Kitabı oku: «Zobel»

Yazı tipi:

Albrecht Breitschuh

Zobel

Ein Glückskind des Fußballs


Über den Autor:

Albrecht Breitschuh ist Hörfunkjournalist beim Norddeutschen Rundfunk. Viele Jahre hat er für den NDR live aus den Fußball-Stadien des Nordens berichtet und war Teil der legendären Bundesliga-Schlusskonferenz. 2019 veröffentlichte Albrecht Breitschuh im Arete Verlag das Buch „Als es den Bayern noch ans Leder ging. 13 Geschichten für Fußball-Romantiker“.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2020 Arete Verlag Christian Becker, Hildesheim

www.arete-verlag.de

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Umschlagfoto: Fred Joch

Layout, Satz und Umschlaggestaltung: Composizione Katrin Rampp, Kempten

ISBN 978-3-96423-049-2

eISBN 978-3-96423-050-8

Inhalt

I Ein Spieler-Leben

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

II Ein Trainer-Leben

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Nachspielzeit oder Epilog

Danksagung

Ein halbes Dutzend für 5 Weltmeister

Weitere Fußballbücher aus dem Arete Verlag

Reihe Fußballheimat:

I

1

Alles hätte auch ganz anders kommen können. Eine Minute hatte gefehlt, höchstens zwei. Wie lächerlich wenig doch manchmal den Sieger vom Verlierer trennte. Kleinigkeiten oder Zufälle, die sich jedem Einfluss entzogen und erst nach dem Abpfiff bedeutsam wurden, wenn nichts mehr ging und abgerechnet wurde. Dann machte das Ergebnis einen Unterschied sichtbar, den es auf dem Platz oft gar nicht gab. Das Ergebnis verhielt sich vollkommen gleichgültig gegenüber dem, was hätte passieren können. Es bilanzierte nur das wirklich Geschehene, nüchtern, klar und kalt. Das Ergebnis hatte für immer Bestand und trennte Sieger von Verlierern. Manchmal sogar Helden von Versagern.

Rainer Zobel gehörte jetzt zu den Helden, war aber nicht in der Stimmung, sich weiter darüber den Kopf zu zerbrechen, ob das nun alles gerecht war oder nicht. Vielleicht später einmal. Denn so wie es jetzt war, war es vollkommen. Daran gab es keinen Zweifel. Ob sich sein Leben als Fußballspieler jemals wieder so leicht anfühlen würde wie in diesem Moment? Kaum vorstellbar. Wer das Glück festhalten will, verliert es, schoss es ihm durch den noch ziemlich benebelten Kopf. Und was folgte daraus? Den Augenblick genießen! Niederlagen und Enttäuschungen würden weiter zu seinem Beruf gehören, sie ließen sich gar nicht vermeiden. Nicht einmal bei seinem Verein, dem FC Bayern München. Aber die Frage war doch, ob sie ihm noch zusetzen konnten? Nach allem, was in den letzten Tagen passiert war.

Über dem großen Glück lag aber auch ein kleiner Schatten, und den Augenblick zu genießen war einfacher gesagt als getan. Mit seinen gerade einmal 25 Jahren hatte er bereits alles erreicht: erst den DFB-Pokalsieg, dann drei Deutsche Meisterschaften und jetzt, mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister, stand er auf dem Gipfel des Vereinsfußballs. Viel mehr war für ihn nicht drin. Wie lange würde er, würden sie sich dort halten können? Kam da noch etwas oder ging es von nun an bergab?

An einem sonnigen und warmen Frühlingsnachmittag im Mai 1974 saß Rainer Zobel auf dem Rasen vor dem Mannschaftshotel und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Immerhin wusste er, in welcher Stadt er sich befand. Sie hieß Mönchengladbach. Aufgewacht war er noch in Brüssel, hatte dort nach einer langen Nacht ein paar Stunden wie betäubt geschlafen (viel mehr als zwei konnten es eigentlich nicht gewesen sein), als jemand heftig an ihm herumrüttelte: „Zobel, mach endlich die Augen auf! Wir müssen los, Fußball spielen!“ Nachdem er die Augen geöffnet hatte und halbwegs sicher war, tatsächlich der Rainer Zobel zu sein, der da gerade zurück ins Leben geholt werden sollte, stellte er fest, dass er nicht in seinem Bett lag. Kein guter Tagesbeginn. Er konnte sich noch verschwommen daran erinnern, dass er von der Hotelbar auf sein Zimmer wollte, aber es musste wohl etwas dazwischengekommen sein. Nur was? Oder wer? Darauf wusste er keine Antwort, beim besten Willen nicht. Zobel hatte mit so vielen Leuten auf diesen grandiosen Sieg angestoßen, dass er irgendwann den Überblick verlieren musste, mit wem er da trank und was er alles in sich reinschüttete. Wahrscheinlich nur vom Feinsten, denn das Hotel hatte wirklich Klasse. „Le Grand Veneur“ hieß es, der große Jäger. Nun war die Jagd zu Ende und die Beute eingefahren, auch wenn es ein paar Tage länger gedauert hatte als geplant. Und er als einer der großen Jäger hatte Mühe, wieder auf die Beine kommen. Auf zu neuen Taten.

Zobel streckte sich und drehte sich noch einmal zur Seite. Nein, es war wirklich nicht sein Bett. Er lag auf dem Rasen der Hotelanlage, wenige Meter vom Beckenrand des Swimmingpools entfernt. Zum Glück bin ich nicht ertrunken, war sein nächster Gedanke. Auch an die Busfahrt von Brüssel nach Mönchengladbach stellten sich allenfalls vage Erinnerungen ein. Wie lange sie wohl unterwegs waren? Drei Stunden? Vier Stunden? Wahrscheinlich war er gleich wieder eingeschlafen. Ob er sich einmal kneifen sollte? Manchmal half das ja. Es war wirklich surreal, wie im Film. Allerdings einem mit Filmriss.

Wie gesagt, alles hätte auch ganz anders kommen können.

Vor drei Tagen, am Mittwoch, schien der Traum vom Europapokalsieg schon geplatzt. Atletico Madrid führte 1:0, durch einen Freistoß, irgendwie passend zu diesem zähen Finale. Kaum Torchancen, beide Mannschaften hatten sich 90 Minuten lang wie zwei Boxer belauert, nur selten ihre Deckung entblößt und vergeblich auf den entscheidenden Fehler der anderen gewartet. Verlängerung, ohne dass sich am Spielverlauf etwas änderte. Bloß nicht verlieren, blieb die Devise, und hoffen auf den „Lucky Punch“. Dann die 113. Minute, Freistoß aus ungefähr 20 Metern. Der Spanier Luis legte sich den Ball zurecht und zirkelte ihn an der Münchener Mauer vorbei zum 1:0 ins Netz. War er das, der glückliche, vielleicht sogar tödliche Schlag? Es schien so.

Die letzte Minute brach gleich an. Oder lief sie bereits? Zobel sah, dass sich sein Trainer von der Bank erhoben hatte und Richtung Kabine ging. Den Rest wollte sich Udo Lattek offenbar nicht mehr antun. Der Mann war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass im Fußball eine Menge passieren konnte, aber noch länger, um zu wissen, heute nicht mehr. Nicht in diesem Spiel. Beckenbauer kam noch einmal an den Ball, kurz hinter der Mittellinie. Auch ihm waren die zündenden Ideen ausgegangen. Anstatt sich wie üblich mit raumgreifenden, schnellen Schritten, das Leder elegant und ganz eng am Fuß führend, dem gegnerischen Strafraum zu nähern, um dann im Zusammenspiel mit Gerd Müller Alarmstimmung beim Gegner auszulösen, passte er kurz hinter der Mittellinie quer auf Schwarzenbeck. Mehr fiel ihm nicht ein.

Der Vorstopper, den alle nur „Katsche“ nannten, befand sich plötzlich in einer für ihn ungewohnten Rolle, der des Antreibers. Er lief ein paar Meter in zentraler Position Richtung Tor der Spanier, ohne irgendeinen erkennbaren Plan zu verfolgen, was er als Nächstes tun würde. Gerd Müller winkte im Strafraum, Schwarzenbeck sah ihn aber nicht. Seine Augen waren nur auf den Ball gerichtet, er nahm gar nicht wahr, was um ihn herum geschah und wer da sonst noch so alles winkte.

Inzwischen lief die letzte Minute, irgendetwas musste passieren, irgendetwas musste er machen – nur was? Es gibt Momente, in denen man es sich mit solchen Fragen unnötig schwer macht. Dies war so ein Moment und deshalb drosch Schwarzenbeck aus 25 Metern einfach drauf – der Ball flog durch ein Knäuel von sieben oder acht Spielern und war für den Torwart erst ganz spät zu sehen. Ausgleich, 1:1! Ein Schuss aus purer Verzweiflung. „Ich habe an nichts gedacht“, schilderte „Katsche“ den Reportern hinterher jenen Augenblick, in dem er sich aus der Welt der Normalsterblichen verabschiedete. Wäre er ins Grübeln gekommen, hätten die Spieler von Atletico Madrid an diesem Abend den Pokal in Empfang genommen. Die Bayern wären enttäuscht nach Hause geflogen und Rainer Zobel vermutlich längst wieder nüchtern.

So aber saß er auf dem Rasen vor dem Mannschaftshotel und gönnte sich einen weiteren tiefen Schluck aus dem Weißbierglas. Gladbacher Fans auf dem Weg ins Stadion prosteten ihm zu und gratulierten. Zobel grüßte lachend zurück. Keine Spur von Häme, Missgunst oder gar Feindseligkeiten, die ihnen sonst bei Auswärtsspielen zuverlässig entgegenschlugen. Die freuen sich tatsächlich mit uns, wunderte sich Zobel. Seit vier Jahren spielte er nun schon bei den Bayern, so viel Zuneigung außerhalb Münchens hatte er noch nie erlebt. Dass er eine Stunde vor dem Anpfiff Weißbier trank, allerdings auch nicht. Ein Platz in der Startelf war in seinem Zustand ausgeschlossen. Aber wen interessierte das schon? Ihn jedenfalls nicht. Das Spiel war nur noch von statistischer Bedeutung. Der große Rivale Borussia Mönchengladbach lag vor dem letzten Spieltag drei Punkte hinter den Bayern, die Meisterschaft war zugunsten der Münchener entschieden. Zum dritten Mal in Serie. Auch ein Grund zur Freude, aber der Europapokalsieg stand über allem.

4:0 hatten sie den spanischen Meister im Wiederholungsspiel 48 Stunden später auseinandergenommen und er war, wie der „kicker“ mit höchstem Lob festhielt, „die große Überraschung“ des zweiten Finales. In der Einzelkritik hatte das Fachmagazin hinter seinen Namen ein Ausrufezeichen gesetzt. Dann folgten wenige Zeilen, die Zobels Anteil am bis dahin größten Triumph der Vereinsgeschichte einordneten: „Er erreichte die Form der großen Nationalspielerachse und war der Tempomacher. Immer anspielbar, jagte er am Flügel los und war so stark wie unsere Asse, die dort in der Nationalmannschaft stürmen.“

Nach dem späten Ausgleichstreffer durch Schwarzenbeck am Mittwoch hatte keiner von ihnen daran gezweifelt, dass sie das Wiederholungsspiel gewinnen würden. Sie fühlten sich nicht nur psychologisch im Vorteil, die Spanier wirkten am Ende der Verlängerung stehend k.o., während die Bayern noch marschierten. Es sprach tatsächlich viel für den deutschen Meister, Franz Beckenbauer aber wollte auf Nummer sicher gehen und ließ sich am Abend vorher noch die Haare schneiden. Von Rainer Zobel, wie schon öfter vor wichtigen Spielen. Die beiden hatten jahrelang auf Dienstreisen das Zimmer geteilt, man konnte von einem Vertrauensverhältnis sprechen. Zobel sollte ihm keine richtige Frisur zaubern, das war Beckenbauer dann doch zu riskant, aber hinten am Nacken, da musste alles akkurat sein. „Wenn Du mir die Haare schneidest, gewinnen wir auch“, war sein Zimmerpartner überzeugt. Also griff Zobel zu Schere und Rasierer. Daran sollte es nicht scheitern, auch wenn ihm der Zusammenhang zwischen dem Ausgang eines Fußballspiels und einem sauber rasierten Nacken nicht einleuchtete. Aber was hatte Fußball schon mit Logik zu tun? Wenn es darum ging, die Macht des Schicksals irgendwie zu beeinflussen, griffen seine Mannschaftskameraden zu den seltsamsten Maßnahmen. Jupp Kapellmann hatte immer ein riesengroßes Stofftier dabei und drückte es ganz fest, bevor er auf den Rasen ging. Einmal kam er vom Aufwärmen zurück in die Kabine und das Stofftier saß nicht mehr auf seinem Platz. Sepp Maier hatte es versteckt. Kapellmann war außer sich und weigerte sich aufzulaufen. Erst musste das Stofftier wieder her. Dagegen war Haare schneiden harmlos, zumal es sich um die Haare von Deutschlands bestem Fußballspieler handelte.

Für den Spielverlauf von größerer Bedeutung war aber zweifellos jene Szene in der 70. Minute. Zobel hatte den Ball im Mittelfeld übernommen und war mit dem Leder ein paar Meter quer gelaufen, als er aus dem Augenwinkel sah, dass sich Gerd Müller in Richtung Strafraum orientierte. Mit einem Heber spielte er die Nummer neun frei. Ein Zuspiel ohne jede Ankündigung, von blindem Verständnis zeugend, nur Zobel und Müller wussten, was gleich passieren würde. Die Spanier reklamierten so heftig wie vergeblich auf Abseits, ihre Abwehr war mit diesem einen Pass ausgehebelt. Den Rest erledigte Müller auf seine Weise. Mit unglaublich viel Gefühl hob er den Ball von der Strafraumgrenze über den zu weit vor seinem Kasten stehenden Atletico-Torwart Reina: 3:0, das Spiel war entschieden. Den Schlusspunkt zum 4:0 setzte Uli Hoeneß gut zehn Minuten später.

Als erste deutsche Mannschaft hatte der FC Bayern den Europapokal der Landesmeister gewonnen! Und Rainer Zobel, sonst der Mann im Hintergrund, der in einem Ensemble hoch dekorierter Nationalspieler seine Aufgaben zuverlässig und unauffällig erfüllte, einer, der selten selber glänzte, dafür anderen zu Glanz verhalf – er hatte das Spiel seines Lebens gemacht und zählte an diesem Abend zu den Hauptdarstellern. Auch bei der Siegerehrung.

Geplant war das alles nicht, ein bisschen Übermut war mit dabei, ein bisschen Unbeholfenheit vielleicht auch, vor allem aber die Freude darüber, in einem großen Spiel Großes geleistet zu haben. Als Zobel an der Reihe war, um den Pokal wie alle anderen vor ihm in den Brüsseler Nachthimmel zu stemmen, fasste er ihn nicht in der Mitte, sondern ganz unten an den beiden Henkeln an. Für einen winzigen Moment schaukelte die Trophäe und Zobel schien das Gleichgewicht zu verlieren. Kleiner Ausfallschritt nach hinten, der Pott war schwerer als gedacht. Jetzt nur nichts falsch machen. Er setzte noch einmal an, hob den Pokal hoch und platzierte ihn bei sich auf dem Kopf. Dort stand er sicher: „Das ist schön, dass sich Profis im Augenblick des Jubels und des Erfolges freuen können wie die Schulbuben“, kommentierte der Fernsehreporter Oskar Klose diesen Moment. Üblich war es ja, den Pokal zu umarmen, zu streicheln oder zu küssen, ihn aber jenseits solcher Zärtlichkeiten vor allem mit dem nötigen Respekt zu behandeln. Sich das Ding einfach auf den Kopf zu setzen, war mal etwas ganz Neues. Neben Zobel stand Sepp Maier und strahlte. Für solche Einlagen war eigentlich er zuständig. Ohne es darauf angelegt zu haben, hatte Zobel dem auch als Entertainer verehrten Torwart die Show gestohlen. Das Bild dieses Abends, das in den nächsten Tagen um die ganze Welt ging, gehörte ihm.

Noch ein paar Minuten bis zum Spielbeginn in Mönchengladbach. Robert Schwan, der stets unterkühlt und unnahbar wirkende Manager der Bayern, den die Leute nur mit grimmigem Blick und Pfeife im Mund kannten, hatte gerade im Mittelkreis einen Purzelbaum geschlagen. Die 34.000 Zuschauer am Bökelberg jubelten, als Schwan seine Wettschulden einlöste. Udo Lattek war noch unvorsichtiger gewesen und hatte angekündigt, zu Fuß von München nach Nürnberg zu gehen, wenn sie den Europapokal holen würden. Ich werde ihn ganz bestimmt nicht begleiten, dachte sich Zobel und war froh, nur die paar Meter bis zu den begehrten Plätzen auf der Bank zurücklegen zu müssen. Für ihn kam Viggo Jensen zu einem seiner wenigen Einsätze im Bayern-Dress. Der Däne hatte auch gegen Atletico nicht gespielt und sollte nun den Gladbacher Stürmer Jupp Heynckes daran hindern, in der Torjägerliste am führenden Gerd Müller vorbei zu ziehen. Müller nahm das sehr ernst. Er selbst würde an diesem speziellen Nachmittag kaum etwas für seine Bilanz tun können, forderte aber seine vom Alkohol ebenso schwer gezeichneten Mannschaftskameraden auf, ihn nicht im Stich zu lassen.

Jensen gehörte zu den wenigen halbwegs nüchternen Bayernspielern auf dem Platz, als Schiedsrichter Biwersi die Partie um 15 Uhr 30 anpfiff. Das 1:0 durch Heynckes konnte er trotzdem nicht verhindern. Zobel hatte auf der Bank kaum etwas mitbekommen, immer wieder nickte er ein. Als er eine Viertelstunde nach dem Führungstreffer zum wiederholten Mal an diesem Tag rüde geweckt wurde, stand es bereits 4:0: „Los, Du musst jetzt spielen. Die anderen können nicht mehr.“ Auch wenn ihm nicht danach zumute war, stellte er sich in den Dienst der Mannschaft, ohne allerdings das Schatten spendende Areal unterhalb der Haupttribüne häufiger zu verlassen als unbedingt nötig. Viggo Jensen mühte sich redlich, Heynckes am Toreschießen zu hindern, aber ein weiterer Treffer gelang dem Gladbacher noch. Damit kam er auf 30, wie Gerd Müller. Das Rennen um die Torjägerkanone endete unentschieden. Für seinen selbstlosen Einsatz schenkte Zobel Jensen das Trikot aus dem Endspiel.

Er selbst hatte seine letzten Reserven für den großen Empfang am Abend in München erfolgreich geschont. Sie waren mit einiger Verspätung am Flughafen in Riem eingetroffen, stiegen dort in offene Cabrios und rollten langsam Richtung Innenstadt. Zobel saß mit den beiden Dänen in einem Wagen, Viggo Jensen und Johnny Hansen, seinem besten Freund in der Mannschaft. Je weiter sie sich vom Flughafen entfernten, desto größer wurde die Menschenmenge, die ihnen zujubelte. Auf der Prinzregentenstraße kamen sie nur noch im Schritttempo voran. Von überall her strömten die Leute und gratulierten, die strahlenden Sieger von Brüssel hielten an nahezu jedem Lokal, Kellner brachten auf Tabletts Getränke heraus, damit die Spieler mit ihren Fans anstoßen konnten.

Jetzt war sich Zobel sicher, die schönsten Momente seiner Karriere zu erleben. Besser als an diesem Abend würde es nie mehr werden. Irgendwann erreichten sie das Rathaus und stiegen auf eine provisorisch errichtete Bühne. Ein paar kurze Reden, immer wieder unterbrochen vom Jubel dieser riesigen Menschenmenge, dann zog sich die Mannschaft zurück zum geschlossenen Teil der Feier. Als der zu Ende war, wollte Zobel nur noch schlafen, schlafen, schlafen. Und wehe, irgendjemand würde ihn wecken.

2

Seine Eltern durften nichts davon wissen. Vor allem sein Vater nicht. Fußball? Ihm reichte es, wenn sein Sohn auf der Straße oder dem Bolzplatz kickte, das konnte er schlecht verbieten. Aber im Verein? Kam überhaupt nicht in Frage. „Arbeitersport“, pflegte er die Nase zu rümpfen, Fußball passte nicht zu seinen beruflichen Ambitionen. Otto Zobel war zwar nur einfacher Angestellter im Arbeitsamt Uelzen, einer Kleinstadt in der Lüneburger Heide, aber er war ehrgeizig und strebte die Beamtenlaufbahn an. Keine Kleinigkeit, denn er hatte nur einen Volksschulabschluss. Und ein künftiger Staatsdiener mit einem Sohn, der im Verein Fußball spielt? Unvorstellbar! Sollten andere ihre Kinder dorthin schicken, er nicht. Ende der Durchsage.

Sich gegen seinen Vater durchzusetzen war aussichtslos. Rainer verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte man nur so stur, so hartköpfig sein, fragte sich der neun Jahre alte Junge. Und vor allem: Wie konnte man nur so viel Quatsch erzählen? Wieso Arbeitersport? Was hatte denn Fußball mit Arbeit zu tun? Das war doch pure Freude, für die er gerne jede freie Minute opferte. Und noch etwas verwirrte ihn: sein Vater hatte doch eigentlich gar nichts gegen diesen Sport, ganz im Gegenteil. Er war es doch gewesen, der ihn mit dem Fußball erst in Berührung gebracht hatte. Dem großen Fußball sogar. 1954 war das, Hannover 96 traf im Finale um die Deutsche Meisterschaft auf den 1. FC Kaiserslautern. Und der gerade einmal fünf Jahre alte Rainer durfte mit! Nicht ins Hamburger Volksparkstadion, wo sich beide Mannschaften gegenüberstanden. Für einen solchen Ausflug reichten weder Geld noch Begeisterung des Vaters.

Stattdessen ging es an diesem Nachmittag zu „Radio Pommerien“, dem führenden Elektrofachgeschäft vor Ort, wo kurz zuvor das Fernsehzeitalter eingeläutet worden war: „Zum ersten Mal erlebte man nun auch in Uelzen das Wunder des Fernsehens. Man war zunächst ein wenig skeptisch, als die Firma Radio Pommerien zum Fernseh-Empfang im kleinen Kreise einlud“, notierte die „Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide“. Doch die anfängliche Skepsis verflog schnell. Eines dieser klobigen Geräte hatte Pommerien bei sich ins Schaufenster gestellt, seitdem bildeten sich in der belebten Lüneburger Straße mal kleinere, mal größere Menschenansammlungen – je nachdem, wie aufregend die Nachrichtenlage gerade war.

Zobels Eltern besaßen natürlich keinen Fernseher. Aber sein Vater kannte den Besitzer ganz gut und der hatte ihn mit ein paar anderen Erwachsenen zu sich nach Hause eingeladen. Nur Männer, das verstand sich von selbst. Rainer hatte jedoch so lange gebettelt, bis es sein Vater weniger anstrengend fand, den Sohn einfach mitzunehmen. Neben einem etwa gleichaltrigen Jungen hockte er davor dem riesigen Apparat und sah mit immer größer werdenden Augen, wie die 96er den eigentlich als unbezwingbar geltenden Favoriten aus Kaiserslautern auseinandernahmen: 5:1 hieß es nach 90 Minuten, von einer Sensation, wie sie der deutsche Fußball bis dahin noch nicht erlebt hatte, sprach man in den folgenden Tagen. Mit jedem Tor war die Stimmung in der guten Stube des Elektrowarenhändlers gestiegen, die Männer kriegten sich vor lauter Begeisterung gar nicht mehr ein – der deutsche Meister kam tatsächlich aus Niedersachsen und hieß Hannover 96! Wer nach einem solchen Spiel dem Fußball nicht verfallen war, dem war auch nicht mehr zu helfen.

Ein paar Jahre lag das nun schon zurück und fast genauso lang träumte Rainer davon, endlich selbst in einem Verein zu spielen. In Uelzen standen ihm gleich zwei der gehobenen Güteklasse zur Auswahl, der SC von 1909 und Teutonia. Beide spielten in den 50ern in der höchsten niedersächsischen Amateurliga. Teutonia regte seine Phantasie besonders an, um diesen Verein rankten sich einige Geschichten. Zwei Jahre nach Kriegsende, Rainer war noch gar nicht geboren, trafen die Teutonen sogar auf Schalke 04: Fast 10.000 Zuschauer wollten die Schalker Vereinslegenden Fritz Szepan und Ernst Kuzorra sehen. Das Stadion am Musterplatz war für diesen Gegner viel zu klein, die Leute kletterten auf die Bäume oder drängten sich an den Fenstern der umliegenden Häuser. „Der FC Schalke 04 freut sich, endlich auch ein Gastspiel in Uelzen austragen zu können, und den vielen nach Klassefußball hungernden und sportbegeisterten Menschen der Lüneburger Heide den Sonntag nach saurer Wochenarbeit zu einem Fußballfest zu gestalten“, hieß es in einem Grußwort der berühmten Gäste. Sie gewannen 6:0 und wurden für ihren Auftritt in der niedersächsischen Provinz mit Speck, Schinken und Rübenschnaps entlohnt.

Es kamen weitere große Mannschaften, der SV Sodingen aus der Oberliga West etwa, deren Torwart Günter Sawitzki im berühmten Notizbuch von Bundestrainer Sepp Herberger stand. Wieder strömten mehr als 6.000 Zuschauer zum Musterplatz, diesmal stand Rainer mittendrin, neben seinem Vater! Kurz darauf ging es für Teutonia gegen den VfB Oldenburg am Hamburger Rothenbaum sogar um den Aufstieg in die Oberliga Nord. Also dorthin, wo auch der HSV und Hannover 96 spielten. Rainer hatte dieses Spiel in der Küche am Radio verfolgt und es vor Spannung kaum noch ausgehalten. Teutonia lag schon 0:2 hinten, rettete sich in die Verlängerung, um doch noch mit 2:3 zu verlieren. 15.000 Zuschauer sahen dieses dramatische Spiel, die meisten von ihnen waren aus Uelzen gekommen.

Der Platz von Teutonia lag nicht einmal 500 Meter von seinem Elternhaus entfernt. Alles hätte so einfach sein können. War es aber nicht. Und jetzt? Klein beizugeben kam für Rainer nicht in Frage. Er wollte nicht als Straßenfußballer enden, sondern in einem Verein am geordneten Spielbetrieb teilnehmen. Wenn nicht in Uelzen, dann eben woanders. Einen Plan hatte er auch schon.

Sieben Kilometer entfernt, in Wrestedt, lebten seine Großeltern Elsbeth und Friedrich Retzlaff. Rainer besuchte sie häufig mit dem Fahrrad, er war so etwas wie der Lieblingsenkel. Sein Opa war Schumacher, hatte sein Handwerk in der pommerschen Stadt Naugard erlernt und erzählte mit großem Stolz, dass Otto von Bismarck in seiner Werkstatt einmal Stiefel in Auftrag geben ließ. Bismarck hatte dort als junger Mann ein Rittergut bewirtschaftet, war Kreisdeputierter der Stadt und kam später immer wieder dorthin zurück. Aber auch für weniger große Füße nahm Friedrich Retzlaff Maß und fertigte seinem Enkelsohn Schuhe, noch bevor der das Laufen gelernt hatte. Den Leisten malte Rainer als Schulkind mit Silberfarbe an und hütete ihn wie einen Schatz, dessen Wert nur er ermessen konnte: seine ersten Schritte ins Leben!

Er verbrachte viel Zeit in der kleinen Werkstatt und hatte einen Stammplatz auf dem Schemel seines Onkels, der seinen Beruf wegen einer schweren Kriegsverletzung nicht mehr ausüben konnte. Rainer schaute dem Großvater aufmerksam bei der Arbeit zu und freute sich, wenn er hin und wieder ein paar Aufgaben übernehmen durfte, Holznägel in die Sohlen schlagen etwa. Friedrich Retzlaff reparierte mittlerweile nur noch. Dass sich jemand Schuhe nach Maß anfertigen ließ, war die ganz große Ausnahme. Viel zu teuer, dafür hatten die Leute hier kein Geld.

Mit seiner Oma fuhr Rainer häufig mit dem Bus nach Uelzen, um Schuhmacherbedarf zu kaufen, vor allem Lederrollen, aus denen dann die Sohlen geschnitten wurden. Irgendwann erzählte er ihr von seinem Plan. Da er an den Wochenenden ohnehin fast immer bei seinen Großeltern in Wrestedt war, könnte er dort doch auch im Verein spielen. Seine Eltern würden bestimmt nichts merken, die kamen nur selten aus Uelzen heraus. Der TSV hatte zwar keine Mannschaft in seiner Altersklasse, aber mit deutlich Älteren zu kicken und sich vor allem gegen sie durchzusetzen, war Rainer inzwischen gewohnt. Wenn auf der Straße die Mannschaften gewählt wurden, zählte er zu den begehrtesten Spielern. Andere wurden gleich weggeschickt, aber um ihn stritten sich die Großen. Sie wollten ihn unbedingt in ihrer Mannschaft haben und gaben Rainer damit das Gefühl, dass er etwas konnte und richtig gut war.

Er hatte sogar schon ein Punktspiel für den TSV Wrestedt bestritten, unter falschem Namen. Was hatte er gezittert, als der Schiedsrichter bei der Passkontrolle den Namen jedes einzelnen Spielers vorlas. Das Foto war nicht das Problem, fast jeder trug die Haare kurz und zu einem Seitenscheitel gekämmt. Aber Rainer musste sich ein fremdes Geburtsdatum merken, wenn er das bei der Kontrolle nicht draufhatte, würde alles auffliegen. Mit jedem Nachnamen, den der Schiedsrichter militärisch knapp aufrief, stieg seine Nervosität. Dann war er an der Reihe. Ohne Blickkontakt zum Unparteiischen aufzunehmen, schossen ein paar Zahlen aus ihm heraus. Waren es die richtigen? Nach einer kurzen Pause ging es weiter, der Nächste. Geschafft, aber ihm war klar, dass das keine Dauerlösung sein konnte. Und genau deshalb brauchte er seine Oma. Sie musste den Aufnahmeantrag unterschreiben, nur wenn sie einverstanden war, konnte er unter seinem richtigen Namen für den TSV Wrestedt spielen. Und sie durfte die Sache nicht an die große Glocke hängen oder am besten ganz für sich behalten.

Auf Elsbeth Retzlaff war Verlass! Um bei seinen Eltern nicht mehr Verdacht als unbedingt nötig zu erregen, fuhr Rainer nur selten zum Training, an den Wochenenden jedoch erschien er nach sieben Kilometern auf dem Rad immer gut aufgewärmt zum Spiel. Sein größter Wunsch war damit in Erfüllung gegangen, er gehörte endlich zu einer richtigen Mannschaft und trug stolz die Farben seines Vereins: gelbes Trikot, das man am Kragen zuschnüren konnte, schwarze Hose und gelbe Stutzen. Mit Fußballschuhen wäre sein Glück vollkommen gewesen, aber bis auf Weiteres musste der Neuzugang in Turnschuhen der Marke „Romika“ kicken, mit ganz kleinen Noppen unter der Sohle. Dass er außergewöhnlich talentiert war, ließ sich aber auch in diesen Tretern nicht verheimlichen.

Ein Jahr lang ahnten seine Eltern nichts, dann flog die Geschichte auf: Rainer hatte mit der Wrestedter C-Jugend die Kreismeisterschaft gewonnen! Nach der Deutschen Meisterschaft von Hannover 96 und dem WM-Finale von Bern im Sommer 54 die nächste Sensation in seinem noch jungen Fußballerleben, denn die Nachbarvereine aus Uelzen hatten die besseren und vor allem deutlich größeren Jugendabteilungen. Die „Allgemeine Zeitung“ widmete diesem Ereignis einen großen Artikel, garniert mit einem Foto der stolzen Kreismeister.

Zum Glück war es seine Mutter, die zuerst von den Alleingängen ihres Sohnes las. Die Zeitung wurde in der Regel erst am frühen Nachmittag zugestellt, wenn der Vater nach seiner Mittagspause schon wieder im Amt war. So blieb Ilse Zobel noch ein bisschen Zeit für strategische Überlegungen, sie musste ihrem Mann die neuesten Nachrichten so schonend wie möglich beibringen. Einmal in Fahrt war es keine ganz leichte Aufgabe, den Gatten wieder zu beruhigen. Der Teppichklopfer hing immer in Reichweite und wurde bei grundsätzlichen Erziehungsfragen auch eingesetzt. Rainer wusste, wie sich das anfühlte. Zwar war es bei ihm zu Hause nicht so schlimm wie bei seinem Cousin, der noch mit dem Lederriemen verdroschen wurde, aber auch Teppichklopfer hinterließen ihre Spuren und so hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, schnell in seine Lederhose zu schlüpfen, wenn Sanktionen drohten. Jetzt war wieder so ein Moment, um die Kleidung zu wechseln.

Doch das diplomatische Geschick der Mutter setzte sich durch. Der Vulkan brodelte, aber er brach nicht aus. Ihrem Mann die eigene Sicht der Dinge so beizubringen, dass er glaubte, selbst darauf gekommen zu sein – darin war seine Mutter unschlagbar. Nachdem Otto Zobel die vor allem für seinen Seelenhaushalt unverzichtbare Standpauke beendet hatte, machte er seinem überraschten Sohn ein verlockendes Angebot: „Junge, wenn Du schon so gut bist, dann kannst Du auch gleich in Uelzen spielen.“

Kurz darauf wechselte er erst zu Teutonia und später, als er auf das Gymnasium der Herzog-Ernst-Schule kam, zum SC 09. Dort kickten die meisten seiner Klassenkameraden. Ein weiterer Vorteil: Anders als Teutonia galt der Sportclub Uelzen von 1909 als Verein der gehobenen Mittelschicht. Rainer machte sich nichts daraus, aber seinen in Statusfragen sensiblen Vater konnte er damit besänftigen. Wenn schon Fußball, dann wenigstens im Verein für die besseren Leute.

3

„Tolopen Pack!“ Übertriebene Freundlichkeit oder gar Herzlichkeit schlug den Millionen Pommern, Schlesiern oder Ostpreußen, die nach Ende des 2. Weltkriegs im noch verbliebenen Deutschland ankamen, nur selten entgegen. Auch nicht in Niedersachsen, und schon gar nicht auf den Dörfern. Die Stimmung war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, frostig bis feindselig. Jeder war sich selbst am nächsten und sah zu, irgendwie durchzukommen. Das war schwer genug. Und das wenige, was man besaß, sollte man nun auch noch teilen? Mit Fremden? „Tolopen Volk“, zugelaufenes Volk, gehörte noch zu den freundlicheren plattdeutschen Umschreibungen für Flüchtlinge und Vertriebene, gängiger war die Rede vom „tolopen Pack“. Auch „Polacken“, „Zigeuner“ oder „Rucksackdeutsche“ zählten zu oft gehörten Schmähungen.

Rainer Zobels Familie hatte die pommersche Heimat im Februar 1945 verlassen. Bis dahin war in Naugard kaum etwas vom Krieg zu spüren gewesen. Als die Nachrichten von der bevorstehenden Einnahme durch die Rote Armee die Runde machten, leerte sich die Stadt aber schlagartig. Am 4. März begannen die Kämpfe um Naugard, bei denen das Stadtzentrum nahezu vollständig zerstört wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zobels und Retzlaffs bereits auf der Flucht: die Mutter, die ältere Schwester Karla, Onkel, Tante und die Großeltern. Mit seinem Vater hatte es das Schicksal etwas besser gemeint, er befand sich in französischer Gefangenschaft und hatte den Krieg vergleichsweise glimpflich überstanden. Nach einem Kniedurchschuss kam er erst ins Lazarett, dann direkt in die Gefangenschaft und wurde 1947 entlassen. Gut ein Jahr vor Rainers Geburt.

„Wir machen erst Halt, wenn wir den ersten englischen oder amerikanischen Soldaten sehen“, hatte sein Onkel die grobe Richtung vorgegeben. Die paar Sachen, die sie bei sich hatten, waren in einem Handwagen verstaut. Im Puppenwagen der Schwester lag Proviant für eine Reise, von der niemand wusste, wie lange sie dauern und wo sie enden würde. Große Teile der Strecke legten sie zu Fuß zurück, ab und zu wurden sie von einem Pferdefuhrwerk mitgenommen oder ergatterten mit viel Glück einen Platz in den wenigen und hoffnungslos überfüllten Zügen, die noch unterwegs waren.

Mit dem Zug erreichten sie im Februar 1945 Uelzen, ohne dort allerdings in Sicherheit zu sein. Im Schritttempo waren sie in den Bahnhof eingefahren, als britische Kampfbomber ihre Fracht abwarfen. Uelzen war als Eisenbahnknotenpunkt ein strategisch wichtiges Ziel der Alliierten, hier wurden landwirtschaftliche Güter, aber auch Vieh verladen und damit die Versorgung großer Teile der Bevölkerung sichergestellt. Ilse Zobel erzählte ihrem Sohn später oft, wie verwundert sie darüber war, als sie nach dem Bombenangriff völlig verängstigt aus dem Fenster schaute und registrierte, dass der Zug den Bahnhof längst verlassen hatte. Sie befanden sich mindestens zehn Kilometer außerhalb Uelzens auf freiem Feld, von der Stadt war nichts zu sehen. Um ihr Leben und das ihrer Familie zitternd, hatte sie überhaupt nicht mitbekommen, dass der Zug wieder ganz langsam losgefahren war.

Wenige Kilometer weiter, im niedersächsischen Wendland, endete die Flucht. Eine dünn besiedelte Gegend mit fremd klingenden Namen: Waddeweitz, Reddebeitz oder Salderatzen hießen die winzigen Dörfer. In ein paar Jahren würde man vom Zonenrandgebiet sprechen. Hier kamen sie erst einmal unter, bis der Großvater eines Tages hörte, dass in der Gemeinde Wrestedt in der Lüneburger Heide dringend ein Schuster gesucht wurde. Der Ort lag zwar 30 Kilometer entfernt und war nicht einfach zu erreichen, aber die Chance auf Arbeit wollte er sich nicht entgehen lassen. Friedrich Retzlaff machte sich auf den Weg und überzeugte den Bürgermeister davon, genau der richtige Mann für diese Stelle zu sein. Obwohl er nun für sich und seine Familie sorgen konnte, niemandem auf der Tasche lag und seinen erlernten Beruf wieder ausübte, blieb die Distanz zu den Einheimischen.

Der Landkreis war zu dieser Zeit voller Flüchtlinge, im Notaufnahmelager am Bohldamm in Uelzen wurden im Schnitt 6.000 pro Tag registriert und anschließend in alle Richtungen verteilt. Nicht wenige blieben aber auch, die Bevölkerungszahl war im Vergleich zur Vorkriegszeit um 80 Prozent gestiegen. Das sorgte für Spannungen. Flüchtlingsvertreter beschwerten sich über schlechte Behandlung oder darüber, dass die Arbeitslosigkeit unter Flüchtlingen besonders hoch war und sie Tätigkeiten verrichten mussten, die nicht im Mindesten ihren oft deutlich höheren Qualifikationen entsprachen. Es dauerte Jahre, bis sich die Lage im Landkreis Uelzen wieder halbwegs entspannte.

Auch dem kleinen Rainer blieb die Erfahrung nicht erspart, dass es aus der Herkunft seiner Familie kein Entkommen gab. Seine Großeltern waren in Wrestedt bei einem Bauern einquartiert worden. Für einen bewegungsfreudigen und abenteuerlustigen Jungen die perfekte Umgebung, aber so sehr es ihn auch zu seinen Großeltern zog, ganz ungetrübt war die Vorfreude auf die Besuche nicht. Das lag an Pohlmann, dem Schwiegervater des Bauern. Ein griesgrämiger alter Mann, der seine noch verbliebene Lebensfreude daraus zog, auf die strikte Einhaltung der Hausordnung zu achten. Vor allem bei den Ruhezeiten duldete er keinen Verstoß. Wenn Rainer die Treppe runter rannte, wartete dort bereits Pohlmann und schnauzte ihn an: „Zu laut!“ Eines Tages stand er wieder am Treppenaufgang. Diesmal verpasste Pohlmann dem Jungen ohne Vorwarnung eine saftige Ohrfeige, verbunden mit der Bemerkung: „Flüchtlingskind!“ Rainer wusste sofort, was da alles mitschwang, dass es nicht nur die Ohrfeige war, die ihm Schmerzen bereitete. Er behielt diese Demütigung zunächst für sich. Als Pohlmann jedoch dazu überging, ihm gewohnheitsmäßig eine zu knallen, öffnete Rainer sich seinem Vater.

Otto Zobel war ein typischer Vater der 50er Jahre. Streng bis autoritär, was er sagte, galt. Kein Freund großer Worte oder Erzählungen. Für die emotionale Versorgung zu Hause war die Mutter zuständig. Oft hatte Rainer versucht, ihm etwas über seine Kriegserlebnisse zu entlocken, aber er kam nicht an ihn heran. Kein Vater, dem man sich als Sohn wie selbstverständlich anvertraute, aber wer hatte solche Väter schon? Die seiner Freunde waren ähnlich. Wahrscheinlich glaubte Otto Zobel sogar, ein liebevoller Vater zu sein, denn dass er das Beste für seine Kinder wollte, stand für ihn außer Frage. Und Rainer konnte sich auf ihn verlassen, wenn es ernst wurde und er mal wieder irgendwelchen Blödsinn verzapft hatte oder es in der Schule Schwierigkeiten gab. Er ließ seine Kinder nicht hängen, wollte, dass aus ihnen mal etwas Anständiges wird. Eine gute Schulausbildung war ihm wichtig, möglichst Abitur, und dann einen Beruf, der auch etwas hermachte. Es reichte, dass mit ihm einer in der Familie die Ochsentour wählen musste, um vorwärtszukommen. Und mit diesen Zielen vertrug sich eine Erziehung der harten Hand durchaus. Wenn diese harte Hand aber gelegentlich Ohrfeigen verteilen musste, sollte es seine sein. Nur seine.

Otto Zobel hörte sich an, was sein Sohn über Pohlmann zu sagen hatte, und ging dann mit ihm zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Die Sache wurde auf dem kleinen Dienstweg geregelt, wie man es auf dem Land eben handhabt, wo jeder jeden kennt. Der Dorfpolizist erschien auf dem Hof und ermahnte Pohlmann zu zivileren Umgangsformen. Danach ließ er Rainer in Ruhe.

In Uelzen gab es keine Pohlmanns, jedenfalls zeigten sie sich Rainer nicht. Die Stadt hatte über 30.000 Einwohner und war groß genug, um als Neuankömmling nicht sofort aufzufallen. Schon gar nicht in der Kasernenstraße, wo die Zobels wohnten. Dort glich ein Haus dem anderen. Das seiner Eltern lag in einem langen Block etwa in der Mitte. Ein schmales Haus, mit einer Grundfläche von kaum mehr als 30 Quadratmetern, zwei Stockwerke hoch. Unten waren Küche und Wohnzimmer, darüber Bad und Elternschlafzimmer, in dem auch Rainers Bett und das seiner jüngeren Schwester Dagmar standen, sowie das einzige Kinderzimmer. In dem schlief die ältere Schwester, aber Rainer stand auf Platz eins der Warteliste, und als Karla mit gerade einmal 19 Jahren als junge, verheiratete Frau die elterliche Wohnung verließ, rückte der zehnjährige Bruder nach. Das Haus hatte noch einen Kohlenkeller und ein Dachgeschoss als Ausbaureserve. Im Gegensatz zu den anderen Familien in ihrer Straße verzichteten die Zobels aber auf zusätzlichen Wohnraum. Es musste auch so reichen.

Einmal im Monat brachte sein Vater Geld mit nach Hause und legte es auf den runden Esstisch in der Küche, an dem die Eltern oft mit den Nachbarn saßen und Doppelkopf spielten. Sein Gehalt wurde zwar schon aufs Konto überwiesen (die Lohntüte war etwas für Arbeiter), aber wenn Otto Zobel mit seiner Frau die einzelnen Posten durchging, sollte auch Bares auf dem Tisch liegen. Das machte die Haushaltsführung noch übersichtlicher, als sie ohnehin schon war, denn der finanzielle Spielraum war gering. Wenn seine Eltern den kommenden Monat planten, ging es um die wirklich notwendigen Dinge und nicht darum, irgendwelche Wünsche der Kinder zu erfüllen. Das Geld wurde in drei Haufen eingeteilt: einen fürs Essen, einen für die Kleidung und einen für Sonstiges. Der war immer der kleinste. Im Grunde waren die Zobels auch für damalige Verhältnisse arm, ohne dass man es ihnen ansah. Rainers Mutter legte bei sich und den Kindern viel Wert auf gute, gepflegte Kleidung, die sie überwiegend selbst schneiderte. Auch wenn das Geld knapp war, sollte doch alles seinen Schick haben.

Ilse und Otto Zobel besaßen nie ein Auto, hatten ihr Leben lang nicht einmal einen Führerschein. Als die Deutschen in den 50er Jahren die Reiselust überkam und sie im Volkswagen Italien als ihr Sehnsuchtsland entdeckten, blieben die Zobels zu Hause in der Lüneburger Heide. Nur einmal gönnten sie ihren Kindern den Luxus einer größeren Reise. Sie begann kurz nach Sonnenaufgang auf dem Bahnhof in Uelzen, wo die Familie in einen Dampfzug stieg und nach Travemünde fuhr. Von dort ging es mit der Fähre ins dänische Gedser, ein paar Stunden Ostseeluft schnappen, dann wieder ab auf die Fähre und am frühen Abend zurück. Als sie zu Hause ankamen, war es schon weit nach Mitternacht. Rainers erster Auslandsaufenthalt! Es sollten bald weitere folgen, denn die Sache mit dem Fußball entwickelte sich prächtig und sollte ihn in Länder führen, auf die er noch nicht einmal in seinem Schulatlas gestoßen war.

4

Eigentlich wollte er immer nur spielen. Ob Abwehr, Mittelfeld oder im Sturm, das war für ihn nicht so entscheidend. Über irgendetwas mussten sich ja auch die Trainer ihre Köpfe zerbrechen. Bei ihm hatten sie die Qual der Wahl, nur im Tor gab es Geeignetere, obwohl er selbst da keine schlechte Figur abgab, denn er verfügte über eine enorme Sprungkraft. In der A-Jugend des SC Uelzen gab es eine ganze Menge guter Fußballer, aber Rainer war schneller, ballsicherer und torgefährlicher als die anderen. Eine Allzweckwaffe, flexibel einsetzbar, der Traum eines jeden Trainers. Musste ein Vorsprung über die Zeit gebracht werden, spielte er hinten, lag seine Mannschaft im Rückstand, im Sturm. Als Spielgestalter im Mittelfeld? Warum nicht? Sein Platz war dort, wo er gebraucht wurde. So machte ihm Fußball Spaß und viel mehr als Spaß verlangte Rainer vom Fußball auch gar nicht.

Sein Talent war ungleich größer als sein Ehrgeiz. Jede Form von Verbissenheit war ihm fremd. Keiner, der bis zur Erschöpfung trainierte oder um Sonderschichten bettelte, um noch besser zu werden. Was einen sehr guten Fußballer ausmachte, brachte er mit – Technik, Kondition, Spielübersicht. Und er konnte sich durchsetzen. Jahrelanges Kicken auf der Straße mit deutlich Älteren und Kräftigeren zahlte sich jetzt aus. An ihm kamen nur die ganz Ausgeschlafenen vorbei und ihn auf dem Weg nach vorne zu bremsen, war eine mindestens ebenso anspruchsvolle Aufgabe.

Rainer träumte weder von großen Vereinen noch von Pokalen oder Meisterschaften. Gewinnen war schon in Ordnung, aber sein Leben dem Fußball unterordnen und einem Plan folgen, der ihn vielleicht einmal ganz nach oben führte, kam für ihn nicht in Frage. Es klappte doch auch so und ging stetig eine Stufe höher: Kreisauswahl, Bezirksauswahl, Landesauswahl.

Die erste Reise seiner noch jungen Laufbahn führte ihn wieder nach Dänemark. Diesmal allerdings länger als nur für ein paar Stunden, zu einem großen Jugendturnier nach Jütland. Das hatte schon einen Hauch von internationalem Flair. Noch aufregender waren die Spiele mit der norddeutschen Auswahl in Berlin, denn aus Sicherheitsgründen flog die Mannschaft mit einer PanAm-Maschine in die seit kurzem durch eine Mauer geteilte Stadt. Ihr Sohn in einem Flugzeug! Wohin einen der Fußball doch führte, staunten Ilse und Otto Zobel.

Wenn sich die Auswahlmannschaften der norddeutschen Bundesländer zu ihren regelmäßigen Turnieren trafen, reisten auch DFB-Trainer an, um nach geeignetem Nachwuchs zu fahnden. Andere Gelegenheiten gab es nicht. Zobel lief dann immer zu großer Form auf. Gar nicht mal, weil er so heiß darauf war, in die Jugendnationalmannschaft berufen zu werden. Der eigentliche Reiz lag für ihn darin, anderen zu zeigen, was er draufhatte, dass er mehr als nur mithalten konnte. Wie früher als Sechsjähriger, den die Großen nicht wegschickten, sondern sich um ihn stritten. Wenn er nach solchen Sichtungsturnieren wieder nach Hause fuhr, meistens mit sich und der Welt zufrieden, war die Sache für ihn erledigt. Er hatte sein Bestes gegeben, alles Weitere lag nicht mehr in seiner Hand. Warum sich also verrückt machen und täglich der Ankunft des Postboten entgegenfiebern? Entweder sie nahmen ihn oder sie nahmen ihn nicht. Er würde mit beiden Möglichkeiten leben können.

Trotzdem war er mächtig stolz, als der erste Brief aus der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes eintraf. Er gehörte nun zur Jugend-Nationalmannschaft. Der Junge hatte es zu etwas gebracht, das mussten auch die mindestens ebenso stolzen Eltern anerkennen. Ilse und Otto Zobel fingen an, mit großem Eifer Zeitungsartikel über ihren Sohn zu archivieren. Rainer wäre nie auf eine solche Idee gekommen. Für ihn zählte das Spiel. Alles andere nahm er nicht so wichtig.

Parallel zu Rainers sportlichen Erfolgen ging es auch für Otto Zobel auf der Karriereleiter nach oben. Nach mehreren erfolgreich bestandenen Lehrgängen wurde er als Inspektor in den Beamtendienst berufen. Er hatte es ja immer gewusst, dem Tüchtigen gehört die Welt! Jetzt nur nicht nachlassen, die nächsten Etappen warteten schon: Oberinspektor, Amtmann, Oberamtmann – Rainers Vater legte ein beachtliches Tempo hin, erklomm in jeweils kürzester Zeit die nächste Sprosse und zügelte seinen Ehrgeiz erst, als er sein großes Ziel erreicht hatte: den höheren Dienst! Ein Oberrat mit Volksschulabschluss! Damit galt er innerhalb des Beamtenapparates als Exot.

Sein stetiger beruflicher Aufstieg war für ihn und seine Familie auch mit einigen Ortswechseln verbunden. Einer führte in den Westen Niedersachsens, nach Bad Zwischenahn, dort übernahm er die Leitung des Arbeitsamtes. Rainer war jetzt 17 Jahre, kein gutes Alter, um Wohnort und Schule zu wechseln. Und den Verein: ein paarmal lief er für den VfL Bad Zwischenahn auf, aber beim SC Uelzen wollte man dieses Juwel nicht so einfach ziehen lassen, machte etwas Geld locker und bezahlte Rainer die Bahnfahrten zu den Spielen. Nach bestandener Führerscheinprüfung stellten sie ihm sogar ein Auto zur Verfügung – einen recht betagten VW Käfer. Er war also nicht ganz weg aus seiner vertrauten Umgebung, verbrachte aber an Wochenenden viel Zeit in Zügen und auf Straßen. Knapp drei Stunden Fahrzeit waren es bis nach Uelzen und zurück, dazu die Reisen zu den Auswärtsspielen und den Lehrgängen der Auswahlmannschaften. Um nicht dauernd unterwegs zu sein, übernachtete er häufig bei seiner älteren Schwester in Uelzen. Der Fußball hatte sich in seinem Leben jetzt doch ziemlich breit gemacht. Die Leistungen auf dem Platz waren höchst erfreulich, die in der Schule weniger. Bis dahin hatte es immer noch so gereicht, um über die Runden zu kommen, aber nun brachte er erstmals ein Zeugnis mit nach Hause, auf dem in der Rubrik „Bemerkungen“ die folgenschweren Worte „Nicht versetzt“ standen.

5

Neben dem Fußball und der Schule jobbte Rainer zweimal wöchentlich in der Bäckerei Diercks. Dienstags und donnerstags stand er am Steinofen und half dem Gesellen, mit einem langen Schieber die Brote aus dem Ofen zu holen. Keine allzu anstrengende Arbeit, und da es ein bisschen dauerte, bis die beiden Öfen heiß genugwaren, freute sich der Geselle über ausreichend Zigarettenpausen. Wann immer er sich eine ansteckte, bot er Rainer eine an, aber der lehnte dankend ab. Er war schließlich Fußballer, Nationalspieler sogar. Irgendwann nahm der Geselle das persönlich. „Wenn Du jetzt nicht eine mitrauchst, suche ich mir einen anderen zum Broterausziehen“, drohte er. Rainer musste nicht groß rechnen, um zu wissen, was auf dem Spiel stand: Pro Schicht verdiente er zehn Mark, also 80 im Monat. Eine Menge Geld. Er griff zu und zog eine Ernte 23 aus der Schachtel. „Bester Geschmack, aus edlen Tabaken leicht gemischt:“ So versprach es wenigstens die Werbung. Rainer konnte das nicht bestätigen, trotzdem rauchte er von nun an dienstags und donnerstags zwei Zigaretten, in jeder Pause eine. Später als Profi würde er die Ration deutlich erhöhen.

Der Sohn des Bäckers hieß Gerhard, war ein Jahr älter als er und ebenfalls ein begeisterter Fußballspieler. Die beiden freundeten sich an und planten für den Sommer 1966 eine Tour nach England, zur Fußball-Weltmeisterschaft! Wir bleiben dort, bis uns das Geld ausgeht, hatten sie sich vorgenommen. Deshalb sparten sie auch an Reisekosten und trampten. Die ersten hundert Kilometer verbrachten die beiden Freunde auf einem Fischtransporter, der Fahrer hatte in Bad Zwischenahn eine Ladung Jungaale abgeliefert und sie anschließend mit zum Dümmer See genommen. Nicht gerade der Ort, der ihnen als erstes Etappenziel vorschwebte, aber Hauptsache, die Reise kam ins Rollen und als Tramper verbot es sich ohnehin, allzu wählerisch zu sein. Am Dümmer See hatten sie mehr Glück und lernten jemanden kennen, der sie mit nach Belgien nahm. Spätabends erreichten sie Brügge, fanden aber keine Jugendherberge mehr und übernachteten im Freien. Tags drauf ging es weiter nach Calais, von dort mit der Fähre nach Dover. Das erste unvergessliche Erlebnis dieser Reise: Sie hatten kaum abgelegt, als Rainer so übel wurde, dass er sich von Deck an geeignetere Orte verabschiedete.

Endlich an Land gönnten sie sich in Kent eine Übernachtung in einer halbwegs bezahlbaren Unterkunft. Die folgenden Tage verbrachten die Jungs aus Bad Zwischenahn in der Hauptstadt. Zwei Fußballreisende, denen es um mehr als nur Fußball ging. Sie wollten das „Swinging London“ kennenlernen, ein bisschen was vom revolutionären Aroma aufnehmen, das die Musik dieser Zeit verströmte. Mit 14 hatte Rainer einen Kofferplattenspieler bekommen, von Philipps, der Kofferdeckel diente zugleich als Lautsprecher. Die erste Platte war ein Geschenk seiner Schwester Karla: „Wir wollen niemals auseinander gehen“, versprach Heidi Brühl. Die zweite kam von seinen Eltern, „Der lachende Vagabund“, damals ein echter Hit: „Was ich erlebt hab’, kann nur ich erleben. Ich bin ein Vagabund. Selbst für die Fürsten soll es grauen Alltag geben, aber meine Welt ist bunt“, sang Fred Bertelmann. Rainer mochte diese Musik, der Text passte ja auch zu ihrer Reise, aber sein Geschmack hatte sich geändert, inzwischen hörte er nahezu alles, was aus England kam. Die 60er waren die große Zeit des Mersey-Beats, Bands wie die Seachers, Gerry & The Pacemakers und natürlich die Beatles gaben den Ton an. Die für viele seiner Altersgenossen wichtige musikalische Standortfrage „Beatles oder Stones?“ hatte er längst geklärt – er verehrte beide!

Mit seinem Freund Gerhard tauchte er, so tief es ging, in eine Stadt ein, die Mick Jagger nur zwei Jahre später so verschlafen fand, dass hier kein Platz sei für einen „Street Fighting Man“. Sie hingen mit den Hippies und Gammlern am „Piccadilly Circus“ rum, klapperten die Plattenläden auf der „Carnaby Street“ ab und deckten sich auch modisch mit dem Nötigsten ein. Rainer hatte es auf einen britischen Parka abgesehen, den es angeblich nur auf der „Carnaby Street“ zu kaufen gab. Seine Freunde liefen fast alle mit Jeans und Parka durch die Gegend, es kam also auf den feinen Unterschied an. Etwa einen „Union Jack“ auf dem Ärmel. Dass das „Swinging London“ weit mehr war als eine aufregende Erzählung, dämmerte den beiden, als sie nach zwei Tagen in der Hauptstadt in einem Band-Bus von London nach Sheffield fuhren. Sie hatten die Musiker in einem Club kennengelernt und das Angebot zur Weiterreise gerne angenommen.

In Sheffield traf die deutsche Nationalmannschaft zunächst auf die Schweiz, ganz in der Nähe, in Derbyshire, hatte sie Quartier bezogen und dort hoffte Rainer, an Karten zu kommen. Ohne seinen Besuch angekündigt zu haben, stand der künftige Jugend-Nationalspieler auf der Matte und trug seinen Wunsch vor. Da Udo Lattek und Dettmar Cramer, die beiden Assistenten von Bundestrainer Helmut Schön, mit dem Namen Zobel etwas anfangen konnten, kam er ohne Probleme an die Tickets. Auch für die nächsten Spiele deckten sie sich ein. Rainer und sein Freund Gerhard sahen ein 5:0 gegen die Schweiz im Hillsborough-Stadion, dann ein müdes 0:0 gegen Argentinien in Birmingham und schließlich das entscheidende Gruppenspiel gegen Spanien, wieder in Birmingham.

Bei einer Niederlage wäre die DFB-Auswahl früher als die beiden Groundhopper aus Bad Zwischenahn zu Hause gewesen, ein keineswegs unrealistisches Szenario. Der Gegner war immerhin amtierender Europameister und behauptete von sich, die stärkste spanische Mannschaft aller Zeiten zu sein. Beide Teams lieferten sich ein außergewöhnliches Spiel: „Der Villa Park krachte nur so vor Applaus von der ersten bis zur letzten Minute“, schrieb der „Daily Telegraph“. „Das Spiel war ein reichlich verdienter Triumph für Deutschland und ein totaler Sieg für das Fußballspiel.“ Nachdem die Spanier 1:0 in Führung gegangen waren, traf Lothar Emmerich kurz vor der Halbzeit zum Ausgleich. Durch ein „Wundertor“, so die seitdem mehr oder weniger amtliche Bezeichnung: „Ich habe nicht einfach draufgeknallt, sondern instinktiv die Lage gepeilt und den richtigen Winkel gewählt“, sagte der Stürmer von Borussia Dortmund hinterher. Wer wollte, konnte ihm das glauben. Wahrscheinlich war aber auch ein bisschen Glück im Spiel, als Emmerich in der 39. Minute den Ball praktisch von der Torauslinie in den Winkel hämmerte: „Oh, what a goal by Emmerick“, war der BBC-Reporter schwer von den Socken und auch auf der Tribüne hinter dem Tor musste sich ein jubelnder Rainer Zobel bei seinem neben ihm stehenden Freund vergewissern, ob der gerade eben dasselbe gesehen hatte wie er. Uwe Seelers 2:1 in der 84. Minute brachte die deutsche Mannschaft ins Viertelfinale.

Nach dem Abpfiff feierten Rainer und Gerhard mit anderen deutschen Fans auf dem Bahnhof in Birmingham, tranken dem Anlass entsprechende Mengen Bier, bis sie irgendwann feststellten, dass sie nicht nur müde waren, sondern auch den letzten Zug zurück nach Sheffield verpasst hatten. Sie entdeckten auf einem Abstellgleis einen geöffneten Waggon, legten sich dort hinein und schliefen ihren Rausch aus. Allemal bequemer, als auf den harten Bahnhofsbänken zu übernachten.

Als sie wieder aufwachten, war es schon hell und der Zug fuhr in den Bahnhof von Coventry ein. Dort standen sie nun, wieder nüchtern, aber ohne ihr Reisegepäck. Das hatten sie in der Jugendherberge in Sheffield zurückgelassen. Eine möglichst schnelle Rückkehr war aber noch aus einem weiteren Grund geboten: in Sheffield traf die deutsche Nationalmannschaft in zwei Tagen auf Uruguay. Karten für das Spiel hatten sie bereits, aber sie wollten auch erleben, wie die Spannung in der Stadt vor diesem wichtigen Spiel stieg. Viertelfinale, so langsam ging das Turnier in seine entscheidende Phase. Das Feld wurde kleiner, ihr finanzieller Spielraum allerdings auch. Bis zum Endspiel würden sie es kaum noch schaffen.

Auch der kleine, rot-grün karierte Puppenkoffer seiner jüngeren Schwester Dagmar, den die beiden in den Wochen vor ihrer Tour bis zum Rand mit Zwei-Pfennig-Stücken gefüllt hatten, hatte deutlich an Gewicht verloren. Die Sache war zwar illegal, aber mindestens ebenso verlockend. Irgendjemand hatte Rainer vor Beginn ihrer Reise den sachdienlichen Hinweis gegeben, dass sich die deutschen Zwei-Pfennig-Stücke nicht von den Sixpence-Münzen unterschieden und in die britischen Snack-Automaten passten. Der Kurs für ein Sixpence lag bei etwa 30 Pfennig, auf dieser Basis ließ sich der Preis für Fish & Chips, Cola und andere Grundnahrungsmittel schon einmal erheblich drücken. Aber auch diese Quelle war inzwischen nahezu ausgetrocknet und nach dem 4:0 gegen Uruguay im Viertelfinale waren ihre Reserven aufgebraucht. Die Reisekasse war leer, der sportliche Erfolg der deutschen Nationalmannschaft überstieg die finanziellen Möglichkeiten der beiden Freunde aus Bad Zwischenahn. Schweren Herzens machten sich Rainer und Gerhard noch vor dem Halbfinale gegen die UdSSR auf den Heimweg.

Dass die unfreiwillige und vorzeitige Heimreise auch ihr Gutes hatte, wurde den beiden erst nach dem Abpfiff des Finales bewusst. In diesen bitteren Stunden waren sie zu Hause im Kreise der Familie und unter Freunden besser aufgehoben. Fußball-Deutschland stand unter Schock. Der „kicker“ wollte sogar 1.000 Mark Belohnung für ein Foto bezahlen, auf dem klar zu sehen war, dass der Ball die Linie überschritten hatte: „Um den Verdacht einer Montage auszuschließen, muß mit der Aufnahme auch der Negativfilm eingereicht werden. Falls mehrere Fotos eingehen, entscheidet der Zeitpunkt der Absendung (Poststempel). Es geht uns nur um die Wahrheit, gleichgültig wie sie lautet. Denn auch eine bittere Wahrheit wäre immer noch besser als das nagende Gefühl, Unrecht erlitten zu haben. Tausend Mark Belohnung – wir würden sie gerne bezahlen.“

Fünf Jahre später, 1971, sollte Rainer Zobel in seinem ersten großen Finale ein Schuss gelingen, der den von Sir Geoffrey Hurst zum berühmten „Wembley-Tor“ noch in den Schatten stellte. Er brachte es damit sogar bis in die Wochenschau der Kinos. Nach mehreren Zeitlupen bemerkte der Kommentator in Anspielung auf das WM-Finale von 1966: „Diesmal war er wirklich drin.“

6

Dem wachen und unbestechlichen Auge des DFB-Trainers war nichts entgangen: „Bei einigen wurde im Laufe des Lehrgangs das Nachlassen der Kondition sehr deutlich“, zog Udo Lattek keineswegs begeistert Bilanz und gab dem Nachwuchs gymnastische und balltechnische Hausaufgaben mit auf den Heimweg. Ein paar Dauerläufe würden auch nicht schaden. Seine Kontrollmöglichkeiten waren begrenzt: Lattek sah die Spieler nur alle zwei, drei Monate bei den Lehrgängen, Kontakt zu den Vereinstrainern gab es kaum. Dem Coach der deutschen U19 und der Amateurnationalmannschaft blieb nichts anderes übrig, als an die Eigeninitiative seiner Leute zu appellieren: „Eine Viertelstunde Zeit vor dem Büro morgens hat jedermann. Wälder und Wiesen gibt es auch überall.“

Auch Rainer Zobel durfte sich angesprochen fühlen. Er hatte im März 1967 eine Einladung zu einem Sichtungslehrgang in die Sportschule Duisburg-Wedau erhalten, ein Lehrgang, der sich zu großen Teilen aus Jugendnationalspielern zusammensetzte. Einen Monat vorher hatte er beim 0:1 gegen England sein Debüt gegeben. Lattek hielt eine Menge von Zobel und traute ihm den Sprung in die Nationalmannschaft der Amateure zu. Mit der ging es um nicht weniger als die Qualifikation für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Mexiko. Obwohl Lattek ihn für hochveranlagt hielt, richtig schlau wurde er aus dem 18-jährigen Talent vom SC Uelzen nicht: „Immer, wenn Du zu Lehrgängen kommst, habe ich den Eindruck, Du hast alles verlernt. Und nach ein paar Tagen bist Du wieder ganz der Alte.“

Zobel ahnte, worauf sein Trainer hinauswollte, behielt die ganze Wahrheit aber erst einmal für sich. Ein guter Teil dieser Wahrheit hing mit seinem Lebenswandel zusammen. Zwar hatte die Begeisterung für den Fußball kaum nachgelassen, andere Leidenschaften ließen sich aber nicht dauerhaft unterdrücken. Die für Musik zum Beispiel. An den Wochenenden machte er sich mit seinen Freunden oft auf den Weg nach Hamburg und tauchte in eine Clubszene ein, die fast noch aufregender war als die des „Swinging London“. Oft quetschten sie sich mit sechs Leuten in seinen klapprigen VW Käfer und tuckerten die knapp einhundert Kilometer über die Autobahn bis nach Hamburg. Manchmal nahmen sie auch die Bahn. Die bot zwar mehr Platz, hatte aber den Nachteil, dass sie frühmorgens völlig abgekämpft am Hauptbahnhof hingen und darauf warteten, dass endlich der erste Zug nach Uelzen ablegte. Kleine Unannehmlichkeiten, die die Freunde aber gerne in Kauf nahmen, denn die Ausflüge in die Millionenstadt lohnten sich immer.

Erste Adresse unter den zahlreichen Musikklubs war der „Starclub“ auf der „Großen Freiheit“. Wer hier auftrat, gehörte bereits zu den Großen oder war an den Türstehern der „Hall of Fame“ schon so gut wie vorbei: Chuck Berry, Little Richard, Jimmy Hendrix, Ray Charles oder Eric Clapton. Mit Ausnahme der Rolling Stones spielte hier alles, was in den 60er Jahren Rang und Namen hatte. Die Beatles waren in ihrer Anfangszeit in den Clubs an der Reeperbahn Stammgäste. John Lennon sagte, er sei musikalisch in Hamburg aufgewachsen. Zobel haderte lange mit sich, dass er sie verpasste. Als Paul, John, George und Ringo im „Kaiserkeller“ spielten, hing er mit seinen Freunden wie gewöhnlich nebenan im „Starclub“ ab. Das Angebot war einfach zu groß. Gehe nach Hamburg, und du wirst berühmt, hieß es unter Rockmusikern.

An den Wochenenden, die er in Uelzen verbrachte, landete Zobel zuverlässig in der „Tenne“. Eine Kellerkneipe ohne Fenster, eng, düster und stickig, aber was machte das schon, hier ging man nicht hin, um frische Luft zu schnappen. Die „Tenne“ war erste Anlaufstation der Jugend von Uelzen und Umgebung, umso erstaunter war Zobel, als er in diesem verqualmten Schuppen auf seinen Trainer traf. Das war doch mal ein Überraschungsgast! Richard Hornburg trainierte die erste Herrenmannschaft, für die Rainer bereits in der Verbandsliga Ost auf dem Platz stand, obwohl er noch A-Jugendlicher war.

„Was machst Du denn hier?“, wollte Hornburg wissen. Es war bereits weit nach Mitternacht und ganz offensichtlich, dass er sich eine etwas seriösere Vorbereitung auf das bevorstehende Spiel gewünscht hätte: „Du gehst jetzt sofort nach Hause!“ Zobel mochte seinen Trainer nicht besonders. Hornburg war ein vom Ehrgeiz getriebener Schleifer und Choleriker, ihm machte es nichts aus, Spieler beim ersten Fehler vom Platz zu holen, selbst wenn er sie kurz zuvor eingewechselt hatte. Beim Lokalrivalen Teutonia durfte er sich nicht mehr blicken lassen. Nachdem er wiederholt und gegen alle Absprachen Personal abgeworben hatte, wurde gegen ihn ein Platzverbot verhängt. Sein ruppiger Ton ging Rainer gegen den Strich, beim Fußball und auch hier, in seinem Stammlokal: „Und was ist, wenn ich nicht gehe?“ „Dann stelle ich Dich morgen nicht auf.“ Zobel entschied sich fürs Bleiben. „Wenn Sie mich deswegen aus der Mannschaft werfen, spiele ich eben überhaupt nicht mehr.“ Damit war das kurze Gespräch beendet und der Jugend-Nationalspieler zog fortan mit der Zweiten über die Dörfer.

Beim DFB ahnte niemand etwas von dieser Entwicklung. Wer in den Auswahlmannschaften spielte, stand nicht unter Dauerbeobachtung, es war auch nicht ungewöhnlich, dass die Nominierten aus der Provinz kamen. Spieler und Trainer trafen sich auf den einwöchigen Lehrgängen, nur die waren für die Zusammenstellung der Mannschaft entscheidend. Wer keine Einladung erhielt, konnte zu Hause so gut sein wie er wollte – er hatte kaum Chancen, sich zu empfehlen. Eigentlich spielte Zobel unterm Radar, sonst wäre er beim DFB die Treppe heruntergeflogen. Ein künftiger Amateurnationalspieler, der sein Land bei den Sommerspielen in Mexiko vertreten sollte und in der Kreisliga kickte? Udo Lattek hegte viel Sympathie für den olympischen Amateurgedanken, aber damit durfte er seinem Trainer nicht kommen.

Allzu lange ließ sich der sportliche Abstieg jedoch nicht mehr verheimlichen, Zobel wusste das. Genauso war ihm klar, dass er dann aus den DFB-Auswahlmannschaften fliegen würde. Schade, aber nicht zu ändern. Er hatte nicht vor, sich bei seinem Trainer zu entschuldigen, um wieder in Gnaden aufgenommen zu werden. Ein großes Ding schwirrte ihm allerdings noch durch den Kopf. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen hatte der Deutsche Fußball-Bund eine drei Wochen lange Asientour geplant, und auf die war Rainer scharf. Burma, Thailand, Malaysia, Hongkong, die Philippinen und Japan sollten die Stationen sein. Das klang nicht nur nach großem Abenteuer, das war bestimmt auch eines und die Gelegenheit, diese Länder einmal zu besuchen, würde wahrscheinlich nie wieder kommen. Wenn er bei dieser Reise mit an Bord sein würde, hätte ihm der Fußball mehr gegeben als er je zu hoffen wagte. Dafür war er bereit, sich noch einmal so richtig ins Zeug zu legen.

Gelegenheit dazu bot ein UEFA-Jugendturnier im Sommer in der Türkei. „Von Rechtsaußen Rainer Zobel ging im Angriff die größte Gefahr aus“, bilanzierte der „kicker“ hinterher. Es war wie immer: Wenn es darauf ankam, machte er seine besten Spiele. Während sich andere, vielleicht auch talentiertere Spieler im Wettkampf unter Wert verkauften, rief der Ernstfall bei Zobel geradezu Glücksgefühle hervor. Druck, Aufregung oder Versagensängste waren ihm vollkommen fremd. Udo Lattek zeigte sich einmal mehr tief beeindruckt von seinem Schützling und berief ihn in die Amateur-Nationalmannschaft. Zwar scheiterte die Auswahl im Herbst in der Qualifikation für Mexiko, die Asientour zum Jahresende blieb davon jedoch unberührt. Sie hatte ohnehin überwiegend sportpolitische Bedeutung und war nicht nur vom DFB, sondern auch vom Auswärtigen Amt vorbereitet worden. Die Spieler sollten mit ihrem Auftreten dazu beitragen, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland zu mehren, lautete der offizielle Auftrag. Sportlicher Erfolg war zwar wichtig, aber so moderat zu gestalten, dass er die Gastgeber nicht brüskierte. Bei einem Kegelabend wurde die Mannschaft vom späteren Innen- und Außenminister Hans-Dietrich Genscher verabschiedet.

7

Die DFB-Delegation hielt sich an die diplomatischen Vorgaben. Von den fünf Siegen fiel allein der gegen die Philippinen mit 4:0 etwas deftiger aus, das torlose Unentschieden zum Auftakt gegen Burma war den Strapazen einer in jeder Hinsicht außergewöhnlich Reise geschuldet. Der Flug dauerte mit mehreren Zwischenstopps gut 24 Stunden. Als die Spieler völlig übermüdet in der Hauptstadt Rangoon eintrafen, war es weit nach Mitternacht, wer konnte, fand noch ein paar Stunden Schlaf. Am nächsten Morgen stand schon der Besuch beim Botschafter auf dem Programm.

Zobel hatte zumindest während des Fluges keinen Grund zu klagen. Er war der jüngste Passagier an Bord der Boeing 707 und durfte deshalb, wie bei Lufthansa-Flügen zu dieser Zeit üblich, im Cockpit sitzen. Was für ein Auftakt! Es folgten drei Wochen, in denen er und die gesamte Mannschaft aus dem Staunen gar nicht mehr rauskamen, eine Reise in eine für alle Beteiligten völlig fremde und fast schon märchenhafte Welt. Mit Gold überzogene Tempel in Burma, die Dschungel Malaysias, das Lichtermeer Honkongs bei Nacht, das chinesische Viertel in Bangkok, Essen mit Stäbchen und nicht zuletzt extreme Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von mehr als 30 Grad.

Torjäger Dieter Zettelmaier vom 1. FC Bamberg, den der „kicker“ exklusiv als Reisereporter verpflichtet hatte, schwärmte über die Silvesterfeier in Rangoon: „Um 21 Uhr 30 begann der Neujahrsball im Freien. Ein beleuchteter Springbrunnen in der Mitte des Platzes zauberte eine festliche Stimmung herbei. Die vielen hübschen jungen Mädchen taten ihr übrigens dazu. Leider tanzten sie nicht mit uns, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.“ Zettelmaier berichtete über Zehn-Gänge-Menüs, die nicht satt machten, weil kaum einer mit den Stäbchen umgehen konnte, wunderte sich über die „wilde Fahrerei“ in den Straßen Bangkoks, die nur ganz selten zu Unfällen führte, und teilte den Lesern mit, dass der Wattenscheider Verteidiger Mietz am Flughafen in Hongkong Probleme mit dem Sicherheitspersonal hatte, weil er in einem Souvenirladen ein Schwert erstanden hatte: „Letzten Endes konnte er die Beamten doch überzeugen, daß er mit friedlichen Absichten gekommen war und niemandem etwas tun wolle. Großes Gelächter unserseits begleitete seine Ausführungen, während der Flughafenbeamte todernst blieb.“

Jeden Tag neue Erlebnisse und neue Eindrücke, alle drei Tage ein Spiel, Ruhepausen immer dann, wenn sie sich gerade anboten. Am Flughafen von Kalkutta schlief Zobel stehend an einem Geländer ein. Die Spieler lernten die Randzonen körperlicher Belastbarkeit kennen und waren trotzdem wach genug, um nicht nur ordentlich Fußball zu spielen, sondern all die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten aufzunehmen, die sich ihnen im Überfluss aufdrängten: „Wir wurden in diesen Wochen eine verschworene Gemeinschaft“, bilanzierte Udo Lattek. Man sei auf konditionell und technisch starke Gegner getroffen, denen jedoch der Zug zum Tor gefehlt habe.

Solche Feinheiten waren Zobel gar nicht aufgefallen, aber als die DFB-Delegation am 15. Januar 1968 wieder in Frankfurt landete, wusste er, dass es keinen besseren Zeitpunkt gab, um sich vom größeren Fußball zu verabschieden. Diese drei Wochen würde er nie vergessen! Das anschließende Gespräche mit seinem Trainer allerdings auch nicht. Udo Lattek fiel aus allen Wolken, als ihm einer seiner Lieblingsschüler mitteilte, dass er inzwischen über die Dorfplätze jagte und auch keine größeren Ambitionen zeigte, an diesem Zustand etwas zu ändern. Zobel meinte es aber ernst: „Ich höre auf.“ Lattek meinte es ebenfalls ernst: „Kommt überhaupt nicht in Frage.“ Sein Trainer wollte unter allen Umständen verhindern, dass ein solches Ausnahmetalent in der Kreisliga versauerte. „Da musst Du raus, nächste Saison spielst Du Bundesliga.“ Jetzt musste sich Zobel räuspern. Bundesliga? Wie sollte das denn funktionieren? Wenn sich während der Asienreise nichts Entscheidendes geändert hatte, standen die Vereine bei ihm nicht gerade Schlange. Aber Lattek hatte ohne Zobels Wissen seine Kontakte spielen lassen und schon ein paar Dinge eingefädelt. Er verabschiedete sich kurz, um zu telefonieren. Als er zurückkam, teilte er Zobel mit: „ Alles klar! Du spielst nächste Saison bei Hannover 96.“

Auch wenn das genau das Gegenteil von dem war, was ihm am Anfang des Gesprächs noch vorgeschwebt hatte, sah Zobel ein, dass Widerstand zwecklos war. Er würde doch bei 96 nie zum Einsatz kommen, bemerkte er noch, aber auch dieser Einwand prallte an Lattek ab: „Die haben mit Dir 22 Spieler, und davon 12 Blinde. Du spielst also immer.“ Eine bestechend einfache Rechnung. Als er zwei Jahre später Hannover 96 verließ und zum FC Bayern wechselte, musste Zobel feststellen: Zumindest was seine Einsätze betraf, hatte der Trainer recht behalten.

8

Viel zu verhandeln gab es nicht. Hannovers Ligaobmann Rudi Franz war zu den Zobels nach Stade gefahren, der Vater war mal wieder versetzt worden und Rainer hatte erneut die Schule wechseln müssen. 1.200 Mark Grundgehalt pro Monat, Prämien extra: der übliche Ausbildungsvertrag, den konnte man unterschreiben oder es bleiben lassen. Änderungen waren nicht mehr vorgesehen. Otto Zobel stellte dennoch eine Bedingung, bevor er für seinen noch nicht volljährigen Sohn unterzeichnete: Er sollte in Hannover weiter zur Schule gehen dürfen. Keine Schule, kein Vertrag! Ein Jahr hatte Rainer noch bis zum Abitur, und das war dem Vater viel wichtiger als der Fußball, von dem er ohnehin nur schwer einschätzen konnte, ob und vor allem wie lange damit Geld zu verdienen war. Rudi Franz fand das sehr vernünftig, gab Otto Zobel die mündliche Zusage, dann folgte die Unterschrift. Sein Sohn war nun Vertragsamateur und verdiente mit dem Fußball seinen Lebensunterhalt. Allerdings auf so kleiner Flamme, dass er weiter in der Amateurnationalmannschaft spielen durfte.

Die erste Unterkunft in Hannover hatte ihm sein neuer Arbeitgeber besorgt. Sie lag in der Yorckstraße, ganz in der Nähe der Trainingsplätze am Stadion. Eine Gründerzeitvilla, in der auch seine Mannschaftskameraden Peter Loof, Klaus Brune und Klaus Plischke untergebracht waren. Betreutes Wohnen für junge Fußballspieler, für jeden ein eigenes Zimmer, Bad und Küche gemeinsam. Der Verein hatte die vier in die Obhut eines älteren Ehepaars gegeben, das sich auch um die Wäsche und das Frühstück kümmerte, selbst in den noch verbliebenen Zimmern lebte und deshalb mitbekam, wenn die Untermieter erst zu vorgerückter Stunde heimkehrten. Dass sie dieses Wissen nicht für sich behielten, war Teil eines ungeschriebenen Abkommens, von dem alle etwas hatten: Hannover 96 zuverlässige Informanten, das Ehepaar pünktlich bezahlte Mieten und die Spieler das gute Gefühl, die ersten Schritte ins Berufsleben nicht ganz alleine gehen zu müssen.

Zobels Einstellung zum Fußball änderte sich durch den Vereinswechsel nicht grundlegend. Künftig mit den Großen der Branche auf einer Bühne zu stehen, war eine schöne Bestätigung seines Talents, aber von der Erfüllung eines Kindheitstraums konnte keine Rede sein. Seine Welt würde auch nicht aus den Fugen geraten, wenn sich die neue Liga als eine oder gleich mehrere Nummern zu groß erweisen sollte. Es gab noch ein Leben außerhalb des Profifußballs und das stellte ihn vor ganz andere, ebenso wenig geplante Herausforderungen: Zobel war Vater geworden, mit 19 Jahren ein ziemlich junger.

Die Begeisterung darüber hielt sich bei den Eltern seiner Jugendfreundin in Grenzen. Die ebenso junge Mutter war das, was man ohne groß zu übertreiben eine sehr gute Partie nennen durfte. Ausgesprochen hübsch, dazu noch aus bestem Hause. Ihr Vater, gebürtiger Münchener, arbeitete als Chefarzt am Krankenhaus in Uelzen und war als Vorsitzender der Deutschen Röntgenologen eine auf seinem Fachgebiet international gefragte und anerkannte Persönlichkeit. Geldfragen spielten in dieser Familie eine deutlich geringere Rolle als solche des Stils und der Etikette. Und die Frage, ob es sich bei Rainer um ihr Idealbild eines Schwiegersohns handelte, war noch lange nicht abschließend geklärt, da hatten die beiden jungen Leute auf ihre Art schon bei der Antwort geholfen.

Dass die Geburt unmittelbar bevorstand, erfuhr Rainer auf dem Frankfurter Flughafen, er war gerade mit der Amateurnationalmannschaft von einer Islandreise zurückgekehrt. Tags darauf sollte das Training bei Hannover 96 beginnen. Ohne bei seinem neuen Verein eine Nachricht zu hinterlassen, nahm er das nächste Flugzeug nach München, wo seine Freundin auf der Geburtsstation eines Krankenhauses lag. Sie in den Arm zu nehmen und seinen Sohn Holger im Leben zu begrüßen, war jetzt wichtiger als alles andere auf der Welt, wichtiger sogar als die ersten Übungseinheiten der neuen Saison.

Als Zobel drei Tage später wieder in Hannover eintraf, erhielt er neben ein paar mündlichen Glückwünschen auch eine schriftliche Abmahnung. Er überflog das Blatt Papier, ein bisschen Interesse zu simulieren konnte nicht schaden, versprach, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde, zog sich dann um und nahm als junger Vater das Training auf.

Bei Hannover 96 wollten sie in der Saison 1968/69 größere Räder drehen. Von den letzten beiden Jahren hatten sich alle deutlich mehr erwartet. Ein neunter und ein zehnter Platz waren bei so namhaften und teuren Einkäufen wie den beiden Nationalspielern Josip Skoblar oder Jupp Heynckes zu wenig, um den auslaufenden Vertrag mit dem Trainer zu verlängern. Horst Buhtz musste gehen, für ihn kam Zlatko Cajkovski, von allen nur „Tschik“ genannt. Einer der wenigen Stars der Branche, für den 96 tief in die Tasche griff. Von 20.000 Mark monatlich war die Rede, plus Prämien, in diesen Gehaltsregionen bewegte sich außer dem früheren jugoslawischen Nationalspieler nur Österreichs Meistertrainer Max Merkel.

Aber „Tschik“ hatte bereits bewiesen, dass er sein Geld wert war: Bevor er bei 96 unterschrieb, hatte er fünf Jahre lang Bayern München trainiert, aus Maier, Beckenbauer und Müller Nationalspieler gemacht, 1967 den Europapokal der Pokalsieger nach München geholt und war zweimal DFB-Pokalsieger geworden. Von ähnlichen Erfolgen träumten sie auch in Hannover. Cajkovski war jedenfalls nicht gekommen, um wie sein Vorgänger im Mittelfeld zu versauern. Ihm schwebte ein Platz unter den ersten Vieren vor. Auch der „kicker“ zählte seine Mannschaft zum Kreis der Titelkandidaten, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass keines der „drei Asse“ ausfällt. Gemeint waren die Stürmer Skoblar und Heynckes sowie der Mittelfeldspieler Hans Siemensmeyer, der zu diesem Zeitpunkt bereits dreimal für die A-Nationalmannschaft aufgelaufen war.

Die Vorfreude auf die neue Saison war riesig, die Stadt galt als traditionell fußballverrückt. 1963, bei der Gründung der Bundesliga, hatte 96 noch gegenüber dem ungeliebten Rivalen Eintracht Braunschweig den Kürzeren gezogen, als Hannover dann mit einem Jahr Verzögerung im Oberhaus ankam, gab es kein Halten mehr. Die Mannschaft beendete die Spielzeit auf einem nicht für möglich gehaltenen fünften Platz und die über 40.000, die die Heimspiele im Durchschnitt besuchten, bedeuteten Platz eins in der Zuschauertabelle. An die Begeisterung dieser noch nicht so lange zurückliegenden Saison wollte der Verein unter Cajkovski wieder anknüpfen.

Zobel wusste, welcher Ruf diesem Trainer vorauseilte. Und er war nach der ersten Begegnung schwer beeindruckt. Klein und dick, wie er nun einmal war, erinnerte „Tschik“ nicht auf Anhieb an einen früheren Weltklassespieler, aber sobald er den Ball am Fuß hatte, war er eine Sensation. Cajkovski hatte Tricks drauf, die ihm kaum einer nachmachte und wer es trotzdem versuchte, stolperte dabei oft über die eigenen Beine. Jeder Pass, jede Flanke kam präzise dort an, wo er sie hinhaben wollte, und wenn „Tschik“ einen Ball stoppte, war es so, als hätte ein Magnet ein Stück Eisen angezogen. Wäre dieser wirklich voluminöse Ranzen nicht gewesen, der seine Trainingsjacke bis zum Äußersten spannte, hätte er eigentlich selber für die 96er auflaufen müssen.

Das Training ohne Ball fand Zobel nicht annähernd so beeindruckend, was Cajkovski da zu bieten hatte, kannte er auch von früher. Er musste viel laufen, an manchen Tagen standen Intervalle von 10 mal 200 Meter in vollem Tempo auf dem Programm, gefolgt von ein paar Dehnübungen, dann wurde gespielt. Oft acht gegen acht, meistens nur in einer Hälfte, jeder bekam einen Mann zugeordnet, an dem er sich aufreiben konnte. Taktische Dinge spielten kaum eine Rolle. Sonderlich originell war das nicht. Der wesentliche Unterschied zum SC Uelzen bestand darin, dass bei Hannover 96 nahezu täglich trainiert wurde. Montags und mittwochs einmal, dienstags und donnerstags zweimal, am Freitag das Abschlusstraining, samstags das Spiel, am Sonntag war frei. Seinen neuen Alltag beschrieb Zobel ein paar Jahre später in einem Interview so: „Ich bin spät aufgestanden und habe aufs Mittagessen gewartet. Dann habe ich aufs Training gewartet und dann aufs Abendessen und dann bin ich ins Bett.“

Vor Heimspielen übernachtete die Mannschaft in einem Gasthof am „Blauen See“ im Vorort Garbsen, ein beliebtes Ausflugsziel auch für die Zuhälter vom Steintorviertel, die ihre Wohnwagen dort aufstellten und sich von ihren kräftezehrenden Nachtschichten erholten. Wie die meisten Hannoveraner nahmen auch sie regen Anteil am Schicksal von 96, mit der Zeit entwickelte sich so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis. Man kam sich näher, unterhielt sich über das kommende Spiel und wenn Zobel unter der Woche mit seiner Familie oder Freunden durch die Stadt ging, ließ es sich kaum vermeiden, dass er von der einen oder anderen Rotlichtgröße gegrüßt wurde. Man konnte sich seine Fans nicht aussuchen und die hier gehörten zu den wenigen, die ihn als Profi von Hannover 96 erkannten. Wie die meisten seiner Mannschaftskameraden konnte Zobel ein unauffälliges Leben führen. Zwar eines mit Autogrammkarte, aber die Nachfrage hielt sich in Grenzen. Das Bild war ihm ohnehin etwas unangenehm. Am Tag vor dem Fototermin waren ihm noch die Weisheitszähne gezogen worden, richtig glücklich blickte er jedenfalls nicht in die Kamera.

Vielleicht ließ „Tschik“ nicht nach den letzten Erkenntnissen der Sportwissenschaft trainieren, in der Mannschaftsführung machte ihm aber keiner etwas vor. Die Spieler schätzten ihn, das Betriebsklima war familiär. Wann immer sich die Gelegenheit bot, gingen sie zusammen essen, meistens zum Jugoslawen, ab und zu kochte auch Cajkovskis Frau. In geselligen Runden brachte er seine Umgebung zum Lachen, vor allem, wenn er sich mit seiner abenteuerlichen Grammatik verständlich machen wollte. „Ein fröhlicher Trainer, eine fröhliche Mannschaft“, lüftete „Tschik“ einmal sein Erfolgsgeheimnis. Nicht zuletzt als Talentförderer hatte er sich einen Ruf gemacht. Er konnte mit jungen Leuten umgehen, und genau so einen Mann brauchten sie jetzt bei Hannover 96. Anders als in den Jahren zuvor hatte der Verein nur für kleines Geld eingekauft, darunter die Vertragsamateure Peter Loof und Rainer Zobel. Im Angriff waren zwei der drei Plätze an Jupp Heynckes und Josip Skoblar vergeben, gesucht wurde noch ein Rechtsaußen.

Cajkovski hatte auf dieser Position einige Kandidaten ausprobiert, so richtig überzeugen konnte ihn keiner. Beim Inter-Toto-Runden Spiel gegen den Schweizer Verein AC Bellinzona bekam der Neuling aus Uelzen seine Chance. Vielleicht nicht seine Lieblingsposition, aber das war nur zweitrangig, passte sie doch wunderbar zu Zobels oberstem Prinzip: Wo auch immer der Trainer dich aufstellt, sei so gut, dass die Mannschaft dich braucht, dass du unverzichtbar bist. Seine Vielseitigkeit zahlte sich aus. 96 gewann das Spiel locker mit 4:0, die Frage nach dem dritten Mann im Sturm war geklärt und die Fachpresse beeindruckt: „Rainer Zobel, der Amateur-Nationalspieler, ist der kommende Rechtsaußen bei Hannover 96. Von allen Möglichkeiten, die Tschik Cajkovski auf dieser Position ausprobierte, spielte er am wirkungsvollsten.“ Seinem Bundesligadebüt in ein paar Tagen stand nichts mehr im Wege.

Rechtzeitig vor Saisonbeginn hatte sich der Deutsche Fußball-Bund mit ARD und ZDF auf einen neuen Vertrag geeinigt. Der alte war ausgelaufen und es gab Vereine, denen die Fernsehbilder überhaupt nicht passten, Bayern München gehörte dazu. Deren Präsident Wilhelm Neudecker war davon überzeugt, dass die „Sportschau“ um 17:45 Uhr die Leute aus den Stadien treibe und die Einnahmeverluste weit höher seien als die gerade einmal 2.300 Mark Entschädigung pro Verein und Heimspiel. Tatsächlich strömten die Fans nicht mehr so zahlreich zu den Bundesligaspielen wie noch in den ersten Jahren. Ob es an den Fernsehbildern bereits eine halbe Stunde nach dem Abpfiff lag, darüber wurde gestritten. Am Ende entschied wie so oft das Geld, man einigte sich kurz vor Anstoß der Saison 68/69. Die ARD durfte samstags ab 18 Uhr eine halbe Stunde berichten, dem ZDF wurden ab 21 Uhr drei bis vier Bundesligaspiele zugestanden, ebenfalls in einer Gesamtlänge von maximal 30 Minuten. Die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten zahlten dafür 1,68 Millionen Mark pro Saison, fast doppelt so viel wie bisher.

„Der Fernsehkrieg ist aus“, freute sich der „kicker“, dessen Kommentator Richard Becker seine Vorbehalte gegenüber diesem Medium aber nicht verbergen konnte: „Der Bildschirm ist ein Kind unserer Zeit. Aber ich habe etwas gegen die Mini-Ausschnitte, die dem unbedarften Betrachter das Gefühl suggerieren wollen, er könne nun mitreden und wisse alles. Diese drei oder vier Minuten pro Spiel, gespickt mit Toren und den sogenannten Höhepunkten, verfälschen den Fußball. Mit diesen Ausschnitten läßt sich alles beweisen, aber sie interpretieren den Fußball keineswegs so, wie er wirklich ist. Darin sehe ich die große Gefahr.“

Zobel sah es weniger verbissen und freute sich auf seinen ersten Auftritt in der Bundesliga, seine Mannschaft musste bei Werder Bremen antreten. Dass er im Weserstadion zur Startelf zählen würde, hatte ihm sein Trainer schon ein paar Tage vorher gesteckt. Obwohl er nicht die geringste Spur von Nervosität zeigte, forderte ihn sein Trainer am Spieltag auf, gleich nach dem Frühstück eine Art Zaubertrank zu sich zu nehmen. „Um die Nerven zu beruhigen“, so Cajkovskis fürsorgliche Begründung. Ansonsten war Flüssigkeitsaufnahme verpönt, bei Hannover 96 genauso wie bei jedem anderen Verein in der Bundesliga. Die Spieler sollten mit so wenig Wasser wie möglich auskommen, empfahl die Ernährungswissenschaft. Später bei Bayern München gab es beim Abendessen für jeden eine kleine Flasche Mineralwasser. Wer mehr wollte, ließ sich besser nicht erwischen. Beim Bier waren die Vorschriften weniger streng. „Fritz Walter ist auch ohne Wasser ausgekommen“, war so ein Spruch, den Zobel immer wieder hörte und dann entgegnete: „Der sah ja auch aus wie eine ausgetrocknete Zitrone.“

Beeindrucken konnte er seine Trainer damit nicht. Das Gebräu, das er vor seinem ersten Bundesligaspiel zu sich nehmen sollte, hieß in der Mannschaft Ochsenblut. Es sollte vor allem jüngeren Spielern Beine machen und der Name deutete mehr als nur an, dass es um die Mobilisierung der allerletzten Reserven ging. „Tschiks“ Zaubertrank bestand aus rohem Eigelb, Traubenzucker und einem ordentlichen Quantum Rotwein. Alles in einen Mixer, ordentlich schütteln – und dann runter damit. Das erste Glas hätte ihm schon fast die Schuhe ausgezogen, aber „Tschik“ wollte auf Nummer sicher gehen, schenkte nach und befahl, auch das zweite Glas Ochsenblut zu leeren. Gegen Mittag war Zobel wieder soweit in Schuss, dass er den Ausführungen seines Trainers bei der Mannschaftsbesprechung halbwegs folgen konnte: „Zobel“, hatte Cajkovski auf ihn eingeredet, ohne sich um Nebensächlichkeiten wie Satzbau oder Grammatik zu kümmern, „Sie müssen so laufen, dass diese laufen hinter Sie. Und nicht Sie hinter diese.“

Er hielt sich daran, trotzdem verlor Hannover 96 die Auftaktpartie mit 2:3. Cajkovski ärgerte sich über das Ergebnis, seinem Neuling aber zollte er großes Lob: „Bester Mann war für mich Zobel!“, teilte er den ebenfalls beeindruckten Reportern mit. Die „Hannoversche Allgemeine“ schrieb: „Von den drei Amateuren, denen Cajkovski eine Chance gab, schnitt der schmächtige Zobel am besten ab. Er hatte Witz und bewies auch mit dem Ball umzugehen.“ Zobel gehörte zu den wenigen Spielern, die die 30.000 Zuschauer daran erinnerten, warum sie ins Weserstadion gekommen waren: „Werder hat teilweise Rugby gespielt“, schimpfte Cajkovski, aber auch seiner Mannschaft wurde „Fußball nach Catchermanier“ attestiert: „Sie stürzten wie die Habichte auf den Gegner. Blinder Eifer schadet nur.“

Nach sechs Spielen wartete Hannover 96 immer noch auf den ersten Sieg und stand auf dem vorletzten Tabellenplatz. Dann schien mit Alemannia Aachen genau der richtige Gegner zu kommen, um den eigenen Anhang zu versöhnen. Die Niedersachsen spielten in der ersten Halbzeit einen berauschenden Fußball und hätten locker 8:0 führen können, begnügten sich aber mit einem 4:0. Im zweiten Durchgang bauten sie dann stark ab, sodass trotz eines 5:2-Siegs kaum einer zufrieden nach Hause ging. Irgendwie steckte der Wurm drin, die Saison kam nicht so richtig ins Rollen. Nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt schwoll der Volkszorn so richtig an. Einige hundert der nur noch 18.000 Zuschauer hatten sich vor dem Stadion versammelt, weil sie mit dem Trainer ein paar ernste Worte wechseln wollten. Cajkovski hatte keinen Gesprächsbedarf und wurde auf Umwegen aus dem Stadion gebracht.

Das 1:0 gegen den späteren Meister Bayern München brachte immerhin einen versöhnlichen Abschluss der Vorrunde, aber die 96er schafften es auch in der Rückrunde nicht, sich von den Abstiegsrängen abzusetzen. Drei Spieltage vor Schluss standen sie auf Platz 11, nur zwei Punkte vor dem Tabellenletzten, dem Titelverteidiger und späteren Absteiger 1. FC Nürnberg. Ansehnlicher Fußball war unter diesen Bedingungen längst nicht mehr gefragt, nach einem 1:1 bei Schalke 04 bemerkte deren Trainer Rudi Gutendorf: „Eine solche Catchertruppe wie Hannover 96 habe ich noch nie gesehen.“ Und sein begnadeter Rechtsaußen Reinhard „Stan“ Libuda stöhnte: „Junge, Junge, was für Treter. Das hatte mit Fußball nun wirklich nichts mehr zu tun.“

Einen Spitzenplatz hatte „Tschik“ mit seiner Mannschaft angestrebt, am Ende einer enttäuschenden Saison waren alle froh, den Klassenerhalt gesichert zu haben. Zu den wenigen erfreulichen Erscheinungen zählte Rainer Zobel. Wie von seinem DFB-Trainer Udo Lattek vorhergesagt, eroberte er sich einen Stammplatz, stand in 33 von 34 Spielen in der Startelf und schoss auch vier Tore. Sein Trainer hielt ihn jetzt für so stabil, dass er Zobel künftig ohne seine Ration Ochsenblut aufs Feld schickte.

Von einem rundum gelungenen ersten Jahr konnte trotzdem nicht die Rede sein. Seine Schulkarriere lag auf Eis, der Verein fühlte sich an die mündlich gegebene Zusage nicht mehr gebunden, ein regelmäßiger Unterrichtsbesuch ließ sich angeblich nicht mit den Anforderungen an einen Bundesligaspieler verbinden. Seinem Vater machte das mehr zu schaffen als ihm selbst. Otto Zobel ärgerte sich über seine Gutgläubigkeit, er hätte sich die Zusage schriftlich geben lassen sollen und alles hätte seine Ordnung gehabt. So dachte ein Staatsdiener. Es war schon ein dubioses Milieu, in das sein Sohn da hineingeraten war.

9

Josip Skoblar war ein Typ nach Zobels Geschmack. Was für ein Fußballer! Einen besseren hatte er noch nicht gesehen. Beim 4:1 in Hamburg, einem der wenigen wirklich guten Spiele der abgelaufenen Saison, hatte der Kroate den Ball mit dem Rücken zum Tor angenommen, sich kurz gedreht und dann in den Winkel geschossen. Aus über 20 Metern! Zobel stand mit offenem Mund auf dem Platz, dieses Tor würde er nie vergessen. Bei jedem anderen hätte er von Glück oder Zufall gesprochen, nicht aber bei Skoblar, einem Weltklassespieler mit entsprechendem Repertoire. Der konnte so etwas.

Und er konnte noch viel mehr. Von ihm lernte Zobel auch, sich gegen die einschlägigen Raubeine der Liga zur Wehr zu setzen. Verteidiger wie Otto Rehhagel und Uwe Klimaschewski vom 1. FC Kaiserslautern oder die Bremer Sepp Piontek und Horst-Dieter Höttges waren für ihre von hinten angesetzte Grätsche zu Recht gefürchtet. Zwar ließ es sich bei diesen Attacken nie ganz vermeiden, dass sie gelegentlich auch den Ball trafen, aber in erster Linie sollten die Knochen der gegnerischen Stürmer etwas davon haben. Rechtzeitiges Hochspringen war die Lösung, klärte Skoblar Zobel auf, auch wenn es vielleicht ein bisschen feige aussehen würde: „Ein Spieler auf dem Arsch ist langsam, bleib also oben“, ermahnte er den Neuling. Fast noch wichtiger als das Hochspringen war die Landung, denn vom zweiten Teil der Lektion hing ab, ob sich die Haudegen danach anderer Mittel bedienten: „Wenn Du wieder auf den Boden kommst, achte darauf, dass Du die Hände der Verteidiger triffst. Wenn Dir das gelingt, hast Du für den Rest des Spiels Ruhe.“ Ganz Hartnäckige müsse man darauf hinweisen, beim nächsten Mal in ihrem Gesicht zu landen. Solche Fälle seien aber selten, beruhigte ihn Skoblar.

Auch von seinem zweiten Sturmpartner schaute sich Zobel einiges ab, er lernte überhaupt mehr vom Beobachten seiner neuen Kollegen als vom Training. Jupp Heynckes war sehr torgefährlich und antrittsschnell, seine direkte Art zu spielen beeindruckte den Neuling. Wäre da nur nicht diese Verbissenheit gewesen, Heynckes war ihm eine Spur zu ehrgeizig. Gut drei Jahre älter als Zobel war er für eine fast schon anstößig hohe Ablösesumme von 275.000 Mark aus Mönchengladbach nach Hannover gewechselt und davon überzeugt, dass Fußball auf hohem Niveau vor allem eines bedeutete: jeden Tag und in jedem Training hart an sich zu arbeiten. Ganz falsch konnte er damit nicht liegen, immerhin hatte ihn diese Berufsauffassung bis in die Nationalmannschaft gebracht. Aber taugte der als Vorbild?

Josip Skoblar kam seinem Ideal schon deutlich näher. Er war ebenfalls Nationalspieler, sah die Dinge aber ein bisschen entspannter und ließ den Fußballgott ab und zu auch mal einen guten Mann sein. Wie Heynckes trainierte auch sein Sturmpartner nach eigenen Prinzipien, eines war, dass seine Klasse nicht davon abhing, beim Intervallsprint ganz vorne mit dabei zu sein. Wann immer er es für richtig hielt, schaltete er im Training einen Gang zurück. Zobel fand diese Einstellung durchaus mannschaftsdienlich, denn ein Josip Skoblar mit müden Beinen nützte niemandem etwas. Er konnte sich bei Hannover 96 einiges erlauben, war aber trotzdem ein Star ohne Allüren, ohne das übliche Gehabe. Auch das gefiel Zobel.

Einmal brachte Skoblar ihn allerdings schwer in Bedrängnis. Der Jugoslawe hatte mal wieder genug vom Lauftraining gehabt und wollte sich für heute vom Dienst verabschieden: „Komm Rainer, wir fahren.“ Zobel traute seinen Ohren nicht. Für solche Eskapaden war er noch nicht lang genug bei 96, er gehörte zu denen, die sich bei der Massage nach dem Training ganz hinten anstellen mussten. „Ich kann hier nicht so einfach weg, ich muss mitlaufen“, antwortete er. Skoblar sah das anders: „Trainer“, rief er „Tschik“ zu, „ich mache Schluss für heute.“ Dann zeigt er auf Zobel: „Und der Junge hier ist auch genug gelaufen.“ Cajkovski nickte den beiden zu, wenig später saßen sie frisch geduscht in Skoblars Citroen DS und fuhren dorthin, wo größtmögliche Aufmerksamkeit garantiert war: ins Café Kröpcke. Zentraler ging es in Hannover nicht. Dass so etwas nicht zur Regel werden durfte, war ihm schon klar, trotzdem war er stolz, sich mit dem unumstrittenen Star der Mannschaft an einem so prominenten Ort zeigen zu dürfen.

In seiner zweiten Saison musste Zobel seinen Platz im Sturm räumen, der Verein hatte mit Zvezdan Cebinac einen weiteren Jugoslawen verpflichtet. Der Rechtsaußen war 1968 mit dem 1. FC Nürnberg Meister geworden und ein Jahr später als Absteiger zu den Niedersachsen gewechselt. Das sollte ihm erst einmal einer nachmachen. Noch ungewöhnlicher war aber eine andere Geschichte, die Cebinac während seiner gesamten Karriere begleitete: Angeblich hatte er 1965 erfolgreich ein Probetraining beim 1. FC Köln absolviert, allerdings nicht für sich, sondern für seinen weniger talentierten Zwillingsbruder. Srdan Cebinac konnte die ersten Eindrücke von ihm oder seinem Bruder jedenfalls nie bestätigen und kam nur auf drei Spiele für die Kölner. Bei Hannover 96 war man sich aber sicher, den Richtigen verpflichtet zu haben und hoffte auf eine deutlich bessere Platzierung als im Vorjahr.

Zobel wechselte ins defensive Mittelfeld; wo er spielte, war und blieb für ihn zweitrangig. Im Rampenlicht durften gerne andere stehen. Ansonsten änderte sich nicht viel: Die für viel Geld eingekauften Stars blieben unter den Erwartungen. Die Niedersachsen starteten gut in die neue Saison und standen nach sieben Spieltagen mit 10:4-Zählern ziemlich weit vorne, dann brach die Mannschaft zusammen. Bis zur Winterpause holte sie nur noch drei Punkte und beendete die Hinrunde auf Platz 16, Cajkovski musste gehen. Er verabschiedete sich mit einem 0:5 in Mönchengladbach: „Hannover war doch gar nicht in der Lage, mitzuhalten“, urteilte Günter Netzer, andere sprachen von einem „Offenbarungseid“.

Neben Cajkovski verließ auch Josip Skoblar den Verein, er wechselte zu Olympique Marseille und zeigte sich dort deutlich treffsicherer. Er schoss in der folgenden Saison 44 Tore und stellte damit einen immer noch gültigen Saisonrekord in der ersten französischen Liga auf. In Hannover aber waren viele froh, ihn und den Trainer los zu sein: „Der Jugo-Spuk hat ein Ende“, titelte der Boulevard, jetzt ging es nur noch darum, den Abstieg zu vermeiden.

Tschiks Nachfolger hieß Hans Pilz, er hatte zuvor 1860 München trainiert und galt als ganz harter Knochen. Gesellige Kochabende und Restaurantbesuche waren vorerst nicht zu erwarten, auch war nicht mehr von einem fröhlichen Trainer und einer fröhlicher Mannschaft die Rede. Pilz hatte als Fallschirmspringer und Oberleutnant bereits eine militärische Laufbahn hinter sich und war es gewohnt, dass seine Anweisungen befolgt wurden. Der Ton wurde dem Tabellenstand angepasst und spürbar rauer: „Die Spieler haben so etwas wie Ausgangssperre und stehen unter ständiger Beobachtung“, stellte er zum Einstand klar. Mit Disziplin, Harmonie und Einsatz wollte er den Klassenerhalt erreichen, auch das Auftreten außerhalb des Platzes war ihm wichtig: „Unrasiert kommt mir keiner mehr zum Training“, mahnte er seine Spieler.

Immerhin mussten sie nicht zum Friseur, Zobel durfte seine Haare weiter etwas länger tragen, ohne seinen Trainer allerdings mit den in Mode gekommenen Mähnen der 68er-Avantgarde zu provozieren. Auch mit politischem Engagement hielt er sich wie die allermeisten Profis zurück. In der Bundesliga fielen die Frisuren zwar dem Zeitgeist entsprechend etwas üppiger aus, größere Gefahren drohten aus diesem Milieu aber nicht. Mochten die Wände der Republik manchmal wackeln, das Haus des Deutschen Fußball-Bundes stand auf solidem Fundament und war so schnell nicht zum Einsturz zu bringen.

Ganz unpolitisch war Zobel aber nicht. Im Sommer 1969 kündigten die Hannoverschen Verkehrsbetriebe „Üstra“ eine saftige Fahrpreiserhöhung an, darauf regte sich in der gesamten Stadt Protest, aus dem die „Aktion Roter Punkt“ entstand. Den klebten sich Autofahrer an ihre Scheibe und zeigten damit an, dass sie Passanten kostenlos mitnahmen. Von heute auf morgen verlor die „Üstra“ mehr als die Hälfte ihrer Kundschaft, der Kampf um die begehrten Sitzplätze in Bus und Bahn war bis auf Weiteres ausgesetzt. Zobel beteiligte sich an der Aktion und hatte auf dem Weg zum Training und zurück regelmäßig wildfremde Menschen mit an Bord seines BMW 1602. Nach wochenlangen Protesten, Demonstrationen und Sitzblockaden, bei denen es auch zu Ausschreitungen und Festnahmen kam, nahm die „Üstra“ die Fahrpreiserhöhung zurück und Zobel konnte sich wieder den Regeln unterwerfen, die der Fußballbetrieb diktierte.

Mit einem roten Punkt war der Abstiegskampf jedenfalls nicht zu bestehen und die Spieler verstanden schnell, dass der neue Trainer Engagement vor allem dann zu schätzen wusste, wenn es sich auf dem Fußballplatz zeigte. Die Profis erschienen pünktlich und gepflegt zu den täglichen Einheiten, sie hängten sich mächtig rein. Nach ein paar Wochen konnte Pilz erste Fortschritte erkennen: „Hannover steigt nie ab. Die Burschen trainieren so hart, dass ihnen das Blut aus den Stiefeln läuft.“

Drei Spieltage vor Schluss sah es aber noch ziemlich düster aus. 96 war bei den Bayern mit 2:7 schwer unter die Räder gekommen, hatte nur noch einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegsränge. Dann kam Borussia Mönchengladbach, gegen den Tabellenführer waren sie in der Hinrunde bekanntlich ebenfalls kläglich eingegangen. Bei halbwegs erfreulichem Saisonverlauf eigentlich ein Kassenschlager, aber die Mannschaft hatte ihr Publikum mittlerweile so nachhaltig vergrault, dass das Niedersachsenstadion mit 30.000 Zuschauern nicht einmal mehr zur Hälfte gefüllt war. Die machten jedoch einen Lärm für 60.000 und trugen so dazu bei, dass die Heimelf ein 1:0 über die Zeit rettete. Hannover 96 hatte an diesem Tag gleich doppeltes Glück, denn zeitgleich verlor 1860 München gegen Werder Bremen, der Abstand zu den letzten beiden Plätzen war wieder gewachsen. Eine Woche später war nach einem 3:3 in Frankfurt der Klassenerhalt unter Dach und Fach. Die Mannschaft schenkte Hans Pilz „als Dank für die großartige Trainerleistung“ ein Autoradio. Seine Mission war damit erfolgreich beendet.

10

Für die neue Spielzeit hatte bereits Helmuth Johannsen unterschrieben, auch er zählte zu den Großen seiner Branche, spätestens seit er drei Jahre zuvor Eintracht Braunschweig völlig überraschend zur deutschen Meisterschaft geführt hatte. Noch während der laufenden Saison unter Hans Pilz hatte Johannsen damit begonnen, seinen künftigen Kader zusammenzustellen. Rainer Zobel spielte in seinen Planungen eine wichtige Rolle. Obwohl er ins defensive Mittelfeld wechseln musste, war er in seinem zweiten Bundesligajahr Stammspieler geblieben, und mit gerade einmal 21 Jahren ein Mann der Zukunft. So einen ließ man nicht ziehen.

Auch Zobel zog es nirgendwo hin, bis zu dem Tag, an dem er zu einem Gespräch in die Clausewitzstraße 2 gebeten wurde. Dort, auf der Geschäftsstelle von Hannover 96, traf er auf den Präsidenten Alfred Strothe und seinen künftigen Trainer. Helmuth Johannsen kam sofort zur Sache, bescheinigte Zobel eine erfreuliche Entwicklung und machte ihm ein Angebot, von dem er glaubte, dass es ähnlich erfreulich war: „Wir würden Sie gerne noch ein weiteres Jahr behalten. Sie kriegen das gleiche Gehalt wie bisher und bleiben Lehrling.“

Zobel ließ sich zunächst nichts anmerken, wusste aber, dass er einen solchen Vertrag niemals unterschreiben würde. Zu den 1.200 Mark, die sein Ausbildungsvertrag vorsah, kam bisher noch einmal in etwa dieselbe Summe an Prämien, am Ende eines durchschnittlichen Monats landete er irgendwo zwischen 2.400 und 2.700 Mark. Eine Menge Geld, allemal genug, um seinen VW Käfer aus Uelzener Zeiten aufs Altenteil zu schicken und sich einen BMW zu leisten. Autos waren wichtig, sie markierten den Platz innerhalb der Hierarchie. Mit den Schlitten der Stars konnte er noch nicht mithalten, aber dass er kein Lehrling mehr war, verrieten nicht nur seine Leistungen auf dem Platz, sondern auch die 105 PS, die sein 1602er auf die Straße brachte.

„Ich habe jetzt zwei Jahre fast komplett durchgespielt“, kommentierte Zobel das Angebot kühl. „Ich finde, die Ausbildung ist damit beendet.“ Was denn sei, wenn er nicht unterschreibe? Seine Gesprächspartner hatten mit etwas mehr Begeisterung gerechnet, Johannsen fand schon die Frage unverschämt und änderte die Tonlage: „Du unterschreibst diesen Vertrag hier oder Dein Nachfolger steht schon vor der Tür.“ Zobel blieb ruhig, fragte, ob er mal telefonieren dürfe und verschwand für ein paar Minuten im Büro des Präsidenten. „Und? Was hat Dein Vater gesagt?“, wollte Alfred Strothe wissen, nachdem das Telefonat beendet war. Er nahm das kurze Gefecht zwischen Trainer und Spieler nicht weiter ernst, der Zobel war eben ein junger Kerl, einer, der gelegentlich Widerworte gab, aber sich auch wieder einkriegte. „Mein Vater hat gar nichts gesagt, aber mein Nachfolger kann gerne reinkommen.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Zobel. Er hätte noch erzählen können, mit wem er soeben gesprochen hatte, aber die Atmosphäre war auch so frostig genug. Am anderen Ende der Leitung war Robert Schwan, der Manager des FC Bayern. Sein Trumpf im Vertragspoker! Strothe und Johannsen wussten von nichts und auch Zobel ging bis zu diesem Gespräch nicht davon aus, dass er sein Blatt ausreizen würde.

Ein paar Tage vorher hatte ihn Udo Lattek angerufen, der die Bayern seit ein paar Monaten trainierte. Auch er wollte über Zukünftiges sprechen und man verabredete sich spontan, da die Bayern vor dem Spiel beim SV Werder ganz in der Nähe ihr Quartier bezogen hatten. Robert Schwan würde auch dabei sein, teilte ihm sein früherer U19-Nationaltrainer noch mit. Lattek hatte Zobels Entwicklung genau verfolgt und wusste, dass dessen Vertrag in Hannover auslief. Genau der richtige Zeitpunkt, um ihn nach München zu holen.

Die sportliche Perspektive war verlockend. Beim FC Bayern sollte er Teil einer jungen Mannschaft um die Achse Maier, Beckenbauer und Müller werden, mit der Lattek den deutschen Fußball in den nächsten Jahren zu dominieren gedachte. Internationale Erfolge waren nicht automatisch eingepreist, aber sehr wahrscheinlich. Zobel fühlte sich geschmeichelt, war sich aber nicht sicher, ob die Bayern für so große Ziele einen wie ihn brauchten. So unbekümmert und selbstbewusst er auch war, er kannte den Kader des FC Bayern ziemlich genau. Dass er in München so regelmäßig zum Einsatz kommen würde wie bei Hannover 96, war alles andere als selbstverständlich. „Gehöre ich denn zur Stammformation?“, wollte er von seinem künftigen Trainer wissen. Lattek hielt sich bedeckt, für Versprechungen sei es noch zu früh. Das war Zobel zu wenig: „Sie sind doch der Trainer. Sie können das entscheiden. Sie haben mir damals auch versprochen, dass ich bei Hannover 96 spiele.“

An diesem Punkt schaltete sich Robert Schwan ins Gespräch ein. Für den Manager der Bayern war es völlig neu, dass ein junger Spieler bei einem Angebot dieses Vereins nicht sofort nach einem Kugelschreiber fragte, bevor es sich jemand anders überlegte: „Du bist aber ganz schön frech“, wies er Zobel zurecht, allerdings auf eine eher gutmütige Art. Schwan fand es sogar sympathisch, wenn es ihm nicht zu leicht gemacht wurde, und der hier war doch mal einer, der nicht nur gut Fußball spielen konnte, sondern auch selbstbewusst genug war, sich nicht unter Preis zu verkaufen. So einen konnten sie gebrauchen! Und als Schwan mitteilte, dass sein Grundgehalt bei etwa 10.000 Mark monatlich liegen würde, waren zwar noch nicht alle Zweifel ausgeräumt, aber Zobel hielt es für wahrscheinlich, dass man sich einigen könnte. Es ging ihm aber nicht nur ums Geld. Natürlich würde er mehr verdienen, aber sein bisheriger Verein hätte sich bei Weitem nicht so ins Zeug legen müssen wie die Münchener, um ihn zu halten. Er war in Hannover Stammspieler, innerhalb der Mannschaft nicht nur anerkannt, sondern beliebt und dass es nicht weit ins heimische Uelzen zu seinen Eltern und Freunden war, spielte in seinen Überlegungen auch eine gewichtige Rolle. Es sprach eine ganze Menge für 96, nur der neue Trainer nicht. Bei dem würde er keinen Stich mehr machen, da war sich Zobel sicher. Das gab den Ausschlag. Noch nie hatte er sich so von oben herab behandelt gefühlt wie in diesem kurzen Gespräch auf der Geschäftsstelle. „Mein Nachfolger kann reinkommen.“ Zobel freute sich, dass ihm im richtigen Moment der passende Satz eingefallen war. Johannsen aber war und blieb tief beleidigt.

Jahre später trafen im Niedersachsenstadion zwei Prominentenmannschaften aufeinander, die Bundesliga feierte ihren 20. Geburtstag. Beckenbauer, Netzer, Overath, Seeler, Müller und so weiter waren gekommen, wirklich das Beste, was die Liga in ihren ersten beiden Jahrzehnten zu bieten hatte. Zobel hatte auch eine Einladung erhalten. Seine Freude, diesem erlesenen Kreis anzugehören, war deutlich größer als sein Unmut darüber, dass bei seiner Mannschaft Helmuth Johannsen auf der Bank sitzen würde. Ein herzliches Wiedersehen war kaum zu erwarten. Zobel fuhr mit geringen Erwartungen nach Hannover, aber selbst die wurden unterboten. Johannsen schüttelte in der Kabine jedem die Hand, an Zobel ging er vorbei, ohne ihm auch nur die leiseste Beachtung zu schenken. Als er die Mannschaftsaufstellung bekanntgab, nannte er nur zehn Namen. Dann eben nicht, dachte sich Zobel, streifte sein Trikot mit der Nummer acht über und verließ mit den anderen die Kabine.

11

Bevor die Meister des Jahres 2017 zu ihrem letzten Spiel der Saison den Platz betraten, gehörte die Aufmerksamkeit den Helden von gestern. 75.000 Zuschauer in der „Allianz-Arena“ waren in Feierstimmung und jubelten auch, als der Stadionsprecher seinen Namen vorlas: „Deutscher Meister 1974, Rainer Zobel!“ Für jede Meisterschaft wurde ein Spieler aufgerufen, eine Legende, wie es hieß. Fühlte sich gut an, obwohl er das alles auch ein bisschen überdreht fand. Das Spiel allein reichte offenbar nicht mehr, um die Leute in die Stadien zu locken, der moderne Fußball lebte auch bei seiner Inszenierung weit über seine Verhältnisse.

Um ihn war es in letzter Zeit etwas ruhiger geworden, seine Trainerkarriere im Profifußball gehörte nach fast 30 Jahren der Vergangenheit an. Anschließend hatte Zobel noch den FC Wenden in Braunschweig trainiert, eine eher private Gefälligkeit, obwohl ihn die Sache auch sportlich reizte. Die Mannschaft nannte sich nicht ohne einen gewissen Stolz „Die Untrainierbaren“ und weckte mit dieser Selbsteinschätzung Zobels Ehrgeiz. Das konnte er so nicht stehen lassen und stieg mit ihnen in die Bezirksliga auf. Von der Wertigkeit kein so großer Unterschied zu den anderen Titeln, die er als Trainer geholt hatte, auch wenn ihm das kaum einer abnahm. Aber es stimmte nun einmal, ihm ging es vor allem darum, seine Vorstellungen vom Fußball zu vermitteln, Talente zu erkennen und zu fördern, Mannschaften aufzubauen und zu entwickeln. Wenn ihm das gelang, war der Blick auf die Tabelle oder Titel zweitrangig.

Aber wegen seiner Erfolge als Trainer hatten sie ihn nicht nach München eingeladen und auf den Platz gerufen, sondern für dieses außergewöhnliche Jahr 1974, als sie Deutscher Meister und Europapokalsieger wurden. Dieser Triumph überstrahlte nach wie vor alles, was er in seiner Karriere erlebt hatte. Mit einem Lächeln betrat er den Rasen und stellte sich neben „Kaiser“, „Katsche“ und „Bulle“, Franz Beckenbauer, Hans-Georg Schwarzenbeck und Franz Roth. Die waren vor ihm dran gewesen, alle drei ebenso überschwänglich bejubelt. Beckenbauer hatte stellvertretend die Ovationen für die längst verstorbenen Meister von 1932 entgegengenommen, anschließend für die von 1969, als die Bayern zum ersten Mal in der Bundesliga den Titel gewannen. Schwarzenbeck für 1972, Roth für 1973, danach kam Zobel. Auch er trug einen roten Jancker, darunter ein weißes Leinenhemd und eine graue Flanellhose, der Anzug der Vereinslegenden.

Vor ein paar Jahren, er war noch Trainer in Ägypten, hatte ihn jemand vom FC Bayern angerufen und sich als Legendenbeauftragter vorgestellt. Was es inzwischen für Jobs gab! Als er 1970 von Hannover nach München wechselte, wären sie über einen Co-Trainer froh gewesen. Neben dem Coach gab es noch einen Masseur und der knetete sie oft mit Seife durch. Aber zu diesem Zeitpunkt waren sie ja auch noch keine Legenden. Gleich zweimal musste er zur Einkleidung nach München fliegen, zum Herrenausstatter Hirmer. Erst zum Maß nehmen, dann zur Anprobe. Die ließen sich nicht lumpen. Wie wurde man eigentlich zur Legende? Zobel hatte den Beauftragten damals nicht gefragt. Dass es etwas mit Erfolgen zu tun hatte, verstand sich von selbst. Aber wie viele Meisterschaften oder Pokale mussten es sein, um diesen Status zu erlangen? Spieler wie Wolfgang Dremmler oder Wolfgang Grobe, die wie er in Braunschweig lebten, hatten mit den Bayern auch einiges gewonnen, ohne deswegen einen Termin beim Herrenausstatter zu bekommen.

Bevor er sich mit dieser Frage näher auseinandersetzen konnte, wurde schon der nächste Spieler aufgerufen, einer, der diese Bezeichnung zweifellos verdient hatte: „Deutscher Meister 1980“, kündigte der Stadionsprecher feierlich an: „Paul Breitner.“ Es gab Zeiten, da nannten sie ihn beim FC Bayern Rädelsführer, Revoluzzer, Anarchist. Und auch Breitner hatte kräftig ausgeteilt: „Es tut mir leid, jemals für diesen Verein gespielt zu haben.“ Sie schlugen sich, rauften sich zusammen und schlugen sich wieder. Aber dem Ruf zum großen Familientreffen folgten sie alle. Wahrscheinlich waren sie wirklich so etwas wie eine Familie, Uli Hoeneß bemühte dieses Bild ja häufig. Auch in vielen Familien sah es nach außen sehr viel freundlicher aus, als es der Wirklichkeit entsprach, aber was sagte das schon? Wenn die Familie der Ort war, an dem Harmonie und Streit, Rücksichtnahme und Gleichgültigkeit, Fürsorge und Neid ihren Platz hatten und man sich im Großen wie im Kleinen vergeben konnte, dann war der FC Bayern sogar eine sehr vorbildliche Familie. Die niemanden hängen ließ, auch wenn er sich abfällig über sie geäußert oder sich gar von ihr losgesagt hatte. Der Weg zurück stand jedem offen.

Zobel war schon am Tag vor der Meisterfeier angereist. Im Hotel hatten ihn die meisten Ehemaligen erkannt, einigen jüngeren Legenden musste er sich vorstellen. Sechs Jahre hatte er für die Bayern gespielt, in einer Mannschaft, die sich in dieser Zeit kaum veränderte. Er hatte so ziemlich jeden Winkel der Welt bereist, in teuren Hotels übernachtet und mit Beckenbauer oder Müller, Hoeneß oder Breitner, Hansen oder Roth sehr viel mehr Zeit verbracht als mit seiner Frau und seinem Sohn. Mit ihnen war er erst Pokalsieger geworden, dann Meister und schließlich Europacupsieger. Sie hatten eine Ära begründet, aber auch für sie galt: Nichts ist für die Ewigkeit. Und schon gar nicht der Erfolg.

Zobel war mit den Bayern zur Nummer eins Europas aufgestiegen. Als er den Verein 1976 verließ, waren sie in der Bundesliga nur noch Mittelmaß und auch die europäische Vorherrschaft ging ihrem Ende entgegen. Aber die Zeiten, in denen es nicht nach Wunsch lief, waren nur von kurzer Dauer. Auch der FC Bayern musste sich ab und zu von seinen eigenen Ansprüchen erholen, um dann mit voller Kraft zurückzukehren. Als Zobel neben all den anderen auf dem Rasen der „Allianz-Arena“ stand, war er stolz, Teil dieser Familie, Teil dieses Vereins zu sein. Eines Vereins, der die Verdienste derer nicht vergaß, die ihn so groß gemacht hatten. Sie hatten ihm ein Trikot mit seinem Namen und der Nummer acht überreicht, seiner Nummer. Vor über 40 Jahren war er mit ihr zum letzten Mal für die Bayern aufgelaufen, kaum einer hatte von seinem Abschied Notiz genommen. Aber vergessen hatten sie weder ihn noch seine Rückennummer. Und das berührte ihn.

Dann kamen die Meister von 2017 aufs Feld, angeführt von Philipp Lahm. Der Kapitän machte heute sein letztes Spiel, hatte Pokale und Trophäen in den Händen gehalten, die Zobel nur zu vertraut waren. Der feine Unterschied: Lahm war Weltmeister, damit konnte er nicht dienen. Als die Tür zur Nationalmannschaft offenstand und er nur durchgehen musste, machte er sie wieder zu.

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