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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 32

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XLIII.
Illusionen und Wirklichkeiten

Hätte der Portier der Gesandtschaft Beausire, wie ihm Don Manoel befahl, nachlaufen können, er würde, das müssen wir gestehen, viel zu thun gehabt haben.

Beausire hatte, als er kaum das Haus verlassen, in kurzem Galopp die Rue Coquillière und in gestrecktem Galopp die Rue Saint-Honoré erreicht.

Immer argwöhnend, man könnte ihn verfolgen, hatte er seine Spuren dadurch gekreuzt, daß er in den winkeligen, aller Richtung entbehrenden Gassen, welche unsere Getreidehalle umgeben, lavirte; nach einigen Minuten war er beinahe sicher, daß ihm Niemand hatte folgen können; er war auch noch in einem anderen Punkte sicher, darin, daß seine Kräfte erschöpft waren, und daß ein gutes Jagdpferd nicht mehr hätte thun können.

Beausire setzte sich auf einen Getreidesack in der Rue de Biarmes, die sich um die Halle dreht, und stellte sich, als betrachte er mit der größten Aufmerksamkeit die Säule von Medicis, welche Bachaumont gekauft hatte, um sie dem Hammer der Zerstörer zu entziehen und dem Stadthause ein Geschenk damit zu machen.

Es ist gewiß, daß Herr von Beausire weder die Säule von Philibert Delorme, noch die Sonnenuhr, womit Herr von Bingré sie geschmückt, betrachtete. Er zog mühsam aus der Tiefe seiner Lunge einen scharfen, heiseren Athem, ähnlich dem Schnaufen einer ermüdeten Schmiede.

Mehrere Augenblicke gelang es ihm nicht, die Masse des Athems vollständig zu machen, die er aus seiner Luftröhre herausarbeiten mußte, um das Gleichgewicht in seinen Athmungswerkzeugen wieder herzustellen.

Endlich gelang es ihm, und dieß geschah mit einem Seufzer, den die Bewohner der Rue de Biarmes gehört hätten, wären sie nicht mit dem Verkauf oder mit dem Abwägen ihres Getreides beschäftigt gewesen.

»Ah!« dachte Beausire, »also ist mein Traum verwirklicht, ich habe ein Vermögen.«

Und er athmete abermals.

»Ich kann also ein vollkommen ehrlicher Mann sein; mir scheint, daß ich schon fetter werde.«

Und wahrhaftig, wenn er nicht fetter wurde, so schwoll er doch an.

»Ich will,« fuhr er in seinem stillschweigenden Monolog fort, »ich will aus Oliva eine eben so ehrliche Frau machen, als ich ein ehrlicher Mann sein werde. Sie ist schön, sie ist naiv in ihren Neigungen.«

Der Unglückliche!

»Sie wird ein zurückgezogenes Leben in der Provinz nicht hassen; ein Leben in einer Meierei, die wir unser Gut nennen unfern von einem Städtchen, wo man uns leicht für vornehme Leute halten wird.

»Nicole ist gut; sie hat nur zwei Fehler: die Trägheit und die Hoffart.«

Nicht mehr! Armer Beausire, zwei Todsünden!

»Und mit diesen Fehlern, die ich befriedigen werde, ich der zweideutige Beausire, werde ich mir eine vollkommene Frau gemacht haben.«

Er ging nicht weiter, der Athem war ihm wiedergekehrt.

Er wischte seine Stirne ab, versicherte sich, daß er die hunderttausend Livres noch in seiner Tasche hatte, und wollte, freier an Geist, als an Körper, nachdenken.

Man würde ihn nicht in der Rue de Biarmes suchen, doch man würde ihn suchen. Die Herren von der Gesandtschaft waren nicht die Leute, die gutwillig ihren Antheil an der Beute verloren gaben.

Man würde sich in mehrere Banden theilen und mit einer Haussuchung bei dem Dieb anfangen.

Hierin lag die ganze Schwierigkeit. In diesem Haus wohnte Oliva. Man würde sie von der Sache in Kenntniß setzen, vielleicht mißhandeln; wer weiß, man würde es vielleicht so weit treiben, daß man sie als Geißel nahm.

Warum sollten diese Schufte nicht wissen, daß Oliva die Leidenschaft des Herrn von Beausire war, und wenn sie es wußten, warum sollten sie nicht auf diese Leidenschaft speculiren?

Am Rande dieser zwei tödtlichen Gefahren wäre Beausire beinahe ein Narr geworden.

Die Liebe trug den Sieg davon.

Niemand sollte den Gegenstand seiner Liebe berühren. Er lief wie ein Pfeil nach dem Hause der Rue Dauphine.

Uebrigens hatte er ein unbegrenztes Vertrauen zu der Schnelligkeit seines Laufes; seine Feinde, so behend sie auch waren, konnten ihm nicht zuvorgekommen sein.

Er warf sich indessen in einen Fiaker; dem Kutscher zeigte er einen Sechs-Livres-Thaler, und sagte:

»Nach dem Pont-Neuf!«

Die Pferde liefen nicht, sie flogen.

Der Abend kam.

Beausire ließ sich hinter die Statue Heinrichs IV. führen. Es war dieß ein trivialer Ort zu einem Stelldichein, aber er wurde viel benützt.

Hier streckte er seinen Kopf behutsam zu dem Kutschenschlag hinaus und tauchte mit seinen Blicken in die Rue Dauphine.

Beausire war nicht ganz unbekannt mit den Leuten der Policei; er hatte zehn Jahre damit zugebracht, sie kennen zu lernen, um ihnen geeigneten Ortes und zur geeigneten Zeit auszuweichen.

Er bemerkte auf dem Abhang der Brücke, auf der Seite der Rue Dauphine, zwei in einiger Entfernung von einander stehende Männer, welche ihre Halse gegen diese Straße vorstreckten, um darin irgend ein Schauspiel zu betrachten.

Diese Männer waren Spione. Spione auf dem Pont-Neuf waren nichts Seltenes, denn ein Sprüchwort jener Epoche sagt, um zu jeder Zeit einen Prälaten, ein Freudenmädchen und ein weißes Roß zu sehen, könne man nichts Besseres thun, als über den Pont-Neuf gehen.

Die weißen Rosse aber und die Prälatenkleider und die Freudenmädchen sind stets Beobachtungspunkte für die Leute von der Policei gewesen.

Beausire war nur ärgerlich, nur beengt; er machte sich ganz buckelig, ganz hinkend, um seinen Gang zu verdecken, durchschnitt die Menge und erreichte die Rue Dauphine.

Keine Spur von dem, was er für sich befürchtete. Er erblickte schon das Haus, an dessen Fenstern sich die schöne Oliva, sein Gestirn, häufig zeigte.

Die Fenster waren ohne Zweifel geschlossen, sie ruhte auf dem Sopha, oder las irgend ein schlechtes Buch, oder knusperte an einer Leckerei.

Plötzlich glaubte Beausire den Oberrock eines Soldaten von der Scharwache im Gang gegenüber zu sehen.

Mehr noch, er sah einen am Fenster des kleinen Wohnzimmers erscheinen.

Der Schweiß erfaßte ihn wieder: ein kalter Schweiß; dieser ist ungesund. Ein Zurückweichen war unmöglich; man mußte am Hause vorübergehen.

Beausire hatte diesen Muth; er ging vorüber und betrachtete dieses Haus.

Welch ein Schauspiel!

Ein Gang vollgepfropft mit Fußgängern der Garde von Paris, unter denen man einen ganz schwarz angekleideten Commissär des Chatelet erblickte.

Diese Leute … der rasche Blick Beausire's sah sie unruhig, verblüfft, aufgebracht. Man hat sie oder man hat sie nicht, die Gewohnheit, in den Gesichtern der Policei zu lesen; hat man sie, wie Beausire, so braucht man keinen doppelten Anlauf zu nehmen, um zu errathen, daß diese Herren ihren Streich verfehlt haben.

Beausire sagte sich, ohne Zweifel, gleichviel wie oder von wem unterrichtet, habe Herr von Crosne Beausire verhaften lassen wollen, habe aber nur Oliva gefunden. Inde irae. Daher der Aerger. Hätte sich Beausire unter gewöhnlichen Umständen befunden, hätte er nicht hunderttausend Livres in seiner Tasche gehabt, so würde er sich sicherlich mitten unter die Alguazils geworfen und wie Nisus gerufen haben: Hier bin ich! hier bin ich! Ich bin es, der Alles gethan hat!

Doch der Gedanke, diese Leute würden seine hunderttausend Livres betasten und sich ihr ganzes Leben lang damit lustig machen; der Gedanke, sein so kühn und fein ausgeführter Handstreich würde nur den Agenten des Policei-Lieutenants Nutzen bringen, siegte über alle Bedenklichkeiten und erstickte jeden Liebeskummer.

»Logik …« sagte er zu sich selbst, »mache ich, daß man mich festnimmt, mache ich, daß man die hunderttausend Livres nimmt, so nütze ich Oliva nichts … Ich richte mich zu Grunde. Ich beweise ihr, daß ich sie liebe wie ein Wahnsinniger … Doch ich verdiente, daß sie zu mir sagt: Du hättest mich weniger lieben und mich retten sollen.

»Wir wollen lieber tüchtig ausgreifen und das Geld in Sicherheit bringen, denn das ist die Quelle von Allem: die Quelle der Freiheit, des Glücks, der Philosophie.«

Nach diesen Worten drückte Beausire die Cassenbillets an sein Herz und fing wieder an nach dem Luxembourg zu laufen. Denn seit einer Stunde ging er nur noch durch den Instinct, und da er Oliva hundertmal im Garten des Luxembourg aufgesucht hatte, so ließ er sich von seinen Beinen dahin tragen.

Für einen Menschen, der so sehr für die Logik eingenommen ist, war dieß ein armseliges Raisonnement.

Die Häscher, welche die Gewohnheiten der Diebe so gut kennen, als Beausire die Gewohnheiten der Häscher kannte, hätten natürlich Beausire im Luxembourg aufgesucht.

Doch der Himmel oder der Teufel hatte beschlossen, Herr von Crosne sollte dießmal nichts mit Beausire zu thun haben.

Kaum wandte sich der Liebhaber Nicole's um die Ecke der Rue Saint-Germain-des-Prés, als er durch einen schönen Wagen, dessen Pferde stolz nach der Rue Dauphine liefen, beinahe niedergeworfen worden wäre. Beausire hatte nur Zeit, mit der den übrigen Europäern unbekannten Pariser Leichtigkeit der Deichsel auszuweichen; allerdings wich er dem Fluche und dem Peitschenhiebe des Kutschers nicht aus; doch ein Eigentümer von hunderttausend Livres verweilt nicht bei den Erbärmlichkeiten eines solchen Ehrenpunktes, besonders wenn er die Compagnien der Etoile und die Garden von Paris auf seinen Fersen hat.

Beausire warf sich also auf die Seite; doch indem er sich bog, sah er in diesem Wagen Oliva und einen sehr schönen Mann, welche eifrig mit einander sprachen. Er stieß einen schwachen Schrei aus, der die Pferde nur noch mehr belebte. Wohl wäre er dem Wagen gefolgt, aber dieser Wagen fuhr in die Rue Dauphine, die einzige Straße von Paris, durch welche Beausire in diesem Augenblick nicht gehen wollte.

Und dann, welche Erscheinung war Oliva, die in dem Wagen saß, – Gespenster, Visionen, Albernheiten, das hieß nicht trübe, sondern doppelt sehen, es hieß Oliva sehen, obschon . ..

Wie sollte sich denn das zusammenräumen? Oliva konnte unmöglich in dem Wagen sitzen, da die Häscher in der Rue Dauphine sie verhafteten.

Moralisch und physisch gehetzt, warf sich der arme Beausire in die Rue des Fossés-Monsieur-le-Prince, erreichte das Luxembourg, durcheilte das schon verödete Quartier und kam vor die Barrière, wo er sich in ein kleines Cabinet flüchtete, dessen Wirthin jede Rücksicht für ihn hatte.

Er quartirte sich in dieser Schenke ein, verbarg seine Billets unter einer Fließe des Zimmers, stellte auf diese Fließe den Fuß seines Bettes und legte sich nieder, wobei er schwitzte und fluchte, aber seine Blasphemien mit Danksagungen gegen Mercur, seine fieberhaften Uebelkeiten mit einem Aufguß von Wein, der mit Zimmet und Zucker gewürzt, vermischte, ein Getränke, das ganz geeignet war, die Transspiration bei der Haut und das Vertrauen im Herzen wiederzubeleben.

Er war fest überzeugt, die Policei würde ihn nicht finden. Er war fest überzeugt, Niemand würde ihn seines Geldes berauben. Er war fest überzeugt, Nicole könne, falls sie verhaftet würde, keines Verbrechens schuldig sein, und die Zeit der ewigen Einsperrungen ohne allen Rechtsgrund sei vorüber.

Er war endlich fest überzeugt, die hunderttausend Livres würden ihm, sollte man Oliva, seine unzertrennliche Gefährtin, zurückbehalten wollen, dazu dienen, sie dem Gefängniß zu entreißen.

Es blieben die Gefährten von der Gesandtschaft; mit ihnen war die Rechnung schwieriger abzumachen.

Doch Beausire hatte die Chicanen vorhergesehen; er ließ sie alle in Frankreich und reiste nach der Schweiz, einem freien und moralischen Lande, sobald Oliva frei war.

Viel von dem, was Beausire, während er seinen Glühwein trank, ausdachte, erfolgte nicht nach seiner Vorhersehung: das stand geschrieben.

Der Mensch hat beinahe immer das Unrecht, sich einzubilden, er sehe die Dinge, wenn er sie nicht sieht. Er hat noch viel mehr Unrecht, sich einzubilden, er habe sie nicht gesehen, wenn er sie wirklich gesehen hat.

XLIV.
Worin Mademoiselle Oliva sich zu fragen anfängt, was man mit ihr wolle

Hätte Herr Beausire auf seine Augen vertrauen wollen, welche vortrefflich waren, statt seinen Geist arbeiten zu lassen, den damals Alles verblendete, so würde er sich vielen Verdruß und viele Täuschungen erspart haben. Es war in der That Mademoiselle Oliva, die er in dem Wagen an der Seite eines Mannes gesehen, den er nicht erkannt, weil er ihn nur einmal angeschaut hatte, und den er erkannt haben würde, hätte er ihn zweimal angeschaut: Oliva, die am Morgen wie gewöhnlich ihren Spaziergang im Garten des Luxembourg gemacht hatte und, statt um zwei Uhr zum Mittagessen nach Hause zu gehen, von dem seltsamen Freund, den sie am Tage des Opernballs kennen gelernt, getroffen, angeredet und befragt worden war.

In der That, in dem Augenblick, wo sie ihren Sessel bezahlte, um zurückzukehren, und dem Cafetier zulächelte, dessen beständige Kundin sie war, kam Cagliostro aus einer Allee hervor, lief auf sie zu und nahm sie beim Arm.

Sie stieß einen schwachen Schrei aus.

»Wohin gehen Sie?« sagte er.

»Nach unserer Wohnung in der Rue Dauphine.«

»Das entspricht ganz und gar den Wünschen der Leute, die Sie dort erwarten,« erwiderte der unbekannte Herr.

»Leute … die mich erwarten? wie so? Niemand erwartet mich.«

»Oh! doch, ungefähr ein Dutzend Besuche.«

»Ein Dutzend Besuche!« versetzte Oliva lachend; »warum nicht sogleich ein ganzes Regiment?«

»Meiner Treue! wäre es möglich gewesen, ein Regiment in die Rue Dauphine zu schicken, so befände es sich dort.«

»Sie setzen mich in Erstaunen.«

»Ich werde Sie noch viel mehr in Erstaunen setzen, wenn ich Sie in die Rue Dauphine gehen lasse.«

»Warum?«

»Weil man Sie dort verhaften wird, meine Liebe.«

»Verhaften, mich!«

»Sicherlich! die zwölf Herren, die Sie erwarten, sind von Herrn von Crosne abgeschickte Häscher.«

Oliva bebte: gewisse Leute haben immer Angst vor gewissen Dingen. Nichtsdestoweniger richtete sie sich nach einer etwas gründlicheren Gewissensinspection hoch auf und erwiderte:

»Ich habe nichts gethan. Warum sollte man mich verhaften?«

»Warum verhaftet man eine Frau? Wegen Intriguen, wegen Lappereien.«

»Ich habe keine Intriguen.«

»Sie haben vielleicht viele gehabt.«

»Oh! ich leugne das nicht.«

»Kurz, man hat ohne Zweifel Unrecht, Sie zu verhaften, doch man sucht dieß zu thun, das ist gewiß. Gehen wir immer noch nach der Rue Dauphine?«

Oliva blieb bleich und beklommen stehen.

»Sie spielen mit mir, wie eine Katze mit einer armen Maus,« sprach sie. »Wissen Sie etwas, so sagen sie es mir. Nicht wahr, man will an Beausire?«

Und sie heftete auf Cagliostro einen flehenden Blick.

»Vielleicht wohl. Ich habe halb und halb den Verdacht, daß sein Gewissen minder rein ist, als das Ihrige.«

»Armer Junge! …«

»Beklagen Sie ihn, doch wenn er festgenommen wird, ahmen Sie sein Beispiel nicht dadurch nach, daß Sie sich ebenfalls festnehmen lassen.«

»Welches Interesse haben Sie denn, mich zu beschützen? welches Interesse haben Sie dabei, daß Sie sich mit mir beschäftigen? Hören Sie!« rief sie kühn, »es ist nicht natürlich, daß ein Mann wie Sie …«

»Vollenden Sie nicht, Sie würden eine Albernheit sagen und die Augenblicke sind kostbar, weil die Agenten Crosne's, wenn sie Sie nicht zurückkehren sehen, im Stande wären, Sie hier aufzusuchen.«

»Hier! man weiß, daß ich hier bin!«

»Eine schöne Aufgabe, das zu wissen, ich weiß es wohl. Ich fahre fort. Da ich mich für Ihre Person interessire und Ihnen wohl will, so geht Sie das Uebrige nichts an. Geschwind, eilen wir nach der Rue d'Enfer, mein Wagen erwartet Sie dort. Ah! Sie zweifeln noch?«

»Ja.«

»Wohl! wir sind im Begriff, etwas sehr Unvorsichtiges zu thun. was Sie aber hoffentlich ein- für allemal überzeugen wird. Wir fahren in meinem Wagen an Ihrem Hause vorüber, und haben Sie diese Herren von der Policei fern genug gesehen, um nicht festgenommen zu werden, und nahe genug, um ihre Stimmung zu beurtheilen, dann werden Sie meine guten Absichten nach ihrem wahren Werth schätzen.«

Wahrend er so sprach, führte er Oliva bis zum Gitter der Rue d'Enfer.

Der Wagen kam herbei, nahm das Paar auf und führte Cagliostro und Oliva in die Rue Dauphine zu der Stelle, wo Beausire Beide erblickt hatte.

Hätte er in diesem Augenblicke geschrieen, wäre er dem Wagen nachgelaufen, so würde Oliva sicherlich Alles gethan haben, um sich ihm zu nähern, um ihn, wenn er verfolgt wurde, zu retten, oder, wenn er frei war, mit ihm zu entfliehen.

Cagliostro sah aber diesen Unglücklichen und lenkte die Aufmerksamkeit Oliva's dadurch ab, daß er ihr die Menge zeigte, welche sich schon aus Neugierde um die Scharwache versammelte.

Sobald Oliva die Policeisoldaten erkannt hatte, sobald sie gesehen, daß ihr Haus belagert war, warf sie sich in die Arme ihres Beschützers, was jeden andern Menschen, als diesen Eisenmann gerührt hätte.

Er beschränkte sich darauf, daß er der jungen Frau die Hand drückte und sie selbst durch das Herablassen des Vorhangs verbarg.

»Retten Sie mich! retten Sie mich!« wiederholte mittlerweile das arme Mädchen.

»Ich verspreche es Ihnen,« erwiderte er.

»Doch da Sie sagen, diese Menschen von der Policei wissen Alles, so werden sie mich immer finden.«

»Nein, nein! an dem Orte, wo Sie sein werden, entdeckt Sie Niemand, denn wenn man Sie auch in Ihrem Hause festnehmen will, so wird man Sie doch nicht bei mir festnehmen.«

»Oh!« rief sie mit einem Schrecken, »bei Ihnen … wir gehen also zu Ihnen?«

»Sie sind verrückt,« erwiderte er, »man sollte glauben, Sie erinnern sich dessen nicht mehr, was wir verabredet haben. Ich bin nicht Ihr Liebhaber, meine Schöne, und will es nicht sein.«

»So bieten Sie mir also das Gefängniß an?«

»Ziehen Sie das Hospital vor, so sind Sie frei.«

»Wohl denn!« sprach sie voll Bangigkeit, »ich überlasse mich Ihnen; machen Sie aus mir, was Sie wollen.«

Er führte sie nach der Rue Neuve-Saint-Gilles in das Haus, wo wir ihn Philipp von Taverney empfangen sahen.

Als er sie fern vom Gesinde und von jeder Überwachung in einer kleinen Wohnung im zweiten Stock einquartirt hatte, sagte er:

»Es ist mir daran gelegen, daß Sie hier glücklich sein mögen.«

»Glücklich! Wie so?« versetzte sie tief betrübt. »Glücklich, ohne Freiheit, ohne Spaziergang! Es ist traurig hier. Nicht einmal ein Garten. Ich werde darüber sterben.«

Und sie warf einen irren, verzweifelten Blick auf das Aeußere.

»Sie haben Recht,« sagte er, »es ist mein Wille, daß es Ihnen an nichts fehle. Sie wären hier schlimm, und überdieß würden meine Leute Sie hier sehen und beengen.«

»Oder gar verkaufen,« fügte sie bei.

»Was das betrifft, seien Sie unbesorgt, meine Leute verkaufen nur, was ich ihnen abkaufe, mein liebes Kind. Damit Sie aber jede wünschenswerthe Ruhe haben, werde ich darauf bedacht sein, Ihnen eine andere Wohnung zu verschaffen.«

Oliva zeigte sich ein wenig getröstet durch diese Versprechungen. Uebrigens gefiel ihr der Aufenthalt in ihrer neuen Wohnung. Sie fand hier Behaglichkeit und unterhaltende Bücher. Als ihr Beschützer sie verließ, sagte er zu ihr:

»Ich will Ihnen den Brodkorb nicht hoch hängen, mein liebes Kind. Wollen Sie mich sehen, so läuten Sie mir, ich komme auf der Stelle, wenn ich mich zu Hause befinde, und sogleich nach meiner Rückkehr, wenn ich ausgegangen sein sollte.«

Er küßte ihr die Hand und verließ sie.

»Ah!« rief Oliva, »lassen Sie mir besonders Nachricht von Beausire zukommen.«

»Vor Allem,« erwiderte der Graf.

Und er schloß sie in ihr Zimmer ein.

Dann, als er träumerisch die Treppe hinabstieg, sagte er:

»Es ist eine Entheiligung, wenn ich sie in dem Hause der Rue Saint-Claude einquartiere. Doch Niemand darf sie sehen, und in diesem Hause wird Niemand sie sehen. Muß es dagegen sein, daß sie eine einzige Person erblickt, so wird sie diese Person nur in dem Hause der Rue Saint-Claude allein erblicken. Wohl denn, auch noch dieses Opfer. Löschen wir diesen letzten Funken der Fackel aus, die einst brannte.«

Der Graf nahm einen weiten Oberrock, suchte Schlüssel in seinem Secretär, wählte mehrere davon, die er mit gerührter Miene anschaute, verließ allein und zu Fuß sein Hotel und ging die Rue Saint-Louis im Marais hinauf.

XLV.
Das öde Haus

Herr von Cagliostro kam allein nach dem alten Hause der Rue Saint-Claude, das unsere Leser nicht ganz vergessen haben können. Es wurde Nacht, als er vor der Thüre stehen blieb, und man erblickte nur noch einige seltene Wanderer auf der Chaussee des Boulevard.


Der in der Rue Saint-Louis erschallende Tritt eines Pferdes, ein Fenster, das unter dem Geräusch alter Schlösser geschlossen wurde, das Knarren der Querbäume und der Riegel am massigen Thorweg nach der Rückkehr des Herrn vom anstoßenden Hause, dieß waren die einzigen Bewegungen dieses Quartiers zu der Stunde, von der wir sprechen.

Ein Hund bellte oder heulte vielmehr in dem kleinen Gehäge des Klosters, und ein lauer Windstoß rollte bis in die Rue Saint-Claude, als es die schwermüthigen drei Viertel in Saint-Paul schlug.

Es war drei Viertel auf neun Uhr.

Der Graf kam, wie gesagt, vor den Thorweg, zog unter seinem Oberrock einen schweren Schlüssel hervor und zermalmte, um ihn in das Schloß zu bringen, eine Menge von Trümmern, die sich, vom Winde fortgetrieben, darein geflüchtet hatten.

Das dürre Stroh, von dem sich ein Hälmchen in den bogenförmigen Eingang des Schlosses geschoben hatte, das kleine Samenkorn, das nach Süden lief, um eine Mauernelke oder eine Malve zu werden, und sich eines Tages in diesem finstern Behälter eingeschlossen befand, der von einem nahen Gebäude abgesprungene Steinsplitter, die seit zehn Jahren in diesem eisernen Hospital einkasernirten Fliegen, deren Leichname am Ende die Tiefe ausgefüllt hatten, dieß Alles krachte und zermahlte sich unter dem Drucke des Schlüssels in Staub.

Sobald der Schlüssel seine Bewegungen vollendet hatte, handelte es sich nur noch darum, die Thüre zu öffnen.

Aber die Zeit hatte ihr Werk gethan. Das Holz war in den Fugen aufgeschwollen, der Rost hatte in die Angeln eingebissen. Das Gras war in den Zwischenräumen des Pflasters gewachsen und bildete durch seine feuchten Ausströmungen einen grünen Ueberzug an dem untern Theile des Thores; eine Art von Kitt, dem der Schwalbennester ähnlich, verstopfte jeden Zwischenraum, und die kräftige Vegetation der steinartigen Schwammkorallen, die ihre Arcaden über einander legten, hatte das Holz unter dem lebendigen Fleisch ihrer Samenlappen verborgen.

Cagliostro fühlte den Widerstand; er drückte die Faust, dann die Ellenbogen, dann die Schulter darauf und überwältigte alle diese Barricaden, welche eine nach der andern mit übellaunigem Gekrach nachgaben.

Als diese Thüre sich öffnete, erschien der ganze Hof verödet, moosbewachsen, vor Cagliostro's Augen.

Er schloß die Thüre wieder, und seine Tritte drückten sich in das widerspänstige dürre Queckengras ein, das sich auch des Pflasters bemächtigt hatte.

Niemand hatte ihn eintreten sehen, Niemand sah ihn in der Umfriedung dieser ungeheuren Mauer. Er konnte einen Augenblick stille stehen und allmälig in sein vergangenes Leben zurückkehren, wie er in sein Haus zurückgekehrt war.

Das eine war trostlos und leer, das andere in Trümmern und verödet.

Die Freitreppe von zwölf Staffeln hatte nicht mehr drei ganze Stufen.

Durch die Arbeit des Regenwassers unterwühlt, durch das gewaltsame Spiel des Mauerkrauts und des Mohns untergraben und gelockert, hatten die andern Anfangs gewankt und waren endlich fern von ihren Haltpunkten weggerollt. Beim Fallen waren die Steine zerbrochen, das Gras hatte sich auf die Trümmer emporgearbeitet und stolz, wie die Standarten der Verwüstung, seine Federbüsche über denselben aufgepflanzt.

Cagliostro stieg die unter seinen Füßen zitternde Freitreppe hinauf und gelangte mit Hilfe eines zweiten Schlüssels in das ungeheure Vorzimmer.

Hier erst zündete er eine Laterne an, die er vorsichtiger Weise mitgenommen hatte; doch so behutsam er auch das Licht angesteckt, der unheimliche Hauch des Hauses löschte es plötzlich wieder aus.

Der Athem des Todes reagirte gewaltsam gegen das Leben; die Finsterniß tödtete das Licht. Cagliostro zündete seine Laterne noch einmal an und ging weiter.

Im Speisesaal hatten die in ihren Ecken verschimmelten Anrichttische ihre ursprüngliche Form verloren, die klebrigen Platten davon hielten nicht mehr am Fuße fest. Alle inneren Thüren waren geöffnet und ließen den Geist frei mit dem Blick in die finsteren Tiefen eindringen, wo sie schon den Tod durchgelassen hatten.

Der Graf fühlte, wie ein Schauer sein Fleisch beben machte, denn am Ende des Saales, da, wo einst die Treppe anfing, hatte sich ein Geräusch hörbar gemacht.

Dieses Geräusch verkündigte einst eine theure Gegenwart, dieses Geräusch erweckte in allen Sinnen des Herrn dieses Hauses das Leben, die Hoffnung, das Glück. Dieses Geräusch, das in der gegenwärtigen Stunde nichts darstellte, erinnerte an Alles in der Vergangenheit.

Die Stirne gefaltet, langsam athmend, die Hand kalt, wandte sich Cagliostro nach der Statue des Harpokrates, bei der die Feder der ehemaligen Verbindungsthüre spielte, ein geheimnißvoller, ungreifbarer Ort, der das bekannte Haus mit dem geheimen verband.

Die Feder arbeitete ohne Mühe, obschon das wurmstichige Täfelwerk in der Umgegend zitterte. Doch kaum hatte der Graf den Fuß auf die Geheimtreppe gesetzt, als sich dasselbe Geräusch abermals hörbar machte. Cagliostro streckte seine Hand mit der Laterne aus, um die Ursache davon zu entdecken: er sah nur eine große Natter, welche langsam die Treppe herabkam und mit ihrem Schwanz jede Stufe peitschte.

Die Natter heftete ruhig ihr schwarzes Auge auf Cagliostro, schlüpfte dann in das erste Loch des Täfelwerks und verschwand.

Ohne Zweifel war dieß der Geist der Einsamkeit.

Der Graf setzte seinen Gang fort.

Ueberall bei diesem Aufsteigen verfolgte ihn eine Erinnerung oder, besser gesagt, ein Schatten, und wenn das Licht an den Wänden eine bewegliche Silhouette zeichnete, bebte der Graf, denn er dachte, sein eigener Schatten sei ein fremder Schatten, der erweckt worden, um auch diesem geheimnißvollen Ort einen Besuch zu machen.

So weiter schreitend gelangte er bis zu der Platte jenes Kamins, das als Durchgang zwischen dem Waffenzimmer Balsamo's und dem wohlriechenden Cabinet von Lorenza Feliciani gedient hatte.

Die Mauern waren kahl, die Zimmer leer. In dem gähnenden Herd lag noch ein ungeheurer Haufen von Asche, worunter einige kleine Gold- und Silberstangen funkelten.

Diese feine, weiße und duftende Asche war das Zimmergeräthe Lorenza's, das Balsamo bis auf das kleinste Theilchen verbrannt hatte; es waren die Armoires von Schildplatt, das Clavier und das Körbchen von Rosenholz, die schönen Porzellane von Sèvres, deren Staub man glimmerartig, dem Staube des Marmors ähnlich, wiederfand; es waren die beim großen hermetischen Feuer geschmolzenen Gesimse und Ornamente; es waren die Vorhänge und Teppiche von Seidenbrocat; es waren die Schachteln von Aloe und Sandelholz, deren durchdringender, zur Zeit des Brandes durch die Kamine ausströmender Duft die ganze Zone von Paris, über welche der Rauch hingegangen war, mit Wohlgerüchen geschwängert hatte, so daß zwei Tage lang die Vorübergehenden ihre Köpfe in die Höhe hoben, um diese seltsamen, mit der Pariser Luft vermischten Arome einzuathmen, so daß der Ladendiener vom Quartier der Hallen und die Kammerjungfer vom Quartier Saint-Honoré sich berauscht hatten in diesen heftigen, entflammten Aromen, die der Wind den Abhängen des Libanon und den Ebenen Syriens entführt.

Diese Wohlgerüche, sagen wir, bewahrte das öde, kalte Zimmer immer noch. Cagliostro bückte sich, nahm ein Pfötchen voll Asche und roch lange mit wilder Leidenschaft daran.

»Könnte ich so,« murmelte er, »einen Rest von dieser Seele verschlingen, die sich einst diesem Staube mittheilte!«

Dann sah er die eisernen Gitter wieder und die Traurigkeit des benachbarten Hofes, und durch die Treppe die hohen Risse, welche der Brand an diesem inneren Hause gemacht, dessen oberes Stockwerk er vernichtet hatte.

Ein trauriges und schönes Schauspiel, das Zimmer von Althotas war verschwunden; es blieben nur noch von den Mauern sieben bis acht Auszackungen, auf denen das Feuer seine verzehrenden und schwärzenden Jungen hatte umherlaufen lassen.

Für Jeden, der die schmerzliche Geschichte Balsamo's und Lorenza's nicht gekannt hätte, wäre es unmöglich gewesen, diese Ruine nicht zu beweinen.

Alles in diesem Hause athmete die gesunkene Größe, den erloschenen Glanz, das verlorene Glück.

Cagliostro erfüllte sich mit diesen Erinnerungen und Träumen. Der Mann stieg von den Höhen seiner Philosophie herab, um sich neu zu beleben in dem Bischen zarter Menschlichkeit, das man die Gefühle des Herzens nennt, welche kein Raisonnement sind.

Nachdem er die holden Phantome der Einsamkeit heraufbeschworen und mit dem Himmel abgerechnet hatte, glaubte er mit der menschlichen Schwäche quitt zu sein, als seine Augen auf einen unter all diesem Unstern und all diesem Elend noch glänzenden Gegenstand fielen.

Er bückte sich und sah in der Fuge des Bodens, halb unter dem Staub begraben, einen kleinen silbernen Pfeil, der kürzlich erst den Haaren einer Frau entfallen zu sein schien.

Es war eine jener italienischen Nadeln, wie die Damen jener Zeit sie gerne wählten, um die gekräuselten Locken ihres Haares zu halten, das zu schwer wurde, wenn es gepudert war.

Der Philosoph, der Gelehrte, der Prophet, der Verächter der Menschheit, derjenige, nach dessen Willen der Himmel mit ihm abrechnen sollte, dieser Mann, der so viele Schmerzen bei sich zurückgedrängt und so viele Blutstropfen den Herzen Anderer entzogen hatte, Cagliostro, der Atheist, der Charlatan, der skeptische Spötter hob diese Nadel auf, hielt sie an seine Lippen, ließ, sicher, daß man ihn nicht sehen konnte, eine Thräne bis zu seinen Augen aufsteigen und murmelte: »Lorenza!«

Und dieß war Alles. Es war ein Dämon in diesem Menschen.

Er suchte den Kampf und unterhielt ihn zu seinem eigenen Glücke in sich selbst.

Nachdem er glühend diese heilige Reliquie geküßt, öffnete er das Fenster, streckte seinen Arm durch das Gitter und schleuderte dieses zerbrechliche Stück Metall in das Gehäge des nahen Klosters, in Aeste, in die Luft, in den Staub, man weiß nicht wohin.

So bestrafte er sich dafür, daß er von seinem Herzen Gebrauch gemacht.

»Fahre wohl!« sagte er zu dem unempfindlichen Gegenstand, der sich vielleicht für immer verlor. »Fahre wohl, Erinnerung, die mir geschickt worden war, um mich zu erweichen, zu verkleinern, ohne Zweifel. Ich werde fortan nur noch an die Erde denken.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
1015 s. 9 illüstrasyon
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