Kitabı oku: «Lehrerprofessionalität»

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Der Autor

Prof. Dr. Albert Bremerich-Vos ist Professor i. R. für Linguistik und Sprachdidaktik, zuletzt an der Universität Duisburg-Essen. Er war u. a. als Partner des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) beteiligt an der Konstruktion von Vergleichsarbeiten (Vera 3 und Vera 8) und von Kompetenzstufenmodellen für das Fach Deutsch. Er war Mitglied der nationalen Konsortien, die für die Internationalen Grundschul-Lese- Untersuchungen (IGLU) 2011 und 2016 zuständig waren, und ist Autor bzw. Ko-Autor zahlreicher Beiträge zur Lehrerprofessionsforschung.

Albert Bremerich-Vos

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-035645-0

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pdf: ISBN 978-3-17-035646-7

epub: ISBN 978-3-17- 035647-4

Geleitwort

Die großen internationalen Vergleichsstudien zu Schul- und Schülerleistungen vom Beginn des Jahrhunderts haben spürbare Innovationen im gesamten Bildungssystem bis hinein in die konkreten unterrichtlichen Praktiken mit sich gebracht. Auch die Forschungslandschaft rund um das Lehren und das Lernen wurde durch diese Impulse nachhaltig beeinflusst und wirkt ihrerseits weiter auf die Entwicklung von Schule und Unterricht ein.

Eine der Lehren aus diesen Studien war die Anerkennung der Notwendigkeit von Interdisziplinarität: Lehren und Lernen, wissenschaftlich betrieben, kann nur durch das Zusammenspiel pädagogischer, psychologischer, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Theorien und Befunde befriedigend erklärt und gesteuert werden. In der pädagogischen Praxis kann keine Lerntheorie ohne Bezug auf eine konkrete Inhaltsdomäne und keine Lehrmethode ohne Curriculumsbezug und ohne Beachtung der individuellen Lernvoraussetzungen erfolgreich sein. Die je eigenen Perspektiven und Erkenntnisse der Psychologie, der Pädagogik und der beiden schulisch zentralen Fachdidaktiken Mathematik und Deutsch, vertreten in den Disziplinen der Herausgebenden, sollen in den einzelnen Bänden dieser Reihe jeweils zu einem kohärente Gesamtbild zusammengeführt werden. Neben der Interdisziplinarität liegt besonderer Wert auf einer – weit verstandenen – Empirie: Erfahrungswissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse zum Lehren und Lernen stehen jeweils im Mittelpunkt der Darstellung. Schließlich fokussieren alle Bände der Reihe den Anwendungsbezug: Die entfalteten Themen, Diskurse und Fachgebiete sind jeweils unmittelbar bedeutend für Schule und Unterricht. Insgesamt präsentieren die Bände die wichtigsten unterrichtlich relevanten Forschungsthemen und -ergebnisse aus den unterschiedlichen Disziplinen.

Die vorliegende Reihe umfasst thematisch den Vorschul-, Grundschul- und weiterführenden Schulbereich bis etwa zur zehnten Klassenstufe. Konzipiert ist sie für (zukünftige) Lehrende, auch für PädagogInnen und PsychologInnen in weiteren Anwendungsfeldern im Bildungssystem. Mit dem »Lehren und Lernen« werden die oben angesprochenen politisch-praktischen Veränderungen im pädagogischen und fachlichen Feld und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern aufgegriffen, indem die Ergebnisse der empirischen Forschung in den zentralen Bereichen des Lehrens und Lernens aus interdisziplinärer Perspektive für professionelle Anwender verständlich und kompakt dargestellt werden.

Andreas Gold, Cornelia Rosebrock, Renate Valtin & Rose Vogel

Inhalt

1  Geleitwort

2  1 Einleitung

3  2 Wer will Lehrkraft werden und warum?

4  2.1 Kognitive Voraussetzungen zu Studienbeginn und ihr Einfluss auf Testergebnisse und Abschlussnoten

5  2.2 Interessen und Berufswahlmotive von Lehramtsstudierenden allgemein und fachspezifisch

6  2.3 Zum Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Wahl eines Lehramtsstudiums, auf berufliches Befinden und auf den Erfolg von Lehrkräften

7  3 Was Lehrkräfte wissen und können sollen: Vorgaben der KMK

8  4 Lehrerprofessionalität: Zum strukturtheoretischen Ansatz

9  4.1 Die Lehrer-Schüler-Beziehung in der Perspektive Ulrich Oevermanns

10  4.2 Weiterentwicklungen des Oevermann’schen Ansatzes

11  4.3 Methodisch-Methodologisches: Objektive Hermeneutik

12  5 Weitere qualitative, rekonstruktive Ansätze

13  6 Eine Kontroverse

14  7 Dimensionen der Qualität von Unterricht aus primär quantitativer Perspektive

15  8 Lehrerprofessionalität: ein kompetenztheoretischer Ansatz

16  8.1 Ein Modell professioneller Kompetenz

17  8.2 Überzeugungen, Motivation und Selbstregulation

18  8.3 Zum Wissen von Lehrkräften

19  8.4 Fachliches und fachdidaktisches Wissen: Mathematik

20  8.5 Fachliches und fachdidaktisches Wissen: Deutsch

21  8.6 Pädagogisch-psychologisches Wissen

22  8.7 Kompetenzen – »kontextualisiert«, »situationsbezogen« erfasst: Vignettentests

23  9 Lerngelegenheiten im Studium und Referendariat und ihr Einfluss auf Wissen und die Fähigkeit, Unterricht zu planen

24  10 Markante Übergänge: Referendariat und Berufseinstieg

25  11 Entwicklung im Beruf und Lehrerfortbildung

26  12 Ausblick

27  Literatur

28  Stichwortverzeichnis

1 Einleitung

Lehrkräfte in der Schule sind in erster Linie Fachleute für das Lehren und Lernen. Sie haben in der Regel mindestens zwei Fächer und Bildungswissenschaften studiert und das Referendariat erfolgreich abgeschlossen. Was macht ihre Professionalität aus? Wie die Antworten auch immer ausfallen: Auszugehen ist von den mit dem Beruf verbundenen Anforderungen. Deren Festlegung ist zum einen eine Aufgabe der Bildungspolitik. Ihr kommt die Kultusministerkonferenz nach, indem sie »Standards für die Lehrerbildung in den Bildungswissenschaften« und »Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung« bestimmt und von Zeit zu Zeit aktualisiert. Zum anderen sind die mit der Lehrertätigkeit verbundenen Anforderungen Gegenstand der Diskussion in einer Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen, z. B. in der Schulpädagogik, der Bildungssoziologie, der Pädagogischen Psychologie und in den mit den Schulfächern korrespondierenden Fachwissenschaften und -didaktiken.

Ewald Terhart (2011) hat vorgeschlagen, drei Ansätze zur Bestimmung von Professionalität im Lehrerberuf zu unterscheiden:

• Im Kontext des berufsbiographischen Ansatzes wird Professionalität in erster Linie als Entwicklungsproblem aufgefasst. Hier werden etwa Studien- und Berufswahlmotive thematisiert, die Übernahme eines beruflichen Habitus nach dem Referendariat und Fragen, die mit der Verknüpfung von privatem Lebenslauf und beruflichem Werdegang bis zum Ende der Berufstätigkeit zu tun haben.

• Gemeinsam ist Varianten des strukturtheoretischen Ansatzes, dass die beruflichen Anforderungen an Lehrkräfte als in sich widersprüchlich dargestellt werden. Diese Widersprüche können nicht aufgehoben werden. Professionalität zeigt sich in der Fähigkeit, reflektiert mit ihnen umzugehen und dabei jederzeit ein Scheitern vor Augen zu haben.

• Vertreter eines kompetenztheoretischen Ansatzes bemühen sich um die Bestimmung des fachlichen, fachdidaktischen und pädagogischen Wissens und Könnens von Lehrkräften, ihrer Überzeugungen und weiterer ihrer Merkmale mit dem Ziel, deren Beitrag zu Effekten auf Schülerseite nachzuweisen, u. a. zum Lernerfolg.

Wie mit jedem Versuch, ein Forschungsfeld überschaubar zu machen, sind mit Terharts Vorschlag Vor- und Nachteile verbunden. Für ihn spricht z. B., dass sich Beiträge zum struktur- und zum kompetenztheoretischen Ansatz auch in methodischer Hinsicht deutlich unterscheiden.

Alle Arbeiten, die sich dem strukturtheoretischen Ansatz zuordnen lassen, sind qualitativ, hermeneutisch bzw. rekonstruktiv ausgerichtet und primär soziologisch zu verorten. Nachteilig wäre es aber, würde man nur sie berücksichtigen. Denn es gibt auch andere qualitative Studien zu Aspekten von Lehrerprofessionalität, die nicht strukturtheoretisch, sondern z. B. gesprächsanalytisch oder ethnographisch ausgerichtet sind.

Der kompetenztheoretische Ansatz hat seine Wurzeln in der Psychologie, u. a. in der Expertiseforschung. In den einschlägigen Arbeiten werden in der Regel nicht wenige »Fälle« interpretiert, sondern große Gruppen getestet bzw. befragt und die Befunde werden quantitativ-statistisch ausgewertet.

Anders als die Publikationen zu diesen beiden Ansätzen sind diejenigen, die man nach Terhart dem berufsbiographischen Ansatz zuordnen könnte, in methodischer Hinsicht disparat, d. h. einmal quantitativ, einmal qualitativ ausgerichtet. Deshalb folge ich in diesem Punkt seinem Vorschlag nicht, greife aber Fragestellungen, um die es hier geht, an verschiedenen Stellen auf. Auch im von Terhart, Bennewitz & Rothland herausgegebenen »Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf« (2014) wird nicht von einem berufsbiographischen Ansatz gesprochen. Es enthält aber u. a. einen Beitrag zum sogenannten Persönlichkeitsansatz. Persönlichkeit wird hier als »Ensemble relativ stabiler Dispositionen« (Mayr, 2014, S. 191) verstanden und es wird u. a. gefragt, ob Personenmerkmale zu finden sind, die zur Erklärung des Erfolgs von Lehrkräften beitragen. In Kapitel 2.3 dieses Buchs wird auf diesen Ansatz eingegangen.

Die Forschung zur Lehrerprofessionalität ist ein weites, für einen Einzelnen m. E. mittlerweile zu weites Feld, um mit dem alten Briest aus Fontanes Roman zu sprechen. Deshalb waren in mehrfacher Hinsicht Beschränkungen angezeigt:

• Von Ausnahmen abgesehen, kommen hier Studien aus den letzten 15 Jahren zur Sprache.

• Zwar ist die internationale Diskussion lebhaft und verzweigt, ich konzentriere mich aber auf Texte in deutscher und englischer Sprache, die von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren verfasst wurden. Deren Auswahl ist subjektiv – aber nur zum Teil. Es gibt nämlich einige »Meilensteine«, d. h. Publikationen, die für die Debatte über Lehrerprofessionalität besonders anregend waren und sind.

Wenn die Studien zur Lehrerprofessionalität nicht wie häufig bildungswissenschaftlich orientiert sind, sondern einen Fachbezug haben, dann dominiert die Mathematik. Wollte man eine Rangliste aufstellen, dann kämen an zweiter Stelle die naturwissenschaftlichen und erst dann geisteswissenschaftliche Fächer. Mir als Deutschdidaktiker liegt das Fach Deutsch besonders am Herzen. Deshalb konzentriere ich mich im Folgenden im Wesentlichen auf Arbeiten zu (zukünftigen) Mathematik- und Deutschlehrkräften.

• Ausgespart sind Arbeiten zu Lehrkräften, die Mathematik oder Deutsch in der Grundschule unterrichten. Im Zentrum stehen Studien zu Sekundarstufenlehrerinnen und -lehrern.

• Lehrkräfte haben nicht nur zu unterrichten, sondern z. B. auch Eltern zu beraten und sich an der Entwicklung ihrer Schule zu beteiligen. Hier steht das Unterrichten im Zentrum, aber einige seiner Aspekte bleiben ausgespart. So bleibt z. B. ausgeklammert, was professionelles Handeln im Zeichen von Inklusion und Digitalisierung ausmachen könnte. Für eine mehr als oberflächliche Erörterung dieser Fragen fehlte der Platz.

Klaus-Jürgen Tillmann (2014, S. 314) resümierte, nachdem er mehrere Beiträge zum Stand der Forschung zum Lehrerberuf knapp referiert und kommentiert hatte, ernüchtert, dass sich die Verfechter eines qualitativen Ansatzes auf der einen und diejenigen, die einen primär quantitativen Zugang bevorzugen, auf der anderen Seite wenig zu sagen hätten. »Dies bestätigt die These, dass es hier offensichtlich zwei klar voneinander getrennte wissenschaftliche Arenen mit deutlich anderen Akteuren gibt, die sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit kaum aufeinander beziehen.« Es gibt zwar einige Versuche, Brücken zu bauen, aber Tillmanns Fazit hat im Großen und Ganzen auch heute noch Bestand. Ich habe mich bemüht, beiden »Richtungen« gerecht zu werden, mich von Fall zu Fall aber auch nicht vor Wertungen gescheut.

2 Wer will Lehrkraft werden und warum?

Handelt es sich bei Lehramtsstudierenden um eine Negativauswahl, um eine Gruppe also, die durchschnittlich schlechtere Abiturnoten hat als andere Studierende? Was lässt sich über ihre kognitiven Eingangsvoraussetzungen sagen und welchen Einfluss haben sie auf ihre Leistungen in späteren Phasen der Ausbildung? Welche Interessen und Berufswahlmotive lassen sich ausmachen? Welche Bedeutung haben Persönlichkeitsmerkmale für die Wahl eines Lehramtsstudiums, aber auch für berufliches Befinden? Auf diese Fragen wird im Folgenden eingegangen. Studien, in denen es um die soziale Herkunft von Lehramtsstudierenden und Lehrkräften und darum geht, in welchem Ausmaß der Lehrerberuf sozial »vererbt« ist, bleiben hier außer Betracht (s. dazu Rothland, 2014, S. 321–329).

2.1 Kognitive Voraussetzungen zu Studienbeginn und ihr Einfluss auf Testergebnisse und Abschlussnoten

Es ist weitgehend unbestritten, dass die Abiturdurchschnittsnote der beste Einzelprädiktor für den Studienerfolg ist. Im Mittel werden Korrelationen der Durchschnittsnote und späteren fachspezifischen Leistungen im Verlauf des Studiums und vor allem in Form von Studienabschlussnoten um r = .40 berichtet (Gold & Souvignier, 2005, S. 215). Klusmann, Trautwein, Lüdtke, Kunter & Baumert (2009) erhoben im Rahmen einer Längsschnittstudie in Baden-Württemberg im letzten Jahr der gymnasialen Oberstufe die kognitive Grundfähigkeit, mathematisches Wissen, Englischkenntnisse und Abiturnoten von 4730 Schülerinnen und Schülern. Zwei Jahre später verglichen sie die Befunde anhand einer Teilstichprobe von Studierenden, und zwar differenziert nach nichtgymnasialem (209 an Pädagogischen Hochschulen Studierenden) und gymnasialem Lehramt (119 an Universitäten Studierenden) auf der einen Seite und anderen, nicht lehramtsbezogenen Studiengängen an Universitäten (N = 1418) und Fachhochschulen bzw. Berufsakademien (N = 505) auf der anderen Seite. Die Abiturnoten der Studierenden des Gymnasiallehramts und der »Nicht-Lehrämtler« an Universitäten waren die besten und unterschieden sich nicht, am schwächsten und mit deutlichem Abstand (eine halbe Notenstufe) schnitten die nichtgymnasialen Lehramtsstudierenden ab (ebd., S. 271). Der Unterschied der Mittelwerte der beiden Lehramtsgruppen betrug, in Effektstärken d nach Cohen ausgedrückt, 0.99, machte also eine ganze Standardabweichung aus.1 Analog, wenn auch nicht durchgängig so deutlich, fielen die Ergebnisse bei den anderen Leistungsindikatoren (kognitive Grundfähigkeit, Mathematik und Englisch) aus. Wurden nur gymnasiale Lehramtsstudierende mit MINT-Fächern mit anderen Studierenden verglichen, die MINT ohne Lehramtsbezug studierten, ergaben sich keine Unterschiede im kognitiven Bereich, ebenfalls nicht beim Vergleich von Lehramtsstudierenden und anderen Studierenden, die keine MINT-Fächer studierten (Roloff Henoch, Klusmann, Lüdtke & Trautwein, 2015a).

Blömeke (2009) berichtete über eine längsschnittlich angelegte Studie, in deren Rahmen u. a. die Abiturdurchschnittsnoten von 609 Absolventinnen und Absolventen eines Diplom-Studiums in Mathematik und 483 Mathematik-Gymnasiallehrkräften erhoben wurden. Unterschiede waren hier nicht auszumachen.

Damit wurden ältere Befunde von Gold & Giesen (1993) weitgehend bestätigt, die ebenfalls zunächst Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf fachliches Wissen und Intelligenz getestet, die Abiturnote erfragt und in der Folge Teilstichproben dieser Schülerinnen und Schüler untersucht hatten, die nun Studierende waren. Die »Gymnasialen« hatten bessere Testergebnisse und Abiturnoten vorzuweisen als Studierende der Sekundarstufe I, der Haupt-, Grund- und Sonderschule. Auch hier ergaben sich für die Gymnasialen und Diplom- und Magisterstudierende der gleichen Fachrichtung (Mathematik und Naturwissenschaften, Sprachen und andere Geisteswissenschaften) keine bedeutsamen Unterschiede.

Gold & Giesen (1993) und Klusmann et al. (2009) unterschieden nur gymnasiale und nicht-gymnasiale Lehramtsstudierende. Spinath, van Ophuysen & Heise (2005) differenzierten anhand einer Stichprobe Dortmunder Studierender bei den Nicht-Gymnasialen und berichteten u. a. separate Ergebnisse für Studierende der Lehrämter für die Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sonderpädagogik. Sie setzten den Grundintelligenztest CFT 3 (Weiss, 1971) ein und fanden heraus, dass sich Primarstufen- und Sekundarstufen-II-Studierende nicht unterschieden. Sekundarstufen-I-Studierende schnitten deutlich, wenn auch nicht signifikant schlechter ab, Studierende der Sonderpädagogik markant besser (ebd., S. 191).

Diesen anhand einer kleinen Stichprobe ermittelten Befund konnte Neugebauer (2013) nicht bestätigen. Er untersuchte die Angaben von fast 15 000 Personen, die vom HIS-Institut für Hochschulforschung kurz nach Erhalt ihrer Hochschulzugangsberechtigung postalisch befragt worden waren. Verglichen werden konnten die Abiturdurchschnittsnoten von (zukünftigen) Studierenden des Lehramts am Gymnasium (n = 843), der Lehrämter für Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschule (n = 1028) und Nicht-Lehramtsstudierender an Universitäten (n = 9813) und Fachhochschulen (n = 3131). Es ergab sich, dass die Nicht-Lehramtsstudierenden an Universitäten die besten Abiturnoten hatten (2,21). Sie unterschieden sich nicht signifikant von denen der Gymnasialen (2,25). FH-Studierende schnitten signifikant schlechter ab (2,42), am schlechtesten die nicht-gymnasialen Lehramtsstudierenden (2,62), bei denen die internen Unterschiede nicht oder kaum ins Gewicht fielen. Der Unterschied zwischen Gymnasialen und Nicht-Gymnasialen kann als mittlerer Effekt (d= 0.59) verstanden werden (ebd., S. 170f.).

Im Rahmen des interdisziplinären Projekts TEDS-LT (Blömeke et al., 2011) wurden u. a. die Abiturdurchschnittsnoten von 588 Deutsch- und 453 Mathematikstudierenden erhoben und nach Schulformen differenziert. In Mathematik unterschieden sich die Noten der Studierenden für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen um eine halbe Notenstufe von denen der Haupt- und Realschul-Studierenden, in Deutsch um 0,3 Notenpunkte. Bei den fachspezifischen Tests im dritten bis fünften Semester schnitten Gymnasiale in Literaturwissenschaft und Linguistik um etwa eine halbe Standardabweichung besser ab als die Nicht-Gymnasialen, die Differenzen bei Arithmetik und Algebra waren noch markanter und betrugen fast eine Standardabweichung. Wurden weitere Hintergrundmerkmale kontrolliert, ging in beiden Fächern ein um eine Note besseres Abiturergebnis mit einer um eine halbe Standardabweichung besseren Testleistung einher (Blömeke & Buchholtz, 2011, S. 189, S. 192).

Für Referendarinnen und Referendare, die überwiegend Mathematik studiert hatten, ergab die Studie COACTIV-R, an der 856 Lehramtsanwärterinnen und -anwärter teilnahmen, dass ihre Abiturgesamtnoten nicht von denen anderer Abiturientinnen und Abiturienten (im Schuljahr 2004/05) abwichen. Erneut unterschieden sich aber die Noten der angehenden Gymnasiallehrkräfte von den Noten derer, die ein Lehramt an Grund-, Haupt-, Real- und Gesamtschulen anstrebten, und zwar beträchtlich, d. h. um mehr als eine Standardabweichung (Cohens d = 1,22). Auch die Werte beim Kognitiven Fähigkeitstest (KFT) fielen zugunsten der Gymnasialen aus, wenn auch weniger deutlich (Klusmann, 2011a, S. 299).

Für einen Teil der COACTIV-R-Stichprobe wurden nicht nur kognitive Grundfähigkeit und Abiturnoten erhoben, sondern auch die Studienabschlussnoten in Mathematik und die Abschlussnoten des Vorbereitungsdienstes. Darüber hinaus schätzten Schülerinnen und Schüler von 190 (von insgesamt 242) Lehramtsanwärterinnen und -anwärtern die Qualität ihres Unterrichts in den drei Dimensionen kognitive Aktivierung, Klassenführung und Unterstützung ein ( Kap. 7). Hinzu kam eine Stichprobe von 668 Referendarinnen und Referendaren aus NRW, deren Fächerspektrum breit war. Auch bei ihnen wurden Abiturnoten und Abschlussnoten nach der ersten und zweiten Phase erfragt. Schülerinnen und Schüler von 60 Lehrkräften beurteilten darüber hinaus die Qualität ihres Unterrichts. Bei beiden Stichproben ergab sich, dass die Noten am Ende des Studiums und auch noch am Ende des Referendariats von der Abiturnote vorhergesagt wurden (Wolf, Kunina-Habenicht, Maurer & Kunter, 2018, S. 109). »Gute Schülerinnen und Schüler werden demnach auch eher gute Lehramtsstudierende und erreichen auch eher gute Noten im Vorbereitungsdienst.« (Ebd.) Die Qualität des Unterrichts in der Perspektive der Schülerinnen und Schüler, also ein wesentlicher Aspekt beruflichen Erfolgs, konnte mithilfe der Abiturnote aber nicht vorhergesagt werden.

2.2 Interessen und Berufswahlmotive von Lehramtsstudierenden allgemein und fachspezifisch

Nach Holland (1997) lassen sich mehrere grundlegende und bei Erwachsenen weitgehend stabile berufliche Orientierungen und damit korrespondierende Umwelten unterscheiden: eine praktisch-technische, eine intellektuell-forschende, eine künstlerisch-sprachliche, eine soziale und eine ordnend-verwaltende Orientierung. Je nachdem, wie die Konstellation dieser Orientierungen bei ihnen beschaffen ist, suchen sich Menschen Umwelten, in denen ihre Interessen möglichst gut zur Entfaltung kommen. Holland (1997, S. 270) ging davon aus, dass bei Lehrkräften die soziale Orientierung dominant ist. Klusmann et al. (2009) befragten zunächst Schülerinnen und Schüler in 12. Klassen und verglichen zwei Jahre später die Befunde für diejenigen, die ein Lehramtsstudium gewählt hatten, mit den Ergebnissen der Studierenden, die an einer Universität studierten und kein Lehramt anstrebten (314 vs. 913 Studierende). Die Nicht-Lehramtsstudierenden hatten zwei Jahre früher u. a. ein deutlich höheres praktisch-technisches (z. B. untersuchen, wie etwas funktioniert) und intellektuell-forschendes (z. B. wissenschaftliche Artikel lesen) Interesse als die Gymnasialen gezeigt (d= 0.71 bzw. d= 0.64). Die Gymnasialen wiederum waren stärker sozial orientiert (z. B. sich Probleme anderer Menschen anhören) und zeigten auch größeres künstlerisch-sprachliches Interesse (z. B. Geschichten schreiben) (d= 0.59 bzw. d= 0.42). (Ebd., S. 272) Der interne Vergleich der Lehramtsstudierenden ergab nur Differenzen bei den sozialen und intellektuell-forschenden Interessen. Die Nicht-Gymnasialen waren stärker sozial (d= 0.56) und weniger intellektuell-forschend orientiert als die Gymnasialen (ebd.).

Kaub et al. (2012) untersuchten die beruflichen Orientierungen von Lehramtsstudierenden differenziert nach Fächerkombinationen. Für insgesamt 227 Studierende der Universität Saarbrücken wurden zu Studienbeginn fünf Fächerkombinationen ausgemacht. Der Vergleich zwischen Studierenden der Naturwissenschaften (Mathematik, Biologie, Chemie, Physik und Ingenieurwissenschaften) und von Sprachen (Kombination aus zwei Sprachen) ergab ein auffällig größeres intellektuell-forschendes Interesse bei den Naturwissenschaftlern, während die »Sprachler«, nicht verwunderlich, deutlich künstlerisch-sprachlich, aber auch in sozialer Hinsicht interessierter waren (ebd., S. 240ff.).

Holland (1997) legte eine allgemeine Berufswahl-Theorie vor, auf deren Basis er ein umfassendes Register der Berufe entwickelte. Watt & Richardson (2007) konzentrierten sich mit dem Fit-Choice-Modell dagegen auf die Berufswahlmotive angehender Lehrkräfte, die deshalb mit einem Instrument wie diesem differenzierter erfasst werden können. Für die Wahl des Lehrerberufs sind dem Modell zufolge die selbst eingeschätzten Fähigkeiten, individuelle Werte wie das intrinsische Interesse am Lehrerberuf und soziale Motive, die Einschätzung der beruflichen Anforderungen und der mit dem Beruf verbundenen Vorteile wesentlich. Bedacht wird auch, dass die Wahl eines Lehramtsstudiums durch frühere eigene Lehrerfahrungen und Einflüsse anderer motiviert sein kann.

Einige Beispiele für Teilskalen und Items zu Berufswahlmotiven:

• Wahrgenommene Lehrbefähigung: Ich habe die Qualitäten eines guten Lehrers/einer guten Lehrerin.

• Intrinsische Motivation: Mich interessiert der Lehrerberuf.

• Verlegenheitslösung: Ich war mir nicht sicher, welchen Beruf ich wählen sollte.

• Berufliche Sicherheit: Als Lehrer/in hat man eine sichere Stelle.

• Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Als Lehrer/in mit reduzierter Stundenzahl hätte man mehr Zeit für die Familie.

• Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Ich arbeite gerne mit Kindern/Jugendlichen.

• Einfluss Dritter: Meine Familie findet, ich sollte Lehrerin werden.

Weitere Skalen beziehen sich auf Überzeugungen, z. B. im Hinblick auf Arbeitsbelastung und emotionale Beanspruchung, auf die Einschätzung des für die Berufsausübung notwendigen Wissens, der Bezahlung und des öffentlichen Ansehens des Lehrerberufs.

Die Fit-Choice-Skalen wurden in mehreren Ländern eingesetzt, u. a. im Rahmen einer großen international vergleichenden Studie, die sich auf Deutschland, Österreich und die Schweiz bezog. Zu Beginn des Wintersemesters 2011/12 befragten König, Rothland, Darge, Lünnemann & Tachtsoglou (2013) insgesamt 6400 im ersten Semester Studierende in diesen drei Ländern, die alle dort jeweils angebotenen Lehrämter anstrebten. Alle Skalen hatten ein siebenteiliges Antwortformat (von 1 = überhaupt nicht wichtig bis 7 = äußerst wichtig). In allen drei Ländern fanden die Motive Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Interesse am Lehrerberuf, wahrgenommene Lehrbefähigung und sozialer Beitrag für die Gesellschaft die größte Zustimmung. Als eher wichtig wurden auch die extrinsischen Motive berufliche Sicherheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingestuft. Das Motiv Verlegenheitslösung dagegen erschien als nicht wichtig (ebd., S. 568, ähnlich bereits Terhart, Czerwenka, Ehrich, Jordan & Schmidt, 1994, S. 57).

Neugebauer (2013) fand, dass Studierende der nicht-gymnasialen Lehrämter das größte soziale Interesse artikulieren, gefolgt von Gymnasialen, die ihrerseits deutlich sozialer interessiert sind als sonstige Universitätsstudierende und erst recht als FH-Studierende. Interesse an wissenschaftlichem Arbeiten ist bei Lehramtsstudierenden dagegen weniger ausgeprägt als bei Universitätsstudierenden, am seltensten wird es von Nicht-Gymnasialen genannt. Sie machen auch in geringerem Maß fachliches Interesse geltend, anders als die Gymnasialen, die sich hier statistisch von den sonstigen Universitätsstudierenden nicht unterscheiden. Schließlich: »Lehramtsstudierende insgesamt wählen ihr Studium erwartungsgemäß häufiger aus ›familiären Gründen‹ und aus ›Gründen der beruflichen Sicherheit‹. Der Vergleichsgruppe FH ist die berufliche Sicherheit allerdings noch wichtiger als den Lehramtsstudierenden.« (Ebd., S. 171f.)

Soll untersucht werden, wie Studienwahlmotive fachbezogen beschaffen sind, stellt sich das Problem, dass die Lehramtsstudierenden mindestens zwei Fächer studieren. Glutsch, König & Rothland (2018) unterschieden deshalb bei einem Teil der deutschen Stichprobe aus dem Drei-Länder-Vergleich (1365 Studienanfängerinnen und -anfänger, die ein Lehramt in der Sekundarstufe I oder in I/II anstrebten) insgesamt sechs Fächergruppen: Geistes- und Sozialwissenschaften (z. B. Geschichte und Politik); Sprachwissenschaften (z. B. Deutsch und Englisch); Mathematik/Naturwissenschaften; Geistes- bzw. Sozialwissenschaften und Sprachwissenschaften; Geistes- bzw. Sozialwissenschaften und Mathematik bzw. Naturwissenschaften; Sprachwissenschaften und Mathematik/Naturwissenschaften. Der Vergleich der Mittelwerte auf den Fit-Choice-Skalen ergab zwar einige statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Studierenden mit den verschiedenen Fächerkombinationen. So zeigten sich die Studierenden der Sprachwissenschaften intrinsisch motivierter als die anderen fünf Gruppen. Für sie – in der großen Mehrheit Frauen – waren auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die berufliche Sicherheit relevanter. Auf der Skala »Arbeit mit Kindern und Jugendlichen« hatten die Studierenden der Mathematik/Naturwissenschaften die niedrigsten Mittelwerte. Die Effektstärken waren aber jeweils gering und praktisch bedeutsame, systematische Unterschiede über alle Fächergruppen hinweg ließen sich nicht nachweisen. »Allgemein dominiert bei allen sechs Gruppen der intrinsische Wert [d. h. das Interesse am Lehrerberuf, A. B.-V.], gefolgt von dem Wunsch, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu wollen.« (Ebd., S. 475) Wurde nach Studiengängen (SI vs. SI/SII) differenziert, zeigte sich u. a. bei SI-Studierenden von Mathematik/Naturwissenschaften und der Geistes-/Sozial- und Sprachwissenschaften ein deutlich ausgeprägterer Wunsch, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

Eine Studie, in der 468 in München und Passau Studierende mit dem Erstfach Deutsch mit 880 anderen Studierenden verglichen wurden, legten Saalfrank, Weiß, Braune & Kiel (2011) vor. Sie fanden u. a., dass bei den Deutsch-Studierenden das fachliche Interesse stärker ausgeprägt war als bei den Studierenden mit anderem Erstfach. Die Differenzen waren zwar signifikant, aber offensichtlich praktisch unbedeutend (ebd., S. 46).

Über die Ergebnisse einer Befragung von 856 Referendarinnen und Referendaren, die überwiegend Mathematik studiert hatten, berichtete Klusmann (2011b). Deren Motive wurden nicht mit dem Fit-Choice-Instrument, sondern mit dem in wesentlichen Teilen vergleichbaren Fragebogen FEMOLA (Pohlmann & Möller, 2010) erhoben. Auch hier ergab sich im Durchschnitt eine hohe Motivation auf der Grundlage sozialen und pädagogischen Interesses, des fachbezogenen Interesses und der Selbsteinschätzung, als Lehrkraft erfolgreich zu sein. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die berufliche Sicherheit spielten ebenfalls eine, allerdings weniger bedeutende Rolle. Nicht-Gymnasiale zeigten ein höheres Interesse an pädagogisch-sozialen Aspekten als Gymnasiale (d =0.30), bei ihnen war auch die vermutete Leichtigkeit des Studiums ein stärkeres Motiv (d =0.60).

2.3 Zum Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Wahl eines Lehramtsstudiums, auf berufliches Befinden und auf den Erfolg von Lehrkräften

Inwieweit hängen das Handeln von Lehramtsstudierenden und Lehrkräften, ihr beruflicher Erfolg und ihr Befinden von persönlichen Eigenschaften ab, die als weitgehend stabil anzusehen sind? Für eine Antwort auf diese Fragen wird gegenwärtig vor allem auf eine Theorie zurückgegriffen, wonach sich Persönlichkeit allgemein mithilfe von fünf Dimensionen, den sogenannten Big Five, beschreiben lässt: Neurotizismus (u. a. innere Unruhe, Ängstlichkeit, Reizbarkeit); Extraversion (Geselligkeit, Durchsetzbarkeit, Herzlichkeit); Offenheit (für Ideen, kreative Ansätze, durch Kunst evozierte Erfahrungen); Verträglichkeit (Wärme, Hilfsbereitschaft, Vertrauen); Gewissenhaftigkeit (Ordnungsliebe, Beharrlichkeit, Leistungsstreben). Es gibt eine Reihe von sehr umfangreichen, aber auch kurzen Fragebögen, die der Erfassung der Big Five und ihrer Facetten dienen (vgl. Rammstedt & Danner, 2016). Am bekanntesten ist das NEO-Fünf-Faktoren-Inventar (NEO-FFI), die deutschsprachige Fassung einer ursprünglich englischsprachigen Version (Borkenau & Ostendorf, 2008). Hier sind 60 Items zu beantworten, und zwar jeweils auf einer fünfstufigen Antwortskala von »starke Ablehnung« bis starke Zustimmung«. Einige Beispiele:

• Extraversion: Ich habe gern viele Leute um mich herum. – Ich ziehe es gewöhnlich vor, Dinge allein zu tun.

• Verträglichkeit: Ich versuche zu jedem, dem ich begegne, freundlich zu sein. – Wenn ich Menschen nicht mag, so zeige ich ihnen das auch offen.

• Gewissenhaftigkeit: Ich versuche, alle mir übertragenen Aufgaben sehr gewissenhaft zu erledigen. – Ich werde wohl niemals fähig sein, Ordnung in mein Leben zu bringen.

• Neurotizismus (bzw. als Gegenpol: emotionale Stabilität): Ich empfinde selten Furcht oder Angst. – Wenn ich unter starkem Stress stehe, fühle ich mich manchmal, als ob ich zusammenbräche.

• Offenheit für Erfahrungen: Mich begeistern die Motive, die ich in der Kunst und in der Natur finde. – Ich finde philosophische Diskussionen langweilig.

Rammstedt & Danner (2016) werteten Daten aus Befragungen zu den Big Five (u. a. mithilfe des NEO-FFI) und ihrer Facetten aus, und zwar von drei Stichproben, darunter einer aus Studierenden (n = 453) und einer, die für die erwachsene Bevölkerung repräsentativ war (n = 1431). Es zeigte sich, dass das Alter positiv mit Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit und negativ mit Extraversion korrelierte.2 Frauen hatten im Mittel höhere Werte bei Verträglichkeit und emotionaler Stabilität. Mit dem Bildungsniveau der Befragten (von »ohne Abschluss« bis »abgeschlossenes Studium«) korrelierten Extraversion und vor allem Offenheit (ebd., S. 78f.).

Allein auf Studierende zielte eine Metaanalyse von Trapmann, Hell, Hirn & Schuler (2007). Sie werteten 58 englisch- und deutschsprachige Studien aus und fanden heraus, dass nur der Faktor Gewissenhaftigkeit zur Aufklärung von Unterschieden bei den Studiennoten beitrug, wenn auch nur in geringem Maß (7 %) (ebd., S. 145).

Klusmann et al. (2009) befragten in Baden-Württemberg zunächst (»prospektiv«) Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im letzten Schuljahr mit dem NEO-FFI und zwei Jahre später ermittelten sie diejenigen aus dieser Stichprobe, die nun an Pädagogischen Hochschulen und Universitäten ein Lehramts- oder ein anderes Studium aufgenommen hatten. Bei keinem Persönlichkeitsmerkmal waren Unterschiede zwischen Studierenden, die ein Lehramt an Gymnasien anstrebten, und anderen an Universitäten Studierenden auszumachen. Differenzen zeigten sich allerdings zwischen den »Fraktionen« der Lehramtsstudierenden. Die an Pädagogischen Hochschulen Studierenden, die Lehrämter an Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen anstrebten, schrieben sich selbst weniger Offenheit für neue Erfahrungen zu als die Gymnasialen (d =0.62), aber mehr soziale Verträglichkeit (d =0.3) (ebd., S. 273).

Auf das Fach Mathematik war eine Untersuchung von Klusmann, Kunter, Voss & Baumert (2012) bezogen. Im Rahmen der Studie COACTIV-Referendariat befragten sie mit dem NEO-FFI insgesamt 551 Personen – und zwar zwei Kohorten von angehenden Mathematik-Lehrkräften jeweils zeitgleich zweimal, die eine Kohorte zu Beginn (Zeitraum 1) und am Ende des ersten Ausbildungsjahres (Zeitraum 2), die zweite am Anfang (Zeitraum 1) und am Ende des zweiten Jahres (Zeitraum 2). Untersucht wurde u. a., ob bzw. wie sich die Big Five auf die emotionale Erschöpfung und die berufliche Zufriedenheit auswirkten. Es zeigte sich, dass zu beiden Messzeitpunkten vor allem geringerer Neurotizismus, also erhöhte emotionale Stabilität, in geringerem Maß auch Gewissenhaftigkeit und Extraversion mit weniger emotionaler Erschöpfung und höherer beruflicher Zufriedenheit einhergingen (ebd., S. 283). Zum ersten Messzeitpunkt trugen nur höherer Neurotizismus und geringere Gewissenhaftigkeit statistisch signifikant zur Erklärung von emotionaler Erschöpfung bei und die berufliche Zufriedenheit konnte – analog – durch niedrigere emotionale Stabilität und größere Gewissenhaftigkeit vorhergesagt werden. Längsschnittliche Analysen ergaben, dass Unterschiede bei der emotionalen Erschöpfung und bei der Berufszufriedenheit zum zweiten Messzeitpunkt wiederum durch eine Tendenz zu negativen Emotionen und Labilität (Neurotizismus) vorhergesagt werden konnten, in geringerem Maß aber auch durch das Persönlichkeitsmerkmal Offenheit für neue Erfahrungen. »Lehramtskandidaten mit einer höheren Offenheit für neue Erfahrungen berichten am Ende des Schuljahres sowohl höhere emotionale Erschöpfung als auch geringere Berufszufriedenheit.« (ebd., S. 286) Dieser Befund lädt zu Spekulationen ein. Womöglich spielt hier die Enttäuschung darüber eine Rolle, dass in der Institution Schule der Spielraum für die Erprobung von »Neuem« sehr begrenzt ist.

Mayr (2014, S. 205) resümierte die Ergebnisse einiger u. a. von ihm selbst verantworteter Studien, an denen in Österreich (angehende) Grundschul-, Hauptschul- und Sonderschulpädagoginnen und -pädagogen teilgenommen hatten. Es zeigte sich, dass Gewissenhaftigkeit die Aneignung von Theorien im Studium begünstigte, allerdings nicht das später erhobene pädagogische Können.

Zusammenfassung

Als Fazit lässt sich festhalten, »dass einerseits von einer Negativselektion in das Lehramtsstudium generell nicht gesprochen werden kann.« (Rothland, 2014, S. 341) Andererseits ist nicht zu verkennen, dass bei kognitiven Fähigkeitstests und Abiturdurchschnittsnoten (zumindest) Studierende für ein Lehramt in der Sekundarstufe I erheblich schlechter abschneiden als Studierende für ein Lehramt am Gymnasium. Die Abiturnote ist nicht nur ein starker Prädiktor von Studienleistungen, sondern auch noch von Noten am Ende des Vorbereitungsdienstes. Zur Vorhersage der Qualität des Unterrichts dagegen trägt sie nicht bei.

Die Befunde deuten darauf hin, dass Lehramtsstudierende primär intrinsisch motiviert sind. Das fachliche Interesse, der Umgang mit Kindern und Jugendlichen und das Motiv, soziale Verantwortung zu übernehmen, sind bei ihnen deutlicher ausgeprägt als bei anderen Studierenden und bei SI-Studierenden wiederum stärker als bei Gymnasialen. Extrinsische Motive wie die Länge der Schulferien, der Beamtenstatus und das Gehalt spielen zwar auch eine Rolle, sind aber nachrangig. Im Vergleich mit anderen Studierenden sind Lehramtsstudierende weniger an intellektuell-forschenden Tätigkeiten interessiert, wobei nach Fächern und Lehrämtern zu differenzieren ist.

Im Hinblick auf Persönlichkeitsmerkmale wie die sogenannten Big Five unterscheiden sich Lehramtsstudierende nicht von anderen Studierenden. Fachunabhängig begünstigt insbesondere Gewissenhaftigkeit den Studienerfolg. Vor allem emotionale Stabilität (negativ: Neurotizismus) und auch noch Gewissenhaftigkeit und Extraversion bewahren vor emotionaler Erschöpfung und tragen zu beruflicher Zufriedenheit bei. Offenheit für neue Ideen und (ästhetische) Erfahrungen dürfte bei Gymnasialen ausgeprägter sein als bei Nicht-Gymnasialen. Belege für einen Zusammenhang zwischen einzelnen oder mehreren der Big Five und der Unterrichtsqualität oder dem Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sind im deutschsprachigen Raum dagegen noch nicht erbracht worden.

1 Cohens d als ein Maß für die Stärke eines Effekts bezeichnet die Differenz der Mittelwerte zweier Gruppen, geteilt durch die gemittelte Standardabweichung. Die Standardabweichung ist eine Maßzahl für die durchschnittliche Abweichung der Einzelwerte vom Mittelwert einer Verteilung. Wenn die Werte normalverteilt sind, dann bedeutet eine Effektstärke von d= 1.00, dass eine durchschnittliche Schülerin bzw. ein durchschnittlicher Schüler am Gymnasium bessere Noten hat als mehr als 80 Prozent der Nicht-Gymnasialen. d-Werte ab 0.20 können als kleiner, ab 0.50 als mittlerer und ab 0.80 als großer Effekt angesehen werden. Die Berechnung von d oder eines anderen Maßes für die Effektstärke ist wichtig, weil bei großen Stichproben auch sehr kleine Effekte statistisch signifikant sein können. Wird zusätzlich die Effektstärke angegeben, kann beurteilt werden, inwiefern ein signifikanter Befund auch praktisch bedeutsam ist.

2 Korrelationen können Werte zwischen -1 und +1 annehmen. Bei Werten größer als 0 liegt ein positiver Zusammenhang vor, bei Werten unter 0 ein negativer. Werte ab etwa 0,3 (bzw. -0,3) zeigen mittlere, ab 0,5 (bzw. -0,5) starke Zusammenhänge an. Bei den Big Five handelt es sich um Konstrukte bzw. latente Variablen. Sie liegen den verschiedenen Indikatoren bzw. beobachtbaren (manifesten) Variablen zugrunde, d. h. den Antworten auf die Items, die jeweils zu einer latenten Variablen gehören. Bei den manifesten Variablen ist immer mit einem mehr oder weniger großen Messfehler zu rechnen, sie können nicht »perfekt« gemessen werden. Auch Zusammenhänge von manifesten Variablen sind damit »messfehlerbehaftet«. Die Korrelationen zwischen latenten Variablen in einem Strukturmodell (z. B. zwischen Gewissenhaftigkeit und Extraversion) sind dagegen »messfehlerbereinigt«. Es werden »wahre« Werte korreliert und die Korrelationen fallen höher aus als die zwischen manifesten Variablen.

3 Was Lehrkräfte wissen und können sollen: Vorgaben der KMK

Seit einigen Jahren formuliert die Kultusministerkonferenz (KMK) Anforderungen im Hinblick auf die Lehrerbildung, die von Zeit zu Zeit aktualisiert werden. Im Folgenden werden vor allem die Ausführungen zu Deutsch, Mathematik und den Bildungswissenschaften aufgegriffen.

Zentral ist der Begriff der Kompetenz. Kompetenzen werden verstanden als »Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Einstellungen, über die eine Lehrkraft zur Bewältigung ihrer Aufgaben im Hinblick auf das jeweilige Lehramt verfügen muss.« (KMK, 2019a, S. 3 und KMK, 2019b, S. 4)

Die Anforderungen beziehen sich auf die drei Phasen der Lehrerbildung: das Studium, in dem grundlegende fachwissenschaftliche und -didaktische Kompetenzen erworben werden, den Vorbereitungsdienst, in dem vornehmlich unterrichtspraktische Kompetenzen im Zentrum stehen, und die dritte Phase der Fort- und Weiterbildung. Zum Verhältnis der ersten beiden Phasen heißt es präzisierend: »Beide Phasen enthalten sowohl Theorie- als auch Praxisanteile mit unterschiedlicher Gewichtung. Ausgehend von dem Schwerpunkt Theorie erschließt die erste Phase die pädagogische Praxis, während in der zweiten Phase diese Praxis und deren theoriegeleitete Reflexion im Zentrum stehen.« (KMK, 2019b, S. 4)

Was die Fachwissenschaften und -didaktiken angeht, so beschränkt sich die KMK auf die kurze Beschreibung von Kompetenzprofilen und Studieninhalten für die erste Phase, das Studium.

Im Fach Deutsch z. B. werden Kompetenzen in der Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft und Fachdidaktik unterschieden und mit Studieninhalten verknüpft, wobei zwischen einem Studium für die Lehrämter der Sekundarstufe I und für das Lehramt am Gymnasium bzw. in der Sekundarstufe II differenziert wird. Das fachspezifische Kompetenzprofil umfasst zwölf Kompetenzen. Zwei Beispiele: Studienabsolventinnen und -absolventen »beherrschen grundlegendes, strukturiertes und ausbaufähiges Wissen in den genannten Fachdisziplinen [Sprach- und Literaturwissenschaft] und sind mit zentralen Fragestellungen des Faches sowie entsprechenden fachspezifischen Methoden und Arbeitstechniken vertraut.« – Sie »kennen die fachlichen Potentiale und Grenzen bei der Entwicklung differenzierter Lernangebote in heterogenen Gruppen.« (KMK, 2019a, S. 26) Die Studieninhalte sind nur in Form von Stichwörtern genannt. In der Sprachwissenschaft sollen z. B. Grundlagen der Phonetik und Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Pragmatik und Texttheorie gelehrt werden, Gymnasiale sollen sich vertieft mit Sprachgeschichte und mit sprachphilosophischen Debatten zum Verhältnis von Sprache, Denken und Wirklichkeit auseinandersetzen. Während Studierende der Lehrämter für die Sekundarstufe I sich in der Literaturwissenschaft u. a. mit Werken und Autorinnen und Autoren vornehmlich des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart zu beschäftigen haben, sollen Sekundarstufe-II-Studierende auch Gelegenheit haben, mit Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit umzugehen. Auch die Inhalte des fachdidaktischen Studiums sind nur sehr knapp skizziert. Am ausführlichsten ist der Hinweis auf »ziel-, schüler- und fachgerechte Planung, Durchführung und Reflexion kompetenzorientierten Deutschunterrichts unter Berücksichtigung individueller Förderbedarfe in heterogenen Lerngruppen, insbesondere bei der Auswahl sprachlicher und literarischer Unterrichtsgegenstände und der Entwicklung von Aufgabenkonzepten, die differenzierte Lernprozesse auf unterschiedlichen Aneignungsniveaus ermöglichen.« (KMK, 2019a, S. 28)

In der Mathematik, bei der das Profil aus sieben Kompetenzen besteht, können, so die Zielvorstellung, die Absolventinnen und Absolventen z. B. mathematische Sachverhalte mündlich und schriftlich adäquat darstellen. Sie können »mathematische Gebiete durch Angabe treibender Fragestellungen strukturieren, durch Querverbindungen vernetzen und Bezüge zur Schulmathematik und ihrer Entwicklung herstellen« (ebd., S. 38). Sie können auch »empirische Befunde mathematikbezogener Lehr-Lern-Forschung nutzen, um individuelle, heterogene Vorstellungen, Denkwege und Fehlermuster von und bei Schülerinnen und Schülern zu analysieren, ihren Lernstand und ihr Potential einzuschätzen, sie für das Lernen von Mathematik zu motivieren und bei ihren individuellen Lernwegen zu begleiten sowie individuelle Lernfortschritte zu fördern und zu bewerten.« (ebd., S. 38) Wiederum in Form von Stichwörtern sind zentrale Studieninhalte genannt: Arithmetik und Algebra, Geometrie, Lineare Algebra, Analysis, Stochastik, Angewandte Mathematik und mathematische Technologie. Im Bereich der Analysis z. B. sollen Absolventinnen und Absolventen von Studiengängen für die Lehrämter der Sekundarstufe I sich mit Funktionen und ihren grundlegenden Eigenschaften, mit Elementen der Differential- und Integralrechnung beschäftigt und Einblick in Differentialgleichungen gewonnen haben. Wer ein Lehramt am Gymnasium bzw. in der Sekundarstufe II anstrebt, soll zusätzlich mit Differential- und Integralrechnung mehrerer Variablen und Funktionentheorie konfrontiert worden sein (ebd., S. 39). Den mathematikdidaktischen Inhalten sind nur wenige Zeilen gewidmet. Genannt sind hier u. a. »Themenfelder und Standards des Mathematikunterrichts« und »Planung und Analyse differenzierenden Mathematikunterrichts« (ebd., S. 40).

In den Standards für die Bildungswissenschaften werden Anforderungen in den Bereichen Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Beraten, Fort- und Weiterbildung und Beteiligung an der Schulentwicklung unterschieden. Lehrkräfte haben eine »Kernaufgabe«, nämlich »die gezielte und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Planung, Organisation und Reflexion von Lehr- und Lernprozessen sowie ihre individuelle Bewertung und systemische Evaluation. Die berufliche Qualität von Lehrkräften entscheidet sich an der Qualität ihres Unterrichts.« (KMK, 2019b, S. 3) Hier legt die KMK elf Kompetenzen fest und ordnet ihnen jeweils Standards für die primär theoretischen und primär praktischen Ausbildungsabschnitte zu. Für die Kernaufgabe Unterrichten z. B. werden drei Kompetenzen formuliert, nämlich

• Unterricht fachgerecht zu planen und durchzuführen und dabei heterogene Lernvoraussetzungen zu bedenken,

• Lernsituationen mit dem Ziel zu gestalten, Schülerinnen und Schüler zu motivieren und zu befähigen, Zusammenhänge herzustellen und Gelerntes zu nutzen,

• schließlich ihre Fähigkeit zu selbstbestimmtem Lernen und Arbeiten zu fördern.

Diesen drei Kompetenzen sind 28 Standards zugeordnet, allen elf Kompetenzen insgesamt 105. Im Kompetenzbereich Unterrichten für die primär theoretischen Ausbildungsabschnitte, also das Studium, handelt es sich z. B. um die folgenden Standards: »Die Absolventinnen und Absolventen …

• kennen die einschlägigen Erziehungs- und Bildungstheorien, verstehen bildungs- und erziehungstheoretische Ziele sowie die daraus abzuleitenden Standards und reflektieren diese kritisch.

• kennen allgemeine und fachbezogene Didaktiken und wissen, was bei der Planung von Unterrichtseinheiten auch in leistungsheterogenen Gruppen beachtet werden muss.

• kennen unterschiedliche Unterrichtsmethoden, Aufgabenformate bzw. Aufgabenformen und wissen, wie man sie anforderungs- und situationsgerecht einsetzt.

• kennen Lerntheorien und Formen des Lernens einschließlich Theorien des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien.

• kennen Grundlagen und Ergebnisse der Schul- und Unterrichtsforschung und können diese anwendungsbezogen reflektieren.« (ebd., S. 7f.)

Es fällt auf, dass die Ausführungen zu den Bildungswissenschaften viel detaillierter sind als die zu den Fächern und Fachdidaktiken. Nur im Hinblick auf die ersteren ist von Standards die Rede und deren Liste ist lang. Die Texte lassen sich als Resultate einer Gratwanderung verstehen. Einerseits waren Vorgaben zu formulieren, andererseits sollte nicht der Eindruck entstehen, hochschulische und andere Akteure würden zu stark gegängelt. Bei den Bildungswissenschaften war man offensichtlich eher bereit, den Vorwurf der Gängelung in Kauf zu nehmen. Die KMK-Dokumente sollten jedenfalls nicht als bildungspolitische Verlautbarungen verstanden werden, die für die Arbeit in den Hochschulen und in der zweiten Phase der Lehrerausbildung weitgehend folgenlos sind. Denn die »Standards für die Bildungswissenschaften bilden zusammen mit den Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken eine Grundlage für die Akkreditierung und Evaluierung von lehramtsbezogenen Studiengängen.« (KMK, 2019b, S. 3) Sie sollen also Eingang in die hochschulischen Curricula finden und können insofern als Teil eines intendierten Curriculums verstanden werden. Für die Akkreditierung dürfte es günstig sein, wenn in Modulbeschreibungen oder in Beschreibungen einzelner Lehrveranstaltungen die von der KMK formulierten Kompetenzerwartungen zu finden sind. Vom institutionell vorgegebenen und sich in Studien- und Prüfungsordnungen manifestierenden, intendierten Curriculum ist aber das implementierte Curriculum zu unterscheiden. Darüber, ob tatsächlich das gelehrt wurde, was das intendierte Curriculum verspricht, können vor allem die Studierenden bzw. die Absolventinnen und Absolventen Auskunft geben und es ist durchaus zu erwarten, dass es in ihrer Warte zu mehr oder weniger großen Diskrepanzen zwischen intendiertem und realisiertem Curriculum gekommen ist. Hatten sie überhaupt die Gelegenheit, sich die curricular »versprochenen« fachspezifischen und bildungswissenschaftlichen Kompetenzen anzueignen ( Kap. 8)? Schließlich kann gefragt werden, inwiefern sie die Lerngelegenheiten genutzt haben und inwieweit es zu Lernerfolgen gekommen, das Curriculum also gewissermaßen realisiert worden ist ( Kap. 6 und 7).

4 Lehrerprofessionalität: Zum strukturtheoretischen Ansatz

Die Kernaufgabe von Lehrkräften, so (nicht nur) die KMK, ist das Unterrichten.

Wie soll man das Lehrer-Schüler-Verhältnis im Allgemeinen und im Hinblick auf die jeweils zu verhandelnden Gegenstände verstehen? Inwiefern wird der mit Unterricht verbundene Bildungsanspruch eingelöst?

Zeigt sich Professionalität in erster Linie im reflektierten Umgang mit für diesen Beruf konstitutiven widersprüchlichen Anforderungen?

Wie soll man forschungsmethodisch vorgehen, wenn man dem Prozesscharakter des Unterrichts gerecht werden will?

Antworten auf diese Fragen stehen im Zentrum des sogenannten strukturtheoretischen Ansatzes der Professionsforschung.

4.1 Die Lehrer-Schüler-Beziehung in der Perspektive Ulrich Oevermanns

Die Bezeichnung »strukturtheoretisch « geht auf Arbeiten Oevermanns zurück, der eine soziologische Theorie der Strukturen professioneller Praxis vorgelegt hat (Oevermann, 2017). Ihm zufolge hat man es beim Lehrer-Schüler-Verhältnis »mit einer widersprüchlichen Einheit von diffusen und spezifischen Sozialbeziehungen zu tun, die durch die unfertige psychische Entwicklung des Schülers erzwungen ist […]« (ebd., S. 148). Diffus ist die Beziehung insofern, als der Schüler bzw. die Schülerin sich der Lehrperson (wie den Eltern) als »ganze« Person anvertraut, spezifisch ist sie in dem Sinn, dass sich hier Rollenträger begegnen: Lehrpersonen als der jeweiligen »Sache« verpflichtete Vermittler von Wissen und Normen, Schülerinnen und Schüler als Lernende. Rollenbeziehungen bleiben erhalten, wenn das Personal wechselt, also z. B. eine Lehrperson durch eine andere ersetzt wird. Diffuse Sozialbeziehungen dagegen enden, wenn eine der beteiligten Personen ausfällt, etwa ein Elternteil. Oevermann ist der Ansicht, dass Schülerinnen und Schüler vor Abschluss der Pubertät noch nicht in der Lage sind, zwischen diffusen (»familiären«) und spezifischen, rollenförmigen Beziehungen zu unterscheiden. Das Handeln der Lehrenden bezieht sich (noch) nicht »auf eine Persönlichkeit, die sich selbst schützen und ihre schon vorhandene Integrität selbst wahren kann.« (Ebd., S. 147f.) Mutter-Kind- und Vater-Kind-Beziehungen sind Prototypen diffuser Sozialbeziehungen. Oevermann spricht hier u. a. von der »Strukturgesetzlichkeit der ödipalen Triade«, von »ödipaler Krise« und »Latenzzeit«. Damit bezieht er sich auf die Persönlichkeitstheorie der »klassischen« Psychoanalyse Freuds. Freud unterschied drei Phasen frühkindlicher Sexualität (oral, anal, phallisch). In der phallischen Phase, etwa im fünften oder sechsten Lebensjahr, kommt es ihm zufolge zu einem ödipalen Konflikt. Wie in der antiken Ödipussage hat – Freud zufolge – ein Junge den Wunsch nach sexuellem Umgang mit der Mutter und zugleich feindselige Wünsche dem rivalisierenden Vater gegenüber. Diese Rivalität löse die Angst aus, vom Vater kastriert zu werden. Die ödipale Krise, der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Besitznahme der Mutter und der aggressiven, aber auch angstbesetzten Rivalität mit dem Vater, werde gelöst, indem sich der Junge mit dem Vater identifiziert und seine Triebimpulse gegenüber der Mutter in Zärtlichkeit verwandelt. Damit beginne die Latenzperiode, eine Zeit des Stillstands der Sexualentwicklung, die sich bis zum Beginn der Pubertät erstrecke.

Während heutzutage in der Psychologie zentrale Elemente der psychoanalytischen Lehre Freuds wie die Unterscheidung von Bewusstseinsebenen (unbewusst, vorbewusst, bewusst) und von Mechanismen der Angstabwehr (z. B. Verdrängung und Projektion) nach wie vor als fruchtbar angesehen werden, wird die Phasenlehre, insbesondere die Annahme einer ödipalen Krise, weithin übereinstimmend verworfen: Für »den Ödipuskonflikt bei Jungen bzw. den entsprechenden Konflikt bei Mädchen gibt es keine überzeugende empirische Evidenz […].« (Asendorpf, 2004, S. 24; vgl. auch Krampen, 2002, S. 687) Oevermann dagegen hält an dieser Phasenlehre fest.

Für ihn ist das Freud’sche Grundmodell therapeutischer Praxis für die Bestimmung der pädagogischen Praxis der zentrale Bezugsrahmen (Oevermann, 2017, S. 150). Grundlage der psychoanalytischen Therapie ist ein Arbeitsbündnis, das aufgrund des Leidensdrucks des Patienten zustande kommt. Er thematisiert alles, was ihm durch den Kopf geht, und der Therapeut versucht den jeweiligen »Fall« zu deuten, indem er ihn zum einen unter Bezug auf die psychoanalytische Theorie als Beispiel eines bestimmten Typs von Krankheit erklärt. Zum anderen bemüht er sich, die Symptome des Patienten auf der Folie seiner konkreten Lebensgeschichte zu verstehen. »Für eine therapeutische Praxis muß also neben die Subsumtion unter theoretische Modelle die Rekonstruktion der konkreten Fallstruktur in ihrer lebensgeschichtlichen Einbettung treten, in der wiederum die Krankheit eine fallspezifisch motivierte Stellung und Funktion einnimmt.« (Ebd., S. 127)

Nun sind Schülerinnen und Schüler keine Patienten. Soll das Freud’sche Modell therapeutischer Praxis Leitmodell für die pädagogische Praxis sein und ist Voraussetzung für das therapeutische Arbeitsbündnis, dass der Klient sich angesichts seines Leidensdrucks aus freien Stücken zum Patienten erklärt, dann ist zu fragen, was aufseiten des Schülers das Äquivalent für den Leidensdruck, der das therapeutische Arbeitsbündnis begründet, ausmachen könnte. Oevermann zufolge kommen als Äquivalent allein die Neugier und der Wissensdrang des Kindes in Frage. Sie seien für das pädagogische Arbeitsbündnis konstitutiv. »Unterstellen wir einem Kind diese Neugierde, durch die es explizit zum Schüler bzw. zum Lernenden wird, dann folgt daraus, daß dieses Kind immer dann, wenn es im Elternhaus, also in der naturwüchsigen sozialisatorischen Praxis, diese Neugierde nicht stillen kann, einen Lehrer aufsuchen und mit ihm ein verpflichtendes Arbeitsbündnis eingehen muß, um darin die notwendige Lernentwicklung zu vollziehen.« (Ebd., S. 153) Das Kind übernimmt »die soziale Rolle des Schülers als eines Unterweisungsbedürftigen analog zur sozialen Rolle des Patienten als eines Heilungsbedürftigen.« (Ebd.) Als hinreichend analog können Leidensdruck auf der einen und Neugier und Wissensdrang auf der anderen Seite Oevermann zufolge nur dann angesehen werden, wenn jeweils Freiwilligkeit gegeben ist. Wie der Patient trägt der Schüler seinem Gegenüber ein Arbeitsbündnis an, ohne dazu gezwungen zu sein. Damit sei eine allgemeine Schulpflicht unvereinbar. Sie beruhe auf der Unterstellung, dass die Kinder nicht intrinsisch motiviert seien, jenseits der Familie Neues zu lernen, dass sie folglich dazu genötigt werden müssten.

Nehmen Lehrkräfte den Schüler nun als Unterweisungsbedürftigen, der noch nicht autonom handeln kann, ernst, handeln sie unprofessionell, wenn sie in ihm nur das noch nicht erwachsene Kind sehen und sich gleichsam als Elternersatz verstehen. Unprofessionell wäre es aber auch, würden sie sich nur als Fachexperten und als Anwalt der jeweils zu lehrenden Sache begreifen. Denn mindestens bis zum Abschluss der sogenannten Adoleszenzkrise hat, so Oevermann, pädagogisches Handeln eine therapeutische Funktion dadurch, »daß die durch die Wissens- und Normenvermittlung nötig werdende Interaktionspraxis zwischen Schülern und Lehrern das zu erziehende Kind in seiner Totalität als ganze Person erfaßt und von daher folgenreich für die Konstitution der psychosozialen ›Gesundheit‹ der Schüler wird.« (Ebd., S. 149) Er geht zwar davon aus, dass sich pädagogisches Handeln primär in der Wissensvermittlung zu bewähren habe (ebd., S. 144). Darüber sagt er aber nicht viel. Abzulehnen sei jedenfalls eine »Trichterpädagogik«, die auf »mechanisches Lernen und ›Pauken‹« zielt. Er plädiert stattdessen für eine sokratische Lehre. Lehrkräfte hätten Einblicke in Denk- und Wissensstrukturen der Lernenden zu gewinnen und sie durch Konfrontation mit Neuem, Unerwartetem zu irritieren. So könnten sie dazu beitragen, dass die Lernenden ein Problembewusstsein entwickeln, und sie bei der möglichst selbstständigen Problemlösung unterstützen.

4.2 Weiterentwicklungen des Oevermann’schen Ansatzes

An Oevermanns Überlegungen knüpft eine Reihe von Autoren an. Dabei sind die Richtungen, die sie einschlagen, unterschiedlich. Wenn Unterrichtsprozesse rekonstruiert werden, was durchaus nicht immer der Fall ist, dann sind die Befunde in der Regel ausgesprochen kritisch: Es dominierten erstarrte, ritualisierte Unterrichtsformen, eingespielte Handlungs- und Deutungsroutinen. Bildungsprozesse, verstanden als »Krisen« in der Auseinandersetzung mit Neuem, kämen nicht zustande (Helsper, 2014, S. 226–229).

Diese These wurde vor allem von Andreas Gruschka entfaltet, der in mehreren Publikationen Transkripte von Unterrichtsstunden in verschiedenen Fächern interpretierte. Er bemühte sich um den Nachweis, dass die von Oevermann angesprochene »widersprüchliche Einheit« von Nähe und Distanz in der Regel so aufgelöst wird, dass den Schülerinnen und Schülern die herausfordernde Konfrontation mit der für sie jeweils neuen und insofern irritierenden Sache aufgrund einer überbordenden Didaktisierung vorenthalten werde. Diese fortschreitende Didaktisierung stehe letztlich nicht im Dienst des jeweiligen Fachgegenstands, sondern laufe auf dessen »Entsorgung durch die möglichst einfache, zum Auswendiglernen einladende Darstellung eines didaktischen Stellvertreters« hinaus (Gruschka, 2019, S. 74). Im Bemühen, den Schülerinnen die Gegenstände besser zugänglich zu machen, würden sie in unterschiedlichen Formen verfälscht, u. a. durch Vereinfachung und nicht zuletzt durch die Art, in der sie in Lehrwerken präsentiert werden. Ein Beispiel aus dem Deutschunterricht (ebd., S. 162–166):

In der achten Klasse eines Gymnasiums ging es um Oskar Loerkes Gedicht »Blauer Abend in Berlin« (1911).

Der Himmel fließt in steinernen Kanälen;

Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen

Sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.

Und Kuppeln gleichen Bojen, Schlote Pfählen

Im Wasser. Schwarze Essendämpfe1 schwelen

Und sind wie Wasserpflanzen anzuschauen.

Die Leben, die sich ganz am Grunde stauen,

Beginnen sacht vom Himmel zu erzählen,

Gmengt, entwirrt nach blauen Melodien,

Wie eines Wassers Bodensatz und Tand

Regt sie des Wassers Wille und Verstand

Im Dünen2, Kommen, Gehen, Gleiten, Ziehen.

Die Menschen sind wie grober bunter Sand

Im linden Spiel der großen Wellenhand.

1 Essendämpfe: Schornsteinrauch

2 Dünen: Heben und Senken der Wellen

In dem Lehrwerk, dem dieser Text entnommen wurde (Biermann & Schurf, 1998, S. 234–236), finden sich die folgenden Aufgaben: Zunächst sollen die Schüler einen neuen Gedichttitel suchen. Dann sollen sie ein Bild mit dem Text vergleichen. Die dritte Aufgabe lautet: »Untersucht die Sprachbilder (Metaphern, Vergleiche, Personifikationen) […]. a) Erarbeitet das Bildfeld ›Wasser‹ in dem Gedicht, indem ihr die einzelnen sprachlichen Bilder in einer Tabelle anordnet. [Vorgegeben ist links unter der Überschrift »Bild im Gedicht« »(Himmel) fließt« und rechts unter »mögliche Bedeutung« »strahlendes Blau des Himmels erscheint wie ein Fluss«, links darüber hinaus »(steinerne) Kanäle« noch ohne Entsprechung rechts.] b) Wertet die Tabelle aus. Was leistet die Wassermetaphorik für die Aussage und Wirkung des Gedichts?« Die Schüler sollen das Gedicht dann in ihre Hefte eintragen und Aussagen über Metrum und Rhythmus machen, danach das Gedicht vorlesen. Am Ende ist ein Lexikonartikel zum Begriff »Sonett« zu lesen und dazu sind drei weitere Aufgaben zu bearbeiten.

Würden diese Aufgaben im Unterricht in der vorgesehenen Reihenfolge abgearbeitet, was Gruschka offenbar für den Regelfall hält, dann ergibt sich gleich zu Beginn ein Problem. Wie sollen, fragt er, die Schüler und Schülerinnen einen neuen Titel für das Gedicht finden, wenn sie sich noch gar nicht damit auseinandergesetzt haben? Und wie kann die Tabelle ausgefüllt werden, wenn zuvor nicht das ganze Gedicht erarbeitet wurde? Die Lehrerin beachtet die Vorgaben zunächst nicht und teilt allein das Gedicht aus. Die Schüler und Schülerinnen sollen es sich selbst und Partnern mehrfach leise vorlesen. Der Text erscheint zunächst als »komisch«, es werden erste Hypothesen zum Inhalt formuliert, es wird bemerkt, dass es schwierig ist, den Text sinnvoll zu betonen, und man wendet sich einzelnen Textstellen zu, weil man glaubt, das Ganze noch nicht verstanden zu haben. Aber als »die Schüler soweit vorbereitet sind, dass sie mit ihrer Lehrerin Zeile für Zeile an die Erschließung des Textes gehen können, um mit versammelter exakter Phantasie und produktiver Öffnung für den Modus der ästhetischen Erfahrung das Gedicht ›zu knacken‹, lenkt die Lehrerin ein und leitet die Schüler zurück zum Lehrbuch.« (ebd., S. 169f.). Sie sollen nun die Tabelle ausfüllen. Die Ergebnisse fallen diffus aus und am Ende »kollabiert« (ebd., S. 170) der Unterricht: Die Schüler bekommen die Hausaufgabe, den Lexikonartikel zum Sonett zu lesen und das Gedicht auswendig zu lernen. Indem die Lehrerin zur Tabellen-Aufgabe überging, »normalisierte« sie den Unterricht, sei es, dass sie sich für die eigentliche Arbeit an der Auslegung des Gedichts nicht gerüstet sah, sei es, dass sie darin eine Überforderung der Schüler erblickte. Wie dem auch sei: »Der bis dahin beeindruckend konsequent verfolgte Bildungsprozess wurde damit um seine Früchte gebracht […].« (ebd., S. 171)

Dieser Befund, so Gruschka, lässt sich verallgemeinern. Die Interpretation der Transkripte von Unterrichtsstunden in einer Vielzahl von Fächern ergebe als normale Fallstruktur eine Reihung verpasster Chancen (ebd., S. 79).

Dieser summarisch negativen Bewertung dürfte u. a. eine Prämisse zugrunde liegen, die mit Gruschkas Verständnis davon zu tun hat, worum es im Fachunterricht eigentlich gehen sollte. In den Transkripten aus achten Klassen fand er u. a. zahlreiche »große« Fragen, z. B. die folgenden:

• »Was ist Literatur im Gegensatz zu Sachtexten, welche Möglichkeiten hat sie als Kunstform?«

• »Was sagen Worte über unsere Haltung, was zu den überlieferten Beziehungen zu den Dingen aus?«

• »Wie verhält sich die Natur zu ihrer Ausbeutung durch den Menschen?«

• »Was ist ein Bild, und was macht es sichtbar?« (ebd., S. 147)

Fragen wie diese mögen beiläufig gestellt worden sein; als Themen von Unterrichtsstunden oder auch -reihen sind sie schwerlich vorstellbar. Wenn man aber davon ausgeht, dass Fragen eines solchen Formats im Unterricht erörtert werden sollten und dass die Schüler sie sich auch zu eigen machen, dann kommt es, so Gruschka, bei ihnen zunächst zu »Krisen«. Sie erkennen, dass das, was sie bereits verstehen, für die Beantwortung der Fragen nicht hinreichend ist. Die Anstrengung, das Neue zu verstehen, mag frustrierend sein, am Ende kann aber das beglückende Gefühl stehen, dass aus zunächst nicht Verständlichem etwas Verständliches geworden ist. Solche fruchtbaren Momente, Verstehen als Ereignis, finden sich seinen Interpretationen der Transkripte zufolge nicht.

Gruschkas Urteil, die Unterrichtsstunden seien als »Reihen verpasster Chancen« zu charakterisieren, ist m. E. vor dem damit angedeuteten Hintergrund zu sehen. Würde man allerdings nicht von so »großen« Fragen wie den genannten ausgehen, sondern – bezogen auf den Deutschunterricht – Stunden interpretieren, in denen von Fragen ausgegangen wird wie der, welche Merkmale für die schulische Textsorte Inhaltsangabe zu veranschlagen sind, oder der, wann im Satzinneren großzuschreiben ist, dann ließen sich wohl auch hier von Fall zu Fall verpasste Chancen konstatieren. Dass dies aber die Regel ist, wäre noch zu zeigen. Zu begründen wäre auch, inwiefern im Kontext solcher »kleinen« Fragen von »Verständniskrisen« aufseiten der Schüler und Schülerinnen gesprochen werden kann. Um bei der Inhaltsangabe zu bleiben: Sie wissen zunächst noch nicht, auf welche Merkmale es hier ankommt, und lernen das dann – hoffentlich. Die These, dass in einem solchen, unterrichtsalltäglichen Kontext von Verständniskrisen auszugehen ist, erscheint insofern als problematisch und unnötig dramatisierend.

Werner Helsper greift Oevermanns These von der »widersprüchlichen Einheit« auf und differenziert sie weiter aus, indem er eine Reihe von »Antinomien«, widersprüchlichen Anforderungen, unterscheidet, die seiner Meinung nach für die Struktur des Berufs konstitutiv sind. Lehrerprofessionalität müsse geradezu als »antinomische Handlungsstruktur« begriffen werden (Helsper, 2002). Die Antinomien könnten nicht aufgehoben, sondern nur reflexiv gehandhabt werden. Es handelt sich u. a. um die Ungewissheits-, die Subsumtions-, die Nähe-Distanz-, Pluralisierungs-/Differenz-, die Organisations- und die Autonomie-Antinomie (Helsper, 2016a). Zur Ungewissheitsantinomie: Lehrkräfte müssen beanspruchen, durch ihr Handeln Effekte aufseiten der Schüler zu bewirken, z. B. einen Wissenszuwachs. Ohne deren Mitwirkung kommen diese Effekte aber nicht zustande, und was diese Mitwirkung angeht, so ist immer mit dem »Eigensinn« der Schüler und der nicht planbaren kommunikativen Dynamik in der Klasse zu rechnen. Unter »Subsumtionsantinomie« versteht Helsper, dass Lehrkräfte zum einen nicht umhinkönnen, Schülern Kategorien zuzuweisen, z. B. die Kategorie »nicht lesemotiviert«. Zum anderen haben sie den einzelnen »Fall« zu verstehen, also nachzuvollziehen, dass das Nicht-lesen-Wollen bei Peter im Kontext einer »bildungsfernen« Herkunftsfamilie begriffen werden kann, bei Paul aber als Akt der Auflehnung gegen »bildungsbürgerliche« Eltern. Die Nähe-Distanz-Antinomie versteht Helsper im Sinne Oevermanns, und zwar als Aufeinandertreffen einer diffus-emotionalen, gleichsam familiären, und einer spezifisch-distanzierten Beziehungslogik. Die Pluralisierungs-/Differenzantinomie macht aus, dass einerseits alle Schüler gleich zu behandeln sind, dass es z. B. bei der Leistungsbewertung nicht willkürlich zugeht, dass andererseits aber auch der Heterogenität der Schüler Rechnung zu tragen ist. Das könnte sich z. B. darin äußern, dass Leistungen besonders schwacher Schüler, die sich in letzter Zeit zwar erheblich verbessert haben, aber immer noch weit unterdurchschnittlich sind, wohlwollender (»pädagogisch«) beurteilt werden, als es die eigentlich für alle geltenden Kriterien zulassen. Die Organisationsantinomie besteht darin, dass die institutionelle Rahmung des Unterrichts, etwa die starre zeitliche Taktung, einerseits die Verfestigung von entlastenden Routinen begünstigt, z. B. die Fixierung des Stundenverlaufs nach dem Muster Einstieg, Erarbeitung, Übung und Sicherung des Gelernten. Andererseits wird dadurch der Spielraum pädagogischen Handelns eingeschränkt, sodass neue, von den Schülern unerwartet ins Spiel gebrachte, »aus dem Rahmen fallende« Sichtweisen auf den jeweiligen Unterrichtsgegenstand womöglich nicht wahrgenommen und also auch nicht wertgeschätzt werden können. Die antinomische Struktur von Selbst- und Fremdbestimmung (pointiert gefasst in der Aufforderung »Seid selbstständig!«), auf die etwas näher eingegangen sei, kommt Helsper zufolge in verschiedenen Varianten vor: So sollten sich Schülerinnen und Schüler »aktiv« das Richtige erarbeiten, das aber bereits vorgegeben ist. Oder sie würden in »Entscheidungen« einbezogen, obwohl sie bereits gefallen sind (Als-ob-Autonomie). Oder ihnen werde die eigenständige Erarbeitung neuer Unterrichtsgegenstände auferlegt, obwohl sie dazu noch nicht in der Lage sind. Oder es werde Selbstständigkeit zugestanden, aber nur dann, wenn die Schülerinnen und Schüler Wohlverhalten an den Tag legen (Helsper, 2014, S. 230). Für die letztgenannte Variante gibt Helsper ein Beispiel. Es handelt sich um eine Stunde in Gesellschaftslehre in einer zehnten Klasse. Der Lehrer schreibt sich als zentrales Ziel zu, die Schülerinnen und Schüler zu eigenständiger Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Fragen zu befähigen. Helspers Darstellung (2017, S. 558f.) wird hier gekürzt wiedergegeben.

»Am Anfang der Stunde […] geht es um die Halbjahresarbeit, die jeder Schüler anfertigen soll. Aus einer Liste mit Themenvorschlägen kann jeder sein Thema wählen. Der Versuch, mit den Jugendlichen darüber zu reden, wie sie sich die Bearbeitung vorstellen, wird durch einen deutlichen Geräuschpegel gestört. Nach einigen Ermahnungen – wobei zumindest einige sich über die Hausarbeit austauschen – erklärt er: »Anscheinend ist es nicht möglich, mit euch darüber zu sprechen. Dann müßt ihr halt selbst damit klarkommen.« Anschließend beginnt Herr März ein offenes Gespräch mit den Schülern über ihre Erfahrungen mit dem Autoverkehr und der Stadtgestaltung. Auch dieses Gespräch, obwohl sich eine Reihe von Schülern aktiv beteiligt, wird durch Seitabgespräche und Unruhe gestört. Analog zur ersten Reaktion von Herrn März erfolgt die zweite. Da mit ihnen keine Diskussion möglich sei, sollten sie die Bücher herausholen. Er stelle sich immer auf das Verhalten der Schüler ein: Wenn sie sich wie Erwachsene verhalten würden – was sie ja wohl gerne wären, erwachsen! –, dann werde er entsprechend mit ihnen umgehen. Wenn sie sich wie im Kindergarten verhielten, dann werde er mit ihnen wie im Kindergarten umgehen. Anhand einer Abbildung im Buch – einer Luftaufnahme von Los Angeles, mit deutlich sichtbaren Verkehrsschneisen – führt er den Unterricht als lehrergelenktes Frage-Antwort-Spiel weiter. Da es hier und da immer noch Seitabbemerkungen von Schülern oder leise Unterhaltungen gibt, meint Herr März, daß die Schüler jetzt langsam das Kleinstkindalter erreichten. Dann müsse er auch entsprechend damit umgehen. Wer jetzt noch unaufgefordert rede oder sich mit anderem beschäftige, dem werde er ein Minuszeichen eintragen, was sich auf die Beteiligungsnote auswirken werde. Daraufhin wird es sehr still in der Klasse, und das lehrergelenkte Frage-Antwort-Spiel findet seine Fortsetzung. Ab und zu kommt es noch zu einem Flüstern oder zu einem leisen Zwischenruf. Herr März identifiziert diejenigen und trägt ein Minuszeichen ein. […] Es entsteht eine nahezu störungsfreie Lehrerfrage-Schülerantwort-Kommunikation, in der der allergrößte Teil der Schüler um die Unterrichtsbeteiligung buhlt. Als sich wieder ein Großteil der Klasse meldet und dabei mit den Fingern schnippt und leise »hier« oder »ich« ruft, flüstert ein Schüler: »Boohh, echt wie im Kindergarten« (Helsper, 2017, S. 558f. © Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 1996. Alle Rechte bei und vorbehalten durch den Suhrkamp Verlag Berlin).

Der Lehrer, so Helsper, schreibe den Jugendlichen zunächst die Fähigkeit zu, selbstständig zu arbeiten, womit er sie womöglich überfordere. Er thematisiere die Unterrichtsstörungen nicht, sondern deute sie als Ausdruck von Infantilität, womit er die Schülerinnen und Schüler herabsetze und beschäme. Schließlich verhielten sie sich tatsächlich wie im Kindergarten, wie der Schüler am Ende klug anmerke, und bettelten geradezu darum, sich beteiligen zu dürfen. Hier werde also zu Beginn Autonomie zugestanden, aber nur als »Vorschuss«, nämlich nur unter der Voraussetzung, dass sich die Jugendlichen wie Erwachsene benehmen. Der Lehrer »sichert Partizipation in heteronomer Form und kann sich doch weiter als ein an der Selbständigkeit seiner Schüler orientierter Pädagoge entwerfen.« (ebd., S. 569)

Diese Interpretation mag naheliegend sein, aber sie bezieht sich auf einen Fall, den man als extrem ansehen kann. Angenommen, der Lehrer würde im Nachhinein über seinen Umgang mit der Autonomie-Heteronomie-Antinomie reflektieren. Er könnte z. B. zu dem Schluss kommen, dass es eigentlich sinnvoll gewesen wäre, die anfänglichen Störungen zu thematisieren. Dann hätte es, nach deren Ende, dazu kommen können, dass die Jugendlichen zwar mit seiner Hilfe, aber doch weitgehend selbständig allein oder in Teams darüber nachdachten, wie sie an die Halbjahresarbeiten herangehen sollten. Es ginge dann um Hilfe zur Selbsthilfe bzw. um Grade der Hilfe und um Grade der selbständigen Arbeit der Schülerinnen und Schüler. Es wäre eine Balance gefunden, die Jugendlichen wären weder als bereits vollständig autonom Handelnde angesehen noch – anderes Extrem – »infantilisiert« worden. Ob die These, eine solche Balance sei erreichbar, mit der Behauptung zu vereinbaren ist, dass es sich beim Verhältnis von Autonomie und Heteronomie um eine Antinomie handelt, bleibt unklar. Denn Helsper erläutert diesen zentralen Begriff nach meiner Kenntnis nicht näher, obwohl er ihn anders verwendet als üblich. Gängig ist, mit »Antinomie« einen logischen oder semantischen Widerspruch zu bezeichnen.3 Helsper zielt aber nicht auf einen logischen oder sprachlichen, sondern auf einen »realen« Widerspruch. Die Bezeichnung legt die Annahme nahe, der Widerspruch sei unlösbar. Sollte er aber doch lösbar sein, dann wären z. B. Nähe und Distanz und Autonomie und Fremdbestimmung jeweils Pole einer Skala und »Mittelwege« wären gangbar. Es bliebe, was auch Helsper so sieht, für Lehrkräfte eine beständige Reflexionsaufgabe zu überprüfen, ob sie, um im Bild zu bleiben, den Polen nicht zu nahe gekommen sind. Um unauflösbare Widersprüche würde es sich dann aber nicht handeln. Bei anderen »Antinomien« wiederum wäre die Suche nach einem Mittelweg von vornherein aussichtslos, weil hier von Polen einer Skala gar nicht gesprochen werden kann. Ein Beispiel ist die »Ungewissheitsantinomie«. Angesichts des »Eigensinns« der Schüler können sich Lehrkräfte der Wirkungen ihrer Handlungen niemals gewiss sein, einen Gewissheitspol gibt es nicht und schon deshalb liegt es nahe, hier nicht von einer Antinomie zu sprechen.

Angenommen, im Deutschunterricht sei in vergangenen Stunden ausgiebig über Wortarten gesprochen worden. Die Lehrkraft möchte das Thema vertiefen und plant für den Beginn einer neuen Stunde eine kurze Wiederholung. Gänzlich unerwartet sprechen einige, allerdings wenige Schüler von »Subjekt« und »Prädikat«, also nicht von Wortarten, sondern von Satzgliedern. Die Lehrkraft entschließt sich, nicht auf Unterschiede von Wortarten und Satzgliedern einzugehen, sondern mit der Wortartenlehre fortzufahren. Im Rahmen einer nachträglichen Reflexion könnte sie die unerwarteten Reaktionen der Minderheit darauf zurückführen, dass sie selbst in der Vergangenheit nicht intensiv genug erklärt hat, was Wortarten und Satzglieder unterscheidet, oder vermuten, dass diese Schüler eben nicht richtig aufgepasst haben. Sie könnte überlegen, ob es nicht besser gewesen wäre, den begrifflichen Fehler im Plenum zu erörtern, oder binnendifferenzierend zu verfahren, für die Minderheit also – ungeplant – eine Wiederholung vorzusehen und nur mit der Mehrheit wie ursprünglich vorgesehen weiterzuarbeiten. Sie könnte auch eine weitere Option ins Spiel bringen, nämlich eine ausgiebige Wiederholung des in den letzten Stunden Behandelten für alle Schüler und Schülerinnen. Mit der Wahl dieser Alternative könnte allerdings verbunden sein, dass sich die Mehrheit unterfordert sieht und sich langweilt usw. Die Reflexion liefe also darauf hinaus, dass neue Handlungsoptionen und deren Vor- und Nachteile ins Spiel gebracht werden.

Damit würde aber »an der prinzipiellen Gestaltbarkeit von pädagogischen Situationen fest- und eine Machbarkeitshoffnung aufrechterhalten werden.« (Paseka, Keller-Schneider & Combe, 2018, S. 9) Angesichts der für pädagogisches Handeln konstitutiven Ungewissheit ist Paseka et al., weiteren Vertretern des strukturtheoretischen Ansatzes, zufolge diese Machbarkeitshoffnung illusionär. Stattdessen wäre eine »Auseinandersetzung mit den Grenzen der Kontrollierbarkeit von schulischen Handlungssituationen« angezeigt (ebd.). Was aber könnte das Ergebnis eines solchen Nachdenkens sein? Könnte es nicht gerade, wie am Beispiel gezeigt, in der Einsicht bestehen, dass es im Umgang mit Ungewissheit verschiedene, jeweils plausible pädagogische Handlungsoptionen gibt? Welche auch immer gewählt wird, eine Erfolgsgarantie gibt es zwar nicht, aber eben doch eine begründbare Erfolgserwartung.

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