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Kitabı oku: «Das Halsband der Königin Denkwürdigkeiten eines Arztes 2», sayfa 34
Sie zögerte wieder.
»Und eine Freundin, die mich errathen hat,« fügte sie dann bei, indem sie Jeanne ihre Hand bot, auf welche sich die Gräfin stürzte.
Dann, als sie wegzugehen im Begriff war, sagte sie, nachdem sie abermals gezögert, ganz leise, als hätte sie Furcht vor dem, was sie sprach:
»Sie werden Herrn von Rohan davon unterrichten, daß er in Versailles willkommen ist, und daß ich ihm meinen Dank abzustatten habe.«
Jeanne eilte aus dem Zimmer, nicht trunken, sondern wahnsinnig von Freude und befriedigtem Stolz.
Sie preßte ihre Cassenbillette zusammen, wie ein Geier seinen Raub.
XLVIII.
Das Portefeuille der Königin
Dieses wirkliche oder eingebildete Vermögen, das Jeanne von Valois mit sich forttrug. Niemand fühlte die Wichtigkeit desselben so sehr, als die Pferde, welche sie von Versailles wegführten.
Wenn je Pferde, die angetrieben wurden, einen Preis zu gewinnen, auf der Rennbahn flogen, so waren es diese zwei armen Rosse eines Miethwagens.
Von der Gräfin angestachelt, machte der Kutscher sie glauben, sie seien die leichten Vierfüßler der Landschaft Elis. und es seien zwei Talente Gold für den Herrn und eine dreifache Ration geschälte Gerste für sie zu gewinnen.
Der Cardinal war noch nicht ausgefahren, als Frau von La Mothe mitten in seinem Hotel und mitten unter seinen Leuten bei ihm ankam.
Sie ließ sich ceremoniöser melden, als sie dieß bei der Königin gethan hatte.
»Sie kommen von Versailles?« sagte er.
»Ja, Monseigneur.«
Er schaute sie an, sie war unerforschlich.
Sie sah seinen Schauer, seine Traurigkeit, sein Mißbehagen, und hatte mit nichts Mitleid.
»Nun?« fragte er.
»Nun! lassen Sie hören, Monseigneur, was wünschen Sie? Sprechen Sie ein wenig, damit ich mir nicht zu viel Vorwürfe mache.«
»Ah! Gräfin, Sie sagen mir das mit einer Miene …«
»Nicht wahr, mit einer betrübenden?«
»Mit einer tödtenden.«
»Sie wollten, ich solle die Königin sehen?«
»Ja.«
»Ich habe sie gesehen. Sie sollte mich von Ihnen sprechen lassen, sie, die wiederholt ihre Abneigung gegen Sie und ihre Unzufriedenheit, wenn sie Ihren Namen aussprechen hörte, bezeigt hatte?«
»Ich sehe, daß ich, wenn ich diesen Wunsch gehabt habe, auf die Erfüllung desselben verzichten muß.«
»Nein, die Königin hat mit mir von Ihnen gesprochen.«
»Oder vielmehr, Sie sind so gut gewesen, mit ihr von mir zu sprechen?«
»Es ist wahr.«
»Und Ihre Majestät … hat zugehört?«
»Das verdient eine Erläuterung.«
»Sagen Sie mir kein Wort mehr, Gräfin, ich sehe, welchen Widerwillen Ihre Majestät gehabt hat …«
»Nicht zu sehr … Ich habe es gewagt, vom Halsband zu sprechen.«
»Sie wagten es, zu sagen, ich habe daran gedacht …«
»Es für sie zu kaufen, ja.«
»Oh! Gräfin, das ist herrlich: und sie hat zugehört?«
»Ja.«
»Sie haben ihr gesagt, ich biete ihr die Diamanten an?«
»Sie hat es geradezu ausgeschlagen.«
»Ich bin verloren.«
»Ausgeschlagen, das Geschenk anzunehmen, ja; das Darlehen …«
»Das Darlehen! … Sie hatten dem Anerbieten eine so zarte Wendung gegeben?«
»So zart, daß sie es angenommen hat.«
»Ich leihe der Königin, ich! … Gräfin, ist das möglich?«
»Das ist mehr, als wenn Sie schenkten, nicht wahr?«
»Tausendmal mehr.«
»Ich dachte es wohl. Jedenfalls nimmt Ihre Majestät an.«
Der Cardinal stand auf und setzte sich dann wieder. Er rückte bis zu Jeanne, ergriff ihre Hände und sagte:
»Täuschen Sie mich nicht, bedenken Sie wohl, daß Sie mich mit einem einzigen Worte zum allerunglücklichsten Menschen machen können.«
»Man spielt nicht mit Leidenschaften, Herr Cardinal; das ist gut bei der Lächerlichkeit, doch die Männer von Ihrem Rang und Verdienst können nie lächerlich sein.«
»Das ist wahr. Was Sie mir sagen, ist also …«
»Die strenge Wahrheit.«
»Ich habe ein Geheimniß mit der Königin?«
»Ein Geheimniß … ein tödtliches …«
Der Cardinal eilte auf Jeanne zu und drückte ihr zärtlich die Hand.
»Ich liebe diesen Händedruck,« sprach die Gräfin, »so drücken wahre Menschen einander die Hand.«
»So drückt ein glücklicher Mensch seinem Schutzengel die Hand.«
»Monseigneur, übertreiben Sie nicht.«
»Oh! meine Freude, meine Dankbarkeit, nie …«
»Sie übertreiben die eine und die andere. Anderthalb Millionen einer Königin leihen, ist es nicht das, was Sie brauchten?«
Der Cardinal seufzte.
»Buckingham hätte etwas Anderes verlangt, nachdem er seine Perlen auf dem Boden des königlichen Gemaches ausgestreut.«
»Was Buckingham bekommen hat, Gräfin, will ich mir nicht einmal wünschen, und wäre es im Traum.«
»Sie werden sich hierüber mit der Königin erklären, denn sie hat mir Befehl gegeben, Ihnen zu verkündigen, Monseigneur, sie würde Sie mit Vergnügen in Versailles sehen.«
Die Unvorsichtige hatte nicht so bald dieses Wort ausgesprochen, als der Cardinal weiß wurde wie ein Jüngling unter dem ersten Liebeskuß, Er tappte wie ein Betrunkener nach dem Lehnstuhl, der in seinem Bereiche stand.
»Ah! ah!« dachte Jeanne, »das ist noch ernster, als ich glaubte. Ich hatte von der Herzogswürde, von der Pairie, von hunderttausend Livres Einkünfte geträumt, ich werde bis zum Fürstentitel, bis zur halben Million gelangen, denn Herr von Rohan handelt weder aus Ehrfucht, noch aus Geiz, sondern aus Liebe.«
Herr von Rohan erholte sich schnell. Die Freude ist keine Krankheit, welche lange währt, und da er ein starker Geist war, so hielt er es für geeignet, mit Jeanne von den Angelegenheiten zu reden, um sie vergessen zu machen, daß er mit ihr von der Liebe gesprochen.
Sie ließ ihn gewähren.
»Meine Freundin,« sagte er, indem er Jeanne in die Arme schloß, »was gedenkt die Königin bei dem Anlehen zu thun, das Sie ihr unterbreitet haben?«
»Sie fragen mich das, weil man glaubt, die Königin habe kein Geld?«
»Ganz richtig.«
»Wohl! sie verlangt sie zu bezahlen, als ob sie Böhmer bezahlte, nur mit dem Unterschied, daß, wenn sie von Böhmer gekauft hätte, ganz Paris es erführe, was seit dem berühmten Worte mit dem Schiff unmöglich ist, und daß, wenn sie den König das Maul hängen machte, ganz Frankreich Grimassen schneiden würde. Die Königin will also die Diamanten im Einzelnen haben und sie im Einzelnen bezahlen. Sie liefern ihr die Gelegenheit dazu; Sie sind ihr ein verschwiegener Cassier, ein zahlungsfähiger Cassier, falls sie in Verlegenheit käme; sie ist glücklich und sie bezahlt; verlangen Sie nicht mehr.«
»Sie bezahlt! Wie?«
»Die Königin, eine Frau, welche Alles begreift, weiß wohl, daß Sie Schulden haben, Herr Cardinal, und dann ist sie stolz; es ist keine Freundin, welche Geschenke annimmt … Als ich ihr sagte, Sie haben zweimal hundert und fünfzigtausend Livres vorausbezahlt …«
»Sie haben ihr das gesagt?«
»Warum nicht?«
»Das hieß ihr die Sache sogleich unmöglich machen.«
»Das hieß ihr das Mittel, den Grund der Annahme verschaffen. Nichts für Nichts, das ist der Wahlspruch der Königin.«
»Mein Gott!«
Jeanne steckte ruhig die Hand in ihre Tasche und zog dann das Portefeuille Ihrer Majestät hervor.
»Was ist das?« fragte Herr von Rohan.
»Ein Portefeuille, welches für zweimal hundert und fünfzigtausend Livres Cassenbillets enthält.«
»Wahrhaftig?«
»Und die Königin schickt sie Ihnen mit einem schönen Gruß.«
»Oh!«
»Das Geld ist darin, ich habe es gezählt.«
»Es handelt sich wohl hierum!«
»Doch nach was schauen Sie?«
»Ich schaue dieses Portefeuille, von dem ich nicht wußte, daß Sie es besaßen.«
»Es gefällt Ihnen, obgleich es weder schön, noch reich ist.«
»Es gefällt mir, ich weiß nicht, warum.«
»Sie haben einen guten Geschmack.«
»Sie spotten meiner? In welcher Hinsicht sagen Sie, ich habe einen guten Geschmack.«
»Allerdings, da Sie denselben Geschmack haben, wie die Königin.«
»Dieses Portefeuille …«
»Gehörte der Königin, Monseigneur.«
»Ist Ihnen daran gelegen?«
»Oh! viel.«
Herr von Rohan seufzte.
»Das begreift sich,« sagte er.
»Wenn es Ihnen jedoch Vergnügen machen würde,« versetzte die Gräfin mit einem Lächeln, das die Heiligen in's Verderben führt.
»Zweifeln Sie nicht daran, Gräfin; doch ich will Sie nicht berauben.«
»Nehmen Sie es.«
»Gräfin!« rief der Cardinal, fortgerissen von seiner Freude,
»Sie sind die kostbarste Freundin, Sie sind die geistreichste Freundin, die …«
»Ja. ja.«
»Und es ist unter uns …«
»Auf Leben und Tod! man sagt das immer. Nein, ich habe nur ein einziges Verdienst.«
»Welches?«
»Das, Ihre Angelegenheiten mit ziemlich viel Glück und mit großem Eifer betrieben zu haben.«
»Wenn Sie nur dieses Glück hätten, meine Freundin, so würde ich sagen, ich komme Ihnen an Werth beinahe gleich, insofern ich, während Sie nach Versailles gingen, arme Theure, auch für Sie gearbeitet habe.«
Jeanne schaute den Cardinal mit Erstaunen an.
»Ja, eine Erbärmlichkeit,« sagte er. »Ein Mann, mein Banquier, kam zu mir und trug mir Actien bei einem Geschäfte an, das die Austrocknung oder Ausbeutung von Sümpfen betrifft.«
»Ah!«
»Der Nutzen war sicher, und ich nahm den Vorschlag an.«
»Und Sie haben wohl daran gethan.«
»Oh! Sie werden sehen, daß ich Sie in meinem Geiste immer auf den ersten Rang stelle.«
»Auf den zweiten, das ist noch mehr, als ich verdiene; doch lassen Sie hören.«
»Mein Banquier gab mir zweihundert Actien, ich nahm für Sie den vierten Theil, die letzten.«
»Oh! Herr Cardinal.«
»Lassen Sie mich doch machen. Zwei Stunden nachher kam er zurück. Nur die Thatsache des Unterbringens der Actien an diesem Tage allein hatte ein Steigen von hundert Procent bewerkstelligt. Er gab mir hunderttausend Livres.«
»Eine schöne Speculation!«
»Von der hier Ihr Antheil ist, liebe Gräfin, ich will sagen, theure Freundin.«
Und er ließ aus dem Päckchen von zweimal hundertfünfzigtausend Livres, die ihm die Königin geschickt, fünf und zwanzigtausend Livres, in die Hand Jeanne's schlüpfen.
»Es ist gut, Monseigneur, wer gibt, soll auch empfangen. Was mir jedoch am meisten schmeichelt, ist, daß Sie an mich gedacht haben.«
»Es wird immer so sein,« erwiderte der Cardinal, indem er ihr die Hand küßte.
»Seien Sie auf ein Gleiches gefaßt,« sprach Jeanne … »Monseigneur, auf baldiges Wiedersehen in Versailles!«
Und sie entfernte sich, nachdem sie ihm eine Liste der von der Königin gewählten Termine gegeben hatte, deren erster, auf einen Monat gestellt, eine Summe von fünfmal hunderttausend Livres betrug.
XLIX.
Worin man den Doctor Louis wiederfindet
Erinnern sich unsere Leser, in welcher schwierigen Lage wir Herrn von Charny verlassen haben, so werden sie uns vielleicht einigen Dank wissen, wenn wir sie in das kleine Vorzimmer der Gemächer von Versailles zurückführen, in welches dieser brave Seemann, den weder die Menschen, noch die Elemente je eingeschüchtert hatten, geflohen war, um nicht vor drei Frauen: der Königin, Andrée und Frau von La Mothe, unwohl zu werden.
Als Herr von Charny sich mitten im Vorzimmer befand, sah er ein, daß es ihm unmöglich war, weiter zu gehen. Er streckte, ganz schwankend, die Arme aus. Man bemerkte, daß ihn seine Kräfte verließen, und man kam ihm zu Hilfe.
Da wurde der junge Offizier ohnmächtig; nach einigen Augenblicken kam er aber wieder zu sich, jedoch ohne zu vermuthen, daß die Königin es gesehen, und daß sie vielleicht in einer ersten Bewegung der Angst herbeigelaufen wäre, wenn nicht Andrée, mehr noch durch eine glühende Eifersucht, als durch ein kaltes Gefühl der Schicklichkeit, sie zurückgehalten hätte,
Es war indessen gut für die Königin, daß sie auf den von Andrée gegebenen Rath in ihrem Zimmer blieb, welches Gefühl auch diesen Rath dictirt haben mochte, denn kaum war die Thüre hinter ihr zugemacht, als sie durch dieselbe den Ruf des Huissier: »Der König!« vernahm.
Es war in der That der König, der aus seinen Gemächern nach der Terrasse ging und, vor der Sitzung des Rathes, seine Jagdequipagen, die er seit einiger Zeit etwas vernachlässigt fand, besichtigen wollte.
Als der König, dem einige Officianten seines Hauses folgten, in das Zimmer eintrat, blieb er stehen; er sah einen Mann, der auf ein Fenstergesimse zurückgelehnt war, in einer Lage, welche zwei Leibwachen, die ihm beisprangen, nicht wenig beunruhigte, denn sie waren nicht gewohnt, einen Offizier um nichts in Ohnmacht fallen zu sehen.
Während sie Herrn von Charny unterstützten, riefen sie:
»Mein Herr, was haben Sie denn?«
Doch die Stimme versagte dem Kranken, und es war ihm unmöglich zu antworten.
An diesem Stillschweigen die Bedeutung des Nebels erkennend, beschleunigte der König seine Schritte.
»Ja,« sagte er, »ja, es ist Einer, der das Bewußtsein verliert.«
Bei der Stimme des Königs wandten sich die zwei Leibwachen um und ließen durch eine maschinenmäßige Bewegung Herrn von Charny los, der, nur noch durch einen Rest von Stärke unterstützt, auf die Platten sank.
»Oh! mein Herr,« sagte der König, »was machen Sie denn?«
Man stürzte herbei. Man hob Herrn von Charny, der gänzlich das Bewußtsein verloren hatte, sachte auf und legte ihn auf einen Lehnstuhl.
»Ah! es ist Herr von Charny!« rief plötzlich der König, als er den jungen Offizier erkannte.
»Herr von Charny!« riefen die Umstehenden.
»Ja, der Neffe des Herrn von Suffren.«
Diese Worte brachten eine magische Wirkung hervor. Herr von Charny war in einem Augenblick von Riechwasser übergossen, nicht mehr, nicht minder, als befände er sich unter zehn Frauen. Ein Arzt wurde gerufen, er untersuchte rasch den Kranken.
Neugierig bei jeder Wissenschaft und mitleidig bei jedem Uebel, wollte der König sich nicht entfernen; er wohnte der Consultation bei.
Die erste Sorge des Arztes war, daß er die Weste und das Hemd des jungen Mannes zurückschob, damit die Luft seine Brust berührte; während er aber dieß that, fand er, was er nicht gesucht hatte.
»Eine Wunde,« sagte der König, seine Theilnahme verdoppelnd, indem er so nahe hinzutrat, daß er mit seinen eigenen Augen sehen konnte.
»Ja, ja,« murmelte Herr von Charny, der sich zu erheben suchte und mit geschwächten Augen umherschaute, »eine alte Wunde, die sich wieder geöffnet hat. Es ist nichts … nichts …«
Und seine Hand drückte unmerklich die Finger des Arztes.
Ein Arzt begreift Alles und muß Alles begreifen. Dieser war aber kein Hofarzt, sondern ein Wundarzt von Versailles. Er wollte sich ein Ansehen geben und erwiderte:
»Oh! alt … das beliebt Ihnen zu sagen; die Lefzen sind zu frisch, das Blut zu hochroth: diese Wunde ist nicht vierundzwanzig Stunden alt«
Charny, dem dieser Widerspruch seine Kräfte wiedergab, stellte sich auf seine Füße und sprach:
»Ich denke, Sie werden mich nicht lehren, mein Herr, in welchem Augenblick ich meine Wunde bekommen habe; ich sage Ihnen und wiederhole, daß sie alt ist.«
In diesem Moment erkannte er den König. Er knüpfte seine Weste zu, als schämte er sich, daß er einen so erhabenen Zuschauer bei seiner Schwäche hatte.
»Der König!« sagte er.
»Ja, Herr von Charny, ja, ich selbst, und ich segne den Himmel, daß ich hierher gekommen bin, um Ihnen ein wenig Erleichterung zu bringen.«
»Eine Schramme, Sire,« stammelte Charny, »eine alte Wunde, Sire, nichts Anderes.«
»Alt oder neu,« erwiderte der König, »diese Wunde hat mich Ihr Blut sehen lassen, das kostbare Blut eines wackeren Edelmannes.«
»Dem zwei Stunden im Bette seine Gesundheit wiedergeben werden,« fügte Charny bei, und er wollte aufstehen, doch er hatte ohne seine Kräfte gerechnet. Sein Kopf war schwer, seine Beine wankten, und kaum hatte er sich erhoben, als er in den Lehnstuhl zurückfiel.
»Ah!« sagte der König, »er ist sehr krank.«
»Oh! ja,« versetzte der Wundarzt mit einer feinen, diplomatischen Miene, die nach einer Eingabe um Beförderung roch, »doch man kann ihn retten.«
Der König war ein redlicher Mann; er hatte errathen, daß Charny etwas verbarg. Dieses Geheimniß war ihm heilig. Jeder Andere hätte es von den Lippen des Arztes, der es so höflich anbot, aufgefangen: Ludwig XVI. aber zog es vor, dieses Geheimniß seinem Eigenthümer zu lassen.
»Herr von Charny soll sich nicht durch seine Rückkehr nach Hause einer Gefahr aussetzen,« sagte der König. »Man pflege Herrn von Charny in Versailles; man rufe seinen Oheim, Herrn von Suffren, und hat man diesem Herrn gedankt,« er bezeichnete den dienstfertigen Wundarzt, »so rufe man meinen Leibarzt, den Doctor Louis. Er hat, glaube ich, den Dienst.«
Ein Offizier eilte weg, um die Befehle des Königs zu vollziehen. Zwei andere bemächtigten sich des Herrn von Charny und trugen ihn an das Ende der Gallerie in's Zimmer des Officiers der Garden.
Diese Scene ging rascher vor sich, als die zwischen der Königin und Herrn von Crosne.
Herr von Suffren wurde benachrichtigt, und der Doctor Louis an die Stelle des Ueberzähligen gerufen.
Wir kennen diesen redlichen, weisen und bescheidenen Mann, einen weniger glänzenden, als nützlichen Verstand, diesen muthigen Bearbeiter des unermeßlichen Feldes der Wissenschaft, wo derjenige mehr geehrt ist, der das Korn erntet, wo derjenige nicht minder ehrenwerth ist, welcher die Furche öffnet.
Hinter dem Arzte, der sich schon über seinen Kunden neigte, erschien in aller Eile der Bailli von Suffren, dem eine Staffette die Nachricht überbracht hatte.
Der berühmte Seemann begriff diese Ohnmacht, dieses plötzliche Unwohlsein durchaus nicht.
Als er Charny's Hand ergriffen und seine trüben Augen angeschaut hatte, sagte er:
»Seltsam! seltsam! Wissen Sie, Doctor, daß mein Neffe nie krank gewesen ist?«
»Das beweist nichts, Herr Bailli,« erwiderte der Doctor.
»Die Luft von Versailles ist also sehr schwer, denn ich wiederhole Ihnen, ich habe Olivier zehn Jahre auf der See gesehen, und er war immer kräftig und aufrecht, wie ein Mastbaum.«
»Es ist seine Wunde,« sagte einer der anwesenden Officiere.
»Wie, seine Wunde!« rief der Admiral; »Olivier ist in seinem Leben nicht verwundet worden.«
»Oh! verzeihen Sie,« erwiderte der Officier, auf den gerötheten Batist deutend, »doch ich glaubte …«
Herr von Suffren sah Blut.
»Es ist gut, es ist gut,« sagte der Doctor, der dem Kranken den Puls gefühlt hatte, mit vertraulicher Barschheit, »wir wollen uns nicht über den Ursprung des Uebels streiten. Wir haben das Uebel, begnügen wir uns damit und heilen wir dasselbe, wenn es möglich ist.«
Der Bailli liebte Aussprüche, die keine Widerrede gestatteten; er hatte die Wundärzte seiner Schiffe nicht daran gewöhnt, ihre Worte zu wattiren.
»Ist es sehr gefährlich, Doctor?« fragte er mit einer stärkeren Gemüthsbewegung, als er zeigen wollte.
»Ungefähr wie der Schnitt eines Rasirmessers am Kinn.«
»Gut. Danken Sie dem König, meine Herren. Olivier, ich werde Dich wieder besuchen.«
Olivier bewegte die Augen und die Finger, als wollte er zugleich seinem Oheim, der ihn verließ, und dem Doctor, der ihn in seine Hände nahm, danken.
Glücklich in seinem Bette zu sein, glücklich sich einem Manne von Verstand und Milde überlassen zu sehen, stellte er sich dann, als entschliefe er.
Der Doctor schickte Jedermann weg.
Olivier entschlief nun in der That, doch nicht ohne dem Himmel für Alles, was ihm begegnet, oder vielmehr für das Schlimme, was ihm unter so ernsten Umständen nicht begegnet war, zu danken.
Das Fieber hatte sich seiner bemächtigt; jenes wunderbare, die Menschheit wiedergebärende Fieber, ein ewiger Saft, der im Blute des Menschen treibt und, den Absichten Gottes, das heißt der Menschheit dienend, die Gesundheit im Kranken keimen läßt, oder den Lebendigen mitten in der Gesundheit wegrafft.
Als Olivier mit jener Hitze der vom Fieber Befallenen die Scene mit Philipp, die Scene mit der Königin, die Scene mit dem König gründlich überlegt hatte, verfiel er in jenen furchtbaren Kreis, den das wüthende Blut wie ein Netz über den Verstand wirft … Er delirirte.
Drei Stunden später hätte man ihn von der Gallerie aus hören können, wo einige Wachen auf und ab gingen; als der Doctor dieß bemerkte, rief er seinen Bedienten und befahl ihm, Olivier in seine Arme zu nehmen. Olivier stieß einige Klageschreie aus.
»Wickle ihm die Decke über den Kopf,«
»Wie soll ich das machen?« sagte der Bediente. »Er ist zu schwer und vertheidigt sich zu sehr. Ich will einen von den Herren Garden um Beistand bitten.«
»Du bist ein Hasenfuß, wenn Du Dich vor einem Kranken fürchtest,« entgegnete der Doctor.
»Herr Doctor …«
»Und findest Du ihn zu schwer, so bist Du nicht so stark, wie ich geglaubt habe. Ich werde Dich nach Auvergne zurückschicken.«
Die Drohung wirkte. Schreiend, heulend, heftig sich geberdend und delirirend, wurde Charny von dem Auvergnaten wie eine Feder im Angesicht der Leibwachen aufgehoben.
Diese umgaben Louis und befragten ihn.
»Meine Herren,« sagte der Doctor, der stärker schrie, als Charny, um dessen Schreie zu übertäuben, »Sie begreifen, daß ich nicht alle Stunden eine Meile machen werde, um den Kranken zu besuchen, den mir der König anvertraut hat. Ihre Gallerie liegt am Ende der Welt.«
»Wohin bringen Sie ihn, Doctor?«
»Zu mir, da ich ein träger Mensch bin. Ich habe hier, wie Sie wissen, zwei Zimmer, ich lege ihn in eines derselben, und übermorgen, wenn Niemand mit ihm verkehrt, werde ich Ihnen Bericht erstatten.«
»Aber, Doctor,« sagte der Officier, »ich versichere Sie, daß der Kranke hier sehr gut gewesen wäre, wir lieben Alle Herrn von Suffren, und …«
»Ja, ich kenne diese Pflege des Cameraden für den Cameraden. Der Verwundete hat Durst, man ist gut gegen ihn; man gibt ihm zu trinken, und er stirbt. Zum Teufel mit der guten Pflege der Herren Garden! Man hat so zehn Kranke getödtet.«
Der Doctor sprach noch, als schon Olivier nicht mehr gehört werden konnte.
»Ah! ja,« fuhr der würdige Arzt fort; »das ist sehr wohl gethan, das ist sehr verständig. Dabei ist nur ein Unglück, daß der König den Kranken wird sehen wollen … Und wenn er ihn sieht, wird er ihn hören … Teufel! da ist nicht zu zögern. Ich will die Königin benachrichtigen. Sie wird mir einen guten Rath geben.«
Nachdem der gute Doctor diesen Entschluß mit der Raschheit des Menschen gefaßt hatte, dem die Natur die Secunden abzählt, übergoß er das Gesicht des Verwundeten mit frischem Wasser und legte ihn auf eine solche Art in ein Bett, daß er sich nicht tödtete, wenn er sich heftig bewegte oder fiel. Er schloß die Läden mit einem Vorhängeschloß, drehte den Schlüssel der Zimmerthüre zweimal um, steckte diesen Schlüssel in die Tasche und begab sich zu der Königin, nachdem er sich, außen horchend, versichert hatte, daß keiner von den Schreien Olivier's vernommen oder verstanden werden konnte.
Es versteht sich von selbst, daß zu größerer Vorsicht der Auvergnat mit dem Kranken eingeschlossen war.
Er traf gerade vor dieser Thüre Frau von Misery, welche die Königin abgeschickt hatte, um sich nach dem Verwundeten zu erkundigen.
Sie wollte durchaus hinein.
»Kommen Sie, kommen Sie, Madame,« sagte der Doctor, »ich gehe weg.«
»Aber, Doctor, die Königin wartet.«
»Ich gehe zur Königin, Madame.«
»Die Königin wünscht …«
»Die Königin wird so viel erfahren, als sie zu wissen wünscht; das sage ich Ihnen, Madame. Gehen wir.«
Und er nöthigte die Kammerfrau Marie Antoinette's zu laufen, um zu gleicher Zeit mit ihm an Ort und Stelle zu kommen.
