Kitabı oku: «Das Brautkleid»
I.
Das Hochzeitskleid
Wir sprechen von der Zeit zwischen dem Frieden von Tilsit und dem Congresse zu Erfurt, das heißt von der Zeit des höchsten Glanzes des Kaiserreichs.
Eine Dame saß in ihrem Morgennegligee, bestehend aus einem langen Schlafmantel von indischem Musselin mit prachtvollen Balenciennen besetzt, unter welchen man nichts als die Spitzen von ein paar Sammtpantoffeln hervorblicken sah, mit einem Kopfputz nach der Mode jener Zeit, das heißt auf der Spitze des Kopfes thronend und die Stirne mit zahlreichen Locken von kastanienbraunen Haaren umschattend, welche durch die Regelmäßigkeit ihrer Ringeln verrieten, daß der Haarkünstler so eben erst da gewesen – diese Dame saß also auf einem mit blauem Atlas überzogenen Sofa in einem reizenden Boudoir, welches das entlegenste Zimmer einer Wohnung im ersten Stocke in Nro. 11 der Straße Taitbout war.
Zunächst wollen wir einige Worte über die Dame, dann über das Boudoir sagen, und hierauf wollen wir auf die Sache selbst eingehen.
Wir sagten, eine Dame; wir hätten aber beim ersten Anblick fast sagen können, ein junges Mädchen, denn obgleich sie ungefähr sechsundzwanzig Jahre zählte, so schien sie doch nicht älter als neunzehn zu sein. Diese Dame war außer der Zierlichkeit ihrer Taille, der Feinheit ihrer Füße, und der Weiße ihrer Hände mit einer jener Figuren ausgestattet, welche zu allen Zeiten das Vorrecht gehabt haben, die Köpfe derer zu verrücken, die sich ihrer sicher glaubten. Sie war gerade nicht schön, überhaupt nach der Art, was man zu jener Zeit unter schön begriff, wo die Gemälde Davids fast ganz Frankreich zu dem Geschmack der Griechen zurückgeführt hatten, der so glücklicher Weise während der beiden vorhergehenden Regierungen aufgegeben worden war; nein, im Gegenteile war ihre Schönheit von einer launenhaften Phantasie. Vielleicht waren ihre Augen zu groß, ihre Nase zu klein, ihre Lippen zu rot, ihr Teint zu durchsichtig; aber es war nur in den Momenten, in welchen dieses reizende Gesicht ruhig war, daß man diese auffallenden Fehler wahrnehmen konnte; denn so wie es sich durch irgend einen Ausdruck belebte, dann war dieses Gesicht, dessen Bild wir hier zu entwerfen wagen, im Stande, jeden möglichen Ausdruck anzunehmen, den der schüchternsten Jungfrau, so wie den der schamlosen Bacchantin; so wie es sich belebte, durch irgend einen Ausdruck der Traurigkeit oder der Freude, des Mitleides oder des Scherzes, der Liebe oder der Verachtung, da standen alle Züge dieses niedlichen Gesichts in so voller Übereinstimmung, daß man nicht sagen konnte, welchen dieser Züge man ändern möchte; so wie sie zuverlässig zu einer Regelmäßigkeit des Ganzen beitrugen, so würde man durch das Hirnwegnehmen irgend eines das Pikante der Physiognomie geraubt haben.
Diese Dame hielt eine Papierrolle in der Hand, auf welche Zeilen von verschiedener Handschrift geschrieben waren. Von Zeit zu Zeit erhob sie die Hand mit einer Art von Ermattung, aber voll Anmuth, brachte das Manuskript vor ihre Augen, las einige von diesen Linien, rümpfte anmutsvoll die Nase, stieß einen Seufzer aus, ließ die Hand zurücksinken, und diese schien jeden Augenblick bereit, sich zu öffnen und die verwünschte Papierrolle fallen lassen zu wollen, welche für diesen Augenblick die Hauptsache einer Verstimmung war, deren Verbergen sich die Dame nicht angelegen sein ließ.
Sie war einender ersten Künstlerinnen des Theâtre-Francais; die Rolle gehörte einer der langweiligsten Tragödien jener Epoche an; wir bezeichnen die eine mit dem Namen Fernande, wir werden uns aber sehr wohl hüten, den Titel der andern zu nennen.
Das Boudoir war zwar von außerordentlicher Eleganz, trug aber dennoch den Stempel des schlechten Geschmacks jener Epoche. Es war ein allerliebstes, viereckiges Gemach mit blauem Atlas tapeziert, von welchem jedes Blatt zwischen zwei Säulen von korinthischer Ordnung eingerahmt war, auf deren goldenen Kapitälern ein Fries von Stuck ruhte, auf welchem nach dem Genre von Pompeji eine Menge von Amoretten gemalt waren, die, mit Bogen und Köchern versehen, zu nicht wenigen Altären Hymens und der Treue ihre Schlachtopfer führten. Dieses Boudoir hatte vier Türen, zwei davon waren der Symmetrie wegen geblendet. Diese vier Türen waren weiß bemalt und erhaben gearbeitet, und in jedem Fache hatten sie Verzierungen, die aus einem Thyrsus des Bacchus und aus einer Maske Thaliens und Melpomenens gebildet waren. Eine dieser Türen war geöffnet und ließ den feuchten Dampf und den lieblichen Duft eines parfümierten Bades in das Boudoir hereindringen.
Was die Möbeln dieses Boudoirs betrifft, so waren sie mit blauem Atlas gleich den Wänden überzogen, und sie hatten die raue und unangenehme Form, die heute noch die Leute von Geschmack und die Verehrer des Komfortablen überrascht, die nicht begreifen können, wie man solche Nachbildungen des Antiken machen und wie man sich derselben bedienen konnte; denn man vermochte kaum, sich auf ein Kanapee zu legen, sich auf eine»Fauteuil oder überhaupt auf die Stühle zu setzen. Wir sprechen hierbei nicht von den Tabourets in der Form eines X; denn diese waren die einzigen Möbeln, welche, abgesehen von ihrer exzentrischen Form und ihren athentensischen Verzierungen, zu ihrer Bestimmung etwas taugten.
Die Zierraten des Kamins waren von derselben Gattung; die Pendule stellte einen großen runden Schild dar, wahrscheinlich den des Achilles, getragen von vier magern Amoretten, welche unter seiner Last seufzten. Die Kandelaber bestanden aus vier andern Amoretten, die in eine Gruppe vereinigt waren, und deren vier Flambeaur einen vierarmigen Leuchter bildeten.
Wie wir gesagt haben, war Alles, ungeachtet seines schlechten Geschmacks, reich, kokett, elegant und anziehend durch den Glanz, die Anmut und die Schönheit der Sirene, die darin wohnte. Man sieht, daß wir von unserem Gegenstande hingerissen sind, und daß wir wider unsern Willen in den mythologischen Stil jener Zeit verfallen.
Die Göttin, welche man in diesem kleinen Tempel anbetete, lag also, wie wir angedeutet haben, nachlässig hingestreckt aus ein Sofa; sie hatte den Anschein, ihre Rolle zu studieren, dachte aber im Grunde an nichts anderes als wie sie ihren Peplos tragen und wie sie ihre Tunika in der neuen Tragödie falten wolle, in der sie jetzt mitspielen sollte. Da öffnete sich die Türe und ihr Kammermädchen trat mit jener familiären Haltung ein, die zu gleicher Zeit die Vertraute der Tragödie und die Zofe der Komödie bezeichnet, Ismene und Dorine, die Ratgeberin und Bewahrerin der Geheimnisse.
»Wie, Sie sind es schon wieder?«rief die Schauspielerin mit einem bezaubernden Anfluge Übler Laune, die, indem sie einen Tadel auszusprechen sucht, zu sagen scheint, daß man wohl getan habe, denselben zu verdienen. »Ich habe doch bestimmt genug gesagt, daß ich allein sein will, unbedingt allein, um meine Rolle zu studieren; ich werde diese nie auswendig lernen, und das wird Ihre Schuld sein, verstehen Sie, Mademoiselle Cornelie?«
Das Kammermädchen nannte sich mit ihrem eigentlichen Taufnamen Marie; allein sie hatte diesen Namen zu gemein gefunden und sich daher kraft eigener Autorität um- und wieder getauft, um den wohlklingendsten und überhaupt den ausgezeichnetsten Namen, den Namen Cornelie anzunehmen.
»Mein Gott, ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung,« sagte die Zofe, »und ich bin bereit, dem Veranlassen gegenüber die Verantwortlichkeit für diesen Verzug auf mich zu nehmen. Ein schöner junger Mann verlangt mit Ihnen zu sprechen, und zwar so dringend, daß ich kein Mittel gefunden habe, ihn zurückzuweisen.«
»Und wie nennt sich Ihr schöner junger Mann, Mademoiselle?«
»Herr Eugene.«
»Herr Eugene?«versetzte die Schauspielerin, indem sie langsam die drei Sylben, welche dieses Wort bilden, wiederholte. »Herr Eugene. Aber das ist ja kein Name?«
O ja, Madame, es ist ein Name und zwar ein sehr hübscher Name. Ich liebe den Namen Eugene sehr.«
»So! Und Sie wollen, daß ich Ihre Sympathien mir aneigne! Können Sie mir ein Bild Ihres Schützlings entwerfen?«
»O gewiß, er ist, wie ich Ihnen schon gesagt habe, ein schöner junger Mann, ungefähr fünf Schuh, fünf Zoll groß, hat schwarze Haare, schwarze Augen, einen schwarzen Schnurrbart, und bezaubernde weiße kleine Zähne. Er ist in bürgerlicher Kleidung, aber ich wollte darauf wetten, daß er Offizier ist; überdies trägt er das Band der Ehrenlegion im Knopfloch.«
Zu einer früheren Zeit konnte diese letzte Bezeichnung noch als eine Auskunft betrachtet werden; heut zu Tage möchte sie viel zu unbestimmt sein. »Herr Eugene, schwarz, das Band der Ehrenlegion. . .«wiederholte Fernande, indem sie ihr Gedächtniß zu Hilfe nahm, dann wandte sie sich wieder zu Mademoiselle Cornelie und sagte: »und erinnern Sie sich nicht, daß Sie während des Jahres, welches Sie nun in meinen Diensten sind, diesen jungen Mann gesehen haben?«
»Niemals, Madame!«
»So wollen wir sehen, wer es sein kann.
Ist es Eugene d'Erville?«
»O nein, Madame, der ist es nicht.«
«Eugene de Castelluir?«
»Der ist es' auch nicht.«
»Eugene von Clos-Benaud?«
»Auch der ist es nicht.«
»Wenn dies der Fall ist, so sagen Sie, meine Teure, diesem Herrn, daß ich nicht zu Hause bin.«
»Wie! Sie befehlen mir!. . .«
»Gehen Sie.«
Fernande sprach dieses letzte Wort mit einer solchen Würde einer Theaterprinzessin aus, daß sich die Zofe, so sehr sie auch Lust hatte, die Sache ihres Schützlings zu verfechten, gezwungen sah, abzutreten, und dem Befehle, der ihr so bestimmt gegeben worden, Folge zu leisten.
Mademoiselle Cornelie ging also hinaus, und Fernande nahm mit einer noch zerstreuteren und verdrießlicheren Miene als zuvor das Manuskript wieder auf, allein sie hatte noch keine vier Verse darin gelesen, als sich die Türe schon wieder öffnete, und die Zofe wieder eintrat.
»Nun, Sie kommen noch einmal!« sagte Fernande in einem Tone, welcher ernst zu sein versuchte, der aber schon viel von seiner Strenge verloren hatte.
»Ach, mein Gott, Madame,« erwiderte Cornelie, »ja, ich bin es wieder, aber Sie werden mir verzeihen; Herr Eugene will durchaus nicht weggehen.«
»Wie, er will nicht weggehen?«
»Nein, er sagt: er wisse, daß Sie nie so frühe ausgehen.«
»Wenn auch; aber ich empfange am Morgen nur meine Freunde.«
»Er sagt, daß er einer von Ihren Freunden sei.«
»O, zum Beispiele? Das wird verwickelt; Eugene, ein schwarzer Schnurrbart, das Band der Ehrenlegion, einer meiner intimen Freunde; ist es nicht Eugene de Miremont?«
»Nein, Madame, dieser hier ist besser.«
»Eugene d'Harcourt?«
»O, dieser hier ist viel besser.«
»Eugene d'Argv?«
»O, der hier ist unendlich besser.«
»Aber wissen Sie, Mademoiselle, daß Sie meine Neugierde aufregen?«
»Übrigens,« fuhr die Zofe fort, indem sie ihrer Gebieterin ein kleines Schmuckkästchen von rothem Maroquin in der Größe eines Fünffrankenthalers Überreichte, »übrigens hatte er beigefügt, stellen Sie dieses Fernanden zu und sie wird wissen, wer ich bin.«
»Fernanden?«
»Ja, Madame, so hat er gesagt.«
»Meiner Treu, ich gebe zu, daß ich nicht die Geringste der Welt bin,« sagte die Schauspielerin, indem sie das Schlößchen öffnete und das kleine Schmuckkästchen neugierig betrachtete.
»Da sehen Sie; Ihr Portrait!« rief die Zofe.
»O, wie es Ihnen ähnlich ist, wie Sie so schön mit dem Schleier sind, der da um Ihren Kopf flattert;«
»Mein Portrait,« murmelte Fernande, indem sie sichtbar durch eine letzte Anstrengung ihre Erinnerungen zu sammeln suchte.
»Mein Portrait! Meiner Treu, ich finde mich nicht zu rechte.«
Nach einem augenblicklichen Schweigen rief sie:
»Ach, Eugene?«
»Ja.«
»Ein Schwarzer?«
»Ja.«
»Das Band der Ehrenlegion?«
»Ja.«
»Einer meiner Freunde?«Dieses Portrait, diese Chiffer: E.B. die ich auf dem Kästchen nicht bemerkt hatte. Das ist es, das ist es; mein Gott, wie wenig Gedächtniß ich habe und wie zerstreut ich bin; lassen Sie ihn hereinkommen, lassen Sie ihn hereinkommen, diesen armen Eugene, den ich im Vorzimmer warten ließ. Wenn ich bedenke, daß mir dasselbe, es ist noch nicht ein Monat, mit Jerome begegnet ist. . . .!«
Mademoiselle Cornelie ließ sich das nicht zweimal sagen, sie schoß wie ein. Pfeil und so hinaus, daß kaum die Vorwürfe, welche Fernande hinsichtlich ihres Gedächtnisses an sich richtete, beendigt waren, als schon an der Stelle Cornelie's der schöne junge Mann, schwarz an Haaren, Augen und Schnurrbart und mit dem rothen Bande, unter der Thüre erschien.
»Verzeihen Sie, meine liebe Fernande,« rief der junge Mann lachend; »aber auf meine Ehre, ich war weit davon entfernt, daran zu zweifeln, daß Sie in meiner Abwesenheit uneinnehmbar sein werden.«
»Wer daran zweifelt, das sind Sie, mein theurer Prinz,« sagte Fernande, indem sie dem Neuangekommenen eine Hand darreichte, welche dieser mit der Miene eines Siegers küßte. »Sie ließen sich bloß und einfach unter dem Namen Eugene anmelden; aber ich kenne so viele Eugenes. . . .«
»Daß Sie mich mit allen andern Eugenes der Welt verwechselt haben, das ist sehr schmeichelhaft für mich. Ah! Entschuldigen Sie, mein Portrait! Haben Sie die Güte, es mir zurückzugeben.«
»Sie denken also noch daran?«sagte Fernande mit einer bezaubernden Koketterie.
»Immer,« sagte der Prinz, indem er ein Tabouret neben den Sopha stellte.
»Cornelie,« bemerkte Fernande, »so lange seine kaiserliche Hoheit bei mir sein wird, bin ich für Niemand zu sprechen.«
Cornelie machte große Augen, sie hatte bis jetzt zu ihrer Gebieterin viele Prinzen kommen sehen; aber unter diesen Prinzen gab es wenige, die man mit dem pompösen Titel »Hoheit,« am allerwenigsten aber mit dem »kaiserliche Hoheit«bezeichnete.
Mademoiselle Cornelie trat ab, ohne ein Wort zu entgegnen.
»Und seit wann sind Sie in Paris, mein teurer Eugene? Ah, verzeihen Sie, gnädigster Herr, ich spreche immer zu Ihnen, wie wenn Sie noch ein einfacher Oberst der Consular-Garde wären.«
»Und Sie thun wohl daran, meine schöne Fernande.
Sie fragen, seit wann ich angekommen bin? Seit gestern, und mein erster Besuch gilt Ihnen, Undankbare!«
»Wie so? Sie sind hierher gekommen. . .?«
»Nein, ich würde Sie nicht aufgesucht haben, als bis Sie gespielt hätten.«
»Ah, das ist wahr?«
»Ich war im Francais.«
»In der Loge des Kaisers? Ich habe Sie dort nicht gesehen.«
»Weil Sie nicht hingesehen haben, Ungetreue! Ich war nicht dort, aber Poniatowsky war da.«
»Ich habe ihn wahrhaftig dort nicht gesehen.«
»O, dreifache Lügnerin;«rief der Prinz.
»Nein, Madame, ich war inkognito in einer Baignoire.«
»Allein?«
»Nein, mit Ihrem Portrait.«
»O, mein Gott, welche Artigkeiten Sie mir sagen; aber ich schwöre Ihnen, daß ich auch nicht ein Wort davon glaube.«
»Es ist dennoch die reine Wahrheit.«
»Nun, ich bin verzweifelt, daß Sie hierher gekommen sind.«
»Und warum? Sie waren in der Zaire anbetungswürdig; in der Roxelane wunderbar.«
»Ich war nicht schön.«
»Lassen Sie das, Sie waren im Gegentheile entzückend.«
»Nein, ich war sehr übler Laune.«
»Weil Poniatowsky zuviel mit seiner Nachbarin geplaudert hat.«
»Abscheulicher!«
»Oder ist vielleicht Duroc gestorben?«
»Trauriger!«
»Ist vielleicht Murat zu Grunde gerichtet.«
»A propos von Murat, er ist Großherzog, nicht wahr? Und man sagt, daß man ihn zum Vice-König machen will, wie Sie, oder wie Joseph zum König und was weiß ich sonst noch?«
»Ja, ich habe einige Worte davon sprechen hören.«
»Wohl an, alle diese Königreiche werden doch wenigstens gute Hilfsquellen darbieten.«
»Keine zu schlechten, und wenn es Ihnen nur im Mindesten auf der Welt angenehm ist, nun so wollen wir. . . so wollen wir davon plaudern.«
»Ach, Sie, mein lieber Eugene, Sie sind immer Prinz, bei Ihnen ist es nicht, wie bei Ihrem Kaiser.«
»Nun, was hat er denn gethan, mein Kaiser? Ich glaubte, daß er Sie zur. . . .Kaiserin gemacht habe.«
»Nun ja, er ist liebenswürdig; plaudern wir später etwas davon.
Denken Sie, ich habe Lust, Frankreich zu verlassen und nach Mailand zu gehen.«
»Gehen Sie dahin, meine Liebe, gehen Sie dahin; Sie werden dort sehr gut aufgenommen werden. Ich komme gerade nach Paris, um meine Truppe zu rekrutieren, und dann nach Erfurt und Dresden zu gehen. Sind Sie mit bei der Reise nach Dresden?«
»Ich weiß, daß Mars, Georges und Talma dabei sind; aber zu mir hat man noch kein Wort davon gesagt.«
»Wünschen Sie dabei zu sein?«
»Und wenn ich wünschte dabei zu sein? Wünschen Sie, mein theurer Prinz, daß ich offen spreche? Das war es, was mich gestern Abends in eine solch' abscheuliche Laune versetzte.«
»Wirklich!«
»Auf mein Wort.«
»Wohlan, ich will es mit Rovigo in Ordnung bringen. Ich glaube, daß er die Sache auf sich hat.«
»Ach, Sie werden ein Amor sein.«
»Nun, thun Sie von Ihrer Seite auch etwas für mich.«
»O, Alles, was Sie wünschen,«
»Geben Sie mir das Repertoire dieser Woche, damit ich meine Soireen mit den Ihrigen in Einklang bringen kann. Ich will die Templer sehen; werden Sie darin spielen?«
»Ja, ich werde darin eine Art von Leichenbegleiterin machen. Ich wollte, daß Sie mich in einem andern Stücke sehen würden.«
»Ich werde Sie in allen sehen.«
»Sie wollen also dieses Repertoire?«
»Ja.«
»O, es ist jetzt sehr schlecht bestellt, das Alles sind nichts als Ränke, Cabalen und Intriguen. Unsere arme Comédie-francaise geht, wie ich fürchte, wo das Cafe Ludwig's XV, hinging.«
»Wahrhaftig?«
»Aber, wo doch dieses Repertoire sein mag? Ach, jetzt erinnere ich mich.«
Fernande streckte die Hand nach einem Glockenzuge aus, der in einen Bogen und einen Köcher von Bronze endete, und läutete. Mademoiselle Cornelie erschien.
»Was haben Sie mit dem Repertoire gemacht, welches ich Ihnen gestern gegeben habe?«sagte Fernande.
»Ich habe es in eine Ihrer Tassen im Schlafzimmer gelegt.«
»Holen Sie es, Seine kaiserliche Hoheit verlangt' nach demselben.«
Mademoiselle Cornelie ging weg, kam nach einem Augenblick wieder, und brachte die wöchentliche Theateranzeige.
Fernande nahm sie ihr aus den Händen, gab sie dem Prinzen, wandte sich dann gegen die an ihrem Platze stehen gebliebene Cornelie und fragte:
»Nun, warum warten Sie?«
»Ich bitte Sie um Entschuldigung, Madame,« erwiderte die Zofe, »aber es ist jemand da, der Sie zu sprechen wünscht.
»Sie begleitete diese Worte mit einem jener Blicke, durch welche die Dienerin der Herrin sagt: »Seien Sie ruhig, ich weiß, was ich thue.«
»Noch einmal, ein schöner junger Mann?«fragte Fernande.
»O nein, Madame, diesmal ist es ein armes, junges Mädchen, welches sehr traurig ist, und einen großen Kummer zu haben scheint.«
»Wie heißt sie?«
»Cäcilie.«
»Cäcilie, Cäcilie und?«
»Nur Cäcilie.«
»Nun,« sagte der Prinz,« das ist heute der Tag der Taufnamen.«
»Und was verlangt sie?«
»Sie wünscht Ihnen, Madame, etwas zu zeigen, was Sie, wie ich gewiss weiß, schön finden werden. Ich habe ihr sogleich gesagt, daß es unnütz sei, weil Sie gegenwärtig im Begriff stehen, ökonomisch zu sein; aber das arme Kind bat so dringend, daß ich den Mut nicht hatte, sie fortzuschicken. Ich sagte ihr, daß sie warten solle, und daß, so wie Madame sie empfangen könnten, dies geschehen würde. Dann hat sie sich schüchtern in einen Winkel gesetzt, ihren Karton auf die Knie nehmend, und so harrt sie Ihrer Befehle.«
»Werden Eure kaiserliche Hoheit erlauben?. . .«fragte Fernande.
»Warum nicht,« entgegnete der Prinz,« es wird mir sehr angenehm sein, dieses junge Mädchen zu sehen und das zu bewundern, was sie in ihrem Karton hat, den sie so bescheiden auf ihren Knien hält.«
»Lassen Sie sie hereinkommen,« sagte Fernande.
Cornelie ging sogleich weg und kam nach einem Augenblicke wieder, Mademoiselle Cäcilie ankündigend. Hinter Cornelia trat die angekündigte Person ein.
Es war ein schönes, junges Mädchen von neunzehn Jahren, mit blonden Haaren, rosigem Teint und einer Taille, so schlank wie Schilf; sie war in großer Trauer und ganz schwarz gekleidet; ihr Kleid hatte nicht die geringste Verzierung, eben sowenig ihre Haube von derselben Farbe; ihre Wangen waren blass, ihre Augen roth; man sah ihr an, daß sie viel gelitten und viel geweint hatte.
Nach der Beschreibung, welche Mademoiselle Cornelie von der Person gab, die sie zu sprechen wünschte, hatte Fernande von Anfang an geglaubt, mit irgend einer jungen Arbeiterin zu thun zu haben, welche beauftragt ist, Muster in der Stadt herumzutragen; aber bei dem ersten Blicke, welchen sie auf dieses traurige und ernste junge Mädchen, warf, bemerkte sie mit Erstaunen eine würdevolle, züchtige Haltung, welche über ihre ganze Person verbreitet war.
Cäcilie war an der Türe stumm und unbeweglich stehen geblieben.
»Kommen Sie näher, Mademoiselle,« sagte Fernande, »und sagen Sie mir, was mir das Vergnügen verschafft, Sie zu sehen.«
»Madame,« entgegnete Cäcilie mit zitternder Stimme, in welcher jedoch mehr Schmerz als Furcht lag, »in diesem Karton hier ist eine Robe, welche ich schon mehreren Personen gezeigt habe; aber der Preis, der für dieselbe bezahlt werden soll, hat immer das überstiegen, was die Personen, welchen ich sie zum Kaufe angeboten habe, geben wollten. Die letzte derselben hat mir, indem sie mir das Kleid zurückgab, gesagt, daß nur eine Königin eine solche Rohe kaufen könne, und deswegen bin ich zu Ihnen gekommen, die Sie eine Königin sind.«
Diese Worte waren mit einer zitternden Stimme, aber zu gleicher Zeit auch mit so viel Trauer und Würde gesprochen worden, daß sich das Staunen des Prinzen und Fernandens verdoppelte; indessen musste die schöne Künstlerin doch über die letzten Worte lächeln.
»Ach ja,« sagte sie, »eine Königin, eine Königin von sieben bis halb zehn Uhr Abends; eine Königin, deren Königreich im Theater ist, welche Mauern von Pappe zum Palaste hat, und ein Stirnband von Bronze als Krone trägt! Indessen sind Sie doch nicht ganz irre gegangen, indem sie Hierher gekommen sind, denn wenn ich auch eine falsche Königin bin, so haben Sie doch einen wahren König gefunden.«
Das junge Mädchen heftete mit ernster Würde die schönen blauen Augen auf den Prinzen; ihr Ausdruck aber zeigte, daß sie die so eben ausgesprochenen Worte durchaus nicht verstehe.
Inzwischen hob Cäcilie den Deckel des Kartons aus.
Fernande stieß einen Ruf der Bewunderung und der Überraschung aus.
»O, diese wunderbare Robe!« rief sie, indem sie mit der Hastigkeit einer Frau, die ein Meisterstück der Toilette gewahr wird, sich derselben bemächtigte, sie auf dem Sopha aus einander und die Hand unter den Stoff legte, um über die Feinheit des Musselins, und über die Schönheit der Stickerei urteilen zu können.
In der Tat hatte man vielleicht zu Nancy, in dieser Beziehung das Land der Wunder, nichts gesehen, was diesem Kleide glich, welches so mit Stickereien beladen war, daß man nur mit Mühe den Musselin unter den schlanksten Stengeln, den zartesten Blättern, den schönsten Blumen, die je den neidischen Blick einer Tochter Evas überrascht hatten, durchsehen konnte; es war nicht das Werk eines Weibes; es war gewiss die launenhafte Schöpfung irgend einer Fee.
So wenig der Prinz eine solche Art von Meisterstücken schätzen konnte, so erkannte er doch, daß dieses Kleid ein Wunder der Geduld und der Geschicklichkeit sei.
Fernande blieb einige Minuten in Betrachtung versunken vor diesen graziösen Arabesken stehen; dann richtete sie an Cäcilie die Frage: »Wer hat denn dieses Kleid gestickt?«
»Ich, Madame,« entgegnete Cäcilie.
»Und wie viele Jahre haben Sie zu dieser Arbeit gebraucht?«
»Zwei und ein halbes Jahr, Madame.«
»Das glaube ich gerne; sehen Sie doch, Prinz, das ist zum Vergnügen und nicht handwerksmäßig gestickt und das macht die Sache noch kostbarer. Zwei und ein halbes Jahr! Da mussten Sie ungeheuer arbeiten.«
»Tag und Nacht, Madame.«
»Und Sie haben ein solches Werk zu dem Zwecke unternommen, dasselbe zu verkaufen?«
«Ich habe es aus einem andern Grunde unternommen, Madame.«
»Ich begreift, daß Sie nicht im Stande waren, dieses Kleid zu verkaufen, Mademoiselle; denn dasselbe muss so viel kosten, als das Lösegeld eines Königs beträgt.«
»Ach ja, ich bin gezwungen, einen sehr hohen Preis dafür zu fordern, und darum habe ich auch, so dringend notwendig ich des Geldes bedarf, bis jetzt noch keinen Käufer dafür gefunden.«
»Und, welchen Preis verlangen Sie dafür?«fragte lächelnd der Prinz.
Das junge Mädchen schwieg einen Augenblick, als ob es sich fürchte, die verhängnisvollen Worte den Lippen entschlüpfen zu lassen, die so oft schon ihre Hoffnungen vernichtet hatten. Endlich sagte sie mit kaum vernehmbarer Stimme: »Dreitausend Frank.«
»Wie meinen Sie?«fragte Fernande.
«Dreitausend Frank,« wiederholte Cäcilie.
»Bei Gott!« sagte die Schauspielerin mit einer Bewegung der Augen und des Mundes, welche unmöglich beschrieben werden kann. »Bei Gott, das ist teuer, aber es hat diesen Wert.«
In dem nämlichen Augenblicke rief das junge Mädchen, indem es die Hände faltete und fast auf die Knie sank: »Madame, Sie werden, ich schwöre es Ihnen, eine heilige und edle Handlung begeben, wenn Sie es kaufen.«
»Mein Gott,« sagte Fernande, »ich würde dieses Kleid von Herzen gern kaufen, mein Kind, und ich gestehe Ihnen sogar, daß ich sehr große Lust dazu habe, aber Tausend Taler.«
»O, mein Gott, was sind denn tausend Taler für Sie!« sagte das junge Mädchen, indem sie umher blickte und sich einen Begriff von dem Glücke der Person, an welche sie diese Worte richtete, durch die Betrachtung des kostbaren Meublements des Boudoirs zu machen schien, welches wir beschrieben haben.
»Wie, was tausend Taler für mich sind!« rief die Künstlerin; »es sind, drei Monate meines Einkommens. Richten Sie Ihre Bitte an den Prinzen, mein Kind, und er wird dieses Kleid für irgend eine schöne Dame des Hofes kaufen.«
»In der Tat,« sagte der Prinz, »die Dame hat Recht; ich nehme dieses Kleid, mein Kind.«
»Sie, Sie, mein Herr! Sie, Prinz!« rief das junge Mädchen, »ist es wahr, daß Sie es nehmen, und um den Preis, den ich dafür fordere?'
»Ja,« antwortete der Prinz,« und wenn Ihnen eine größere Summe notwendig sein sollte. . . .«
«Nein, gnädiger Herr,« sagte das junge Mädchen. »Ich brauche dreitausend Frank; dreitausend Frank genügen mir. Übrigens ist auch dieses Kleid nicht mehr als dreitausend Frank wert.«
»Nun,« sagte der Prinz, »haben Sie die Güte, diesen Karton meinem Kammerdiener Jean zuzustellen, den Sie an der Türe mit meinem Kutscher plaudernd finden werden.
Sagen Sie ihm, daß er es in meinen Wagen legen soll, und geben Sie ihm Ihre Adresse, damit ich Ihnen heute noch diese Summe zustellen lassen kann, welche Sie so dringend notwendig zu haben scheinen.«
»O ja!« entgegnete das junge Mädchen, »und ich schwöre es Ihnen, daß nur eine so große Not mich zwingen konnte, mich von dem Kleide zu trennen.«
Indem das arme Kind diese Worte sprach, drückte es mehrmals seine Lippen mit einer Mischung von Freude und von Schmerz, welche das Herz zerriss, auf das Kleid, von welchem sie sich trennen musste. Dann grüßte sie noch einmal Fernande und den Prinzen, und schritt der Türe zu.
»Noch ein Wort!« sagte Fernande,« und verzeihen Sie es zwei Gefühlen, die ich empfinde, und, wie ich glaube, in gleichem Grade, nämlich der Neugierde, die Sie in mir erregt haben, und dem Antheile, den ich an Ihnen nehme. Für wen war dieses Kleid bestimmt?«
»Für mich/Madame.«
»Für Sie?«
»Ja; es war mein Hochzeitkleid.«
Und das junge Mädchen stürzte aus dem Zimmer, einen Seufzer erstickend.
Am folgenden Tage ließ sich der Prinz selbst nach der bezeichneten Adresse führen und fragte nach Cäcilien. Dieses junge Mädchen hatte ihn lebhaft interessiert, er hatte den Vorfall der Kaiserin erzählt, und die Kaiserin verlangte sie zu sehen.
»Mademoiselle Cäcilie?«sagte der Thürhüter.
»Ja, Mademoiselle Cäcilie, ein junges, blondes Mädchen, mit einem blauen Augenpaare, achtzehn bis neunzehn Jahre alt.
Wohnt sie nicht hier, Rue du coq Nro. 5.?«
»O, ich weiß, was der Herr sagen will,« entgegnete der Türhüter; »aber Mademoiselle Cäcilie ist nicht mehr hier. Ihre Großmutter ist vor drei Tagen gestorben und vorgestern wurde sie begraben; gestern war Mademoiselle Cäcilie den ganzen Tag ausgegangen, und diesen Morgen ist sie abgereist.«
»Von Paris?«
»Wahrscheinlich.«
»Nach welchem Lande?«
»Das weiß ich nicht.«
»Wie ist ihr Familienname?«
»Den haben wir nie gehört.«
Der Prinz konnte, obgleich er diese Frage fünf oder sechsmal immer unter einer andern Form wieder erhob, dennoch nicht mehr erfahren.
Acht Tage später trat Fernande in dem: »Philosophen, ohne es zu wissen,« mit einer so wunderbar gestickten Robe auf, daß das Gerücht sich verbreitete, es sei ein Geschenk, welches Sultan Selim der bezaubernden Roxelane gemacht habe.
Und nun wollen wir, da uns unsere Eigenschaft als Geschichtsschreiber das Vorrecht gibt, alle Geheimnisse zu kennen, erzählen, wer dieses geheimnisvolle junge Mädchen war, welches nur einen Augenblick den Prinzen und Fernanden erschienen, und das man in der Rue du coq Nro. 5. nur unter dem Namen Cäcilie kannte.
II.
Die Barriere Saint-Denis
Am 2. September 1796 zeigte sich eine kleine, mit Leinwand überspannte Carriole mit einer Seitenöffnung, mit Stroh belegt und durch einen Bauern geführt, welcher auf der Deichsel saß, um sechs und ein halb Uhr Morgens an der Barriere Saint-Denis; sie folgte einem Dutzend anderer Karren, welche alle das dringende Verlangen zeigten, die Hauptstadt zu verlassen, was zu jener Zeit eine nicht sehr leichte Sache war.
Jedes Fuhrwerk, welches sich zeigte, wurde einer strengen Durchsuchung unterworfen.Außer den Douaniers, deren Geschäft es war, die eingehenden Fuhrwerke einfach zu besichtigen, waren vier Municipalofficianten an der Barriere stationiert, um die Pässe zu visiren. Und ein Posten freiwilliger Nationalgardisten hielt sich bereit, sie zu unterstützen, wenn es die Umstände notwendig machen sollten.
Jeder Reisewagen, welcher dem kleinen Fuhrwerke vorfuhr, wurde angehalten, und bis in die geheimsten Fächer durchwühlt. Keiner derselben zeigte einen verdächtigen Inhalt; denn alle passierten ohne Anstand hinaus; so erreichte das kleine Fuhrwerk das Gitterthor und hielt vor dem Wachposten an. Der Bauer hob nun, ohne irgend eine Frage abzuwarten, die Leinwand, welche seinen Wagen schloß, in die Höhe, und reichte seinen Paß dar.
Dieser Paß, welcher von der Maire zu Abbeville ausgestellt war, ersuchte die Behörden, den Pächter Pierre Durand, seine Frau, Catharina Payot, und seine Mutter, Gervasia Arnould, welche alle Drei sich nach Paris begaben, ungehindert passieren zu lassen. Auf der andern Seite autorisiert die Municipalität von Paris die genannten Personen, nach dem Dorfe Nonbion, ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, zurück zu kehren.
Der Municipalofficiant streckte seinen Hals in den Wagen hinein; er umschloss eine Frau von fünf und vierzig bis fünfzig Jahren, eine andere von fünf und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren, und ein kleines vierjähriges Mädchen. Alle Drei waren in Normannische Bauerntracht gekleidet, und sie trugen, das Kind ausgenommen, die großen Hauben der Frauen aus dem Pays de Cux.
»Wer heißt Gervasia Arnould?«fragte der Municipalofficiant.
»Ich, mein Herr,« entgegnete die ältere der beiden Frauen.
»Wer heißt Katharina Payot?« fuhr der Fragende fort.
»Ich, Bürger,« antwortete die Jüngere.
»Warum steht dies kleine Mädchen nicht auf dem Passe?«
»Potztausend, mein Herr,« sagte der Bauer, indem er auf die an die beiden Frauen gerichtete Fragen antwortete. »Das ist ein großer Fehler von uns; meine Frau sagte wohl zu mir: Peter, wir müssen sie auch auf dem Papiere einzeichnen lassen; aber ich erwiderte ihr, lass das gehen, Katharina, bei einem Kinde, wie dieses ist, lohnt es sich nicht der Mühe.«
»Ist es Dem Kind?«fragte der Municipalofficiant.
Das Kind öffnete den Mund um zu antworten; aber seine Mutter legte ihm die Hand auf die Lippen.
»Zum Henker!« sagte der Bauer, »wem glauben Sie denn, daß es gehöre?«
»Es ist gut,« sagte der Officiant; »aber wie die Bürgerin gesagt hat, ist es von Wichtigkeit, daß des Kindes in dem Passe erwähnt wird; und dann,« fuhr er fort, »ist es ohne Zweifel ein Irrtum, wenn es darin heißt, daß Deine Mutter fünfundsechzig und Deine Frau fünfunddreißig Jahre alt sei, während doch keine von den beiden Bürgerinnen das Alter zu haben scheint, welches in dem Passe angegeben ist.«
»Ich habe dennoch wohl sechzig Jahre, mein Herr,« sagte die ältere der beiden Frauen.
»Und ich fünfunddreißig,« sagte die Jüngere.
»Und ich, mein Herr,« sagte das kleine Mädchen, »ich zähle vier Jahre, und kann gut lesen und schreiben.«
Die beiden Frauen schauderten zusammen und der Bauer fuhr fort.
»Das glaube ich, daß Du lesen und schreiben kannst, das hat mich, auch genug gekostet.
Sechs Franken monatlich in der Schule von Abbeville; dafür danke ich! Wenn Du für dieses Geld nicht lesen gelernt hättest, so würde ich mit Deiner Lehrerin einen Prozess angefangen haben; denn ich bin nicht umsonst Norman.«
»Genug,« sagte der Municipalofficiant; »Ihr steigt ab, und tretet so lange in mein Kabinett, bis man Euer Fuhrwerk visitiert und sich überzeugt hat, daß sonst Niemand darin ist, als Ihr.«
»Aber, mein Herr,« erwiderte die ältere der beiden Bäuerinnen.
»Meine Mutter,« sagte die jüngere, indem sie sie am Arme fasste.
»Vorwärts, vorwärts,« rief der Bauer; »thut doch, was der Bürger will, und wenn er sieht, daß wir keine Aristokraten in unserm Stroh verborgen haben, dann lässt er uns passieren. Nicht wahr, mein Herr.«
Die beiden Frauen gehorchten und gingen in die Wachstube, so wie die ältere den Fuß in dieselbe setzte, brachte sie ihr Taschentuch an die Nase. Glücklicher Weise wurde diese Bewegung von Niemand als ihrer Begleiterin bemerkt, welche ihr zwei oder drei Zeichen gab, daß sie die Äußerungen von Ekel nicht bemerken lassen solle, welche für eine Bäuerin nicht passen. Der Bauer blieb bei seinem Wagen.
Der Municipalofficiant öffnete die Türe seines Kabinetts, die beiden Frauen und das Kind traten ein, und dann schloss er die Türe hinter denselben.
Es trat ein augenblickliches Schweigen ein, und während desselben betrachtete der Officiant die beiden Frauen mit der größten Aufmerksamkeit; Beide wussten nicht, was sie von dieser stummen Befragung halten sollten, da brachte er plötzlich der älteren einen Armsessel, zeigte der Jüngern mit der Hand einen Stuhl und sagte: »Geben Sie sich die Mühe, sich niederzulassen, Frau Marquise! Nehmen Sie doch Platz, Frau Baronin! sagte er zu der jüngeren.
Die beiden Frauen wurden blass wie der Tod, und fielen mehr auf die ihnen dargebotenen Sitze, als sie sich niedersetzten.
»Aber, mein Herr, Sie täuschen sich,« sagte die ältere der beiden Frauen.
»Bürger, ich versichere Dich, daß Du im Irrtum bist,« rief die jüngere.
»Verstellen Sie sich vor mir nicht, meine Damen; übrigens haben' Sie nichts zu fürchten.«
»Aber wer sind Sie und woher kennen Sie uns?«»Ich bin der Exintendant der Frau Herzogin von Lorges, vormaligen Ehrendame der Frau Gräfin von Artois, welche Paris mit dem Prinzen verlassen hat, und mich hier zurückließ, um von ihrem Vermögen zu retten, was ich retten kann.
Ich habe Sie zwanzigmal bei meiner Gebieterin gesehen, und auf den ersten Blick wieder erkannt.«
»Unser Leben ist in Ihren Händen, mein Herr,« sagte diejenige der beiden Damen, welche der Officiant mit dem Titel Baroness bezeichnet hatte; »denn wir wollen nicht länger in Abrede stellen, daß wir die Personen sind, welche Sie bei der Frau Herzogin von Lorges gesehen haben, die eine unserer besten Freundinnen war. Aber Sie haben Mitleiden mit uns, nicht wahr?«
»Sie können ruhig sein, meine Damen,« antwortete der Exintendant, »und ich werde Alles, was in einer Macht steht, dazu beitragen, um Ihnen zu Ihrer Flucht behilflich zu sein.«
»O, mein Herr,« rief die Marquise, »glauben Sie, daß wir Ihnen ewig dankbar sein werden, und wenn wir Ihnen, durch unsere Empfehlungen zu irgend etwas. . . .«
»Ach, meine Mutter,« sagte die Baroness, »wozu sollen jetzt unsere Empfehlungen dem Herrn dienen höchstens um ihn bloß zu stellen. Weit entfernt, daß wir etwas für Andere tun können, bedürfen wir des Schutzes Anderer!«
»Ach, ja, Du hast Recht, meine Tochter,« antwortete die Marquise. »Ich vergesse immer wer wir sind, und was aus unserem armen Lande geworden ist.«
»Stille, meine Mutter,« sagte die junge Frau, »sprechen Sie doch um des Himmels willen solche Worte nicht.«
»O, Sie haben nichts zu fürchten, meine Damen,« sagte der Officiant, »das heißt, so lange Sie dergleichen Sachen bloß vor mir sprechen. . . . Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Frau Marquise, so ist es der, daß Sie so wenig als möglich sprechen,« fügte er lachend bei; »denn Sie haben einen aristokratischen Akzent, und der ist in gegenwärtiger Zeit ungangbar; und wenn Sie sprechen, so rate ich Ihnen ferner, das Du zu gebrauchen und die Leute Bürger anzureden.«
»Niemals, mein Herr, niemals,« schrie die Marquise.
»Wegen mir, meine Mutter, wegen meines armen Kindes!« sagte die Baroness, »es hat ja seinen Vater schon verloren. Was sollte aus ihm werden, wenn es auch uns beide verlieren würde?«
»Nun, es sei!« sagte die Marquise; »ich verspreche Ihnen, meine Tochter, zu tun, was möglich ist.«
»Und nun, meine Damen, wollen Sie Ihre Reise mit diesem Pass fortsetzen?«
»Was raten Sie, mein Herr?«fragte die Baroness.
»Statt Ihnen zu nützen, wird er Ihnen vielmehr höchst nachteilig werden können. Keine von Ihnen scheint das Alter zu haben, welche derselbe enthält, und wie ich Ihnen gesagt habe, Ihre Fräulein Tochter ist darin nicht aufgeführt.«
»Was sollen wir denn aber beginnen; wir haben keinen andern.«
»Aber wenn ich Ihnen einen verschaffen könnte!«
»O mein Herr,« rief die Baroness,« wenn Sie das für uns tun wollten!«
»Ohne Zweifel; allein Sie werden gezwungen sein, hier eine halbe Stunde, oder vielleicht noch länger zu warten.«
»O, so lange Sie wollen,« sagte die Baroness; »denn ich fühle, daß wir in Ihrer Nähe in Sicherheit sind.«
Der Municipalofficiant ging hinaus und kam nach einem Augenblicke wieder, indem er den Pass voll von Kot und halb zerrissen zurückbrachte.
»Bürger Greffier,« sagte er, indem er einem jungen Menschen rief, der gleich ihm eine dreifarbige Schärpe um hatte. »Habe die Gefälligkeit, für mich auf die Maire zu gehen, und einen Pass ausfertigen zu lassen. Du wirst diesen da zeigen und sagen, daß ich ihn unter das Rad eines Wagens habe fallen lassen. Füge hinzu, daß die Personen in meinem Kabinette sind, und daß ich das Signalement selbst hinein schreiben werde.«Der junge Mann nahm den Pass aus den Händen des Municipalbeamten und ging fort, ohne die geringste Bemerkung zu machen.
»Und nun, mein Herr,« sagte die Baroness, »dürfen wir wohl wissen, wie Sie sich nennen, damit wir Ihren Namen im Gedächtnisse behalten, für unseren Erretter zu Gott beten können.«
»Ach, Madame,« entgegnete der Officiant, »ich habe zum Glücke für Sie und für mich einen ziemlich unbekannten und selten genannten Namen. Ich war, wie ich Ihnen sagte, Intendant der Frau Herzogin von Lorges, die mich mit einer englischen Erzieherin verheiratet hat, welche sie zur Vollendung der Bildung ihrer Tochter hatte kommen lassen. Meine Frau hat sie, nebst meinem sechsjährigen Sohne bei der Auswanderung begleitet. Gegenwärtig sind sie in England, zu London, und wie ich vermute, begeben auch Sie sich nach London.«
»Ja, mein Herr,« antwortete die Baroness.
»Ich kann Ihnen die Adresse der Herzogin geben, welche sie übrigens immer bei Ihrer kgl. Hoheit der Frau Gräfin von Artois finden werden.«
»Und sie wohnt?«fragte die Baroness.
»Regents-Street No. 14.«
»Ich danke Ihnen, mein Herr; ich werde es nicht vergessen, und wenn Sie einige Aufträge an Ihre Frau haben. . .«
»Sie werden Ihr sagen, daß ich das Glück gehabt habe, Ihnen einen kleinen Dienst erweisen zu können, daß bis jetzt mein Patriotismus mich vor jeder misslichen Geschichte bewahrt hat, daß ich mich aber, da ich mich nicht für ganz sicher halte, zu ihr begeben werde, sobald es mir möglich geworden ist, unser kleines Vermögen zu retten.«
»O, mein Herr, seien Sie versichert, daß ich auch nicht ein einziges Wort von dem vergessen werde, was Sie mir gesagt haben. Bei allem dem aber haben Sie mir Ihren Namen nicht genannt.«
»Sie werden ihn auf dem Visa finden, welches ich unten an Ihren Paß setzen werde, und ich hoffe, daß er Sie da noch schützen wird, wenn ich nicht mehr da sein werde, um Sie in Schutz zu nehmen.«
In diesem Augenblicke kam der Greffier zurück und brachte den neuen Paß; er hatte den andern auf der Maire hinterlegen müssen.
»Setzen Sie sich, und schreiben Sie!« sagte der Municipalofficiant zu dem jungen Menschen.
Dieser gehorchte und füllte die gebräuchlichen Formulare aus; als er an den Namen der Personen gekommen war, erhob er den Kopf, damit man sie ihm diktiere.
»Wie heißt Dein Mann, Bürgerin?«fragte der Officiant.
»Er heißt Peter Durand und ist sechs und dreißig Jahre alt.«
»Gut, und Deine Mutter?«
»Gervasia Arnould und sie ist fünf und vierzig Jahre alt.«
»Und Du?«
»Catharina Peyot, fünf und zwanzig Jahre.«
»Und Dein Kind?«
»Cäcilie.«
»Wie alt?«
»Vier Jahre.«
»Gut,« sagte der Officiant, »nun wie viel hast Du ausgelegt, Joseph?«
»Vierzig Sou,« erwiderte der Greffier.
Die Marquise zog einen Doppellouisd'or aus ihrer Tasche.
»Meine Mutter, meine Mutter,« flüsterte die Baroness ihr zu, indem sie sie bei der Hand fasste; dann zahlte sie, indem sie nach und nach ein Dreißigsoustück und zehn Soustücke aus der Tasche hervorbrachte, gab diese dem Greffier, welcher grüßte und wegging.
Inzwischen setzte der Officiant sein Visa auf den Paß und als dieses geschehen war, reichte er das kostbare Papier der Baronesse dar, indem er sagte:
»Nun,. Madame, können Sie Ihre Reise fortsetzen, und ich hoffe, daß sie ohne widrigen Zufall vollendet werden wird.«
»Mein Herr,« entgegnete die Baroness, »der Dienst, den Sie uns erzeigt haben, läßt sich nicht anders als mit einer ewigen Dankbarkeit erwidern, und er wird aus meiner Mutter, und meinem Herzen, in das meines Mädchens übergehen, wenn diese einmal begreifen wird, was Dankbarkeit ist.«
Die Marquise machte dem Municipalofficianten eine würdevolle Verneigung, und die kleine Cäcilie warf ihm einen Kuß zu.
Dann stiegen alle drei wieder in die Carriole. Peter Durand nahm seinen Platz auf der Deichsel wieder ein, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die beiden Frauen und das Kind auf dem Wagen gut sitzen, gab er dem Pferde einen Hieb mit der Peitsche, welches sich dann in einen kurzen Trab versetzte.
»Apropos, meine Tochter/ sagte nach einer Weile die Marquisin. »Wie nennt sich dieser brave Mann?«
»Ludwig Duval,« sagte die Baroness, deren erste Sorge es gewesen war, den Namen ihres Retters unten auf dem Passe aufzusuchen.
»Ludwig,« entgegnete die Marquise,« es scheint doch, daß diese Leute vom Volke nicht alle Jakobiner und Mörder sind,«
Bei diesen Worten rollten zwei große Tränen über die Wangen der Baroness herab.
Die kleine Cäcilie trocknete sie mit zwei Küssen ab.
III.
Man hat gesehen, daß Königinnen weinten, wie die einfachsten Frauen
Nun einige Worte über diese beiden Frauen und über dieses Kind, welche, Dank dem würdigen Officianten, wie wir gesehen haben, einer sehr großen Gefahr entgingen.
Die ältere dieser beiden Damen nannte sich die Marquise de la Roche-Bertaud, sie war eine geborene de Chemille, und also sowohl von Geburt, als nach ihrer Vermählung, eine der großen Damen des Königreichs.
Die jüngere, ihre Tochter, war die Baroness von Marsilly.
Das Kind, wie wir schon gesagt haben, die Enkelin der ersteren, hieß Cäcilie; sie ist die Heldin dieser Geschichte.
Ihr Vater, Baron Marsilly, mit der jüngeren der beiden Damen verheiratet, war acht Jahre lang Offizier in der Garde gewesen.
Die Baroness Marsilly war seit fünf Jahren Palastdame der Königin.
Alle Beide waren ihrem Fürsten getreu geblieben; Baron Marsilly hätte in den Jahren 91 und 92 sehr wohl in das Ausland flüchten können, wie es viele seiner Kameraden getan hatten, allein er hatte es für Pflicht gehalten, bei dem Könige zu bleiben, und, wenn er für ihn sterben sollte, in seiner Nähe zu sterben. Die Baroness war, ohne irgend eine Betrachtung anzustellen, bei ihrem Manne geblieben, den sie anbetete, und bei der Königin, die sie verehrte.
Als der König und die Königin versucht hatten, zu entfliehen, hatten sie den Baron Marsilly und seine Gemahlin ihrer Dienste entlassen, und beide hatten sich in ihr Hotel in der Rue de Verneuil No. 6 zurückgezogen. Hier bereiteten sie sich vor, Frankreich gleichfalls zu verlassen und sich mit ihren Souveräns wieder zu vereinigen, als sie erfuhren, daß Ihre Majestäten in Varennes angehalten worden seien und nach Paris zurückgebracht würden. Sie gingen nun, um ihre Stellen sogleich wieder in den Tuilerien einzunehmen, und die beiden ersten Personen, welche der König und die Königin, beim Aussteigen aus dem Wagen bereit fanden, ihnen ihre Huldigungen darzubringen, waren der Baron und' die Baroness Marsilly.
Es ist wohl zu bemerken, daß zu jener Epoche dir Verhältnisse sich schon so ernst gestaltet hatten, daß dieses Zeichen von Ergebenheit nicht unbemerkt vorüber ging. Der zwanzigste Juni bereitete den zehnten August, und der zehnte August den ein und zwanzigsten Jänner vor.
Paris bot einen eigenen Anblick dar; es schien, daß die Vorübergehenden nicht mehr zu ihren Geschäften sich begaben, sondern dahin, wohin die Leidenschaften sie riefen. Statt dieser gutmütigen Physiognomie, welche sich mit Possen beschäftigte, die den Charakter der Gaffer von Paris bildet, sah man nichts als Leute, welche damit beschäftigt schienen, sich dem Hasse hinzugeben, oder eine Rache zu verfolgen. Jeden Tag hörte man von irgend einem neuen Morde sprechen; bald war es ein unglücklicher Prokurator, den man unter dem Vorwand in der Rue de Roeuille totschlug, daß er ein Emissaire Laffayette's sei; bald war es ein alter Garde du Corps, welchen man in das Bassin der Tuilerien tauchte und ihm den Kopf unter das Wasser im Angesicht von hundert Spaziergängern hielt, welche diesem schrecklichen Schauspiele mit einem einfältigen Lachen zusahen; eines Tages war es ein widerspenstiger Priester, den man an die Laterne unter dem Hohngelächter des Volkes knüpfte; an einem andern Tage war es Duval d'Epramesnil, welchen man auf der Terrasse des Feuillants aufknüpfte, und alle diese Morde, diese Metzeleien wurden mit dem pompösen, und feierlichen Namen der Volksjustiz beschönigt. Wenn dergleichen Gerüchte mit dieser sonderbaren Entschuldigung in die Tuilerien gelangten, sah man sich bestürzt an und fragte sich, was denn diese neue Justiz sei, welche ungestraft an die Stelle der Justiz des Königs trete.
Das Alles kündigte irgend eine große Katastrophe an, als eines Tags, wie wenn sich des Himmels Vorhersagungen mit den Drohungen der Menschen vereinigen wollten, eines jener unheilvollen Gewitter losbrach, welche eine gewisse Harmonie zwischen der Ober- und der Unter-Welt ankündigen.
Es war der dritte August 1792; der ganze Tag war drückend schwül gewesen, eine gewisse Mattigkeit, ein unbestimmter Schrecken, eine düstere Entmutigung schien auf der Bevölkerung zu lasten; die beunruhigten Nachbarn hatten sich unter ihren Türen vereinigt, oder plauderten mit einander aus den Fenstern, zeigten sich erstaunt die schweren kupferfarbenen Wolken, 'welche reißend schnell über die engen Straßen, gleich ungeheuren Wogen hinflogen und dann im Westen sich wie zu einem ungeheuren Meere von Blut vereinigten. Nie hatte der Himmel diese Farbe gehabt, nie war die Sonne von der Erde mit einem so traurigen Lebewohl geschieden.
Bald erhob sich in den Lüften ein pfeifender und heißer Wind, der so seltsam und so unerwartet war, daß sich die Gruppen, ohne ein Wort zu wechseln, zerstreuten, und daß jeder nach Hause kehrte und die Fenster und Türen schloss. Nun brach das Gewitter los.
Man erinnere sich des Gewitters im Monat Juli, welches um einige Tage der Revolution 1830 voranging.
Nach Verlauf von einer oder zwei Stunden wollten indessen die Menschen mit den Elementen kämpfen. Bei dem Leuchten der Blitze, bei dem Rollen des Donners verbreitete sich jene wilde Horde, welche man die Marseiller nannte, nicht weil sie aus Marseille waren, sondern weil sie gleich den Stürmen von Mittag gekommen waren, in den Straßen. Ein lebendiges Gewitter hatte sich mit dem Gewitter des Himmels vereinigt, und Ströme von Menschen wechselten mit den Strömen des Feuers, welche die Luft durchzückten, ab. Endlich aber besiegte der Sturm Gottes diese Art von Aufruhr, diese heulenden Banden zerstreuten sich, und die verödeten Straßen blieben das Eigentum der Blitze und des Donners.
Während dieser schrecklichen Nacht schlief in den Tuilerien Niemand; mehr als einmal warfen der König und die Königin durch einen halb geöffneten Fensterladen ihre Blicke nach den Feuillants oder auf die Quai's; sie kannten ihr Volk, ihre Stadt nicht mehr, und kaum erkannten sie Gott wieder, indem sie ihn so grollen hörten und sich nicht erinnerten, ihn jemals beleidigt zu haben.
Erst um sieben Uhr Morgens legte sich das Gewitter.
Jetzt erst erfuhr man die betrübenden Einzelheiten.
Der Blitz hatte an mehr als fünfzig Orten eingeschlagen, achtzehn bis zwanzig Personen getötet. Das Kreuz auf der Ebene von Iffy, das Kreuz von Crosne, das Kreuz des Kirchhofs von Hay und das Kreuz der Charenton-Brücke waren zerschmettert worden. In derselben Nacht, unter dem Brüllen des Donners war es, daß Danton, Camille des Moulins, Barbarour und Panis den zehnten August dekretierten.
Am neunten hatte der Baron von Marsilly die Wache in den Tuilerien, und die Baroness verrichtete wie gewöhnlich ihren Dienst bei der Königin.
Um acht Uhr Morgens hörte man die Trommel in den verschiedenen Quartieren von Paris rühren. Mandar, der Oberbefehlshaber der Nationalgarde, rief die Bürgermiliz zur Verteidigung der Tuilerien, welche man seit gestern Abend von den Vorstädten bedroht wußte.
Dem Appell folgten kaum drei oder vier Bataillone. Das eine davon wurde in dem Hofe der Prinzen, das andere in dem Hofe der Schweizer und die übrigen in dem unteren Stockwerke des Schlosses aufgestellt. Der Hof der Prinzen führte zu dem Pavillon der Flora, das heißt zu dem Pavillon, welcher nach dem Quai geht. Der Hof der Schweizer führte zu dem Pavillon Marsan, das heißt zu dem Pavillon, welcher nach der Straße Rivoli führt.
Um Mittag wies Herr von Maillador den Schweizern die verschiedenen Posten an, welche sie zu besetzen hatten.
Um halb ein Uhr erhielt der Baron Marsilly den Befehl, den König 'in die Kapelle zu begleiten. Die ganze königliche Familie wollte die Messe hören, wie sonst die Ritter in der Stunde des Gefechtes kommunizierten; ohne noch etwas zu sehen, ahnte man, daß ein schreckliches Ereignis nahe.
Es lag etwas besonders Feierliches in dieser Messe, der vorletzten, welche Ludwig XVI. hörte.
Die letzte war die vom ein und zwanzigsten Jänner.
Der übrige Theil des Tages verging ziemlich ruhig; man beschäftigte sich im Schlosse mit einigen Verteidigungsanstalten. Der Baron wurde beauftragt, die Fußböden von der Gallerie des Louvres wegzunehmen, heut zu Tag die Gallerie des Museums genannt.
Um elf Uhr Abends trat Petion, der Maire von Paris, derselbe, der ein Jahr später flüchten mußte, und fast lebendig von den Wölfen in den Haiden von Saint-Emillon gefressen worden wäre, in das Zimmer des Königs, aus welchem er um Mitternacht wegging.
Sogleich erschien der König, öffnete die Thüre eines Zimmers, wo ein Posten war, und sagte, indem er Herrn von Marsilly in dem kommandierenden Offiziere erkannte:
»Ich verheiße Ihnen eine viel ruhigere Nacht, als wir geglaubt haben; der Herr Maire von Paris versichert mich, daß sich Alles beruhigt. Lassen Sie diese Nachricht dem Herrn von Maillador hinterbringen, was ihn indessen nicht verhindern soll, zu wachen.«
Der Baron verbeugte sich und ging hinaus, um die Befehle des Königs zu vollziehen; allein als er an den Posten der großen Treppe gelangte, hielt er inne, lauschte, und glaubte im ersten Augenblicke falsch gehört zu haben. Die Lärmglocke ertönte zugleich mit dem Generalmarsch und mit dem Rufe: »Auf eure Posten!« Dieses Geschrei ertönte von einem Ende der Tuilerien bis zum andern, und zu gleicher Zeit schloss man das große Gitterthor vor Carroussel.
Eine halbe Stunde später verbreitete sich das Gerücht, daß die Kanoniere der Nationalgarde, welche zur Verteidigung des Königs herbeigerufen und in dem Hofe waren, ihre Geschütze gegen das Schloss gewendet hatten.
Um zwei Uhr Morgens kündigte man dem Baron Marsilly an, daß der König ihn zu sprechen verlange.
Der Baron traf den König, die Königin, Madame Elisabeth und ihre Vertrautesten in dem Zimmer versammelt, welches vor dem Kabinett des Königs lag. Die Baroness stand mit noch zwei Ehrendamen in einer Fenstervertiefung.
Die Damen waren alle sehr bleich. Der Charakter der Physiognomien war, selbst in diesem außerordentlichen Zustand, auf dem Gesicht des Königs und der Königin der der Resignation.
Der König hatte sich nicht zu Bette gelegt. In dem Augenblicke, in welchem der Baron eintrat, lag er auf einem Kanapee. Seine Majestät erhob sich; sie trug ein violettes Kleid und hatte einen Degen an der Seite.
Ludwig XVI. trat vor den Baron hin, fasste ihn bei einem Knopf seines Kleides, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er mit seinen Vertrauten sprach, und führte ihn in eine Ecke.
»Nun, mein lieber Baron sagte er zu ihm, »es scheint, daß trotz dem, was mir Herr Petion gesagt hat, die Sache eine schlimme Wendung annehme. Sie versammeln sich, und mit Anbruch des Tages sollen sie, wie man versichert, gegen die Tuilerien marschieren. Was wollen sie? Ich weiß es nicht. . . Ohne Zweifel uns erwürgen. . . Glauben Sie die Tuilerien in einem Zustande, um sich verteidigen zu können?«
»Sire,« antwortete der Baron, »Sie verlangen die Wahrheit von mir, nicht wahr?«
»O ja, die Wahrheit, die volle Wahrheit. Wenn man sie mir immer gesagt hätte, so wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.«
»Wenn wir mit einiger Umsicht und einiger Beharrlichkeit angegriffen werden, so wird sich das Schloss nicht zwei Stunden lang halten.«
»Wie! Sie glauben, daß meine Verteidiger mich verlassen werden?« »Nein, Sire,« versetzte der Baron;«aber nach Verlauf von zwei Stunden werden sie alle tot sein.«
»Baron sprechen Sie nicht so laut, schonen Sie die Königin! Das ist also Ihre Meinung?«
»Ja, Sir.«
»Es ist auch die Mailladors, welchen ich so eben hatte kommen lassen.
Baron, nehmen Sie fünfzig Mann, welche Sie als die bravsten kennen, und übernehmen Sie den Posten der Porte de l'Horloge; er ist durch zwei Kanonen verteidigt. Ich will auf die bauen können, welche auf diesem Posten, dem bedeutendsten der Tuilerien, sind.«
»Ich danke, Euer Majestät, für das Vertrauen, mit welchem Sie mich beehren und ich werde mich dessen würdig zeigen,« antwortete der Baron und verbeugte sich, um sich zurückzuziehen.
»Sagen Sie einige Worte der Baronesse, ich erlaube es,« sagte der König, indem er ihn zurückhielt.
»Ich danke Ihnen, Sir, ich würde es nicht gewagt haben, um diese Gnade zu bitten, allein Euer Majestät wissen in dem Grunde des Herzens die Wünsche desselben zu lesen.«
»Weil ich Vater und Gatte bin, wie Sie, Baron,« antwortete der König, »und weil ich die Königin aus dem Grunde meines Herzens liebe.«
Dann fügte er mit leiser Stimme bei: »Arme Mary, Gott möge Dich schützen!«
Der Baron nahte sich seiner Frau:
»Luise,« sagte er, »man weiß nicht, was sich ereignen kann. Im Fall, daß die Tuilerien genommen werden sollten, flüchtest Du Dich in das Kabinett, welches hinter der Bibliothek von der Madame Elisabeth ist; wenn ich nicht gefallen sein sollte, so werde ich Dich dort wieder finden.«
»Aber wenn die Königin Paris verlässt?«
»Dann werden wir uns, da ich dem Könige folgen werde, nicht verlassen.«
Beide drückten sich die Hand.
»Umarmen Sie sie!« sagte der König, indem er sich gegen das Ohr des Barons neigte, und seine Hand auf seine Schulter legte; »wer weiß, ob die, die sich in diesem Augenblick verlassen, sich nur jemals wiedersehen werden.«
»Ich danke Ihnen, Sire, ich danke Ihnen,« sagte der Baron.
Und er drückte seine Frau an sein Herz.
Die Königin vergoss eine Träne.
Der Baron sah dieses Zeichen der Teilnahme und er ließ sich vor Marie-Antoinette auf ein Knie nieder.
Die Königin reichte ihm ihre Hand zum Küssen dar.
Der Baron stürzte aus dem Zimmer.
Der Soldat fühlte, daß er wie ein Kind weinen könnte.
IV.
Der Artillerist von Croix-Rouge
Nach dem Baron von Marsilly verließen der König, die Königin und Madame Elisabeth das Zimmer. Alle drei gingen, um ihren Verteidigern einen Besuch abzustatten. Bei jedem Posten blieb der König stehen, um den Personen, aus, welchen er bestand, einige ermutigende Worte zu sagen. Die Königin wollte ihn nachahmen, allein sie vermochte es nicht; so wie sie zu sprechen begann, erstickte Schluchzen ihre Stimme. In der Tat war auch der Anblick, welchen die Tuilerien darboten, wenig erhebend. Die Schweizer und die französischen Garden standen an ihren Posten, bereit für ihren König zu sterben, aber in den Reihen der Nationalgarde herrschte Streit. Die Bataillone von Petits-Peres, von der Butte des Moulins und von Filles Saint-Thomas waren treu geblieben und standen fest in dem Hofe der Schweizer und in dem Hofe der Prinzen; allein die Bataillone der Thermes de Julien und die Artilleristen von Croix-Rouge, von Finis tére und des Pantheons hatten schon ihre Kanonen gegen die Tuilerien gerichtet. Der König ging mit gebrochenem Herzen zurück. Die Königin und Madame Elisabeth hatten jede Hoffnung verloren; im Schloss schlief Niemand außer dem Dauphin.
Um sechs Uhr morgens hörte man ein großes Geräusch, es war die Avantgarde der Vorstädte, welche auf dem Carrouselplatz debouchirte. Zu derselben Zeit sah man den König, die Königin und den Dauphin die große Treppe hinabsteigen. Die Königin trug das erlauchte Kind in ihren Armen; alle drei begaben sich in die Versammlung.
Im Vorübergehen warf der König einen Blick auf den Baron Marsilly, welcher, den Degen in seiner Hand, an der Spitze seiner fünfzig Mann unter dem großen Tore stand. Zwei Kanonen zeigten an dem Thore ihren ehernen Schlund; die Kanoniere standen hinter ihnen mit brennenden Lunten.

Der Dauphin winkte mit der Hand seinen Verteidigern zu, und der Ruf: »es lebe der König,« ertönte einstimmig von dieser kleinen Truppe.
Aber es war nicht so, als sich der König der Terrasse des Feuillants, welche mit Menschen bedeckt war, nahte; hier empfingen ihn schreckliche Verwünschungen. Ein Sapeur überhäufte die Königin mit Beleidigungen und riß ihr den Dauphin aus den Armen.
Von diesem Menschen getragen, kam das königliche Kind in die Versammlung.
Zu demselben Augenblicke ertönten die ersten Kanonenschüsse.
Bei diesem Lärm erinnerte sich die Baroness an das, was ihr ihr Mann gesagt hatte, und sie flüchtete sich in das ihr bezeichnete Kabinett. Drei oder vier Frauen der Königin folgten ihr dahin.
Mit jedem Augenblicke verdoppelte sich der Donner der Kanonen, und in den Zwischenräumen hörte man das Knattern des Gewehrfeuers. Bei jeder Salve erzitterte das Schloss von oben bis unten. Die zerschmetterten Fliesen fielen in die Zimmer, die Kugeln schlugen in das Getäfel. Bald vernahm man ein Geschrei. Dieses Geschrei nahte sich, es war das der Schweizer und der Nationalgardisten, welche man auf den Treppen niedermetzelte. Sie hatten aus der Versammlung eine Depesche des Königs erhalten, welche ihnen befahl, das Feuer einzustellen und zu kapitulieren. Zum Kapitulieren war es zu spät, das Schloss war mit Sturm genommen.
Die Schritte der Fliehenden widerhallten in den Zimmern, und der Kampf, welcher bis jetzt auf den Treppen statt gehabt hatte, erneuerte sich von Zimmer zu Zimmer. Die Baroness legte das Ohr an die Thüre des Kabinetts, sie hörte den Lärmen sich nahen, und in jedem Schrei, den sie vernahm, glaubte sie den letztem Ruf ihres Mannes zu hören. Plötzlich gab die Türe, durch einen heftigen Stoß gesprengt, nach. Drei Nationalgarden von der Butte des Moulins stürzten in das Kabinett und flehten um Hilfe. Sie fanden die Baroness und ihre Begleiterin ganz außer sich. Die Baroness fragte um Nachrichten von ihrem Manne, vergaß sich selbst und dachte nur an ihn; allein keiner von ihnen kannte ihn, und sie konnte daher nichts vernehmen.
Bei dem Anblicke dieser Männer, deren Kleider zerfetzt und mit Blut bedeckt waren, bemächtigte sich das Entsetzen der armen Frauen. Das Kabinett hatte eine Türe, welche in einen Korridor führte, und aus diesem gelangte man mittelst einer geheimen Treppe in die unteren Gemächer. Eine der Frauen schlug diesen Weg der Rettung vor, und er wurde um so mehr angenommen, als man die Flintenschüsse und den Schmerzruf der Sterbenden bereits aus dem Zimmer vernahm, welches vor der Bibliothek lag. Männer und Frauen stürzten sich durcheinander in den Korridor, dann auf die Treppe, welche man hinabeilte. Die Baroness allein war in dem Augenblicke, in welchen sie ihnen folgen wollte, bei dem ersten Schritte stehen geblieben. Ihr Mann hatte ihr geheißen, hier auf ihn zu warten, und diese Worte waren ihr in Mitte dieses Entsetzens in das Gedächtnis zurückgekehrt, hatten sie auf ihren Platz gefesselt.
Einen Augenblick lang glaubte sie ihre Gefährtinnen gerettet. Auf das Geländer gelehnt, folgte sie ihnen mit den Augen und mit den Ohren auf dem Korridor und auf der Treppe. Das Geräusch ihrer Tritte verhallte, allein bald hörte man drei oder vier Flintenschüsse, dann ein Geschrei, und nun folgte ein Lärm, den fünf oder sechs fliehende Personen verursachten; es waren die Gefährtinnen der Baroness und die Nationalgardisten, welche am Ende des Korridors auf eine Bande Marseiller gestoßen waren, sich nun flüchteten, und zurückkehrten, um ein Asyl in dem Kabinette zu suchen, in welchem die Baroness noch immer wartete.
Auf der Treppe stürzte einer der Nationalgardisten; er hatte bei der letzten Decharge eine Kugel in den Leib erhalten, und die Frauen waren gezwungen, über seinen Leichnam hinweg zu steigen.
Nun nahte sich der Mord von zwei Seiten.
Es war nicht mehr möglich, in dem Kabinette zu bleiben, man hörte die Marseiller bereits im Korridor toben.
Es war auch keine Hoffnung, durch die Bibliothek zu entfliehen, denn dort erwürgte man sich.
Die Frauen fielen auf die Knie nieder und die Männer bemächtigten sich der Stühle, um wenigstens nicht zu sterben, ohne sich zu verteidigen.
In diesem Augenblick schwang sich durch ein rundes Fenster, welches zu einem abgelegenen kleinen Zimmer gehörte, ein Mann in der Uniform der Kanoniere von Croix-Rouge herum und fiel zwischen den Frauen nieder. Diese stießen einen Schrei des Entsetzens aus und die Nationalgarden schickten sich an, ihm den Kopf mit ihren Stühlen zu zerschmettern, als plötzlich die Baroness einen Schrei ausstieß und ihre beiden Hände nach diesem Manne ausstreckte; es war der Baron.
In einem Augenblicke erkannten ihn die Frauen, und die beiden Nationalgardisten wußten, daß sie es mit einem Freunde zu tun hatten.
Mit wenigen Worten setzte sie der Baron von dem Vorgefallenen in Kenntnis; von seinem Posten vertrieben, von Zimmer zu Zimmer verfolgt, fand er an der Türe des anstoßenden Kabinetts den Leichnam eines Artilleristen von Croix-Rouge; er schleppte denselben in das Kabinett, zog seine Kleider an und durch das kleine Fenster, welches, wie er wußte, in Verbindung mit der Bibliothek stand, hatte er sich mit seiner Frau wieder vereinigt.
Kaum hatte er diese Erklärung gegeben, als die Marseiller, welche die Flüchtlinge aus dem Gesicht verloren hatten, aber den Blutspuren gefolgt waren, die Treppe heraufstürzten.
Der Baron ergriff einen schnellen, raschen und angemessenen Entschluss, und eilte ihnen entgegen.
»Hierher Kameraden!« rief er. »Hierher!«
»Kanonier von Croix-Rouge?«riefen die Marseiller.
»Ja, Kameraden, wir waren gefangen gehalten. Diese beiden braven Nationalgardisten und ich sollten erdrosselt werden, da verbargen uns diese Frauen in diesem Kabinette hier. Das Leben für sie; denn sie haben uns das Leben gerettet!«
»Wohl an, wenn sie rufen: »es lebe die Nation!«
Die armen Frauen riefen Alles, was sie wollten.
Dann zerstreuten sich die Marseiller in die Zimmer, indem sie die beiden Nationalgardisten mit sich führten.
»Und diese armen Frauen, die uns gerettet haben,« rief der Baron, »wollt Ihr Andern überlassen, die sie vielleicht erwürgen werden, indem sie nicht wissen, welche Dienste sie uns geleistet haben?«
»Nein,« antworteten die Marseiller, indem sie umkehrten; »aber was willst Du, daß wir mit ihnen machen sollen?«
»Ich verlange, daß man sie nach Hause bringe, und daß ihre Aufopferung belohnt werde.«
»Dann sollen sie unsern Arm nehmen und uns sagen, wo sie wohnen.«
»Wo wohnst Du, Bürgerin?.«fragte der Baron seine Frau.
»Straße Verneuil No. 6,« erwiderte Frau von Marsilly.«
»Kamerad!« sagte der Baron zu jenem der Marseiller, der ihm das gutmütigste Gesicht zu haben schien.
»Ich empfehle Dir diese da. Sie hat am meisten für mich Sorge getragen, und sie wohnt da in der Nähe, Du hast nur über die Seine zu gehen.«
»Sei ruhig,« sagte der Marseiller,« sie wird sicher nach Hause gelangen; ich stehe Dir gut dafür!«
»Aber Du, Bürger,« schrie die arme Frau, indem sie sich an den Arm ihres Mannes anklammerte, »was willst Du beginnen?«
»Ich?«sagte der Baron, indem er die Sprache und die Haltung annahm, die mit seiner jetzigen Kleidung übereinstimmte, »ich will ein wenig sehen, was aus dem König geworden ist.«
Die Baroness stieß einen Seufzer aus, ließ den Arm ihres Mannes los und entfernte sich am Arme ihres Beschützers.
Der Baron stieg durch das kleine Fenster in das benachbarte Kabinett, zog seine Uniform wieder an, die er nur auf einen Augenblick und in der Hoffnung abgelegt hatte, daß er mittelst dieser Verkleidung seine Frau retten könne.
Die Baroness erwartete vergebens ihren Mann den ganzen Tag hindurch am 10. und 11.
Am 11. Abends erkannte ein Portier, als man die Leichnam vom Hofe der Schweizer wegnahm und er half, sie auf den Karren werfen, den Baron, ließ den Leichnam in seine Loge tragen, und setzte die Frau von Marsilly, welche wohlbehalten nach Hause gekommen war, davon in Kenntnis, daß ihr Mann unter den Toten wieder erkannt worden sei.
V.
Die Marquise de la Roche-Bertaud
Der Schmerz der Baroness war ungeheuer; aber da sie eine zugleich einfache und starke Seele war, so gewährte es ihr einen großen Trost, daß ihr Mann starb, indem er seine Pflicht erfüllte.
Es blieb ihr genug übrig, um mit ihrer Mutter und ihrem Kinde leben zu können.
Mit der Marquise in Paris bleiben, hieß sich tausend Gefahren aussetzen. Die Marquise war einer jener Charaktere, die keiner Verstellung fähig sind, weder durch die Kraft ihrer Seele, noch in Folge politischer Überzeugung, sondern bloß darum, weil es ihr, in einem gewissen Kreise geboren und nach einer gewissen Art erzogen, unmöglich war, auch nur einen Augenblick lang ihre Geburt, ihre Meinung, ihren Hass, oder ihre Sympathien zu verbergen. Überdies wurden die Zeiten in jedem Augenblicke stürmischer; der König und die Königin waren im Tempel; die einzelnen Niedermetzlungen währten in den Straßen fort und erwarteten das große Blutbad, welches sich schon heimlich vorbereitete. Herr Guillotin kam endlich, um der legislativen Versammlung das philanthropische Werkzeug vorzulegen, welches er die Güte hatte zu erfinden; wie man sieht, war es Zeit, Frankreich zu verlassen.
Aber Frankreich zu verlassen war keine so leichte Sache. Die strengsten Strafen erwarteten die, welche auszuwandern suchten, und es täuschte nicht, indem man eine Gefahr floh, fiel man in eine andere, weit größere.
Die Marquise wollte Alles leiten; sie sprach von der Berline, von Postpferden, von Pässen, welche sie durch die Protektion fremder Gesandten erlangen wollte, die, wie sie sagte, im Namen ihres Souveräns alle diese Halunken da zwingen würden, sie, ihre Tochter und ihre Enkelin hinauszulassen. Die Baroness bat sie, ihr diese Angelegenheit zu überlassen, und nach vielen Bitten erlangte sie endlich von ihrer Mutter, daß sie sich in diese Sache nicht mehr mischen wolle.
Sie war es also, die Alles leitete.
Der Baron besaß ein Landgut, welches zwischen Abbeville und Montreuil lag.
Dieses Landgut hatte ein Pächter inne, dessen Voreltern seit zweihundert Jahren die Pächter der Ahnen des Herrn von Marsilly gewesen waren. Die Baroness glaubte mit vollem Rechte, auf diesen braven Mann rechnen zu können. Sie schickte ihm einen alten Bedienten, der den Baron aufgezogen hatte und seit vierzig Jahren in der Familie diente; dieser alte Diener bekam aus Furcht vor Durchsuchungen keine schriftliche Instruktion, wohl aber eine mündliche von Seite der Baroness, und er wußte Alles, was er zu sagen hatte.
Die Familie des Pächters bestand gerade aus einer Mutter und einer Frau. Es wurde die Übereinkunft getroffen, daß er nach Paris kommen solle und daß die Marquise und die Baroness mittelst der Kleider und der Pässe dieser beiden Bäuerinnen die Hauptstadt verlassen sollten. Während dieser Zeit traf die Baroness Marsilly alle Anstalten zur Abreise.
Es gab zu jener Zeit, wo Alles baare Geld in Assignaten verwandelt worden war, sehr wenig gemünztes Geld, indessen gelang es der Baroness, zwanzigtausend Franken zusammenzubringen, welche mit achtzig oder hunderttausend Franken, der Marquise gehörend, den Emigranten zur Bestreitung der notwendigsten Bedürfnisse hinreichten. Überdies glaubte jedermann, daß dieser Stand der Dinge nicht lange dauern könne und selbst nach der Ansicht der das Schlimmste Voraussehenden, mußte die Sache vor drei oder vier Jahren beendigt sein.
Die beiden armen Damen beschäftigten sich also mit den Vorbereitungen zur Abreise.
Diese waren von Seite der Baroness nicht von langer Dauer, und mit jener verständigen Einfachheit ausgeführt, welche die Grundlage ihres Charakters bildete; dasselbe war aber nicht von Seiten der Marquise der Fall. Als ihre Tochter ihr Zimmer betrat, fand sie sie unter einer Menge von Kisten, Koffern und andern Packen, welche hingereicht haben würden, drei Wagen voll zu füllen. Sie wollte keines ihrer Kleider zurücklassen, und sogar ihr Tischzeug mit fortnehmen.
»Meine Mutter,« sagte die Baroness, indem sie traurig den Kopf schüttelte,« Sie machen sich viel unnötige Mühe. Um keinen Verdacht zu erregen, können wir wenig mehr mitnehmen, als das Kleid, welches wir auf uns haben. Und was die Linnen betrifft, so würde ein einziges Ihrer gestickten, oder mit Spitzen besetzten Taschentücher hinreichen, uns zu erkennen und zu verhaften.«
»Aber immerhin, meine Liebe,« sagte die Marquisin, »wir können doch nicht ungekleidet fortgehen?«
»Ja, meine Mutter, Sie haben recht,« antwortete die Baroness mit ihrer unversiegbaren Sanftheit; »allein wir werden nicht anders als unter der Bedingung weggehen, in ganz einfache Kleider gehüllt zu sein, die im Einklange mit unserm Stande stehen. Vergessen Sie nicht,« fügte sie bei, indem sie zu lachen versuchte, »daß wir Bäuerinnen sind, Mutter und Frau eines Bauern. Vergessen Sie nicht, daß Sie sich Gervasia Arnould nennen, und daß ich Katharina Payot heiße.«
»O welche Zeit, mein Gott, welche Zeit!« murmelte 'die Marquise. »Wenn doch nur Se. Majestät von dem ersten Augenblicke an diesen Missbrauch unterdrückt, Herrn Necker hätte aufhängen, und Herr von Laffayette hätte erschießen lassen, so würden wir nicht dahin gelangt sein, wo wir jetzt sind.«
»Denken Sie an die, die noch viel unglücklicher als wir sind, und eine Vergleichung mit diesen wird Ihnen Geduld geben. Denken Sie an den König und die Königin, welche im Tempel gefangen sind; denken Sie an den armen kleinen Dauphin, und haben Sie Mitleid, wenn auch nicht mit mir, doch wenigstens mit Cäcilien, welche eine Waise wäre, wenn sie uns verlieren würde.«
Dies waren zu gewichtige Gründe, als daß sich nicht die Marquise in dieselben gefügt hätte; sie fügte sich seufzend. Die Marquise war im Luxus geboren; sie war gewohnt, darin zu leben, sie rechnete darauf, darin zu sterben, und die überflüssigsten Dinge waren ihr zum absoluten Bedürfnisse geworden.
Aber es war noch viel schlimmer, als die Baroness ihr ihren Antheil Linnen zustellte, welche sie zusammengemacht hatte, und der, obwohl er nicht aus ganz grober Leinwand bestand, dennoch sehr rauh gegen die ungarische Leinwand und den Batist war, deren sie sich gewöhnlich bediente; die Hemden besonders brachten sie außer sich, und sie erklärte, daß sie niemals solche Leinwand anlegen würde, die bloß für Bauern tauge.
»Ach meine Mutter!« antwortete die Baroness traurig, »wir werden sehr glücklich sein, wenn wir acht Tage lang den Glauben erregen können, daß wir der Klasse angehören, die Sie so sehr verachten, und die heut zu Tage allmächtig ist.«
»Das wird aber nicht lange dauern,« rief die Marquise,« ich hoffe sehr, daß es nicht lange dauern 'wird.«
»Ich hoffe es auch, meine Mutter; aber da es nun einmal so ist, so werde ich, wenn Sie wollen, indem wir den Tag unserer Abreise erwarten, Ihre Leinwand tragen, um ihr wenigstens das erste Rauhe zu benehmen.«
Dieser Vorschlag der Baroness rührte die Marquise, deren Herz vortrefflich war, aufs Tiefste, sie willigte in Alles^ und zu den zahlreichen Opfern, welche sie schon gebracht hatte, fügte sie das letzte hinzu, welches, wie sie sagte, für sie das peinlichste unter allen war.
Während dieser Unterhandlungen kam der Pächter, seine Mutter und seine Frau; die Baroness empfing sie als Leute, welche kamen, ihnen das Leben zu retten; die Marquise aber als Leute, welchen sie wohl die Ehre erzeigen wollte, daß sie sich ihr weihen.
Nebst den Kleidern, die sie bei sich hatten, brachten sie ihre schönsten, ihre Sonntagskleider mit. Diese waren für die Baroness und für die Marquise bestimmt.
Glücklicherweise war ihr Wuchs beinahe derselbe. Am Abende ihrer Ankunft verrammelte man die Türen, schloss die Läden, und legte die Kleider an. Die Baroness schickte sich bewundernswürdig in die Unbequemlichkeit dieser neuen Kleidung, aber die Marquise brach in Klagen aus. Die Haube wollte auf ihrem Kopfe nicht halten, die Holzschuhe thaten ihr an den Füßen wehe, die Taschen waren nicht an dem rechten Orte.
Die Baroness gab ihr den Rat, diese Kleider bis zum Augenblick ihrer Abreise anzubehalten, um sich daran zu gewöhnen; aber die Marquise antwortete, daß sie lieber sterben, als diese Fetzen eine Stunde früher anziehen wolle, als es unumgänglich notwendig sei.
Die Abreise wurde auf den zweiten Tag festgesetzt. Während dieser Zeit fertigte Katharina Payot der kleinen Cäcilie einen vollständigen Anzug; das Kind war reizend in diesem Anzug und von demselben bezaubert; Veränderung ist das Glück der Kindheit.
Am Abend vor der Abreise beschäftigte sich Peter Durand damit, seinen Paß visieren zu lassen. Die Sache war weniger schwierig, als man erwartet hatte; er war mit seiner Mutter, seiner Frau, seinem Wagen und seinem Pferde hereingekommen, und fünf Tage später ging er mit seiner Mutter, seiner Frau, seinem Wagen und seinem Pferde wieder hinaus. Dagegen ließ sich nichts sagen. Man hatte wohl daran gedacht, das Kind den eingeschriebenen Personen beisetzen zu lassen, allein man fürchtete, daß dieser Beisatz Verdacht bei der Munizipalität erregen könne, und nach reifer Überlegung wurde beschlossen, nichts von dem Kinde zu sagen.
Am folgenden Morgen um fünf Uhr stand der kleine Wagen angespannt in dem Hofe des Hotels. Die Marquise, welche gewohnt war, sich um zwei Uhr zu Bett zu legen und um Mittag aufzustehen, hatte vorgezogen, gar nicht zu schlafen; die Baroness hatte die Nacht dazu verwendet, das Gold in ihr Korsett und die Diamanten in die Falten des Kleides der kleinen Cäcilie zu nähen.
Um fünf Uhr trat die Baroness in das Zimmer ihrer Mutter, und fand sie bereit; aber obgleich sie ganz als Bäuerin gekleidet war, so hatte sie doch die Diamanten an ihren Ohrenringen und einen prachtvollen Smaragd an ihrem Finger; man hätte glauben sollen, daß sie im Sinne hatte, auf einen Maskenball zu gehen, und daß sie diese Vorkehrung getroffen habe, damit man ihre Verkleidung sogleich erkenne.
Nach einer kurzen Erörterung brachte es die Baroness dahin, daß sie ihre Ohrenringe heraus und den Ring herunter nahm, was sie jedoch nur unter tiefen Seufzern that.
Der wahrhafte Streit entstand aber erst da, als es sich darum handelte, in den Wagen zu steigen. Die Marquise hatte das Fuhrwerk, welches bestimmt war, sie aus Frankreich zu bringen, noch nicht gesehen, und sie hatte sich einen Begriff von so etwas, wie von einem Reisewagen, oder wenigstens von einem Fiaker, gemacht. Beim Anblick des Wagens blieb sie wie vernichtet stehen; allein wie bedeutungsvolle Umstände bedeutende Entschlüsse herbei führen, so machte die Marquise eine letzte heftige Anstrengung und stieg in die Carriole.
Die Baroness weinte still, indem sie ihr Hotel verließ, wo sie so glücklich gewesen war, ihre Leute, die ihr so treu gedient hatten, und die Bäuerinnen, die ihr einen so großen Beweis ihrer Ergebenheit geliefert hatten. Die kleine Cäcilie tat nichts, als daß sie wiederholte:
»Aber wo ist denn der Papa, warum reist er denn nicht mit uns?«
Alles ging gut bis an die Barriere Saint-Denis; dort aber fand die Szene Statt, welche wir erzählt haben, und die, statt schlimm auszufallen, wie man es hätte glauben sollen, einen so glücklichen Ausgang für die arme Emigrantenfamilie hatte.
In der That machte man, wie es der gute Officiant vorausgesehen hatte, Dank dem neuen Passe, der geregelter war, als der frühere, den Reisenden wenig Schwierigkeiten. Überdies hielten sie zur größeren Sicherheit bloß an kleinen Dorfwirtshäusern an, wie dieses Leuten von ihrer scheinbaren Beschaffenheit zukommt. Das Pferd war gut und machte täglich seine zwölf Stunden, so daß am Abende des sechsten Tages die Flüchtlinge in Boulogne waren.
Als sie durch Abbeville kamen, hatte Peter Durand seinen Paß zur Fortsetzung der Reise visieren lassen.
Wir übergehen mit Stillschweigen die Klagen der Marquise, wenn sie in den Betten der Wirtshäuser schlafen und ein Talglicht brennen mußten.
Die Baroness ertrug alle aristokratischen Launen derselben mit engelsgleicher Milde.
Die kleine Cäcilie war entzückt; sie sah Bäume, Blumen und Felder. Die Kinder sind wie die Vögel, sie verlangen nicht mehr, als dieses.
Nachts langten sie zu Boulogne an, und stiegen im Hotel de France, Rue de Paris, ab.
Madame Ambron war Inhaberin desselben, Royalistin aus dem Grund ihrer Seele, und die Baroness hatte sich an sie wie an eine Frau gewendet, auf die man sich verlassen kann. In der Tat hatte sich die Baroness ihr kaum entdeckt, als die Wirtin für Alles gut stand und ihr versprach, daß sie in der Nacht des folgenden Tages, wenn der Wind gut sein würde, nach England abreisen könne.
Sie gab indessen den Reisenden geringe Zimmer, wie sie für Bäuerinnen sich schickten; aber von einer so bewunderungswürdigen Reinlichkeit, daß die Marquise sogar auf Augenblicke ihr Seufzen einstellte, welches seit ihrer Abreise aus dem Hotel nicht aufgehört hatte.
Am folgenden Morgen schloss wirklich Madame Ambron, welche mit allen Seeleuten der Küste in Verbindung stand, einen Vertrag mit dem Eigentümer einer kleinen Slupe, welcher sich verbindlich machte, um die Summe von hundert Louisd'or die drei Flüchtlinge nach Dover zu bringen.
Den ganzen Tag hindurch waren die Augen der Baroness auf eine Wetterfahne gerichtet, auf welche sie von ihren Fenstern aus sehen konnte. Der Wind war contrair und wehte seit fünf oder sechs Tagen beständig aus derselben Richtung. Aber wie wenn Gott, der die arme Familie durch den Tod ihres Hauptes genügsam geprüft glaubte, ihr endlich seine Barmherzigkeit zuwende, drehte sich gegen Abend die Wetterfahne, und die Wirtin trat freudig zu ihnen herein, um der Baroness zu sagen, daß sie sich vor dem Schließen der Barrieren zur Abreise bereit halten solle.
Um fünf Uhr bestiegen die Baroness, die Marquise und die kleine Cäcilie das Fuhrwerk wieder, und Peter Durand setzte sich auf die Deichsel. Vermöge der neuen Visa, und als wenn sie nach Montreuil zurück kehren wollten, gelangten sie ohne Schwierigkeit hinaus. Aber eine halbe Stunde vor der Stadt wurde ein Feldweg eingeschlagen, der nach einem der Madame Ambron gehörigen Landhaus führte, welches nur eine Viertelstunde von der See lag. Gewöhnlich wurden in diesem Hause die Reisenden, die nach England überzuschiffen wünschten, aufgenommen.
Madame Ambron hatte sich jetzt selbst dahin begeben, und die würdige Frau empfing die Baroness, ihre Mutter und ihr Kind bei ihrer Ankunft. Es war zehn Uhr Nachts; man wartete bis Mitternacht.
Um Mitternacht wurde an der Türe gepocht, es war der Eigentümer der Slupe selbst. Der getroffenen Übereinkunft gemäß zahlte ihm die Baroness fünfzig Louisd'or voraus; die übrigen fünfzig sollten gezahlt werden, so wie man den Fuß an die Küste Englands setzte.
Die beiden Frauen hüllten sich in ihre Pelze, Madame Ambron unterstützte die Marquise, welche diese halbe Stunde, zu Fuß und mitten in der Nacht zurück gelegt, in eine tödliche Angst versetzte; Peter Durand nahm die kleine Cäcilie auf seinen Arm und trug sie.
Je weiter man vorwärts ging, um so mehr hörte man das Meer, welches sich an der Küste mit dem langen und traurigen Murmeln brach, welches dem Atmen des Ozeans gleicht. Die Marquise schauderte bei dem Gedanken, sich auf einer kleinen Schaluppe einzuschiffen, und sprach davon, sich in der Provinz verbergen zu wollen.
Von Zeit zu Zeit betrachtete die Baroness die kleine Cäcilie. welche auf den Armen des Pächters eingeschlafen war, und trocknete, ohne ein Wort zu sagen, eine Träne.
Man gelangte an die Brandung der Küste; es mußte hinab gestiegen werden. Man sah Nichts, als eine Art mit der Spitzhaue zugehauene Mauer; die Marquise erhob ein großes Geschrei.
Ein schmaler Weg, zwei Fuß breit, führte an dieser Mauer hin; die Baroness nahm ihr Kind von den Armen Durands und stieg zuerst hinab, Madame Ambron folgte ihr, indem sie sich an der Hand des Pächters hielt. Die Marquise, von dem Schiffer unterstützt, schloß den Zug.
Man kam auf den Strandstein.
Die Baroness erschrak einen Augenblick. So weit als man sehen konnte, war kein Mensch und keine Barke sichtbar; allein der Schiffer pfiff und man sah einen kleinen Punkt sichtbar werden, der sich vergrößerte, indem er näher kam. Es war ein Nachen mit zwei Ruderern.
Frau von Marsilly wandte sich noch einmal um, um der Madame Ambron zu danken, und Peter Durand das letzte Lebewohl zu sagen. Sie sah den braven Pächter, den Hut zwischen seinen Händen drehend, mit der Miene eines auffallend verlegenen Mannes, der etwas sagen will, und es nicht wagt.
»Sie haben mir etwas zu sagen, mein Freund?«fragte die Baroness.
»Entschuldigen Sie, Frau Baronin,« sagte Peter Durand, »denn es ist nicht meine Sache, sich in Ihre Angelegenheiten zu mischen.«
»Sprechen Sie immerhin, mein lieber Peter, Alles, was Sie mir sagen, wird gut aufgenommen werden.«
»Ich wollte Ihnen sagen, Frau Baroness,« fuhr Peter fort, »daß Sie so abreisen, in einem Momente, wo Sie am wenigsten daran denken, und nach einem so teuren Lande, wie England, ohne zu wisse», wie lang Sie dort bleiben werden. . . .«
»Nun sagte die Baroness, indem sie sah, daß Peter stockte.
»Nun,« fuhr Peter fort, »Sie haben vielleicht nicht alle die Mittel mit sich genommen, welche notwendig sind?«
»Hören Sie, mein Freund,« sagte die Baroness, indem sie ihm die Hand drückte, »ich verstehe Sie.«
»Und,« fuhr Peter fort, »wenn die Frau Baroness. . . Wir haben noch sechs Jahre Pacht, und ich hoffe wohl, daß die Frau Baroness ihn uns erneuern wird; ich sage daher, daß wenn die Frau Baroness uns erlauben wollte, ihr im Voraus zwei Jahre Pacht zu bezahlen. . . .es wäre uns überdies ein Dienst damit erzeigt, weil die Räuber uns dieses Geldes berauben könnten, und weil es in Ihren Händen viel sicherer wäre, als in den unsrigen. . . .wenn daher die Frau Baroness diese zehntausend Franken annimmt, so wird es uns ein großes Vergnügen sein. Hier sind sie in einem kleinen Sack, und Alles in alten Louisd'ors; o, Sie können sie mit dem größten Vertrauen nehmen, es ist nicht ein beschnittener darunter.«
»Ja, mein Freund, ich nehme sie an,« sagte die Baroness, »wir werden uns in einer glücklicheren Zeit wiedersehen, und seien Sie ruhig, Peter, ich werde Ihre Treue nicht vergessen.«
»Vorwärts in den Nachen, in den Nachen!« rief der Schiffer, »ein Douanier könnte durch Zufall seine Runde machen, und wir wären verloren!«
Diese Mahnung war begründet. Die Baroness drückte zum letzten Mal mit ihrer zarten, weißen Hand die derbe, runzlige Hand Durand's, sie umarmte Madame Ambron und sprang in die Barke, wo die Marquise und Cäcilie ihrer schon harrten.
In diesem Augenblick vernahm man eine Stimme, die »Wer da?« rief.
»Vorwärts,« sagte der Schiffer, »laßt uns rudern, lebhaft rudern, Kinder!«
Und indem er in die Barre sprang, trieb er sie mit einem Stoße des Fußes in das Meer.
Zehn Minuten später befand man sich am Bord des Slups, und am Morgen des folgenden Tages schifften sich die drei Flüchtlinge in Dover aus.
VI.
Das Landhaus
So wie sie den Fuß ans Land gesetzt hatte, wollte die Baroness sogleich einen Wagen nach London nehmen, allein die Marquise erklärte, da sie nun das Glück gehabt habe, Frankreich zu verlassen und sich an einem sichern Orte zu befinden, so werde sie auch nicht einen Schritt weiter in diesem lächerlichen Aufzuge machen, zu welchem sie die Roth gedrungen habe. Da dieser Aufenthalt von keiner Bedeutung war, so willigte die Baroness ein, und so seltsam auch oft die Anforderungen der Frau von la Roche-Bertaud waren, so unterwarf sich denselben die Baroness fast immer mit jener kindlichen Hingebung, die man noch häufig in den großen Familien findet, welche die Überlieferungen des siebzehnten Jahrhunderts bewahrt haben.
Demgemäß ließ sich die Baroness in den ersten Gasthof von Dover führen und hier öffnete die Marquise trotz der Anstrengungen der Reise und ehe sie noch etwas genossen hatte, eine Kiste, welche sie in der Carriole verborgen und brachte aus derselben ihre Wäsche und ihre gewöhnlichen Kleider hervor.
Nachdem sie mit Verachtung die populären Lumpen, welche sie so sehr gedrückt, weit von sich geworfen hatte, begann sie ihre Toilette, und hielt diese nicht eher für vollendet, als bis sie vollständig frisiert und gepudert, und zwar mit derselben Sorgfalt war als wenn sie diesen Abend noch in einen Zirkel der Königin gehen wolle.
Die Baroness wandte alle ihre Sorge bloß der kleinen Cäcilie zu, welche glücklicherweise die Seefahrt gut bestanden hatte; da sie indessen sich beeilte, nach London zu kommen und sich dort eine Wohnung aufzusuchen, so ließ sie noch denselben Tag das ganze Innere eines Wagens mieten, welcher am folgenden Morgen um neun Uhr nach der Hauptstadt abfuhr.
Die Reise von Dover nach London wurde mit der gewöhnlichen Schnelligkeit gemacht. Die Reisenden kamen, fast ohne sich aufzuhalten, durch Canterbury und Rochester, und noch an demselben Tage langten sie in London an.
Die Baroness war von ihrem Schmerze zu sehr ergriffen, um auf das zu merken, was um sie her vorging; aber die Marquise war entzückt. Sie sah Livreen, Wappen, Puder, Sachen, die sie seit zwei oder drei Jahren nicht mehr in Frankreich gesehen hatte, und sie fand nun, daß London die schönste Stadt der Welt, und die Engländer das größte Volk der Erde seien.
Die beiden Reisenden stiegen in einem Hotel in Golden-Square ab, welches ihnen Madame Ambron bezeichnet hatte; es lag nur ein Paar hundert Schritte von der Regents-Street; die Baronin schickte sogleich einen Brief an die Herzogin de Lorges, um sie von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen.
Noch an demselben Abende kam die Herzogin de Lorges herbei. Die Baroness und sie waren sehr intim, und die Herzogin bot ihr ihre Dienste für den Fall an, daß sie in London bleiben wolle.
Allein das war die Absicht der Frau von Marsilly nicht; sie wollte, während sie in der Fremde sich aufhalten würde, das zurückgezogenste Leben führen; sie bat daher die Herzogin bloß, ihr zu sagen, ob sie nicht ein kleines niedliches Dorf kenne, welches für sie als Aufenthalt geeignet sei; damit sie sich ganz der Erziehung ihres Kindes widmen könne. Die Herzogin benannte ihr Hendon, als einen jener angenehmen Aufenthaltsorte, die mit der Nähe der Hauptstadt die Einsamkeit des Landlebens verbinden, und die Baronin gelobte sich, übermorgen das kleine Paradies zu besuchen, welches ihr die Freundin empfahl.
Am folgenden Tage stattete die Baroness und die Marquise der Herzogin ihren Gegenbesuch ab. Die erste Sorge der Baronin war, sich nach Madame Duval zu erkundigen, indem sie, wie man sich erinnern wird, allein der Sorgsamkeit des Mannes derselben zu verdanken hatte, daß sie und ihre Mutter in Boulogne anlangten, ohne auf irgend eine Weise beunruhigt worden zu sein. Die Herzogin ließ sie rufen und einige Augenblicke später trat Madame Duval ein, von ihrem Sohne, einem charmanten Kinde von sechs Jahren begleitet, welchen man sogleich der kleinen Cäcilie zum Spielgenossen gab. Nachdem die Baroness der Madame Duval erzählt hatte, welche Verpflichtungen sie gegen ihren Mann habe, entledigte sie sich der Aufträge desselben an sie. Die gute Frau hörte mit einer wahrhaften Dankbarkeit jedes ihrer Worte an; es waren mehr als drei Monate, seit sie keine Nachricht von ihrem Manne erhalten hatte, der es nicht wagte, seine Briefe der Post anzuvertrauen und sie ihr nur durch Gelegenheiten schicken konnte, welche von Tag zu Tag seltener wurden. Übrigens hatten seit drei Monaten die Niedermetzlungen vom 10. August und vom 2. und 3. September Statt gehabt und die von Nachrichten beraubte, gute Frau wußte nicht, ob er nicht unter der Zahl der Schlachtopfer sei.
Als sie dieses erfuhr, rief sie ihr Kind herbei und dieses kam, die kleine Cäcilie unter den Armen haltend.
»Heinrich«sagte sie, »bitte die Frau Baronin um Erlaubniß, ihr die Hand küssen zu dürfen und danke ihr aus dem Grund Deines Herzens; denn sie hat mich so eben versichert, daß Du noch einen Vater hast.«
»Und wo ist mein Vater?«fragte die kleine Cäcilie, »wo ist er, Mutter?«
Die arme Frau zerfloß in Thränen, nahm dann die beiden Kinder in ihre Arme und umschloss sie so, zu großem Verdrusse der Marquise zu gleicher Zeit.
Am Abende erhielt die Baroness einen Brief von der Herzogin, in welchem diese ihr ankündigte, daß sie nicht zugeben könne, daß sie allein nach Hendon gehe, daß sie vielmehr morgen ihren Wagen nehmen und mit ihr das kleine Dorf besuchen wolle, welches zu ihrer Residenz bestimmt sei.
Am andern Morgen um zehn Uhr war die Herzogin wirklich bei der Baroness, diese und die kleine Cäcilie waren bereit; allein die Marquise hatte ihre Toilette noch nicht vollendet.
Von London nach Hendon sind nur einige Stunden, man gelangte daher in zwei Stunden dahin. Die Baroness war von diesem ruhigen und bescheidenen Anblick der kleinen englischen Häuser entzückt. Eine Frau von einfachem Geschmack, und innerlichen Genüssen huldigend, hatte sie überhaupt seit dem Tode ihres Mannes die Abgeschiedenheit und Einsamkeit in einem dieser Häuser geträumt, wie sie jetzt bei jedem Schritte an der Straße vor ihr standen. Es schien ihr, daß in solchen Wohnungen das Leben immer glücklich, oder wenigstens immer ruhig sein müsse.
Man langte zu Hendon an; es war so, wie es die Herzogin geschildert hatte, eines jener reizenden englischen Dörfer, wie man sie nicht in Holland und Belgien leicht findet. Die Baroness zog Erkundigungen ein, ob eines von den schönen Häusern, welche sie sah, zu mieten sei, und man bezeichnete ihr fünf oder sechs, welche ihr nach den erhaltenen Mitteilungen vollkommen genügend sein konnten.
Die Baroness hatte eine so große Eile, eine dieser niedlichen Wohnungen zu beziehen, daß sie sich sogleich auf den Weg machte, und bei dem ersten, welches sie sah, stehen bleiben wollte.
Allein die Herzogin war mit der inneren Einrichtung dieser kleinen Wohnungen mehr bekannt, und versicherte sie, daß sie noch viel schönere finden würde, als die, welche sie für ein Wunder hielt. Dieser Versicherung glaubend, setzte Frau von Marsilly ihren Weg fort.
Nachdem sie sechs oder sieben gesehen hatte, kamen sie in eine so reizende, daß die Herzogin selbst gestehen mußte, es würde schwer sein, eine bessere zu finden, und man fragte nun nach dem Preise. Frau von Marsilly konnte noch an demselben Tage einziehen, so gut schien sie ihr, und man forderte die Summe von achtzig Pfund Sterling jährlich.
Es war ein kleines Haus von zwei Stockwerken, weiß mit grünen Läden, der Länge derselben nach lief ein Gitterwerk von derselben Farbe hin, ganz besetzt mit Rankengewächsen, deren breite Blätter die verschiedensten Nuancen des schönsten Purpurs in diesem Augenblicke zeigten.
Zur Fassade dieses Hauses gelangte man durch einen kleinen Hof auf dessen beiden Seiten sich Blumenhügel erhoben. Drei Staffeln führten zu einer Thüre von derselben Farbe, wie die Fensterläden, und in der Mitte derselben prangte ein Hammer von Kupfer, der poliert war und glänzte, wie wenn er von Gold wäre. Wenn man durch diese Thüre eingetreten war, befand man sich in einem Korridor, der durch das ganze Haus sich hinzog, um auf der andern Seite in einen kleinen niedlichen Garten zu führen, der ungefähr einen halben Morgen groß, und, wie man es nur in England sieht, mit einem grünen Grasplatz und einer rund herum führenden Allee versehen war, in welcher sich von Zeit zu Zeit große Akazien, Judasbäume, und spanische Flieder befanden. Im Hintergrunde war es ein ländliches Kabinett mit einem Tische und vier Stühlen, ein kleiner Bach, welcher über Felsen en miniatur herunter plätscherte, an deren Ende er ein kleines Bassin bildete, in welches die Mittagssonne nicht eindringen konnte.
Das Innere dieses Hauses war sehr einfach.
Vier Thüren führten in den Korridor des Erdgeschoßes. Nämlich die des Speisesaals, die des Salons, die eines Schlafzimmers und die eines Arbeitskabinetts.
Der Speisesaal und der Salon standen mit einander in Verbindung, ebenso das Schlafzimmer und das Arbeitskabinett.
Der erstere Stock hatte eine verschiedene Einteilung; die dahin führende Treppe ging in ein Vorzimmer, in welches sich drei Thüren öffneten, die in der Mitte war die Thüre eines niedlichen Salons, und von denen auf der Seite führt die eine in ein Schlafzimmer und die andere in ein Boudoir. Der obere Teil war der Dienerschaft vorbehalten und enthielt außer den Zimmern derselben eine Waschkammer.
Die Marquise fand wohl dieses Haus zu klein und zu dürftig, höchstens zu einem Absteigequartier geeignet; allein die Baroness sagte lachend zu ihr, daß man den Winter in London zubringen werde, und indem sie diese Versicherung wiederholte, nahm sie Frau von la Roche-Bertaud für Ernst und gab ihre Zustimmung zu der Wahl ihrer Tochter.
Aber die Wohnung war, wie man das leicht einsehen wird, durchaus nicht meublirt, man mußte alles kaufen oder alles miethen. Die Herzogin von Lorges und die Marquise von la Roche-Bertaud, welche ohne Unterlaß Frankreich, wie es dasselbe verdiene, durch die auswärtige Koalition gezüchtigt, die Emigrierten nach Paris zurückkehren, die legitimen Fürsten wieder auf ihre Throne gesetzt sahen, waren für eine einfache Miete; aber Frau von Marsilly, welche die Sache aus dem Grunde eines wirklichen Schmerzes und mithin aus einem viel positiveren Standpunkte betrachtete, berechnete, daß eine dreijährige Miethe einen Kauf aufwiege, und entschloss sich daher, daß man die Möbeln und alle übrigen nötigen Utensilien kaufen solle. Sie lud ihre Mutter ein, das Appartement sich auszusuchen, welches ihr gefalle, damit sie es ohne Zögerung und sobald als möglich nach ihrem Geschmack herrichten lassen könne. Die Marquise fand, daß das ganze Haus für sie und ihre Kleider nicht zu groß sei, sie sagte, daß sie in ihrem Schlosse zu Touraine Schränke habe, in welche sie diese Zimmer alle hineinstecken könne. Es mochte wahr sein; aber man war nicht zu Touraine, sondern in England; man mußte daher seinen Entschluss fassen und sich entscheiden. Nachdem die Marquise wohl zwanzigmal die Treppe hinauf und hinabgegangen war, nachdem sie alle Winkel und Ecken ihrer künftigen Wohnung gemustert, entschied sie sich für das Schlafzimmer und Kabinett im Erdgeschoss«.
Nachdem die Wahl getroffen war, kehrte man nach London zurück.
Da die Frau von Marsilly wünschte, sich so bald als möglich einzurichten, so schickte am folgenden Tage d«Herzogin ihren Tapezierer, um das Maß zu nehmen.
Die Baroness protestierte gegen diese aristokratische Manier und gestand der Herzogin offen, daß sich ihr ganzes Vermögen in diesem Augenblicke auf hundert tausend Franken, die Diamanten der Marquise mit einbegriffen, belaufe. Die Herzogin hatte aber erwidert, daß mit hundert tausend Franken und einiger Sparsamkeit Frau von Marsilly wohl fünf oder sechs Jahre warten könne, daß es aber immer evident sei, daß man diese Zeit nicht zu warten brauche, indem die Truppen der Alliierten kaum fünfzig Stunden von der Hauptstadt entfernt seien.
Überdies hatte man Pächter, Landgüter, Hilfsquellen, man würde Geld aus Frankreich beziehen.
Alle diese Gründe schienen der Herzogin und der Marquise so richtig, daß sie nicht begreifen konnten, warum sie die Baroness nicht auf der Stelle anerkenne. Die Baroness gab in einem Stücke nach, sie akzeptierte den Tapezierer, sie behielt sich aber den Ankauf der Möbeln vor.
Acht Tage später war das Landhaus bereit, seine Bewohner aufzunehmen; Alles war von außerordentlicher Einfachheit, aber von wunderbarem Geschmack und Nettigkeit. Übrigens hatte man Alles kaufen müssen: Weißzeug, Silbergeräthe, Möbel, Kleider u.s.w., so daß, wie ökonomisch auch die Baroness zu Werke ging, die Einrichtung zwanzigtausend Frank kostete.
Es war der fünfte Teil dessen, was sie besaß, es blieb ihr an barem Geld nicht mehr als die zehntausend Livre von Peter Durand, denn die weiteren sechzig oder achtzig tausend Frank an Diamanten gehörten, wie gesagt, der Marquise. Aber damit konnte man fünf oder sechs Jahre leben, und ungeachtet der Zweifel, welche das Unglück in dem Herzen der Frau von Marsilly wegen der Zukunft erregt hatte, konnte sie sich nicht enthalten, ganz leise zu wiederholen:
»In fünf oder sechs Jahren kann sich vieles ereignen.«
In der Tat waren diese fünf oder sechs Jahre bestimmt, die wichtigsten Ereignisse zu sehen.
Aber für den gegenwärtigen Augenblick haben wir uns mit unserem kleinen Landhaus und seinen zwei Bewohnerinnen zu beschäftigen.
VII.
Die Erziehung
Man wird leicht einsehen, daß die Marquise ihrer Tochter bei allen diesen Einrichtungen des Hauses durchaus nutzlos war; sie war daher die ganze Zeit hindurch bei der Herzogin de Lorges geblieben und diese hatte dafür Madame Duval gebeten, die möglichste Sorgfalt auf die Einrichtung ihrer Freundin zu wenden.
Madame Duval war, wie bereits erwähnt wurde, eine Engländerin von bürgerlicher Abkunft, aber von einer ausgezeichneten Erziehung, so daß sie sich der Professur hätte widmen können. Zu der Sympathie, welche ein gemeinschaftliches Unglück der Baronin für sie einflößte, trat die Dankbarkeit für tausend kleine ihr geleistete Dienste hinzu, und daraus ergab sich in fünf oder sechs Tagen, während welchen die beiden Frauen beisammen blieben und die Einrichtungen des Landhauses bewerkstelligten, eine gewisse Innigkeit zwischen Beiden, in welcher jedoch Madame Duval mit einem sicheren Takte stets die Entfernung beobachtete, welche die Sitte der Gesellschaft zwischen sie und der Baroness gestellt hatte.
Die beiden Kinder, welche von Allem dem noch nichts wußten, spielten inzwischen mit einander auf dem Nasen des Gartens oder auf dem Teppiche des Salons, bald liefen sie sich nach, oder gingen Hand in Hand in der den Garten umgebenden Allee.
Nach Verlauf von acht Tagen war Alles fertig; Madame Duval verpflichtete sich, für die Baroness eine Frau ausfindig zu machen, welche sowohl für die Küche als für das Hauswesen sorgen könne, und kehrte nach London zurück.
Den beiden Kindern verursachte diese Trennung viel Schmerz.
Am folgenden Tage langte die Herzogin de Lorges an und brachte in ihrem Wagen die Marquise de la Roche-Bertaud und eine französische Kammerfrau mit, welche die Marquise ausschließend für ihren Dienst angenommen hatte.
Die Baroness sah mit einiger Unruhe auf diesen Zuwachs der Dienerschaft, auf welchen sie nicht gerechnet hatte. Allein sie kannte die aristokratischen Gewohnheiten ihrer Mutter und da diese eine Bedienung notwendig hatte, so hielt sie es für grausam, die Marquise dieses Luxus zu berauben, sie, die schon so viele Opfer in ihrer Lage gebracht hatte.
Gewiß war diese Lage sehr unabhängig von dem Willen der Baronin. Frau von Marsilly war wie ihre Mutter an alle Bequemlichkeiten eines großen und eleganten Lebens gewöhnt, und sie hatte daher gleich ihrer Mutter die Beengung schmerzlich zu fühlen, welche sie in ihrer gegenwärtigen Lage, wenn sie diese mit ihrer früheren, reichern Stellung verglich, zu ertragen hatte; allein es gibt solche hingebende Charaktere, die immer sich selbst vergessen, um an andere zu denken. Frau von Marsilly war einer dieser Charaktere, erhoben durch den Schmerz, und ihre vorzüglichste Sorge war ihre Mutter.
Die kleine Cäcilie wußte noch nichts von den Ereignissen der Welt; Schmerz und Glück waren für sie leere Worte, die sie nur einem Echo gleich aussprach, ohne ihren Wert zu kennen und ohne noch einen Unterschied in dem Tone zu machen, mit welchem sie sie aussprach.
Sie war übrigens ein allerliebstes Mädchen von drei und einem halben Jahre, mit all' den bezaubernden Instinkten der weiblichen Natur den guten Eindrücken zulächelnd, wie eine Frühlingspflanze der Sonne, natürlich glücklich, und nichts als der mütterlichen Liebe bedürfend, um alle Tugenden in sich zu vereinigen.
Die Baronin, welche diese glücklichen Anlagen bemerkte, behielt sich allein die Sorge vor, sie zu entwickeln.
Diese Sorge wurde ihr übrigens gerne von der Marquise überlassen, obgleich auch sie ihre Enkelin liebte. Auf den ersten Blick hatte sie für weniger geübte Augen den Anschein, sie mehr zu lieben, als sie ihre Tochter liebte. Sie rief sie von einem Ende des Zimmers in das andere; sie ließ sie sich aus dem Garten bringen, um sie leidenschaftlich zu umarmen, aber wenn das Kind zehn Minuten bei ihr war, genierte es sie, und sie schickte es zu ihrer Mutter zurück. Die fünfundvierzig Jahre alte Marquise liebte Cäcilien, wie das Kind seine Puppe, das heißt, um mit ihr die Mutter zu spielen. Cäcilie war für sie nicht, was sie für ihre Mutter war, ein Bedürfnis bei Tag und bei Nacht, sie war ihr bloß eine Zerstreuung auf einige Augenblicke. In einem Momente des Enthusiasmus hätte die Marquise für ihre Enkelin das Leben hingegeben, aber sie hätte sich so wenig für ihre Enkelin, als für irgend Jemand in der Welt, eine Entbehrung von acht Tagen auferlegt.
In den ersten Tagen erhob sich eine ernste Erörterung zwischen der Baroness und ihrer Mutter über Cäciliens Erziehung.
Die Marquise wollte eine glänzende Erziehung in allem dem Range würdig, zu welchem ihre Enkelin in der Welt berufen werden würde, wenn der König an seinen Feinden sich rächen und seinen Thron wieder besteigen würde, der Baroness nicht nur ihre verlorenen Güter zurückgab, sondern ihr auch seinen Dank durch Vergrößerung ihres Vermögens erstattete. Sie verlangte daher, daß Cäcilien ein Sprachmeister, ein Tanz- und ein Zeichenmeister gegeben werden müsse.
Die Baroness war dagegen einer ganz verschiedenen Ansicht; als eine Frau von Geist und Verstand betrachtete sie die Sachen aus ihrem Gesichtspunkte. Der König und die Königin waren Gefangene, sie und ihre Mutter waren Verbannte, die Zukunft schien ihr ziemlich ungewiss und mehr mit düsteren Dünsten, als mit goldenen Scheinen versehen, und für diese Zukunft mußte man Cäcilie erziehen. Daher schien ihr eine Erziehung, welche eine einfache Frau aus ihr machen würde, die ohne Bedürfnisse und mit Wenigem zufrieden war, die beste zu sein, welche man ihr in diesem Augenblicke geben könne, und die dann immer noch die Freiheit gestattete, wenn die Zeiten sich andern und besser werden würden, auf den vortrefflichen Grund, welcher gelegt worden war, eine glänzendere Erziehung zu bauen.
Überdies war, um dem Mädchen Lehrer im Tanzen, im Zeichnen und in den Sprachen zu geben, das Vermögen erforderlich, welches man gehabt hatte, und nicht das, welches man gegenwärtig besaß. Wohl machte die Marquise das Anerbieten, einen Teil ihrer Diamanten die er Erziehung zu weihen; aber die Baroness, welche viel weiter sah, und ihr für ihre Liebe zu ihrer Enkelin, eine Liebe, die sie fortriss, das zu opfern, was ihr das Teuerste auf der Welt war, aus dem Grunde des Herzens dankte, bat sie, diese Hilfsquelle der äußersten Roth vorzubehalten, einer Roth, die, wenn die Sachen in Frankreich so fort«gen, nicht ermangeln würde, sich empfinden zu lassen.
Indem sie sich mit dieser Erziehung allein belastete, konnte die Baroness Cäcilien die ersten Grundzüge aller Künste und Alles einem jungen Mädchen notwendigen Wissens beibringen, und ferner, indem sie sie ganz unter mütterlicher Aufsicht entwickelte, den vortrefflichen Instinkten zu Hilfe kommen, welche die Natur in dieses junge Herz gelegt hatte, sie konnte da«für sorgen, daß die schlimmen Grundsätze, welche fremder Einfluss herbeiführen könnte, in ihrem Geiste nie zu wurzeln vermochten.
Die Marquise, welche nicht gerne stritt, gab bald den überzeugenden Gründen der Baroness nach, und Frau von Marsilly sah sich, in Folge der stillschweigenden Einwilligung ihrer Mutter, Herrin der Erziehung Cäciliens.
Sie ging auch sogleich an's Werk. Große und heilige Seelen finden eine Linderung ihres Schmerzes in der Erfüllung ihrer Pflichten. Der Schmerz der Baronin war tief, aber süß war die Pflicht, die sie sich auferlegt hatte. Die Baroness traf eine gehörige Einteilung der Zeit; sie war überzeugt, daß ein Kind die ersten Elemente dessen, was eine Frau wissen muß, spielend lernen könne. Sie bot Cäcilien die Arbeit unter dem Gesichtspunkte eines Spieles dar, und das Kind gab sich derselben um so lieber hin, weil ihm alle seine Arbeit durch die Mutter vorgezeichnet war, und weil es seine Mutter anbetete.
So war denn der Morgen dem Lesen, dem Schreiben und dem Zeichnen gewidmet, der Nachmittag der Musik und dem Spaziergange.
Diese verschiedene Übungen des Geistes und des Körpers waren durch drei Ruhestunden unterbrochen, nach welchen der Salon des Erdgeschosses für eine kürzere oder längere Zeit ein Ort der Versammlung wurde.
Nach Verfluß einiger Zeit hörte die Marquise auf, bei dem Frühstücke zu erscheinen. Dieses, welches um zehn Uhr Morgens statt fand; störte sie zu sehr in ihren Gewohnheiten. Die Marquise war dreißig Jahr lang in ihrem Leben zwischen elf Uhr und Nachmittag aufgestanden und sie hatte sich nicht ein einziges Mal in ihrem Leben Jemand von Stand, auch nicht einmal ihrem verstorbenen Manne ohne ihren Puder und ohne ihre Schönpflästerchen gezeigt. Es war also für sie viel zu unbequem, sich dieser neuen Lebensweise zu unterwerfen, sie nahm sich daher von derselben aus, und wie in ihrem Hotel in der Rue de Verneuil, brachte man ihr den Chocolad vor ihr Bett.
Die Baronin brachte ihre Zeit mit den Sorgen für das Hauswesen und die Erziehung ihrer Tochter zu. Die Marquise, welche weder eine Erzieherin, noch eine Haushälterin war, verbrachte die ihrige, in dem Zimmer eingeschlossen, mit dem Lesen der Erzählungen Marmontel's und der Romane Crébillon's, des Sohnes, während Mademoiselle Aspasia, dies war der Name der französischen Kammerfrau, die, so wie sie ihre Gebieterin angekleidet war, nichts mehr zu tun hatte, neben ihr stickte oder nähte, und, zum Range einer Gesellschaftsdame erhoben, durch ihre Unterhaltung die Zwischenräume ausfüllte, welche zwischen den verschiedenen Lektüren der Marquise lagen.
Die Marquise hatte wohl versucht, Verbindungen mit einigen ihrer Nachbarn auf dem Lande anzuknüpfen, aber die Baronin hatte, indem sie ihr in dieser Beziehung alle Freiheit ließ, erklärt, daß sie, was ihre Person betreffe, isoliert leben werde.
So verging der Winter. Das Innere dieser kleinen, durch die Baroness geregelten Familie, war auch nicht ein einziges Mal außer der Ordnung gekommen; nur brachte hie und da die Marquise eine kleine Unordnung in die Verwendung der Zeit, aber Alles kam sogleich wieder durch den festen Willen der Baroness in seinen gewohnten Gang.
Indessen wurden die Nachrichten aus Frankreich für die Emigrierten immer trauriger. Ein Tag, schrecklicher als alle vergangenen Tage, ein Tag, vor welchem der zehnte August und der zweite September erblichen, hatte sich nicht bloß für Frankreich, vielmehr für ganz Europa erhoben, es war der ein und zwanzigste Januar. Der Schlag war für die arme einsame Familie schrecklich. Der Tod des Königs ging dem der Königin voran. Das letzte Band zwischen der Revolution und dem Königreiche, und vielleicht sogar zwischen Frankreich und der Monarchie war zerrissen. Die Marquise wollte an diese blutige Neuigkeit nicht glauben, anders aber war es bei der Baroness, welche die Zukunft von der düsteren Seite betrachtet hatte, weil sie sie von Seite ihrer Trauer ansah. Das Unglück gewöhnt sich an das Unglück, es glaubt an Alles und dennoch glaubt es nichts als Wahrheit.
Als die kleine Cäcilie ihre Mutter weinen sah, wie sie sie vor sechs Monaten weinen gesehen hatte fragte sie:
»Hat denn der Vater geschrieben, daß er nicht mehr zurückkommen würde?«
Die schrecklichen Ereignisse, welche sich setzt in Frankreich folgten, änderten in dem gewöhnlichen Leben der Baroness Nichts, die Tränen ausgenommen, die sie ihr kosteten. Die kleine Cäcilie wuchs fast sichtlich und gleich den Blumen in dem Garten, sie schien bereit mit dem Frühling zu blühen.
Es waren die ersten Tage des Frühlings in der Tat wiedergekommen, und Alles rings um das Haus her hatte einen festlichen Anblick angenommen; der Garten blühte auf, die Rosenstöcke bedeckten sich mit Blättern und mit, Knöpfen, die Flieder singen an, ihre purpurnen, blühenden Trauben zu zeigen, die Akazien schaukelten im Winde ihre duftenden Zweige, der Bach, welchen das Eis des Winters in seinem unterirdischen Lauf zurückgedrängt hatte, erschien noch ganz von Frost zitternd; es gab bis an das Haus Nichts, was nicht vermöge dieser sprossenden Blüten ein lebendiges Ansehen, ein Aussehen der Jugend und der Freude, welches der Winter geraubt hatte, angenommen hätte.
Es war auch eine Epoche des Glücks für die kleine Cäcilie. Während des ganzen Winters, diesem düstern, traurigen, kalten und regnerischen Winter von London, hatte sie ihre Mutter mit der größten Sorgfalt eingeschlossen gehalten, und das Kind, an das Leben von Paris und an die Erfordernisse in dem Hotel der Straße Verneuil gewöhnt, hatte keinen großen Unterschied zwischen diesem Winter und dem vorigen gesehen, welch letzteren sie vielleicht schon vergessen hatte. Aber als sie den Frühling kommen sah, diesen in Paris unbekannten Gast, als sie ihn fast mit der Hand erreichen konnte, Alles entstehen, Alles sich beleben, Alles blühen sah, da wurde ihre Freude groß, und alle Zeit, welche sie nicht auf ihre Studien verwenden mußte, brachte sie im Garten zu.
Ihre Mutter ließ sie gewahren, sie zeigte ihr den Himmel, der sich nach lind nach von seinem Nebelschleier befreite, und wenn ein Strahl der Sonne durch irgend einen Riss der Wolken brach und dieser den Azur des Firmamentes sehen ließ, sagte sie der kleinen Cäcilie, daß dieser Sonnenstrahl der Blick Gottes sei, der sich auf die Erde hefte, und daß dieser göttliche Blick die Welt blühen mache.
Was die Marquise betraf, so gab es für sie weder Frühling noch Winter. Sie stand immer um elf ein halb Uhr auf, nahm ihre Chocolade im Bette zu sich, kleidete sich an, ließ sich frisieren und pudern, die Schönpflästerchen auflegen und las wohl zum zwanzigsten Mal die Erzählungen Marmontel's und die Romane Crébillon's, deren Schönheiten sie mit Mademoiselle Aspasia zergliederte.
Die Baronesse betete für ihren Mann und für den König, welche tot waren, für die Königin und den Dauphin, welche dem Tod entgegengingen.
Von Zeit, zu Zeit hörte man sagen, daß die republikanischen Armeen bedeutende Siege erfochten haben, und die Namen Fleurus und Valmy ertönten bis in das Innerste des kleinen Landhauses.
VIII.
Gott überall
Dank diesem isolierten Leben, welches die Baronin und dem exzentrischen Leben, welches die Marquise führte, wurde die kleine Cäcilie unter ganz eigenthümlichen Verhältnissen erzogen.
Es wurde bereits gesagt, daß in Folge des Erziehungssystems der Baronin kein Lernen dem Kinde als Arbeit vorgestellt wurde; wenn indessen die Mutter, nachdem sich ihr Geist mit Lesen, oder durch den Unterricht auf dem Piano oder im Zeichnen beschäftigt hatte, glaubte, daß sie einer Zerstreuung bedürfe, dann öffnete sich die Thüre des Gartens dem Kinde.
Dieser Garten war für dasselbe das Paradies.
Die Baronin beaufsichtigte ihre Tochter auch hier, und sie hatte dort die schönsten Blumen vereinigt, die man finden konnte. Es waren da Lilien, Rosenstöcke, großer, starker Hagedorn und Schneeballen, um das Auge und den Geruch zu entzücken. Die kleine Cäcilie mit ihren halb nackten Beinen, ihrem kurzen Rocke, ihren blonden, fliegenden Haaren, und ihren samtenen Wangen schien eine Blume mehr in diesem Blumengarten. Dieser schien überdies nicht bloß ein Gut der Lilien und der Rosen, er war ganz und gar eine kleine Welt; die schönsten Insekten waren auf dem Rasen sichtbar, oder durchzogen von Zeit zu Zeit die Allee, gleich lebenden Brillanten; glänzende Schmetterlinge schienen vom Himmel zu regnen und flatterten in ungleichem und launenhaftem Fluge über diesen Pracht«vollen Teppich; endlich hüpften die Distelfinken und die Grasmücken von Ast zu Ast, reichten den Schnabel ihren Jungen, welche die Hälse aus den Nestern heraus«streckten und die Schnäbel aufsperrten, um die ihnen gebrachten Moose und trockenen Kräuter aufzunehmen.
Da die Baroness Niemand empfing, damit die kleine Cäcilie von der Gesellschaft der Kinder ihres Alters ganz ausgeschlossen sei, so wurde der Garten ihre Welt. Die Blumen, die Schmetterlinge und die Vögel wurden ihre Freunde. Bei dem ersten Worte, welches sie davon zu ihrer Mutter sprach, hatte diese ihr erklärt, daß jedes Ding von Gott komme und von Gott sein Leben erhalte. Sie hatte ihr gezeigt, wie der Blick der Sonne die Natur belebe, und sie machte sie darauf aufmerksam, daß die Blumen, welche sich des Morgens öffneten, sich Abends schlössen, daß die Schmetterlinge, welche während der heißen Stunden des Tages herbeikamen, lange vor dem Ende der Nacht verschwanden, daß die Vögel, welche mit der Morgendämmerung «wachten, mit der Abenddämmerung schliefen, die Nachtigall ausgenommen, deren Gesang wie ein Gebet, wie eine nächtliche Hymne, wie ein melodisches Echo durch die Nacht schallte. Nun dieses Zwitschern des Morgens und des Abends, das lebendige Aufschwingen dieser fliegenden Blumen, welche man Schmetterlinge nennt, dieses Alles war, Dank dem religiösen und poetischen Gefühle der Baroness, nichts anders, als das Beten der Wesen und der Dinge, nichts anders als die Art, in welcher die Vögel, die Schmetterlinge und die Pflanzen Gott priesen und ihm Lob sangen.
Aber die Freunde, welche Cäcilie am meisten unter ihren Freunden liebte, waren die Blumen. Wenn sie nach irgend einem schönen Schmetterlinge mit goldenen Flügeln lief, da entwischte ihr der Schmetterling aus ihren Händen, wenn sie irgend einen Vogel überraschen wollte der in einem Strauch zwitscherte, flog der Vogel davon und vollendete feinen Gesang auf irgend einem Baum, wo ihn das Kind nicht erreichen konnte; aber ihre Blumen, ihre geliebten Blumen, die ließen sich umarmen, liebkosen, sogar pflücken. Wohl verloren sie, einmal gepflückt, ihre Farbe und ihren Duft, sie welkten traurig dahin, und starben endlich.
So geschah es mit einer Rose auf ihrem Stengel, von welcher die Baroness ihrem Mädchen begreiflich machen wollte, was das Leben sei, wobei sie ihr mittelst eines abgebrochenen Stiels zeigte, was der Tod sei.
Von jetzt an pflückte Cäcilie keine Blume mehr. Die Überzeugung von einem wirklichen Leben, welches unter einer scheinbaren Gefühllosigkeit verborgen war, begründete zwischen dem Kinde und den Blumen, seinen Freunden, Beziehungen, durch welche sich vermöge feiner jungen Einbildungskraft Alles erklärte; so waren die Blumen für sie bald gesund und bald krank, traurig oder freudig; sie betrübte sich mit den einen; sie freute sich mit den andern; wenn sie krank waren, sorgte sie für sie und unterstützte sie; wenn sie traurig waren, gab sie ihnen Trost. Eines Tages, als sie zu einer früheren Stunde als gewöhnlich in den Garten gegangen war, und ihre Lilien und Hyazinthen ganz' mit Tau bedeckt sah, kam sie weinend zurück, und sagte, daß ihre Blumen einen Kummer haben und weinen; an einem andern Tage überraschte sie die Baronin, als sie einer Rose, an welche sie angestoßen hatte, ein Stück Zucker zu essen geben, und sie dafür trösten wollte, daß sie ihr das Abfallen einiger Blätter verursachte. So waren auch unter den Zeichnungen, die aus ihrem Bleistifte hervorgingen, unter den Phantasiegebilden, welche ihre Nadel erzeugte, die Blumen immer die Auserwählten. Wenn sie eine Lilie schöner blühen sah, als die andere, so zeichnete sie dieselbe ab, wie man das Bild eines Freundes zeichnet, wenn sie eine Rose sah, viel lebhafter an Farbe, viel reicher an Knöpfen, so stickte sie dieselbe in ihre Stickerei, um sie nicht zu vergessen. So lebte sie während des Frühlings, während des Sommers und während des Herbstes mit der Wirklichkeit, während des Winters aber lebte sie mit dem Bilde fort.
Nach den Blumen liebte Cäcilie am meisten die Vögel. Wie die Sperlinge der Johanne d'Arc, welche herbeikamen, sich auf ihre Schulter setzten und ihr Futter sogar in dem Korsett der Jungfrau von Vaucouleurs suchten, so hatten die Vögel des Gartens des kleinen Hauses nach und nach Cäcilie gewohnt. Cäcilie kam in der Tat zwei oder dreimal des Tags um Getreidekörner unter den Bäumen auszustreuen, auf welchen ihre gesangreichen Gäste ihre Nester gebaut hatten, und da sie die Jungen schonte, so fürchteten sich Vater und Mutter nicht vor ihr; so kam es, daß die Vögelchen, welche an das Kind gewohnt wurden, vor demselben durchaus keine Furcht hatten, und daß der Garten für Cäcilie eine wahrhafte Voliére geworden war, deren Bewohner ihre sanften Gesänge begannen, so wie sie ihrer ansichtig wurden, die ihr folgten, wie die Küchlein der Pächterin folgen, und um sie herflogen, wenn sie mit ihren Blumen plauderte, oder unter ihrem Bogengange las.
Was die Schmetterlinge betrifft, so waren sie ihr' trotz ihrer lebhaften Farben bald gleichgültig geworden und so sehr auch das Kind versucht hatte, diesen unbeständigen Juwelen der Lüfte entgegen zu kommen, so hatte sie immer gleichgültig hiergegen geschienen; zweimal hatte sie versucht, sich ihrer zu bemächtigen, einmal eine prachtvolle Atalante mit ihrem Samtkleid, ein andermal einen herrlichen Apoll mit seinem goldenen Leib, und jedes mal waren die Überbleibsel ihrer Flügel in den Händen des Kindes geblieben, welches, nachdem sie es losgelassen, erkannt hatte, daß ihr Flug ungewiss, daß das, was sie als eine Liebesbezeugung betrachtet habe, für sie eine Verwundung sei.
So haben wir also die Welt geschildert, in welcher Cäcilie lebte; ihre Großmutter, die sie mit adeligem Stolze liebte, und sie zuweilen durch die Ausdrücke ihrer Liebe erschreckte; ihre Mutter, immer ruhig, heiter, religiös, gebeugt; ihre Blumen, deren Schmerzen und deren Freuden sie begriff; ihre Vögel, deren Gesang sie lauschte, ihre Schmetterlinge, deren Flug sie folgte.
Von Zeit zu Zeit wurde indessen die Einsamkeit der kleinen Familie entweder durch die Ankunft der Herzogin de Lorges gestört, welche vorzüglich wegen der Marquise kam, oder durch die Ankunft der Madame Duval, welche hauptsächlich der Baronin wegen sich einfand. In der ersten Zeit waren diese Besuche der Madame Duval ein kleines Fest für Cäcilie, denn immer brachte sie Eduard mit. Dann gingen diese beiden Kinder spazieren, spielten, liefen in dem Garten umher, pflückten Kräuter, pflanzten Blumen, versteckten sich in den Gebüschen, brachen die Äste von den Bäumen, auf welche sie zu steigen versuchten, störten die Vögel auf und verfolgten die Schmetterlinge. Aber nach und nach war Cäcilie, wie wir gesehen haben, in ein gewisses Verhältnis mit den Gästen ihres Paradieses gesetzt worden, so daß sie, wenn Eduard kam, ihn nur mit großer Unruhe in ihre kleine Welt einführte. Sie wollte ihrem stürmischen Gefährten sogleich die Gefühle ihrer Blumen, das Zwitschern ihrer Vögel und die Unbeständigkeit der Schmetterlinge begreiflich machen, allein der flatterhafte Schüler begann zu lachen, und sagte ihr, daß die Blumen leblose Dinge seien, und weder Liebe noch Haß, weder Schmerz noch Freude haben.
Die Vögel wollte Eduard fangen und sie in den Käfig stecken, obgleich ihm Cäcilie vorhielt, daß der gute Gott, welcher ihnen die Flügel gegeben, ihnen ein solches Geschenk nicht gemacht habe, um von einem Stäbchen zum andern in dem engen Raume eines vergitterten Gefängnisses zu hüpfen, sondern um sich in die Lüfte zu schwingen und sich auf die Wipfel der Bäume und auf die Dächer der Häuser zu setzen. Endlich hatte ein zweiter Umstand Eduard im Geiste seiner jungen Freundin vernichtet.
Eines Tages, während sie mit einer ihrer Rosen so wichtige Sachen plauderte, daß sie ihren Gesellschafter darüber vergessen hatte, kam dieser mit einem prächtigen Pfauenauge zu ihr, dessen Körper mit einer Nadel durchstochen war und der sich schrecklich auf seinem Hute, an den er ihn gesteckt hatte, abzappelte. Cäcilie stieß einen Schrei aus, aber darüber erstaunte Eduard höchlich und versicherte, daß er schon mehr als dreihundert Schmetterlinge habe, die so angeheftet, symmetrisch geordnet und in Schachteln aufbewahrt seien, in welchen sie sich so schön erhielten, als waren sie noch am Leben.
Von diesem Tage an hatte sich Cäcilie gelobt, daß Eduard nie wieder in ihren Garten kommen solle, und in der Tat hatte sie ihn bei seinem ersten Besuche unter verschiedenen Vorwänden in dem Zimmer zurückgehalten, indem sie all ihr Spielgeräte zu seiner Verfügung stellte, ihm erlaubte, Puppen, Kaufläden und Küchen zusammenzubrechen, aber durchaus nicht mehr haben wollte, daß er über ihre Blumen spotte, ihre Vögel beunruhige und ihre Schmetterlinge quäle.
Die Frau von Marsilly bemerkte dieses Streben ihres Kindes, Eduard vom Garten entfernt zu halten, und als er fort war, fragte sie, aus welcher Ursache sie ihm den Eintritt in den Garten verweigert habe: Jetzt erzählte Cäcilie ihrer Mutter, was während der früheren Besuche vorgegangen sei, und fragte sie, ob sie Unrecht gehabt, so zu handeln.
»Nein, meine Tochter,« antwortete die Baronesse, »im Gegenteil billige ich es, und Du hast recht, es ist einer von den Missgriffen unseres Stolzes, wenn wir glauben, daß die Welt nur wegen uns geschaffen sei. Jedes Ding hienieden ist, wie der Mensch, ein Werk, Gottes, Gott ist in der Blume, in dem Vogel, in dem Schmetterlinge, in dem ephemeren Tropfen Wasser, wie in dem Weltmeer, das unendlich ist, in dem hellen Grün, das aus dem Grase leuchtet, wie in der Sonne, die die Welt erhellt.«
Gott ist überall.
IX.
Die Zeit enteilt
Während die exilierte Familie ferne von der Welt in einem kleinen Winkel Englands sich niederließ, trugen sich ungeheure Ereignisse in dem übrigen Teile Europa's zu.
Der Tod des Königs und der Königin hatte seine Früchte getragen; ihre Mörder hatten gleich den aus den Drachenzähnen des Cadmus entstandenen alten Kriegern, sich selbst zu Grunde gerichtet. Der Konvent hatte die Girondisten proscribirt, dann hatten die Guillotineurs die Septembriseurs aufgefressen, endlich war der neunte Thermidor gekommen, und das durch die revolutionären Zuckungen noch ganz erschöpfte Frankreich ruhte einen Augenblick.
Nachdem das Schreckensystem verkündet worden war, hatte Ludwig Duval, der, wie wir gesehen haben, von ganzem Herzen Royalist war, nicht mehr den Mut gehabt, in Frankreich zu bleiben. Er opferte den Teil seines Vermögens, den er noch nicht Zeit gehabt hatte, flüssig zu machen, er war nach England abgereist und an einem schönen Tage, zur großen Freude seiner Gattin in London angekommen. Aber da die Herzogin de Lorges in London keinen Intendanten, notwendig hatte, indem sie nicht mehr über 500,00 Livre Renten herrschte, und da Herr Duval noch zu jung war, um dem Nichtstun sich ergeben zu können, auch nicht genug besaß, um von seinen Renten zu leben, trat er als Kassier in ein Banquierhaus ein, wobei die vierzig oder fünfzig tausend Franken, die er besaß, ihm als Kaution dienten. Bald wurde seine Redlichkeit so gut erkannt und seine Kenntnisse bewährten sich so, daß der Banquier ihm einen kleinen Anteil an den Geschäften gab. Inzwischen verließ die Gräfin Artois England, und führte die Herzogin de Lorges mit sich; Madame Duval bat, bei ihrem Manne bleiben zu dürfen, und dieses wurde um so lieber bewilligt, als die Emigration sich verlängerte und die Emigrierten zum Ökonomisieren zwang. Die gute Familie blieb daher ganz zu London, während die Herzogin de Lorges nach Deutschland abreiste.
Während dieser Zeit regte die plebejische Familie derselbe Umstand auf, welcher die adelige Familie aufregte. Gegen die Erwartungen der Marquise waren die Alliierten über die Grenze zurückgetrieben worden und die Emigrierten konnten nicht nur keine Unterstützung aus Frankreich beziehen, im Gegenteil waren ihre Güter konfisziert, Eigentum der Nation und bereits verkauft worden. Das erste, woran die Baronin dachte, war, dem armen Peter Durand den zweijährigen Pacht zurückzuerstatten, welchen er ihr im Augenblick ihrer Rückreise vorgeschossen hatte; die zehntausend Frank wurden daher dem ehrlichen Pächter mit einem Briefe zurückgeschickt, in welchem die Baronin versicherte, daß sie Dank den Hilfsquellen, die sie sich in der Fremde zu öffnen gewusst, nicht nur an nichts Mangel leide, vielmehr im Überfluss lebe. Die Baronin hatte mit Grund vorausgesetzt, daß es dieser Versicherung bedürfe, um den braven Mann zu bestimmen, eine Summe zurückzunehmen, die er mit so viel Zartheit und Ergebenheit angeboten hatte.
Die Baronin sah sich hierdurch allein auf die Bemühung der Diamanten, die sie persönlich besaß und auf jene ihrer Mutter beschränkt.
Sie war damals zu der Marquise gegangen, hatte sie in Mitte ihrer Lektüre des »Sopha«unterbrochen und ihr eine ungeschmückte Darstellung ihrer Lage gemacht. Nachdem diese Darstellung geendigt war, fragte die Marquise:
»Nun, meine Tochter?«
»Nun, meine Mutter,« antworte die Baronesse, »mein Rath ist, daß wir beide das zusammenwerfen, was wir noch an Diamanten besitzen, daß wir sie auf einmal verkaufen, um so eine Summe zu erringen, die hinlänglich genug ist, um sie bei der Bank von London anzulegen, worauf wir dann so viel als möglich von den Erträgnissen derselben leben werden.«
Dieser Vorschlag war wohl einer der vernünftigsten, allein um in Vollzug gesetzt zu werden, mußte sich die Marquise von ihren Diamanten trennen. Aber die Diamanten der Marquise waren Alles, was ihr von ihrem ehemaligen Glanze blieb. Von Zeit zu Zeit nahm sie sie aus ihrem Schmuckkästchen, und obgleich sie niemand als Mademoiselle Aspasia bewundern konnte, so war doch auch dieses ein Trost für sie.
»Aber,« antwortete die Marquise, indem sie die Frage zu umgehen suchte, »wäre es nicht vernünftiger, wenn wir diese Diamanten, welche Familiendiamanten sind, und auf die wir viel halten müssen, immer gerade nur in der erforderlichen Quantität verkaufen würden? So würden wir denn bei unserer Rückkehr nach Frankreich immer das finden, was uns in unserem Unglücke geblieben ist.«
»Nach der Art, wie die Sachen gehen,« antwortete die Baronin, »ist unsere Rückkehr nach Frankreich nicht nahe, und wenn wir so fort leben, wie bisher, werden wir unaufhörlich unser kleines Kapital angreifen, während, wenn wir Alles auf einmal verkaufen, im Stande sein werden, von unsern Interessen zu leben.«
»Aber,« sagte die Marquise, indem sie es versuchte, ihre Tochter bei der natürlichen Liebe anzugreifen, »ich muß Dir gestehen, daß ich diese Diamanten aufhob, damit sie eines Tags die Mitgift meiner Enkelin werden sollen. Armes Kind,« fuhr die Marquise fort, indem sie den Kopf schüttelte, und in einem Winkel ihrer Augenlider eine Träne suchte, die nicht da war; vielleicht hatte sie nie andere.
»Meine Mutter,« entgegnete die Baroness, indem sie traurig lächelte, »ich muß Ihnen bemerken, daß Cäcilie nicht älter als sieben Jahre ist, daß wir sie aller' Wahrscheinlichkeit nach nicht vor zehn Jahren, von jetzt an, verheiraten werden, und daß in zehn Jahren von jetzt an ihre Diamanten, wenn Sie meine Vorschläge nicht annehmen, gleich den meinigen einer nach dem andern verschwunden sein werden, und das teilweise und ohne nur die geringsten Interessen zu tragen.«
»Aber so wird denn,« rief die Marquise, indem sie sich erhitzte, gerade weil sie die Richtigkeit der Bemerkung ihrer Tochter begriff; »aber so wird denn dieses arme Kind keine Mitgift haben.«
»Seine Mitgift, meine Mutter,« erwiderte die Baroness mit jener unveränderlichen Milde, welche aus ihr das Muster eines Engels auf Erden machte, »seine Mitgift wird ein Name ohne Makel, eine religiöse Erziehung und, wenn man zu diesen vorzüglichen Gütern ein zerbrechliches hinzufügen darf, etwas Schönheit sein, eine Schönheit, sage ich, welche immer noch, steigen zu wollen scheint.«
»Gut, gut, meine Tochter,« bemerkte die Marquise, »ich werde darüber nachsinnen.«
»Sinnen Sie darüber nach, meine Mutter,« entgegnete die Baroness und ging, indem sie die Marquise ehrfurchtsvoll grüßte, weg.
Acht Tage später kam die Baroness wieder auf diesen Gegenstand zurück, aber wahrend dieser acht Tage hatte sich die Marquise, welche Zeit gehabt, über ihre Lage nachzudenken, ein solches Arsenal von schlechten Gründen gesammelt, daß die Baroness einsah, daß es ein vergebliches Bemühen bei ihrer Mutter sein würde, und sie bestand nicht langer darauf. Die Diamanten, welche die Baronin forderte, waren das Eigentum der Marquise, sie hatte das Recht, sie ihr zu geben und zu verweigern. Nur deswegen zog sich die arme Frau mit zerrissenem Herzen zurück, weil sie erkannte, daß das einzige Mittel, um auf vernünftige Weise gegen das Schicksal zu kämpfen, ihr durch eine ihrer Launen geraubt sei, welche die Erziehung in den Geist, nicht aber in das Herz ihrer Mutter gelegt hatte.
Am nämlichen Tage schrieb die Baroness an Herrn Duval, daß sie am nächsten Sonntage ihn, seine Frau und ihren Sohn, wenn sie nichts besseres zu tun hätten, einlade, den Tag in Hendon zuzubringen.
Die gute Familie kam gegen Mittag an. Ob«gleich die Angelegenheiten des Herrn Duval mehr und mehr sich verbesserten und er bereits Associé des Hauses geworden war, in welchem er früher als Commis stand, war er das geblieben, was er früher war, das heißt ein einfacher und ehrbarer Mann, der das Vertrauen der Herzogin de Lorges und die Freundschaft der Frau von Marsilly verdiente.
Die Marquise sah indessen mit Missvergnügen das, was sie eine Neigung ihrer Tochter, zu den kleinen Leuten hinabzusteigen, nannte. Sie hatte ihr schon oft ihr viel zu intimes Verhältnis mit Duvals vorgeworfen und als ihr die Baronin den außerordentlichen Dienst in das Gedächtnis zurückrief, welcher den Grund zu diesem Verhältnis gelegt hatte, da war die Marquise gezwungen, die Verpflichtungen anzuerkennen, welche sie gegen den würdigen Officianten hatte, suchte sie aber zu schwächen, indem sie sagte, daß er nichts anders getan habe, als was jeder ehrbare Mann an seiner Stelle getan haben würde. Und doch war dieses gewiss noch ein Verdienst in jener Epoche, in welcher es so wenig ehrbare Leute gab.
So kam es, das, nachdem die Marquise am Abende' zuvor von dem Besuche in Kenntnis gesetzt worden, der am folgenden Tage stattfinden sollte, sie in dem Augenblicke, in welchem die Familie Duval in den Salon eintrat, ihrer Tochter sagen ließ, daß sie sie bei ihren Gästen entschuldigen möchte, daß sie' aber die Migräne bekommen habe.
Ihrer Gewohnheit gemäß schloss Cäcilie die Türe ihres Gartens vor Eduard, welcher damals ein großer Junge von neun oder zehn Jahren, und unfähiger als je war, das Leben der Blumen zu begreifen, die Vögel in Ruhe zu lassen, und mit dem Schmerze der Schmetterlinge Mitleid zu haben.
In Folge der besonderen Sorgfalt, welche Herr Duval auf die Erziehung Eduards verwendet hatte, und die, wenn sie auch nicht so poetisch, doch wenigstens ebenfalls so vollkommen, als jene war, welche Frau von Marsilly Cäcilien gegeben hatte, machte Eduard auf der Stelle nicht bloß die verwickelsten Multiplikationen, sondern er dividierte auch auf die schwierigste Weise, nicht bloß mit der Feder in der Hand, auch im Kopfe.
So war das teure Kind der Stolz seines Vaters.
Nach dem Mittagessen bat die Baronesse Herrn Duval, mit ihr in ihr Kabinett zu gehen.
Dort angelangt, bat sie ihn, sich niederzulassen; sie zog dann ein Fach heraus, nahm aus demselben ein Kästchen, welches ihre einzigen Diamanten enthielt; d. h. zwei paar Ohrenringe und ein Kreuz, und setzte ihm mit aller Einfachheit der Seelengröße aus einander, in welcher Verlegenheit sie sich befinde, und daß sie ihn bitte, bei seiner Rückkehr nach London diese Edelsteine bei irgend einem ehrbaren Juwelier zu Geld zu machen, und ihr dieses Geld zu über schicken.
Herr Duval beeilte sich, zur Verfügung der Baronin dieselbe Summe zu stellen, ohne daß sie notwendig hätte, die Diamanten zu verkaufen, und wiederholte ihr das, was ihr die Herzogin de Lorges und ihre Mutter schon zwanzigmal gesagt hatten, daß nämlich ein solcher Zustand nicht von Dauer sein könne. Aber die Baronin lehnte dieses Anerbieten mit jenem Danke ab, welcher nicht verletzen kann, und. mit jener Bestimmtheit, welche nicht erlaubt, daß man darauf bestehe. Als die Baronesse sich der verbindenden Delikatesse des Herrn Duval ganz hingab und ihm sagte, daß die Diamanten ganz neu mit fünfzehntausend Franken bezahlt worden seien, fügte sie bei, daß sie jetzt keinen höheren Werth als von acht- bis neuntausend haben werden, wie sie bestimmt glaube.
Das hieß dem Herrn Duval sagen, daß er nichts gewinnen würde, wenn er es versuchen wollte, sie über den wahren Wert der Diamanten zu täuschen.
Herr Duval war daher gezwungen, sogleich auf die Hoffnung zu verzichten, der Baronesse mehr zuzustellen, als die Diamanten wirklich wert waren.
Nachdem diese kleine Angelegenheit geordnet war, kehrten die Baronesse und Herr Duval m den Salon zurück, in welchem die beiden Kinder unter der Aufsicht der Madame Duval spielten, und die Unterhaltung lenkte sich nun natürlich auf die Ereignisse der Zeit.
Die Epoche der Expedition nach Ägypten war eingetreten; indem sich Bonaparte aus Frankreich entfernte, schien er die Natur des Sieges mitgenommen zu haben. Die ihres Anführers beraubten Franzosen ließen sich in Italien und in Deutschland schlagen. Das Direktorium beging gewaltige Albernheiten in Frankreich. Die auswärtigen Niederlagen und diese innerlichen Albernheiten wurden in der Ferne noch vergrößert, es ging daraus hervor, daß die Hoffnungen der Emigranten sich vergrößerten, und daß die Baronin nicht ganz an der Zukunft zweifeln konnte. Überdies hieß, an der Zukunft mit der Überzeugung zweifeln, daß sie die gute Sache nicht unterstützen würde, fast so viel, als an Gott zweifeln.
Am folgenden Tage erhielt die Baronesse durch Madame Duval die Bezahlung für ihre Diamanten, die Summe von neuntausend Franken.
Um keinen Zweifel übrig zu lassen, war dieser Summe die Schätzung eines der ersten Juweliere Londons beigefügt.
X.
Symptome
Diese neuntausend Franken reichten der Baronin zum Leben für zwei Jahre hin. Aber während dieser zwei Jahre hatten sich bedeutende Ereignisse zugetragen, statt daß jedoch diese die Lage der Royalisten verbessert hätten, raubten sie ihnen jede Hoffnung.
Bonaparte war aus Ägypten zurückgekommen, hatte den achtzehnten Brumaire durchgemacht, sich zum Konsul ernannt, und die Schlacht von Marengo gewonnen.
Es gab wohl noch einige Optimisten, welche sagten, daß der junge General für die Bourbons arbeite, und daß er, wenn er mit den Jakobinern fertig geworden sei, den Scepter in die Hände des legitimen Königs niederlegen werde; aber die, welche die Sachen mit einem gesunden Auge betrachteten, glaubten auch nicht ein einziges Wort davon.
In Erwartung der Dinge zitterte Europa vor dem Sieger von Lodi, von den Pyramiden und von Marengo.
Die Baronesse wartete bis auf den letzten Augenblick, um bei der Marquisin einen neuen Versuch zu machen. Diese hatte, seitdem die Frage erhoben worden war, auch nicht eine Silbe mehr hierüber gesagt; sie beunruhigte sich auf keine Weise darüber, wovon ihre Tochter lebe, und sie hatte sie auch nicht ein einziges mal gefragt, welches ihre Hilfsquellen seien.
Deswegen erschien die Marquisin sehr erstaunt, als ihre Tochter aufs Neue von ihren Diamanten sprach.
Wie das erste mal, erschöpfte die Marquise alle Gründe, welche sie in ihrem Geiste sinken konnte, um ihren so kostbaren Schmuck zu verteidigen; aber diesmal war der Kampf hitzig, denn die Baronin bestand mit so viel Ehrfurcht, Würde und Ruhe darauf, daß endlich die Marquise, indem sie tief seufzte, sich gezwungen sah, aus ihrer Kassette ein Collier herauszunehmen, welches ungefähr fünfzehntausend Franken Wert war.
Die Baronin bestand wiederholt darauf, daß man einen einzigen Verkauf und zwar von Allem dem vornehme, was übrig geblieben sei, und daß man die fünfzigtausend Franken, welche man daraus erlösen könne, bei der Bank anlege; allein bei diesem Vorschlage schrie die Marquise dermaßen, daß Frau von Marsilly erkannte, jeder Versuch dieser Art sei erfolglos.
Die Marquise verlangte überdies noch, daß ihr von der Verkaufssumme des Collier die Summe von tausend Talern zugestellt werde, um dieselbe zu ihren kleinen persönlichen Ausgaben verwenden zu können. Frau von Marsilly verschaffte sich die fünfzehntausend Frank auf dieselbe Weise, auf welche sie sich die neuntausend Frank verschafft hatte. Wie das erste mal bot Herr Duval alle möglichen Dienste an; aber Frau von Marsilly wies sie, wie das erste mal, zurück.
Inzwischen wuchs Cäcilie heran, sie war jetzt ein schönes Mädchen von zwölf Jahren, ernst und sanft, zärtlich und religiös, sie hatte das Gesicht eines Engels in all seiner Frische, die Seele ihrer Mutter mit aller ihrer Reinheit, das heißt, wie sie gewesen war, ehe sie von dem Unglücke niedergeschmettert worden.
Oft betrachtete ihre Mutter sie, wie sie wuchs und blühte in der Mitte ihrer Rosen, ihrer Freundinnen, Gefährtinnen, Schwestern; dann dachte sie, daß das Kind in drei Jahren zu einer Frau reif sein würde, und sie seufzte tief, sie fragt: sich, welche Zukunft diesem merkwürdigen Geschöpfe der Natur vorbehalten sei.
Eine Sache beruhigte Frau von Marsilly vorzüglich, nicht wegen ihr selbst, sondern ihres Kindes wegen, sie fühlte, daß unter diesem nebeligen Klima von England, in Mitte dieser ewigen Vorsicht, welche für sie und ihre Tochter erheischt wurde, ihre Gesundheit anfing, zerrüttet zu werden. Frau von Marsilly hatte immer eine schwache Brust gehabt und obgleich sie das zweiunddreißigste Jahr erreicht hatte, ohne einen ernsten Anfall erlitten zu haben»so hatte sie doch nie ganz den organischen Fehler beseitigen können, der seit einiger Zeit, vorzüglich im Herbste, ihr diese Leiden zuzog, welche schreckliche Symptome einer nicht zu heilenden Krankheit waren.
Indessen war es unmöglich, daß Jemand außer ihr diesen unsichtbaren Kummer bemerkt hätte. Im Gegenteile mußte den Augen anderer ihre Gesundheit besser scheinen, als sie je war. Ihr gewöhnlich blasser Teint färbte sich mit einem Roth, welches das einer zweiten Jugend schien. Ihre Stimme, die gewöhnlich etwas schwach war, und die das Unglück und die Traurigkeit dumpf gemacht hatten, belebte sich manchmal durch einen regen und scharfen Akzent, der nichts anders als die Aufregung des Fiebers war, den man aber für ein Übermaß an Lebenskraft halten konnte.
In der Tat war Fräulein de la Roche-Bertaud als junges Mädchen nicht so schön und liebenswürdig gewesen, als es Frau von Marsilly war.
Aber diese Symptome der Zerstörung ihrer Gesundheit entgingen ihr nicht; gegen das Jahr 1802, in dem Augenblicke, in welchem sich die Tore Frankreichs den Emigranten wieder öffneten, hatte sie einen Augenblick lang den Gedanken, nach Frankreich zurückzukehren, obgleich das Hotel in der Straße Verneuil verkauft war, obgleich ihre beiden Landgüter in der Normandie und die drei Güter in der Touraine und in der Bretagne veräußert waren, und zwar zu sehr geringen Preisen an Spekulanten, welche ein Geschäft daraus machten, nationale Ländereien zu kaufen, wie man es zu jener Epoche nannte. Aber es war ein bedeutungsvoller Umstand, nach Frankreich zurückzukehren, ohne hinsichtlich des Vermögens gesichert zu sein; eine Wohnungsveränderung, ein Verkauf, eine Reise brachten den kleinen Hilfsquellen der Baronin einen schrecklichen Nachtheil. Die Marquise trieb wohl ihre Tochter an, das Meer zu durchschiffen, und ihren Rang und ihren Titel in Paris wieder anzunehmen, und sie behauptete, daß sie, wenn sie nur einmal in Paris sein würde, durch ihre alten Bekannten in der Hauptstadt Mittel finden werde, den Aufkäufern an die Kehle zu gehen, welche sich so unbefugter Weise der Hotels, der Landgüter und der Schlösser bemächtigt hatten. Wie man leicht begreifen wird, hatte die Baronin kein großes Vertrauen auf die ökonomische Geschicklichkeit ihrer Mutter, sie entschloss sich daher, noch zu warten, ehe sie einen Beschluss fassen würde.
So erreichte man das Jahr 1803. Cäcilie zählte dreizehn Jahre, schien aber fünfzehn alt. Ihr Herz hatte, indem es ganz die Gefühle eines jungen Mädchens annahm, seinen kindlichen Glauben bewahrt, und, die Spiele mit Eduard ausgenommen, welche übrigens seit zwei oder drei Jahren außerordentlich zurückhaltend geworden waren, hatte sie nie mit einem andern Manne, als mit Herrn Duval gesprochen. Die Vorsorge ihrer Mutter hatte vollkommen zu ihrer Erziehung genügt.
Diese Erziehung war überhaupt mehr eine ausgezeichnete, als eine höhere; sie verstand Alles, was eine Frau von der Welt wissen mußte, um sich desselben zu bedienen, nicht um es zu lehren; das Englische und Italienische waren hiervon allein ausgenommen. Sie zeichnete auch auf eine bezaubernde Weise Blumen und Landschaften; allein ihr Talent beschränkte sich auf das Aquarell und erhob sich nicht bis zu der Ölmalerei. Sie spielte auch auf dem Piano, um sich zu begleiten, wenn sie mit ihrer sanften, lieblichen, biegsamen, vibrierenden Stimme irgend eine zärtliche Romanze, oder einen melancholischen Abendgesang sang; aber es würde ihr nie der Gedanke gekommen sein, Effekt machen zu wollen, wenn sie eine Sonate oder eine Arie sang. Es ist wahr, daß sie sich oft auf ihrem Piano seltsamen Improvisationen hingab, wunderbaren Träumen mit unbekannten Melodien, aber das war, wenn man so sagen darf, die Musik ihres Herzens, welche aus demselben unwillkürlich hervorquoll. Nebst dem kannte sie Geschichte und Geographie auf eine ausgezeichnete Weise, aber sie glaubte im Ernste, sie nur darum gelernt zu haben, damit sie im Falle des Gefragtwerdens darauf antworten könne.
Was die Sprachen betraf, so wußte sie nicht, daß es ein Talent sei, mehrere Sprachen zu sprechen, und sie sprach sie ohne Unterschied; das Italienische und Französische mit ihrer Mutter, englisch mit der Dienerschaft und mit den Lieferanten.
Inzwischen hatte die gute Familie Duval, welche fortfuhr glücklich zu sein, die Verbindungen mit der Baronin aufgegeben. Tausendmal hatte Herr Duval die Marquise, die Frau von Marsilly und Cäcilie eingeladen, eine Woche, vierzehn Tage, oder einen Monat in ihrem Hause zu London zuzubringen. Aber Frau von Marsilly hatte es immer abgelehnt, sie wußte, wie leicht es ist, auf die Seele eines Mädchens von vierzehn Jahren Eindrücke zu machen, und sie zitterte da«vor, in das ruhige und eingezogene Leben Cäciliens irgend ein Verlangen eindringen zu lassen, welchem nicht genügt werden konnte. So oft sie dagegen die Familie Duval's sah, warf sie ihr die Seltenheit ihrer Besuche vor, und sei es nun, daß er durch diesen Vorwurf aufgeregt wurde, oder daß er irgend einen Entschluss hegte, den er Niemand mitteilte, Herr Duval fing in der Tat an, viel häufiger in der kleinen Einsiedelei zu erscheinen, in welcher seine Ankunft, so wie die seiner Gattin und seines Sohnes, stets mit dem größten Vergnügen begrüßt wurden, die Marquise ausgenommen, welche mit ihren aristokratischen, uns bereits bekannten Ideen, mehr als einmal ihr Staunen über die Neigung aussprach, welche ihre Tochter gegen diese Bürgerlichen hegte. Indessen hatte sie ihren Entschluss gefasst und seit langer Zeit, wenn die Familie Duval ihre Sonntage in Hendon zubrachte, kam die Marquise zum Mittagessen. Dann aber machte sie große Toilette, schmückte sich mit dem, was ihr von Diamanten geblieben war, was ihr, nach ihrer Meinung eine große' Überlegenheit über Madame Duval gab, die man stets im einfachsten Anzuge und ohne den geringsten Schmuck sah.
Alle diese kleinen Affectationen machten der Baroness außerordentlich viel zu leiden, allein sie erlaubte sich ihrer Mutter gegenüber auch nicht die geringste Bemerkung.
Herr und Madame Duval schienen übrigens diese Regungen der Marquise nicht zu bemerken,oder, wenn sie etwas davon merkten, gaben sie sich das Ansehen, es sehr natürlich zu finden; jedoch konnte man leicht wahrnehmen, daß sie der Baronin Dank wusste, weil sie sich gegen sie ganz anders benahm, als die Marquise.
Cäcilie, das anbetungswürdige Kind, hatte nicht die geringste Idee von allen diesen sozialen Unterschieden; sie wusste, daß Herr Duval ihrer Mutter einen großen Dienst geleistet habe. Sie lachte, wenn sie eintrat, sie reichte ihm die Hand, wenn sie hinausging, sie nahte Madame Duval fast so oft, als ihrer Mutter, und sagte, sie möchte wohl einen Bruder haben wie Eduard.
Diese treffliche und liebenswürdige Herzlichkeit rührte diese guten Leute bis zu Tränen, und Während ihres ganzen Heimweges, oft auch den folgenden Tag hindurch, richtete sich ihre Unterhaltung aus die Baroness und auf Cäcilien.
Es waren wieder einige Monate mehr entschwunden und mit ihnen hatten sich die Mittel der Baronin vermindert. Wie gesagt, hatte die Marquise, als sie ihr ihre Diamanten zustellte, verlangt, daß eine bestimmte Summe ihr ausgehändigt werde. Die Baronin hatte sie ihr zugestellt, und sie hatte diese Summe in bloßen Geringfügigkeiten vergeudet.
Es gab eine viel peinlichere Scene, als die bereits erzählte, als Frau von Marsilly einen neuen Schritt bei ihrer Mutter tun mußte. Die Marquise begriff nicht, wie in, so kurzer Zeit der Preis für dieses Collier verschwunden sei, und die Baronin mußte ihr den Datum in das Gedächtnis zurückrufen, und die Verwendung des Geldes nachweisen, wenn sie ihren Bitten nachgeben sollte. Sie stellte hierauf ihrer Tochter eine Agrafe zu, welche ungefähr zehntausend Frank wert sein konnte.
Frau von Marsilly schrieb wie gewöhnlich an Herrn Duval, und Herr Duval kam wie gewöhnlich herbei. Er fand die Baronin schrecklich verändert, obgleich es keine acht Tage waren, seit er sie gesehen hatte, ihr Gesicht konnte die Spuren der Tränen nicht verleugnen.
Selbst Cäcilie, welche keinen Begriff von der Lage ihrer Mutter hatte und nicht, wußte, daß das arme Kind auf dieser Welt verlassen sei, hatte seit zwei oder drei Tagen die Traurigkeit ihrer Mutter wahrgenommen, eine Traurigkeit, welche so zu sagen die physischen Leiden offen an den Tag legte, welche sie bisher unter dem Schleier ihrer ununterbrochenen Heiterkeit verborgen hatte.
Cäcilie erwartete also Herrn Duval und als er anlangte, hielt sie ihn im Korridor an.
»O, mein Gott, mein Herr Duval,« sagte sie, »ich habe Sie mit Unruhe erwartet; meine Mutter ist sehr traurig und sehr unruhig. Ich habe sie gefragt, was sie habe, allein sie betrachtet mich wie ein Kind, und will mir nichts sagen. Herr Duval, wenn Sie etwas für sie tun können, so bitte ich Sie, es zu tun.«
»Meine teure Cäcilie,« erwiderte der brave Mann, indem er sie zärtlich betrachtete,« ich habe Ihrer Frau Mutter mehr als einmal alle die kleinen Dienste angeboten, welche ich ihr erweisen kann; aber stets wurden sie abgelehnt. Ach!« fügte er seufzend hinzu, ich bin nicht ihres Gleichen, und darum nimmt sie nichts von mir an.«
»Sie sind nicht ihres Gleichen, mein lieber Herr Duval? Ich verstehe Sie nicht recht. Empfängt Sie meine Mutter, wenn Sie uns besuchen, anders, als Sie empfangen zu werden wünschen?«
»O, nein, Gott sei Dank, die Frau Baronin ist im Gegenteil voll Güte für mich.«
»Sollten Sie sich vielleicht zufälliger Weise über mich zu beklagen haben, mein lieber Herr Duval? In diesem Falle, ich schwöre es Ihnen, wäre es ohne meine Absicht geschehen, wenn ich je etwas getan haben sollte, was Ihnen unangenehm war, und ich bitte Sie deshalb vielmals um Vergebung.«
»Ah, wie sollte ich mich über Sie beklagen können, mein teures Kind?« rief Herr Duval, hingerissen von der Zärtlichkeit gegen Cäcilien.
»Eben so gut würde man sich über einen Engel des Himmels beklagen können; ich sollte mich über Sie beklagen, o, nein, nein!«
»Aber was hat denn meine Mutter?«
»Was sie hat? Ich weiß es,« sagte Herr Duval.
»O, wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir. . . . und wenn ich etwas vermag. . . .«
»Sie vermögen viel, mein Kind.«
»O, so sagen Sie es.«
»Ich will zunächst Ihre Frau Mutter sehen, ich will aufrichtig mit ihr sprechen, und wenn sie das genehmigt, was ich ihr sagen werde,. . . . wohlan, so ist es an Ihnen, die Gnade zu erflehen, von welcher vielleicht das Glück von uns Allen abhängt.«
Cäcilie betrachtete Herrn Duval mit großen, er«staunten Augen; allein dieser drückte ihr, ohne ein Wort zu sagen, die Hand und trat zu Frau von Marsilly ein.
XI.
Entwürfe
Wie wir gesagt haben, traf Herr Duval Frau von Marsilly so verändert, daß seine ersten Worte waren, sie zu fragen, ob sie krank sei? Frau von Marsilly machte mit dem Kopfe ein Zeichen, daß dies nicht der Fall, reichte Herrn Duval die Hand und bat ihn, sich zu ihr zu setzen.
»Mein lieber Herr Duval,« sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen, »ich habe wohl nicht nothwendig, Ihnen zu sagen, warum ich Sie habe rufen lassen, Sie zweifeln wohl nicht daran?«
»Ach, ja, Frau Baroness,« antwortete der brave Geschäftsmann, »und ich gestehe Ihnen, daß ich bei dem Empfange Ihres Briefes mir gelobte, mit Ihnen eine Erörterung zu beginnen, wenn Sie es erlauben werden.«
»Ich höre Sie, mein teurer Herr,« versetzte die Baronin, »wir sind gegen einander so vertraut, daß es erlaubt sein wird, gegenseitig kein Geheimnis zu haben; überdies bin ich überzeugt, daß Sie diese Erörterung aus Teilnahme, nicht aus Neugierde verlangen.«
»Frau Baroness entgegnete Duval,« sich verbeugend,« es ist das dritte mal, daß Sie mir Diamanten zu verkaufen geben, und ich weiß nicht, ob Ihnen noch viel übrig bleibt.«
»Ungefähr für dieselbe Summe, die Sie mir schon zugestellt haben.«
»Nun, so erlauben Sie mir eine Bemerkung, wenn Sie sie alle zusammen und auf einmal verkauft hätten, so würden Sie sechzig oder siebzigtausend Livres auf einmal bekommen haben; diese siebzigtausend Livres bei der Bank von England angelegt, würden Ihnen eine Rente von hundertachtzig Pfund Sterling abgeworfen haben, und wenn Sie ein oder zweitausend Franken jährlich dieser Rente beifügten, so würden Sie haben leben können.«
»Ich weiß es, und dies war auch mein erster Gedanke; aber diese Diamanten gehören nicht mir, sondern meiner Mutter, und als ich ihr dieses Mittel vorgeschlagen habe, hat sie es förmlich verworfen.«
»O, daran erkenne ich sie,« versetzte Herr Duval, »das ist zu vernünftig für sie. . . .«Dann, indem er sich fasste, fuhr er fort: »Verzeihen Sie mir das, was ich sagte, Frau Baroneß, aber es ist mir unwillkürlich entwischt.«
»O, das hat nichts zu sagen, mein lieber Freund; meine Mutter hat einige Lächerlichkeiten, ich weiß es wohl; aber ich habe auch gesehen, daß Sie, der Sie das oft bemerkten, die Güte hatten, nicht darauf zu achten. Um indessen auf den Gegenstand meines Briefes zurückzukommen, so empfangen Sie hier, mein lieber Herr Duval, eine Agrafe, welche zehntausend Franks ungefähr wert ist, und ich bitte Sie, sie zu Geld zu machen.«
»Sehr gerne,« erwiderte Herr Duval, indem er die Agrafe in seiner Hand hin und her drehte; »das heißt, wenn ich sage, sehr gerne, so ist es eine Art, so zu reden, denn ich gestehe es Ihnen, daß es mir schwere Sorge macht, wenn ich sehe, wie Sie sich so nach und nach aller Reste Ihres Glückes berauben.«
»Was wollen Sie, mein lieber Duval?«entgegnete die Baronin mit einem melancholischen Lächeln, »wir müssen die Prüfungen hinnehmen, die Gott uns sendet.«
»Aber nach Ihrem eigenen Geständnisse, Frau Baroness,« fuhr Duval fort, »und ich muß Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich darauf zurückkomme, aber nach Ihrem eigenen Geständnisse haben Sie schon die Hälfte Ihrer Diamanten veräußert. Mit dieser Hälfte haben Sie sechs oder sieben Jahre gelebt, und mit der andern Hälfte werden Sie auch noch sechs oder sieben Jahre leben; aber dann, was soll dann aus Ihnen werden?«
»Was dem Herrn gefällt, Herr Duval.«
»Und Sie haben keine Entwürfe gemacht?«
»Keine.«
»Keine Hoffnung für die Zukunft?«
»Ich habe die Hoffnung, daß der König Ludwig XVIII. nach Frankreich zurückkehren, und daß man uns die Güter zurückgeben wird, welche man uns konfisziert hat.«
»Ach, Frau Baroness, Sie wissen wohl, daß dieses eine Hoffnung ist, die täglich schwacher wird. Bonaparte machte sich, nachdem er General en Chef gewesen war, zum Consul, darauf zum ersten Consul, und jetzt, sagt man, daß er sich zum Kaiser machen wolle. Sie sind keine von denen, welche glauben, daß er den Thron den Burbonen zurückgeben werde.«
Die Baronin machte mit dem Haupt eine verneinende Bewegung.
»Nun, ich wiederhole es Ihnen, was werden Sie beginnen, wenn diese fünf oder sechs Jahre verflossen sein werden?«Die Baronin seufzte, antwortete aber nichts.
»Fräulein Cäcilie zählt vierzehn Jahre,« bemerkte Herr Duval.
Die Baronin vergoss eine Träne.
»In zwei oder drei Jahren muß man daran denken, sie zu verheiraten.«
»O, mein lieber Herr Duval,« rief Frau von Marsilly,« sprechen Sie doch nicht davon; wenn ich an das Schicksal denke, welches dieses teure Kind erwartet, dann könnte ich an der Vorsehung zweifeln.«
»Und Sie haben Unrecht, Frau Baroness, man darf nicht glauben, daß Gott seine Engel, wie dieser einer ist, auf die Erde herab sendet, um sie zu verlassen; sie wird irgend einem jungen edlen Manne Liebe einflößen, und dieser wird ihr ein reiches, glückliches und geehrtes Leben bereiten.«
»Ach, mein lieber Herr Duval, Cäcilie ist arm, und solche Hingebungen sind selten, wer sollte sie übrigens hier suchen? Seit den zehn Jahren, welche wir hier wohnen, sind Sie und Eduard die einzigen Männer, welche dieses Haus betraten. Aber entschuldigen Sie, mein lieber Herr Duval, daß ich vergessen habe, Sie um Nachrichten von Ihrer Frau und Ihrem Sohne zu fragen; wie befindet sich Madame Duval, wie geht es dem lieben Eduard?«
»Dem Himmel sei Dank, beiden geht es gut; ich danke Ihnen, Frau Baroness, und ich bin vorzüglich mit meinem Sohne sehr zufrieden; er ist ein braver Junge, für den ich, wie für mich selbst gut stehe, und der, ich bin überzeugt, eine Frau einst glücklich machen wird.«
»Er würde das Beispiel seines Vaters vor Augen haben,« sagte lächelnd die Baroness, »und er wird ihm folgen, ich hoffe es. Ja, Sie haben Recht, es wird eine glückliche Frau werden, welche Eduard heiraten wird.«
»Ist das wirklich Ihre Meinung, Frau Baroness?«fragte Duval lebhaft.
Ohne Zweifel, welchen Grund sollte ich haben, die Wahrheit nicht zu sagen?«»O, ich habe gewusst, daß Sie mir hierauf antworten, wie man auf einen andern Gegenstand antwortet, oder vielmehr, daß es geschah, um mir Vergnügen zu machen.«
»Nein, ich habe Ihnen nach meinem Herzen geantwortet.«
»Ja, wenn Sie mir das versichern, so ermutigt es mich, Frau Baroness. Hören Sie, ich bin hierher gekommen, um mit Ihnen von einem Entwurf zu sprechen. Als ich zu London war, schien mir nichts einfacher, als dieser Entwurf; allein je mehr ich mich Hendon genaht habe, je mehr fühlte ich, daß dieser Entwurf etwas Gewagtes, etwas Kühnes, ich möchte fast sagen etwas Lächerliches habe.«
»Ich verstehe Sie nicht, Herr Duval?«
»Ein Beweis, daß mein Entwurf keinen gewöhnlichen Sinn hat.«
»Warten Sie,« entgegnete die Baronin, »ich glaube indessen. . . .«
»Sie lächeln, davon bin ich überzeugt; ich habe Ihnen gesagt, daß Fräulein Cäcilie einen Mann sehr glücklich machen würde; Sie haben nur gesagt, daß Eduard eine Frau sehr glücklich machen würde . . .«
»Herr Duval. . .!«
»Verzeihen Sie, Frau Baroness, es ist eine große Kühnheit, ich weiß es, und glauben Sie nicht, daß ich den Zwischenraum vergesse, der uns trennt. Aber in der Tat, wenn ich an den Zufall denke, welcher zwei so getrennte Leben, wie die unsrigen waren, sich nahe brachte, dann erlaube ich mir zu hoffen, daß die Vorsehung den Willen habe, meine Familie zu ehren und zu segnen. Dann, sehen Sie, Frau Baroness, würde dieses da viele Dinge ausgleichen. Ich spreche nicht von meinem kleinen Vermögen; ich habe es Ihnen angeboten, Sie haben es zurückgewiesen; aber Sie wissen, daß in England der Handelsstand angesehen ist; nun, mein Sohn wird Banquier werden. . . . O, mein Gott, ich weiß sehr gut, daß Madame Eduard Duval kurzweg genannt zu werden, sehr wenig für die Tochter der Frau Baroness von Marsilly ist, und für die Enkelin der Frau Marquise de la Roche-Bertaud; aber sehen Sie, wenn mein Eduard Herzog wäre und wenn es Gott gefiele, daß er Millionen zu den Füßen Cäciliens legen könnte, er würde sie ihr zu Füßen legen, wie die drei- oder viermal hunderttausend Frank, welche wir besitzen. Und Sie weinen nun?«
»Ja, ich weine, mein lieber Herr Duval, denn Ihr Vorschlag, und besonders die Art, womit Sie ihn gemacht haben, geht mir zu Herzen. Wenn ich allein in dieser Sache zu befragen wäre, so würde ich Ihnen, mein lieber Herr Duval, die Hand reichen und Ihnen sagen: Ein solcher Vorschlag überrascht mich nicht, denn er kommt von Ihrem Herzen, und ich nehme ihn an. Aber Sie wissen das wohl, ich muß mit Cäcilien, ich muß mit meiner Mutter davon sprechen.«
»O!« entgegnete Herr Duval, »was Fräulein Cäcilien betrifft, so glaube ich wohl, daß es von ihrer Seite gehen würde. Vor einem Jahre stieg dieser Gedanke in mir auf, und seit dem beobachte ich sie, wenn sie mit Eduard beisammen ist. Gewiß liebt sie ihn nicht, ich weiß es wohl, daß einem jungen Mädchen aus einer Familie wie Fräulein Cäcilie nie der Gedanke gekommen sein würde, daß sie einen Menschen, der Nichts ist, wie mein Sohn, lieben könne. Aber sie kennt ihn nun seit langer Zeit, sie verabscheut ihn nicht, und wenn sie weiß, daß es Ihnen Vergnügen macht, so wird sie sich gewiss dazu entschließen. Aber was die Frau Marquise de la Roche-Bertaud betrifft, so gestehe ich Ihnen, daß ich mich auf dieser Seite im Voraus für geschlagen halte.«
»Lassen Sie mich diese Angelegenheit leiten, mein lieber Herr Duval,« sagte die Baroness, »ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mein Bestes tun werde.«
»Nun, Frau Baroness,« bemerkte Duval, indem er die Diamanten-Agrafe in seinen Händen hin- und herdrehte, »nun scheint es mir, nachdem die Sachen zwischen uns auf diesen Punkt gekommen sind, unnütz. . . .«
»Mein lieber Herr,« unterbrach ihn die Baroness; »noch ist nichts entschieden; Sie wissen es, ich habe es Ihnen gesagt. Aber, wenn auch Alles entschieden wäre, so zählt Cäcilie doch erst vierzehn Jahre, und erst in zwei Jahren würden wir ernstlich über die Sache sprechen können. Dieses abwartend, bitte ich Sie, mir den Dienst zu erzeigen, wegen dessen ich Sie um die Güte gebeten habe, zu mir zu kommen.«
Herr Duval sah wohl, daß es kein Mittel gebe, die Baroness zu einer entschiedenen Antwort vor Ablauf der festgesetzten Frist zu bringen; er erhob sich, und schickte sich an, wegzugehen. Die Baroness versuchte vergebens, ihn beim Mittagessen zurückzuhalten; Herr Duval hatte Eile, seiner Frau die Hoffnung zurückzubringen, welche er gefasst hatte. Er ging weg, indem er auf's Neue die Interesse Eduards der Frau von Marsilly empfahl.
Der erste Gedanke der Baronin, als sie sich allein befand, war der, dem Himmel zu danken; ohne Zweifel würde jede andere an ihrer Stelle dieses Gluck nur als ein sehr mittelmäßiges betrachtet haben; allein zehn Jahre des Unglücks lehrten die Baroness die Dinge aus dem wahren Gesichtspunkte zu betrachten. Aus Frankreich verbannt, ohne irgend eine Hoffnung, da«hin zurückzukehren, zu Grunde gerichtet, ohne irgend eine Hoffnung, das zertrümmerte Glück wieder zu er«langen, von einer Krankheit befallen, welche den Menschen gewöhnlich nicht lange am Leben lässt, konnte sie für Cäcilien nichts Besseres wünschen, als die Gelegenheit, welche sich ihr darbot, ergreifen.
Woher kam ihr Unglück, woher kam ihre Verbannung, woher ihr Ruin? bloß von ihrem hohen Stande. Der Adel ist der Epheu des Königtums, das Königtum, indem es fiel, hatte den Adel mit sich gerissen, und sie, eines der schwachen Trümmer des großen umgestürzten Gebäudes, sie eilte dem Untergange in der Einsamkeit des Unglücks und in der Nach der Verbannung entgegen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde ein Mann der Kaste Cäcilien in ihrer Einsamkeit nicht aufgesucht haben. Überdies hatten die jungen Leute von Adel in diesem Augenblicke überhaupt wegen ihrer finanziellen Erschütterung notwendig reiche Erbinnen zu heiraten, um ihr Leben fristen zu können Cäcilie war arm, sie hatte nichts mehr, als ihren schönen Namen, aber der Namen der Frau verliert sich, wie man weiß, in dem des Mannes. Daher konnte man Cäcilien nicht ihres Namens, wegen suchen, und wir wiederholen es, Cäcilie hatte nichts, als ihren Namen.
Indessen darf man nicht glauben, daß die Baroness sich ohne einen Kampf entschloss; es war erforderlich, daß sie sich die Vorteile dieser Verbindung einen nach dem andern vergegenwärtigte, damit ihr Geist ohne eine gewisse Reue dabei verweilen, könnte, und dennoch hatte, wie wir gesehen haben, die Baronin mit Herrn Duval eine persönliche Verpflichtung nicht eingehen wollen sondern sie hatte eine doppelte Genehmigung zur Bedingung gemacht, die ihrer Tochter und die ihrer Mutter.
Was Frau von Marsilly gedacht hatte, trat ein; Cäcilie hörte mit einem mit Unruhe gepaarten Erstaunen das, was ihr die Baroness hinsichtlich ihrer Entwürfe für die Zukunft sagte. Als sie geendet hatte, fragte Cäcilie:
»Ich soll Sie verlassen, meine Mutter?«
»Nein, mein Kind,« entgegnete die Baroness, »es kann im Gegenteil das einzige Mittel sein, daß wir immer beisammen bleiben.
»In diesem Falle verfügen Sie über mich, was Sie tun werden, ist gut.«
Wie es die Baroness vorausgesehen hatte, empfand Cäcilie für Eduard nichts, als ein schwesterliches Gefühl; aber das gute Kind konnte sich in seinen Gefühlen täuschen; da sie nie einen andern Mann, als ihn und seinen Vater gesehen hatte, so wußte sie durchaus nicht, was Liebe sei.
' Sie willigte also ohne irgend eine Schwierigkeit ein, vorzüglich, weil ihr ihre Mutier gesagt hatte, daß dies das sicherste Mittel sei, damit sie nie getrennt würden.
Dasselbe geschah aber von der Marquise de la Roche-Bertaud nicht.
Bei den ersten Worten, welche die Baroness vor ihr über dieses Projekt fallen ließ, erklärte sie, daß dieses eine ungeheure Mesalliance sei, zu welcher sie nie ihre Zustimmung geben werde.
XII.
Der Mensch denkt
Am folgenden Sonntage kam, wie gewöhnlich, die Familie Duval zum Besuche bei der Baronin, welche sie auch allein empfing; die Marquise hatte ihre Migräne wieder.
Zwischen den beiden Familien wurde kein Wort gewechselt, was auf die zukünftige Heirat Bezug gehabt hätte, nur küssten sich Madame Duval und Frau von Marsilly, Eduard küsste Cäcilien die Hand, und Cäcilie errötete.
Es war offenbar, daß Alles von dem Projekte wußte, und daß dasselbe alle Wünsche des Herrn Duval, seiner Frau und seines Sohnes erfüllte. Die Herzen dieser drei flossen vor Freude über.
Was die Baronin betraf, so war sie nicht ohne eine stumme Traurigkeit; es war seit dreihundert Jahren vielleicht das Erste mal, daß man sich des Adels verlustig machte. Obwohl sie überzeugt war, daß dieser Verstoß gegen die aristokratischen Gesetze, welche ihren edlen Ahnen gehorcht hatten, bloß das Glück ihrer Tochter zum Zwecke habe, so konnte sie doch ihrer Unruhe nicht Herr werden.
Cäcilie betrachtete ihre Mutter. Seit einigen Tagen fing sie an, gewahr zu werden, daß ihre Gesundheit wanke; besonders an diesem Tage war, ohne Zweifel in Folge der statt gehabten Aufregungen, das Gesicht der Baroness einem heftigen Wechsel unterworfen; auf die lebhafteste Rothe folgte eine außerordentliche Blässe, und von Zeit zu Zeit peinigte ihre Brust ein zerreißender Husten. Bei dem Nachtisch erhob sich die Baronin und ging hinaus. Die beunruhigte Cäcilie folgte ihr nach und traf ihre Mutter an die Mauer des Korridors gelehnt, ein Sacktuch vor ihrem Munde. Als die Baronin ihre Tochter bemerkte, verbarg sie schnell ihr Sacktuch; aber dennoch nicht schnell genug, daß Cäcilien nicht Spuren von Blut wahrgenommen hätte. Cäcilie stieß einen Schrei aus, die Baroness erstickte ihn durch eine Umarmung, und dann gingen Beide in den Speisesaal zurück.
Auf der einen wie auf der andern Seite erzeugte dieser Vorfall eine Unruhe. Madame Duval hatte sich mit jener Teilnahme, welche jede Anschuldigung von Neugierde ausschließt, nach der Ursache erkundigt, welche die Baronin und Cäcilien nach einander hinausgerufen hatte. Die Baroness erwiderte, daß sie plötzlich unwohl geworden sei und Cäcilien waren einige Tränen entfallen.
Indem sie Abschied nahmen, bat Cäcilie Herrn Duval, am folgenden Tage unter irgend einem Vorwande den besten Arzt von London nach Hendon zu schicken, und Herr Duval versprach es ihr.
Als Cäcilie und ihre Mutter allein waren, brach die bisher in das arme Herz zurückgedrängte schmerzliche Aufregung los; sie hätte ihrer Mutter gerne ihre Unruhe verborgen, allein sie konnte sich noch nicht verstellen, am allerwenigsten konnte sie den Schmerz verbergen; denn Cäcilie war bisher noch nicht unglücklich gewesen.
Die Baroness hatte nicht den Mute, ihrer Tochter ihre eigene Unruhe zu verbergen; diese entschuldigte ja überdies ihre Projekte einer Verbindung der plebejischen Familie Duval mit der adeligen Familie Marsilly, und nun versuchte Cäcilie die Baroness zu trösten.
Es gibt in der Tat ein Alter, in welchem nichts unmöglicher scheint, als der Tod, und dieses Alter hatte Cäcilie erreicht. Im vierzehnten Jahre scheint in der Natur Alles ewig zu sein, weil es scheint, daß man in seinem Herzen eine Ewigkeit trage.
Am folgenden Tage stellte sich ein Freund des Herrn Duval der Baronin vor, er kam, wie er sagte, um aus Auftrag des verehrungswürdigen Banquiers, der Baronin die Summe von zehn tausend Frank zuzustellen, welche er an sie abzutragen habe. Diese Summe hatte Herr Duval am Abende zuvor in seinem Portefeuille mitgehabt; allein da ihn Cäcilie gebeten hatte, unter irgend einem Vorwand einen Arzt zu schicken, so hatte er seine Banknoten bei sich behalten und geglaubt, daß durch sie die Einführung des Arztes, als eine leichte und durchaus nicht vorbereitete Sache erscheinen wurde. Der Arzt ließ auch im Verlaufe des Gespräches merken, daß, da er einen Kranken in Hendon zu besuchen, sein Freund, Herr Duval, ihn beauftragt habe, den Auftrag an die Baronin zu vollziehen, der ihm nun die Ehre gebe, ihre Bekanntschaft zu machen.
Bei diesen Worten des Arztes ergriff Cäcilie die Gelegenheit, ihm die Besorgnisse auszusprechen, welche sie über das Befinden ihrer Mutter hege. Die Baronin lächelte traurig; mit dem Instinkte eines Kranken hatte sie sich nicht einen Augenblick über diese ganz kleine Komödie getäuscht, sie setzte daher dem Arzt, der einer der besten Ärzte Londons war, unbefangen die Symptome auseinander, welche sie fürchten ließen, daß ihre Gesundheit ernstlich angegriffen sei.
Der Arzt schien die Unruhe der Frau von Marsilly auf keine Weise zu teilen, aber nichts desto weniger traf er die Anordnung, daß die strengste Aufmerksamkeit und Pflege erforderlich sei. Dann fügte er im Wege der Unterhaltung und wie ein Mann, der nicht weiß, ob sein Rat befolgt werden kann, bei, daß höchst wahrscheinlich eine Verbesserung der Gesundheit herbeigeführt werden würde, wenn die Baronin sieben oder acht Monate auf Hyeres, zu Nizza, oder zu Pisa zubringen könne.
Cäcilien schien Nichts leichter, als dieser letzte Teil der Anordnung des Arztes. Sie war daher außerordentlich erstaune, als sie in ihre Mutter drang, dem Rate des Arztes zu folgen, und die Mutter ihr erwiderte, daß sie in Allem folgen werde, die Reise ausgenommen. Ihr Erstaunen vermehrte sich noch, als ihre Mutter, nachdem sie in sie gedrungen hatte, einen so bedeutungsvollen Rat nicht zu verschmähen, versicherte, daß sie zu arm seien, um eine solche Ausgabe w bestreiten.
Cäcilie wußte durchaus nicht, was Reichtum und was Armut sei. Ihre Blumen sproßten, blühten, starben ab, ohne irgend einen Unterschied zwischen ihnen; alle hatten einen gleichen Anteil an dem Wasser, welches ihre Wurzeln erfrischte, an der Sonne, die ihre Blüten entfaltete, sie glaubte, daß es bei den Menschen wie bei den Pflanzen sei, und daß sie alle den gleichen Anspruch auf die Güter der Erde und die Gaben des Himmels haben.
Die Baronin erzählte nun ihrer Tochter zum Ersten mal, daß sie reich gewesen, daß dies aber nun nicht mehr der Fall sei, daß sie ein Haus, Landgüter und Schlösser gehabt, daß aber dieses Alles verkauft worden, daß ihr von Allem nichts als dieser kleine Fleck geblieben sei, auf welchem sie jetzt lebten, und überdies war dieses kleine Landhaus nicht ihr Eigentum, sie benützten dasselbe nur, indem sie eine jährliche Summe bezahlten, und wenn sie ein einziges Jahr aufhören würden, diese Summe zu bezahlen, so würde man sie aus der Wohnung hinausschicken, ohne daß sie wüssten, wohin sie gehen sollten.
Hierauf fragte Cäcilie ihre Mutter, woher das Geld gekommen, von welchem sie bisher lebten, und ihre Mutter verheimlichte ihr nicht einen Augenblick, daß die Quelle, welche bald vertrocknen müsse, die Diamanten ihrer Großmutter feien, Das arme Kind fragte, ob es Nichts zum Wohle der Familie beitragen könne, und ob es nicht, da jedes gezwungen sei, entweder von einem erworbenen Vermögen, oder durch irgend einen Erwerb zu leben, auf die eine oder die andere Weise seiner Familie helfen könne. Jetzt erfuhr sie, daß in dieser Welt das Weib sein Schicksal empfange, nicht gestalte, daß ihr Geschick fast immer von ihrem Manne abhänge.
Cäcilie dachte daher an das, was ihr ihre Mutter, von einem Verbindungsprojekte mit der Familie Duval gesagt hatte, und indem sie sich in die Arme der Baronin warf, sagte sie: »O, meine Mutter, ich werde sehr glücklich sein, ich schwöre es Ihnen, Eduard zu heiraten.«
Frau von Marsilly erkannte wohl, welche Hingebung in diesem Entschluss Cäciliens liege und daß sie von dieser Seite wenigstens keinen Einwurf gegen ihre Projekte finden würde.
Die Tage verflossen, ohne irgend eine Änderung in der Lage der armen Familie herbeizuführen, die ausgenommen, daß die Baronin immer schwächer wurde; inzwischen wurden die Nachrichten für die Royalisten etwas besser, das Gerücht, daß Bonaparte den Thron den Bourbonen zurückgeben müsse, gewann einige Konsistenz. Man sprach von einem vollständigen Bruche zwischen den Jakobinern und dem ersten Consul, man versicherte, daß der König Ludwig XVIII. an Letzteren über diesen Gegenstand geschrieben, und daß er von dem jungen Sieger zwei Briefe bekommen habe, welche ihm nicht alle Hoffnung raubten.
Inzwischen langte ein Brief der Herzogin de Lorges an, welche seit dem vorigen Abend nach London zurückgekehrt war und der Frau von Marsilly ihren Besuch auf übermorgen ankündigte.
Die Nachricht erzeugte große Freude bei der Baronin und Cäcilie, die Marquise aber war ganz entzückt darüber. Sie sollte sich nun in ihrer Sphäre wieder finden, wieder jemand haben, mit dem sie plaudern, und, wie sie sagte, von diesen Duvals sich säubern könne.
Sie ließ nun Cäcilie auf ihr Zimmer kommen, was nur bei außerordentlichen Gelegenheiten der Fall war, und empfahl ihr, der Herzogin auch nicht ein Wort von den unsinnigen Heiratsprojekten zu sagen, von welchen ihre Mutter in einem Augenblicke der Verwirrung gesprochen habe. Dasselbe empfahl sie der Baronin, welche, da sie im voraus die Einwürfe erriet, welche ihr ihre edle Freundin machen würde, keinen Anstand nahm, Alles zu versprechen, was sie von ihr wollte.
An dem bestimmten Tage, um zwei Uhr Nachmittags, waren die Baronin, die Marquise und Cäcilie in dem Salon versammelt, ein Wagen hielt vor dem kleinen Landhaus an, man hörte den Hammer unter einer aristokratischen Hand ertönen: einige Sekunden später kündigte die Kammerfrau die Frau Herzogin de Lorges und den Chevalier Heinrich de Sennones an.
Es war schon sieben bis acht Jahre, daß sich die Herzogin und die Baroness nicht wieder gesehen hatten, sie umarmten sich, wie zwei alte Freundinnen, deren Liebe weder Zeit noch Trennung erkalten konnte, aber während dieser Umarmung konnte die Herzogin den peinlichen Eindruck nicht verbergen, welchen das sichtbare Altern, das sich in den Zügen der Baronin ausdrückte, auf sie machte. Die Baronin bemerkte es.
»Sie finden mich sehr verändert, nicht wahr?«sagte sie ganz leise zu der Herzogin; »aber ich bitte Sie, sprechen Sie auch nicht ein Wort davon, Sie würden meine arme Cäcilie beunruhigen. Wir werden sogleich in den Garten gehen und plaudern.«Die Herzogin drückte ihr die Hand.
»Immer dieselbe,« sagte sie.
Dann wandte sich die Herzogin gegen die Marquise, welche große Toilette gemacht hatte, machte ihr große Komplimente Ober ihr gesundes Aussehen und wandte sich dann an Cäcilie.
»Meine schöne Cäcilie,« sagte sie, »Sie haben Alles gehalten, was Sie versprochen haben. Kommen Sie, umarmen Sie mich und empfangen Sie meine Glückwünsche; denn ich weiß von den guten Duvals, welche mir gestern schon ihre Ehrfurcht bezeugten, daß sie ein vollendetes Mädchen geworden sind.«
Cäcilie nahte sich und die Herzogin küsste sie an die Stirne.
Sich hierauf an Frau von Marsilly zurückwendend, sagte sie:
»Meine liebe Baroness, und Sie, meine theure Marquise, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meinen Neffen, Herrn Heinrich de Sennones, vorstelle, welchen ich Ihnen als einen charmanten jungen Mann empfehle.«
Ungeachtet dieses gerade in das Gesicht gesagten Komplimentes verbeugte sich der Chevalier sehr zierlich und mit größtem Anstand.
Sie wissen, meine Damen, die die Herzogin für mich eine zweite Mutter war, und Sie werden daher über ihr übertriebenes Lob nicht staunen.«
Die Baronin und die Marquise grüßten ihn, und als er sich gegen Cäciliens Seite wandte, verneigte sich diese.
Ungeachtet der bescheidenen Ablehnung des Chevalier war man doch gezwungen, einzugestehen, das die Herzogin nicht zu viel gesagt habe, Heinrich hatte sein zwanzigstes Jahr vollendet, und er war ein schöner, junger Mann, an welchem man jene Eleganz der Manieren solcher Kinder bemerkt, welche, durch einen Hofmeister aufgezogen, das elterliche Haus nie verlassen haben und mit einer treueren Sorge auferzogen und bewahrt wurden, als man sie gewöhnlich bei der Erziehung auf den Universitäten findet. Heinrich war übrigens, wie der größte Teil der Emigranten, ohne Vermögen. Er hatte seine Mutter fast schon bei der Geburt verloren, sein Vater war guillotiniert worden, und er hatte von Niemand ein Vermögen zu erwarten als von einem Onkel, der sich nach Guadelupe begeben und, wie man sagte, durch große kommerzielle Spekulationen sein Vermögen verzehnfacht hatte. Vermöge einer besonderen Eigentümlichkeit seines Charakters hatte die er Onkel erklärt, daß sein Neffe von ihm nichts zu erwarten haben solle, wenn er sich nicht dem Handel widmen würde.
, Es ist leicht begreiflich, daß der Rest der Familie über eine solche Bedingung murrte, und daß man Heinrich de Sennones zu einem ganz andern Zweck erzogen hatte, als um aus ihm einen Zucker- und Kaffee Kramer zu machen.
Alle diese Einzelheiten wurden in jener gleich«gültigen Weise der Unterhaltung ausgetauscht, welche unter Leuten einer gewissen Welt gewöhnlich ist. Man wird leicht begreifen, daß die ganze Handelswelt von der Herzogin und ihrem Neffen mit vieler Leichtfertigkeit behandelt wurde, und daß die Marquise sich hierbei hervortat. Die Baronin und Cäcilie, welche empfanden, daß ein Teil ihrer Stichelreden auf die gute Familie falle, welche ihre gewöhnliche Gesellschaft war, machten sich wenig in die Unterhaltung, welche bald eine so scherzhafte Wendung nahm, daß die Baronin, um sie abzubrechen, sich des Arms der Herzogin bemächtigte und sie, wie sie bei der ersten Umarmung versichert hatte, in den Garten führte.
Die Marquise, Cäcilie uns Heinrich blieben allein.
Kaum hatte die Marquise Heinrich bemerkt, als sie vermöge ihrer eigen Opposition gegen die Projekte der Baronin zu sich selbst sagte, daß dieser der Mann sei, welcher sich für Cäcilie schicke, nicht aber ein Bürgerlicher, wie dieser Eduard Duval.
So wie die Baronin und die Herzogin aus dem Zimmer weggegangen waren, gab die Marquise der Sehnsucht nach, ihr geliebtes Kind glänzen zu lassen, und unter dem Vorwand, den Chevalier zu unterhalten, hieß sie dieselbe nach und nach ihre Stickereien und ihre Album herbeibringen.
Obgleich Heinrich, wie wir zu seinem Lobe zu sagen uns beeilen, die Meisterstücke der Stickerei während der langen Soireen in England und Deutschland zu würdigen gelernt und eine große Anzahl derselben bei seiner Tante hatte ausführen sehen, so war er doch über die Albums sehr erstaunt. Diese enthielten, wie wir bereits gejagt haben, die Abbildungen der schönsten Blumen, welche in Cäciliens Garten gewachsen waren, und jede Blume hatte ihren eigenen Namen, der unten angeschrieben stand. Überhaupt bemerkte Heinrich mit Überraschung, daß, wenn man so sagen darf, jede dieser Blumen eine eigentümliche, Physiognomie hatte, die mit dem ihr gegebenen Namen übereinstimmte. Er bat Cäcilie um die Erklärung dieser Eigentümlichkeit, und Cäcilie gab sie einfach und wahr, indem sie ihn, erzählte, wie sie in Mitte dieser Blumen aufgezogen worden sei, wie sie sich in ein intimes Verhältnis mit diesen frischen und duftenden Freundinnen gesetzt habe, wie sie, von Sympathie hingerissen, wenn man so sagen kann, sich bestrebt habe, die Freuden und die Leiden ihrer Lilien und Rosen kennen zu lernen, und wie sie endlich nach ihren Charakteren und ihren Abenteuern sie getauft und ihnen einen mit ihren Verhältnissen im Einklang stehenden Namen gegeben habe.
Heinrich hörte diese ganze Erklärung, wie wenn er eine bezaubernde Erzählung einer Fee hörte. Jedes andere Mädchen, welches ihm so etwas gesagt haben würde, hätte er für eine Närrin, oder für eine Zierpuppe gehalten; aber bei Cäcilien war es nicht so; man sah, daß das reine Kind sein Leben erzählte, seine Gefühle, seine Freuden und Leiden. Vielleicht lieh sie diese nur ihren Blumen, aber das war in gutem Glauben, und sie erzählte unter anderem Heinrich die Geschichte einer Rose, welche so unglücklich war, daß diese Geschichte ihm fast Tränen in die Augen trieb.
Die Marquise hörte dies Alles mit an, und versuchte von Zeit zu Zeit der Unterhaltung eine ändere Wendung zu geben; alle diese botanischen Abenteuer schienen ihr nachgerade fade und unzweckmäßig; aber Heinrich, der ihrer Meinung nicht war, führte ohne Unterlass die Unterhaltung auf diesen Gegenstand zurück, so neu und merkwürdig schien ihm die Sache, so sehr schien es ihm, daß er nicht mit einem menschlichen Geschöpfe, sondern im Gegenteile mit irgend einer phantastischen Schöpfung eines Ossian oder eines Goethe zusammen sei.
So wie indessen die Marquise das Wort Musik aussprach und das Piano öffnete, bat Heinrich, welcher selbst ein vortrefflicher Musiker war, Cäcilien ihm etwas zu singen.
Diese wußte nicht, um was sie gebeten werde. Sie wußte damals noch nicht, ob sie ein Talent hierzu besitze oder nicht; vielleicht wußte sie auch nicht, was Talent sei.
Wie die Malerei, so war musikalische Übung für Cäcilie ganz Gemütssache, und als sie nun eine oder zwei Romanzen und einige Abendgesänge mit einem Zauber und mit einer unendlichen Anmut gesungen hatte, fragte sie Heinrich mit der größten Einfachheit, ob sie ihn nicht etwas hören lassen wolle, was sie selbst gedichtet habe.
Cäcilie, ohne sich bitten zu lassen und ohne sich zu sträuben, ließ ihre Hände auf das Piano niedersinken, und begann eine jener besonderen Träumereien, wie sie sie oft auf dem melodischen Instrumente machte. Ein sanfter Takt mit einem dämpfenden Pedale zeigte an, daß es,Nacht sei. Alles Geräusch der Erde erstarben nach und nach, ein fast allgemeines Schweigen herrschte, welches nur das Murmeln eines Baches unterbrach; dann erhob sich in Mitte dieser erhabenen Ruhe der Dunkelheit der Gesang eines Vogels, eines melodischen, unbekannten Vogels, welcher weder die Nachtigall, noch die Grasmücke war. Ein Vogel, welcher in dem Herzen Cäciliens, wie ein Echo himmlischer Melodien sang, und dessen Stimme fast immer sagte: Glaube, Liebe, Hoffnung!
Als Heinrich diese eigenen Symphonien hörte, bedeckte er seine Stirn mit seinen beiden Händen, und als er sie wegnahm, ohne daran zu denken, eine Träne zu trocknen, die in den Wimpern seiner Augen zitterte, sah er Cäcilien den Kopf zurück gebeugt, die Blicke gen Himmel gerichtet uns die Augen feucht. Heinrich war auf dem Punkte, sich ihr zu Füßen zu werfen, und sie gleich einer Madonna anzubeten. In diesem Augenblick kamen die Baronin und die Herzogin zurück.
XIII.
Gott lenkt
Als die Herzogin de Lorges und Heinrich de Sennones abgereist waren, nachdem die Marquise und die Baronin sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, als sich Cäcilie endlich allein fand, schien es ihr, daß in ihrem Leben eine große Änderung eingetreten sei. Aber wahrend sie darnach forschte, worin diese Änderung bestehe, fand sie es nicht, sie konnte es sich nicht sagen.
Ach, das erste Gefühl der Liebe war in das Herz des armen Kindes gekommen, und gleich dem ersten Strahle der Sonne zeigte es ihren Augen eine Menge von Dingen, welche bisher in der Nacht ihrer Gleichgültigkeit sich verloren hatten.
Zuerst schien es ihr, als bedürfe sie frische Luft; sie ging in den Garten. Eine Gewitterschwüle herrschte, ihre Blumen neigten sich auf ihren Stängeln, wie wenn auch für sie die Luft zu drückend wäre. Sonst tröstete sie Cäcilie, heute aber senkte Cäcilie den Kopf gegen die Brust, ohne Zweifel im Vorgefühle eines nahenden Gewitters.
Sie machte zweimal die Runde um ihre kleine Welt, sie setzte sich in ihre Laube, sie versuchte, dem Gesang einer Grasmücke zu folgen, welche auf einem Fliederbaume saß, allein es war wie eine Art von Schleier zwischen ihrem Geist und den Gegenständen, von denen sie umgeben war; sie war nicht mehr die Herrin ihrer Gedanken, es lag etwas Unbekanntes in ihr, welches neben ihr dachte; ihre Pulse schlugen Plötzlich so heftig, daß sie zitterte, als hätte sie ein Fieber. Einige große Regentropfen fielen und ein Donnerschlag ließ sich hören; Cäcilie hörte den Donner nicht, sie fühlte den Regen nicht; ihre beunruhigte Mutter rief sie, aber erst bei dem zweiten Rufe erkannte sie die Stimme derselben.
Als sie in den Salon zurück kehrte, sah sie noch ihr Album auf dem Tische, ihr Piano noch geöffnet. Sie betrachtete ihre Blumen, sie blieb bei den Seiten stehen, welche sie mit Heinrich betrachtet hatte, und ließ an ihrem Gedächtnisse Alles das vorüber ziehen, was sie dem jungen Manne gesagt und was er ihr geantwortet hatte.
Dann setzte sie sich an ihr Piano, ihre Finger fielen auf dieselben Tasten, und dieselbe melodienreiche Phantasie begann; aber sie war noch viel inniger, viel melancholischer, als die erste.
Bei dem letzten Ton ihrer Stimme, bei dem letzten Klange der Saiten empfand Cäcilie, daß sich eine Hand auf ihre Schulter legte; es war die Hand ihrer Mutter.
Die Baronin war noch viel blasser, als gewöhnlich, und lächelte auch viel trauriger, als sonst.
Cäcilie schauderte, sie glaubte, daß ihre Mutter mit ihr von Heinrich sprechen wolle.
Von Heinrich! In diesem Augenblicke von Furcht war es das erste Mal, daß der junge Mann sich so persönlich ihrem Geiste darstellte; bis jetzt lag ein Etwas von ihm in Allem umher gestreut, was sie umgab, allein dieses Etwas war unkörperlich, wie ein Dunst, unbetastbar, wie ein Duft.
Sie glaubte also, daß ihre Mutter von Heinrich mit ihr sprechen wolle.
Sie täuschte sich; ihre Mutter sprach nur von dem, was die Herzogin ihr gesagt hatte; diese wußte bestimmt, daß es für Ludwig XVIII. durchaus keine Hoffnung gebe, nach Frankreich zurückzukehren. Bonaparte's Macht befestigte sich von Tag zu Tag mehr, sie befestigte sich aber für seine eigene Rechnung. Die Herzogin, an das Haus der Gräfin von Artois geknüpft, hatte daher fast schon den Entschluss gefasst, im Ausland zu bleiben, und dies war auch der Entschluss, welchen die Baronin nehmen mußte.
Während dieser ganzen Unterredung war auch nicht ein Wort von Heinrich gesprochen worden, und dennoch schien es Cäcilien, daß jedes Wort, welches ihre Mutter sprach, auf ihn Bezug habe.
Jedes Wort, welches sie sprach, hatte aber auf Eduard Bezug.
In der Tat, wenn man Cäcilien gesagt hätte, daß die politischen Ereignisse fort fuhren, ihre Mutter in das Exil zu verurteilen, und eben so ihre Großmutter, so hieß es ihr sagen, daß die Projekte der Verbindung mit der Familie Duval mehr fest gestellt seien, als je, weil Cäcilie jetzt die pekuniären Verhältnisse kannte, in welchen sich die Baronin und die Marquise befanden.
Nebst dem fügte Frau von Marsilly einige Worte über ihre eigene Gesundheit bei, und nun wandte sich Cäcilie gegen ihre Mutter, betrachtete sie und vergaß Alles.
War es nun eine Folge ihrer vorgefassten Meinungen, oder war die Krankheit in jene Periode vor«gerückt, in welcher sie sich reißender entwickelt, die Baronin war, wie wir gesagt haben, schrecklich verändert, sie bemerkte den Eindruck, den ihr Anblick auf' ihre Tochter machte, und sie lächelte traurig.
Cäcilie stützte ihren^Kopf auf die Schulter ihrer Mutter und sing zu weinen an; in ihrem Herzen sprach es, aber die Lippen hatten die Kraft nicht, zu sagen: O, seien Sie ruhig, meine Mutter, ich werde Eduard heiraten.«
Ihr armes Kind machte einen großen Eindruck auf sie, denn man muß es gestehen, daß der Vergleich! welchen das Herz der Baronin zwischen dem Neffen der Herzogin de Zorges und dem Sohne des Herrn Duval gleich von dem ersten Anblicke des Ersteren an gemacht hatte, durchaus nicht zum Vorteile des Letzteren war; wohl waren Beide von demselben Alter, wohl hatten Beide eine ausgezeichnete Erziehung erhalten, wohl waren Beide schön, und dennoch bestand ein großer Unterschied zwischen Beiden. Der zwanzigjährige Eduard war noch ein furchtsamer, fast ein linkischer Schüler, während Heinrich ein junger, eleganter Mann und für die große Welt geschaffen war. Beide hatten eine ausgezeichnete Erziehung erhalten; aber Eduard hatte, wenn man so sagen darf, nur den materiellen Teil seiner Erziehung bewahrt, er wußte, was er gelernt hatte, und das war Alles; aber seine individuelle Organisation, sein eigener Geist hatte zu den erlangten Kenntnissen Nichts hinzugefügt. Was dagegen Heinrich wußte, und bei den wenigen Worten war es Cäcilien leicht gewesen, zu sehen, daß er viel wisse, so hätte man sagen können, daß er es immer gewusst habe, und daß jedes Ding, von seinem Geiste aufgefasst und verbessert, einen neuen Wert durch die glückliche Organisation erhalten habe, welche sich mit ihm beschäftigte. Beide waren schön, allein Eduard war von jener bedeutungslosen Schönheit, welche sich merkwürdiger Weise mit der Gemeinheit der Physiognomie verbindet, während Heinrich die ausgezeichnete Schönheit besaß, welche die Race allein gibt und die physische Erziehung entwickelt; kurz, um in zwei Worten Alles auszudrucken, der Eine hatte gewöhnliche Manieren, der Andere die eines vollkommenen Edelmannes.
Als am kommenden Sonntage Eduard mit seinen Eltern kam, da war es, wo der Unterschied Cäcilien bemerklich wurde, und um so bemerklicher werden mußte, als die Marquise gegen ihre Gewohnheit diesmal herbei gekommen war, und, mag es Zufall, oder mag es Berechnung gewesen sein, den Augenblick benutzte, in welchem Herr Duval einen Gang in das Dorf, und Madame Duval mit der Baronin einen Spaziergang im Garten machte, um die Scene zu wiederholen, welche mit Heinrich statt gehabt hatte. Instinktmäßig hatte Cäcilie immer ihre Talente vor Eduard geheim gehalten, aber diesmal mußte sie in Folge der Aufforderung ihrer Großmutter, ihr Album aus dem Pulte hervor ziehen und die schönen Blumen an das Tageslicht bringen, welche es umschloss. Aber Eduard, indem er Cäcilien die Komplimente machte, welche die schöne Ausführung verdiente, begriff den Gedanken nicht, der diese Blumen geschaffen hatte, obgleich die Namen am Ende jeder Seite geschrieben standen. Cäcilie begriff, daß jede Erklärung in dieser Hinsicht nutzlos sein würde, und machte nicht einmal den Versuch, dem jungen Manne den verborgenen und innigen Sinn anzudeuten, in welchem sie zu ihm sprechen wollte, als er noch Kind war und so viel darüber gelacht hatte. Alle diese Blumen, welche nach und nach an den Augen Eduards vorüber gingen, waren also nichts, als eine Reihe von Bildern, weite mehr oder weniger gut illuminiert waren. So hatte sie Heinrich nicht betrachtet. Die Marquise, welche die jungen Leute nicht aus den Augen verlor, bemerkte, welchen Eindruck Eduards Prosaismus auf ihre Enkelin machte; obgleich sie für sich selbst die ganze poetische Zartheit nicht begriff, welche Cäcilie an dem jungen, ihr bestimmten Manne vermisste, so sah sie doch, daß sein Prosaismus ihr wehe tue; sie entschloss sich daher, ihn bis auf den Grund bloß zu stellen, und als das Album geschlossen war, bat sie Cäcilien, sich an das Piano zu setzen. Zum ersten Male weigerte sich Cäcilie; sie hatte noch nie vor Eduard gesungen, und obgleich Eduard jedes mal bei seiner Hierherkunft das Piano gesehen, so hatte er doch an das junge Mädchen noch nie eine Frage in diesem Betreff gestellt. Als jedoch die Marquise den Vorschlag machte, unterstützte er ihn sehr artig, und so, daß Cäcilie nicht anders konnte, und diesen doppelten Bitten nachgab.
Mit dem Gesang war derselbe Fall, wie mit den Zeichnungen. Eduard applaudierte und lobte Cäcilie ungemein, aber er applaudierte und lobte sie, wie ein Mensch, der sie nicht verstanden hatte. Je ungestümer seine Lobeserhebungen und sein Beifall wurde, um so weher taten sie Cäcilien, weher, als wenn er geschwiegen hätte.
So kam es, daß, als die Marquise ihre Enkelin bat, die Symphonie zu spielen, welche sie drei oder vier Tage früher gespielt hatte, oder wenigstens etwas dergleichen, Cäcilie für dies Mal standhaft sich weigerte. Einen Augenblick stand Eduard der Marquise aus Höflichkeit bei, allein da er nur ein sehr mittelmäßiger Freund der Musik war, bestand er nicht mit indiskreter Weise darauf. Übrigens muß man sagen, daß, wenn er darauf bestanden hätte, Cäcilie auf ihrer Weigerung beharrt haben würde, weil es ihr eine Entweihung geschienen hätte, vor Eduard das zu singen, was sie vor Heinrich gesungen hatte. Sie zeigte eine wahrhaft dankbare Gesinnung gegen ihre Mutter, als diese mit Madame Duval herein kam und durch ihre Gegenwart den Bitten ein Ende machte, durch welche sie das erste Mal, ohne daß man sich einen Grund hiervon denken konnte, ihre Großmutter ermüdete.
Der Rest des Tages ging, wie gewöhnlich vorüber, nur wurde es Cäcilien, trotz der Mühe, die sie sich gab, unmöglich, ihre Geistesabwesenheit zu verbergen. Übrigens bemerkte diese Niemand, ausgenommen die Baronin und die Marquise.
Die Baronin war sehr ermüdet und begab sich auf ihr Zimmer, so wie die Duvals fort waren, Cäcilie begleitete sie in ihr Zimmer und bemerkte, daß ihre Mutter sie von Zeit zu Zeit mit Unruhe betrachtete. Woher kam dieser ungewöhnliche Blick? Sie hatte gute Lust, ihre Mutter um den Grund zu fragen, aber ihre drei oder vier Mal,zu dieser Frage geöffneten Lippen schlossen sich wieder, ohne es getan zu haben.
Die Baronin beobachtete Stillschweigen, aber als sie sich trennten, schloss sie ihre Tochter viel heftiger in ihre Arme, als sie es sonst gewohnt war, und als sie ihr den Kuß auf die Stirne drückte, stieß sie einen tiefen Seufzer aus.
Cäcilie ging aus dem Zimmer ihrer Mutter, um in ihr Zimmer zu gehen; aber in dem Korridor traf sie Mademoiselle Aspasia, welche sie im Namen ihrer Gebieterin bat, zu dieser zu kommen.
Die Marquise lag zu Bett und las; sie hatte früher, die kokette Gewohnheit gehabt, welche dem achtzehnten Jahrhundert ganz eigentümlich war, im Bett ihre Besuche zu empfangen, und diese Gewohnheit hatte sie beibehalten, obgleich sie sechzig Jahre alt war und niemand mehr empfing. Übrigens waren alle ihre aristokratischen Erinnerungen an eine andere Zeit für die Marquise so natürlich, daß sie dadurch nicht lächerlich wurde.
Als sie Cäcilie gewahrte, legte sie ihr Buch unter ihr Kopfkissen, gab ihrer Enkelin ein Zeichen, sich zu ihr zu setzen, und das junge Mädchen gehorchte.
»Sie haben mich rufen lassen, gute Großmutter?«sagte Cäcilie, indem sie die auf der Bettdecke liegende Hand derselben, die noch Zeichen der ehemaligen Schönheit, in Folge der außerordentlichen Sorge trug, welche die Marquise dafür hatte, küßte; ich hatte einen Augenblick gefürchtet, Sie möchten unwohl sein, aber Ihr gutes Aussehen zeugt von dem Gegenteile.«
»Das täuscht Dich, mein gutes Kind, ich habe schreckliche Vapeurs, ich kann diese Duval's nicht sehen, ohne daß mir ihr Anblick schon meine Migräne zuzieht; um so schlimmer ist es, wenn ich sie höre.«
»Herr Duval ist aber dennoch ein sehr, guter Mann, liebe Großmutter, und ich hörte Sie ja dieses selbst sagen.«
»Ja, es ist wahr, und er stand lange im Dienste der Herzogin, auch habe ich diese immer seine Redlichkeit loben hören.«
»Madame Duval ist eine sehr anmutige und ausgezeichnete Dame.«
»O ja, diese Engländerinnen, mit ihrem blassen Teint, ihren schlanken Taillen, und ihren langen Haaren, haben immer das Aussehen, einer gewissen Welt anzugehören; allein ungeachtet dieses Aussehens war, wie Du es weißt, mein liebes Kind. Madame Duval gleich ihrem Manne in dem Dienste der Herzogin.«
Als Erzieherin, liebe Großmutter; man darf das Erziehen nicht mit dem Dienen verwechseln.«
»Das ist wahr, ich räume es ein, es ist nicht ganz dasselbe, obwohl es sich sehr gleicht; aber wenn ich zu Dir von Herrn und Madame Duval spreche, was wirst Du zu ihrem Sohne sagen?«
»Von Eduard?«fragte das junge Mädchen schüchtern.
»Ja, von Eduard.«
»Gute Großmutter fuhr Cäcilie ganz furchtsam fort, ich werde sagen, daß Eduard ein guter und ehrbarer junger Mann ist, arbeitsam, redlich, der eine Erziehung erhalten hat. . .«
»Die seinen Verhältnissen entspricht, meine Tochter; denn es wäre lächerlich von seinen Eltern, ihn über seinen Stand erheben zu wollen und zu versuchen, ihm eine Erziehung zu geben, wie sie der Chevalier de Sennones erholten hat,«
Cäcilie zitterte, schlug die Augen nieder, und ein lebhaftes Roth überflog ihre Stirne. Keines dieser drei Zeichen entging der Marquise.
»Nun, Du antwortest nicht?«sagte sie.
»Was wollen Sie denn, gute Großmutter, daß ich antworten soll?« fragte Cäcilie.
»Wie es mir scheint, könntest Du mir sagen, was Du von diesem jungen Manne denkst?«.
Ist es schicklich, liebe Großmutter, daß junges Mädchen ihre Meinung so über junge Männer sagen?«
»Du hast mir doch Deine Meinung über Eduard gesagt.«
»O, über Eduard, das ist etwas anderes,« antwortete das junge Mädchen.
»Ja,« entgegnete die Marquise, »ich begreife, Du liebst Eduard nicht. . .«
»Meine gute Mutter!« rief Cäcilie, wie wenn sie von ihrer Großmutter Stillschweigen erflehen wollte.
»Und Du liebst Heinrich?«fuhr die Marquise unbarmherzig fort.
»O!« murmelte Cäcilie, indem sie ihren Kopf auf dem Kissen der Marquise verbarg.
Nun,« sagte diese, »nun, warum schämst Du Dich? Wenn Du Eduard liebtest, dann hättest Du Dich zu schämen, nicht aber wenn Du Heinrich liebst, welcher ein in jeder Beziehung passender Junge ist, ein sehr schöner Chevalier, und der meiner Treu ganz und gar dem armen Baron d'Ambrée gleicht, welcher bei der Belagerung von Mahon den Tod fand.«
Die Marquise stieß einen Seufzer aus.
»Aber, gute Großmutter, vergessen Sie die Absichten meiner Mutter hinsichtlich Eduards, vergessen Sie. . .«
»Meine liebe Cäcilie, Deine Mutter hat immer einen etwas schwachen Kopf gehabt; das Unglück hat sie zur Närrin gemacht. Man muß den Ereignissen die Stirne bieten, nicht aber vor ihnen zurückweichen. Deine Mutter hat Dir gesagt, daß Du Eduard Heiraten sollst, und ich, mein Kind, sage Dir, daß Du Heinrich Heiraten wirst.«
Cäcilie erhob ihr blondgelocktes Haupt und betrachtete mit gefalteten Händen und mit starren Blicken ihre Großmutter, wie wenn sie eine Madonna betrachte, die ihr die Erfüllung eines für unmöglich gehaltenen Wunders verspreche.
In diesem Augenblicke ertönte die Klingel der Baronin heftig, Cäcilie verließ erschrocken das Zimmer der Marquise und stürzte in das ihrer Mutter. Sie traf Frau von Marsilly ohnmächtig; ein heftiges Blutspucken hatte diese Schwäche hervorgerufen. Cäcilie vergaß Heinrich und Eduard, sie vergaß Alles, um nur an ihre Mutter zu denken.
Vermöge der Salze, welche Cäcilie sie einatmen ließ und mittelst frischen Wassers, welches ihr die Kammerfrau auf die Stirn spritzte, kam die Baronin schnell zu sich.
Ihre erste Bewegung war, vor ihrer Tochter das voll von Blut befindliche Taschentuch zu verbergen, welches ihr während ihrer Ohnmacht entfallen war. Allein es war der erste Gegenstand gewesen, welcher Cäcilien in die Augen gefallen, und Cäcilie hielt es schon in ihrer Hand.
»Mein armes Kind!« rief die Baronin.
»Meine gute Mutter!« flüsterte Cäcilie. »Es ist nichts, es ist nichts; Sie sehen wohl, daß Sie wieder bei sich sind.«
In demselben Augenblick kam Mademoiselle Aspasia, um im Namen der Marquise sich nach dem Befinden der Baronin zu erkundigen.
»Besser, viel besser,« antwortete die Kranke; »sagen Sie meiner Mutter, daß es nichts, als ein momentaner Krampf war, und daß sie sich ja nicht in ihrer Ruhe solle stören lassen.«
Cäcilie ergriff die Hände ihrer Mutter und küßte sie weinend.
Wie es die Baronin wirklich gesagt hatte, war die Krisis vorbei, aber jede ihrer Krisen schwächte sie schrecklich. So sehr ihre Mutter sie bat, wollte Cäcilie doch nicht in ihr Zimmer zurückkehren, die Kammerfrau machte ihr ein Gurtbett neben das der Baronin, und so brachte sie die Nacht bei ihr zu.
Jetzt erst konnte Cäcilie bemerken, wozu die Nächte ihrer Mutter geworden waren, Nächte der Aufregungen, in welchen kurze Augenblicke fieberhaften Schlafes die Kräfte nicht wieder herstellen konnten, welche durch einen ununterbrochenen Husten erschöpft worden waren.
Bei jeder Bewegung, welche die Baroness, machte, war Cäcilie nahe an ihrem Bette, denn eine ernstliche und tiefe Unruhe hatte sich des Herzens des jungen Mädchens bemächtigt. Die Baronin, indem sie versuchte, sich zusammenzunehmen, vermehrte ihre Schmerzen. Indessen schlief gegen Morgen die Baronin in Folge ihrer Entkräftung ein; Cäcilie überwachte noch einen Augenblick diesen Schlaf, dann wurde aber bei ihr die Natur über den Willen Herr, und auch sie schlief ein.
Jetzt konnte Cäcilie erkennen, wie unabhängig von unserem Willen die Träume sind; denn kaum hatte sie die Augen geschlossen, als sie Alles, was um sie vorgegangen war, vergaß, und das Zimmer ihrer Mutier sich in prachtvolle Gärten verwandelte, voll von Blumen und von Vögeln. Aber diesmal waltete ein seltsames Mysterium ob, und in ihrem Geiste hatte sich, ohne daß sie sich erklären konnte, wie, der Duft der Blumen in eine Sprache und der Gesang der Vögel in eine Idee verwandelt, welche sie vollständig begriff, nicht vermöge einer Anschauung, wie man sie auf der Erde hat, sondern vermöge eines viel mehr vervollkommten Organien; denn ein dunkles Gefühl sagte Cäcilien, daß sie im Himmel sei, daß Vögel und Blumen Gott lobpreisen.
Dann befand sich Cäcilie plötzlich, ohne daß sie ihn gesehen hatte, ohne daß sie fühlte, wie er sich nahte, in Heinrichs Armen.
Indessen fühlte sie weder seine Arme, noch seinen Körper, und Heinrich war sehr blaß.
Heinrich betrachtete sie mit Blicken einer unendlichen Zärtlichkeit, und Cäcilie gewahrte, daß sie sich in den Augen dessen, den sie liebt, wie in einem Spiegel sehen könne. Sie betrachtete sich darin und erkannte mit einem gewissen Schrecken, daß sie eben so blass sei, als er.
Sie legte die Hand auf ihr Herz; es schlug nicht mehr; eine Stimme flüsterte ihr in das Ohr, daß sie Beide gestorben seien. In der Tat schien es Cäcilien, als habe sie gar nichts Irdisches mehr an sich. Ihr Blick drang durch die Gegenstände hindurch, sie sah von der andern Seite die Stämme der Bäume, die Mauern schienen Dünsten gleich, alle Gegenstände waren durchsichtig, und man hätte sagen können, daß der Garten, in welchem sie sich befand, nichts als immaterielle Seelen enthalte, daß diese aber dennoch ihre irdische Form, das Düstere derselben abgerechnet, bewahrt hätten.
Plötzlich schien es ihr, als wenn sie vor sich eine verschleierte Frau sehe, welche den Gang ihrer Mutter habe. Je mehr diese Frau nahte, um so mehr wurde Cäcilie in ihrer Meinung bestärkt; nur ging die Frau nicht, sie schwebte, und statt in ein Kleid gehüllt, war sie mit einem Betttuche bedeckt. Nun warf Cäcilie von Neuem ihre Blicke auf sich und Heinrich, und sie sah, daß sie alle drei mit Leichengewändern bekleidet waren. Ihre Mutter kam immer näher. Endlich erkannte Cäcilie durch die Falten des sie bedeckenden Schleiers die Züge ihres Gesichts.
»O meine Mutter,« rief sie, indem sie versuchte, den Schatten zu umarmen, »ich glaube, daß wir sehr glücklich sind; denn wir sind alle drei gestorben.«
Bei diesen in ihrem Traum deutlich ausgesprochenen Worten, ließ sich ein so tiefer und so schmerzlicher Seufzer vernehmen, daß Cäcilie ihre Augen öffnete.
Die Baronin stand vor ihrem Bette wie eine Tote gekleidet und fast einem Schatten gleichend.
Die arme Mutter war zuerst aufgewacht, sie hatte den Schlaf ihrer Tochter bewacht, wie das Mädchen den ihrigen bewacht hatte. Als sie dann sah, daß ein schwerer Traum sie quäle, war sie aufgestanden, um sie zu wecken, und da hatte sie die eben erwähnten Worte Cäciliens vernommen, welche diese ganz laut ausgesprochen.
Cäcilie glaubte einen Augenblick ihren Traum fortzusetzen, allein die Rede ihrer Mutter zeigte ihr bald ihren wachen Zustand.
»Du bist also unglücklich, armes Kind, weil Du es für ein Glück betrachtest, mit mir gestorben zu sein.«
»O nein, nein, meine Mutter!« rief Cäcilie, »und wenn Ihre Gesundheit wieder hergestellt ist, was sollte mir dann fehlen, um wieder glücklich zu sein? Ich glaube, daß ich einen unsinnigen Traum geträumt habe, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir!«
»Ach, mein liebes Kind, ist es nicht viel mehr an mir, Dich um Verzeihung zu bitten? Indessen habe ich, Gott weiß es, Alles getan, um Dich an ein einfaches und demütiges Leben zu gewöhnen. Warum hat Gott in Dich die Gesinnungen Deiner Geburt, und nicht die des Reichtums gelegt? Sage mir, mein Kind, habe ich Dich, ohne es zu wissen, in den Vorurteilen der Kaste, im Stolze des Ranges aufgezogen?«
»O, meine Mutter, meine Mutter!« rief Cäcilie, »Sie haben es versucht, aus mir eine Heilige zu machen, wie Sie sind, und es ist nicht Ihre Schuld, wenn Sie nur ein stolzes Mädchen geschaffen haben.«
»Du liebst also?. . .«fragte die Baronin aufathmend.
»Ach, meine Mutter, ich weiß nicht, aber in meinem Traume schien es mir, daß ich viel glücklicher sei, wenn ich sterbe, als wenn ich mit einem andern lebe.«
»So geschehe denn der Wille des Herrn und nicht der meinige,« rief die Baronin, indem sie die Hände faltete und ihre Augen zum Himmel«mit einem Blicke unbeschreiblicher Resignation erhob.
XIV.
Der Todeskampf einer Heiligen
Man täusche sich nicht, die Resignation der Baroneß war verdienstlich; alle ihre Bemühungen waren seit zehn Jahren darauf gerichtet gewesen, Cäcilie ganz von der Welt zu trennen und diese junge Seele rein und unbekannt mit jeder Leidenschaft zu erhalten. Ihr Vorhaben, sie mit Eduard zu verbinden, war in der Überzeugung der Baronin gegründet, daß sie ihre Tochter den Wechselfällen der Politik entziehe, welche zu jener Zeit die am höchsten gestellten Namen und Köpfe traf; sie hatte geglaubt, ihr ein ruhiges und ungetrübtes Glück zu sichern, und dieser Gedanke hatte sich in ihrem Geiste von dem Tage an festgesetzt, an welchem ihr Herr Duval die Eröffnung gemacht hatte. Sie hatte die Opposition der Marquise vorausgesehen, und sich entschlossen, dieselbe mit Erfolg zu bekämpfen. Aber sie hatte nicht geträumt, daß die Ausführung dieses Vorhabens, ein schmerzliches Opfer für Cäcilie werden könne, und in der Tat hatte sich bis zu dem Augenblicke, in welchem das junge Mädchen Heinrich gesehen, keine Stimme in ihrem Herzen gegen Eduard erhoben; glücklich im Gehorchen, glücklich, den Wünschen ihrer Mutter zu gehorchen, hatte sie, wie wir sagten, zwei oder dreimal diesen Gegenstand selbst zur Sprache gebracht, um sie zu beruhigen; aber der Zufall, oder vielmehr das Verhängnis hatte Heinrich nach Hendon geführt. Die Marquise hatte sich der Mesalliance ihrer Enkelin, welche abgeschlossen werden sollte, widersetzt, und sie hatte die Sympathien bemerkt, welche die beiden jungen Leute gegenseitig für sich hegten. Die mit Cäcilie gepflogene Unterredung hatte sie über die Gesinnung derselben aufgeklärt; diese Gefühle waren in der Mitte ihres Schlafes wach geblieben, und die über ihr Bett gebeugte Mutter hatte die Geheimnisse ihres Herzens erraten, welche der Traum ausgeplaudert hatte.
Heinrich war bei dem Anblick Cäciliens lebhaft betroffen worden, groß war sein Erstaunen gewesen, in Mitte eines kleinen Dorfes ein junges Mädchen zu finden, welches ohne einen andern Unterricht, als den ihrer Mutter, zu einem so hohen Grade der Auszeichnung emporgestiegen war, daß es alles weit übertraf, was er bisher in der Welt gesehen hatte. Der Eindruck, den sie auf ihn machte, war tief, und während der Rückreise hatte er mit seiner Tante nur von Cäcilien gesprochen. Die Herzogin de Lorges erzählte ihm die tragische Geschichte der Frau von Marsilly, wie ihr Mann am zehnten August getödtet worden und wie die Baroness, ihre Mutter und die kleine Cäcilie, geführt von einem Bauern und auf einem Karren flüchtend, vermöge der Nachsicht des Herrn Duval wohlbehalten und glücklich in England angekommen seien. Das Pittoreske dieser Erzählung hatte, wie man sich leicht denken kann, die Glorie der Poesie, welche in den Augen Heinrichs Cäcilien schon umgab, nur vermehrt, so daß er bei seiner Zurückkunft nach London kein anderes Verlangen hatte, als das nach Hendon zurückzukehren, keine andere Beschäftigung, als die, einen schicklichen Vorwand für einen zweiten Besuch zu finden.
Dieser Vorwand zeigte sich unglücklicherweise bald. Die Aufregung, welche Frau von Marsilly empfand, als sie die keimende Liebe ihrer Tochter für einen anderen, als den gewahrte, den sie ihr bestimmt hatte, führte eine neue Krisis herbei, die Baronin hatte sich am nämlichen Tage schrecklich leidend wieder zu Bette gelegt, und die Marquise hatte natürlich, ohne etwas über die Ursachen zu sagen, an die Herzogin geschrieben, um sie von dem Zustande ihrer Tochter in Kenntnis zu setzen. Cäcilie hatte ihrerseits an Herrn Duval geschrieben, um ihr den Arzt zu schicken, und sie hatte ihm die Furcht, welche ihr die Schwäche ihrer Mutter einflößte nicht verborgen.
Daher kam es, daß am folgenden Morgen, fast in dem nämlichen Augenblicke zwei Wagen an der Türe des kleinen Landhauses anhielten; der eine brachte die Herzogin de Lorges und ihren Neffen, der andere Madame Duval und ihren Sohn.
Wenn Heinrich und seine Tante allein gekommen wären, hätte sich vielleicht Cäcilie in ihr Zimmer einschließen und so vermeiden können, Heinrich zu sehen; aber der zweifache Besuch machte ihre Gegenwart notwendig. Die beiden jungen Männer konnten in das Zimmer der Baronin, welche das Bett hütete, nicht eintreten und wurden von der Marquise empfangen. Diese ließ sogleich ihre Enkelin rufen, um ihr Gesellschaft zu leisten.
Cäcilie, welche durch die Fensterläden den Wagen der Herzogin de Lorges gesehen und ihren kleinen Rückzugsplan entworfen hatte, war also, trotz des gefassten Entschlusses, gezwungen, hinabzugehen, und sie gestand sich selbst, daß es sie viel Mühe gekostet haben würde, ihren Vorsatz zu halten.
Sie traf die beiden jungen Leute bei ihrer Großmutter. Heinrich und Eduard kannten sich, jedoch so, wie sich der Neffe der Herzogin de Lorges und der Sohn des Herrn Duval kennen konnten, das heißt, sie kannten sich ohne irgend ein intimeres Verhältnis. Heinrich war viel zu gebildet, um auf irgend eine Weise den Vorzug geltend zu machen, welchen ihm seine Geburt und seine Stellung in der Welt über Eduard gaben, und Eduard war durch seine Familie in einer viel zu einfachen Weise erzogen worden, als daß er ohne Veranlassung versucht hätte, über die Kluft sich hinwegzusetzen, welche ihn von Heinrich trennte. Kurz, Heinrich gegenüber blieb Eduard immer, nicht der Sohn des Banquier Duval, viel reicher und überhaupt viel unabhängiger, als seine frühere Gebieterin, sondern der Sohn des Intendanten der Herzogin de Lorges. Cäcilie verlor, wie man leicht begreifen wird, keine der früheren Rücksichten aus den Augen, und die Marquise mit dem Vorsatze, ihren Schützling in dem Geiste des jungen Mädchens noch mehr zu erhöhen, ließ sie gewähren. Übrigens muß man einräumen, dich die Überlegenheit Heinrichs über Eduard nicht bloß in der zufälligen Geburt und in den Vorzügen der Erziehung, sondern in Allem beruhte, in dem Tone seiner Stimme, in der Zierlichkeit seiner Bewegung, in der Unbefangenheit seines Benehmens. Eduard konnte einst etwas werden, Heinrich war es schon.
Überdies öffnete Eduard, mag es nun aus Schüchternheit oder Unwissenheit gewesen sein, den Mund kaum. Es ist wahr, man sprach von vielen Gegenständen, welche der arme Junge nicht kannte, nämlich von auswärtigen Höfen. Heinrich war seit drei Jahren gereist, sein Name und der seiner Tante, die von seiner Familie dem Unglücke bewährte Treue, das Wohlwollen, welches das erlauchte Haus, dem das seinige so sehr ergeben war, für ihn hegte, hatten ihm die Paläste der Könige der Erde geöffnet. Er kannte daher, soviel es einem jungen Manne von seinem Alter möglich war, alle ausgezeichneten Personen Italiens, Deutschlands und Englands, während der arme Eduard von eminenten Personen niemand, als den Banquier kannte, in dessen Haus, wie gesagt, sein Vater Kassierer gewesen war, und dann den kleinen Anteil bekommen hatte, der sich so fruchtbringend für ihn zeigte.
Die Marquise hatte, ohne gerade böse zu sein, dennoch in ihrem Charakter einige unversöhnliche Züge, und diese betrafen vorzüglich die Aufrechterhaltung der sozialen Stellung. Sie behandelte daher den armen Eduard mit einer solchen Verachtung, und zwar mehr noch durch den Mangel aller Beachtung, als durch die Bitterkeit ihrer Worte, welche sie an ihn richtete, daß sie den Zweck, welchen sie sich vorgesetzt hatte, nicht erreichte und Cäcilien ein tiefes Mitleid für ihren jungen Freund einflößte. Cäcilie fühlte sich daher durch diesen allzu sichtlichen Vorzug beengt, stand auf und entfernte sich unter dem Vorwand, daß sie sich über den Zustand ihrer Mutter unterrichten wolle.
Das junge Mädchen wandte sich in der Tat gegen das Zimmer der Kranken, aber hier erwartete sie ein anderer Gegenstand der Verlegenheit. Die Herzogin de Lorges saß am oberen Teile des Bettes der Baronin, Madame Duval am Fuße desselben. Die Herzogin hatte den ersten Armstuhl ergriffen, Madame Duval hatte sich einen Stuhl gesucht. Die Frau von Marsilly wandte sich mit einer gleichen Herzlichkeit und mit derselben Zuvorkommenheit an die Herzogin und an Madame Duval. Aber Madame Duval sprach zu der Herzogin nicht anders, als in der dritten Person, was eine alte Gewohnheit von ihr war, die sie auch jetzt nicht abgelegt hatte, weil ihr das Gefühl ihrer eigenen Würde nicht erlaubte, auf ihren kleinen kaufmännischen Reichtum stolz zu sein.
Cäcilie fand bei der Mutter dieselbe Unterwürfigkeit, welche sie bei dem Sohne gefunden hatte; nur das Schreckliche bestand für Eduard, daß es bei der Mutter eine einfache soziale, bei Eduard aber eine Unterwürfigkeit des Organismus war. So brachte dieser Besuch Eduard im Geiste Cäciliens den letzten Stoß bei. Heinrich hatte, ohne an Cäcilie ein einziges Wort zu richten, welches von seiner Seite als eine Anspielung auf die Gefühle hätte betrachtet werden können, welche er für sie hegte, die Sprache der Augen mit ihr gesprochen, welche junge Herzen niemals täuscht, und mehrmals hatte Cäcilie an der Verlegenheit und dem Erröten Eduards bemerken können, daß der junge Mensch sich der Stellung vollkommen, bewusst sei, in welcher er sich befand. Auch als sie von Madame Duval und Eduard Abschied nahm, reichte sie wie gewöhnlich der Mutter die Stirne und dem Sohne die Hand. Madame Duval antwortete auf diese doppelte freundliche Bewegung, dadurch, daß sie auf die Stirne küßte, Eduard begnügte sich damit, sie zu grüßen.
Während dieses zweifachen Besuches war der Arzt gekommen, allein er hatte sich begnügt, einige besänftigende Getränke vorzuschreiben, und die Fortsetzung derselben Lebensweise anzuempfehlen.
Cäcilie hatte große Lust, die Nacht in dem Zimmer ihrer Mutter zuzubringen, allein noch errötend über das, was sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte, gab sie den Bitten der Frau von Marsilly nach und zog sich in ihr Zimmer zurück.
So wie sie mit sich allein war, dachte sie über die Ereignisse dieses Tages nach, und die zweifache Erinnerung, die an Heinrich und jene an Eduard, ging an ihrem Geiste vorüber. Man wird jedoch leicht erkennen, daß Eduard bald den Platz räumte und mehr und mehr aus dem Gedächtnisse des Mädchens entschwand, welches sich bald nur mit seinem Nebenbuhler beschäftigte.
Indessen muß man es einräumen, daß vielleicht unter andern Umständen die Erfolge Heinrichs auf das einfache und unerfahrene Herz des jungen Mädchens viel schneller gewesen wären; allein in diesem Momente war das Herz derselben von einem zu großen Schmerze ergriffen. Der Zustand der Frau von Marsilly, welcher dem unbegreiflichen Leichtsinne der Marquise ganz entging, entschleierte sich ganz vor dem sorgsam forschenden Blicke Cäciliens; diese fühlte, daß ihre Mutter tödlich erkrankt sei, und unter solchen Umständen betrachtete sie es fast als Verbrechen, einen einzigen andern Gedanken, als den an ihre Mutter zu haben.
Was kindliche Liebe an Sorgfalt und Aufopferung erfinden kann, das bewährte Cäcilie gegen ihre Mutter. In dem Augenblicke, in welchem man die verlässt, die man liebt, empfindet man den Wert der Augenblicke, welche noch gegönnt sind, um mit ihnen zu leben, am meisten, und man wirft sich bitter die Stunden der Gleichgültigkeit vor, in welchen man sich von ihnen entfernt hatte. Cäcilie brachte jetzt alle ihre Augenblicke im Zimmer der Baronin zu, und sie verließ ihr Lager nur zur Essenszeit, und auch da blieb sie immer nur einen Augenblick bei Tische. Die Marquise kam von Zeit zu Zeit, um ihrer Tochter einen Besuch abzustatten, aber, wie sie sagte, liebte sie diese so sehr, daß sie nicht lange Zeit den Anblick der allzu sichtbaren Zerstörung ertragen konnte, welche die Krankheit verursachte.
Fast alle Tage kam Heinrich, um sich nach, Frau von Marsilly zu erkundigen; bald begleitete er die Herzogin de Lorges in ihrem Wagen, bald kam er allein und zu Pferde. In dem einen, wie in dem andern Falle war Cäcilie selten bei dem Empfange des jungen Mannes; allein obgleich sie sich sagte, daß es eine Profanation sei, mit dem schmerzlichen Gefühle, welches ihr der Zustand ihrer Mutter verursachte, ein anderes Gefühl zu paaren, so konnte sie es doch nicht über sich gewinnen, Heinrich durch die geschlossenen Jalousien nicht zu betrachten, wenn er ankam und wenn er abging.
Eduard, durch die Geschäfte des Bureau abgehalten, konnte nur an Sonntagen kommen.
Seit dem Tage, an welchem die Rede von dem Verbindungsprojekte zwischen den beiden jungen Leuten gewesen und Frau von Marsilly, den Wünschen des Herrn Duval entsprechend, ihm gesagt hatte, daß er ihrer Klugheit die Leitung dieser Angelegenheit überlassen solle, seit diesem Tage war zwischen den beiden Familien nicht ein Wort mehr über diesen Gegenstand gewechselt worden. Die Baronin hatte Mühe, ihre Verlegenheit zu unterdrücken, wenn sie den Besuch ihrer alten Freunde empfing, und daraus entwickelte sich ein Gefühl der Beengung und des Zweifels, welches nach und nach veranlasste, daß Herr Duval und Eduard von ihren kleinen Reisen nach Hendon abließen und daß Madame Duval fortfuhr, allein zu kommen.
Während dieser Zeit wurde die Schwächen der Baroness immer bedeutender, sie durchlebte den Sommer, in den Abwechselungen der Besserung und der Verschlimmerung, welche diesen Brustkrankheiten eigen ist; aber als der Herbst kam und mit ihm die feuchten Ausdünstungen der Erde, steigerte sich die Krankheit auf eine solche Weise, daß es keinem Zweifel unterworfen war, das gefürchtete Ende sei nicht ferne.
Cäcilie verließ, wie gesagt, ihre Mutter nie, und so groß ist die Macht eines tiefen und wirklichen Schmerzes, daß sie dahin gelangte, daß sie alles Andere vergaß und nur an ihre Mutter dachte.
Heinrich kam fortwährend. Obgleich das junge Mädchen, so oft er kam, einen freudigen Eindruck empfand, so schien es doch, als ob das Gefühl, welches sie für den jungen Mann hegte, seine Natur geändert habe. Auf dem Punkte, auf welchen sie jetzt gelangte, war jeder Entwurf für die Zukunft in ihrem Geiste beseitigt, und von der Schwere der gegenwärtigen Gefahr niedergedrückt, hatte sie nur die Kraft, gegen diese Gefahr anzukämpfen. Frau von Marsilly, die gewohnt war, stets in dem Herzen ihrer Tochter, wie in einem vor ihr aufgeschlagenen Buche zu lesen, entging auch nicht eine der Aufregungen, welche Cäcilie empfand, und da sie überzeugt war, daß es viel gefährlicher sei, wenn ihre Tochter einen Mann heirathe, den sie nicht liebe, als wenn man die Sorge für ihre Zukunft der Vorsehung anheim stelle, sprach sie von ihrer Verbindung nicht mehr mit ihr.
Cäcilie dagegen gedachte oft dessen, was ihr ihre Mutter eines Tags gesagt hatte; oft überraschte sie den Blick der Sterbenden, welcher voll Unruhe auf sie gerichtet war, und dann ergriff sie ein heißes Verlangen, sich in die Arme ihrer Mutter zu werfen, und ihr zu sagen, daß sie sehr glücklich sein werde, wenn sie Eduard heirate. So groß aber auch die Macht der kindlichen Liebe gegen den Willen der Mutter war, so sehr sie entschlossen, ihm zu folgen, so wie er ausgesprochen werden würde, so hatte sie doch nicht den Mut, diesem vorzugreifen.
Inzwischen raubte jeder Tag einen Teil der noch übrigen Kräfte der Baronin, jede Nacht brachte eine fieberhafte Aufregung, welche sie noch schwächer machte; der Schlaf, diese große Unterstützung der Natur, war bei ihr von so schrecklichen Träumen erfüllt, daß er wie eine Art von Vampir erschien, welcher ihr das Leben aussaugte. In Mitte dieser Leiden bewahrte sie aber eine bewunderungswürdige Geisteskraft, und das durchaus physische Übel, welches auf ihr lastete, schien auf ihren Geist keine andere Wirkung zu haben, als die, ihre Einbildungskraft aufzuregen, und ihre Gedanken zur Poesie zu steigern.
Wenn Cäcilie sah, daß dieser Zuwachs der Seele, wenn man sich so ausdrücken darf, in dem Augenblicke, in welchem dieser den Körper, verlassen wolle, aus den Augen und in den Worten ihrer Mutter überströme, dann konnte sie sich dem Glauben nicht hingeben, daß die Baronin so nahe daran sei, sie zu verlassen. Die Baroness ihrerseits fühlte sich über die Unwissenheit ihrer Tochter glücklich, und hütete sich wohl, ihr zu sagen, daß der Augenblick ihrer Trennung so nahe sei. Die Marquise mutmaßte wohl, daß ihre Tochter sehr krank sei; aber sie war noch viel weiter als Cäcilie davon entfernt, den hohen Grad und die Schwere der Krankheit zu erkennen.
Frau von Marsilly hatte stets sehr strenge religiöse Gesinnungen genährt, jene innige Überzeugung von der himmlischen Gerechtigkeit, von der Wiedervergeltung, welche, die Seele in einer andern Welt erwartet, und diese Gedanken hatten sie in Mitte des Unglücks, welches sie umwogte, ruhig und heiter erhalten. So wie sie das Gefahrvolle ihrer Lage erkannt, hatte sie einen katholischen Priester kommen lassen, welcher, ein Irländer von Geburt, in dem kleinen Dorfe Edgware, ungefähr zwei Meilen von Hendon wohnte. Dieser Priester besuchte die Baronin während ihrer Krankheit alle Tage.
Eines Morgens, wenige Minuten vor der Stunde, in welcher der Priester gewöhnlich kam, ergriff Frau von Marsilly die Hände der vor ihrem Bette sitzenden Cäcilie und zog diese an sich, um sie, wie sie des Tages wohl zwanzigmal tat, zu umarmen.
»Mein Kind,« sagte sie, »betrübe Dich nicht über das, was Du vorgehen siehst; Du gewahrst es, ich werde von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick schwächer, Gott kann mich zu sich rufen und ich muß mich vorbereiten, vor seinem Throne rein vor allen menschlichen Schwächen zu erscheinen. Ich habe daher gestern dem Priester gesagt, daß er heute wiederkommen solle, um mich mit den Heilmitteln des Herrn zu versehen. Heute, mein Kind, werde ich kommunizieren, und Du, nicht wahr, Du verlässt mich während dieser heiligen Handlung nicht. Du wirst an meinen Kissen knien, Du wirst zu gleicher Zeit mit mir beten, damit Du, wenn mir die Stimme verfallen sollte, das angefangene Gebet fortsetzen kannst.«
»O, meine Mutter, meine Mutter!« rief Cäcilie, »o, seien Sie ruhig; ich werde Sie nicht eine Stunde, nicht eine Minute, nicht einen Augenblick verlassen/ und Gott wird Ihnen ein langes Leben schenken, damit ich es ganz mit Ihnen hinbringen kann! Aber war es denn so dringend, einen Priester zu fordern, und hatten Sie nicht Zeit, um sich auf diese traurige Zeremonie vorzubereiten.«
Die, Baroness lächelte, zog dann Cäcilie von Neuem an ihre Brust und sagte:
»Ich habe nach der Anweisung des Arztes gehandelt,«
Cäcilie schrack zusammen; dieses letzte Wort hatte ihr alle Hoffnung geraubt, welche ihr noch geblieben war.
In diesem Augenblicke ertönte das Glöckchen des Sakristans und erweckte ein schmerzliches Echo in dem innersten Grunde des Herzens des jungen Mädchens. Da öffneten sich die Türen wie von selbst. Zwei Chorknaben traten ein, jeder eine brennende Kerze in der Hand, ihnen folgte der Priester, welcher die Hostie trug. Man sah die Marquise im Korridor erscheinen, bleich und durch ihre Kammerfrau unterstützt; das Vorzimmer füllte sich mit einigen armen Katholiken, welchen die Baronin, so arm sie selbst war, die gewöhnlichen Almosen gab. Hierauf ertönte abermals das Glöckchen, die Baronin erhob sich auf ihrem Bette, alle Umher stehenden knieten nieder und die heilige Handlung begann.
Man muß einer solchen Handlung beigewohnt, man muß die Gebete Sterbender über dem Haupte einer geliebten Person gehört haben, um Alles das begreifen zu können, was in dem Herzen eines Kindes vorgeht, welches den Leib seiner Mutter zurückbehält, während die Engel sich schon mit ihrer Seele zum Himmel emporschwingen.
Die Baronin hörte die Gebete des Priesters mit ihrer gewohnten Heiterkeit und Ruhe, sie betete selbst, und antwortete auf die geheiligten Worte; aber zweimal wurde sie während der Zeremonie ohnmächtig, sie ging von einer verzehrenden Röte, zu einer solchen Blässe über, daß man sie zweimal hätte für tot halten können, wenn nicht ihr Puls gezeigt hätte, daß sie noch lebe, und daß das Feuer des Fiebers jene Quelle, des Lebens noch nicht verzehrt habe, welche Gott in den Grund unseres Herzens legte.
Endlich erhielt die Baroness die geweihte Hostie. Der Priester entfernte sich, wie er gekommen war, seine Assistenten folgten ihm, und man hörte ferner und ferner das Tönen des Glöckchens, dessen Schall einen so tiefen Eindruck auf das Herz des jungen Mädchens gemacht hatte.
Von diesem Augenblick an schien die Baronin viel ruhiger, und es schien sogar eine merkliche Besserung in ihrem Zustande eingetreten zu sein. Cäcilie, welche ohne Unterlass die Augen auf ihre Mutter gerichtet hatte, baute auf diesen Strahl der Hoffnung und willigte auf die Bitte ihrer Mutter ein, diese Nacht die englische Kammerfrau an ihre Stelle treten zu lassen; sie tat es aber nur unter der Bedingung, daß man sie auf der Stelle wecke, wenn irgend eine Krisis eintreten sollte. Die Marquise stellte einige Bitten, als wolle sie bei ihrer Tochter bleiben, aber auch diesmal bat die Baronin, wie immer, ihre Mutter, daß sie sich nicht einer Anstrengung aussetzen möchte, welche ihr Alter nicht erlaube.
Der erste Theil der Nacht ging ruhig vorüber; allein gegen Morgen fuhr Cäcilie aus ihrem Schlafe auf; sie hatte sich rufen hören; sie sprang aus ihrem Bette, warf ein Nachtkleid um, und stürzte sich in das Zimmer ihrer Mutter.
Die Baronin hatte diesmal einen neuen Anfall von Blutspucken, und zwar einen so bedeutenden bekommen, daß die Kammerfrau nicht gewagt hatte, sie zu verlassen, um ihre Tochter zu holen; überdies war Frau von Marsilly in ihren Armen ohnmächtig geworden, und jene hatte sich daher gezwungen gesehen, Cäcilien zu rufen. Diesen Hilferuf hatte das junge Mädchen gehört.
Als die Baronin wieder zu sich kam, war der erste Ausdruck ihres Gesichts ein Lächeln. Der Anfall war so heftig gewesen, daß sie geglaubt hatte, sterben zu müssen, ohne ihre Tochter wieder gesehen zu haben; und siehe da, Gott gab es zu, daß sie wieder zu sich kam und daß sie ihre Tochter noch einmal sah.
Cäcilie lag auf den Knien vor dem Bette ihrer Mutter, sie hielt eine Hand der Sterbenden, betete und weinte zu gleicher Zeit. Sie blieb in dieser Stellung, obgleich die Baronin aus ihrer Ohnmacht ganz er«wacht war; denn diese, indem sie die Augen zum Himmel erhob und ihre andere Hand auf den Kopf ihrer Tochter legte, empfahl jetzt Gott dieses schöne und unschuldige Geschöpf, welches sie verlassen mußte.
Obgleich die Baronin wieder etwas Ruhe gewonnen hatte, so war es doch unmöglich, Cäcilien zu bestimmen, in ihr Zimmer zurückzukehren; denn es schien ihr, daß, wenn sie ihre Mutter nur auf einen Augenblick verlassen würde, dieser von Gott ausgesucht sein könne, um sie ihr zu entreißen. In der Tat war unbezweifelt, daß die Baronin nur noch einen Hauch hatte und daß dieser Hauch im nächsten Augenblick aufhören könne.
Der Tag brach an. Als die Kranke den ersten Schimmer desselben durch die Jalousien dringen sah, verlangte sie, daß man das Fenster öffne. Man hätte glauben können, sie fürchte, daß diese Sonne die letzte sei, und daß sie auch nicht einen Strahl derselben verlieren wolle.
Glücklicherweise war es einer jener schönen Herbsttage, welche Frühlingstagen gleichen. Ein Baum erhob seine Äste bis zum Dach hinauf und war noch ganz mit Blättern bedeckt, welche zur Hälfte noch grünten und zur Hälfte schon abgestorben waren. Bei jedem Hauch der Lüfte fielen einige von diesen Blättern ab und stiegen wirbelnd in die Höhe. Die Baronin folgte ihnen melancholisch mit den Augen; sie lächelte bei jedem derselben, welches auf die Erde niedersank; sie dachte, daß bald der Hauch des Todes ihre Seele entführen werde, wie der Wind diese armen Blätter entführte. Cäcilie, welche die Augen der Mutter auf diesen Gegenstand gerichtet sah, folgte diesem sanften und melancholischen Blicke und erriet, welcher Gedanke den Geist ihrer Mutter aufrege. Sie wollte nun das Fenster schließen, aber die Baronin hielt sie davon ab, indem sie sagte:
»Lass mich sehen, mit welcher Leichtigkeit die Blätter sich von diesem Baum trennen; ich hoffe, daß es mit meiner Seele eben so sein wird, mein armes Kind, und daß sie sich von meinem Leibe trennen wird, ohne mich zu viel leiden zu lassen.«
»Befinden Sie sich denn schlimmer, meine Mutter?«fragte Cäcilie mit Bangigkeit.
»Nein, es scheint mir im Gegenteile, daß ich mich besser befinde; seit langer Zeit ist es das erste Mal, daß ich keine Schmerzen empfinde, und wenn die Abwesenheit des Schmerzes das Leben wäre, so glaube ich, daß ich noch länger leben könnte.«
»O, meine Mutter, welch himmlische Worte Sie mir da sagen!« rief Cäcilie, an den geringsten Strahl der Hoffnung sich anklammernd; »vielleicht hat Gott mein Flehen erhört; vielleicht würdigte er mich, Sie mir wieder zu geben.«
Cäcilie sank auf ihre Knie nieder, faltete die Hände und betete mit einer solchen Inbrunst, daß ihre Mutter, indem sie das Haupt zurücklegte, ihre Tränen nicht zurückhalten konnte.
»Warum legen Sie das Haupt mit dieser Miene des Zweifels zurück, meine Mutter? Hat Gott nicht schon oft viel größere Wunder getan, als das, welches ich von ihm erflehte? Und Gott weiß es, meine Mutter,« fügte Cäcilie hinzu, indem sie ihre Hände mit einer bewunderungswürdigen Andacht zum Himmel erhob, »Gott weiß es, daß nie ein glühenderes Herz, als das meinige, ein Wunder von ihm erflehte, daß selbst das Magdalenens, als sie für ihren Bruder Lazarus bat, daß selbst das des Jairus, als er für seine Tochter flehte, nicht inniger war.«
Und Cäcilie betete mit leiser Stimme, während die Baronin melancholisch das Haupt bewegte.
Um Mittag ließ die Marquise sich nach dem Befinden ihrer Tochter erkundigen. Trotz der gewöhnlichen Leichtfertigkeit sah sie doch die traurige und verhängnisvolle Veränderung, welche ihr bevorstand, und nun erst begriff sie, was sie die heilige Handlung am gestrigen Abend nicht hatte begreifen lassen, daß der Tod da sei.
Während des Tages hatte die Baronin einige Anwandlungen jener Ermattung, welcher sie unterworfen war, allein diesmal waren diese Ohnmachten fast ohne Schmerz; sie schloss die Augen, erblasste, und das war Alles. Bei den ersten beiden Ohnmachten, bei welchen die Marquise gegenwärtig war, erhob sie ein Jammergeschrei und sagte, daß Alles zu Ende, daß ihre Tochter gestorben sei.
Cäcilie und die Baronin baten sie, um solche schmerzliche Auftritte sich zu ersparen, daß sie auf ihrem Zimmer bleiben möge. Die Marquise ließ sich einige Augenblicke bitten und gab dann nach.
Cäcilie, diese sanfte und zärtliche Seele, stimmte so mit ihrer Mutter überein, daß sie beide, so zu sagen in einander verschmolzen, wie die Düfte zweier gleicher Blumen, welche man vereinigte, und die man zu gleicher Zeit einatmete.
Gegen Abend fühlte sich die Baronin viel schwächer, sie verlangte, daß man das Fenster wieder öffne, welches man den Tag hindurch geschlossen hatte; dieses Fenster war auf der Abendseite und die Sonne war auf dem Punkte unterzugehen.
Cäcilie machte eine Bewegung, um ihrer Mutter zu gehorchen, allein diese drückte ihr die Hand mit einer Kraft, welche man bei einer Sterbenden nicht vermutet hätte, und sagte:
»Verlasse mich nicht.«
Cäcilie betrachtete ihre Mutter; das Fieber hatte nachgelassen; die Baronin war blaß, ihre Hand war kalt.
Cäcilie rief die Kammerfrau und diese öffnete das Fenster.
Die Baronin strengte sich an und wandte sich der untergehenden Sonne zu.
In diesem Augenblicke begann eine Nachtigall im Garten zu singen.
Es war einer jener Abendgesänge, so melodisch, so schmelzend, so durchdringend, wie sie diese Königinnen der Harmonie hören lassen.
»Höre!« sagte die Baronin, indem sie Cäcilien an sich zog.
Cäcilie lauschte, indem sie ihre Stirn an die Brust der Mutter legte; sie hörte den langsamen und unregelmäßigen Schlag ihres Herzens.
Es ereignete sich jetzt, was sich manchmal ereignet, das heißt, daß sie nach und nach aufhörte, den Gesang des Vogels zu hören, und auf dieses letzte Symptom des Lebens zu merken, welches in der Brust ihrer Mutter sich regte.
Es schien ihr, als wenn sich von Moment zu Moment die Pulsationen verminderten, allein sie fuhr immer noch fort, zu lauschen. Die Nachtigall war aufgeflogen und setzte hundert Schritte weiter ihren melodischen Gesang fort.
Nach Verfluß einiger Minuten flog der Vogel wieder weiter und zwar so fern, daß die lautesten Töne seines Gesanges bloß an das Ohr der Sterbenden drangen.
Jetzt hörte der Gesang plötzlich auf.
In demselben Augenblicke stockten die Pulse. Cäcilie schauderte; ein Gedanke fuhr ihr durch die Seele, der Gedanke, daß die Nachtigall, welche nun schwieg, die Seele ihrer Mutter sei, die zum Himmel emporstieg.
Sie erhob den Kopf, die Baronin war blaß und regungslos, die Lippen standen etwas auf, die Äugen waren halb geöffnet. Cäcilie beugte sich über sie, dann murmelte die Baronin das Wort »Lebewohl« auf eine fast unverständliche Weise. Cäcilie fühlte über ihr Gesicht einen lauwarmen lieblichen Hauch sich verbreiten; die Augen der Kranken schlossen sich, die Zippen pressten sich zusammen, ein leiser Schauer durchbebte den ganzen Körper, ihre Hand zitterte sanft und suchte die Hand ihrer Tochter zu drücken. Jetzt war Alles zu Ende.
Dieser Hauch, welchen Cäcilie auf ihrem Gesicht empfunden hatte, war die Seele der Baronin, die zu Gott empor stieg; dieser leichte Schauer war das letzte Lebewohl, welches die Mutter der Tochter sagte.
Ja, es war alles zu Ende, die Baronin hatte zu atmen aufgehört.
Nicht einen Schrei, nicht einen Seufzer stieß Cäcilie aus, nur zwei große Tränen rollten über ihre Wangen herab.
Dann ging sie in den Garten hinaus, pflückte eine schöne Lilie voll Frische und Duft, und legte sie in die Hände ihrer Mutter.
So schien der Körper der Baronin das aus Wachs geformte Bild irgend einer schönen Heiligen des Paradieses.
Jetzt kniete Cäcilie an dem Bette nieder, nachdem sie der Marquise hatte sagen lassen, sie möge kommen, damit sie, während sie für die Seele ihrer Mutter bete, für die Seele ihrer Tochter beten könne.
XIV.
Das Lebewohl
Wir wollen bei dem Leichenbegängnis und bei den schmerzlichen Zeremonien, welche denselben folgten, nicht verweilen, diese nur andeuten. Kaum hatten die Herzogin de Lorges und Herr Duval den Tod der Baronin vernommen, als beide nach Hendon eilten. Es war die Folge eines leicht erklärlichen Zartgefühls, daß die Herzogin Heinrich, Herr Duval aber Eduard nicht mitbrachte. Dank der Freundschaft der Einen und der Vermittlung des Andern fand Cäcilie die liebreichen Tröstungen, deren sie so sehr bedurfte, von der einen Seite, und von der andern den Schutz eines Geschäftsmannes, welcher unter solchen Umständen so notwendig ist. Die Baronin wurde auf dem Friedhof des Dorfes beerdigt. Schon seit langer Zeit hatte sie sich die Stelle ausgesucht, welche sie einnehmen wollte, und sie hatte sie durch den Priester einweihen lassen.
Der Schmerz der Marquise war lebhaft; sie liebte ihre Tochter so sehr, als sie zu lieben fähig war; allein ihr Charakter war keiner von jenen, auf welche der Schmerz einen tiefen Eindruck macht. Sie stammte aus jener Zeit, in welcher das Mitgefühl noch eine Ausnahme war.
Ehe er nach London zurückkehrte, machte Herr Duval Cäcilien das Anerbieten aller möglichen Dienstleistungen, ohne ihr jedoch ein Wort von den Projekten zu sagen, welche zwischen ihm und ihrer Mutter gemacht worden waren. Cäcilie antwortete in jenem Tone der Verbindlichkeit, in welchem man sich nichts vergibt, daß, wenn sie irgend einen Dienst in Anspruch zu nehmen habe, sie nur an ihn, sonst an Niemand sich wenden würde.
Die Marquise und die Herzogin hatten eine lange Unterredung gehabt, die Marquise hatte der Herzogin ihren festen Entschluss aus einander gesetzt, nach Frankreich zurückzukehren. Der feste Wille der Baronin hatte allein vermocht, ihre Mutter zu verhindern, dieses seit längerer Zeit genährte Vorhaben auszuführen. Sie hatte nie diese Konfiskation der Güter begreifen können, deren Folgen sie doch fühlte, und sie glaubte, daß ihr Anwalt irgend ein Mittel finden werde, um über diesen Verkauf der Nationalgüter den Sieg davon zu tragen, den sie für durchaus unerlaubt hielt.
Zwei Tage nach der Beerdigung der Baronin ließ sie Cäcilie auf ihr Zimmer rufen und kündigte ihr an, daß sie sich bereit halten solle, nach Frankreich abzureisen.
Diese Nachricht erfüllte Cäcilien mit einem tiefen Erstaunen; sie hatte nie den Gedanken gehabt, daß ein Tag kommen könne, an welchem sie dieses ihr zur Heimat gewordene Dorf, dieses Landhaus, in welchem sie erzogen worden, diesen Garten verlassen könne, in welchem sie ihre Jugend in der Mitte ihrer Anemonen, ihrer Lilien und ihrer Rosen verlebt hatte. Sie hatte nie gedacht, daß sie dieses Zimmer verlassen würde, in welchem ihre Mutter, dieser Engel von Sanftmut, Geduld und Reinheit, ihre letzten Seufzer ausgehaucht Hatte; sie hatte nie den Gedanken gehegt, den kleinen Friedhof zu verlassen, in welchem sie ihren letzten Schlaf schlief.
Sie ließ daher die Marquise zweimal die Aufforderung wiederholen, sich zur Abreise vorzubereiten, und als sie sich überzeugt hatte, daß sie sich nicht täusche, zog sie sich in ihr kleines Zimmer zurück, um sich auf die Revolution vorzubereiten, welche in ihrem Leben vor sich gehen sollte. In diesem so ruhigen, so reinen und so friedlichen Leben war jeder Wechsel eine Revolution.
Zuerst schien es Cäcilien, daß das, worüber sie Schmerz empfinde, die es Dorf, dieses Landhaus, dieser Garten, dieses Zimmer und dieser Friedhof sei; allein als sie ihre Gedanken tiefer durchforschte, fand sie, daß Heinrichs Bild sich etwas mit all' diesen Gegenständen verschmolzen habe, von welchen sie sich nur mit Schmerz trennte.
Jetzt sing sie an, sich sehr unglücklich zu fühlen, England zu verlassen.
Sie trat in ihren Garten hinaus.
Wie gesagt, waren gerade diese letzten, schönen Tage des Herbstes, das letzte Lächeln des scheidenden Jahres; jede sich neigende Blume schien Cäcilien zu grüßen, jedes Blatt im Herabfallen ihr ein Lebewohl zu sagen. Die Zufluchtsorte der süßen Frühlingsmorgen und der warmen Sommerabende hatten alle das Geheimnisvolle verloren. Das Auge drang durch die Gebüsche und durch das Dickicht. Die Vögel fangen nicht mehr unsichtbar und versteckt unter dem Laube, man sah sie hüpfen, unruhig auf den entblätterten Ästen herum hüpfen, wie wenn sie einen Schutz gegen den Schnee des Winters suchten. Es kam Cäcilie, zum ersten Male vor, daß sie wie ein Vogel sei. Der Winter würde auch für sie kommen, und indem sie dieses Landhaus verlasse, verliere sie ihre mütterliche Zufluchtsstätte, ihr gewohntes Obdach, ohne daß sie noch wisse, welches Dach von Stroh oder von Schiefer ihr von der Zukunft beschieden sei.
Und wenn sie ging, in welche Hände würde ihr schöner Garten fallen? All' diese Bäume, all' diese Pflanzen, diese Blumen, deren Leben sie studierte, deren Sprache sie verstand, deren Gedanken sie erriet, was sollte aus ihnen werden, wenn sie nicht mehr da war, der lebendige Mittelpunkt, der durch sein Leben Alles belebte und an sich anzog? Vielleicht würde dieser Garten unartigen Kindern überlassen werden, die ihn verwüsteten, oder einem unwissenden Mietsmanne, der nicht einmal den Namen ihrer Freundinnen wusste, deren Leben sie kannte. Wohl würde sie in Frankreich andere Blumen, andere Pflanzen, andere Bäume finden; allein es waren die Bäume nicht, die sie unter ihrem Schatten groß wachsen sahen, es waren die Pflanzen nicht, welche sie mit ihren Händen befeuchtet hatte, es waren die Blumen nicht, die, wenn man so sagen darf, von Geschlecht zu Geschlecht sie für ihre mütterliche Sorgfalt mit ihren köstlichsten Düften gelohnt hätten. Nein, nein, das waren Fremde, und die arme Cäcilie glich jenem jungen Mädchen, welche man aus dem Kloster nimmt, in dem sie erzogen worden, die man aus den Armen ihrer geliebten Gefährtinnen reißt, um sie in eine Welt hinein zu werfen, in der sie Niemand kennen und in der sie selbst unbekannt sind.
In diesem kleinen Garten lag eine ganze Welt voll Gedanken für Cäcilien.
Sie verließ den Garten, aber nur um nach dem Zimmer ihrer Mutter zu gehen.
Da gab es eine Welt voll Andenken.
Das Zimmer war in demselben Zustand erhalten worden, in welchem es zur Zeit der Baronin war. Alles war an seinem Platze; Cäcilie, welche geglaubt hatte, ihr Leben in Hendon zuzubringen, wollte sich selbst eine Täuschung bereiten, und in der Tat, wenn sie einmal in dieses Zimmer sich eingeschlossen, in welchem das Leben alle seine Erinnerungen, der Tod aber nicht eine Spur zurück gelassen hatte, dann konnte sie glauben, ihre Mutter sei für einen Augenblick ausgegangen und müsse jede Minute wiederkehren.
Seit dem Tode ihrer Mutter hatte sich Cäcilie mehr als einmal in dieses Zimmer eingeschlossen. Die wahrhafte Erleichterung des Schmerzens wurde dem Menschen von Gott durch das gegeben, was er für den Schmerz schuf, das heißt, die Tränen. Welcher Art aber auch der menschliche Schmerz sei, es gibt Augenblicke, in welchen die Tränen vertrocknen, gleich versiegenden Quellen; dann ist die Brust gepresst, das Herz schwillt an, dann fordert man Tränen, und die versiegten Tränen wollen nicht kommen; aber in dem Augenblicke, in welchem sich ein vergessenes An«denken dem Geiste darbietet, in welchem ein Ton, der nur die gewöhnliche Sprache der verlorenen Person in das Gedächtnis, ruft, zu unserem Ohre dringt, in dem Augenblicke, in welchem ein Gegenstand, den diese Person gebrauchte, uns in die Augen fällt, verschwindet diese Trockenheit des Herzens sogleich, und alsbald entquellen Tränen, zahlreicher als zuvor, und die Seufzer, welche uns erstickten, schwingen sich empor, der Schmerz in seinem Übermaße kommt sich selbst zu Hilfe.
Diese Tränenquelle war es, welche Cäcilie bei jedem Schritte in dem Zimmer ihrer Mutter fand.
Gleich beim Eingange, der Türe gegenüber, sah sie das Bett, auf welchem sie ihre Seele ausgehaucht hatte, am Fuße dieses Bettes das Kruzifix, welches sie geküsst, als sie die heiligen Sakramente empfangen; zwischen den zwei Fenstern in einer Porzellanvase die Lilie, welche sie in dir Hand hatte, als sie gestorben war, und die nun auch, bleich und leidend, wie sie, starb; auf dem Kamine die kleine Börse von Filet, welche einige Münzen und ein Goldstück enthielt. In den Tassen an der Seite ein oder zwei Ringe, zwischen den Tassen die Pendule, welche die Zeit bis zu dem Augenblicke gezeigt hatte, in welchem sie in Mitte des allgemeinen Schmerzes vergessen worden und stehen geblieben war, wie ein Herz, welches aufhört zu schlagen; und endlich in den Kommoden und in den Schränken die Wäsche, die Kleider der Baronin.
Alles war da. Und Alles war ein Andenken für Cäcilien, jeder Gegenstand rief ihr ihre Mutter in das Gedächtnis, sei es nun in einer besonderen Lage, oder in ihrer gewöhnlichen Stellung. In diesem Zimmer endlich war es, wo sie ihre Tränen suchte, wenn diese versiegt waren.
Und dieses Zimmer sollte sie verlassen, wie ihren Garten; dieses Zimmer, wo ihre Mutter durch die Erinnerung sich überlebte, die jeder Gegenstand von ihr darbot. Indem sie dieses Zimmer verließ, trennte sie sich zum zweiten Male von ihrer Mutter; nachdem ihr Körper gestorben war, sollte nun gewissermaßen auch ihr Gedächtnis sterben.
Indessen war gegen einen Befehl der Marquise nicht zu handeln. Die Marquise hatte die mütterliche Gewalt der Baroness geerbt; es war nunmehr«n dieser, Cäcilien zu dem Ziele zu führen, welches ihr die Zukunft bezeichnete.
Cäcilie holte ihr Album.
Als wenn sie sich selbst misstraue, wollte sie ihren Schmerz versinnlichen, und sie fertigte eine Zeichnung des Bettes, des Kamins, der hauptsächlichsten Gerätschaften des Sterbezimmers.
Dann fertigte sie eine Zeichnung des Zimmers selbst.
Hierauf, da der Tag seinem Ende nahte, rief sie die Kammerfrau ihrer Großmutter und erbat sich von der Marquise die Erlaubnis, dem Grabe ihrer Mutter Lebewohl zu sagen.
Es war einer jener protestantischen Friedhöfe, ohne Kreuz und ohne Grabsteine, ein gemeinschaftliches Feld, ein allgemeines Asyl, eine Ruhestätte, in welcher der Staub wieder zu Staub wurde, ohne daß eine einzige Inschrift weder die Individualität des Verstorbenen, noch den liebenden Sinn der Lebenden bezeichnete. So ist der protestantische Kultus, ein auf Gründen beruhender Kultus, ein algebraisches System, welches Alles beweisen will, und dessen erstes Ergebnis war, die Basis jeder poetischen Religion, den Glauben zu ertöten. Nur das Grab der Mutter Cäcilien's zeichnete sich vor den andern dieser Gräber, welche Nichts, als mehr oder minder mit Rasen bedeckte Hügel waren, durch ein schwarzes Kreuz aus, auf welchem man in weißen Buchstaben den Namen der Baronin las.
Aber dieses Grab und dieses Kreuz waren in einem Winkel des Friedhofes unter schönen, immer grünenden Bäumen, und bot einen malerischen Anblick dar, wie ihn kein anderer Teil dieses traurigen Feldes der Vernichtung hatte.
Cäcilie kniete vor dieser frisch aufgeworfenen Erde nieder. Zu arm, um ihrer Mutter ein Denkmal errichten zu können, hatte sie in ihren Gedanken die schönsten Rosen und die schönsten Lilien ihres Gartens auf dieses Grab verpflanzt und im nächsten Frühlinge kam sie hierher, um die Seele ihrer Mutter in dem Dufte der Blumen einzuatmen. Auch auf diesen Trost musste sie verzichten. Garten, Zimmer, Grab, Allem musste sie Lebewohl sagen.
Cäcilie zeichnete das Grab ihrer Mutter.
Je mehr sie mit der Zeichnung voran rückte, war das Bild Heinrichs, welches während der jüngsten Tage immer nur unbestimmt in ihrem Gedächtnis sich gezeigt hatte, viel bestimmter, viel sichtbarer, wenn man so sagen darf, viel gegenwärtiger geworden, ohne daß sie wusste, wie und warum. Es schien ihr, daß er, auf einen Augenblick durch die erschütternden Ereignisse aus ihrem Leben verbannt, jetzt viel inniger, viel notwendiger, als zuvor, darein zurück kehrte.Ihr Denken glich einem durch ein Gewitter aufgeregten See, welcher diese Aufregung einige Zeit fort behält, der aber, je mehr sich das Ungewitter legt, seine Reinheit wieder gewinnt und von Neuem die Gegenstände zurückstrahlt, welche er zuvor widerspiegelte.
Je weiter ihre Zeichnung gedieh, je mehr schien es Cäcilien, daß Heinrich nicht bloß in ihrer Erinnerung lebe, sondern daß er auch wirklich in Person da sei.
In diesem Augenblicke hörte sie ein leichtes Geräusch hinter sich, sie wandte sich um, und sie gewahrte Heinrich.
Heinrich war in ihren Gedanken so gegenwärtig, daß sie nicht im Mindesten erstaunte, ihn zu sehen.
Es ist wohl Euch, es ist mir, es ist der ganzen Welt begegnet, durch einen magnetischen Instinkt zu fühlen, so zu sagen mit den Augen der Seele eine von uns geliebte Person nahen zu sehen, und ohne den Blick auf sie gerichtet zu haben, zu erraten, daß sie da sein müsse und ihr die Hand zu reichen.
Heinrich, welcher drei Tage früher mit seiner Tante nicht hatte kommen können, war allein gekommen; er war nicht gekommen, um sich der Marquise vorzustellen; dies war durchaus seine Absicht nicht; er war gekommen, um diesen kleinen Winkel der Erde zu besuchen/ welcher, wie er fühlte, Cäcilie so oft besuchen musste.
Der Zufall hatte es gefügt, daß er Cäcilien traf.
Warum war der Gedanke an diese fromme Pilgerschaft nicht auch in Eduards Geist erwacht?, Cäcilie, welche es gewöhnlich kaum wagte, Heinrich anzublicken, reichte ihm die Hand wie einem Bruder dar.
Heinrich ergriff Cäcilien's Hand, drückte sie und sagte: »O, ich habe viel wegen Ihnen geweint, weil ich nicht mit Ihnen weinen konnte.«
»Heinrich,« sagte Cäcilie, »ich bin sehr glücklich, Sie zu sehen.«
Heinrich verbeugte sich.
»Ja,« fuhr Cäcilie fort, »ich habe an Sie gedacht. Ich habe Sie um einen großen Dienst zu bitten.«
»O, mein Gott, womit könnte ich Ihnen dienen, mein Fräulein?« rief Heinrich. »Verfügen Sie über mich, ich bitte Sie darum!«
»Heinrich, wir reisen ab, wir verlassen England, vielleicht für lange Zeit, vielleicht für immer.«
Cäciliens Stimme zitterte, große Tränen perlten über ihre Wangen herab; allein sie wurde Herr über sich, und fuhr fort:
»Heinrich, ich empfehle Ihnen das Grab meiner Mutter.«
»Mein Fräulein,« sagte Heinrich, »Gott ist mein Zeuge, daß mir dieses Grab eben so teuer ist, als Ihnen selbst; allein auch ich verlasse England, vielleicht für lange Zeit, vielleicht für immer.«
»Auch Sie?«
»Ja, mein Fräulein.«
»Aber wohin gehen Sie denn?«
»Ich gehe. . . ich gehe nach Frankreich,« entgegnete Heinrich errötend.
»Nach Frankreich!« flüsterte Cäcilie, indem sie den jungen Mann anblickte.
Indem sie fühlte, daß auch sie erröte, senkte sie das Haupt auf ihre Hände herab und flüsterte: »Nach Frankreich!« Dieses Wort änderte die Bestimmung Cäciliens, dieses Wort erhellte ihre Zukunft.
Heinrich ging nach Frankreich! Von jetzt an erkannte sie erst die Möglichkeit, in Frankreich zu leben; bis jetzt hatte sie es nicht vermocht.
Sie erinnerte sich, daß Frankreich ihr Geburtsland, daß England nur ihr Adoptiv-Vaterland sei.
Sie erinnerte sich, daß man nur in Frankreich ihre Muttersprache spreche, daß die Sprache dieses Landes ihre Sprache, die ihrer Mutter und die Heinrichs sei.
Sie erinnerte sich daran, daß ihr Aufenthalt in der Fremde, so mild er auch war, immer nur ein Exil sei, sie erinnerte sich, daß ihre Mutter ihr vor ihrem Tode gesagt hatte: »Ich würde so gerne in Frankreich sterben.«
Geheimnisvolle Gewalt eines Wortes, die uns den Vorhang erhebt, der uns unsern ganzen Horizont verbarg.
Cäcilie fragte Heinrich um nichts mehr, und als ihre Kammerfrau bemerkte, daß es spät sei, und daß die Nacht hereinbreche, grüßte sie Heinrich und entfernte sich.
In dem Augenblicke, in welchem sie den Friedhof verließ, warf sie einen Blick zurück und sah Heinrich an derselben Stelle sitzen, an welcher sie gesessen hatte. An der Türe wartete ein Bedienter zu Pferd und hielt ein anderes Pferd an der Hand.
So war also Heinrich, wie er gesagt hatte, bloß gekommen, um das Grab der Baronin zu besuchen, und nachdem er es getan hatte, kehrte er nach Hause zurück.
XVI.
Die Abreise
Als Cäcilie nach Hause zurückkehrte, traf sie Herrn Duval bei der Marquise, und obgleich der Banquier und ihre Großmutter in ihrer Gegenwart nichts von Geschäften sprachen, so konnte das junge Mädchen doch bemerken, daß Herr Duval gekommen sei, um der Marquise de la Roche-Bertaud Geld zu bringen.
In dem Augenblicke, in welchem Herr Duval das kleine Landhaus verließ, stellte er der Marquise bei ihrer Durchreise durch London sein Haus zur Verfügung; allein die Marquise dankte ihm und sagte, daß, wenn sie bei jemand absteige, so würde dieses bei der Herzogin geschehen, welche es ihr angeboten habe; da sie aber wahrscheinlich nur ein oder zwei Tage sich in London aufhalten werde, so würde sie ohne Zweifel mit ihrer Enkelin in einem Gasthofe absteigen.
Cäcilie bemerkte, daß Herr Duval, als er von ihr und ihrer Großmutter Abschied nahm, sehr traurig war. Aber diese Traurigkeit schien mehr einem Gefühle frommer Teilnahme, als einer persönlichen Unruhe zu entspringen.
Die Marquise hatte die Abreise auf übermorgen festgesetzt und sie bat daher Cäcilien, eine Auswahl unter den Gegenständen zu treffen, welche ihr die notwendigsten, oder die teuersten seien.
Herr Duval hatte es auf sich genommen, Alles was übrig blieb, verkaufen zu lassen.
Dieses Wort verkaufen, machte einen schmerzlichen Eindruck auf Cäciliens Herz; es schien, als sei es eine schreckliche Entweihung, die Gegenstände verkaufen zu lassen, welche ihrer Mutter gehört hatten.
Sie bemerkte dieß ihrer Großmutter, aber diese entgegnete, daß es unmöglich sei, dieses geringfügige Mobiliar mit nach Frankreich zu nehmen, indem die Transportkosten den Werth zweifach übersteigen würden.
Diese Antwort war so begründet, daß sie nur durch Rücksichten des Herzens angegriffen werden konnte, aber diese Rücksichten sind, wie man sagt, zwar sehr heilige, aber sehr schlimme Gründe.
Cäcilie war daher gezwungen, sich zu fügen; aber sie bemächtigte sich der Gegenstände, die zum persönlichen Gebrauche ihrer Mutter gedient hatten, z. B. ihrer Wäsche, ihrer Kleider, und bemerkte, daß Alles in zwei Koffer gebracht werden könne, und daß sie in ihrem Schmerze einen unendlichen Trost darin finde, diese Gegenstände, welche ihrer Mutter gehört hatten, mit sich zu nehmen.
Die Marquise antwortete Cäcilien, daß sie in dieser Hinsicht thun könne, was ihr gut scheine, daß sie ihr aber bemerklich machen müsse, daß es sonst in großen Familien gebräuchlich gewesen sei, alle Kleidungsstücke zu verbrennen, welche Personen, die an einer Brustkrankheit starben, gehörten, indem diese Krankheit für ansteckend gelte, und dergleichen Kleider die Person, welche sie trage, der Gefahr aussetzte, sich dieselbe Krankheit zuzuziehen und denselben Tod zu sterben.
Cäcilie lächelte traurig und dankte ihrer Großmutter für die Erlaubnis, die sie ihr gegeben hatte.
Cäcilie war hinausgegangen und hatte einen Schritt in dem Korridor zurückgelegt, als die Marquise sie zurückrief.
Sie hatte ihr bloß zu sagen, daß sie sich wohl in Acht nehmen solle, daß keine Gegenstände, deren sich die Baroness bedient hatte, unter ihre Effekten kommen.
Mit sechzig Jahren fürchtete die Marquise den Tod mehr, als ihre Enkelin mit sechzehn.
Cäcilie ließ sich in das Zimmer ihrer Mutter die erforderlichen Kisten bringen, dann schloß sie sich andachtsvoll ein, indem sie sogar nicht wollte, daß ihr die Kammerfrau bei Erfüllung der heiligen Pflicht beistehe, welche sie zu vollbringen hatte.
Es war eine süße, aber zugleich auch eine traurige Nacht für Cäcilie, die sie nun ganz und allein in dem Zimmer ihrer Mutter und mit den Erinnerungen an diese zubrachte.
Um zwei Uhr morgens fühlte Cäcilie, welche wenig an das Wachen gewöhnt war, unwillkürlich Schlaf; sie warf sich ganz angekleidet auf das Bett, aber zu«vor fiel sie vor dem Kruzifix auf ihre Knie nieder, und da sie die Gegenstände, welche sie umgaben, fort« gerissen durch ihre kindliche Liebe, auf den höchsten Grad der Begeisterung erhoben, so bat sie Gott, daß, wenn es wahr sei, was sie erzählen gehört, daß die Toten die Lebenden noch besuchen, er ihrer Mutter erlauben möge, daß sie zu ihr komme, und ihr in diesem Zimmer, in welchem sie ihr Kind so oft an das Herz gedrückt, ein letztes Lebewohl sage.
Und Cäcilie schlief mit ausgebreiteten Armen ein, aber Gott milderte zu ihren Gunsten das strenge Gesetz des Todes nicht, und wenn sie ihre Mutter wiedersah, so war es nur im Traum. Der folgende Tag ging unter den weiteren Vorbereitungen zur Abreise vorüber; aus dem Zimmer ihrer Mutter ging Cäcilie in das ihrige und unter den Erinnerungen an ihre Kindheit, unter welchen ihre Albums eine so große Stelle einnahmen, ging der Abend hin.
Am folgenden Morgen verließen Cäcilie und ihre Großmutter das kleine gastliche Haus, welches sie zwölf Jahre lang bewohnt hatten. Mit dem Grauen des Tages erhob sich Cäcilie, um zum letzten male in ihren Garten zu gehen; der Regen schoss in Strömen herab.
Cäcilie stellte sich an das Fenster; der Garten war traurig und betrübt; die letzten Blätter fielen von den Bäumen, die letzten Blumen senkten ihre Kelche, niedergedrückt von dem Wasser des Regens. Cäcilie fing zu weinen an, es schien ihr, daß hätte sie ihre Freundinnen während eines schönen Frühlingstages verlassen, sie weniger getrauert haben würden, indem sie den ganzen Sommer vor sich gehabt hätten, während sie sie in diesem Augenblicke im Todeskampfe und geneigt gegen jenes Grab der Natur zurückließ, welches man Winter nennt.
Den ganzen Tag hindurch wartete Cäcilie, daß der Himmel sich aufkläre, um nach dem Friedhof gehen zu können, allein der Regen fiel den ganzen Tag hindurch in Strömen herab, es war also unmöglich auszugehen.
Gegen drei Uhr kam der Reisewagen und der Kutscher der Herzogin de Lorges, man packte die Koffer auf; der letzte Augenblick war gekommen.
Die Marquise war über die Abreise entzückt. Während der zwölf Jahre, welche sie in diesem reizenden Landhaus zugebracht, hatte sie sich weder an die Menschen, noch an die Dinge gewöhnt; sie hatte nicht eine angenehme Erinnerung.
Cäcilie glich einer Wahnsinnigen, sie berührte die Möbeln, sie umarmte sie, sie weinte, ein Teil ihrer Seele blieb in Hendon zurück.
In dem Augenblicke, in welchem man in den Wagen stieg, war sie beinahe ohnmächtig, man musste sie fast in denselben tragen.
Sie wollte den Schlüssel des kleinen Hauses mit sich nehmen, den man in London während der Durchreise dem Herrn Duval zuzustellen hatte, und sie legte ihn auf ihr Herz.
Dieser Schlüssel war der ihrer Vergangenheit; den zu ihrer Zukunft hatte Gott allein.
Sie bat den Kutscher, einen Umweg zu machen und an der Türe des Friedhofes anzuhalten. Da der Regen noch immer strömend herabgoß, so war ihr das Aussteigen unmöglich. Aber indem sie ihre Blicke durch die Gitter der Türe schweifen ließ, konnte sie noch einmal das Grab, das kleine Kreuz und die großen Bäume sehen, welche es beschützten.
Aber die Marquise bat sie, nicht so lange an einem solchen Orte zu halten, weil ihr die Nachbarschaft eines Friedhofs die unangenehmsten Eindrücke mache.
Cäcilie rief noch einmal:
»Lebe wohl, meine Mutter, lebe wohl!«
Dann warf sie sich in den Fond des Wagens zurück.
Sie hüllte ihr Haupt in ihren schwarzen Schleier und öffnete ihre Augen nicht eher, als bis der Wagen anhielt.
Man war an der Thüre des Gasthauses »König Georg.«
Im Hofe stand ein anderer Wagen ganz bereit und angespannt. Die Herzogin erwartete die Marquise in den Gemächern des Gasthauses, welche für sie bereitet worden waren. Ihr Neffe, Heinrich, welchen sie nach Dover geschickt hatte, um sich nach Schiffen, die nach Frankreich gingen, zu erkundigen, schrieb ihr, daß ein Fahrzeug zur Abfahrt bereit sei und morgen unter Segel gehen werde.
Wenn man von diesem Fahrzeuge Gebrauch machen wollte, so war es notwendig, sogleich abzureisen.
Cäcilie verlangte, zu Madame Duval zu gehen; allein diese wohnte in der City und um dahin zu gehen und zurückzukommen, war mehr als eine Stunde erforderlich. Die Marquise widersetzte sich daher diesem Besuche und sagte ihrer Enkelin, sie solle bloß an jene schreiben.
Das arme Kind fühlte, daß ein Brief nicht genüge, um von den, alten guten Freunden ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Aber was vermochte sie gegen den Willen der Marquise; sie musste gehorchen.
Sie schrieb also.
Was nur ein Brief an zärtlichen Ausdrücken und an innigem Bedauern enthalten kann, das enthielt Cäciliens Brief. Sie sagte darin Allen Lebewohl, Herrn Duval, Madame Duval und auch Eduard. Sie überschickte Herrn Duval den Schlüssel des kleinen Hauses, indem sie ihm sagte, daß wenn sie reich wäre, sie dieses kleine Haus, obgleich sie von ihm sich entferne, obwohl sie England für immer verlasse, als das Heiligtum ihrer Jugend behalten würde. Aber sie war arm, und sie erneuerte an Herrn Duval im Namen der Marquise die Bitte, die Möbeln zu verkaufen und den Betrag hierfür ihrer Großmutter zu übersenden.
Man stellte diesen Brief der Frau Herzogin de Lorges zu, welche sich verbindlich machte, ihn am folgenden Tage an ihren früheren Intendanten abzusenden.
Ehe die Herzogin ihre Freundin, die Marquise, verließ, machte sie ihr alle die Anerbietungen an Geld, welche unter Leuten von Stand ohne Bedenken gemacht werden, indem man sie wie einen geleisteten Dienst annimmt, allein vermöge des Verkaufs des Restes ihrer Diamanten glaubte sich die Marquise so genügend gesichert, daß sie nichts weiter bedürfe, um die Zurückgabe ihrer, Güter erwarten zu können.
Endlich kam der Augenblick, in den Wagen zu steigen. Cäcilie hätte Alles darum gegeben, wenn sie Herrn und Madame Duval noch einmal umarmen, Eduard die Hand hätte drücken können. Im Grund ihres Herzens fühlte sie, daß es fast eine Undankbarkeit sei, so zu handeln; allein sie war, wie schon gesagt wurde, nicht im Stande, den Eingebungen ihres Herzens zu folgen. Sie kniete sich nieder, bat ihre Mutter um Verzeihung, und als man sie benachrichtigte, daß der Wagen ihrer harre, begnügte sie sich mit der Antwort, daß sie bereit sei.
Es war eine sehr traurige Sache für Cäcilie, in einer regnerischen Nacht von London abreisen zu müssen, ohne jemand andrem als der Herzogin, welche sie kaum kannte, Lebewohl gesagt zu haben.
Man durcheilte London, welches Cäcilie nie gesehen hatte, ohne daß das junge Mädchen ein einziges«mal zum Fenster hinausgeblickt hätte, nur an der reinen Luft und an dem Aufhören des Pflasters erkannte sie, daß man sich jetzt auf dem Lande befinde.
Da der Wagen mit der Post fuhr und sich nirgends länger aufhielt, als zum Umspannen erforderlich war, wurde der Weg sehr schnell zurückgelegt und um fünf Uhr Morgens war man zu Dover angelangt.
Der Wagen hielt im Hofe eines Hotels. Der Schein einiger Fackeln erschreckte die geschlossenen Augen Cäciliens; sie öffnete sie noch ganz betäubt von dem Schaukeln des Wagens, und noch befallen von der dadurch herbeigeführten Schläfrigkeit, begegnete ihr erster Blick Heinrich, welcher ihre Ankunft erwartete.
Cäcilie fühlte sich so heftig erröten,m daß sie den Schleier über ihr Gesicht herab schlug.
Heinrich reichte zuerst der Marquise, dann ihr die Hand, um beim Aussteigen Hilfe zu leisten; es war das erste mal, daß Cäciliens Hand der Heinrichs begegnete, und der junge Mann fühlte diese so sehr zittern, daß er es nicht wagte, sie zu drücken.
In dem Gasthofe warm die Zimmer in Bereitschaft gesetzt und erwarteten die Reisenden; man sah, daß eine umsichtige Hand Alles zuvor geordnet hatte. Da das Fahrzeug nicht vor zehn Uhr Morgen« abging, so hatten die beiden Reisenden wenigstens einige Stunden Ruhe.
Heinrich bat sie, sich wegen gar nichts zu beunruhigen und bloß zur benannten Stunde sich bereit zu halten, indem sein Kammerdiener die Einschiffung aller ihrer Effekten besorgen werde; ließ konnte um so leichter geschehen, als der Wagen ganz beladen war, und man nur die Koffer von demselben zu nehmen brauchte, um sie nach dem Fahrzeuge zu schaffen.
Nachdem er die Marquise und Cäcilie noch gefragt hatte, ob sie ihm nicht noch einige Befehle zu erteilen hätten, empfahl er sich.
Cäcilie schloss sich in ihr Zimmer ein; aber wie groß auch ihre Müdigkeit war, sie versuchte umsonst einzuschlafen. Dieses unerwartete Erscheinen Heinrichs hatte ihrem armen Herzen eine zu große Aufregung verursacht, als daß der Schlaf sich ihr nahen konnte.
Nun blieb ihr noch ein letzter Zweifel, über welchen sie eine Frage an Heinrich nicht gemacht hatte. Heinrich hatte ihr gesagt, daß er auch nach Frankreich gehe: reiste er wohl auf dem nämlichen Fahrzeuge?
Dieser Zweifel war, wie man leicht einsehen wird, hinreichend, um Cäcilie am Schlafen zu hindern.
Aber diese Schlaflosigkeit war nicht ohne Tränen; zum ersten male seit dem Tode ihrer Mutter fühlte sie, daß jemand für sie wache.
Die Bedienten, welche ihre Ankunft erwarteten, diese zu ihrem Empfange in Bereitschaft gesetzten Zimmer, daß ihre Effekten in dem Augenblicke auf das Fahrzeug geschafft wurden, ohne daß es sie nur im Geringsten belästigte, das Alles war die Wirkung eines freundschaftlichen Waltens, welches sich mit Sorgen belud und mit Zuvorkommenheit handelte.
Dieses Etwas, welches über sie wachte, dieses freundschaftliche Walten, welches ihren Wünschen zuvorkam, das war Heinrichs Liebe.
Heinrich liebte sie also wirklich, aufrichtig, innig?
Wie wohl es tut, sich geliebt zu fühlen!
Und dieser Gedanke war so süß, daß er Cäcilien einschläferte, daß das junge Mädchen gegen den Schlaf kämpfte, indem es fürchtete, der Schlaf könnte ihr dieses Gefühl von Schutz, welches sie so glücklich machte, rauben.
Sie sah den Tag grauen, sie, zählte die Stunden, sie stand auf, ohne daß man nötig hatte, sie aufzuwecken; sie war schon auf, als man an ihrer Türe klopfte.
Sie ging nun M ihrer Großmutter und fand sie, wie gewöhnlich, ihre Chocolade im Bette nehmend; sie hatte Lust, sie zu fragen, ob Heinrich zu gleicher Zeit mit ihnen abreise; sie öffnete zwei«oder dreimal den Mund, um diese Frage zu beginnen; allein jedes mal schlossen sich die Lippen, ohne daß sie vermocht hätte, ein Wort zu sprechen.
Inzwischen rückte die Zeit voran, Cäcilie kehrte nach ihrem Zimmer zurück, um der Marquise Zeit zu lassen, sich anzukleiden.
Diese hatte alle ihre alten Gewohnheiten beibehalten, sie legte alle Morgen ihr Roth auf, und Mademoiselle Aspasia allein bediente sie bei der Toilette, die nach ihrer Meinung keine Toilette gewesen wäre, wenn diese aristokratische Ergänzung nicht statt gehabt hätte.
Cäciliens Fenster ging nach der Straße; am Ende der Straße sah man das Thor und über die Häuser her sah man die Wimpeln der Schiffe, welche im Winde flatterten. Cäcilie stellte sich an das Fenster.
Verschiedene Wagen fuhren in der Straße umher, aber in Mitte aller dieser Fahrzeuge bemerkte Cäcilie eines, welches vom Hafen herkam. Sie folgte ihm mit den Augen. Der Wagen hielt an der Türe an, ihr Herz pochte, der Schlag öffnete sich, Heinrich sprang heraus, ihr Herz pochte noch heftiger. Sie zog sich eilig vom Fenster zurück.
Aber nicht so schnell, daß sie Heinrich, indem er den Kopf erhob, nicht gesehen hätte.
Cäcilie blieb stehen, errötend und verlegen, eine Hand auf ihr Herz gelegt, dessen Bewegungen sie zu hemmen suchte, die andere an den Fensterriegel angeklammert.
Sie hörte die Schritte Heinrichs, als er in den Salon eintrat, welcher ihr Zimmer von dem der Marquise trennte; jetzt hielten diese Schritte an. Heinrich wagte nicht, in das Zimmer Cäciliens einzutreten, und Cäcilie getraute sich nicht, in den Salon hinauszugehen.
Dies währte zehn Minuten lang fort.
Nach Verfluß von zehn Minuten klingelte Heinrich; eine Kammerfrau kam.
»Mademoiselle,« sagte Heinrich,« haben Sie die Güte, diesen Damen zu sagen, daß sie die Gewogenheit haben möchten, sich zu beeilen, in einer Viertelstunde wird das Schiff unter Segel gehen.«
»Hier bin ich, mein Herr,« sagte Cäcilie heraustretend und vergessend, daß die Antwort anzeige, daß sie die Rede gehört habe; »hier bin ich, und ich will meine Großmutter davon in Kenntnis setzen, daß Sie warten.«
Sie grüßte dann Heinrich und ging schnell durch den Salon zu der Marquise.
Die Marquise war beinahe bereit, und fünf Minuten später trat sie mit ihrer Enkelin heraus. Heinrich bot der Marquise seinen Arm und Cäcilie folgte beiden, von Mademoiselle Aspasia begleitet, von welcher sich die Marquise nicht trennen wollte.
Ein einziger Gedanke beschäftigte ununterbrochen Cäciliens Seele.
Würde sie wohl Heinrich bloß bis an das Schiff begleiten, oder mit ihnen gehen?
Während des ganzen Wegs getraute sie sich nicht, eine Frage an Heinrich zu stellen, und Heinrich sprach auch nicht ein Wort, welches aus diesen Gegenstand Bezug gehabt hätte, nur seine Augen begegneten öfters denen des jungen Mädchens, und beide schienen sich durch Blicke zu fragen.
Heinrich hatte eine elegante Kleidung, welche ebenso gut ein Jagd- als ein Reisekleid sein konnte; es war daher unmöglich, hieraus etwas zu schließen.
Man langte im Hafen an, stieg aus dem Wagen, eine Barke war bereit, die drei Frauen bestiegen sie, Heinrich folgte ihnen und die Ruderer trieben sie gegen das Schiff.
Heinrich gab der Marquise seine Hand, um an Bord zu steigen, dann reichte er sie Cäcilien. So sehr die Hand des jungen Mädchens zitterte, so konnte sich Heinrich doch nicht enthalten, sie zu drücken. Eine Wolke lagerte sich auf den Augen Cäcilias, es schien ihr, daß sie ohnmächtig werden wolle. Es, war das erste mal, daß ihr Heinrich anders, als durch einen Blick sagte, daß er sie liebe.
Aber war dieser Druck nicht sein Lebewohl?
Als sie den Fuß auf das Verdeck setzte, wankte Cäcilie so, daß sie Schutz an einer Pyramide von Koffern, Kisten und Kästen suchte, welche am Fuße des Besanmastes aufgeschichtet war, und welche einige Matrosen aus Furcht vor schlechtem Wetter mit einer Decke von Wachstuch überdeckten. Aber so unsicher und so verzagt der Blick Cäciliens war, so entdeckte sie doch einen Namen, auf welchen ihre Augen einen Augenblick haften blieben.
Dieser Name stand auf einen Koffer geschrieben, es war eine Adresse, und diese Adresse sagte Cäcilien Alles, was sie zu wissen wünschte, denn sie war folgenden Inhaltes: »Herrn Vicomte Heinrich de Sennones, bureaux restante. . Paris. . Frankreich.«
Cäcilie atmete auf, richtete ihre Augen gen Himmel, und diese begegneten jenen des jungen Mannes.
Es schien, daß Alles, was in dem Herzen des jungen Mädchens vor sich ging, auf ihrem Gesichte ausgedrückt sei; denn Heinrich nahte sich ihr mit einem vorwurfsvollen Blicke und sagte nach einem augenblicklichen Stillschweigen:
»O, Cäcilie, wie konnten Sie auch nur einen Augenblick glauben, daß ich Sie verlassen würde?«
XVII.
Die Reise
Durch einen jener auf dem Meere so häufigen Wechsel der Atmosphäre, hatte sich das Wetter ganz geändert, der Regen von gestern Abend war verschwunden und der Himmel war so rein, wie er es in dieser Jahreszeit so selten ist. Dieses erlaubte den Passagieren, auf dem Verdecke zu bleiben, und dafür dankte Heinrich dem Himmel aus dem innersten Grunde feines Herzens, denn es gestattete ihm, in der Nähe Cäciliens zu bleiben, welche er hätte verlassen müssen, wenn schlechtes Wetter die Reisenden gezwungen hätte, sich in das Zimmer der Damen einzuschließen.
Alles, was Cäcilie sah, war für sie neu und interessant; sie erinnerte sich wohl, aber es war fast nur wie ein Traum, daß sie einer Brandung entlang noch als kleines Kind hinabgestiegen, oder in den Ar«mm ihrer Mutter getragen worden war, daß sie nach«dem sie eine große Wasserfläche, welche ihr wie ein ungeheurer Spiegel vorkam, durchschifft, einen Hafen mit seinen Schiffen gesehen hatte, welche sich gleich vom Winde gebeugten Bäumen bewegten. Aber sie war drei und ein halb Jahr alt, als alle diese Gegenstände ihren Blicken begegnet waren, und diese blieben in ihrem Geiste dunkel, unbestimmt, schwankend, gleich magischen Schatten. Der Anblick, dieses Meer, diese Küsten, diese Schiffe waren also etwas Neues für Cäcilien, für dieses arme Kind, welches gewissermaßen wie die Pflanze an den Boden, so an das kleine Haus gebunden gewesen war, welches sie zwölf Jahre lang bewohnt, während welcher sie keinen andern Horizont gesehen hatte, als den, welchen man aus ihren Fenstern, oder aus denen ihrer Mutter wahrnahm.
Seit dem Tode ihrer Mutter war es also das erste mal, daß der Anblick fremdartiger Gegenstände sie einen Augenblick von dem Verluste abzog, welchen sie erlitten hatte; Heinrich stand neben ihr, und ihn befragte sie neugierig über Alles, was sie umgab. Heinrich antwortete auf alle diese Fragen, wie ein Mann, welchem auch nicht die geringste Einzelheit fremd ist, und Cäcilie fuhr in ihren Fragen vielleicht weniger aus Neugierde, als darum fort, seine Stimme zu hören. Es schien ihr, daß sie in ein ganz neues Leben über« trete und daß sie Heinrich in dieses unbekannte Treiben einführe. Dieses Schiff, welches sie nach einem andern Lande, nach ihrem Vaterland brachte, riss sie von der Vergangenheit los, und trieb mit ihr der Zukunft entgegen.
Die Überfahrt war glücklich. Der Himmel war, wie bereits gesagt, so schön, wie er an einem Herbsttage in England sein kann; so schön, daß man zwei Stunden nach der Abfahrt von Dover die Küsten Frankreichs gleich einem Nebel bemerkte, während jene von England noch vollkommen sichtbar waren; aber nach und nach verlor sich England in den Dünsten des Horizonts, Während die Ufer Frankreichs mehr und mehr hervortraten. Cäciliens Augen wandten sich abwechselnd von leg der einen zu der andern, welche von diesen beiden Küsten würde für sie wohl die glücklichere, oder welche die unglücklichere sein?

Gegen sieben Uhr Abends landete man zu Boulogne; die Nacht war schon lange eingetreten. Die Marquise erinnerte sich des Gasthauses zur Post, obwohl sie den Namen ihrer früheren Wirtin vergessen hatte; bloß der Straße, in welcher dieser Gasthof lag, erinnerte sie sich; sie wurde früher Rue Royal, hierauf Rue du Club des Jacobins genannt und nennt sich nun Rue de la Nation.
Obgleich die See sehr ruhig war, so fühlte sich doch die Marquise außerordentlich ermüdet. Heinrich führte daher Cäcilien und ihre Großmutter in den Gasthof, und dann kehrte er zurück, um die Ausschiffung ihrer Effekten zu überwachen.
Cäcilie hatte ihre Mutter zwanzigmal die Ereignisse jenes schrecklichen Abends ihrer Einschiffung erzählen hören. Sie hatte zwanzigmal ihre Mutter diese gute Madame d'Ambron nennen hören, welche sie mit so vieler Hingebung bis an das Meer begleitete, und, weniger vergessen als ihre Großmutter, hatte sich das junge Mädchen dieses Namens erinnert.
So wie Cäcilie auf ihrem Zimmer war, ließ sie die gegenwärtige Besitzerin dieses Gasthofes rufen, und da sie aus dem Alter derselben erkannte, daß sie nicht die nämliche Person sein könne, von welcher ihre Mutter so oft gesprochen hatte, so fragte sie, ob sie Madame d'Ambron gekannt habe, welche dieses Gasthaus zur Post im Jahre 1792 besessen, und ob dieselbe noch zu Boulogne wohne?
Die gegenwärtige Besitzerin nannte sich auch Madame d'Ambron; allein sie war die Schwiegertochter jener; sie hatte deren ältesten Sohn geheiratet, und ihre Schwiegermutter hatte sich zurückgezogen, indem sie ihnen den Gasthof überließ.
Madame d'Ambron wohnte in dem Nebengebäude und sie brachte den größten Teil des Tags in ihrer früheren Wohnung zu.
Cäcilie fragte, ob sie nicht zu sprechen sei, und man erwiderte ihr, daß dies die leichteste Sache von der Welt, und daß man Madame d'Ambron davon in Kenntniß setzen wolle, daß die Reisenden sie zu sprechen wünschten.
In der Zwischenzeit kam Heinrich zurück; wegen der Douane konnte man die Effecten erst am folgenden Mittage ausschiffen.
Er gab von dieser Verzögerung der Marquise und Cäcilien Kenntniß, welche schon geäußert hatten, daß sie am Morgen des folgenden Tages abzureisen wünschten; man kam daher überein, daß die Abreise erst übermorgen vor sich gehen solle.
Diese Abreise war der Gegenstand ernsthafter Erörterungen zwischen der Marquise und ihrer Enkeltochter. Die Marquise wollte mit der Post reisen, allein um mit der Post zu reisen, musste man einen Wagen mieten, oder kaufen, und Cäcilie, die von ihrer Mutter erfahren hatte, wie unbedeutend die Hilfsquellen seien, die ihrer Mutter verblieben, hatte ihrer Großmutter bemerkt, welche große Ersparniß für sie eine Reise mit der Dilligence sein würde. Ihr Wirt, welcher zu gleicher Zeit der Direktor der öffentlichen Fahranstalten war, kam ihr zu Hilfe, und setzte der Marquise auseinander, daß sie, wenn sie das Coupe für sich, ihre Tochter und die Kammerfrau nehme, für sich eben so allein sein würde, als in einer Kalesche oder in einer Berline, und daß die Reise fast eben so schnell gehe, wie mit der Post.
Endlich ließ sich die Marquise, zu ihrem großen Verdrusse, durch diese vernünftigen Gründe überreden, und, man hatte für übermorgen auf das Coupe die drei Namen der Marquise de la Roche-Bertaud, Cäcilie de Marsilly und Mademoiselle Aspasia eingetragen. Als Heinrich diese Vorkehrung erfuhr, nahm er einen Platz im Innern der Dilligence. In diesem Augenblicke trat Madame d'Ambron ein, und stellte sich mit ihrer gewöhnlichen Zuvorkommenheit zur Verfügung der Personen, welche nach ihr gefragt hatten.
Als sie diese würdige Frau sah, welche so viel für ihre Großmutter, für ihre Mutter, und für sie, als sie arme Flüchtlinge waren, getan hatte, öffnete Cäcilie die Arme, um sich ihr an den Hals zu werfen; aber ein Zeichen der Marquise hielt sie zurück.
»Was steht diesen Damen zu Befehl?«fragte Madame d'Ambron.
»Meine Liebe,« antwortete die Marquise, »ich bin die Marquise de la Roche-Bertaud und hier ist Fräulein Cäcilie de Marsilly, meine Enkelin.«
Madame d'Ambron grüßte, aber es war augenscheinlich, daß die beiden ausgesprochenen Namen ihrem Gedächtnisse fremd seien. Die Marquise bemerkte dies und sagte:
»Meine liebe Frau, erinnern Sie sich denn nicht, daß wir schon in Ihrem Gasthofe logierten?«.
Es ist möglich, daß Sie mir diese Ehre schon erzeigten,« entgegnete Madame d'Ambron; »aber ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich nicht erinnere, zu welcher Zeit oder bei welcher Gelegenheit.«
»Meine teure Madame d'Ambron,« sagte Cäcilie, »Sie werden sich unserer gewiss erinnern. Denken Sie an die zwei unglücklichen Flüchtlinge, die an einem Septemberabende des Jahres 1792 auf einem kleinen Karren, als Bäuerinnen gekleidet, und durch einen ihrer Pächter, Namens Peter geführt, bei Ihnen ankamen!«
»Ja, ja, gewiß,« rief Madame d'Ambron, »jetzt erinnere ich mich. Die jüngere der beiden Damen hatte sogar ein kleines Mädchen von drei oder vier Jahren bei sich, einen kleinen Cherub, einen kleinen Engel. . .«
»Halten Sie ein, meine teure Madame d'Ambron,« unterbrach sie Cäcilie lächelnd, »denn wenn Sie es noch einmal sagen würden, so würde ich nicht wagen, ihnen zu bemerken, daß dieses kleine Mädchen, dieser kleine Cherub, dieser kleine Engel. . .«
»Nun?«
»Nun! Ich bin.«
»Wie. Sie sind es, mein armes Kind?«rief die gute Wirtin.
»Nun, nun,« murmelte die Marquise, über diese Vertraulichkeit aufgebracht.
»O, entschuldigen Sie,« rief Madame d'Ambron, indem sie sich sammelte, und ohne daß sie das Murmeln der Marquise gehört hatte: »Entschuldigen Sie, mein Fräulein, aber ich habe Sie so klein gesehen.«
Cäcilie reichte ihr die Hand.
»Aber Sie waren ja drei?«fragte Madame d'Ambron, indem sie um sich blickte, als wolle sie die Baronin suchen.
»Ach!« seufzte Cäcilie.
»Ja, ja,« fuhr Madame d'Ambron fort, indem sie vollständig begriff, was dieser schmerzliche Ausruf des jungen Mädchens bedeuten soll, »ja, die Auswanderung ist eine schmerzliche Sache, und es gibt viele, deren Abreise ich gesehen habe, deren Heimkehr ich aber nicht sehen werde. Sie müssen sich trösten, mein liebes Fräulein; Gott hat seine Gründe, uns zu prüfen, und er züchtigt, wie Sie wissen, die, die er lieb hat.«
»Meine liebe Frau,« sagte die Marquise, »wir wollen nicht davon sprechen, ich bin sehr reizbar und diese Erinnerungen schmerzen mich.«
»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Frau Marquise,« antwortete die gute Wirtin; »es geschah nur, um dem Fräulein zu beweisen, daß ich mich Ihres Aufenthaltes in meinem Gasthofe noch erinnere; aber wenn es der Frau Marquise gefällig sein sollte, mir zu sagen, zu welchem Zwecke Sie mich rufen ließen.«
»Nicht ich habe Sie rufen lassen, mein«liebe Madame d'Ambron; sondern meine Enkelin, Fräulein von Marsilly; benehmen Sie sich daher mit dieser.«
»Wenn dies der Fall ist, und wenn Sie mein Fräulein. . .«
»Ich habe Sie bitten lassen, meine vortreffliche Madame d'Ambron, um Ihnen mit einigen herzlichen Worten zu danken; denn der Dienst, welchen Sie uns geleistet haben, ist ein solcher, daß man ihn nicht anders, als mit ewigem Danke lohnen kann. Dann habe ich Sie auch noch bitten wollen, ob Sie mich morgen früh nicht durch Jemand an das Meeresufer und an die Stelle führen lassen könnten, an welcher wir, es sind nun bald zwölf Jahre, uns einschifften, vorausgesetzt, daß meine gute Großmutter erlaubt, daß ich diesen Gang unternehme,« fuhr Cäcilie fort, indem sie sich an die Marquise wandte.
»Gewiß,« entgegnete diese,« wenn die Madame d'Ambron eine kluge und verständige Person zur Begleitung mitgibt. Ich würde Dir Aspasia anbieten, aber Du weißt, daß ich sie, besonders Morgens nicht entbehren kann.«
»Ich selbst werde mitgehen, Frau Marquise!« rief Madame d'Ambron. »Ich werde mich glücklich schätzen, Sie zu begleiten, und da ich dabei war, als Sie abreisten, so kann ich gewiss jeden vielleicht zu wünschenden Aufschluss besser als Jemand erteilen.«
»Und ich, Frau Marquise,« sagte Heinrich, der diese Szene mit der lebhaftesten Teilnahme vernommen hatte, »darf Sie wohl um die Erlaubnis bitten, Fräulein Cäcilie zu begleiten.«
»Ich sehe nichts Unschickliches darin, Heinrich,« antwortete die Marquise, »und weil Sie die pittoresken Erinnerungen lieben, so geht, meine Kinder, geht!«
Dann machte die Marquise ihrer ehemaligen Wirtin ein kleines Zeichen, welches sagen wollte: »Madame d'Ambron, ich empfehle sie Ihnen, wachen Sie über sie.«
Madame d'Ambron machte ein bestätigendes Zeichen, und nachdem der Gang auf den nächsten Morgen festgesetzt war, zog sich jedes auf sein Zimmer zurück.
Heinrich und Cäcilie brachten beide eine gute und süße Nacht zu; sie hatten sich um elf Uhr Nachts verlassen; um acht Uhr Morgens sollten sie sich wieder sehen, Für die, welche sich in England kaum einmal in acht Tagen, und da nur in Gegenwart von Zeugen sahen, war dies ein erfreulicher Wechsel. Sie sahen sich jetzt alle Tage, und sie sahen sich nicht bloß, sondern sie sollten nun auch Arm in Arm geben; es musste schwierige Stellen geben, an welchen Heinrich Cäcilien die Hand reichen würde, dann andere noch schwierigere, an welchen er sie unterstützen musste; kurz dieser Spaziergang war für den jungen Mann ein großes Fest.
Schon um sechs Uhr Morgens war er bereit, und er konnte die Trägheit der Zeit nicht begreifen; er beschuldigte alle Uhren Frankreichs, daß sie gegen die von England zu spät gehen.
Es gab keine Uhr, selbst die seinige nicht, die bisher ganz richtig ging, welche er nicht angeschuldigt hätte, daß sie unrecht gehe.
Auch Cäcilie war sehr bald wach, aber sie wagte nicht nach der Uhr zu fragen. Nach der Helle des Tages schien es ihr wohl, daß es noch sehr frühe sei; zwei oder drei Mal war sie von ihrem Bett nach dem Fenster gegangen, um sich zu überzeugen, und einmal hatte sie durch ihre Vorhänge Heinrich bemerkt, der ganz reisefertig war und nach ihrem Fenster blickte, um von diesem zu erfahren, ob sie nicht bereit sei, weil sein Auge durch den geheimnisvollen Vorhang nicht dringen konnte. Cäcilie klingelte nun, und fragte, welche Zeit es sei; es war sechs ein halb Uhr.
Sie bat das Stubenmädchen, sie sogleich davon in Kenntnis zu setzen, wenn Madame d'Ambron kommen würde.
Aber Madame d'Ambron, welche die Gründe nicht hatte, vor der festgesetzten Stunde zu kommen, welche Heinrich und Cäcilien drängten, kam erst zur festgesetzten Zeit.
Sogleich ging Cäcilie hinab und traf Heinrich in dem Salon.
Die beiden jungen Leute stellten die gewöhnlichen Fragen an einander und beide gestanden sich, daß diese in einem armen Gasthofe zugebracht Nacht eine der besten Nächte war, die sie je gehabt.
Da Cäcilie den Einschiffungsplatz zu sehen verlangt hatte, hielt es Madame d'Ambron für unnötig, die jungen Leute denselben Weg zu führen, welcher in jener gefahrvollen Nacht gemacht wurde, wo Peter gezwungen worden war, zur Beseitigung jeden Verdachts die Straße nach Montreuil wieder einzuschlagen. Man begnügte sich, die Rue de la Nation bis an das Ende hinab zu gehen und dann bei der Octroi-Einnahme der Stadt einen kleinen Feldweg einzuschlagen.
Dieser Feldweg führte an die Küste. Vielleicht wäre für eine andere als Cäcilie ein solcher Gang eine sehr einfache und gleichgültige Sache gewesen; allein für das junge Mädchen, welche noch nie etwas gesehen hatte, deren Spaziergänge durch die Mauer ihres kleinen Gartens auf der einen und auf der anderen Seite durch die Kirchentüren beschränkt waren, war dieses Alles etwas Neues, etwas Außerordentliches. Gleich einem Vogel, der seinem Käfige entwischt und sich nun mit einem gewissen Schrecken ganz in Freiheit steht, schien ihr die Welt ungeheuer; dann kam ihr plötzlich die Lust, ihre Füße zu erproben, wie der Vogel seine Flügel prüft, und über diesen Raum wegzulaufen, ein unbekanntes Ding zu suchen, dessen Existenz sie fühlte, welches sie aber weder sah, noch begriff. Dies Alles zog ihr ein unaufhörliches Erröten, ein plötzliches Zusammenschrecken zu, welches auf den Arm Heinrichs überging, auf den sie sich gestützt hatte. Dieser antwortete hierauf durch einen sanften Druck, der so aufregend wie jener war, den Cäcilie in dem Augenblick empfunden hatte, als sie im Hafen von Dover das Fahrzeug bestieg, welches sie nach Frankreich zurückführte.
Endlich kam man an der Küste an; hier sah man das Meer in seiner ganzen Ausdehnung, in seiner ganzen Majestät. Der Anblick des Ozeans zeigt eine düstere Größe, welche selbst zur Zeit des Sturms das mittelländische Meer nie hat. Das mittelländische Meer ist ein See, ein Azurspiegel, es ist der Aufenthaltsort der blonden und launenhaften Amphitrite. Der Ozean aber ist der alte Neptun, welcher in jedem seiner Arme eine Welt wiegt.
Cäcilie blieb einen Augenblick verwundert stehen; der Gedanke an den Tod, der Gedanke an die Unendlichkeit bemächtigten sich ihrer im Anblicke dieser Unermesslichkeit, und zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. Dann sah sie den kleinen Fußsteig zu ihren Füßen, welchen sie in jener Gewitternacht in den Armen ihrer Mutter hinabgestiegen war.
Ohne daß es ihr Madame d'Ambron sagte, daß er es sei, hatte ihn Cäcilie erkannt.
Heinrich folgte ihr, bereit, sie zu halten, wenn ihr Fuß auf diesem schmalen Raume ausgleiten sollte, der nicht gestattete, daß zwei Personen nebeneinander gingen.
Man gelangte an den Strandstein; es war der Ort, an weichem die Flüchtlinge die kleine Einschiffung erwartet hatten. Cäcilie erinnerte sich aller dieser Umstände wie durch einen Wolkenschleier hindurch; was sie besonders als Kind betroffen gemacht hatte, das war der ewige Lärm, welchen das Anschlagen der Wellen an die Felsen verursachte, was dem mächtigen Atem des Ozeans gleicht. Noch tönte dieses Geräusch fort, und sie erkannte es in der Tiefe ihrer Erinnerungen wieder.
Sie blieb einen Augenblick unbeweglich, in ihre Betrachtungen versunken, stehen; dann sah sie sich nach Heinrich um, der in ihrer Nähe stand, wie wenn sie im Anblicke eines solchen Schauspiels nötig habe, sich auf etwas zu stützen, und sie lehnte sich an seinen Arm und lispelte nur die Worte:
»Ach wie schön! Wie groß! Wie erhaben!« Heinrich antwortete nicht, er hielt den Hut in seiner Hand, er stand mit entblößtem Haupt da, wie in einer Kirche.
Gott ist überall! Aber die jungen Leute empfanden, daß er besonders hier sei.
So blieben sie in ihren Betrachtungen eine Stunde lang stehen, ohne ein Wort zu wechseln, das eine auf das andere gestützt, und vielleicht waren ihre Gesinnungen gleich; sie fühlten Beide ihre Schwäche und ihre Kraftlosigkeit einer solchen Macht und einer solchen Größe gegenüber.
Einem solchen Anblicke gegenüber hatten sich Paul und Virginie geschworen, sich immer zu lieben und sich niemals zu trennen.
Arme Alcpone!
Madame d'Ambron erinnerte Cäcilie und Heinrich daran, daß es Zeit sei, in das Gasthaus zurückzukehren; die beiden jungen Leute wären den ganzen Tag dageblieben, ohne an das Enteilen der Zeit zu denken.
Sie kehrten daher auf dem kleinen Fußsteige zurück, aber nicht ohne alle zehn Schritte anzuhalten, nicht ohne lange Blicke des Schmerzens und des Lebewohls zurückzuwerfen, nicht ohne von diesen schönen Steinen mit ihren lebhaften Farben, mit ihren Adern, welchen das Meer so vielen Glanz gibt, daß man sie für köstliche Steine halten könnte, und welche zwei Stunden später ein Bild der Dinge dieser Welt, weiter nichts als gewöhnliche Kieselsteine sind, einige mitzunehmen.
Als sie in den Gasthof zurückkehrten, trafen sie die Marquise ganz angekleidet und in der Unterredung mit einem Advokaten begriffen, nach welchem sie geschickt hatte, um sich mit ihm über die Ansprüche zu benehmen, welche sie darauf zu haben glaubte, in ihre Güter wieder eingesetzt zu werden, die ihr der Konvent konfisziert hatte.
Der Advokat hatte der Marquise den Stand der Sache erklärt, wovon diese keinen Begriff gehabt hatte; er hatte ihr gesagt, daß das Konsulat sich der Monarchie zuwende, daß Bonaparte, ehe noch drei Monate verflossen sein würden, Kaiser sein werde, und daß er auf dem neuen Throne, indem er auf die Vergangenheit und Zukunft sich stützen müsse, die alten Familien, welche sich der neuen Dynastie anschließen würden, unzweifelhaft sehr wohl aufnehmen werde.
Was aber die konfiszierten Güter betreffe, so sei an deren Zurückgabe nicht zu denken, aber dagegen habe, gewissermaßen als Entschädigung, das Kaiserreich Geld, Pensionen, Anstellungen und Majorate denen zu bieten, welche diese Entschädigung und diesen Tausch annehmen wollen.
Diese Unterredung hatte der Marquise sehr viel zu denken gegeben, Cäcilie aber begriff nicht, welchen Einfluß die politischen Ereignisse auf ihre Bestimmung haben könnten. Ein Umstand setzte die Marquise sehr in Staunen, nämlich die Ruhe, mit welcher sich Frankreich der Herrschaft eines Korsen unterwarf, eines unbedeutenden Artillerieoffiziers, der einige Schlachten gewonnen und den 18. Brumaire herbeigeführt hatte, und das war Alles.
Cäcilie und Heinrich unterhielten sich sehr lange über diesen Gegenstand; Heinrich war aus dem innersten Grunde seines Herzens Anhänger der vertriebenen Dynastie, welcher seine ganze Familie treu geblieben war; aber Heinrich war jung; Heinrich hatte eine Zukunft von Ruhm geträumt, er hatte eine militärische Erziehung genossen. Heinrich sagte sich im Innersten seines Herzens, vielleicht um die geheime Stimme seines Gewissens zu beschwichtigen, daß in Frankreich dienen so viel sei, als Frankreich dienen. Dieser Mann, welcher an der Spitze der Regierung stand, hatte das Land mächtig und glorreich gemacht, und hierin lag die Absolution von seiner Illegitimität. In seinen Augen war Bonaparte ein Usurpator, aber nichts desto weniger, hatte er alle die glänzenden Eigenschaften, welche eine Usurpation ertragen lassen.
Der Tag ging unter solchen Unterredungen vorüber, Heinrich leistete Cäcilien und der Marquise so lange Gesellschaft, als es die Diskretion erlaubte, und die Marquise selbst verlängerte den Besuch, indem sie ihn einlud, mit ihr und ihrer Enkelin zu dinieren.
Am Abende verlangte Cäcilie noch einmal das Meer zu sehen und bat ihre Großmutter, mit ihr einen Spaziergang auf dem Hafendamm zu machen. Die Marquise schützte vor, daß dieses zu weit sei, und daß ein solcher Spaziergang sie entsetzlich ermüden würde, da sie die Gewohnheit zu gehen durchaus abgelegt habe; allein Cäcilie führte sie an das Fenster, zeigte ihr den nur wenige Schritte entfernten Hafen, und bestürmte sie so lange, bis sie endlich nachgab.
Heinrich bot seinen Arm der Marquise, und Cäcilie folgte, von Mademoiselle Aspasia begleitet, nach. Bei jedem Schritte beklagte sich die Marquise über das schlechte Pflaster; im Hafen angelangt, schimpfte sie über den üblen Geruch der Schiffe, und als sie am Ende des Hafendammes angekommen war, beklagte sie sich über die Seeluft.
Die Marquise war eine jener Naturen, welche, wenn sie etwas für andere tun, diese das Opfer, welches sie ihnen bringen, Minute für Minute hören lassen.
Dieser Umstand ließ Cäcilien noch mehr den ungeheuren Unterschied erkennen, der zwischen der Marquise und ihrer Mutter obwaltete.
Man kam in das Gasthaus zurück, die Marquise war schrecklich ermüdet und wollte sich auf der Stelle auf ihr Zimmer begeben. Die jungen Leute waren daher gezwungen, sich zu trennen; allein nur um am folgenden Morgen wieder vereinigt zu werden; denn an diesem fuhr die Dilligence um sechs Uhr ab.
Der Tag hatte ihnen so viele Erinnerungen dargeboten, daß eine süße Nacht folgen mußte.
Am folgenden Morgen begannen die Klagen der Marquise aufs Neue. Hatte man je so etwas erlebt, sich morgens um sechs Uhr auf die Reise zu begeben? Sie war ganz verzweifelt, daß sie nicht ihrem ersten Gedanken gefolgt war, und einen Wagen mit der Post genommen hatte, was ihr erlaubt haben würde, ganz nach ihrem Belieben abzureisen, allenfalls um elf Uhr Vormittags, nachdem sie ihre Chocolade zu sich genommen hatte.
Aber zu jener Zeit waren schon, wie heute noch, die Conducteure der Dilligence unerbittlich. Um sechs Uhr musste die Marquise fertig sein; um sechs Uhr setzte sich die schwerfällige Maschine in Bewegung nach Paris.
Wie wir gesagt, waren die Marquise, Cäcilie und Mademoiselle Aspasia in dem Coupée, und Heinrich in dem Innern des Wagens; auf jeder Station stieg Heinrich ab, um sich zu erkundigen, wie sich die Damen befinden. Für's erste und zweite fand es die Marquisin sehr schmutzig, allein, obgleich sie sich außerordentlich über die schauerliche Nacht beklagte, während welcher sie reisen sollte, so war sie doch schon auf der dritten Station in tiefen Schlaf versunken.
Dennoch aber versicherte sie, als man am Morgen in Abbeville anhielt, um zu frühstücken, daß sie während der Nacht auch nicht ein Auge geschlossen habe.
Die jungen Leute waren es, welche nicht ein Auge geschlossen hatten, aber sie hüteten sich wohl, etwas zu sagen, und überhaupt sich zu beklagen. Sogleich nach d«m Frühstücke machte man sich wieder auf den Weg und man hielt nicht früher als in Beauvais an, um zu Mittag zu essen. Heinrich hatte die Türe geöffnet, ehe der Conducteur aus seinem Cabriolet gestiegen war, und die Marquise wurde mehr und mehr durch ihn bezaubert.
Bei Tisch beschäftigte sich Heinrich nur mit diesen beiden Damen und sorgte für sie auf's Angelegentlichste; als die Marquise wieder in den Wagen stieg dankte sie ihm durch einen Händedruck und Cäcilie durch ein Lächeln.
Um sieben Uhr Abends gewahrte man die Lichter von Paris. Cäcilie wußte, daß man an die Barriere Saint-Denis gelange, und daß die Fuhrwerke gewöhnlich bei der Douane angehalten würden. Sie wusste auch, daß es an dieser Douane war, wo die Marquise und die Baronin nicht erkannt wurden; obgleich damals noch ein Kind, hatte sie den Aufenthalt in diesem kleinen Kabinett im Gedächtnisse behalten, und als der Wagen anhielt, bat sie ihre Großmutter um die Erlaubnis, diesen Ort zu sehen, an welchem die Baronin und die Marquise so viel ausgestanden hatten. Die Marquise bewilligte es ihr, allein sie fragte dabei, wie es möglich sei, mit so traurigen Erinnerungen sich zu befassen. Heinrich bat den Befehlshaber des Postens um die Erlaubnis, daß eine junge Dame durch die Wachstube gehe und für einen Augenblick in das Zimmer im Hintergrund trete. Wie man sich denken kann, wurde diese Erlaubnis sogleich erteilt.
Die Marquise wollte nicht aussteigen, deswegen stieg Cäcilie allein mit Heinrich ab. Sie ging gerade auf das Kabinett zu, und erkannte es wieder. Es war Alles noch wie damals; hier stand noch der alte hölzerne Tisch, dort waren noch die alten Strohstühle.
Auf einigen dieser Stühle und vor diesem Tische hatte sie den guten Herrn Duval gesehen. Mit dieser Erinnerung kamen alle übrigen Erinnerungen zurück.
Cäcilie erinnerte sich mit Herrn Duval an Alles, an seine Frau und Eduard, den ihr ihre Mutter bestimmt, und den sie nicht einmal im Augenblick, ihrer Abreise wieder gesehen hatte.
Im Herzen des armen Kindes ließ sich so etwas vernehmen, was wie Reue klang, und die Erinnerung an ihre Mutter trat hinzu; Tränen einstürzten ihren Augen.
Diejenigen, welche Cäcilie begleiteten, konnten, Heinrich ausgenommen, nicht begreifen, was dieser alte Tisch von Holz und diese alten Strohstühle Betrübendes haben konnten.
Aber für Cäcilie lag hier die ganze Vergangenheit ihres Lebens.
Der Conducteur rief Cäcilie und Heinrich, beide stiegen wieder in die Dilligence, diese setzte sich in Bewegung und fuhr durch die Barriere ein.
Cäcilie kehrte nach zwölf Jahren durch dieselbe Barriere nach Paris zurück, durch welche sie es verlassen hatte.
Hinausgehend als Kind, weinte sie; als Jungfrau zurückkehrend, weinte sie noch.
Ach, noch einmal musste das arme Kind durch die nämliche Barriere hinaus.
XVIII.
Der Herzog von Enghien
Die Marquise und Cäcilie stiegen im Hotel de Paris ab, in welchem Heinrich gleichfalls sein Zimmer nahm.
Die ersten Tage gingen mit dem Einziehen von Erkundigungen vorüber; die Marquise schickte nach ihrem Prokurator. Aber nicht bloß dieser Prokurator war gestorben, sondern es gab überhaupt keine Prokuratoren mehr. Sie war daher gezwungen, sich mit einem Advokaten zu begnügen, und dieser wiederholte ihr Wort für Wort, was ihr der Advokat in Boulogne bereits gesagt hatte.
Während der zwölf Jahre, welche die Marquise im Ausland zugebracht, hatte Paris ein ganz neues Gesicht angenommen, so daß sie das Volk nicht mehr kannte, welches sie verlassen hatte. Das äußere Ansehen, die Moden, die Sprache, Alles hatte sich verändert. Die Marquise de la Roche-Bertaud hatte erwartet, die Hauptstadt traurig und düster ob des Unglücks zu sehen, welches sie zum Teile selbst wahrgenommen, zum Teile hatte erzählen hören. Aber dem war nicht so; das sorgenlose, das vergessende Paris hatte seinen gewöhnlichen Gang wieder angenommen, und überdies hatte es noch einen stolzen und festlichen Anschein, welchen die Marquise nicht kannte. Paris fühlte instinktmäßig, daß es die Hauptstadt eines viel größeren Frankreichs werden solle, als es je war, und auch noch die, von einer Menge anderer Königreiche, welche sich ihm gutmütig unterwarfen. Paris hatte endlich, damit wir uns eines Ausdruckes der Marquise bedienen, das Aussehen eines Emporkömmlings angenommen.
So ist es mit den Verbannten; es scheint, daß sie eine gewisse Quantität persönlicher Atmosphäre, welche sie in der Fremde einatmen, mit sich bringen und fortfahren, sich in derselben zu bewegen und die Ereignisse bewegen zu lassen, welche sie gesehen haben, und welche sie interessieren. Für sie bleibt das Vaterland, welches sie verlassen haben, immer auf demselben Punkte, auf welchem sie es verließen. Sie glauben die Gemüter für dieselben Gegenstände erglüht, womit sich ihr Geist beschäftigt, die Zeit vergeht, ohne sie einen Schritt vorwärts zu bringen. Nun naht die Stunde ihrer Zurückkunft; denn, Gott sei Dank, in unseren Tagen gibt es keine ewige Verbannung mehr. Nun befinden sie sich hinter der ganzen Zeit zurück, welche sie außerhalb des Landes zugebracht haben, und sie begegnen nun andern Ereignissen, andern Menschen, andern Gedanken, welche sie nicht an«erkennen wollen, und die auch ihrerseits sie nicht anerkennen.
Wie man es der Marquise de la Roche-Bertaud gesagt hatte so wandte sich die Republik einer Monarchie zu, und der erste Konsul war auf dem Punkte, Kaiser zu werden. Alles bereitete sich auf dieses große Ereignis vor, welches den Rest jener Republikaner vernichtete, die der Aufregung der Parteien entgangen waren, und gegen welches die Royalisten aus der Fremde protestierten. So willigte nun jeder Royalist ein, unter der Konsularischen Fahne Dienste zu nehmen, jede Frau von Adel entschloss sich, einen Teil des Hauses der künftigen Kaiserin auszumachen, wenn sie gut aufgenommen würde, und, wenn sie gut aufgenommen worden, Vortheile zu erlangen, auf welche die ältesten und die treuesten Diener keine Ansprüche hatten. Es war ganz einfach; nach Verdienst konnte man die alten Freunde nicht belohnen; es war nichts als eine Undankbarkeit, während die Vernachlässigung des Vereinigens mit den Feinden ein Fehler gewesen wäre. Man wird leicht erkennen, daß am einer Seite die Lage der Dinge sehr verführerisch für eine alte Frau war, welche nur noch wenige Tage zu leben hatte, und ebenso auf der andern Seite für einen jungen Mann, welcher eine ganze Zukunft vor sich hatte. Heinrich sah alle Tage junge Leute von seinem Alter, welche schon Kapitäns waren. Die Marquise de la Roche-Bertaud, sah alle Tage in Wagen, auf welchen die Wappen wieder zu erscheinen anfingen, die alten Freundinnen vorüber fahren, die während des Kaiserreichs mehr gefunden, als sie während der Revolution verloren hatten. Nach und nach verband sich Heinrich mit einigen jungen Männern; die Marquise erneuerte die Bekanntschaft mit einigen ihrer alten Bekannten. Man macht Heinrich Vorschläge, der Marquise Eröffnungen; der verführerische Ruhm auf der einen, das Ansehen des Wohlergehens auf der andern Seite, das Alles arbeitete unterirdisch an dem politischen, sehr jungen Glauben Heinrichs, und an dem sehr alten Glauben der Marquise de la Roche-Bertaud. Aber sie wagten es nicht, sich gegenseitig zu gestehen, was sie im Sinne hatten. Das Herz des Einen war noch zu rein, das Herz der Andern war zu abgestumpft, als daß sie nicht Beide erkannten, daß ihre Unterwerfungen unter die Herrschaft Bonaparte's ein Abfall sei. Beide hatten im Grunde ihres Herzens einen Vorwand, den sie als hörbar betrachteten, und dieser Vorwand, der zu gleicher Zeit als eine Entschuldigung für den Ehrgeiz Heinrichs und für den Egoismus der Marquise galt, war ihre Liebe für Cäcilie.
Was sollte auch in der Tat aus Cäcilien, dem armen Kinde, werden, wenn es zwischen einem Geliebten ohne Zukunft, und eine Großmutter ohne Vermögen gestellt wurde.
Übrigens hatten Heinrich und die Marquise, beide diese guten oder schlimmen Gründe, welche die abtrünnigen Getreuen immer zu Hilfe rufen, angenommen.
So hatte man entdeckt, daß Bonaparte nicht, wie man gesagt hatte, ein Korse von unbekannter Herkunft, ein emporgekommener Soldat, ein glücklicher Offizier sei; Bonaparte gehörte einer der ältesten Familien Italiens an, einer seiner Ahnen war Podesta von Florenz um 1300 gewesen; sein Name war seit vier Jahrhunderten in Genua's goldenem Buche eingeschrieben, und sein Großvater, der Marquis de Bonaparte, wie die reinen Royalisten zu sagen beliebten, hatte einen Bericht über die Belagerung von Rom durch den Connetable Bourbon geschrieben.
Es hätte einen besseren Grund gegeben, als diese alle, den nämlich, daß Napoleon ein Mann von Genie war, und daß jeder Mann von Genie den Platz verdient, welchen ihn das Volk einnehmen läßt, und der von dem Volke denen zurückgegeben werden kann, über welche er usurpierend herrschte.
Ferner sagte man zu jener Zeit, was auch wahr war, daß Bonaparte, rein von allen Exzessen der Revolution, seine Hände nie in das Blut der Bourbonen getaucht habe.
Es war noch von keinem Projekte für die Zukunft zwischen Cäcilie und Heinrich die Rede gewesen, aber dennoch hatten sie, vermöge des sympathetischen Zuges, welcher sich ihrer beim ersten Anblicke bemächtigt hatte, und der nun seit der sechs Monate, während welcher sie sich in England alle Wochen, in Frankreich alle Tage sahen, sich nur vermehren konnte, begriffen, daß sie sich gegenseitig gehörten.
Hatten sie daher notwendig, Entwürfe zu machen, und gegenseitige Versprechungen auszutauschen? Sie hatten, wie Romeo und Julie, indem sie sich gewahrten, im Innersten des Herzens einen jener Schwüre geleistet, die selbst nicht der Tod auflösen kann.
Wenn sie von der Zukunft sprachen, so sagte Jedes von ihnen: wir, statt! ich, und das war Alles.
Aber diese Zukunft, wir müssen es wiederholen, existierte nicht, so lange die Marquise und Heinrich sich nicht der neuen Regierung angeschlossen hatten.
Heinrich hatte, wie erwähnt, kein anderes Vermögen zu erwarten, als das von seinem Onkel, ein Vermögen, welches dieser im Handel errungen, der sich aber dadurch, daß ihn sein plebejischer Entschluss von der Familie getrennt, dahin erklärt hatte, daß er sein Vermögen nur demjenigen seiner Neffen hinterlassen würde, welcher, gleich ihm, dem Anathem Hohn sprechend, wie er Kaufmann werden würde. Heinrich hatte ohne Zweifel eine reiche und schöne Erziehung genossen, allein zu jener Zeit standen für einen jeden etwas ernsten Ehrgeiz nur zwei Laufbahnen offen, die der Waffen und dieser Diplomatie, und diese beiden Karrieren hängen von der Regierung ab.
Was Cäcilie betraf, so hatte ihre Entsagung der väterlichen Grundsätze weniger Bedeutung. Eine Frau erhält ihre Stellung durch die Umstände und durch die Männer. Sie begriff, daß sie, wenn sie das schüchterne Kind bliebe, welches sie war, ein lebender Vorwurf für Heinrich bleiben würde.
Als ihre Großmutter von den Propositionen sprach, welche man ihr gemacht hatte, nämlich davon, in das Haus der künftigen Kaiserin einzutreten, begnügte sie sich, zu antworten, daß sie zu jung und zu unwissend sei, um in Gegenständen der Politik einen Willen zu haben, daß sie sich daher darauf beschränken müsse, ihrer Großmutter zu gehorchen.
Da sie den Zweifel kannte, welchem sich Heinrich seit einiger Zeit hingab, beeilte sie sich, ihm an demselben Tage die Frage, welche ihre Großmutter an sie gerichtet hatte, und die darauf gegebene Antwort mitzuteilen, und sie freute sich, ihren Geliebten ein Opfer, wenn auch auf Kosten ihres Gewissens, zu bringen.
Hierauf hatte Heinrich nur gewartet, um anzunehmen. Er beeilte sich jetzt, seinen gänzlichen und vollständigen Beitritt dem Freunde zu erklären, welcher mit der Unterhandlung beauftragt worden war, und noch am nämlichen Abende sprach man laut und in Gegenwart der Marquise von einer gemeinschaftlichen Zukunft, welche doppelt glänzend durch die doppelten Stellungen werden sollte. Heinrich folgte dem Kaiser zur Armee, Cäcilie blieb bei der Kaiserin in den Tuilerien.
Als Heinrich sich zurückgezogen hatte, und Cäcilie wie gewöhnlich, ihre im Bette liegende Großmutter umarmte, ergriff diese sie bei der Hand, betrachtet sie lächelnd und sprach!
»Nun, was denkst Du von dieser Zukunft, wenn Du sie mit der vergleichst, welche Dir Deine arme Mutter vorbehalten hatte?«
»Ach,« antwortete Cäcilie,« wenn nur Eduard Heinrich gewesen wäre.«
Dann zog sie sich auf ihr Zimmer zurück und weinte; denn der Name ihrer Mutter war mit einem Vorwurf ausgesprochen worden, und es schien ihr, daß Niemand das Recht habe, ihre Mutter zu tadeln.
Wer konnte auch für diese Aussichten gut stehen? Gewiss war die militärische Laufbahn eine glänzende, aber sie war besonders zu jener Zeit sehr gefährlich; man gelangte ohne Zweifel schnell vorwärts, allein während der Tod rings umher mähte. Der Krieg wurde mit Waffen geführt, und jedes Schlachtfeld verschlang Tausende von Menschen. Cäcilie kannte Heinrich; er war tapfer, feurig, ehrgeizig; er wollte ein Ziel erringen, ein Resultat erreichen, für ihn gab es keine Hindernisse. Wenn aber Heinrich getötet werden würde, was sollte aus ihr werden? Sie hatte daher Recht, wenn sie sagte, daß eine Zurückgezogenheit mit Heinrich, eine Zurückgezogenheit in einem kleinen Hause, wie das von Hendon war, ihr Glück sein würde, wenn, wie sie ihrer Großmutter gesagt hatte, Eduard Heinrich gewesen wäre.
Zwei Tage später trat Heinrich in einer glänzenden Uniform ein; es war die eines Brigadiers der Guiden, was ihm den Rang eines Lieutenants in der Armee gab, und es war eine große Gunst, daß Heinrich einen solchen Anfang gemacht hatte.
Cäcilie war der Madame Louis Bonaparte vorgestellt worden, und hatte ihr alle Unglücksfälle ihrer Familie erzählt.
Man weiß, welch vortreffliches Herz diese anmutige Dame hatte, welche unter dem Namen der Königin Hortense populär blieb. Sie hatte dem jungen Mädchen ihre Protektion versprochen, und man war übereingekommen, daß, wenn ihr das Haus der Kaiserin verschlossen sein sollte, Fräulein de Marsilly bei ihr eine Stelle finden würde.
So schien denn Alles vortrefflich für die beiden jungen Leute zu gehen, und man erwartete nichts mehr, als die Verwirklichung des Versprechens, welches Josephinens Tochter gemacht hatte; da verbreitete sich eines Morgens in den Straßen von Paris eine schreckliche Neuigkeit.
Der Herzog von Enghien war in den Gräben von Vincennes erschossen worden.
Am nämlichen Tage reichte Heinrich de Sennones seine Entlassung ein, und Cäcilie schrieb an Madame Louis Bonaparte, daß sie ihr ihr Wort zurück gebe, und daß man zu Gunsten einer Anderen über ihren Platz verfügen möge, welchen man ihr versprochen hatte.
Die beiden jungen Leute hatten diesen Schritt getan, ohne sich gegenseitig besprochen zu haben, und als der Abend kam, und Beide nicht zögerten, sich das zu sagen, was sie getan hatten, vermehrte sich ihre Liebe durch die Überzeugung, daß sie sich gegenseitig mehr als je würdig seien.
Einige Tage nach diesem Ereignisse erhielt die Marquise einen Brief von Herrn Dural. Dem ihm erteilten Auftrage zu Folge hatte er das kleine Mobiliar der Baronin verkauft, und er übermachte Cäcilien und der Marquise den aus 6000 Franks bestehenden Erlös.
Es war bis auf 500 Frank das, was dieses kleine Mobiliar neu gekostet hatte, und so ungehalten auch die Marquise auf Herrn Duval war, so musste sie doch anerkennen, daß er wenigstens als Intendant große Kenntniß und große Treue besitze.
XIX.
Der Entschluß
Statt der ihnen nun mangelnden Zukunft musste eine andere geschaffen werden, man erschöpfte nach und nach alle Kombinationen, welche die Einbildungskraft der beiden jungen Leute und der Marquise zu Tag fördern konnten, und nachdem man Alles erörtert, Alles durchgegangen, Alles für unmöglich gefunden hatte, kam man auf die erste Idee zurück, welche sich ihrem Geiste dar« geboten, und die man im Anfange verworfen hatte, weil es vielleicht die einzige vernünftige war; man kam darauf zurück, die von dem Onkel in Guadeloupe gesetzten Bedingungen einzugehen und Heinrich entschloss sich, Kaufmann zu werden.
Es gibt in dieser Welt zweierlei Arten von Handel, den gewöhnlichen und erbärmlichen Handel des Krämers, welcher unter dem Schatten seines Schildes den Käufer erwartet, an welchem er bei einem Handel von einer Stunde einen Thaler gewinnen wird; und den poetischen und großartigen Seehandel, welcher einen Weltteil mit dem andern durch seine Schiffe verbindet, der, statt mit dem Käufer spitzfindig zu handeln, mit der Kraft des Ozeans handelt, indem jede neue Reise ein neues Gefecht ist, welches er mit dem Himmel und mit dem Meere besteht, und der in dem Hafen gleich einem Triumphator einläuft und, wie ein König sein Zelt, sein Schiff mit seiner Flagge schmückt. Dieser Handel, der der Bewohner von Tyrus in alter Zeit, der Pisaner, der Genuesen und Venezianer im Mittelalter und der aller großen Nationen des neunzehnten Jahrhunderts; dieser Handel ist vereinbar mit dem Adel; denn der Gewinn ist immer durch eine Wahl zwischen Leben und Tod bedingt, und jede Unternehmung, die eine große Gefahr mit sich bringt, erhebt den Menschen, statt ihn zu erniedrigen.
Aber was Heinrich sagte, um sich in seinem Entschluss zu ermutigen, das hatte die arme Cäcilie auch gesagt, aber sie hatte gezittert, indem sie sich es sagte. Die Gründe, welche zuerst veranlasst hatten, die Idee einer Reise nach den Antillen, auf welche man nun bei dem Mangel besserer Hilfsquellen zurückkehren mußte, als eine unglückliche zu verwerfen, waren diese: Heinrich, indem er eine kleine Beilast mit sich nahm, war, so mittelmäßig diese auch sein mochte, bei seiner Ankunft im Guadeloupe sicher, von seinem Onkel mit offenen Armen empfangen zu werden. Da dieser Onkel ein Millionär war, so war das geringste, was er für seinen Neffen tun konnte, ihm 150.000 bis bis 200.000 Franks anzubieten. Nachdem diese Wohltat angenommen worden, unternahm entweder Heinrich eine neue Reise, oder begnügte sich mit dieser vergoldeten Mittelmäßigkeit, heiratete Cäcilie und zog sich mit ihr und der Marquise in irgend einen kleinen Winkel der Welt zurück, wo er weiter nichts zu tun, als sich die Mühe zu nehmen hatte, glücklich zu sein, und die Ereignisse abzuwarten, welche vielleicht durch einen Wechsel in der höheren Region der Politik ihm erlauben würden, sich eine Zukunft voll Glanz und voll Ruhm zu erwerben.
Wenn aber diese Ereignisse nicht eintreten sollten, so fühlte Heinrich, indem er Cäcilie betrachtete und sein Herz prüfte, daß er genug Liebe empfinde, um ein ruhiger Leben im Verborgenen zu führen.
Nachdem dieser Entschluss einmal gesagt worden war, wurde festgesetzt, daß die Abreise im Monat November stattfinden solle. Drei Monate behielten sich also die jungen Leute bevor, ehe sie sich trennten, und im Alter Cäciliens und Heinrichs sind drei Monate gleich drei Jahrhunderten. Beide hatten bei diesem Entschluss viel gelitten, aber die vorgesetzte Frist hatte sie getröstet, wie wenn diese Frist niemals ablaufen würde, wie wenn diese drei Monate ein Menschenalter seien.
Indessen kam die Zeit der Abreise, welche im Anfange, während des ersten Monats, langsam heranrückte, entsetzlich schnell nach, seit man den zweiten Monat zurückgelegt hatte, und als man im dritten anlangte, schien sie Flügel zu haben.
Je mehr die jungen Leute den Moment ihrer Trennung nahen sahen, desto mehr verfielen sie in ihre frühere Traurigkeit; ihre ganze Zukunft, welche sie glänzend und gesichert gesehen hatten, wurde wieder wogend und düster wie die Stürme, von welchen sie abhing. Von Zeit zu Zeit schlich sich wohl in Mitte ihrer Seufzer und ihrer Tränen irgend ein freudiges Hoffen für die Zurückkunft; aber dies geschah fast nur schüchtern und wie wenn sie fürchteten, Gott möge sie wegen ihrer zu großen Zuversicht bestrafen.
Was die Marquise betraf, so verließ diese ihr sorgloser Sinn nie. Ihr Leben, geteilt zwischen ihrem Bette, ihrer Toilette und ihrer Lektüre, ging ebenso ruhig hin, wie wenn es auf den sichersten Grundfesten beruhte. Die Liebe der beiden jungen Leute ging an ihr so keusch und so rein vorüber, allein in Folge ihrer eignen Keuschheit, nicht der großmütterlichen Aufsicht. Glücklicher Weise liebte Heinrich Cäcilien, so sehr und glücklicherweise waren beide zu sehr von der Unwandelbarkeit ihrer Gesinnungen, und von ihrem festen Willen überzeugt, als daß sie eine andere Wiche als die ihres Schutzengels notwendig gehabt hätten.
Die letzten Tage des dritten Monats nahten.
Heinrich wollte sich in Plymouth einschiffen; er hatte in Paris das wenige Geld ausgegeben, über welches er verfügen konnte und nur in England hoffte er mit Hilfe seiner Familie und seiner Freunde die Summe zu bekommen, die er notwendig hatte, um seine kleine Beilast anzukaufen.
Für einsichtsvolle Geister und erhabene Seelen gibt es nichts Traurigeres auf der Welt, als das Gelingen ihrer Unternehmungen von etwas mehr oder weniger Glück abhängen zu sehen. Der zehnte Teil des Einkommens, dessen sich sonst die Familien der beiden Kinder erfreuten, würde heute hingereicht haben, sie beide vollkommen glücklich zu machen. Jeden Augenblick, wenn sie nur die Augen auf die Straße hefteten, sahen Sie irgend einen Dummkopf oder einen Ränke süchtigen, auf den Kissen eines kostbaren Wagens weichlich ausgestreckt, und sie sagten sich, daß sie, Leute von ausgezeichnetem Geiste, von überlegenen Kenntnissen und von bevorrechteter Abstammung glücklich sein würden, eine Revenue zu besitzen, welche dem gleich komme, was die Unterhaltung dieses Wagens koste, der Seine Nichtigkeit oder Ungezogenheit spazieren fuhr.
Diese erbärmliche Summe, welche sie nicht besaßen, die ihnen aus den Händen gefallen war, ohne daß sie daran gedacht hatten, sie zu bedauern, bedingte ihre ganze Zukunft. Um diese Summe zu erlangen, wollten sich jetzt die armen, liebenden und zerrissenen Herzen auf sechs Monate trennen, vielleicht für ein Jahr, sie, die seit vier Monaten nicht begriffen, daß sie nur einen Tag ohne einander leben könnten.
Da indessen, wie sie bemerkten, seit dem Ereignisse, welches alle ihre Entwürfe vernichtet hatte, die, Sachen ihren Gang wie vorher gingen, da sie sahen daß diesen Glücksmännern, welche die Welt an dem Gängelband ihres mächtigen Willens zu führen schienen, Alles gelinge, als sie dachten, daß mit Ausnahme einiger treuen und religiösen Herzen, wie der ihrigen, alle Herzen die Erinnerung an das königliche Opfer verloren zu haben schienen, welchem sie, wie einem Leichen-Brandopfer ihr Glück geopfert hatten, da fragten sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie die Augen geschlossen und das Haupt gesenkt Hätten, wie die ganze übrige Welt tat. Dann aber rief die Stimme ihres Gewissens viel lauter, als die Stimme ihrer Selbstsucht, und schwach gemacht durch ihr Unglück, wurden sie wieder durch die Gewissheit stark, eine Pflicht erfüllt zu haben.
Dennoch fragten sie sich von Zeit zu Zeit, ob der Weg, den sie eingeschlagen, der einzige sei, der ihnen offen stand, und ob ihnen nicht vermöge der Erziehung, welche sie erhalten hatten, die Hilfsquellen der Kunst offen gestanden sein würden; allein keine dieser beiden Erziehungen war in dieser Hinsicht auf einen solchen Grad gesteigert worden, daß man eine Hilfsquelle hieraus hätte machen können, und dann wollte Heinrich sich wohl Allem unterziehen, aber seine Weilte sollte für ihre Person geschützt gegen alle widerwärtigen Ereignisse sein.
Es gibt Augenblicke im menschlichen Leben, wo man sich von dem Verhängnisse, wie, von einem eisernen Netze umfangen sieht. Man sucht vergebens nach einem Auswege, man muß sich auf den verlassen, der sich uns öffnet und der uns ebensowohl zum Verderben, als zum Heile führen kann.
Die armen Kinder kamen daher immer wieder auf diese unglückliche Reise nach Guadeloupe zurück, sie versuchten ohne Unterlass sie hinauszuschieben, sie glichen dem Sisyphus mit seinen Felsen; die Reise fiel ohne Unterlass auf ihr Haupt stets wieder zurück.
Der Tag, welchen Heinrich zu seiner Abreist! festgesetzt hatte, nahte. Allein da ihn nichts dazu zwang als sein Wille, an diesem Tage abzureisen, und obgleich er schon am Morgen zu Cäcilien gekommen war und den ganzen Tag bei ihr zugebracht hatte, so standen jetzt die beiden jungen Leute am Abende dieses Tages, ohne daß ein einziges Wort über diese grausame Trennung über ihre Lippen gekommen wäre.
Endlich, in dem Augenblicke des Scheidens, betrachteten sie sich beide, indem sie traurig lächelten; beide erkannten ihre gegenseitigen Gefühle durch das Gefühl, welches jedes in sich selbst empfand.
»Wann werden Sie abreisen, Heinrich?«fragte Cäcilie.
»Niemals,« antwortete Heinrich. »Niemals, ich fühle es, wenn mich nicht eine stärkere Macht als die meines Willens dazu zwingt.«
»Sie werden also immer bleiben; denn wenn Sie voraussetzen, daß ich dieser stärkere Wille sei, so werde ich nie den Mut haben, Sie aufzufordern, mich zu verlassen.«
»Was soll ich denn tun?«fragte Heinrich.
Cäcilie ergriff seine Hand und führte ihn vor das kleine Kruzifix, welches sie aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter mitgenommen und mit hierher gebracht hatte. Heinrich begriff ihre Absicht.
»Ich schwöre,« sagte er, »bei der, die da starb, indem sie die Augen auf dieses Kreuz heftete; ich schwöre, in acht Tagen von heute an abzureisen, und während meiner ganzen Reise keinen andern Gedanken zu haben, als den, sobald als möglich zurückzukehren, um das Glück des Kindes derselben zu begründen.«
»Und ich,« sagte Cäcilie,« ich schwöre, Heinrich zu erwarten, ohne eine andere Hoffnung, als die seiner Zurückkunft, und wenn er nicht zurückkommen sollte. . .«
Heinrich legte seine Hand auf Cäciliens Mund und hielt den Schluss ihrer Rede zurück; dann begleiteten beide diesen Schwur im Angesicht des Kruzifixes mit einem reinen und keuschen Kusse, wie ihn Bruder und Schwester wechseln.
Am folgenden Tage traten Heinrich und Cäcilie in das Zimmer der Marquise; die jungen Leute verbargen sich nichts mehr über den Stand ihres Vermögens. Heinrich hatte zu wissen verlangt, was Cäcilien bleiben werde, damit die beiden Frauen, während seiner Abwesenheit die erforderlichen Anordnungen treffen könnten. Die Marquise, welche es verabscheute, sich mit Geschäften zu befassen, suchte sogleich die Frage Heinrichs und Cäciliens zu beseitigen; allein da beide sehr hartnäckig darauf bestanden, so ergriff sie ein Mittel, um sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen, und dieses Mittel bestand darin, daß sie Cäcilien den Schlüssel zu dem Sekretär zustellte und ihr den Auftrag erteilte, selbst zu zählen.
In dem Sekretär lagen 8500 Francs, das war Alles, was von dem Vermögen der Marquise und der Baroness geblieben war.
Wenn man die Sachen etwas ökonomisch einrichtet, so konnte man ein und ein halb Jahr beiläufig davon leben, und Heinrichs Reise sollte ja nicht länger als sechs Monate währen. In dieser Hinsicht konnten also die jungen Leute ruhig sein.
Indessen erteilte Heinrich einen Rat, welchen sowohl die Klugheit, als feine Liebe vorschrieb, er riet Cäcilien und der Marquise statt in dem Gasthause zu bleiben, in welchem sie abgestiegen waren, ein kleines eingerichtetes Quartier zu mieten, welches sie viel weniger kosten würde. Indem er diese Maßregel, zu welcher es doch eines Tages kommen müsste, ausführte, so lange er in Paris war, lernte Heinrich doch wenigstens das Zimmer kennen, welches Cäcilie bewohnen würde, und er konnte während seiner langen Abwesenheit mit den Augen der Erinnerung ihr in dieses Zimmer zu jeder Stunde des Tags und der Nacht folgen. Dies war wohl ein minder wichtiger Grund, der in den Augen der Marquise geltend gemacht werden konnte, welche von einer solchen Zärtlichkeit des Herzens nichts wusste; man stützte sich hauptsächlich auf die durch die Ökonomie gebotene Notwendigkeit, und sie leistete endlich Folge.
Vom Morgen des folgenden Tages an war Heinrich in Bewegung, und er fand endlich ein passendes Quartier in der Rue du Coq-Saint-Honoré, 5.
Der Tag wurde zu dem Umzug verwendet. Man brachte die Rechnungen des Gasthofes in Ordnung, welchem man ein wenig mehr als 500 Franken schuldete, und so fand sich also Cäciliens Kapital auf etwas weniger als 8000 Franken beschränkt.
So sah also Heinrich Cäcilien in ihrem neuen Zimmer eingeführt; er stellte mit ihr jedes Möbel an den Platz, an welchem es bleiben sollte, er befestigte das Kruzifix in dem Alkoven, er legte die Albums auf die Tische und war überzeugt, daß Alles so bleiben würde.
Alle diese Unternehmungen schienen der Marquise sehr überflüssig; allein für die jungen Leute waren sie von der größten Wichtigkeit.
Die Tage enteilten. Oft hatte Heinrich Cäcilien gefragt, was ihre Lieblingsbeschäftigung während seiner Abwesenheit sein werde, und Cäcilie hatte ihm lächelnd geantwortet:
»Ich werde mein Hochzeitkleid sticken.«
Am Abende vor seiner Abreise brachte Heinrich Cäcilien ein Stück prachtvollen Musselins. Das war das Hochzeitkleid.
Sie begann die erste Blume in seiner Gegenwart. Die letzte sollte sie bei seiner Zurückkunft sticken.
Die jungen Leute trennten sich nicht vor Morgens drei Uhr. Es war die letzte Nacht, die sie mit einander verleben sollten, und sie konnten es nicht über sich gewinnen, sich zu trennen.
Um acht Uhr waren sie wieder vereinigt.
Dieser Tag hatte für Beide etwas Feierliches. Nachdem er den Eid geleistet, hatte Heinrich auch nicht einen Augenblick den Gedanken gehegt, länger zu bleiben. Er hatte daher seinen Platz auf der Malle-Post von Boulogne genommen, um fünf Uhr Abends musste er abreisen.
Wir wollen keinen Versuch machen, die Einzelheiten dieses letzten Tages zu beschreiben. Obgleich die Geschichte, welche wir. erzählen, mehr die Gefühle als die Ereignisse bezeichnen soll, obgleich wir vor Allem uns vorgenommen haben, einfach und wahr zu sein und obgleich wir dieses Vorhaben, erreicht zu haben glauben, so wollen wir es doch nicht wagen, in die Geheimnisse dieser zwei jungen reinen und von Schmerz zerrissenen Herzen einzudringen. Tränen, Versprechungen, lange und zärtliche Küsse, das ist die Geschichte dieses letzten Tages, des schmerzhaftesten im Leben Cäciliens nach dem, an welchem sie ihre Mutter verloren hatte.
Und unter dem Mein enteilten die Stunden reißend schnell, unaufhaltbar, unbarmherzig; die armen Kinder richteten jeden Augenblick ihre Augen auf die Uhr und von der Uhr auf sich. Sie würden Jahre ihres Lebens für einen Tag, ja, als der Augenblick der Abreise nahte, für eine Stunde gegeben haben.
Endlich bezeichnete die Uhr vier drei Viertel, endlich, noch zehn Minuten auf fünf Uhr. Sie gingen hin, um noch einmal vor dem Kruzifix niederzuknien. Als sie sich erhoben, hatten sie nicht mehr Zeit, als nur sich das letzte mal zu küssen.
Heinrich eilte aus dem Zimmer, allein jetzt stieg Cäcilie einen solchen Schmerzruf aus, daß er zurückkehrte. Ein letztes Wort, ein letzter Schwur, eine letzte Träne, ein letzter Kuss wurde gewechselt, bis sich Heinrich aus ihren Armen riss und enteilte.
Cäcilie beugte sich über das Treppengeländer hinab und folgte ihm mit den Augen; dann lies sie an ihr Fenster um ihn in sein Cabriolet steigen zu sehen; Heinrich erblickte sie am Fenster und grüßte zu ihr herauf, indem er seinen Hut schwenkte.
Das Cabriolet fuhr auf der Seite nach der Straße Saint-Honoré ab. Eine Masse von Fuhrwerken hielt es eine Sekunde auf; Heinrich stellte sich auf den Sitz und gab mit seinem Sacktuche Cäcilien ein Zeichen.
Er sah, denn es war Nacht, am Fenster einen Schatten, ein Sacktuch, welches ihm antwortete.
Das Cabriolet konnte endlich seinen Weg fortsetzen, aber Heinrich beugte sich so lange aus demselben heraus, und grüßte so lange bis es um die Ecke der Straße herum war. Dann warf er sich auf den Sitz und schluchzte.
Er war von Cäcilien schon so weit getrennt, als wenn der ganze atlantische Ozean zwischen ihnen läge.
XX.
Der Briefwechsel
Als Cäcilie das Cabriolet, welches Heinrich fort, führte, an der Straßenecke verschwinden sah, war sie fast ohnmächtig auf einen Stuhl zurückgesunken.
Zehn Minuten später klopfte es an ihre Türe, es war ein Kommissionär, welcher ein Billett brachte. Cäcilie warf einen Blick auf die Adresse und erkannte Heinrichs Schriftzüge. Sie stieß einen Freudenschrei aus, legte in die Hand des Auvergnaten alle Münze, welche sie in ihrer Börse hatte, und eilte in ihr Zimmer, zitternd vor unerwartetem Glücke.
Ja, Glück; denn wenn man mit dieser ersten Liebe liebt, die in das Innerste der Seele ihre Flammenwurzeln treibt, die keine andere Liebe herausreißen kann, dann ist Alles Glück, oder Verzweiflung.
Das junge Mädchen öffnete also zitternd das Billett und las, halb lächelnd, halb weinend, folgende Zeilen:
»Geliebte Cäcilie!
»Ich komme in dem Hofe der Post in dem Augenblicke an, in welchem der Wagen abfahren will. Indessen reiße ich ein Blatt aus meiner Brieftasche und schreibe Ihnen, den einen Fuß auf den Tritt des Wagens gesetzt, diese wenigen Worte.
»Ich liebe Sie, Cäcilie, wie noch nie das Herz eines Sterblichen geliebt bat. Sie sind mir Alles, mein Weib hienieden, mein Engel im Himmel, mein Entzücken und mein Glück überall. Ich liebe Sie! Ja, ich liebe Sie!
»Der Wagen fährt ab, noch ein Lebewohl!«
Dies war der erste Brief, welchen Cäcilie von Heinrich empfing; sie las ihn, sie las ihn zehnmal wieder, in einem fort, und dann sank sie, wie um Gott zu danken, so geliebt zu werden, vor dem Kruzifix auf ihre Knie nieder und betete.
Noch an demselben Abende begann Cäcilie die Zeichnung zu ihrem Kleide. Es kam ihr vor, daß je mehr sie ihre Arbeit beeile, desto schneller die Rückkehr Heinrichs erfolgen würde. Es war eine Zusammensetzung der schönsten Blumen, welche sie in ihrem Album aufbewahrt hatte; es waren ihre Freundinnen, ihre Gefährtinnen, welche sie ihrem zukünftigen Glücke weihte.
Von Zeit zu Zeit unterbrach sich Cäcilie, um den Brief noch einmal zu lesen.
Noch in derselben Nacht wurde die Zeichnung vollendet. Dann legte sich Cäcilie schlafen, Heinricks Billett in der Hand, die Hand auf ihrem Herzen.
Als sie erwachte, bedurfte sie einiger Zeit, um ihre Gedanken zu sammeln; sie glaubte, geträumt zu haben, daß Heinrich abgereist sei; endlich tagte die Wirklichkeit in ihrem Geiste auf, und sie wurde, wie am Abend, zu ihrem Billett, ihrem einzigen Trost, zurückgeführt. Der Tag ging traurig und langsam vorüber. Es war das erste mal seit fünf Monaten, daß Cäcilie einen Tag verlebte, ohne Heinrich zu sehen. Eine Karte Frankreichs in der Hand, folgte sie ihm auf seinem Wege und suchte zu erraten, wo er in dem Augenblicke sei, in welchem sie an ihn dachte.
Die Marquise war noch genau dieselbe, das heißt, sie war sorglos und egoistisch. Da sich Heinrich vielmehr mit Cäcilien als mit ihr beschäftigte, so vermißte sie ihn nicht; indessen ließ sie doch Heinrich Gerechtigkeit widerfahren und liebte ihn so sehr, als sie einen fremden Menschen zu lieben vermöchte.
Daher hatte die arme Cäcilie auch nicht einen Menschen auf der Welt, der ihr einen Teil der Last ihres Herzens hätte tragen helfen; nicht einen Mund, der ihr auf die Worte ihres Schmerzes durch ein Wort des Trosts geantwortet hätte; nicht ein Herz, in welches sie das ihrige hätte ergießen können. Sie verschloss daher, wie gewöhnlich, Alles in sich, und wenn sie zu sehr litt, dann dachte sie an ihre Mutter und vergoss Tränen, oder sie dachte an Gott und betete.
Am folgenden Tage um neun morgens klopfte der Briefträger an die Türe; er brachte einen zweiten Brief Heinrichs. Cäcilie erkannte die Schrift und nahm den Brief mit einer solchen Begierde aus den Händen des braven Mannes, daß dieser über die Eile des Mädchens lächelte. Der Inhalt dieses Briefs war folgender:
»Man hält einen Augenblick an, und ich schreibe Ihnen:
»Ich bin in Abbeville, in demselben Zimmer, in welchem wir zusammen gefrühstückt haben, als wir nach Paris gingen. Ich habe mich, teure Cäcilie, an den Platz gesetzt, an welchem Sie saßen, vielleicht auf den nämlichen Stuhl, und während die andern Reisenden, fortwährend essend, sich über ein schlechtes Mittagessen beklagen, schreibe ich an Sie.
»Seitdem ich Sie verlassen, habe ich nicht einen Augenblick aufgehört, an Sie zu denken. Da ich auf derselben Straße reise, auf welcher ich mit Ihnen gereist bin, so ist Alles voll Erinnerungen für mich. Ich erkenne jede Station wieder, an welcher der Wagen anhielt, wo ich zu Ihnen hintrat, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. Ach, ich habe Niemand bei mir, der mich interessiert; ich habe zwei Reisegefährten, die ich noch nicht einmal recht betrachtet, mit denen ich noch kein einziges Wort gewechselt habe.
»Auf dem ganzen Wege habe ich nur mit Ihnen geplaudert, Cäcilie; Sie haben eine Stimme in meinem Herzen, zu dieser spreche ich, und sie antwortet mir; es scheint mir, daß ich ein Echo von Ihnen mit mir fortgenommen habe; habe ich Ihnen nicht etwas Aehnliches zurückgelassen, und lebe ich nicht ein wenig in Ihnen, wie Sie in mir sind?
»Morgen, um neun Uhr früh, werden Sie diesen Brief, haben, so versichert man mich. Cäcilie, um neun Uhr morgens gedenken Sie mein. Schließen Sie die Augen, rufen Sie sich die Küste von Boulogne in's Gedächtnis; ich werde am Fuße der Brandung auf dem Strandsteine sein. Ich werde dieses große und mächtige Meer hören, dessen Brausen einen so tiefen Eindruck auf uns gemacht hat, als wir es zusammen hörten. Ich sage Ihnen nicht, daß ich an Sie denken werde; ich wiederhole es Ihnen, Sie sind in mir, Sie machen einen Teil meines Lebens aus; ich liebe Sie, sowie ich lebe, man könnte sagen, daß jeder Schlag meines Herzens eine Silbe Ihres Namens ausspricht. Adieu, Cäcilie! Nur die Abwesenheit kann einen Maßstab für die Sehnsucht abgeben. Ich werde Ihnen von Boulogne schreiben, wo ich mich nur einige Stunden aufhalten werde; je mehr ich mich beeile, mich von Ihnen zu entfernen, desto mehr beschleunige ich meine Rückkunft.
Ihr
Heinrich.«
Dieser Brief verursachte Cäcilien eine unaussprechliche Freude. Anfangs glaubte sie es nicht; er enthielt jene ewigen Wahrheiten des Herzens, welche das Herz hören und unaufhörlich wiederholen muss. Endlich bewies er Cäcilien, daß Heinrich ohne Unterlaß an sie denke, wie sie unaufhörlich an ihn dachte.
Das arme Kind zählte die Stunden des Tages, und die Minuten des folgenden; man hätte glauben können, daß ihr ganzes Leben an diesem Briefe von Boulogne hänge.
Sie begann ihr schönes Kleid zu sticken; aber sie gewahrte mit Schrecken, daß die Stickerei, wie sie sie gezeichnet hatte, wenigstens sieben bis acht Monate erfordere; und da die strengsten Berechnungen, welche die jungen Leute unter sich angestellt hatten, die Rückkehr auf sieben Monate festgesetzt hatten, so befand sich Cäcilie im Rückstande.
Für die Marquise gab es, wie man glauben mußte, weder einen Zeitraum, noch einen Ozean, noch einen Sturm; sie sprach von der Zukunft mit jener Ruhe der Greise, welche auf Jahre hinaus berechnen, während sie selbst nur noch einige Tage haben.
Am folgenden Tage wachte Cäcilie um fünf Uhr Morgens auf, sie richtete ihre scharfen Augen auf die Pendule, sie bebte bei dem mindesten Geräusche; um neun Uhr empfing sie folgenden Brief.
»Ich bin in Boulogne, theure Cäcilie!
»Ich ließ mir das kleine Zimmer geben, welches Sie inne gehabt haben; ich bin also noch bei Ihnen.
»Ich ließ mir Madame d'Ambron rufen und sprach mit ihr von Ihnen.
»Wir sind also noch durch unsichtbare, aber dennoch wirkliche Bande verknüpft, und so oft ich die Plätze wieder sehen werde, an welchen ich Sie sah, so wird es mir scheinen, daß sie nahe bei mir sind, wie meine Gattin. Wenn ich England verlassen haben werde, um nach Amerika zu gehen, wie ich jetzt Frank«reich verlasse, um nach England zu reisen, dann werden Sie wie ein Engel um mich sein.
»Hier sind Sie meinen Augen noch sichtbar; dort werden Sie nur meinem Herzen noch sichtbar sein; aber überall, wo ich sein werde, werde ich den Himmel betrachten, fest überzeugt, daß der Himmel, der Ihr vergangenes Vaterland war, auch Ihr zukünftiges Vaterland sein werde.
»Man kommt und setzt mich davon in Kenntnis, daß ein kleines Fahrzeug nach England abgehen werde, ich habe also gerade noch Zeit, um nach jenem Ufer zu eilen, welches eine dreifache Erinnerung an mein Herz sein wird, an jenes Ufer, welches Sie ohne mich gesehen haben, welches wir gemeinschaftlich sahen, und welches ich ohne Sie wiedergesehen habe.
»Ich verlasse Sie also bloß mit der Hand, teure Cäcilie; bei meiner Zurückkehr werde ich diesen Brief fortsetzen.
»Dieses große und herrliche Ding, das Meer, habe ich mit einem tiefen Gefühle im Herzen gesehen, wie dieses allen früheren Gedanken entspricht, wie es zugleich tröstet und zuversichtlich macht, wie das von der Erde zum Himmel erhebt; wie das die Schwäche des Menschen und die Größe Gottes erkennen lässt. Ich glaube, ich würde ewig an diesem Ufer sitzen geblieben sein, an welchem wir zusammengingen und wo es mir schien, daß ich, wenn ich gehörig suchen würde, Ihre Fußstapfen wieder finden müsste. Mein Herz dehnte sich bei dem Anblicke, den ich vor Augen hatte, aus. Ich liebe Sie mit mehr als mit menschlicher Liebe, ich liebe Sie, wie die Blumen bei der Wiederkehr des Frühlings die Sonne lieben, wie während der schönen Sommernächte das Meer das Firmament liebt, wie zu jeder Zeit die Erde Gott liebt.
»O, in diesem Augenblicke, Cäcilie, und der Herr wird mir verzeihen, wenn ein gottloser Hochmut darin liegt, biete ich den Ereignissen, welche uns trennen, Trotz, wäre es auch der Tod. Wie sich Alles in der Natur vermischt und vermengt, die Düfte mit den Düften, die Wolken mit den Wolken, das Leben mit dem Leben; warum sollte sich nicht auch der Tod mit dem Tode vermischen, und da jede Sache, indem sie sich mischt, sich befruchtet, warum sollte der Tod sich nicht auch mit dem Tode mischen, welches eine von den Bedingungen der Natur ist, ein Hindernis der Ewigkeit, ein Wiederstrahlen des Unendlichen. Warum sollte also der Tod allein steril sein? Gott hätte es nicht getan, wenn es für ihn nur einer Vernichtungsmaschine bedurft hätte, und wenn er, indem er die Körper trennte, die Seelen nicht hätte vereinigen wollen.
»So hat also, Cäcilie, selbst der Tod nicht die Macht, uns zu trennen; denn die Schrift sagt: daß der Herr den Tod besiegt habe.
»Also auf Wiedersehen, Cäcilie, und kein Lebewohl; auf Wiedersehen, vielleicht in dieser Welt, gewiss in der zukünftigen.
»Warum kommen mir heute diese Gedanken? Ich weiß es nicht. Ist es eine Erinnerung? Ist es ein Vorgefühl?
»Auf Wiedersehen; man ruft mich; das Fahrzeug ist bereit. Ich vertraue diesen Brief der Madame d'Ambron, welche ihn selbst auf die Post bringen wird.
Ihr Heinrich.«
Acht Tage waren vergangen, als ein neuer Brief kam. Wir haben dieses Kapitel überschrieben: »Der Briefwechsel,« und unsere Leser werden uns also erlauben, den Titel zu rechtfertigen, indem wir ihnen den vierten Brief vor Augen legen:
»Sie wachen über mich, Cäcilie, Ihr Atem treibt mich, Ihr Stern leuchtet mir. »Hören Sie, und Sie werden sehen, wie uns Alles gelingt; mein Gott, es ist schrecklich, ich wollte lieber einige Schwierigkeiten haben; ich wünschte, einen Feind zu bekämpfen, ein Hindernis zu besiegen haben. Mein Gott, Du wirst von so vieler Güte müde werden, ehe ich noch an das Ziel meines Weges gelangt bin.
»Ich wußte, daß ich bei meiner Ankunft in London weder die Herzogin de Lorges, noch sonst Jemand von meiner Familie treffen würde. In der Tat war Alles verreist, allein da ich nicht auf meine Verwandten zählte, die selbst zu arm sind, um mir zu helfen, so verursachte mir ihre Abwesenheit keinen andern Summer, als den, sie nicht zu sehen. Ich hatte auf einen guten, vortrefflichen Mann gerechnet. Ich darf sagen, auf einen alten Diener, ich darf sagen, aus einen Freund unserer Familie, auf Jemand, den Sie kennen und lieben, Cäcilie, auf den guten Herrn Duval.
»Sie wissen, Cäcilie, daß ich gleich Ihnen kein Vermögen habe. Ich konnte daher nur auf ein Darlehen rechnen, für welches meine Rechtlichkeit bürgte; es gab aber nur einen Menschen, an den ich mich mit dieser Bitte wenden konnte, um von ihm einen solchen Dienst zu erbitten. Dieser Mann war Herr Duval.
»Ich habe übrigens nicht einen Augenblick gezögert, mich an ihn zu wenden, und ich war von Paris mit dieser Absicht abgereist. Ich zweifelte keinen Augenblick an seinem guten Willen, ich kannte ihn.
»Aber, Cäcilie, Sie wissen, oder viel mehr Sie wissen es nicht, aber Sie erraten es, es gibt tausend Wege, um Dienste zu erzeigen, und zwar von dem Dienste an, den man erzwingt, bis zu jenem, den man anbietet.
»Armer Herr Duval; kaum hatte ich ihm gesagt, denn ich verbarg ihm nichts, weder meine Liebe zu Ihnen, Cäcilie, noch unsere Stellung, noch unsere Hoffnungen, welche ganz auf ihm beruhten; kaum hatte ich es ihm gesagt, als sich seine Frau an ihn wendete und rief:
»Nun, habe ich es Dir nicht zwanzigmal wiederholt, daß sie sich lieben?«
»Also, Cäcilie, hatten die guten Leute an uns gedacht, sich mit uns beschäftigt, und wenn wir ihnen auch nicht unsere Gefühle anvertrauten, so war doch unsere Liebe für ihn kein Geheimnis mehr.
»Jetzt kam Herr Duval auf mich mit tränenden Augen zu; ja, Cäcilie, dieser vortreffliche Mann war dem Weinen nahe; dann sagte er mir:«
»Lieben Sie sie treu, Herr Heinrich, lieben Die sie innig; denn es ist ein edles junges Mädchen, und wenn Leute, wie wir, es je gewagt hätten, die Augen bis zu ihr zu erheben, so wäre sie allein die Frau gewesen, die ich für meinen Eduard gewünscht hätte.«
»Dann reichte er mir die Hand, was er noch nie gewagt hatte, seit ich ihn kenne, und die meinige kräftig drückend, fuhr er fort:
»Noch einmal, machen Sie sie glücklich, und nun lassen Sie uns von unsern Geschäften sprechen,« fügte er die Augen trocknend bei.
»Die Sache war schnell abgemacht, ohne eine Börse zu öffnen; der Handel ist auf eine solche Weise ein großes Ding; ich hatte gehört, daß, um einige erbärmliche Tausende von Frank einzubringen, Stempelpapier, Schreibereien, Notare, Generaleinnehmer und eine Menge anderer Gegenstände notwendig seien.
»Herr Duval nahm einen Streifen Papier und schrieb:
»Ich habe die Ehre, den Herren Smith und Thurnson die Nachricht zu erteilen, daß ich dem Herrn Vicomte Heinrich de Sennones auf die Summe von 50.000 Akkreditiere.«
»Dann unterzeichnete er, stellte mir das Papier zu, und Alles war abgemacht noch am nämlichen Tage stellte ich mich diesen Herren vor, ich setzte ihnen meinen Wunsch, nach Guadeloupe zu segeln, und eine Beilast zu haben, aus einander. Sie hatten gerade ein Schiff nach den Antillen in Ladung, und fragten mich, mit welchen Gegenständen ich spekulieren wolle. Ich erwiderte ihnen, daß ich ganz fremd im Handel sei, und daß ich sie bitte, über diesen Gegenstand mit Herrn Duval zu sprechen. Sie versprachen, dies morgenden Tages zu tun.
»Ich kehrte zu Herrn Duval zurück; denn ich hatte einen Gegenstand mit ihm zu besprechen, den ich jetzt ausführlicher mit Ihnen, teuerste Cäcilie, abhandeln will, und dieser Gegenstand war Ihr kleines Haus zu Hendon.
»Ich erkundigte mich daher bei Herrn Duval, wer der neue Eigentümer desselben sei.
»In den Einzelheiten, die Sie jetzt vernehmen sollen, werden Sie das Herz dieses vortrefflichen Mannes kennen lernen.
»Der Eigentümer war er. Verstehen Sie, Cäcilie? Sie und Ihre Mutter anbetend, hat er das Haus gekauft, nebst den Möbeln, die darin waren, damit es immer wie ein Denkmal des irdischen Wandels seiner Heiligen und seines Engels bleibe. So spricht er nämlich von Ihrer Mutter, so nennt er Sie.
»Er wollte mit mir gehen; aber Madame Duval verhinderte es.
»Der Herr Vicomte wird vorziehen, allein nach Hendon zu gehen,« sagte sie zu ihm; »bleibe also hier, Deine Gegenwart wird alle seine Erinnerungen stören.«
»In dem Herzen einer Frau liegt ein zartes Gefühl, welches der zartfühlendste Mann in dem seinigen nie finden wird.
»Herr Duval stellte mir also die Schlüssel. zu dem Landhaus zu. Niemand geht dahin, selbst sie nicht, und bloß Ihre alte englische Kammerfrau, welche in die Dienste der Madame Duval getreten ist, hat den Auftrag, Ihr Paradies zu überwachen.
»Am andern Morgen in aller Frühe reiste ich ab, in zwei und einer halben Stunde war ich in Hendon. Ich erinnere mich, daß ich, als ich das erste mal die Herzogin de Lorges dahin begleitete, mit einer gewissen Gleichgültigkeit, ich könnte sagen, mit einer gewissen Verachtung, dieses reizende Landhaus betrat. Verzeihen Sie mir, Cäcilie, ich hatte Sie damals noch nicht gesehen, ich kannte Sie noch nicht. Von dem Augenblicke an, wo ich Sie sah, wo ich Sie kennen lernte, wurde das kleine Haus für mich ein Tempel, dessen Gottheit Sie waren, dessen Allerheiligstes Ihr Zimmer war.
»Ich sage es Ihnen, Cäcilie, ich hatte noch nie eine solche Aufregung empfunden, als die war, die ich empfand, indem ich mich diesem Hause nahte. Ich hatte Lust, vor der Türe niederzuknien und ihre Schwelle zu küssen.
»Ich trat indessen ein, meine Hand zitterte, in«dem ich den Schlüssel in das Schloss brachte, meine Beine wankten unter mir, als ich die Türe aufgeschlossen hatte und mich im Korridor befand. Ich besuchte sogleich den Garten, da gab es keine Blumen, keine Blätter, keinen Schatten mehr. Alles war in dem traurigen Zustande, in welchem Sie es vor zehn Monaten verlassen hatten.
»Ich setzte mich auf die Bank des Laubganges. Ihre Freunde, die Vögel, hüpften singend auf den entblätterten Ästen. Diese Vögel hatten Sie gesehen, Cäcilie; Sie hatten die Gesänge gehört, die sie sangen.
»Ich blieb, um sie zu hören, die Augen auf Ihre geschlossenen Fenster gerichtet, hinter welchen Sie, wie ich jeden Augenblick erwartete, erscheinen mussten, denn es ist Alles, wie ich Ihnen gesagt habe, geblieben, wie es zu Ihrer Zeit war.
»Dann bin ich die kleine Wendeltreppe hinaufgestiegen und in das Zimmer Ihrer Mutter gegangen; ich hatte mich vor dem Platze niedergekniet, an welchem das Kruzifix war, und ich habe für uns gebetet. Dann habe ich die Türe zu Ihrem Zimmer halb geöffnet. Seien Sie überzeugt, teure Cäcilie, daß ich nicht selbst hineinging, ich habe es zu sehr geachtet. Endlich riss ich mich von diesem kleinen Hause los, in welchem ich einen so guten Teil meines Lebens zurückgelassen habe, um einen Besuch zu machen, der noch viel heiliger war, als alle anderen. Sie errathen, Cäcilie, daß ich von dem Grabe Ihrer Mutter sprechen will.
»Wie in Ihrem Garten, wie in Ihrem Zimmer, wie überall, sieht man, daß eines Freundes Hand hier gewaltet hat. Im Frühling musste es mit Blumen bedeckt gewesen sein, und an ihren welken Stengeln, an ihren vertrockneten Blättern erkannte ich dieselben Blumen, welche in Ihrem Garten waren. Ich habe einige Blätter von einem Rosenstock und von einem Heliotrop aufgehoben, zwei Pflanzenarten, welche dem Winter am Besten Widerstand geleistet haben; ich schicke sie Ihnen hie. Ich wage, es kaum zu sagen, daß ich auf jede einen Kuss drückte, überzeugt, daß Sie sie an Ihre Lippen bringen werden.
»Es musste geschieden sein. Fünf oder sechs Stunden waren über dieser heiligen Pilgerschaft verflossen, und ich hatte eine Zusammenkunft mit den Herren Smith und Thurnson in der Soiree des Herrn Duval verabredet. Um acht Uhr war ich zurück. Diese Herren handelten mit der strengsten kaufmännischen Gewissenhaftigkeit. Sie kannten meinen Onkel vollständig, sie wussten, daß er ein ungeheuer reicher Mann und, einige Eigentümlichkeiten abgerechnet, sehr gut sei.
»Alles wurde in dieser Toiree in Ordnung gebracht; eine sehr schöne Brigg, vollständig geladen, befindet sich im Hafen, und der Ausrüster derselben ist ein Freund von diesen Herren, er gibt mir eine Teilnahme von 50.000 Francs an seiner Schiffsladung, und sehen Sie, meine teure Cäcilie, welches Glück mich verfolgt, dieses Schiff fährt morgen früh ab.
»Ach, beinahe hätte ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß sich mein Schiff die »schöne Anna« nennt, ein fast eben so schöner Name wie Cäcilie.
»Ich verlasse Sie daher bis auf morgen; morgen im Augenblick der Abreise werde ich diesen Brief auf die Post bringen lassen.
11 Uhr Morgens.
»Der ganze Morgen, teure Cäcilie, wurde durch meine Vorbereitungen zur Abreise in Anspruch genommen. Glücklicherweise bezieht sich bei dieser ganzen Reise Alles auf Sie, und daher hindert mich nichts, auch nur einen Augenblick lang an Sie zu denken.
»Das Wetter ist unglaublich schön für einen Herbsttag, Herr Duval und Eduard sind da, Madame Duval hat mir ihre Glückwünsche durch ihren Mann und ihren Sohn geschickt; beide werden mich an den Bord des Schiffs begleiten.
»Es scheint, daß gestern in dieser guten Familie eine große Neuigkeit bekannt wurde. Ich habe zu entdecken geglaubt, daß Eduard gewissermaßen an eine Frau verlobt war, für welche er nur geschwisterliche Liebe empfand, während er eine andere liebt. Aber Herr und Madame Duval, Sklaven ihres gegebenen Wortes, wollten in die Verbindung nicht willigen, so lange sie nicht ihres früheren Versprechens entbunden seien. Die Nachricht, daß sie davon freigegeben seien, ist, wie ich Ihnen schon sagte, vorgestern an sie gelangt, so daß, aller Wahrscheinlichkeit nach, der arme Eduard in kurzer Zeit die heiraten wird, welche er liebt.
»Er ist sehr glücklich.«
»Mittags, an Bord der schönen Anna,
»Wie Sie sehen, meine teure Cäcilie, war ich noch einmal gezwungen, Sie zu verlassen. Ich konnte in der Tat Eduard und seinen Vater nicht bei mir haben, ohne ihnen Gesellschaft zu leisten. Beide haben, wie Sie wohl einsehen, ihr Geschäftszimmer verlassen, um mich zu begleiten. Es ist die Frage, ob sie so viel für den König Georg tun würden.
»Die kleine Brigg scheint mir wahrhaftig ihres Namens Wert zu sein, sie ist eine Art Paketboot, zu gleicher Zeit zur Überfahrt und für den Handel gebaut, in welchem, was ein seltener Fall ist, die Menschen fast eben so gut versorgt sind, als wie die Waren. Der Kapitän ist ein Irländer, Namens John Dickins, er hat mir ein vortreffliches Zimmer Nro. 5 gegeben, und es ist dieselbe Nummer, welche das Haus trägt, das Sie nun bewohnen. Ach, daß ich Ihnen nicht mehr schreiben kann: das Schiff beginnt unter Segel zu gehen, und da man die Anker lichtet, entsteht eine so starke Bewegung, daß sie mich am Schreiben verhindert.
»Auf Wiedersehen also, teure Cäcilie, oder vielmehr Adieu; denn für mich hat dieses Wort Adieu nicht die Bedeutung, welche man ihm leiht; es ist ein Bitten zu Gott, daß er über Sie wache. Adieu also, ich lasse Sie unter den Blicken des Herrn. Wir reifen unter den besten Anzeichen ab; alle Welt prophezeit uns eine glückliche Überfahrt, Cäcilie, Cäcilie, ich wollte wohl stark sein, ich wollte Ihnen wohl von meiner Kraft geben, allein es ist mir unmöglich, in Ihrer Gegenwart Stoicismus zu zeigen. Cäcilie, ich leide sehr, weil ich Sie verlassen muss. In Boulogne verließ ich nur Frankreich; indem ich England verlasse, verlasse ich Europa.
»Adieu, Cäcilie! Adieu, meine Liebe! Adieu, mein guter Engel, beten Sie für mich, ich baue auf nichts mehr, als auf Ihre Gebete; bis zum letzten Augenblicke schreibe ich Ihnen, aber man zwingt Herrn Dural und seinen Sohn in die Schaluppe hinabzusteigen, ich allein habe sie bisher aufgehalten.
Ein Wort noch und dann schließe ich meinen Brief- Ich liebe Sie; Adieu, Cäcilie! Cäcilie, Adieu!
»Adieu
»Ihr Heinrich.«
XXI.
Der Onkel in Guadeloupe
Cäcilie erhielt diesen Brief vier Tage nachdem er geschrieben worden; seit zwei Tagen hatte Heinrich die Küste Frankreichs und Englands aus den Augen verloren.
Man wird den zweifachen Eindruck begreifen, welchen dieser Brief in dem armen Kind hervorbrachte. Diese Pilgerschaft Heinrichs zu dem Landhaus und nach dem Grabe riefen ihr alle Freuden und alle Leiden der Vergangenheit zurück; die Abreise Heinrichs, eine Abreise, die so sehr als möglich verzögert wurde, über welche die Feder des jungen Mannes jetzt zum Letzten mal seinen Schmerz aussprach, riefen ihr alle ihre Befürchtungen und alle ihre Hoffnungen von der Zukunft ins Gedächtnis.
Heinrich schiffte zu dieser Stunde zwischen Himmel und Meer dahin. Sie fiel auf die Knie, indem sie den Brief durchlas, und flehte lange für ihn zu Gott.
Dann dachte sie an die übrigen Stellen des Briefes, an diese gute Familie Duval, von welcher Heinrich eine Unterstützung verlangt hatte, ohne zu wissen, daß dieses Mädchen, dessen Liebe er ihnen gestanden, die Frau Eduards werden sollte, der eine andere Liebe im Herzen trug, und Sklave der Verpflichtungen seiner Eltern, diese mit einer Treue erfüllt hätte, mit welcher ein Kaufmann einen Wechsel bezahlt, hätte ihn diese Verpflichtung auch unglücklich gemacht.
Cäcilie eilte nun an ihren Schreibpult und in dem ersten Augenblicke ihrer Aufregung schrieb sie an Madame Duval einen langen Brief, in welchem sie ihr die Gefühle ihres Herzens darstellte und sie ihre Mutter nannte.
Die herrliche Organisation Cäciliens war so ganz geeignet, Alles das zu fühlen, was edel und groß ist. Dann kehrte sie zu dem Hochzeitskleid zurück, welches ihre große Arbeit, ihre große Zerstreuung, ihr einziges Glück war.
Die Marquise fuhr in ihrem gewöhnlichen Leben fort, sie brachte ihre Morgen im Bett liegend und lesend zu, oder ließ sich einen Roman vorlesen.
Cäcilie sah sie buchstäblich nie anders, als zur Zeit des Speisens. Es lag ein förmlicher Abgrund zwischen diesen Beiden; die eine war ganz geistig, die andere ganz sinnlich; die eine beurteilte alles durch das Herz, die andere prüfte Alles aus dem Gesichtspunkte des Verstandes.
Vor Mademoiselle Aspasia fühlte Cäcilie einen geheimen Abscheu, so daß sie nicht einmal einen Dienst von ihr verlangte, welchen diese vielleicht abgeschlagen hätte. Sie hatte daher eine Übereinkunft mit einer guten Frau, welche in den Mansarden des nämlichen Hauses wohnte und Madame Dubois hieß, getroffen. Diese Frau kam alle Tage herab, und machte den kleinen Haushalt des armen Kindes zurecht.
Wie wir bemerkt haben, hatte die Marquise einige Beziehungen mit ihren alten Freundinnen bewahrt Diese Freundinnen kamen von Zeit zu Zeit in ihr demütiges Gemach, um sie zu besuchen, und Inden sie ein, sie zu besuchen und von ihren Equipagen Gebrauch zu machen. Allein die Marquise war auf ihre Armut stolz. Übrigens hatte die wenige Bewegung, welche sie seit dreißig Jahren gehabt, ihre Fettleibigkeit herbeigeführt. Sie war außerordentlich dick und jede Bewegung erzeugte eine Müdigkeit.
Sie brachte ihr Leben in ihrem Zimmer und Cäcilie in dem ihrigen zu.
Der Tag verfloss für das arme Kind, indem sie in ihren Gedanken aus der Karte der abenteuerlichen Schifffahrt folgte, welche nach einer andern Welt ging.
Sie hatte vollständig begriffen, daß wenigstens drei Monate verstreichen würden, ohne daß sie einen Brief von Heinrich erhielt. Sie erwartete daher keinen. Dies hinderte sie aber dennoch nicht, bei jedem Pochen an die Türe zu zittern. Einen Augenblick lang bebte die Nadel zwischen ihren Fingern; dann erschien die Person, welche geklopft, und da diese mit Heinrich nichts zu schaffen hatte, nahm Cäcilie ihre Arbeit wieder auf und seufzte. Diese Arbeit war ein Wunder von Geduld, von Kunst und Geschmack; es war nicht bloß eine einfache Stickerei, es war eine Zeichnung in erhabener Arbeit. Alle diese Blumen, obgleich leblos, wie die, aus welchen man die Kronen für die Jungfrauen macht, die man zum Altar führt, oder für jene, welche man zum Grabe trägt, waren lebend und belebt. Eine jede von ihnen rief Cäcilie eine Erinnerung aus ihrer Kindheit zurück, und während sie stickte, plauderte sie mit ihnen von der Zeit, die sie, dieses ephemere Mädchen der Sonne, ephemer zu London mit ihnen verlebt hatte.
Eines Morgens, als Cäcilie wie gewöhnlich arbeitete, läutete es an der Türe, aber diesmal zitterte sie noch viel mehr als gewöhnlich; es kam ihr vor, als sei diese Art zu läuten, die des Briefträgers.
Sie lief sogleich hinaus um zu öffnen; er war es wirklich und überreichte ihr einen Brief. Sie stieß einen Freudenschrei aus; die Adresse dieses Briefs war von der Hand Heinrichs. Sie warf die Augen auf den Stempel; der Brief war in Havre gestempelt, Sie wurde fast ohnmächtig. War er angekommen? Wie konnte sie, nach einer Abwesenheit von kaum sechs Wochen, von Heinrich einen Brief von Havre aus datiert, erhalten? War er nach Frankreich zurückgekehrt?
Sie hielt den Brief in ihrer Hand, zitterte und getraute sich nicht, ihn zu öffnen.
Jetzt erst gewahrte sie, daß der Briefträger noch da stand, sie bezahlte ihn und eilte auf ihr Zimmer.
Wie gerne sie das lächelnde Gesicht dieses Mannes hatte!
Sie öffnete den Brief, er trug das Datum: »Auf dem Meere.«
Heinrich hatte eine Gelegenheit gefunden, ihr zu schreiben; sie las, was folgt!
»Geliebte Cäcilie!
»Sehen Sie, wie wahr es ist, daß mir Ihre Gebete nur Glück bringen; da findet sich gegen alles Erwarten eine Gelegenheit, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe.
»Diesen Morgen hat der Matrose auf dem Mastkorb ein Segel signalisiert. Da man immer wegen des Krieges auf der Hut ist, eilten der Kapitän und die Passagiere sogleich auf das Verdeck. Nach Verlauf einiger Minuten erkannte man, daß das Fahrzeug ein Kauffahrer sei, und über dies wandte sich das Schiff gegen uns, indem es Notsignale gab.
»Erwarten Sie nicht ein großes, trauriges, oder tragisches Abenteuer. Nein, teure Cäcilie, Gott hat nichts anderes gewollt, als Ihrem Herzen Nachricht über den zu geben, der diesen Brief an Sie schreibt. Das Schiff, ein französisches aus Havre, war einige Tage nach seiner Abfahrt von New-York durch eine dreitägige Windstille aufgehalten worden, und fürchtete, Mangel an Wasser zu leiden, ehe es nach Frankreich komme. Der Kapitän ließ ihm ein Dutzend Tonnen Wasser zukommen, und ich ergriff die Feder, um Ihnen, teure Cäcilie, noch einmal zu sagen, wie sehr ich Sie liebe, daß ich jede Stunde des Tages und der Nacht an Sie denke, und daß Sie ohne Aufhören mir nahe, um mich, in mir sind.
»Wissen Sie, woran ich denke, Cäcilie, indem ich diese beiden Schiffe neben einander, in einer Entfernung von hundert Schritten liegen sehe, von welchen das eine nach Pointe-á-Pitre und das andere nach Havre segelt? Es ist, daß ich von einer dieser Schaluppen auf die andere überginge, in vierzehn Tagen in Havre und am folgenden Abende zu Ihren Füßen sein würde.
»Ich dürfte nur wollen, und ich wurde Sie wie«versehen, ja, ich würde Sie wiedersehen, Cäcilie. Begreifen Sie das? Allein es würde von den Menschen eine Torheit genannt werden, es würde uns in das Verderben stürzen.
»O, mein Gott, warum haben wir denn nicht irgend ein Projekt gefunden, welches mich nicht von Ihnen getrennt hätte. Es kommt mir vor, daß, wenn ich durch ein Wort, durch einen Blick von Ihnen ermutigt worden wäre, mir alles gelungen sein würde, was ich unternahm. Sie sehen, Cäcilie, daß mir unter Ihrem Schutze, selbst ferne von Ihnen, Alles gelingt.
»O, ich wiederhole es Ihnen, dieses außerordentliche Glück erschreckt mich. Ich fürchte, daß wir beide schon die Erde verlassen haben, und auf dem Wege zum Himmel sind.
»Verzeihen Sie meine düsteren Prophezeiungen, allein der Mensch ist hier so wenig für das Glück geschaffen, daß im Grunde jeder Wahl, die er trifft, ein Zweifel liegt, welcher diese Freude hindert, eine vollkommene Glückseligkeit zu sein.
Wissen Sie, Cäcilie, wie ich meine Tage zu«bringe? Damit, Ihnen zu schreiben. Ich werde Ihnen ein langes Tagebuch mit zurückbringen, in welchem Sie, Stunde für Stunde, alle meine Gedanken finden werden. Sie sollen dann sehen, daß mein Geist nicht einen Augenblick von Ihnen entfernt war.
»Wenn die Nacht eintritt, steige ich, weil es verboten ist, auf dem Schiff Licht zu haben, auf das Verdeck; ich betrachte dieses prachtvolle Schauspiel des Sonnenuntergangs im Meer; ich betrachte alle diese Sterne, die am Himmel aufgehen, einen nach dem andren, und seltsamer Weise führt mich der Dank gegen Gott, seine Anbetung, zur Traurigkeit, denn ich frage mich, ob Gott, welcher alle diese Welten in Bewegung setzt, denen allen er mit seinen ewigen Augen zu gleicher Zeit folgt, auch auf jeden Menschen achten kann, welcher seine Hände zu ihm erhebt.
Und in der Tat, was liegt der Allmacht und der Majestät Gottes an diesen Einzelheiten unseres erbärmlichen Lebens, und wie können ihm die glücklichen oder unglücklichen Ereignisse unseres Daseins in diesem ungeheuren All anliegen? Was kann ihm bei dieser reichen Ernte daran liegen, wenn einige Ähren von einem dieser millionenfachen Felder, von welchen sich jedes eine Welt nennt, durch den Hagel zerknickt, oder durch den Sturm entwurzelt wird?
»Mein Gott! Mein Gott! Wenn Du mich nicht hören würdest, wenn ich zu Dir spreche, wenn Du mich nicht hören würdest, wenn ich zu Dir flehe, daß Du mich zu Cäcilien zurückführen mochtest, die meiner harrt!
»Wohl an, teure Cäcilie, in welche Gedanken werde ich mich noch verlieren, während jeder meiner Briefe Ihnen Kraft bringen sollte, wie kommt es, daß sie Ihnen nichts als Entmutigung bringen. Entschuldigen Sie mich, verzeihen Sie mir! Ich habe einen Freund am Bord bekommen, es ist der Lootse. Der arme Junge hat auch eine Frau, die er liebt, in Gravesend zurücklassen müssen. An der Weise, mit welcher er seufzend den Himmel betrachtete, habe ich einen Leidensgefährten erkannt. Nach und nach habe ich mich an ihn angeschlossen, er hat mir von seiner geliebten Jenny, und ich habe ihm, verzeihen Sie mir, Cäcilie, von Ihnen erzählt.
»So habe ich doch Jemand, dem ich Ihren Namen nennen, dem ich sagen kann, daß ich Sie liebe; ich habe noch ein Herz gefunden, welches das meinige versteht.
»Das Herz eines Matrosen? wird man mir vielleicht sagen. Unglücklich aber sind die, welche so etwas sprechen. Dieser junge Mensch, mit welchem ich alle Nächte von Ihnen spreche, heißt Samuel. Sie sollen seinen Namen wissen.
»Sprechen Sie in Ihren Gebeten ein Wort über ihn, damit er seine Jenny wieder sieht. Ich habe ihm versprochen, daß Sie es tun würden.
»Adieu, Cäcilie, Adieu, meine Liebe, die Schaluppe des französischen Fahrzeugs kehrt an ihren Bord zurück, und ich stellte diesen Brief dem Hochbootsmanne zu, welcher mir auf sein Ehrenwort versprochen hat, ihn bei seiner Ankunft in Havre selbst auf die Post zu bringen. Noch einmal Adieu, meine heißgeliebte Cäcilie; in zwanzig oder fünfundzwanzig Tagen werde ich, wenn das Wetter fortfährt, uns günstig zu sein, in Guadeloupe mich befinden.
»Tausendmal Adieu! Ich liebe Sie.
Ihr
Heinrich.
N.S.
»Ein Wort in Ihren Gebeten für Samuel und Jenny.«
Es würde ein Werk der Unmöglichkeit sein, wenn wir unsern Lesern den tiefen Eindruck schildern wollten, welchen dieser Brief auf Cäcilie hervor brachte. Je unerwarteter der Brief kam, desto stärker war der Eindruck. Cäcilie fiel auf ihre Knie nieder. Thronen des Dankes füllten ihre Augen. Es war nicht eigentlich ein Gebet, was sie sprach, es waren Namen, welche sie lispelte, und unter diesen Namen waren, wie Heinrich sie gebeten hatte, die von Samuel und Jenny.
Dann setzte sie sich wieder mutiger und vertrauensvoller als je zu ihrem Hochzeitkleid nieder. Die Tage schwanden, sie folgten sich mit ihrer monotonen Regelmäßigkeit, ohne etwas Neues zu bringen. Dieser unerwartete Brief, dieser höchst glückliche Brief hatte Cäcilien die Hoffnung gegeben, daß irgend ein Ereignis, dem ersten gleich, ihr Nachrichten von ihrem Geliebten bringen würde. Aber wie Heinrich gesagt hatte, war dieses Ereignis ein glücklicher Zufall, und es war keine Hoffnung vorhanden, daß sich ein solcher wiederholen würde.
Während dieser Zeit hatten große Ereignisse statt gehabt; die Republik war ein Kaiserreich, Bonaparte war Napoleon geworden; das erschrockene Europa hatte diesem seltsamen Schauspiele zugesehen ohne seine Stimme dagegen zu erheben. Alles schien der neuen Dynastie eine lange Dauer zu sichern; die, welche die neuen Auserwählten umgaben, waren reich, glänzend, glücklich. Als Cäcilie einige mal unter ihren Fenstern diese glänzenden Cavaliere und diesen eleganten Adel, der zur Hälfte aufgefrischt und zur Hälfte neugeschaffen war, vorüber kommen sah, sagte sie sich wohl mit einem Seufzer: So würde Heinrich, so würde ich sein, wenn wir die Ereignisse ihren Lauf hätten gehen lassen. Aber plötzlich dachte sie an das Blut, welches in den Gräben von Vincennes geflossen war, und sie antwortete sich mit einem Seufzer: »Das Gewissen trügt nicht, wir haben recht gehandelt.«
Noch ein Monat verflog und Cäcilie begann mit größerer Ungeduld zu harren. Noch eine Woche ging dahin, und dann verflossen noch vier Tage, einer langsamer, als der andere. Endlich ließ sich am Morgen des fünften dieses so lang erwartete Läuten hören, welches Cäcilie so gut kannte. Cäcilie eilte an die Türe.
Es war ein Brief von Heinrich.
Wir wollen diesen neuen Brief unsern Lesern vor Augen legen.
»Geliebte Cäcilie!
»Zuerst und vor allem Andern, unser Glück ist dasselbe. Ich bin in Guadeloupe nach einer ziemlich langen Ueberfahrt angekommen; nicht Stürme, sondern Windstille haben sie verzögert. Ich habe meinen Onkel, welches der beste und trefflichste Mensch der Welt ist, gefunden; er fühlt sich sehr glücklich, mich in seinem Regiment, wie er sich ausdrückt, engagiert zu sehen, und er hat mir auf der Stelle erklärt, daß ich mich als seinen Erben betrachten könne.
»Im Vorübergehen will ich Ihnen sagen, teure Cäcilie, daß mein Onkel ungeheuer reich ist.
»Wie nun auch jede Sache ihre schlimme Seite hat, so hat der gute Mann, obgleich er mich von einer so heißen Liebe ergriffen sah, mir erklärt, daß er mich unter keinem Vorwande vor zwei Monaten abreisen lassen würde. Ich habe Anfangs große Lust gehabt, ihm zu erklären, daß ich um diesen Preis auf die Erbschaft verzichte; allein, meine Liebe, ich überlegte, daß diese zwei Monate beinahe erforderlich seien, um meine kleine Beilast zu verkaufen, und dann hat mich der Kapitän der schönen Anna versichert, daß er so viel Zeit bedürfe, um eine neue Ladung einzunehmen, und so musste ich mich fügen. So bin ich also an Pointe-á-Pitre gefesselt, für wenigstens zwei Monate lang. Glücklicher Weise geht morgen in der Frühe ein Fahrzeug ab, und bringt Ihnen diese Nachrichten von Ihrem armen Verbannten, der Sie, Cäcilie, mehr liebt, als irgend das Wort eines Sterblichen zu sagen, mehr, als es ein Gedanke der Welt auszusprechen vermag.
»Ich habe meinem Onkel Alles gesagt, Alles erzählt; Anfangs hatte er Gesichter geschnitten, als ich ihm sagte, daß Sie nicht aus einer Kaufmannsfamilie seien; als er aber vernahm, wie vollendet Sie seien, als ich ihm sagte, daß Sie ihn aus Liebe zu mir lieben würden, hatte er sich darüber getröstet, daß Sie von gutem und altem Adel sind. Ich muss Ihnen sagen, Cäcilie, daß dieser teure Onkel mit seiner Manie, ein Comptoirmann zu sein, die leibhaftige Aristokratie ist, und daß er, obwohl der Partikel selten über seine Lippen kommt, und er den Titel bei jedem Menschen hasst, der einen hat, er dennoch das Wörtchen »von«oft bei Leuten vorsetzt, welchen es nicht gebührt.
Welche prachtvolle und großartige Natur, teure Cäcilie, und wie glücklich werde ich sein, sie mit Ihnen zu bewundern. Wie wird sich unser Gedanke in der Unermesslichkeit dieses endlosen Meeres verlieren! Wie wird unser Auge in diesem so reinen und so klaren Himmel schwelgen, durch welchen das Auge bis zu Gott hinauf dringen zu können glaubt.
»Unglücklicher Weise ist Ihnen diese ganze Natur fremd, Cäcilie, Sie kennen diese Pflanzen, diese Blumen nicht, Sie kennen diese Früchte nicht, und diese kennen Sie nicht. Am andern Tage hat mich eine ungeheure Freude erfüllt, indem ich eine aufbrechende Rose erblickte; sie erinnerte mich an England, Hendon, Ihr Landhaus, Ihren Garten, und an unser Grab.
»Welch schreckliche und welch köstliche Gabe des Himmels ist doch das Gedächtnis! In einer Sekunde habe ich achtzehn hundert Stunden durchflogen; ich fand mich neben Ihnen sitzend, in der Laube Ihres Gartens, den ich mit seinen geringsten Einzelheiten erkannte, von Ihren prachtvollen Gefährtinnen umgeben, den Rosen, den Lilien, den Tulpen, den Anemonen und den Veilchen, herab bis zu dem grünen Rasen, auf welchem freudig die Körner suchend, welchen Sie jeden Tag hinwarfen, die munteren Finken, die glänzenden Distelfinken und die dreisten Sperlinge freudig herum hüpften.
»Ich weiß nicht, woher es kommt, teure Cäcilie, aber heute ist mir das Herz voll von Freude und Hoffnung, es ist hier Alles so schön, so großartig, die Vegetation der Bäume, das Leben der Menschen, daß mein ewiger Zweifel von mir zu weichen, und mein so lange gepresstes Herz sich zu erweitern und freier zu schlagen beginnt.
»Ich habe schon viele Zeilen geschrieben, ohne Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe; aber, Cäcilie, ich fürchte, es Ihnen zu oft zu wiederholen; wen»ich es Ihnen mündlich sagen konnte, dann scheint es mir, daß der Ausdruck meiner Augen, der Ton meiner Stimme, so gut für mich sprechen würden, daß Sie mir meine ewigen Wiederholungen verzeihen müssten.
»Da kommt mein Onkel und will mich durchaus fortführen, um mir seine Pflanzungen zu zeigen. Ich widerstehe; allein er sagt mir, daß sie einst die Ihrigen werden würden, und dieser Grund bestimmt mich, Sie auf eine oder zwei Stunden zu verlassen. Auf Wiedersehen, Cäcilie!
Wissen Sie, Cäcilie, was wir tun werden, wenn Sie einst hierher kommen, um auf Guadeloupe zu wohnen? Wir werden eine Zeichnung von dem kleinen Landhaus, und einen Plan von dem kleinen Garten fertigen. Wir werden Samen von allen Ihren Blumen mitnehmen, und mitten in der Pflanzung meines Onkels werden wir das kleine Paradies von Hendon besitzen.
»Ich bringe meine Tage damit zu, Entwürfe zu machen, Luftschlösser zu bauen, und Gott zu bitten, auf meine Träume nicht zu zürnen und ihnen zu gönnen, daß sie einst verwirklicht werden.
»Glücklicher Weise bin ich fast immer allein, d.h. mit Ihnen, Cäcilie; Sie gehen an meiner Seite einher, ich plaudere mit Ihnen, ich lache auf Sie; oft ist die Täuschung so groß, daß ich meine Hand ausstrecke, um die Ihrige zu ergreifen; dann verschwinden Sie mir, wie ein Dunst, und zerfließen, wie ein Schatten.
»Wenn das Schiff, welches Ihnen diesen Brief bringt, einmal abgesegelt sein wird, so werde ich wahrscheinlich keine Gelegenheit mehr haben, Ihnen vor einem Monat oder sechs Wochen zu schreiben; die Gelegenheiten sind in diesem Augenblicke hier selten, und in zwei Monaten werde ich zu Ihnen reisen. Cäcilie, Sie begreifen, welch ein Augenblick es für mich sein wird, wenn ich die Küsten Frankreichs, wenn ich Paris, wenn ich die Rue du Coq wiedersehen, wenn ich die fünf Treppen hinauf steigen, wenn ich an Ihrer Tür läuten, wenn ich zu ihren Knien niedersinken werde! Mein Gott, werde ich im Stande sein, solch ein Glück zu ertragen, ohne Wahnsinnig zu werden?
»Adieu, Cäcilie; ich sage Ihnen nicht, daß Sie an mich denken sollen; es ist unmöglich, daß ich allein so liebe, wie ich liebe. Adieu, Cäcilie. Beten Sie, beten Sie für meine Zurückkunft; denn nur, Ihrem Gebete verdanke ich, ich weiß es, bis jetzt diesen Zusammenfluss von Umständen, der so beständig glücklich ist, daß ich, ich wiederhole es zum hundertsten mal, vor so viel Glück erschrecke.
»Adieu, Cäcilie; ich beauftrage eine schöne vergoldete Wolke, die so glänzend ist, daß sie das Aussehen eines Wagens der Engel hat, Ihnen alle meine Grüße zu bringen; sie zieht langsam gegen Frankreichs an diesem glänzenden Himmel bin, von welchem man in unserer Heimat keinen Begriff hat; und sehen Sie, sie entfaltet sich, sie nimmt die Gestalt eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln an, um schneller zu eilen.
Dank Dir, meine schöne Wolke! Dank Dir! Grüße sie im Vorübergehen, und sage ihr, daß ich sie liebe.
»Adieu, ich werde Sie nicht verlassen, und Gott weiß, was Allem ich mich aussetzen würde. Ach hätte ich nur eine Zeile, ein Wort, eine Sylbe von Ihnen!
»Noch einmal, zum letzten mal Adieu. Ich liebe Sie; Adieu, Adieu!
Ihr
Heinrich.«
So lang dieser Brief war, so kurz schien er doch Cäcilien, sie las ihn wiederholt, den ganzen Tag hindurch und endlich wusste sie ihn, wie die übrigen, auswendig. So, und immerfort an ihrem schönen Hochzeitskleide arbeitend, wiederholte sich das arme Kind alle Worte ihres Geliebten, und von Zeit zu Zeit, wenn diese Worte nicht mehr genügten, griff sie wie«der nach den Briefen, um ihr Herz durch die Berührung des Papiers und durch den Anblick der Schriftzüge zu stärken.
Inzwischen schritt die Arbeit an dem Kleide vorwärts. Sie war, wie gesagt, eine prachtvolle Girlande von Stickereien, welche rund herumlief und bis zu dem Gürtel hinauf gefertigt werden musste, um sich da in Äste zu teilen, von welchen die einen auf jenen Teil des Körpers sich fortsetzen mussten, den man das Handgelenke nennt, während die anderen sich eigen«sinnig und launisch unter den Ärmel wanden, während die am unteren Ende des Kleides vereinigt blieben. Das Kleid war schon mehr als zur Hälfte fertig und aller Wahrscheinlichkeit nach musste Heinrich noch drei oder vier Monate ausbleiben. Das Kleid musste also bis zu seiner Zurückkunft vollendet sein.
Von Zeit zu Zeit fragte die Marquise um Nachricht von dem Reisenden, aber in einem Tone, wie man nach einem Fremden fragt. Die Marquise hatte nicht aus Wohlwollen für Heinrich, sondern aus Abneigung gegen Eduard an diese Verbindung gedacht.
Sie wollte ihre Enkelin nicht als die Frau eines Kaufmanns sehen. Das war es.
Inzwischen folgten sich Tage auf Tage, Cäcilie wusste, daß kein Schiff vor sechs Wochen von Guadeloupe absegeln würde; Heinrich hatte es ihr ja geschrieben Sie erwartete daher voll Geduld die bezeichnete Zeit. Als aber zwei Monate verflossen waren, da wurde sie unruhig. Endlich erhielt sie unter demselben Zittern vor Glück, unter derselben freudigen Aufregung eines Morgens folgenden neuen Brief:
Ich reise ab, teure Cäcilie, ich reise ab. Das Schiff, welches Ihnen diesen Brief bringt, geht nur acht Tage vor mir ab, und vielleicht komme ich, da die schöne Anna für eine vortreffliche Seglerin gilt, zu gleicher Zeit mit meinem Briefe, vielleicht noch vor demselben an. Ach, begreifen Sie es, Cäcilie? Ich reise ab, ich reise reich ab. Ich habe hundert Prozente an meiner kleinen Beilast gewonnen. Ich werde auf der Stelle die fünfzigtausend Francs dem Herrn Duval zurückstellen. Es bleiben mir fünfzigtausend andere, und mein Onkel hat mir eine. Ladung gegeben, welche einen Wert von hunderttausend Talern haben kann; nebst dem hat er mir noch ein Hochzeitsgeschenk von hunderttausend Franken gemacht.
»Meine heißgeliebte Cäcilie, begreifen Sie, in welcher Trunkenheit ich mich befinde? Ich frage den Kapitän unaufhörlich, ob es wahr sei, daß seine Abreise auf den achten März festgesetzt; denn am achten März werden wir abreisen.
»Er bejahte es in der Voraussetzung, daß der Wind nicht konträr werde, und dann ist seine Abreise unwiderruflich auf diesen Tag festgesetzt. Da aber um diese Zeit gewöhnlich der Wind vollständig regelmäßig ist, so wird uns, wie ich hoffe, nichts zurückhalten.
»Mein Gott! Mein Gott, ist es denn wahr, daß ich Sie wiedersehen soll, meine heißgeliebte Cäcilie, meinen angebeteten Engel! Ist es wahr, daß alle meine Furcht grundlos war; ist es wahr, daß Deine Güte niemals müde wird, und daß das Glück, welches mich bisher begleitete, nur der Vorbote jenes Glückes ist, welches mich bis nach Frankreich begleiten soll.
»Mein Gott, Du bist gut, Du bist groß, Du bist barmherzig; ich danke Dir!« Oder eigentlich, mein Gott, nicht wahr, sie ist es, welche betet, welche wacht, welche es für mich und für sich verdient? »Übrigens habe ich in meiner Freude und in meinem Glücke einen Gefährten, Samuel, den armen Samuel, Sie erinnern sich dessen, des Lotsen, von welchem ich Ihnen gesagt habe, des Unglücklichen, dem einige hundert Franc fehlten, um glücklich zu sein, wie uns einige Tausende fehlten. Sie werden einsehen, daß ich mit tausend Talern das Glück dieses Menschen begründete. Ich habe ihm diese tausend Taler in Ihrem Namen gegeben, Cäcilie. Bei seiner Rückkehr wird er Jenny heiraten, und wenn das erste Kind ein Knabe sein wird, so wird es Heinrich, ist es ein Mädchen, so wird es Cäcilie genannt werden.
»Acht Tage! Welch eine lange Zeit, acht Tage! Acht Tage zu warten, ohne mich Ihnen nähern zu können! Wenn man auf einem Schiffe, oder in einem Wagen ist, so fühlt man doch wenigstens, man mag durch die Schwingen des Windes fort getrieben, oder durch Pferde fortgezogen werden, daß man sich bewegt, daß man vorwärts kommt, daß man sich nähert; und diese Bewegung gibt einen Trost. Unsere Mutter wiegt uns, während wir schon groß sind.
»Ich glaube in der Tat, daß ich lieber vierzehn Tage länger auf dem Meere zubringen würde, wenn ich mich dagegen gleich auf den Weg machen könnte.
»Fast zögere ich, Ihnen diesen Brief zu schicken; Cäcilie, wenn Sie mich lieben, wie ich Sie liebe, was, wie ich fürchte, unmöglich ist, und wenn unser Fahrzeug durch widrigen Wind, durch irgend einen Zufall um eine Woche, um vierzehn Tage, um einen Monat sich verspäten wird, zu welcher Pein würde Ihr Leben werden, welches ganz der Erwartung hingegeben ist? O, Sie zu erwarten, Cäcilie, zu wissen, daß Sie mir entgegenkommen wollen, und dennoch nicht vorwärts kommen, die Ferne, welche zwischen uns liegt, nicht verkürzen zu können, indem ich mich Ihnen entgegen stürze, das würde für mich, ich fühle es, ein schreckliches Unglück, unerträglich sein; ich fühle, daß es noch viel schlimmer wäre als das, keine Nachrichten von Ihnen zu haben, und dennoch habe ich den Mut nicht, mich des Rufes zu enthalten:«Ich komme, Cäcilie, ich komme, erwarten Sie mich.«
»Ja, erwarten Sie mich, meine angebetete Cäcilie, ja, ich komme, ich eile herbei, erwarten Sie mich, da bin ich, ich bin Ihnen nah, ich liege zu Ihren Füßen.
Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, Cäcilie; ich liebe Sie so sehr!
»Noch einmal Adieu, Cäcilie; in acht Tagen reise ich ab. Auf Wiedersehen, Cäcilie, auf Wiedersehen! Erwarten Sie mich von einem Augenblicke zum anderen; noch einmal Cäcilie, ich komme.
Ihr
Heinrich.«
XXII.
Das Hochzeitskleid
Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck ein solcher Brief auf das junge Mädchen machte. Sie fiel vor dem Kruzifix nieder, und nachdem fix ihr Gebet verrichtet, ihren Dank Ihm dargebracht hatte, eilte sie zur Marquise, um ihr diese gute Nachricht zu hinterbringen. Die Marquise war in dem Lesen eines neuen Romans begriffen, dessen gekünstelte Liebschaften sie mehr, als die wirkliche Liebe ihrer Enkelin ansprachen; sie machte aber nichtsdestoweniger Cäcilien ihre aufrichtigen Glückwünsche und küsste sie auf die Stirne.
»Nun, mein Kind,« sagte sie, »Du siehst wohl, daß Deine arme Mutter gewöhnlichen Verstand nicht hatte, als sie auf dieses Heiratsprojekt mit den Duvals einging, und daß ich allein recht hatte. Du verdankst also mir allein Dein Glück, mein Kind; vergiss das nie.«
Cäcilie kehrte mit zerrissenem Herzen nach ihrem Zimmer zurück. Dieser Vorwurf, welcher ihrer armen Mutter in dem Augenblicke gemacht wurde, in welchem sie so glücklich war, machte sie bis auf den innersten Grund ihres Herzens erbeben.
Wie sie vorhin sich niedergekniet hatte, um Gott zu danken, so kniete sie sich jetzt noch einmal nieder, um ihre Mutter um Vergebung zu bitten.
Dann las sie den Brief wohl zehnmal wieder, und endlich setzte sie sich zur Arbeit an ihr Hochzeitskleid.
Man hätte glauben sollen, daß das arme Kind die Stickerei gerade auf die Zurückkauft berechnet habe, und daß die Stickerei zu enden und Heinrich wieder«zusehen das Werk des nämlichen Augenblicks sein müsse; denn kaum hatte sie noch acht Tage zu arbeiten.
Fast neun Monate würden dann zwischen der ersten und der letzten Blume dieser glanzvollen Zeichnung liegen.
Aber mit welcher Seele, mit welcher Freude, mit welchem Glücke arbeitete sie jetzt. Wie diese Blumen unter ihren Fingern sich belebten! Wie sie, Rivalinnen der Töchter des Frühlings, Töchtern der Liebe glichen! Und wie sie Anfangs Zeugen ihrer Traurigkeit waren, so waren sie nun Zeugen ihres Glücks.
O ja, Heinrich hatte recht gehabt, die Stunden schienen der armen Cäcilie lange, aber sie verstoßen dennoch. Endlich kam der Abend, und die Nacht trat ein; aber Cäcilie konnte kaum schlafen. Jeder Wagen, der vorüberfuhr, regte sie auf. Hatte Heinrich nicht geschrieben, daß die schöne Anna eine gute Seglerin sei und daß er vielleicht zu gleicher Zeit mit seinem Briefe ankommen könne; es ist wahr, daß dies viel verlangt hieß; Heinrich hatte es vorausgesehen; eine Verzögerung könnte eintreten. Man mußte also wenigstens noch acht Tage zugeben, das war viel vernünftiger, als zu hoffen. Cäcilie wiederholte sich, daß sie eine Törin sei, wenn sie hoffe; aber dennoch hoffte sie.
Bei jedem Geräusche im Hause lief sie an die Treppe, bei jedem Geräusche in der Straße lief sie an das Fenster. So verging auch der folgende Tag, dann der nächstfolgende, dann die folgenden Tage, und der achte, welchen Cäcilie als das Ende ihres Wartens festgesetzt hatte, war für sie eine wahrhafte Pein.
Seit dem gestrigen Abende hatte Cäcilie ihr Hochzeitskleid fertig gemacht; die letzte Blume war strahlend und freudig unter ihren Fingern vollendet.
Der achte Tag verging, wie die andern. Von zwei Uhr bis zum Eintritt der Nacht blieb Cäcilie an ihrem Fenster, die Augen auf die Ecke der Straße Saint-Honoré gerichtet und sich einbildend, daß jeden Augenblick ein Cabriolet erscheine, welches ihr Heinrich zuführte, wie sie ihn in dem Cabriolet gesehen hatte, welches ihn ihr entführte.
Durch eines jener seltsamen Geheimnisse, welche beweisen, daß die Zeit nicht existiert und nichts als ein leeres Wort ist, entschwand dieser ganze Zeitraum, während dessen sie Heinrich erwartet hatte, spurlos; es schien ihr, daß es bloß der Abend sei, welcher dahin gegangen, und daß während der Nacht ein Traum gekommen sei, in welchem sie diese lange Reise geträumt habe.
Die Nacht kam, die Finsternis wurde dichter; aber dennoch brachte Cäcilie, wie wenn es schön wäre, die ganze Nacht am Fenster zu. Bei den ersten Strahlen der Sonne entschloss sie sich, matt vor Müdigkeit, das Herz gedrückt, bereit in Tränen zu zerfließen, sich niederzulegen.
Dieser Schlaf war kurz und aufgeregt, jeden Augenblick erwachte sie, plötzlich auffahrend, indem sie glaubte, den Ton der Glocke zu hören. Der Tag ging mit derselben Trägheit vorüber, wie der Abend.
Jetzt begann sie mit ihrer Liebe zu streiten, sich selbst zu überreden, daß die beiden Fahrzeuge sich nicht mit dieser methodischen Regelmäßigkeit folgen konnten. Die schöne Anna konnte im Augenblicke ihrer Abreise um einige Tage, vielleicht um eine Woche aufgehalten worden sein. Eine in jenen Tropenländern so häufig vorkommende Windstille konnte sie zurückgehalten haben. Sie legte sich noch einmal drei Tage auf, während welcher sie nicht hoffen dürfe; aber was sollte sie während dieser drei Tage beginnen.
Die arme Cäcilie nahm ihr Hochzeitkleid wieder auf und begann ein neues Bouquet in jede Ecke der Stickerei zu sticken.
Die drei Tage verflossen. Dann noch vier andere, endlich eine Woche; die vier Bouquete waren vollendet.
Heinrich hatte schon den wahrscheinlichen Zeitpunkt seiner Ankunft um vierzehn Tage überschritten; jetzt war Cäcilie nicht bloß ungeduldig, sie war auch unruhig. Jetzt erwachten alle Träume in ihrem Geiste, welche eine aufgeregte Einbildungskraft erzeugt; dieses ungeheure Meer, dessen dumpfes Brausen einen so starken Eindruck in Boulogne auf sie gemacht hatte, dieses tobende Meer mit seinen Launen, seinen Stürmen, seinen Orkanen, was hatte es aus der schönen Anna und aus Heinrich gemacht?
Waren schon die Tage Cäciliens in Folge des Wartens und der Unruhe schrecklich, so waren doch die Nächte noch schrecklicher. Dieser unaufhörliche Gedanke, der ihren Geist beschäftigte, den aber während des Tages die Vernunft bekämpfte, erwachte bei Nacht wie ein Gespenst, und da die Sinne ihn nicht mehr unterdrückten, so quälte er ihren Schlaf mit ewigen phantastischen Erscheinungen.
Kaum war sie eingeschlafen, so erschienen ihr bald ihre Mutter, bald Heinrich, dann begann eine ganze Dichtung von namenlosem Schmerze, welche sie zu einem Erwachen voll von Schrecken, von Seufzern und Tränen führte.
Heinrich war nun einen Monat länger aus, als er sollte.
Um sich zu zerstreuen, nahm Cäcilie ihre Zuflucht zu dem armen Hochzeitkleid; sie entschloss sich, den Grund desselben mit Bouqueten zu übersäen, wie sie schon in die Ecken gestickt hatte.
Dann quälte sie noch ein anderer Gedanke, welcher in ihrer Seele aufzutauchen begann; die Marquise fuhr fort, in ihrem sorglosen Egoismus zu leben. Eines Tages öffnete Cäcilie den Sekretär, in welchem Alles war, was sie und ihre Großmutter besaß; es waren noch 1500 Franken da.
Sie eilte zu der Marquise und teilte ihr mit der möglichsten Schonung ihre Befürchtungen mit.
»Nun,« sagte die Marquise, »wird von jetzt an bis zu dem Augenblick, in welchem diese 1500 Francs ausgegeben werden, das ist in drei oder vier Monaten von heute an, Heinrich nicht zurückgekehrt sein?«Cäcilie öffnete den Mund, um zu sagen: »ja, aber wenn er nicht da ist?«allein die Worte erstarben ihr auf den Lippen; denn es schien ihr, als dürfe sie nicht an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln. Es schien ihr, daß sie, wenn sie zweifeln würde, ihr Schicksal verdiene. Durch die Überzeugung ihrer Großmutter wieder etwas belebt, kehrte sie auf ihr Zimmer zurück.
Und in der That, warum sollte Heinrich nicht wieder kommen? Es war noch nicht so viel Zeit verflossen, um verzweifeln zu dürfen; Heinrich war um einige Wochen im Rückstande, und das war Alles. Was er befürchtet hatte, konnte eingetreten sein; ohne Zweifel hatte die schöne Anna an dem festgesetzten Tage nicht absegeln können. Heinrich war auf dem Wege, er berührte vielleicht jetzt England, er war jetzt vielleicht in Frankreich gelandet, er konnte kommen, ehe noch diese neu begonnene Arbeit vollendet war. Cäcilie, voll von einem momentanen Mute und von einer ephemeren Hoffnung, setzte sich zu ihrem Hochzeitkleid nieder, und die neuen Stickereien gingen aus ihren Nadeln hervor, wie aus der einer Fee.
So verflossen drei Monate. Alle Bouquete waren vollendet, das Kleid wurde ein Wunder.
Die, welche es sahen, sagten, daß es für eine Frau zu schön und daß es würdig sei, der heiligen Jungfrau von Liesse, von Loreto, oder vom Berge Carmel dargebracht zu werden.
Cäcilie begann neue Blumen zwischen den Bouqueten.
Eines Morgens trat Mademoiselle Aspasia in das Zimmer des jungen Mädchens, was ein höchst seltener Fall war.
»Was wollen Sie, Aspasia?«rief Cäcilie. »Ist meiner guten Großmutter etwas begegnet?«
»Nein, Gott sei Dank, mein Fräulein; allein im Secretär ist kein Geld mehr, und ich komme, um sie zu fragen, wo ich welches bekommen werde?«
Ein kalter Schweiß trat auf Cäciliens Stirne; der lang gefürchtete Augenblick war gekommen.
»Es ist gut,« sagte sie, »ich werde darüber mit der Frau Marquise sprechen.«
Cäcilie trat in das Zimmer ihrer Großmutter.
»Nun, teure Großmutter,« sagte sie, »was ich vorausgesehen hatte, ist eingetreten.«
»Was, mein Herzchen?«fragte die Marquise.
»Unser kleines Vermögen ist erschöpft und Heinrich ist noch nicht zurück.«
»O, er wird zurückkommen, mein Kind, er wird zurückkommen.«
»Aber was werden wir, indem wir darauf warten, beginnen?. . . .«
Die Marquise betrachtete ihre Hand, sie hatte am kleinen Finger ein ovales Medaillon mit Diamanten umgeben.
»Ach!« sagte sie, indem sie einen Seufzer aus«stieß, »es kostet mir große Überwindung, mich von diesem Ringe zu trennen, aber es muss geschehen.«
»Meine Mutter,« sagte Cäcilie, »sie brauchen sich ja bloß von diesen Diamanten zu trennen, welche Sie durch einen Reif ersetzen können, der Ring wird Ihnen doch immer bleiben.«
Die Marquise stieß einen zweiten Seufzer aus, welcher andeutete, daß sie an den Diamanten eben so sehr, wie an dem Medaillon hänge, und gab dann Cäcilie den Ring.
Das arme Mädchen konnte Niemand die Sorge anvertrauen, das Kleinod zu verkaufen, welches ihr die Marquise zugestellt hatte; denn das hieße ihr bevorstehendes Elend ihrer Vertrauten mitteilen, und dieses war ein Geheimnis, in welches sie Mademoiselle Aspasia weniger als irgend jemand einweihen wollte.
Cäcilie ging daher selbst zu einem Juwelier und brachte 800 Francs zurück.
Dies war der Werth, auf welchen der Kaufmann die Umfassung geschätzt hatte; derselbe erhielt zu gleicher Zeit den Auftrag, den Kreis von Diamanten, durch einen Reif von Gold zu ersetzen.
Von diesem Augenblicke an begriff Cäcilie, daß nebst dem Unglücke, daß Heinrich nicht zurückkomme, noch ein zweites bestehe, und gegen das erstere ohnmächtig, wollte sie sich wenigstens gegen das zweite wahren. Als sie am dritten Tage den Ring der Marquise holte, nahm sie die Dessins ihrer Stickerei mit, und da ihr der Juwelier durch sein freundliches Wesen Zutrauen eingeflößt hatte, so zeigte sie ihm diese Arbeit und fragte ihn, ob er nicht irgend einen Stickereien-Zeichner kenne, bei welchem sie von ihrem Talente Gebrauch machen könne. Der Juwelier rief seiner Frau, welche, nachdem sie die Dessins bewundert hatte, versprach, mit einem Kaufmann darüber zu sprechen. Dm Tage später hatte Cäcilie eine Hilfsquelle, sie konnte täglich sechs bis acht Franc verdienen.
Von diesem Augenblicke an war das arme Mädchen wieder viel ruhiger und dachte nun ausschließend an Heinrich. Die Tage vergingen, und immer noch kam keine Nachricht. Heinrich war nun vier Monate zu lang aus. Cäcilie schien mehr und mehr kalt und teilnahmslos zu werden, ihr ganzer Schmerz konzentrierte sich in ihr und drückte auf ihr Herz. Von Zeit zu Zeit schauderte sie noch, wenn es zu der Stunde läutete, in welcher sonst der Briefträger kam; aber am Zuge der Glocke erkannte sie, daß er es nicht sei, und sie sank in den Fauteuil zurück, aus welchem sie sich halb erhoben hatte. Ihre ewige Beschäftigung, eine fast maschinenartig gewordene, war ihr Kleid, welches sie ganz und gar mit Stickereien überdeckte. Jeden Tag füllte Cäcilie einen neuen Zwischenraum aus, jeden Tag entstand eine neue Blume unter ihrer wundervollen Nadel; drei Monate verflossen abermals und keine Nachricht kam, um dem armen Kinde Freude oder Tränen zu bringen.
Während dieser drei Monate war das Geld, welches durch den Verkauf des Rings der Marquise eingegangen war, ausgegeben; allein vermöge der Hilfsquelle, welche Cäcilie sich geschaffen hätte, bemerkte es Niemand; alle Wochen trug das junge Mädchen ihre Dessins zu dem Kaufmann und alle Wochen stellte er ihr vierzig bis fünfzig Francen zu. Diese Summe genügte für die kleine Haushaltung; und da ihr die neue Arbeit immer noch Zeit zu ihrer Stickerei übrig ließ, so fuhr sie fort, täglich zwei oder drei Stunden an dieser zu arbeiten, denn es schien ihr, daß so lange sie daran arbeiten könne, sie sich noch immer durch etwas an die Vergangenheit anklammere, und daß noch nicht alle Hoffnung, Heinrich wiederzusehen, verloren sei.
Endlich kam ein Augenblick, wo jedes neue Hinzufügen unmöglich wurde; auch die kleinsten leeren Plätze waren ausgefüllt, das Hochzeitkleid Cäciliens war fertig.
Eines Morgens hielt sie es auf ihren Knien, schüttelte traurig den Kopf und suchte vergebens eine Stelle, um noch eine kleine Blume, irgend eine niedliche Arabeske anzubringen, als plötzlich die Glocke ertönte. Cäcilie stand von ihrem Stuhle auf, sie hatte den Zug des Briefträgers erkannt.
Cäcilie lief nach der Türe; er war es wirklich. Er hielt einen Brief in der Hand; aber dieser Brief war nicht von seiner Handschrift, es war ein großer viereckiger Brief mit einem amtlichen Siegel. Cäcilie zitterte, indem sie den Brief nahm.
»Was ist dies?' sagte sie mit einer fast erlöschenden Stimme.
»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« sagte der Briefträger; »aber gestern hat man uns versammelt, um uns von Seite des Polizeipräfekten zu befragen, ob wir nicht ein Fräulein Cäcilie de Marsilly kennen. Ich antwortete, daß ich vor noch nicht langer Zeit mehrere Briefe an eine Person dieses Namens ausgetragen habe, welche in der Rur du Coq-Saint-Honoré Nr. 5 wohnte. Man zeichnete meine Erklärung auf, und diesen Morgen stellte mir mein Chef diesen Brief mit dem Auftrage zu, Ihnen denselben zu überbringen. Er kommt vom Ministerium der Marine.«
»Ach, mein Gott, mein Gott!« rief Cäcilie, »Was soll das heißen?«
»Ich hoffe, daß es eine gute Nachricht sei, mein Fräulein,« sagte der Briefträger, indem er sich zurückzog.
»Ach!« rief Cäcilie, »ich erwarte gute Nachrichten nur von einer einzigen Handschrift, und diese ist es nicht.«
Der Briefträger öffnete die Türe, um sich zu entfernen.
»Warten Sie, damit ich Sie, bezahle,« sagte Cäcilie.
»Ich dank, mein Fräulein, der Brief ist frei,« sagte der Briefträger.
Er entfernte sich, Cäcilie ging in ihr Zimmer zurück.
Sie hielt den Brief in der Hand, getraute sich aber nicht, ihn zu öffnen.
Endlich erbrach sie das Siegel und las, was folgt:
»Am Bord der Handelsbrigg: die schöne »Anna, kommandiert durch den Kapitän John Dickins.
»Heute, am 28 März 1805, um 3 Uhr Nachmittags, als wir auf der Höhe der Azoren waren, im zwei und zwanzigsten Grade der Breite und im zwei und vierzigsten Grade der Länge.
»Wir Eduard Thurnson, Steuermann auf der Brigg »die schöne Anna,« auf der Bagbordswache des genannten Fahrzeugs uns befindend, wurden durch den Lotsen Samuel benachrichtigt, daß der Vicomte Carl Heinrich de Sennones in dem Register der Passagiere unter Nr. 9 eingezeichnet, so eben gestorben sei.
»Wir haben uns, begleitet von Herrn William Smith, der Medizin Beflissenen, in das Zimmer Nr. 5 begeben, wo wir einen Leichnam fanden, welchen wir vollständig als den des Herrn Vicomte Heinrich de Sennones erkannten.
»Der Zeuge Samuel hat uns hierauf erklärt, daß um drei Uhr weniger fünf Minuten der Vicomte Carl Heinrich de Sennones in seinen Armen verschieden sei, und daß er, um sich von dem Aufhören, des Lebens zu überzeugen, ihm einen Spiegel vor die Augen gehalten habe, daß aber das Glas rein geblieben sei, daß er daher an seinem Tod nicht mehr gezweifelt habe und gekommen sei, uns hiervon Anzeige zu machen.
»Herr William Smith, der Medizin Beflissener, Passagier am Bord, der den Kranken behandelt hatte, untersuchte den Leichnam und gab folgende Erklärung ab.
»Wir erklären auf unsere Seele und unser Gewissen, daß der Vicomte Carl Heinrich de Sennones am gelben Fieber gestorben ist, von welchem er ohne Zweifel schon angesteckt war, als er Guadeloupe verließ; daß es drei Tage ist, daß sich die ersten Symptome zeigten, und daß die Krankheit solch reißende und schreckliche Fortschritte machte, daß er, ungeachtet aller Hilfe der Kunst, heute um drei Uhr weniger fünf Minuten gestorben ist.
»Zur Beglaubigung dessen haben wir gegenwärtiges Protokoll aufgenommen, welches nach Vorlesen durch uns unterzeichnet wurde, und durch den Arzt, welcher den Verstorbenen behandelte, und durch den benannten Zeugen.
»Geschehen am Bord, auf dem Meere, im Jahre, Monate und am Tage wie oben genannt.
»Unterzeichnet: John Dickins , Kapitän.
Eduard Thomson , Steuermann.
Wilhelm Smith , der Medizin Beflissener.
»Der Lotse Samuel hat erklärt, daß er nicht schreiben könne, und hat daher sein Kreuz gemacht.«
Als Cäcilie diesen Brief las, stieß sie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht.
XXIII.
Selten ein Unglück allein
Als Cäcilie wieder zu sich kam, fand sie Mademoiselle Aspasia beschäftigt, sie Salze einatmen zu lassen. Der Schrei, den das arme Mädchen ausgestoßen hatte, war bis an das Zimmer der Marquise gehört worden, und diese hatte ihre Gesellschafterin abgeschickt, um sich zu erkundigen, was sich zugetragen habe. Einen Augenblick später ging die Marquise selbst, weil Mademoiselle Aspasia nicht zurückkam, in das Zimmer.
Ungeachtet der wenigen Übereinstimmung, welche zwischen beiden herrschte, warf sich Cäcilie in die Arme ihrer Großmutter, zeigte ihr das schreckliche Protokoll, dessen eisiger Inhalt mit einem Male alle ihre Hoffnungen, alle ihre Träume vernichtet hatte.
Dieses Protokoll war das Erscheinen des Todes selbst, dieses kalten, teilnahmslosen, unerbittlichen Todes, dieses Todes, der alle die Vorsichtsmaßregeln bei Seite setzt, welche die Güte Gottes, oder die Umsicht eines Freundes in Anwendung bringt.
So konnte auch Cäcilie ewig nur wiederholen:
»Tod, tot, tot!«. . .
Die Marquise war niedergeschmettert; mit einem Blicke hatte sie übersehen, in welch' schreckliche Lage sie und ihre Enkelin durch diese Katastrophe versetzt werde.
Alle ihre Hoffnungen auf Ruhe, auf Wohlleben und auf Luxus beruhten auf Heinrich de Sennones. Der Brief, welchen er acht Tage vor seiner Abreise von Guadeloupe geschrieben, und in welchem er seiner Verlobten eine Schilderung seines kleinen Reichtums gegeben, hatte den Berechnungen der Marquise zur Grundlage gedient; und nun war Alles zu Ende. Heinrich war tot, die Diamanten waren verkauft, die Quellen der unglücklichen Familie waren versiegt, und' es blieb ihr nichts, gar nichts, besonders nach den Ansichten der Marquise, welche nicht wusste, daß sie seit drei oder vier Monaten schon von der Arbeit Cäciliens lebe. Mademoiselle Aspasia allein hatte es wahrgenommen, denn schon zwei- oder dreimal hatte sie gegen die Marquise den Wunsch geäußert, sich auf das Land zurückzuziehen, indem ihre schlechte Gesundheit jetzt der größten Ruhe bedürft.
Der Schmerz der Marquise war also viel größer, als Cäcilie sich ihn gedacht hatte; denn diese konnte nicht im Grunde des Herzens ihrer Großmutter die wahren Ursachen ihres Schmerzes lesen. Es war ein Glück für das arme Mädchen; denn in dem Momente, in welchem sie ihre Großmutter wanken sah, erlangte sie ihre Kraft wieder, um sie zu unterstützen. Die Marquise war im Nachtgewand aus ihrem Bette gestiegen, man brachte sie in ihr Zimmer zurück und legte sie zu Bette.
Indessen konnte Cäcilien diese kalte Ankündigung des Todes ihres Geliebten nicht genügen; sie wollte nähere Umstände wissen, sie wollte wissen, wie ihr dieser Brief zugekommen sei, kurz, das arme Kind zweifelte, gleich jedem Unglücklichen, der von einem unerwarteten Schlage getroffen wird, und bedurfte noch einer weiteren Überzeugung ihres Schmerzes.
Der Brief war von dem Ministerium der Marine gesiegelt, und daher kam Cäcilien ganz natürlich der Gedanke, sich an das Marine-Ministerium zu wenden, um die gewünschten Aufklärungen zu erhalten. Sie überließ die Sorge für ihre Großmutter der Mademoiselle Aspasia, warf einen Schleier über ihren Hut, nahm den verhängnisvollen Brief, steckte sich in ihre Enveloppe, ging hinab und warf sich in einen Fiaker, um sich nach dem Marine-Ministerium führen zu lassen.
Als sie an der Türe ankam zeigte sie ihren Brief dem Türhüter und fragte ihn, aus welchem Bureau dieser Brief komme; der Türhüter antwortete ihr, daß er aus dem Sekretariat sei.
Cäcilie ging nun in das Sekretariat hinauf und verlangte den Employé zu sprechen, welcher diesen Brief geschrieben hatte; da er noch nicht angekommen war, wartete sie. Endlich kam er. Es war eine seltsame Sache; Cäcilie hatte, seitdem sie wieder zu sich gekommen war, auch nicht eine Träne vergossen.
Der Employé erklärt ihr, daß dieses Protokoll von Plymouth gekommen sei, wo die schöne Anna nach ihrer Rückkehr von Guadeloupe Anker geworfen hatte, und daß es bloß von folgender Nachricht begleitet gewesen sei: »Nachdem der Vicomte Carl Heinrich de Sennones am Bord der schönen Anna am 28. März 1805 gestorben ist, und in diesem Augenblick keinen bekannten Verwandten in England hat, so bitten wir die französische Regierung, seinen Tod dem Fräulein Cäcilie de Marsilly, von welcher er, wie von seiner Verlobten, sehr oft mit dem Lotsen Samuel gesprochen hat, bekannt zu machen.
»Aller Wahrscheinlichkeit nach hält sich Fräulein Cäcilie de Marsilly in Frankreich auf. Das Protokoll, welches seinen Tod feststellt, legen wir bei.«
Cäcilie vernahm alle diese Einzelheiten mit gebrochenem Herzen, aber mit trockenen Augen; man hätte glauben sollen, daß der Tränenquell vertrocknet sei, oder vielmehr, daß die Tränen nach innen fließen.
Sie fragte nur noch, ob man ihr nicht sagen könne, wohin der Leichnam gebracht worden sei.
Der Employé erwiderte ihr, daß, wenn ein Reisender oder ein Matrose am Bord eines Fahrzeuges sterbe, sein Leichnam nicht mitgenommen, sondern kurz und einfach in's Meer geworfen werde.
Cäcilie erkannte nun, wie durch einen plötzlichen Blitzstrahl erhellt, jenes große Weltmeer, welches stürmend und brausend an ihre Füße an dem Tage hingewogt hatte, an welchem sie am Arme Heinrichs auf den Strandsteinen von Boulogne ging.
Sie dankte dem Employé für seine Aufklärungen und entfernte sich.
Nun war für Cäcilie Alles klar. Diese lange Zeit, welche seit dem Tode Heinrichs verflossen, und die sie mit Warten zugebracht, hatte sie verloren, um zu suchen, wo er blieb.
Die Nachforschungen waren, wie sie gewöhnlich von Regierungen im Allgemeinen, wenn sie kein besonderes Interesse haben, geschehen, angestellt worden.
Man hatte die Nachricht in den Zeitungen angekündigt, aber Cäcilie las kein Journal, endlich hatte man eines Tags sich entschlossen, die Briefträger zu versammeln und sich an diese zu wenden, und nun hatte einer dieser braven Leute erklärt, daß er achtzehn Monate früher Briefe an ein Fräulein Cäcilie de Marsilly gebracht habe, und daß diese Rur du Coq Nr. 5 wohne.
Cäcilie kehrte nach Hause, stieg ihre fünf Treppen hinauf und wollte gerade läuten, als sie bemerkte, daß die Thüre auf stehe; da sie glaubte, daß Mademoiselle Aspasia zu irgend einer Nachbarin gegangen sei, ließ sie die Türe auf stehen, wie sie sie gefunden hatte. Ihre erste Sorge war zu der Marquise hineinzugehen, diese lag im Bette, den Kopf auf beide Hände gestützt und schlief.
Cäcilie ging in ihr Zimmer und zunächst zu dem Sekretär, welcher ihren Schatz umschloss, das heißt, Heinrichs Briefe.
Unter diesen Briefen suchte sie den heraus, welchen ihr Heinrich von Boulogne geschrieben hatte, und sie las folgende Zeilen: »Dieses große und heilige Ding, das Meer, habe ich mit einem tiefen Gefühl im Herzen gesehen; wie dieses allen höheren Gedanken entspricht, wie es zugleich tröstet und zuversichtlich macht, wie das von der Erde zum Himmel erhebt, wie es die Schwäche des Menschen, und die Größe Gottes erkennen lässt.
»Ich glaube, ich würde ewig an diesem Ufer sitzen geblieben sein, an welchem wir zusammen gingen, und wo es mir schien, daß ich, wenn ich gehörig suchen würde, Ihre Fußstapfen wieder finden müsste. Mein Herz dehnte sich bei dem Anblicke, den ich vor Augen hatte, aus. Ich liebe Sie mit mehr, als mit menschlicher Liebe, ich liebe Sie, wie die Blumen bei der Wiederkehr des Frühlings die Sonne lieben, wie während der schönen Sommernächte das Meer das Firmament liebt, wie zu jeder Zeit die Erde Gott liebt.
»O, in diesem Augenblicke, Cäcilie, und der Herr wird mir verzeihen, wenn ein gottloser Hochmut darin liegt, biete ich den Ereignissen, welche uns trennen, Trotz, wäre es auch der Tod. Wie sich Alles in der Natur vermischt und vermengt, die Düfte mit den Düften, die Wolken mit den Wolken, das Leben mit dem Leben; warum sollte sich nicht auch der Tod mit dem Tode vermischen, und da jede Sache, indem sie sich mischt, sich befruchtet, warum sollte der Tod sich nicht auch mit dem Tode vermischen, welcher eine von den Bedingungen der Natur ist, ein Hindernis der Ewigkeit, ein Wiederstrahlen des Unendlichen, warum sollte der Tod allein steril sein? Gott hätte es nicht getan, wenn es für ihn nichts als einer Vernichtungsmaschine bedurft hätte, Und wenn er, indem er die Körper trennte, die Seele nicht hätte vereinigen wollen.
»So hat also, Cäcilie, selbst der Tod nicht die Macht, uns zu trennen; denn die Schrift sagt: daß der Herr den Tod besiegt habe.
»Also auf Wiedersehen, Cäcilie, und kein Lebewohl; auf Wiedersehen, vielleicht in dieser Welt, gewiss in der zukünftigen.
»Ja, ja, armer Heinrich,« lispelte Cäcilie, »ja, Du hast recht, ja, auf Wiedersehen, gewiß!«
In diesem Augenblicke hörte Cäcilie einen Schrei in dem Zimmer der Marquise. Sie eilte hinaus und stieß im Korridor auf Mademoiselle Aspasia, welche bleich und sprachlos aus sie zulief.
»Was gibt es denn, was ist begegnet?«rief Cäcilie.
Als sie bemerkte, daß ihr Aspasia nicht antworte, stürzte sie in das Zimmer ihrer Großmutter.
Der Kopf der Marquise war von dem Kissen herabgesunken und lag auf dem Kopfpfühle, während ihr Arm am Bette herunterhing.
Die Hand der Marquise war kalt.
Cäcilie ergriff den Kopf ihrer Großmutter und legte ihn wieder auf das Kopfkissen.
Sie küsste sie wiederholt, sie beschwor sie, ihr zu antworten; aber Alles war vergebens, die Marquise blieb stumm, wie sie kalt geblieben war.
Die Marquise hatte aufgehört zu sein.
Während Mademoiselle Aspasia auf einen Augenblick weggegangen war, hatte sie der Schlag getroffen.
Alles war schon zu Ende, als Cäcilie zurückgekehrt war und sie gesehen hatte.
Es war ein Tod ohne Schmerz, ohne daß sie eine Klage ausstieß, ohne daß sie eine Bewegung machte, ein Tod gerade wie ihr Leben war; denn sie hatte eben so wenig an den Tod als an das Leben gedacht; ein Tod in dem Augenblicke, in welchem ihr das Leben zum ersten male, schwer, vielleicht bitter geworden wäre.
Es ist eine eigene Erscheinung, daß, wenn zwei große Schmerzen in demselben Momente eine Person treffen, der eine die Seele gegen den andern vertheidigt; einer dieser beiden Schmerzen hätte Cäcilien niedergedrückt; gegen beide erhob sie sich stark.
Vielleicht hatte ihr der Tod Heinrichs irgend einen verhängnisvollen Entschluss eingeflößt, und der Tod ihrer Großmutter beschleunigte die Ausführung.
Bei dem Anblicke der tobten Marquise erklärte Mademoiselle Aspasia, daß ihr Schmerz so groß sei, daß sie nicht einen Augenblick mehr in diesem Hause bleiben könne.
Cäcilie stand von dem Bette ihrer Großmutter auf, an welchem sie betete, machte die Rechnung der Mademoiselle Aspasia, bezahlte sie und stattete ihr ihren Dank für das ab, wofür kein Geld Zahlung leisten kann, das heißt, für die Aufmerksamkeit, welche sie der Marquise zugewendet hatte.
Dann rief das junge Mädchen die gute Frau, welche ihre kleine Haushaltung besorgte und bat diese, sich mit der Eigentümerin der Wohnung zu benehmen und alle Anordnungen des Leichenbegängnisses zu treffen, welche erforderlich waren. Da Cäcilie im ganzen Hause sehr geliebt war und für ein Muster kindlicher Liebe und der Keuschheit galt, so beeilte sich jedes, ihr Dienste zu leisten, so weit es in seinen Kräften stand.
Jetzt kehrte Cäcilie in ihr Zimmer zurück und öffnete eine Schublade, aus dieser nahm sie ihr Hochzeitskleid.
Bei dem Anblicke desselben brachen ihre so lange zurückgehaltenen Tränen aus. Es war aber auch Zeit; ein längeres Zurückhalten hätte ihr das Herz gebrochen.
Nachdem sie lange geweint hatte, während sie das schöne Kleid auf ihren Knien hielt, während sie jedes Bouquet, jede Blume, jede Arabeske küsste, nachdem sie ihre beiden Hände zum Himmel erhoben hatte, Heinrich, Heinrich ausrufend, warf sie zum zweiten mal den Schleier über sich und ging weg.
Die Bezahlung der Mademoiselle Aspasia hatte ihre letzten Hilfsquellen erschöpft, es blieb ihr nichts mehr übrig, um ihre Großmutter begraben zu lassen, um den gefassten Entschluss auszuführen, als ihr Hochzeitskleid zu verkaufen.
Sie eilte zu dem Kaufmanne, welcher ihr ihre Dessins abgekauft hatte und entfaltete vor seinen Augen dieses Wunder von Arbeit, Geschmack und von Geduld, über welches sie sich fast zwei Jahre hin gebeugt hatte. Allein auf den ersten Blick erklärte ihr der Kaufmann, daß er ihr nicht so viel bezahlen könne, als die Sache wert sei, und er begnügte sich, ihr die erforderlichen Anweisungen zu geben.
Noch am nämlichen Tage machte Cäcilie einige Gänge, allein alle waren vergebens.
Der folgende Tag war der Beerdigung der Marquise geweiht. Da man glaubte, daß die Marquise, ohne reich zu sein, einiges Vermögen habe, so machte die Eigentümerin die erforderlichen Vorschüsse und bestritt alle Kosten des Gottesdienstes und der Beerdigung. Am nächstfolgenden Tage machte sich Cäcilie wieder auf den Weg, und wir haben gesehen, wie das arme Kind, nachdem sie andere fruchtlose Versuche gemacht hatte, zu Fernanden kam, und wie der Prinz, von den Tränen des armen jungen Mädchens gerührt, und indem er Fernandens Wünschen entsprechen wollte, das wunderbare Kleid kaufte und den Preis desselben noch am nämlichen Tage bezahlte.
So wie Cäcilie ihre dreitausend Frank erhalten hatte, rief sie die Eigentümerin in ihre Wohnung, erstattete ihr die gehabten Auslagen, bezahlte ihr den laufenden Mietzins und erklärte ihr, daß sie morgen, abreisen werde.
So dringend sie auch die Eigentümerin bat, so verweigerte Cäcilie doch hartnäckig, ihr zu sagen, wohin sie gehe.
Am folgenden Tage verließ das arme Mädchen wirklich das Haus und nahm das Geheimnis mit sich.
Einige Zeit lang beschäftigten sich die, welche Cäcilie gekannt hatten, mit diesem Verschwinden und fuhren fort, davon zu sprechen.
Dann kam ihr Name nach und nach weniger mehr in der Unterhaltung vor und da sie nicht wieder erschien, vergaß man sie ganz und gar.
XXIV.
Schluß
Drei Monate nach den Ereignissen, welche wir erzählt haben, fuhr eine schöne Handelsbrigg mit vollen Segeln gegen die Antillen, indem sie die Passatwinde, welche zwischen den Wendekreisen wehen, aufsuchte.
Diese Brigg war keine andere, als unsere alte Bekannte, die schöne Anna.
Sie war seit vierzehn Tagen von London abgesegelt, wo sie eine Ladung nach Guadeloupe eingenommen hatte, als gegen fünf Uhr Abends der Matrose auf dem Mastkorb jenes Wort ertönen ließ, welches immer einen tiefen Eindruck auf den Geist der Reisenden, besonders aber auf den der Seeleute macht, das Wort: Land! Bei diesem Rufe, welcher bis unter die Verdecke des Fahrzeuges drang, eilte Alles, was von Passagieren am Bord war, auf das Verdeck. Unter diesen befand sich ein junges Mädchen von neunzehn bis zwanzig Jahren. Sie ging auf den Lotsen zu, welcher, als er sie kommen sah, seine Mütze ehrfurchtsvoll abnahm:
»Habe ich nicht Land rufen hören, guter Samuel?' fragte sie.
»Ja, Fräulein Cäcilie,« antwortete dieser.
»Und welches Land?«
»Die Azoren.«
»Endlich!« sagte das junge Mädchen, und ein melancholisches Lächeln umzog ihre Lippen, dann, indem sie ihren Blick, der eine Minute, in die Ferne geschweift, auf den Lotsen richtete, sagte sie: »Sie haben mir versprochen, mir den Platz anzuzeigen, wo Heinrichs Körper in das Meer geworfen wurde.«
»Ja, mein Fräulein, und ich werde auch mein Wort halten, wenn der Augenblick gekommen sein wird.«
»Sind wir noch weit von dieser Stelle entfernt?«
»Wir können ungefähr noch vierzig Meilen davon sein.«
»Also werden wir in vier Stunden dahin kommen?«
»Gewiss; man sollte glauben, daß das Schiff seinen Weg wisse und nicht auf zehn Schritte davon abweichen wolle.«
»Und Sie sind sicher, daß Sie sich nicht täuschen?«
»Gewiss, mein Fräulein; die erste Insel bildete mit der zweiten einen Winkel, und da die Nacht schön ist, so können Sie vollkommen ruhig sein, daß ich den Platz wieder erkennen werde.«
»Gut also, Samuel,« sagte das junge Mädchen, »eine halbe Stunde früher, als wir dahin kommen, werden Sie mich rufen.«
»Ich verspreche es Ihnen,« erwiderte der Matrose.
Das junge Mädchen grüßte Samuel durch ein Neigen des Kopfes, ging die Treppe hinab und in das Zimmer Nro. 5, in welchem sie sich einschloss.
Eine Stunde, nachdem das junge Mädchen das Verdeck verlassen hatte, läutete die Glocke zum Mittagessen; alle Passagiere gingen nun in den Speisesaal hinab, aber Cäcilie erschien nicht. Da sie selten an der Tafel sich sehen ließ, so bemerkte man ihre Abwesenheit nicht, nur der Kapitän ließ sie fragen, ob sie wünsche, daß man ihr Mittagessen auf dem Zimmer serviere.
Allein sie dankte, indem sie sagte, daß sie Nichts esse.
Das Schiff fuhr fort, mit vollem Winde zu segeln, indem es neun Knoten in der Stunde zurücklegte, so daß man den Azoren sich eiligst nahte. Die Passagiere waren wieder auf das Verdeck hinauf gestiegen, und erfreuten sich an der Frische des Abends, indem sie die Blicke auf diese Gruppe von Inseln richteten, welche ungefähr noch vier, bis fünf Stunden von dem Fahrzeuge entfernt waren. Der Kapitän John Dickins und der Lieutenant Wilhelm Thornson plauderten mit einander, und der Bootsmann Samuel träumte.
Von Zeit zu Zeit warfen die beiden Officiere die Augen auf ihn, dann nahten sie sich, fortwährend plaudernd, ihm, und blieben vor ihm stehen.
»Nicht wahr, Samuel, das ist sie?«sagte der Kapitän.
»Die, von welcher Herr Heinrich immer mit mir sprach?«»Ja, und die er Cäcilie nannte.«
»Sie ist es wirklich, Kapitän.«
»Sehen Sie, William,« sagte der Kapitän, »sie ist es also, ich habe es erraten.«
»Und was will sie in Guadeloupe machen?«
»Nun, Sie wissen, daß Herr Heinrich einen reichen Onkel dort hat, der Millionär ist; wahrscheinlich wird sie zu ihm gehen.«
Die beiden Offiziere setzten ihren Spaziergang fort und auch ihre Unterredung, die sie unterbrochen hatten, um sich an Samuel mit der Frage zu wenden, die wir erzählt haben.
Indessen nahte die Nacht, man brachte den Tee auf das Verdeck, und fragte Cäcilie, ob sie heraufzukommen beliebe; allein wie beim, Mittagessen, lehnte sie es ab, indem sie sagte, daß sie nichts zu sich nehmen wolle.
Mit der in diesen Breiten gewöhnlichen Schnelligkeit trat die Nacht ein, um acht Uhr war die Finsternis vollkommen; um neun Uhr hatte sich Jedermann in seine Kajüte zurückgezogen; auf dem Verdecke war Niemand mehr, als der Bootsmann und der zweite Lieutenant. Die Brigg segelte mit ihrem großen Segel und mit den Marssegeln.
Um neun ein halb Uhr erhob sich der Mond hinter den Azoren, und erhellte die Nacht, wie die Sonne einen unserer nebeligen Tage des Nordens erhellt. Die Inseln zeichneten sich ganz bestimmt am Horizonte ab.
Man nahte dem Orte, wo Heinrichs Leichnam in das Meer geworfen worden war, und Samuel, seinem Versprechen getreu, ließ Cäcilien rufen.
Cäcilie kam sogleich herauf; sie hatte ihren Anzug geändert, sie war ganz weiß gekleidet, und trug einen Schleier, wie eine Braut.
Sie nahm einen Stuhl und setzte sich neben den Bootsmann.
Samuel betrachtete sie erstaunt, dieses weiße Kleid, dieser überflüssige Putz, auf welchen, wie man sah, das Mädchen all' ihre Sorgfalt verwendet hatte, erschienen dem guten Matrosen seltsam.
»Wir nahen ihm also, Samuel?«fragte Cäcilie.
»Ja, mein Fräulein,« antwortete Samuel, »und in einer halben Stunde werden wir dort sein.«
»Und Du wirst den Platz wieder erkennen?«
»Dafür stehe ich gut, wie wenn ich mit den Instrumenten des Kapitäns die Höhe gezogen hätte.«
»Ich habe Dich noch nie um die Einzelnichten seiner letzten Augenblicke gefragt, Samuel, aber jetzt, diesen Abend, wünschte ich zu wissen, wie er gestorben ist.«
»Warum immer von Gegenständen sprechen, welche Ihnen Kummer machen, Fräulein Cäcilie? Sie werden mich am Ende noch verabscheuen.«
»Wenn Jenny ferne von Dir gestorben wäre, Samuel würdest Du nicht wünschen, alle die näheren Umstände ihres Todes zu kennen, und würdest Du nicht dem sehr dankbar sein, der sie Dir erzählen würde.«
»O, ja, mein Fräulein, es würde mir dieses als ein großer Trost erscheinen.«
»Du siehst also, Samuel, daß es grausam von Dir wäre, wenn Du das nicht tätest, was ich von Dir wünsche.«
»Ich weigere mich desselben auch nicht; ich liebte diesen armen Heinrich so sehr, und das war auch nicht mehr als billig; denn nebst dem, daß er so liebenswürdig und freundlich war, hat er mir bei meiner Abreise von Guadelupe die dreitausend Frank gegeben, welche mir noch fehlten, um Jenny zu heiraten, so daß ich es nur ihm verdanke, wenn ich jetzt glücklich bin.«
»Armer Heinrich!« seufzte Cäcilie;«er war so gut.«
»Als Herr Smith, der Arzt, mir sagte, daß er krank sei, habe ich einen Matrosen an meine Stelle gesetzt und ging sogleich zu ihm hinab. Armer, junger Mann! Was ist es mit uns! Am Abende hatte er sich bloß unwohl gefühlt, während der Nacht war das Fieber gekommen, und in dem Augenblicke, in welchem ich zu ihm hinab kam, lag er schon im Delirium; allein in Mitte desselben erkannte er mich doch; aber sein einziger Gedanke waren Sie, Fräulein Cäcilie, man erkannte es deutlich aus allen seinen Erinnerungen, Sie waren es allein.«
»Mein Gott, mein Gott!« rief Cäcilie, indem sie Tränen wiederfand.
»Ja, und dann sprach er von einem kleinen Hause in England, von Blumen in einem Garten, von Boulogne, von einem Hochzeitkleid, und dann von einem Leichentuche, welches Sie stickten, damit Sie Beide darin begraben würden.«
»Ach, das ist die Wahrheit,« sagte Cäcilie.
»Vom ersten Augenblicke an sah ich, daß er verloren sei; ich habe gar Viele an dieser Krankheit sterben sehen. Das gelbe Fieber verschont nicht, und da er damit behaftet war, so wollte ihn Niemand pflegen; man hätte glauben sollen, der arme Junge habe die Pest. Vorwärts, sagte ich damals zu mir, vorwärts, Samuel, in der Noth erkennt man seine Freunde. Dich geht es vor Allen an. Ich suchte den Kapitän auf und sagte zu ihm:
»Capitän, Sie müssen Jemand an meine Stelle am Steuerruder kommandieren, mein Posten ist gegenwärtig am Bett des Herrn Heinrich, und den werde ich nicht verlassen, bis er gestorben sein wird.«
»Gut, Samuel,« sagte Cäcilie, indem sie eine der rauen Hände des Matrosen in die ihrige nahm, während die andere Hand desselben fortfuhr, das Steuerruder zu berühren.
»Der Kapitän machte einige Schwierigkeiten, denn wenn ich das gelbe Fieber bekommen würde, so hatte er Furcht für mich, und er vertraute auf mich als Piloten. Allein ich sagte ihm: Kapitän, wir haben die Wendekreise passiert, und jetzt würde Sie ein Kind mit verbundenen Augen nach Plymouth führen. Aber wenn ich von der Krankheit befallen werden und sterben sollte, so finden Sie in meinem Sacke dreitausend Franken, welche mir Herr Heinrich gegeben hat, und hiervon geben Sie die Hälfte meiner armen Mutter und die andere meiner Jenny.
»Nun, gut, mein Knabe,« sagte er dann, »gehe hin und tue, was Du tun zu müssen glaubst; sei ruhig, dort oben wohnt ein guter Gott.«
Cäcilie stieß einen Seufzer aus und blickte gen Himmel.
»Ich hatte ihn nur eine halbe Stunde verlassen, und das Fieber hatte Fortschritte gemacht. Jetzt erkannte er mich kaum wieder, er hatte ein heftiges Fieber und jeden Augenblick sagte er: »ich atme Feuer, warum lasst ihr mich denn Feuer atmen.«Dann verlangte er zu trinken, und sprach von Ihnen immer von Ihnen, Cäcilie hier, Cäcilie dort, er sagte, man wolle sie von einander trennen; allein Sie seien seine Frau, und Sie würden wohl wissen, überall hinzu gelangen, wo er sei.
»Er hatte Recht, Samuel!« flüsterte Cäcilie.
»Die Nacht verging ebenso, er hatte immer brennendes Fieber, ich sprach von Ihnen, um ihn zu trösten, und ich sah, obwohl er mich nicht mehr erkannte, daß er so oft zitterte, als ich Ihren Namen nannte. Dann verlangte er Feder, Tinte und Papier; er wollte wahrscheinlich an Sie schreiben. Ich versuchte, ihm zu Gefallen, einen Bleistift ihm zu geben, aber Alles, was er zu schreiben vermochte, waren die drei ersten Buchstaben Ihres Namens. Er warf nun Bleistift und Papier weg und schrie: »Feuer! Feuer! Du hast mir Feuer gegeben.«
»Er hat also wohl sehr gelitten?« fragte Cäcilie.
»Nun, das weiß man nicht,« entgegnete Samuel; »wenn der Verstand nicht mehr da ist, dann, sagen einige, habe der Schmerz aufgehört; denn dieser bestehe nur so lange, als das Empfindungsvermögen vorhanden sei. Aber ich glaube nicht daran, auf diese Weise würden die armen Tiere, welche keinen Verstand haben, nicht leiden. Die ganze Nacht verging so. Von einer Stunde zur andern kam der Arzt, er ließ ihm zu Ader, er legte ihm Senfpflaster auf; aber alles dies, indem er den Kopf schüttelte; man sah wohl, daß er, um sich in seinem Gewissen zu rechtfertigen, zwar handle, daß er aber keine Hoffnung habe. In der Tat fing ich am Morgen des dritten Tages auch zu verzweifeln an. Das Fieber ging fort, aber das Leben mit ihm. So lange er das Fieber hatte, hatte ich die größte Mühe der Welt, um ihn am Aufstehen zu verhindern; denn er wollte zu Ihnen; als das Fieber vorbei war, hätte ich ihn mit dem kleinen Finger im Bette zurückgehalten. O, sehen Sie, Fräulein Cäcilie, das war nicht mehr er, der schwach war, und ich war nicht der, der stark war, sondern der Tod war da.«
»Mein Gott, mein Gott!« rief Cäcilie, »vergib mir!«
Samuel glaubte falsch gehört zu haben und fuhr fort:
»Die Schwäche musste sich vermehren, er hatte noch einmal zwei oder drei Anwandlungen, daß man glaubte, das Leben kehre zurück; allein es war im Gegenteil die Seele, welche dem Körper Lebewohl sagte, und um drei Uhr, weniger fünf Minuten, ich sehe ihn noch vor mir, wie ich Sie vor mir sehe, mein Fräulein, richtete er sich auf, blickte mit einem stieren Auge um sich, sprach Ihren Namen aus, fiel auf sein Kissen zurück und war tot.«
»Und, dann, dann Samuel?«
»Nun, Sie wissen, mein Fräulein, am Borde sind die Zeremonien nicht lang, besonders wenn der Tote an einer ansteckenden Krankheit gestorben ist. Ich hielt ihm einen Spiegel vor den Mund. Gute Nacht, er hatte keinen Atem mehr. Dann ging ich, um dem Kapitän zu sagen: Kapitän, es ist aus, er ist tot!«
»Mein Gott, mein Gott!« flüsterte Cäcilie zum zweiten mal,« »Nicht wahr, Du wirst mir verzeihen?«
»Nun, sagte der Kapitän zu mir: wenn er tot ist, mein Freund Samuel, dann kommst Du mit uns, um das Protokoll zu machen, und dann gehst Du wieder auf Deinen Posten.« »Verzeihung, Kapitän,« antwortete ich,« aber es ist noch nicht zu Ende; der arme Herr Heinrich, wer wird ihn denn in seine Hängematte nähen? Wenn er auch nur ein einfacher Passagier ist, so darf man ihn doch nicht in's Meer werfen, wie einen Hund.«
»Du hast recht,« erwiderte der Kapitän, »aber mache geschwind;«ich antwortete durch ein Zeichen mit dem Kopfe und machte mich an die Arbeit; denn Alles am Bord beeilte sich, von der armen Leiche sich zu entfernen. Auch die Zeremonie war nicht lange. Als ich dem Kapitän sagte, daß Herr Heinrich in das Leichentuch gehüllt sei, erwiderte er: »Hast Du ihm eine Kugel an den Fuß befestigt?« »Zwei, Kapitän, zwei,« erwiderte ich, »man soll mit seinen Freunden nicht knausern.«»Gut,« sagte der Kapitän, »man bringe die Leiche auf das Verdeck.« Ich nahm sie in meine Arme, trug sie hinauf; man legte sie auf das Brett. Der Kapitän, welcher ein Irländer und folglich katholisch ist, sprach einige Gebete, dann hob man das Brett auf, der Leichnam glitt hinab, fiel in's Meer und verschwand. Das ist nun Alles.«
»Ich danke,« sagte Cäcilie, »aber wir müssen nun dem Orte nahen, wo Du ihn in's Meer geworfen hast.«
»Meiner Treu, mein Fräulein, in fünf Minuten müssen wir dahin kommen; wenn wir den großen Palmbaum, welchen man auf der uns am nächsten liegenden Insel sieht, dem Bugspriet gerade gegenüber haben, da ist es.«
»Und von wo aus hat man seinen Körper hinabgeworfen, Samuel?«
»Vom Backbord, von hier aus können Sie den Platz nicht sehen, der große Segel verbirgt ihn vor uns; er ist zwischen der Treppe, und zwischen den Wandtauen des Besanmasts.«
»Gut,« sagte Cäcilie.
Und das junge Mädchen ging gegen den bezeichneten Ort hin, und verschwand hinter dem großen Segel.
»Arme Cäcilie,« murmelte Samuel.
»Wenn wir gerade an der Stelle sind,« sagte Cäcilie, »nicht wahr, dann wirst Du mich in Kenntnis setzen.«
»Seien Sie ohne Sorgen, mein Fräulein.«
Samuel bückte sich, so daß er unter den Segeln hindurchsehen konnte, und er sah, wie Cäcilie auf den Knien lag und betete.
Ungefähr fünf Minuten verflossen, während welcher der Pilot seine Augen auf den Palmbaum gerichtet hatte.
Endlich, als der Palmbaum sich gerade dem Bugspriet gegenüber befand, rief er:
»Hier ist es!«
»Hier bin ich, Heinrich!« antwortete eine Stimme; hierauf ließ sich das Fallen eines schweren Körpers in das Wasser vernehmen.
»Jemand im Meere?« rief der zweite Lieutenant, welcher die Wache hatte.
Samuel war mit einem Sprung vom Steuerruder an der Schanze.
Er sah etwas Weißes, welches das Kielwasser des Schiffes herumdrehte. Endlich sank diese Art schwimmenden Dunstes auf der Oberfläche des Wassers unter und verschwand.
»Darum also hat sie,« sprach Samuel, indem er den Ruderstock wieder ergriff, »darum also hat sie Gott gebeten, er möge ihr verzeihen!«
Die schöne Anna setzte ihre Reise fort, und langte nach einer weiteren Fahrt von achtzehn Tagen glücklich in Pointe-á-Pitre an.