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Kitabı oku: «Abenteuer und Drangsale eines Schauspielers»

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Vorwort

An einem Tage des Monats Oktober 1882 trat mein Bedienter in mein Zimmer ein und debutirte, da es noch ziemlich frühzeitig war, mit den herkömmlichen Worten:

»Will der Herr empfangen?«

Ich schaute ihn an.

»Je nachdem,« erwiederte ich.

»Das habe ich mir auch gesagt.

»Wer ist da?«

»Ein hübscher Junge, mein Herr.«

»Das ist schon Etwas: ich liebe die hübschen Gesichter; doch es ist nicht genug.«

»Das habe ich mir auch gesagt.«

Die Worte: Das habe ich mit auch gesagt. waren eine sprichwörtliche Redensart eines neuen Bedienten, Namens Louis, den ich angenommen.

»Wenn Sie sich das gesagt haben, Louis, haben Sie ihn auch nach seinem Namen gefragt?« versetzte ich.

»Gewiß, mein Herr.«

»Nun! wie heißt er?«

»Ah! mein Herr, er heißt nicht.«

»Wie, er heißt nicht?«

»Ei! das ist kein Name, Herr Gustave.«

»Herr Gustave, wer?«

»Das habe ich mir auch gesagt, mein Herr.«

»Sie hätten besser daran gethan. es ihm zu sagen.«

»Ich habe es ihm auch gesagt. Ah! ich habe mir kein Blatt vor den Mund genommen.«

»Und was hat er geantwortet?«

»Er hat geantwortet: »»Sagen Sie Herrn Dumas, ich komme von Rouen, und ich bringe ihm einen Brief von Madame Dorval.««

»Einen Brief von Dorval! Einfältiger! das hätten Sie mir zuerst sagen müssen.«

Und ich lief selbst an die Thüre.

»Entschuldigen Sie, mein Herr!« rief ich in die Coulissen, »ich habe einen neuen Kammerdiener, und er kennt meine alten Freunde noch nicht; ich hoffe, Sie werden eines Tages zu diesen gehören, da Sie von meiner guten Dorval zu mir kommen.«

Und ich reichte meine Hand dem jungen Mann, den ich im Schatten nur schlecht unterscheiden konnte.

Der junge Mann nahm sie und drückte sie treuherzig.

»Wahrlich, mein Herr,« sagte er, »Ihr Empfang setzt mich nicht in Erstaunen. so wohlwollend er auch ist. Madame Dorval versicherte mich, Sie werden mich so empfangen.«

»Sie ist immer noch in Rouen?«

»Ja, mein Herr.«

»Macht sie Geld?«

»Sie hat viel Succeß.«

»Das ist es nicht gerade, was ich Sie frage.«

»Die Zeit ist nicht sehr günstig für die Theater.«

»Ah!« Sie sind ihr Freund . . . Sie hat mir geschrieben?«

»Hier ist der Brief.«

Der junge Mann reichte mir einen Brief, den er nicht zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger, wie es ein Postbote oder ein Handlungsdiener gethan hätte, sondern zwischen dem Zeigefinger und dem Mittelfinger hielt.

Wenn ich einen Menschen zum ersten Male sehe, bemerke ich Alles, und das Geringste fällt mir auf.

Die Hand, die mir den Brief reichte, war schön, zart, länglich; sie hatte einen etwas langen Daumen, künstlerisches Merkmal, feine Fingerglieder, Kennzeichen der Distinction in der Kunst.

Diese Hand kam aus einem Mantel hervor, der in Falten denen der Draperie einer Bildsäule ähnlich fiel.

Der junge Mann hatte seinen Mantel im Vorzimmer nicht abgelegt; bei einem Anscheine des Sichgehenlassens, war er also schüchtern, an sich zweifelnd, wenig auf sich vertrauend, da er, trotz des Briefes von Dorval, nur einen Augenblick zu bleiben erwartete.

Er sah, daß ich ihn anschaute, und richtete mit einer Schulterbewegung zwei gebrochene Falten seines Mantels zurecht.

Der junge Mann glich einem Bildhauer.

Da er einen Augenblick im Vorzimmer hatte warten müssen, so hatte er wartend eine Cigarette zwischen seinen Fingern gerollt; diese Cigarette hielt er, wie er einen Bleistift gehalten hätte.

Ich öffnete den Brief, überzeugt, es sei dies das beste Mittel, sein Gewerbe kennen zu lernen.

Und ich las.

Es versteht sich von selbst, daß ich ihn, während ich las, über das Papier anschaute.

Dorval schrieb mir, wie folgt:

»»Mein lieber Dumas,

»Ich adressiere an Dich Herrn Gustave, der in »»Rouen mit mir gespielt hat . . .««

Es war ein Komödienspieler oder vielmehr ein Tragödienspieler denn aufgestellt und drapirt, wie er war, schien er nach einer Statue modellirt zu sein.

Und dennoch war in diesem jungen Mann viel mehr vom Mittelalter, als vom Alterthum viel mehr vom Jahrhundert von Leo X., als von dem von Perikles.

Ich las weiter:

»Es ist, wie Du siehst, ein schöner Charakterspieler, voll Unerfahrenheit und vom besten Willen, dem sein Platz zum Voraus bei der Porte Saint-Martin bezeichnet ist.««

Es war in der That ein stattlicher Cavalier, in dem Sinne, den man unter Ludwig XIII. diesem Worte gab, mit herrlichen Augen, einer geraden Nase von schönem Verhältniß, langen schwarzen Haaren und anmuthigem blassem Teint.

Der einzige Fehler des sehr schönen Gesichtes war vielleicht eine zu starke Verlängerung des unteren Kinnbackens; doch dieser Fehler verlor sich in einem schönen schwarzen, mit röthlichen Tönen, wie man sie bei den Bärten von Titian findet, gemischten Barte.

Er war übrigens groß, trug den Kopf hoch und war sichtbar gewandt in seinem ganzen Körper.

Indem ich ihn anschaute, in seiner Hand einen spitzigem breitkrämpigen Filzhut erblickte, vorn Filzhute zu seinem Gesichte zurückkam, vom Gesichte auf die Tournure überging, war ich ganz erstaunt, daß ich nicht den Korb eines Schwertes aus den so zierlichen Falten seines Mantels hervorkommen sah.

»»Was Du auch für ihn thun magst, er ist der Mann, es Dir dadurch zu erwiedern, daß er Dir eines Tages Deine Rollen spielt, wie sie Dir Niemand spielen wird.««

»Teufel!« murmelte ich, »es ist wahr, mit diesem Kopfe und dieser Tournure kann er es, wenn in diesem Menschen ein Körnchen Talent ist, weit bringen.«

»»Sprich übrigens mit ihm; sage ihm, er soll Dir sein Leben erzählen, und Du wirst sehen, daß Du es mit einem wahren Künstler zu thun hast.

»»Deine sehr gute Freundin

»»Marie Dorval.««

»»NS. Gäbe es für ihn in diesem Augenblicke einen Platz beim Theater der Porte Saint-Martin, so suche ihm dadurch nützlich zu sein, daß Du ihm eine Arbeit als Bildhauer oder als Maler verschaffst.««

»Ah! Herr Gustave,« sagte ich lächelnd, »Sie sind also Universalkünstler?«

»Es ist wahr, man hat Alles ein wenig versucht,« erwiederte er mit jener Bewegung der Schultern, welche dem Menschen eigenthümlich ist, der das Leben unter einem gewissen philosophischen Gesichtspunkte zu betrachten pflegt, »Alles, sogar ein wenig das Seiltanzen.«

»Sie sind Gaukler gewesen!«

»Warum nicht? Kean war es wohl.«

»Sie haben Kean gesehen?«

»Ach! Nein; doch mit Gottes Hilfe werde ich ihn wohl früher oder später sehen: der Canal ist nicht so breit als das Atlantische Meer, und London nicht so weit als Guadeloupe.«

»Sie sind auf den Antillen gewesen?«

»Ich komme in aller Eile von dort an.«

»Ich fange an zu glauben, Dorval hat Recht, wenn sie mir sagt, ich soll Sie bitten, mir Ihr Leben zu erzählen.«

»Oh! das ist nicht interessant, der erste, der beste Zigeuner wird Ihnen so viel sagen als ich.«

»Ei! täuschen Sie sich nicht: es wäre mir nicht unangenehm, das Leben des ersten, des besten Zigeuners von ihm selbst erzählt zu hören.«

»Das wird sehr lang sein.«

»Haben Sie um elf Uhr Probe?« fragte ich lachend.

»Leider, nein.«

»Nun! dann haben wir Beide Zeit. Wir frühstücken mit einander, und nach dem Frühstück erzählen Sie mir das. Ich gebe Ihnen keinen so guten Kaffee, als Sie auf Martinique getrunken haben; doch ich gebe Ihnen besseren Thee, als Sie irgendwo trinken werden, Caravanenthee, den ich von einer hübschen Frau aus Petersburg erhalte. Gehen Sie nach Rußland, so werde ich Sie ihr empfehlen, wie Dorval Sie mir empfohlen hat. Abgemacht, wir frühstücken mit einander, nicht wahr?«

»Oh! sehr gern.«

Ich klingelte Louis.

Louis trat ein.

»Louis, zwei Gedecke, Herr Gustave frühstückt mit mir.«

»Das habe ich mir auch gesagt: Herr Gustave muß mit dem Herrn frühstücken.«

»Nun! desto besser, dann haben Sie den Tisch gedeckt und etwas darauf gesetzt.«

»Nein, mein Herr, nein: das hätte ich mir nicht erlaubt.«

»Sie haben Unrecht gehabt. . . Vorwärts, Louis, geschwinde; ich habe Probe.«

Louis ging ab.

»Ei!« fragte mich der junge Mann, »wenn ich mich vor dem Frühstück eines Theils von meinten Gepäcke entledigen würde?«

»Thun Sie das.«

»Muß ich Alles erzählen?«

»Alles.«

»Sogar die Dummheiten?«

»Besonders die Dummheiten! Was die Anderen die Dummheiten nennen, nenne ich das Pittoreske.«

»So verstehe ich es auch.«

Es sind zwanzig Jahre her, daß mir die Erzählung, die Sie lesen sollen, gemacht worden ist; wundern Sie sich also nicht, mein lieber Leser, wenn ich mich beim Erzähler substituire und er statt ich sage.

Seit jener Zeit ist Herr Gustave einer der ausgezeichnetsten Künstler von Paris geworden. Die Einzelheiten, welche hier folgen sollen. werden also, wie wir hoffen, nicht ohne Interesse für Sie sein.

I

Herr Gustave. – Sein Theatername, sein wahrer Name. – Seine Geburt, seine Mutter, sein Vater, seine erste Jugend. —

Herr Gustave hieß nur Gustave vor den Menschen; das war sein Theatername; vor Gott hieß er Etienne Marin.

Er war geboren in Caen, in der Rue des Carmes, im Jahre 1808; er zählte folglich 1833, zu welcher Zeit ich seine Bekanntschaft sachte, vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre.

Körperlich ist er dem Leser bekannt und ich brauche daher sein Porträt nicht mehr zu geben.

Befragte er seine Erinnerungen, so sah er sich in weitester Entfernung in den Armen einer guten Frau mit seinem wenigstens zwei Jahre jüngeren Bruder Adolphe.

Die gute Frau und die zwei Kinder standen an einem Krankenbette.

In diesem lag eine Sterbende, die Augen vom Fieber entflammt die Zähne an einander gepreßt. Sie zog von dieser Gruppe, die sie nicht erkannte, eine Weintraube zurück und sagte mit einem kurzen, abgestoßenen Tone:

»Das ist für meine Kinder! Das ist für meine Kinder!«

Ein Mann in halb militärischer Tracht saß auf einer Bank beim Kamin und hielt seinen Kopf in seinen Händen.

Diese Sterbende war die Mutter des kleinen Etienne und des kleinen Adolphe; dieser Mann war ihr Vater.

Wir werden dem Kinde seinen Namen Etienne lassen, bis es sich selbst umtauft, um den Namen Gustave anzunehmen.

Das Kind hatte keine andere Erinnerung an seine Mutter als die, welche ihm in einer Entfernung von zwanzig Jahren durch die Dunkelheit dieser Nacht des Sterbekampfes erschien.

Doch diese Erinnerung war so gegenwärtig, daß er, wie er sagte, nach zwanzig Jahren die Scene hätte zeichnen und seine Mutter vollkommen ähnlich machen können.

Uebrigens entsann er sich keines andern Umstandes mehr, weder der letzten Oelung, noch des Todes, noch der Beerdigung mochte man ihn nun durch Entfernung der Reihenfolge dieser traurigen Schauspiele entzogen haben, oder hatte sie sein zu schwaches Gedächtniß entschlüpfen lassen, wie die Hand durch die Spalte der Finger Tropfen um Tropfen das Wasser ablaufen läßt. das sie aus einem Bache geschöpft hat.

Der Vater, den man nie mit seinem Familiennamen, sondern immer den Vater nannte, war zur Zeit, wo wir ihn erscheinen sehen, ein Mann von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, Freiwilliger von 92, Soldat vom Lager von Lune, emsiger Kriegsschautspieler, der seine Rolle bei unseren ersten Siegen spielte.

Er hatte den Dienst 1806 verlassen und sodann diejenige geheirathet, welche so frühe gestorben war; er besaß zwei Kinder, von denen das eine seiner Mutter bald ins Grab folgen sollte, von denen das andere unser Held ist.

Er war ein Mann von hohem Wachse, mit starker Stimme und mächtigen durchdringendem Blicke. Er hatte schon weiße Haare, aber seine Augenbrauen und sein Bart deuteten, vollkommen schwarz, an, daß er noch in der Kraft des Alters.

Als er den Dienst quittirt, erhielt er den Posten eines Douanier mit einem Gehalte von sechshundert Franken. Zu jener Zeit waren die Douaniers eine Art von Soldaten: sie trugen einen grünen Rock, einen dreieckigen Hut, den Säbel an der Seite, den Carabiner auf der Schulter und Pistolen im Gürtel. Sie mußten, auf den Küsten der Normandie besonders, jeden Augenblick bereit sein, Flintenschüsse mit den Corsaren und den englischen Schmugglern zu wechseln, welche ihrerseits immer bereit waren, an unsern Ufern zu landen.

Seinen Dienst, der streng war, – denn er hielt ihn zuweilen acht Tage, zuweilen vierzehn Tage, zuweilen einen Monat von Hause entfernt, – seinen Dienst, sagen wir, der streng war, und dessen Pflichten er gewissenhaft erfüllte, verrichtete er, der Mann, den man nie hatte lachen sehen, mit einem ewigen Geträller im Munde. Allerdings war das Lied, das er mehr brummte, als sang, ein gräßliches Lied, welches bei Balmy und Jemappes denjenigen, die es hörten, den Tod brachte.

Dieses Lied war die Marseillaise.

Als die Bourbonen auf das Kaiserreich folgten, fuhr der Vater fort, sein Lied zu singen; doch man war so sehr daran gewöhnt, den Einen nicht zu sehen, ohne das Andere zu hören, daß man nicht darauf merkte.

Hatte er nicht den Dienst auf der Küste, und nach 1815 als der Friede mit England unterzeichnet war wurde sein Geschäft minder beschwerlich, – hatte er nicht den Dienst auf der Küste, so trug er Sorge für die Kinder, und nie sorgte eine Kammerfrau oder die Gouvernante von vornehmen Hause besser für Fürstenkinder.

Die Kinder waren immer gleich gekleidet; ihre Tracht hatte etwas Milltärisches; sie trugen Seemannsjacken mit einer doppelten Reihe von runden Knöpfen, wie sie die Husaren haben, dunkelfarbige Beinkleider und Holzschuhe im Winter, weiße Beinkleider und Halbstiefel im Sommer.

Nur waren die Holzschuhe von einer besonderen Zierlichkeit, welche den Kindern ungemein schmeichelte, weil sie dieselben von ihren Kameraden unterschied; das Vordertheil war oben mit einem Stücke Leder, alten Stiefelschäften entlehnt, bedeckt und mit englischer Wichse glänzend gemacht. Es versteht sich, daß der alte Grenadier seine Wichse selbst bereitete und sie aus ihm bekannten Ingredienzien, Wohlthätern und Freunden des Leders, das sie erhielten und weich machten, zusammensetzte.

Alle Jahre um Ostern legten die Kinder die Holzschuhe ab und bekamen dafür ein Paar neue lederne Halbstiefel.

Diese Schuhe mußten bis zum Winter halten.

Wie war aber auch der Vater besorgt für diese Jacken mit den messingenen Knöpfen, für diese Holzschuhe mit ledernem Besatze, für diese an Ostern neue Halbstiefel, welche an Allerheiligen abgetragen, aber immer noch glänzend waren.

Jeden Morgen war er vor Tagesanbruch auf, Jacken und Beinkleider, Holzschuhe oder Halbstiefel wurden aus dem Hause getragen, Schuhe oder Halbstiefel gewichst, Beinkleider und Jacken gebürstet. Knöpfe mit der größten Geduld polirt.

Alles das glänzte in der aufgehenden Sonne. Dann ließ man die Kinder ausstehen. Im Winter wie im Sommer setzte man sie ins kalte Wasser, und mit rother Haut im Winter, mit weißer im Sommer schlüpften sie in ihre Kleider.

Gehen wir nun vom Hauptbewohner zum Hause über.

Das Haus verdient wohl eine besondere Erwähnung.

Das wird ein Gemälde von Gerhard Dow oder Mieris sein, welches, wie wir hoffen, geduldig auf einen Stich von Tallot warten macht.

II

Das Haus des Vaters

Das Innere des Hauses bestand aus einer großen Stube und einem Cabinet.

Diese Stube wurde durch einen ungeheuren Kamin geheizt.

Dieser Kamin war geschmückt mit einer Pendeluhr mit einer Zwiebel in der Mitte; auf jeder Seite dieser Pendeluhr, und die Augen auf sie geheftet, bockten zwei Löwen von Tannenholz mit krausen Mähnen, Troddelschweifen, und einen angenehmen Harzgeruch um sich her verbreitend. Ein wenig davon entfernt, – die Pendeluhr war immer der Mittelpunkt dieser Schmückung, – erhoben sich zwei messingene Leuchter, glänzend wie Spiegel, und in diesen Leuchtern waren zwei Kerzen, welche nur ein einziges Mal angezündet gesehen zu haben das Kind sich erinnert; wir werden sagen, bei welcher Veranlassung. Die Garnitur wurde vervollständigt durch eine Flasche und eine kleine chinesische Vase.

Alles Feuergeräth war von Eisen und glänzte wie der Lauf des Carabiners und der Pistolen des Vaters; das Feuergitter war ein Viertelsreif der einst als Beschläge an einem Rade gedient hatte; der Schlosser hatte ihn in der Schmiede neu bearbeitet, die Löcher durch Hammerschläge verstopft, und ihn, seine gewölbte Form beibehaltend, damit er allein stehen konnte, polirt.

Ein ungeheures Bett von Eichenholz hob sich, von der Thürschwelle aus, in der Perspective gesehen, mit seinen grünen Sarschevorhängen von einer Wand ab, welche nie mit einer Tapete bedeckt gewesen und nur mit Sand und Kalk getüncht war. Von Zeit zu Zeit zog eine kleine Muschel, ein Ueberrest von einer erloschenen Welt, die einst diesen Sand bewohnt hatte, das Auge der Kinder an, und diese belustigten sich damit, daß sie dieselbe mit der Spitze eines Messers aus der Wand ausgruben und vertilgten.

In der andern Ecke, parallel mit dem großen Bette, war das schmälere und besonders kürzere Bett der zwei Kinder, welche beisammen schliefen.

Ein großer Tisch von massivem Mahagoniholz stand mitten in der Stube; er war umgeben von Strohstühlen mit blau-grau angemaltem Gestell. Zwölf Stühle waren unveränderlich aufgestellt: drei um den Tisch; sieben längs der Wand, einer vor einem Secretär, an welchem der Vater seine Berichte schrieb, und einer beim Kamin, einem hölzernen Bänkchen gegenüber.

Wurden diese Stühle aus irgend einem Grunde, wegen eines Besuches, eines Frühstücks, eines Mittagsmahles oder einer einfachen Erfrischung, verrückt und der Grund war verschwunden, so nahmen die Stühle unveränderlich wieder den gewohnten Posten ein, und man hätte glauben sollen, sie kehren, wie in den Zauberstücken, von selbst an ihren Platz zurück.

Vier Rahmen von schwarzem Holze, welche vier Stiche, die Vier Jahreszeiten vorstellend, enthielten,« bildeten die artistische Zierrat der vier Wände.

Die militärische Zierath bildete eine Trophäe aus dem Carabiner, den Pistolen und dem Säbel des Vaters bestehend.

Ein großer eichener Schrank vervollständigte das Mobiliar.

Als die Mutter gestorben war, – ihr Tod mußte sich im Jahre 1811 ereignen, – als die Mutter gestorben war und der Vater den Dienst auf der Küste bekam, schloß man das Haus, und die zwei Kinder wurden in Pension zu zwei Demoiselles gegeben, welche eine Schule in Caen hatten: man nannte sie Mademoiselle Meulan und Mademoiselle Poupinette.

Die zwei Kinder, welche hinzukamen, schliefen in einem Zimmer mit den zwei alten Jungfern.

Doch, wie gesagt, diese Abwesenheiten hörten mit dem Kaiserreiche auf. Der Friede erlaubte den Küsten, sich ganz allein zu bewachen, oder wenigstens, sich mit ihren gewöhnlichen Wachen zu begnügen, und die längsten Dienstrunden dauerten nur vierundzwanzig, achtundvierzig, höchstens zweiundsiebzig Stunden.

Während dieser Stunden brachten die Kinder den ganzen Tag bei den zwei Schullehrerinnen zu: aber man führte sie am Abend zurück, und sie schliefen in dem großen Bette, was ein Fest für sie war.

Oft kam der Vater bei Nacht nach Hauses doch halb vermöge des guten Schlafes, der der Wiederherstellungsengel der Kräfte der Kindheit ist, halb vermöge der Vorsichtsmaßregeln, die der alte Soldat, zärtlich wie eine Mutter, nahm, um seine zwei Söhne nicht aufzuwecken, bemerkten diese die Rückkehr des Vaters erst am andern Morgen, wenn sie auf dem Boden die kothige Verlassenschaft des Douanier sahen; auf dem Mahagonitische gewahrten sie seinen Säbel, seinen Carabiner, seine Pistolen, und im Bette der Kinder den Douanier selbst, dessen auf einen Stuhl gelegten Beine um anderthalb Fuß über die Matratze hinausgingen und ihnen durch die Vergleichung noch viel größer schienen.

Und dann erhoben sich die Kinder halb nackt, stiegen geräuschlos aus dem großen Bette, näherten sich dem kleinen und betrachteten mit großen Augen den republikanischen Riesen, erstaunt, wie jene Bauern von Virgil beim Anblick der gewaltigen Knochen, die die Pflugschaar aus den fruchtbaren Ebenen zog, welche Schlachtfelder gewesen waren.

Der Vater war für sich selbst indevot: er nannte die Priester Pfaffen und die Mysterien der Religion Albernheiten. Er fing indessen zuweilen in die militärische Messe und schickte regelmäßig die Kinder zum Hochamt. Die Kinder verfehlten nicht, ein Stück geweihtes Brod daraus zurückzubringen. Der Vater legte sodann seine Pfeife aus den Mahagonitisch oder auf den Secretär, nahm das Brod zart zwischen den Zeigefinger und den Daumen der rechten Hand, zog mit der linken Hand seine Polizeimütze oder seinen Hut ab, machte das Zeichen des Kreuzes mit dem geweihten Brode. Schob es in seinen Mund und verschluckte es, indem er es so wenig als möglich zermalmte.

Alles dies geschah in drei Tempi auf militärische Weise.

Doch schon waren die Kinder herangewachsen und aus den Händen der zwei alten Jungfern in die eines ehemaligen Unterofficiers übergegangen, der, da er die Tochter eines Professors geheirathet, eine Schule gegründet hatte, wo der Schwiegervater das Lateinische und das Französische lehrte, während der Schwiegersohn Lectionen in der Geographie und in der Mathematik gab.

An den Abenden, wo der Vater nicht im Dienste war, gingen Vater und Kinder um acht Uhr im Winter und um neun Uhr im Sommer zu Bette, und Alles schlief bis zum Tage, der gewöhnlich mit seinem ersten Strahle die Augen von Jedermann wieder öffnete.

An den Tagen oder vielmehr in den Nächten, wo der Vater wachte, machten ihm gewöhnlich die Kinder einen Besuch in der Wachstube, welche am Ufer des Flusses lag.

Um zehn Uhr, manchmal um elf Uhr, – und sogar um Mitternacht, aus besonderer Gnade und wenn die Douaniers, die Kameraden des Vaters, sich an dem Geplauder der zwei Kinder belustigten, – schickte man sie zum Schlafengehen nach dem Hause, dessen Schlüssel man ihnen anvertraute unter der Bedingung, daß sie weder Feuer, noch Licht anzünden würden.

Die Kinder entfernten sich sodann, jedoch mit einem sichtbaren Widerwillen; sie baten, in der Wachstube bleiben und aus dem Feldbette schlafen zu dürfen, eine Bitte, die ihnen unbarmherzig abgeschlagen wurde.

Der Vater führte sie bis zur Thüre zurück und sagte zu ihnen: »Geht!« Die Kinder gingen, ohne das weiter zu widerstreben wagten, und der Vater schloß die Thüre hinter ihnen.

Sie marschirten Anfangs sachte, flüsterten leise, und suchten in den dunklen, nebeligen Nächten eine unentschiedene Form, die sich am Himmel zeichnete, – in den vom Monde erleuchteten Nächten, hatten sie nicht nöthig, etwas zu suchen, – diese Form hob sich kräftig oder klar, je nachdem sie im Schatten oder im Lichte war, vom gestirnten Azur des Firmamentes ab.

Diese Form war die eines hohen Thurms, und es geschah zuweilen, daß die zwei Fenster seiner Spitze, von einem röthlichen Feuer erleuchtet, wie Wehrwolfsaugen glänzten

Die Kinder waren genöthigt, am Fuße dieses Thurmes vorbeizugehen.

Wenn sie nur noch zwanzig Schritte vom Granitriesen, der in der Dunkelheit mit der Majestät der unbeweglichen Dinge emporragte, entfernt waren, nahmen sie sich bei der Hand und liefen, ohne ein Wort, ohne ein anderes Geräusch, als das, welchen ihrer keuchenden Brust entschlüpfte, unaufhaltsam bis sie am Hause angekommen waren. Hier erst blieben sie stehen; derjenige welcher den Schlüssel hatte, steckte ihn mit einer zitternden Hand ins Schloß, der Schlüssel drehte sich den Riegel ergreifend, die Thüre öffnete sich, die Knaben traten rasch ein, und der Muthigere, das heißt der Aeltere schloß die Thüre wieder.

Dann kleidete man sich rasch aus, man legte sich in einem Nu zu Bette, man schwatzte noch einen Augenblick leise; bald aber erlosch das Geplauder und es Folgte darauf ein doppeltes Athmen, sanft und rein, wie das von zwei entschlummerten Tauben.

Warum machte nun dieser Thurm den Kindern so sehr bange? Was hatte dieser Thurm Erschrecklicheres, als jeden andere Gebäude? Woher kam es, daß die zwei Kinder, welche doch sonst nicht furchtsam waren, so stark zitterten und so schnell liefen, wenn sie am Fuße dieses Thurmes vorbeigehen mußten?

Wir wollen es sagen.

Dieser Thurm hieß der Thurm des Amphiteaters; in diesem Thurme versammelten sich, um die Todten der Hospitäler von Caen zu seciren, die Studenten der Medicin. Die Tradition versicherte, diese glühenden Schüler der Wissenschaft studiren nicht nur in anima vili, sondern es liefern ihnen auch Entheiliger der Kirchhöfe Todte, die an Krankheiten verschieden, welche aristokratischer als die, die den Armen zu treffen pflegen und in den Hospitälern herrschen.

Die zwei glänzenden Augen des Thurmes waren entflammt durch das innere Licht, bei dessen Helle die Studenten arbeiteten.

Die schwarzen, krächzenden Raben, die sich vom Morgen bis zum Abend in einem unheimlichen Wirbel um die Spitze des Thurmes drehten, was suchten sie hier? was forderten sie mit heftigem Geschrei, wenn man sie warten ließ? Die Fetzen Menschenfleisch, die ihnen so reichlich Nahrung lieferten, daß sie, wenn sie ihre Tafel auf der Spitze des Thurmes halten, ihr Futter nicht anderswo zu suchen brauchten.

Das war es, was den Kindern bange machte, wenn sie am Fuße dieses Thurmes vorüberkamen; das ließ sie bleicher werden; das machte reichlicher den Schweiß von ihren eiskalten Stirnen fließen, besonders wenn sie auf ihren Wege einem verspäteten Arbeiter begegneten, der eine Last trug; denn sie hielten diesen Arbeiter für einen Todtendieb! denn sie hielten diese Last für eine Leiche!

Ein Lied der Leute vom Hafen, ein Lied so häßlich, so erschrecklich als die Sache, auf die es sich bezog, bestätigte die Tradition und erhob sie zum Range der Legende

Dieses Lied heißt:

 
C’est à l’Amphitéâtre
Qu’y a des écorheux,
Tant mieux!
 
 
Qu’ecochent les bell’ dames
Ainsi que les beaux messieux,
Tant mieux!1
 

Wie der Vater Tag und Nacht die Marsellaise trällerte, so erwachte dieses unglückliche Lied der Ecorcheux mit dem Schimmer der ersten Sterne im Geiste der Kinder, die es, wenn sie es nicht trällerten, wenigstens beständig im Gedächtniß gegenwärtig hatten.

Der Aeltere von den Knaben hatte indessen sein zwölftes Jahr erreicht und der Jüngere sollte sein zehntes erreichen, als dieser eines Abends sich über heftiges Kopfweh beklagte und sich früher als gewöhnlich zu Bette legte.

Man hielt dieses Kopfweh für eine Unpäßlichkeit ohne Folge, und man schenkte diesem Umstande keine große Aufmerksamkeit.

Am andern Tage wollte Adolphe aufstehen: man ließ ihn gewähren; doch er konnte nur eine Stunde aufbleiben.

Nach einer Stunde ging er ganz schwankend wieder zu Bette. Fünf Minuten nachher klapperten seine Zähne; er hatte das Fieber. In der darauf folgenden Nacht sang er das Lied der Ecorcheux. Er hatte das Delirium.

Man ließ den Arzt kommen. Der Knabe war von einer Hirnentzündung befallen.

Was auch der Mann der Wissenschaft that, es war zu spät. Am fünften Tage der Krankheit erklärte er dem Vater, jede Hoffnung, das Kind zu retten, sei verloren.

Der Vater beugte unter diesem Worte einen Kopf, der sich nie unter dem Pfeifen der Kugeln gebeugt hatte, wischte eine Thräne ab, die einzige, die ihn der kleine Etienne hatte vergießen sehen, wandte sich gegen die Frau um, welche die zwei Kinder an das Bett ihrer Mutter in jener Nacht gestellt, wo die Mutter selbst das Delirium gehabt hatte, und sagte:

»Holt den Priester.«

Die Frau ging hinaus.

Eine Stunde nachher ertönte das Glöckchen der letzten Oelung in der Rue des Carmes, die Thüre der großen Stube öffnete sich und entblößte das kleine Bett der Kinder, beleuchtet durch die zwei jungfräulichen Kerzen vom Kantine, welche die eine am Haupte, die andere am Fuße des Bettes in ihren großen messingenen Leuchtern, von denen jeder auf einem Stuhle stand, brannten.

Es war Abends neun Uhr; das Fieber hatte das Kind verlassen und dieses schien eingeschlafen zu sein.

Der Priester trat ein, gefolgt von zwei Chorknaben, welche Kerzen trugen, und vom Kirchendiener, der das Kreuz trug.

Hinter ihnen ging jener fromme Theil der Einwohnerschaft, der immer bereit ist, seine Gebete ans Bett der Sterbenden zu bringen.

Der Vater nahm seine Mütze ab, als er den Priester, die Chorknaben und den Kirchendiener erblickte, kniete nieder und ließ Etienne an seine Seite knieen.

Die heilige Ceremonie ging in Erfüllung; die Füße und die Stirne des Sterbenden wurden mit dem Chrisam gesalbt; hiernach entfernte sich der Priester, wie er eingetreten war, gefolgt von den Chorknaben und den zwölf bis fünfzehn Gläubigen, welche für das Kind um einen glücklichen und leichten Uebergang von dieser Welt in jene gebetet hatten.

Die Thüre schloß sich wieder hinter dem Letzten von ihnen. Der Vater und der Bruder blieben allein bei dem Sterbenden.

Der Vater stand sodann auf, löschte die zwei Kerzen aus, stellte die Leuchter wieder auf den Kamin an ihren gewöhnlichen Plan, und setzte sich auf das Bänkchen dem Feuer gegenüber, das allein noch die Stube erleuchtete.

Der kleine Etienne setzte sich zu seinem Vater.

Der Vater stützte seine Ellenbogen auf seine Kniee und versenkte seinen Kopf in seine Hände; sein Gesicht war verschleiert wie das von Agamemnon.

Das Kind saß, die Hände auf seinem Schooße ausgestreckt, da.

Der Wiederschein des Herdes beleuchtete diese zwei wie Statuen unbeweglichen Gestalten und spielte zitternd an der Wand gegenüber.

Nur dehnte er sich nicht weit genug aus, um die Finsterniß der Ecke zu zerstreuen, in der das Bett des Kindes stand.

Alles schwieg in der Stube, wo der doppelte Schmerz wachte.

Man fühlte, daß der Tod nicht mehr fern war.

Plötzlich unter dieser unheimlichen Stille, erhob sich ein sanftes, liebkosendes, klares Stimmchen, vom Bette herkommend.

Es war die Stimme des Kindes.

»Vater,« sagte sie mit einem Ausdrucke der Angst, der sich nicht schildern läßt, »sprich, die Schinder vom Amphitheater, welche die schönen Herren und die schönen Damen schinden, schinden sie auch die kleinen Knaben wie mich?«

Etienne schauerte und fing an zu weinen.

Der Vater stand auf, und die Hand an der Kehle, als hätte er eine unsichtbare Zange davon entfernen wollen, sank er auf das Bett des Kindes und erwiederte:

»Nein, nein, mein Kind, sei ruhig! überdies wache ich über Dich.«

»Ich danke, Vater,« sagte die sanfte Stimme des Kindes.

Das waren die letzten Worte, die Etienne seinen Bruder sprechen hörte.

Eine Stunde nachher fing der Sterbende an zu röcheln.

»Geh zur Tante,« sagte zu Etienne der Vater der nicht wollte, daß er Zeuge vom Todeskampfe und vom Tode seines Bruders sein sollte.

Das Kind gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern.

Zum Glück brauchte man, um zur Tante zu gehen, nicht am Fuße des Thurmes zu passiren.

Nach dem, was Etienne seinen Bruder hatte sagen hören, würde er eher die Nacht auf der Thürschwelle zugebracht, als dem Granitriesen getrotzt haben.

Er lief zu seiner Tante und erzählte- was vorgefallen war.

Der Vater war beim Kinde geblieben.

Gott allein wohnte als Dritter dem Todeskampfe bei.

Um andern Tage, gegen Mittag, wurde die Thüre der Tante geöffnet.

Der Vater erschien auf der Schwelle.

Er war bleich und stumm.

Er schloß langsam und leise die Thüre; dann setzte er sich immer still, in einen Winkel.

Niemand wagte es, ihn zu fragen.

Endlich wandte sich der kleine Etienne gegen ihn und sagte:

»Vater, wie geht es meinem Bruder?«

»Besser,« antwortete der alte Soldat mit einer Stimme, deren Ausdruck sich nicht beschreiben läßt.

Das Kind war todt.

Am zweiten Tage fand die Beerdigung auf einem kleinen äußeren Friedhofe statt, der viel mehr zur Bannmeile, als zur Stadt selbst gehörte

Es waren wenig Leute da. Der Vater, der Bruder, die Tante und drei bis vier gute Seelen, deren Gebete sich allen Schmerzen weihen, sodann die Douauiers, die Kameraden des Vaters.

Die Priester, die zwei Chorknaben und der Kirchendiener, welche zwei Tage vorher dem Kinde die letzte Oelung gebracht hatten, gingen an der Spitze des Zuges.

Man weiß, mit welcher Geschwindigkeit die Gebete auf dem Grabe der armen Leute gesprochen werden.

Der Priester sprach diese Gebete, sprengte mit dem Wedel ein paar Tropfen Weihwasser auf den Sarg, gab den Wedel den Umstehenden und entfernte sich mit den Chorknaben und dem Kirchendiener.

Die Anwesenden defilirten längs dem Grabe, reichten sich nach und nach den Wedel und schüttelten ihn Einer nach dem Andern.

Gegen die Gewohnheit blieb der Vater bis zuletzt.

Der kleine Etienne wollte bei ihm bleiben; doch der Vater sagte ein paar Worte leise zu einem Douanier, und dieser führte ihn fort.

Es war auf dem Friedhofe nur noch der in die Tiefe des Grabes gelegte Leichnam und auf beiden Seiten des Loches der Vater und der Todtengräber.

Der Todtengräber schickte sich an, die erste Schaufel voll Erde auf den Sarg rollen zu lassen.

Der Vater hielt ihn zurück.

»Was gibt es?« fragte der Todtengräber.

»Es ist eine letzte Vorsichtsmaßregel zu treffen.«

»Welche?«

»Steige ins Grab hinab, hebe den Deckel vom Sarge auf.«

»Aber, Herr . . .«

»Thu, was ich Dir sage.«

Der Todtengräber glaubte, dieser Vater, der seine Frau und sein Kind verloren, wolle sein Kind zum letzten Male sehen.

Er stieg ins Grab hinab, hob den Deckel vom Sarge auf und schob das Leichentuch auf die Seite.

Das Kind war weiß wie Alabaster.

»Oeffne nun die Brust des Kindes mit Deinem Messer.«

Der Todtengräber schaute ganz erschrocken empor.

»Thu, was ich Dir sage,« wiederholte der Vater mit einem immer mehr gebieterischen Tone.

Der Todtengräber gehorchte. Eine lange Wunde war bald vom Brustbein bis zum Nabel geöffnet.

»Nun?« fragte der Todtengräber.

»Nun,« erwiederte der Vater, indem er eine Flasche aus jeder von seinen Taschen zog, »nun leere in die Brust diese zwei Flaschen Vitriol. Ich habe keine Lust, den Körper meines Sohnes von den Leichendieben, um ihn an die Schinder zu verkaufen, stehlen zu lassen.«

Der Todtengräber nahm die zwei Flaschen und leerte sie in die Brust des Kindes; er überließ es sodann der ätzenden Flüssigkeit, ihr Zerstörungswerk zu vollbringen, und schickte sich an, das Grab zu füllen.

Doch der Vater hielt schon den Spaten, schob den Todtengräber mit der Hand zurück und sagte:

»Das ist meine Sache.«

Und er füllte das Grab, auf dem er herumtrat, bis es zum Niveau des Bodens geebnet war.

Sodann entfernte er sich mit gesenktem Kopfe und die Arme gekreuzt, ohne ein Wort zu sagen.«

Einen Monat lang wachten die Douaniers der Brigade der Reihe nach auf dem Friedhofe, ans Furcht, die Leichendiebe könnten den Leib des Kindes stehlen, um ihn an die Schinder zu verkaufen.

III

Die Erziehung des kleinen Etienne. – Die Zeichenclasse. – Die Bildnerschule – Ein erster Preis. – Väterliche Belohnung. – Die Reiter. – Die Gaukler

>Ohne daß der Vater eine Klage von sich gab, ohne daß er eine Thräne vergoß, ohne daß sich etwas in seinem Leben geändert zu haben schien, war sein Schmerz so tief daß sich der kleine Etienne vorstellte, sein Vater wolle sich tödten; er schloß sich deshalb seinen Schritten an, folgte ihm überall, wohin er ging, und verließ ihn eben so wenig, als sein Schatten.

Er wußte nicht, daß sich ein Vater nicht den Tod gibt, so lange ihm ein Kind bleibt, dem er das Leben gegeben hat.

Erst nach sechs Wochen oder zwei Monaten beruhigte sich das Kind allmälig.

Uebrigens sprach der Vater nie von dem Abwesenden. Man würde geglaubt haben, es sei ihm nur ein einziger Sohn geboren worden, hätten sich nicht von Zeit zu Zeit seine Augen mit einem tiefen Schmerz auf das Bett, wo der kleine Adolphe den letzten Seufzer ausgehaucht, geheftet.

Doch nach und nach nahm Alles im Hause wieder den gewöhnlichen Gang an, und der kleine Etienne stellte sich vor, sein Vater fange an zu vergessen, weil er selbst vergaß.

Im folgenden Jahre war das Gras auf dem Grade gewachsen. Und welches Auge, das eines Vaters und einer Mutter ausgenommen, weiß, was unter dem Grase eines Grabes ist?

Etienne war allerdings allein geblieben; doch mit der Einsamkeit war bei ihm der Geschmack für das Lesen gekommen. Während der langen Abende des Winters von 1821 auf 1822 blieb er zu Hause und las entweder die Romane mit blauen Decken, die Jeden von uns an die ersten Tage unserer Jugend erinnern, oder die Reiseerzählungen, die man hätte belustigend machen können mit der Hälfte des Talents, das man gebraucht hat, um sie langweilig zu machen; Diese Erzählungen von Fahrten nach den neuen Welttheilen gaben ihm den Gedanken ein, Seemann zu werden; da aber die erste Bedingung, welche die Natur für das Gewerbe eines Seemanns stellt, die ist, daß er das Meer ertragen kann, so beschloß man, Etienne sollte bei der ersten Fahrt sein, die sein Vater mit dem Wachschiffe machen würde.

Von dem Augenblick, wo das Wachschiff den Fluß verließ, bis zur Minute, wo es in denselben zurückkehrte, erbrach sich der zukünftige Seemann unablässig.

Der Vater, dem es ziemlich anstand, daß der kleine Etienne Seemann würde, hielt sich nicht für geschlagen in der Person seines Sohnes. Man machte einen zweiten Versuch, doch der zweite Versuch war noch unglücklicher, als der erste. Das erste Mal hatte sich das Kind nur bis zur Galle erbrochen; das zweite Mal erbrach es sich bis zum Blute.

Diesmal beschloß man, etwas Anderes zu suchen.

Doch es war schwierig, etwas Anderes zu finden.

Die Erzählungen des Vaters, so kurz sie waren, die Reiseberichte von Laharpe, so wenig anziehend sie sind, hatten in den Geist des Kindes einen wahren Beruf für die herumschweifende Lebensart infiltrirt.

Man schlug seinem Vater vor, ihn Soldat werden zu lassen.

Er schüttelte den Kopf.

Er war der Meinung, es sei erlaubt, Soldat zu werden, wenn Krieg stattfinde: der einzige Reiz des Soldatenlebens sei die Gefahr, getödtet zu werden; in Friedenszeiten aber sei der Soldatenstand seiner Ansicht nach der letzte der Stände.

Es gab einen Stand, der den Knaben noch viel mehr anlockte, als der des Seemanns oder des Soldaten: das war der Gauklerstand.

Ah! wir müssen es sagen. der ganze Ehrgeiz des kleinen Etienne mit vierzehn Jahren war, in einem rothen Rocke die Trommel vor dem Eingange einer Bude zu schlagen, oder im Innern auf dem Seile zu tanzen oder den großen Sprung zu machen.

Der Kunstreiterstand lockte ihn auch sehr an. Es war äußerst verführerisch, den Damen Küsse zusendend auf einem Pferde zu stehen, oder durch Papierreife zu springen, um jenseits derselben mit beiden Knieen auf den Sattel zu fallen.

Mehr als Alles dies aber hätte der Knabe gewünscht, Schauspieler auf einem wahren Theater zu werden. Nur schien ihm dieser Ehrgeiz zu den übermenschlichen Aspirationen zu gehören.

Bon diesen mächtigen Hinneigungen zur Zigeunerei wagte man es indessen nicht dem Vater etwas zu sagen.

Dabei hatte der Knabe eine Art von Laufbahn begonnen, gegen welche er durchaus keinen Widerwillen hegte, obgleich sie in seiner Schätzung nach der des Seiltänzers, des Kunstreiters ’oder des Schauspielers kam.

Er hatte in der Zeichenschule der Stadt zu zeichnen angefangen.

Der Gedanke, ihn in diese Schule zu geben, war dem Vater also gekommen:

In dem Jahre, das auf den Tod des kleinen Adolphe folgte, bewohnte man im Sommer eine Baracke am Ufer des Meeres. Der Douanelieutenant hatte eine ungeheure Tabacksdose, auf deren Deckel ein kleines Bild: der Grenadier von Waterloo angebracht war.

Alle Männer meines Alters erinnern sich von 1820 bis 1825 an allen Schaufenstern der Bilderhändler eine Lithographie gesehen zu haben, die einen Grenadier vorstellte, der seine Fahne auf seiner Brust hielt und, einen Säbel über ihm ausstreckend, einen am Kopf verwundeten Kameraden vertheidigte, welcher ihn mit beiden Armen umschlang.

Dies nannte man den Grenadier von Waterloo.

Der Lieutenant war so glücklich, auf seiner Tabacksdose eine Verjüngung von diesem Bilde zu besitzen.

Der kleine Etienne mühte sich dergestalt bald mit einem Bleistift, bald mit einer Feder ab, daß es ihm gelang, etwas zu machen, was einer Copie des Grenadiers von Waterloo glich.

»Man muß diesen Burschen in die Zeichenschule der Stadt schicken,« sagte der Lieutenant; »er hat die schönsten Anlagen.«

Und bei seiner Rückkehr nach der Rue des Carmes wurde dieser Rath vom Vater befolgt.

Doch trotz der Prophezeiung des Lieutenants, trotz des guten Willens von Seiten des Jünglings, machte dieser keine Fortschritte.

Er blieb ganze Stunden vor Nasen, Augen und Ohren, welche zehnmal größer, als in der Natur, und seine Nasen waren immer die buckeligsten, seine Ohren immer die ungestaltetsten, seine Augen die schielendsten der ganzen Classe.

Die Knaben arbeiteten am Abend, denn man durfte sie nicht den Geschäften entziehen, die sie am Tage trieben: sie saßen in zwei Reihen, beleuchtet durch zweiarmige Lampen, welche über ihrem Kopfe hingen. Ueberdies hatte Jeder ein mit einem Schirme bedecktes Licht, nach der Art derjenigen, welche die Orangenhändler auf dem Boulevard haben.

Nach einer halben Stunde, die sie dazu anwandten, daß sie ihr Papier mit Kreide schwärzten und mit Brodkrume wieder weiß machten, trat der Professor ein.

Der Professor hieß Herr Elouis.

Er trat mit einer würdevollen Miene, den Handleuchter in der Faust, die Brille auf der Nase, ein, blieb vor dem Pulte jedes Zöglings stehen und machte laut keine Betrachtungen.

Für den jungen Etienne aber, dessen Hände immer die schwärzesten waren, dessen Papier immer am fettesten aussah, hatte er nur drei Ausrufungen, immer dieselben und in der vom Schmerze zur Verzweiflung aufsteigenden Tonleiter gesetzt.

Ah! mein Herr! Ah! mein Herr!! ah! Mein Herr!!!«

Und er ging weiter.

Diese drei Ausrufungen ermuthigten den Knaben ganz und gar nicht.

Er blieb indessen bis zum Ende des Jahres in der Zeichenclasse.

Um seinen Tag nützlich zu verwenden und ihn eine Arbeit zu lehren, schickte man ihn zu einem Bildschnitzer.

Dieser Bildschnitzer machte hauptsächlich für die Tischler jene großen Schränke mit Tauben, welche die Bürger und die reichen Leute der Normandie ihren Kindern, wenn sie dieselben verheirathen, als Symbole der Zärtlichkeit und der Einigkeit geben.

Der Knabe griff ziemlich gut bei der Bildschnitzerei an.

In Folge hiervon, da es zwei Curse gab, einen für die Sculptur, einen für das Zeichnen, ließ man am Neujahr den kleinen Etienne vom Zeichnen zur Bildnerei übergehen.

Dieser Bildnercursus wurde von einem Italiener geleitet, einem Manne von vierzig bis fünf und vierzig Jahren, der sehr schön und besonders voll artistischer Würde: er trug den Kopf hoch und schüttelte von Zeit zu Zeit herrliche Haare; in seinen ganzen Wesen war etwas Großartiges, Poetisches, wie bei Francois Arago im Mannesalter.

Er war zugleich Bildner, Zeichner, Architekt und Musiker und hieß Odelli.

Er war nach Caen gekommen, um eine Kapelle der Jungfrau geweiht bei der St. Peterskirche auszuführen. Als die Kapelle vollendet war, machte ihm der Municipalrath den Antrag, in Caen als Professor der Sculptur und Architektur der Stadt zu bleiben.

Er nahm dies an.

Herr Odelli leitete also den Bildnercursus parallel mit Herrn Elouis, der den Zeichencursus leitete.

Wir sagen parallel, weil die zwei Säle parallel waren.

Am l. October 1823 erschien also der kleine Etienne in der Classe von Herrn Odelli.

»Woher kommen Sie?« fragte ihn dieser.

»Von Hause, mein Herr,« antwortete Etienne.

Der Herr Odelli lächelte.

»Das meine ich nicht; ich frage, ob Sie schon studirt haben.«

»Ich habe acht Mal den Zeichenunterricht von Herrn Elouis mitgemacht.«

»Kommen Sie mit mir.« »

Der Italiener führte den Knaben in ein Cabinet, wo die Cartons von Modellen waren, gab ihm einen Stich, der ein Bruchstück von einem antiken Capitäl vorstellte, und fragte:

»Fühlen Sie sich fähig, dies zu machen?«

»Ja, mein Herr,« antwortete entschlossen der Knabe.

»So kommen Sie morgen und nehmen Sie hier einen Platz.«

Und der Professor bezeichnete dem Knaben einen Tisch und einen Stuhl.

Ohne Zweifel wollte er, daß sein neuer Zögling seine Arbeit in der Einsamkeit ausführe, damit er, wenn Niemand da wäre, um ihn mit dem Bleistifte oder einem Rathe zu unterstützen, besser den Werth seiner Composition beurtheilen könnte.

Am andern Tage kam der kleine Etienne vor der bestimmten Stunde; sobald er aber dem Bilde gegenüber saß und in den Kampf mit der Schwierigkeit trat, fühlte er den Schweiß zu seiner Stirne steigen: er war vollkommen unfähig.

Zum Glück war er allein.

Da er die Zeichnung nicht copiren konnte, so machte er einen Abdruck davon.

Kaum hatte er diese Arbeit vollendet und gewisse Theile daran zu schattiren angefangen, als er die Thüre öffnen und wieder schließen hörte.

Er wagte es nicht, den Kopf zu drehen.

Tritte näherten sich ihm.

Er verhielt sich still.

Eine Hand legte sich aus seine Schulter.

Er wartete.

»Das ist sehr gut, mein Freund,« sprach die Stimme von Herrn Odelli, »vortrefflich im Gefühle!« »Komm Sie, ich will Ihnen etwas Anderes geben.«

Der Knabe fing nun erst an zu athmen.

Herr Odelli beschäftigte sich von diesem Augenblicke an ganz besonders mit dem kleinen Etienne. Und trotz der häufigen Schwänzereien des Knaben, trotz seiner Besuche bei den Seilentänzern an der Ostermesse, wurde er für den ersten Preis bestimmt.

Die Austheilung der Zeichen- und Sculpturpreise ist eine große Feierlichkeit in einer Provinzstadt. Der Maire ist da, der Municipalrath ist da, die Musik ist da, die Trommeln sind da.

Der Vater war auch da.

Man rief den kleinen Etienne auf.

Er trat vor, dem Weinen nahe, so sehr ergriff diese Feierlichkeit sein ganzes Herz. Der Maire verkündigte seinen Namen und umarmte ihn; der Beifall erscholl; die Musik spielte Où peut-on être mieux; die Trommeln wirbelten.

Der Knabe ging, mit seinem Lorbeerzweige in einer Hand, mit seiner silbernen Medaille in der andern, nach Hause an der Seite seines Vaters; da rief dieser, sich besinnend, plötzlich:

»Gut! und ich habe Herrn Odelli nicht gedankt.«

»Ah! das ist wahr.«

»Gehe nach Hause und erwarte mich.«

Der Knabe zog seines Weges trag der Rue des Carmes und der Vater kehrte nach dem Stadthause zurück.

Es war da dem Vater ein schlimmer Gedanke gekommen.

Herr Odelli wußte ihm Dank für das Gefühl, doch er gestand ihm, nach seinem Gewissen habe der kleine Etienne den Preis nur bekommen, weil kein Stärkerer da gewesen sei; er fügte indessen bei:

»Ah! wenn der kleine Mensch arbeiten wollte. . .«

»Wie!« rief der Vater, »er arbeitet also nicht?«

»Er arbeitet, gewiß, bei Gott« . . . es muß wohl Jedermann arbeiten; doch er könnte mehr arbeiten.«

»Was macht er denn?«

»Ah! fragen Sie das die Reiter vom Circus oder die Seiltänzer vom großen Platze, für die er Costümzeichnungen macht.«

»Sehen Sie, der Bursche! Man hat mir das gesagt . . . Er soll es mir bezahlen!«

»Aber, mein Herr, heute . . .«

»Ah! es gibt kein heute. Zum Glück weiß ich, wo er zu finden ist . . . seien Sie unbesorgt.«

Und der Vater lief nach der Rue des Carmes.

Der Knabe war beschäftigt, seinen Lorbeerzweig zwischen dem Carabiner und den Pistolen seines Vaters durchzuschlingen.

Der Vater kam nach Hause und sah denjenigen, welchen er suchte, auf einem Gerüste hockend, das er sich aus dem Mahagonitische und einem Stuhle gemacht hatte.

Er nahm sein Lineal, das er hinter seinem Rücken verbarg, und näherte sich dem Tische.

Doch der Knabe hatte gesehen, was er gemacht, und zwar nicht ohne Bangigkeit.

»Vater.« sagte der Knabe, »siehst Du wo ich meinen Lorbeerkranz angebracht habe?«

»Seht gut. Steige herab.«

»Wozu?«

»Du wirft es erfahren, wenn Du auf dem Boden bist.«

»Aber, Vater . . .«

»Steige herab.«

»Aber, Vater . . .«

»Wirst Du herabsteigen!«

»Hier bin ich, Vater.«

Der Vater packte ihn beim Kragen seiner Jacke, schlug ihn mit dem Lineal auf die fleischigen Theile und rief:

»Ha! Kerlchen!«

»Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekommen! . . . Aie!«

»Ha! Faulenzer!«

»Aber, Vater, ich habe den großen Preis bekommen . . . Aie! aie!«

»Ich will Dich Deine Zeit mit den Reitern verlieren lehren!«

»Aber, Vater, da ich den großen Preis bekommen habe . . . Aie! Aie! aie!«

In demselben Augenblick hörte man, als sollte sie diese Ausrufungen im Tenor begleiten, eine Trommel rasseln.

Dann rief eine Baßstimme:

» . . . Um die Ehre zu haben, Herrn Etienne zu begrüßen, der den ersten Sculpturpreis der Stadt Caen erhalten hat.

Rantamplan. – rantamplan, – rantamplan.

Der junge Belorbeerte vergaß nie dieses Ständchen und die seltsame Position, in der er sich befand, als es ihm gegeben wurde.

Er hegte indessen keinen Groll gegen Herrn Odelli.

Wie der Vater, wenn er eine Correction in der Art derjenigen, welche der Belorbeerte empfangen, ertheilte, bei jeder Erneuerung: »Es ist für Dein Wohl, für Dein Wohl, für Dein Wohl!« zu wiederholen pflegte, so hatte das Kind die Gewohnheit angenommen, dieselben Worte zu wiederholen; und es besaß ein solches Vertrauen zu der Correctiven Gerechtigkeit seines Vaters, daß es, wenn die Gevatterinnen zu ihm sagten: »Nun! Dein Vater hat Dich geschlagen, Etienne?« nur antwortete:

»Es ist für mein Wohl!«

Die Prügelsuppe trug ihre Früchte: der Knabe ging mit größerem Eifer zur Arbeit. Es kam die Ostermesse.

Sie kehrte alle Jahre wieder, und sie währte vierzehn Tage officiell und vierzehn weitere Tage geduldet.

Zum Unglück hatte der Vater den außerordentlichen Dienst.

Welch eine schöne Gelegenheit, um als Kunstreiter oder als Seiltänzer zu debutiren!

Der junge Mann fing mit der Equitation an.

Etienne erreichte eben das sechzehnte Jahr: er war schon groß wie Vater und Mutter, zu groß für die stehende Arbeit.

Man verwandte ihn beim Voltigiren.

Während er nun über ein Pferd zu springen versuchte, hing sich sein Fuß am Kreuze an, und er fiel auf der andern Seite auf den platten Bauch.

Dieser einzige Sturz genügte, um den jungen Reiter von der Equitation zu heilen, wie eine einzige Fahrt auf dem Wachschiffe genügt hatte, um den Seemann vom Meere zu curiren.

Er ging in die Bude nebenan.

Sie gehörte dem großen Gringalet von Rouen, das heißt, einer der Provinzcelebritäten jener Zeit.

Drei Tage hinter einander figurirte er in einer Pantomime als Brautdiener. Er beseitigte die Blumengewinde am Hause der Braut.

Alles dies brachte ihn ein wenig von der Sculpturschule ab.

»Was Teufels machen Sie denn mit Ihrer Zeit?« fragte Herr Odelli.

»Mein Herr,« erwiederte der Komödienlehrling, »mein Meister beschäftigt mich damit, daß er mich Arbeit ausfragen läßt.«

»Ah!«

Eines Tags wiederholte Herr Odelli zum zehnten Male dieselbe Frage, und zum zehnten als erhielt er dieselbe Antwort.

»Nun! Wohl!« sagte der Professor, der vielleicht etwas vermuthete und zu seinem Schmerz einen Zögling voller Anlagen sich von ihm entfernen sah; »nun wohl! das erste Mal. wo man Sie wieder Arbeit austragen heißt, lassen Sie mich doch diese Arbeit sehen, damit ich durch mich selbst beurtheile, was Sie machen, wenn ich nicht da bin, um Sie zu leiten.«

Es war nicht möglich, zurückzuweichen, überdies hatte die Messe ihr Ende erreicht, und Kunstreiter und Seiltänzer waren abgezogen.

Das erste Mal, da der junge Mann, – denn die Zeit schritt weiter und allmälig wurde der kleine Etienne zum jungen Manne, – das erste Mal, da der junge Mann ausging mit einem Schrankaufsatze zwei Tauben vorstellend, die sich in einem Myrtenkranze schnäbelten, brachte er diese Schnitzarbeit Herrn Odelli.

Herr Odelli schaute die zwei Tauben aufmerksam an und rief nach einem Augenblick:

»Das ist abscheulich!«

»Sie finden?« fragte der Schüler.

»Sie dürfen nicht einen Tag länger bei einem solchen Pfuscher bleiben.«

»Was soll ich dann thun.?«

»Sie müssen nicht mehr zu ihm gehen.«

»Der Vater will aber, daß ich zu ihm gehe.«

»So lassen Sie sich von Ihrem Meister vor die Thüre werfen.«

»Wirft mich mein Meister vor die Thüre, so wird mich mein Vater schlagen.«

»Lassen Sie sich schlagen.«

Diese Antwort dünkte dem jungen Manne heroisch; sie erinnerte ihn an das: Schlage aber höre! Des athenieusischen Feldherrn. Nur war es Themistokles selbst, den man schlug, und nicht sein Nebenmensch, was der Antwort etwas Großartigeres gab.

Der junge Mann dachte nichtsdestoweniger über das: Lassen Sie sich schlagen!nach.

Eines Tags erschien er bei seinem Meister, entschlossen, Allem Trotz zu bieten.

Es ist vielleicht wesentlich, zu sagen, was ihm am Tage vorher begegnet war, und was ihm den Muth gab, der väterlichen Ruthe zu trotzen.

IV

Taufe und Weihe von Etienne

Man vernehme, was sich am vorhergehenden Tage ereignet hatte.

Am Tage vorher, – als er müßig herumschlenderte. – wir haben zugestanden, daß der junge Etienne viel herumschlenderte, – als er am Tage vorher auf dem Komödienplatze herumschlenderte, von fern das Monument, von nahe die Anschlagzettel anschaute, sah sich der Zögling von Herrn Odelli vor einem Gäßchen, das zwischen einer von den Seitenfacen des Theaters und einem Klumpen Häuser durchlief.

Er trat in das Gäßchen ein; Alles dies, begreifen Sie wohl? einzig und allein in Absicht, sich an, Steinen zu reiben, welche Komödie spielen hörten.

Sie kennen das Sprichwort: »Die Wände haben Ohren.«

Links fand der junge Etienne einen Eingang so düster wie der der Höhle von Ali Baba.

Schlüpfriger Boden, feuchte Wände, Wassertropfen diamantene Rinnen die Mauern entlang ziehend nichts fehlte.

Der Hausmeister. der sich gewöhnlich hier aufhielt, war nicht da.

Der schwarze Rachen der Höhle schien ihn verschlungen zu halten.

Der junge Mann wagte es, drei Stufen hinabzusteigen, dann zwanzig hinauf, wobei er das Licht hinter sich ließ und sich bei jedem Schritte, den er machte immer mehr in die dichteste Finsternis vertiefte.

Oben auf der Treppe drückte er eine Thüre auf: diese Thüre ging auf die Eingeweide des Ungeheuers.

Nie warf Jonas im Bauche des Wallfisches einen so erstaunten Blick auf den Rückgrath, auf die Rippen, ans die Blase, welche so groß wie ein Ballen Godard, und auf die fünfhundert Fuß dünner Gedärme, als dies unser junger Mann, das Lampengestell, die Träger mit den eisernen Sprossen, die vom Plafond herabgebenden zahllosen Fäden und die Riesenthüre, durch welche die Coulissenrahmen herein kommen, anschauend that.

Er ging Schritt für Schritt in dieser Finsternis und in dieser Einsamkeit und trat so leicht, als er konnte, auf, um kein Geräusch zu erregen, als er fühlte, wie sich eine breite, mächtige Hand auf seine Schulter legte.

Er glaubte unter die Klauen eines Riesen gefallen zu sein.

Erschrocken wandte er sich um; dann gab er plötzlich einen Schrei des Erstaunens, an dem die Freude ihren guten Theil hatte, von sich und rief:

»Sie da, Herr Aubin der Aeltere!«

So nannte man, um ihn von seinem jüngeren Bruder zu unterscheiden, den älteren von den Söhnen eines Bildhauers, der sein Magazin auf dem Komödienplatze hatte.

»Nun, ja.« antwortete Aubin, »ich bin es . . . was dann?«

»Was dann? Es freut mich sehr, daß Sie es sind.«

»Warum?«

.Weil Sie mich nicht vor die Thüre werfen werden.«

»Vor welche Thüre?«

»Vor die Thüre des Theaters.«

»Du hattest bange, man könnte Dich vor die Thüre werfen?«

»Gewiß.«

»Interessirt es Dich, ein Theater zu sehen?«

»Im höchsten Grade. Seit ungeheuer langer Zeit gelüstet es mich hiernach.«

»Du möchtest gern Schauspieler sein?«

»Ah! Herr Aubin, ich glaube wohl, daß ich das sein möchte.«

»Wer hält Dich davon ab?«

»Der Vater! Wenn Sie wüßten, wie er mich geprügelt hat, als er hörte, ich habe in der Pantomime von Gringalet von Rouen gespielt!«

»Und trotz der Schläge hast Du den Beruf behalten.«

»Meine Neigung ist stärker als je. Ich glaube, ich werde rasend, wenn ich nicht eines Tags Schauspieler bin.«

»So komm hierher. «

»Hier bin ich, Herr Aubin.«

»Knie’ nieder.«

»Wozu?«

»Knie’ nieder.-«

»Ich kniee.«

»Warte.«

Er nahm einen Tümmler voll Oel.

»Im Namen von Talma, Garrick und Roscins taufe ich Dich zum Schauspieler,« sprach er zu dem jungen Mann.

Und er goß ihm den Tümmler Oel auf den Kopf.

»Ah! was machen Sie denn, Herr Auhin?«

»Es ist nun nicht mehr zu widerrufen: Du bist zum Schauspieler getauft; Du wirst unter jeder Bedingung Schauspieler sein.«

Er war mehr als getauft, er war geweiht.

Das hatte sich am vorhergehenden Tage ereignet; das war die sibyllinische Wahrsagung, die dem Schüler von Herrn Odelli den Muth gab, sich von seinem Bildschnitzer wegjagen zu lassen.

Am andern Tage, gegen neun Uhr Morgens, hieß man ihn zwei geschnitzte Tauben zum Tischler tragen.

Reichlich berechnet, brauchte man eine Viertelstunde, um hin- und herzugehen.

Etienne blieb heldenmüthig drei und eine halbe Stunde aus.

Er kam Mittags um drei Viertel auf ein Uhr zurück.

»Woher kommst Du, Faulenzer ’s« fragte der Meister.

»Woher ich komme?«

»Ja, das frage ich Dich.«

»Ich komme, woher es mir beliebt.«

»Wie, woher es Dir beliebt?«

»Nicht anders!«

»Ah! so antwortest Du mir?«

»Sie mußten mich nicht fragen, dann hätte ich Ihnen auch nicht geantwortet.«

Hätte der Meister einen Spiegel vor sich gehabt, so würde er sich darin angeschaut haben, um zu sehen, ob er wohl wache.

»Du willst also vor die Thüre gesetzt werden?«

»Oh! man braucht mich nicht vor die Thüre zu setzen; ich werde mich allein davor setzen.«

»Warte, warte, kleiner Schlingel!«

»Vor Allem heiße ich nicht kleiner Schlingel, sondern Etienne Marin.«

»Du unterstehst Dich, so zu reden, Schuft?« rief der Meister.

Und er hob zwei angefangene Tauben auf, um sie dem Knaben an den Kopf zu werfen.

Der Knabe flüchtete sich über einen Werktisch und war in einem Nu vor der Thüre.

»Ah! das soll Dein Vater erfahren . . . »Warte! Warte!«

Hiernach setzte der Bildschnitzer seine Mütze auf, zog seine Schürze aus, schlüpfte in seinen Rock und schlug in Geschwindschritt den Weg nach der Rue des Carmes ein.

Da half kein Widerruf. Die Prügeleinnahme war sicher, es handelte sich nur um das Mehr oder Weniger.

So stoisch der Schüler von Herrn Odelli auch sein mochte, es war doch ganz einfach, – angenommen, daß eine Wahl zu treffen und Freiheit in der Wahl war. – es war einfach, daß er das Minder zum Nachtheil des Mehr wählte.

Der Vater hatte eine Nachtrunde zu machen. Gewöhnlich ging der Vater zu seiner Nachtrunde um sieben Uhr Abends aus und ließ den Schlüssel unter der Thüre, damit ihn der Knabe, von Herrn Odelli zurückkehrend, finden könnte.

Die ganze Frage war, die Rückkehr erst nach acht Uhr zu versuchen; der Vater würde seit einer Stunde weggegangen sein; der Säumige hätte die ganze Nacht vor sich.

Etienne ging bis um acht Uhr spazieren.

Um acht Uhr wandelte er nach der Rue des Carmes.

In dein Augenblick, wo er, an den Mauern hinschleichend, die Thüre erreichte, öffnete sich diese, und der Vater erschien, den Carabiner auf der Schulter, die Pistolen im Gürtel, den Säbel an der Seite und die Marsellaise trällernd.

Der junge Mann blieb verdutzt und gleichsam an die Wand geklebt stehen.

Nachdem er zwei Schritte gemacht, erblickte ihn der Vater, er zog seinen Säbel und schrie:

»Ha! Schuft, Du bist da!«

Der Knabe stürzte in den Gang, doch der Vater stürzte ihm nach.

Auf der ersten Stufe der Treppe holte er ihn ein, und er schlug auf ihn mit dem flachen Säbel.

Er geleitete ihn so immer schlagend bis zum dritten Stocke.

Es war nicht möglich, weiter zu gehen: hier endigte die Treppe.

Der arme Geschlagene sah sich genöthigt, anzuhalten und sich seiner Strafe zu unterziehen.

Sie war lang und streng

Am andern Tage, Morgens um acht Uhr, kam Etienne bleich und ganz gerädert von Schlagen bei Herrn Odelli an.

Herr Odelli brauchte keinen Blick auf ihn zu werfen, um zu begreifen, was vorgefallen.

»Ah!« sagte er, »es scheint, es ist vorbei!«

»Ja, mein Herr,« antwortete mit kläglichem Tone der Schüler.

Es war von nichts mehr die Rede.

Ein ganzes Jahr lang blieb der junge Mensch noch die Sculptur studirend bei Herrn Odelli; er schwänzte aber immer wieder die Schule den Theatern, den Kunstreitern und den Seiltänzern zu Liebe.

Was ihm eine so unberechenbare Anzahl Prügel von seinem Vater eintrug, daß er, um welchen Preis es auch sein möchte, in der Hauptstadt Kunst zu treiben beschloß.

Haben die Menschen ihren Platz in der Zukunft bezeichnet, so ist immer eine Vorsehung da, welche im gegebenen Augenblick einen Menschennamen entlehnt, den Auserwählten bei der Hand nimmt und führt, wohin er gehen will.

Die Vorsehung des jungen Mannes nahm den Namen Herr Lair an.

Herr Pierre Aimé Lair war Präfecturrath. Er war einer von den Männern, welche so kostbar für die Provinzstädte zweiten Ranges, weil sie sich an die Spitze des Fortschrittes stellen und allen Verbesserungen die Hand bieten.

Sagen wir, was in physischer und moralischer Hinsicht Herr Pierre Aimé Lair war, den die Stadt Caen vor zwei Jahren zu verlieren das Unglück gehabt hat.

In physischer Hinsicht war er ein Mann von mittlerem Wachse, braun, mager, blatternarbig, immer sehr gut rasirt, was den unteren Theil seines Gesichtes kobaltblau machte, seine Tracht war die eines zurückgebliebenen Provinzbewohners, wodurch indessen seiner großen natürlichen Distinction durchaus kein Abbruch geschah: er trug gewöhnlich einen blauen Rock, eine weiße Weste, Nankinbeinkleider im Sommer, eine Tuchhose im Winters er zog selten Stiefel an, und wenn er keine hatte, so trug er, von welcher Farbe auch seine Beinkleider sein mochten, unabänderlich blaue Strümpfe.

In moralischer Hinsicht war er ein Mann von so vollkommener Freundlichkeit und Höflichkeit, daß er in seinen Manieren etwas vom Prälaten hatte. Diese außerordentliche Einigkeit diente bei ihm als Hülle für eine mächtige Energie.

Eines Tags, als er bekleidet mit dem königsblauen und hellblau gestickten Fracke eines Präfecturrathes, mit seinen Nankinhosen, seinen blauen Strümpfe, das Kinn frisch rasirt und umrahmt von einer weißen Halsbinde, der Ziehung der Conscription beiwohnte, zog ein armer normannischer junger Mensch die Nummer 1. Der junge Mann hatte keinen Befreiungsgrund und es war also sehr wahrscheinlich, daß er abgehen mußte; seine Mutter, die sich in einem Winkel vom Saale des Rathhauses befand, erhob auch ein gewaltiges Geschrei.

Dieses Geschrei berührte unangenehm das Trommelfell des bei der Ziehung anwesenden Generals.

»Laßt die Schreierin abtreten!« rief er mit lauter Stimme.

Eine solche Brutalität empörte Herrn Lair, und er sagte mit seinem sanftesten, artigsten Tone:

»Ah! General, ehren Sie den Schmerz einer Mutter.«

Ein Gemurmel des Beifalls folgte auf die Worte von Herrn Lair mit der eisigen Stille contrastirend, welche auf die des Generals gefolgt war.

Die von Seiten von Herrn Lair höfiche Lection war streng von Seiten des Publicums geworden.

Der General, der sich nicht an das Publikum halten konnte, hielt sich an Herrn Lair.

Er warf seinen Kopf an die Lehne seines Stuhles zurück, um mit seinem hinter ihm sitzenden Adjutanten sprechen zu können, und fragte ihn, laut genug, um von allen denen, welche ihn umgaben, und folglich auch von Herrn Lair selbst gehört zu werden:

»Sagen Sie doch, mein Lieber, wissen Sie den Namen von diesem Herrn mit seinem blauen Kinn, seinem blauen, blau gestickten Rocke und seinen blauen Strümpfen?«

Der Adjutant lachte auf eine sehr angenehme Weise über diesen Witz seines Generals.

Herr Lair veränderte sein Gesicht nicht im Mindesten. Jedermann wandte sich gegen ihn um: er allein schien nicht gehört zu haben.

Nur, als die Ziehung vorüber war, näherte er sich dem General und sagte zu ihm mit der Höflichkeit, von der er, selbst wenn er gewollt hätte, nicht abzulassen im Stande gewesen wäre:

»Mein Herr, Sie wünschten, wie es schien, meinen Namen zu wissen, da Sie Ihren Herrn Adjutanten gefragt haben, der Ihnen denselben nicht nennen konnte. Ich will dies thun: ich heiße Pierre Aimé Lair.«

»Sehr erfreut,« erwiederte der General.

»Was nun die Revue betrifft, die Sie meine Person und meine Tracht passiren zu lassen mir die Ehre erwiesen, so ist sie vollkommen genau, jedoch Eines ausgenommen.«

»Was, mein Herr?«

»Ei! den Degen, den ich an der Seite trage, und dessen Spitze ich Sie fühlen zu lassen hoffe, wo und wann es Ihnen beliebt, General, damit Sie denselben ein andermal nicht vergessen.«

So leise sie auch gesagt war, die Herausforderung wurde gehört; man legte sich ins Mittel. Es war ein Zu schlechtes Beispiel, einen General und einen Präfecturrath sich schlagen zu sehen. Das Duell fand nicht statt.

Zehn Jahre später, in einem Alter von fünfzig Jahren, hatte Herr Lair die Idee, eine Reise durch Frankreich zu machen. Er war eines der ausgezeichnetsten Mitglieder der Gesellschaft der Alterthumsfreunde der Normandie, und die Reise, die er unternahm, hatte besonders archäologische Studien zum Zwecke. An einem schönen Morgen ging er zu Fuß ab, er macht seinen Stock mit dem goldenen Knopfe in der Hand sechs, acht bis zehn Meilen am Tage und reiste so ein Jahr oder achtzehn Monate.

Zum Glück für den Schüler von Herrn Odelli, war er aber im Jahre der Gnade 1826 nicht auf der Reise.

Er besuchte oft die Zeichenschule, plauderte liebevoll mit den Zöglingen, besonders mit denjenigen welche Hoffnungen gaben, und unter diesem Titel war er mehrere Muse vor dem jungen Etienne stehen geblieben und hatte verschiedene Fragen über seine Hoffnungen und Wünsche an ihn gerichtet.

Der junge Mensch hatte hingesagt, seine Hoffnungen und seine Wünsche vereinigen sich in einem Trachten: nach Paris gehen.

Herr Lair vermuthete wohl, eines der Hindernisse der Reise sei der Mangel der für den jungen Reisenden nothwendigen Summe.

Eines Tages sagte er zu ihm:

»Vor Ihrem Abgang, mein Kind, wünschte ich einige von Ihren Studien zu kaufen.«

Am andern Tage war er in der Rue des Carmes; er hatte den Augenblick erwählt, wo der Vater unfehlbar da sein mußte. Er sprach lange von den Anlagen des jungen Menschen, von der Nothwendigkeit, in er sich befinde, seine Studien bald in Paris zu verfolgen, kaufte einen Kopf von Seneka und einen Kopf von Cicero, und bezahlte zwanzig Franken für jeden, ferner einen Fuß und eine Hand von riesigen Formen, jedes Stück von ihm zu zehn Franken geschätzt.

Der junge Mann hatte sechzig Franken Taschengeld.

Vor einer Autorität wie die von Herrn Laie, der Paris rieth, wagte es der Vater nicht, eine Einwendung zu machen. Er kaufte einen Koffer, ließ eine vollständige Schelfe machen. – wir bedienen und der Ausdrücke, deren er sich bediente. – legte genannte Schelfe aus ein Dutzend Hemden, die den Grund des Koffers bildeten, completirte die hundert Franken, bezahlte den Platz auf der Diligence und führte seinen Sohn, stoisch wie ein Spartaner, zum Wagen.

Etienne weinte viel. In dem Augenblick, wo er sich von seinem Vater trennte, vergaß er die zahlreichen Correctionen, die er von ihm empfangen hatte, oder in die Tiefen seines Gewissens hinabsteigend, sagte er sich vielmehr, diede Correctionen seien rechtmäßig gewesen.

Der Vater blieb felsenfest.

Der Postillon ließ seine Peitsche knallen; der Wagen gerieth in Bewegung, und die schwerfällige Maschine ging in starkem Trabe ab, ein Gang, den sie behielt, so lange sie in der Stadt rollte. Halb traurig, halb freudig- – um gerecht zu sein, müssen wir sagen, mehr freudig, als traurig, – hatte der junge Mann die ersten Schritte zur Nachwelt gemacht.

Da wir mit ihm abgereist sind, so wollen wir auch zugleich mit ihm ankommen.

Wer sagt und, die zukünftigen Talma, Garrick und Roscins, – man erinnert sich, der junge Mann war unter diesem dreifachen Patronat getauft worden, – werden nicht eine Lehre, in artistischer oder in philosophischer Hinsicht, in dem Vagabundenleben finden, das wir zu erzählen versuchen?

V

Ankunft in Paris. – Das Theater der Porte Saint-Martin. – Das Hotel von Madame Carré. – Die Miethsleute. – Die Schlafkameraden. – Hippolyte. – Der Bildhauer der Madeleine. – Eine Vorstellung von Freunden. – Die polnischen Röcke. – Engagement für die Provinz. – Der Vater Duma noir. – Seine Cassette. – Ferdinand der Kosak. —

Unser Held kam um fünf Uhr in Paris an, stieg um sechs Uhr in der Rue Notre-Dames des Victoires aus, ließ sein Gepäck im Bureau und lief, da es ihn drängte, Paris zu sehen, gerade vor sich hin, ohne zu wissen, wohin er ging.

Nach zehn Minuten eines wahnsinnigen Laufes, so sehr war er berauscht von all diesem armen von Menschen und Wagen, befand er sich vor einer Art von Monument.

»Halt, ein Theater!« rief er.

Und er blieb stehen, entschlossen, für diesen Abend nicht weiter zu gehen.

Er hatte nicht zu Mittag gegessen; er kaufte einen Krapfen, verzehrte ihn bis auf das legte Krümchen, und trat ins Theater ein.

Man denke sich die Freude des jungen Mannes!

Er war in diesem so sehr ersehnten Paris; er war in einem Schauspielsaale, ohne daß er bei seiner Rückkehr nach Haue gezankt oder geschlagen zu werden befürchten mußte. Acht der arme Knabe, er satte schon keine Heimath mehr, und er hatte hundert Franken in seiner Tasche!

Hundert Franken! das ist, um damit eine Mühle am Paktalos, einen Palast im Eldorado zu bauen.

Eine Viertelstunde vor Mitternacht ging das Schauspiel zu Ende.

Unser Held entfernte sich mit den andern Zuschauern, nur war er vielleicht der Einzige, der nicht wußte, wo er schlafen gehen sollte.

Er beschloß sich dem Zufall zu überlassen; der Zufall hatte ihn nach der Porte Saint-Martin geführt, Der Zufall würde ihn wohl zu einem Wirtshause führen.

Er schlug die erste Straße rechts ein.

Nach ungefähr dreihundert Schritten befand er sich am Ende er Rue Saint-Jean, und er erblickte ein Transparent, auf welchem geschrieben stand:

Hotel Carré
Man übernachtet

Etienne trat ein, verlangte ein Zimmer und ein Bett.

Zum Glück hatte er seinen Paß bei sich, sonst hätte ihm der Mangel an Koffer, Felleisen oder Nachtsack von Nachtheil sein können.

Der Paß wurde gelesen und als gut anerkannt; der Reisende ließ seine neunzehn Fünffrankenstücke in Einer Tasche klingen: eines war schon seit seiner Angst verschwunden, man ab ihm mit allen Arten von Rücksichten das verlangte Zimmer und Bett.

Man war nicht gewohnt, Reisende ein Zimmer und ein Bett für eine einzige Person verlangen zu sehen.

Das Hotel war von Bildhauern, Ornamentisten und Malern bewohnt; die Gäste von Madame Carré – denn obgleich es einen Herrn Carré gab, pflegte man doch zu sagen: das Hotel von Madame Carré, – die Gäste von Madame Carré trieben im Allgemeinen die Sparsamkeit unter dem Vorwande der Brüderlichkeit so weit, daß sie zu zwei schliefen.

Schon am Tage nach seinem Einzuge, als der Bildhauer-Jüngling sich beklagte, daß man von ihm die ungeheure Summe von fünfzehn Sous für das Zimmer und das Bett forderte, machte man ihn bekannt mit den Gewohnheiten des Hauses; es stand ihm frei, einen Stuben- und Bettkameraden zu nehmen; dann würde ihn seine Hälfte am Zimmer und am Bett für seinen Theil zehn Franken sieben Sous monatlich kosten.

An demselben Tage stellte man bei Tische dem Neuaugekommenen einen Gefährten vor, der sich in derselben Lage befand wie er, das heißt, der auch eine Stuben- und Betthälfte suchte.

Dieser Kamerad» hieß Hippolyte und war Porzellanmaler.

Die zwei Atome hingen sich an einander an und sind noch heute zwei Freunde.

Etienne wollte seine Zeit nicht mit dem Herumschlendern verlieren; er ließ seinen Koffer holen, zog die Schelfe des Vaters an und begann unverzüglich seine Besuche bei den Unternehmern.

Der Erste, an den er sich wandte, hieß Herr Bochard

Herr Bochard war Unternehmer der Sculpturen der Madeleine.

Er sprach einen Augenblick mit dem jungen Manne, und da ihm sein Ton und seine Manieren gefielen, so fragte er ihn:

»Aus welcher Provinz sind Sie?«

»Ich bin Normann.«

»Von welcher Stadt?«

»Von Caen.«

»Ich vermuthete es.«

»Warum?«

»Sie haben eine normannische Hand; die Normannen sind im Allgemeinen geschickt; nehmen Sie morgen früh Ihr Werkzeug und gehen Sie nach der Madeleine; Sie werden sich unter Bekannten finden.«

Am anderen Tage, Morgens um acht Uhr, war der junge Mann in der Madeleine.

Die Ornamentisten waren bei der Arbeit.

»Ah!« rief einer von ihnen, »das ist mein Pathe!«

»Wie, Dein Pathe?«

»Ja, ich habe dieses Bürschchen im Theater in Caen mit Lampenöl getauft; komm hierher, Talma!«

Etienne näherte sich dem Sprechenden und erkannte in ihm Aubin den Aeltern.

Bei ihm war sein Bruder.

Die zwei Aubin nehmen heute ihren Rang unter den ersten Ornamentisten von Paris ein.

»Auf, eine Tirade!« sagten die Bildhauer.

Der Ankömmling legte sein Werkzeug nieder, setzte die linke Faust aus die Hüfte, rundete den rechten Arm und begann:

»N’en doutez pas, Burrhus, malgré ses injustices . . .«

Das Auftreten von Nero wurde von einem Beifallssturm bedeckt. Talma war gestorben und sein Nachfolger gab die schönsten Hoffnungen.

Mittlerweile mußte man den Meißel und den Hammer nehmen. Der zukünftige erste Held des Théâtres-Francais band eine Maske mit Brille vor, damit ihm die Steinsplitter das Auge nicht verletzten, und griff ein Capitäl an.

Hier war die Arbeit, doch bei der Mutter Carré war die Erholung. Jedermann sprach Verse bei der Mutter Carré: Maler, Bildhauer, Ornamentisten. Hippolyte, der Kamerad von Etienne, war besonders theaterwüthend.

Man wollte um jeden Preis Komödie spielen.

Man war darauf bedacht, ein Stück einzurichten.

»Was sollte man spielen?

Die Wahl fiel auf Eine einfache Geschichte von Eugene Scribe.

Etienne lernte die erste Rolle, Hippolyte die des Liebhabers, und man probirte auf dem Theater der Rue de Lesdiguières.

Es kam der Tag der Vorstellung. Den zwei jungen Leuten, Etienne und Hippolyte, wurde die Ehre des Abends zu Theil.

Allen Vorstellungen, welche aus dergleichen Theatern gegeben werden, wohnen Leute bei, die man Veranstalter nennt.

Einer von diesen Veranstaltern machte den Liebhabern den Vorschlag, vor einem bezahlenden Publikum zu spielen.

Solche Vorstellungen bieten den Vortheil, daß man nach ein paar Successen ein Engagement findet.

Allerdings ein Provinzengagement. Doch der Mann, der an seine Tasche klopfend spricht: »Ich habe hier mein Engagement!« ist sehr stolz und besonders sehr geachtet.

Ueberdies braucht er nicht zu sagen, für welche Stadt sein Engagement ist.

Alle diese Partieen förderten die Sculptur aus festem Stein und die Malerei auf Porzellan nicht sehr.

Doch das that einen Schritt zur Komödie.

Es können nicht alle Künste zugleich vorwärts schreiten.

Zu jener Zeit, nämlich im Jahre 1827, versammelten sich die Künstler, welche von der Provinz zurückkamen, besonders in der Rue des Vieilles-Etuves, im Café des Comédiens.

Dort warben die Direktoren ihre Truppe an.

Man trug damals viel polnische Röcke.

Jeder Trial, jeder Martin, jeder Elleviou hatte seinen politischen Rock.

Der Ehrgeiz unserer zwei jungen Leute war, einen polnischen Rock zu haben, – wohl verstanden, nicht zwei politische Röcke: zwei polnische Röcke kosten das Lösegeld eines Königs! aber einen polnischen Rock für zwei, wie sie ein Zimmer für zwei, ein Bett für zwei hatten.

Sie würden Einer um den Andern ins Kaffeehaus gehen und so das Ansehen haben, als besäße Jeder einen polnischen Rock.

Die Schelfe des Vaters, welche nur drei bis viermal angezogen worden war, wurde zu einem Trödler getragen und gegen einen polnischen Stock vertauscht, der nur acht bis zehnmal angezogen worden, wie der Trödler selbst sagte.

Im Ganzen war genannter polnischer Rock von königsblauem Tuch, mit schwarzen Borten und Schnüren und einem Besatze von Astracan am Kragen und an den Vorderärmeln noch ziemlich präsentabel.

Er brachte aus dem Rücken von Etienne am ersten Tage und aus dem von Hippolyte am zweiten eine entsprechende Wirkung hervor.

Zum Beweise dient, daß Beide mit Herrn Dumanoir, Director der dritten französischen Truppe des ersten Theaterarrondissement, das französische Flandern umfassend, einen Vertrag abschlossen.

Man begreift, daß während dieser Zeit die Madeleine sich selbst vollendete.

Der Director war im Rückstande; er drängte auch seine Pensionäre ungemein.

Man ging zu Fuß ab; ein Wagen mit den Weibern und dem Gepäcke beladen folgte den Zigeunern oder fuhr ihnen voran.

Werfen wir einen Blick auf die Karavane, die sich munter aus der Straße nach Amiens. bei einer schönen Sonne des Monats Mai, ausdehnt.

Wir haben auch, wie Scarron, unser Kapitel vom komischen Roman zu machen.

Der wirkliche und privilegirte Director, – wir sagen, der wirkliche und priviligirte Director, weil wir sogleich von der Usurpation des Regisseur zu sprechen haben, – der wirkliche und privilegirte Director hieß, wie gesagt, Herr Dumanoir.

»Herr Dumanoir war eine Art von altem Marquis, ein ehemaliger Schöner des Directoriums, der in den Tuilerien und im Luxembourg pirouettirt hatte in der Nankinhose, woraus Bänderwogen, mit grün gestreiften Strümpfen, Schnallenschuhen, zwei Uhrketten, einer Basinweste, einem apfelgrünen Frack, einer sehr hohen Halsbinde von Batist, den Chignon oben auf dem Kopfe durch einen Kamm festgehalten, den Hut rückwärts und das Stückchen unter dem Arm.

In der Zeit. wo wir ihn zu der Würde eines Directors der dritten Truppe des ersten Arrondissement erhoben sehen. und wo er im Triumphe aus Paris auszog, war er ein Mann von sechzig Jahren, roh, dürr, mager, mit einem knochigen Körper, dessen hervorstehende Theile durch das Tuch eines Ueberrocks sichtbar wurden, der zu weit und, wir würden sagen, zu lang war, hatte man damals dieses Kleid nicht auf die Absätze schlagend getragen. Von seinem Kostume von 1798 hatte er nichts beibehalten, als den charakteristischen Theil, nämlich den Chignon. Sein ehemaliges Haupthaar, das die Bewunderung der schönen Damen der Zeit gebildet hatte, war unter dem Hauche der Jahre verschwunden und hatte dem Exincroyable nur einen Kranz oder vielmehr einen Halbkreis von Haaren, welche dicht im Genick, aber spärlich an den Schläfen, hinterlassen. Doch man weiß, welche Illusion ein Ueberrest gut angewandter Haare hervorbringen kann; die des Genicks waren in einer Flechte vereinigt, welche, ungefähr einem Krebsschwanze ähnlich, vom Hals gegen das Organ der Religiosität emporstieg, den Kreis des Schädels umfaßte und sich oben aus der Stirne abplattete.

Dabei war Herr Dumanoir der artigste Mann der Welt. Vor jeder Person, die ihn ansprach, zog dieser Mann, der doch alle mögliche Gründe hatte, bedeckt zu bleiben, seinen Hut ab, den er sodann zwischen seine Beine nahm; er ordnete mit seinen beiden Händen seine Haare, richtete sich in der ganzen Höhe seiner langen Gestalt auf und sagte:

»Was wünschen Sie, mein guter Freund?«

Unter Weges hielt er unveränderlich bei jedem Messerschmiedsmagazine, das er rechts oder links von der Straße traf, an, und er verweilte hier auf eine für seine Pensionäre beunruhigende Weise; sie hätten sich von ihm verlassen glauben können, wandten sich deshalb mit Besorgniß um, blieben von Zeit zu Zeit stehen, um auf ihn zu warten, und sahen ihn plötzlich am Horizont unter Staubwolken erscheinen, die seine langen Beine emportrieben.

Bemerken Sie wohl, daß er unter seinem Arme eine sehr schwere kleine Cassette, in Form eines Felleisens, trug; eine Cassette, die er nie verließ, so daß man denken konnte, wie die des Geizigen, habe die Cassette des Vaters Dumanoir Augen, und der Vater Dumanoir sei in diese Augen verliebt.

Eines Tags hatte er gegen seine Gewohnheit diese Cassette auf der Erde stehen lassen; einer von seinen Pensionären hob sie mit großer Mühe auf, stellte sie wieder an ihren Platz, schlug ein Entrechat und rief:

»Ueber sechzig Pfund, meine Herren, über sechzig Pfund!«

Und alle Welt klatschte in die Hände bei der glücklichen Kunde und bezeigte Herrn Dumanoir eine noch größere Hochachtung.

Woher rührten die unvorgesehene Freude und die zunehmende Hochachtung?

Es hatte sich unter der Truppe die Legende verbreitet, die Cassette des Vaters Dumanoir enthalte die Kasse und darum lasse er sie nie von sich.

War aber in dieser Cassette die Kasse und sie enthielt nur sechzig Pfund Silber, so lagen fünftausend neunhundert Franken in der Kasse, enthielt sie Gold, so waren es zweiundneunzigtausend Franken, was sie versprach.

Es war also ein Midas, ein Crassus, ein Rothschild, der Vater Dumanoir.

Nach dem Vater Dumanoir, wir müßten sagen vor ihm, kam der Oberregisseur der Truppe, – Herr Ferdinand.

Gewöhnlich nannte man ihn Ferdinand den Kosaken, weil genannter Ferdinand behauptete, er habe bei den Freicorps gedient und in den Jahren 1814 und 1815 ganze Horden an den Ufern des Dons geborener Unterthanen von Kaiser Alexander vertilgt.

Wie, weil er Kosaken vertilgt, nannte man ihn Ferdinand den Kosaken? Das erklärte er selbst schlecht, oder er erklärte es vielmehr gar nicht.

Doch es war eine Thatsache, und man zweifelt an einer Thatsache, man streitet über eine Thatsache, man ärgert sich über eine Thatsache, aber man erklärt sie nicht.

Das war so, weil es nicht anders war.

Abgesehen von der kleinen Cassette des Vaters Dumanoir, deren Inhalt man nicht kannte, war Ferdinand der Einzige, der ein wahres Gepäcke hatte.

Dieses Gepäcke war eine für einen Provinzschauspieler ziemlich gut ausgerüstete Garderobe.

Er hatte sich auch von der zukünftigen Einnahme den Theil des Löwen geschnitten.

Die wandernde Truppe gedachte das französische Flandern in Gesellschaft auszubeuten.

Man sehe, welche Stellung Ferdinand der Kosak vom Vater Dumanoir verlangt hatte:

I. Anderthalb Theile für sein Talent;

2. Einen ganzen Theil für seine Frau;

s. Einen ganzen Theil für seine Tochter;

a. Einen heil für seine Regie;

s. Endlich einen Theil für sein Costumesmagazin.

So dass der Vater Dumanoir auf einen einfachen Theil und alle Andere auf halbe Theile reducirt waren.

Was indessen alle diese halben Theile, wozu Etienne und Hippolyte, Männer und Frauen gehörten, nicht abhielt, lustig zu sein wie der Schuhflicker der Fabel, ehe er Glück gemacht!

Ach! der Reichthum war es nicht, was ihnen die gute jugendliche Heiterkeit benehmen sollte, die sie frei sich auf beiden Seiten der Straße nach dem Norden, unter den Strahlen der Maisonne,. sich entfalten ließen; nein, sie zogen durchs Land hin hüpfend und singend; die Einen schrieen wie die Elstern, die Andern sangen wie die Grasmücken. Diese blähten sich auf wie die Hähne, Jene rucksten wie die Turteltauben!

VI

Debuts der Truppe Dumanoir in Valenciennes. – Die Truppe von Herrn Bertrand genannt Zozo vorn Norden. – Etienne geht zu dieser letzten Truppe unter dem Namen Herr Gustave über. – Die kleine Bank, und die hohe Bank. – Das häusliche Leben der Zigeuner. – Rückkehr von Gustave zur Truppe Dumanoir. – Belgische Campagne. – Rückzug. – Mißgeschick. —

Man zog bis Valenciennes, indem diese ganze tolle Caravane, wie Horaz sagt, mit freiem Fuße auf die Erde stampfte, – Alles lachend und singend, und – außer Herrn Dumanoir. der sechzig Jahre alt war, und Ferdinand dem Kosaken, der vierzig zählte, – Alles dies jung wie der Frühling, in dessen Mitte die ganze Schaar ihren Aufschwung nahm.

In Valenciennes hielt man an. Man wollte das Terrain sondiren, kündigte eine Vorstellung an und «gab sie am andern Tag.

Als eines Tags Madame Dorval in Antwerpen auftrat, schickte sie mir, um mir einen Begriff von dem Eindruck zu geben, den sie auf die Landsleute von Jakob Artevelde hervorbrachte, eine Zeichnung, die Facade des Theaters vorstellend mit einer Menge Ratten, welche unter dem Peristyl Kämmerchen spielten, was besagen wollte, es sei keine Katze im Saal.

Etienne, der einen ersten Preis im Zeichnen und in der Sculptur erhalten, hätte seinem Vaters, welcher ihn so gut hierfür belohnt, eine Zeichnung vom Saale in Valenciennes in der Art von der schicken können, die mir Dorval vom Saale von Antwerpen schickte.

Man schlug die Kosten nicht heraus.

In derselben Nacht reiste man wieder ab. Es war kein Augenblick zu verlieren, um eine mehr literarische Stadt, als es Valenciennes war, zu erreichen.

Valenciennes ist indessen die Heimath von Mademoiselle Duchesnois und von einem armen Kinde, das der Tod mit neunzehn Jahren weggerafft hat, und dessen Geschichte ich später erzählen werde.

An dem daran folgenden Tage erreichte man Saint-Amand. Es war dort Kirchweihe und man rechnete sehr auf diesen Umstand.

Man spielte Palmerin oder der Einsiedler von Gallien.

Die Einnahme belief sich auf hundert und fünf Franken.

Ferdinand der Kosak machte zuerst seine Ansprüche geltend; seine fünf und ein halber Theil trugen ihm dreißig Franken.

Der Vater Dumanoir bekam zehn Franken für seinen Antheil.

Die Andern erhielten fünf Franken für ihren halben Theil.

Ferdinand, seine Frau und seine Tochter aßen viel.

Der Vater Dumanoir aß vernünftig.

Die Andern aßen ein wenig.

Das war Alles, was man brauchte, um Geduld zu fassen.

Da man indessen alle Tage eine Vorstellung zu geben gedachte, so war es noch möglich, zu leben.

Und während der drei ersten Tage lebte man in der That.

Am vierten Tage aber kam die Truppe von Herrn Bertrand, genannt Zozo vom Norden, dem ersten Akrobaten von Frankreich.

Diese Truppe war durch ihre Vereinigung mit der von Herrn Colombier furchtbar.

Die Truppe von Dumanoir und Ferdinand konnte nicht gegen sie kämpfen.

Sie mußte stürzen.

Man sprach davon, sich zu trennen; man sollte das Loos ziehen, wer dahin oder dorthin zu gehen hätte, und Jeder sollte für seine Rechnung die kleinen Talente, die er haben dürfte, benützen.

Doch das war nicht im Interesse von Ferdinand.

In Gesellschaft hatte er fünf und einen halben Theil.

Allein mit seiner Frau und seiner Tochter hatte er nur drei Theile.

Und welche Theile!

Er wurde zornig, zog seinen Säbel und drohte Jeden, der von Entfernung sprechen würde, umzubringen!

Etienne wagte es, die Schneide des Säbels von Ferdinand in Zweifel zu ziehen, und erklärte, da er Antrage von Zozo vom Norden erhalten, so gehe er, wie Coriolan, zum Feinde über.

An demselben Abend saß Etienne am Herde der Volsker, unter dem glorreichen Namen Gustave.

Jedermann weiß, seit dem komischen Roman von Scarron, was eine Truppe von mehr oder minder wandernden Komödianten ist.

Man ist aber im Allgemeinen weniger unterrichtet über das pittoreske Dasein der Seiltänzer.

Folgendes war das Personal der Truppe von Bertrand, genannt Zozo vom Norden, dem ersten Akrobaten Frankreichs, in Verbindung mit der von Herrn Colombier.

Das Personal bestand-

1. Aus dem Großvater Colombier, Orchesterdirector, Kunstfeuerwerker; setzte in Scene. spielte Clarinette beim Umritt, Violine im Orchester.

2. Aus Bertrand, genannt Zozo vom Norden, Pitre bei der Parade und Pierrot in der Pantonume.

3. Aus Madame Bertrand, drehte sich, den Kopf niederwärts, auf einem Leuchter und führte die Controle.

4. Aus Mademoiselle Bertrand der Jüngeren, die Statue in Pygmalion spielend.

5. Aus Mademoiselle Bertrand der Aelteren; – spielte die Colombinen und tanzte die Gavotte und die graziösen Pas auf dem Seile.

6. Aus Herrn Mustapha, genannt der kleine Teufel; machte alle Arten von künstlerischen Sprüngen auf dern Seite.

7. Aus Herrn Flageolet, der unter dem Seile dieselben Uebungen machte, die Herr Mustapha über demselben gab.

Unter diese neue und unbekannte Gesellschaft hatte sich Herr Gustave freiwillig in Folge seines Streites mit Ferdinand dem Kosaken verbannt.

Das, wohl verstanden, mündliche Engagement, sicherte ihm die Kost und versprach ihm fünfzig Franken monatlich.

Zozo vom Norden hatte im Geiste beigefügt, er habe überdies das Recht, zu Fuße reisen zu dürfen.

Gegen ein so vortheilhaftes Engagement sollte Herr Gustave seinerseits die Aushängeschilder, die Decorationen und die Transparente auf Calicot, die Hauptscenen und die Kraftstücke vorstellend, verfertigen;

Die ersten Rollen in den Melodramen und den Bandevilles spielen;

Die Zauberer in den Pantomimen repräsentiren;

Endlich die Tour in der Stadt zu Pferde machen.

Zozo vorn Norden beschloß, ohne Verzug Nutzen aus dem Ankömmling zu ziehen.

Der Anschlagzettel verkündigte am Abend eine große Vorstellung für den folgenden Tag, von der die Tour in der Stadt Kenntniß geben werde.

Am andern Tag, Morgens um elf Uhr, begann wirklich Herr Gustave, in Generalsuniform auf einem Pferde reitend, dessen Reitzeug ganz mit Muschelwert bedeckt war, einen hinkenden Trommler voran und gefolgt von der Musik, seine Runde; er hielt auf allen Plätzen, auf allen Kreuzwegen, im Mittelpunkte aller Hauptstraßen an und rief mit lauter Stimme:

»Mit Erlaubniß des Herrn Maire . . .«

Hier nahm er seinen Hut ab.

»Haben wir die Ehre den Einwohnern der Stadt Saint-Amand bekannt zu machen, daß die große Truppe von Herrn Berirand, genannt Zozo vom Norden, vereinigt mit der von Herrn Colombier, heute Abend in der großen Loge auf dem Marktplatze eine außerordentliche Vorstellung geben wird. Das Schauspiel wird aus Folgendem bestehen: Madame Bertrand, erste Dreherin von Frankreich, wird sich fünf Minuten lang auf einem eisernen Leuchter drehen, ohne einen andern Stützpunkt als ein Geldstück. – Die Demoiselles Bertrand werden auf dem Seile, die Aeltere eine Gavotte und die Zweite einen graziösen Pas tanzen. – Herr Mustapha, genannt der kleine Teufel, wird seine Uebungen auf dem straffen Seile ohne Balancirstange machen, und mit dem großen gefährlichen Sprunge vorwärts und rückwärts endigen. – Herr Flageolet wird unter dem Seile dieselben Uebungen machen, die Herr Mustapha daraus macht. – Herr Gustave wird Pygmalion, lyrische Scene von Jean-Jacques Rousseau, spielen. – Mademoiselle Bertrand die Aeltere wird die Statue repräsentiren. Nach Pygmalion werden wir die Ehre haben darzustellen Arlequin Bullenbeißer, große Pantomime mit großem Spektakel, mit dem Gegenstande angemessenen Costumen und Decorationen. Das Schauspiel wird endigen mit dem Carneval von Venedig, ausgeführt von der ganzen Truppe.«

Eine solche Ankündigung war gemacht, um die Neugierde zu reizen. Die Einnahme war auch befriedigend.

Lassen wir die Neugierigen nun in die Bude von Herrn Bertrand, genannt Zozo vom Norden. Eintreten und vor dem glänzenden Schauspiel in Extase gerathen, und sagen wir ein paar Worte von den Mysterien der Bank, in welche Mysterien Herr Etienne, genannt Gustave, uns einzuweihen die Güte gehabt hat.

Man nennt die Bank Alles, was zur großen Zigeunerfamilie der Gaukler gehört.

Nur gibt es die hohe Bank und die kleine Bank.

Die Kunstreiter, die Seiltänzer, die Schauspieler in der Bude, kurz Alles, was irgend ein Talent hat, gehört zur hohen Bank

Die Zeiger von Thieren, von Kindern mit zwei Köpfen, von Kälbern mit acht Füßen, von Seehunden, welche Papa und Mama sagen, gehören zur kleinen Bank.

Die hohe Bank ist die Aristokratie.

Die kleine Bank ist das Volk.

Alles, was irgend ein Talent hat, ist sehr geachtet. Die kleine Bank spricht nur mit dem Hute in der Hand mit der hohen Bank.

Es gibt nun nichts so Väterliches, als die Autorität des Directors, nichts so Exemplarisches, als diese Zigeuner-Haushaltungen, nichts so gut Angewendetes, als die Zeit, die zwischen den Proben und den Vorstellungen verläuft.

Die Frauen waschen das Weißzeug, färben die Tricotbeinkleider, schneiden und nähen die Costumes.

Die Männer arbeiten an den Verrichtungen für die Bank, bereiten bengalisches Feuer, füllen Schwärmer und Raketen.

Andere machen das, was man Illusionen nennt.

»Was ist das: Illusionen   machen?« wird der Leser fragen.

Wir werden es ihm mit zwei Worten sagen.

Die Illusionen-macher tauchen in Blei und Zinn, was man mit einander geschmolzen hat, einen geschnittenen und am Ende eines Stäbchens befestigten Stein von der Größe einer Erbse; am Ende des Steins bleibt ein Flitter vom flüssigen Metall. Dieser Flitter wird abgenommen und sogleich durchstochen, um auf die Kleider und um die Heime genäht zu werden.

Die Anderen warten die Pferde.

Diejenigen, weiche lesen können, lehren ihre Rollen die, welche es nicht können.

Alle endlich üben sich im Spielen eines Instruments, und wenn sie eines ziemlich gut spielen können, gehen sie zu einem andern über.

Alle sind gebotene Trommler.

In einem Augenblick des Ruins, nach einem schlechten Feldzug, wenn man genöthigt gewesen ist, die Wagen zu verkaufen, die Pferde zu verpfänden, die Besoldeten zu entlassen; wenn endlich nichts mehr von dem übrig bleibt, was man die Familie nennt, erheitert man sich, das heißt, man zerstreut sich auf dem Lande. Dann hat Jeder seinen Rummel: der Eine fabricirt Seife zum Erweichen, der Andere Pommade, um den Haarwuchs zu befördern, der Dritte Pulver, um die Zähne weiß zu machen, der Vierte Wichse. um der Fußbekleidung Glanz zu verleihen und sie zu erhalten.

Die Kinder gehen mit Teppichen in die Kaffeehäuser, marschiren auf den Händen, machen die drei Biegsamkeitsstücke des Körpers, vorwärts, rückwärts, und tanzen das Fricassé.

Alle Tage, alle zwei Tage, alle drei Tage, je nach der durchlaufenen Entfernung, bringt sodann jeder Zigeuner gewissenhaft dem Vater und der Mutter das, was er verdient hat.

Herr Gustave führte seit drei Monaten dieses pittoreske, abenteuerliche Leben bei anständiger Nahrung, hatte aber nie einen Sou von den versprochenen fünfzig Franken empfangen: da bekam er einen Brief von Hippolyte, nur folgende Worte enthaltend:

»Komm zurück! der Kosak ist abgegangen!«

Herr Gustave sagte nichts, da er sich aber in keiner Hinsicht mit der Ehre gegen Zozo vom Norden verhandelt glaubte, der ihm gegenüber seine Verpflichtungen nur zur Hälfte hielt, so entfernte er sich an einem schönen Abend, nach einer Vorstellung von Pygmalion und der Kohlenbrenner des Schwarzwalds, leichten Fußes. ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und schlug den Weg nach Audenärde ein, wo für den Augenblick der Vater Dumanoir und seine Truppe campirten.

Und will man nun wissen, was aus den Hauptpersonen der Truppe geworden ist, die wir verlassen, um sie nicht wiederzusehen?

Mademoiselle Bertrand die Aeltere ist Madame Thomassin geworden und hat vor ungefähr zwei Jahren, bei einer Aufsteigung auf dem Seile, in den Batignolles in Paris das Leben verloren.

Herr Flageolet, der die Medicin studirt hatte, wurde Sanitätsbeamter und ließ sich später als Zahnarzt in einer großen Stadt Frankreichs nieder.

Herr Mustapha endlich, der sich für seine Kameraden mit dem weniger anspruchsvollen Namen Fasiou nannte, ist der Bruder von Bastien Franconi, und hat die Eröffnung des Cirque Franconi mit Lalanne, dem berühmten Professor der Equitation der Rue des Fossés-du-Temple, gemacht.

Herr Gustave fand die Truppe des Vaters Dumanoir sehr desorganisirt wieder; sie brauchte wohl viel mehr ihn, als er sie brauchte.

Schon an demselben Abend wurde Rath gehalten. Ferdinand der Kosak hatte dadurch, daß er seine Garderobe mitgenommen, alle Hilfsmittel der Truppe vernichtet. Der Vater Dumanoir, mochte seine Cassette nun Gold oder Silber enthalten, schien nur geneigt, sie in der äußersten Noth zu öffnen. Die Truppe mußte sich also mit ihren eigenen Mitteln herausziehen, und, wir müssen es sagen, die Mittel der Truppe waren gering.

Gustave und Hippolyte bemühten sich nun, ein Repertoire von militärischen Stücken zu ersinnen. Das Repertoire war nicht lang, doch man würde nur zwei Vorstellungen in jeder Stadt geben.

Es bestand aus: Michel und Christine. Das Schloß meines Oheims, Ohne Trommel-und Trompete, Die Heirath aus Vernunft und Adolphe und Clara.

Man spielte Alles dies mit der Uniform der Garnison der Städte, wo man sich befand.

Und da die Städte belgisch waren, so waren die Uniformen auch belgisch.

Nach Verlauf von drei Monaten waren alle Städte, wie man dies mit dem Theaterausdrucke nennt, verbrannt.

Doch man war darauf versessen, selbst in den Dörfern Aehren zu lesen, und man that dies mit einem Muthe und einer Beharrlichkeit. die eines besseren Schicksals würdig gewesen wären.

Endlich mußte man sich zum Rückzug entschließen. Der Winter in seiner ganzen Strenge gab diesem Mißgeschick eine noch größere Aehnlichkeit mit dem von Moskau.

Die Kleider waren in einem beklagenswerthen Zustande, die des Vaters Dumanoir. wie die andern; er sprach indessen durchaus nicht vorn Oeffnen seiner Cassette, über der er mit einer thätigeren, ängstlicheren Vaterschaft als je wachte. – Herr Gustave war bei seinem letzten Hemde, und an einem schönen Morgen fand sich dieses Hemd so abgetragen. so zerrissen und besonders so schmutzig, daß er, da er es nicht wagte, es in der Kirche von *** aufzuhängen, wie eh Isabella mit dem ihrigen in der Moschee von Granada gethan hatte, dasselbe in die Furchen von umgeackerter Erde warf.

Ein papierener Kragen ersetzte den linnenen; der von oben bis unten zugeknöpfte Rock entzog den Blicken die Abwesenheit des Uebrigen.

Endlich wurde die Noth so groß, daß an einem Tage die ganze Truppe nichts zu essen hatte, als die Steckrüben, die sie aus dem Felde riß.

Seine Cassette unter dem Arme, weidete der Vater Dumanoir wie die Andern, und er sagte von dem halb gefrorenen Gemüse, was Karl XII. vom halb verfaulten Commißbrode sagte:

»Das ist nicht gut, doch es ist eßbar.«

Man fing an zu glauben, es sei weder Gold, noch Silber, was die Cassette enthalte.

Was war es aber dann?

VII

Verschwinden des Vaters Dumanoir. – Gustave und Hippolyte unternehmen Nachforschungen nach ihm. – Costume von Gustave. – Der Querweg. – Forcirter Marsch im Schnee. – Der Hunger. – Die einsame Hütte. —Ein braves Weib und ein ungastfreundlicher Mann. – Die Brodscheibe. —

Eines Morgens fand es sich, daß der Vater Dumanoir mit Hinterlassung eines Briefes verschwunden war. Er gab seiner ganzen Truppe Rendez-vous in der Stadt Armantières, welche, bezüglich der Stellung unserer Helden, drei Meilen jenseits der Stadt Lille lag.

Als diese Kunde sich verbreitete und aus einem höchst unruhigen Schlafe Gustave und Hippolyte auffahren machte, hatten sie seit dem vorhergehenden Mittag nichts mehr gegessen.

Zwei Stunden vergingen, – wie es bei allen Umständen geschieht, wo eine rasche Entscheidung nöthig wäre, um dem Uebel die Stirne zu bieten, – zwei Stunden vergingen in Verwunderungen, in Erörterungen, in vorgeschlagenen, debattirten und verworfenen Projecten.

Endlich beschloß man, es sollte sich auf die Gefahr« den Vater Dumanoir nicht beim Rendez-vous zu finden, der Rest der Truppe, – Jeder auf dem ihm beliebigen Wege und mit den Mitteln. die er sich zu schaffen den Verstand hätte. – nach Armantières begeben.

Gustave und Hippolyte, das heißt Orestes und Pylades beschlossen, sich nicht zu verlassen und mit einander das zu erschöpfen, was ihnen das Schicksal von neuen Täuschungen und, wir konnten sogar sagen, neuen Unfällen vorbehielt.

Man fing damit an, daß man bis Mittag wartete, um den Raben, welche von der Vorsehung beauftragt sein könnten, irgend ein Frühstück zu bringen, Zeit zum Ankommen zu lassen; doch die Vorsehung hielt es nicht für gut, für Heiden, wie die Herren Gustave und Hippolyte, das Wunder, das sie für den würdigen Propheten Elias gestattet hatte, zu erneuern.

Um Mittag begab man sich auf den Weg.

Man hatte vier und zwanzig Stunden nichts gegessen. Da jede Minute kostbar war, so würde man gerade nach Lille gehen; in Lille würde man das einzige Ding verkaufen, das noch zu verkaufen blieb, – und bald wird man durch die genaue Beschreibung der Tracht sehen, daß wir nicht übertreiben, – nämlich ein Paar Strumpfhosen; hiermit würde man zu Nacht essen und schlafen; am andern Morgen würde man sodann so frühzeitig als möglich nach Armantières abgeben.

Da nun unsere mit den Theaterausdrücken etwas weniger als wir vertrauten Leser uns fragen könnten, was wir unter Strumpfhosen verstehen, so antworten wir ihnen, daß Strumpfhosen blaue weiße, gelbe, graue, rothe, grüne, chocolatfarbige Halbtricots sind, mit denen man alle Helden vom Achilles bis auf den Marschall von Sachsen spielen kann.

Man begab sich also gegen Mittag auf den Weg bei einem trüben Wetter, mit einem Fuß Schnee unter der Sohle seiner Schuhe, mit einem Oecan von Schnee über dem Kopfe, mit einem Horizont von Schnee vor sich, hinter sich, um sich.

Man erlaube uns, das Costume von Herrn Gustave zu beschreiben, der für die ersten jungen Elegants und die Liebhaber im Vaudeville von Herrn Dumanoir und für die Pygmalion von Herrn Bertrand, genannt Zozo vorn Norden, engagirt war.

Großer Ueberrock, an die Fersen schlagend, hinten geschlossen durch eine Reihe schwarzer Radeln, die ihm nicht erlaubten, sich zu öffnen.

Ausgetretene Schuhe ohne Strümpfe oder Halbstrümpfe.

Hut, den man, wenn man grüßte, beim Fond nehmen mußte, aus Furcht, die Krämpe könnte in der Hand bleiben.

Untertheil von Hosen, weite Kamaschen bildend, auf beiden Seiten an den Taschen des Ueberrocks mittelst schwarzer Nadeln befestigt.

Weste abwesend! Hemd abwesend!

Diese Beschreibung des Costume von Gustave überhebt uns der Aufgabe, vom Costume von Hippolyte Rechenschaft zu geben.

Beide marschirten gesenkten Hauptes auf der Landstraße nach Lille; da hatte Gustave, die Biegung messend, welche die Straße machte, den schlimmen Einfall, zu sagen:

»Ei! es muß doch von biet nach Lilie einen Querweg geben, der für uns die Reise um ein paar Stunden abkürzen würde.«

»Bei Gott!« rief Hippolyte, »es gibt immer Querwege.«

»Nun! wenn Du willst, so fragen wir den ersten den besten Bauern nach einem solchen Wege.«

Ein Bauer erschien wie in den Zauberstücken.

Es versteht sich von selbst, daß dieser Bauer der Teufel war.

»Sieh da!« rief Hippolyte.

Gustave trat vor, grüßte militärisch, um die Krampe seines Hutes nicht unnöthig zu ermüden, und fragte:

»Mein Freund, kennt Ihr nicht einen Querweg, der den Marsch nach Lille abkürzt?«

»Ja, meine schönen Herren,« erwiederte der Bauer, »es gibt einen, der ihn um zwei Meilen abkürzt.«

Gustave schaute Hippolyte mit einer Miene an, welche besagen wollte: »Nun! Du siehst, daß ich da einen Gedanken gehabt habe, der nicht schlimm war.«

»Und dieser Weg, mein Freund?« fragte er, indem er sich wieder an den Bauern wandte.

»Es ist der erste, den Sie zu Ihrer Rechten finden werden.«

»Man kann sich nicht irren?«

»Nein, es ist ein Weg, auf dem Wagen fahren.«

»Doch wenn der Schnee . . .«

»Sie brauchen nur meinen Tritten zu folgen. Ich komme gerade von Lille.«

»Dann ist Alles vortrefflich! Ich danke, mein Freund.«

Hiernach schien die zwei jungen Leute ihre Wanderung fort, nur darauf bedacht, den Weg rechts einzuschlagen.

Nach hundert und fünfzig Schritten fand man den bezeichneten Weg.

Herr Gustave wandte sich um: er wollte dem Bauern noch mit der Hand zuwinken, doch der Bauer war verschwunden.

Man betrat. ohne zu schwanken, den Querweg.

Die Spur der Tritte war darauf sichtbar, man konnte die Nägel der Schuhe zählen.

Eine Täuschung war also nicht möglich.

Man ging eine Stunde, geleitet von den glückseligen Fußstapfen; da es aber, seitdem man die Landstraße verlassen, wieder zu schneien angefangen, so verschwanden die Spuren unter der wattierten Lage.

Offenbar war der Augenblick nicht fern, wo man kein Zeichen zur Führung mehr hätte.

Gleichviel, man mußte an Ort und Stelle kommen, und man ging immer weiter.

Es trat der Augenblick ein, wo die Tritte völlig verschwanden.

Man marschirte auf das Gerathewohl.

Nach einer Viertelmeile fühlte man am buckeligen Boden, daß man die Straße verlassen hatte und auf dem Ackerfelde ging.

Man zog die zu drei Vierteln niedergetretenen Schuhe aus, da sie eher ermüdeten, als eine Erleichterung boten; weil man aber nicht mit bloßen Füßen in die Stadt eingehen konnte, so steckte man die Schuhe in die Tasche.

Die Taschen schlugen auf die Haut.

Es war für die zwei jungen Leute ein Anfang von wahrer Verzweiflung, als sie den Tag sich neigen, den Horizont zusammenschrumpfen, den Schnee sich verdoppeln sahen.

So weit das Auge reichte, war die Ebene öde und verlassen; man hätte sich auf den Steppen Sibiriens glauben können.

Die zwei Reifenden marschirten stillschweigend und gebeugt durch den Hunger; der Nordost verwandelte in Eis auf ihren Wangen die Thränen, die ihren Augen entquollen.

Sie wagten es nicht, sich anzuschauen. aus Furcht, die Entmuthigung in ihren Gesichtern zu lesen.

Sie hielten sich aneinander. – Gustave sah Hippolyte gehen, Hippolyte sah Gustave gehen: Beide marschirten, doch wenn Einer von Beiden fiel, fiel der Andere auch.

Es wurde Nacht.

Bis zur Nacht war man in einer wahrscheinlichen Richtung marschirt; als es Nacht geworden, ging man auf das Gerathewohl.

Bald blieb Hippolyte stehen.

»Ich kann nicht mehr!« sagte er.

»Was hast Du?« fragte Gustave.

»Ich sterbe vor Hunger.«

Die jungen Leute hatten seit mehr als dreißig Stunden nichts mehr gegessen.

»Nimm meinen Arm und laß uns gehen.«

Hippolyte nahm den Arm von Gustave; sie fühlten aber bald, daß der holperige Boden eine Strapaze für Beide aus der Hilfe machte, die man einander leistete.

Hippolyte ließ den Arm von Gustave los und ging allein, das heißt, man ging nicht mehr, sondern man schleppte sich.

Der Schnee fiel etwas weniger dicht, doch es war stockfinster geworden.

Plötzlich rief Gustave wie der kleine Däumling:

»Ich sehe ein Licht!«

»Ist es wahr, oder sagst Du das, um es zu verhindern, daß ich umsinke?« fragte Hippolyte.

»Sieh, schau!«

»Wo?«

»Dort.«

»Ich seht nichts—«

»Dort, dort!«

»Ja! . . . mir scheint . . .«

»Ich sage Dir, daß das ein Licht ist.«

»So laß uns gehen,« rief Hippolyte.

Und die zwei unglücklichen Reisenden steuerten gerade auf das Licht los.

Nach zehn Minuten waren sie vor einer einsamen Hütte.

»Endlich sind wir da,« sprach Hippolyte.

»Ja, wir sind da, aber . . .«

»Was aber?«

»Aber was wollen wir verlangen?« sagte Gustave

»Ein Stück Brod l« versetzte Hippolyte

»Wirst Du es verlangen?«

»Ich?«

»Ja.«

»Ah Teufel!« murmelte Hippolyte.

»Nun?«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß es so schwer ist . . . ein Stück Brod zu fordern.«

»Ei!« versetzte Gustave mit einer gepreßten Stimme, »wenn man . . . zum ersten Male fordert!«

»Ich, was mich betrifft,« sagte Hippolyte. »wenn Dir der Muth fehlt, . . . ich lege mich hier nieder, und wenn sie morgen herauskommen, werden sie mich todt finden.«

»Ah! bei meiner Treu’! das ist zu einfältig!« rief Gustave.

Und er ging entschlossen auf die Thüre zu.

Die Thüre öffnete sich um die Mitte, wie sich die Dorfthüren öffnen, damit man den oberen Theil aufmachen und den unteren geschlossen lassen konnte.

Das Licht, das durch die Fuge erschien, bildete eine viereckige Einrahmung.

Nach einem letzten Zögern klopfte Gustave an.

»Oeffnet!« rief eine Weiberstimme.

»Gut! es ist eine Frau da,« sagte Gustave, »wir sind gerettet.«

Da ging der obere Theil der Thüre ins Haus zurück, und Gustave konnte mit einem Blicke das ganze Innere der Stube umfassen.

Der Thüre gegenüber saß die Frau. welche:

»Oeffnet!« gesagt hatte, an einem Rädchen und spann.

Neben ihr brannte eine Lampe auf einem Tische. Im Hintergrunde rechts war ein mit grüner Sarsche überzogenes Bett. Hinter der Frau, an die Wand angelehnt und unten einen Brodkasten bildend, stellte ein großer Schrank auf den Fächeren seines oberen Theiles Faiencegeschirr mit Vögeln und Blumen zur Schau. Links von der Thüre, mitten an der Seitenface, öffnete sich ein ungeheurer Kamin, in welchem sich ein Reisbündel vollends verkohlte, und vor dem eine ungestalte Masse sichtbar war.

Der Anblick der Frau beruhigte ein wenig die zwei jungen Leute. Vielleicht brachte ihr Anblick nicht dieselbe Wirkung auf die Frau hervor.

Obgleich schön und jung, hatten diese zwei Köpfe, welche im Rahmen der Thüre aus einem Hintergrunde von Schnee erschienen, durch die Blässe und das Leiden ein unheimliches, finsteres Aussehen angenommen.

Auch sprach die Kleidung der zwei nächtlichen Reisenden durchaus nicht zu ihren Gunsten.

Bei den ersten Worten aber, die sie sagten, war die Frau beruhigt.

Beide fingen zugleich an zu reden; doch heim vierten oder fünften Worte erlosch die Stimme von Hippolyte und Gustave fuhr allein fort.

»Madame,« sagten Beide, »entschuldigen Sie. . .«

Hier erlosch die Stimme von Hippolyte und Gustave sprach weiter:

»Wir sind zwei arme verirrte Bursche . . . wir sterben vor Hunger, und wenn Sie wollten. wenn Sie die Güte hatten, wenn Sie so barmherzig wären . . .«

Sodann mit einer Anstrengung:

». . . Uns ein Stück Brod zu geben . . .«

Er konnte nicht weiter reden, und die Stimme erlosch in seiner Kehle. wie sie in der von Hippolyte erloschen war.

Nun schien die ungestalte Masse, die sie vor dem Kamine gesehen, ohne zu wissen, was es sein konnte, sich zu beleben, und sie rief mit einer barschen Stimme:

»Man kann nichts für Euch thun; geht Eures Weges! Wir sind nicht reich, und was das Brod betrifft, so haben wir nicht zu viel für uns.«

Doch die Frau, welche die Blässe der zwei jungen Leute wahrgenommen, die Frau, die ihr ehrliches Aussehen gerührt hatte, stand auf, ging, ohne auf die Worte des Mannes zu merken, nach der Schublade zog einen halben zwölfpfündigen Laib Brod, so breit wie ein kleiner Mühlstein, heraus, schnitt in seiner ganzen Länge eine einen Zoll dicke Scheibe ab und sagte:

»Bah! Mann, das sind zwei arme Jungen, die sehr ehrlich aussehen. Wenn ich ihnen einen Bissen Brod gebe, so werden wir darum nicht ärmer sein. Geht, meine Kinder, und Gott geleite euch!«

Und sie gab ihnen die Brodscheibe, die ein Pfund oder anderthalb wiegen mochte.

Sodann, als befürchtete sie, ihr Mann könnte herbeilaufen, um den zwei Wanderern das Brod, das sie ihnen gegeben, wieder zu nehmen, fügte sie bei:

»Geht, geht; Ihr seid nur noch eine Meile von Lille entfernt.«

Und sie schloß die Thüre vor ihrer Nase; doch es lag in dieser Handlung offenbar mehr Wohlwollen als Feindseligkeit.

Die jungen Leute begriffen das, denn weit entfernt, ihr zu grollen, stammelten sie ganz erstickt von der Gemüthsbewegung:

»Oh! gute Frau! ob! brave Frau! Geschöpf des guten Gottes! Ja, wir werden wiederkommen, und wenn wir je reich sind, sei ruhig, gute Frau! sei ruhig, brave Frau! Du wirst Dich nie mehr um etwas zu bekümmern haben!«

Und während er sie zu segnen fortfuhr, theilte Gustave die Scheibe in zwei Hälften, gab ein Stück Hippolyte und behielt das andere für sich.

Als sie aber dieses Stück Brod an den Mund brachten, hatten sie nicht mehr die Kraft in das Brod des Almosens zu beißen, und Beide fingen an zu weinen und zu schluchzen.

VIII

Ankunft vor den Thoren von Lille. – Der Octroi. – Die Taschenvisitation. – Das geschlossene Thor. – Sinnreiche Art, in die Stadt zu kommen. – Gustave innen, Hippolyte außen. – Rückkehr von Gustave. – Neuer Versuch. – Aehnliches Resultat. – Verzweiflung von Hippolyte. – Dialog in einem verlassenen Schilderhause. – Das Frühstück in Hoffnung, – Eintritt in die Stadt. —

O Dante, Dante! großer Dichter, der Du einen erhabenen Vers für jeden Schmerz hast!

Die zwei armen Kinder waren nicht einmal verbannt: sie hatten nur Hunger.

Sie erstiegen nicht die harte Treppe der Fremde: sie gingen mit bloßen Füßen auf der Erde des Vaterlands.

Und dennoch weinten Beide mit ihrem Stücke Brod in der Hand.

Weder der Eine, noch der Andere konnte darein beißen.

Doch diese halb süße, halb schmerzliche Gemüthsbewegung gab ihnen wieder Kräfte. Es schien ihnen die gute Frau, als sie ihnen sagte, die Stadt sei nur noch eine Meile entfernt, habe die Hand in der Richtung eines Wäldchens ausgestreckt, das sie auf fünfzig Schritte vor sich sahen.

Sie gingen auf das Wäldchen zu, indem sie sich von Zeit zu Zeit umwandten und ausriefen:

»Oh! gute Frau, oh! brave Frau!«

Endlich gegen elf Uhr Abends, später vielleicht, – man kann sich wohl denken, daß unsere Zigeuner keine Uhr hatten, – endlich gegen elf Uhr Abends erblickte man die Mauern der Stadt.

Bei diesem Anblick gaben die zwei Reisenden einen großen Seufzer der Freude von sich.

Vor den Thoren von Lille traf man die Octroibeamten:

»Wohin gehen Sie?«

»Nach Lille.«

»Haben Sie nichts zu declariren?«

»Hast Du etwas zu declariren?« fragte halb weinend, halb lachend Gustave seinen Gefährten Hippolyte.

»Ich habe zu declariren, daß ich vor Kälte sterbe.«

»Und ich, daß wir, wenn man uns aufhält, nicht mehr in die Stadt hinein können.«

»Kommen Sie hierher,« sagte mit barschem Tone ein Douanier.

Und er griff mit der Hand unter den Ueberrock und traf die nackte Brust von Gustave, der vom Scheitel bis zu den Zehen schauerte. als er diese Hand auf seinem Fleische fühlte.

»Haben Sie Spitzen oder Schmucksachen,« fragte der Douanier aus Gewohnheit.

»Wenn wir Schmucksachen hätten, so wären sie verpfändet, und wenn wir Spitzen hätten, so würden wir uns Hemden daraus gemacht haben.«

»Aber was haben Sie denn in diesen Taschen?

Man durchsuchte die zwei Reifenden. Sie hatten in diesen Taschen, einmal ihre übertretenen Schuhe, sodann die erwähnten Strumpfhosen, und endlich Jeder ein Stück Brod, das sie nicht gegessen.

Die Visitation dauerte eine starke Viertelstunde.

Als man erkannt hatte, daß sie keine Contrebande bei sich trugen, wurden die jungen Leute ermächtigt, ihren Weg zu verfolgen.

Sie waren also an Ort und Stelle. das gastfreundliche Thor fanden sie zwar geschlossen, doch es würde sich wahrscheinlich öffnen.

In diesem Vertrauen klopfte Gnstave an.

Man hörte den Thorwart die Thüre seines Hauses aufmachen, sich dem Thore der Stadt nähern, den Schlüssel im Schloße knirschen lassen und den Querbaum zurückziehen.

Dann öffnete sich das Thor so weit, daß es einer durch die Kälte gerötheten Nase Durchgang gewährte.

»Wer sind Sie?« fragte der Thorwart.

»Wer wir sind? . . . Er ist gut!«« erwiederte Gustave, die größte Sicherheit affectirend. »Junge Leute aus der Stadt.«

»Ihre Karten also?«

»Unsere Karten? . . . Was für Karten?«

»Sie haben keine Karten?«

»Nein.«

»Dann gute Nachts Sie kommen nicht herein!«

Und ehe die jungen Leute Zeit gehabt hatten, auch nur die geringste Bemerkung zu machen, war das Thor wieder geschlossen.

Gustave und Hippolyte schauten sich bestürzt an. Sie hatten wieder Kräfte gefunden um bis ans Thor zu kommen, doch am Thore verließen sie diese Kräfte.

Was sollten sie thun? Die Nacht außen zubringen? Die schon halb gefrorenen armen Teufel würden ganz erfrieren.

Gustave dachte natürlich an die Wachstube, deren warmes Licht man durch die gesprungenen Scheiben glänzen sah.

Er hatte so oft die Nacht in der Wachstube der Douaniers von Caen zugebracht, warum sollte er nicht eine Nacht in der Wachstube der Douaniers von Lille zubringen?

Die Füße waren auf den Schnee gefroren; es war ein Schmerz, sie vom Boden loszueisen . . . Auch weiß man, wie schwierig nach großen Ermüdungen die Halte einen neuen Aufbruch machen.

Die jungen Leute erreichten, sich auf ihren schmerzenden, blutigen Füßen fortschleppend, die Wachstube, wandten sich an die Schildwache, ihre letzte Hilfsquelle, und sagten:

»Mein Herr, wir haben unsere Karten vergessen, und der Thorwart weigert sich, uns einzulassen. Erlauben Sie uns, die Nacht in der Wachstube zuzubringen?«

»Das ist verboten,« erwiederte die Schildwache.

Die zwei jungen Leute stießen einen Schmerzensschrei aus.

Der Ton, mit dem ihnen die Antwort gegeben wurde, sagte deutlich genug, es wäre vergeblich, auf dem Gesuche zu beharren.

In diesem Augenblicke hörte man das der Diligence eigenthümliche Geräusch, ein Geräusch von Ketten, von Schellen, mit Begleitung von Peitschenhieben.

Gustave belebte sich wieder beim Rollen dieses entfernten Donners.

«Hippolyte, eine Idee!«

»Ist sie gut?«

»Ich glaube wohl, wir werden hinein kommen.«

»Wie dies?«

»Du sollst es sehen.«

»Erkläre Dich doch!«

»Ich habe keine Zeit. Thue, was ich thun werde.«

Die schwerfällige Maschine erreichte wirklich die Wachstube und hielt davor an, damit der Douanier einsteigen konnte, denn die Visitation wurde erst in der Stadt vorgenommen.

Gustave näherte sich und rief:

»Conducteur, wir haben unsere Karten vergessen. Es ist nicht möglich, in die Stadt hineinzukommen. Lassen Sie uns auf Ihre Imperiale steigen, oder wir sterben vor Kälte.«

«Hü!« war die einzige Antwort des Condurteur.

Und die Pferde entfernten sich in starkem Trab.

»Geschwinde, Hippolyte!« rief Gustave; »stellen wir uns, Du auf eine Seite des Wagens, ich auf die andere. Klammere Dich an den Griff des Schlages an, und wir kommen mit der Diligence hinein.«

Das befohlene Manoeuvre wurde auf der Stelle ausgeführt.

Während der fünfzig Schritte, welche die Wachstube vom Thore trennten, lief man, ohne Müdigkeit. Wunden oder Hunger zu fühlen. Die Hoffnung hatte Alles vergessen gemacht.

Beim Lärmen der Diligence öffnet sich das Thor wie durch einen Zauber. Der Wagen fährt durch, das Thor schließt sich wieder, Gustave ist innen.

Er dreht sich um und schaut umher: kein Hippolyte.

Was war ans ihm geworden?

Das soll man erfahren.

Man hatte beide Flügel des Thores geöffnet, der Thorwart hatte einen Flügel zurückgezogen, seine Frau den andern.

Gnstave befand sich auf der Seite des Thorwarts, vielleicht sah er ihn, in jedem Fall aber hielt er ihn nicht zurück.

Hippolyte war auf der Seite der Frau. Die Frau ergriff ihn beim Flügel seines Rockes Hippolyte. der die Reise dieses Kleidungsstückes kannte, wollte es nicht wagen, es ihr aus den Händen zu reißen. Er ließ sich vor das Thor zurückschieben.

Sagen wir zur Ehre von Gustave, daß er nicht einen Augenblick den Gedanken hatte, in der Stadt zu bleiben, während sein Freund außen war.

Er trat auf den Thorwart zu und sagte zu ihm:

»Mein Herr, ich bitte Sie inständig, lassen Sie meinen Kameraden herein.«

»Ei« erwiederte der Thorwart, »warum ist er so dumm? Er brauchte es nur zu machen wie Sie: Sie sind hereingekommen? nun! Sie sind hereingekommen, was! . . . Lassen Sie ihn außen und bleiben Sie innen.«

»Mein Herr, ich flehe Sie an, haben Sie Mitleid mit ihm und öffnen Sie ihm das Thor.«

»Unmöglich!«

»So lassen Sie mich zu ihm zurückkehren.

»Oh! was das betrifft, mit dem größten Vergnügen. Gehen Sie!«

Und er nahm den jungen Mann bei den Schultern; während seine Frau das Thor an sich zog, und schleuderte ihn durch die Oeffnung, sobald diese weit genug war, daß ein Leib durchpassiren konnte.

Hiernach stießen Beide, aus Furcht vor einem Ueberfall. mit einer gemeinschaftlichen Anstrengung das Thor wieder zu.

Es fiel den jungen Leuten nicht einmal ein, zu kämpfen: sie waren zu tief niedergeschlagen.«

Es fing wieder an zu schneien.

Hippolyte lehnte sich an die Brustwehr an, ließ die Arme hängen und neigte sein Haupt auf seine Brust.

Gustave setzte sich nicht, sondern lehnte sich neben hin an.

Nach einigen Minuten erhoben Beide gleichzeitig das Haupt.

Es kam ein Wagen herbei, und er war sogar näher, als man hätte glauben sollen, denn sein Rollen dämpfte sich auf dem Schneeteppich, der den Boden bedeckte.

Man sah ihn wie einen finstern Punkt sich nähern und rasch größer werden.

»Ah!« sagte Gustave, »wirst Du diesmal geschickter sein, als das erste Mal?«

»Ich werde es versuchen,« erwiederte Hippolyte mit einer niedergeschlagenen Miene.

Gustave warf einen Blick auf den Wagen.

»Es ist eine Berline,« sagte er; »höre, diesmal will ich mich auf die Seite der Frau stellen; stelle Du Dich auf die Seite des Mannes. Der Mann ist der minder Ungeschlachte von Beiden.

Dasselbe Manoeuvre ward ausgeführt, nur mit dem Unterschied, daß statt rechts zu laufen, Gustave links lief.

Das Thor wurde geöffnet. Es fand ein kurzer Kampf statt, ein Schmerzensschrei machte sich hörbar, Gustave war wie das erste Mal passirt.

Er schaute umher: totales Verschwinden von Hippolyte.

Die Frau hatte Gustave bei seinem Rocke gepackt; doch sie hatte sich die schwarzen Radeln ins Fleisch gedrückt.

Sie hatte den Schrei ausgestoßen, den man gehört»

Gustave war also durchgekommen.

Hippolyte aber hatte sich fassen und vom Thorwart wieder hinausdrücken lassen.

Dieselbe Bitte von Gustave, dieselbe Weigerung von Seiten des Thorwarts, dieselbe Rückkehr von Gustave ins Freie, diesmal jedoch begleitet von einem Fußtritt.

In seinem Aerger hatte Gustave nur ein Wort für Hippolyte:

»Dummkopf!«

»Ich stürze mich in den Graben!« erwiederte Hippolyte

»Er hat nur zwei Fuß Wasser: Du wirst Dir die Beine brechen und nicht ertrinken. Oh! Solltest Du ertrinken, wäre ich für immer von Dir befreit, dann würde ich nichts sagen.«

»Gustave!« rief Hippolyte mit kläglichem Tone.

»Oh! ich möchte auch rasend werden. Höre, wollen wir einander Faustschläge geben, das wird uns erwärmen.«

»Ich habe nicht einmal den Muth, mich zu schlagen.«

»Gut! sollen wir etwa da bleiben, um zu crepiren wie zwei Hunde?«

»Laß uns gehen!«

Das war das letzte Mittel der zwei Unglücklichen, welche seit zwölf Stunden gingen.

»Ja, laß uns gehen!«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht« doch gehen wir immerhin.«

lind in ihrer Verzweiflung singen die zwei jungen

Leute an auf der Landstraße fortzulaufen.

»Sieh da,« sagte Gustave, »ein Schilderhaus!«

»Wo denn?«

»Schau doch!«

Und er deutete mit dem Finger auf ein verlassenes Schilderhaus, das seine schwarze Silhouette auf dem fleckenlos weißen Teppich zeichnete.

Beide erreichten das Schilderhaus.

Die bloßen Füße traten wenigstens auf Holz.

»Ich habe Hunger,« sagte Hippolyte.

»Ei! wir besitzen ja Brod.«

»Ah! das ist wahr, das Brod von der Frau.«

Das Brod war in der Tasche gefroren und krachte unter den Zähnen. Man verzehrte es nichtsdestoweniger bis auf das letzte Krümchen.

Nachdem das Brod gegessen war, setzten die Kinnbacken ihre Bewegung fort; nur war die Bewegung heftigen die Zähne klapperten.

Die zwei Freunde hingen sich an einander an und suchten sich in einer Umarmung zu erwärmen, die man nur mit der der schnatternden Affen im Jardin des Plantes in den kalten Herbsttagen vergleichen kann.

»Versuchen wir es, zu schlafen,« sagte Gustave.

»Schlafe, wenn Du kannst; mir ist das unmöglich. Ich friere zu sehr . . . ich sterbe!«

»Ei! nun, Einfältiger! stirbt man vor Kälte?«

»Ah! mein Freund, in Rußland . . .«

»Das war in Rußland, und wir sind in Frankreich. Bah! eine Nacht ist bald vorüber,« versetzte Gnstave.

Und er fing an, das Lied von Stanislas zu singen:

 
Un vieux soldat sait souffrir et se taire,
Sans murmurer!2
 

Hippolyte antwortete durch einen Seufzer: hätte ihn das Schilderhaus nicht aufgehalten, er wäre rückwärts gefallen

»Meine arme Mutter!« murmelte er.

»Selbstsüchtiger!« rief Gustave; »ich sage Papa seit einer Stunde, doch ich sage es wenigstens ganz leise.«

»O!« machte Hippolyte.

»Du willst nicht schlafen?«

»Ich kann nicht.«

»Nun, so laß uns plaudern. . . schwatzen wir von dem, was wir morgen thun werden. Morgen . . . Hörst Du mich?«

»Ja.«

»Morgen verkaufen wir die Strumpfhosen; wir bekommen immerhin zwanzig Sous dafür.«

»Glaubst Du?«

»Das wäre der Teufel!«

Zwanzig Sous! Das war ihr höchstes Trachten.

»Wenn wir zwanzig Sous haben, was werden wir thun?«

»Mit zwanzig Sous, ei! da tritt man kühn in eine Schenke ein; man wärmt sich.«

»Ja, wir werden uns vor Allem wärmen.«

»Sodann werden wir Jeder eine Tasse sehr heißen Kaffee trinken.«

»Siedend?«

»Und eine gute Brodschnitte.»

»Geröstet!«

»Ja.«

»Gut.«

»Dann werden wir frisch sein.«

»Wir sind es schon nicht übel.«

»Ah, Du scherzest: wir sind gerettet! und ich strenge meine letzten Kräfte an, um diesen Menschen lachen zu machen . . . Spaßvogel!«

»Oh, wie kalt ist es!« murmelte schnatternd Hippolyte.

Man gelangte in der That zu der Stunde der Nacht, die den Morgen berührt und, selbst im Sommer kühl, im Winter eisig ist.

»Morgen werden wir nicht mehr gehen könnten,« stammelte Hippolyte.

»Bah! wir werden denken, wir spielen am Abend. Die Idee, daß ich Komödie spiele, gibt mit nicht Füße, sondern Flügel.«

»Oh, wie kalt ist es!« seufzte Hippolyte mit einem solchen Ausdrucke von Traurigkeit, daß Gustave nicht einmal mehr den Muth hatte, zu sprechen.

Die jungen Leute schlossen die Augen, nicht in der Hoffnung, zu schlafen, sondern um sich selbst Illusion zu machen.

Nach einiger Zeit öffnete Gustave die seinen wieder.

»Höre,« sagte er, »ich glaube, der Tag ist da.«

»Ach! das ist der letzte!«

»Ei! mache ihm wenigstens ein gutes Gesicht.«

Hippolyte öffnete auch die Augen.

»Nun, wenn das der Tag ist,« sprach er, »so müssen die Thore offen sein.«

»Bei Gott!«

»So laß uns in die Stadt hineingehen.«

»Ich muß zuerst meine Füße losmachen . . . Ah, aie!«

Die zwei jungen Leute verließen das gastliche Schilderhaus. Das Thor der Stadt war in der That offen. Sie traten triumphirend ein und überhäuften im Vorübergehen mit ihren Verwünschungen den Thorwart, der sich feig an seinem Ofen wärme.

IX

Die zwei Tassen Kaffee. – Eine Idee im Grunde der Tasse. – Verkauf der Strumpfhosen. – Der Vater Dumanoir im Gasthause zum gekrönten Affen. – Die Tour durch die Stadt. – Die Fastenzeit vermindert die Einnahmen – Allgemeines Fasten— Gustave gedenkt zu seinem Vater zurückzukehren – Der Rummel mit dem Frosche. —

Zwanzig Schritte jenseits des Thores erschien eine Schenke.

»Laß uns eintreten,« sagte Hippolyte.

»Einen Augenblick Geduld . . . die Schuhe?«

»Du hast Recht.«

Man nahm die Schuhe aus den Taschen und zog sie an.

Man mußte eine wahre Ehrfurcht vor dem Wohlanstand haben, um die armen, mit Schmerzen behafteten, blutigen Füße zu zwingen, in ein zähes Leder, das so hart wie Blech und so schneidend wie ein Rasirmesser, einzudringen.

Man zog also die Schuhe an, und sobald dies geschehen war, trat man ein.

»Oh, ein Ofen!« rief Hippolyte.

Und er lief an den Ofen und schloß sein Rohr brüderlich an seine Brust.

»Kaffee!« rief Gnstave mit dem Tone eines Millionärs; »und sehr heiß, sehr heiß, siedend! Hm! hm!«

Nach zehn Minuten brachte man zwei Tassen Kaffee.

Die zwei Tassen waren in einem Zuge verschluckt.

Gustave schaute Hippolyte an.

»Nun, Sybarit,« sagte er, »wirst Du Dich noch beklagen?«

»Und Geld?«

»Und, die Strumpfhosen?«

»Ja.«

»Höre, Deine Schuhe sind weniger niedergetreten als die meinigen.«

»Du glaubst?«

»Du bist gewandter als ich.«

»Du glaubst?«

»Höre mich wohl an und vernimm, was Du zu thun hast.«

»Ich höre.«

»Es war bei der Truppe von Zozo vom Norden eine Tänzerin, die sich Mademoiselle Mine nannte.«

»Mademoiselle Mine?«

»Ja, wir haben mit einander in Lille gespielt.«

»Gut.«

»Mademoiselle Mine hatte eine Schwester, eine reizende Person« die sie besuchte.«

»Was geht uns diese ganze Geschichte an?«

»Warte doch, Du wirst es, beim Teufel! Wohl sehen. Mademoiselle Mine hatte eine Schwester, Eine reizende Person, welche auf dem Fischmarkte wohnte.«

»Der Fischmarkt ist groß.«

»Man kann sich nicht irren; sie wohnte an einer der Ecken, und es sind nur vier da.«

»In welchem Stocke? Ich sage Dir zum Voraus, wenn man hinaufsteigen muß . . «

»Man braucht nur hinabzusteigen.«

»Sie wohnt also?«

»Einen Stock unter dem Erdgeschoß, im Keller.«

»Du wirst sie in meinem Auftrage aufsuchen.«

»Gut.«

»Du wirst ihr nicht sagen, daß ich hier bin.«

»Nein.«

»Du wirst ihr nur sagen, Du seist mein Freund.«

»Und dann?«

»Und Du wirst sie bitten, den Verkauf der Strumpfhosen zu übernehmen; sie wird sie immerhin vortheilhafter verkaufen als wir.«

»Oh! das ist eine Idee!«

»Unartiger! Glaubst Du denn. es fehle einem an Ideen?«

»Nein, wenn Du beim Ofen bist.«

»Gut, und wer hat denn die Idee gehabt, den Querweg einzuschlagen?«

»Oh!! ja . . . rühme Dich dessen.«

»Suche nur Mademoiselle Mine auf. Bringe hundert Franken zurück, wenn Du kannst; bringe aber nicht weniger als zwanzig Sous.«

»Man wird sein Mögliches thun.«

»Gebe, Du hast meinen Segen.«

Nach drei Viertelstunden kam Hippolyte mit heiterem Gesichte zurück.

Die Strumpfhosen waren um vierzig Sous von Mademoiselle Mine der Jüngeren verkauft worden. Nach Bezahlung sämtlicher Kosten blieben vierundzwanzig Sous übrig. Man hatte ein Stück Brod, ein Stück Käse und ein Glas Bier gefrühstückt.

»Kellner, zwei Gläschen, und dann vorwärts!« sagte Hippolyte.

»Siehst Du den Galgenvogel: er behauptete, er könne nicht gehen!l Dein Vater erwartet Dich also, um das fette Kalb zu schlachten, verlorener Sohn, daß Du solche Ausgaben machst?«

Man trank die zwei Gläschen, und man setzte sich in Marsch; Jeder hatte eine Brodkruste in der Tasche, und man besaß eine Reserve von zwanzig Sous.

Man hatte allerdings keine Strumpfhosen mehr, doch man kann am Ende nicht Alles haben.

In zwei Stunden erreichte man Armantières.

»Haben Sie keine Schauspieler gesehen,« fragte Gustave den ersten Bürger, dem er begegnete.

»Auf dem großen Platze links, Zum gekrönten Affen.«

»Gut; und der Weg nach dem großen Platze, wenns beliebt?«

»Immer gerade zu.«

»Ich danke . . . Nun! Du siehst, daß der Vater Dumanoir ein ehrlicher Mann ist . . .«

»Du kennst das Sprichwort: »Wer verliert, fischt.«

»Und seine Cassette eine redliche Cassette!«

»Das wäre der Augenblick, um ein wenig zu erfahren, was darin ist.«

»Ich habe sie eines Tages geschüttelt; es klang wie Nüsse . . . O ich würde gerne Nüsse essen!«

»Kellner, Dessert für den Herrn! . . . Ah! Welch ein abscheuliches Laster ist die Völlerei!«

Die zwei jungen Leute eilten nach dem großen Platze.

Der Bürger hatte nicht gelogen; der Vater Dumanoir und der Rest der mit ihm verbundenen Truppe waren im Gasthause Zum gekrönten Affen. beschäftigt, Einladungsbillets zu machen, die man von Haus zu Haus tragen wollte.

Als der Pater Dumanoir die jungen Leute erblickte, nahm er seinen Hut mit beiden Händen, schob ihn zwischen seine Kniee, strich seine Haare zusammen, richtete sich auf und sagte:

»Meine Herren, Sie sind ein wenig saumselig.«

»Wir haben uns verirrt,« erwiederte Hippolyte.

»Setzen Sie sich hierher und schreiben Sie.«

»Schreiben, was? Billets? Ein schlechtes Mittel der Veröffentlichung!« bemerkte Gustave.

»Mein guter Freund, können Sie ein anderes vorschlagen?« fragte der Vater Dumanoir.

»Ich schlage vor, die Tour durch die Stadt mit dem Trommler zu machen.«

»Wir haben auch hieran gedacht; doch der Satanstrommler verlangt zwanzig Sous.«

»Ich strecke der Truppe zwanzig Sous vor, unter der Bedingung, daß ich sie von der ersten Einnahme für mich erhebe.«

»Bewilligt!« rief man einstimmig.

»Aber, mein guter Freund, was werden wir ohne Costümes spielen?« fragte der Vater Dumanoir.

»Das militärische Stück: Ohne Trommel und Trompete, Michel und Christine, Adolphe und Clara.«

»Gut, es sei.«

Und er setzte seinen Hut wieder auf.

Man holte den Trommler: er verlangte zum Voraus bezahlt zu werden.

Gustave reichte ihm majestätisch die zwanzig Sous.

Der Trommler nahm die zwanzig Sous.

»Und nun,« sagte er, »Sie werden mir wohl einen Platz für meine Frau und meine Kinder geben?«

»Sind Sie von der Nationalgarde?«

»Ja.«

»Sie sollen vier Plätze haben, doch Sie müssen uns Ihre Uniform leihen.«

»Es wird geschehen.«

»Man wir wirble also!«

Und es begann die Tour durch die Stadt.

Man spielte mit der Uniform der zwei Gendarmen, dem Rocke des Trommlers und der Verlassenschaft des Feldschützen.

Die erste Einnahme belief sich auf sechzig Franken nach Abzug der Kosten.

Da Ferdinand der Kosak nicht mehr da war, um fünf und einen halben Theil für sich zu nehmen, so bekam Jeder einen ganzen Theil. nachdem die zwanzig Sous von Gustave gewissenhaft wiedererstattet waren.

Fünf Franken sechzig Centimes.

Das war der Pactolus. wenn er alle Tage geflossen wäre.

Niemand kann ganz gewiß den Grund des Anwachsens vom Nil angeben.

Wir werden ohne Furcht, Lügen gestraft zu werden, die Ursache vom Fallen des Pactolus nennen.

Man trat in die Fasten ein, eine Zeit des Fastens für die Christenheit im Allgemeinen, für die Schauspieler aber insbesondere, und für die Provinzschauspieler ganz besonders.

Eines Tags. als man nur zehn Franken gemacht hatte, – das war allerdings unter den Kosten, – sagte Gustave zu Hippolyte:

,Hippolyte, ich ergebe mich.«

»Was will das besagen: »ich ergebe mich?«

»Das will besagen: ich bin besiegt.«

»Und . . .?«

»Und ich will mich einer neuen Arbeit zuwenden.«

»Weicher?«

»Der der reumüthigen Kinder: ich debutire als verlorener Sohn. Morgen reise ich nach Caen: ich falle meinem Vater zu Füßen und thue, was er will, und sollte er von mir verlangen, daß ich nicht mehr Komödie spiele.«

»Abtrünniger!«

»Was willst Du? Die menschliche Stärke hat ihr Maaß.«

»Wie viel hast Du zur Reise?«

»Ich habe, was ich brauche, neun Franken; vier Franken, um ein Paar Schuhe zu kaufen, fünf Franken, um den Weg von hier nach Paris zu machen.«

Weißt Du, daß es immer fünfzig Meilen3 Lille nach Paris sind?«

»Fünfundfünfzig! Das sind zwanzig Sous für die Etappe zu elf Meilen am Tage.«

»Und von Paris nach Caen, wie viel Meilen?«

»Dreiundfünfzig.«

»Hundertundacht im Ganzen.«

»Gut! das verschlingt sich.

»Hundertundacht Meilen mit hundert Sous: das ist nicht ein Sou auf die Meile; Du wirst Vorspann haben?«

»Ja Paris treffe ich wohl einen alten Kameraden, der mir etwas leiht.«

»Ist das entschieden?«

»Unwiderruflich.«

»Glückliche Reise!«

»Umarmen wir uns!«

»Morgen . . .«

»Morgen werde ich auf dem Wege sein, ehe Du erwacht bist.«

»Dann . . «

Die zwei jungen Leute umarmten sich.

»Ah! . . .« sagte Gustave.

»Was?«

»Man weiß nicht, in welche Lage man kommen kann.«

»Du hast Recht.«

»Man kann genöthigt sein, auf den Feldern zu weiden, und nicht einmal mehr Rüben finden.«

»Wir haben das erlebt.«

»Wo! denn, ich will Dir ein Geschenk machen, ehe ich Dich verlasse.«

»Gib,« erwiederte Hippolyte.

Und er streckte beide Hände aus.

»Materielles Geschöpf!«

»Ei! warum nicht?«

»An Dein Moralisches wende ich mich.«

»Es wäre mir lieber, Du würdest Dich an mein Physisches wenden.«

»Ich will vom Einen zum Andern überzugehen suchen. Du weißt, daß ich Dir erzählte, wir haben Alle, so viel wir von der hohen oder der kleinen Bank waren, einen Rummel gehabt?«

»Ja, Du hast mir das gesagt.«

»Ich habe Dir die Rummel von Jedem erzählt, den meinen ausgenommen.«

»Ah! Du hattest also auch einen?«

»Ich fingt Frösche.«

»Wozu?«

»Um sie zu essen.«

»Puh!«

»Du hast teufelsmäßig Unrecht! das ist ganz einfach ein köstliches Essen, etwas zwischen dem Aal und dem Huhn.«

»Schlechter Geselle!«

»Wie so?«

»Da machst, daß mir das Wasser im Munde zusammenläuft.«

»Ah! ah! Du verachtest also den Frosch nicht mehr .«

»Du weißt. welches Vertrauen ich zu Dir habe.«

»Nun, so höre . . . Nur darf es nicht gefroren sein.«

»Oh! es wird am Ende aufthauen.«

»Hoffen wir es . . Du wähst eine Gegend, wo es viele Sümpfe gibt.«

»Ich habe nicht nöthig, zu wählen; ich bin am Orte: in dieser Gegend gibt es überall Sümpfe.«

»Als Abend gehst Du aus, Du machst fünfhundert Schritte auf den Feldern, und Du horchst, von welcher Seite am meisten Gequake kommt.«

»Immer zu!«

»Am andern Tage wendest Du Dich nach dieser Seite . . . Ah! man muß zu drei sein.

»Wie die Parzen.«

»Oder wie die Grazien . . . Ich ging immer mit Fasiou und Flageolet. Am Rande eines Sumpfes angelangt, erforschest Du die Oberfläche des Wassers: Du siehst sie von zehn, fünfzehn, zwanzig Froschmäulern durchlöchert; die Frösche sind da wie grüne Blätter, sie stützen sich aus ihre aufgespreizten Pfoten und sperren ihre Goldaugen aus. Da sagst Dir: »»Gut!«« Du schneidest dann eine Stange von zwölf bis fünfzehn Fuß und ein Stäbchen von achtzehn bis zwanzig Zoll; an beiden lässest Du den Auftrag eines einen Haken bildenden Astes: nur muß sich dieser Haken am dünneren Ende der zwölf bis fünfzehn Fuß langen Stange und am stärkeren Ende des achtzehn bis zwanzig Zoll langen Stäbchens finden . . . Du folgst wohl meinem Raisonnement, nicht wahr?

»Gewiß!«

»Du gibst das achtzehn bis zwanzig Zoll lange Stäbchen einen Freunden: Du behältst die zwölf bis fünfzehn Fuß lange Stange. Mit Deiner Stange näher Du Dich dein Ufer des Sumpfes; Du wählst denjenigen von den Fröschen, mit welchem Dir zu beginnen beliebt. Du berührst ihn leicht mit dem Ende der Stange . . . leicht! Du begreifst? berührst Du ihn ungeschlacht, so taucht er unter, und gute Nacht, Frosch!«

»Leicht!«

»Leicht . . . als wolltest Du ihn liebkosen; dann ziehst Du ihn mit dem Ende der Stange an Dich, ganz sachte. behutsam . . . Ziehst Du ihn zu rasch an, so kommt er Dir zuvor: er macht krrroa!«

»Es ist erstaunlich, wie Du den Frosch nachahmst.«

»Ich habe das prakticirt . . Du ziehst ihn also ganz sachte an Dich . . . Du ziehst ihn an. Du ziehst ihn an, bis er in Deinem Bereiche ist; dann schiebst Du ihm die Hand unter den Bauch . . . es ist keine Gefahr, daß er entwischt, wenn Du die erwähnten Vorsichtsmaßregeln nimmst; – und mit einem Klatsch wirfst Du ihn fünfzehn Schritte auf den Rasen hinaus. Deine zwei Freunde springen darauf los: der Eine nimmt ihn an den Vorderfüßen, der Andere bei den Hinterfüßen; derjenige, welcher ihn an den Vorderfüßen halt, schneidet ihn entzwei bei der Stelle, wo hervorspringend die zwei Knöchelchen erscheinen, welche aufschnellen; derjenige, welcher die Hinterfüße hält, streift sie ab, bindet sie und reiht sie an dem Stäbchen auf. Du hast mittlerweile einen anderen Frosch gewählt, mit dem Du es machst wie mit dem ersten; dann wählst Du einen dritten, einen vierten . . . so viel, als es gibt! Sind keine mehr da, so gehst Du an einen andern Sumpf und so fort. Mit drei, vier, fünf Dutzend Fröschen. – je nachdem Du sie mehr oder minder liebst, oder Ihr, Du und Deine Kameraden, einen mehr oder minder guten Appetit habt, – stellst Du Deinen Fang ein.«

»Es ist aber nicht Alles, daß man Frösche hat: man braucht auch einen Stoff, um sie zu würzen, und irgend etwas, um sie damit zu essen.«

»Warte doch und höre, was wir thaten: wir traten bei einem Bauern ein; Flageolet spielte eine Melodie auf dem Hörnchen; Fasiou machte drei gefährliche Sprünge vorwärts, drei rückwärts, und der Bauer gab uns entweder ein wenig Butter, oder ein wenig Schweineschmalz, oder ein wenig Sahne. Wir gingen zu einem zweiten Bauern: Flageolet nahm wieder sein Hörnchen; Fasiou machte seine drei gefährlichen Sprünge vorwärts, seine drei gefährlichen Sprünge rückwärts, und der Bauer reichte uns ein Stück Brod. Endlich gingen wir zu einem dritten Bauern: Flageolet und Fasiou gaben eine dritte Vorstellung, und der dritte Bauer lieh uns sein Feuer und eine Pfanne. Du hast Verstand genug, um das Uebrige zu errathen . . . Dasselbe läßt ich von einem einzigen Menschen verrichten, nur nimmt es mehr Zeit weg, in Betracht, daß man genöthigt ist, die Frösche zu fischen, ihnen nachzulaufen, sie zu erwischen, entzwei zu schneiden und abzustreifen, Alles ohne irgend eine Hilfe; in diesem Falle braucht man aber nur zwei Dutzend zu fangen, statt sechs, was auf eins herauskommt.«

»Oh! für mich wäre eine Unannehmlichkeit hierbei: ich kann weder das Hörnchen blasen, noch die drei gefährlichen Sprünge vorwärts und rückwärts machen.«

»Doch Du hast eine schöne Stimme, Du trittst bei einem Bauern ein, stellst Dich als Troubadour auf und singst:

 
Ma Fauchette est charmante
Dans sa simplicite . . .4
 

und Du kommst zu demselben Ziele; der erste Bauer gibt Dir Butter, Schmalz, Sahne; der zweite Bauer gibt Dir ein Stück Brod, und der dritte läßt Dich Dein Fricassé machen. Am andern Tag gehst Du in einen andern Canton. Das ist das, was man den Rummel mit dem Frosche nennt. Und nun umarme mich! Ich reise ruhiger ab, denn ich habe die stolze Ueberzeugung, Dein Wohlthäter zu sein!«

Die zwei jungen Leute umarmten sich, und am andern Morgen vor Tagesanbruch war Gustave auf dem Wege nach Paris.

X

Gustave bei der Barrière du Faubourg Saint-Martin. – Verschwinden des Gasthauses der Mutter Carré. – Eine gute Nacht in einem Keller. – Ein edelmüthiger Freund. – Gustave auf der Straße nach Caen – Eine Carriole. – Hoffnung und Täuschung – Ein Lager im Wagen einer Wäscherin. – Unbändiger Marsch. – Ankunft in Caen. – Der Vater ausgezogen. – Eine letzte Anstrengung. – Gustave in den Armen des Vaters. —

Am fünften Tage nach dem der Abreise, um zwei Uhr Nachmittags, war Herr Gustave an der Barrière Saint-Martin; er athmete den Geruch der Ragouts und der Koteletes ein, hatte aber keinen Sou um sich ein Stückchen Hasen oder Barbe unter den Zahn zu schieben.

Seine zwei letzten Sous hatte er am Morgen in Ile Adam ausgegeben, um sich ein Laibchen Brod zu kaufen.

Und dennoch hatte Herr Gustave Eines beschlossen: erst um zehn Uhr Abends in die Stadt hinein zu gehen.

Warum dies?

Man wird es begreifen.

Herr Gustave gedachte an der Ecke der Rue Saint-Nicolas bei Madame Carré zu wohnen. Er kannte das Haus, er hatte es als Zeichner studiert und wußte, wie die Lichter und die Schatten vertheilt waren. Stellte er sich nun in den Schatten, so würde seine Entblößung minder sichtbar sein; sodann, wenn es, was wahrscheinlich, keinen Platz im Hotel gab, würde man, statt ihn wegzuschicken, wie dies unfehlbar zu einer Stunde des Tages geschähe, wo er Zeit hatte, ein anderes Lager zu suchen, ihn behalten, und sollte man ihn in einem Winkel auf einem Bund Stroh liegen lassen: das war Alles, was Herr Gustave erstrebte.

Dies sind, wie ich hoffe, zwei in den Augen des Lesers für die Handlungsweise von Gustave genügende Gründe.

Herr Gustave wartete also bei der Barrière und wärmte sich hier an den Rechauds der Kastanienhändler.

Auf den Schlag zehn Uhr trat er in die Stadt ein.

Hat man fünf und fünfzig Meilen in fünf Tagen gemacht, so ist es keine große Sache, den Faubourg Saint-Martin hinabzugehen, besonders wenn man an der Ecke der Straße ganz bereit, einen aufzunehmen, das Gasthaus der Mutter Carré, dieser guten Mutter Carré. welche Gustave ihren kleinen Etienne nannte, finden soll.

Wird er sich unter dem Namen Gustave oder unter dem Namen Etienne präsentiren?

Unter dem Namen Etienne.

Aber wo Teufels ist denn das Gasthaus der Mutter Carré?

O wehe!

Niedergerissen, rasirt. mit einem Bretterzaune umgeben.

Ah!

Gustave setzte sich auf einen Weichstein an der Ecke der Rue Saint-Nicolas. Man hätte ihn für Ulysses, als er nach Ithaka zurückehrte, halten können, hätte er einen Hund gefunden, der vor Freude, als er ihn wiedersah, gestorben wäre.

Da kein Hund da war, so war es ganz einfach Herr Gustave, doch Herr Gustave war diesmal sehr niedergeschlagen.

Er war indessen nicht der Mann, der sich ganz und gar niederschlagen ließ.

Nachdem er einen Entschluß gefaßt, stand der Reisende auf.

Eine Thüre war am Zaune angebracht.

Die Thüre wurde von innen mittelst eines Bindfadens mit Schleife und eines Nagels mit Haken geschlossen.

Er schob seine Hand zwischen zwei Brettern durch, fand den Bindfaden, machte ihn los, öffnete die Thüre und schloß sie wieder hinter sich.

Sodann sondirte er mit dem Fuße das Terrain, traf eine Kellertreppe, stieg zwölf Stufen hinab und befand sich in der lauen Atmosphäre der unterirdischen Oertlichkeiten.

Ein Glück kommt nie allein.

Herr Gnstave hatte ein Lager gefunden: er sollte auch ein Bett finden.

Man hatte die alten Strohsäcke von Madame Carré in eine Ecke des Kellers geleert.

Das gab ein Bett so weich wie Eiderdunen.

Herr Gustave zog seinen Rock aus, aus Furcht, ihn zu verderben, und steckte sich bis an den Hals ins Stroh.

Abgesehen vom Magen, der Hunger schrie, war die Nacht also ziemlich gut; im Vergleiche mit der Nacht im Schilderhause war sie sogar vortrefflich.

Am andern Morgen, bei Tagesanbruch, stand Herr Gustave auf, schüttelte sein schönes schwarzes Haar und ging weg, um einen Freund aufzusuchen.

Der Freund gab ihm zu frühstücken und lieh ihm dreißig Sous.

Es waren drei und fünfzig Meilen mit dreißig Sous zu machen.

Bah! man hatte so viele Dinge gethan, daß man auch am Ende etwas Unmögliches thun würde.

Gustave unternahm es, nicht wie Nero, weil er nach Unmöglichem gierig war, sondern weil ihn die Nothwendigkeit zwang.

Um zwei Uhr Nachmittags ging er von Paris ab.

Um zehn Uhr Abends kam er in Nantes an.

Das waren schon vierzehn Meilen von drei und fünfzig verschlungen.

Der Reisende gab zehn Sous für die Wohnung, zehn für das Essen ans: es blieben noch zehn Sous für die neun und dreißig übrigen Meilen.

Am andern Morgen begab sich Gustave frühzeitig auf den Weg: es war ein schlechtes, düsteres Wetter.

Eine Meile von Nantes holte er einen Kaufmann ein, der mit seinem Wagen reiste.

Der Wagen folgte der Mitte des Pflasters.

Dem Verstande seines Pferdes vertrauend, folgte der Kaufmann einem kleinen Pfade, wie sie die Fußgänger längs den Gräben machen.

Der verlorene Sohn schielte nach dem Wagen.

Es war eine hübsche Carriole mit Wachsleinwand bedeckt, allerdings auf der Achse hängend, doch man hatte der Unbequemlichkeit des Stoßens durch ein Bänkchen mit Riemen abgeholfen.

Diese prüfende Beschauung bestimmte ihn, ein Gespräch mit dem Kaufmann anzuknüpfen.

Der Kaufmann erwiederte seine Anrede.

«Gehen Sie weit so?« fragte er, nachdem die ersten Complimente ausgetauscht waren.

»Nach Caen,« antwortete der junge Mann.

»Nach Caen! . . . Sie sind noch nicht dort.«

Er streckte sodann die Hand aus, um sich zu versichern, daß einige Tropfen zu fallen anfingen, und sagte:

»Es wird vorher regnen.«

»Ich befürchte es.«

»Sehen Sie, es kommt schon.«

»Teufel, wir werden eingenäßt werden!«

»Ich nicht.«

»Wie so?«

»Ich steige wieder in meinen Wagen.«

Und das Beispiel mit der Lehre verbindend, stieg er in der That wieder in seinen Wagen, peitschte sein Pferd und fuhr im Trab weg.

Gustave hatte sein Spiel verloren.

Der Reisende machte indessen nie eine solche Sindfluth durch; fünfzehn Meilen von Nantes hielt er an.

Die zehn letzten Sous waren auf das Frühstück und das Mittagessen verwendet worden.

Man durfte nicht an das Nachtlager denken.

Der Wagen einer Wäscherin, der vor der Thüre eines Hauses ausgespannt war, übernahm die Kosten.

Der Reisende schlüpfte in den Wagen und machte es sich darin so bequem als möglich.

Es blieben für den andern Tag vier und zwanzig Meilen zu machen, und nicht einen Sou, um ein Laibchen Brod zu laufen oder einen Tropfen Branntwein zu trinken.

Um vier Uhr Morgens war die Kälte so heftig, das Wasser, das durch die Leinwand eindrang, so eisig, daß der Reisende sich auf den Weg zu begeben beschloß.

Es blieben ihm, wie gesagt, vierundzwanzig Meilen zu machen, und es war ihm, wie ein Schein des Wahnsinnes, durch den Kopf gefahren, sie an einem Tage zu machen.

Um Mittag hatte er fünfzehn zurückgelegt; er fiel vor Hunger und Müdigkeit fast nieder. Einen Augenblick hatte er den Gedanken, sich an den Rand des Weges zu setzen. Doch er sagte, obgleich mit sich selbst sprechend, laut:

»Wenn Du Dich setzt, Etienne, stirbst Du.«

Und er ging weiter.

Um zwei Uhr hatte er achtzehn Meilen gemacht; es blieben ihm nur noch sechs, – allerdings war er beinahe verrückt.

Er ging wie ein Mensch, der den Schwindel hat, mit einem wahnsinnigen, wüthenden Schritte, den Kopf im Winde, das Auge starr, die Lippen halb geöffnet, die Zähne an einander gepreßt.

Sein Athmen glich einem Brüllen.

Diejenigen, welche den bleichen jungen Mann mit dem fieberglühenden Auge, mit den geschlossenen Fäusten, mit den starren Armen vorüberkommen sahen, gingen ihm aus dem Wege und sagten:

»Ah! er ist also wüthend dieser da, daß er einen solchen Schritt geht?«

Und er ging immer weiter; seine Muskeln gehorchten einer mechanischen Bewegung; man hätte glauben sollen, es sei eine von der Hand Satans aufgezogene Maschine. Es schien ihm nun, die Entfernung sei für ihn gleichgültig, und er werde ankommen. wie groß auch die Entfernung sein möge.

Nur, wie würde es ihm ergehen, wenn er angekommen?

Der Grieche von Marathon war auch in Athen angekommen, nur war er bei seiner Ankunft gestorben!

Um fünf Uhr Abends hatte sein Marsch weder um einen Schritt, noch um eine Minute in der Meile abgenommen.

Doch die Bäume der Straße, die Häuser der Dörfer, Alles drehte sich um ihn.

Seine Schläfe schlugen, daß er glaubte, seine Arterien werden zerreißen.

Er hatte ein Brausen in den Ohren, als ob er am Niagara-Falle hinginge.

Er sah roth, als ob er eine Blutwoge vor den Augen hätte.

Plötzlich hörte er das Rasseln von Trommeln.

Das war die Retraite.

Er näherte sich Caen.

Er stieß einen heiseren Schrei aus, dem Kreischen einer Hyäne ähnlich.

Bald erschien die Stadt wie eine ganz von Lichtern durchbrochene schwarze Masse.

Seit dem vorhergehenden Tage um vier Uhr hatte er kein Krümchen Brod gegessen, kein Glas Wasser getrunken.

Er lief den Faubourg Vauxelles hinab wie ein Gespenst, folgte der Rue Saint-Jean in ihrer ganzen Länge, trat in die Rue des Carmes ein und stürzte in den Gang seines Geburtshauses; doch er hatte nicht die Kraft, die drei Stockwerke hinaufzusteigen,, ließ seine beiden Hände an eine Thüre fallen und rief:

»Ist der Vater da?«

Es öffnete ein Mann.

»Ah! es ist Etienne i« sagte er.

»Der Vater! wo ist der Vater!« fragte Gustave keuchend, indem er sich an die Wand an lehnte, um nicht zu fallen.

»Er ist ausgezogen.«

»Mein Gott. wo wohnt er?«

»In der Rue des Postes.«

Der Unglückliche antwortete nicht eine Sylbe; er begab sich wieder auf den Weg.

Es waren ungefähr fünfhundert Schritte von der alten Wohnung zur neuen.

Einen Augenblick schien es ihm schwieriger, die fünfhundert Schritte zurückzulegen, als die vierundzwanzig Meilen, die er gemacht hatte.

Das Haus der Rue des Postes hatte einen Gang wie das der Rue des Carmes.

Nur wußte er nicht, wo sein Vater wohnte, ob im Erdgeschoße, ob im ersten Stocke, ob im zweiten oder im dritten.

Er warf sich in den Gang und schrie:

»Vater! Vater! Vater!!!«

Diesen kläglichen Ruf hörte der Vater vom zweiten Stocke; er erkannte die Stimme seines Kindes, eilte die Stufen hinab und kam an, als Gustave fast ohnmächtig niederfiel.

»Ah! mein armer Junge!« sagte er.

Und ohne ein Wort mehr zu sprechen, ohne ihm einen Vorwurf zu machen, nahm er ihn in seine Arme, trug ihn in den zweiten Stock hinauf, zog ihm seine Lumpen aus, wusch ihn und legte ihn zu Bette, als ob er ein Kind gewesen wäre.

Etienne ließ mit sich machen: es war ihm, als hätte er Arme und Beine gebrochen.

Er besaß nicht einmal die Kraft, zu klagen.

XI

Das Päckchen Haare. – Der Vater erzählt Gustave eine Episode aus seiner Jugend. —

Etienne vermöchte selbst nicht zu sagen, was in der Nacht vorging, die auf seine Ankunft folgte: er hatte gleichsam das Bewußtsein verloren. Er fühlte, wie von Zeit zu Zeit seine Lippen sich aus einander thaten, wie ein stärkender Trank seine vertrocknete Kehle befeuchtete und sodann die Lippen seines Vaters, dieses Mannes, der ihn in gewöhnlichen Zeiten nie küßte, sich ganz schauernd auf seine Stirne legten.

Seine Erinnerung geht nicht über diese unbestimmten Einzelheiten hinaus.

Am andern Morgen erst fand er, als er wieder zu sich kam, auf einem Stuhle bei seinem Bett einen Haufen Bücher.

Der Vater hatte sich erinnert, daß lesen, lesen und immer lesen eine von den Zerstreuungen der Kindheit seines Sohnes war.

Acht Tage lang hütete der junge Mann das Bett. Wenn er heraussteigen wollte. um irgend einen Gegenstand zu holen, so stieg er mit den Händen voran heraus, und er schleppte sich fort wie ein Seehund, ebenso gelähmt in seinem Hintergestelle, als ob ein Rad darüber gegangen wäre.

Als er eines Tags, um sich zu zerstreuen, den alten nußbaumenen Schrank aufmachte und darin suchte, ohne zu wissen, was er suchte, öffnete er eine nach der andern alle Schubladen; da fand er im Hintergrunde von einer dieser Schubladen ein Päckchen Haare in dreifaches Papier gewickelt und von einem schwarzem Bande umschlossen.

Das konnte nur ein Familienandenken sein; dieses Andenken erregte seine Neugierde.

Er legte das Päckchen unter sein Kopfkissen, und als der Vater nach Hause kam und sich wie gewöhnlich an sein Bett setzte, zog er das Päckchen unter dem Kissen hervor und fragte:

»Was ist denn das, Vater?«

Der Vater brauchte nicht das dreifache Papier abzunehmen; bei der einfachen Berührung mit der Hand errieth er, was es enthielt.

»Das?« erwiederte er, »das ist nichts.«

Und er warf das Päckchen ins Feuer.

–Ah! Vater!« rief der junge Mann, indem er hinzueilte, um die Haare wieder zu erhaschen. denn er vermuthete es sei ein kostbareres Andenken, als es sein Vater zugestehen wollte.

Doch der Vater hielt ihn am Handgelenke zurück, bis das Papier mit seinem Inhalte völlig in Asche verwandelt war.

Dann warf er sich in seinen Lehnstuhl zurück, ließ seufzend seinen Kopf auf seine Brust fallen und schloß die Augen.

Aus seinen geschlossenen Augenlidern traten zwei stumme Thränen hervor und rollten über seine Wangen, gefolgt von zwei anderen Thränen.

Dieser eiserne Mann ging offenbar zurück und stieg auf einer Reise in das Land seiner Jugend den Weg der Illusionen hinauf.

Der junge Mann sah ihn einen Augenblick ganz erstaunt weinen; dann verlängerte er seine Lippen und küßte. was er nie zuvor gewagt hatte, die Wangen des Greises an der Stelle, wo die Thränen sie durchfurchten.

Der Greis öffnete die Augen, umschlang mit einem Arme den Kopf seines Sohnes, drückte ihm seinen Mund auf die Stirne und sprach:

»Etienne, ich hörte Dich eines Tags andern Kindern. mit denen Du spieltest, und die, Dich fragten: »Warum sieht er denn so hart aus, der Vater Jean?« antworten: »»Ah! er ist nicht böses doch es scheint, als er jung war, hat man ihn nicht lachen gelehrt.««

»Vater.«

»Du irrtest Dich, Etienne: als ich jung war, lachte ich wie die andern Kinder. Mit achtzehn Jahren war ich ein fröhlicher Bursche, und während der drei ersten Jahre, die ich beim Regimente blieb, sagte man, wenn man keine andere Vergleichung hatte, um die Heiterkeit zu schildern: Heiter wie Jean. Ich will Dir nun erzählen, wie und warum ich zu lachen aufgehört habe.

»Ich war der Aelteste von meinen Geschwistern, viel älter als sie, so daß man, wenn mein Vater und meine Mutter zu ihren Geschäften gingen, mir die Andern zur Obhut übergab.

»Die Kleinsten nannten mich auch Mutter Jean, die Mittleren Vater Jean, und die Größeren Bruder Jean.

Unter Allem dem war diejenige, welche ich am meisten liebte, ein Engelskind Namens Catherine, blond, rosig, frisch, lachend, und diese Kleine liebte mich, wie ich sie liebte, das heißt sehr.

»Als ich Dienste nahm, zählte sie zwölf Jahre, – das war 1791 – ich beklagte ungemein die Trennung von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinen Brüderchen, meinen Schwesterchen, am meisten schmerzte es mich aber, von Catherine scheiden zu müssen.

»Ich ging ab, kam zum Heere und schlug mich vier Jahre – immer heiter, – denn ich erhielt von Zeit zu Zeit Briefe von Catherine, welche mir sagte, sie befinde sich wohl, und von den Andern, die mir sagten, Catherine werde immer schöner.

»Bei der Belagerung von Mainz bekam ich eine Kugel ins Bein. Der Wundarzt wollte es mir durchaus abschneiden; ich nahm meinen Säbel unter mein Kopfkissen und erklärte, wenn er sich mir je in einer solchen Absicht nähere, so renne ich ihm meinen Säbel durch den Leib.

»Er ließ sich das gesagt sein und befahl seinen Zöglingen, mich zu pflegen. Ich genas zu seinem großen Bedauern.

»So oft ich an ihm vorbeiging, klopfte ich mit meinem Stock an meinen Schenkel und sagte:

»»Sehen Sie!««

»»Ja,«« erwiederte er, »»doch Sie hinken,!««

»Ich würde wohl ganz anders hinken, wenn ich kein Bein hätte,«« versetzte ich.

»Hierauf beschränkte sich unser Gespräch.

»Man hörte endlich sagen, es seien in Italien große Siege erfochten worden; ein junger General Namens Bonaparte habe die Oesterreicher geschlagen, und es werde Friede geschlossen werden.

»Eines Tags schickte man mir einen unbeschränkten Urlaub das war eine Artigkeit, die mir der General Hoche, mein ehemaliger Bettkamerad, erwies.

»Man bezahlte meinen rückständigen Sold, der sich auf vierhundert Livres belief; das war abermals eine Artigkeit vom General, denn man bezahlte zu jener Zeit wenig.

Allerdings schlug man sich darum nicht schlechter.

»Ich nahm in Straßburg die Diligence und kam am sechsten Tage in Caen an.

»Bitte Viertelstunde von der Stadt stieg ich aus: ich wollte Alles dies nach und nach wieder sehen; ich befürchtete. die Gemüthsbewegung könnte mich ersticken.

»Ich ging zu Fuß nach; Caen hinein.

»Einer meiner Freunde, ein Schreiner, der einen Militär hinkend herbeikommen und Alles mit den Augen verschlingen sah, schaute mich aufmerksam an, erkannte mich und rief mich.

»Ich trat bei ihm ein.

»Es war mir sehr lieb, durch diese Gelegenheit Nachricht über meine Familie zu bekommen.

»»Mein Vater?«« fragte ich zuerst.

»»Er ist wohl.««

»»Meine Mutter?««

»»Sie ist wohl.««

»Die Kleinen?««

»»Sie sind wohl.««

»»Und . . . und Catherine?««

»Meine Stimme zitterte, als ich mich nach ihr erkundigte.

»»Sie ist so eben hier vorüber nach dem Kuhstall gegangen, Du wirst sie zurückkommen sehen, wenn Du fünf Minuten wartest. Du weißt, daß man sie in der Vorstadt nur die schöne Catherine nennt.««

»Ich wartete.

»Nach fünf Minuten erschien Catherine wirklich. Oh! es war so! es war wohl die schöne Catherine!

»Mein ganzes Herz eilte ihr entgegen. Ich wollte aus dem Hause stürzen: mein Freund hielt mich zurück.

»»He! Catherine, schönes Kindl«« rief er, »»kommt doch hierher; man wünscht Euch zu sehen!««

»Catherine näherte sich lächelnd und den letzten Vers eines Liedchens singend, das ich sie einst gelehrt hatte.

»Sie stellte vor der Thüre ihren Milchkrug nieder und trat ein.

»»Wer will mich denn sehen Nachbar?«« fragte sie.

»Ich zitterte an allen Gliedern nur beim Tone dieser Stimme, die bei dem Mädchen den frischen, reinen Klang des Kindes erhalten hatte.

»»Wer . . . bei Gott! dieser schöne Soldat! Schau ihn an . . . Findet Ihr nicht, daß er Jemand gleicht.««

»Catherine wandte sich gegen mich um. Schaute mich an erröthete, erbleichte, ihre Lippen bebten. Und sie rief:

»Ah! . . ah! mein Bruder Jean! . . .««

«Und sie machte eine Bewegung, um mir ihre Arme zu öffnen.

»Zu gleicher Zeit aber schlossen sich ihre Augen; sie ließ ihren Kopf zurückfallen, gab einen Seufzer von sich, als ob etwas in ihrem Herzen bräche und sank zu Boden.

»Ich stieß einen Schrei aus und stürzte mich auf sie: es war zu spät, ich hatte ihrem Falle nicht zuvorkommen können.

»Ich hob sie in meinen Armen auf und schloß sie an meine Brust.

»Sie war ohnmächtig.

»Ich fühlte mich selbst dem Fallen nahe.

,»,Oh! Catherine! theure Catherine! . . . Einen Arzt!«« rief ich. »»einen Arzt!««

»Der erste Arzt der Stadt fuhr in seinem Cabriolet vorüber: man lief ihm nach, man hielt ihn an.

»Er stieg aus und kam, ließ sich das Ereigniß erzählen, fühlte der Kranken den Puls, schüttelte den Kopf und sagte:

»»Gleichviel! ich will ihr zur Ader lassen!««

»Mein Gott! mein Gott! meiner armen Catherine zur Ader lassen?««

»»Wollen Sie lieber, daß Sie stirbt?««

»Wenn man ihr aber zur Ader läßt, stehen Sie für meine Schwester?««

»»Nur Gott steht für das Leben und den Tod.««

»»Handeln Sie!««

»Man umband den weißen Arm von Catherine, ich sah ihre Adern anschwellen, ich sah die Lancette glänzen. ich sah die Spitze sich dem Fleische nähern, ich sah das Blut spritzen.

»Oh! ich fühlte, daß ich wahnsinnig wurde . . . Ich hatte Lust, diesen Menschen zu tödten!

»Ich warf mich auf einen Stuhl, preßte meine Hand in meine Haare und schluchzte.

»Ich hörte einen Seufzer und erhob das Haupt.

»Es war auf dem Boden eine Schüssel voll Blut.

»Oh! mein Gott! mein Gott! wie hätte ich all mein Blut für dieses gegeben!

»Catherine schaute mit einem stieren Auge umher.

»»Ich bin es, Catherine!«« sagte ich zu ihr; »»ich bin es, es ist Jean, es ist Dein Bruder!««

»Sie suchte zu sprechen: ihre Zunge konnte Anfangs nur unverständliche Laute artikuliren.

»Auch unerhörten Anstrengungen stammelte sie sodann die Worte:

»»Jean, Du wirst wieder abgehen?««

»»Nein, nein, theure Catherine,«« erwiederte ich, »ich bin für immer zurückgekommen. um bei Dir zu bleiben, um Dich nicht mehr zu verlassen. Sei ruhig, Catherine, es ist nicht nur Bruder Jean, sondern Vater Jean, sondern Mutter Jean!««

»Sie suchte zu lächeln, doch ihr Mund war entstellt und ihr Lächeln erschrecklich.

»»Mutter Jean, Vater Jean?«« versetzte sie wie ein Verrückter, der seine Erinnerungen sammelt, oder vielmehr wie ein Blödsinniger, der zu begreifen sucht; »»nein, immer Bruder Jean.««

»Ich schaute den Arzt an. I

»»Ah,«« sagte er, »»Sie sehen, daß es besser geht. Vorhin war sie todt: nun lebt sie; sie war stumm: nun spricht sie.««

»Ach! ja! aber wie lebt sie? wie spricht sie?

»Wie eine Frau leben und sprechen kann, die so eben eine Gehirncongestion gehabt hat.««

»»Was ist nun zu thun?««

»»Man muß Alles von der Jugend und der Natur erwarten.««

»»Kann man sie nach Hause bringen?««

»»Allerdings, wenn das Haus nicht entfernt und die Art des Transportes eine sanfte ist.««

»Das Hans ist hundert Schritte von hier, und ich werde sie auf meinen Armen tragen.«

»»Nehmen Sie sich in Acht, Sie sehen mir auch nicht sehr stark aus, und vorhin hinkten Sie.«

»Ich hob Catherine in meinen Armen auf, wie ich ein fünfjähriges Kind aufgehoben hätte.

»»Verzeihen Sie,«« fragte der Arzt, »»wo wohnen Sie?««

»Ich nannte ihm meine Adresse.«

»»Ich werde sie alle Tage besuchen?««

»Und Sie können sie heilen?««

»»Ich werde mein Mögliches thun.««

»Ich stieß einen schweren Seufzer aus. Das Versprechen war sehr unbestimmt. Dann trug ich Catherine in meinen Armen fort.

»Die ganze Vorstadt wußte schon den Unfall, der Catherine zugestoßen war; ich kam zum Hause gefolgt von mehr als hundert Personen.

Mein Eintritt ins väterliche Hans war traurig. Ich kehrte lebend zurück, doch ich brachte meine Schwester beinahe todt.

»Welch ein Unterschied gegen das, was ich mir versprochen hatte!

»Man legte meine Schwester zu Bette.

»Von ihrem Lager ans folgten mir ihre Augen und ließen nicht eine Sekunde von mir ab.

So oft ich mich der Thüre näherte, stammelte sie mit Bangigkeit:

»Du willst wieder geben?««

»»Nein! nein! nein!«« rief ich. »»sei ruhig!««

»Sobald ich die Stube verlassen, hatte sie nur einen Schrei, einen schmerzlichen, fast kindischen Schrei:

»»Bruder Jean! Bruder Jean! Bruder Jean!««

»Und ich ging zurück und sagte:

»Sei der ruhig, Catherine . . . sei doch ruhig, ich habe ja meinen Abschied!«

»Es war, als hörte sie nicht.

»Der Arzt kam alle Tages doch statt das eine Besserung eintrat, ging es immer schlimmer bei der armen Catherine.

»Eines Tags sagte der Arzt zu mir: »Ihr Schnurrbart, Ihr Zopf und Ihre Uniform beunruhigen sie. So lange Sie Catherine so sieht, wird man ihr nicht begreiflich machen, daß Sie nicht mehr Soldat sind.««

»Ich ging sogleich in mein Zimmer hinauf, rasirte meinen Schnurrbart . schnitt meinen Zopf ab und warf meine Uniform in die Tiefe eines Schrankes.

Dann zog ich eine Blouse an und ging wieder hinab.

»Als sie mich so verwandelt erblickte, erleuchtete ein Blitz der Freude ihr Gesicht.

»»Ah!«« sagte sie, »«das ist mein wahrer Bruder Jean!««

»Ich trat zu ihr und nahm sie in meine Arme; sie legte ihren Kopf aus meine Schulter und murmelte:

»»Wenn ich todt bin, wirst Du zur Armee zurückkehren, doch nicht wahr, Bruder, nicht früher?««

»Oh! wenn sie mir solche Dinge sagte, siehst Du, da weinte ich alle Thränen meines Leibes!

»Von diesem Augenblick an wachte sie lächelnd, schlief sie lächelnd.

»Eines Tags . . . eines Tags starb sie lächelnd.

»Als ich sicher wußte, daß sie todt war, ging ich wieder in mein Zimmer hinauf, nahm meinen Rock, meinen Hut und meinen Säbel, und begab mich. Ohne irgend Jemand, – Vater, Mutter. Brüdern – Lebewohl zu sagen, zum Regiment zurück.

»Ich kam erst zehn Jahre nachher wieder nach Hause.

»Seit dem Tode meiner Catherine habe ich nicht gelächelt.

»Du siehst, mein Kind, daß Du Unrecht hattest, als Du sagtest, man habe mich das Lachen nicht gelehrt; ich konnte es: nur habe ich es verlernt . . .«

Etienne würde nie etwas von dieser Geschichte erfahren haben. hätte er nicht, wie gesagt, eines Tages das mit einem schwarzen Bande umwickelte Päckchen Haare in einer Schublade des nußbäumenen Schrankes gefunden.

XII

Gustave langweilt sich. – Rathschläge des Vaters. —Abreise nach Paris. – Besuch bei Mademoiselle Duchesnois. – Gustave deklamirt eine Tirade aus einem Trauerspiel. – Ein Empfehlungsbrief an Soumet. – Wohlwollender Empfang des Dichters. – Er empfiehlt Gustave an die Brüder Seveste. – Gustave spielt in Mont-Parnasse. – Sein Engagement

Eines Morgens schaute der Vater seinen Sohn fest an und sagte zu ihm:

»Du langweilst Dich, Etienne?«

Das war wahr; Etienne antwortete nicht.

»Komm mit mir,« fügte der Vater bei.

Beide gingen aus.

Der Vater führte Etienne zum Schneider.

»Machen Sie mir zwei vollständige Schelfen für diesen Burschen da, sagte er; »eine für alle Tage, eine für die Sonntage.«

»Und wann soll das fertig sein, Herr Jean?«

»Sobald als möglich: er kehrt nach Paris zurück.«

»Am Sonntag also.«

»Ist es früher unmöglich?«

»Unmöglich.«

»Gut, am Sonntag«

Etienne langweilte sich nicht, Etienne war in seinem Innern beschäftigt

Womit war er in seinen Gedanken beschäftigt?

Ei! mit seinem Teufelstheater.

Woher kam es aber, daß ihn das wieder mehr als je einnahm?

Wir wollen es sagen.

In seiner Abwesenheit und während er den von uns erzählten unglücklichen Feldzug in Flandern machte, hatte Mademoiselle Duchesnois in Caen gespielt und hier großen Succeß gehabt.

Wovon man aber besonders in Caen sprach, das war nicht ihr großes Talent, sondern ihre Herzensgüte.

Es war in der That schwer, eine bessere Person als Mademoiselle Duchesnois zu sein.

Alle diejenigen, welche mit ihr zu thun gehabt hatten, sangen das Lob der großen Tragödienspielerin.

Eines, worauf die Künstler, welche, um Vorstellungen zu geben. in die Provinz gehen, mehr Aufmerksamkeit verwenden müßten, ist ihr Privatleben, sind ihre persönlichen Eigenschaften.

Der Künstler wird in der Provinz ein Gegenstand der allgemeinen Neugierde; seine geringsten Geberden werden beobachtet, seine frivolsten Worte werden wiederholt; die Wände des Gasthauses, in dem er wohnt, haben Argusaugen, die Thüren haben Midasohren.

Die ganze Zeit, die er in der Stadt ist, unterhält man sich von seinem Talent.

Von dem Tage an, wo er nicht mehr da ist, unterhält man sich von seinen Fehlern und seinen guten Eigenschaften.

Und acht Tage, vierzehn Tag, einen Monat tragen diese Fehler und diese guten Eigenschaften die Kosten der Conversation.

Heute noch sagt man zu den Fremden, welche durch Caen kommen:

»Haben Sie Mademoiselle Duchesnois gekannt, mein Herr?«

Der Fremde antwortet ja oder nein.

»Eine reizende Frau, mein Herr! eine reizende Frau,« fügt der Canais bei, indem er eine Prise nimmt, oder seine Cigarre aus dem Munde zieht; »nicht in physischer Hinsicht. oh! nein, man kann nicht sagen, daß Mademoiselle Duchesnois schön war; im Gegentheil, man darf sogar dreist und ohne Furcht vor einem Widerspruche behaupten, daß sie häßlich war; aber ein Herz, sehen Sie, ein Goldherz! eine reizende Frau, mein Herr! eine reizende Frau!«

Was man heute noch in Caen, wenn das Gespräch auf Mademoiselle Duchesnois kommt, nach Verlauf von bald dreißig Jahren, wie ein aus dem ersten Viertel des Jahrhunderts erwecktes Echo, sagt, war natürlich im Augenblick, wo sie die Stadt verlassen, das allgemeine Gerede. Jedermanns Gemurmel.

Dieses Gerede, dieses Gemurmel hatten zugleich das Herz und die Ohren von Etienne gekitzelt.

Die Idee, daß er sich, so lange er in Caen bliebe, nicht bei Mademoiselle Duchesnois präsentiren könnte, war es also, was Etienne so traurig machte, daß sein Vater seine Traurigkeit bemerkte, und zum Schneider führte, neu kleiden ließ und zu ihm sagte:

»Ah! ich sehe wohl, daß Du Lust hast, nach Paris zurückzukehren.«

Woraus der junge Mann nichts antwortete, aus Furcht, zu viel zu antworten.

Am Tage seiner Abreise steckte der Vater seinem Sohne hundert Franken in die Tasche, begleitete ihn zur Diligence und sprach zu ihm:

,Du kehrst also nach Paris zurück.«

»Ja, Papa.«

»Du willst wieder bei Herrn Bochard eintreten?«

»Ja, Papa.»

»An der Madeleine arbeiten?«

»Ja, Papa.«

»Du hast das Theater sattsam versucht?«

»Ja, Papa.«

»Und Du wirst Dich nicht wieder verlocken lassen?«

»Nein, Papa.«

»Gott befohlen also, schlimmer Bursche.«

»Gott befohlen, Vater.«

Und der junge Mann reiste ab. fest entschlossen, seinen Namen Etienne an der Barrière zu lassen und sich schon am andern Tage bei Mademoiselle Duchesnois unter dem Namen Gustave zu präsentiren.

Diesmal, da das Hotel Carré verschwunden war, stieg er in der Rue Notre-Dame-de-Recouvrance im Hotel de Recouvranve ab.

Schon an demselben Abend ging er ins Théâtre-Francais und erkundigte sich nach der Adresse von Mademoiselle Duchesnois.

Mademoiselle Duchesnois wohnte in der Rue de la Tour-des-Dames in der Nouvelle-Athènes.

Am andern Tage, Morgens um elf Uhr, klingelte er an der Thüre von Mademoiselle Duchesnois.

»Wen soll ich melden? fragte der Kammerdiener.

»Melden Sie Herrn Gustav.«

Etienne hatte sich, wie man sieht, Wort gehalten.

Man ließ ihn in ein Cabinet eintreten, wo er auf Mademoiselle Duchesnois wartete.

Ah! wie klopfte sein Herz, wie hätte er, wäre er ihm bekannt gewesen, den Monolog von Hamlet, da er seine Mutter erwartete gesprochen:

 
»Ich warte! das ist einfach zu sagen, doch schrecklich zu denken.«
 

Endlich hörte er Tritte, das Rauschen eines Kleides; die Thüre wurde geöffnet; ein Diener meldete Mademoiselle Duchesnois, wie ein Huissier von Versailles: Die Königin!« gesagt hätte, und Clytemnestra erschien.

Häßlich, aber anmuthig, mit herrlichen Armen und einem nach dem der Venus von Milo geformten Beine, – sie zeigte dieses Bein gern in Alzire. – besaß Mademoiselle Duchesnois den Zauber der Güte.

Sie lächelte gegen den schönen jungen Mann, der zu ihr kam, befragte ihn zugleich mit dem Blicke und der Stimme und sagte:

»Sie haben mich zu sehen gewünscht, mein Herr?«

»Wahrlich! Mademoiselle,« antwortete der junge Mann erröthend, »Sie müssen mir verzeihen; ich bin von Caen.«

»Eine gute Stadt!«

»Wo Jedermann Ihr Talent und Ihre Seelengüte anbetet, und da ich Künstler bin . . .«

»Dramatischer Künstler?«

»Ja, so ungefähr. Ich sagte mir: ».Mademoiselle Duchesnois ist so gut, daß ich überzeugt bin, wenn sie mir nützlich sein kann . . .« Kurz, Sie sehen, ich bin gekommen, und hier bin ich . . . Glauben Sie, daß man etwas aus mir machen kann?«

Ei! das Aeußere ist schön . . . sind Sie ein Zögling des Conservatoire?«

»Oh! nein.«

»Haben Sie schon gespielt?«

»Zuweilen. in der Messe.«

»Wie, in der Messe?«

»Ich wollte sagen, in der Provinz.«

»Sprechen Sie mir ein wenig Tragödie.«

»Was?«

»Etwas, was Sie nie gehört haben.«

»Oh! ich habe gerade. was Sie brauchen: es ist aus Oreste von Herrn Soumet.«

»Und Sie haben Talma nie in dieser Rolle gesehen?«

»Talma war todt, als ich zum ersten Male nach Paris kam.«

Der junge Mann warf seinen Hut fern von sich, nahm die Stellung einer antiken Statue an und begann:

 
J’étais dans ce tombeau qu’un Dieu vengeur habite;
J’y coutemplais, avec un saint recueillement,
Les voiles déposés au fond du monument;
Et les cheveux d’Electre et l’offrande recente
Qui remplacait les dons de ma tendresse absente.
Après quinze ans d’exil, j’allais renouveler
Mes sermonts sur l’autel où le sang doit couler.
Une femme a paru dans ce lieu triste et sombre;
Pour observer ses pas, je me cachais dans l’hombre.
Elle semblait venir dans ce séjour des morts
Apportez ses regrets bien moins que ses remonds.
Se soutenant à peine, incertaine, agitée,
Aux marches de l’autel elle s’est arrêré.
La lampe, qui veillait dans ce lieu dedouleur
De ses traits convulsifs éclairait la pâleur.5
 

Und so fuhr er fort. Nachdem er aber noch die Stelle gesprochen:

 
J’en suis sorti muet, glacé, plein d’épouvante;
Et ce prodige affreux, cette femme expirante,
Ces infernales soeurs, ce spectre furieux
Me poursuivent encore . . . ils sont devant mes youx,
Je succombe . . .6
 

Da rief Mademoiselle Duchesnois:

»Gut, Sie haben nicht gelogen, und ich schwöre, daß Sie das Stück nicht haben spielen sehen.«

»Was Sie mir da sagen, hat nicht das Ansehen eines Compliments.«

»Nein, es ist kein Contpliment; Sie hätten indessen Unrecht, würden Sie diese Meinung für einen Tadel halten: Sie haben eine schöne Stimme; Sie sprechen aus eine originelle Weise; das ist vielleicht schlimm, doch es ist weder gemein, noch mittelmäßig.«

»Nun, also, Mademoiselle?« fragte der junge Mann.

»Also will ich Ihnen einen Brief an Soumet geben; er wird Sie beim Odeon, um dort kleine Rollen zu spielen, unterbringen.«

Und sie setzte sich sogleich an ein Bureau und schrieb:

»Mein lieber Soumet,

»Warum besuchen Sie mich nicht? Ich bin in der nächsten Woche beim Comité und werde Sie auf das Repertoire bringen lassen.

»Ich empfehle Ihnen den jungen Mann, der Ihnen diesen Brief überreichen wird; geben Sie ihm eine Zeile für das Odeon.

»Arbeitet er, so kann er es weit bringen.

»Duchesnois.«

Sie gab den Brief offen dem jungen Manne, und dieser las ihn laut.

»Oh! ja, ich stehe Ihnen dafür, daß ich arbeiten werde!« sagte er. »Wo ist mein Hut?«

»Hier.«

»Mademoiselle Duchesnois. Sie begreifen, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen danken soll. Doch gleichviel, wenn es mir gelingt, so wird es mich freuen, zu sagen, ich verdanke es Ihnen.«

Und er verbeugte sich vor der guten, vortrefflichen Schauspielerin und lief weg.

Hatte er in Mademoiselle Duchesnois eine gute, freundliche Beschützerin gefunden, so sollte er gleichfalls in Soumet einen guten, liebenswürdigen Protector finden.

Der theure Soumet! Ich habe ihn kennen lernen, zu spät, doch genug, um ihn im Théâtre-Francais bei der Inscenirung seiner zwei letzten Werke zu ersetzen, genug, um es verdient zu haben, daß er mir einigen Dank schuldig zu sein glaubte.

Ein schöner Typus des Dichters! Stolz gerade bis zum Maaß seines Talentes, voll Glauben an die Muse, voll Religion für die Poesie; sodann gut, sanft, gefällig wie ein ächter Mensch von Genie, was er war.

Im Jahre 1828 war er ein noch junger Mann, mit großen, begeisterten Augen, schwarzem flatternden Haaren und offenem, leicht zugänglichem Herzens er nahm auch vortrefflich den jungen Mann in einem eleganten Cabinet auf, das ganz mit Büsten von Meistern ausgeschmückt war.

Er las den Brief und sagte wie diejenige, welche ihn schrieb, zu Herrn Gustave:

»Sprechen Sie mir etwas.«

Gustave dachte, die Tirade, weiche gute Dienste bei Mademoiselle Duchesnois geleistet, werde dasselbe bei Soumet thun.

Soumet hörte aufmerksam zu.

»Es sind nicht Stückchen von Rollen, was Sie brauchen, sondern große Rollen. Nicht im Odeon müssen Sie zwei- oder dreimal im Monat spielen: Sie müssen alle Tage im Weichbilde spielen. Ich will Ihnen einen Brief an Seveste geben.«

»Mademoiselle Duchesnois hat mich zu Ihnen geschickt: machen Sie mit mir, was Sie wollen.«

Und dennoch . . . nachdem man vom Théâtre-Francais geträumt, nachdem man das Odeon erschaut, hieß es sehr tief fallen, zu Seveste hinabgestürzt werden.

Soumet begriff, was im Herzen des jungen Mannes vorging, so ergeben er zu sein schien, und sagte:

»Versinken Sie in den Morast der kleinen Rollen, so kommen Sie nie mehr heraus; glauben Sie mir, debutiren Sie aus keinem Theater von Paris, nur um einen Schlag zu thun.«

Soumet schrieb den Brief mit seiner schönen, freien Schrift, welche der von Lamartine gleicht. Die redlichen Leute haben eine ihnen eigenthümliche Handschrift.

Die zwei Seveste, Jules und Edmond, – Edmond, der heute todt ist; Jules, der heute Direktor des Théâtre-National ist, – wohnten damals in der Rue Beauregard und beuteten alle Theater des Weichbild aus.

Von der Rue Beauregard gingen alle Tage die vom Mittelpunkte nach dem Umkreise expedirten Komödiantenwagen ab, welche man die Salatkörbe Seveste nannte.

Vermöge des Namens Soumet wurde Herr Gustave sogleich bei einem der beiden Brüder eingeführt.

Es war Edmond.

Edmond las den Brief, und zum dritten Male an demselben Tage hörte Herr Gustave die Worte:

»Sprechen Sie mir Etwas.«

Diesmal wollte er wechseln, und er begann die Scene von Hamlet:

– — Entflieh, erschreckliches Gespenst! —

Beim dritten Verse, und als er gerade fortfahren wollte, erschien plötzlich ein Mann, aus dem anstoßenden Zimmer hervorkommend.

»Stille!« rief dieser Mann.

Herr Gustave hielt inne.

»Singen Sie mir Etwas,« sagte der Eintretende.

»Gern,« erwiederte Herr Gustave.

Und er sang drei Baudeville-Strophen auf drei verschiedene Melodien.

»Ein herrliche Baßstimme!« rief Jules Seveste.

Derjenige, welcher eingetreten, war Jules Seveste.

»Was können Sie?’

»Michel und Christine, Ohne Trommel und Trompete, Adolphe und Clara.«

»Das ist es. was wir brauchen. Sie werden morgen probiren und übermorgen spielen.«

»Wo?«

»In Mont-Parnasse.«

Am Abend des andern Tages spielte Herr Gustave in Michel und Christine in Mont-Parnasse.

Der Inspicient erwartete ihn beim Abgang von der Bühne.

»Gehen Sie zu Herrn Seveste.«

»So ganz angekleidet?«

»Wie Sie sind; er wartet auf Sie.«

»Teufel! ich will ihn nicht warten lassen.«

Und er ging zu Herrn Seveste.

Zwei Engagements lagen auf dem Tische, beide von den Herren Seveste unterzeichnet.

»Unterschreiben Sie mir das!« sagte Edmond.

Herr Gustave unterschrieb, ohne nur anzuschauen.

»Gut! Lesen Sie nun,« sprach der Direktor.

Herr Gustave las. Er war engagirt, um Helden, jugendliche Liebhaber, sentimentale, edle Väter und Bedienten zu spielen, in den Chören zu singen und bei den Spectakelstücken zu figuriren.

Für Alles das sollte er gerade erhalten, was ihm Zozo vom Norden versprach: fünfzig Franken monatlich.

Nur sollte er sich Alles selbst anschaffen.

Herr Gustave entfernte sich zufrieden wie ein Prinz und drückte mit seinem linken Arme sein Engagement an sein Herz.

XIII

Orestes und Pylades finden sich in Selleville wieder. – Der Versucher – Gustave wird angeworben. – Eine Unpäßlichkeit. – Ankunft im Havre. – Der Dreimaster die Industrie. – Untersegel gehen. – Einen Monat im Havre., um auf günstigen Wind zu warten. – Auslaufen aus dem Hafen

Am andern Tage, in dem Augenblick, wo er zur Probe auf die Bühne trat, empfing ihn ein Schrei:

»Ah! da ist Gnstave!«

»Ah! da ist Hippolyte!«

Orestes hatte feinen Pylades wiedergefunden.

Orestes trat feierlich auf Pylades zu und sprach:

 
Qui, puisque je entrouve un smi fidèle,
Ma fortune va prendre une face nouvelle;
Et dèjà son courrox semble s’être adouci,
Depuis qu’elle a pris soin de nous rojoindre ici.7
 

Hippolyte hatte sich ebenfalls genöthigt gesehen, den Vater Dumanoir zu verlassen; die Noth war unerträglich geworden, und da der Winter beständig streng blieb, so daß der nomadische Künstler die Teiche fortwährend gefroren fand, so hatte er sich keine Erleichterung in seiner Existenz durch Benutzung des Rummels von seinem Freunde Gustave, das heißt dadurch verschaffen können, daß er Frösche gefangen und gesungen hätte:

 
Ma Fanchette est charmante.
 

Nachdem man in Versen mit Racine als Dolmetscher gesprochen, sprach man in Prosa.

»Was machst Du?« fragte Gustave.

»Ich spiele die Liebhaber,« antwortete Hippolyte.

»Und ich singe die Bässe: Ut, si, la, sol, fa, mi, re, ut, ut, ut!«

»Oh! ich kenne Deinen Baß, ich habe ihn gehört, als er leer war!«

Hippolyte spielte in der That alle Liebhaber, wie sie auch sein mochten: muntere, ernste, sentimentale, Gustave alle Oheime, alle Väter, alle Generale, alle Gouverneurs, kurz alle Alte.

Das dauerte so sechs Monate.

Nach Verlauf von sechs Monaten verschwand plötzlich eine von den zwei Schelfen.

Der andere war in ziemlich schlechtem Zustande.

Die griechische Mütze hatte den Hut ersetzt, was nichts besagen wollte, denn die Begeisterung für die braven Hellenen hatte in diesem Augenblick ihren Höhepunkt erreicht.

Doch die Stiefel zogen Wasser und die Theaterzettel fingen an die Unterstrümpfe zu ersetzen.

Man begreift, daß Gustave, der nur fünfzig Franken monatlich erhielt und von diesen fünfzig Franken Alles für das Theater anschaffen mußte, sich nicht viel in der Stadt anschaffen konnte.

Eines Abends, als er in drei Stücken gespielt hatte und durch irgend einen Umstand im Theater eine Stunde länger als seine Kameraden aufgehalten worden war, ging er um halb ein Uhr durch die Thüre der Künstler hinaus.

In dem Augenblick, wo er seine ersten Schritte auf der Straße machte, trennte sich ein Mann, der auf sein Herauskommen zu warten schien, von der Mauer und folgte ihm.

Obgleich dies mitten im Sommer geschah, war die Nacht doch düster und die Straße verödet.

Herr Gustave besaß nichts, durchaus nichts, was geraubt zu werden werth gewesen wäre; dennoch beunruhigte ihn dieser Mensch, der ihm nachging.

Bei der Biegung einer Straße blieb er plötzlich stehen, so daß, als sich der Unbekannte um dieselbe Ecke wandte, um die sich Herr Gnstave gedreht hatte, dieser und der Unbekannte sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber standen.

»Oh. verzeihen Sie, Herr Gustave,« sagte der Unbekannte.

»Verzeihen, was?« fragte der junge Mann.

»Das ich Ihnen folge!«

»Sie folgen mir also?«

»Gewiß.«-

«Und warum folgen Sie mir?«

Der Unbekannte nahm sein freundlichstes Gesicht an und erwiederte.

»Ich wollte eine Frage an Sie machen, mein Herr.«

»Welche?«

»Lieben Sie die Reisen?«

»Ein seltsame frage an einen Mann, und besonders Morgens um ein Uhr.«

»Mein Herr, ich hatte nicht die Geduld, länger zu warten!«

»Um zu erfahren, ob ich die Reisen liebe?«

»Ja, mein Herr. Ich lege ein großes Gewicht auf Ihre Ansicht hierüber.«

»Nun! mein Herr, liebe sie leidenschaftlich, Und Sie?«

»Es ist mein Geschäft. sie zu lieben.«

»Sie sind Reisender?«

»Ein unermüdlicher, mein Herr! Sollten Sie begierig sein, Amerika zu sehen?«

»Welches? Es gibt zwei: Nord-Amerika und Süd-Amerika.«

»Weder das Eine, noch das Andere: Central-America.«

»Die Antillen also?«

»Ganz richtig.«

»Sehr begierig! Ich sterbe vor Verlangen, Kokosmilch zu trinken, wie Robinson, und Sojaven zu essen, wie der Kapiteln Cook.«

»Nun! mein Herr, es hängt nur von Ihnen ab, zu reisen.«

»Wie, es hängt nur von mir ab?«

»In Allem kostenfrei.«

»Das steht mir an.«

»Mit drei hundert Franken Gehalt monatlich: zwei hundert Franken mehr, als Sie bei Herrn Seveste haben.«

»Teufel! das ist verlockend.«

»Lassen Sie sich verlocken.«

»Wissen Sie, daß wir in dieser finstern Nacht, an der Ecke einer öden Straße, Sie in Ihrem Mantel, ich in meinem Ueberrock, das Aussehen ich von Faust, Sie von Mephistopheles haben?«

»Steigen wir in meinen Mantel, und lassen Sie uns abfahren.«

»Und Seveste?«

«Hat er Ihnen Vorschüsse gemacht!«

»Keinen.«

»Dann ist Ihr Zartgefühl nicht gebunden. Und bemerken Sie Eines . . .«

»Sie sind Beobachter?«

»Ja.«

»Was haben Sie bemerkt-l«

»Daß jeder Mensch seinen Hang hat; Sie haben den Hang zum Desertiren.«

»Wie, zum Desertiren?«

»Ja, Sie sind zuerst aus der Werkstätte von Herrn Bochard desertirt, um zur Truppe von Dumanoir überzugehen; dann sind Sie von der Truppe von Dumanoir desertirt, um zur Truppe von Bertrand. genannt Zozo vom Norden, überzugehen; dann sind Sie von der Truppe von Zozo vom Norden desertirt, um abermals bei der Truppe von Dumanoir einzutreten; dann sind Sie von der Truppe Dumanoir desertirt, um zu Ihrem Vater zurückzukehren; dann sind Sie von Ihrem Vater desertirt, um bei der Truppe von Seveste einzutreten; nun desertiren Sie von der Truppe von Seveste, um bei der Truppe von Viktor Marest einzutreten; endlich werden Sie aus Frankreich desertiren, um es mit Amerika, Guadeloupe und Trinidad zu vertauschen, wo Ihnen das milde Klima. die reine Luft, die reizenden Frauen, die Kokosmilch und die Gojaven, wie ich hoffe, die Lust zum Desertiren benehmen sollen.«

»Sie sind vollkommen unterrichtet.«

»Ich pflege Erkundigungen einzuziehen.«

»Aber Seveste?«

»Liegt ihm viel daran, Sie zu behalten?«

»Weniger als Ihnen, mich zu bekommen, da er mir nur fünfzig Franken monatlich gibt, während Sie mir dreihundert anbieten.«

»Erwägen Sie die Sache.«

»Sie ist schon erwogen.«

»Nun?«

»Ich desertire.«

»Bravo!«

»Nur, warten Sie. . . man muß so anständig als möglich desertiren.«

»Und besonders so sicher als möglich.«

»Das Eine widerstrebt dem Andern nicht.«

»Desto besser.«

»Ich will mir zuerst den Anschein geben, als wäre ich krank.«

»Zu welchem Zwecke?«

»Man wird meine Stelle in allen meinen Rollen ersetzen, und gehe ich ab, so werde ich wenigstens Seveste nicht in Verlegenheit lassen.«

»Wissen Sie, daß Sie mich für den Tag, wo die Reihe an mich kommen wird, beruhigen?«

»Man desertirt, doch man ist redlich.«

»Abgemacht, Sie werden krank.«

»Sie lassen mir fünfzig Franken zurück.«

»Ich lasse Ihnen fünzig Franken zurück.«

»Sie reisen nach dem Havre ab.«

»Ich reife nach dem Havre ab.«

»Und zwei Tage, ehe das Schiff unter Segel geht . . Ich nehme an, daß Sie zur See nach den Antillen reisen?«

»Sie haben errathen! Würden Sie lieber zu Fuß gehen?«

»Mit hundert und fünfzig Franken weniger würde ich es vorziehen . . .«

»Unglücklicher Weise . . .«

»Ja, das ist nicht möglich Nun denn! Zwei Tage ehe Sie unter Segel gehen, schreiben Sie mir.«

»Ich schreibe Ihnen.«

»Ich komme an, um mich einzuschiffen, und der Streich ist geschehen.«

»Hier sind Ihre fünfzig Franken. Ich kann auf Sie zählen?«

»Schlagen Sie ein.«

»Bedenken Sie, daß ich Ihr Wort habe, und daß ich nichts Anderes will.«

»Sie haben Recht, das ist sicherer, als ein schriftlicher Vertrag.«

Mephistopheles ging auf einer Seite und Faust auf der andern ab.

Am andern Tage war Herr Gustave unpäßlich, am zweiten Tag war er krank, am dritten sehr krank.

Man war genöthigt, ihn in allen seinen Rollen zu ersetzen.

Nur ließ ihm die Administration sagen, wenn man nicht mehr als fünfzig Franken Gehalt habe, so sei man nicht berechtigt, länger als acht Tage krank zu bleiben.

Am siebenten Tage erhielt er einen Brief von Herrn Viktor Marest, der ihm ankündigte, das Schiff gehe zwei Tage nachher unter Segel.

Gegen sechs Uhr Abends klingelte man.

Herr Gustave war ganz angekleidet und zum Aufbruche bereit.

»Wer ist da?« fragte er durch die Thüre.

»Ich, Polyte.«

»Ah! wenn Du es bist, tritt ein.«

Polyte trat ein.

In der Vertraulichkeit nannten sie einander Polyte statt Hippolyte und Gugus statt Gustave.

»Es geht also besser bei Dir?« fragte Hippolyte.

»Ich bin nie krank gewesen.«

»Wie! und Deine Unpäßlichkeit?«

»War nur Schein.«

»Gut! Doch sage mir . . . «

»Was?«

»Du siehst aus wie ein Reisender.«

»Ich reise.«

»Wie, Du reisest? und Seveste?«

»Darum war ich krank.«

»Verstanden! Du willst durchgehen?«

»Ganz richtig.«

»Er wird Dir aber nachlaufen . . .«

»Sei ruhig, ich werde ihn aus dem Athem bringen.«

»Du gehst also sehr weit.«

»Zum Teufels nach Martinique, Guadeloupe, Trinidad.«

»Ah! armer Seveste! lind wann reisest Du ab?«

»Komm, begleite mich. Doch stille! behalte das für Dich.«

»Soll ich morgen, zu größerer Sicherheit, sagen, Du seist todt, und Dich übermorgen begraben lassen?«

»Das ist unnöthig: übermorgen werden wir abgesegelt sein.«

Eine Viertelstunde nachher war man bei den Messageries royales; zehn Minuten später hatten sich die zwei Freunde, jeder eine Thräne aus dem Winkel des Auges wischend, umarmt, und Gugus rollte auf der Straße nach dem Havre.

Am andern Tage um zwei Uhr Nachmittags begrüßte er Herrn Viktor Marest mit der Arie aus dem Deserteur:

»Ah! je respire . . . «8

Als seine große Arie gesungen und andächtig von Herrn Victor Marest, dem es nicht unangenehm dünkte, seinen neuen Pensionär beim Werke beurtheilen zu können, angehört worden war, fragte Herr Gustave:

»Wann reisen wir ab?«

»Morgen, beim Eintritt der Fluth.«

»Auf welchem Schiffe?«

»Auf der Industrie, einem herrlichen Dreimaster, Kapitän Chamblon, der sich anheischig gemacht hat, die Fahrt in einem Monat zu vollbringen.«

»Kann man an Bord der Industrie übernachten?«

»Sie befürchten, erkannt zu werden?«

»Bei Gott!«

»Gehen Sie! Sie können um so mehr dort übernachten, als die Fluth gerade Morgens um sechs Uhr voll ist.«

Herr Gustave ging hin, um seine kleine Anordnungen auf dem Dreimaster zu treffen.

Einen Monat auf der See zu bleiben, war eine Sache von Bedeutung für einen Menschen, der Blut brach, wenn er von der Delivrande nach Trouville auf dem Wachschiffe der Douane fuhr.

Am andern Morgen bei Tagesanbruch gab der Kapitän Chamblon Befehl zum Untersegelgehen. Es ist dies immer ein interessantes Schauspiel, selbst für diejenigen, welche ihm alle Tage beiwohnen und vom Hafendamm zusehen. Es versteht sich auch von selbst, daß die ganze komische Truppe, Director und Regisseur an der Spitze auf dem Verdecke war.

Zwei Guadeloupe befrachtete Schiffe gingen beide zu gleicher Zeit ab. Die Stunde, um die Anker zu lichten, war gekommen, das zweite Schiff, das wegen seiner Stellung zuerst abgehen sollte, setzte sich in Bewegung und fuhr ohne Hinderniß aus dem Bassin auf die Rhede und von der Rhede ins Meer.

Nicht dasselbe war mit der Industrie der Fall, weiche hundert und fünfzig Tonnen mehr wog, als das andere Schiffs mochte die Fluth nicht die erforderliche Höhe erreicht haben, mochte die Industrie vom Küstenlotsen schlecht geführt worden sein, sie stieß auf den Grund und konnte nicht auslaufen.

Die Abfahrt wurde also bis zur nächsten Fluth verschoben.

Als aber die nächste Fluth gekommen war, hatte sich der Wind gedreht und war conträr geworden.

Schon am Abend desselben Tages hatte man das andere Schiff aus dem Gesichte verloren.

Einen Monat lang blieb der Wind beharrlich Nord-Nord-West, so daß einen Monat lang die Industrie im Bassin verweilen mußte.

Während dieser Zelt schweifte Herr Gustave in der Gegend umher. Er floh vor den Emissären von Seveste.

Der Monat verging ohne besondere Vorfälle.

Nach Verlauf eines Monats hörte er unter Trommelschlag für den andern Tag die Abfahrt der Industrie verkündigen.

Er kehrte an Bord zurück.

Am andern Tage lief der Dreimaster, durch ein geschicktes Manoeuvre und begünstigt durch einen guten Wind, glücklich aus dem Hafen aus und erreichte triumphirend die hohe See.

XIV

Der Kapitän Chamblon. – Herr Gustave in seinem Matratzenrahmen. – Die heilige Cäcilie. – Dialog zwischen zwei Schiffen. – Die Enten und die Cocarden.– Ein Penaud. – Nutzen des Dictionnaire de l’Académie. – Der Second macht einen Penaud oder Pennon. – Gustave schnitzt ein altes Männchen. – Völlige Meeresstille. – Das Männchen der See. – Guadeloupe. – Das Wörterbuch von Bescherelle. —

Dieser Verzug von einem Monat hatte Jedermann und besonders den Kapiteln Chamblon in schlechte Laune versetzt.

Der Kapitän Chamblon war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, groß, kalt, trocken, ernst und sogar traurig von Gesicht.

Er war Ritter der Ehrenlegion und hatte sich sein Kreuz auf einem Kriegsschiffe verdient.

Der Wind war übrigens gut: dieser, so lange man sich in den Gewässern des Canals befand, conträrer Wind wurde vortrefflich, sobald man das Cap Finisterre umsegelt hatte.

Troß dieses günstigen Wetters rührte sich Herr Gustave nicht aus seinem Matratzenrahmen, wo er sich damit beschäftigte, daß er, um uns eines Marineausdruckes zu bedienen, seine Hemden zählte.

Nach einer Fahrt von sechs bis acht Tagen näherte sich der Direktor, der in seiner Eigenschaft als patentirter Reisender den Fuß des Seemanns hatte, seinem Pensionär und sagte, indem er eine bewunderungswürdige Baßstimme ertönen ließ:

»He! Meister Gustave!«

»Herr Marest!« erwiederte Gustave mit kläglichem Tone.

»Sind Sie da?«

»Bei Gott! ich glaube wohl, daß ich da bin.«

Und er versuchte es, den Kopf aufzurichten.

»Gut! ich sehe Sie, das genügt. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß übermorgen das Fest der heiligen Cäcilie ist.«

»Nun?« «

»Nun, wir müssen der armen Heiligen etwas zu singen suchen.«

»Ah! Herr Marest, rollt das Schiff so fort, wie es in diesem Augenblicke thut, so erkläre ich Ihnen, daß ich meinen Rahmen nicht verlasse.«

»Seien Sie unbesorgt. wir werden ein herrliches Wetter haben. Ich habe das mit dem Regisseur angeordnet.«

Am zweiten Tage nachher, als man vor Madeira kam, legte sich in der That der Wind.

In zwei bis drei Stunden bot die See den Anblick eines ungeheuren Spiegels.

Gegen fünf Uhr Abends deckte man unter einem Azurhimmel und im Angesichte von Madeira den Tisch.

Der Kapitän bot den Passagieren ein außerordentliches Mahl, geschmückt mit Bordeaux und emaillirt mit Champagner.

Der Regisseur hatte Wort gehalten, das Wetter war herrlich, und das Schiff machte nicht die geringste Bewegung.

Nach beendigtem Mahle stieg Jedermann auf das Verdeck.

Das war einer von den wunderbaren Abenden, wie sie vom Himmel auf den Lago maggiore, auf die Meere Siciliens und auf jene riesigen Blumenkörbe fallen, die man die Inseln Oceaniens nennt.

Beim Anblicke dieser balsamischen Inseln, dieses funkelnden Meeres, dieses tiefen Azurs des spanischen Himmels, dachte Niemand mehr an das schlechte Wetter des vorhergehenden Tags, und alle Musiker begannen mit demselben Ensemble, als ob sie im Orchester gewesen waren.

Zu gleicher Zeit stimmte die ganze Truppe den Chor aus der Weißen Dame an:

»Beim Klange, beim Klange der Schalmei’n . . .«

Man sang und accompaguirte mit ebenso großer Begeisterung, als ob man ein Publikum gehabt hätte.

Eine englische Brigg hatte sich auf drei bis vier Kabellängen genähert, und ihr mit Zuschauern besetztes Verdeck klatschte diesem improvisirten Concert Beifall.

Als die Chöre aus der Weißen Dame aufgehört hatten, fing an Bord des englischen Schiffes ein mit seltener Vollendung ausgeführtes Hornduett an.

Es war nun an der Indrustrie zu applaudiren.

Dann begann der Dialog zwischen den zwei Schiffen: sie waren so nahe beisammen, daß man von einem Bord zum andern plaudern konnte.

»Sie haben also ein ganzes Orchester an Bord?« fragte die Brigg.

Ich glaube wohl, wir gehen nach Guadeloupe mit einer Opernntruppe,« antwortete die Industrie; »und Sie?«

»Wir, wir haben zwei Künstler, welche nach New-York gehen, um sich dort hören zu lassen.«

»Ah! bravo!«

Und man machte sich Complimente über Bord.

Sodann gaben die Musiker der Industrie zum zweiten Mal das Zeichen zum Singen, und man stimmte den Chor aus Joseph an:

»Gott Israels! . . .«

Das englische Schiff antwortete seinerseits durch ein zweites Concerto.

Und das dauerte einen Theil der Nacht so fort, eine heitere, balsamische, harmonische Nacht, welche bei Allen, die dabei waren, im Andenken blieb.

Endlich spielten die französischen Musiker die Melodie von Vive Henri IV.; die englischen Musiker antworteten durch das God save the King. Man sagte sich guten Abend, man wünschte sich eine gute Nacht, Jeder stieg, langsam, mit Bedauern, hinab, um wieder seinen Platz in seinem Rahmen einzunehmen, und es blieb Niemand auf dem Verdeck, als der Untersteuermann, der mit dem Auge seinen Compaß nicht verließ, und der Kapiteln Chamblon, der über das Hintertheil geneigt, mit dem Blicke dem Sog des Schiffes folgte, das ein Feuermeer zu durchschneiden schien.

Als am andern Morgen die Passagiere wieder auf das Verdeck kamen, erblickte man das englische Schiff, das ein besserer Segler war, als die Industrie, nur noch als einen weißen Punkt, welcher einer mit ausgebreiteten Flügeln über die Wogen am Horizont hinstreifenden Möve glich.

Nach zwei bis drei Tagen hatte man zu viel an der Windstille, nach der man sich so sehr gesehnt; man machte nur noch zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden; der Kapitän Chamblon besonders zeigte unablässig eine schlimme Laune.

Der Kapitän Chamblon glich Herrn Jean: man hatte vergessen, ihn das Lachen zu lehren, als er jung war.

Nur war Herr Jean ernst, aber ruhig.

Der Kapitän Chamblon trat nur aus seiner Schweigsamkeit heraus, um zu der heftigsten inneren Aufregung überzugehen.

Die einzigen Augenblicke, in denen er eine schwache Empfindung des Wohlbehagens zu haben schien, waren die, wo er, wie wir vorhin sagten über den Sog des Schiffes geneigt, mit dem Blicke die ungeheuren Abgrunde des Meeres zu messen schien.

Man fühlte, daß im Grunde des Herzens von diesem Manne entweder ein tiefer Kummer, oder ein entsetzlicher Gedanke war.

Vielleicht Beides.

Diese Windstille reizte ihn im höchsten Grade.

Diese Windstille ergötzte im Gegentheil Gustave ungemein, weil sie ihm auf dem Verdecke umherzuspazieren und als Maler die herrlichen Sonnenuntergänge des Aequators zu studiren erlaubte.

Eines Tags erging sich Herr Gustave auf dem Verdeck mit den anderen Passagieren, die sich damit unterhielten, daß Sie den Enten Cocarden anhingen. . .Ah! verzeihen Sie, meine Leser, haben Sie nicht lange Seefahrten gemacht, so müssen Sie durchaus nichts von dem, was diese Unterhaltung ist, wissen.

Wir wollen es ihnen sagen.

Man macht eine Cocarde von weißem, blauem, gelbem, rothem oder grünem Papier, die Farbe ist gleichgültig, – von einem bis drei Zoll im Durchmesser; die Größe wie die Farbe hängen durchaus vom Geschmacke des Cocardenmachers ab.

Man befestigt am Mittelpunkte der Cocarde ein Fadenende.

Außen an diesem Faden bindet man ein Stück Brod.

Man wirft das Ganze der Ente zu.

Die Ende zieht natürlich das Brod der Cocarde vor, und mit ihrer gewöhnlichen Gefräßigkeit verschluckt sie das Brod; der Faden folgt dem Brode, die Cocarde folgt dem Faden.

Am Ende des Schnabels vom Thiere angelangt, zögert sie ein wenig; dann entscheidet sie sich für die Rechte oder die Linke, und sie klebt sich am Ende von einem oder dem andern Auge an; was der Ente ein groteskes Aussehen verleiht und die Zuschauer lachen macht.

Das würde Sie nicht lachen machen, antworten Sie verächtlich. Schwimmen Sie vierzehn Tage auf offener See; sehen Sie vierzehn Tage nichts Anderes als den Himmel und das Wasser, am Himmel nichts als Albatros und Tropikvögel, im Meere nur Boniten und Goldbrassen, zwischen dem Himmel und dem Meere nur fliegende Fische, und ich versichere Sie, daß Sie, um zu lachen, durchaus nicht mehr Ravel, Arnal oder Grassot brauchen, wenn sie ein Stück von meinen guten und witzigen Collegen Duvert und Lauzanne spielen.

Alle Welt lachte also, da man auf dem Verdecke ernst ein Dutzend Enten umherspazieren sah, von denen jede am Schlafe eine Cocarde von verschiedener Farbe und Größe hatte, als man die Stimme des Kapitäns hörte, der zum Second sagte:

»Mein Herr, machen Sie einen Penaud, daß wir wenigstens sehen, von welcher Seite der Wind kommt.«

Die Passagiere schauten einander an und fragten sich leise: »Was ist denn ein Penaud?«

Niemand wußte es

Einer derselben hatte ein Dictionnaire de l’Academie. Er ging in seine Cajüte hinab und suchte Penaud.

Er fand:

PENAUD, AUDE, adj. qui est embarrassé, honteux, interdit, Quand on lui dit cela, il demeura très penaud; ellefutbien penaude. Il n’est d’usage que daus le style familier. 9

Der Passagier stieg wieder mit seinem bei der Seite 262 offenen Dictionnaire herauf und zeigte das Wort seinen Gefährten

Man kam überein, daß es das nicht sein könne.

Man näherte sich dem Second, der dem Kapitän sogleich zu gehorchen sich anschickte.

Er verfuhr also:

Er hatte einen Pfropf von einer Flasche Bordeaux genommen, den längsten, den er hatte finden können, er hatte ihn an einem von seinen Enden spitzig geschnitten und das andere Ende in seiner ganzen Dicke gelassen.

Dann hatte er den Pfropf in zwanzig eine Linie dicke runde Scheiben geschnitten.

Jede von diesen Scheiben verminderte sich, sowie sie sich dem spitzig geschnittenen Ende näherte.

Die größte hatte die Breite eines Zwanzig-Sous-Stückes, die kleinste war nicht breiter als eine Linse.

Hieran fand sich fortwährend nicht die geringste Beziehung zu der vom Dictionnaire de l’Academie gegebenen Definition.

Die Neugierde war nichtsdestoweniger im höchsten Grade gespannt.

«Mein Herr,« fragte schüchtern der Eigenthümer des Dictionnaire de l’Academie indem er sich an den Second wandte, »nennt man wirtlich Penaud den Gegenstand, den Sie in diesem Augenblick auf Befehl des Kapitäns verfertigen?«

»Penaud oder Pennon. ich weißes nicht; doch ich glaube Pennon, obgleich wir Seeleute gewöhnlich Penaud sagen.«

Das Blatt umwendend fand er auf der ersten Colonne der S. 265:

PENNON, s. m. C’était autrefois une sortede bannière ou d’étendard à longue queue, qu’un chevalier, qui aveit vingt hommes d’armes sous lui était en droit de porter.10

Der Herr mit dem Dictionnaire drehte sich gegen den Second. um zu sehen, ob der fragliche Gegenstand die Form einer Fahne oder einer Standarte mit langem Schweife annahm, und er bemerkte, wie der Second zwischen seinen Knieen eine Henne hielt, die ihm ein Schiffsjunge gebracht hatte, und aus dem Bauche dieser Henne die feinsten und goldensten Federn rupfte.

Als er sodann eine hinreichende Quantität Federn zu haben glaubte, gab der Second dem Schiffsjungen, um sie wieder in den Käfich zu tragen, die Henne zurück, welche während der Operation viel geschrieen hatte.

»Das kann es auch nicht sein,« sagten Einer nach dem Andern die um den Second im Kreise umherstehenden Passagiere, indem sie das Dictionnaire de l’Academie von Hand zu Hand reichten.

»Meine Herren,« sprach der Eigenthümer des kostbaren Buches, »das Dictionnaire de l’Academie ist aber das Gesetz und die Propheten.«

Und je ernster die Sache wurde, desto mehr nahm die Aufmerksamkeit zu.

Nachdem die Scheiben vom Pfropfe geschnitten und die Federn der Henne ausgerupft waren, zog der Second einen Faden, an dessen Ende er einen Knoten gemacht hatte, in die kleinste von den Scheiben, die er bis an den Knoten vordrückte, dann durch die zweite, die er bis auf einen Zoll von der ersten vorschob dann durch die dritte, welche bis auf achtzehn Linien von der zweiten geschoben wurde, und so fort, indem er eine immer größere Entfernung beobachtete, sowie die Scheiben größer wurden.

Dann steckte er im Umkreise der Scheiben mit ihrer unbiegsameren Seite die Federn der Henne so hinein, daß diese Federn die Strahlung von einer Art von Sonne bildeten, deren solider Theil die Scheibe war.

Der Verfertiger des Penaud, wie sich dies von selbst versteht, assortirte die Größe der Federn nach der Größe der Scheiben.

Die großen Federn an die großen Scheiben die kleinen an die kleinen.

Hierauf band er die Schnur oder vielmehr den Faden an einen anderthalb Fuß langen Stock, den er in die Wand des Schiffes steckte.

Der geringste Wind genügte, um diese Scheiben von Kork und Federn aufzuheben und folglich anzuzeigen. von welcher Seite er blies.

»Bravo,« sagte der Kapitän, »wir werden wenigstens fortan wissen, woran wir uns zu halten haben.«

Gustave hatte bemerkt, welches Gewicht der Kapitän auf seine Wetterfahne legte, und er war entschlossen, ihm eine Ueberraschung zu bereiten.

Er fing damit an, daß er sich ein schönes achtzehn Zoll langes Stück Heiligenholz verschaffte.

Am oberen Theile schnitzte er sodann ein sechs bis acht Zoll hohes altes Männchen

Diesem Männchen fügte er einen beweglichen Arm von Fichtenholz, dem leichtesten von allen hölzern, bei, den er in den Farben des Heiligenholzes anmalte.

Der Rest des Holzstückes war eine Art von Trajanssäule, auf dem das Männchen stand.

An dem Tage, wo das Männchen und seine Säule geschnitzt waren, warf er sodann den Stock des Pennon ins Meer, pflanzte das Männchen und seine Säule an den Platz des Pennon. und befestigte an der beweglichen Hand des Männchens den Faden mit den befiederten Korkscheiben.

Beim geringsten Winde flatterten die Scheiben, nicht aufgehoben durch die Hand des Männchens, sondern im Gegentheil dieses aufhebend.

Bei diesem Anblick klärte sich das Gesicht des Kapitäns durch ein Lächeln auf: das war das erste, das man über sein Gesicht schweben sah.

Doch diese Zufriedenheit war nicht von langer Dauer. Schon an demselben Tage legte sich der Wind dergestalt, daß der Pennon, nachdem er gezeigt hatte, was er beim geringsten Hauche zu thun fähig war, unbeweglich blieb.

Das Meer von Aulis zeigte sich nicht träger unter den Galeeren der Griechen, als es das Atlantische Meer unter dem Kiele der Industrie war.

Der Kapitän Chamblon war sehr abergläubisch. Als er diese völlige Meeresstille sah bildete er sich ein, es sei das Männchen von Gustave, was dem Schiffe Unglück bringe.

Er ging auch nicht mehr an dem Männchen vorüber, ohne eine Drohung oder ein grobes Wort an dasselbe zu richten.

Endlich, in einer Nacht, nahm er in seiner Ungeduld die Säule, das Männchen, die befiederten Scheiben, und warf das Ganze ins Meer.

Eine Stunde nachher brach ein furchtbarer Wind los und das Schiff machte, obgleich es alle Segel eingenommen hatte, acht Knöpfe in der Stunde.

Herr Gustave, der im Glauben an die Windstille schlief, erwachte plötzlich, in seiner Schublade geschüttelt, wie eine alte Mandel in ihrer Schale.

Sein erster Ruf war:

»Thee!«

Obgleich der Kapitän gewöhnlich alle diese Schreier von Passagieren zum Teufel wünschte, hatte er doch seiner Talente wegen Herrn Gustave dem Schiffsjungen besonders empfohlen.

Der Schiffsjunge kam mit dem chinesischen Tranke.

»Ah! Ah!« sagte er, »wir brauchen also den armen Gringalet?«

Herr Gustave hatte so den Schiffsjungen zum Andenken an den bekannten Gringalet von Caen getauft.

»Ah! mein armer Freund, mein lieber Gringalet, was gibt es denn?«

»Der Kapitän hat Ihren verdammten Penaud, der die Industrie verhext hatte, ins Meer geworfen, so daß wir nun drei, Meilen in der Stunde machen.

Der heftige Wind dauerte vierzehn Tage und hätte beinahe das Schiff auf das Ufer des Senegal geworfen.

Das Wetter war so schlecht, daß man nicht einmal daran dachte, die Taufe des guten Tropenmannes zu vollziehen.

Am sechzehnten Tage endlich trat ein Augenblick der Ruhe ein. Madame Dupuis. die Frau des Baritons, benützte dies, um niederzukommen.

Ihr Mann war die Hebamme; der Kapitän der Beamte vom Civilstande; der Director der Truppe der Pathe und die erste Sängerin die Pathin.

Von der Niederkunft von Madame Dupuis an hatte man schönes Wetter.

Am fünfundvierzigsten Tage nach der Abfahrt von Havre rief der Matrose, der die Wache auf der Bramstenge hatte: »Land!«

Dieses Land war Guadeloupe.

»Verdammter Penaud!« sagte der Kapitän; »und wenn man bedenkt, daß wir, wenn ich ihn nicht ins Meer geworfen hätte, noch auf der Höhe des Caps Bogador wären!«

»Gleichviel, Kapitän,« versetzte Herr Gustave, »in Zukunft werde ich Ihnen etwas Anderes als Schnitzwerk machen. Mein armes Männchen, an dem ich drei Tage gearbeitet und zwei Federmesserklingen abgebrochen habe!«

»Gut! Herr Gustave,« flüsterte diesem Gringalet zu, »der Kapitän lügt: er hat nur den Faden und die Korkscheiben ins Meer geworfen; das Männchen habe ich gestern noch in der Schublade seiner Commode gesehen, und wenn Sie wollen, zeige ich es Ihnen.«

Herr Gustave gab Gringalet einen kleinen Thaler: die Ehre war unverletzt.

Der Passagier mit dem Dictionnaire kam erst im Jahre 1838 oder 1839 in dem Augenblick, wo das Wörterbuch von Bescherelle veröffentlicht wurde, nach Frankreich zurück.

Als er erfuhr, es sei ein neues Dictionnaire erschienen, ging er zum Herausgeber und bat um die Erlaubniß, es durchblättern zu dürfen. Diese Erlaubniß wurde ihm bewilligt.

Er suchte das Wort, das ihn seit zehn Jahren beschäftigte, und fand folgende Definition für Pennon:

»Ehe Art von Wetterfahne, bestehend aus einem Stocke, an dessen oberem Theile ein Faden befestigt ist, an welchem man in gewissen Entfernungen Korkscheiben mit darein gesteckten Federn angebracht hat, um die Richtung des Windes zu erkennen.«

»Ah!« rief er, »das ist ein Mann, der allein mehr weiß als vierzig Akademiker.«

XV

Ankunft. – Herr Gustave im Kaffeehaus. – Gespräch mit einem Creolen. – Gustave der Negerfreund erhält eine Warnung. – Der gute Gendarme. – Gustave im Costume von Adam nach seinem Falle. – Der Kapitän Chamblon läßt sich ins Meer gleiten. – Seine Leichenrede. —

Dieses Land war, wie gesagt, Guadeloupe.

Man begreift, daß. sobald man: »Land!’« gerufen, alle Welt auf dem Verdecke war.

Nur erschaut und erkennt man unter der durchsichtigen Atmosphäre der Wendekreise auf ungeheure Entfernungen.

Das Morgens uns sieben Uhr signalisirte Land wurde erst drei Stunden nachher wirklich sichtbar und erst um fünf Uhr Abends fuhr die Industrie längs der Küste des Arbousier hin.

In einer Entfernung von drei bis vier Meilen erblickte man mit Hilfe von Ferngläsern Hunderte von Barken, welche das französische Schiff umgaben, das die Küste bewacht und der Stationär genannt wird.

Diese Backen schienen auf die Industrie zu warten.

So wie man näher kam, brachen Demonstrationen der Freude an Bord der Barken los, so ausdrucksvolle und lärmende Demonstrationen . daß man sich fragte, was die Ursache dieses so allgemeinen Vergnügens, das die Grenzen einer gewöhnlichen Freude überschritt, sein könne.

Die ersten Worte, die man von den Barken mit dem Schiffe und vom Schiffe mit den Barken wechselte, gaben die Aufklärung des Räthsels.

Das Schiff, das vom Havre an dem Tage abfuhr, wo auch die Industrie abfahren sollte. war für Guadeloupe bestimmt. Es hatte die Reise in fünf und zwanzig Tagen gemacht und, im Hafen einlaufend, die baldige Erscheinung der Industrie angekündigt, welche, da sie an demselben Tage vorn Havre abgegangen, ohne Verzug ankommen müsse.

Da es gesehen, wie sich der Dreimaster segelfertig machte, und nicht wußte, daß der Dreimaster nicht hatte auslaufen können, so mußte es glauben, er folge ihm.

Die Industrie war aber im Gegentheil, wie man sich erinnert, einen Monat im Havre zurückgehalten worden.

Das Schiff war also seit fünf Tagen bei Point a Pitre, als die Industrie wirklich unter Segel ging.

Eine Fahrt von fünf und vierzig Tagen, diesen fünf Tagen beigefügt, machte einen Verzug von fünfzig Tagen.

Für die Einwohner von Guadeloupe war also die Industrie offenbar untergegangen.

Unter der Zahl der Passagiere waren aber sieben bis acht Creolen von der Insel, meistens junge Leute von den besten Familien von Point a Pitre, so daß dieser Verzug, der keinen Zweifel über irgend einen unbekannten Unglücksfall ließ, die ganze Stadt in die tiefste Betrübniß versetzt hatte.

Und in Folge hiervon hatte sich in dem Augenblick, wo von der Wache des Hafens der Dreimaster die Industrie signalisirt worden war, ein großes Freudengeschrei aus der Stadt erhoben.

Die Industrie kam nun mit vollen Segeln an, und nichts bezeichnete an seinen Masten oder in seinem Takelwerk den geringsten Schaden.

Weit entfernt, abzunehmen, hatte die Zahl der Passagiere im Gegentheil zugenommen.

Es war ein wunderbarer Anblick für die Europäer. diese schöne Insel mit der üppigen Vegetation, wie sie sich vom goldenen Grunde einer untergehenden Sonne abhob, dieses durchsichtige Meer ganz bedeckt mit Barken, die unter ihren Rudern Garben von rosenfarbigen Diamanten aufspringen machten, – Fond und Rahmen eines Gemäldes das Fest der Rückkehr vorstellend.

Barken und Schiffe kamen beim Stationär zusammen, sogleich fand ein Austausch von Zärtlichkeiten, ein Sturm von Umarmungen statt; die Leute von den Barken stiegen an Bord, während auf allen Seiten einige von den Passagieren in die Barken stiegen, auf die Gefahr, ins Meer zu fallen.

Man sah nur ausgestreckte Arme, von Thränen befeuchtete Augen.

Die Schauspielertruppe war außer allen diesen Demonstrationen: die Neugierde allein erwartete sie und die Neugierde hat nichts sehr Zärtliches.

Man gelangte bei Einbruch der Nacht in die Stadt und betrachtete mit Erstaunen das für europäische Augen so neue Schauspiel einer ganzen fast nackten, schwarzen Bevölkerung.

Der Abend der Ankunft wurde auf das Suchen von Wohnungen verwendet.

Es ist übrigens nichts so leicht, als eine ganz eingerichtete Wohnung in Point a Pitre zu finden.

Eine Menge von schönen Negerinnen von achtzehn bis zwanzig Jahren hat eine andere Gewerbsthätigkeit, als die paar Zimmer, die sie bewohnen, eingerichtet zu vermiethen.

Nach der Wahl des Miethsmannes trugen sie ihr Bett hinaus, oder lassen sie es innen: das ist von einer patriarchalischen Einfachheit.

Noch am Abend seiner Ankunft ging Herr Gustave in ein Kaffeehaus, worauf er einen Vortheil zu ziehen gedachte.

Alles setzte ihn in Erstaunen; er schaute Alles mit gierigen Augen an.

Zwei Creolen plauderten; er horchte, was die zwei Creolen sprachen.

Es war die Rede von einem Neger Namens Cicero.

»Mein Herr,« sagte einer der Creolen zu unserem Helden, »an Ihrem Teint sehe ich. daß Sie Europäer sind.«

»Wahrlich, mein Herr, Sie irren sich nicht.«

»Und sogar, daß Sie zum ersten Male auf die Antillen kommen.«

»Ich bin vor zwei Stunden in Point a Pitre angelangt.«

»Nun! mein Herr, ich wette Eines.«

»Was?«

»Ich wette, daß Sie die Neger beklagen.«

»Wetten Sie, mein Herr, Sie werden gewinnen.«

»Es ist unglaublich, daß man solche Schurken beklagt.«

»Warum sollte ich sie nicht beklagen? Sie sind im Ganzen Menschen!«

»Menschen? Es das sind sonderbare Menschen! Schauen Sie, mein Herr.«

Hier bezeichnete der Creole Gustave den Mann, mit dem er plauderte.

»Wohl, ich schaue, mein Herr . . . was dann?«

»Gestern kauft er einen Neger.«

»Er kauft einen Neger.«

»Er bezahlt ihn mit zweitausend vierhundert Franken.«

»Zweitausend vierhundert Franken.«

»Der Bursche sieht das Geld in seiner Gegenwart bezahlen . . . verstehen Sie wohl? er sieht das Geld bezahlen.«

»Er sieht das Geld bezahlen . . . ich folge Ihnen mit aller Aufmerksamkeit.«

»Nun, errathen Sie, was er gethan hat?«

»Wie soll ich das errathen?«

»Er denkt sich in dieser Nacht, mein Herr.«

»Er denkt sich . . . wahrhaftig?«

»Es ist, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre habe. Wie finden Sie diesen Burschen!«

»Ich, mein Herr, finde ihn herrlich.«

»Wie beliebt?«

»Ich sage Ihnen, daß ich ihn herrlich finde.«

»Mein Herr, Sie müssen nicht oft solche Dinge hier und in Gesellschaft von Creolen reden.«

»Warum nicht?«

»Weil man in Guadeloupe einen ziemlich heißen Kopf hat und sehr gut mit der Pistole schießt.«

»Ei! was macht das mir?«

Die Männer schauten einander an und sagten sich mit den Augen: »Ah! was für ein Revolutionär ist denn das?«

Sie verließen das Kaffeehaus.

Am andern Tage, bei seinem ersten Gang auf die Straße, sah Gustave eine alte Frau einen Sklaven mit Faßdauben gewaltig aus den Kopf schlagen; das Blut floß von allen Seiten herab.

Gustave, als muthiger Ritter, als Vertheidiger des Schwachen, stürzte in das Haus und zwang die Frau, abzulassen; die Frau fand es aber ganz erstaunlich, daß ein Weißer einem Sklaven Hilfe leistete, und führte Klage beim Gouverneur.

Der Gouverneur ließ Herrn Marest holen, erzählte ihm das Aergerniß, das Gustave dadurch verursachte, daß er sich ungeschlacht zum Abolitionisten aufwarf, und erklärte ihm, wenn eine dritte Klage gegen seinen Pensionär erhoben werde. so werde man ihn an Bord des ersten für Frankreich aus der Rhede liegenden Schiffes bringen, mit der Aufforderung an den Kapitän ihn so schnell als möglich in Nantes, in Brest oder in Havre auszusetzen.

Der Director ließ ganz erschrocken Herrn Gustave kommen; dieser ließ sich die Aufforderung, sich in Betreff der Neger und Negerinnen ruhig zu verhalten, gesagt sein und beschloß, sich mit nichts Anderem mehr zu beschäftigen, als mit seinen Proben, welche am zweiten Tage nachher begannen.

Acht Tage später debutirte er in Stanislas und erhielt großen Succeß. »

Die Truppe von Herrn Marest hatte sich mit dem alten Kerne einer andern Truppe vereinigt, die ihr zuvor gekommen war und zum Director einen braven, vortrefflichen Mann Namens Verteuil hatte, einen Oheim oder Vetter des Verteuil, der heute Secretär des Théâtre-Francais ist. Er war auch mit Mademoiselle Georges verwandt.

Was die Chancen des Glückes für die Ankömmlinge verdoppelte, war der Umstand, daß sie zugleich Point a Pitre und Basse-Terre ausbeuteten. Eine kleine Goëlette, welche den Dienst zwischen den zwei Hauptstädten der Insel versah, führte die Künstler in ein paar Stunden von der einen zur andern.

Doch man erinnert sich des Widerwillens von Herrn Gustave gegen die flüssige Ebene, wie die Herren Dichter des Kaiserreichs sagten. Da nun unser Held, – wie man dies bemerken konnte – ein eben so guter Fußgänger als schlechter Seemann war und die zwei Städte zu Lande nur zwölf bis vierzehn Meilen auseinander lagen, so machte er auf dem Lande zu Fuß den Weg, den die andern zur See auf einer Goëlette machten.

Zwischen den zwei mit den Namen Haute und Basse-Terre bezeichneten Theilen der Insel, liefen, die von der Natur zwischen ihnen gezogenen Grenzen markirend, drei Flüsse durch.

Der erste hieß Trois-Rivières; der zweite Goyave; der dritte Moustique.

Kam er zur gewöhnlichen Zeit, das beißt in der Sommersaison, zu den Ufern der Goyave oder der Moustique, so beschränkte sich Herr Gustave darauf, daß er seine Schuhe und seine Strümpfe auszog, seine Hofe aufhob und von Stein zu Stein hüpfte, bis er das andere Ufer erreicht hatte.

Um über die Trois-Rivières zu gelangen, zog er nicht nur seine Schuhe und seine Strümpfe, sondern auch seine Hofe aus, und er ging mit der größten Vorsicht durch, da ihm das Wasser an gewissen Stellen bis an den Gürtel reichte.

In außerordentlicher Zeit, das heißt in der Saison der Regen, zog er da, wo er sich im Sommer nur der Schuhe und Strümpfe entledigte, Stiefel, Strümpfe und Hofe aus.

Da, wo er nur Schuhe, Strümpfe und Hofe auszog, zog er Alles aus, machte ans dem Ganzen ein Päckchen, nahm es auf den Kopf und schwamm durch.

Eine Viertelmeile jenseits des Flusses, auf dem Boden der Basse-Terre war ein Dorf; in diesem Dorfe ein Laden von Stockfisch, Zuckerbranntwein und Maniokmehl; in diesem Laden ein Gendarm; im Stalle dieses Gendarmen ein Pferd.

Herr Gustave hielt in dem Laden an, um sich die Füße mit Zuckerbranntwein zu waschen.

»Er machte sich am Ende den Gendarmen zum Freunde.

Ging er nach der Passe-Terre, so war ihm diese Freundschaft völlig unnütz; kam er aber von dort zurück, so war es etwas Anderes.

Der Gendarme stieg zu Pferde, nahm Herrn Gustave hinter sich auf das Kreuz, ließ ihn die Trois-Rivières, die Gouave und die Moustique passiren, setzte ihn ab, ritt allein durch die Flüsse zurück, stellte sein Pferd wieder in den Stall, verkaufte Stockfisch, Zuckerbranntwein und Maniokmehl, und bediente die Regierung in seinen verlorenen Augenblicken.

Eines Tages waren die Flüsse dergestalt angeschwollen, daß er Alles ausziehen mußte, um über die Gojave und die Moustique zu kommen, und daß er durch die Trois-Rivières schwimmend, da er genöthigt war, sich seiner beiden Hände zu bedienen, das Päckchen, welches er auf dem Kopfe trug, losließ.

Dieses Päckchen, man vergesse es nicht, das waren seine Strümpfe, seine Stiefel, seine Hose, sein Ueberrock, seine Weste und sein Hemd.

Man begreift, wie viel Herrn Gustave an diesem Päckchen lag.

Er machte auch ungeheure Anstrengungen, um es wieder zu erwischen; doch alle seine Anstrengungen waren vergeblich.

Alles, was Herr Gustave thun konnte, war, seinem Päckchen, das in den mexicanischen Meerbusen fortgerissen wurde, nicht zu folgen und seine eigene Person zu retten.

Er rettete sie und fing damit an, daß er sich hierzu herzlich Glück wünschte.

Als aber seine Glückwünsche dargebracht und in Empfang genommen waren, fand er sich nackt wie ein Wurm.

Es blieben wohl der Gendarme und sein Laden.

Doch der Laden lag im Mittelpunkte des Dorfes.

Man mußte zu diesem Mittelpunkte gelangen.

Es ist ziemlich gewöhnlich, Neger so nackt zu sehen, als es Herr Gustave war, und in Betracht der Farbe der Haut merkt Niemand hierauf; doch nicht dasselbe ist bei den Weißen der Fall.

Herr Gustave befand sieh ganz in der Lage von Robinson auf seiner Insel oder von Adam im Paradiese.

Doch er besaß nicht die Thierfelle von Robinson.

Allerdings hatte er die Blätter von Adam.

Er wählte also das Costume von Adam nach seinem Falle und hielt damit seinen Einzug zuerst in das Dorf und sodann in den Laden des Gendarmen.

Hier war er gerettet.

Der Gendarme lieh ihm Charivari, Rock und Polizeimütze.

In diesem Costume erreichte er seine Truppe.

Das Publikum erfuhr das Abenteuer und empfing Stanislas auf das Allerbeste.

Wie erging es mittlerweile dem Kapiteln Chamblon.

Der Kapitän Chamblon hatte so rasch als möglich Ladung eingenommen und war wieder in See gegangen mit seinem Second, der nicht ein einfacher Lieutenant, sondern ein Kapitän so unterrichtet und geschickt als er war. Man fragte sich, warum diese Verbindung von zwei solchen seemännischen Superioritaten? und die Gescheitesten konnten über diese Seltsamkeit keine Aufklärung geben.

Drei Tage nach seinem Abgange von Guadeloupe war die Sache erklärt.

Der Kapitän befand sich, nach seiner Gewohnheit, auf dem Hintertheile und betrachtete über das Schiff hinausgeneigt irgend Etwas, was ihn sehr zu beschäftigen schien.

Diesmal war er so sehr von seinen Gedanken in Anspruch genommen, daß er das Gesetz des Gleichgewichts vergaß und sich, indem er die Beine aufhob, während er zugleich den Kopf senkte, sachte in das Meer gleiten ließ, in das er fiel, ohne den kleinsten Schrei von sich zu geben; – was bewies, daß er diese Handlung sehr freiwillig vollbrachte, und daß die Ungeschicklichkeit nicht daran Theil hatte.

Fünf Minuten nach diesem Ereigniß, welches so heimlich stattfand, daß der Ruderbesteurer sich nicht einmal umwandte, erschien der Second außer der Luke und schaute umher wie ein Mensch, der Jemand sucht.

Da er nicht fand, was er suchte, so fragte er den Ruderbesteurer:

»Wo ist der Kapitän Chamblon?«

»Auf dem Hintertheil, Lieutenant,« antwortete dieser.

»Wie, auf dem Hintertheil? Ich sehe Niemand.«

Der Ruderbesteurer wandte sich ganz erstaunt um und sagte:

»Ei! das ist seltsam. Er war so eben noch da.«

»Ja,« versetzte der Second, »doch er ist nicht mehr da.«

Die zwei Männer schauten einander den Kopf schüttelnd an.

»Der Kapitän hatte viel, Kummer in seinem Innern,« sprach der Ruderbesteurer.

»Ah!« sagte der Lieutenant, »darum hat er mich seit drei Tagen von Allem so genau unterrichtet, als er es selbst war.«

»Man müßte in seinem Zimmer sehen,« bemerkte der Ruderbesteurer.

»Ob er dort ist’?« fügte der Lieutenant bei, indem er mit einer Miene des Zweifels den Kopf schüttelte.

»Nein, sondern um zu wissen, ob er nicht etwas hinterlassen hat.«

»Du hast Recht,« erwiederte der Lieutenant.

Und er stieg hinab.

Nach einigen Augenblicken kam er wieder herauf und sagte:

»Es steht Alles gut, und unsere Verantwortlichkeit ist geschützt.«

»Er hat also ein Panier hinterlassen?«

»Das Alles erklärt.«

»So daß der brave Kapitän? . . .«

»Gott gebe seiner Seele Ruhe!« sprach der Lieutenant, indem er seinen Hut abnahm.

Das war die Leichenrede für den Kapitän Chamblon.

XVI

Die Truppe gibt Vorstellungen auf Martinique und Trinidad. – Schlangenjagd. – Eine Korallenschlange in einem Pokal. – Mademoiselle Melanie für das Leben. – Gustave rasirt den Vater Verteuil. —

Es trat indessen ein Umstand ein, wodurch Herr Gustave sich aufs Neue dem treulosen Elemente anzuvertrauen genöthigt war. Es handelte sich darum, Vorstellungen auf Martinique und Trinidad zu geben, und so geistreich man auch war, man konnte die Reise unmöglich zu Lande machen.

Man schiffte sich also gegen das Ende des Juli auf der Goëlette Comtesse de Bouilly, Kapitäne Mandar, ein.

Am zweiten Tage ging man in der Nacht bei Martinique vor Anker.

Bei Tagesanbruch umgaben Kähne die Goëlette.

Martinique hat keinen Hafen; es hat nur eine allen Winden ausgesetzte Rhede. Der geringste Windstoß entführt die Schiffe, die in ihrem Wasser stationiren, wie er einen Schwarm scheu gewordener Vögel entführen würde.

Ein Aufenthalt von zwei Monaten auf Guadeloupe hatte die Schauspieler mit allen den Seltsamkeiten vertraut gemacht, von denen sie bei ihrer Ankunft auf den Antillen gewisser Maßen beunruhigt worden waren. Das Einzige, was ihnen auffiel, als sie in Martinique landeten, war die Menge von Schlangen, die sie an Bändern hängend fanden.

Es hat nicht nur Jeder, wie man leicht begreift, das Recht über Leben und Tod an diesen Missethätern, sondern man bezahlt sogar noch eine Prämie für jeden Schlangenkopf; die Neger legen sich deshalb mit großem Eifer auf die Schlangenjagd, in der sie sehr geschickt sind.

Im Allgemeinen flieht die Schlange den Menschen, der Neger läuft ihr nach, erwischt sie beim Schweif, dreht sie wie eine Schleuder und zerschmettert ihr den Kopf an der ersten Mauer, am ersten Baume, am ersten Steine, den er trifft, wenn nicht schon an der Erde, unserer gemeinschaftlichen Mutter, welche sodann eine Stiefmutter für die Schlange wird.

Dergleichen Reptilien sind so gewöhnlich in Martinique, daß man oft, bei den großen Regen, durch die Bäche in den abhängigen Straßen fortgerissene Schlangen passiren sieht, welche vom Lande kommen und vom Strome wider ihren Willen nach dem Meere fortgeschwemmt werden.

Einige Zeit vor der Ankunft der Schauspielertruppe war ein Neger von Martinique gebissen von einer Korallenschlange, einer der gefährlichsten des Ophidiengeschlechts, gestorben. Die Schlange war in einen Bund Heu mit eingebunden worden, und die Schlange hatte den Neger, als er das Heu auseinanderbreitete, um es den Pferden seines Herrn zu geben gebissen.

Diese Schlange, welche alle Europäer sehr beängstigten, waren vom Vater Verteuil besonders gesucht. Es war dies ein hübscher, braver, geistreicher Greis mit heiterem Gesichte und schönen weißen Haaren, ein Mann, der auf einem fast lahmen Beine Komödie spielte und in seinen verlorenen Augenblicken reizende Lieder machte.

Aus Martinique hatte er aber keine verlorene Augenblicke mehr; er sammelte Schlangen, Leguans, Kaimans, die er die einen in Pokale legte, die andern auf Brettern befestigte und für das Museum von Marseille bestimmte

Herr Verteuil war Director des Theaters von Marseille gewesen und hatte eine tiefe Zärtlichkeit für die Phokäerstadt bewahrt.

Er hatte eine alte Haushalterin bei sich, welche, wir müssen es sagen, seine Sympathie hinsichtlich der Naturgeschichte nicht theilte. Die ersten Streitigkeiten, die unter ihnen entstanden, betrafen eine Klapperschlange, Herr Verteuil wollte diese durchaus lebendig erhalten, Melanie für das Leben zerschmetterte ihr aber den Kopf durch einen Streich mit dem Besenstiel.

Warum sagen Sie: Melanie für das Leben? wird der Leser fragen.

Ah! es ist wahr: Sie können nicht wissen, lieber Leser, was die Schauspieler wußten.

Die Haushalterin von Pater Verteuil pflegte alle Ihre Rechnungen zu unterzeichnen, Melanie für das Leben.

Zwei Sous Butter: Melanie für das Leben.

zwei Sous Milch: Melanie für das Leben.

zwei Sous Maniokmehl: Melanie für das Leben.

So daß alle Bekannte von Vater Verteuil die Gewohnheit hatten, sie Melanie für das Leben zu nennen.

Sie sehen, daß unsere Erläuterungen klar und genau sind.

Man blieb vierzehn Tage auf Martinique; als sodann die Stadt verbrannt war, wie man zur Zeit von Vater Dumanoir sagte, – seien Sie ruhig, wir werden ihn wiederfinden, – reiste man nach Trinidad ab.

Nicht wahr, Sie wissen, was das ist, Trinidad, eine englische Insel, trotz ihres spanischen Namens, der Mündung des Orenoco gegenüber liegend?

Hier fühlte sich der Vater Verteuil wahrhaft glücklich, während im Gegentheil Melanie für das Leben in einen Zustand gerieth, der der Verzweiflung nahe.

Trinidad ist gewiß die Insel, wo die Arche landete: sie hat ein Muster von jeder Gattung von Thieren behalten, und einige von ihnen haben sich, man muß ihnen diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, in einem ungeordneten Verhältnis vermehrt.

Unter Anderen die Affen, die Papageien, die Eidechsen, die Krokodille und die Schlangen.

Gustave. der ein guter Fußgänger war und den Spaziergang wegen der Bewegung. die er verschafft, liebte, war zuweilen in Extase vor den Schwärmen von Papageien von allen Farben, vor den Wirbeln von Königsvögeln, welche um einen Blumenstrauch summten wie Bienen um einen Korb, oder vor dem blitzschnellen Vorüberschießen einer großen Eidechse, welche aus einem Smaragd gemacht zu sein schien.

Als er eines Tags beim Vater Verteuil eintrat, fand er diesen in Bewunderung vor einer herrlichen Korallenschlange, welche im Grunde von einem der Pokale, die man auf den Inseln Pobans nennt, zusammengerollt war.

Der Pater Verteuil stand auf seinem guten Beine und stützte seine beiden Hände auf den Tisch, auf dem sich der Pokal befand, während Melanie für das Leben in einer Ecke die Hände rang beim Anblick dieses neuen Gastes, der die Sammlung von ausgestopften Papageien, von Krokodillen auf Bretter gebunden, und von Eidechsen, die in Pokalen gelb wurden, verstärkte.

»Ah! kommen Sie doch, Gustave, kommen Sie doch!« rief der Vater Verteuil, als er den jungen Mann gewahr wurde. der ihm einen Schmetterling so groß wie ein Teller mit einer Nadel an seinen Strohhut gespießt brachte.

»Sehen Sie, Herr Verteuil, das ist ein schöner Schmetterling.«

»Ah’! ja, es handelt sich wohl um Schmetterlinge!«

»Wie, Sie verschmähen meinen Schmetterling?«

»Nein, geben Sie ihn Melanie für das Leben und schauen Sie meine Korallenschlange an.«

»Sie ist todt, Ihre Korallenschlange?«

«Gewiß.«

»Oh! ich bin nicht wie Sie . . . ich kann die Schlangen nicht leiden.«

»Ah! Herr Gustave, Sie haben sehr Recht! Eine Frau ist höchst unglücklich, wenn sie mit einem Manne leben muß, der solche Neigungen hat.«

»Schweig, alte Wahnsinnige! und hole uns zwei Flaschen Tasia.11«

»Ah! Vater Verteuil,« sagte Gustave »Sie glauben, wir haben nicht genug an einer?«

»Ei! das ist nicht für Sie, Herr Gustave, das ist für sein abscheuliches Thier. Alles, was er verdient, wird hierfür verbraucht.«

»Melanie für das Lebens!« rief der Vater Verteuil, wie ein Mensch, der vielleicht bei jedem andern Punkte Bemerkungen dulden würde, bei diesem aber unbeugsam ist.

Melanie ging hinaus, und Gustave näherte sich mit einem gewissen Zögern dem Pokal, steckte sein Stäbchen hinein und fing an die Schlange herumzustoßen, doch sie blieb unbeweglich. trotz aller Quälereien von Herrn Gustave.

»Gut!« sagte der junge Mann, »sie ist todt.«

Und er neigte sich, um dieses ans Edelsteinen zusammengesetzte herrliche Thier, das man Korallenschlange nennt, zu betrachten.

»Etwas beunruhigt mich,« sagte er zum Vater Verteuil.

»Was?«

»Daß gewöhnlich diese Thiere, wenn sie todt sind, ein wenig von der Lebhaftigkeit ihrer Farbe verlieren, und die Bestie bleibt beharrlich prachtvoll.«

»Sie ist erst seit heute Morgen todt und hat somit noch nicht Zeit gehabt zu bemerken, daß sie es ist. Darum kann ich sie beinahe lebendig in den Tasia bringen. Gib, Melanie für das Leben, daß wir diesem schätzbaren Thiere einen Trunk bieten.«

Die Haushälterin, welche vom Keller zurückgekehrt war, übergab die zwei Flaschen mit einem Bedauern, das sie durchaus nicht zu verbergen sich bemühte.

Gustave nahm sein Stöckchen zwischen seine Zähne entpfropfte die Flaschen und goß ihren Inhalt in den Poban.

Kaum aber kam die Korallenschlange in Berührung mit dem Branntwein, da gab sie ein scharfes Zischen von sich . erhob sich auf ihren Schweif, schwang sich aus dem gläsernen Gefäße und fiel aus den Tisch.

Zum Glücke ließ Gustave mit einer Bewegung so rasch als die des Reptils die Flasche, die er in der rechten Hand hielt, los, nahm das Stöckchen aus seinen Zähnen und hielt unter dem Drucke desselben das Thier auf dem Tische fest.

Es war ein erschrecklicher Augenblick; der Vater Verteuil machte einen Schritt rückwärts, doch schlecht bedient durch sein lahmes Bein, fiel er in einen Lehnstuhl, der ihn achtzehn Zoll vom zischenden Rachen der Schlange gefangen hielt.«

Melanie für das Leben ergriff um Hilfe rufend die Flucht, und Gustave schrie creolisch mit voller Lunge nach irgend einem Neger und begleitete seinen Ruf mit den kräftigsten Flüchen, die das Wörterbuch der hohen und der kleinen Bank zu seiner Verfügung stellen konnte.

Bald trat ein Neger ein; er schaute, begriff den Ernst der Lage der Dinge, nahm eine Reitpeitsche, hielt eine kurze Rede an die Schlange, drückte sie hierauf mit seiner Reitpeitsche nieder, faßte sie mit dem Ende seiner Finger am Schwanze, und schob sie. trotz aller Schwierigkeiten, die sie machte, in den Poban, wo sie sich einem wüthenden Todtentanze überließ, der indessen gefahrlos war, da man den Pfropf eingedrückt und mit einer Schnur festgebunden hatte.

Nun erst athmete der Vater Verteuil.

Der Neger meinte, er habe sehr heiß bekommen, und erbat sich Tasia für den Schweiß, den er vergieße.

»Ei! Du schwitzt ja gar nicht, Bursche!« rief Gustave.

»Ah! doch, ich schwitze innerlich!« erwiederte der Neger.

Man gab ihm eine Flasche, und er ging unter lustigen Sprüngen ab.

Wahrscheinlich ist das Thier zu dieser Stunde im Museum von Marseille, wo die, welche es beschauen und bewundern, entfernt keine Ahnung von dem Drama haben, das die Schlange gespielt, ehe sie den letzten Seufzer ausgehaucht.

Dieses Ereigniß kühlte die Begeisterung von Vater Verteuil für die Naturgeschichte ab, machte Gustave immer vorsichtiger in Betreff der Ophidien und gab Melanie für das Leben eine falsche Gelbsucht.

Man blieb zwei bis drei Wochen auf Trinidad; bei Tag stieß man auf Tausende von Vögeln von der Gattung der Raben; sie sind die Gassenkehrer der Stadt, weshalb man sie nicht anrühren darf, und sie bringen ihre süße Existenz damit hin, daß sie fressen, was sie finden, und auf den Dächern, sowie auf den Armen des Galgens, der den öffentlichen Plan schmückt, verdauen, wobei sie sich fest aneinander gedrängt halten, als ob sie am Spieße wären.

Bei Nacht führte man Krieg gegen die Ratten, welche die Pantoffeln der Komiker und die Kothurne der Tragiker fraßen.

Endlich mußte man diesen Ort der Wonne verlassen; man schiffte sich auf der Elisa, Kapitän Lafargue, ein und zählte dabei auf die gewöhnliche Fahrtzeit, das heißt, auf vier bis fünf Tage.

Dem zu Folge war Alles an Bord eingerichtet, um in freier Luft zu leben und auf dem Verdecke zu schlafen, in diesen warmen Nächten des Mexicanischen Meerbusens, wo die Hitze durch einen Seewind gemildert wird.

Diese Nächte sind die köstlichsten Stunden des Lebens.

So hatte die Schauspielertruppe bei ihrer Ankunft geurteilt, so dachte sie bei ihrer Rückkehr während der ersten Tage. Doch schon am Morgen des dritten offenbarte der Kapitän einige Besorgnisse in Betreff eines kleinen schwarzen Punktes, der von der Seite von New-Orleans kam.

Dieser schwarze Punkt vergrößerte sich bald dergestalt, daß er den ganzen Himmel verdunkelte.

Der Kapitän gab sogleich zwei Matrosen Befehl, die Segel so zu richten, daß das Schiff die offene See erreiche, damit die Felsen vermieden werden, und die Passagiere hieß er unter das Verdeck gehen, um die Manoeuvres frei zu lassen.

Der erste von diesen zwei Befehlen war leicht ausführbar, der weite fast unmöglich.

Das Zwischendeck das nicht auf zwanzig bis fünfundzwanzig Reisende gerechnet hatte, war mit Waaren gefüllt.

Es blieben kaum zwei und ein halber Fuß Raum zwischen den Kisten und dem Verdeck.

Und dieser Raum wurde noch durch die Dicke der Matratzen verkleinert.

Man schob sich, so gut man konnte, in dem engen Zwischenraum zusammen.

Nur war man genöthigt, sich liegend, entweder auf dem Rücken oder auf dem Bauche, zu halten.

Man hatte die Wahl.

Doch es war verboten, zu stehen, – selbst dem Tenoristen.

Sie wissen, daß die Tenoristen von den Directoren behutsamer behandelt und besser gepflegt werden, als die Liebhaberinnen, selbst wenn diese in gesegneten Umständen sind.

Kaum hatte man sich gelegt, als man bei einer erschrecklichen Hitze und einem unerträglichen Gestanke an diesem Bretterhimmel, in Form von Zeichen des Thierkreises, eine Menge von Kackerlacken, Scorpionen und Tausendbeinen umherlaufen sah.

Man gerieth darüber ungemein in Unruhe.

Die arme Melanie für das Leben stieß übermenschliche Schreie aus.

Ein paar Personen wurden gestochen oder gebissen; der Vater Verteuil gab ihnen sein Alkalifläschchen, das er für jeden vorkommenden Fall bei sich trug. Man rieb sich, man schwoll auf, man rieb sich wieder, man schwoll wieder auf, man fing an sich über die Kackerlacke, die Skorpione, die Tausendbeine lustig zu machen, – und endlich, – was das Demüthigendste für sie war, – gab man nicht mehr darauf Acht.

Worauf man aber Acht gehen mußte, das war die zunehmende Hitze, die mephitische Atmosphäre, der ein Neuangekommener auf der Stelle unterlegen wäre, indeß unsere Leute sie schon seit zwei bis drei Tagen aushielten, weil sie sich allmälig daran gewöhnt hatten.

Nur war unter allen diesen, wie Neger an Bord eines Sklavenschiffes aufgehäuften, armen Passagieren, unter diesen, wie Verdammte in einem der Kreise der Hölle von Dante, zusammengepreßten unglücklichen Reisenden Einer, der, mehr als die Anderen leidend, sich auch bitterer beklagte.

Das war Herr Verteuil, dessen steifes Bein die Lage noch schmerzlicher machte,

Was ihn aber besonders veranlaßte, Angstschreie auszustoßen, das war ein achttägiger Bart so starr wie eine Bürste, so weiß wie Schnee, der bis unter die Augen emporstand; er pflegte diesen Bart alle Tage zu rasiren, eine Operation, welche auf dem Verdecke bei ruhigem Wetter äußerst leicht blieb, bei einer stürmischen Witterung aber und in der horizontalen Lage, in der man sich zu halten genöthigt war, fast unmöglich wurde.

Jeder, indem er sich für seine eigene Rechnung beklagte, beklagte zugleich auch den armen Vater Verteuil; doch dieses Mitleid brachte ihm, obschon einstimmig, keine Erleichterung in seinen Leiden.

Sie wurden so gewaltig, daß der arme Greis am Ende verlangte, nicht, daß man ihn rasire, sondern, daß man ihn erschieße und ins Meer werfe.

Diese Wehklagen rührten, wie gesagt, Jedermann, und besonders Gustave, der für den guten Verteuil die ehrfurchtsvolle Zärtlichkeit eines Sohnes hegte.

Er schleppte sich bis zu ihm und sagte:

»Hören Sie, Papa Verteuil, ich will es versuchen.«

«Mich zu erschießen? Oh! ja, nur suchen Sie mich nicht zu fehlen.«

»Nein . . . Ich will Sie nur rasiren.«

»Ah! mein Freund, wenn Ihnen das gelänge. . . Sie wären mein Retter.«

»Ei! Sie sehen, das ist bei einem solchen Wetter nicht bequem.«

Das Schiff tanzte auf den Wellen, daß man hätte glauben sollen, es müßte bei jedem Krachen seines Fugenwerks in Trümmer gehen.

»Oh! gleichviel! nehmen Sie mir die Haut weg, wenn Sie wollen, wie man einem Schweine die Schwarte abzieht, befreien Sie mich aber von diesem Feuer, das mir das Gesicht verbrennt.«

»Ich stehe für Nichts?«

»Nein!«

»Sie sprechen mich zum Voraus frei?«

»Und sollten Sie mir die Halsschlagader abschneiden.«

»Ihr höret es Alle, die Ihr hier seid!«

»Wir hören es,« antworteten mit matter Stimme die Zuschauer.

»Dann wollen wir es versuchen.«

Man öffnete einen Koffer, den ersten den besten, und nahm ein Rasirmesser daraus.

»Hier,« sprach eine Stimme.

»Was hier?«

»Ein Rasirmesser.«

»Reichen Sie es mir.«

Man bot das Rasirmesser von Hand zu Hand.

Es gelangte bis zu Gustave.

Die Goëlette tanzte fortwährend wie ein elastischer Ball.

»Gringalet!« rief der Barbier.

Für Gustave hießen alle Schiffsjungen Gringalet, immer zum Andenken an den großen Gringalet von Caen.

Niemand gewöhnt sich so rasch als ein Schiffsjunge an alle Namen, die die Passagiere ihm zu geben Lust haben.

Der Schiffsjunge lief herbei. als hätte er diesen wundervollen Namen über dem Taufscheine erhalten.

»Wasser und Seife.«

»Wir haben nur schwarze Seife.«

»Das macht nichts.« rief der arme Sünder.

»Sie sollen Ihr Wasser und Ihre Seife haben.«

»Ah! ja, mein Wasser und meine Seife,« murmelte Verteuil.

Der Schiffsjunge kam mit den verlangten Gegenständen zurück.

»Sie sind entschlossen?« fragte Gustave.

»Zu Allem, mein Freund, zu Allem.«

»Dann halten Sie sich gut.«

Der junge Mann feste sich rittlings aus den Vater Verteuil, stützte sich auf den linken Arm, und fing an ihm mit dem Ende der Finger das Gesicht mit Seifenwasser einzureiben.

»Oh!« murmelte der arme Märtyrer, »wie wohl thut das. mein Gott! wie wohl thut das!«

Herr Gustave hielt inne.

»Wollen Sie nicht lieber warten, bis das Meer ruhig wird?«

»Oh! nein! oh! Nein! sogleich, auf der Stelle!«

Der junge Mann nahm das Rasirmesser und stieß einen Seufzer aus.

»Wohlan,« sprach er, »mit Gottes Hilfe!«

Und das Rasirmesser schweifte auf der Wange von Vater Verteuil umher.

»Ah!« sagte dieser. »wie gut ist das!«

»Nun, wenn das so gut ist, vorwärts, Marsch!«

Und mit einer unglaublich sichern Hand, mit der sichern Hand des Malers, der die Leinwand nur mir dem Ende seines Pinsels berührt, des Bildhauers, der die Erde nur mit dem Ende seines Bossirhölzchen berührt, setzte er unter dem Hin- und Herschwanken des Schiffes das unmögliche Geschäft fort, das, so wie es vollbracht wurde, denjenigen, an welchem es in Erfüllung ging, Seufzer der Befriedigung und des Wohlbehagens ausstoßen machte.

XVII

Relatives Glück. – Die Rhede Cayarou.– Gustave wirft sich ins Meer und erreicht mit drei Kameraden die Küste. – Sie bringen frische Lebensmittel zurück. – Rückkehr nach Martinique. – Ein Sturm. – Die dreifarbige Fahne. – Die Juli- Revolution. – Die Truppe zerstreut sich. —

Die Operation dauerte eine Stunde und wurde ohne die geringste Schramme vollbracht.

Die baut des armen Sünders war blutroth, aber völlig unversehrt.

»Mit mein lieber Gustave.« sagte er, »das ist das zweite Mal, daß Sie mir das Leben retten.«

Das erste Mal war es, wie man sich erinnert, als die Korallenschlange aus ihrem Poban hervorgeschossen war.

»Ah! mein Gott« fügte er bei, »da fällt mir ein, was ist aus allen meinen Eidechsen und Schlangen geworden?«

»Mein Gott!« rief Melanie für das Leben, »ich fühle etwas, was mir am Beine hinkriecht.«

»Sie sind toll!« erwiederte Verteuil; »die neuste hat neun Tage Weingeist und Tasia.«

»Gleichviel.« entgegnete die Haushälterin, Ein wenig beruhigt durch die chronologische Beweisführung, »ich habe in der Bibel gelesen, die Schlange sei das listigste der Thiere.«

Der Vater Verteuil hatte halb Recht, halb Unrecht: die gläsernen Gefäße waren der Mehrzahl nach zertrümmert, doch Schlangen und Eidechsen lagen ohne Bewegung und Leben.

Nur konnte man das Factum, das der Gegenstand der Besorgniß von Vater Verteuil wurde, sobald sein Bart nicht mehr der Gegenstand seines Schmerzes war, erst nach zehn Tagen constatiren.

So wahr ist es, daß der Mensch nie vollkommen glücklich sein kann!

Nach zehn Tagen hätten unsere Passagiere glücklich sein müssen, wäre das Glück nicht, wie die Philosophen sagen, die Vergleichung eines besseren Zustandes mit einem schlechteren.

Da am Abend des zehnten Tages der Wind sich gelegt, das Meer sich besänftigt hatte, da die Reisenden auf das Verdeck stiegen, statt im Zwischendecke aufgehäuft zu sein, statt die hier herrschende mephitischen Lust einzuathmen, die reine Luft des Ocean athmeten, statt des mit Scorpionen, Kackerlacks und Tausendbeinen bestimmten Bodens als Horizont den unermeßlichen Raum hatten. wo sich die Sonne in Wolken von Purpur und Gold wiegte, so mußten die Passagiere offenbar glücklich sein, – wenigstens relativ.

Da aber der Mensch immer klagen muß, – unter dem Menschen verstehen wir auch die Hälfte, die ihm Gott gegeben, – so beklagten sich die Männer und die Frauen.

Worüber beklagten sie sich?

Daß sie seit fünf Tagen nur Zwieback gegessen, und seit fünf Tagen nur laues Wasser getrunken hatten, das jeder Tag noch lauer und übelriechender machte.

Das Schiff beklagte sich seinerseits auch.

Es beklagte sich, daß eine von seinen Spieren gebrochen war, daß sein Segel zerrissen waren, daß das Wasser durch sein Fugenwerk eindrang.

Man beschloß also, nach der Rhede Cayarou zu steuern und hier vierundzwanzig Stunden anzuhalten, um die Beschädigungen auszubessern.

Die Passagiere sahen mit Entzücken, so wie sie sich dem Lande näherten, auf der Erde einen Blumenkorb heherrscht von einer Kette von waldigen Hügeln, voll Schatten und Kühle, mit klaren laufenden Wassern, hervorkommen, und es war nicht Einer, der nicht ein Bad in diesen Wassern oder einen Schlaf unter diesen Bäumen träumte.

Der Kapitän Lafargue ging eine Viertelmeile vom Ufer vor Anker; so sehr man aber in ihn drang, die Schaluppen auszusetzen, er weigerte sich beharrlich hiergegen.

Warum? man hat es nie erfahren: aus einer Kapitänslaune.

Die Versuchung war indessen zu groß; auf die Gefahr, von den Haifischen oder den Kaimans gefressen zu werden, kleideten sich Gustave und drei von seinen Kameraden heimlich aus und sprangen ins Meer.

Der Eine von ihnen hatte sein Taschentuch um den Leib gebunden und ein paar Thaler hineingesteckt, um die Freigebigkeit der Cayacouten rege zu machen.

Die Frauen stießen zuerst einen Schrei aus, da sie nicht wußten. warum ein Theil der Truppe so ins Wasser sprang; als ihnen aber die Schwimmer sagten, sie haben sich ins Meer geworfen, um ihnen frisches Wasser, frische Lebensmittel und Früchte aller Art zu bringen, da wurden die Aufmunterungen einstimmig.

Die vier Schwimmer erreichten in einiger Entfernung von einander das Ufer; Alle hatten sich nach einer Art von kleinen Schanze gewandt, deren Weiße ihr Auge anzog.

Die Schanze war völlig unbewohnt; man erblickte jedoch vor derselben ein Dorf auf ungefähr eine Viertelmeile.

Man ging auf das Dorf zu.

Die vier Europäer waren schon lange genug auf den Antillen, um sich nichts um das Costume zu bekümmern.

Sie hätten auch Unrecht gehabt, mehr Gewicht auf ihre Nacktheit zu legen, als die männlichen und weiblichen Cayacouten selbst darauf legten.

Die Einkäufe wurden mit der größten Leichtigkeit gemacht; gegen einen halben Dollar bekam man zugleich Bananen, Mangos, Palmkohl und Maniokbrod.

Die Schwierigkeit lag darin, wie man Alles dies transportiren sollte.

Ein kleiner Kahn von Baumrinde unterzog sich diesem Geschäfte; er wurde bis an den Rand mit Früchten aller Art gefüllt; zwei Cayacouten, die ihn zurückbringen sollten, warfen sich mit uns vier Europäern ins Meer und trieben ihn gemeinschaftlich mit uns gegen das Schiff.

Nie wurden Sieger mit einem solchen Freudengeschrei ausgenommen; jeder Mund war vertrocknet, jede Kehle entzündet.

Man schaffte die Ladung vom Kahne auf das Schiff; man setzte sich rings um die Pyramide und griff sie mit einem Feuereifer an, den die Frauen theilten, obgleich Einige von ihnen behaupteten, sie essen nicht.

Sodann holte man die Matratzen aus dem Raume, man schüttelte sie, man klopfte sie, man breitete sie auf dem Verdeck aus, und man brachte eine von den schönen, wollüstigen Nächten zu, wie sie Kleopatra in Kanobos und Sextus Pompejus in Kyrenaika zubrachten.

Am andern Tage ging man bei einem von den schönen Winden ab, welche, ohne das Meer in Aufruhr zu bringen. die Schiffe auf seiner Oberfläche laufen machen.

Vierundzwanzig Stunden nachher war man wieder in Martinique.

Der Hafen bot einen erschrecklichen Anblick.

Wir sagen Hafen, doch wir müßten sagen Rhede; Martinique hat bekanntlich keinen Hafen.

Der Windstoß, – jeder Sturm fängt mit einem Windstoß an. – der Windstoß war so rasch gekommen und so heftig gewesen, daß die Schiffe nicht mehr Zeit gehabt hatten, die offene See zu erreichen.

Zwei Dreimaster und ebenso viele Briggs waren gestrandet und auf die Küste geworfen worden, und ohne daß man eine Person von ihrer Equipage sah, erhob sich ein herzzerreißender Schrei, bei jeder Welle, die sich an ihnen brach.

Das Meer war auf zwei Meilen mit Rahen, Masten. Tonnen, Hühnerkästchen und Schiffstrümmern bedeckt.

Die Garnison war ausgerückt und stand unter den Waffen am Ufer des Meeres.

Die Matrosen und die Neger arbeiteten um die Wette an der Rettung.

Der Kapitän Lafargue wollte nicht zurückbleiben; er legte sich vor Anker, und während man die Schauspieler an das Land transportirte, schickte er seine Mannschaft ab, um seinen Theil zur Hilfe bei dem großen Unglück beizutragen.

Drei Tage lang dachte man nicht daran, das Theater wieder zu eröffnen, denn man scheute sich die Ankündigung eines Vergnügens unter die düsteren Sorgen, welche über der Stadt schwebten, zu werfen.

Es war gleichsam die Stadt, welche selbst Vorstellungen von den Schauspielern verlangte. Während der sechswöchentlichen Abwesenheit der Truppe hatte der Geschmack für das Theater Zeit gehabt, in Martinique wieder Wurzel zu fassen.

Herr Viktor Marest kündigte also an, um der Begeisterung der Martiniquer zu entsprechen, werde die Wiedereröffnung am 10. September 1830 mit der Oper Joseph und dem Schauspiel Brueys und Palaurat stattfinden.

Am Morgen des 10. September, in dem Augenblick, wo die Zettelanschläger die Ankündigung der Oper an die Straßenecken kleben wollten, kam der Gouverneur mit einigen Officieren und einem Trommler voran zur Hafenbatterie, ließ die weiße Fahne abnehmen und die dreifarbige aufstecken.

Man schaute ihm mit tiefem Erstaunen zu.

Niemand wußte, was er that.

Man ließ ihn jedoch, wie man wohl begreift, machen, indem man allen seinen Bewegungen mit einer außerordentlichen Neugierde folgte.

Es verbreitete sich das Gerücht, eine Revolution sei in Paris ausgebrochen, und diese Revolution nenne man die Julirevolution; Karl X. sei vom Throne gestürzt worden, der Herzog von Orleans habe die Regentschaft angenommen und gesagt: »Fortan wird die Verfassung eine Wahrheit sein.«

Die Mulatten ließen Freudenschreie ertönen. Was gewannen sie bei einer im Mutterlande, fünfzehnhnhundert Meilen von ihnen, gemachten Revolution?

Ich will es sagen.

Sie gewannen oder vielmehr sie versuchten es zu gewinnen das Recht des Eintritts ins Parterre und auf die Gallerien, – aristokratische, den Weißen vorbehaltene Plätze, auf welche den Fuß zu sehen den farbigen Menschen nicht erlaubt war.

Bei der Revolution, die im Mutterlande sich ereignet, sind die farbigen Menschen gewohnt, einen Schritt vorwärts zu machen.

Die Revolution von 1848 hat sie durch die Befreiung der Neger, nicht einen Schritt, sondern einen Sprung machen lassen. durch den sie die Weißen nicht nur erreicht, sondern überfangen haben.

Im Jahre 1830 waren sie nicht so weit. Sie verlangten, wie gesagt, ganz einfach Eintritt ins Parterre und auf die Gallerien.

Da sie diese Begünstigung verlangten, indem sie dieselbe zu nehmen drohten, da sie die Stärkeren waren und folglich diese Begünstigung hätten nehmen können, ohne sie zu verlangen, so wurde sie ihnen zugestanden.

Nur gab an demselben Tage, wo die Mulatten dieses Recht eroberten, nach welchem ihr Ehrgeiz seit zweihundert Jahren strebte, der Gouverneur Herr Victor Marest Befehl, mit seinen Vorstellungen aufzuhören.

Im Abend, als sie an der Thüre des Theaters zwei Stunden früher als gewöhnlich erschienen, um den Genuß ihres Rechtes nicht um eine Minute zu verschieben, fanden die Farbigen die Thüre geschlossen.

Den Künstlern wurde vom Director eröffnet, er bedürfe ihrer Dienste nicht mehr.

Mehrere wollten hiergegen Klage erheben, Prozesse anfangen, doch man erwiederte ihnen, sie haben sich einer unvermeidlichen Nothwendigkeit zu unterziehen.

Da man fünfzehnhundert Meilen vom Mutterlande entfernt war, so zog Jedermann seinerseits ab, indem er wie bei der hohen und kleinen Bank irgend einen Rummel zu Hilfe rief.

Der Director übernahm ein Kaffeehaus.

Die erste Sängerin wurde Comptoirdame ihres Directors.

Herr Elleviou, Herr Bouzigue und die Dugazou, Madame Paul, welche Ersparnisse gemacht hatten, kehrten nach Frankreich zurück.

Der Bariton, Herr Dupuis, wurde Kirchensänger.

Der Vater Verteuil und sein Sohn reisten nach Point a Pitre ab, wo der Vater Verteuil starb und der Sohn Factor in einer Druckerei wurde.

Herr Valdotvskv wurde Fechtmeister.

Die erste Liebhaberin wurde Gesellschaftsdame des Gouverneur.

Der zärtliche Vater, Herr Sallé, der das Licht gesehen hatte, wurde Portier bei den Freimaurern, seinen Brüdern.

Der tiefe Tenor endlich, Herr Gustave, nachdem er vierundzwanzig Stunden zwischen den verschiedenen Rummeln, die zu seiner Verfügung standen, geschwankt hatte, entschloß sich, Miniaturmaler zu werden.

XVIII

Herr Gustave malt in Miniatur. —Glücklicher Anfang. – Geschichte eines Duells. – Der Vater Jean erhält einen Ballen von Martinique. – Sein Erstaunen. – Ein Brief in einer Tabaksdose.. – Das Portrait in Oel. – Die Leinwand wird auf eine sinnreiche Art ersetzt. – Einfluß der Feuchtigkeit auf die Eselshaut. —

An demselben Tage, an welchem dieser Entschluß gefaßt wurde, ging Herr Gustave zu einem Billardutensilienhändler, kaufte drei Kugeln, begab sich zu einem Ebenisten, ließ jede Kugel in zehn Theile zersägen und besaß so dreißig Täfelchen von verschiedenen Größen.

Zu zwei Dublonen das Portrait waren das viertausend achthundert Franken, welche Herr Gustave in seine Schublade eingeschlossen hatte, ohne eine andere Auslage als fünfzehn Franken für den Ankauf der Kugeln und sechs Franken für das Sägen.

Was die Aquarellfarbenschachtel und die Gouachefläschchen betrifft, so war die Ausgabe hierfür längst gemacht.

Nachdem die ersten Anordnungen getroffen waren, schrieb Herr Gustave folgendes Circulär. das er in den ersten Häusern der Stadt abgehen ließ:

»Herr Gustave, Miniaturmaler, benachrichtigt die Einwohner von Guadeloupe und Martinique, daß er Porträt’s macht, und garantirt für die Aehnlichkeit.«

Man weiß, daß es nur Glück und Unglück auf dieser Welt gibt, und daß meistens Alles von der Art abhängt, wie ein Unternehmen debutirt.

Die Speculation von Herrn Gnstave debutirte auf eine glänzende Weise.

Der erste Liebhaber, der sich zeigte, um sein Portrait ausführen zu lassen, war ein Beamter von Martinique, der ein furchtbares Duell zum Gegenstande aller Gespräche gemacht hatte.

Es war ein Mann von fünf und dreißig bis vierzig Jahren, klein, schmächtig, mit reizender Physiognomie und mit jener weichen creolischen Sprache, die eine Sammetkehle bei denjenigen voraussetzt, welche diese Art von Gesang zwitschern.

Er bekam Streit mit einem Raufer von Profession, oder dieser suchte vielmehr Streit mit ihm.

Da begab er sich zu seinem Gegner und forderte ihn heraus, unter der Bedingung, daß man sich mit einer geladenen und einer ungeladenen Pistole auf die Entfernung eines Schnupftuchs schlage, welches mit der linken Hand gehalten werden sollte, während man mit der Rechten schießen würde.

Der Gegner des Beamten nahm dies an, wollte er es nun nicht ausschlagen, oder konnte er es nicht ausschlagen.

Die zwei Streiter begaben sich in Begleitung ihrer Seligen auf den Kampfplatz.

Das Duell fand unter den genannten Bedingungen statt.

Die Gegner stellten sich drei Schritte voneinander auf und erhielten eine geladene und eine ungeladene Pistole aus der Hand ihrer Zeugen.

Das Schicksal gab dem Beamten die Chance zuerst zu schießen.

Er schoß zuerst; doch nichts brannte, kein Knall wurde hörbar; sein Mißgeschick hatte ihm die ungeladene Pistole gegeben.

Da schoß sein Gegner in die Luft.

Doch er nahm diese Großmuth nicht an; er verlangte, daß die Pistole vor seinen Augen wieder geladen werde, schob mit eigener Hand die Kugel in den Lauf und forderte seinen Gegner auf, zu feuern.

Vor dieser Hartnäckigkeit war der Gegner des Beamten genöthigt, nachzugeben; er schoß, und der Beamte fiel; die Kugel hatte ihm die Brust von einer Seite zur andern durchbohrt, seine Kleider waren vom Pulver verbrannt.

Durch ein Wunder war die Wunde nicht tödtlich, und nach Verlauf von drei Monaten ging der Beamte in den Straßen von Martinique spazieren.

Die Creolen sind sehr beherzt, und wie alle wahrhaft beherzten Menschen hegen sie eine große Verehrung für den Muth.

Der Beamte war der Held des Tages.

Wären die Beamten nicht tugendhafte Leute, und wäre dieser nicht stark unter den Starken gewesen, wie der Weise der heiligen Schrift sagt, so hätte er Gelegenheit gefunden, siebenmal des Tags und sogar mehr zu sündigen.

Das Portrait dieses Mannes machen zu dürfen war also eine unberechenbare Chance.

Ein Glück kommt nicht ohne das andere: das Portrait war gelungen. Man stellte es beim Bilderhändler des Ortes aus, und es erhielt in dessen Magazin einen ungeheuren Succeß.

Von diesem Augenblicke an wurde das Atelier von Herrn Gustave nicht leer.

Alle Nuancen der menschlichen Haut vom Pechschwarz bis zum Hellrosa, vom Neger des Senegal bis zur frischen Engländerin von Plymonth oder Southampton gingen durch seinen Pinsel.

Herr Gustave gab keinen Vorzug, ließ keinen Stolz walten.

Man hat übrigens schon bei seiner Ankunft gesehen, daß, wenn er ein Vorurtheil hatte, dies mehr zu Gunsten der Neger als gegen sie war.

Während nun sein Sohn Etienne unter dem Pseudonymen Gustave. nachdem er die Antillen durch seine Stimme und sein Spiel entzückt hatte, dieselben durch die Aehnlichkeit und die Vollendung seiner Portraits entzückte, – was that der Vater Jean?

Er nahm das größte Interesse an der Ausschmückung der Madeleine und erkundigte sich danach bei Allen denen, welche von Paris kamen; von Zeit zu Zeit wunderte er sich jedoch ein wenig, daß er keinen Brief von seinem Sohne erhielt; allerdings schrieb sein Sohn nicht gern, doch durch irgend eine Gelegenheit hätte Etienne ihm können sagen lassen: »Ich befinde mich wohl,« und ihn fragen: »Wie befinden Sie sich?«

Das hätte dem alten Vater wohl gethan.

Indessen beklagte er sich nicht: es lag nicht in den Gewohnheiten von Jean, sich zu beklagen; er trällerte fortwährend die Marsellaise, wie er es unter dem Kaiserreiche, wie er es unter den Bourbonen gethan, und von Zeit zu Zeit, einmal vielleicht im Monat, ertappte er sich dabei, daß er sagte:

»Es ist nichtsdestoweniger wahr, daß die Kinder undankbar sind.«

Eines Morgens kündigte man ihm einen Ballen von Martinique an.

Von Martinique! . . . Wer Teufels konnte ihm etwas von Martinique schicken? Er kannte Niemand auf den Antillen.

Dieser Ballen enthielt ein Bündel Journale, ein Fäßchen Rhum, ein Paquet von fünfhundert Cigarren, zwei Töpfe Schnupftaback und eine silberne Tabaksdose.

Der Vater Jean öffnete das Bündel Journale und las:

»Haus zu verkaufen . . . Neger zu verkaufen . . . Negerin zu verkaufen . . . Negerknabe zu verkaufen.«

 
Das ging ihn offenbar in keiner Weise an.
Er trieb seine Forschungen weiter und las:
 

Theater von Martinique. – Herr Gustave erwirbt sich von Tag zu Tag neue Rechte auf das Wohlwollen des Publikums, und er scheut keine Anstrengung, um die Gunst, die ihm zu Theil wird, zu verdienen. Er hat gestern im Barbier von Sevilla die Verleumdungsarie mit viel Talent und Verstand gesungen. Seine Manier, zu betonen, hat besonders den Saal elektrisirt . . .

»Das ist es noch nicht,« sagte der Vater Jean, der seinen Sohn nur unter dem Namen Etienne kannte. Er nahm ein anderes Journal und las:

Spanisch Trinidad
Französisches Theater von Martne-Scuare

Mit Erlaubniß des Herrn Gouverueur und des hohen Cabildo,

»Werden die lyrisch-dramatischen Künstler unter der Direktion von Herrn Viktor Marest spielen:

»Mahomet oder der Fanatismus

»Herr Gustave wird die Rolle des Mahomet geben.«

Der zum zweiten Male unterstrichene Name Gustave fiel dem Vater Jean auf.

«Was Teufels will man von mir mit diesem Namen Herr Gustave?« fragte er sich selbst. »Ich kenne keinen Herrn Gnstave.«

Er las weiter:

Das Mittagsmahl von Madelon oder
der Bürger des Marats

Benoist. ein Hagestolz. . . Hr. Verteuil.

Vincent, sein Freund . . . Hr. Sallé.

Ein Corporal . . . . . . . Hr. Victor.

Ein Commissionär. . . . Hr. Gustave.

Madelon. . . . . . . . . . Mlle. Moinet.

»Herr Gustave! Herr Gustave!« wiederholte der Vater Jean. »Ich glaube hierin liegt der Hase.«

Da ihm aber in den zwanzig anderen Journalen nichts etwas Anderes sagte, als was er schon in den zwei ersten gelesen hatte, so ging er von den Zeitungen zu den Zigarren über.

Er zog eine heraus, rauchte und fand sie vortrefflich.

»Ho! Ho!« sagte er, »das macht Lust, eine Prise zu nehmen.«

Und er nahm ein Pfötchen Macuba aus der Flasche mit weitem Halse und schlürfte den Tabak mit einem Vertrauen, das eine an der Cigarre gemachte erste Erfahrung rechtfertigte.

»Vortrefflich, bei Gott! vortrefflich! . . . Füllen wir rasch die Tabaksdose.«

Und er öffnete die Dose: es lag ein Billet darin.

Er entfaltete das Billet und las:

»Ich bin es, Papa. Nach Deinem Wunsche habe ich auf die Komödie, die ich unter dem Namen Gustave verzichtet, und ich bin Miniaturmaler in Martinique.«

»Dein ehrerbietiger Sohn, der viel Geld verdient.

»Etienne.«

Der Vater Jean war niedergeschmettert. Er theilte indessen zwei Personen den Brief oder vielmehr das Billet, das er empfangen, mit:

1. Dem Lieutenant der Douaniers, von dessen Dose sein Sohn seine erste Zeichnung copirt hatte;

2. Herrn Odelli, der ihm seinen ersten Preis zuerkannt.

Eines tröstete ihn übrigens: daß sein Sohn der Komödie entsagt hatte und Maler geworden war.

Mittlerweile hielt Herr Gustave, – eine seltene Erscheinung! – die Versprechungen seines Prospectus. Er hatte die Aehnlichkeit garantirt, und die Aehnlichkeiten fanden sich so groß, daß eines Tages ein reicher Pflanzer so ehrgeizig war, sein Portrait nicht mehr in Miniatur, sondern in Lebensgröße, nicht mehr in Aquarell oder Gouache, sondern in Oel haben zu wollen.

Er suchte Herrn Gustave auf und fragte ihn, ob er Portraits in Oel male.

»Ich mache Alles, was in mein Fach einschlägt,« erwiederte Herr Gustave.

»Sie garantiren die Aehnlichkeit im Großen, wie im Kleinen?«

»Ich garantire sie noch mehr.«

»Und welchen Unterschied wird das im Preise machen?«

»Statt zwei Dublonen vier.«

»Sie sollen vier Dublonen haben! Wir fangen morgen an.«

«Morgen ist es unmöglich; mein ganzer Tag ist in Anspruch genommen.«

»Uebermorgen also.«

»Ich kann erst Montag zu Ihren Diensten sein.«

»Montag also,« sprach der Liebhaber, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß, der sein ganzes Bedauern darüber ausdrückte, daß er um vier Tage hinausgeschoben werden sollte.

Und er ging weg, indem er sich von Herrn Gustave noch einmal versprechen ließ, die Sitzung werde am Montag statthaben.

Herr Gnstave hatte feine Gründe« die erste Sitzung auf Montag zu verschieben. Er war in der That in seiner Zeit gedrängt, doch nicht tu einem Grade, um nicht ein paar Stunden den anderen Modellen entziehen zu können.

Was ihn veranlaßt hatte, vier Tage zu verleugnen, das war die Furcht, nicht für die Oelmalerei zubereitete Leinwand zu finden, und die Nothwendigkeit, durch seine Einblldungskraft diesen Mangel an Grundstoff zu ersetzen.

Welche Nachforschungen er auch auf der Insel anstellte, er konnte keine Portrait-Leinwand finden.

Da suchte er ein altes Portrait. das er mit einer Lage Weiß bedecken könnte.

Diese Forschung war so vergeblich als die erste.

Die zwei erfolglosen Versuche schlugen seinen Muth nicht nieder. Sobald er dachte, er werde die Leinwand nicht finden, und dennoch sich verbindlich machte, das Portrait zu malen, hatte er in der Tiefe seines Zwerchsackes ein Hilfsmittel verborgen, wie der Fuchs in der Fabel.

Herr Gustave begab sich um Musikdirector der Nationalgarde und suchte unter seinen ausgeschossenen Instrumenten.

Er fand eine große, auf einer Seite gesprungene Trommel.

Das war es gerade, was er suchte.

Er kaufte die unversehrte Eselshaut, nagelte sie auf einen Rahmen von derselben Dimension wie die Trommel und spannte sie an, so gut er konnte.

Dann erwartete er seinen Liebhaber.

Der Liebhaber kam am bestimmten Tage.

Gustave hatte sich verschafft, was er Bestes von Schildmalerfarben gefunden.

Der Liebhaber war Anfangs ein wenig erstaunt, als er sah, daß sich seine Aehnlichkeit auf einer Eselshaut reflectiren sollte; Gustave sagte ihm aber mit einer unstörbaren Ruhe, seine Bekannten in der Chemie haben ihm nachgewiesen, daß wegen der salzigen Luft die Eselshaut aus den Antillen bei Weitem der Leinwand vorzuziehen sei.

Der Liebhaber ergab sich diesem Raisonnement.

Herr Gnstave griff das Oel kühn an, hütete sich aber wohl, seinem Modell zu sagen, er male zum ersten Mal in Oel.

Nur war die Ausführung geräuschvoller, als auf der Leinwand. Jeder Pinselstrich ertönte wie der Schlag eines Stäbchens und brachte seine Symphonie hervor

Der Maler brauchte acht Tage, um sein Portrait zu vollenden, dieses Portrait war aber auch ein Meisterwerk.

Der Liebhaber ging im höchsten Maße erfreut nach Hause und weihte das Portrait in seiner Familie feierlich ein.

Er sagte aber kein Sterbenswörtchen von dem Stoff, auf den das Portrait gemalt war.

Er hätte, wenn er gestanden, es sei auf Eselshaut gemalt, sein Ansehen im Geiste seiner Frau und seiner, Kinder zu verlieren befürchtet.

Doch es bedrohte, ohne daß es Jemand vermuthete, – nicht einmal der Maler – eine große Katastrophe das unglückliche Portrait

Es kam die Wintersaison, das heißt die Zeit der Regen.

Auf die trockene Hitze, welche Alles steif macht folgte die feuchte Wärme, welche abspannt und erweicht.

Das Portrait, so vollkommen es seinem Aeußeren nach war, schien diese Epoche mit großem Widerwillen herannahen zu sehen.

Sein gewöhnlich ernstes Gesicht schien traurig und alt zu werden; es runzelte sich nicht nur horizontal, – was eine bekannte Wirkung der Zeit auf die menschlichen Dinge gewesen wäre, – sondern es runzelte sich auch vertical, was eine bis dahin völlig unbekannte Wirkung war.

Die Familie erschrak, als sie ein Portrait sah, das wie ein Ephemeron lebte, während das Original das Leben der anderen Menschen lebte.

Sie ließ den Maler holen.

Der Maler näherte sich dem Bilde voll Vertrauen, und da sein Gesicht ruhig blieb, so heiterte sich das Gesicht der Familie wieder auf.

»Ah!« sagte er, »zum Glück habe ich es nicht gefirnißt.«

Dann sprach er mit dem Tone eines Arztes, der betrübte Verwandte ermuthigt:

»Es ist nichts; kommen Sie in drei Tagen in mein Hans und sehen Sie es an : es wird nichts mehr zu bemerken sein.«

Herr Gustave hatte mit dem ersten Blicke errathen, daß die Feuchtigkeit die Eselshaut erschlaffen gemacht, und daß, das Portrait einfach von einer Erweichung befallen war.

Diese für den Menschen gewöhnlich tödliche Krankheit, mag sie nun das Gehirn oder das Mark angreifen, ist es nicht für die Portraits.

Herr Gustave stellte das Portrait drei Tage lang in ein auf dreißig Grade geheiztes Zimmer, und nach Verlauf der drei Tage war, wie er gesagt hatte, nichts mehr sichtbar.

Die Familie war entzückt; alle ihre abergläubischen Befürchtungen verschwanden; sie wurde nur davon unterrichtet, dieses Portrait sei von wasserscheuer Constitution und habe vor den andern Gemälden den Vorzug, daß es zugleich als Portrait und als Thermometer dienen könne.

XIX

Der Dämon der Bretter. – Herr Gustave schifft sich auf dem Ursin ein. – Eine Art, dass Wetter wechseln zu machen. —Ein ausgezeichneter Koch. – Genugtuung des Kapitäns. – Enttäuschung. – Der Kapitän hängt das Küchengeräth auf. – Was aneinander stoßend die Becken und die Tortenmöbel sagen. —

Herr Gustave hatte ganz einfach die Quelle des Pactolus wiedergefunden.

Doch was wollt Ihr! diese elenden Künstler. – und darin liegt den anderen Menschen gesunder ihre Inferiorität in der Gegenwart und ihre Superiorität in der Zukunft, – statt daß ihr Geist der Sklave von ihrem Interesse ist, ist beständig ihr Interesse der Sklave von ihrem Geiste.

Herr Gnstave war nun, wie man weiß, von einem Dämon besessen, den das Geld, dieser große Teufelsbanner, nicht aus ihm vertreiben konnte: vom Dämon der Bretter.

Oh! das ist ein furchtbarer Dämon, der Euch wach wie im Schlafe festhält, der mit Hilfe eines Stabes die Salons in Theater, die Candelaber in Lampen, die Kantine in Sousfleurlöcher verwandelt; der Euch in ein Ohr den Cid, ins andere Figaro flüstert; der Euch ewig durch ein entferntes Geräusch von Beifallklatschen und Bravos verfolgt, und Euch, wie Ninon, mitten unter allen möglichen Herrlichkeiten sagen läßt: »Oh! die gute Zeit, wo ich so unglücklich war.«

Nun wohl! Herr Gustave, während er seine Miniaturen malte, die ihm dreißigtausend Franken jährlich eintragen, dachte seufzend an die Zeit, wo man ihm fünfzig Franken monatlich bei Zozo vom Norden versprach und sie ihm bei Seveste gab.

Ist man in einer solchen Lage des Geistes, so hängt die gute oder schlechte Zukunft vom geringsten Umstande ab.

Gustave machte Bekanntschaft mit einem jungen Manne von Rouen, der ihn auf einer vorhergehenden Reise hatte spielen sehen.

»Ah!« sagte er, »Sie malen also in Miniatur?«

»Wie Sie sehen.«

»Warum spielen Sie nicht mehr Komödie?«

»Es ist kein Theater mehr hier.«

»Welch ein Unglück! Sie haben so viel Talent!«

Herr Gustave hätte müssen, den Schweif der Schlange sehen: – er sah ihn nicht oder wollte ihn sehen.

»Was wollen Sie?« erwiederte er; »der Mensch denkt, Gott lenkt!«

»Nun! ich, wenn Sie wollen . . .«

Die Schlange machte ganz sachte ihren Weg.

»Wenn Sie wollen, ich kenne Balter.«

»Was ist das, Balter?«

»Der Director des Theaters von Rouen.«

»Nein.«

»Wie, nein?«

»Ich will nicht mehr in der Provinz spielen.«

»Gut! Rouen ist aus dem Wege vom Havre nach Paris; wenn Sie nach Paris gehen, halten Sie im Havre an: das ist kein Engagement, sondern ein einfacher Halt.«

Ah! Versucher! jeder Andere als ein Sohn Adams hatte dich kommen sehen.

Aber, ach! wir sind Alle Söhne Adams.

»Nun wohl! ja. gewiß,« antwortete Gustave schon halb besiegt, »das ist anlockend; aber soll ich bei ihm ohne Empfehlung oder mit einem einfachen Briefe erscheinen?«

»Oh! ich habe Ihnen etwas Besseres vorzuschlagen: ich reise morgen ab.«

»Sie reisen morgen? Sie sind sehr glücklich!«

»Sehr glücklich? . . . Das ist ein Glück, das Sie sich geben könnten.«

»Oh! ich . . «

»Hören Sie, ich reise morgen ab; reisen Sie in vierzehn Tagen Sie werden Ihr Engagement bereit finden, wenn Sie in Rouen ankommen.«

»Wahrhaftig?«

»Bei meinem-Ehrenworte.«

»Ich bitte Sie um Zeit bis heute Abend, um zu überlegen.«

»Gut, gut! ich will Ihnen keine Gewalt anthun.«

Der Dämon ließ dem Fische den er gefangen, Leine.

Und der Rouenner entfernte sich und sagte:

»Heute Abend!«

Doch er hatte nicht vier, Schritte außen gemacht, als Herr Gustave die Thüre wieder öffnete und ihm nachrief:

»Oh! es ist nicht nöthig, bis heute Abend zu warten.«

»Sie schlagen es aus?« versetzte der Versucher mit einem satanischen Lächeln, das Mephistopheles hätte verrathen müssen, wäre Mephistopheles seiner Beute nicht sicher gewesen.

»Nein, ich nehme an.«

»Ah!« machte der Rouenner.

Und er verschwand an der Ecke der Straße.

Der Vertrag war unterzeichnet.

Der Rouenner erschien nicht wieder; er hielt die Seele von Herrn Gustave in seiner Gewalt und befürchtete, sie loszulassen.

Vierzehn Tage nachher, auf den Tag, schiffte sich Herr Gustave auf dem Ursin ein.

Die Ueberfahrt kostete vierhundert Franken, die Nahrung mit einbegriffen.

Ohne Zweifel aber war der Kapitän mit dem Meere übereingekommen, um auf dem ganzen Wege Ersparnisse an der Kost der Reisender zu machen.

Kaum war man außerhalb der Rhede, da wurde das Wetter abscheulich.

Der Kapitän hatte übrigens eine Gewohnheit.

Wurde das Wetter zu schlecht, so sagte er:

»Ich werde also einen Schiffsjungen kreuzlahm machen müssen!«

Das war seiner Ansicht nach die Art, wie man eine Veränderung des Wetters bewirkte.

»Junge!« rief er.

Der Schiffsjunge, der den Aberglauben des Kapitäns kannte, kam kaum mit der Nasenspitze zum Vorschein.

»Junge!« wiederholte er mit drei Kreuzen am Schlüssel.

Der Schiffsjunge erschien vollständig.

»Junge, ein Glas Rhum!«

Der Schiffsjunge lief im Galopp weg, um den verlangten Gegenstand zu holen, und kam im kleinen Schritt zurück.

»Hier, Kapitän,« sagte er mit einem sichtbaren Mißtrauen.

»Gib, Vieh!«

Der Schiffsjunge gab und entfloh.

Doch nie rasch genug, um dem Fuße des Kapitäns zu entkommen.

Hatte der Kapitän den Schiffsjungen abgeprügelt, so sagte er:

»Ihr sollt sehen, der Wind dreht sich!«

Das Experiment wiederholte sich so oft, daß selten der Wind sich nicht ein- oder zweimal unter zehn drehte.

Dies genügte, um den Kapitän in seinem Glauben zu erhalten

Mit dieser Gewohnheit verband er eine Manie, die sie vervollständigte.

Er hatte einen Koch an Bord.

Dieser Koch hatte den Kapitän grausam betrogen.

Im Augenblicke seiner Abreise nach den Antillen beauftragte er seinen Lieutenant, ihm einen Koch zu suchen.

Der Lieutenant suchte, erkundigte sich und entdeckte am Ende einen Mann, der sich für einen Küchenmeister ersten Rangs ausgab.

Man war Koch vom Vater auf den Sohn in seiner Familie, sagte er.

Man hatte bei Brillat-Savarin gearbeitet; sein Vater hatte bei Camdacèrds gedient; sein Großvater hatte bei Grimod de la Reynière und sein Urgroßvater beim Marschall von Richelieu gedient.

Dieser Prospectus fing an den Kapitän zu erschrecken, und nur mit Zögern fragte er nach der Summe der Gage, die er zu haben wünschte.

Doch der Koch erwiederte, sein Verlangen, zu reisen und die Küche fremder Länder zu studiren. Würde ihn auch einen mäßigeren Gehalt annehmen lassen.

Der Preis wurde aus fünfhundert Franken jährlich festgestellt.

Nur machte der Koch den Kapitän darauf aufmerksam, er werde wahrscheinlich die zwei oder drei ersten Tage nach der Einschiffung krank sein; sobald aber dieser Tribut der menschlichen Schwäche bezahlt sei, werde Alles gut gehen.

Der Kapitän fügte sich in die fünfhundert Franken und in die drei Tage; nachdem aber die fünfhundert Franken bezahlt und die drei Tage vorüber waren, forderte er von seinem Manne die feinsten Gerichte und besonders das vortrefflichste Backwerk.

Der Koch schien entzückt; nur bemerkte er, wenn der Kapitän alle diese Raffinements der Feinschmeckerei verlange, so brauche er besonders in der Abtheilung der Tortenpfannen und der Feldbacköfen eine wesentliche Ergänzung der Küchenbatterie.

Der Kapitän fand die Forderung ganz billig und ermächtigte den Koch, Oefen, Terrinen und Tortenpfannen bis zum Betrage von hundert Thalern zu kaufen.

Am andern Tag kam der Koch auf das Schiff zurück, bedeckt mit einem wahren Panzer von Backgeräthe.

Der Kapitän betrachtete mit Bewunderung alle diese Gegenstände, deren Namen er nicht einmal wußte, und da er mehr noch für sich als für die Passagiere eine comfortable Kost zu haben wünschte, so strich er zum Voraus mit der Zunge über die Lippen beim Gedanken an unbekannte Gerichte, die er kosten sollte.

Man reiste ab.

Eines der Verführungsmittel des Kapitäns bei seinen Passagieren war besonderes eine Tafel gewesen, wie man keine auf dem Festlande finden würde.

Er hatte zugleich die Passagiere darauf aufmerksam gemacht, sie müssen die auf die Abfahrt folgenden paar Tage Geduld haben, diese Reise sei die erste, die der treffliche Koch auf einem Schiffe mache, und alle Menschen, selbst die Könige der Küche, seien gleich vor der Seekrankheit.

Die Passagiere sahen dies um so mehr ein, als sie der Mehrzahl nach, wie Dido zu Aeneas, sagen konnten:

 
»Selbst unglücklich, habe ich das Unglück beklagen gelernt.«
 

Die drei ersten Tage vergingen, ohne daß der Kapitän sich beklagte und ohne das es irgend Jemand einfiel, sich zu beklagen.

Doch da am Ende des dritten Tags der Kapitän dem Koch hatte sagen lassen, es sei am andern Tage sein Geburtstag, und er wünsche ein großes Diner an Bord zu veranstalten, so war der Koch genöthigt, aus seiner Koje herauszugehen und ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Das Lebenszeichen, das er gab, wäre beinahe das Todeszeichen des Kapitäns und seiner Passagiere gewesen.

Jedes Gericht. das man auftrug, von der Suppe bis zu den Torten und den Soufflés, schien eine Wette zu sein.

Er hatte Alles verdorben, außer den Aepfeln; und auch diese, die er gebraten und in irgend eine Brühe gelegt hatte, waren nicht eßbar.

Zwischen dem Kaffee und den Liqueurs ließ der Kapiteln den unglücklichen Koch kommen, um ein Beispiel gerade vor den Augen der Passagiere zu geben.

Der arme Koch vergaß nicht, daß aus seinem Schiffe ein Kapitän das Recht über Leben und Tod hat.

Er warf sich dem Herrn zu Füßen und gestand in Demuth, da er im Alter von fünfundreißig Jahren obne Mittel und ohne Gewerbe gewesen, so habe er das eines Kochs zu ergreifen beschlossen;

Da er ferner gewußt, daß man bei jedem Handwerke eine Lehre brauche, so habe er beschlossen, die seine auf einem Schiffe zu machen, dessen Kapitän durch seine Sanftmuth berühmt sei;

Der Beweis, wie sehr er zu lernen begehre, liege in der großen Ausgabe, die er den Kapitän für die Küchenbatterie habe machen lassen;

Diese Küchenbatterie werde er, mit Gottes Hilfe, eines Tags auf eine ihrer und des vortrefflichen Kapitäns, in dessen Dienst getreten zu sein er die Ehre habe, würdige Weise benützen.

Alle diese Raisonnements waren mehr rührend als überzeugend.

Der Koch bekam auch fünf und zwanzig Seisinghiebe und ward in Ketten gelegt.

Worauf der Ruderbesteurer der ein wenig von der Küche verstand, beauftragt wurde, ihn eine Hammelskeule braten und Eier hart sieden zu lehren.

Man begreift also, dass in den Tagen des Sturms oder unter dem Einflusse der in der Atmosphäre verbreiteten Elektricität die nervöse Reizbarkeit des Kapitäns sich noch vermehrte; die Erinnerungen an die schlechten Mahle, die er seine Passagiere hatte machen lassen, an die Küchenbatterie, für die er vergebens hundert Thaler gutes Geld geopfert, boten sich seinem Geiste und trieben ihn zu Rachegedanken an.

Anfangs zielten diese Ideen, die in ihrer Anwendung hauptsächlich an den Schiffsjungen geübt wurden, auf einen allgemeinen Nutzen ab, da sie eine Aenderung des Windes herbeiführen sollten.

Sodann aber wandten sie sich mit einem, beim Menschen leider zu natürlichen, Egoismus der Befriedigung der persönlichen Rache zu.

War das schlimme Wetter nur ganz vorübergehend, – eine Wolke, die der Wind, der sie gebracht hat, selbst wieder zerstreut, – so beschränkte sich der Kapitän, froh, den Himmel sich auftheilen und den Wind wechseln zu sehen, auf seinen oder seine Fußtritte auf den Hintern.

Blieb aber der Wind beharrlich und neigte sich zum Sturme, da war es etwas Anderes: alle Beschwerden, sehr gerechte Beschwerden, wie man zugestehen wird, die der Kapitän gegen seinen Koch hatte, kamen ihm wieder in den Kopf.

Dann regte er sich selbst auf, wie der Löwe . Der seine Seiten mit seinem Schweife peitscht, um seinen Zorn anzustacheln.

»Junge!.« rief er.

Der Schiffsjunge, der an der Betonung erkannte, daß nicht mehr ihn der Sturm bedrohte, und daß der Blitz über seinem Haupte hinzog, um in höhere Punkte einzuschlagen: der Schiffszunge lief ohne Mißtrauen und beinahe freudig herbei.

»Hier bin ich, Kapitän, Was sieht zu Ihren Diensten?«

»Meinen Kauschukmantel, Bürschchen!«

Der Schiffsjunge verschwand, um beinahe auf der Stelle, mit dem verlangten Gegenstande in der Hand wiederzuerscheinen.

»Hier, mein Kapitän.«

Der Kapitän brummelte ein gut! und schickte den Schiffsjungen wieder weg.

Der Schiffsjunge, der immer eine Reminiscenz des Kapitäns fürchtete, entfernte sich, wie man es vor Majestäten thut, rückwärts gehend, indem er seine beiden Hände auf seinem Rücken oder sogar noch niedriger gekreuzt hielt.

Fünf Minuten nachher rief der Kapitän

»Junge!«

»Kapitän?«

»Meinen Wachstuchhut.«

Der Schiffsjunge brachte einen Hut, der die Form von den Hüten der Starken der Halle hatte, das heißt gerundet bis mitten auf.den Rücken niederfiel, damit das Wasser darauf abglitt, wie auf der Schaale einer Schildkröte.

Der Kapitän setzte den Wachstuchhut auf, was ihm ein furchtbares Ansehen verlieh.

Der Schiffsjunge ging ab.

Kaum war er verschwunden, da rief der Kapitän

»Junge.«

Der Schiffsjunge erschien wieder.

»Kapitän?«

»Meine große Stiefel!«

Der Schiffsjunge brachte Stiefel, welche die Siebenmeilenstiefel des Wehrwolfs zu sein schienen.

Der Kapitän zog seine Stiefel an, während er einen schlimmen Blick auf den rauchenden Kamin der Küche warf, und murmelte:

»Dieser Schuft von einem Koch! wird ihm nicht eine Welle früher oder später seine Baracke wegreißen und ihn mit ihr fortnehmen?«

Als die Stiefel angezogen waren, erhob er sich um drei Zoll größer.

»Junge!«

»Kapitän?«

»Komm hierher.«

»Hier bin ich, Kapitän.«

»Sage dem Koch von mir, er sei ein Elender!«

»Ja, Kapitän.«

Der Schiffsjunge ging ab, um seinen Auftrag zu vollziehen, vollzog ihn, oder vollzog ihn nicht.

»Was hat er gesagt?«

»Er hat gesagt, es sei gut.«

»Es sei gut! es sei gut! Gut für ihn, aber sicherlich nicht gut für mich! . . . Junge!«

»Kapitän?«

»Sage dem Koch von mir, er sei eine Canaille.«

»Ja, Kapitän.«

Dasselbe Spiel wiederholte sich.

»Was hat er gesagt«

»Er hat gesagt, es sei gut, Kapitän.«

»Gut! der Schuft! in jedem Falle war sein gestriges Mittagessen nicht gut! . . . Junge!«

»Kapitän?r«

»Sage ihm von mir, hörst Du, von mir, er sei ein erbärmlicher Hund!«

»Ja, Kapitän,« erwiederte der Schiffsjunge mit derselben Unempfindlichkeit.

»Nun?«

»Er hat gesagt, es sei vortrefflich, Kapitän.«

»Vortrefflich, der Giftmischer! Ah! er hat gesagt, es sei vortrefflich? . . . Junge!«

»Kapitän?«

»Hole mir einen Hammer, Nägel, Bindfaden und die ganze Küchenbatterie dieses Schuftes!«

Nach fünf Minuten kam der Schiffsjunge mit den verlangten Gegenständen.

»Hier, Kapitän! Soll ich Ihnen helfen?«

»Gib mir den Hammer und die Nagel und mache mir von diesem Bindfaden zwei Schleifen an alle diese Utensilien . . . Hundert Thaler fürs Kupfergeschirr, alle Teufel! Wenn ich daran denke! hundert Thaler! mehr als ich an sechs Passagieren verdiene!«

Und er nahm die Nägel in seinen Mund, seinen Hammer mit der rechten Hand, die Schanzverkleidung des Schiffes mit der Linken, und kletterte auf die Gefahr, von einer Welle fortgerissen zu werden. wie die Hühnerkäfiche, welche schon lange gegen das Cap der guten Hoffnung schwammen, zur Cantine, schlug seine Nägel in die äußeren Wände, winkte dem Schiffsjungen, ihm die Kessel, die Tortenmodel zu bringen, hing sie mit den Schleifen an die Nägel, die er eingeschlagen hatte, und weidete sich an dem entsetzlichen Lärmen, den bei jedem Schwanken des Schiffes, bei jedem Windstoße, an einander schlagend, diese grotesken Aeolsharfen machten, welche mit jedem Geklapper, nach der Behauptung des Kapitäns, dem unglücklichen Koch zuriefen: »Du kannst nicht kochen! Du kannst nicht kochen! Du kannst nicht kochen!«

XX

Herr Gustav auf dem Theater von Rouen. – Die Statue von Corneille. – Succeß von Gustav. – Der Besuch des Vaters. – Sein Abschied. – Ein guter Rath von Madame Dorval. – Die Statue in der Lotterie. – Abreise nach Paris. —

So fortrollend und schwankend, kam man nach einer Fahrt von zwei Monaten im Havre an.

Herr Gustave hatte Mittel gefunden, sich zum Freunde des Kapitäns zu machen; Herr Gustave war sehr schlau, wenn er die Seekrankheit hatte: in seinen Augenblicken der Ruhe malte er das Portrait des Kapitäns; dieser Wolf der zwei Meere betete seine Mutter an, und der Gedanke, er könnte ihr mit Hilfe von Herrn Gustave sein Portrait schicken, machte, daß er von allen seinen Schiffsgewohnheiten abging.

Jeder liegende Passagier war streng der Diät unterworfen.

Herr Gustave allein hatte das Recht, in seinem Bette zu essen.

Trotz aller kleinen Privilegien, die er an Bord genoß, hatte ihm jedoch eine Fahrt von zwei Monaten sehr lang geschienen.

Höchst erfreut über seine Ankunft, fing auch Herr Gustave, obgleich noch in Quarantaine, damit an, daß er alle seine Pfeile, alle seine Bogen, alle seine Mordkeulen, karg sein ganzes caraibisches Arsenal den Künstlern des Theaters vom Havre schenkte.

Sobald er hernach den Fuß aus Land gesetzt hatte, feierte ein großes Bankett, dessen Kosten die Doublonen von Guadeloupe und Martinique zu tragen hatten, die Rückkehr des Künstlers nach dem Mutterlande.

Am anderen Tage reiste Herr Gustave nach Rouen ab.

Der Rouenner hatte ihm Wort gehalten.

Er war zum Voraus für zweitausend Franken jährlich engagirt; er sollte alle Rollen spielen, weiche ihm zuzutheilen der Direktion belieben würde, und sich alle Costumes selbst anschaffen.

Diese letzte Bedingung war Herrn Gustave gleichgültig: er hatte sich dort eine prächtige Garderobe gemacht und brachte in seinem Koffer fünfzehn bis achtzehnhundert Franken mit, das heißt, ein Vermögen für einen Künstler, dessen letzter Rummel es gewesen war, Frösche zu fangen, und das letzte Hilfsmittel, ein Stück Brod vor der Thüre einer armen Hütte zu fordern.

Der Elephant Kiouni war in Rouen angekommen.

Man kündigte die Debuts von Mademoiselle Kiouni und Herrn Gustave in einem Stücke betitelt: Der Elephant des Königs von Siam an.

Beide hatten einen großen Succeß.

Dann gab Herr Gustave alle große Rollen des modernen Dramas: den Herzog von Guise in Heinrich III., Karl den Fünften in Hernani, Raphael Bazas in Clotilde, Buridan in Thurme von Resle.

Herr Gnstave, den die Arbeit arbeiten macht, und der träge ist, wie ein Reapolikaner. wenn ihm die Proben nicht das Fieber geben, lernte mitten unter Allem dem, um noch eine andere Sehne an seinem Bogen zu haben, wie man in der guten Gesellschaft sagt, oder um noch einen Rummel mehr zu haben, wie man bei der hohen und der niedern Bank sagt, Herr Gustave lernte die Aetzkunst bei Brevières, dem großen Künstler, der Paul und Virginie, den Napoleon illustrirt und in der Geschichte der Maler das Blatt: die Sabinerinnen von David gestochen hat.

Da fing Herr Gustave in seinen verlorenen Augenblicken an, die Revue de Caen zu illustriren.

Eines Tages suchte ihn Balter auf.

Balter war der Director, ein guter armer Bursche, den ich wohl gekannt, und der mir die ersten tragischen Verse, die ich gemacht, recitirt hat.

Balter trat in das Zimmer seines Bühnenmitglieds in dem Augenblick ein, wo Herr Gustave eine Lage Firnis; auf einer Kupferplatte ausbreitete.

»Ah! das ist nicht Alles,« sagte er.

Herr Gustave schaute empor und fragte:

»Was gibt es denn, mein lieber Herr Director?«

»Ja einem Monat ist der Geburtstag von Pierre Corneille.«

»Gut! und Sie wollen, daß ich Verse spreche?«

»Ah! ja wohl.«

»Was wollen Sie denn?«

»Man bekränzt gewöhnlich eine Büste.«

»Sodann?«

»Das Theater von Rouen muß sich in diesem Jahre auszeichnen.«

»Wodurch?«

»Dadurch, daß es eine Statue bekränzt.«

»Ah! ja, und diese Statue, nicht wahr, ich soll sie . . .?«

»Sie sollen sie machen.«

»Das werde ich gern thun-«

»Eure colossale Statue!«

»Ich kann sie nicht höher als sechs und einen halben Fuß machen.«

»Warum?«

»Ei! weil mein Zimmer nur sieben hoch ist.«

»Ah! ich begreife, das ist ein Grund . . . Nun wohl, so machen wir sie sechs und einen halben Fuß hoch.«

»Gut, wir werden sie sechs und einen halben Fuß hoch machen.«

Da keine Zeit zu verlieren war, in Betracht, daß man nur einen Monat vor sich hatte, so brachte man noch an demselben Tage den ersten Karren Thon herauf.

Herr Gustave wohnte im sechsten Stocke.

Beim zwanzigsten Karren trachte das Haus.

»Teufel!« sagte Balter, »man muß Acht geben.«

»Man wird sich mit zwanzig Karren zu behelfen suchen,« erwiederte Herr Gustave.

Und er ging an die Arbeit.

Zwanzig Karten genügten, und die Statue war gemacht und in Gyps gegossen für den Geburtstag.

Die Ausführung war nicht leicht gewesen.

Um an den Füßen zu arbeiten, hatte sich Herr Gustave, wie um den Vater Verteuil zu rasiren, auf den Bauch legen müssen.

Am Abend der Vorstellung für den Geburtstag wurde die Statue unter dem Beifallsgeschrei eines gedrängt vollen Saales bekränzt.

An diesem Abend war der Name von Gustave in Aller Mund.

An dem darauffolgenden Tage wurde die Statue nach dem Rathhause gebracht, und die ganze Stadt defilirte vor ihr.

Alle Journale gaben Berichte über die Feierlichkeit und erhoben Herrn Gustave in den Himmel.

Der junge Mann sammelte alle Journale, die von ihm sprachen, und schickte sie Vater Jean.

Drei Tage nachher hörte Gustave, noch schlafend an seine Thüre klopfen; er erwachte, sprang aus seinem Bette, lief an die Thüre und rief:

»Es ist Papa!«

Er öffnete die Thüre.

Es war in der That der Vater.

Der Vater lachte nicht, – Sie wissen, daß er das Lachen verlernt hatte, – doch er weinte.

Es gibt Scenen, die man nicht einmal zu erzählen versucht.

Jeder Mensch, selbst der schlimmste, hat in Einem Herzen irgend eine Erinnerung an eine solche Scene. Er mag sich zu ihr zurückversetzen: sein Gedächtniß wird ihm mehr darüber sagen, als unsere Feder.

Der Vater blieb drei Tage in Rouen und sah seinen Sohn drei verschiedene Rollen spielen.

Es brauchte bei ihm nicht weniger, als das Beifallklatschen eines ganzen Saales, dreimal wiederholt, um dem jungen Manne zu verzeihen, daß er Corneille im Theater von Rouen machte, statt Capitäler in der Madeleine-Kirche zu machen.

In der Nacht, welche der Abreise des Vaters vorherging, legte sich Gustave zuerst zu Bette; der Vater zündete seine Pfeife, an und blieb an der Ecke des Kamins, – nachdenkend, die Augen verloren in den Rauchwolken, in die er sich mit Wonne hüllte.

Plötzlich stand er auf, setzte sich sodann zum Bette seines Sohnes, reichte ihm die Hand und sprach:

»Höre, Etienne.. (Man begreift, daß für den Vater Jean Etienne Etienne geblieben war und nicht Gustave werden konnte.) Höre. Etienne, ich reife morgen ab, wir werden uns vielleicht nie wiedersehen.«

»Wie! und warum dies?« fragte der junge Mann ganz erstaunt.

»Ei mein Gott! wer weiß?«

Etienne blieb stammt der Vater pfiff ein paar Takte von der Marsellaise.

»Nun,« sagte er, »gleichviel!«

»Wie, gleichviel?« rief Etienne.

»Ja, gleichviel, ob die Alten gehen, wenn nur die Jungen bleiben.«

»Aber, Vater, warum bist Du denn so?«

»Ich habe einen Gedanken: morgen werde ich Dir auf immer Lebewohl sagen.«

»Dann mußt Du nicht gehen, Papa.«

»Und die Douane?«

»Oh! Vater, wenn es nur das wäre . . . man hat dort mit dem Portraitiren Geld verdient . . .«

»Stille!«

»Ich schweige, Vater.«

»Wenn Du eines Morgens sagen hörtest: »Der Pater Jean ist todt . . .«

»Ah!« was für eine Idee ist denn das?«

»Wenn ich Dir sage: Stille!«

»Ich gehorche.«

»Wenn Du eines Morgens sagen hörtest: »»Der Vater Jean ist todt,«« so würdest Du auf der Stelle nach Caen abreisen; bei Deinem Eintritt würdest Du gerade auf dem nußbäumenen Schrank zu gehen, und in der Schublade, wo mein Zopf war, würdest Du zwölfhundert Franken in meiner Polizeimütze finden.«

»Oh! wie können Sie mir solche Dinge sagen. Papa!« rief Etienne schluchzend.

Der Vater lächelte schwermüthig und fuhr fort:

»Dann würdest Du nach Paris alle Mobilien kommen wissen, welche von Deiner Mutter herrühren . . . Sieht Du, es ist gut, Familienandenken zu bewahren.«

Etienne weinte fortwährend.

»Du versprichst es mir?« sagte der Vater.

»Ich verspreche es, Papa.«

»Nun, das ist Alles, was ich Dir zu sagen hatte . . . Gute Nachts ich will mich auch schlafen legen.«

Und der Vater ging an sein Bett, ohne ein Wort mehr zu sagen, kleidete sich aus und legte sich nieder, nach zehn Minuten war er eingeschlafen.

Nicht dasselbe war bei Gustave der Fall; er schlief schlecht in dieser Nacht. Am andern Morgen war der Vater, nach seiner Gewohnheit, um fünf Uhr auf den Beinen.

Die Diligence ging um sieben Uhr ab.

Gustave begleitete natürlich seinen Vater.

Dieser war nicht trauriger als gewöhnlich, doch er schien Gustave trauriger, weil er liebevoller war.

Ehe er in die Diligence stieg, umarmte der Vater seinen Sohn mehrere Male.

In dem Augenblick, wo die Diligence abging, beugte er sodann sein weißes Haupt aus dem Schlage und sandte ihm einen letzten Kuß mit der Hand zu.

An der Ecke der Straße verschwand der Wagen.

Wir haben gesagt einen letzten Kuß.

Es war in der That der letzte.

Gustave ging mit gebrochenem Herzen nach Hause.

Fredérick Lemaitre war in Rouen angekommen, um dort Vorstellungen zu geben.

Fréderick war in der ganzen Kraft seines Talentes.

Er spielte in Rouen in Richard Darlington, im Thurm von Nesle, im Spieler.

Herr Gustave ging natürlich von den ersten Rollen zu den zweiten und sogar zu den dritten über.

Im Prolog von Richard spielte er den Arzt; im Thurm von Nesle den Taugenichts, der die Scene mit dem Rufe eröffnet: »Ho! Meister Orsini! Teufelswirth!« . . . im Spieler gab er endlich den Freund des Spieles.

Er trat sodann mit Potier auf, der nach Rouen kam, mit Arnal und endlich mit der Dorval.

Als er eines Abends in die Loge der großen Künstlerin gegangen war, um ihr Complimente zu machen, sagte sie zu ihm, nachdem sie ihn eine Zeit lang mit ihren schönen, sanften, klaren Augen angeschaut hatte:

»Gustave.«

»Madame?«

»Soll ich Ihnen einen Rath geben?«

»Ich glaube wohl.«

»Werden Sie ihn befolgen?«

»Ich werde mich bemühen.«

»Glauben Sie mir, gehen Sie-nach Paris.«

»Das würde ich sehr gern thun.«

»In der Provinz wird man in ein Rollenfach eingesetzt; ist man einmal in dieses Rollenfach gesetzt, kommt man nicht mehr heraus.«

»Ich bemerke es wohl.«

»Sie spielen die zärtlichen Väter.«

»Das ist nicht mein Beruf, glauben Sie mir.«

»Ihr Rollenfach sind die großen ersten Rollen. Sie müssen Helden- und Charakterspieler werden.«

»Das ist auch meine Meinung, aber . . .«

»Man muß aber Jemand kennen, wollen Sie sagen?«

»Ja.«

»Und Sie kennen Niemand?«

»Ich kenne Mademoiselle Duchesnois.«

»Nun?«

»Sie hat mich zu Soumet geschickt.«

»Und Soumet?«

»Ha! mich zu Seveste geschickt.«

»Und Seveste?«

»Hat mir die tiefen Tenore und die edlen Väter zugewiesen.«

»Sie kennen Dumas nicht?«

»Nein.«

»Das ist Ihr Mann.«

»Da ich ihn aber nicht kenne? . . .«

»Ich kenne ihn.«

»Ah!«

»Und ich will Ihnen eine Zeile an ihn geben.«

»Ich bin noch auf sechs Monate engagirt.«

»Gut! Sie werden das mit Balter abmachen.«

»Und wenn er nicht will?«

»Haben Sie nie dem Director einen Streich gespielt!«

Lachend erwiederte Gustave:

»Das ist eine meiner besten Rollen.«

»Dann ist es gut . . . Holen Sie Ihren Brief morgen bei mir.«

Am andern Tage holte Herr Gustave seinen Brief.

Zwei Tage später reiste er nach Paris ab, nachdem er seine Statue von Corneille der Lotterie übergeben hatte.

Die Statue gewann ein Schneider, der sie vor sein Haus stellte und als Schild: Zum großen Corneille, annahm. Sie blieb zehn Jahre vor, der Thüre des Schneiders und verlor am Ende ihre Form unter dem Regen, dem Winde und dem Schnee.

Am Tage seiner Ankunft in Paris begab sich Herr Gustave zu mir.

Man hat seinen Eintritt gesehen, man hat die Erzählung, die er mir machte gehört.

Diese Erzählung brachte eines gewisses Eindruck auf mich hervor, wie man sieht, da ich sie nach zwanzig Jahren dem Leser vor Augen lege.

Ich schaute diesen hübschen Burschen von fünfundzwanzig Jahren an, der schon ein so hartes Leben geführt hatte.

»Nun, und dann?« sagte ich.

»Sie werden mir irgendwo Eingang verschaffen.«

»Wo wollen Sie am Liebsten eintreten?«

»Ei! bei der Porte Saint-Martin.«

»Gut! wir wollen unser Möglichstes thun. Besuchen Sie mich übermorgen wieder, – ich werde mir Harel gesprochen haben.«

XXI

Schlechte Laune von Harel. – Gustave besucht Herrn Merle. – Herr d’Epagny. —Die Unzufriedenen. – Eine Lithographie. – Madamoiselle Georges. —

Am andern Tage war ich bei Harel. wie ich es dem Schützling von Dorval versprochen.

Ich blieb einen Augenblick, ehe ich eintrat, vor dem Theater der Porte Saint-Martin stehen.

Oben auf dem Zettel fanden sich die Worte:

»Letzte Vorstellung vom Thurme von Nesle.«

Der Thurm von Nesle ist in der That seitdem kaum sechshundertmal gegeben worden.

Bocage verließ die Rolle und sogar die Porte Saint-Martin.

Ich fand Harel in einer abscheulichen Laune.

Er schlug mich mit Verlust zurück bei den ersten Worten, die ich ihm von Herrn Gustave sagte.

Ich hatte wohl meinen Recurs an Georges, doch wenn Harel schlechter Laune war, so war selbst die Georges schlechter Laune.

Ich hatte mich genug mit dem Hause vertraut gemacht, um dies zu wissen, und nahm daher meinen Rückzug beim ersten Rüffelschlag, den ich erhielt.

Am andern Tage sah ich Herrn Gustave wieder.

»Der Wind ist auf Hugo « sagte ich ihm; »in diesem Augenblick ist nichts für mich bei der Porte Saint-Martin zu machen. Es scheint, Hugo schreibt ein Drama.«

»Geben Sie mir eine Zeile für Hugo.«

»Ich kann nicht: wir sind entzweit.«

»Kennen Sie Herrn d’Epagny? Man spielt morgen oder übermorgen ein Stück von ihm.«

»Ja, die Unzufriedenen. Es kommt in dem Stücke, wie es scheint, eine herrliche Dekoration von Séchan vor.«

»Ich fragte Sie, ob Sie Herrn d’Epagny kennen?«

»Wie wir uns Alle kennen: nicht genug, um Sie ihm zu empfehlen . . . Warten Sie aber: kennen Sie Merle, den Mann von Dorval?«

»Ja, seine Frau hat mir einen Brief an ihn gegeben.«

»So besuchen Sie Merle.«

»Ich werde Merle besuchen,« erwiederte Herr Gustave.

»Kennen Sie Herrn d’Epagny?« fragte er Merle.

»Bei Gott! das ist ein Freund von mir.«

»So geben Sie mir einen Brief an ihn.«

»Gern.«

Merle setzte sich an sein Bureau, schrieb mit seiner hübschen, kleinen, feinen, sauberen Schrift einen Brief an seinen Freund d’Epagny und gab ihn Herrn Gustave. —

Es war zwei Uhr Nachmittags.

»Gehen Sie heute nicht zu ihm,« sagte Merle; »Sie würden ihn nicht mehr zu Hause finden: er wird auf einer Probe sein. Gehen Sie morgen.«

»Um welche Stunde?«

»Um zehn Uhr Morgens.«

Am andern Tage auf den Schlag zehn klingelte Herr Gustave bei d’Epagny.

Ein Frau von mittlerem Alter öffnete die Thüre.

Es war die Haushälterin vom Verfasser von: Dominique oder der Besessene, einem reizenden kleinen Stücke, das bewunderungswürdig im Théâtre-Francais von Monrose Vater gespielt wurde.

»Ist Herr d’Epagny zu Hause?«

»Was wollen Sie von ihm?«

»Ich habe ihm einen Brief zu übergeben.«

»Von wem?«

»Von einem seiner Freunde,«

Die Haushälterin hatte große Lust, nach dem Namen des Freundes zu fragen, ohne Zweifel wagte sie es aber nicht.

Sie öffnete die Thüre vom Cabinet ihres Herrn und sagte:

»Hier ist ein junger Mann, der Ihnen einen Brief von einem Ihrer Freunde übergeben will.«

»Wo ist er?« fragte Herr d’Epagny, die Nase erhebend.

»Hier,« mein Herr,« erwiederte Gustave, indem er vortrat und so angenehm, als es ihm nur immer möglich, lächelte.

»Sie bringen mir einen Brief von einem meiner Freunde?«

»Ja, mein Herr.«

»Der Name dieses Freundes?«

»Den Merle.«

»Herr Merle ist nicht mein Freund,« entgegnete d’Epagny die Augen verdrehend.

»Herr Merle ist nicht Ihr Freund?« stammelte Gustave.

»Nein! und zum Beweise lesen Sie den Artikel, den er mir in seiner Quotidienne in Betreff meiner ersten Vorstellung der Unzufriedenen zugeschleudert hat.«

Und er störte in seinen Papieren, um die Quotidienne zu suchen. die er nach einer Viertelstunde endlich entdeckte.

»Lesen Sie!« sprach er.

»Oh!« machte Gustave.

»Nun! was sagen Sie?«

»Ich sage, er muß einen besonderen Grund haben, gegen die Porte Saint-Martin aufgebracht zu sein, um so von einem so schönen Werke zu sprechen.«

»Sie haben es gesehen?«

»Das Werk? Seit drei Tagen gehe ich dahin.«

D’Epagny schaute Herrn Gustave ins Gesicht.

»Ei!’« sagte er, »Sie haben ein hübsches Aussehen.«

»Desto besser.«

»Geben Sie mir immerhin Ihren Brief . . Ah! Sie sind ein Maler? . . . Gut!«

»Wie, gut?«

»Ich weiß, was ich meine.«

»Ich verstehe nicht recht . . .«

»Kennen Sie Harel?«

»Ich habe nicht die Ehre.«

»Stelle ich Sie als Schauspieler vor, so wird er nichts von Ihnen wollen.«

»Ah! Ah!«

»Während er, wenn ich Sie als Maler vorstelle bedauern wird, dass Sie nicht Komödie spielen.«

»So ist also Herr Harel?«

»Oh! ich kenne ihn, er hat Geist; doch wir werden mehr haben.«

»Sprechen Sie für sich.«

»Wartet! Sie doch . . . war . . . ten . . . Sie!«

D’Epagny überlegte.

»Ich habe ein Mittel gefunden.«

»Welches?«

»Können Sie lithographiren?«

»Ich kann von Allem Etwas.«

»Dann frühstücken Sie mit mir.«

»Ich habe gefrühstückt.«

»Was haben Sie gegessen?«

»Ein Ei und eine Cotelette.«

»Nun, das wird zwei Eier und zwei Cotelettes machen; man hat in Ihrem Alter Appetit.«

»Ja! man hat oft zu viel; und es gibt Umstände, wo das beschwerlich ist.«

»Ah: ah! es scheint, wir hatten von der wüthenden Kuh gegessen?«

»Hätten mir Kuhfleisch gehabt, so würden wir uns nicht beklagt haben . . . selbst wenn die Kuh wüthend gewesen wäre.12

D’Epagny klingelte.

»Vier Eier, vier Cotelettes.«

»Ich habe aber die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen . . .«

»Stille!«

»Oh! wofern Sie mir Aufnahme beim Theater der Porte Saint-Martin verschaffen, werde ich Alles thun. was Sie wollen.«

Man brachte die vier Eier und die vier Cotelettes.

Herr Gustave schickte sich an, sein Ei aufzutunken.

»Was machen Sie denn!« rief d’Epagny.

»Ich! nichts . . . Sie sehen, ich esse mein Ei,« erwiederte Herr Gustave ganz erschrocken.

»Ist man so die Eier?«

»Entschuldigen Sie mich . . . verzeihen Sie . . . ich glaubte . . .«

»Geben Sie mir Ihr Ei.«

Herr Gustave reichte sein Ei d’Epagny.

»Sehen Sie, so wird das zubereitet.«

D’Epagny that in gleichen Maßen in das Ei von Herrn Gustave ein Stückchen Butter, etwas Salz, etwas Pfeffer, drehte die Mischung mit seinem Messer um und um, und gab das Ei seinem Gaste zurück.

Herr Gnstave aß sein Ei so ernsthaft als er konnte.

Nach dem Frühstück klingelte d’Epagny.

»Was verlangt der Herr,« fragte die Haushälterin ganz erstaunt.

»Meinen Rock.«

»Wozu?«

»Ich gehe aus.-«

»Der Herr geht aus?«

»Allerdings gehe ich aus.«

»Der Herr hat aber keine Probe?«

»Ich habe zu thun.«

»Zu thun?«

»Stille! Ich will ausgehen.«

»Das ist etwas Anderes.«

Ganz verdutzt, daß Herr d’Epagny eine Angelegenheit hatte, die sie nicht kannte. brachte die arme Haushälterin den Rock und zog ihn traurig ihren Herrn an.

D’Epagny ist ein vortrefflicher Mann, ganz Herz und ganz Flamme, trotz seiner fünf und sechzig oder sechs und sechzig Jahre, – er muß wohl so alt sein; doch vor zwanzig Jahren zählte er erst fünf und vierzig, und er war noch mehr als heute bereit, sich zu entflammen und Dienste zu leisten.

Und wer weiß? mit dem Alter wird der Gute noch besser.

Er faßte Herrn Gustave unter dem Arm und führte ihn nach der Passage du Cairo.

Dort druckte man sein Stück.

Er nahm ein Blatt und faltete es zusammen.

»Dies ist das Format meiner Brochure,« sprach er.

»Gut!«

»Sie haben mein Stück gesehen?«

»Dreimal, wie ich Ihnen sagte.«

»Es ist wahr. Nun! so machen Sie mir eine Lithographie von Mademoiselle Georges in ihrer großen Scene und bekümmern Sie sich nichts um das Uebrige.«

In Wahrheit hatte Herr Gustave weder Mademoiselle Georges, noch das Stück gesehen.

Doch er ging am Abend ins Theater und machte von seinem Sperrsitze ein Croquis von Mademoiselle Georges in ihrer großen Scene.

Drei Tage lang blieb er mit der Nase auf dem Steine; als er am dritten Tage sein Meisterwerk vollendet glaubte, ließ er eine Probe abziehen und brachte sie d’Epagny.

–»Das ist es, bei Gott! das ist es! . . . Therese! . . . Ah! Sie— sind vortrefflich in der Lithographie, junger Mann . . . Therese!«

»Hier bin ich, Herr.«

Nahe mir diese Lithographie vorne in meine Brochure.«

»Ja, Herr . . . Ah! das ist Mademoiselle Georges.«

»Sie sehen, daß ich sie nicht veranlasse, dies zu sagen . . . Ja, es ist Mademoiselle Georges. Glaubst Du, sie werde zufrieden sein, Therese?«

»Ich glaube wohl.«

»Ah! es wird Alles wie auf Rädchen gehen, junger Mann. Seien Sie heute Abend um acht Uhr in der Rue de Bondy, beim Eingange der Künstler.«

»Man wird dort sein.«

«Gehen Sie nun.«

»Heute Abend, Herr d’Epagny.«

»Heute Abend!«

Gustave entfernte sich das Herz voll Hoffnung.

Am Abend, zur bezeichneten Stunde, war er auf seinem Posten.

Fünf Minuten nachher erkannte er d’Epagny in der Dunkelheit und eilte ihm entgegen.

»Nun?«

»Hier bin ich! Gehen wir hinauf.«

Beide gingen hinauf.

»Begeben Sie sich auf die Bühne; ich will Mademoiselle Georges an der Thüre ihrer Loge erwarten.«

Herr Gustave war von einem Wachse und von einem Aeußeren, um nicht unbemerkt in den Coulissen eines Theaters zu bleiben.

Fünf Minuten nach seinem Eintritt entstand ein Aufruhr.

»Wer ist dieser? . . . Woher kommt er? . . . Wohin geht er . . . Was will er?«

»Ein schöner Junge!« sagten die Frauen.

»Puh!« erwiederten die Männer. «

Mittlerweile fiel der Vorhang, und die Georges kehrte in ihre Loge zurück.

»Mademoiselle Georges!«

»Ah! es ist Herr d’Epagny,« sagte die Künstlerin mit der etwas gedehnten Betonung, die einen so großen Zauber einer Stimme verlieh, welche durch die schönsten Zähne und die schönsten Lippen der Welt kam.

»Ja, ich bin es. Ich komme, um Ihnen dies zu bringen.«

»Was ist dies?«

»Nun! es ist unsere Brochure.«

»Ah! ich danke!«

Die Georges streckte nachlässig ihren Arm aus, um die Brochure auf ihr Canapé fallen zu lassen.

»Sie schauen die Lithographie nicht an?«

»Ah! es ist eine Lithographie dabei?«

»Sehen Sie.«

»Was stellt sie vor?«

»Sie in Ihrer großen Scene.«

»Ah! wahrhaftig?«

Die Georges öffnete die Brochure.

»Oh! wie hübsch ist das!« rief sie.

»Sie finden?«

»Ich glaube wohl! . . . Wer hat das gemacht?«

»Einer meiner Freunde, ein junger Maler.«

»Wo ist er?«

»In den Coulissen.«

»Was macht er in den Coulissen?«

»Ei! Sie begreifen. es ist das erste Mal, daß er Gelegenheit hat, den Fuß auf die Bühne zu setzen, und er benützt dies.«

»Holen Sie mir ihn.«

XXII

Die Angel ist beködert. – Kriegslist des Protectors von Herrn Gustave. – Die Gelegenheit bei den Haaren erfaßt. – Eine Scenenprobe vom Thurme von Nesle. – Herr Gustave spielt Buridan auf dem Theater der Porte Saint-Martin unter seinem wahren Namen. —

Nach fünf Minuten kam d’Epagny zurück: er führte Herrn Gustave, der wie eine Braut erröthete, an der Hand.

»Ob! mein Herr,« sagte die Georges mit ihrem bezauberndsten Tone, »kommen Sie doch! Das ist ja bewunderungswürdig! das ist ja äußerst ähnlich! Das ist . . .«

In diesem Augenblicke hörte man einen Schlüssel sich im Schlosse des Cabinets von Harel drehen, das von der Loge der Georges nur durch eine Scheidewand getrennt war.

»Ah!« sagte die Georges, «Harel ist da. . . Harel! Harel!«

»Was?« fragte Harel durch die Scheidewand

»Komm hierher.«

»Sogleich.«

Bald trat Harel, sich nach seiner Gewohnheit die Hände reibend, ein.

»So sieh doch.«

Harel lief herbei

Die Georges zeigte ihm die Lithographie.

»Was sagst Du hierüber?«

Harel, der gewöhnlich wartete. daß Georges eine Meinung aussprach, um es zu wagen, auch eine zu haben, zog seine Tabatière aus der Tasche, während er die Lithographie anschaute, stopfte seine Nase mit Tabak voll und erwiederte:

.Hierüber? . . . Hm! hat! das ist eine Lithographie.«

»Ja, allerdings, Einfaltspinsel; doch was sagst Du von dieser Lithographie?«

»Ham . . . bunt . . . hum!«

»Sie ist reizend.«

»Reizend!« wiederholte Harel.

»Anbetungdwürdig!«

»Anbetungswürdig!« wiederholte Harel.

»Entzückend!«

»Entzückend!« wiederholte Harel.

Herr Gustave trank sein Lob mit vollen Zügen.

Als die Scene lange genug gedauert hatte, gab d’Epagny Herrn Gustave einen Stoß mit dem Ellenbogen.

Herr Gustave, der seine Leute kannte, verbeugte sich und ging ab.

Die Georges folgte ihm mit den Augen.

.Nun! wohin geht denn Ihr junger Mann?« fragte sie.

»Ich sagte Ihnen, er wisse nicht, was ein Theater ist; der Gedanke, einen Abend in den Coulissen zuzubringen, entzückt ihn, und er will keine Minute verlieren.«

Er trat sodann an die Thüre, als wollte er sehen, ob Herr Gustave sich entfernt habe, und fügte, sich an die Georges und an Harel wendend, bei:

»Welch ein Unglück, daß dieser Junge nicht Komödie spielt!«

»Es ist in der That ein Unglück! versetzte die Georges.

»Ein sehr großes Unglück!« rief Harel.

»Bitte schöne Stimme!«

»Seht schön!« sagte die Georges.

«,Herrlich!« rief Harel.

»Eine schöne Gestalt für einen Heldenspieler! . . . Adieu, Harel! Adieu, Mademoiselle Georges! Ich will zu ihm in die Coulissen gehen; ich habe ihm gesagt, er soll sich bei der Lyra aufhalten, doch ich befürchte sehr, er weiß nicht, was die Lyra ist, und stürzt am Ende umherirrend durch eine Fallthüre.

»Gehen Sie.«

D’Epagny entfernte sich.

»Nun?« fragte Herr Gustave.

»Die Angel ist beködert, seien Sie unbesorgt. bei der ersten Gelegenheit wird der Fisch anbeißen.«

»Sie glauben?«

»Ich bin dessen sicher. Mittlerweile seien Sie alle Abende von acht Uhr bis halb neun Uhr beim Eingange des Theaters.«

»Ja.«

»Sie hören?«

»Sehr gern; ich habe nichts zu thun.«

Und alle Abende während der sechzig ersten Vorstellungen der Unzufriedenen fand man sich vor dem Theater.

Sobald sie beisammen waren, gingen der Dichter und der Maler hinauf und traten in die Coulissen ein.

Es war das immer in einem Zwischenact.

D’Epagny lief gerade auf das Loch am Vorhang zu.

Sah er eine Menge von Zuschauern, so sagte er:

»Schön! besuchen wir die Georges! Harel wird guter Laune sein.«

Fanden sich Leeren im Saale, so sagte er:

»Es ist heute nichts zu machen! Bleiben Sie, wenn Sie das belustigt; ich, ich gehe.«

Und er ging in der That.

Herrn Gustave schenkte Niemand mehr die geringste Aufmerksamkeit: es war ein Maler.

Die Tage folgten indessen auf die Tage. Herr Gustave hatte seine Dublonen erschöpft und schon seine Garderobe angegriffen.

Das Erste, was er verkaufte, war eine Generalsuniform. Die Achselschnüre, die Epauletten, die silbernen Schnallen, der goldgestickte Rock gingen an einen Händler des Börsenplatzes über.

Und so defilirte allmälig die Garderobe, und so mehr sie defilirte, desto dringlicher wurde Herr Gustave, und desto nachdrücklicher sprach d’Epagny:

»Welch ein Unglück, daß, statt Maler zu sein, mein Maler nicht Schauspieler ist!«

Und wenn d’Epagny weggegangen war, sagte die Georges zu Harel:

»Aber was hat denn d’Epagny, daß er immer dieselbe Phrase wiederholt?«

»Welche Phrase?« fragte Harel.

»Wie, welche Phrase?«

»Ja, ich frage Dich, welche Phrase?«

»Du hörst ihn also nicht?«

»Höre ich, was d’Epagny sags?«

»Er sagt: »»Welch ein Unglück, daß mein Maler nicht Schauspieler ist.««

»Das ist eine angenommene Gewohnheit.«

»Möglich!« erwiederte die Georges.

Und sie kehrte in Scene zurück, grüßte Herrn Gustave. den sie auf ihrem Wege fand, und wiederholte wie d’Epagny:

»Es ist in der That ein Unglück, daß Herr Gustave nicht Schauspieler ist. Welch ein schöner Mann für Helden und Charakterrollen wäre er!«

Eines Tags oder eines Abends nahm Harel den Thurm von Nesle wieder auf.

Der Saal war gedrängt voll.

Delaistre sollte den Buridan spielen.

D’Epagny und Herr Gustave kamen wie gewöhnlich.

Man spielte Jeaune Baubernier vor dem großen Stücke.

»Ah! Sie da, Harel,« sagt d’Epagny.

»Guten Abend,« antwortet Harel mit barschem Tone.

D’Epagny wendet sich um und sieht hinter sich das schöne, ernste Gesicht von Georges.

»Mein junger Mann . . .« spricht er zu Georges.

«Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem jungen Manne,« ruft Harel. »Kann er mir heute Abend Buridan spielen?«

»Wie, Ihnen Buridan spielen?«

»Ja, mir Buridan spielen. Herr Delaistre läßt mir so eben sagen, er sei krank. Nicht wahr, Ihr junger Mann kann mir Buridan nicht spielen?«

»Ei! doch wohl, er kann ihn spielen,« erwiedert d’Epagny, der die Gelegenheit bei den Haaren erfasst.

»Er kann ihn mir spielen?« ruft Harel, indem er d’Epagny beim Kragen packt.

»Ja, er kann es.«

»Wie so?«

»Er ist ein Schauspieler.«

»Wie, er ist ein Schauspieler?«

»Ja, er ist ein Schauspieler.«

»Sie haben mir gesagt, er sei ein Maler!«

»Nun! was dann? Er ist ein Schauspieler-Maler oder ein Maler-Schauspieler, wie Sie wollen.«

»Wo ist er?«

»Dort bei der Lyra.«

»Holen Sie mir ihn.«

D’Epagny stürzte fort, um Herrn Gustave aufzusuchen.

Er fand ihn hinter einer Coulisse.

»He! geschwinde,« sagte er. »Das wird warm, das flammt, das brennt! Kommen Sie, kommen Sie.«

»Wo denn?«

»In der Loge der Georges.«

Man ging in die Lege der Georges.

Harel ließ Herrn Gustave nicht Zeit, einzutreten.

»Sind Sie im Stande, mir Buridan zu spielen?« rief er ihm zu, sobald er ihn erblickte. .

«Gewiß.«

»Sie können die Rolle!«

»Ich habe sie zwanzigmal gespielt.«

»Doch heute Abend . . .«

»Ich spiele sie in zehn Minuten.«

»Wie, ohne Probe?«

»Gut! ich werde eine kleine Scenenprobe halten. Und dann im Ganzen . . .«

»Was, im Ganzen . . .«

»Sie werden die Gefälligkeit haben, eine Ankündigung zu machen.«

»Man wird sie machen. Gehen Sie ins Magazin hinauf, um die Costumes anzuprobiren.«

»Unnöthig, ich habe die meinigen.«

»Sind sie anständig?«

»Oh! seien Sie unbesorgt; ich habe sie selbst gemalt: das ist weniger kostspielig und schöner. In zehn Minuten bin ich hier.«

»Geben Sie, junger Mann! gehen Sie!«

Herr Gustave stürzte aus der Loge.

Harel wandte sich gegen die Georges um.

»Hast Du gehört, was er gesagt hat?«

»Er werde die Rolle von Buridan spielen.«

»Oh! nein, das ist abgemacht.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Er hat gesagt, die gemalten Costumes seien minder kostspielig und schöner.«

»Nun?«

»Wenn wir in sein Engagement setzen würden, er habe uns die Costumes zu malen?«

»Willst Du schweigen, Knauser!« rief die Georges, indem sie Harel ein Kissen an den Kopf warf.

»Ah! Du verstehst nichts von der Verwaltung.«

Nach fünf Minuten war Herr Gustave zurück.

Ziemlich häßlich von nahe, wie eine Decoration, war das Costume von Herrn Gustave von der Entfernung gesehen in der That herrlich. Herr Gustave hatte es aus Calicot nach einer byzantinischen Zeichnung gemalt; sodann hatte er nach einer Andeutung von mir, statt den Degen an einer die Taille umspannenden Kuppel zu tragen, sein Wehrgehenk an seine Jacke nähen lassen, was seinem Costume den scharfen Charakter des dreizehnten Jahrhunderts verlieh.

Das Uebrige des Costume war im Atelier von Saint-Evre, nach einem Herrn vor seinem Bilde Ines von Portugal nach ihrem Tode gekrönt, gezeichnet worden.

Eine Viertelstunde nachher ging an den Coulissen ein Buridan auf und ab, der das Aussehen einer aus einem Tapetenwerk herabgestiegenen Person hatte.

Die Georges gab einen Schrei von sich. als sie ihn erblickte.

»Ah! er ist herrlich! . . . Schau doch, Harel, welch ein schönes Costume!«

»Du findest?«

»Wie, Du findest nicht?«

»Doch, herrlich, prächtig!«

Er fügte sodann leise bei:

»Gleichviel, das meinige war mir lieber . . . Auf, meine Kinder zur Scenenprobe!«

Man ging in den Hintergrund der Bühne und probirte einzelne Scenen.

Während dies geschah, fiel der Vorhang nach dem Ende des dritten Akles der Komödie.

»Die Ankündigung?« fragte Herr Gustave.

»Ganz richtig,« erwiederte Harel.

Und er rief:

»Moëssard! Moëssard! Moëssard!«

»Hier bin ich, Herr Harel, hier bin ich,« sagte Moëssard, indem er sich vor Harel so tief blickte, als es ihm sein dicker Bauch erlaubte.

»Geschwinde, Moëssard, eine Ankündigung!«

»In welchen Ausdrücken, Herr Harel?«

»In welchen Sie wollen, bei Gott!«

»Verzeihen Sie, Herr Harel, ich spreche die Ankündigungen, doch ich verfasse sie nicht; verfassen Sie die Ankündigung, Herr Harel, und ich werde sie sprechen.«

»Eh! Nun, das ist ganz einfach: »Herr Delaistre ist plötzlich unpäßiich geworden; Herr So und so, ein von Rouen ankommender Künstler, der sich zufällig in den Coulissen befindet, hat sich erboten, die Rolle von Buridan zu spielen. Er bittet das Publikum um Nachsicht.«

»Aber Herr So und so ist kein Name,« versetzte Moëssard.

»Es ist wahr,« sagte Harel; »wie heißen Sie?«

»Gustave.«

»Das ist ein Provinzname, der in Paris nichts gilt. Suchen Sie geschwinde einen andern Namen.«

»Ich brauche keinen zu suchen: ich habe den meinigen.«

»Ganz richtig . . . Und Ihr Name ist?«

»Mélingue.«

»Ein guter Name, bravo! ein guter Name!

»Moëssard, Sie hören! »»Herr Delaistre ist plötzlich unpäßlich geworden; Herr Mélingue, ein von Rouen ankommender Künstler, der zufällig in den Coulissen des Theaters der Porte Saint-Martin anwesend ist, erbietet sich, die Rolle des Buridan zu spielen.««

»Gut, Herr Harel . . . Geben Sie das Zeichen.«

»Fügen Sie bei, Moëssard . . .«

»Herr Harel?«

»Fügen Sie bei, die Costumes gehören ihm.«

»Ja, Herr Harel.«

»Herr Mélingue, hören Sie wohl? Herr Mélingue.«

»Ja, Herr Harel.«

Das ist die wahrhafte Geschichte der Abenteuer und Drangsale von Herrn »Etienne Marie Mélingue, dem ehemaligen Unglücksgefährten von Herrn Hippolyte (Tisserand), vom Tage seiner Geburt bis zum Tage, wo er in der Rolle von Buridan auf dem Theater der Porte Saint-Martin auftrat.

Und in den zwanzig darauf folgenden Jahren hat die Pariser Welt seine weitere Laufbahn mit so ungeschwächtem, so ungetheiltem Beifall verfolgt, daß aus dem Abenteurer ein Mann der Geschichte der dramatischen Kunst geworden ist.

– Ende -
1.Im Amphitheater gibt es Schinder, desto besser!
  welche die schönen Damen schinden, sowie die schönen Herren, desto besser!
2.Ein alter Soldat weiß zu leiden und zu schweigen ohne Murren!
3.Lieues, französische Meilen.
4.Meine Fauchette ist reizend in ihrer Enfachheit . . .
5
Ich war in diesem Grabe, das ein rächender Gottbewohnt, ich betrachtete in frommer Andacht, die inder Tiefe des Monumentes niedergelegten Schleierund die Haare von Electra, und das neue Opfer dasdie Gaben meiner abwesenden Zärtlichkeit ersetzte. Nacheiner fünfzehnjährigen Verbannung wollte ich meineSchwüre auf dem Altar erneuern, wo das Blut fließensoll. Eine Frau erschien an diesem düstern Orte.Um ihre Schritte zu beobachten, verbarg ich mich imSchatten Sie schien mir zu diesem Aufenthalt derTodten weniger zu kommen, um ihre Wehklagen,als um ihre Gewissensbisse zu bringen. Kaum imStunde, sich zu halten, unsicher, erschüttert, blieb siebei den Stufen des Altars stehen. Die Lampe, diean diesem Schmerzensorte wachte, beleuchtete die Blässeihres verzerrten Gesichtes. Sie griff nach dem Altar mitihren unmächtigen Händen; das Gebet erstarb aufihren zitternden Lippen, und aus ihres Busens Tiefedrangen jeden Augenblick Klageschreie, langes Stöhnen hervor.

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6
Ich ging hinaus stumm, eiskalt, von Schreck erfüllt;und dieses gräßliche Wunder, diese verscheidende Frau,diese höllischen Schwester, dieses wüthende Gespenstverfolgen mich noch . . . sie sind vor meinen Augen. Ich erliege . . .

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7.Ja, da ich einen so treuen Freund wiederfinde, wird mein Schicksal ein neu’ Gesicht gewinnen, und schon scheint sein Zorn sich besänftigt zu haben, seitdem es uns hier wiedervereinen besorgt gewesen.
8.Ah! ich athme . . .
9.Penaud, penaude, verlegen, blöde, verdutzt. Als man ihm dies sagte, blieb er ganz verlegen; sie war sehr blöde. Es ist nur im vertraulichen Style gebräuchlich.
10.Pennon. Es war dies eine Art von Fahne oder Standarte mit langem Schweife, die ein Ritter, welcher zwanzig Rieisige unter sich hatte, zu tragen berechtigt war.
11.Zuckerbranntwein.
12.Man sagt sprichwörtlich in Frankreich: manger de la vache enragée, was bedeuten Kummer und Noth leiden, Beschwerden und Elend erleben, wegen der Erwiederung von Herrn Gustave mußten wir aber dem Worte des Originals getreu bleiben.

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06 aralık 2019
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