much as its prayers: ‘though they cry with a loud voice in my ears, I will not listen to them’ (8.18b). The declaration of judgement suggests that Ezekiel has witnessed a well-established ritual of Yahwistic petition and prayer, which the deity rejects on both ritual and ethical grounds.“ Bereits W. Zimmerli, Ezechiel, 212, äußerte sich seinerzeit skeptisch gegenüber Versuchen, in Ez 8 einen zusammenhängenden Ritus zu ermitteln: „So wird man darauf verzichten, hinter den vier Greueln von Ez 8 ein kultisches Gesamtgeschehen zu finden, und jeden Akt für sich zu erfassen versuchen.“
71 Nach Vergleich mit hauptsächlich phönizischen Parallelen kommt M.S. Odell, „The Image of Jealousy“, 144 zu dem Schluß: „When we examine the dynamics of the ritual in Ezek 8 in light of the principle of child sacrifice, the image of zeal can be construed as a substitute offering to the deity during a time of great crisis.“
72 M.S. Odell, „The Image of Jealousy“, 136: „Unlike the other sections of the chapter, where people are engaged in specific rites, no one is depicted venerating the image of jealousy. When Ezekiel sees it, the deity does ask him whether he sees what they are doing (8.6); however, the context can as easily imply that the image of jealousy represents the cultic act and is not itself the object of veneration.“
73 Während im Erra-Epos die Vernachlässigung der Statue zur Ursache für die Abwesenheit der Gottheit wird, mit dem Hereinbruch chaotischer Zustände im Gefolge, ist es in Ez 8 umgekehrt die Anwesenheit einer Statue, die den wahren Gott verärgert und darum zum Ausziehen bewegt. Während im Erra-Epos die Statue gereinigt werden muß, damit wieder Ordnung einkehren kann, ist es bei Ezechiel das Volk selbst, das als ganzes eine solche Reinigung nötig hat. Zu Charakter und Inhalt des babylonischen Erra-Epos siehe Kapitel B.2.d).
74 Die Zahlenangabe hängt davon ab, ob man den leinenbekleideten Mann, der eigens aufgeführt wird, unter die sechs zuvor Erwähnten subsummiert oder hinzuaddiert. Durch die Zahlensymbolik empfiehlt es sich, von letzterem Vorschlag und somit von 7 Personen insgesamt auszugehen.
75 Die Zeilenaufteilung erfolgt hier wie bei allen nachfolgenden Zitaten der Redensarten, wenn nicht anders vermerkt, nach: Wolfgang Richter, Biblia Hebraica transcripta. 9: Ezechiel, St. Ottilien 1993. (abgekürzt: BHt).
76 W. Zimmerli, Ezechiel, 194: „ … ist ausmalende Glosse.“
77 W. Zimmerli, Ezechiel, 218: „Hat die Bewegung zur Vermehrung der Andachtsstellen auch zur Einrichtung einer Bilderwand oder eines Bilderwinkels in den Häusern der Vornehmen geführt?“
78 W. Zimmeli, Ezechiel, 218: „Der Zug der Heimlichkeit vor Gott, der im anklagenden Zitat der Worte der Ältesten zu venehmen war, hat […] zur Verlegung der ganzen Ältestenszene in einen verborgenen Raum, der nur durch einen nach dem Vorbild von 12 5. 7 geschilderten Mauerdurchbruch zu erreichen ist, geführt.“
79 Vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 194.
80 Vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 194.
81 Nach P. Joüon, Grammaire, § 116f, kann der als zweiter auf einen ersten folgende Imperativ konsekutiven oder seltener finalen Sinn haben. In Ez 8,9 ist beides möglich.
82 Poetisch-ansprechend wäre auch die Übertragung mit „Menschenkind“. Vorgeschlagen hat sie schon um die Wende zum 20. Jahrhundert C.H. Cornill, Der israelitische Prophetismus, 118: „ […] auch sich selbst empfindet Ezechiel Gott gegenüber nur als ‘Menschenkind’ […]“. Heute könnte sie vielleicht manchen zu süßlich-verharmlosend klingen, oder umgekehrt an den ähnlich klingenden Kraftausdruck ‘Menschenskind nochmal!’ erinnern. Einen tieferen spirituellen Sinn vermag ausgerechnet der jüdische Philosoph Hermann Cohen in der Anrede zu erblicken. Er rückt sie in die Nähe der vom Propheten verkündeten Sündenvergebung, da für diese das Eingeständnis, nur Mensch zu sein, Voraussetzung ist. H. Cohen, Religion der Vernunft, 246: „In der Sprache der prophetischen Poesie konnte es fraglich werden, aus welchem anderen Grunde diese Wandlung sich vollziehen könnte als aus dem, daß der Mensch doch immer nur ein Menschsohn ist und bleibt. Der Güte Gottes entspricht im Menschen der Menschensohn.“ Von der dieser Güte entsprechenden Geborgenheit spricht E. Drewermann, Botschaft, 79: „Menschensohn bezeichnet die Erbärmlichkeit eines Stücks Kreatur, ein Menschenkind, ausgesetzt jeder Angst, preisgegeben jeder Gefahr, hineingeworfen in jede Art von Hilflosigkeit, ein kindlich wimmerndes Etwas, das man von seiner Mutter losreißt und das fortan die ganze Welt durchwandert, um sie wiederzufinden. Irgendeine Geborgenheit müßte es geben für dieses ‘Menschenkind’.“
83 Im angelsächsischen Sprachraum werden schon seit längerem Alternativen zu „son of man“ versucht. M. Greenberg, Ezekiel E, 60, übersetzt einfach mit „Man“; in M. Greenberg, Ezechiel D1, 77, mit „Mensch“ wiedergegeben. Allen, Ezekiel 1-19, 3, hat den sinnreichen Einfall, mit „Human one“ zu übersetzen. Alle Seitenangabe beziehen sich hier auf die Übersetzung von Ez 2,1.
84 Vgl. die verschiedenen biblischen Beispiele, die R. Mosis, „Ez 14,1-11“, 189 Anm. 85, für das anführt, was er den reduplikativen Sinn der Präposition nennt. So erklärt er, 189, mit deutschen Beispielen: „Analog zu anderen deutschen Ausdrücken wie z.B. ‘Männer von der Partei’, ‘Männer vom Sicherheitsdienst’ usw. gewährleistet die Abstrahierung von ‘Ältesten’ zu ‘Ältestenschaft’ das Verständnis im reduplikativen Sinn.“
85 Auch Fr. Sedlmeier, Ezechiel, 88, macht auf diesen Bezug aufmerksam: „Dies alles, so der Seher in seiner verhaltenen Sprache, war ‘die Erscheinung der Gestalt der Herrlichkeit JHWHs’. Der kabod Gottes, seine ‘Herrlichkeit’ als lichtvolle göttliche Gegenwart, ist dem Gottesvolk vor allem am Sinai erschienen (Ex 24,15b-18). Er ließ sich nieder im Zelt der Begegnung in der Wüste (Ex 40,34-35) und nahm schließlich Wohnung im Tempel, den Salomo hatte erbauen lassen (1 Kön 8,10f., 2 Chr 7,1-3). Dieser kabod JHWHs erscheint Ezechiel im Exil. Er, der Transzendente, offenbart sich als der Lebendige, in der Geschichte wirkende, ihr zugleich immanente Gott. Im Land der Verbannung und der Gottferne wird Ezechiel konfrontiert mit dem machtvollen Glanz des universalen Weltenherrn.“
86 Fr. Sedlmeier, Ezechiel, 149, stellt von der Jahwe-Befragung fest: sie „bezeichnet ein offizielles Geschehen. Als Institution reicht die JHWH-Befragung bis in die Königszeit zurück. In der Regel durch persönliche oder politische Notlagen veranlaßt geschieht sie durch die Vermittlung des Propheten. Es geht in ihr nicht nur darum, Informationen einzuholen, sondern zugleich auch um Überwindung der Notsituation.“ Vgl. auch das in B.1.a) zu den Ältesten Gesagte.
87 Vgl. Cl. Westermann, Genesis 1 - 11, 144, zur Finsternis in Gen 1,2: „Auch dieser Satz will nicht objektive Beschreibung, sondern Darstellung eines Aspekts des der Schöpfung entgegengesetzten Zustandes sein. Finsternis ist nicht objektives Naturphänomen, sondern als das Unheimliche gemeint. Dieser existenzbezogene Sinn der Finsternis kann uns an der bekannten Erscheinung deutlich werden, daß Tiere bei einer Sonnenfinsternis in Panik geraten. Die Tiere kennen den Unterschied zwischen einer bergenden und einer die Existenz bedrohenden, zwischen einer geordneten und einer chaotischen Finsternis; diese chaotische Finsternis ist in Gn 1,2 gemeint.“
88 M.S. Odell, „The Image of Jealosy“, 145: „Far from being an act of rejecting Jahweh, the prostration toward the east reflects the associations between Yahweh and the sun that appeared with increasing frequency during the monarchy […]. The act of awaiting the appearance of the sun is the climax of the ritual, which had begun with the elders entreaties in their darkened room and which will end in the morning, when Yahweh’s appearing is as ‘sure as the dawn’ (Hos. 6.3, see also Pss 44.4b; 80.2b,4,8,20; 89.16; 90.14; 129.1-2; 130.5-6).“ Die genannten Psalm-Stellen sollen einen genuinen Sonnenkult in Israel belegen helfen.
89 H. Wildberger, Jesaia, 1127: „Es gibt im ganzen Abschnitt [Jes 29,15-16, A.R.] keinen Begriff und keine Wendung, die man nicht sehr wohl Jesaja zutrauen kann.“ Nach der Feststellung der aus der Nähe zu Jes 30,1-5 abzuleitenden ägyptischen Bündnispolitik als Hintergrund, fährt er fort: „Die relative Sicherheit, mit der sich also dieses Wort lokalisieren läßt, spricht für seine Authentizität, welche denn auch allgemein anerkannt ist.“
90 H. Wildberger, Jesaja, 1129: „die oben angeführten Parallelen aus den Psalmen [Ps 64,6-7; Ps 94,7; A.R.] zeigen übrigens, daß sie [die sich äußernden Politiker; A.R.] nicht sagen wollen: niemand im Volk weiß ja davon, sondern, daß Jahweh es nicht sieht. Es ist Gottlosigkeit, was sich in ihrem Handeln offenbart.“
91 Zur Bedeutung des Partizips bei der Zitateinführung vgl. H.W. Wolff, „Zitat“, 43: „So eingeführte Zitate sollen den Zitierten charakterisieren, d.h. bei den Propheten meist: seine Schuld durch Selbstzeugnis offen an den Tag legen.“
Zur Weglassung des Personalpronomens in einem Partizipialsatz vgl. P. Joüon, Grammaire, § 154c: „Le pronom sujet est parfois omis dans une proposition participiale, […] Dans tous ces exemples [die vorher aufgeführten, A.R.] c’est le pronom der la 3e p. sg. m. […] qui est sousentendu.“ Als Beispiel für das seltenere Weglassen der 3. P. Pl. führt er gerade unsere Stelle Ez 8,12 an. Im Ezechielbuch ist dies aber zumal in den Einleitungen der Redewendungen fast der Regelfall.
92 Vgl. S. Schwertner, Art.
Nichtsein, 129-130: „Die Gottesleugnung […] ‘es gibt keinen Gott’ in Ps 10,4;14,1; 53,2 ist nicht theoretisch, sondern wohl im Sinne von 3,3 ‘er hat keine Hilfe bei Gott’ praktisch als ‘Gott ist nicht gegenwärtig/greift nicht ein’ zu verstehen.“ Ähnlich auch P. Joüon, Grammaire, § 154k: „De même
§ 160 g (originairement où?) exprime d’abord la non-existence dans le lieu, à savoir l’absence, puis, par extension, la non-existence tout court. Ces adverbes ne sont donc pas de simples copules comme le pronom de la 3e p.: à l’idée copulative elles ajoutent celle d’existence, surtout locale […]“.
93 Vgl. P. Joüon, Grammaire, § 160 g. Er kommt dann zu dem Schluß: „
est la négation ordinaire de la proposition nominale (
ne s’emploie guère en proposition nominale que pour une raison particulière […]).“
94 Auffällig ist die Häufigkeit der Partikel in Ez 34. Möglicherweise liegt eine gewollte klangliche Beziehung zwischen
- „nicht ist JHWH sehend“ und
- „weil nicht ist (jemand), der weidet“ (34,8). Wie eng oder weit man diese Verbindung auch sehen will, unzweifelhaft ist, daß in inhaltlicher Hinsicht das Heilshandeln Gottes um seines Namens willen (vgl. Ez 36) in bewußter Entgegensetzung zum Vorwurf seiner Abwesenheit in Kap. 8 u. 9 steht.
95 Siehe Fr. Sedlmeier, „Füchse“, 297: „Denn nach der alten Landgott-Vorstellung waren das Schicksal eines Volkes und das seiner Gottheit deckungsgleich.“
96 D.R. Clark, Citations, 86: „The former statement is new and Ezekiel creatively reinterprets Israel’s understanding of the land. The latter is stereotypical of psalmic and prophetic usage and is employed in a manner similar to this literature.“
97 Vgl. P. Joüon, Grammaire, zur Bedeutung des Partizips, § 121h: „D’une facon générale, le participe exprime l’aspect durative d’une facon plus forte que le yiqtol.“
98 Vgl. D. Vetter, Art.
sehen, 692-693.
99 Vgl. D. Vetter, Art.
sehen, 697: „[…] schauen’ meint den Empfang von Vision und Audition (z.B. Num 24,4.16; Jes 1,1; Am 1,1; Mi 1,1). Dagegen bezieht sich r’h auf den Vorgang der Schauung, der in der Regel auch das Hören einschließt.“
100 Ähnlich zur unterschiedlichen Bedeutung von „Sehen“ und „Schauen“ urteilt auch R.A. Dus, Las parabolas, 234: „El verbo
en Ezequiel tiene una densidad semántica particular pues califica las visiones que el profeta recibe de Yahwe; sólo al
habla y ‘hace ver’ (cf. Ez 8,6.12-13.15.17). Con el verbo
se indica en cambio otra cualidad de visión, es una manera de ‘ver’, generalmente calificada como vana y enganosa.“
101 M. Greenberg, Ezechiel D1, 250: „Die Kommentatoren des Mittelalters gleichen an das Vorhergehende an und interpretieren die Aussage als die Scham, die die Exilierten aufgrund ihrer Schande empfinden (Raschi; Kimchi verweist auf Jer 9,18: ‘Wir sind völlig zuschanden, weil wir unser Land verlassen und unsere Wohnungen aufgeben müssen.’)“ In Greenbergs englischer Übersetzung der Jeremiastelle wird der Bezug zur Scham noch deutlicher: M. Greenberg, Ezekiel E, 210: „We are covered with shame because we have had to leave our land, to give up our dwellings.“ Ähnlich auch W. Zimmerli, Ezechiel, 262: „Schande (vgl. die Gebärde der Dirne Gn 38 15; ist noch an einen zusätzlichen Schimpf des Wegzugs, wie er Jes 47 2f. Na 3 5f. durchscheint, zu denken?) und Leid (vgl. die Gebärde der Trauer 2 S 15 30 Jer 14 4 Est 6 12 7 8) der Verschleppung sollen in dieser Gebärde, die auch die verlorene Heimat mitleidsvoll dem Blick der Weggeführten entzieht, verhüllt werden.“
102 M. Greenberg, Ezekiel E, 211: „J. Light suggests, privately, that a symbol is superadded to a predictive act: the furtive fugitive who covers his face so as not to be recognized thereby impedes his sight of the ground - a symbol and omen of his never again seeing his native land; cf. Jer 22:12, the exiled King Jehoahaz […] ‘shall never again see this land’.“
103 D.L. Smith-Christopher, „Ezekiel in Abu Ghraib“, besonders 150: „There is significant evidence to suggest that the metaphor of ‘stripping’ in Hos 2, but especially in Ezek 16, is drawn from the practice of stripping POWs [Prisoners of War, A.R.] in Neo-Assyrian and Neo-Babylonian military practice.“ Und 153: “The ‘humiliation’ of ‘Jerusalem’ as female must be direktly connected to the ideology of, and practice of, Assyrian and Babylonian warfare. I would thus argue that it was the cirumstances and practices of warfare by the Mesopotamian imperial states of the first millennium B.C.E. that suggested the imagery of stripping and not a generally practised punishment of adulterous women in Israelite society.“
104 D.L. Smith-Christopher, „Ezekiel in Abu Ghraib“, 154, macht dabei auf eine etymologische Verwandtschaft aufmerksam: „Consider, finally, the intriguing fact that the common term for exile - ‘Golah’ - derives from the same root as the term often used for ‘stripping’ or ‘uncovering’, the clear meaning of the root in Ezek 16:37.“ Er macht deutlich, wie gerade das, was er „self-blaming ideology“ nennt (etwa Selbst-Bezichtigungs-Ideologie) zur Bewältigung der Krise beitragen kann, 155: „It is arguable […] that such a ‘self-blaming ideology’ does have a creative, even an ironically positive function for defeated peoples.“
105 Vgl. W. Zimmerli, Ezechiel, 57*.
106 A. Ruwe, „Die Veränderung,“ 16, bemerkt dazu: „In der Tempelvision von Ez 10 sieht der Prophet diese Wesen ein weiteres Mal. Nun aber, in der vertrauten Umgebung des Tempels, erkennt er sie als Keruben. Hier ist ihr natürlicher, angestammter Ort, deshalb erkennt er sie hier. […] Die Keruben gehören danach nicht mehr (wie vordem) primär zum Tempel, sondern bilden unabhängig vom Tempel einen Teil der Sphäre Gottes.“
107 Merkwürdigerweise werden gerade die Verse Ez 20,27-29 für sekundär gehalten und einer deuteronomistischen Ergänzung zugeschrieben. Vgl. F.L. Hossfeld, „Ez und die deuteronomisch-deuteronomistische Bewegung“, 288: „Der Hauptgrund für den sekundären Charakter der VV. 27-29 liegt in ihrer vom Konzept des Grundtextes abweichenden Ausrichtung. […] Gemäß dieser Konzeption hat Israel das Gelobte Land nie betreten. Und genau das wird in den VV. 27-29 korrigiert. Die spezifisch ezechielische Pointe wird umgebogen. Israel, d.h. hier die Vorfahren der anwesenden Exulantengeneration, muß ins verheißene Land hineinkommen.“ Zum Charakter der Verse sagt Hossfeld, 290: „Der Abschnitt 20,27-29 folgt einem dem Buch Dtn und dem dtr Geschichtswerk geläufigen Anliegen, der Betonung der Hereinführung ins verheißene Land mit anschließender Verurteilung des Höhendienstes. Die Beziehungen der sprachlichen Bezüge laufen in Richtung priesterlicher-priesterschriftlicher Tradition und deuteronomistischen Sprachbereichs.“ Wie dieser Umstand zu erklären ist, etwa dadurch, daß man alle Stellen mit dem besonderen Verständnis vom „Sehen“ einer solchen dtr Ergänzungsschicht zuweist, kann in dieser Arbeit nicht Thema sein. Es genügt der Hinweis auf den für das Ezechielbuch in seiner Endgestalt typischen Charakter und Stil.
108 J.S. Bergsma / S.W. Hahn, „What Laws“, 207-208: „This word occurs repeatedly in Deut 12, in order to emphasize that it is there, that is, at the central sanctuary, that the Israelites should bring their gifts. But Ezekiel uses four times in 20:28, pointing out that it was not to the central sanctuary, but there, to the high places and sacred groves, that the Israelites brought their sacrifices. The contrast and reference to Deut 12 are unmistakable. In short, Israel failed to keep even the laws of the Deuteronomic code, which as we shall argue below, Ezekiel viewed as a lower law than the Priestly Legislation.
109 In den Praktiken am Tempel vermutet M. Greenberg, Ezekiel E, 202: „The public pagan rites of ch. 8 belong historically to the age of Manasseh […]“ Doch gerade die Verse um die Redensart in 8,12 sondert er von diesem Urteil aus; denn: „the secret cults of vss. 10-12 are another story and may have been practised in Ezekiel’s time […].“ Dagegen entdeckt Johannes Schnocks, „Eine intertextuelle Verbindung“, zumindest was das Bild der Eifersucht in Ez 8,5-6 betrifft, mit guten Gründen auch Beziehungen zu dem nachexilischen Text Sach 5,5-11, wobei aber Sacharja von Ezechiel abhängig ist. W. Zimmerli setzt sich ausdrücklich von der Manasse-Theorie ab, die auf Smith und Torrey zurückgehen soll, und erklärt, Ezechiel, 224, den Unterschied Ezechiels zu Jeremia aus seiner besonderen Perspektive: „In Ez dagegen redet der Priester mit dem Empfinden für die gottesdienstliche Reinheit des Dienstes vor dem, der im Heiligtum wohnt.“ Er schlußfolgert darum: „Ohne Zweifel verdichten sich in der Schau Ez’s Erinnerungselemente aus der Zeit Jojakims, die er selber noch in Jerusalem erlebt hat, und Nachrichten, die mündlich oder brieflich (Jer 29) an die Verbannten gekommen sind, zu dem geballten, eindrucksvollen Gesamtbild des von ihm in einem Akt als Gesamtsünde (Vierzahl) Jerusalems Geschauten.“
110 Ähnliche Beobachtungen äußert auch M. Greenberg, Ezekiel E, 201-202: „The data of ch. 8 are generally thought to give a true picture of the state of Judahite religion contemporary with Ezekiel, but their contrast with the data of Jeremiah and Lamentations, whose authors were actually in Jerusalem at the time of the fall, points to an opposite conclusion. Only a visionary and an audience at a remove from the reality of Jerusalem, and suffering the exile threatened for breach of covenant might have accepted and understood at once the point of such a fantasy: to collect and display vividly the notorious instances of cultic pollution of the sanctuary, so as to bring home the awful realization that its sanctity had been hopelessly injured, and its doom irrevocably sealed.“
111 In bezug auf die Bildrede Ez 17 bemerkt O. Keel, „Zeichensysteme“, 40: „Abfall und Rebellion sind dynamische Vorgänge. Das Ezechielbuch aber schildert sie als stark räumlich konnotiert. Zidkija wendet sich von einer Seite (Nebukadnezzar), auf die hin er eingepflanzt wurde, ab und wendet sich der anderen Seite zu. Dieser Vorgang wird so weniger als zeitlicher denn als räumlicher wahrgenommen. Das hängt eng mit der bei Ezechiel sehr starken visuellen Komponente zusammen.“
112 M. Greenberg, Ezekiel E, 196, vergleicht mit verwandten altorientalischen Vorstellungen: „The image in the pagan temple is literally the seat and residence of the deity; through their images, Marduk dwells in his temple in Babylon and Sin in Haran. Analogously, the cherub statues in Jerusalem’s holy of holies (like their antecedents in the tabernacle) were the throne on which YHWH sat, shrouded in darkness. At the same time the pagan god dwells in heaven or on the montain of the gods (the two may not be sharply differentiated), and moves freely about the universe. […] Similarly YHWH dwells in heaven, his majesty covers the heavens and fills the earth, and he rides the clouds or a cherub on his travels.“
113 W. Zimmerli, Ezechiel, 55*. Vgl. auch die Einleitung unter A.1.
114 Vgl. K.-F. Pohlmann, „Religion in der Krise“, bes. 54-57, wo er nebst anderen Stellen auch den Ausspruch in Ez 8,12 par. 9,9 als Beispiel für den allgemeinen Umgang des Volkes mit der Katastrophe anführt. Diese gehe der prophetischen Reflexion voraus, werde aber, so 51, gerade bei den Propheten in vereinzelten „Zitatfragmenten“ greifbar. Ob aber mit diesen Fragmenten belegbar ist, was Pohlmann mit ihnen belegen will, daß nämlich die theologische Reflexion ausschließlich unter dem Diktat äußerer Umstände entstanden sei und deshalb keine Vorläufer haben könnte, bleibt dennoch zweifelhaft. Der Spruch äußert, was die meisten dachten, die Propheten dagegen, was nur wenige dachten. Ihre unpopulären Ansichten konnten sie darum auch schon früher entwickelt haben. Nur aus dem Zwang der Umstände lassen sie sich nicht erklären. Es mußte schon einen angelegten Kern geben, der durch äußeren Anstoß zur deutlicheren Entfaltung gebracht wurde. Sonst erklärt sich nicht der Umstand, daß nicht andere besiegte Völker denselben Sprung zu einem geistigen Überleben leisten konnten.
115 Man vgl. aber G. Brin, Ijjunim besefer Jecheskel, 18-52, wo er in dem summarisch den Zitaten gewidmeten Kapitel einige beispielhafte Hinweise auf solche Verflechtungen gibt.
2. Die Wirklichkeit der Menschen in der Sichtweise Gottes: 9,9
2. a) Kontext in Kap. 9
Die nächste Redensart innerhalb der Visionseinheit 8 - 11 begegnet in 9,9. Nach dem Aufweis der Greuel am Heiligtum schaut der Prophet in Kap. 9 die Ankündigung und Durchführung des künftigen Gerichts über Jerusalem. Wie schon zu sehen war (siehe B.1.b)), soll das Gericht vom Heiligtum ausgehend sich mit seiner Zerstörungskraft weiter ausbreiten, und zwar in demselben Maße, wie die Mißbräuche sich mit Annäherung an das Heiligtum steigerten. Das 9. Kap. hat darin einen vom vorhergehenden verschiedenen Charakter, daß nunmehr das Auditionsmoment hervortritt und damit die Verben des Rufens und Hörens. Ist die Häufung auch nicht ganz so auffällig wie diejenige für das Verb „Sehen“ im 8. Kap., so bleibt sie noch deutlich genug.
Gleich zu Beginn wird eine Klammer zum vorhergehenden 8. Kap. geschlossen. V. 9,1 beginnt mit den Worten:

- „Da rief er zu mir (wörtl.: zu meinen Ohren) mit lauter Stimme Folgendes …“. Damit wird 8,18 aufgegriffen, wo Gott verspricht, jegliche Antwort zu verweigern, wenn das Volk einmal verzweifelt „mit lauter Stimme“ zu ihm rufen sollte. Auch wenn das Subjekt durch Nicht-Nennung verschleiert ist, legt der Zusammenhang nahe, daß hier Gott selbst mit lauter Stimme die Vollstrecker des Gerichts ankündigt. Der Gott, der sich den Rufen Israels verweigert, der sich in Bezug auf mögliche Hilfe unsichtbar und unhörbar macht, kündigt in 9,1 dem Propheten mit aufdringlichem, aufrüttelndem Ton das bevorstehende Gericht an, als eine Weise der zuvor ignorierten Gegenwart Gottes. Dieses gibt dem erstarrten Propheten einiges zu „hören“, bis er selbst es nicht mehr aushält, und 9,8 mit ohnmächtiger Stimme einzugreifen versucht.
In V. 3 gibt Gott der Hauptperson unter den Vollstreckern die Befehle, die in V. 4 ausgeführt werden. Diese fangen allerdings in der Hauptsache gerade mit der Schonung all derer an, die über die Mißbräuche „geseufzt“ und „gestöhnt“ haben, also bei aller Ohmacht ihr Mißfallen wenigstens akustisch äußern. In V. 5 spricht er zu den untergebenen Vollstreckern so, daß es der Prophet hören kann - „zu meinen Ohren“ -, indem er den Befehl austeilt, alle anderen schonungslos zu vernichten.
In V. 8 fällt der Prophet angesichts der begonnenen Gerichtsvollstreckung nieder und schreit auf, wohl aus Angst, daß der Herr keinen Rest mehr übrig lassen wird. Der in V. 9 mit gewöhnlichem „sagen“ eingeleiteten Antwort JHWHs wird man demgegenüber nicht ein allzu auffälliges akustisches Erscheinungsbild beimessen wollen. Dieser Wechsel von visuellen hin zu auditiven Elementen hat innerhalb der Berufungsgeschichte des Propheten seine Parallele im Wechsel von Kap. 1 (Vision der Herrlichkeit) zu Kap. 2 (Gott redet zum Propheten).
Die Gottesrede in 9,10-11 schlägt wieder den Bogen zurück zu 8,18: Die Unerbittlichkeit des göttlichen Gerichts bemißt sich nach dem unverbesserlichen Schuldverhalten des Volkes. Daß die andeutungsweise erfolgende Erzählung des Gerichts über Jerusalem, das durch die sieben Männer ausgeführt wird (9,2),116 auf Anleihen aus dem babylonischen Erra-Gedicht beruht, dürfte heute zweifelsfrei feststehen.117 Damit besitzt sie mythischen Charakter und erübrigt allzu naturalistisch gedachte Fragestellungen, wie z.B. die nach dem Übergang vom 10. zum 11. Kapitel.
Die im folgenden zu betrachtende Redensart findet sich zu Beginn der Gottesrede 9,9-11. Nach dem Entsetzensruf des Propheten in V. 8 soll sie die schuldhafte Gesinnung des Volkes entlarven und so das Ausmaß des Gerichts begründen.
2. b) Text und Übersetzung von 9,9


9b:
- „… und Juda“ möchte Zimmerli als spätere Ergänzung streichen.118 Es ist aber auch damit zu rechnen, daß in 9,9 die Verbindung der beiden bisher getrennt betrachteten Häuser „Israel“ und „Juda“ einer bewußten Steigerung dient und an 4,4-7 zurückerinnern möchte, wo der Prophet in einer Zeichenhandlung nacheinander die Schuld Israels und Judas zu tragen hatte.119
9c:
- „da hat sich erfüllt“: LXX
scheint ein
- „denn“ gelesen und damit ein kausales Verhältnis angenommen zu haben. MT mit imperfectum consecutivum läßt an ein konsekutives Verhältnis denken. Ein solches hat in MT auch die ähnliche Stelle 7,23.
2. c) Analyse von 9,9
Die Redensart von 8,12 wird hier, leicht verändert in der Wortfolge, wieder aufgegriffen. Der verbale Ausdruck
- „da sagte er zu mir“ (9,9a) führt das Folgende als unmittelbar an den Propheten gerichtete Gottesrede ein, die im Zusammenhang eine Antwort auf den Aufschrei des Propheten in V. 8 darstellt.
Ohne Umschweife spricht Gott in seiner Rede mit dem ersten Wort die Schuld der vom Gericht Betroffenen aus. Das für „Schuld“ (9b) gebrauchte hebr. Wort
ist ein theologisch bedeutungsvoller Begriff. Das Wort kommt von der Wurzel
, die im Nifal „krumm sein“, „verkehrt sein“ bedeutet.120 Der schon angeführte Vers Ez 21,29 zeigt, wie gerade für Ezechiel dieses Wort einen grundsätzlich verkehrten Zustand beschreibt, zu dem andere Bezeichnungen für Sünde in unterschiedlicher Weise beitragen.121 Das Wort, das bei Ezechiel als Substantiv am häufigsten vorkommt unter allen Büchern der hebräischen Bibel,122 entscheidet über Eintreffen und Ausmaß eines Gerichtes, über Leben und Tod des Einzelnen (Kap. 18). In 4,4-8 soll Ezechiel in einer Symbolhandlung die „Schuld“ Judas und Israels tragen und dadurch die Dauer ihrer jeweiligen Strafe ausdrücken. Wie dort werden auch in 9,9 das Haus Israel und das Haus Juda zusammen genannt. Nur daß die Unterscheidung - wenn eine solche und nicht Synonyme vorliegen - nicht dieselbe sein kann. Denn während in 4,4-8 infolge des großen Zahlenunterschieds in der Strafdauer Israel im klassischen Sinne das schon lange vorher besiegte Nordreich meinen muß, ist das in 9,9, wo ein unmittelbar bevorstehendes neues Gericht angekündigt werden soll, kaum der Fall. Aber auch, wenn die Bedeutung der Bezeichnungen nicht identisch ist, ist eine bewußte sprachliche Wiederaufnahme nicht auszuschließen. Die drohende Zerstörung Jerusalems würde dann als ein Unglück für das gesamte Volk betrachtet einschließlich des schon untergegangenen alten Israel.
Während freilich in 4,4-8 von der Schuld des Hauses Israel und derjenigen Judas nacheinander die Rede ist, treffen sie hier innerhalb desselben Verses unmittelbar aufeinander und sind innerhalb einer Konstruktusverbindung beide von der nur einmal genannten „Schuld“ abhängig. Unmittelbarer wird sich die Verbindung der beiden Bezeichnungen auf die Gegenüberstellung derselben im vorhergehenden Kapitel (8,12; 8,17) beziehen und diese damit bewußt abschließen. Einen solchen Abschluß möchte vielleicht auch gerade das folgende Wort
- „groß“ (9b) andeuten, durch das die Schuld als „groß“ genug, und damit als ausreichend qualifiziert wird, um ein anschließendes Gericht auf diese Weise zu rechtfertigen. Eigentümlicherweise ist dies die einzige Stelle im Ezechielbuch, in der „groß“ prädikativ verwendet wird. Jedenfalls wird in 37,10 das „sehr große Heer“ gewöhnlich als Apposition zum Subjekt des vorangehenden Verbalsatzes gezogen. Theoretisch möglich wäre auch hier das Verständnis eines selbständigen Nominalsatzes: „Das Heer war sehr, sehr groß.“ Die Formulierung bietet trotzdem durch die zusätzliche Steigerung mit dem doppelten „sehr“ die nächste Parallele innerhalb des Ezechielbuches. Ob am Ende der Totenbeinvision Ez 37,1-10, nach Zimmerli der Ursprung der unkonditionierten Heilszusage im Ezechielbuch,123 das Aufstehen der Gebeine als „sehr, sehr großes Heer“ die ausschließlich gottgewirkte Aufhebung der „sehr, sehr großen Schuld“ angedeutet werden soll? Mosis macht darauf aufmerksam, daß bei solchem Gebrauch die rhetorische Funktion vorherrscht, indem durch die damit ausgedrückte Steigerung ein Folgegeschehen eingeleitet und vorbereitet wird.124
Die hier vorliegende negative Bedeutung von
wird durch die adverbiale Hinzufügung
- „so ganz und gar“ (9b) noch zusätzlich zu dieser rhetorischen Funktion gesteigert und unterstrichen. Daß die Schuld so „groß“ ist, motiviert das Gericht aber erst in einem zweiten Schritt, während in einem ersten die im Satz folgenden sozialen Mißstände daraus abgeleitet werden. In Verbindung mit der vorherrschenden rhetorischen Funktion des Prädikats „groß“ an dieser Stelle, könnte auch der Gedanke an eine gewisse Einmaligkeit der Schuld mitschwingen. Sie ist nicht nur sehr groß, sie hat auch ein gefülltes Maß erreicht, das kaum noch steigerungsfähig ist. Die dazu gebrauchte Partikel „sehr“ erscheint in dieser Verdoppelung mit vorgestellter Präposition sonst in positiven Zusammenhängen. So wird in Ez 16,13 damit die Schönheit der Braut Jerusalem gelobt, um jedoch zugleich auf die Gefahr des Hochmuts vorzubereiten. In Gen 17 wird davon an drei Stellen (VV. 2.6.20) in Zusammenhang von Mehrung der Nachkommenschaft in bezug auf den Abraham-Bund Gebrauch gemacht, wozu noch Ex 1,7 tritt, wo zusätzlich zur Vermehrung des Volkes in Ägypten sein „Stark“-Sein unterstrichen wird. Ohne vorgeschaltete Präposition wird die Wortdoppelung in der Sintfluterzählung in Gen 7,19 verwendet, wenn von dem Anschwellen der Wasser die Rede ist. Hier scheint es sich um einfache Naturbeschreibung zu handeln. Bei Auffassung des Ereignisses als Gericht könnte zumindest an dieser Stelle auch ein negativer Unterton mitgehört werden. Jedenfalls verleiht der Vergleich der Stellen auch der Schuld in Ez 9,9 einen sich mehrenden, anwachsenden, anschwellenden Charakter. Die Vergleichsstellen aus dem Buch Genesis werden alle P zugewiesen. Desgleichen Ex 1,7, auch wenn es sich hier um eine sehr späte redaktionelle Ergänzung handeln könnte, die den P-Stil lediglich nachahmt, um auf diese Weise die Bücher Genesis und Exodus miteinander zu verbinden.
Gegenüber diesem dynamischen Charakter, der im Steigerungsadverb mitgehört werden kann, drückt die anschließende Verbform
- „da hat sich erfüllt“ (9c) das gegenwärtige Ergebnis aus. Die Folgen der Schuldaufhäufung werden in zwei aufeinanderfolgenden Aussagen beschrieben, beide mit der Wurzel
bestritten. In der ersten mit der schon zitierten Verbform im imperfectum consecutivum Nifal, in der zweiten durch das entsprechende Perfekt Qal aktiv. In der ersten Aussage ist das Land Subjekt, in der zweiten die Stadt. Das, womit Land und Stadt jeweils erfüllt bzw. voll sind, besteht in konkreten moralischen Fehlverhalten, die beim Namen genannt werden. Die dabei angesprochenen Bluttaten werden mit dem bloßen Plural von „Blut“, also mit
wiedergegeben. Besonders bei Ez erhält der sonst weiter gefaßte Ausdruck die Bedeutung von Mord125 und prägt damit das 22. Kap., das von Jerusalem als der Blutstadt handelt (Vgl. VV. 22,3.4.6.9.12.27). Aber auch in den Gebotsreihen wie z.B. Ez 18,10, anhand deren die einzelnen Beispielpersonen nach ihrem Verhalten überprüft werden, enthalten den Ausdruck offensichtlich in dieser übertagenen Bedeutung. Das andere, diesmal der Stadt zur Last gelegte Vergehen ist die
- die „Rechtsbeugung“ (9d), wie es für gewöhnlich übersetzt wird. Auf
- „ausstrecken“, „ausspannen“ geht es zurück. In dieser übertragenen Bedeutung, für die man im modernen Deutsch vielleicht „Justizverbrechen“ oder wenigstens „Rechtsübergriff“ sagen würde, kommt das Wort nur bei Ez vor. In wörtlicher Bedeutung und im Plural im Sinne der Ausdehnung des die assyrische Macht versinnbildlichenden Flusses ist es noch in Jes 8,8 zu finden, wobei ein über die Ufer tretender Fluß und eine ausufernde Unrechtspraxis zumindest für die deutsche Idiomatik nicht allzu weit voneinander entfernt lägen. Die Bluttaten auf dem Land sind die Folge der Rechtsmißbräuche, die in der Stadt, als der zentralen Verwaltungsmacht, geschehen.126 Man kann die beiden Spruchaussagen in ihrer Aufeinanderfolge so verstehen, daß die zweite Aussage den kausalen Grund für die erste angibt. Sie führen die Einforderung sozialer Gerechtigkeit weiter, die zum ersten Mal schon 8,17 angeklungen ist. Ez 9,9 stellt damit das Ergebnis der in 8,17 ausgesprochenen Haltung vor Augen. In Sprache und Inhalt erinnern beide Verse stark an eine Stelle aus dem priesterschriftlichen Sintflutbericht. In Gen 6,13 heißt es:

- „fürwahr voll ist die Erde von Gewalttat.“ Es klingt wie eine Zusammenschau der Aussagen in Ez 8,17 und 9,9 infolge der aus beiden Stellen schöpfenden Wortwahl.
2. d) Exkurs: Ez 7-9 und priesterschriftlicher Flutprolog Gen 6,11-13
Es tun sich interessante Parallelen zwischen P und Ez auf, auch dann, wenn offenbar unterschiedliche Gegenstände verhandelt werden.127 So dient auch die Einleitung von 9,9 dazu, den Kontrast zwischen göttlichem und menschlichem Verhalten zu unterstreichen. Während Gott den Tempel mit seiner Herrlichkeit erfüllt hat, erfüllt der Mensch Stadt und Land mit Gewalttat. Für die Rückkehr ins Land werden später (Kap. 33) Bedingungen aufgestellt, die an die Tempeleinlaß-Liturgie erinnern.
Über Oberforcher hinausgehend, stellt O.H. Steck fest, daß es zwischen Ez und der priesterschriftlichen Fluterzählung nicht nur auffallende Übereinstimmung bei einzelnen Ausdrücken, sondern auch in der Themenabfolge gibt. Diese seien durch die Kapitelfolge Ez 7 - 9 vorgegeben, weshalb Steck diese für älter und ursprünglicher hält.
Entscheidende Stellen in Ez 7 - 9, die Vergleichspunkte bieten, sieht er in 7,1-4; 8,17-18; 9,1-4 (Vernichtungswaffen, Verschonte). Er spricht von indirekten Übernahmen.128 Solche indirekten Übernahmen sieht O.H. Steck vor allem auch im Sehen Gottes (Gen 6,12), das gerade in den Redensarten 8,12b und 9,9b negiert wird, und dem möglicherweise bei P vorausgesetzten Wahn, Gott habe nach Abschluß des Sechstagewerks die Erde verlassen, was wiederum dem in den genannten Redensarten Ez 8,12; 9,9 geäußerten Vorwurf vollkommen entspricht.129 Eine Beziehung sieht er auch zwischen dem Vertilgungsbeschluß in Gen 6,13 und der Mitleidsverweigerung, die sich fast refrain-artig durch das Ezechielbuch hindurchzieht (7,4; 8,18; 9,10), sodann in der Verheißung, daß es Verschonte gibt, wie in Ez 9,4 durch die Bezeichnung mit dem Tav. Zuletzt zieht er eine Parallele zwischen der Perversion der Schöpfungsordnung überhaupt in Gen 6,11-13 und der von Ezechiel geschauten Perversion des Tempeldienstes in Ez 8. Danach hat es den Anschein, daß P Erfahrungen der Exilszeit aus dem Blickwinkel der Prophetenkritik in die Erzählung des vorgeschichtlichen Mythos von der Flut hineinträgt. Dieser seltsame Umstand wirft für Steck viele Fragen nach der tieferen Absicht auf, auf die er sich keine sichere Antwort zutraut.130
Ist aber Ezechiel die einzige Quelle, aus der P für die Verbindung der Fluterzählung mit aktuellen Erfahrungen schöpfen konnte? Der Vergleich mit einem außerbiblischen Text, und zwar mit dem Erra-Epos, bietet sich an. Obwohl die Bezüge dieses Epos zu biblischen Texten, namentlich zum Ezechielbuch, immer schon bemerkt wurden, hat dieses Epos bis heute sehr im Schatten der Aufmerksamkeit gestanden, die von bekannteren Texten wie dem Gilgamesch-Epos oder Enuma Elisch in Beschlag genommen wurde. Die genannte Arbeit von Bodi scheint bisher das einzige ausführlichere Werk zu sein, das der Beziehung zum Ezechielbuch nachgeht.131
In diesem Epos wird Marduk von Erra überredet, seinen Sitz zu verlassen, um etwas in Ordnung bringen zu lassen. In Tafel I,123-124 wird dieses Etwas „die Zierde deines Herrentums“ bzw. „die Krone deines Herrentums“ genannt. In I, 80 ist dagegen von der notwendigen Reinigung seines Gewandes die Rede. Daß diese Ausbesserung der königlichen Ausstattung des Gottes Marduk nötig geworden war, lag daran, daß die Menschen „des Fürsten Marduk Wort verwarfen, indem sie nach Belieben handelten, …“ (I,117). Erra benutzt diesen Umstand aber nur als Vorwand, um den Fürsten Marduk zu „erzürnen“ (I,118). Ihm selbst ist an der Vernichtung der Menschen aus purem Mutwillen gelegen.
Marduk wehrt sich erst gegen die Zumutung, seinen Sitz verlassen
zu sollen, weil, wie die merkwürdige Begründung lautet, sein früheres
Verlassen desselben schon einmal eine Flut heraufbeschworen hat:
„Held Era, inbetreff der Ausführung dieses Werkes,
Von dem du redetest: (Am Tage, an welchem) ich von meinem
Sitze mich erhob und die Flut hereinbrechen ließ,
Da … (das Gericht) von Himmel und Erden aus den Fugen,
Die Stätte der Götter der weiten (Erden wie) der Götter des Himmels
War anders geworden und ich brachte (sie) nicht an ihren Ort zurück.“ (Tafel I,126-130).
Nun befürchtet Marduk, daß sich etwas ähnliches wieder ereignen könnte:
„Erhebe ich mich von meinem Sitze …
So werden die Wasser steigen
Der helle Tag wird zur Finsternis (? werden …)
Verwirrung (?) wird sich erheben und …
Der böse (Wind) wird wehen und …
Die Teufel werden heraufsteigen und …“ (I,169-174).
Erst nachdem Erra ihm verspricht, während seiner Abwesenheit an seiner
Stelle für Ordnung zu sorgen, läßt er sich überreden.
„Fürst Marduk, solange du in dieses Haus eintrittst und
Gira dein Gewand reinigt und du wieder zurückkehrst:
Bis dahin will ich deine Nachfolge antreten und das Gericht über Himmel und
Erde sichern.“ (I, 180-181).
„Es hörte (ihn) der Fürst Marduk; das Wort, so Era gesprochen, gefiel ihm;
(So erhob er sich denn von seinem Sitze; wohin man nicht geht zum
Wohnort der Annunaki wendete er sein
Antlitz.)“ (I, 189-190).
Erra aber mißbraucht seine Macht nur, um neue Zerstörung zu bewirken und insbesondere die Stadt Babel heimzusuchen. Die Verbindung zwischen der vorgeschichtlichen Fluterzählung und der geschichtlichen Zerstörung einer Stadt war also von babylonischen Traditionen wie dem Erra-Epos vorgegeben.132 Die genuine Erfindung von P ist es, im Anschluß an Ez, der manchen Zug davon für die Zerstörung Jerusalems aufzugreifen scheint, die Verhältnisse umzukehren. Spätere Katastrophen werden nicht als Wiederholung der Flut hingestellt, um die Angst ständig wachzuhalten, sondern umgekehrt, durch die Flutkatastrophe werden spätere Katastrophen vorweggenommen und erhalten damit Anteil an der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit derselben. Dadurch stärkt P in den Lesern gerade das zuversichtliche Vertrauen in die Zukunft, nach der Verunsicherung durch die erschütternden Gerichtsworte der Propheten. Nicht nur diese Verbindung wird in den biblischen Bezugstexten hergestellt, sondern auch die Begründung der Katastrophen mit der Abwesenheit der Hauptgottheit. Dieses Seinen-Sitz- oder Sein-Land-Verlassen Gottes, das in P durch das Verhalten der Leute nur stillschweigend vorausgesetzt wird, erinnert sehr an Ezechiel, bei dem es in Verbindung mit der Thronwagenvision ein zentrales Thema darstellt.
Der Charakter der Freiwilligkeit bei diesem Verlassen des Sitzes ist im Erra-Epos noch dadurch eingeschränkt, daß Marduk nur mit List dazu überredet werden kann. Finden sich auch im Erra-Epos die Themen wieder, die Steck in Ez 7 - 9 aufweist und denen er einen indirekten Einfluß auf P zuschreibt? Man stößt einmal auf die Mitleidsverweigerung.
„Wenn die Schwarzköpfigen zu dir rufen, so erhöre nicht ihr Flehn!“ (IIC,22; bei Cagni 23, weil er die zerstörte erste Zeile mitzählt)
So als Befehl Erras an Ischum in bezug auf die als schwarzköpfig angesehenen Menschen. Man vergleiche dazu Ez 8,18:
- „und sollten sie zu meinen Ohren mit lauter Stimme rufen, werde ich sie nicht hören.“ Der Umkehrung der Schöpfungsordnung bei P in Gen 6,11-13, sowie dem pervertierten Tempeldienst bei Ez 8 könnte beim Erra-Epos die bürgerkriegsähnliche Verwirrung aller menschlichen Verhältnisse entsprechen, da diese dort die Stelle der menschlichen Verderbnis einnimmt. Sie ist allerdings hier nicht durch menschliche Schuld, sondern durch die Wirkung der handelnden Gottheit verursacht, die sich ihrer als Mittel der Zerstörung bedient.
Der Sohn, der den leiblichen Vater haßt, wird nicht säumen …
Die Mutter, welche die Tochter mit Lächeln …) (IIC,32-33).133
Dieses mit seiner bis in die engsten Familienbande hineinwirkenden Entzweiung auch stark an Mi 7,6 erinnernde Wort hat eine unmittelbare Entsprechung bei Ez noch außerhalb der Kapitel 7 - 9. So heißt es in 5,10:
- „Daher Väter werden Söhne essen in deiner Mitte und Söhne werden ihre Väter essen.“ Was das Thema der Verschonten betrifft, so ist es im Erra-Epos Ischum, der sich bei Erra für die Menschen verwendet, indem er ihn besänftigt und überredet, einen Rest zu lassen. Darum faßt der Dichter am Ende sein Werk mit den Worten zusammen:
„Zahllose Jahre lang möge man das Lob des großen Herrn Nergal, des
Helden singen:
Daß Era ergrimmte und sich vornahm, die Länder niederzustrecken und die
Menschen zu verderben;
Daß Ischum, sein Berater, ihn beruhigte und er Reste ließ.“ (IV,39-41).
Auch die Ankündigung eines Endes (Vgl. Ez 7,2-3; Gen 6,13) findet sich:
„Die Zeit ist zu Ende, die Frist ist verstrichen.“ (IIC,12; Cagni, 13).
Bei allem, was sowohl bei P als auch bei Ez durch das Erra-Epos thematisch vorweggenommen sein konnte, bleibt doch ein Element, was P und Ez in gewissem Maße gemeinsam haben, während es im Erra-Epos zu fehlen scheint, und das ist gerade die besondere Bedeutung des Sehens. Welche Rolle dieses bei Ez spielt, ist w.o. unter B.1.e) ausführlich abgehandelt worden. In diesem Zusammenhang ist schon auf die sprachliche Ähnlichkeit mit dem priesterschriftlichen Flutprolog hingewiesen worden, wenn es Gen 6,12 heißt: „Da sah Gott die Erde und siehe, verderbt war sie.“ Dieses Sehen, eine Umkehrung vom Sehen, daß „alles gut war“ in Gen 1,31, führt zur Entscheidung, mittels der Flut Gericht zu halten. Im Flutepilog Gen 9,8-17 wird das Sehen zum Anlaß einer menschenfreundlichen Entscheidung, die sich zur Erinnerung das sichtbare Zeichen des Regenbogens setzt: V.13: „Und es wird sein, wenn ich eine Wolke heraufführe über die Erde, und gesehen wird der Bogen in der Wolke, …“ V. 16: „Und wird der Bogen in der Wolke sein, dann sehe ich ihn, um an den ewigen Bund zu denken zwischen Gott und allem lebendigen Wesen und in allem Fleisch, das auf der Erde ist.“
An Ezechiel erinnert, daß das Sehen mit einer Entscheidung verbunden ist, und daß diese Entscheidung mit der Beziehung zwischen Personen zu tun hat. In P ist diese Beziehung im Wesentlichen auf die zwischen Gott und Mensch eingeschränkt. Auch sonst ist bei P eine stärkere Konzentration auf wenige durch Sehen vermittelte Entscheidungen beschränkt, die dafür den Charakter einer gewissen Einmaligkeit und Endgültigkeit besitzen. Diese Endgültigkeit fehlt im selben Maß bei Ezechiel, der dafür eine ganze Palette von Sehens- und Entscheidungsmöglichkeiten zur Darstellung bringt.134 Was also dieses Element des Sehens betrifft, läßt sich Steck zustimmen bei seiner Behauptung, daß P in produktiver Weise von Ez abhängig sein könnte. Was die Entwicklung hin zu einer gesteigerten theologischen Reflexion dieses „Sehens“ betrifft, könnte man sagen, daß P die Früchte erntet, die Ezechiel mühsam gesät und gepflegt hat, der deshalb auch noch mehr von Hintergründen und Voraussetzungen durchblicken läßt.
Was die andern gemeinsamen Elemente betrifft, ist es einstweilen unmöglich zu sagen, ob P sie auf dem Umweg über Ezechiel mitgeteilt bekommen hat, oder nicht doch unmittelbarer aus babylonischen Quellen geschöpft hat, mit denen er auch sonst, wie z.B. die Fluterzählung selber beweist, vertraut ist. An eine direkte literarische Abhängigkeit von solchen Quellen wird bei Ezechiel wohl nicht zu denken sein. Daß er im Kontakt mit dortigen priesterlichen Kreisen manches mündlich Umlaufende erfahren hat, ist immerhin im Bereich des Möglichen. P könnte seinerseits trotz eigener Kenntnis der Quellen Ezechiels Ordnung des mythischen Materials zugrunde gelegt haben.
2. e) Analyse von 9,9 Fortsetzung
Mit
- „fürwahr, sie haben gesagt“ (9e) wird die darauffolgend zitierte Redensart angesagt. Die Partikel „fürwahr“ schließt an das Vorhergehende an und läßt sie damit als eine weitere Ausdifferenzierung der darin enthaltenen Gedanken erscheinen. Im Unterschied zu dem ganz ähnlich klingenden Spruch in 8,12 wird die Redensart nicht durch einen partizipialen Nominalsatz, sondern durch das Perfekt vom Verb „sagen“ eingeleitet. Damit wird hier wohl nicht ein einmaliges Benutzen dieses Spruches, wie solches durch die vorgängige Zitierung in 8,12 ausgeschlossen würde, ausgedrückt, sondern, vor dem Hintergrund der Gerichtsthematik und des Schuldaufweises, die Tatsächlichkeit seines Benutzens - wie oft auch immer - hervorgehoben.
Die Redensart selbst erweist sich im Wesentlichen als die chiastische Umkehrung der Parallele in 8,12, insofern die Redeteile in ihrer Reihenfolge umgedreht werden. Als weiterer gravierender Unterschied ist der Wegfall des Personalpronomens „uns“ als Objekt von Gottes Nicht-Sehen festzuhalten. Die chiastische Umkehrung tritt ergänzend zu manch anderem, was sich im 9. Kap. anders als im 8. verhält: Bewegung vom Heiligtum weg, statt zu ihm hin, Audition statt Vision, unerbittliches Gericht Gottes als Antwort auf die Blindheit des Volkes ihm selbst gegenüber. Als Besonderheit kommt hinzu, daß die Verbformen von „sehen“ und „verlassen“ jeweils am Ende und am Anfang des Spruches stehen und ihn solchergestalt umrahmen. Die unterschiedlichen Verbformen entsprechen sich dabei wie in 8,12:
als Perfekt für „hat verlassen“(9f), um das bereits geschehene Ereignis der Niederlage zu deuten,
als Partizip für „sehend“ (9g) dagegen, um einen weiterhin, auch über die Niederlage hinaus, andauernden Zustand zu beschreiben, der sich aus dem Vorgang ergibt. JHWH, als Subjekt beider Satzteile jeweils hervorhebend genannt, steht auch hier jedesmal an zweiter Position und damit fast in der Mitte des entsprechenden Redeteils.
2. f) Verantwortungslosigkeit in der Krise
Dadurch daß das Personalpronomen „uns“ als Objekt wegfällt, wird einerseits der Spruchinhalt von der persönlichen Situation der Sprecher stärker losgelöst und erhält eine allgemeinere Aussage: der Herr sieht nicht nur uns nicht, der Herr sieht überhaupt nicht. Andererseits erhält das „Land“ als nunmehr einziges Objekt im gesamten Spruch ein entsprechend größeres Gewicht. Es scheint auf die Sprucheinleitung zurückzuverweisen, wo es heißt, daß das Land von Bluttat erfüllt sei.
Ein Vergleich zwischen den Einleitungen zu den Redensarten in 8,12 und 9,9 zeigt, daß sie, bei aller Ähnlichkeit im Wortlaut, doch durch den Gebrauch Unterschiedliches bemänteln wollen. Handelt es sich in 8,12 um rituelles Fehlverhalten, so scheint in 9,9 statt dessen die Vernachlässigung sozialer Verantwortung im Vordergrund zu stehen, wie sie später noch einmal in Kap. 22 in bezug auf die Blutstadt Jerusalem thematisiert wird. Die Einleitung in 9,9 betont aber den sozialen Notstand infolge von Gewalttätigkeit und Rechtlosigkeit sowohl in der Stadt als auch im ganzen Land. Sie veranschaulicht also auch hierin das gefüllte Maß an Schuld, verursacht durch die Verantwortungslosigkeit, wie sie aus dem verlorengegangenen Glauben an die Gegenwärtigkeit Gottes entspringt. Daß nicht nur die politische Niederlage, sondern vorallem auch das Umsichgreifen von anarchischen Zuständen die Frage: wo ist eigentlich noch Gott? aufwerfen muß, kann man sich menschlich begreiflich machen.
Auf diese Weise ergänzen sich diese beiden Vorkommen der prinzipiell gleichen Redensart in komplementärer Weise, indem sie auf jene beiden Hauptbereiche verweisen, auf die sich der Prophet mit seiner Anklage bezieht. Daß diese beiden Fehlentwicklungen unter Zuhilfenahme fast derselben Redensart aufgedeckt werden, veranschaulicht ihre Zusammengehörigkeit.
116 Es besteht eine gewisse Unsicherheit, ob die eigens erwähnte linnenbekleidete Person zu den sechs anderen hinzuzuzählen oder bereits mitgezählt ist, auch wenn die heilig gehaltene Siebenzahl eher an das Erstere denken läßt; siehe auch unter B.1.a).
117 Ausführlich und umfassend äußert sich zu den Beziehungen zwischen dem Erra-Epos und dem gesamten Ezechielbuch D. Bodi, Ezekiel and Erra. Die babylonische Dichtung, die sich nach seiner Beurteilung, 52, als ein „outstanding work of Mesopotamian literature“ weist, spiegelt Untergang und Wiederherstellung der babylonischen Macht zwischen 1100 und 850 v. Chr. wider.
118 W. Zimmerli, Ezechiel, 1259: „In 9 9 klappt ‘Juda’ merkbar nach und konkurriert sachlich mit dem daneben stehenden ‘Haus Israel’.“ Deshalb beurteilt er es als „nachträgliche Schulbearbeitung oder Glossierung.“
119 M. Greenberg, Ezechiel D1, 208, nennt die Verbindung beider Bezeichnungen „Eine eigenartige Kombination […], die auf die weite Verbreitung der Sünde zielt und die auf das ‘der ganze Rest Israels’ des Propheten antwortet.“
120 So R. Knierim, Art.
Verkehrtheit, 243-249, bes. 244.
121 Zur ursprünglichen Bedeutung dagegen vgl. R. Knierim, Art.
Verkehrtheit, 246, wo er das Wort in den ältesten Belegen verwendet sieht: „in den Gattungen des Schuldbekenntnisses (1Sam 25,24; 2Sam 14,9), der Diskussion (1Sam 20,1.8; 2Sam 3,8; 14,32), der Entschuldigung (1Sam 28,10), der Bitte um Vergebung (2Sam 19,20; 24,10). Der Begriff wurde zunächst in der Umgangssprache, dort jedoch innerhalb bestimmter Situationen verschiedentlich festgeprägt verwendet.“
122 R. Knierim, Art.
Verkehrtheit, 243 weist 44 Vorkommen im Ezechielbuch auf gegenüber 31 bei den Ps und 25 bei Jes.
123 W. Zimmerli, „‘Leben’ und ‘Tod’“, 506-507: „In Ez.37 ist von Umkehr nichts gesagt. […] So ist die konditionale Lebenszusage in einer auffallenden Weise in einer unkonditional Anfang und Ende der Geschichte des Gottesvolkes umschließenden Lebenszusage verankert.“
124 R. Mosis, Art.
, 935, verwendet zwar den Terminus rhetorisch nicht direkt, er dürfte aber mitgedacht sein, wenn er feststellt: „Bemerkenswert ist, daß an keiner dieser [von Mosis untersuchten, A.R.] Stellen mit prädikativem Gebrauch
das Ziel oder die Kernaussage der Einheit ist.“
125 Vgl. G. Gerlemann, Art.
Blut, bes. 449.
126 Zur Möglichkeit der Einleitung eines kausalen Nebensatzes mit einfachem Waw vgl. P. Joüon, Grammaire, § 170c.
127 R. Oberforcher, Die Flutprologe, versucht eine Verbindung über die positive Formulierung von der Herrlichkeit Gottes, die den Tempel erfüllt, herzustellen. Von ihr meint er, 407, daß Ezechiel sie, „die in priesterlich-kulttheologischen Zusammenhängen zu dieser Zeit mindestens bekannt war, zu einer Kontrastaussage für seine Zwecke umgebildet hat, bzw. aus diesem Kontext her zur Kenntnis genommen hat. Es ist von daher zu vermuten, daß auch P die Formulierung aus eben diesem Kontext bekannt war und aufgrund gemeinsamen priesterlichen Milieus und des theologiegeschichtlichen Zusammenhangs die frappante Ähnlichkeit des Sprachgebrauchs zu erklären ist.“
128 O.H. Steck, „Aufbauprobleme“, 303: „Dieser Befund ist Anlaß zu der Frage, ob nicht noch weitere Aussagen in Ez 7-9, die nicht in direkten Formulierungsübernahmen hervortreten, die Aussageintention in Gen 6,11-13 beeinflußt haben.“
129 O.H. Steck, „Aufbauprobleme“, 303: „Spielt für Gen 6,12 ‘und Gott sah’ außer der Billigung in Gen 1 auch Ez 8,12b; 9,9b eine Rolle, und sieht P hinter dem Schuldzustand vor der Sintflut den durch den Abschluß des Sechstagewerks genährten Wahn am Werke, Gott habe danach die Erde verlassen?“ Steck gibt auf diese und andere Fragen keine bestätigende Antwort, empfiehlt sie jedoch auf diese Weise der Beherzigung.
130 O.H. Steck, „Aufbauprobleme“, 304-305: „In Gen 6 wendet P israelbezogene, am Untergang 587 v.Chr. haftende prophetische Überlieferung aus Ez 7-9 auf die universale Lebenswelt auf Erden beim uranfänglich-einmaligen Sintflutgeschehen an. Soll diese Beziehung im Sinne von P Identität Gottes ausdrücken, der im universalen Bereich bei der Sintflut nicht anders als später an Israel bei entsprechender Konstellation gehandelt hat? Oder soll die Heranziehung eines auf Israel und Exil bezogenen Textes dem Sintflutgeschehen bei P auch präfigurativen Sinn für Israel geben, dem zwar in einem Gericht wie Num *1440 - nicht ohne Ausnahme - das Land vorenthalten werden, aber ein ‘Ende’ nie mehr widerfahren kann, weil dieses ein für allemal (Gen 9) bei der Flut geschehen ist?“ Trotz Hinneigens zur zweiten Alternative muß Steck die Frage offenlassen.
131 Der erste deutsche Herausgeber des Textes mit Übersetzung und Kommentar: P.F. Gößmann, Das Era-Epos, VII: „Das Era-Epos ist heute noch ‘little known’.“ Das gilt mit Abstrichen noch bis zum heutigen Heute. Man vgl. aber D.F. Launderville, Spirit and Reason, der alle literarischen Vergleichsmöglichkeiten des Alten Orients bis hin zur griechischen Antike zu Ezechiel heranzieht und dabei auch vielfach auf das Erra-Epos eingeht.
132 Bermerkenswert ist bei beiden der Hinweis auf eine von der Sintflut verschont gebliebene Stadt. Vgl. D. Bodi, Ezekiel and Erra, 114: „The Poem of Erra contains what appears to be a unique reference in Akkadian literature […] of a city of Sippar being spared the Deluge, […].“ Nach Bodi könnte auch in Ez 22,24 der Regen ein Hinweis auf die Sintflut sein und somit Ezechiel die Verschonung durch die Sintflut auf Jerusalem anwenden, aber in negativem Sinne als ausgebliebene und deshalb nachzuholende Reinigung verstehen.
133 Noch deutlicher in der italienischen Übersetzung bei Cagni, L’Epopea di Erra, 89:„ll figlio non si darà premura della salute del padre (e) il padre non di (quella) del figlio. La madre tram[erà la sven]tura di (sua) figlia tra le risa.“ (IIC,33.34).
134 Man vgl. aber Fr. Sedlmeier, „Bundesformel“, 217, zu Ez 37,26-27: „Bezugnehmend auf Ez 34,25 wird eine
angekündigt, die - unter Rückgriff auf Ez 16,60 - zusätzlich als
qualifiziert ist. Damit führt Ez nicht nur die beiden Heilsworte von Ez 16,60 und 34,25 zusammen, er identifiziert diesen Bund zudem als unverbrüchlichen und unvergänglichen Gnadenbund, wie auch die Bezüge zu den einschlägigen - in der Leserperspektive bereits vorgängigen - priesterlichen Texten bestätigen: Zum Bund mit Noach (Gen 9,9-11), mit Abraham (Gen 17,6-8), mit Mose in Ägypten (Ex 6,4-7) und am Sinai (Ex 29, 44-46; 31,6; Lev 24,8). Mit der Mehrung des Volkes erfüllt sich eine weitere, einst an die Väter ergangene Verheißung.“ Ezechiel bereitet also den Glauben an unverbrüchliche Heilsverheißungen bereits vor, die dann von P an bestimmten Stationen der Heilsgeschichte festgemacht werden.
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