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Kitabı oku: «Der Geflügelschütze»

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Erster Band

Erstes Kapitel.
Eine vernachlässigte Erziehung

So reich auch unsere französischen Flüsse ausgestattet sind, – nicht wenn wir sie mit den Flüssen Amerikas und Indien’s, sondern mit den andern Wasserläufen Europa’s vergleichen – so reich auch, sagen wir, unsere französischen Flüsse ausgestattet sind, hinsichtlich der Durchsichtigkeit ihrer Wellen und der reichlichen Fülle ihres Wassers, hinsichtlich ihrer malerischen Ufer, des Reizes ihrer seltsamen und wunderlichen Schlangenwindungen, so denke ich doch, daß weder die Seine, stolz, der Hauptstadt die Füße zu waschen, noch die Loire, erfreut, den Garten Frankreichs zu bespülen, noch die Garonne, stolz, so viele Schiffe zu tragen, wie ein Meer, noch die Rhone, erstaunt, in ihren Wogen Ruinen abzuspiegeln, die man für römische Ruinen halten sollte, mit der Vire wetteifern könnte, welches indessen ein sehr bescheidener Fluß ist, und den die Normannen, deren Durst er in Concurrenz mit dem Cider stillt, immer nur einen unbedeutenden Bach genannt haben.

Sie wissen nicht, daß grammatikalisch und geographisch jeder Wasserlauf, so schwach und ausgetrocknet er auch sein möge, ein Recht an die Benennung eines Flusses hat, wenn er sich ins Meer stürzt.

Die Italiener würden den Arno oder den Senethus nicht so herabwürdigen lassen.

Sie haben ein Wort für den Fluß, so groß oder so klein er auch sein möge.

Fiume heißt er, wenn er groß, Fiumicello, wenn er klein ist.

Die Vire ist also ein Fluß, wie die Geographen sagen, und nicht ein Bach, wie die Normannen sie nennen.

Ich muß indeß gestehen, daß, ungeachtet meiner Vorliebe für den Fluß, dem ich durch diese Zeilen die Stellung wiederzugeben versuche, an die er ein Recht hat, wie viele irdische Dinge, wie eine Menge hübscher Frauen und großer Männer, Revolutionen und Tragödien, kurz, wie ihre großen Gefährten, der Rhein und die Rhone, die Vire ein ihres Anfanges unwürdiges Ende hat.

An demselben Orte entstanden, wo, wenn man den archäologischen Forschungen der Brüder Parfait glauben darf, das Baudeville entstand, nämlich im Val-de-Vire (im Thale der Vire), an ihrer Quelle von dem reizenden Walde von Saint-Sever beschattet, nachdem sie fünf und zwanzig Meilen ihr kristallhelles Wasser über einen Grund vom blauen Felsen und über ein Bett von goldenem Sande und grünen Alpen hat hinfließen, nachdem sie über zwanzig Wasserfälle Myriaden von Scheffeln Perlen hat schimmern lassen, die in der Sonne funkeln, nachdem sie die poetische Mühle Oliver Basselins getrieben, verschwindet plötzlich die Vire einige Meilen unterhalb Saint-Lo, Isigny gegenüber, berühmt wegen seiner unvergleichlichen Butter, versenkt sich in seichte und schlammige Sümpfe und wird Etwas, was dem Kanal von l’Ourcox gleicht. Keine Gürtel mehr von grünenden und blühenden Wiesen; keine Kränze von Felsen mehr, purpurfarbig von Fingerhutblumen; keine Federbüsche mehr von Buchen mit glatten Stämmen, diesen kräftigen Kindern des mit Gebüsch bewachsenen Gebiets. Nein, der arme kleine Fluß, ganz beschämt über sein Mißgeschick, scheint auf seinem Wege umkehren zu wollen. Er läuft nicht mehr, er wandert. Sein lebhaftes und flüchtiges Wasser, worin die Nymphen des Ufers ihre durchsichtigen Füße badeten und ihre blonden Haare netzten, ein lebhaftes und flüchtiges Wasser, welches in tausendfachen Gemurmel sang, indem es über die Kiesel dahin sprang, während die Vögel, ihre Lieder singend, in dem Gebüsch hin und her hüpfend, ihre purpurnen und azurnen Farben verloren, wie die Bewohner von Aigues-Mortes und die Italiener der pontinischen Sümpfe ihre lebhaften Farben unter den bitteren und beißenden Küssen des Fiebers verlieren, schleppt sich schweigend und traurig über eine Lage von Torf, welche es braun färbt dahin, und spiegelt das Bild des gelblichen Rohrs ab, welches an seinen verlassenen Ufern vegetiert.

Der Ocean, der Vater der Flüsse, wie ihn Homer nannte, kommt glücklicherweise dem unglücklichen Flusse entgegen, reicht ihm die Arme, nimmt ihn in seinen Schooß auf und trägt ihm zur Unermeßlichkeit fort, wie der Tod sich eines leidenden Kindes erbarmt und es zur Unendlichkeit fortträgt.

Eine oder zwei Meilen oberhalb der Mündung der Vire, auf ihrem rechten Ufer befindet sich ein Dorf, wie alle Dörfer an der normännischen Küste, am Rande des Seestrandes erbaut, so daß die Wellen bei der hohen Fluth die Fundamente der Häuser benetzen.

Dieses Dorf heißt Maisy. Etwa zweitausend Schritte von dem Eingange von Maisy, wenn man von Isigny kommt, bemerkt man eine kleine Meyerei, deren Strohdächer und Mauern von Ziegelsteinen theilweise verborgen werden von einem Dickichte von Ulmen und Hagebuchen, welche einen Strauß, gleich einer grünen Insel auf der kahlen Fläche bilden, die im Winter weiß, im Frühling grün und im Sommer gelblich ist.

Diese Meyerei ist die Cochardiere.

Im Jahre 1818 gehörte die Cochardiere Jean Montplet.

Wir wollen in wenigen Worten sagen, wer Jean Montplet, der Vater des Alain Montplet war.

Jean Montplet hatte sich durch seine eigene Arbeit emporgeschwungen, und man sagte, daß dieser Mann dreihunderttausend Francs besitze.

Jean Montplet hatte mit dem Geschäfte eines Thierbeschauers begonnen; er war endlich Viehhändler, dann Landwirth geworden.

Seine Waare lieferte ihm guten Dünger, und da dieser gute Dünger ihm fette Kühe verschaffte, so war er schnell und leicht reich geworden.

»Das Vermögen macht nicht das Glück,« haben die Millionäre gesagt, um das Gefühl des Neides, welches die Armen natürlich gegen sie hegen, ein Wenig abzustumpfen.

Jean Montplet war nicht dieser Meinung.

Jean Montplet, welcher der reichste Mann in Maisy war, konnte zugleich für den glücklichsten Mann in der Umgegend gelten.

Er besuchte alle normannischen Märkte auf einem vortrefflichen, kleinen Pferde, herrschte auf den Märkten, wo seine Schätzung den Preis der Getreidearten bestimmte, und wo er und sein Pferd in den Gasthäusern gern und freudig aufgenommen wurden, und wo man den besten Cider für den Mann und den besten Hafer für das Pferd lieferte. Er sprach laut in den Gemeindeversammlungen, wo seine Stimme angehört und seine Meinung befolgt wurde. Von den Armen geliebt, mit welchen er ebenso gern trank, wie zur Zeit, wo er zu Fuß auf der Landstraße ging, und die Kühe der Anderen trieb, von den Reichen gegrüßt, für die er zur rechten Zeit eine Ecke von dem vergoldeten Futter seiner groben Blouse zu zeigen wußte – gestand Jean Montplet selber, daß Nichts an seinem Glück fehle.

Wir irren uns, im Jahre 1818 – wir hatten vergessen dieses Datum angegeben zu haben – im Jahre 1818 fehlte ihm ein Erbe, den ihm Madame Montplet, ungeachtet des Bedauerns, welches sie aussprach, seit zwölf Jahren immer nicht schenkte.

Aber zum Glücke war der Himmel nicht so grausam, sein Werk unvollendet zu lassen.

Im Jahre 1819 kam endlich dieser so sehr gewünschte Sohn.

Nur trat er unter unheilvollen Vorbedeutungen in die Welt.

Seine Geburt kostete seiner Mutter das Leben.

Jean Montplet weinte sehr, denn er liebte seine Frau aufrichtig.

Dann sah er einen Knaben an, in welchem die arme Verstorbene wieder aufzuleben schien; er jagte sich, da er sein ganzes Leben lang gearbeitet, diesem Erben ein Vermögen zu hinterlassen, so sei es nicht der Augenblick auszuruhen, nun da der Herr ihm bewilligte, was er so lange gewünscht hatte. Er bestieg also ein Pferdchen ritt auf den Markt von Bayeux, gewann einen großen Sack voll Thaler an einer Anzahl Kühe, so daß die Freude über einen Markt, die frische Luft und die Bewegung seinen Schmerz zu mildern begannen.

Die Zeit that das Uebrige.

O Saturn, Du Gott der Zeit, Du ältester Sohn der Ewigkeit, nicht ohne Grund haben die Dichter Dich mit einer Sichel in der Hand dargestellt. Unerbittlicher Schnitter, Du mäht unsere Freuden wie unsere Mißgeschicke hinweg, und der Mensch, dieses Atom, welches im Winde auf Deinem Wege zittert, bemerkt mit Verzweiflung, daß Nichts ewig ist bei ihm, nicht einmal der Schmerz!

Die Zeit schloß also Jean Montplet’s Wunde.

Alain – dies war der Name, den der junge Erbe der Meyerei Cochardiere in der Taufe erhalten hatte – Alain wurde also zugleich der Trost und der Antrieb des guten Montplet.

Für ihn unternahm der Viehhändler ohne Aufhören neue Reisen; Alain’s kindliche Liebkosungen belohnten ihn, wenn er nach Hause zurückkehrte, für seine Anstrengungen.

Und der arme Vater, Das müssen wir sagen, fühlte sich so reichlich belohnt, daß er jeden Tag Gott dankte.

Auch verzog er den kleinen Alain, so daß es zugleich Schmerz und Vergnügen verursachte, es zu sehen.

Als Alain zehn Jahre alt war, dachte Jean Montplet an die Erziehung seines Sohnes.

Wie alle reich gewordenen Bauern und viele abgehobelte Handwerker verachtete Jean seine Profession und wünschte für seinen Sohn die Ehre des Baccalaureats und den Glanz der Toga.

Indessen war er noch unentschieden und wußte nicht, an welchem Orte er den Wildling, den er für die Wissenschaft bestimmt hatte, wollte erblühen lassen, als eines schönen Tages ein College, indem er ihm von einem guten Kuhmarkte sprach, der in Saint-Lo zu machen sei, zugleich das Gymnasium dieser Stadt erwähnte. Jean Montplet beschloß also, zwei Fliegen auf einer Klappe zu schlagen, die Kühe zu kaufen und seinen Knaben dort unterzubringen.

Er legte eine großen Gamaschen an, nahm den Knaben hinter sich aufs Pferd und brachte ihn aufs Gymnasium, wo derselbe ganz heiter blieb, als er die Menge von jungen Kameraden sah, die er haben sollte, und den schönen Garten, in welchem alle spielten.

Der arme Alain war während der Erholungsstunde angekommen und hatte geglaubt, daß das Gymnasium ein beständiges Kriegspiel sei.

Jean Montplet hatte sich entfernt, nachdem er dem Vorsteher wohl zehnmal wiederholt hatte, indem er mit dem Gelde klapperte, welches er in der ledernen Geldkatze hatte, die er unter seiner Blouse trug, daß er nicht auf die Thaler achten werde, wenn man aus seinem Sohne nur einen Hippokrates oder Demosthenes mache.

Es waren zwei Namen, die er aus dem Munde des Pfarrers von Maisy gehört hatte, als Dieser eines Tages an einem Tische zu Mittag gespeist.

Er hatte sich erkundigt, wer diese beiden Herren wären, und erfahren, daß der Eine ein großer Arzt und der Andere ein großer Redner gewesen.

Nur hatte er sich nicht nach der Zeit erkundigt, in welcher sie gelebt. Aber es lag ihm wenig daran, da Beide in ihrer Kunst dieselbe Stellung errungen hatten, die er selber unter den Landleuten und unter den Viehhändlern von la-Manche und Calvados einnahm.

Aber ach! Jean Montplet hatte völlig ohne seinen Sohn gerechnet.

Der Knabe hatte das Gymnasium reizend gefunden, wie wir gesagt haben, weil er in der Erholungsstunde eingetreten war.

Aber die Erholung war zu Ende und er mußte in die Classe eintreten.

An dem eichenen Tische und vor dem Pult, hatte die Sache ihr Aussehen verändert, und Alain hatte das Gymnasium in seiner ganzen strengen Disciplin gesehen.

Seitdem schien es ihm, als wäre die Zeit mit ungleicher Hand gemessen, nicht genug für das Vergnügen, zu viel für die Arbeit. Die Schulstrenge, die pedantischen Formen hatten diesen rauhen kleinen Dorfjungen, dessen Leben bis dahin eine beständige Schule im Freien gewesen und der eine unerläßliche Gewohnheit, ein unwiderstehliches Bedürfniß angenommen hatte, in der frischen Luft am Strande umhergelaufen und das schroffe Gestade zu ersteigen, die Wissenschaft bald verleidet gemacht.

Von dem Augenblicke an, wo der Hauch der Langenweile ihn berührt hatte, begann er dahinzuschwinden. Die lebhaften Farben der Wangen verblichen, eine Art Heimweh bemächtigte sich einer, und er wurde kränklich und schmächtig unter dieser mit Griechisch und Latein überladenen Atmosphäre.

Jean Montplet, von den Professoren selber benachrichtigt, kam einen Sohn zu besuchen und erschrak über die Fortschritte des Uebels. Er bedachte, daß der schwarze Rock ebenso gut den Bürger wie die Robe den Advocaten und den Doctor mache, daß, wenn Gott fortfahre, ihm in der Gegenwart und Zukunft Beistand zu leisten, wie er es in der Vergangenheit gethan, Alain Montplet eines Tages eine hübschen 25.000 Livres Renten haben und folglich so reich sein werde, um nicht nöthig zu haben, Consultationen zu halten oder Recepte zu verschreiben.

Alain wurde also aus dem Gymnasium zu Saint-Lo weggenommen und einen Kameraden von Maisy zurückgegeben.

Als er wieder auf der Meyerei war, Das heißt tausend Schritte vom Meere, und sich wieder in der Umgebung befand, an die er gewöhnt war, in der einzigen Luft, die er athmen konnte, erhielt der Knabe bald eine gute Laune, seinen röthlichen Teint und seine ursprüngliche Stärke wieder.

Bald hatte er nicht nur in Maisy, sondern aus Grand-Camp und in Saint-Pierre-du-Mont keinen Nebenbuhler in der Kunst, die Klippen zu erklimmen, um die Nester der Taucherhühner auszunehmen; bald lief er allen Lehrlingen der Schiffsbaukunst den Rang ab, kleine Schiffe aus einen Stück Holz auszuschnitzen und sie auf den Wasserflächen, welche die Ebbe auf dem Sande zurückließ, treiben zu lassen, aber besonders als Schwimmer machte der junge Alain die erstaunlichsten Fortschritte.

Das Meer schien ein ebenso vertrautes und fügsames Element für ihn geworden zu sein, wie das Land; man hätte denken sollen, die Natur habe ihn zur Amphybie bestimmt, so leicht konnte er nach dem Beispiele des Delphins über die Wogen dahinfahren, und daß er ein besonderes Athmungssystem besitze, so unendlich lange konnte er unter dem Wasser bleiben. Nichts machte ihm etwas aus – weder hoher Wellenschlag noch Wirbelwind, weder Sturm noch Ungewitter, und für die Fischer der Küste war er eine Art Thermometer geworden, wie es gewisse Fische sind, die nur aus dem Wasser springen, um den Wind anzukündigen. Man sagte, wenn man ihn unter den Wogen seine Possen treiben sah:

»Der Bursche Alain ist heute sehr lustig; es wird morgen das Meer hoch gehen.«

Die Ueberlegenheit, die sein Sohn in allen Spielen erlangte, reichte hin, den väterlichen Stolz des alten Montplet zu befriedigen, welcher jeden Tag einen kleinen Schatz mehr und mehr abrundete und immer gewisser wurde, einem Erben eine gute Zukunft zu sichern, und sich immer mehr überzeugt hielt, daß man in den Augen der Menschen immer gelehrt genug sei, wenn man nur reich genug sei.

Er sprach also nicht mehr davon, daß Alain, selbst als Dieser ein Jüngling wurde, irgend eine Lehrstunde haben solle, und übergab ihn den einzigen Professoren, welche ihm die Küste umsonst lieferte, und die es übernahmen, die Talente zu vervollkommnen, wovon wir eben gesprochen, indem sie dem künftigen Besitzer der Meyerei lehrten, ein Ruder geschickt einzuholen, eine Reuse auszuspannen und eine Schnur gehörig mit jedem Köder zu versehen, der sich für diesen oder jenen Fisch, von dem Stint bis zur Makrele eignet.

Noch eine Kunst, in welcher der junge Alain große Fortschritte machte, war die Kunst der Jagd. Freilich hatte er in dieser Kunst einen vortrefflichen Lehrer.

Dieser Lehrer war der Geflügelschütze Vater Gabion.

Wir wollen zuerst sagen, wer und was Vater Gabion war, dann wollen wir erklären, was ein Geflügelschütze ist.

Der Vater Gabion, der so hieß, weil er in einem kleinen Häuschen wohnte, welches an der Mündung der Vire stand und welches man le Gabion (der Schanzkorb) nannte – der Vater Gabion war ein großer Greis von beinahe sechs Fuß Höhe, trocken und schmächtig und anscheinend nicht dem Menschengeschlechte, sondern der Familie der Stelzenläufer angehörig. Er hatte eine eingedrückte Stirn, ein zurücktretendes Kinn und eine spitzige Nase, so daß er einen ganz hübschen Kopf wie eine Fettgans hatte, und wann er an der Küste oder bei der Ebbe am Strande dahin lief und von Felsen zu Felsen sprang, glich er einem jener Seevögel mit langen Beinen, die am Strande dahin laufen und von Felsen zu Felsen hüpfen, um kleine Fische zu erhaschen.

Ohne Zweifel hatten sich auf den ersten Blick die Vögel der Küste, die Enten, die Trauerenten, die Schnepfen, die Moorschnepfen, die Brachvögel und die Taucherhühner durch diese Aehnlichkeit täuschen lassen und den Vater Gabion für einen riesenhaften Storch, für einen vorsündfluthlichen Reyher gehalten und nicht die geringste Furcht vor ihm gehabt.

Aber nach und nach waren ihnen über diese falsche Aehnlichkeit die Augen aufgegangen und die armen Vögel hatten endlich bemerkt, daß sie im Gegentheile keinen erbitterteren Feind hatten, als den Vater Gabion.

In der That war der Vater Gabion, wie wir gejagt haben, ein Geflügelschütze.

Wir wollen unser Versprechen halten, und nachdem wir den Vater Gabion wenigstens in physischer Hinsicht beschrieben haben, wollen wir sagen, was ein Geflügelschütze ist.

Man versteht unter dem wilden Geflügel alle die Vögel, die in den Sümpfen, an den Küsten und auf Flüssen leben.

Die Enten, die Trauerenten, die Wasserhühner, die wilden Gänse, die Regenpfeifer, die Krickenten und selbst die unschuldigen Weißschwänze, so roh gejagt von den Nimrods von Saint-Denis und Bougival, gehören zu dem wilden Geflügel.

Die Jagd dieses Wildes, wenn man sie am Ufer des Meeres ausübt, ist vielleicht heutiges Tages die einzige, welche ernstliche Gefahren bietet, die einzige, welche noch die abenteuersuchenden Geister anlocken kann, für welche die Gefahr ein Reiz ist, welche die lebhaften Gemüthsbewegungen als Genüsse aufsuchen, die sich endlich geniert und unbequem fühlen in dem gemächlichen Leben, welches die Civilisation den Bescheidensten bereitet hat.

Nicht in den Sümpfen allein muß der Geflügelschütze sein Wild suchen! Die Felsen, die Sandbänke, die Klippen, die man besonders an der Mündung der Flüsse findet, sind viel vortheilhafter auszubeuten. Diese Felsen und Sandbänke dienen Tausenden von Wasservögeln als Zufluchtsort. Wenn die Nacht kommt, mögen nun die Vögel den Tag auf dem Oceane zugebracht, mögen sie ihre Nahrung auf den Flüssen oder auf den Teichen im Innern des Landes gesucht haben, oder dort nur auf ihren Wanderungen einen Halt machen, auf alle Fälle versammeln sie sich dort auf diesen Sandbänken und auf diesen Felsen, wie an einem verabredeten Orte, lassen sie sich in unzähligen Schaaren nieder und bilden eine buntscheckige Bevölkerung, wo die Geschlechter und Familien häufig unter einander gemischt sind.

Aber so reichlich dieses Wild vorhanden sein mag, ist es doch oft schwierig, ja gefährlich, es auf diesen beweglichen Sandbänken, die von jeder Fluth versetzt werden, auf diesen Felsen zu suchen, die so glatt und schlüpfrig sind wie Gletscher und die wie die Gletscher einen Abgrund unter sich haben, und zwar während der dunklen und kalten Nächte der strengsten Jahreszeit, denn nur vom Monat October bis zum April ist die Jagd des wilden Geflügels wahrhaft ergiebig.

Nach Dem, was wir eben gesagt haben, wird der Leser leicht begreifen, welches die Gefahren sind, denen, der Jäger ausgesetzt ist. So groß auch seine Gewandtheit, seine Geschicklichkeit, seine Stärke und Kühnheit ist, darf er doch keinen Augenblick vergessen, daß er auf einem dem Meere angehörigen Terrain ist, und daß die Fluth in wenigen Stunden wieder überschwemmen wird, was die Ebbe für den Augenblick verlassen hat. Einige Minuten der Zerstreuung, der Träumerei oder des Schlummers können ihm das Leben kosten, denn seine ganze Gewandtheit, seine ganze Energie, eine ganze Geistesgegenwart würde ohnmächtig werden in dem Kampf, den er gegen das wüthende Element zu bestehen haben würde, welches in ein Gebiet zurückkehrt, unerbittlich wie ein legitimer Besitzer, der auf einen Augenblick verdrängt worden.

Diese Gefahren eines gewaltsamen Todes haben ihre kleinen Nebenumstände: diese sind der Schnupfen, der Husten, die Lungenentzündung, der Rheumatismus, der natürliche Erfolg der Unbeweglichkeit, die der Jäger bewahren muß, wenn er in der Nähe einer Wasserfläche, in einem Loch versteckt, von dem Pfeifen der Windstöße und dem Gebrüll der Wogen betäubt, erstarrt von der Feuchtigkeit, die ihn nach und nach durchdringt und sich eines ganzen Körpers von der Haut bis in das Mark der Knochen bemächtigt, wartet, daß ein Mondstrahl, zwischen zwei-Wolken durchgleitend, ihm gestattet, auf das Wild anzulegen, welches nur einige Schritte von ihm entfernt eingeschlafen ist.

Woher kam der Vater Gabion? Man wußte es nicht.

Welches war ein wahrer Name?

Man wußte es nicht.

Eines Tages – vor einigen zwanzig Jahren – war er in dem Lande erschienen und aus dem Departement la-Manche gekommen, seine Entenflinte auf der Schulter und von seinem Pudel begleitet.

Er hatte sich also in dem Gabion (Schanzkorbe) niedergelassen und nicht mehr oder weniger als ein Montmorency oder ein Coucy den Namen seiner Besitzung angenommen.

Da er nun aber Niemanden Unrecht oder Leid zugefügt hatte, da er am Tage schlief, in der Nacht jagte, dem Wildhändler von Isigny ein Wild brachte, den Preis dafür einstrich und das Wenige, welches er kaufte, baar bezahlte, so wurde er weder geliebt noch gehaßt, und man ließ ihn endlich nach einem Gefallen leben, ohne sich mehr um ihn zu kümmern, als er sich um die Anderen kümmerte.

Dies war der Lehrer, den der Jägerinstinct des jungen Montplet ihn hatte entdecken lassen, und welcher ihm bald gezeigt, wie er sich anstellen müsse, um Enten und Becassinen zu schießen, und daß er nicht eher auf einen Seevogel feuern dürfe, als bis er sein Auge unterscheiden könne.

Zweites Kapitel.
Der Shylock des Dorfes

Diese ausschließlich materielle Erziehung entwickelte die schon ein Wenig wilden Neigungen des Characters unseres Helden, denn der Leser ist gewiß nicht mehr im Zweifel, daß Alain Montplet unser Held ist.

Er begeisterte sich für das Schwimmen, für den Fischfang, für die Jagd mit jener wilden Leidenschaft, welche in unseren Tagen nur eine Ausnahme bildet.

Sie beschäftigte ihn nicht nur einen Theil seiner Tage, sondern auch während seiner Nächte.

Die Eintheilung der Zeit, die Reihenfolge der gewöhnlichen Ordnungen war nicht vorhanden für den jungen Erben der Meyerei. Die Stunden der Mahlzeiten, die Stunden des Schlafes – Nichts war regelmäßig bei ihm. Er aß, wenn er Hunger hatte, er schlief, wenn er zu schlafen, geneigt war, und außer der Zeit, die er mit Schlafen hinbrachte, außer drei reichlichen Mahlzeiten und einigen Stunden des Schlummers, die er benutzte, wo er sich befand, war alles Uebrige seinen Lieblingsübungen gewidmet.

Von Arbeit war natürlich nicht die Rede.

Alain konnte lesen und schreiben, Das war Alles. Er kannte beinahe die beiden ersten mathematischen Species, aber er hatte nie über die Multiplication hinauskommen können. Es versteht sich von selber, daß die Division ein australisches Land, völlig unbekannt und unerforscht, für ihn war.

Indessen konnten die drei Leidenschaften, zwischen welchen sich das Leben des jungen Montplet theilte, diese überschäumende Natur nicht ganz in Anspruch nehmen. Es bemächtigte sich einer eine unbestimmte Unruhe, eine Melancholie ohne Grund; eine gewohnten Zerstreuungen genügten ihm nicht mehr; es schien ihm, als ob einem Leben irgend Etwas fehle. Er hatte nie sagen können, was dieses Etwas war; dieses Etwas war ihm völlig unbekannt.

Er empfand jenes Mißbehagen eines Jünglings von sechzehn bis siebzehn Jahren; aber als er zu diesem Alter gelangt war, veränderte sich Alles.

Die hohe Statur Alain’s, ein kräftiges Aussehen, seine Frische und seine siebzehn Jahre machten ihn zu einem herrlichen Jungen nach der normännischen Weise. Auch machten ihn die Mädchen von Maisy, von Grand-Camp und Saint-Lo bald mit diesem unbekannten Etwas bekannt, welches er suchte, und welches zu finden er jetzt in dem Alter war.

Mit achtzehn Jahren war Alain Montplet der Lovelace aller Schönen in baumwollenen Mützen des Landes Bessin; auch blieb er nicht in den Kreis des Districts der Mädchen von Maisy, von Grand-Camp und Saint-Lo eingeschlossen; er ging zu denjenigen von La-Cambe, von Formigny, von Trevière über und breitete seine Liebesunternehmungen bis zur Delivrande aus.

Damals war er eine von jenen zwitterhaften Personen, Einer jener feinen Stutzer des Landes, halb Bürger, halb Bauer, die man in den kleinen Städten und den großen Marktflecken trifft, welche sich in Hemdärmeln oder in der Blouse in den Schenken, Kaffeehäusern oder in den Gängen jener Häuser umhertreiben, wie die Söhne der pariser Familien, in gelben Handschuhen und die Cigarre zwischen den Lippen, auf dem Asphalt des Boulevarddes-Italiens und auf dem Trottoirs des Stadtviertels Breda umherstolzieren.

Man glaubte nicht nach der Benennung Lovelace – denn der Name des Helden Richardson’s ist vermöge der Elasticität der Sprache ein Beiwort geworden —, die wir mit dem Namen Alain in Verbindung gesetzt haben, daß die Liebe eine Rinde geglättet, seine Manieren civilisiert, seinen Charakter gemildert habe.

Nein, die Liebe, die man in der Welt Alain Montplet’s antreffen konnte, war nicht von der Stärke, um ähnliche Verwandlungen hervorzubringen; nein, der junge Bursche aus der Meyerei hatte nicht, wie Phaon von der Venus jene erweichende und parfümierte Essenz erhalten, welche das Elend der glühenden Sappho herbeiführte. Er war schön nach der ursprünglichen Weise, er war stark wie ein Titane, und er theilte sein Leben zwischen seiner Liebe, einem Fischfange mit dem Vater Henin – von Diesem werden wir später zu sprechen Gelegenheit haben – und seiner Jagd in den Sümpfen der Vire und auf den steilen Felsenufern an der Bucht von Vays.

Es versteht sich von selber, daß Jean Montplet bei einer unbegrenzten Liebe für seinen Sohn, sobald als der Knabe ein Mann wurde und seine Bedürfnisse sich vermehrten, die Schnure einer Börse weiter löste.

Aber bald vermehrten sich eine Bedürfnisse sehr und stiegen bis zur Verschwendung.

Bald auch wurde diese Verschwendung von der Art, daß sie Jean Montplet zu erschrecken begann. Er wagte einige furchtsame Vorstellungen, worauf ein junger Mann, der seit seiner Kindheit gewöhnt ist, nach seinen eigenen Einfällen zu leben, nicht viel achten konnte und in der That auch nicht viel achtete.

Auch hörte Alain nicht auf, in Folge der Partien der Jagd, des Fischfanges und des Schwimmens, wozu er alle seine Freunde einlud, seine Rolle als Amphitryo in den Wirthshäusern fortzusetzen und die Buden auf allen Jahrmärkten in der Umgegend auszuleeren, um sich in der Gunst der hübschen Mädchen der Departements von la-Manche und Calvados zu erhalten.

Da seine Kameraden von Maisy, Geffosse und Saint-Pierre-du-Mont lauter Arbeiter, die sich und ihre Familie nur durch die Anstrengung ihrer Hände ernährten, nicht immer geneigt waren, ihren Tag seinen Launen zu opfern, so weigerten sie sich oft, ihm die Last seines Müßigganges tragen zu helfen, und wie Alain Ausflüge gemacht hatte, um hübsche Mädchen zu entdecken, so suchte er jetzt muntere Kameraden auf und ging bis Isigny, bis Balleroy und selbst bis Bayeux, wo er als Theilnehmer seiner Vergnügungen Schreiber der Notare, Officianten und reisende Handlungsgehilfen fand, die es mit ihren Berufsgeschäften nicht allzu genau nahmen, wenn es sich darum handelte, einen tollen Streich auszuführen.

Wenn aber die Gesellschaft dieser Herren angenehm war, müssen wir gestehen, daß sie verderblich wurde. Indem er ihnen Diners gab und nach diesen Diners Bouillotte und Ecarté spielte, nahm er die Freigebigkeit eines Vaters übermäßig in Anspruch und begann Schulden zu machen, die zu bezahlen er sich wohl hütete. Die Gläubiger warteten einige Zeit, denn sie wußten, daß der Vater Montplet, wenn sein Sohn sie nicht zahle, die einst zahlen würde; als sie aber endlich lange genug vergeblich gewartet hatten, ob es dem Sohne passend sein würde zu zahlen, gingen sie in die Meyerei, um ihre Klagen vorzubringen.

Als ihm die ersten Rechnungen überreicht wurden, zahlte Jean Montplet ohne viel zu schreien, da er sich nicht träumen ließ, von welchen Lawinen von Zahlen er bedroht werde.

Die bezahlten Gläubiger sagten dann zu ihren unbezahlten Collegen, wie sie es angestellt hätten, um zu ihrem Gelde zu kommen, und man ging beständig zwischen der Meyerei und den benachbarten Städten und Dörfern hin und her.

So groß auch die Zärtlichkeit eines Vaters für feinen Sohn sein mag, so verschwindet dieselbe, wenn dieser Vater ein Normand ist, fast immer, um der Kaltblütigkeit Platz zu machen, wenn die Geldfrage zur Verhandlung kommt.

Jean Montplet war aus diesem Lande; und um jeder Anforderung dieser Art zu begegnen, kündigte er in dem Journal des Departement an, daß es jedem frei stehe, dem Alain Montplet Credit zu geben oder Geld zu borgen, aber von jetzt an werde er keine von einem Sohne gemachte Schuld anerkennen, viel weniger noch bezahlen.

Das Mittel war heroisch, aber es verfehlte seinen Zweck.

Wenn es sich darum handelt, den Kindern der Familie Geld zu borgen, gibt es weitsichtige Leute, welche sich jagen, daß in Ermangelung der Börse des lebenden Vaters die Erbfolge des todten Vaters eintreten wird, und die so gut die Zinsen von Zinsen zu berechnen wissen, daß man ihnen einen um so größeren Dienst leistet, je länger man sie auf das Kapital warten läßt.

Alain, der sich durch die Gewohnheiten von drei Jahren und den vollständigen Müßiggang Bedürfnisse angeeignet hatte, welche das ihm von seinem Vater bewilligte Jahrgeld nicht befriedigen konnte, fügte sich nicht, sondern empörte sich im Gegentheil.

Er suchte daher einen von jenen verbindlichen Geldverleihern auf, von welchen wir gesprochen haben, und zum Unglück durften seine Augen nicht lange suchen, ehe sie auf Das fielen, was er bedurfte.

Der geeignete Mann befand sich in Maisy selber, das heißt im Bereiche seiner Hand.

Dieser wohlwollende Kapitalgeber hieß Thomas Langot, und war kein Anderer, als der erste Materialhändler des Fleckens.

Wir wollen sagen, was Thomas Langot war, der eine gewisse Rolle in dieser Erzählung spielen soll.

Thomas Langot war der jüngste Sohn einer Fischerfamilie in Saint-Pierre-du-Mont. Die Natur, die ihn in socialer Hinsicht wenig begünstigte, hatte ihn in physischer Hinsicht noch mehr gemißhandelt. Er war schwach, mit der englischen Krankheit behaftet und hinkend. Das am Knie nach innen gebogene Bein ließ immer glauben, daß er, wenn er ging, einen Halbzirkel beschreiben wolle, und nur vermöge gewisser mathematischer Combinationen gelang es ihm, die gerade Linie zu behaupten und zu dem Ziele zu kommen, welches er sich vorgesetzt hatte. Die Schwäche seiner Constitution, vereint mit seinem fehlerhaften Körper, hatte ihm eine elende Kindheit bereitet in einer Welt, wo man die Körperkraft vor allen Dingen schätzt.

Von seinem Vater gemißhandelt, der in ihm nur einen unnützen Mund sah, so wie von seinen Brüdern, deren Aufpasser er wurde, da er nicht ihr Gefährte werden konnte, verhöhnt von seinen kleinen Kameraden, welchen er nur aus der Ferne folgen konnte, und die ihm den Beinamen Säbelbein gegeben hatten, welcher Name ihm blieb, schöpfte der junge Langot aus den frühzeitigen Schmerzen seiner Jugend einen falschen, verbitterten und neidischen Character, aber zu gleicher Zeit einen festen und beharrlichen Entschluß, zu einem Vermögen zu gelangen und so dem Drucke der Beleidigung und der Schmach zu entgehen, welche das beständige Erbtheil des Armen und Schwachen hier auf der Erde zu sein scheinen.

Mit fünfzehn Jahren reiste er, ohne sich um die Entfernung zu kümmern und ohne sich von seiner Gebrechlichkeit zurückhalten zu lassen, mit zwei Fünfrankenthalern in der Tasche nach Paris ab.

Wie legte er den Weg zurück?

Gott weiß es!

Zu Fuß, auf leeren Wagen, auf Retourpferden, Brod essend, Wasser trinkend und sich ein Strohlager erbittend.

Kurz, er wußte sich auf dieser Reise so einzuschränken, daß ihm von diesen Fünfrankenthalern noch acht Livres und elf Sous übrig waren, als er in die große Stadt eintrat.

Nach einander Colporteur, Commissionair, Schuhputzer, Aufleser von Cigarrenresten und Contremarken, sammelte er Heller für Heller, die Summe von hundert Franken, welche er für nöthig gehalten hatte, um den Grund zu dem Vermögen zu legen, wovon er träumte.

Mit dieser Summe versehen, erwarb er sich die Berechtigung und unternahm einen Handel mit alten Kleidern.

Eine Auvergner Habsucht auf eine normännische List gepfropft, war ihm in diesem Geschäfte so nützlich, daß er darin bald geschickter wurde, als alle seine Kameraden.

In der That waren ihm seine psychologischen Studien nützlich.

Er besaß einen wunderbaren Tact, um die Aengstlichkeit des Elends oder den gierigen Durst nach dem Vergnügen in der scheinbaren Gleichgültigkeit zu lesen, womit die Verkäufer ihm ihre Waaren darreichten.

Hunger oder Leidenschaft, Alles mußte ihm dienen. Er spielte mit der Seelenangst wie die Katze mit der Maus, wie der Sperber mit der Lerche. Dieser Shylock im kleinen Maßstabe unterhielt sich zuweilen, wie der Jude von Venedig, den er übrigens nicht einmal dem Namen nach kannte, ihnen ihr Geheimniß zu entlocken, ohne darum einen Heller zu dem bedungenen Preise für den Lumpen, den man ihm anbot, hinzuzufügen. Ganz im Gegentheil, wenn die Wunde offen dargelegt war, fuhr er wie zufällig mit einer schweren Klaue hinein und zog sich zurück, indem er das Blut ableckte, welches ihm an den Nägeln geblieben war.

Kurz, nicht einmal ging er aus dem Kampfe hervor, ohne einen vortrefflichen Handel gemacht zu haben.

Zehn Jahre lang setzte er dieses Geschäft fort und lebte in Paris, als wenn er auf dem Dorfe gelebt hätte. Während dieser zehn Jahre versäumte er keinen einzigen Tag, die Garküche unter freiem Himmel zu besuchen, wo er, als er nach Paris gekommen, für vier Sous sein erstes Mahl eingenommen. Während dieser zehn Jahre veränderte er nicht im Geringsten sein tägliches Leben.

Seit zehn Jahren waren fünfzehn Sous zu seinem täglichen Leben ausreichend.

Die freie und uneigennützige Liebe war ein Luxus, den seine Mißgestalt und sein unfreundliches Wesen nicht gestatteten, und er hielt sich niemals für reich genug, um sich einen Ersatz dafür zu erkaufen.

Thomas Langot wurde also niemals geliebt und liebte nie.

Was die Schauspiele betraf, so war es damit, wie mit der Liebe, und Thomas Langot sah nur diejenigen, welche die Volksfeste, der Assienhof und die Barriere Saint-Jacques gewährten.

Die Energie, womit er zu einem einzigen Ziele hinstrebte, gab ihm die Kraft, dieses klösterliche Dasein inmitten von Versuchungen aller Art zu führen, und die Vergnügungen des modernen Babylon glitten, ohne ihn zu berühren, von dieser rauhen normännischen Rinde ab.

Eines Tages zählte er seinen Schatz, fand ihn genügend, lächelte seine Thaler an, packte ein und kehrte ebenso öconomisch, wie er gekommen war, in seine Provinz zurück.

Er besaß 15 000 Franken.

Er hütete sich wohl, einen triumphierenden Einzug in Maisy zu halten, wo er seine Wohnung aufzuschlagen beabsichtigte.

Nein, er kehrte am Abend, ohne Geräusch in Kleidern zurück, wozu er keine Käufer hatte finden können, und ging, um sich Gastfreundschaft bei einem seiner Brüder zu erbitten, der zugleich Sakristan und Diener des Pfarrers war.

Der Sacristan bat um gastfreundliche Aufnahme auf zwei oder drei Tage für Thomas Langot.

Der Pfarrer bewilligte dieselbe.

Während dieser drei Tage theilte Thomas Langot den bescheidenen Abhub des Pfarres mit seinem Bruder.

Kurz, es waren drei Tage, in welchen er keinen Heller ausgegeben hatte.

Seine Rückkehr war so unbemerkt geschehen, daß nur zwei oder drei Gevatterinnen in Form des Ausrufs und um ihre Unterhaltung wieder fortzusetzen, sagten: »Wissen Sie, Jeanne, wissen Sie, Javotte, Thomas Langot von Saint-Pierre-du-Mont, den man Säbelbein nannte, ist zurückgekehrt.«

Thomas Langot’s Eltern waren eben gestorben.

Um einen Brüdern und Schwestern, die ihn für reich halten konnten, den Gedanken zu benehmen, den geringsten Beistand von ihm zu verlangen, zeigte er sich hart, habgierig und vielfordernd bei der Theilung der wenigen Fischergeräthe, welche den ganzen Nachlaß des Verstorbenen bildeten – so hart, so habgierig, so vielfordernd, daß er sich mit seinem Bruder, dem Sacristan, mit dem er das Zimmer theilte, entzweite.

So sah er sich auf die freie Straße gesetzt.

Darauf ging er zu Jean Montplet und bat ihn, in irgend einem Winkel seiner Meyerei schlafen zu dürfen; dann fragte er ihn, ob er ihm nicht auf einige Tage irgend eine Arbeit für seinen Unterhalt geben könne.

Jean Montplet, welcher Thomas Langot für noch ein Wenig ärmer hielt, als Hiob, antwortete ihm, wenn es nur auf einige Tage wäre, könne er entweder in der Scheune oder in der leeren Hütte des Schäfers schlafen.

Die täglichen Mahlzeiten könne er ohne irgend eine Arbeit mit den Pflügern und den Hirten einnehmen.

Welche Arbeit konnte man von dem armen Säbelbein verlangen? Thomas Langot blieb vierzehn Tage in der Meyerei.

Nach Verlauf von vierzehn Tagen dankte er Jean Montplet und kündigte ihm an, daß er eben einen kleinen Vorrath von Materialwaaren erstanden habe, und bat ihn um seine Kundschaft.

Jean Montplet versprach sie ihm.

Säbelbein überhäufte ihn mit Segenswünschen und Danksagungen und entfernte sich rückwärts schreitend.

Er hatte in der That für sechshundert Franken, in drei Raten je nach sechs Monaten zahlbar, einen kleinen Vorrath von Materialwaaren von einer armen Wittwe gekauft, die von dem kleinen Vorrathe nicht leben konnte, und die sich in den Ruhestand setzen wollte.

In dem Augenblicke, als Thomas Langot die erste Zahlung zu machen hatte, erbot er sich, alle drei auf einmal zu leisten, wenn die Wittwe sich einen Abzug von fünfzig Franken gefallen lassen wolle.

Die Wittwe, die das Land verlassen wollte, nahm dies an, so daß der Vorrath von Materialwaaren Thomas Langot in der That nur 550 Franken kostete.

Aber die Wohnung der Wittwe war zu theuer für ihn.

Er miethete auf dem Platze von Maisy, der Kirche gegenüber, ein schmutziges und verfallenes Haus, wovon er die Reparaturen, deren es bedurfte, selber besorgte.

Nach und nach vergrößerte er seinen Geschäftskreis, indem er bei diesem Wachsthum die äußerste Geduld anwendete.

Endlich, wieder nach zehn Jahren, hatte er jede Concurrenz vernichtet.

Der enge und bescheidene Laden war ein Magazin geworden, worin sich Alles befand, was die Bewohner des Landes fordern konnten: Baumwollenzeuge und Pflugscharen, Lebkuchen und Theer, eiserne Oefen und Rosenkränze.

Da ein Handel bei Weitem nicht das Capital, welches er besaß in Anspruch nahm, so stürzte sich Thomas Langot in jene Art der Speculation, wo die Schaam des Borgens gewöhnlich für die Verschwiegenheit des Borgers einsteht, und so begann er außer einem gesetzmäßigen und offenkundigen Handel ein kleines verborgenes Wuchergeschäft, wobei er zugleich wenig zu wagen und viel zu gewinnen wußte.

Uebrigens waren eine Kenntnisse von Proceßsachen sehr beschränkt.

Er wollte nur von Wiederkäufen hören, die ihm ein sicheres Pfand in die Hände gaben, welches einen dreimal größeren Werth hatte, als die vorgestreckte Summe.

Zum Beispiel, ein Bauer besaß einen Acker, der zu 1500 Franken geschätzt wurde; Thomas Langot borgte fünfhundert Franken darauf und legte zum Voraus seine Klaue auf das Feld.

Wenn der Bauer an dem bestimmten Termine zahlte, nahm Thomas Langot sein Geld mit Zinsen zurück und gab den Acker brummend wie ein Hund, dem man einen Knochen entreißt, wieder heraus.

Wenn der Bauer nicht an dem bestimmten Tage, zu der festgesetzten Stunde und Minute zahlte, packte Thomas Langot die Beute mit seiner Klaue und zog sie nach sich.

Ein zweites Beispiel.

Ein Fischer wollte vom einfachen Matrosen Schiffsbesitzer werden. Thomas Langot liebte die Ehrgeizigen und war immer geneigt, ihnen zu Hilfe zu kommen. Thomas Langot kaufte eine Barke und ließ sich als Sicherheit die Ersparnisse des Fischers auszahlen; dann vertraute er diese Barke dem Fischer unter der Bedingung an, daß der Rest des Kaufgeldes der erwähnten Barke in gleichen Raten und zu bestimmten Zeiten ausgezahlt werde.

Wenn eine Zahlung ausblieb, fiel ihm die Barke wieder zu und er erstattete die früheren Zahlungen nicht zurück. So brachte diese wurmstichige und ausgeflickte Nußschale ihrem Besitzer so viel ein, daß er einen hübschen Dreimaster davon hätte erbauen können.

So reich er, im Gegensatze zu Jean Montplet geworden, war Thomas Langot nicht glücklicher.

Das Glück der Anderen ärgerte ihn, so wie auch die Achtung, die damit verbunden ist, wenn man sein Vermögen auf rechtliche Weise erworben hat.

Er war besonders neidisch auf den Besitzer der Meyerei, dem er nicht verzeihen konnte, daß er ihm als Almosen auf vierzehn Tage Logis und Unterhalt gegeben, und er kam nie an dem Meyerhofe vorüber, ohne einen Blick der gehässigen Habsucht auf diese schönen Felder zu werfen, die von langen und vollen Aehren strotzten.

Er seufzte immer wenn er die Apfelbäume betrachtete, die sich unter der Last ihrer Früchte beugten, und er weinte, wenn er das Gras sah, welches dicht und üppig auf den Wiesen wuchs, wo Kühe und Ochsen weideten, von welchen man nur den Oberkörper, die harmlosen Hörner und die großen sinnenden und erstaunten Augen sah.

Und wohl zehnmal den Kopf umwendend, wenn er sich von diesem Eden entfernte, fragte er sich, warum dies Alles Jean Montplet und nicht ihm gehöre, und es schien ihm, als wären diese schönen Aecker, dieses große Landgut, dieses glänzendere Rindvieh die Frucht eines Diebstahls, wovon er, Thomas Langot, das Opfer sei.

Nun hatte Säbelbein, wie man ihn nannte – man entschuldige uns, wenn dieser Name zuweilen unserer Feder entschlüpft – nun hatte Säbelbein, sagen wir, auf bewunderungswürdige Weise vorhergesehen, wie Alain’s leichter Character, wie die schlechte Erziehung, die er erhalten, wie die unregelmäßige Aufführung, welche die Folge davon gewesen, der Erfüllung seiner Wünsche günstig sein könne.

Ungeachtet der geringen Sympathie, die zwischen zwei faunähnlichen Wesen existieren mußte, wußte er es so einzurichten, daß er sich die Freundschaft des jungen Mannes verschaffte.

Er kam seinen Geständnissen zuvor und seine Bedürfnisse errathend, ging er in seinem Falle allein von seinen mißtrauischen und geizigen Gewohnheiten ab; ihm allein streckte er Geld vor, ohne Zinsen anzunehmen und ohne einen Wechsel zu verlangen; dann als er ihn genügend angeködert hatte, beschränkte er nach und nach seine Großmuth und endlich eines Tages, als der junge Mann mit dringender Bitte Geld von ihm verlangte, erklärte er ihm, daß seine Kasse leer sei.

Er verschaffte ihm dennoch die verlangte Summe, doch sagte er, er habe sie sich selber borgen müssen.

So begannen die übertriebenen Anforderungen des angeblichen Leihers Thomas Langot reichlich für die anfänglich verstellte Uneigennützigkeit zu entschädigen.

Alain Montplet hatte die Fingerspitze in ein Räderwerk gebracht.

Drittes Kapitel.
Alain Montplet’s erste Waffen

Als Alain Montplet einmal diesen Weg der thörichten Ausgaben und der wucherischen Anleihen betreten hatte, konnte er nicht mehr anhalten.

Bei jedem dieser ohne Aufhören wiederkehrenden Bedürfnisse wendete er sich an Thomas Langot.

Die Anforderungen dieser Art erneuerten sich so oft, daß der Wucherer, sei es nun wirkliche Erschöpfung oder Berechnung, eines schönen Tages seinem Clienten im Vertrauen zu verstehen gab, daß er Unrecht thue, nicht von Jean Montplet den Antheil zu verlangen, der ihm von einem mütterlichen Erbe zukomme.

Diesmal erbebte Alain, als wenn ihn ein Viper gestochen hätte.

Er dachte einen Augenblick nach und antwortete dann, daß seine Mutter als einfache Bäuerin ihrem Manne nichts zugebracht habe und daß ein Anspruch an Gütergemeinschaft von einer Seite nicht gerechtfertigt sein würde.

Langot mochte, wie er wollte, die hübsche runde Summe, welche die Theilung ihm einbringen würde, vor den Augen des jungen Mannes funkeln lassen; er mochte ihm das Verlangen einflößen, Paris zu sehen und sich den zahllosen Vergnügungen hinzugeben, die man dort findet, wenn man ein hübsches Gesicht und eine wohl gefüllte Börse hat. Alain widerstand fortwährend diesen glänzenden Vorspiegelungen.

Ungeachtet seiner Leichtigkeit war Alain von keiner üblen Gemüthsart. Er liebte seinen Vater und war unfähig zu einer überlegten Absicht, ihm, ohne durch irgend eine Leidenschaft dazu getrieben zu werden, einen so großen Kummer zu verursachen.

Aber die Umstände zogen ihn wider seinen Willen zu dem Abhange hin, zu welchem Langot ihn hinschob.

In Folge einer kleinen Anforderung, wo der brutale Gläubiger mit Execution und Verkauf gedroht hatte, wurde der Erbe der Meyerei – nachdem Jean Montplet dem Anforderer ins Gesicht gelacht und ihm gesagt hatte, daß sein Sohn ein Lump sei, ohne Geld oder Geldeswerth, von dem er nicht mehr, als von einer Eierschale würde herunterscheeren können – so erbittert von diesen Worten, die er gehört hatte, daß er, als der Gläubiger fort war, seinerseits eintrat und ganz einfach zu Jean Montplet sagte, daß er, Alain, noch kein so großer Lump sei, als wofür sein Vater ihn ausgeben wolle, da er noch das Vermögen seiner Mutter habe, wovon man ihm noch nie gesprochen.

Da Jean Montplet schon sehr aufgebracht war, so kannte sein Zorn keine Grenzen, als er diese Anforderung aussprechen hörte, die er nicht erwartet hatte und die durch die Art, wie sie gemacht wurde, zugleich etwas Vorwurfsvolles und Drohendes an sich hatte.

Alain, der vielleicht das Gefühl der kindlichen Liebe hatte, dem aber der Zauber derselben fehlte, antwortete auf diesen Ausbruch des väterlichen Zornes mit einigen unpassenden Worten, und der alte Landmann, aufgebracht von dieser Undankbarkeit, verfluchte seinen Sohn und jagte ihn aus dem Hause.

Zu Thomas Langot ging Alain Montplet, um ihm seinen Kummer mitzutheilen.

Er fand den Wucherer selbst in einem lebhaften Kummer.

Langot hatte sein Vermögen nicht so verbergen können, daß es nicht durch die rissigen Wände und die trüben Fensterscheiben seines Hauses gestrahlt.

Die Folge von diesem Mangel an Verschwiegenheit der Wände und Fensterscheiben war, daß die Anforderungen der arm gebliebenen Familie zu ihm drangen.

Langot hatte bis dahin heroisch dem Andringen widerstanden, welches ein wirkliches Elend vor den Augen der Welt rechtfertigte, aber nicht vor den seinigen, die durchdringender und schwerer zu rühren waren, als plötzlich der Mann einer seiner Nichten, ein armer Fischer von der Küste, in einem Sturme umgekommen war und seine Frau als Wittwe und ohne Hilfsmittel mit einem Kinde von sieben bis acht Jahren hinterlassen hatte. Der Maire von Maisy, von diesem großen Mißgeschicke gerührt, war in Person gekommen, um Langot in seinem Laden aufzusuchen und ihn im Namen der Familienbande und der christlichen Liebe aufzufordern, irgend Etwas für die arme Jeanne Marie zu thun. – Dies war der Name der Wittwe.

Der Materialhändler, der in diesem Augenblicke nach der Würde eines Gemeinderathes strebte, hatte nicht gewagt, sich zu weigern, wie er zu thun große Lust hatte. Nur hatte er es so eingerichtet, diese Großmuth so wenig lästig wie möglich werden zu lassen.

Bis dahin hatte er die Geschäfte seines kleinen Haushalts und eines vielseitigen Handels allein besorgt, und es war ein Wunder, zu begreifen, wie er, da er weder lesen noch schreiben und nur einen Namen unterzeichnen konnte, dahin gelangt war.

So machte Thomas Langot, vermöge eines bewunderungswürdigen Mechanismus des Gedächtnisses, alle seine Berechnungen im Kopfe.

Freilich, da er bei dem täglichen Verkaufe an die Bewohner von Maisy keinen Credit gab, so bedurfte er auch keines Rechnungsbuches, und was seine Schuldscheine und Wechsel betraf, so waren sie von Dem unterschrieben, der sie ihm ausstellte.

Aber wir begreifen wohl, daß Dies alles, so wie sich die Geschäfte vervielfachten, eine kopfbrechende Arbeit war.

Uebrigens wurde Thomas Langot alt; er fühlte das Bedürfniß eines Beistandes hinsichtlich der materiellen Seite seiner Haushaltung; und als ihm die Aufforderung des Maire kam, war er beinahe entschlossen, sich den Luxus einer Magd zu gestatten.

Thomas Langot hatte also eben feierlich der Behörde angekündigt, daß er seine Nichte Jeanne Marie und das verwaiste Kind bei sich aufnehmen wolle.

Es waren zwei Personen zu ernähren, aber es war eine Entschädigung dabei – er durfte keinen Lohn ausgeben; und doch, ungeachtet dieser Entschädigung, von der wir sprechen, die ihm aber wahrscheinlich nicht recht einleuchten wollte, fand der Materialhändler den Handel nicht sehr vortheilhaft, denn wir haben gesagt, daß er in sehr übler Laune war, als Alain Montplet die Thür seines Ladens öffnete.

Ein ärmlicher Laden war es, mit dem Ladentische zur Rechten des Einganges; dann kam der Kamin ohne Feuer – im Winter wie im Sommer, das Bett im Schatten der Tiefe und über die ganze übrige Wand Regale und Schubfächer mit Aufschriften.

In diesem Laden verschimmelte Thomas Langot, indem er sich wie ein Pilz abrundete.

Uebrigens war es eine gute Neuigkeit, die ihm sein Client Alain brachte, indem er ihm ankündigte, daß er sich mit seinem Vater entzweit habe.

Auch war sie genügend, den Aerger des Wucherers zu beseitigen. Thomas ließ sich den Streit von dem jungen Manne zweimal umständlich erzählen, dann rieb er sich geräuschlos die Hände, indem er Grimassen schnitt:

»Es ist ärgerlich, es ist Schade, es ist widerwärtig, einen Sohn und einen Vater so auf’s Aeußerste kommen zu sehen!«

Aber dieses Aeußerste war gerade eine Angelegenheit für Thomas Langot; und vermöge der Vorschüsse, die er dem Sohne bereits gemacht, und die er ihm noch zu machen gedachte, sah er sich schon im Traum am Winkel des großen Kamins im Meyerhause, einen Becher Cider von dem berühmten Obstgarten in kleinen Zügen nippend; und um diesen Traum zu verwirklichen, begann er, während er sich stellte, als bedauere er seine Lage, den Sohn zum Kriege zu treiben.

Wie alle Männer von sanguischem Temperamente, die gewöhnlich heftig und gute Menschen sind, hatte Jean Montplet, als der Anfall eines Zornes sich besänftigt hatte, bedauert, wohin ihn derselbe geführt. Er hatte einen Fluch so schnell zurückgenommen, daß der liebe Gott – so hoffte er wenigstens – nicht Zeit gehabt hatte, ihn in die Tafeln seines Gerichts einzutragen; dann, als er seinen Fluch zurückgenommen hatte, als wenn ein Sohn hätte fühlen müssen, daß er nicht mehr über einem Kopfe schwebe, erwartete er Alain, um ihm seine Arme zu öffnen, ihn an sein Herz zu drücken und ihn um Verzeihung zu bitten wegen des Unrechtes, welches ihm das böse Kind zugefügt hatte.

Vielleicht, wäre Thomas Langot nicht gewesen, so hätten diese Arme den Sohn umfaßt und Alles wäre vergessen gewesen.

Aber anstatt Alain’s war es ein Gerichtsdiener, der sich an der Barriere zeigte, welche der Obstgarten auf der Meyerei bildete.

Dieser Gerichtsdiener, an den Thomas Langot den jungen Mann gewiesen, war der Ueberbringer einer Vorladung und einer förmlichen Aufforderung Rechenschaft abzulegen.

Jean Montplet war wie vernichtet. Er weinte, er, der seit dem Tode seiner armen Frau keine Thräne vergossen hatte. Dann, als diese Thränen versiegt waren, blieb er zwei Stunden lang vor diesem schlecht geschriebenen Stück Papier sitzen und drehte es beständig zwischen seinen Fingern herum, wie es ein Verurtheilter mit einem Todesurtheile thun würde, und fragte sich, wie so viel Undankbarkeit in so wenigen Zeilen enthalten fein könne.

O! Ich kann Euch versichern, es war ein großer und tiefer Schmerz, den Jean Montplet beim Anblicke dieses Stück Papiers empfand! So groß, so tief, daß er ihn heftig erschütterte und das Nationalgefühl auslöschte.

Der arme Vater vergaß, daß er Normand war, schüttelte den Kopf, um seinen eigenen Gedanken zu antworten, und entsagte der Klage.

Er theilte ein Vermögen in zwei Theile, machte den einen zu Gelde, welches er zu dem Notar eines Sohnes, einem Winkelsachwalt in Isigny, Namens Richard, trug, und beauftragte ihn, Alain zu sagen, wenn er, Jean Montplet darauf bestanden, dieses Geld zu behalten, so sei es nur geschehen, um es ihm eines Tages mit Wucher wiederzugeben.

Dann kehrte Jean Montplet, der diesmal vollständig verwittwet war, da er die Mutter und das Kind verloren hatte, zurück, um sich in die Meyerei einzuschließen, die selbst sehr verändert war, seit der Entfernung des Undankbaren, der die Seele des Hauses und die Freude des Herzens gewesen.

Von jetzt an lebte er in seiner Einsamkeit oder vielmehr in seiner Abgeschiedenheit eben so traurig, eben so düster und eben so verzweifelt, wie er in der Vergangenheit heiter lächelnd und freudig gelebt hatte.

Was Jean Montplet’s Schmerz noch verdoppelte, war, daß er erfuhr, Alain sei nach Paris abgereist.

Und in der That richtete das Leben in der Provinz nicht so schnell zu Grunde, wie es den Wünschen Thomas Langot’s entsprach.

Er bedurfte der Stadt Paris, dieses Strudels und Abgrundes zugleich, dieser Stadt Paris, welche berauscht und verschlingt.

Alain war also in Paris, wo er mit Jean Montplet’s Thalern ein lustiges Leben führte.

Dieses Leben wollen wir nicht zu beschreiben versuchen, übrigens liegt das Herz des Buches, welches wir schreiben nicht hier, und wir sind erst bei der Vorrede, kaum bei der Exposition angekommen.

Die Geschichte aller verlornen Söhne ist dieselbe: da ist die Tafel, das Spiel und die Weiber.

Alain Montplet brachte ein Jahr in Paris zu. Man rechnet vier Monate für die Maison-d’Or, vier Monate für Frascati und vier Monate für das Quartier-Breda, und Ihr habt beinahe die topographische Geschichte seines Lebens während dieses Jahres.

Brutal, absprechend und selbst grob, wie er es war, konnte Alain nicht umhin, häufig in unangenehme Streitigkeiten verwickelt zu werden.

Er hatte zweimal einen ernstlichen Streit. Der eine war auf dem Balle im Opernhause.

Als er betrunken war, beleidigte er einen jungen Mann, an dessen Arme er ein Frauenzimmer zu erkennen glaubte, welches eine Geliebte gewesen.

Alain Montplet verstand sich nur auf Eins, nämlich zuzuschlagen, und er schlug zu.

Er war stark wie ein Stier. Der junge Mann, den er geschlagen hatte, beugte sich unter dem Schlage und versuchte nicht einmal, ihn zurückzugeben.

Aber am folgenden Morgen um sieben Uhr ließen ihm zwei junge Männer, die unserem Helden unbekannt waren, die Karte überreichen.

Alain Montplet stand brummend auf.

Die beiden Unbekannten waren die Zeugen des jungen Mannes, den er auf dem Opernballe beleidigt hatte.

Alain Montplet, der in die Maison-d’Or gegangen war, hatte den Opernball, das masquierte Frauenzimmer und den Streit vergessen.

Die beiden jungen Leute erinnerten ihn höflich an Dies alles; nach und nach wurde es in Alain’s Kopfe hell. Es wurde ihm erklärt, daß es in Paris nicht ganz so sei, wie in Maisy, wo es hinreichend sei, der Stärkste zu sein, um Recht zu haben; es wären unter gebildeten Leuten andere Formen zu beobachten, und um die Ungleichheit der Kräfte auszugleichen, habe die Civilisation kleine Instrumente erfunden, wovon man einige Degen und andere Pistolen nenne, und vermöge welcher der Zwerg dem Riesen, der Schwache dem Starken gleich werde.

In Folge Dessen nahm Monsieur Hector de Ravennes, der die Ueberlegenheit der Stärke des jungen Bauern anerkannte und darauf verzichtete, mit Faustschlägen gegen ihn zu kämpfen, sein Recht in Anspruch, sich auf andere Weise Genugthuung zu verschaffen.

Alain Montplet wurde also aufgefordert, sich zwei Zeugen zu wählen, und sich am folgenden Tage um neun Uhr Morgens in der Allee-de-la-Muette einzufinden.

Er konnte seine Degen mitbringen; sein Gegner brachte auch die einigen mit.

Man wollte durchs Loos entscheiden, welcher man sich bedienen sollte.

Alain begriff während dieser ganzen Auseinandersetzung, daß es eine ernstliche Sache sei, und daß es sich ums Leben handelte.

In Maisy war es bequemer, besonders für ihn.

Wenn er einen Streit gehabt, hatte man sich mit den Fäusten geschlagen; man kam mit einem abgebrochenen Zahne, einer zerquetschten Nase oder einem angelaufenen Auge davon; aber Das war Alles.

In Paris ging es, wie es ihm schien, anders zu.

Nun war man in Paris – und nicht in Maisy; in dem Departement der Seine und nicht im Departement Calvados.

Man mußte sich also der Sitte des Ortes fügen.

Der junge Landmann war tapfer.

Er war also weit entfernt, den Zweikampf, wozu er aufgefordert wurde, auszuschlagen.

Aber er hatte nie einen Degen in der Hand gehabt und es war ihm nie der Gedanke in den Sinn gekommen, daß er einst Veranlassung haben werde, einen zu führen.

Er wußte ebenso wenig mit Pistolen umzugehen; aber er hatte seine Flinte viel gehandhabt und wußte sich derselben auf ausgezeichnete Weise zu bedienen.

Nur sah er ein, daß eine große Aehnlichkeit zwischen der Flinte und der Pistole obwalte, so daß er mit der Pistole wenigstens ein Leben vertheidigen konnte.

Er verlangt also, daß man anstatt des Degens die Pistole anwende.

Aber auf diesen Vorschlag wurde ihm eine zweite Theorie, ebenso logisch wie die erste, auseinandergesetzt.

Nämlich, daß Der, welcher beleidige oder schlage, sich durch die zugefügte Beleidigung oder den gethanen Schlag der gänzlichen Verfügung seines Gegners aussetze; sonst würde der Mann, der eine Ueberlegenheit in irgend einer Waffe zu haben fühle, beleidigen, schlagen und dann seine Waffe bestimmen können.

Diese bewunderungswürdige Erfindung der Degen und Pistolen, welche der physischen Stärke ein Gleichgewicht bildet, würde sonst völlig unnütz werden.

Alain Montplet hatte den Vortheil gehabt, zu beleidigen und zu schlagen. Es blieb dem Monsieur Hector de Ravennes gegen diese beiden Vortheile, die sich ein Gegner angemaßt hatte, der einzige Vortheil, die Waffen zu wählen.

Auf diesen Vortheil machte er Anspruch und wählte den Degen.

Alain Montplet wollte noch einige Bemerkungen machen, aber er erhielt die Antwort, daß man beauftragt sei, Genugthuung von ihm zu verlangen und nicht, seine Erziehung zu vervollständigen; wenn er an der Wahrheit, der ihm mitgetheilten Worte zweifle, könne er sich bei seinen Secundanten erkundigen, und wenn ihm Das noch ungenügend erscheine, könne er die Duellgesetze befragen, die in dem vortrefflichen Buche des Grafen de Chateau-Villars, eines untadelhaften Cavaliers in Hinsicht der Geburt, der Loyalität und des Muthes, enthalten wären.

Es gebe noch ein anderes Mittel, Alles auszugleichen.

Nämlich, sich schriftlich bei dem Herrn Baron Hector de Ravennes zu entschuldigen und Alles dem Zustande der Trunkenheit zuzuschreiben, in welchem sich Monsieur Alain Montplet in dem Augenblicke befunden, als die Beleidigung vorgegangen.

Aber bei diesen Worten, welche Einer von den Zeugen des Monsieur Hector de Ravennes geäußert, stand Alain Montplet mit einer Würde auf, deren man ihn für unfähig gehalten, und kündigte den Zeugen seines Gegners an, daß er den Degen annehme und daß er sich am folgenden Morgen zu der bezeichneten Stunde mit zwei Freunden in der Allee-de-la-Muette einfinden wolle.

Die beiden jungen Leute, die begonnen hatten, Alain Montplet mit einer Unwissenheit auszuspotten, fanden hinter dieser Unwissenheit den Muth und entfernten sich, unseren Helden mit jener respectvollen Höflichkeit begrüßend, welche immer die kräftigen Naturen einflößen.

Alain Montplet erwartete seinerseits gerade zwei Freunde zum Frühstücke.

Diese beiden Freunde kamen zu der verabredeten Stunde.

Der Wirth erzählte ihnen die Geschichte.

Es waren ziemlich gemeine Leute, wie alle Freunde, die unser Landmann sich in Paris erworben hatte; aber es waren Leute, die am Ende mit dergleichen Angelegenheiten bekannt waren und die ihrem Zöglinge die Versicherung gaben, – Alain Montplet hatte sie nämlich gebeten, ihm als Secundanten zu dienen – daß die Secundanten seines Gegners ihm Nichts gesagt hätten, was nicht die vollständige Wahrheit wäre.

Es handelte sich darum zu erfahren, was man mit Alain Montplet anfangen solle, wenn er den Degen in der Hand habe.

Es gibt in Paris einen Fechtmeister, welcher einen Ruf wegen einer sogenannten Vertheidigungslectionen hat, und der mit dieser Art von Lectionen einigen zwanzig Ungeschickten oder Unwissenden das Leben gerettet.

Dieser Fechtmeister ist Grisier.

Nach dem Frühstücke begab man sich in die Vorstadt Montmartre Nr. 4.

Dort ertheilte der berühmte Professor seine Lectionen.

Einer von den beiden Secundanten Montplet’s war ein Schüler Grisier’s.

Er erklärte dem Lehrer die Sache.

»Ah! ah!« sagte Dieser, »und Dies ist unser junger Mann ?«

»Da bin ich,« sagte Montplet.

»Und Sie haben nie ein Fechtrapier in der Hand gehalten?«

»Niemals!«

»Haben Sie Furcht?«

»Vor was?«

»Verwundet zu werden?«

»Ich?« sagte Montplet, indem er mit den Fingern ein Schnippchen schlug; »daran liegt mir Nichts.«

Wir sind nicht ganz gewiß, ob er gerade so sagte, Der Professor war gewohnt, so viele junge Leute im Begriff zu sehen, sich zu schlagen, daß er psychologische Studien über die verschiedenen Temperamente hätte anstellen können.

Er erkannte, wie es der junge Landmann in der That sagte, daß die Gefahr, welche sie auch sein mochte, keinen großen Einfluß auf diese wilde Organisation hatte.

»Sie wünschen,« sagte der Professor, »daß ich Sie in den Stand setze, nicht getödtet zu werden, oder mit einer Schramme davonzukommen?«

»Was die Schramme betrifft,« antwortete Alain, »so zweifle ich, daß es möglich ist, da ich mich auf das Stockfechten verstehe.«

Grisier schüttelte den Kopf.

»Eine schlechte Gewohnheit,« sagte er; »im Allgemeinen berühren die gebildeten Leute einander nur mit dem Degen.«

»Ja, ich weiß Das seit gestern. Aber ich bin kein gebildeter Mann; ich bin ein einfacher Bauer.«

»Teufel! nun, was wollen Sie? Man sagt mir, daß Sie sich mit Monsieur Hector de Ravennes schlagen wollen; es ist ein bekannter Fechter von vorzüglicher Geschicklichkeit. Sie denken doch nicht, daß ich Sie von heute bis morgen in den Stand setzen kann, ihn zu tödten, ihn zu verwunden oder zu entwaffnen?«

»Ich will Nichts weiter, als daß ich mich unter den Waffen nicht lächerlich mache. Stellen Sie mich sogleich in die Parade, Das ist es, was ich von Ihnen verlange.«

»Sie wissen, daß Das, was Sie von mir verlangen, gerade das Mittel ist, sich tödten zu lassen?«

»Wie denn Das?«

»Da Monsieur Hector de Ravennes Ihre Unerfahrenheit im Fechten an Ihrer ungeschickten Parade erkennen muß, so wird er keinen Mord begehen wollen, indem er Sie tödtet. Er wird sich begnügen, Sie zu verwunden oder Sie zu entwaffnen.«

»Ei! zum Henker! Das ist es gerade, was ich nicht will. Er tödte mich, aber er soll nicht meiner spotten. Zeigen Sie mir, wie ich mich in die Parade zu stellen habe, und beschäftigen Sie sich nur damit. Ich will meinen Degen nicht wie eine Wachskerze oder einen Besenstiel in der Hand halten; das Uebrige ist die Sache des Wundarztes, wenn er mich verwundet, und des Todtengräbers, wenn er mich tödtet.«

»Es wäre Schade, wenn er Sie tödtete,« entgegnete Grisier; »denn Sie haben mir das Ansehen eines wackeren Burschen! – Nun, so nehmen Sie ein Rapier, und lassen Sie uns Das einüben.«

Nach einer Viertelstunde war Alain Montplets Auslage so gut, als hätte er seit zehn Jahren den Fechtboden besucht.«

Als er Dies erlangt hatte, ging der Professor zu der Vertheidigung über.

Sie bestand darin, einem Gegner in den Stoß zu fallen und zweimal mit dem Fuße zu stampfen, parierend zurückzuweichen und Gegenstöße zu thun.

Vermöge seiner eisernen Muskeln konnte Alain Montplet eine Lection von zwei oder drei Stunden nehmen.

»Befolgen Sie die Instructionen, die ich Ihnen ertheile,« sagte Grisier, »und Sie werden mit zwei oder drei Schrammen davonkommen.«

Dann wendete er sich zu den Secundanten und sagte:

»Meine Herren, es wird an Ihnen sein, dem Zweikampfe ein Ende zu machen, wenn Sie denken, daß er auf ehrenvolle Weise beendet werden kann.«

Alain bot dem Professor eine Börse an.

»Diese Lection, mein Herr,« sagte der Fechtmeister, »gebe ich unentgeltlich, oder wenigstens lasse ich sie erst nach der Rückkehr von dem Terrain zahlen.«

Alain faßte die Hand des Professors und drückte sie ihm so, daß er sie fast zerbrochen hätte.

»Ein hübscher Händedruck,« sagte Dieser; »wie Schade, daß Sie bei einer so starken Faust sich nicht schon mit zehn oder zwölf Jahren der Fechtkunst gewidmet haben.«

Alain Montplet kaufte, als er von Grisier kam, ein Paar Degen bei Derisme.

Derisme, selber ein vortrefflicher Fechter, hatte diesen Waffen, welche gewöhnlich Colichemardes genannt werden, eine angemessene Biegung und ein schützendes Stichblatt gegeben.

Daraus, daß ein Mann solche Waffen besaß, konnte man schließen, daß er sich ihrer zu bedienen verstehe.

Als Alain Montplet nach Hause kam, stellte er sich vor seinem Spiegel in Parade und war sehr zufrieden mit sich selber.

Am folgenden Morgen um acht Uhr war er auf und erwartete seine beiden Secundanten.

Sie kamen in einem Miethwagen.

Sie hatten einen jungen Eleven der Chirurgie, der ihr Freund war, bei sich.

Um drei Viertel auf Neun fuhren Montplet, seine beiden Secundanten und der Wundarzt in die Allee-de-la-Muette ein.

Das Zusammentreffen war erst auf neun Uhr bestimmt, wie wir es gesagt haben.

Fünf Minuten vor neun Uhr zeigte sich ein Wagen am Ende der Allee.

Er kam rasch näher.

Drei junge Männer stiegen aus.

Die drei jungen Männer waren Monsieur Hector de Ravennes und die beiden Secundanten, welche am Tage zuvor in seinem Namen zu Alain Montplet gekommen waren.

Die Secundanten und die Gegner grüßten einander mit Höflichkeit.

Dann gingen die Secundanten auf einander zu, prüften die beiden Paar Degen, erkannten sie von beiden Seiten für passend und warfen einen Louisdor in die Luft, um zu entscheiden, welches Paar den Vorzug haben solle.

Der Zufall entschied sich für die am Tage zuvor bei Derisme gekauften Waffen.

Einer von den Secundanten reichte beide Degen gekreuzt dem Baron.

Dieser nahm einen; der, den er zurückließ, wurde Alain Montplet zugestellt. Der Baron stellte seinen Degen auf den Stiefel und fuhr dann damit durch die Luft.

Darauf wendete er sich an seine Secundanten.

»Dies ist eine vortreffliche Waffe und hat einen bewunderungswürdigen Griff,« sagte er; »ich ziehe diesen Degen dem meinigen vor.«

»So erlauben Sie, Herr Baron,« sagte Alain Montplet, »ehe wir wissen, was wir mit den unsrigen ausrichten werden, daß ich die Ehre habe, Ihnen das Paar anzubieten?«

Der Baron verbeugte sich ohne zu antworten. Der Faustschlag Montplet’s war zu stark gewesen, als daß er sich zu einer großen Erwiderung der Höflichkeit hätte veranlaßt finden sollen.

Einer von den Secundanten kreuzte die Spitzen der beiden Degen, und als er mit der größten Sorgfalt die Sonne und das Terrain getheilt hatte, trat er einen Schritt zurück und sagte

»Auf die Mensur, meine Herren!«

Die Duellanten legten sich in Parade.

Alain Montplet, der sich der Lection des Professors erinnerte, nahm eine so sichere Auslage an, als wäre er in eben so guter Fechter gewesen, wie der Baron von Ravennes.

Wie Grisier es ihm vorher gesagt hatte, war diese akademische Stellung ein Verderben.

Der Baron von Ravennes trat einen Schritt zurück.

»Was zum Teufel hat man mir denn gesagt,« flüsterte er seinen Secundanten zu, »daß der Herr noch nie einen Degen in der Hand gehalten hätte? Er liegt ja aus wie der heilige Georg!«

Dann legte er sich selber wieder in Parade und sagte:

»Es thut mir leid um ihn; ich war entschlossen, ihn nur zu verwunden; ich werde genöthigt sein, ihn zu tödten.«

Man hörte die Berührung des Stahls, man sah den Degen des Barons wie eine Schlange dahingleiten, und die Klinge seines Gegners umspielend, fiel der Baron weit aus und richtete sich in kürzerer Zeit wieder auf als der Blitz bedarf, um zu glänzen und zu erlöschen.

Das Hemd Alain Montplet’s färbte sich mit Blut; einen Augenblick blieb er noch aufrecht stehen; man hätte denken sollen, daß ein einziger Stoß den Koloß nicht umstürzen könne.

– Endlich schwankte er auf seinen Füßen, streckte die Arme aus, ließ seinen Degen fallen, ein röthlicher Schaum zeigte sich auf einen Lippen und dann stürzte er plötzlich nieder wie eine Eiche, von dem Beil des Holzhauers entwurzelt.

Die Zeugen sahen den Fall des jungen Mannes mit einer Gemüthsbewegung an, welche ein ähnliches Schauspiel immer erregt.

Darauf wendete sich der Baron zu den vier Zeugen und fragte:

»Meine Herren, habe ich als Mann von Ehre gehandelt?«

»Ja,« antworteten die vier Zeugen einstimmig.

»Konnte ich anders handeln, nach einer Beleidigung, wie sie mir zu Theil geworden?«

»Nein,« wurde mit derselben Einstimmung geantwortet.

»In diesem Falle hoffe ich, daß das Blut über das Haupt des Beleidigers kommen wird.«

Die Secundanten gaben ein Zeichen, welches sagen wollte, daß dieser Wunsch völlig erhört zu sein scheine, worauf der Baron mit seinen beiden Zeugen wieder in den Wagen stieg und Alain Montplet leblos wie eine Leiche in den Händen einer beiden Freunde und des jungen Wundarztes zurückließ.

Viertes Kapitel.
Eine Wiedervergeltung, welche die Angelegenheiten nicht ausgleicht

Alain war indessen nicht todt.

Der Degen hatte eine Rippe getroffen und war ein wenig von seiner Richtung abgewichen.

Er war durch die Brustmuskel gedrungen, hatte den äußeren Rand der rechten Lunge verletzt und war unter dem Schulterblatt wieder herausgekommen.

Es war ein hübscher Degenstoß, sehr zierlich und frei, aber nicht durchaus tödtlich.

Indessen war der Verwundete nahe daran, zu ersticken.

Es war eine Verblutung zu befürchten.

Der junge Wundarzt zog ihm den Hemdärmel herauf, entblößte seinen herkulischen Arm und öffnete ihm eine Ader, um einen starken Aderlaß zu bewerkstelligen.

Alain öffnete die Augen wieder und athmete leichter.

Aber bei der ersten Bewegung, die er zu machen versuchte, fehlte ihm die Stärke und er wurde von Neuem ohnmächtig.

Man war nur wenige Schritte von dem Pavillonde-Madrid entfernt, und dorthin brachte man den Verwundeten.

Dieser Pavillon ist von einem Wächter bewohnt, der, an ähnliche Besuche gewöhnt, immer für solche Fälle ein Zimmer in Bereitschaft hält.

Dies ist das Trinkgeld des alten Mannes.

Zum Glück war dieses Zimmer nicht besetzt; seit acht Tagen hatte man sich in der Umgebung von Madrid nicht geschlagen, und der letzte Verwundete war nach Verlauf einer Viertelstunde gestorben.

Man breitete frische Betttücher auf das Bett und legte Montplet darauf.

Der junge Wundarzt, der noch keine Praxis hatte, konnte ihm eine ganze Zeit widmen.

Diese beständige Sorgfalt, vereint mit der vortrefflichen Körperbeschaffenheit des Verwundeten machten, daß die Genesung mit erstaunenswerther Schnelligkeit vor sich ging, für Die, welche nicht wußten, wie schnell gewisse Wunden heilen.

Drei Wochen, nachdem seine Brust durchlöchert worden war, konnte Alain Montplet wieder aufstehen.

Acht Tage später bezahlte er den wackeren Wächter reichlich für den Unterhalt eines Monats.

Dann kehrte Alain in eine Wohnung zurück, ebenso wohl, wie an dem Tage, als er hinausgegangen war.

Nur eine Idee quälte Alain.

Wenn er nicht einem Pariser zurückgab, was ein Pariser ihm gegeben, so mußte er, wie man auf der Schule sagt, einen Makel auf sich sitzen lassen.

Nun schmeichelte sich Alain, daß er sich nie dergleichen habe zu Schulden kommen lassen.

Er ging, seinen Professor zu besuchen.

Als dieser ihn nicht zurückkehren gesehen, hatte er errathen, was geschehen war.

Der Genesene erzählte ihm mit allen Einzelnheiten, wie die Sache sich zugetragen; Grisier hatte sich keinen Vorwurf zu machen, er hatte ihm vorher gesagt, wenn sein Gegner eine so gute Auslage sähe, würde er glauben, daß Etwas dahinter sei.

Der Baron hatte sich nicht geirrt: hinter der Auslage war Alain Montplet’s Körper.

Alain erinnerte hierauf den Professor an Das, was er von seiner Anlage zum Fechten gesagt, und fragte ihn, wie viel Zeit er glaube, daß er verwenden müsse, um dem Baron Hector gewachsen zu sein.

Grisier ist ein gewissenhafter Mann, der einen Eleven nicht täuschen würde.

»Zwei Jahre,« sagte er ihm, »wenn Sie mit Aemsigkeit studieren.«

Alain Montplet war unfähig, eine Sache, welche es auch ein mochte, zwei Jahre zu treiben.

»Gut,« sagte er, »es ist mir lieb, daß Sie mir Das jagen; ich will mich auf das Pistolenschießen legen; in acht Tagen werde ich mich vollkommen darauf verstehen.«

Grisier versuchte den jungen Mann davon abzubringen, sich dem Studium einer Waffe zu widmen, die so undankbar und brutal sei, wie die Pistole.

»Der Degen,« sagte der berühmte Professor, »der Degen ist die wahre Waffe des Cavaliers.«

»O! was Das betrifft,« erwiderte Montplet, »ist mir die Sache sehr gleichgültig; ich bin kein Cavalier, ich bin ein Bauer.«

»Aber,« versetzte Grisier, »wenn Der, mit dem Sie künftig zu thun haben werden, den Degen wählt?«

»Gut,« sagte Montplet, »ich weiß jetzt, wie es damit zugeht; der Beleidigte hat die Waffe zu wählen; ich werde warten, bis man mich beleidigt!«

»Warum das ?«

»Nun, um mich zu schlagen.«

»Sie haben also einen Groll auf Ihren Gegner?«

»Auf Monsieur Hector de Ravennes? Nicht den geringsten! Es ist ein charmanter Junge, der die ganze Zeit, während ich zu Bette gelegen, keinen einzigen Tag verfehlt hat, nach meinem Befinden fragen zu lassen; weit entfernt, einen Groll gegen ihn zu haben, würde ich, wenn ich von seinem Range wäre, ihn bitten, mich zu seinen Freunden zählen zu dürfen.«

»So haben Sie also einen Groll auf irgend einen Anderen?«

»Auf Niemand in der Welt! Nur begreifen Sie wohl, will ich keinen Makel auf mir sitzen lassen.«

Alain irrte sich, Grisier begriff es nicht.

Der junge Mann und der Professor wechselten einen herzlichen Händedruck.

Alain sprang in ein Cabriolet und ließ sich zu Gossjet’s Schießstande fahren.

Unser Jäger hatte richtig geurtheilt; die Aehnlichkeit, welche zwischen einer Feuerwaffe und einer anderen Feuerwaffe herrschte, machte, daß Alain’s Hand, nachdem er bei den ersten Schüssen das Ziel ein Wenig verfehlt hatte, sicherer wurde, so daß er bei der fünfundzwanzigsten Kugel ein vollendeter Schütze geworden war.

Nach Verlauf von acht Tagen machte Alain alle Kunststücke, welche die geübtesten. Schützen machten: er zerbrach die Pfeifen, durchlöcherte die tanzenden Eier, dublirte und triplirte die Kugeln.

Als er einmal seines Schusses gewiß war, und dies war eine Angelegenheit von acht Tagen, kehrte Alain nicht mehr auf den Schießplatz zurück.

Jede Einförmigkeit ermüdete ihn.

Was diese überschäumende Organisation bedurfte, war das unordentliche und umherschweifende Leben der Trottoirs, der Kaffeehäuser, der Theater und der Spielhäuser.

Nur zeigte sich bei allen diesen Thorheiten nicht die Gelegenheit für ihn, Revanche zu nehmen.

Alain begann zu glauben, daß er genöthigt sein würde, nach Maisy zurückzukehren, und den Makel mit sich zu nehmen.

Die Erbschaft feiner Mutter näherte sich ihrem Ende. —

In weniger als anderthalb Jahren hatte er mehr als 150.000 Franken verthan.

Als die letzten Thaler bei einem Mittagessen aufgegangen waren, nahm Alain Montplet wieder eine Zuflucht zu Thomas Langot.

Gegen einen Wechsel, der völlig nach der Regel ausgestellt war, ließ ihm Thomas Langot noch etwa 30.000 Franken zukommen.

Aber die Geldsendungen nahmen beständig ab.

Die vorletzte betrug nur tausend Franken, die letzte nur noch fünfhundert.

Auch sagte ihm der Materialhändler in dem Briefe, der diese letzte Sendung begleitete, welchen Brief Thomas Langot sich hatte schreiben lassen, da er selber nicht schreiben konnte, nicht mehr auf ihn zu rechnen, und diese fünfhundert Franken wären die letzten, die er erhalten werde.

Alain wendete seine fünfundzwanzig Louisdor nach allen Seiten und fragte sich, was er damit machen solle.

Es war so Viel, wie er gewöhnlich in vierundzwanzig, höchstens achtundvierzig Stunden ausgab.

Nur sagte er sich, beim Spiele könne er, wenn er ein Wenig Glück habe, diese Summe verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen, verzehnfachen.

Er kannte vier oder fünf Häuser, wo man spielte.

Als der Abend gekommen war, gab er sich nicht einmal die Mühe, zu wählen. Er ging geradezu in das nächste.

Es war nicht das erste Mal, daß man ihn dort sah.

Sein Eintritt machte also kein weiteres Aufsehen, als die Ankunft eines hübschen und leidenschaftlichen Spielers zu erregen pflegt.

Alain setzte sich an den ersten besten Tisch und spielte.

Der Zufall wollte, daß er als Gegner einen fremden Officier, halb Italiener, halb Polen, hatte, der schon mehrmals mit beharrlichem Glücke gegen ihn gespielt hatte. —

So lange Alain Montplet eine Taschen voll Louisd’or und Banknoten gehabt hatte, achtete er nicht viel auf die Art, wie diese Louis d’or und diese Banknoten fortgingen; aber zu dieser Stunde, wo es sich darum handelte, seine letzten fünfhundert Franken einträglich zu machen oder Paris zu verlassen, achtete der junge Mann auf sein Spiel.

Indem er genau beobachtete, glaubte er zu bemerken, daß der Officier nicht ganz richtig abschlug.

Von seinen fünfundzwanzig Louis d’or waren ihm schon nicht mehr als fünfzehn übrig, und er setzte sie auf diesen Coup.

Der Officier schlug Kreuzkönig auf.

Weder er noch ein Gegner hatte noch die Karten aufgenommen.

Alain Montplet legte eine Hand auf das Spiel seines Gegners.

»Man berührt die Karten nicht,« sagte der Officier.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« antwortete Alain; »aber wenn Sie nicht drei Atouts unter ihren fünf Karten haben, will ich im Unrecht sein, und ich mache Ihnen zum Voraus meine Entschuldigungen.«

»Und wenn ich drei Atouts unter meinen fünf Karten habe?« sagte der Officier in rauhem Tone.

»Dann werde ich Ihnen nicht nur keine Entschuldigungen machen,« entgegnete Alain Montplet sehr höflich, sondern ich werde auch sagen – ich werde jagen —«

»Was werden Sie jagen?« brummte der Officier.

Alain wendete die Karten um.

Das Spiel des Officiers enthielt Kreuzdame, Kreuzbube und Kreuzzehn.

»Ich werde jagen,« fuhr Alain Montplet fort, »daß Sie die Volte geschlagen haben, und daß Sie ein Betrüger sind.«

Der Officier nahm eine Hand voll Karten und warf die Alain ins Gesicht.

»Gut,« sagte Alain, »ich habe in den Duellgesetzen des Monsieur Chateau-Villars gelesen, daß eine Berührung schon ein Schlag ist.

Ich werde genöthigt sein, nach Maisy zurückzukehren, aber ich glaube, daß ich den Makel nicht mit dorthin nehmen werde.«

Das Ereigniß hatte Aufsehen gemacht.

Ehe man sich trennte, wurde ein Zusammentreffen auf den folgenden Morgen um acht Uhr verabredet.

Alain, der von dem Officier gleichsam geschlagen worden war, hatte die Wahl der Waffen.

Er wählte die Pistolen.

Der Officier machte keine Einwendung dagegen – er galt selber für einen außerordentlich guten Schützen.

Alain wünschte sich in der Muette zu schlagen.

Er hatte eine Revanche gegen den Ort selber zu nehmen, wo er den ersten Aermel verloren hatte.

Dies wurde ihm auch bewilligt.

Es wurde verabredet, daß die Secundanten einfache Pistolen, die noch nie gebraucht worden, von dem Schießstande mitbringen sollten.

Ein Aufwärter von dort begleitete die Secundanten, um die Waffen zu laden.

Um acht Uhr war man auf dem Platze.

Als man die Pistolen untersuchte, fand man sie allen Bedingungen entsprechend.

Man bestimmte, daß die Gegner sich vierzig Schritte von einander aufstellen und auf einander losgehen sollten.

Jeder von ihnen sollte still stehen, nachdem er zehn Schritte zurückgelegt.

Die wahre Entfernung betrug also zwanzig Schritte.

Man weiß, daß bei einem Duell ein Schritt drei Fuß beträgt.

Die Duellanten wurden in der bestimmten Entfernung aufgestellt.

Als der Aufwärter die Pistolen geladen hatte, wurde einem Jeden eine in die Hand gegeben.

Die beiden Secundanten, welche den Gegnern die Pistolen zugeschickt hatten, zogen sich jetzt zurück und sagten zugleich:

»Vorwärts!«

Auf dieses Commando gingen Alain und der Officier auf einander los.

Nach zwei Schritten erhob Jeder eine Pistole und gab Feuer.

Man hörte nur einen einzigen Knall.

Alain schwankte, blieb aber stehen.

Der Officier drehte sich zwei Mal um sich selbst und fiel mit dem Gesicht auf den Boden.

Jeder Secundant lief auf einen Duellanten zu.

Alain hatte die Kugel gerade in die Mitte des Kinns erhalten, wo sie sich wie auf einer eisernen Platte breit geschlagen.

Der Knochen war frei geworden, aber nicht zerbrochen.

Die Heftigkeit der Erschütterung hatte Alain schwanken gemacht.

Dem Officier war die Kugel ins Herz gedrungen und er war auf der Stelle todt.

»Es ist kein großer Schade,« sagten die vier Secundanten zugleich; »es ist ein Betrüger weniger auf der Welt, Das ist Alles.«

Dies war die Leichenrede des Officiers, nach dessen Namen ich vergebens gefragt habe, um ihn hier aufzuzeichnen; aber Niemand hat mir ihn sagen können.

Man nannte ihn »den Officier,« Dies war die einzige Benennung, unter welcher er bekannt war.

»Ah, Henker! Henker!« sagte Alain, ein Taschentuch an sein Kinn haltend; »ich habe keinen Sou mehr, aber wenigstens habe ich den Makel von mir abgeschüttelt.«

Als Alain nach Paris zurückkehrte, verkaufte er seine Uhr.

An diesem Abend war er auf dem Balkon im Opernhause und hatte ein englisches Pflaster auf einem Kinn.

Dies war die einzige Spur, die ihm außer einer gewissen Schwere des Kopfes von dem Duell an dem Morgen übrig blieb.

Am folgenden Tage reiste er auf der Post nach Saint-Malo.

Er hatte sich zwei Jahre in Paris aufgehalten und in diesen zwei Jahren mehr als zweihunderttausend Franken vergeudet.

Fünftes Kapitel.
Wer die Zeche zahlen mußte

Es ist eine Ueberlieferung, die uns seit dreitausend Jahren aus der Bibel kommt und die sich folglich unserer Verehrung, von der Majestät der Jahrhunderte umgeben, darstellt, daß die verlorenen Söhne, so verschwenderisch sie auch gewesen, immer in dem väterlichen Hause gut empfangen werden, sobald sie sich herablassen, dorthin zurückzukehren.

Jean Montplet bestätigte die Parabel durch die Art, wie er seinen Sohn empfing, und große Thränen durchfurchten eine von der Sonne verbrannten Wangen, als Alain plötzlich eintrat, sich ihm zu Füßen warf und ihn um Verzeihung bat.

Der arme Vater umarmte ihn zärtlich und ohne ihm ein Wort von der Vergangenheit zu sagen, gab er ihm seinen Platz im Hause zurück.

Den Platz im Herzen hatte der unartige Junge gegenwärtig oder abwesend immer eingenommen.

Der Mißbrauch des Vergnügens hatte übrigens einen so heilsamen Erfolg, daß die Vorstellungen unnöthig gewesen wären.

Obgleich die Nothwendigkeit allein ihn bewogen hatte, nach Maisy zurückzukehren, so war es doch nicht ohne eine lebhafte Genugthuung, daß er seinen Geburtsort wiedersah und die tiefen und rührenden Gemüthsbewegungen wiederfand, die ihm der Fischfang, das Schwimmen und die Jagd gewährten, wofür die zügellosen Freuden der Hauptstadt ihn nie vollständig hatten entschädigen können.

Nachdem er einige Tage in der Meierei zugebracht hatte, während welcher er bis zu den Stunden seiner ersten Jugend zurückgekehrt war, kam er dahin, sich zu fragen, wie man ein so leichtes und glückliches Leben gegen gemachte Genüsse vertauschen könne, die nur eine Leere in der Seele – und Gewissensbisse im Herzen zurücklassen.

Aber dem guten Vater Montplet wäre es nicht leid gewesen, den Leidenschaften, deren Ueberschäumen er zu fürchten gelernt hatte, einen mächtigeren Zügel, als die Reue anzulegen.

Folglich sprach er mit Alain von der Verheirathung.

Das erste Mal antwortete Alain: Nein:

Das zweite Mal wurde er roth vor Zorn.

Der junge Mann hatte in Paris in jener Gesellschaft von leichtfertigen Sitten gelebt, die jedem Zwange Feind war, und die Leichtigkeit, womit er die Gewohnheit angenommen, hatte seinen Widerwillen gegen Das vermehrt, was er die Welt nannte, das ist: die friedlichen und ehrlichen Leute. Die verächtlichen Frauenzimmer, mit welchen er Umgang gehabt, hatten ihm eine tiefe Verachtung gegen das weibliche Geschlecht eingeflößt. Er verwechselte die Gattung mit den einzelnen Personen – und welchen Personen!

Er hatte mit allen Verbindungen dieser Art gebrochen und verwünschte das Andenken daran. Aber seltsam genug! Alain Montplet war von Natur furchtsam! Kühn und frech gegen gewisse Frauenzimmer, erröthete er, schlug die Augen nieder und verlor die Fassung vor einem anständigen Mädchen. Dann vermöge einer leicht begreiflichen Unzufriedenheit mit sich selber, ließ er dieser letzteren die Furchtsamkeit entgelten, die er in ihrer Nähe empfand, und da er doch unter diesen seine Lebensgefährtin auswählen und sich verheirathen mußte, so hatte er sich selber gelobt als Junggeselle zu leben und zu sterben.

Ueberdies bei einem Glücke das väterliche Haus wieder gefunden zu haben, hatte Alain doch eine Augenblicke der Schwermuth. Er dachte nicht ohne Schrecken an die Verbindlichkeiten, die er gegen Langot übernommen hatte. Die Unordnung des jungen Lebemanns war so groß, daß es ihm unmöglich war, auch nur annährungsweise zu bestimmen, auf welche Summe sich eine Verpflichtungen beliefen.

Er wußte nur, daß sie beträchtlich waren, und daß die immer größer werdende Summe wie eine Lawine, die von der Höhe des Berges herunterrollt, ihn vernichten könne, wenn sie auf ihn herabstürze.

Von Zeit zu Zeit fragte er sich, ob er nicht dem guten Vater Montplet Alles gestehen solle, der ihm schon so Vieles verziehen hatte, daß er mit seiner Nachsicht nicht zurückbleiben werde.

Da übrigens Langot sehr freundlich gegen ihn war, so verschob er immer das schmerzliche Geständniß, und indem er wartete, verging die Zeit.

Der alte Montplet liebte einen Sohn zu sehr, um nicht seine Traurigkeit zu bemerken.

Sie erschreckte ihn, denn er hielt sie für Langeweile.

Er erneuerte seine Heirathsvorschläge, welche er für um so nöthiger und dringender hielt, da er ein unbestimmtes Vorgefühl hatte, daß der Tod ihn bald von seinem Sohne trennen werde.

Indessen, von der Erfahrung belehrt, hütete er sich wohl, diesmal den Stier bei den Hörnern zu fassen.

Er hatte in Isigny einen alten Freund, Namens Jousselin, der einen Butterhandel hatte.

Ganz Frankreich kennt den Ruf der Butter von Isigny.

Freund Jousselin hatte bei diesem Handel sein Glück gemacht.

Er hatte eine einzige Tochter von so bewunderungswürdiger Schönheit, daß man bis Caen von ihr sprach.

Wenn man sich von ihr unterhielt, bezeichnete man sie nur mit dem Namen: die schöne Jousseline.

Man kennt die Gewohnheit der Provinz, den Namen eine weibliche Endung zu geben.

Jean Montplet schöpfte aus der lebhaften Zärtlichkeit, die ihm sein Sohn einflößte, den Muth, die Schmerzen zu überwinden, welche ihm seine Gicht verursachte. Er ließ sich auf das alte Pferdchen heben, welches seit drei Jahren, wie ein Herr, von seinen früheren Anstrengungen ausruhte – der Eine auf seinem Lehnsessel, das Andere auf einer Streu.

Das Pferdchen ging im Trabe fort, welcher zeigte, was es ehemals gemacht hatte, und einige Stunden später war die Sache zwischen den beiden Freunden abgemacht, wohlverstanden, die Zustimmung der beiden Contrahenten vorausgesetzt.

Eines Tages kam Alain von der Jagd zurück. Er war vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt, und da er in dem Sumpfe gewesen war, bis an den Gürtel mit Schlamm bedeckt; er hatte seine Cravatte abgelegt, die ihm dazu dienen mußte, eine mit Wild angefüllte Jagdtasche zu halten, und folglich hatte er sein Hemd zurückgeschlagen und den Hals bloß.

Vor dem Hause angekommen, richtete sich ein Hund, wie er zu thun pflegte auf eine Hinterfüße, stellte die Vorderfüße gegen die Thür, stieß sie auf, öffnete sie und trat ohne Weiteres zuerst ein.

Alain trat nach ihm ein, hatte seine Flinte auf der Schulter, an deren Ende er seinem Filzhut gesteckt hatte, der vom Regen triefte.

Aber kaum hatte er einen Schritt in das Zimmer gethan, als er zurückwich, als hätte man ihm das Medusenhaupt vorgehalten.

Neben dem Lehnsessel seines Vaters hatte er eben zwei Fremde erblickt.

Der Eine von diesen Fremden, ein Greis von ziemlich gemeinen Aussehen, hatte diesen Eindruck nicht hervorbringen können.

Man mußte ihn also dem anderen Fremden oder vielmehr der anderen Fremden zuschreiben.

In der That war die Fremde ein junges Mädchen, so schön, daß Alain ungeachtet seiner Verlegenheit eine Augen, indem er zurückwich, nicht von Derjenigen abwenden konnte, die diese übermäßige Schüchternheit veranlaßt hatte.

Er blieb auf derselben Stelle stehen, als wäre er an den Fußboden festgenagelt gewesen.

Dann dachte er, er könne doch nicht so lange stehen bleiben, ohne zu sprechen, ohne vorzutreten und ohne zurückzuweichen, entschloß sich daher zu einer mürrischen Verbeugung und entschuldigte sich auf linkische Weise wegen eines unordentlichen Costüms.

Das junge Mädchen antwortete mit einem Lächeln, welches die schönsten Zähne von der Welt zeigte.

Dann glaubte er genug gethan zu haben, um sein Hinausgehen entschuldigt zu haben, und der Jäger beeilte sich, unter dem Vorwande zu verschwinden, seine Kleider wechseln zu müssen.

Er war zornig über den Streich, den sein Vater ihm gespielt hatte, und einmal draußen, kam ihn die boshafte Lust an, ihn und seine Gäste im Stiche zu lassen und in das Gasthaus zu gehen und dort zu Mittag zu speisen.

Aber der gute alte Mann hatte vor einigen Tage einen Anfall von Gicht gehabt, woran er beinahe gestorben wäre, und sein Sohn fürchtete, wenn er so handelte, ihm zu viel Schmerz zu verursachen.

Er legte also in der Haft die ersten besten Kleider an, die ihm in die Hände kamen, stieg dann murrend hinunter und hatte noch einen Augenblick der Furchtsamkeit, indem er den Drücker faßte; dann stieß er die Thür kräftig auf, wie ein Mann, der einen gewaltsamen Entschluß faßt, und trat ein, indem er sagte:

»Am Ende werden sie mich doch nicht verschlucken.«

Ungeachtet dieser verständigen Betrachtung, ungeachtet der flehenden Blicke, die sein Vater auf ihn richtete, zeigte Alain eine sehr üble Laune.

Dies schreckte Mademoiselle Jousselin durchaus nicht zurück, da man die benachrichtigt hatte, daß sie einen Bären zu zähmen haben werde.

Da nun, in Folge seines Aufenthaltes in Paris und der mittelmäßigen Gesellschaft, die er dort gehabt hatte, dieser Bär einen ungezwungenen Anstand und eine unbefangene Sprache angenommen hatte, die in Isigny nicht gewöhnlich war, so begann das junge Mädchen ihre Aufgabe, die ihr auferlegt war, so gern wie möglich und ging sogleich tapfer darauf ein.

Uebrigens ward ihr diese Aufgabe leichter, als jeder Anderen, denn der Bär, mit dem sie es zu thun hatte, war besonders für die Schönheit empfänglich, und Mademoiselle Jousselin war auffallend schön.

Sie war zwei und zwanzig Jahre alt, hatte prächtiges Haar von dem schönsten aschfarbigen Blond, welches es auf der Welt gab, und eine etwas niedrige Stirn, aber auf zwei großen schwarzen Augen ruhend, die wie zwei Stücke Sammet gegen ihren milchweißen Teint abstachen.

Sie war groß; ihre Füße und Hände, wie die der meisten Frauen, die auf dem Lande wohnen, waren nicht tadellos; aber dagegen hatte ihre Brust eine herrliche Entwickelung und die kräftig hervortretenden Hüften hoben ihren schlanken Oberkörper um so mehr hervor.

Uebrigens glich sie hinsichtlich des Costüms nicht mehr den anderen Mädchen von Maify, als Alain’s Toilette seit seiner Rückkehr von Paris derjenigen der jungen Burschen von Maisy und Grand-Camp.

Sie hatte nicht gerade die baumwollene Mütze abgeschworen, diese unedle männliche Kopfbedeckung, die ihre Stirn, so sehr sie auch noch Kind gewesen, niemals entweiht hatte, wohl aber die großen Hauben, mit Spitzen bedeckt, nach der Façon Isabeau’s von Baiern, die zu engen Kleider und die Halstücher von Alençonspitzen. Mademoiselle Jousselin war ein Kind der Städte und der Civilisation; sie kaufte ihre Hüte bei der besten Putzmacherin von Caen oder wenigstens von Saint-Lo; sie hüllte sich in einen französischen Caschemir; endlich trug sie Kleider mit Volants, welche die Pracht dieser Toilette noch erhöhten.

Als er Lisa Jousselin’s Schönheit im Ganzen hatte beurtheilen können, fühlte Alain, wie eine Schüchternheit noch zunahm.

Aber ungeachtet ihres halb aristokratischen Wesens schien die Tochter des Butterhändlers ein so gutes Kind, daß Alain sich bald unbefangener mit ihr unterhielt und die Mittagstafel war noch nicht beendet, als die üble Laune sich bei diesem Manne mit den beweglichen Leidenschaften und dem zügellosen Verlangen sich in einen glühenden Wunsch verwandelt hatte, die schöne Normannin zu besitzen – und hätte er sie heirathen müssen.

Obgleich coquett auf der Oberfläche wie ein Spiegel, um die Lerchen anzulocken, gehörte Lisa noch nicht zu der Categorie der leichtfertigen Frauen, und da Alain bei ihr keine Ermuthigungen fand, welche ihm gewöhnlich auf halbem Wege entgegenkamen, so mußte er sich Zwang anthun.

Die Folge davon war, daß der Kampf, welcher in seiner Seele zwischen dieser entstehenden Leidenschaft und dem Zwange vorging, den ihm das junge Mädchen zur rechten Zeit aufzuerlegen wußte, damit endete, daß er sich bezwang und eine Neigungen unterdrückte.

Das Gefühl eines halben Platonismus entwickelte sich in seinem Herzen, und nach Verlauf von vierzehn Tagen gelangte er dahin, Diejenige, welche sein Vater zu feiner Gattin bestimmte, mit der reinen und naiven Liebe eines Mannes zu lieben, der niemals in der Welt gelebt hat.

Da Lisa Jousselin über ihren Erfolg sehr erfreut war und Alain ihr überdies durchaus nicht mißfiel, so war, nachdem diese vierzehn Tage vergangen waren, durchaus Nichts mehr vorhanden, was sich der Verbindung der beiden Liebenden widersetzte.

Einen Monat später waren sie bereits proclamiert und man hatte den Hochzeitstag, wie bei den alten Römern, mit weißer Kreide bezeichnet, als ein heftiger Gichtanfall plötzlich den alten Jean Montplet hinwegraffte.

Wir müßten den Character Alain’s schlecht gezeichnet haben, wenn unsere lieben Leser nicht sogleich voraussetzen sollten, daß seine Verzweiflung groß war.

Als Monsieur Jousselin die unheilvolle Nachricht hörte, eilte er in die Meierei und fand seinen künftigen Schwiegersohn vor dem Sterbebette kniend und schluchzend den Kopf in den Betttüchern verborgen. Er unterstützte Alain bei den letzten Pflichten, welche dieser dem Verstorbenen zu leisten hatte; dann, um die Wünsche der jungen Leute zu erfüllen, so wie auch um seine eigene Ungeduld zu befriedigen, seine Tochter als Herrin der schönen Besitzung zu sehen, willigte er ein, daß dieses Ereigniß die Feier der Hochzeit nur um einen Monat verzögern solle.

Aber eine schreckliche Erscheinung hatte einen Schleier über die Hoffnung des armen Alain geworfen und machte, daß er in der Mitte seines Schlummers erbebte.

Als Alain Montplet nach dem Leichenbegängnisse seines Vaters aus der Kirche kam und an Thomas Langot"s Hause vorüberging, konnte er nicht umhin, einen verstohlenen Blick auf diesen Laden zu werfen, so schwarz und traurig wie die Wolken, welche den Donner und Blitz einschließen.

Der Laden war geschlossen, mit Ausnahme eines Guckfensters in dem größeren Fenster, von der Breite und Höhe von vier dieser kleinen Scheiben von grünem Glase, wie man sie noch jetzt in den alterthümlichen Häusern einiger abgelegenen Dörfer des alten Frankreich findet.

Dieses Guckfenster war aufgehoben und unter dem Glase wie unter dem grünlichen Blatte einer Sumpfpflanze zeigte sich der platte und feuchte Kopf Thomas Langot’s, welcher den Leichenzug mit Augen, die vor Freude und Habgier glänzten, vorüberziehen sah.

Dieser Kopf machte auf Alain den Eindruck einer riesenhaften Viper.

Es war der Anblick dieses Kopfes, der ihn plötzlich erbeben machte; es war die Erscheinung dieser glänzenden Augen in einem Schlummer, die ihn mit einem Schrecken erweckten.

Und in der That fürchtete Alain nicht ohne Grund.

Diese Erscheinung, so phantastisch sie auch vielleicht unseren Lesern vorkommen mag, führte bald Handlungen herbei.

Wegen eines Billets zur Theilnahme, welches er nicht erhalten, spielte Thomas Langot den Empfindlichen, und eines schönen Morgens brachte er vier und dreißig oder fünfunddreißig Verschreibungen, die alle in der Ordnung waren und ihn als Alain’s Gläubiger mit einer Summe von 87 000 Franken kund gab, zum Vorscheine.

Ich kenne nichts Aergeres, als einen empfindlichen Gläubiger.

Es ist im eigentlichen Sinne verderblich.

Thomas Langot war im höchsten Grade empfindlich.

Alain hatte ihn nicht nur nicht zu dem Leichenbegängnisse des guten Jean Montplet eingeladen, den er, Thomas Langot, so sehr liebte und schätzte, sondern der undankbare Alain hatte ihn auch kein einziges Mal seit seiner Rückkehr aus Paris in einem Hause besucht, wo er ihn mit so großem Vergnügen würde empfangen haben, war ihm sogar immer ausgewichen, wenn er ihm zufällig begegnete, und redete ihn nicht anders an, als wenn er ihm nicht ausweichen konnte.

Ach! Dies Alles war freilich wahr. Alain, welcher wußte, daß er Thomas Langot eine beträchtliche Summe schuldig war, – obgleich er nicht wußte, wie hoch sich diese Summe belief. Alain empfand dem Materialhändler gegenüber jene instinctmäßige Verlegenheit, die jeder Schuldner seinem Gläubiger gegenüber empfindet.

Jetzt wußte er die Summe, die er dem Materialhändler schuldig war.

Diese Summe belief sich auf 87,000 Franken.

Wie war Alain Montplet dazu gekommen, diese fabelhafte Summe von dem Materialhändler Langot zu borgen? Dies war es, was Alain sich nicht erklären konnte.

Aber die Thatsache lag vor, bestätigt durch Wechsel, die alle verfallen, alle protestiert waren, und die er nur einklagen durfte.

Dies geschah ongeachtet des Widerspruchs des Winkeladvokaten in Isigny Namens Richard, der mehrmals bei den ersten Belustigungen Alain’s sein Gefährte und sein Gast gewesen war. In Folge des ertheilten Urtheils, welches die zweite Instanz bestätigte, wurde die Meyerei in Beschlag genommen und auf gerichtlichen Befehl verkauft, und einige Kleidungsstücke, ein Bett und seine Waffen war – als die Leute des Gerichts wie eine Heuschreckenwolke über die Meyerei, den Obstgarten und die Felder herfielen – Alles, was dem armen Alain von dem Vermögen übrig blieb, welches der alte Montplet mit so vieler Liebe für ihn Sou für Sou zusammengespart hatte.

Dies war der rechte Augenblick, zu gehen und bei der schönen Lisa Trost zu suchen.

Alain lief folglich nach Isigny.

Aber so schnell er auf den Flügeln der Liebe dorthin eilte, so war doch die Nachricht von einem vollständigen Untergange vor ihm dorthin gelangt und der Vater Jousselin erklärte ihm, daß ein verschwenderischer Mann durchaus nicht für seine Tochter geeignet sei.

In Folge dessen wünschte er sich Glück, daß der alte Montplet aus der Tiefe des Grabes den Abgrund nicht sehen könne, in welchen ein unglücklicher Sohn gefallen, und forderte Diesen auf, seine Besuche nicht fortzusetzen.

Alain war in Verzweiflung.

Aber Das, was er gehört hatte, war nur der Ausspruch eines eigennützigen Vaters.

Es blieb noch übrig, zu erfahren, was die Tochter sagen würde.

Der junge Mann stellte sich also, als verlasse er Isigny.

Aber er blieb in einem Zimmer des Gasthauses versteckt, und als der Abend gekommen war, lauerte er in der Nähe des Hauses Lisa Jousselin’s.

Die zärtliche Normannin, die wahrscheinlich ihre Gründe hatte, so arm auch ihr Verlobter war, einen Bruch für eine schwierige Sache zu halten, benutzte den Augenblick, wo Monsieur Jousselin gegangen war, seine tägliche Partie Domino in dem Café Malherbe zu spielen, um ihrem Geliebten die Thür zu öffnen, da sie wohl errieth, daß er sich in der Nähe aufhalten müsse.

Alain erzählte ihr die Unterredung mit dem Vater Jousselin und die klägliche Art, wie dieselbe geendet.

Lisa versuchte, ihm den Unterschied zwischen dem berechnenden Gehirn eines Greises von sechzig und dem mitleidigen Herzen eines jungen Mädchens von zweiundzwanzig Jahren begreiflich zu machen. Sie tröstete Alain so gut sie konnte und suchte ihm durch Worte zu beweisen, daß das Unglück ihre Zärtlichkeit durchaus nicht abgekühlt habe; sie gelobte ihm bei allen Heiligen des Paradieses und selbst bei der heiligen Jungfrau, daß sie nie einen anderen Gatten, als ihn haben wolle, und in Folge dieses Gelöbnisses bestellte sie ihn zwei Tage später zu sich, um das Tröstungswerk fortzusetzen, zu welchem ihre Liebe für den armen Alain sie bestimmte.

Man begreift wohl, daß Alain am zweiten Tage pünktlich zu dem Stelldichein erschien.

Um acht Uhr Abends fand er sich vor der Thür des Butterhändlers ein, dessen Laden hermetisch verschlossen war, was ihm als ein Uebermaß der Vorsicht von Seiten Lisa’s erschien.

Aber er wartete vergebens bis neun Uhr, ja bis halb zehn, daß die Thür wie das erste Mal sich öffnen möge.

– Jetzt wurde er unruhig und erkundigte sich in der Nachbarschaft.

Da erfuhr er, daß seine bezaubernde Geliebte und ihr Vater am Morgen des Tages nach Paris abgereist wären.

Der unglückliche junge Mann konnte nicht an diese verzweiflungsvolle Nachricht glauben. Er kehrte zu der Wohnung des Plaitre Jousselin zurück, und auf die Gefahr hin, von dem Vater hinausgewiesen zu werden klopfte er heftig an die Thür.

Die Thür öffnete sich, aber es war nicht das verdrießliche Gesicht des alten Jousselin, noch das reizende Gesicht der Tochter, welches Alain Montplet erschien.

Es war das rothe Gesicht einer wohlbeleibten Magd, von der er wußte, daß sie im besonderen Dienste Lisa’s war. —

Javotte war mit einem Briefe an Alain beauftragt.

Alain lief unter eine Straßenlaterne, um diesen Brief ganz nach Gefallen zu lesen.

Dort entsiegelte er ihn mit klopfendem Herzen und zitternder Hand.

Die reizende Lisa begann ihre Epistel, indem sie ihrem Freunde die Beständigkeit ihrer Gefühle versicherte; aber zu gleicher Zeit gestand sie, daß sie dem bestimmt ausgesprochenen Willen ihres Vaters nicht habe widerstehen können, der als ein neuer Agamemnon entschlossen sei, die auf dem Altar der Ehe zu opfern, und sollte die Heirath, die er im Auge habe, ihr das Leben kosten.

Auf jeden Fall gelobte sie ihm, daß sie, Frau oder Mädchen, frei oder in der Gewalt des Mannes, niemals aufhören werde, wenigstens dem Willen nach Alain zu gehören, dem Ersten, den sie je geliebt, und dem Einzigen, den sie je lieben werde.

In Ermangelung der physischen Treue sicherte sie ihm also die moralische Treue zu, – eine Treue, die nach Ansicht der erhabenen Herzen viel kostbarer ist, die aber, wie wir gestehen müssen, von den gemeinen Herzen nur wenig geschätzt wird.

Bei den letzten Worten blieb Alain wie eingewurzelt stehen.

Der Tod seines Vaters und der Verlust seines Vermögens waren schwere Schläge für ihn gewesen; doch die Zärtlichkeit und das Mitleid des Mädchens, welches er liebte, die Gewißheit, daß eine Zärtlichkeit, die solchen Schlägen widerstand, ihn nicht im Stiche lassen würde, hatte ihm eine Prüfungen erleichtert.

Aber als Alain sich von Gott verlassen sah, der ihm seinen Vater nahm, von dem Schicksale verfolgt, welches ihm sein Vermögen entriß, von seiner Geliebten vergessen, die ihm ihre Liebe entzog, traten die beiden ersteren Schmerzen, welche gemildert gewesen waren, in ihre Rechte ein und erhielten ihre Macht wieder, die halb vernarbten Wunden öffneten sich und das Blut eines Herzens floß aus drei mächtigen Wunden.

Sechstes Capitel.
Die Erbschaft des Vater Gabion

Der junge Mann zerdrückte Lisa’s Brief zwischen seinen Fingern; dann empfand er das Bedürfniß, freier zu athmen, ungestört zu schreien, sich wahnsinnig am Boden zu wälzen, und er ging aus der Stadt und begann wie ein neuer rasender Roland auf dem Felde hin und her zu laufen, ohne zu wissen, was er that.

Alain war außer sich; seine beständig ungeordneten Leidenschaften rissen ihn wie ein wüthendes Gespann fort. Der Zorn und die Eifersucht hatten ein Blut entzündet. Er erinnerte sich an die ausgezeichnete Schönheit des jungen Mädchens; er stellte sich das Mädchen, welches für ihn das Ideal der Schönheit war, in den Armen eines Anderen vor, und dieser Andere machte ihm Qual. Ein glühendes Fieber verzehrte ihn; er schritt einher wie ein Narr, die Beute von tausend Ideen, welche sich in seinem Gehirn durchkreuzten und ihm einen heftigen Schwindel verursachten.

Endlich, als der Schmerz seinen Höhepunct erreichte, fehlte seinen Lungen die Luft. Er fiel auf den Boden und rollte sich heulend an der Erde; dann drangen einige Thränen durch eine trockenen und glühenden Augenlider – er weinte, und diese Thränen verschafften ihm Erleichterung und er fühlte sich ein Wenig ruhig.

Dann richtete er sich auf seine Kniee, rief die Ungetreue mit lauter Stimme und bat sie flehend, ihrer Liebe nicht untreu zu werden, ihre Versprechungen nicht zu brechen. Er richtete die glühendsten Bitten an sie; dann versank er in eine Ermattung, aus welcher er sich nur aufraffte, um sich einem neuen Ausbruche der Wuth hinzugeben.

Indessen nach einigen Stunden dieses Zustandes, der an Wahnsinn grenzte, ließ seine Verzweiflung, die zu heftig war, um von Dauer zu sein, endlich nach und Alain erlangte einige Kaltblütigkeit wieder.

Die Nacht war bereits vorgerückt und der arme Verzweifelte hatte sich so oft auf dem Boden herumgewälzt, daß die Feuchtigkeit durch seine Kleider gedrungen war und ein Schauder sich seiner bemächtigt hatte.

Alain suchte den Ort zu erkennen, wo er sich befand, nicht als wünschte er, Menschen zu begegnen – die Männer, besonders aber die Frauen waren ihm in diesem Augenblicke unerträglich, aber er fühlte, daß ein Obdach, welches dasselbe auch sein mochte, ihm nothwendig war.

Der Zufall hatte ihn zu der Mündung der Vire geführt.

Rings um sich sah er nur Binsenbüschel und einige Wasserflächen, welche glänzten, wann der Mond für einen Augenblick aus den Wolken trat, welche über den azurnen Raum des Himmels dahineilten.

Plötzlich hörte er das traurige Heulen eines Hundes, welcher nicht weiter als fünf- oder sechshundert Schritte von ihm entfernt war.

Er orientierte sich.

Dieser Hund, welcher heulte, mußte der des Vater Gabion, eines ersten Lehrers in der Jagd, sein.

Alain hatte den Vater Gabion seit seiner Rückkehr nicht gesehen.

Er erinnerte sich, daß die Hütte, die der gute Mann bewohnte, in der Gegend stand, und er zweifelte nicht mehr, daß dieser Hund ein alter Freund Pavillon sei.

Es war eine Stimme, welche ihm, der sich in der Wüste verirrt hatte, zurief: »Komm zu mir!«

Es war eine traurige, eine klägliche Stimme, aber in Harmonie mit dem Zustande seines Herzens.

Wenn es die Stimme eines Menschen gewesen wäre, würde er sich in einem Anfalle von Menschenhaß vielleicht nach der entgegengesetzten Seite gewendet haben.

Es war jedoch die Stimme eines Hundes. Er ging deshalb gerade darauf zu.

Kaum hatte er hundert Schritte zurückgelegt, als er eine dunkle Erhöhung bemerkte, welche die Ebene beherrschte und gegen den Horizont abstach.

Es war Gabion’s Hütte.

Er nahm seinen Weg dorthin.

Je mehr er sich näherte, desto kläglicher wurde das Geheul des Hundes.

Es kam aus dem Inneren der Hütte, deren Thür geschlossen war.

Alain ging gerade auf diese Thür zu und erhob die Klinke.

Die Thür öffnete sich.

Kaum war sie offen, als er fühlte, wie der Hund seine beiden Tatzen gegen eine Brust stemmte und wie der heiße und feuchte Hauch desselben sein Gesicht berührte.

Dann ließ sich ein neues Geheul hören und der Hund kehrte in die Tiefe des Zimmers zurück, wo das Bett seines Herrn stand.

Das Zimmer befand sich in der größten Dunkelheit.

Alain rief zwei Mal den Namen des Vater Gabion.

Niemand antwortete, oder die Antwort, wenn ihm eine erheilt wurde, war ein so leichter Hauch, ein so schwacher Seufzer, daß Alain nicht recht gehört zu haben glaubte.

Er kannte das Zimmer des Vater Gabion wie ein eigenes.

Er tappte nach dem Camin hin, fand die Schwefelhölzer und durchwühlte die Asche.

Die Asche war noch heiß, aber das Feuer erloschen.

Alain war ein Raucher und Jäger.

In dieser Eigenschaft hatte er Alles bei sich, was nöthig ist, um Feuer anzuzünden.

Ein chemisches Streichholz, über die Wand hingestrichen, knisterte und erleuchtete knisternd das Zimmer.

Wie bei dem Scheine eines Blitzes sah Alain, Pavillon bei dem Bette seines Herrn mit erhobenem Kopfe heulend sitzen.

Auf diesem Bette, welches in einer einzigen, am Boden ausgestreckten Matratze bestand, glaubte er undeutlich eine menschliche Gestalt gesehen zu haben.

Er zündete ein zweites Streichholz gleich dem ersten an und näherte sich dem Bette.

Er hatte sich nicht geirrt: der Vater Gabion lag da; er schlief oder war todt.

Das zweite Streichholz erlosch, als er es dem Gesichte des alten Jägers näherte.

Alain kehrte zu dem Camine zurück, suchte die Lampe und fand sie endlich auf einen Schemel.

Er wollte sie anzünden, aber das Oel war ausgebrannt, Er raffte in dem Kamin einige Farnkräuter, einige Rohrstengel und Holzüberreste zusammen und näherte sich diesem Haufen mit der Flamme eines dritten Streichholzes.

Das Feuer bemächtigte sich rasch des brennbaren Stoffes, knisterte und warf einen zitternden Schein bis in die Tiefen des Zimmers.

Der Hund war noch immer an derselben Stelle und der Mann noch unbeweglich.

Nur schwieg der Hund und leckte das Gesicht eines Herrn.

Alain näherte sich der Gruppe.

Alles war noch in demselben Zustande.

Indessen schien es ihm, daß der Vater Gabion, welcher einen Augenblick vorher die Augen offen gehabt, sie jetzt geschlossen hatte.

Er neigte sich zu dem Bette und berührte die Hand des guten Mannes.

Die Hand war schon abgestorben, aber noch nicht kalt.

Es leuchtete ihm ein, daß der Vater Gabion eben erst gestorben war.

Dieser Hauch, welchen Alain beim Eintreten gehört hatte, war sein letzter Seufzer gewesen.

Das Geheul Pavillons war das letzte Lebewohl, welches der Freund dem Freunde sagte.

Indem das arme Thier das Gesicht seines Herrn leckte, hatte es ihm die Augen geschlossen.

Alain fiel unwillkürlich auf die Kniee.

Es liegt in dem Tode eine Majestät, welche die am Meisten rebellierenden Stirnen, die ungelehrigsten Kniee beugt: es ist Majestät des Unbekannten.

Welches seltsame Geschick war das dieses Mannes! Er war eines Tages erschienen und kam, Niemand wußte, woher; er hatte außer dem Umgange der Menschen gelebt, hatte nur im Verkehre mit dem Wildhändler in Isigny gestanden, welcher alle zwei Tage kam, um sein Wild abzuholen und ihm das Geld dafür zu bringen; er war allein gestorben, wie er gelebt, hatte die Verpflegung keines Freundes, das Gebet keines Priesters verlangt.

Er war dahingeschieden und hatte nur einen Hund zurückgelassen, um ihn zu bedauern, er hatte ein Feuer und seine Lampe angezündet, und dann hatte er sich niedergelegt.

Das Feuer war ausgebrannt, die Lampe war erloschen.

Und er war ebenfalls erloschen, wie die Lampe.

Blieb von ihm noch weiter.

Etwas übrig, als von dem Feuer – Asche, als von der Lampe – ein ausgebrannter Docht?

Dies konnte diese Leiche selber nicht sagen.

Nach einem stillen Gebete stand Alain auf und ging, um sich am Camine auf den eichenen Schemel zu setzen, wo er so oft gesessen hatte.

Der junge Mann brachte die Nacht dort zu, ohne einen einzigen Augenblick zu schlafen, indem er das Feuer immer wieder schürte, wenn es im Begriffe war, zu erlöschen, indem er die Leidenschaften, die sich in seinem Herzen empörten, dadurch zu besänftigen versuchte, daß er eine düsteren und philosophischen Gedanken darüber ausgoß, welche wie Nachtvögel das Sterbebett umschweben, wo eine Leiche liegt.

Der Hund dagegen lag auf feinem Bauche nach Art der Sphinxe, unbeweglich die Augen auf das Gesicht seines Herrn gerichtet.

Man hätte denken sollen, er studire das große Räthsel, welches den Menschen ewig unbekannt sein wird: »was ist der Tod?«

Der Tag kam, die grauen und trüben Strahlen schlichen sich durch die Thürspalten und die Fensterscheiben herein.

Ein Papier lag auf dem Tische, worauf einige Zeilen mit Bleistift geschrieben waren.

Alain nahm dieses Papier und las:

»Ich lege mich nieder, um nicht mehr aufzustehen.

»Ich habe fern von den Menschen gelebt und sterbe fern von ihnen.

»Ich habe während meines Lebens Nichts von ihnen verlangt und habe nach meinem Tode Wenig von ihnen zu verlangen.

»Ich bitte Den, der hier eintreten und mich todt finden wird, meinen Tod Niemanden anzuzeigen.

»Mein Tod interessiert Niemanden.

»Wenn Er ein frommes Herz hat, wird er aus dem Winkel des Zimmers den Spaten nehmen, der sich dort befindet, am Ufer des Meeres eine Grube in den Sand graben, mich in mein Betttuch hüllen, mich in diese Grube legen, sie mit Erde auffüllen und ein Kreuz darauf setzen.

»Ich sterbe als Christ.

»Wenn Dieser keinen Zufluchtsort hat, so kann er diese Hütte nehmen. Die Wohnung ist nicht schön, aber sie hat mich achtzehn Jahre lang vor dem Regen, dem Winde und der Kälte geschützt.

»Wenn er ein Jäger ist, so rathe ich ihm, dasselbe Geschäft auszuüben, welches ich betrieben habe. Es macht seinen Mann nicht reich, aber es reicht hin, ihn zu ernähren. Ich hätte jährlich wohl tausend Franken ersparen können, wenn ich gewußt hätte, wem ich sie hinterlassen sollte.

»Ich habe es vorgezogen, nur so viel Wild zu tödten, als zu meinen täglichen Bedürfnissen nöthig war, und die Geschöpfe des guten Gottes leben zu lassen.

»Ich bin dem Wildhändler von Isigny achtzehn Franken schuldig, da er mir seit den acht Tagen, daß ich krank bin, beständig gebracht hat, was zu meinen Bedürfnissen nöthig war, obgleich ich ihm kein Wild mehr zu geben hatte.

»Ich bitte Den, der meinen Platz in dieser Hütte einnehmen wird, wenn er sich entschließt, denselben Beruf auszuüben, wie ich, diesem wackeren Manne an Wild seine achtzehn Franken zu ersetzen, und ich wünsche ihm als Belohnung für den Dienst, den er mir leisten wird, indem er mich begräbt und ein Kreuz auf mein Grab jetzt, daß er eines eben so ruhigen und sanften Todes, wie ich zu sterben im Begriffe bin, sterben möge.«

Den 27. September 1841. »Vater Gabion.«

Alain wendete sich zu dem Bette, wo der Tode lag und streckte seine Hand mit einer feierlichen Geberde gegen ihn aus, welche bedeutete: »Sei ruhig, arme Seele, Deine letzten Anordnungen sollen befolgt, Deine letzten Wünsche erfüllt werden.«

Dann, als er sah, daß der Tag vollständig angebrochen war, blickte er um sich.

Der Spaten, wie es das Testament des Todten bejagte, befand sich in einem Winkel des Zimmers.

Alain ging, um diesen Spaten zu nehmen, und begab sich dann hinaus, um einen passenden Ort aufzusuchen und dort die letzte Ruhestätte für den alten Jäger zu graben.

Er blieb am Fuße eines Felsens stehen, wo die höchsten Springfluthen einen Damm fanden.

Der Felsen bildete eine Vertiefung, wo er in seiner Jugend oft mit dem Vater Gabion auf dem Anstande gestanden hatte.

Es war der Lieblingsposten des alten Jägers.

Es schien Alain, wenn der Vater Gabion den Einfall gehabt hätte, sich einen Platz auszuwählen, daß es Dieser hätte sein müssen, den er gewählt haben würde.

Er grub die Grube sehr tief, die Leiche mußte vor den Hunden und den Wölfen geschützt sein.

Dann brachte er so viel Steine und Geröll, wie er finden konnte, zusammen.

Als er dann diese beiden Vorkehrungen getroffen hatte, kehrte er zu der Hütte zurück, hüllte die Leiche in das Betttuch, lud sie auf eine Schulter und machte sich auf den Weg zu der Grube.

Erst jetzt stand Pavillon auf und folgte der Leiche.

Der alte Jäger wurde, wie er es gewünscht hatte, ohne Vorgesang, ohne Leichenrede, ohne Leichengebete in sein Grab gesenkt.

Das Kreuz wurde aus zwei Stangen gemacht, die der Sturm an das Ufer geführt hatte, und als Grabhügel Erde, Sand, Gerölle und Steine aufgehäuft.

Als Dies geschehen war, kehrte Alain mit leerem Herzen, die Arme niederhängend und den Kopf gesenkt zu dem einsamen Hause zurück.

Der Hund blieb einen Augenblick auf dem Grabe, stieß als letztes Lebewohl ein lang gehaltenes und klagendes Geheul aus und folgte Alain.

Er nahm den theilnehmenden Mann, der eben gegen seinen alten Herrn die letzten Pflichten erfüllt hatte, als Herrn an.

Aus der Ferne sah Alain die Gestalt eines Mannes auf der Thürschwelle.

Es war der Wildhändler von Isigny.

»Es scheint Alles zu Ende zu sein,« sagte er; »ich kam, um ihm die letzten Dienste zu erweisen, denn ich dachte wohl, daß er die Nacht nicht überleben würde. Aber Sie sind mir zuvorgekommen, Monsieur Montplet.«

»Mein Freund,« sagte Alain, »der Verstorbene war Ihnen achtzehn Franken schuldig; er hat mich beauftragt, sie Ihnen zuzustellen: hier sind sie.«

»Der Vater Gabion hat Sie also zu einem Erben eingesetzt?« fragte der Wildhändler.

»Ja,« antwortete Alain, »und der Beweis ist, daß Sie dem ersten besten Armen, der Ihnen auf Ihrem Wege begegnet, sagen können, daß er hier ein ganzes Mobiliar abholen kann.«

Der Wildhändler nahm die achtzehn Franken, grüßte Montplet und entfernte sich.

Als er aber fünf oder sechs Schritte gemacht hatte, hörte er den jungen Mann, welcher ihm nachrief Er wendete sich um.

»Was steht zu Ihren Diensten?« fragte er.

»Wenn Sie von jetzt an Wild bedürfen, so wenden Sie sich an mich,« sagte Montplet zu ihm; »ich bitte Sie um den Vorzug.«

»Wie Das?« entgegnete der Wildhändler erstaunt.

»Ich will Geflügelschütze werden.«

»Ohne Scherz?« sagte der Wildhändler.

»Es ist vollkommen wahr. Ich bin ruiniert und weiß Nichts anzufangen; ich bin ein zu guter Christ, um mich zu tödten, und da die Vorsehung mich zum Erben dieses armen Mannes gemacht hat, welcher diese Hütte bewohnte, so will ich den Wegen der Vorsehung folgen.«

Der Wildhändler entfernte sich und versprach Alain Montplet seine Kundschaft.

Siebentes Kapitel.
Am Strande

Alain Montplet war weder ein Träumer, noch ein Philosoph; er wußte nicht seine Empfindungen einer genauen Prüfung zu unterwerfen, die Ursachen zu ergründen und die Folgen nachzuweisen.

Wie er eben zu dem Wildhändler von Isigny gejagt hatte, dachte er nicht daran, sich von dem Dasein zu befreien, welches ihm indessen sehr verhaßt war, weil seine Ausschweifungen, trotzdem sie ihn von den religiösen Uebungen abhielten, den Glauben nicht hatten entwurzeln können, den eine ländliche Erziehung einer Seele so tief eingepflanzt hatte.

Einen Augenblick hatte er daran gedacht, Soldat zu werden; aber dieser Gedanke war ihm kaum in den Sinn gekommen, als er auch schon so verständig gewesen war, über den Widerwillen nachzudenken, welchen ihm jede Disciplin beständig eingeflößt hatte.

Entschlossen, seine Unabhängigkeit zu bewahren, konnte er nur eine mechanische Beschäftigung wählen.

Und welche?

Alain Montplet verstand kein Handwerk.

Es war also die Vorsehung, wie er gesagt, die ihn zu der Hütte des Vater Gabion geführt hatte, in den Augenblicke, als Dieser eben die Augen geschlossen und wo er, Alain, sich ohne Vermögen, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Geliebte befand.

Wie wir gesehen haben, hatte Alain Montplet, ein leidenschaftlicher Jäger, ein vortrefflicher Schütze, beschlossen, Geflügelschütze zu werden.

Auch, als der Wildhändler sich entfernt hatte, sagte er:

»Ja, ja, der gute Gott selber hat mich hierher geführt; es ist eine Hand, die mir diesen Zufluchtsort und diese Profession gezeigt hat, die mich ernähren soll, wie sie Den ernährte, der diese Hütte vor mir bewohnt hat. Ich werde also allein, fern von den Menschen, leben können, ohne zu ihrem Mitleid meine Zuflucht nehmen zu müssen, und vielleicht wird es mir möglich sein, ihnen einst das Leid zu vergelten, welches sie mir zugefügt haben —«

Die Frauen, müssen mir hinzufügen, waren schweigend in diese Verwünschung mit eingeschlossen.

In der That hatte Alain Montplet den feierlichen Eid abgelegt, sich nie zu verheirathen und diesem bezaubernden Theile der Gesellschaft, den man mit dem Namen des weiblichen Geschlechts bezeichnet, im Allgemeinen oder in ihren einzelnen Mitgliedern das Unrecht zu vergelten, welches ihm Lisa Jousselin zugefügt hatte.

Wie bei dem Duell wollte Alain Montplet den Makel, wie es in der Schülersprache heißt, nicht auf sich sitzen lassen.

Dieser Eid, obgleich er in einem Augenblicke der Wuth abgelegt worden, und ihn Niemand als Gott gehört hatte, vor dessen Auge er sich seiner Qual hingab, schien Alain Montplet nicht weniger geheiligt, und er nahm sich vor, ihn nie zu brechen, was sich auch ereignen möchte.

Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, handelte es sich darum, ihn sobald wie möglich in Ausführung zu bringen.

Alain Montplet besaß die nöthigen Erfordernisse zu einem Jägerberufe: vortreffliche Waffen und einen vortrefflichen Hund; er hatte sich also nur mit seiner Einrichtung zu beschäftigen.

Es blieben unserem jungen Mann fünf bis sechs Louisd’or und einige Schmucksachen übrig.

Er machte sich auf dem Weg nach Isigny, um die Schmucksachen zu verkaufen und ein Bett, einen Tisch, vier Stühle, eine Kücheneinrichtung und ein vollständiges Geflügelschützencostüm zu kaufen.

Auf dem Wege begegnete ihm eine arme Familie, die der Wildhändler geschickt hatte, und welche kam, um die Hütte auszuräumen.

Nach einem Aufenthalte von einer Stunde in Isigny waren seine Schmucksachen verkauft, eine Einkäufe gemacht und ein Maurer abgeschickt, um das Innere der Hütte zu weißen und die Spalten zu verstreichen.

Gegen fünf Uhr Abends war Alain Montplet wieder in die Hütte zurückgekehrt.

Für die vierhundert Franken, welche er aus dem Verkaufe seiner Schmucksachen gelöst hatte, hinzugerechnet zu den wenigen Louisd’or, die ihm übrig waren, hatte sich Alain Montplet alle die nothwendigsten Bedürfnisse verschafft.

Indessen war er ohne einen Sou in die Hütte zurückgekehrt.

Aber er hatte Brod für den Tag und den folgenden Tag, und er hatte Pulver und Blei für den ganzen Winter.

Es war ein ganz neues Leben, welches er begann.

Er begann es an demselben Abende.

Wir haben schon oben gesagt, worin die Geflügeljagd besteht und welches ihre Schwierigkeiten und Gefahren sind.

Vermöge der Leidenschaft, welche Alain seit seiner Kindheit für jede Art der Jagd gezeigt hatte, mußten diese Schwierigkeiten und Gefahren für ihn nur ein Reizmittel sein.

Er gab sich also mit Eifer seinem neuen Berufe hin, und da diese übermäßigen Anstrengungen, diese Aufregungen, diese unaufhörlichen Beschäftigungen die traurigen Gedanken, die ihn verfolgten, aus seinem Geiste verbannten, da die Anstrengung des Körpers die Sorgen des Geistes tödtete, da dieses Herz, welches sich nur einmal geöffnet und sich über einer Wunde geschlossen hatte, eine wahrhafte Erleichterung bei diesen Zerstreuungen fand, so verwandelte sich ein Eifer bald in Leidenschaft. Er brachte ganze Wochen an den Ufern der Mündung der Vire zu, wo das wilde Geflügel reichlich vorhanden ist; er schlief dort, er aß dort, er lebte dort, schoß während des Tages die großen und die kleinen Stelzenläufer, stellte sich während der Nacht auf den Anstand, um die vorüberziehenden Vögel zu erlegen, schoß ganze Haufen Wild, welches der Händler aus Isigny alle zwei Tage von ihm abholte und ihm den Preis für das zurückbrachte, welches er zwei Tage vorher mitgenommen hatte, und wurde nie eines verheerenden Genusses überdrüssig.

Indessen erfüllte er nur die Hälfte Dessen, was er sich in Betreff des Menschengeschlechts vorgenommen hatte, obgleich er, wenn er daran dachte, und er dachte oft daran, eben so tief, wie am ersten Tage, den Kummer empfand, den die Menschen ihm verursacht hatten.

Da er nicht die Charakterstärke eines Timon oder Alcestes besaß, so verzichtete er nicht gänzlich auf die Gesellschaft seines Gleichen, und wenn sie ihm zufällig begegneten, sprach er von Zeit zu Zeit mit feinen alten Freunden den Fischern von Grand-Camp, von Maisy und von Saint-Pierre-du-Mont.

Freilich hatten diese ihm nie Etwas zu Leide gethan und hatten ebenso viel und selbst noch mehr Achtung vor dem Geflügelschützen, als vor Alain Montplet, dem muthmaßlichen Erben der Meyerei.

Nur blieb er trotzig und unerbittlich dem zweiten Theile seines Vorsatzes treu.

Er bewahrte einen Groll gegen das Geschlecht, welchem Lisa Jousselin angehörte; er floh die Gesellschaft der Frauen, und der Haß, den er gegen sie hegte, obgleich er sich bisher nur durch Worte kundgegeben hatte, schien nicht weniger heftig, tief und aufrichtig.

Eines Tages im November 1841 bereitete sich Alain vor, zu gehen, um diesen Abend den Strich am östlichen Ufer zwei Stunden von Maisy abzuwarten.

Er zog eine großen Stiefel an, die ihm bis an den Gürtel gingen, legte über seine Blouse einen Matrosenmantel von geöltem Tuch, nahm seine Flinte, seine Nachtdecke, rief Pavillon, feinen Gefährten der Einsamkeit – diesen stummen Tröster, der alle Tage einen Besuch bei dem Grabe seines alten Herrn machte und seine Philosophie hinsichtlich der Vergangenheit lebendig erhielt – und nahm seinen Weg nach der Richtung des Fleckens.

Indem er dem Fußwege folgte, bemerkte der Jäger, daß das Wetter einen Sturm verkündete. Die Wellen gingen hoch und das Meer schien am Horizonte noch ungestümer zu werden.

Der Wind, der plötzlich von Norden nach Südosten herumgegangen war, wurde jeden Augenblick stärker und lange blutige Streifen rötheten den Himmel.

Der Jäger hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als der Sturm in einer ganzen Heftigkeit losbrach.

Die Wogen kamen wie wahre Berge, die sich bewegen, heran, um sich krachend an dem Kieselufer zu brechen.

Endlich erhob der Wind den Sand in so dichten Wirbeln, daß der junge Mann hinter der Brustwehr, die an der Seite der Felder für die Zollbeamten angebracht war, Zuflucht suchen mußte.

Als Alain zu den Häusern kam, sah er die ganze Bevölkerung von Maisy am Strande. Die Frauen lagen auf dem feuchten und mit Schlamm bedeckten Sande auf den Knieen und beteten mit Inbrunst; die Männer sahen mit einem Ausdruck der lebhaften Unruhe zu und die Seeleute schoben ein Boot mit Ruderstangen unter dem Kiel vorwärts, um es aufs Wasser zu bringen.

Alain erfuhr bald, was diese ungewohnte Aufregung zu bedeuten hatte.

Bei der Fluth am Nachmittage waren drei von den Fischerböten von Maisy zu der Austernbank abgefahren, und man fürchtete, daß sie – von dem Sturme überrascht, ehe sie das Weite suchen könnten, – an das Ufer geworfen werden möchten.

Montplet mischte sich unter die Gruppen von Männern, welche die Tiefe des Horizontes mit den Augen zu durchdringen schienen, der in einen dichten Vorhang von Regen gehüllt war, und begann mit ihnen die Wahrscheinlichkeit des Unterganges oder der Rettung zu besprechen, welche die Böte hatten.

Thomas Langot war wie die andern Bewohner des Fleckens am Strande; nur schien er unruhiger als Alle.

Die Anderen zitterten nur für ihre Verwandten oder ihre Freunde; der Wucherer zitterte für seine eigenen Eingeweide; zwei von den drei Boten, die in diesem Augenblicke auf dem Meere waren, gehörten ihm.

Aber Langot war nicht der Einzige von seiner Familie, welcher zitterte.

Jeanne Marie, diese Wittwe, die er unter dem Vorwande, ihr beizustehen, zu einer Dienerin gemacht hatte, begleitete ihn und empfand selber eine bittere Qual.

Jeder, der die Beide in so großer Verzweiflung sah, machte die Bemerkung, daß die Befürchtungen Thomas Langot’s sehr lebhaft sein müßten, weil er zugebe, daß die arme Frau, die er gewöhnlich wegen der geringsten Abwesenheit so hart behandelte, den Laden zugleich mit ihm verlasse.

Ungeachtet seiner Zerstreuung bemerkte Langot den Jäger. Es schien ihm, als ob diese anklagende Gestalt ihm Unglück bringe: Der Schrecken machte ihn abergläubig; es schien ihm, als er sich von der Gleichgültigkeit des jungen Mannes versicherte, den er seit dem Tode Jean Montplet’s und seit dem Verkaufe der Meyerei nicht wiedergesehen, daß er die Gefahren beschwören werde, welche seinen Fahrzeugen drohten.

Er begann also geschickt zu manövrieren, und sich der Gruppe der Seeleute zu nähern, unter welcher sich Alain befand.

Aber Dieser, welcher ihn seinerseits nicht aus den Augen ließ, sah ihn kommen, entfernte sich und setzte sich einige Schritte von dort auf einen Felsen nieder.

Langot wollte sich aussprechen.

Er that, als verzichte er auf sein Vorhaben, mit Alain zu sprechen; aber auf einen Umwege, und indem er einen Kreis beschrieb, näherte er sich ihm, und ehe der junge Mann Zeit hatte, ihn zu bemerken, sagte er plötzlich, um ihm nicht Zeit zu lassen, sich zu entfernen, ohne zu antworten:

»Ein schlechtes Wetter – ein sehr schlechtes Wetter, mein Junge.«

»Meinen Sie, Monsieur Langot?« antwortete Montplet kalt.

»Freilich meine ich Das.«

»Nun, ich finde es nicht.«

»Indessen,« stotterte Langot, sehr unruhig bei dem Tone, womit ihm diese Antwort gegeben wurde, »müssen Sie begreifen, daß es Denen wenig angenehm scheinen muß, welche Etwas dabei zu verlieren haben.«

»Aus demselben Grunde müssen, Sie begreifen, Monsieur Langot, Sie, der Sie einen so wohl entwickelten Verstand haben, daß es so angenehm wie möglich für Diejenigen ist, welche Etwas dabei zu gewinnen haben.«

»Aber, mein Gott!« rief der Wucherer, indem er seine gefalteten Hände zum Himmel erhob, »was denken Sie denn bei einem solchen Sturme zu gewinnen?«

»Fürs Erste werde ich dabei gewinnen, daß das wilde Geflügel, von der See und den Sandbänken vertrieben, ans Ufer kommen wird, und daß ich, um es zu erlegen, nicht einmal nöthig haben werde, mir die Füße naß zu machen, da das Wild – nur bemüht, Schutz zu suchen, – sich nicht um meine Flinte kümmern wird, und daß ich meine Jagdtasche füllen werde, ohne mir mehr Mühe zu geben, als wenn ich auf einem Lehnsessel mit Rollen jagte. Dann werde ich noch vielleicht Etwas dabei gewinnen, was ich sehr lebhaft wünsche, obgleich man seine Gebete nur an den Teufel richten muß, um es zu erlangen.«

Indem er diese Worte sagte, sah Alain den alten Wucherer spöttisch an.

Dieser verstand vollkommen, worauf der junge Mann anspielte, und der Schrecken, den er empfand, daß der Himmel oder die Hölle dieses Gebet eines Opfers erhören möge, indem er durch den Untergang einer Böte betroffen werde, verursachte ihm Gänsehaut.

»Aber Sie sind also kein Christ, um solche Wünsche zu hegen?« rief der Wucherer.

»Ah! kein Christ! In Wahrheit, Monsieur Langot,« rief Montplet, »Das ist eine Beschuldigung, die vortrefflich für Sie paßt! Es eignet sich in der That sehr gut für Sie, Monsieur Thomas Langot, von christlichen Gefühlen zu sprechen. »»Dem Schlausten die Federbetten,«« haben Sie gesagt, als sie sich der Meyerei bemächtigten. Würde es nicht gerecht sein, wenn ich Ihnen heute antwortete: Wer am Wenigsten wagt, hat den größten Schaden?«

»Aber Du wirst es nicht thun, Alain,« sagte Langot zitternd; »Du weißt wohl, mein Junge, daß ich Dich immer geliebt habe?«

»Ja, mit einer bitteren Liebe.«

»Ohne Zweifel, ohne Zweifel; denn es ist mir schwer geworden, gegen Dich zu handeln, wie ich es gethan habe, Das kannst Du glauben; aber Du begreift wohl, Geschäfte sind Geschäfte, man kann nicht immer einnehmen und niemals wiedergeben.«

»Warum haben Sie mir denn da nicht ein freundschaftliches Abfinden vorgeschlagen? Sagen Sie mir Das! Wenn ich gesehen hätte, wie es mit mir stand, würde mich die Größe der Gefahr aus meiner Unthätigkeit aufgeschreckt haben. Ich hätte mich an die Arbeit gemacht, und wenn ich verheirathet gewesen wäre, hätte ich nach und nach meine Schuld abgezahlt.«

»Zu große Delicatesse hat mich zurückgehalten, mein Junge; ja, zu große Delicatesse. Ich habe nicht dazu beitragen wollen, diesen braven Monsieur Jousselin zu täuschen; es ist wohl genug, daß ich mir vorzuwerfen habe, Deinen Vater so lange getäuscht zu haben! Möge seine liebe Seele es mir verzeihen!«

Montplet zuckte die Achseln, unwillig über eine solche Heuchelei.

»Du hast einen Groll gegen mich,« fuhr Thomas Langot fort, »und Du hast Unrecht; und der Beweis davon ist, daß ich Dich in der Stimmung finde, zu arbeiten – und so benutze dieselbe, verlasse die Sümpfe und die Frösche und kehre nach Paris zurück. Auf das Wort eines ehrlichen Mannes! Wenn Du einmal dort bist, Alain, werde ich Dir die Mittel geben, welche Dich in den Stand setzen sollen, Dein Glück zu machen, wie ich.«

»Was da!« entgegnete der junge Mann; »und werden Sie mir auch Ihre Habsucht, Ihre Unredlichkeit, Ihr falsches und eigennütziges Herz geben, Monsieur Langot? Mag es Ihnen nun angenehm sein oder nicht, ich werde in der Provinz bleiben, und merken Sie wohl, um Sie zu hassen, denn ich hasse Sie, verstehen Sie?«

Und er sprach diese Worte mit solcher Energie in das Gesicht des Wucherers, daß Dieser einen Schritt zurückwich.

»Ein Anderer würde Ihnen einen Haß verbergen, nicht wahr?« fuhr er fort; »aber ich bin nicht wie die Anderen geschaffen, und ich empfinde eine Art Freude, Ihnen zu sagen, Ihnen ins Gesicht zu wiederholen, daß ich Sie hasse! Sie nehmen in diesem Augenblicke einen Schein der Menschlichkeit und Gutmüthigkeit an, weil Sie für Ihre Nußschalen zittern; nun hören Sie, was ich Ihnen sagen will; es ist schrecklich, aber es ist die Wahrheit. Sie würden Beide hier sein, sehen Sie, ich dürfte nur das Zündhütchen dieser Flinte abbrennen, um sie zu retten. Nun aber würde ich eher meine Flinte zerbrechen, als dieses Zündhütchen springen zu lassen.«

Bei diesen Worten Montplets kam ein Schrei aus der Kehle oder vielmehr aus dem Herzen einer Frau, welche mit gefalteten Händen und die Blicke zum Himmel gerichtet die Unterredung der beiden Männer anhörte.

Diese Frau war Jeanne Marie, die Nichte des Wucherers.

»Oh, Monsieur Alain,« sagte sie, »es ist gewiß nicht gut, was Sie da sagen! Es sind auf diesen Böten Männer und Kinder, deren Verwandte Ihnen Nichts zu Leide gethan haben.«

Alain erbebte bei diesem Vorwurf, den er als vollkommen gerechtfertigt erkannte.

»Das Geschöpf hat Recht, ich hatte nicht daran gedacht!« rief Langot erfreut über diese Verstärkung; »ja, es sind Kinder des guten Gottes, menschliche Wesen auf diesen Böten, die der Herr uns erhalten möge! Es ist ihr Tod, den Sie wünschen, Monsieur Montplet, indem Sie den Untergang meiner Böte wünschen.«

»Ich wünsche Niemanden Leid oder Schaden,« versetzte Alain; »aber wenn das Leid und der Schaden kommt, so wird man es nicht tadeln können, daß ich Diejenigen nicht beklage, welche mich nicht beklagt haben.«

»Ach!« versetzte die Wittwe, »es ist nicht Dasselbe, Monsieur Alain; denn Sie haben sich selber unglücklich gemacht, indem Sie Ihren Vergnügen nachgingen, und Die, welche dort drüben sind, haben sich dem Tode aus gesetzt, um für ihre Familien Brod zu erwerben und das Kreuz zu erleichtern, welches ihre Mütter tragen.«

Mit dieser letzten Aeußerung bezog sich die unglückliche Frau auf ihren Sohn, welchen Langot acht Tage vorher wider Willen auf eins der Böte hatte bringen lassen, damit er einen Beruf lerne, wie der Wucherer jagte, aber in Wahrheit, damit er bei einem Anderen das Stück Brod esse, welches zu einem täglichen Dasein nothwendig war, – dieses armselige Stück Brod, welches wir Gott im Vaterunser uns zu geben bitten.

Ohne noch zu wagen, es kund zu geben, war Jeanne Marie mehr todt als lebendig, als sie an die Gefahr dachte, die in diesem Augenblicke ihrem vielgeliebten kleinen Sohne drohte, der der einzige Trost war, den sie auf dieser Welt hatte.

Aber ungeachtet aller ihrer Anstrengungen, ihre Qualen zu unterdrücken, konnte doch Langot’s Nichte nicht länger ihren Schmerz beherrschen.

Sie wendete sich ab, um ihre Thränen zu verbergen.

Alain bemerkte diese Bewegung nicht, oder stellte sich, als ob er sie nicht bemerke.

Jeanne Marie war ein Weib, das heißt ein Wesen, dem er Haß und Rache geschworen hatte, und die noch dazu mit einer Erbitterung, mit dem Materialhändler, in Verbindung stand.

»O! o!« sagte er, »fragen Sie doch Ihren Onkel, Jeanne Marie, ob ich allein die Schuld an meinem Untergange trage, und ob ich, ehe ich mir vor die Brust schlage und meine Schuld bekenne, nicht die falschen Freunde anklagen muß, deren Rathschläge den Tod meines Vaters beschleunigt und mich in Armuth gestürzt haben. Gehen Sie, Frau, Sie sprechen für eine schlechte Sache! Bitten Sie nur den lieben Gott, daß er Ihnen nicht die Strafe für Ihre Verwandtschaft auferlege, und stellen Sie nicht das Verlangen nach Rache auf die Probe, welches der Anblick dieses Mannes in mir erweckt, indem Sie zwischen uns einschreiten.«

Und bei diesen Worten schleuderten Alain Montplet’s Augen zwei Flammen ebenso schrecklich wie die der Blitze, die am Horizonte glänzten.

Dann, ohne die Antwort abzuwarten, brach er die Unterredung ab, warf seine Flinte auf die Schulter und entfernte sich in östlicher Richtung.

Achtes Kapitel.
Die Schiffbrüchigen der heiligen Therese

Noch eine halbe Stunde blieb die Aufregung in Maisy dieselbe.

Man muß an den nördlichen und westlichen Küsten diese Stunden der Angst gesehen haben, wo derselbe Schrecken sich zu gleicher Zelt aller Seelen bemächtigt und die Bewegungen von zwei- oder dreitausend Herzen zugleich beschleunigt, um sich einen Begriff von dieser Aufregung zu machen, die wir nicht einmal zu schildern versuchen wollen.

Endlich, als diese halbe Stunde vorüber war und man noch Nichts in dem Nebel bemerkte, vermuthete man, daß die Böte die hohe See erreicht hätten und weiter gefahren wären, so lange sie nur das geringste Segel hätten führen können, und fast beruhigt, kehrten die Bewohner des Dorfes nach einander in ihre Häuser zurück.

Es blieben am Strande nur noch Langot, seine Nichte, einige Frauen, Mütter, Schwestern und Gattinnen zurück, deren Besorgniß sich nicht durch eine solche Vermuthung beruhigen lassen wollte.

Thomas Langot, der viel unruhiger war wegen seiner beiden Böte, als Alle die Mütter, Alle die Gattinnen, Alle die Schwestern es wegen ihres Kindes, wegen ihres Gatten oder ihres Bruders sein konnten, Thomas Langot hinkte mit seinen Säbelbeinen am Strande hin und her, ohne zu bemerken, daß das Wasser des Regens und das des Meeres ihn bis auf die Haut durchnäßt habe. —

Von Zeit zu Zeit blieb er auf einer Erhöhung stehen, und richtete ein Fernglas auf den Ocean; dann schob er das Fernrohr zusammen, steckte es mit einer Bewegung der Ungeduld in die Tasche und murmelte:

»Nichts! Immer Nichts! am Ende haben sie wohl Recht, sich auf der offenen See zu halten; bei einem solchen Wellengange ist es besser auf dem offenen Meere, als an der Küste.«

Dann fügte er mit dem Widerspruche des Geizes hinzu:

»Und doch möchte ich sie wohl sehen, meine armen Böte.«

Dann, als er sich umwendete und Jeanne Marie bemerkte, stampfte er mit dem Fuße auf den Boden und rief:

»Mein Himmel! was machst Du noch da? Kannst Du, indem Du am Strande bleibt, den Kunden ihren Branntwein und ihre Lichte geben? Ach! so sind die Verwandten und Das ist die Erkenntlichkeit, die sie uns zeigen für das Brod, welches man ihnen zu essen gibt.« —

Aber die arme Jeanne Marie, deren Herz und Augen von der Gefahr ihres Sohnes zu dem Ocean hingezogen wurden, faltete die Hände und sagte statt aller Antwort:

»Ich beschwöre Sie, Onkel, lassen Sie mich noch ein Wenig hier bei Ihnen!«

»Bei mir, bei mir!« rief Langot, »und was willst Du da bei mir?«

Dann, ohne die Gemüthsbewegung zu bemerken, in welche die Verlängerung ihrer schrecklichen Qualen die arme Wittwe versetzte, ohne auf ihre in Thränen gebadeten Augen, auf den nervösen Krampf zu achten, der ihren ganzen Körper mit convulsischem Zittern erschütterte, fügte er hinzu:

»Und wenn das Beten, das Weinen und Seufzen den Wind nachlassen machte! Aber nein, der Stoßwind bläst, als wollte er das Felsenriff entwurzeln! O! meine armen Barken, meine armen Barken! Sie werden sich nicht halten können.«

Und bei diesen Ausrufungen, die für sie einem Todesurtheil glichen, stieß Jeanne Marie ein herzzerreißendes Geschrei aus und antwortete:

»Mein Kind! mein liebes Kind! mein armer kleiner Jean Marie! O guter Gott! O heilige Jungfrau, hast Du kein Mitleid mit meinem Kinde?«

»Du wirst ihn wieder finden – Du wirst ihn wiederfinden, Deinen Jungen,« entgegnete der Materialhändler, den sein Zorn über den Sturm noch brutaler als gewöhnlich machte. »Ein Mann oder ein Kind kommt immer todt oder lebendig an die Küste; anders ist es mit einem Boote.«

Jeanne Marie hielt ihre Hände vor die Ohren, um diese Worte nicht zu hören, die sie für Lästerungen hielt und sie sank am Strande auf die Kniee.

In diesem Augenblicke kam ein Mann, der mit langen Schritten ging und mit seinen Armen Signale machte, über den Strand dahergelaufen.

Thomas Langot eilte auf diesen Mann zu, ohne sich um seine Nichte zu kümmern, die er halb ohnmächtig zurückließ Dieser Mann, der wie ein Bote des Unglücks herbeilief, war Alain Montplet.

Aus der weitesten Ferne, sobald er seine Stimme hörbar machen konnte, rief Alain Montplet und übertönte die Stimme des Windes und Ungewitters:

»Ruft Alle herbei! Alle zum Rettungsboote! Sie sind an der Küste – sie sind auf der Sandbank von Pleineseve!«

Thomas Langot’s Beine wichen unter ihm, ein Gewölk zog an seinen Augen vorüber und er fühlte sich im Begriff, ohnmächtig zu werden..

Ehe er wieder zu sich gekommen war, eilte Alain an ihm vorüber, kam am oberen Ende der Hauptstraße an und rief mit einer Stimme, die im ganzen Dorfe zu hören war:

»Zu Hilfe, Ihr Leute! zu Hilfe! Sie sind auf die Sandbank vor Pleineseve gelaufen!«

Auf diesen Ruf, welcher der des Geistes des Wassers zu sein schien, stürzten alle Bewohner des Dorfes, Männer, Frauen, Kinder, Greise, aus den Häusern und eilten zu dem Puncte hin, wo das Unglück signalisiert worden war.

Bei dem ersten Worte stürzte sich Jeanne Marie zu der Sandbank von Pleineseve hin; sie wetteiferte an Stärke mit den Schnellsten; die Verzweiflung gab ihr Kraft.

Die Haare im Winde flatternd, verwirrt, athemlos, beengt, kam sie zuerst um den Vorsprung, den das Felsenufer bildet, und konnte die kleine Bucht übersehen, in welcher sich die Sandbank vor Pleineseve befindet.

An dem breiten, weißen Bande, welches der Umkreis des Schiffes umgab, erkannte sie die heilige Therese, nämlich das Fahrzeug, auf welchem ihr Sohn sich befand.

Bei diesem Anblicke fiel die arme Frau vom Schmerze vernichtet und von diesem heftigen Laufe erschöpft, auf den Sand nieder, indem sie schrie:

»O mein Gott! mein Gott! mein armer Kleiner!«

Die Bevölkerung kam hinter ihr her, und während der ersten Augenblicke herrschte ein Tumult und eine Verwirrung, welche unmöglich zu beschreiben sein würde.

Die Männer sprachen alle zu gleicher Zeit, stritten sich über die Mittel, die man zur Rettung anzuwenden habe, und die Zeit ging unwiederbringlich verloren, ohne daß sie ein einziges versuchten.

Die Frauen stießen ein durchdringendes Geschrei aus, und mit ihrem Schluchzen mischte sich das ihrer Kinder, welche weinten, als sie ihre Mütter weinen sahen.

Unter diesem Wirrwarr bewahrten Alain und einige Matrosen allein ein wenig Kaltblütigkeit.

Jacques Henin – man erinnert sich, daß wir zu Anfang dieser Geschichte den Namen dieses Seemannes genannt haben, indem wir sagten, daß wir uns später mehr mit ihm beschäftigen würden – Jacques Henin, dem eine Eigenschaft als ehemaliger Steuermann auf einem Schiffe des Staats einige Autorität verlieh, legte Allen Schweigen auf.

Er trieb die Frauen und Kinder von dem Felsenufer weg und befahl einigen jungen Burschen, das Boot herbeizuholen, welches man am Ufer von Maisy in Bereitschaft gesetzt hatte, es auf einen Karren zu heben und es mit Pferden im Trabe dorthin zu fahren.

Die Lage der heiligen Therese war in der That sehr critisch und machte diese rasche Maßregel nöthig. Sie war quer über die Sandbank gefahren und so tief eingedrungen, daß sie nicht mehr flott war, als die Woge hinten anschlug. Die drei Matrosen und der Schiffsjunge, welche die Mannschaft bildeten – der Schiffsjunge war der kleine Jean Marie – konnten sich nicht auf dem Verdecke halten, über welches die Wogen ohne Aufhören dahinfuhren, und hatten sich auf den Mast geflüchtet, wo sie sich festhielten; von Zeit zu Zeit schlug eine stärkere Woge, als die anderen, an die Barke an, warf sie auf die Seite, und dann verschwanden Kiel, Mast, Matrosen und Alles in dieser ungeheuren Wassermasse; dann zurückkehrend, richtete die Woge das kleine Fahrzeug wieder auf. Der Schiffsjunge, der sich am Höchsten aufgewunden hatte, erschien zuerst, dann die Matrosen, dann die Schaluppe, welche einige Augenblicke aufrecht blieb, bis ein anderer Schlag des Meeres sie wieder umwarf.

Jedes Mal, wenn sich die Barke unter die Woge tauchte, kam ein Schrei der Angst aus der Brust der Zuschauer dieser schrecklichen Scene und mischte sich mit dem Schreien der Schiffbrüchigen, welches man deutlich am Ufer hörte.

Dann blieb einige Augenblicke Alles am Ufer still und unbeweglich.

Diese wenigen Augenblicke erschienen wie eine Ewigkeit.

Endlich begrüßte ein Schrei der Hoffnung, der wie der Schrei der Angst aus jedem Munde kam, die Rückkehr der Schiffbrüchigen zum Licht und Leben.

Und man hörte diese Worte, gemischt mit den Athemzügen der zwölf- oder fünfzehnhundert Personen:

»O! Gott sei gepriesen! Sie sind noch alle Vier da !«

Aber nach etwa einer Viertelstunde und ehe die Männer, welche das Rettungsboot herbeiholten, zurück waren, hatte dieses wiederholte Untertauchen schon einem von den Matrosen das Leben gekostet.

Bei dem Aufrichten der Barke trug der Mast der heiligen Therese nur noch drei Lebende.

Der Vierte, – der, welcher dem Verdeck am Nächsten gewesen war, hing eingeknickt und nur von einem Tau festgehalten da.

Er war todt! Das Schreien und Schluchzen brach los.

Es war nur zu einleuchtend, daß nach der Reihe dieses Schicksal den armen Matrosen zu Theil werden würde.

Jacques Henin wurde von der ganzen Bevölkerung aufgefordert, für die Rettung Derjenigen zu sorgen, welche noch am Leben waren.

Da mußte er Gewalt anwenden, um die Frauen zurückzutreiben, welche bis ins Meer vordrangen und ihre Arme nach den unglücklichen Schiffbrüchigen ausstreckten.

In diesem Augenblicke verkündete ein lautes Schreien die Ankunft des Bootes.

Jeder stürzte sich darüber her und zog oder schob es zum Ufer hin.

Aber in diesem Augenblicke nahm Maitre Jacques das Wort wie ein Admiral.

»Da!« rief er, »man höre mich an und gehorche mir!« —

Alle schwiegen.

»Acht Männer von gutem Willen!« rief er.

Es zeigten sich fünfzig.

Dies ist immer in solchen Fällen in Frankreich bewundernswürdig; um einen Menschen zu retten, der im Begriff ist, umzukommen, weihen sich Zehn einem fast ebenso gewissen Tode, wie der, dem Derjenige ausgesetzt ist, den man retten will.

Jacques Henin wählte acht Männer unter den Kräftigsten und Entschlossensten aus.

Und keine Mutter, keine Frau, keine Schwester näherte sich und sagte ein Wort oder machte eine Geberde, um ihren Sohn, ihren Mann oder ihren Bruder zurückzuhalten, in den Tod zu eilen.

Jedes wußte, daß er vor den Augen Gottes eine geheiligte Pflicht erfülle.

Es war eine Sache zwischen Gott und Denjenigen, welche sich aufopferten.

Jacques Henin wies jedem Manne seinen Posten an, empfahl Allen, auf einen Befehl aufmerksam zu sein, und wartete auf eine Windstille, um das Boot über die Strecke hinwegzubringen, welche es von dem Ocean trennte.

Auf ein Signal schoben die acht Männer mit einer vereinten Anstrengung die Barke weiter, sie trieb auf dem Wasser und sogleich sprangen.

Alle an ihren Platz und neigten sich über ihre Ruder.

Aber noch waren sie keine zehn Faden vom Ufer, als eine Welle die Alle überschüttete, und als sie darüber hinweggerollt war, zeigte sie das Fahrzeug umgeschlagen.

Die Männer, die darin waren, verdankten ihr Leben nur der Vorsicht, welche Jacques Henin angewendet hatte, indem er jede Seite mit einigen Tauenden versehen, woran sie sich fest halten konnten.

Drei Mal brachte man die Barke aufs Meer.

Drei Mal schlug sie auf dieselbe Weise um.

Bei dem dritten Versuche lehnte sich Maitre Henin an die Barke an, welche, den Kiel in der Luft, auf dem Rande lag, und rief mit einer Stimme, zugleich voll Traurigkeit und Muth:

»Genug, meine Kinder, genug! Der gute Gott ist nicht für uns.«

Dann erhob er die Hand zum Himmel und murmelte:

»Ist es nicht zum Tollwerden, auf hundert Klafter vor sich Kameraden sich krümmen zu sehen, wie einen Haifischhaken! Aber wenn der Anker aufrecht steht, muß das Tau wohl zerreißen! Heute sind sie an der Reihe, morgen wir! Laßt uns für sie beten, Matrosen! Das ist alles, was sie noch von den Menschen erwarten können.«

Und das Beispiel gebend, entblößte der alte Seewolf seinen grauen Kopf, knieete nieder und begann mit lauter Stimme ein Gebet.

Aber das angefangene Gebet wurde nicht beendet.

Eine Frau durchbrach die Menge mit der Energie einer Löwin, ergriff einen Arm und schüttelte ihn so heftig, daß sie ihn aufzustehen nöthigte.

Diese Frau war Jeanne Marie.

»O Feigling!« sagte sie zu ihm, »Du lebst, diese Männer leben, und Ihr verzichtet darauf, Eure Mitmenschen zu retten, die sich zweihundert Schritte von Euch befinden und dem Tode nahe sind! Kommt zu mir, Mütter! kommt zu mir, Frauen! Wir wollen thun, was diese Männer nicht auszuführen wagen.«

Einige Frauen umringten Jeanne Marie und riefen:

»Kommt! kommt! Wir sind Matrosenfrauen, wir wissen das Ruder zu führen.«

»Aber, Unglückliche!« rief Jacques Henin, Jeanne Marie anredend, »Du willst also sterben und sie mit in den Tod ziehen.«

»Ich will meinen Sohn retten; – dieses Kind, welches die Arme da drüben nach mir ausstreckt, siehst Du? ist mein Sohn! – ja, ja,« rief Jeanne, »ja, ich will dorthin und wenn ich ihn nicht retten kann, werden wir wenigstens zusammen sterben!«

In diesem Augenblicke, als habe der Sturm es übernommen zu antworten, da die Menschen schwiegen, in diesem Augenblicke schlug eine ungeheure Welle mit großem Geräusch an den Strand, warf mehre Zuschauer um und bedeckte die andern mit Schaum.

Auf das Schreien Dieser antwortete das Schreien der anderen Zuschauer, die, weiter von dem Meere entfernt, die heilige Therese nicht aus den Augen verloren.

– Dieses Geschrei kündigte an, daß die Anzahl der Schiffbrüchigen sich auf Zwei beschränkte.

Eine zweite Leiche schwankte über der ersten.

Der Tod stieg von Etage zu Etage hinauf.

»Du siehst es, Jeanne Marie,« sagte der alte Steuermann, »keine menschliche Stärke oder Muth kann gegen den Ocean ankämpfen, wenn der gute Gott auf die Fluthen bläst. Kein Boot, und wäre es das des Teufels, könnte heute anders, als mit dem Kiel in der Luft fahren! Ein guter Schwimmer könnte vielleicht über diese hundert Klaftern wegkommen; aber es ist kein Einziger in Maisy, so stark er auch sein mag, dem ich rathen möchte, es zu versuchen.«

»Ein Schwimmer! ein Schwimmer!« wiederholte Jeanne Marie händeringend: »aber ich kann nicht schwimmen! O! der Herr, der uns Mutterherzen giebt, sollte uns auch die Stärke der Männer geben.«

In diesem Augenblicke bemerkte sie den Geflügelschützen, der mit düsterem Auge bei ihr stand das Unglück betrachtete.

Mit einer blitzschnellen Bewegung lag sie zu seinen Füßen.

»Monsieur Alain!« rief sie; »Monsieur Alain! man sagt, daß Sie der erste Schwimmer nicht nur von Maisy, sondern auch an der ganzen Küste sind – Monsieur Alain, im Namen Gottes! Im Namen Ihres Vaters und Ihrer Mutter, die in christlicher Erde ruhen, retten Sie meinen Knaben!«

»Gehen Sie nicht, Montplet!« sagte Henin; »gehen Sie nicht, oder Sie werden elend umkommen!«

Jeanne Marie richtete sich auf.

.

»Schweigen Sie, Jacques!« rief sie, »schweigen Sie, und verhindern Sie nicht, daß dieser wackere junge Mann einen Sohn seiner Mutter wieder gebe. O! wenn Sie wüßten, wie sehr ich ihn liebe, mein guter Monsieur Alain! – wenn Sie wüßten, wie sehr er mich selber liebt, das arme, liebe Kind! – wenn Sie wüßten, wie übel ich um seinetwillen behandelt worden bin! wenn Sie gesehen hätten, mit welchem Muthe er diese Barke bestieg, um uns unser Brod bei dem Onkel zu erhalten, so würden Sie begreifen, daß ich ihn unmöglich auf immer verlieren kann! – Indem Sie ihn retten, das schwöre ich Ihnen zu, retten Sie zugleich zwei Personen das Leben; ich habe nur ihn auf der Welt! – und Gott, welcher gut und barmherzig ist« – und die Witwe erhob ihre Arme zum Himmel – »Gott würde mir nicht meinen einzigen Trost, den er mir gelassen hat, nehmen! Wenn er mir ihn nähme, sehen Sie, so würde er wollen, daß ich ihn nicht überlebe! Mein Gott! mein Gott! Sie wissen wohl, daß eine Mutter ihr Kind nicht überleben kann!«

Diese Worte hatten einen tiefen Eindruck auf die Umstehenden hervorgebracht.

Alain selber war ungeachtet seines angeblichen Menschenhasses mehr als alle Anderen davon gerührt.

Wir haben schon gesagt, daß die Mutterliebe seiner Kindheit gefehlt hatte, und er bewunderte um so mehr die Energie dieses Gefühls, welches sich ihm zum ersten Male offenbarte.

»Nun, es sei!« rief er plötzlich; »man soll nicht sagen, daß man Alain Montplet gebeten, das Leben eines Kindes zu retten, welches noch Niemanden etwas zu Leide gethan, und daß Alain Montplet sich geweigert, aus Furcht sein Leben lassen zu müssen. – Halloh! Ihr Anderen!« fügte er hinzu, indem er den triefenden Matrosenmantel und die Blouse auf den nassen Strand warf, »ich gehe! bindet mir ein Tau um den Leib.«

Und in einem Augenblicke stand er da, wie der farnesische Hercules, an welche herrliche Marmorstatue er, mit Ausnahme der Feinheit der Gelenke, erinnerte.

Man band ihm ein Tau um den Leib.

»Monsieur Alain! Monsieur Alain!« rief die verzweifelnde Wittwe und steckte zu gleicher Zeit die Arme gegen die gestrandete Barke aus.

Zum zwanzigsten Male war die Barke unter einer Woge verschwunden.

Die Angst war aufs Aeußerste gestiegen.

Vielleicht wurde die Aufopferung des Jägers vergeblich, vielleicht hatten die beiden Unglücklichen, die am Bord waren, zu leben aufgehört.

Die Barke richtete sich auf.

Der dritte Matrose war zusammengeknickt und todt wie seine beiden anderen Kameraden.

Der kleine Schiffsjunge, der sich am Ende des Mastes befand und die bei jeder Woge weniger tief ins Meer tauchte, war noch am Leben.

»Ah!« sagte die Wittwe tief athmend, »er lebt, er lebt, Alain! Gott erhalte ihn!«

»Muth, Alain, Muth!« riefen alle Stimmen.

Als man Alain das Tau um einen Körper gebunden hatte, gab er Maitre Henin das andere Ende in die Hand und sagte:

»Hier, Sie lassen das Tau langsam nach, und wenn ich dort drüben bin, binden Sie ein gutes starkes Tau an, welches ich nachziehen will, und wenn ich das Ende dort fest binde, so hoffe ich mit Gottes Hilfe mit dem Knaben zurückzukommen.«

»Tausend Wetter!« rief Henin, »Sie sind ein Thor, aber ein guter Kerl, und ich will Sie nicht zurückhalten, wenn Sie so wacker Ihre Haut wagen wollen. Wenn es Ihnen recht ist, Alain, will ich Sie begleiten.«

»Nein, nein,« antwortete der Jäger, den alten Seemann zurückhaltend, der schon eine Blouse abzulegen begann.

»Wenn die Sache möglich ist, Jacques, so ist ein Einziger genug; wenn sie nicht möglich ist, so ist es schon genug, wenn ein Einziger stirbt. Sie haben auch Kinder,« fügte er so leise hinzu, daß die Wittwe es nicht hörte, »was würde aus ihnen werden, wenn Sie umkämen?«

»Meiner Treu! es ist auch wahr!« murmelte der alte Steuermann, indem er entmuthigt die Arme sinken ließ. »O diese Kleinen! Ich dachte nicht an sie! So gehen Sie, wackerer Alain! Gehen Sie allein und verlassen Sie sich auf mich wegen des Taues. Nur lassen Sie sich nicht von der Welle betäuben, sie macht oft mehr Lärm, als sie Schaden thut.«

»Seien Sie ruhig,« sagte Alain, »sie und ich sind alte Bekannte. Sehen Sie wohl nach dem Tau – daß es nicht zu straff oder zu wenig gespannt ist. Nun, es ist ein Wort, leben Sie wohl!«

»Es ist ein Wort, wackerer Alain, und lassen Sie sich die Hand drücken für mich und die Kameraden.«

Der junge Mann und der alte Seemann fielen einander in die Arme.

Nach diesem herzlichen Drucke wollte Alain sich in’s Meer begeben, aber jetzt war die Reihe an Jeanne Marie.

Die arme Frau warf sich in seine Arme und rief:

»Und ich! und ich auch, Monsieur Alain!«

Und sie gab dem jungen Jäger einen zugleich keuschen und leidenschaftlichen Kuß.

Es schien der Wittwe, als ob dieser Kuß bis zu ihrem Kinde gelangen würde.

Alain ging bis über die Knie in’s Wasser und bereitete sich vor wie ein Athlet, welcher kämpfen will.

Er wartete den Augenblick ab, wo die Woge kommen mußte.

Sie kam ungeheuer brüllend und schrecklich.

Anstatt sie zu fliehen, eilte er ihr entgegen, stürzte sich entschlossen auf sie zu, wurde von dem Rückschlage fortgerissen und erschien zwanzig Faden vom Ufer wieder.

»Bravo! bravo!« rief Henin; »ah! er kennt sein Geschäft, der Junge, und jetzt, da ich ihn beim Werk gesehen habe, wird er ankommen, ich wette mein Leben gegen ein Stückchen Kautabak.«

»Muth, Alain, Muth!« riefen alle Stimmen.

Die Wittwe allein rief nicht.

Sie lag auf den Knieen, betete und weinte; von der Heftigkeit ihres Schmerzes niedergebeugt, welcher ihre schwache und hinfällige Natur so wenig gewachsen war, hatte sie nicht einmal die Stärke, hinzublicken.

Die Fischer folgten allen Bewegungen Alain’s mit Bangigkeit, welche jedoch mit Stolz gemischt war.

Das Schauspiel einer Aufopferung hat das Auffallende, daß es die Zuschauer in ihren eigenen Augen größer macht.

Uebrigens konnte man dem jungen Manne wohl mit den Augen folgen, denn er war schön anzusehen.

Er schwamm mit einer unerhörten Anstrengung und wiederholte das erste Manöver jedesmal, wenn die Gelegenheit sich dazu darbot.

Allmählich wurde die Entfernung, die den Schwimmer von dem gescheiterten Fahrzeuge trennte, kürzer, bald darauf sah man ihn sich an die Felsen anklammern, auf welchen das Fahrzeug gescheitert war.

Er streckte die Hand aus, um sich an die Seite der Barke fest zu binden.

Aber ein Wellenschlag kam und man sah Nichts mehr. Schwimmer, Barke, Schiffbrüchiger, Alles war verschwunden.

Es war einer von jenen Augenblicken der Angst, wie wir sie schon zu schildern versucht haben.

Dieses Mal indessen war die Angst viel größer, denn die Gefahr, welcher Alain sich aussetzte, erhöhte sie noch.

Die Barke richtete sich wieder auf.

Der Knabe war noch am Leben.

Daß die Höhe, wo er sich befand, ihn weniger lange unter dem Wasser ließ, wenn die Woge über ihn dahin ging, haben wir schon gesagt, und Dies hatte gemacht, daß gerade der Schwächste die Anderen überlebte.

Wegen des Knaben beruhigt, suchten die Augen Aller Alain auf.

Kein Herz schlug, keine Brust athmete.

Die Wittwe hatte sich zu ihrer vollen Höhe wieder aufgerichtet; die Arme gegen das Meer ausgestreckt, athmete sie tief, ohne ein Wort zu sagen, und ohne daß ihr auch nur die Kraft übrig blieb, zu beten.

Plötzlich erblickte man eine schwärzliche Gestalt auf der anderen Seite des Fahrzeuges in der Richtung nach der See hin.

Es war Alain.

Er nahm wieder eine Richtung nach dem Fahrzeuge hin, über welches hinaus ihn das Meer fortgerissen hatte.

Dieses Mal glücklicher, kam er zu dem Fahrzeuge, hißte sich auf das Verdeck und band das Tau, welches Maitre Henin wie verabredet nachgelassen hatte, um den Fuß des Mastes.

Dann gelangte er vermöge des Takelwerks, bis zu dem Knaben, dessen sich der Frost bemächtigt hatte und der sich nicht allein von den Tauen, womit er festgebunden war, losmachen konnte.

Er band ihn von dem rettenden Maste los, setzte ihn auf seine Schultern, stieg wieder herunter, ergriff das Tau und begann zu dem Ufer zurückzukehren.

Jetzt waren am Lande. Alle in der größten Spannung, und sahen athemlos mit heftigem Herzklopfen zu, beteten und riefen ihm Worte der Ermuthigung zu.

Die Rückkehr währte lange und war mühsam und gefährlich.

Zehn Mal ließ der Knabe los, und jedesmal wäre er unfehlbar vom Meere fortgeführt worden, hätte Alain nicht die Vorsicht angewendet, ihm das Tau um den Leib zu lassen, welches er um das lange Tau geschlungen hatte, so daß man es fortschieben konnte.

So wie sich Alain und der Knabe dem Lande näherten, ging ihnen Jeanne Marie mit einer fast maschinenmäßigen Bewegung entgegen.

Als Alain nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt war, konnte sie sich nicht länger zurückhalten und trat in’s Wasser, um eher zu ihnen zu kommen.

Zum Glück verlor sie den Boden nicht.

Alain legte ihr den Knaben in die Arme.

Sobald sie den kleinen Knaben gefaßt hielt, wendete sie sich vor Freude schreiend um, und ohne ein Wort des Dankes an irgend Jemand zu richten, ohne Alain ihre Erkenntlichkeit zu bezeugen, begann sie in der Richtung nach Maisy fortzulaufen, indem sie ihren Knaben fest umfaßt hielt und fliehend, als wollte das Meer sie noch verfolgen.

»Nun, nun, legen Sie Ihre Kleider wieder an,« sagte Maitre Henin, indem er die Hand des wackeren Schwimmers drückte. »Sie kümmern sich ohne Zweifel nicht mehr als ich darum, bei dem Zertrümmern dieses Wracks zugegen zu sein; wir wollen in die Schenke zum königlichen Anker gehen.«

»Ich danke Ihnen, Henin,« sagte der junge Mann, indem er sich wieder ankleidete, wie es ihm der gute Steuermann gerathen; »aber ich habe mehrmals Gelübde abgelegt, unter anderen. Das, nicht wieder in ein Kaffeehaus zu gehen.«

»Bei meiner Pfeife! Man soll nicht sagen, daß wir uns an einem solchen Tage so getrennt, und Sie müssen zu mir kommen; Sie sind zu weit von Ihrem Häuschen, um wegen einer warmen Suppe dorthin zu gehen!«

»Ich muß indessen dorthin zurückkehren, Maitre Jacques,« sagte Alain, »denn dies ist eine dunkle Nacht, und ich habe diesen Abend den Strich verfehlt. Zufällig geht der Mond um elf Uhr auf, und ich könnte die verlorne Zeit wieder einholen.«

Nun, wenn es sein muß, obgleich es nicht mein Beruf ist und ich lieber ein Ruder oder das Steuer regiere, als eine Flinte handhabe, will ich Euch helfen, die Enten zu schießen; aber vorher, da Sie ein wackerer junger Mann und ein tüchtiger Schwimmer sind, müssen Sie sich vorher in meinem Haus erfrischen.«

Und gern oder ungern mußte Alain Montplet Jacques Henin folgen. —

Das schreckliche Drama war beendet.

Der größte Theil der Bewohner von Maisy erreichte den Flecken wieder; es blieben in der Bucht von Pleineseve nur die Verwandten der Schiffbrüchigen zurück, welche warteten, bis das Meer die Zertrümmerung der heiligen Therese vollendet habe und die drei Leichen ihrer frommen Fürsorge zurückgebe, und Langot, welcher selber auf dem Felsenufer wachte, um zu sehen, ob die Wogen Nichts an den Strand spielen würden.

Der Mond ging über dem düsteren Schauspiele auf.

Möge der Maler den Pinsel nehmen. Die Feder ist ohnmächtig, die traurige Majestät der Einsamkeit des Sturmes und der Nacht wiederzugeben.

Neuntes Capitel.
Die Familie des Steuermannes

Maitre Henin bewohnte ein kleines weiß abgeputztes Haus, welches mit seinen grünen Fensterladen, einem Dache von rothen Ziegeln und einem kleinen Garten, von einer schönen Hecke von Stechginster umgeben, wie ein Karfunkel unter den schwarzen und schmutzigen Wohnungen seiner Nachbarn glänzte.

Das Innere des Hauses entsprach vermöge seiner Reinlichkeit der Zierlichkeit des Aeußeren.

Es bestand aus zwei Zimmern.

Das Eine diente zugleich als Magazin für die Fischergeräthe, die Sämereien und die Gartenwerkzeuge und als Zimmer für die Kinder; das Andere war zu gleicher Zeit die Küche, der Speisesaal, der Salon der ganzen Familie und das Schlafzimmer Henin’s und seiner Frau.

Ungeachtet dieser vielfachen Bestimmungen war dieses Zimmer sehr zierlich und ordentlich gehalten. Die Ziegel des Fußbodens waren von schönem rothen Glanze. Man hätte sich in den Füllungen der großen Schränke von Nußholz und in ihren Schloßschildern von zierlich gearbeitetem Messing, mit einer Geschicklichkeit geputzt, welche zeigte, daß sie erst an diesem Morgen abgerieben waren, spiegeln können; es wäre unmöglich gewesen, den geringsten Staub an den großen Vorhängen von grünem Wollenzeug zu entdecken, welche das Himmelbett umgaben, noch auf den zahlreichen Korallen und Conchilien, den Erinnerungen an die Seereisen des alten Steuermannes, der sie auf dem Kamine und den Mobilien symmetrisch geordnet hatte.

Als Maitre Jacques, der dem Geflügelschützen als Führer diente, die Klinke der Thür öffnete, ließ sich im Inneren des Hauses ein lautes Geräusch von Holzschuhen hören und eine Schaar von Kindern, – einige blond, andere braun, aber alle frisch und roth wie Octoberäpfel, erschien auf der Schwelle.

Das ehrliche Gesicht des Seemannes entrunzelte sich und zeigte ein Lächeln der Genugthuung.

Mit einer Geberde die Ungeduld dieser kleinen Welt beruhigend, nahm er respectvoll den Tabak heraus, der seine Wange aufblähte, befreite sich von dem gelben Safte des Tabaks und wischte sich die Lippen mit der umgekehrten Hand ab; dann nahm er die Kinder eins nach dem andern und küßte die vollen Wangen eines jeden dreimal.

Und als Dies beendet war, sagte er:

»Uff! Das ist ärger als eine Inspection am Bord! Auf, Louison, ein Reisigbündel ans Feuer und stelle die Schüssel auf den Tisch. Mein Magen schwankt aus Mangel an Ballast.«

»Gehören Ihnen alle diese Kinder?« fragte Alain.

»Neun mir – und zwei meinem verstorbenen Bruder, aber Alle sind in die Rolle der Schiffsmannschaft als meine Kinder eingeschrieben.«

»Armer Henin!« sagte der Jäger in einem Tone des Mitleids.

»Arm,« versetzte der Steuermann; »mich dünkt, ich bin nicht zu beklagen, und so wie ich bin, komme ich mir reicher vor, als der König.«

»Wie so?«

»Wenn er aufsteht oder sich niederlegt, hat er immer nur sechs Segen zu empfangen, da er nur sechs Kinder hat, und ich habe elf.«

Und die beiden kleinsten, wovon das Eine ihm und das Andere seinem Bruder gehörte, aus ihren Wiegen nehmend, schaukelte er sie auf einen Knieen.

Alain, der nie im Stande gewesen war, die Familienfreuden zu schätzen, sah in dieser Menge von Kindern nur eine Vermehrung der Mühen und Sorgen für das Haupt der Familie.

Indessen bildete dieses so belebte Innere einen lebhaften Gegensatz zu dem düsteren und verlassenen Anblicke seiner Hütte.

Dieser Gegensatz machte Alain völlig gedankenvoll.

»So fühlen Sie sich also glücklich, Jacques?« fragte er.

»Tausend Wetter! Das will ich meinen, daß ich mich glücklich fühle; ich müßte schwer zu befriedigen sein, wenn ich anders dächte.«

»Man muß schwer arbeiten, Jacques, um alle diese Kinder zu ernähren.«

»Das ist wahr; aber wenn ich mastlos bin, werden sie arbeiten, um mich zu ernähren.«

»Hm!« sagte Alain, der sich mit einer gewissen Reue der Art erinnerte, wie er gegen seinen Vater gehandelt hatte, »wenn die Kinder groß werden, Jacques, verändern die Sorgen ihre Farbe, das ist Alles.«

Jacques lehnte sich auf einem Stuhle zurück und sah Alain zwischen die beiden Augen.

»Ah!« sagte er, »was haben Sie denn vor, auf solche Weise das Glück Anderer anzuspeien? Glauben Sie vielleicht, daß Sie es mir verleidet machen werden? He! Ich habe es geliebt wie Sie, mich frei umherzutreiben und alle Segel aufzuspannen; aber es kommt ein Augenblick, wo man das Bedürfniß fühlt, das Segel einzuziehen und sich auf seinen Anker zu setzen. Ein Wenig früher oder später muß Dies kommen; und dann, wenn man das Glück hat, eine solche Frau zu bekommen, wie diese da, sanft wie Schiffstalg, nachgiebig wie eine Bramstange, und bausbäckige Bälge, die nicht das Näschen verziehen, wenn man ihnen mit dem Barte zu nahe kommt, macht man sich das Bett im Werg und bedauert nicht nur Nichts, sondern man fragt auch, wie man irgend etwas Anderes hat lieben können.«

»Gut!« rief Alain, »wenn alle Frauen Ihrer Louison glichen, könnte Das, was Sie da sagen, einen vernünftigen Sinn haben; aber für Eine, welche angeht, sind Neun da, die nicht der Mühe werth sind, sie ins Meer zu werfen.«

»Ah! ja,« versetzte Henin, »ich hatte vergessen, daß Sie einen Groll auf die Frauen haben. Aber mein Himmel, was haben sie Ihnen denn zu Leide gethan, diese unglücklichen Frauen? – Ist es, weil die Jousseline nicht mehr mit Ihnen fahren wollte, als sie sah, daß Sie verschlagen wurden? Aber nein, armer Alain, es ist Ihre Schuld. Wenn man Kabeljaufischer ist und zu der großen Sandbank fährt, so muß man sich weder von der Sculptur des Schiffschnabels, noch von der Ausmalung des Spiegels, noch von allen solchen Dummheiten irren lassen: man muß nach der Schiffsverkleidung, nach der Fütterung und nach der Takelage sehen. Wenn man sein Leben damit hinbringen muß, in dem Wasser der Mittelmäßigkeit zu kreuzen, im Namen des Donners, was soll man mit einer Frau, die wie eine Herzogin betakelt ist, wie es die Tochter dieses alten Händlers mit gesalzener Pomade war! Ah! Gott sei Dank, wenn die Diebereien dieses Langot Ihnen keinen anderen Schaden gethan hätten, als Sie zu verhindern, die Lisa zu heirathen, so meine ich, mein Junge, anstatt ihm zu grollen, sollten Sie unserer rettenden heiligen Jungfrau eine hübsche Wachskerze weihen.«

»Auch bedauere ich sie nicht, Maitre Henin,« antwortete der junge Mann mit gezwungenem Lächeln, welches seine Worte Lügen strafte. »Indessen bin ich auf immer von der Idee, mich zu verheirathen, geheilt; und jetzt,« fügte er hinzu, indem er auf seine Entenflinte deutete die in dem Winkel des großen Kamins trocknete, »sehen Sie da meine Frau, und ich lege Ihnen das Gelübde ab, daß ich nie eine andere haben will.«

»Bah! bah!« sagte Henin, »wenn man das erste Mal einen schlechten Grund gefunden, als man die große Reise antreten wollte, so ist Das noch kein Grund, darauf zu verzichten, einen Ankerplatz zu suchen. Aber da ist die Suppe, wir wollen sie essen, und Sie sollen mir später sagen, ob eine Creatur, welche die Linsen und die Windsorbohnen auf diese Weise zu fricasiren versteht, nicht im Stande ist, einen Mann in der Wirthschaft glücklich zu machen.«

Man setzte sich zu Tische.

Henin hatte so großen Hunger, daß er während der ganzen Mahlzeit nicht sprach, als um einen Gast aufzufordern, ebenso oft wie er in die Schüssel zu tauchen, welcher Einladung Alain Montplet, wie wir bemerken müssen, Folge leistete, ohne sich viel bitten zu lassen.

Als die Bohnensuppe und der Speck verschwunden waren, brachte Louison Branntwein, Cider und zwei Gläser, die sie auf den Tisch stellte.

Die Kinder stritten sich darum, wer die Pfeife holen solle, welche der Vater verlangt hatte, und der alte Matrose näherte sich dem Feuer und setzte die Unterredung fort, welche das Abendessen unterbrochen hatte.

»Ah! mein Junge,« sagte er, »Sie sind also entmastet und rasiert wie ein Brückenschiff?«

»Ja, Maitre, ich habe Nichts mehr.«

»Nichts – gar Nichts.«

»Durchaus Nichts.«

»Was den Namen Dessen betrifft, der Sie auf’s Trockne gesetzt hat, den kenne ich und verehre ihn nicht gerade sehr. Es ist der Säbelbein, nicht wahr?«

»Ah, ja! er selber.«

»Aber jagen Sie mir einmal – ich muß darüber Auskunft haben wegen einer Sache, die ich Ihnen erzählen will – sagen Sie mir, wer dieser verwünschte Winkeladvocat ist, den Sie beauftragt hatten, Ihre Angelegenheit abzubrassen?«

»Es ist Richard.«

»Ah ja, der Advocat von Isigny. Nun, sind Sie gewiß, daß der Federfuchser Sie nicht an Händen und Füßen gebunden dem Engländer überliefert hat?«

»Unmöglich, er ist mit Säbelbein tödtlich verfeindet, der ihm zu seiner Zeit Streiche gespielt hat.«

»Hm!« rief Henin grunzend wie ein Eisbär, »glauben Sie denn, daß die Wölfe sich je entzweien, wenn sie Blut riechen? Sehen Sie, eines Tages, als wir im indischen Ocean fuhren, begegnete uns eine Yonke aus Canton, welche mit zwei malaiischen Fahrzeugen im Streite war. Wir segelten gerade auf die Seeräuber zu, sie nahmen die Flucht, wir verfolgten sie, und indem wir sie verfolgten, kamen wir auf einen Felsen. Nun, während wir beschäftigt waren, die Pumpen in Bewegung zu setzen und den Seeräubern das Fell zu gerben, können Sie sich vorstellen, daß die chinesische Yonke ebenfalls über uns herfiel?«

»Aber meinerseits lassen Sie mich fragen, Maitre Jacques, warum Sie alle diese Fragen an mich richten?«

»Glauben Sie, daß es aus bloßer Neugierde geschieht.«

»O nein.«

»Nun, da will ich Ihnen antworten: man flüstert , einander davon zu in Maisy, man spricht davon zur Rechten und zur Linken; man spricht freilich leise, weil Alle vor dem verwünschten Säbelbein Furcht haben, dem Alle mehr oder weniger Etwas schuldig sind. Aber lassen Sie es sich gesagt sein, mein Junge, es ist nur davon die Rede.«

»Und was sagt man denn?«

»Zum Henker, man sagt, daß sie sich wie Diebe auf dem Jahrmarkte verständigt haben, wie Malaie und Chinese, und zwar, um Sie zu berauben. Man sagt, daß Sie – und es muß wohl so sein – nicht alles Geld erhalten, welches sie von Ihnen gefordert haben, daß man nicht alle Förmlichkeiten beobachtet hat, welche nöthig sind, ehe man Jemand außer Besitz setzen und sein Eigenthum verkaufen kann; und ich,« fügte Maitre Henin hinzu, indem er leiser sprach, »ich hege mehr als Verdacht, ich bin gewiß, daß hier Etwas dahinter steckt.«

»Und wie denn Das? lassen Sie sehen.«

»Hören Sie, so wahr, wie wir diesen Augenblick in Begleitung segeln, bin ich gewiß, daß Ihr Rechtsanwalt und Säbelbein nicht so aufgebracht gegen einander sind, wie Sie sagen; ich bin gewiß, daß Langot Richard Geld gibt, und da es nicht die Gewohnheit Säbelbein’s ist, Geld für Nichts zu geben, so stehe ich dafür, daß Kniffe dahinter stecken, wovon Sie die Kosten haben zahlen müssen.«

Erklären Sie sich deutlicher.«

»Nun, Sie hören zu, nicht wahr?«

»Mit allen meinen Ohren.«

Zehntes Capitel.
Der gute Rath

»Ich kam vorgestern Abend von Saint-Lo zurück, wo ich mir meine halbjährige Pension geholt hatte,« fuhr Henin fort, »als ich in der Gegend von Oubeaux zwei Männer erblickte, die auf dem Wege stehen blieben. Es war zehn Uhr Abends. Ich hatte in den Schenken in der Stadt einige Gläser zu viel getrunken, ich hatte Geld bei mir, was die Tapfersten vorsichtig macht; ich wollte also wissen, mit wem ich es zu thun hatte, ehe ich meinen Weg fortsetzte. Gut, ich lasse mich in den Graben hinunter, nahm meine Flagge mit, ziehe meine oberen Segel ein und warte – die beiden Männer kamen auf zehn Schritte an mir vorüber. Da hörte ich, wie der Jüngere zu dem Anderen sagte:

»Was haben Sie denn zu fürchten, da er ruhig bleibt, wie eine Krabbe unter dem Felsen.«

»»Er bleibt ruhig, er bleibt ruhig« murmelte der ältere Mann; »aber es ist gleich, wir werden wohlthun, die Documente zu verbrennen.««

»»Nein, nein,«« antwortete der Erstere, »»wenn ich sie aufbewahre, habe ich Sie in meiner Gewalt.««»

»»Ah ja; aber ich habe Sie auch in meiner Gewalt, wenn ich die meinigen aufbewahre,«« versetzte der Aeltere.

»»Um so besser, Maitre,« «antwortete der Andere spottend; »»wir können gewiß sein, daß Keiner allein auf die Galeeren geht, weder Sie ohne mich, noch ich ohne Sie.««

»Und bei diesen Worten gingen sie zwischen zwei Apfelbäumen durch, welche ein Strahl des Mondes durchdrang, und in den beiden Wanderern erkannte ich meinen Langot und Ihren Richard.«

»Oh! oh!« rief Alain, »sind Sie Dessen völlig gewiß?«

»Ob ich Dessen gewiß bin?« sagte Maitre Jacques; »es ist, als wenn Sie mich fragten, ob ich einen Haifisch von einer Meerbutte unterscheiden könne. Gleichen diesen beiden Banditen Andere? Dieser Richard mit seinen gelben Haaren und seinem schielenden Auge, dieser Säbelbein mit einem nachschleppenden Fuße. Sie waren es freilich, und der Rechtsanwalt hatte einen Sack mit Thalern unter seinem Arme, der verwünscht schwer zu sein schien; so daß, als sie vorüber waren und ich mich wieder auf den Weg machte, ich zu mir selber sagte, daß der Teufel die ihm geleisteten Dienste ein Wenig besser bezahle, als das Gouvernement.«

»O!« rief Alain, »jetzt, da ich durch das Elend gegangen bin und weiß, was es ist, erkläre ich, wenn ich den kleinsten Theil von Dem wiederfände, was ich so thöricht verschleudert habe, so würde ich heute sehr glücklich sein.« —

»Nun, wollen Sie, daß ich Ihnen meine Meinung sage? Mir scheint es nämlich nicht unmöglich, einige kleine Masten wieder auf Ihren Dreimaster zu setzen.«

»Ah! verdammt!« rief der Geflügelschütze, sich in die Lippen beißend, »man muß genau wissen, was zwischen Richard und Langot vorgegangen. Aber wie soll man dahin gelangen?«

»Sie haben Recht, es ist schwierig; denn es sind zwei wunderliche Schurken, und sie müssen so fest an einander geflochten sein, daß der Teufel selber das Band nicht auslösen könnte. Aber sehen Sie, wenn man ein ehrlicher Mann ist, muß man die Vorsehung für sich haben.«

»Die Vorsehung« sagte Alain in ungläubigem Tone, »ah! wenn ich nur auf Die rechnete —«

»Stop!« sagte der alte Seemann, »lassen Sie uns nicht übel von ihr reden.«

»Ah, was!« sagte der junge Mann, »Sie glauben also an die Vorsehung?«

»Ja!«

Alain schüttelte den Kopf.

»Das wundert Sie wohl?« fuhr Maitre Henin fort. »Nun, mein Junge, Sie müssen wissen, wenn man ein Spanntau in den vier Welttheilen aufgerollt hat, immer zwischen Himmel und Wasser und ebenso wenig von der Tiefe des Einen, wie von der Höhe des Andern weiß, so sagt man sich, daß diese Taugenichtse, welche Bücher machen und behaupten, daß der gute Gott sich nicht mehr um uns bekümmert, wie ein Wallfisch um ein Splißhorn, Nichts weiter sind, als eine Schaar von Eseln und Heiden; sehen Sie, wenn man zwei oder drei Mal auf dem Punct gewesen, einen Bootshaken zu verschlucken, und immer im rechten Augenblicke eine Hand da ist, die uns der Todesgefahr entreißt, so ist man sicher und gewiß, daß die Vorsehung auf ihrem Posten ist, das heißt, daß sie nie das Rad des Steuerruders dieses großen Schiffes verläßt, welches man die Welt nennt. Und sehen Sie, da haben Sie einen Beweis —«

»Welchen?«

»Nun, diesen Abend hat Ihnen der gute Gott ein armes Weib in den Weg gestellt, welches Nichts weiter auf der Welt hat, als die Augen, womit sie weint. Sie haben ihr eben einen großen Dienst geleistet und ich bin der Meinung, daß sie Ihnen denselben vergelten wird.«

»Die Jeanne Marie?«

»Ja, die Jeanne Marie. Sie muß seit langer Zeit – wissen, was in der Proviantkammer ihres Onkels vorgeht. Man muß ein Senkblei in dieses Wasser werfen, doch ohne daß es das Ansehen hat.«

»Sie glauben, daß sie es mir sagen wird?«

»Vielleicht! Indessen verhalten Sie sich still und schließen Sie Ihren Schnabel, aber öffnen Sie Ihr Auge.«

»Man sagt, daß Säbelbein die arme Jeanne Marie sehr roh behandelt,« sagte Alain.

»Ah, der Bösewicht! Ich möchte wohl gerade dazu kommen, wenn er sie so behandelt. Ich würde eine Handlungen an den Tag bringen und ihm eine Melodie mit dem Tauende aufspielen, die ihm das Rückgrad gerade richten sollte.«

Hier wollte Henin eine Probe von einem Straftalent geben, worauf er stolz war.

Er machte eine bedeutungsvolle Geberde, und da er bei dieser Geberde die Zähne übermäßig zusammenbiß, so zerbrach das Rohr einer Pfeife und der schönste Kopf im ganzen Departement Calvados wurde in tausend Stücke geschmettert.

Henin stand auf, um eine andere zu nehmen, indem er alle Donner des Himmels herunterfluchte.

Aber als Alain ihn aufstehen sah, erhob er sich ebenfalls und erklärte seinem Wirthe, da die Stunde so weit vorgerückt sei, wolle er sich entfernen.

Der Seemann begleitete ihn ein Stück, und nachdem der junge Jäger seinem Wirthe einen guten Abend gewünscht und ihm die Hand gedrückt hatte, nahm er seinen Weg zum Strande.

Die Fluth war gefallen und man konnte ohne Fahrzeug bis zu den Felsen gelangen.

Der Himmel war dunkel, die Wolken folgten einander in so nahen Zwischenräumen, daß die Augenblicke der Klarheit, die der Mond gewährte, nicht genügend waren, um alle die Wasserflächen, wo sich das Wild gewöhnlich niederläßt, zu besuchen und abzujagen.

Alain richtete sich, so gut er konnte, in einer Vertiefung ein, wo er vor dem Wasser und dem Winde geschützt war, um dort den Tag zu erwarten.

Aber die Morgendämmerung war ihm nicht günstiger, als die Nacht es gewesen war.

Es war ein milder Winter, und das wilde Geflügel kam nicht an den Strand.

Ein einziges Volk wilder Vögel ließ sich in der Nähe des Postens nieder, den er gewählt hatte.

Aber von Hunger gequält, zerstreuten sie sich nach der einen und nach der anderen Seite, um kleine Schalthiere im Sande zu suchen, so daß er es verschmähte, auf eine so ärmliche Beute zu schießen, und er entschloß sich, mit leerer Jagdtasche in seine Hütte zurückzukehren.

Als er sich dem kleinen Gebäude näherte und, um dorthin zu gelangen, den Fußweg einschlug, der auf den Sumpf führt, sah er einen Knaben, der ihn zu erwarten schien, vor einer Wohnung auf einem Steine sitzen.

Es war ein blonder Knabe, der, soweit man nach seinem schmächtigen Aeußeren beurtheilen konnte, elf oder zwölf Jahre sein mußte.

Seine Physiognomie war offen und verständig; seine großen blauen Augen, von langen Wimpern beschattet, zeigten gewöhnlich eine traurige und sinnende Schwermuth. —

Sie belebten sich selten; wenn dies aber geschah, strahlten sie von einem eigenthümlichen Glanze und Ausdruck.

Er trug das Sonntagscostüm der Anwohner des Meeres: eine lange Jacke von grobem Tuch über einem blauen Hemd mit « Kragen und ein Beinkleid von demselben Zeuge wie die Jacke.

Sein langes Haar fiel unter einem Barett mit schottischer Einfassung hervor.

Indessen war Dies alles zierlicher und sorgfältiger, als man es gewöhnlich bei Kindern seines Alters sieht.

Er hielt ein kleines, in ein Taschentuch eingeknüpftes Packet in der Hand.

Alain kannte ihn nicht.

Der Knabe schien erstaunt, daß der Mann, der ihm vor wenigen Stunden das Leben gerettet, sich bei seinem Anblick gleichgültig zeigte.

Er redete ihn also zuerst an.

»Ich bin es, Monsieur Alain,« sagte er zu ihm, »ich bin es, Jean Marie, der Sohn der Jeanne Marie, den Sie gestern Abend aus dem Wasser gezogen; Sie erkennen mich also nicht wieder?«

»Meiner Treu, mein Junge,« sagte der Jäger, »ich hatte etwas Anderes zu thun, als Dein Signalement aufzunehmen. Nun! ich sehe mit Vergnügen, daß Dein kaltes Bad Dir nicht geschadet hat.«

»Ah! ohne Sie, Monsieur Alain, hätte ich eine schlimme Viertelstunde zubringen müssen! Auch liebe ich Sie so sehr dafür! Die Mutter hat es mir schon so sehr anempfohlen, und sie liebt Sie auch sehr, die Mutter – die ganze Nacht hat sie nur von Ihnen gesprochen und es ist anzunehmend gut, von ihr geliebt zu werden.«

»Gut: aber was führt Dich so früh hierher, mein Junge ?«

»Ah! Das ist eine andere Sache.«

»Sprich, und laß und sehen.«

»Diesen Morgen, Monsieur Montplet, wollte mich der Großonkel wieder aufs Meer schicken. Ich sollte mich noch heute in Conrseule an Bord des jungen Karl einschiffen; Sie kennen gewiß den Schnellsegler beim großen Lonis ?«

»Ja, und was weiter ?«

»Die Mutter, die mir diese Nacht zugesehworen hatte, daß ich nicht wieder den Fuß aus eine Barke setzen solle, wollte mich nicht abreisen lassen. Da wollte der Onkel Jeanne Marie schlagen; ich warf mich vor sie hin und empfing den Schlag. Der Schlag warf mich zu Boden und die Mutter stürzte sich weinend aus mich. Als der Onkel sah, daß es Jeanne Marie zum Weinen bringe, wenn er mich schlage, gelobte er, er wolle mich jeden Tag mit Schlägen überhäufen, bis sie einwillige, mich an Bord zurückkehren zu lassen. Da kam Jeanne Marie in Verzweiflung.«

»Mutter,« sagte ich zu ihr, »packe meine Sachen zusammen; ich will zu Monsieur Alain gehen; ich verdanke ihm die Rettung meines Lebens, und wegen eines Stück Brods wird er mich nicht umkommen lassen.«

»O nein, gewiß nicht t« rief der Jäger.

»Und da bin ich! Habe ich wohl gethan, Monsieur Alain?«

»Du hast wohl gethan, kleiner Jean. Mein Haus ist arm und meine Küche ist mager; aber die Hälfte des Hauses und die Hälfte der Küche stehen Dir zu Diensten.«

»O! Monsieur Alain, wie gut Sie sind! O! Die Mutter wird so zufrieden sein, wenn sie weiß, daß ich bei Ihnen untergebracht bin. O Gott! wie wird sie Ihnen danken. wenn sie kommt!«

»Wie! sie wird hierher kommen, die Mutter ?«

»Nun ja, sie hat mir versprochen, sich alle Sonntage wegzuschleichen, um mich zu umarmen; und sie wird gewiß nicht verfehlen, zu kommen. Und dann muß sie Ihnen nicht für gestern Abend danken? Erst, als sie zu Hause war, fiel ihr ein, daß sie es vergessen hatte.«

Alain dachte an Das, was Maitre Henin ihm gesagt, und er konnte nicht umhin, eine Fügung der Vorsehung darin zu sehen, daß dieses Kind unter sein Dach gekommen war.

»Gut,« sagte der Jäger, »es wird noch immer Zeit sein, mir zu danken! – Aber wir wollen damit beginnen, uns zu wärmen; denn der Seewind dieses Morgens hat mein Blut erstarrt. Laß uns eintreten!«

Und sie traten ein.

Zweiter Band

Erstes Kapitel.
Worin bewiesen wird, daß ein Schiffsjunge auch zu Etwas gut sein kann

Wie wir gesagt, bildete ein einziges Zimmer Alain Montplet’s Wohnung.

Die Unordnung, welche gewöhnlich in einem Junggesellenzimmer herrscht, erhöhte noch die Aermlichkeit der Wohnung. Ein Bett, ohne Vorhänge, in einem Winkel, ein schlechter Koffer, ein Tisch und einige Strohstühle bildeten das ganze Mobiliar.

Die Wände waren in so schlechtem Zustande, daß sich neue Spalten neben denjenigen bildeten, welche Alain verstopft hatte.

Lumpen, Schlingen von Pferdehaaren und Jagdgeräthe jeder Art waren über alle Möbeln ausgesäet, und die Haushaltungsgeräthe lagen unter den erloschenen Feuerbränden auf dem Herde zerstreut.

»Pest! Monsieur Alain,« sagte Jean Marie, indem er einen Blick auf dieses Ganze warf, »Ihre Haushälterin ist nicht sehr sorgsam; wenn meine Mutter Dies sähe, sie, die mich immer schilt, wenn ich Theer an meinen Kleidern zurückbringe.«

»Meine Haushälterin bin ich selber, mein Junge, und da ich die Nächte am Strande und die Tage mit Schlafen zubringe, so habe ich nicht viel Zeit, jede Sache streng an ihrem Platze zu halten.«

»Da werde ich darauf achten, Monsieur Alain,« sagte der kleine Jean. »Ich will Ihnen dies Alles putzen und polieren, so daß die Cajüte des Commandeurs des Stationair Nichts dagegen sein soll.«

Und in der That wurde der Tag mit der Einrichtung Jean Marie’s hingebracht, welcher mit Hilfe von vier Tauen und einem Stück Segeltuch ein sehr bequemes Bett in einem Winkel machte.

Alain versuchte, sich ein Wenig auszuruhen; aber er war fieberhaft aufgeregt und konnte nicht dahin gelangen, ein Auge zu schließen.

Seine Gedanken kehrten unwillkürlich zu dem zurück, was Henin von dem Einverständnisse zwischen Langot und seinem Rechtsanwalte erfahren hatte; und ebenso sehr in Folge eines Wunsches, sich an dem Wucherer zu rächen, als um eine Existenz zu verbessern, welche ihm schwer zu werden begann, fragte er sich beständig, wie er dahin gelangen könne, zu entdecken, was ihn so lebhaft interessierte.

Er war sehr unwissend in Rechtsgeschäften.

Indessen schien es ihm doch, daß es ein gerichtliches Mittel geben müsse, um zu dem Zwecke zu gelangen, den er sich vorsetzte.

Er beschloß, ungeachtet des Rathes, den ihm Jacques Henin ertheilt hatte, am folgenden Tage nach Saint-Lo zu gehen und sich bei einem Rechtsanwalte Raths zu erholen.

Unglücklicherweise war er ohne Geld. Er wollte keins von dem Wildhändler borgen, und um die Reise zu machen, mußte die folgende Nacht nothwendig einträglicher sein, als die vorhergehende.

Einige Augenblicke vor dem Ende des Tages machte sich Alain auf den Weg zu der Küste. Jean Marie begleitete ihn bis zum Ufer, indem er mit Pavillon spielte.

Der Hund und der Knabe hatten seit dem Morgen eine Bekanntschaft gemacht, die sehr vertraut zu werden versprach.

Es war unnütz, daß der Knabe weiterging.

Er hatte sich am Tage nicht niederlegen wollen, den er, wie er versprochen, mit Aufräumen zugebracht hatte. Er war von dem Ereignisse des Abends vorher ganz erschöpft.

Alain schickte ihn in seine Hütte zurück und verlor sich in dem Nebel, um sich an seinen Posten zu begeben.

Jean Marie erreichte die Hütte und streckte sich behaglich auf seiner Hängematte aus, wo er nach fünf Minuten fest schlief.

Gegen Mitternacht wurde er von einem kläglichen Gebell erweckt.

Ein Hund heulte vor der Thür.

Jean Marie sprang aus seiner Hängematte und lief, um zu öffnen.

Es war Pavillon, aber ohne seinen Herrn.

Als der Hund einen kleinen Kameraden Jean Marie erblickte, verdoppelte er ein Gebell, indem er es mit klagendem Geheul unterbrach und aus- und einging, als wollte er zu dem Knaben sagen: »Du mußt mir folgen.«

Jean Marie sah ein, daß der Jäger von irgend einer Gefahr bedroht sei, und ich hastig ankleidend, zauderte er nicht, in der Richtung weiterzugehen, welche das Thier ihm andeutete.

So gingen sie bis an das Ufer der Vire, indem der Hund den Knaben führte.

Dort begann das Thier zu schwimmen, indem es den Kopf umwendete, als wollte es sehen, ob der Knabe dasselbe thue.

Aber der Fluß, von dem Wasser des Meeres angeschwellt, war stark, und Jean Marie konnte nicht hinüber.

Der Hund kehrte dann zurück, und sein wüthendes Bellen begann von Neuem.

Durch dieses Manöver überzeugt, daß Alain sich in jener Richtung befinde, und die Unmöglichkeit fühlend, allein zu ihm zu gelangen, achtete er nicht auf die Protestationen Pavillons und nahm seinen Weg nach der Richtung von Maisy, wo er Maitre Henin weckte, indem er starke Fußstöße gegen die Thür führte.

Bei dem ersten Worte des Knaben verstand der Steuermann Alles.

Er ließ sich von einigen Nachbarn begleiten, und Alle zusammen, von Jean Marie geführt, kehrten an das Ufer der Vire zurück, wo sie den Hund nicht mehr fanden.

Sie setzten in dem Kahne des Jägers hinüber, welcher bei der Ebbe angekommen war und desselben nicht bedurft hatte.

Dann, mit Fackeln und brennenden Strohkränzen versehen, begannen sie das Felsenufer zu durchsuchen, welches sich links vom Flusse am Meere dahinzieht.

Ihre Nachsuchungen waren lange fruchtlos.

Indessen hörte Jean Marie, indem er auf Händen und Füßen von dem Felsenufer hinuntergestiegen war, das Heulen des Hundes unter sich.

Man eilte auf seinen Ruf herbei, und sich über den Abgrund neigend, erblickte Jacques Henin den armen Jäger, der unbeweglich auf einem Felsen lag, welcher einige Fuß breit war und über das Meer hinausragte.

Man war genöthigt, in das Dorf zu gehen und Tauwerk zu holen, um bis zu ihm zu gelangen und ihn von dort heraufzubringen.

Aber ohne sich um die Gefahr zu kümmern, der er sich aussetzte, fuhr Jean Marie fort, hinunter zu steigen und kam zu der schmalen Plattform.

Er fand Alain ohne alles Bewußtsein und so unbeweglich, als wenn er todt wäre.

Indessen legte der Schiffsjunge die Hand auf sein Herz und fühlte das Schlagen desselben.

Darauf richtete er ihn zu einer sitzenden Stellung auf, lehnte ihn an die Klippe an, schöpfte mit seiner Hand ein Wenig Regenwasser, welches sich in einer Höhlung des Felsens befand, und versuchte ihn ins Leben zurückzubringen.

Als man von Maisy zurückkehrte, widerstand Jacques Henin, der von seinen Seemannsgewohnheiten ein tiefes Mißtrauen beibehalten hatte hinsichtlich Dessen, wozu ein Schiffsjunge fähig sei, den Bitten, welche Jean Marie von unten an ihn richtete, und wollte durchaus nicht zugeben, daß der kleine Mann das Tauwerk um den Körper des Jägers binde.

Er ließ sich selber auf die Plattform hinunter, setzte Alain auf ein kleines Brett, welches wie eine Schaukel an zwei Taue befestigt war, und band ihn mit einer Schnur fest.

Dann stellte er sich aufrecht auf dieses Brett und gab das Signal, ihn auf die Höhe der Klippe zu hissen.

Das Hinaufziehen war gefährlich für Beide.

Wenn Alain allein gewesen wäre, würde sein Körper, der frei in der Luft schwebte, an den Vorsprüngen des Felsens zerschmettert worden sein.

Aber Henin, der mit einem Stabe bewaffnet war, wußte es so gut zu lenken, daß Beide ohne eine Quetschung oben ankamen.

Man legte Alain auf eine Tragbahre und brachte ihn in eine Hütte, wo sich ein Arzt von Maisy befand, den ein Matrose, der vorsichtiger als die Anderen gewesen, herbeigerufen hatte.

In Folge eines reichlichen Aderlasses kam der junge Mann wieder zum Bewußtsein.

Da erzählte er, wie er sich zu sehr über den Rand der Klippe geneigt, der Boden unter seinen Füßen gewichen sei und ihn mit in den Abgrund hinuntergerissen habe.

Der Arzt untersuchte aufmerksam den Verwundeten, erklärte, daß er keinen Knochenbruch finde, und daß dieser Fall aller Wahrscheinlichkeit nach keine nachtheilige Folgen haben werde.

Aber die Erschütterung war so heftig gewesen, daß das Gehirnfieber sich bald verstärkte.

Da verlor Alain zum zweiten Male das Bewußtsein; ein heftiges Fieber bemächtigte sich seiner, und mit diesem Fieber kam das Delirium.

Der Arzt wurde sehr unruhig, und befahl die größte Sorgfalt und erklärte, wenn dieses Fieber sich nicht beruhige, so könne das Leben des Kranken gefährdet sein.

Der kleine Jean Marie, welcher ängstlich zugehört hatte, als der Arzt sein Urtheil ausgesprochen, brach in Thränen aus, sobald er ihn hinausgehen sah.

Henin begann, ihn von der Seite anzusehen, und als er bemerkte, daß der Knabe ungeachtet eines Blickes zu weinen fortfuhr, sagte er:

»Ah! Hörst Du nicht bald auf zu greinen? Wenn der arme Junge, der dort liegt, vorgestern angefangen hätte zu weinen, anstatt Dich aus der Suppe zu ziehen, so denke ich, daß Du heute eine noch ärgere Grimasse machen würdest, als die, welche Du uns jetzt zeigt.«

»Wahrhaftig, Herr, es ist nicht meine Schuld,« schluchzte der Knabe; »ich kann nicht umhin zu weinen.«

»Und ich, Jean Marie, wenn ich meine Hand in der Luft habe, kann nicht umhin, zuzuschlagen; also putze Deine Schnauze und – zur Ordnung!«

Jean Marie näherte sich ganz bestürzt und verwirrt von dieser Heftigkeit, da ihm der kurze Aufenthalt an Bord keine Zeit gelassen hatte, sich daran zu gewöhnen.

Maitre Henin hatte einen Stuhl genommen und ihn an das Fußende des Bettes gestellt.

»Da ist Dein Posten,« sagte er zu dem Schiffsjungen; »staue Dich darauf nieder und stelle Dir vor, daß Du auf der Wache bist zwischen den Tauen der Bramstange; man wird Dir die Arzenei bringen, die der Major verschrieben hat. Wenn es während des Tages schlimmer mit ihm wird, so setze Dein Taschentuch in Schau; die Kinder sollen aufpassen und Louison wird kommen.«

»Seien Sie ruhig, Maitre,« antwortete Jean Marie.

Maitre Henin nahm einen Feuerbrand vom Herde, zündete seine Pfeife wieder an, betrachtete den Kranken noch einige Augenblicke mit einer Miene, welche ebenso viel üble Laune als Mitleid ausdrückte, und ging hinaus, nachdem er dem Schiffsjungen seine Anweisungen wiederholt hatte.

Während der folgenden vier Tage schien der Zustand des Kranken sich zu verschlimmern.

Das Delirium verließ ihn nicht; er sprach von einem Vater, von Langot, von Lisa, und wenn er von dieser Letzteren sprach, geschah es mit so viel Leidenschaft, daß der arme Jean Marie weinend sagte:

»Ich muß Maitre Henin sagen, daß er sie kommen läßt, diese Madame Lisa.

Wenn er sie sieht, wird er sich vielleicht ein Wenig beruhigen.«

Indessen sorgte er mit einer Standhaftigkeit und Beharrlichkeit für den Kranken, wie man sie kaum von einem Knaben seines Alters erwarten könnte.

Er schien die Größe des Dienstes, den ihm Alain geleistet, zu begreifen und ihm die Erkenntlichkeit nicht zuzumessen. Auch mußte Henin, ungeachtet seines Widerwillens gegen die Schiffsjungen, zugestehen, daß Dieser ein Wenig besser war, als die Anderen.

Da er ihn aber zu verderben fürchtete, wenn er ihm seine Genugthuung bezeugt hätte, so beschränkte er sich darauf, ihn mit einem Hagelwetter von Schlägen zu bedrohen, wenn er sich nicht niederlegen würde, während er an seiner Stelle wache.

Bis dahin hatte sich der Knabe geweigert, sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen.

Endlich siegten Alain’s Jugend und Stärke, sowie die Sorgfalt, die ihm zu Theil wurde, über die Krankheit.

Nach und nach hörten die Fieberphantasien auf und die beunruhigenden Symptome verschwanden mit ihnen.

Es vergingen lange Tage, ohne daß die Wittwe ihren Knaben sah, und die Zeit schien ihr sehr schwer zu ertragen.

Sie war überdies Alain’s wegen unruhig, für den sie eine religiöse Dankbarkeit empfand, und sie beschloß dem ausdrücklichen Verbote ihres Onkels zum Trotz sich in eine Hütte zu begeben.

Zweites Kapitel.
Der Einfall, den Maitre Jacques hatte

Demnach stand die Wittwe in einer Nacht geräuschlos auf, kleidete sich an, stieg mit bloßen Füßen die Treppe von ihrem Zimmer hinunter, und es gelang ihr, die Hausthür zu öffnen, ohne daß sie in ihren Angeln knarrte.

Als sie draußen war, nahm sie rasch ihren Weg zu dem Häuschen des Jägers.

Es war um Mitternacht, als sie an die Thür klopfte.

Der Hund knurrte dumpf, als er einen Fußtritt hörte, der sich dem Hause näherte.

Jean Marie öffnete leise den Riegel, und anstatt des bärtigen Gesichts des Maitre Henin, welches er zu erblicken dachte, war es eine Mutter, die ihn in ihre Arme schloß.

Beide waren sehr glücklich, einander wiederzusehen. Jeanne Marie ließ sich auf die Steine des Feuerherdes nieder und nahm ihren Sohn auf den Schooß.

Darauf begannen Beide mit leiser Stimme zu plaudern, indem sie ihre Worte mit Küssen untermischten.

»Du hast doch wenigstens gut für ihn gesorgt?« sagte die Mutter.

»Das will ich glauben,« antwortete Jean Marie.

»Es schien mir, als wärest Du es, die ich leiden sehe, arme Mutter! Und wenn ich krank war, lernte ich von Dir, wie man es mit Denen machen muß, die man liebt.«

Alain’s Schlummer war so leicht, daß er das Geflüster ihrer Stimmen hörte.

Er wendete sich mühsam nach dem Kamine um, und als er eine weibliche Gestalt erblickte, murmelte er noch halb phantasirend:

»Sind Sie es, Louison ?«

»Nein,« antwortete ihm Jean Marie, »es ist nicht Madame Henin, es ist meine Mutter, Monsieur Montplet, meine Mutter, die Sie zu besuchen kommt und die sehr glücklich ist, Sie bei besserer Gesundheit zu finden.«

Darauf näherten sich alle Beide dem Bette.

Der kleine Mann hatte die eiserne Lampe weggenommen, die über dem Feuerherde an einem Nagel hing, und hielt sie so, daß das ganze Licht auf das Gesicht der Wittwe fiel, als wollte er, daß der Jäger die geliebten Züge seiner Mutter in allen ihren Einzelheiten betrachten möge.

Alain setzte sich aufrecht und sah sie fest an.

Jeanne Marie war klein, schlank und schmächtig, Ihre Schönheit fiel nicht beim ersten Blicke auf, wie die der Mademoiselle Jousselin; aber wenn man sie mit einiger Aufmerksamkeit betrachtete, war es unmöglich, die vollkommene Regelmäßigkeit ihrer Züge und die Grazie ihrer delicaten Formen zu übersehen.

Diese unerwartete Erscheinung machte einen tiefen Eindruck auf Alain’s Geist.

Als der junge Mann diesen klaren Blick auf sich ruhen sah, der von der zugleich keuschen und leidenschaftlichen Zärtlichkeit der redlichen Seele strahlte, fühlte er, wie ein Herz sich erwärmte, und es schien ihm, als wäre ein guter Engel an sein Bett gekommen.

Er streckte die Hand aus und reichte sie lächelnd der Wittwe.

Indem sie dachte, daß es diese von der Krankheit abgemagerte und von dem Fieber erhitzte Hand sei, welche ihr ihr Kind wiedergegeben, ergriff Jeanne Marie dieselbe lebhaft und drückte einen Kuß darauf.

Ein reiner und erkenntlicher Kuß war es und die ganze Seele der armen Wittwe war darin concentriert.

Diese kleine Scene hatte dem Jäger zugleich Anstrengung und Erleichterung verursacht.

Er schlief ruhiger wieder ein und der Sohn und die Mutter nahmen ihren Platz vor dem Kranken wieder ein.

Maitre Henin kam gegen zwei Uhr Morgens, als er aus seinem Schnellsegler stieg, um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen.

Er schien sehr überrascht, Jeanne Marie in der Hütte des Jägers zu finden.

Dann, ohne anscheinenden Beweggrund, verwandelte sich dieses Erstaunen in eine Genugthuung, die er so laut zu erkennen gab, daß Jeanne Marie fürchtete, er möchte die Ruhe des Kranken stören.

Sie fragte ihn nach der Veranlassung dieser plötzlichen Freude.

»Es ist ein Einfall, der mir gekommen ist,« antwortete der Seemann mit seinem ehrlichen Lachen. »Wenn wir draußen sind, will ich es Euch sagen. So kommen Sie; denn Dies ist die Stunde, wo Sie wieder an Bord müssen, und ich will Sie zurückbegleiten.«

In der That war es drei Uhr Morgens.

Es war ein Weg von kaum einer Stunde von der Hütte bis Maisy; Langot konnte die Abwesenheit seiner Nichte bemerken.

Es war also vernünftig, daß diese das Dorf wieder erreichte. Sie nahm ihren Mantel, und nachdem sie ihr Kind umarmt hatte, sah sie Alain, der ruhig schlief, mit dankbarem Ausdrucke an und folgte Maitre Jacques Henin, ohne ein Wort zu reden.

Als sie in der Mitte des Sumpfes waren, blieb Jacques Henin auf einer kleinen Erhöhung stehen.

»Setzen Sie sich hier nieder, Jeanne Marie; ich will Ihnen meinen Einfall erzählen. Die Stunde ist ein Wenig unpassend, aber bei einem alten Alligator von meiner Art kommt Nichts darauf an.«

Jeanne Marie setzte sich zitternd nieder, und doch wußte sie nicht, welches Jacques Henin’s Einfall war.

»Nun, was haben Sie denn, junge Frau, daß Sie so zittern?« fragte Jacques.

»O Nichts, Maitre Henin,« antwortete die Wittwe.

»Ich weiß wohl, daß Sie ein braver Mann sind.«

»Ja, das heißt ein alter Mann! Es würde mich ehemals geärgert haben, einer hübschen Wittwe von fünf und zwanzig Jahren nicht mehr Furcht zu verursachen! Aber darum handelt es sich nicht.«

»Um was handelt es sich denn, Herr ? Sie erschrecken mich!«

»O! Es ist keine Ursache. Sehen Sie, Jeanne, jagen Sie, was denken Sie von diesem jungen Manne in jener ausgebesserten Hütte?«

»Von Monsieur Alain?«

»Ja.«

»Oh! Mein Gott! Was ich von ihm denke? Ich will es Ihnen sagen; es ist sehr einfach. Ich denke, daß ohne ihn mein armer Jean Marie nicht mehr auf der Welt sein würde, und daß ich ihm noch anders, als durch Worte zu beweisen wünsche, daß er nicht eine Undankbare verpflichtet hat.«

»Nun, Sie können es, Jeanne.«

»Ich kann es? Und wie Das? Sagen Sie es schnell!«

»Ein Anderer würde viel Umschweife machen, ehe er Ihnen die Sache mittheilte. Aber ich will Ihnen gleich die volle Lage geben. Sie müssen ihn heirathen, Jeanne Marie.«

Jeanne Marie sprang von ihrem Sitze auf.

»Ihn heirathen!« jagte sie, »wohin denken Sie, Maitre Henin!«

»Gut, die Harpune ist ausgeworfen. Nun will ich das Tau nachlassen. Sie müssen ihn heirathen, sage ich Ihnen. Nur die Ehe kann diesen Burschen retten; sonst —«

Maitre Henin schwieg kopfschüttelnd.

»Sonst?« fragte Jeanne Marie.

»Nun, sonst könnte er leicht wieder auf unrechte Wege kommen.«

»Und wenn ich ihn heirathete, würde Das es verhindern?«

»Sehen Sie, Jeanne Marie,« versetzte Maitre Henin, »Sie werden wohl einsehen, wenn man von Kindheit auf in Baumwolle eingewickelt gewesen und auferzogen worden ist wie ein Eichhornaffe, den man aus Brasilien bringt, daß man sich nicht daran gewöhnen kann, unter Kröten und Fröschen zu leben, wie ein Reyher, der auf einem Fuße steht – nein, nein, er wird vor Kummer krank werden, Jeanne, er wird auf den Grund sinken, Das sage ich Ihnen; oder er wird verwildern und wie ein Seeräuber sterben, der seinen Theil erhalten hat, und Das ist noch schlimmer! Er muß eine Haushaltung, eine Frau und Bälge haben, um für ihn zu sorgen und ihn zu zerstreuen.

»Er müßte eine reiche, junge, schöne und glückliche Frau haben, Maitre Henin, und nicht mich, die ich nicht mehr jung bin, die ich niemals schön gewesen bin und die ich weder Mitgift noch Erbschaft habe; und so würde ich ein Elend nur erschweren.«

»Ei! Sie sind fünf und zwanzig und sagen, daß Sie alt sind. Sturm und Wetter! Ich bin doppelt so alt, und ich behaupte, daß ich nicht alt bin. Sie sagen, Sie sind nicht schön? Ei Jeanne, man sieht wohl, daß der Onkel zu geizig ist, um Spiegel zu haben! Was den Reichthum betrifft, da eine reiche Frau ihn nicht hat haben wollen, so muß er es wohl mit einer armen versuchen.«

»Aber wozu sollte ich ihm nützen?«

»Wozu Sie ihm nützen sollten? – O! Meiner Treu eine hübsche Frage. – Nun, um ihm eine Suppe zu kochen; um ihm seine Wohnung in Ordnung zu halten, die mehr das Ansehen einer Hundehütte, als des Zimmers eines ehrlichen Mannes hat; ihm seine Kleider auszubessern, ihn in Wuth zu bringen, um ihn zu unterhalten, und endlich, ihm Lust zur Arbeit zu machen.«

»Aber Monsieur Alain liebt mich nicht, Sie wissen wohl, daß er Monsieur Jousselin’s Tochter liebte.«

»Gut! Was beweist denn Das? Denken Sie denn, daß mein Herz ohne Havarien war, ehe ich Louison heirathete? Ich hatte zehn, zwanzig, dreißig mit aufgesteckter Flagge in allen Häfen, wo ich gelandet, zurückgelassen, und noch besser aufgetakelt, als die Lisa – in Fernambuco unter Anderen eine Mulattin. Welches Weib! Gelb wie Pergament! und Augen – wahre Klüse von Sammet!«

»Alain liebt nicht auf Ihre Weise, Maitre Henin,« antwortete Jeanne Marie kopfschüttelnd, »und der Beweis davon ist, daß er immer an die Lisa denkt und an den Streich, den sie ihm gespielt, und jetzt sagen die Leute, da ihn Eine getäuscht, hat er einen Abscheu gegen alle Frauen.«

»Gehen Sie nur, Jeanne Marie, man spricht nur schlecht von Dem, was man liebt. Es ist mit Alain wie mit den alten Mastwächtern, die ihr Handwerk verwünschen, die sagen, daß Nichts ärger sei, als die Seeluft einzuschnappen, und doch sind sie kaum acht Tage bei den Landbewohnern, so wollen sie schon wieder aufs Meer. Das darf Sie nicht abschrecken, hübsche Wittwe.«

»Ich bin weder jung noch hübsch genug, Maitre Jacques, um zu machen, daß Monsieur Alain eine Ansichten ändert. So ist also Alles, was Sie mir da sagen, so gut wie Nichts.«

»Aber wenn es sich einst mit ihm änderte, wenn er einst die Ansichten wechselte, würden Sie einwilligen?«

»O!« versetzte die Wittwe,« wenn es nur das Opfer meines Blutes bedürfte, um für den Dienst zu zahlen, den er mir geleistet hat, so sage ich Ihnen von ganzem Herzen, Maitre Henin, mein Blut gehört Ihm bis auf den letzten Tropfen.«

»O! Sie bieten mehr an, als nöthig ist, und man verlangt nicht so viel von Ihnen,« versetzte der Seemann. »Ich will die Segel darnach stellen und versuchen, sie auf dieses Wasser zu treiben. Jedesmal, wenn ich in eine Hütte eintrete, spaltet es mir das Herz, ihn so allein und verlassen zu sehen, und es koste, was es wolle, so will ich nicht, daß es von Dauer sei.«

Maitre Jacques begleitete Jeanne Marie bis an die Thür des Materialhändlers, indem er sie von dem Plane unterhielt, der in seinem Gehirn Wurzel geschlagen hatte.

Die Wittwe stieg zu ihrem kleinen Zimmer hinauf und legte sich nieder.

Aber sie war noch immer sehr aufgeregt von der Erinnerung an die Unterredung mit dem alten Steuermann.

Sie wiederholte sich jede Minute, daß er ein Thor sei, daß eine solche Heirath unmöglich wäre; aber indem sie sich dies jede Minute wiederholte, hörte sie nicht auf, daran zu denken.

Drittes Kapitel.
Der Besuch

Mit der Beharrlichkeit, die in einem Charakter lag, verfolgte Henin beständig die Idee, die er Jeanne Marie mitgetheilt hatte.

Sobald Alain daher im Stande war, ihn anzuhören, versuchte er die Gedanken des Jägers auf die Ehe zu lenken, ohne auch nur ein einziges Mal den Namen der Wittwe auszusprechen, indem er nicht aufhörte, ihm die Unbequemlichkeit und Traurigkeit des einsamen Lebens und zu gleicher Zeit die Annehmlichkeiten des Ehestandes vor Augen zu stellen.

Dem Grundsatze nach wies der Jäger alle diese Rathschläge mit so viel Energie zurück, wie seine Kräfte es ihm gestatteten.

Als er aber die entschlossene Beharrlichkeit des Steuermannes bemerkte, kam ihm der Gedanke, daß es eine fixe Idee von einem Freude sei, weshalb man ihn mehr beklagen, als tadeln müsse; und so ließ er ihn reden.

Henin nahm das Schweigen des jungen Mannes für eine Zustimmung und war außer sich vor Freude.

Mehr gewöhnt, die Stürme des Himmels zu studiren, vorherzusehen und zu bekämpfen, als die des Herzens, täuschte er sich vollständig hinsichtlich des Schweigens des Genesenden, und er benachrichtigte Jeanne Marie, daß er alle Tage ungeheure Fortschritte in Alain’s Geiste mache, während er in der Wirklichkeit um keinen Schritt weiter gekommen war.

Indessen müssen wir sagen, daß die Besuche der Wittwe, die sanfte Zärtlichkeit, die naive Erkenntlichkeit, die die Alain bezeugte, der ruhige Zauber ihrer Schönheit und die Heiterkeit ihrer Seele nach und nach einen tiefen Eindruck auf den jungen Jäger hervorgebracht hatten.

Während er seinen Haß gegen die Frauen beibehielt, während er sich vornahm, sein Gelübde zu halten, machte er mit der Wittwe eine Ausnahme.

In seinen Augen war Jeanne Marie keine Frau, oder sie war mehr, als eine Frau.

Sie war eine Mutter.

Nun aber empfand er keine Liebe für sie; noch nie hatte sich ihm der Gedanke, sie zu einer Frau zu nehmen, seinem Geiste dargestellt.

Indessen besänftigte diese milde Hand der Freundschaft den lebhaften Schmerz, welchen Lisa in der Tiefe seines Herzens zurückgelassen hatte.

Die Gegenwart, wir wollen nicht sagen Jeanne Marie’s, wohl aber der Mutter des kleinen Jean Marie, war ihm also nothwendig.

Es schien ihm freilich in seinem Egoismus, daß er Niemandes mehr bedürfen würde, wenn er einmal wieder hergestellt sei und eine gewöhnlichen Beschäftigungen wieder begonnen habe.

Inzwischen war ihm aber die Gegenwart der Wittwe angenehm und diente zu seiner Wiederherstellung.

In einer Nacht schlief Jean-Marie, erschöpft von dem anhaltenden Wachen, so fest, daß er seine Mutter nicht an die Thür klopfen hörte.

Alain, welcher nur halb schlief, hörte es, erwachte vollends, legte seine Kleider an und ging, ihr zu öffnen.

Jeanne Marie trat zitternd ein, als sie sah, daß es der Jäger war und nicht ihr Sohn, der ihr zu öffnen kam.

Sie that alles Mögliche, um Alain zu bewegen, sich wieder niederzulegen; aber er weigerte sich beharrlich.

Man zündete das Feuer wieder an; Beide nahmen Stühle und setzten sich vor dem Kamin nieder, während der Knabe in seiner Hängematte schlief.

Noch schwach und Schmerz empfindend, begann der junge Mann indessen die Farben der Gesundheit wieder zu erlangen.

Jeanne sah ihn an.

Alain’s Augen begegneten denen der Wittwe.

»Nun, nun,« sagte diese lächelnd und erröthend zugleich, »ich sehe mit Vergnügen, daß es besser mit Ihnen geht, Monsieur Alain, und daß die Zeit bald kommen wird, wo ich nicht mehr in der Nacht, mit Gefahr, den Strauchdieben zu begegnen, über die Felder laufen darf.«

Bei diesem Gedanken, daß Jeanne in der That nicht mehr kommen werde, da sie keine Veranlassung mehr dazu habe, schnürte sich Alain’s Herz zusammen, und er antwortete, ohne zu bedenken, was er sagte:

»Sagen Sie Das nicht, Jeanne, Sie würden machen, daß ich meine Genesung verwünschen müßte.«

Die Wittwe erbebte, denn bei diesen Worten Alain’s empfand sie zugleich schmerzliche und angenehme Gemüthsbewegungen.

Es war fast ein Geständniß, welches der junge Mann ihr ablegte.

Aber ihre Bescheidenheit war so groß, daß es ihr unmöglich schien, daß die Liebe sie in ihrer bescheidenen Lage aufsuchen könne.

Alain seinerseits hielt inne.

Vielleicht hatte er nicht mehr gesagt, als er dachte; aber wenigstens hatte er mehr gesagt, als er sagen wollte.

In Folge der Worte Alain’s trat also ein Schweigen ein.

Dieses Schweigen, welches sich verlängerte, wurde schmerzlich.

Um diese Aengstlichkeit zu beseitigen, welche sie empfand, lenkte Jeanne Marie die Unterredung wieder auf die Vergangenheit, und nach Verlauf von fünf Minuten hatte sie die Gewißheit erlangt, die für sie selber sehr schmerzlich war, daß Alain, wenn er für Lisa nur eine Liebe hegte, die im Begriff war zu erlöschen, aus dieser nicht vollständig erloschenen Liebe ein tiefes Mißtrauen gegen alle Frauen schöpfte, und daß Henin weit entfernt gewesen, die Ansichten des jungen Mannes über die Ehe und das Zusammenleben zu verändern.

Endlich sagte sie traurig und mit einer Anstrengung.

»Sie werden dies Alles vergessen; Ihre Gesundheit kehrt zurück, Sie werden Ihre Jagden, Ihre Freundschaften, Ihre Vergnügungen wieder beginnen und nach und nach wird die Erinnerung an alles Das, was Sie erlitten, in Ihnen erlöschen.«

»O nein, nein,« sagte Alain, »es sind nicht die Vergnügungen, nicht die Zerstreuungen, welche alles Dies herbeiführen werden – es ist —«

Der junge Mann hielt inne.

Er wollte sagen: »Eine andere Liebe.«

»Es ist?« – wiederholte die Wittwe.

»Nichts,« entgegnete Alain den Kopf abwendend, »Nichts, was Dies herbeiführen wird! Ich bin traurig, unglücklich – und verloren auf immer!«

»Man ist nicht auf immer unglücklich, wenn man jung ist,« sagte die Wittwe; »man ist nicht verloren, wenn man gut ist.«

Und Jeanne Marie erhob die Augen zu Alain.

Alain richtete in diesem Moment einen Blick auf Jeanne Marie.

Die Blicke der beiden jungen Leute begegneten einander.

Welche Wirkung brachte Jeanne’s Blick auf Alain hervor? Wir können es nicht sagen, das Herz des jungen Mannes ist verschlossen.

Aber Alain’s Blick drang bis in Jeanne’s Herz.

Sie fühlte, daß es gefährlich für sie sein würde, die Unterredung über dieses Kapitel sich verbreiten zu lassen; sie begann also wieder von Lisa Jousselin zu sprechen.

Dieser magische Name hatte noch nicht einen Einfluß auf Alain verloren.

Aber über dieses Kapitel sprach er sich nicht aus.

Es war noch so viel Liebe in einem Haß und in den Verwünschungen, die er dieser Treulosen nach endete, daß Jeanne sich sehr bewegt hinter den Kaminvorsprung zurückzog, um dem Jäger das Erröthen zu verbergen, welches sie auf ihren Wangen fühlte.

Als Alain diese Bewegung der Wittwe sah, täuschte er sich und glaubte an ein Gefühl des Mitleids.

»O!« sagte er, »Sie würden nicht so gegen einen Mann handeln, der Sie liebte, wie ich Lisa geliebt habe, und dem Sie anzugehören geschworen haben. Nicht wahr, Jeanne, das würden Sie nicht thun?«

»Man soll sich freilich nicht selber rühmen, Monsieur Alain,« sagte die Wittwe; »indessen denke ich, wenn ich reich wäre, würde ich einen Freund nicht wegen seiner Armuth aufgeben.«

»Ah! Jeanne, der Mann, der Sie liebte, würde glücklich sein!«

Und ohne ein weiteres Gefühl vielleicht, als das des Schmerzes, welches eine Stütze sucht, streckte Alain die Hand nach Jeanne aus.

Aber Jeanne zog so rasch ihre Hand zurück, als hätte sie die Berührung eines glühenden Eisens gefürchtet; und zu gleicher Zeit sagte sie:

»Niemand kann an mich denken, denn wer wollte ein armes und dürftiges Geschöpf, wie ich bin, heirathen? Und – und ich bin nicht mehr jung genug, um mein Herz über meine Ehre trauern zu lassen. Die Ehre seiner Mutter wird die einzige Erbschaft Dessen sein, welcher dort schläft,« sagte sie.

Und sie deutete auf die Hängematte des kleinen Jean Marie.

»Und man muß sie ihm unverletzt erhalten,« fügte sie hinzu.

Alain zog seine Hand zurück, sagte Nichts und blieb in Gedanken versunken.

Vielleicht hatte er in der Zukunft ein Liebesverhältniß mit der armen Frau gesehen.

Aber das Wort »heirathen« machte die Wirkung eines kalten Bades auf eine verliebten Hoffnungen.

Von diesem Augenblicke an wurde die Unterredung matter und vielleicht zum ersten Male, seitdem die Witwe ihren Sohn in der Hütte des Jägers besuchte, machte er keine Bemerkung, als sie ihm einen breiten weißen Streifen zeigte, der im Osten den Horizont färbte, und dem jungen Jäger ankündigte, daß es Zeit sei, sich zu entfernen.

Jeanne Marie ging hinaus.

Der Knabe war nicht erwacht! Sie war gekommen, um ihren Sohn zu besuchen.

Sie hatte ihn nicht gesehen.

Aber was lag daran? Jedes Kind, welches schläft, ist bei Gott.

Indessen, ohne zu wissen warum, entfernte sich die arme Mutter mit sehr kummervollem Herzen.

Als sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatte und sich in ihrem Geiste Alles wiederholte, was in dieser Nacht zwischen ihr und Montplet vorgegangen und gesprochen worden war, bemerkte sie erst, daß sie die Stunden hatte entfliehen lassen, ohne daran zu denken, ihren Sohn zu umarmen.

Da sah sie ein, daß sie Alain mehr liebte, als sie es dachte, mehr als man einen Freund liebt; sie fühlte, daß ihre Liebe die Grenzen der Erkenntlichkeit überschritten habe, und was ihr so die Brust schwellte, war die Kälte, womit sie und der junge Jäger sich getrennt hatten.

Sie blieb einen Augenblick wie eine Blinde stehen, die das Licht plötzlich in der Mitte eines Sturmes wiedersieht; dann warf sie sich in der Mitte des Fußsteiges auf die Kniee nieder und bat Gott, die in dem Kampfe zu unterstützen, den sie gegen sich selber zu bestehen haben werde.

Viertes Kapitel.
Die beiden Mitschuldigen

Hatte in dieser unbestimmten Hoffnung, eine Melancholie mit Jeanne zu zerstreuen, auf Seiten des jungen Mannes Etwas gelegen, was er vorher mit jenem bösen Geiste verhandelt hatte, der immer in einem Winkel des Herzens wohnt?

Wir können es nicht sagen.

Aber so viel ist gewiß, daß Montplet einen wirklichen Widerwillen empfand, zu sehen, daß die junge Wittwe keine so leichte Beute sein werde, wie er es geglaubt.

Auf diesen Aerger folgte eine Ungeduld, dann eine lebhafte Langeweile, die nicht wieder zu sehen.

Er hatte soviel Trost und Erleichterung bei seiner Einsamkeit in der Gegenwart der Wittwe gefunden, daß ihm ihre Gegenwart nothwendig geworden war.

So beschränkt die Erziehung Jeanne Marie’s gewesen war, hatte sie doch von der Natur eine Delicatesse des Herzens, eine Zärtlichkeit der Gefühle und eine Lieblichkeit des Charakters empfangen, welche den jungen Jäger unmerklich gerührt hatten, und als er sah, daß er sie nicht zur Geliebten haben könne, wünschte er, sie sich wenigstens als Freundin zu erhalten.

Der Gedanke, sie zu einer Frau zu machen, war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen.

Egoistisch, wie er war, berechnete er nicht, ob die Seele der jungen Wittwe ihrerseits bei dieser Vereinigung der Gefühle, zu welcher er nur Freundschaft und sie Liebe mitbringe, ihre Rechnung finden werde.

Nein, er fand die Aufopferung Jeanne Marie’s angenehm und bequem, und er kümmerte sich um weiter Nichts, als sie fortdauernd zu sehen.

Nach einer Abwesenheit von acht Tagen schickte er Jean Marie zu seiner Mutter ab, um die Gründe zu erfahren, weshalb sie ihre Besuche in dem Häuschen des Jägers einstelle.

Die Witwe begnügte sich zu antworten, daß der Onkel Langot Verdacht hege und die Thüren verriegele, so daß ihre Besuche bei Alain von jetzt an unmöglich würden.

Eine seltsame Sache, was man die Ehre bei den Männern und die Ehre bei den Frauen nennt!

Nun war Alain nicht nur ein redlicher Mann, sondern er hatte auch ein gutes Herz. Alain hatte mit Gefahr seines Lebens einem Kinde das Leben gerettet und dieses Kind seiner Mutter wiedergegeben. Nun fand Alain in diesen beiden Wesen zwei Gefühle, die man in der modernen Gesellschaft am Seltensten findet, nämlich die Erkenntlichkeit und die Aufopferung, und Alain war im Begriff, diese beiden Tugenden durch die Schande zu belohnen; und ohne an das Unheil zu denken, welches er vorbereitete, sollte ganz einfach und natürlich das Kind zu dem Untergange seiner Mutter behilflich sein.

Und wenn es Montplet gelang, blieb er der ehrliche Mann, dem alle Welt noch fortwährend die Hand reichte, während Jeanne Marie ein verlorenes Weib wurde, welcher alle Welt den Rücken wendete.

Der Knabe brachte dem jungen Jäger die Antwort seiner Mutter zurück.

Alain’s Aerger wurde dadurch vermehrt.

Ein leichtes Gefühl des Haffes mischte sich in eine Liebe, denn er ließ sich durch die angebliche Wachsamkeit Langot’s nicht täuschen.

Aber er bedachte, wenn Jeanne Marie nicht zu ihm kommen wolle, so könne er zu ihr gehen.

Um aber zu ihr zu gehen mußte er hergestellt sein.

Von jetzt an ging die Genesung, von dem Willen unterstützt, rasch vor sich.

Es war übrigens dringend nothwendig, daß Alain seine Beschäftigung fortsetzte.

Während seiner Krankheit hatte ihn Henin unterstützt, und er mußte dem Seemanne, der selber nicht reich war, die kleinen Summen zurückerstatten, welche dieser ihm vorgestreckt hatte.

Er sammelte also alle seine Kräfte, und schon am folgenden Tage, nach dem Jeanne Marie sich geweigert hatte, wieder in seine Hütte zu kommen, entschloß er sich auszugehen, ungeachtet der Vorstellungen des Schiffsjungen, welcher der Mentor dieses rauhen Telemach geworden war.

In dem schwachen Zustande, worin er sich befand, würde es ihm noch schwierig gewesen sein, sich an das Ufer zu wagen.

Er begann also, von Jean Marie unterstützt, die Sümpfe zu durchsuchen, die das Häuschen umgaben.

Der junge Mann und der Knabe stellten einige hundert Schlingen von Pferdehaaren an den von den Schnepfen besuchten Stellen auf ebener Erde auf, die man leicht an ihren Fußspuren erkennen konnte, denn es war der Augenblick des Striches und der Sumpf war voll von ihnen.

Der Schiffsjunge trug dem Wildhändler die Vögel nach Isigny und brachte das Geld zurück.

Alain seinerseits begab sich jeden Abend nach Maisy, und obgleich er sich beständig wiederholte, daß er die Wittwe nicht liebe, so benahm er sich doch wie ein Liebender und umschlich beständig Langot"s Haus.

Aber sobald Jeanne Marie ihn bemerkte, obgleich ihr diese Gegenwart angenehm war, zog sie sich in die Tiefen des kleinen Ladens zurück, und der kleine Laden war so dunkel und die grünen Fensterscheiben so wenig durchsichtig, daß Alains Auge ihr nicht bis dahin folgen konnte.

Sehr verstimmt, wegen der Erfolglosigkeit seiner Schritte, brachte Alain eine Abende gewöhnlich bei Henin zu und suchte den alten Steuermann auszuforschen, um zu erfahren, ob er nicht die Gründe kenne, welche Jeanne Marie so strenge bei ihrem Oheim verschlossen hielten.

Der alte Seemann entgegnete kein Wort; als aber Alain fort war, lachte er sich ins Fäustchen und rieb sich freudig die Hände, bezaubert, seinen jungen Freund – wie er wenigstens glaubte – von selber dorthin kommen zu sehen, wohin er ihn führen wollte.

Eines Abends gegen acht Uhr regnete es, der kleine Platz von Maisy war verlassen und Alain, der nicht bemerkt zu werden fürchtete, hatte das Gesicht an die Scheiben gelegt, um einen Blick von der Wittwe zu erhaschen.

Aber diese, getreu ihrem Vorhaben, hatte Alain gesehen und zog sich nicht nur in die Tiefe des Ladens, sondern auch in ihr Zimmer zurück.

Alain wollte den Ort in Verzweiflung verlassen, als ein Geräusch von Fußtritten ihn bewog, sich umzuwenden.

Er verbarg sich im Schatten und bemerkte einen Mann, der sich an den Häusern dahingeschlichen hatte, und an der Thür des Wucherers klopfte.

Obgleich dieser Mann in einen jener weiten grauen Mäntel eingehüllt war, wie sie die Bauern auf ihren Reisen tragen, so erkannte doch der junge Mann Den, welcher sich näherte.

Es war Richard, der Rechtsanwalt von Isigny, derselbe, den er beauftragt hatte, seine Interessen gegen Langot wahrzunehmen, derselbe, welchen Maitre Henin, einen Geldsack unter dem Arme in einer Unterredung mit dem Wucherer auf dem Wege nach Saint-Lo überrascht hatte.

Er kam zu Thomas Langot.

Alain zog sich rasch hinter die Ecke des Hauses zurück; so schnell, daß Richard ihn nicht sah, oder wenn er ihn sah, ihn wenigstens nicht erkannte.

Richard trat ein.

Der Materialhändler war in seinem Kaminwinkel.

Er erhob den Kopf, da er den Eintretenden für einen Kunden hielt.

Aber als er unter dem breiten Rande des Hutes das spöttische Auge des Advocaten sah, erbebte er.

Durch die halb offene Thür hörte Alain:

»Ach! Sie sind es noch, Richard!«

Dann schloß sich die Thür wieder und Alain hörte nichts weiter.

Die beiden Männer blieben einen Augenblick stehen.

Sie schienen lebhaft zu verhandeln.

Endlich schien Thomas Langot besiegt zu sein; er ging auf die Thür zu, öffnete sie und begann die Vorderthür zu schließen; dann, als die Thür geschlossen war, ging er zu den Fenstern, führte dieselbe Operation aus, so daß man von außen nicht in den Laden sehen konnte, und schloß dann die Thür mit Sorgfalt wieder.

Alain versuchte durch die Spalten der Fensterladen in das Innere zu sehen.

Aber der Materialhändler war so sehr bemüht, eine Handlung der Neugierde der Nachbarn zu entziehen, daß er keine Vorsichtsmaßregeln versäumte.

Die beiden Feinde Alain’s waren vier Schritte von ihm entfernt.

Ihre Unterredung war für ihn ein Vermögen werth, und er konnte sie weder sehen noch hören! Es war zum Verzweifeln.

Alain suchte ein Mittel, in das Haus einzudringen, und fand keins.

Er kannte von diesem Hause nur den Laden, wo er jedesmal eingetreten war, wenn er mit dem Wucherer zu thun hatte.

Plötzlich sah er den kleinen Jean Marie erscheinen, welcher von Isigny zurückkehrte. Da er den Jäger nicht in seiner Hütte gefunden hatte, glaubte er, daß er auf der Jagd sei, und war einerseits nach Maisy geeilt, um seine Mutter zu besuchen.

Alain lief ihm entgegen.

»Kleiner Jean,« sagte er, »weißt Du ein Mittel, bei dem Onkel Langot einzutreten?«

»Sie bei Monsieur Langot! Warum?« fragte der Knabe erschrocken.

»Daran liegt wenig! Was ich von Dir wissen will, ist, ob ich bei ihm eintreten und einen Ort finden kann, wo ich sehen und hören kann, was in seinem Laden vorgeht.«

»Henker!« rief der Knabe, »man müßte denn dort hinauf können!«

Und er deutete auf die Ladenluke.

Aber diese Luke war sorgfältig verschlossen.

»Dort!« sagte Alain. »Wie sollte man dort hinkommen?«

»Von hier ist es unmöglich,« sagte der Knabe; »das Fenster ist von innen geschlossen.«

»Ich sehe es wohl! und das ist es, was mich in Verzweiflung bringt.«

»Aber vom Hofe aus,« sagte der Knabe.

»Nun ja, vom Hofe aus ist es möglich?«

»Nichts ist leichter.«

Die Treppe befindet sich also draußen?«

»Ja.«

»Aber es ist eine Thür an diesem Boden?«

»O! eine alte Thür die nicht fest ist.«

»Und wie kommt man in den Hof?«

»Zum Henker, man muß erst die Gartenmauer übersteigen.«

»Wir werden sie übersteigen.«

»So kommen Sie!«

»Komm!«

Und Beide begannen zu einem Gäßchen zu laufen, welches auf die Felder führte.

Fünftes Kapitel.
Das Guckloch

Beide gingen aus dem Dorfe, machten dann einen Umweg um die Häuser, erreichten die Felder, wendeten sich rechts und befanden sich vor der Mauer, welche dem Garten des Materialhändlers einschloß.

Diese Mauer war hoch.

Alain nahm den kleinen Jean Marie auf seine Arme und hob ihn auf die Höhe der Mauer.

Jean Marie ging wie eine Katze auf der Höhe der Mauer und suchte die großen Stangen auf, die, wie er wußte, in der Ecke lehnten. Er warf Alain eine davon zu, der sie an die Mauer ansetzte. Jean Marie hielt das eine Ende fest, und bald befand sich der junge Mann rittlings neben dem Knaben auf der Mauer.

Alain sprang zuerst in den Garten hinunter und fing das Kind in seinen Armen auf.

Darauf schlugen Beide einen Gang ein, um keine Spur von ihrem Durchgange zurückzulassen, und kamen zu einem kleinen Hofe, welcher ganz mit Holzwerk und leeren Fässern angefüllt war, und blieben am Fuß einer Treppe von wurmstichigen Holze stehen, die zu dem Hause hinaufführte.

Es war die äußere Treppe, wovon der Knabe gesprochen hatte.

»Hier,« sagte Jean Marie, »dort sehen Sie die Thür; sie ist nur mit einer Klinke geschlossen.«

»Aber wenn ich dort bin,« fragte der junge Mann, »wie soll ich hören, was sie sagen? Wie soll ich sehen, was sie thun?«

»Es ist ein Guckloch im Fußboden,« sagte der Schiffsjunge; »es wird nicht schwer zu finden sein, und das Licht wird Sie führen.«

»Danke!« sagte Alain, »jetzt kannst Du fortgehen; nur vergiß nicht, die Stangen wieder an ihren Platz zu stellen!«

»Ah!« sagte der Knabe, »ich sollte meiner Mutter so nahe sein und fortgehen, ohne sie zu sehen?«

»Kleiner Jean,« sagte Alain, indem er einen Finger auf einen Mund legte, »weder Du noch Deine Mutter dürfen in Das verwickelt sein, was hier vorgehen kann. Geh fort, ich bitte Dich.«

»O! Sie wissen wohl, wenn Sie so zu mir reden, daß ich nicht antworten werde,« sagte der Knabe. »Also leben Sie wohl, Monsieur Alain, und nehmen Sie sich in Acht, daß Ihnen kein Unheil begegne.«

Alain hörte den Knaben schon nicht mehr an.

Er war eingetreten, und die Thür hatte sich hinter ihm geschlossen.

Dort befand er sich in der tiefsten Dunkelheit.

Auch ging er nur tappend und mit unerhörter Vorsicht weiter.

Kaum hatte er einige Schritte zurückgelegt, als er die Lichtstrahlen bemerkte, die aus dem unteren Zimmer kamen und durch die Spalten der Fallthür drangen.

Alain legte sich platt nieder und blickte hinunter.

Er erkannte die beiden Männer.

Richard saß an einem Tische.

Langot stand, einen Sack in der Hand, am anderen Ende dieses Tisches.

Sobald sich Alain überzeugt hatte, daß sie es gewiß Beide waren, horchte er, da es ihm noch wichtiger war, zu hören, als zu sehen.

Das erste Geräusch, welches er hörte, war diese silberartige Musik, welche die Fünffrankenstücke machen, wenn sie sich an einander reiben.

Sie klirrten in dem Augenblick, als der Berechner sie zählte, und gaben einen trocknen und matten Klang, als er sie auf den Tisch häufte.

»Und tausend,« sagte eine Stimme, welche Alain für die Langot’s erkannte, zugleich als eben dieses trockene und matte Geräusch zum letzten Male sich hören ließ. »Noch tausend! – Das macht elfhundert Pistolen, die sie mir stehlen, Maitre Richard.«

»Meinen Sie?« entgegnete die spottende Stimme des Sachwalters.

»Meiner Treu! Ich will Ihnen gestehen, Maitre Langot, daß ich Sie zu sehr liebe, um mit Ihnen zu rechnen.«

»Nun zum letzten Male, Richard,« sagte der Wucherer, »wollen Sie, daß ich mich wegen des Restes abfinde? Geben Sie mir Alles, was Sie noch an Verschreibungen haben, und ich will Ihnen eine runde Summe aufzählen.«

»O! Sie kennen mich nicht, mein lieber Langot! Weil ich ehemals mit Alain ein Wenig das Leben genossen habe – wohl verstanden, wenn er zahlte – so glauben Sie, daß ich ein durchlöcherter Korb, ein Verschwender bin. Enttäuschen Sie sich: ich bin ein Mann der Ordnung! Ich spiele freilich gern, aber ich will mein kleines Kapital nicht anwenden. Ich habe bei Ihnen einen hübschen Credit; ich weiß, das ist eine Casse, eine angenehme Casse, die nur darauf wartet, sich bei einer gebieterischen Veranlassung für mich zu öffnen; ich bin von dieser Gewißheit überzeugt, und will Sie nicht, wenn unsere Rechnung abgeschlossen wäre und ich in die Lage kommen sollte, Geld zu bedürfen, in die schmerzliche Lage versetzen, auf die Anforderungen eines Freundes mit einer Weigerung zu antworten.«

»Glauben Sie denn, daß Dies noch lange so fortdauern wird?« fragte Langot.

»Nun, so lange wie Ihre Wechsel dauern, lieber Freund; wenn ich keine mehr habe, wird es aufhören und das ist wirklich schade.«

»Glauben Sie denn, daß ich immer so einfältig sein werde, Ihren Anforderungen nachzugeben?«

»Ah! Was Das betrifft, das steht Ihnen völlig frei, Maitre Langot, so wie auch die tausend Franken zurückzunehmen, die Sie mir eben mit einer vollkommenen Willfährigkeit ausgezahlt haben.«

»Ich will des Henkers sein, wenn ich es nicht thun sollte.«

»Nach Ihrem Gefallen! Stecken Sie die wieder ein. – Sagen Sie mir doch, Maitre Langot, ist es weit von hier bis zu der Hütte, wo Monsieur Montplet wohnt?«

»Daß die Pest Sie ersticke, Sie und Den, der dort wohnt!«

»Ich möchte mich noch diesen Abend dorthin begeben. Ich werde zu Monsieur Montplet sagen: mein Junge, da ich immer Ihr Freund und zwar Ihr wahrer Freund gewesen bin, habe ich Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen. – Was? wird er fragen. – Hören Sie: Sie wissen, daß es unter den Advocaten gebräuchlich ist, einander ihre Actenstücke mitzutheilen. – Ohne Zweifel – nun also, als ich aufgefordert wurde, zu Ihrer Vertheidigung aufzutreten, theilte mir Langots Advocat seine Acten mit. Diese Acten waren mit Wechseln von Ihnen vollgepropft. Indem ich sie untersuchte, bemerkte ich nicht so wohl, daß Langot ein Schurke ist, was wir glücklicher Weise schon wissen, sondern auch, daß er ein großer Dummkopf ist. – Bah! – Nicht mehr oder weniger. Stellen Sie sich vor, mein junger Freund, daß der Schurke, wenn er Ihnen die Wechsel zum Unterzeichnen zuschickte, neben dem Worte tausend, welches jeder dieser Wechsel unfehlbar enthielt, einen großen Platz frei ließ. Sie haben Dies nie bemerkt, und darüber wundere ich mich nicht, denn Ihre Zeit war zu kostbar, um sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen! Nun müssen Sie wissen, daß der alte Schelm, wenn er die Wechsel wieder in die Hände bekam, zwei, drei und zuweilen sogar vier an die leere Stelle setzte. Da er aber unglücklicherweise nicht daran gedacht, sich immer derselben Dinte zu bedienen, so findet es sich, daß die eine gelb geworden, während die andere schwarz geblieben ist.«

»Und wer wird beweisen, daß Alain die Summe nicht erhalten hat?«

»Ah! wie weit seid Ihr in Eurem Dorfe zurück, alter Unverstand! – Wer ! Ei zum Henker, die Registeratur des Botenamts. War es nicht Das, durch welches Sie Ihre Sendungen machten? Nun habe ich ihre Daten und Ziffern aufgenommen, und keine einzige von diesen Ziffern stimmt mit denen überein, die Sie angegeben haben. Gehen Sie nur, Maitre Langot, die Sache meines Clienten ist klar und rein; ein Kind könnte sie beurtheilen. Sie haben es wohl verstanden. Uebrigens, als ich kam, um sie aufzusuchen, sagte ich zu Ihnen: »»Sie wissen, Maitre Langot, daß ich die Acten besitze, welche mir von Ihrem Advocaten mitgetheilt worden?««

»»Aus welchen Gründen?« – »»Aus diesen oder jenen Gründen. Wenn die Sache gewonnen ist, werden wir uns mit einander abfinden.«« Sie haben die Gründe gut gefunden, Langot, denn Sie haben mir geantwortet: »»Machen Sie erst, daß ich Besitzer von der Meierei werde, Richard, und später wollen wir sehen.«« Da sind Sie jetzt Besitzer der Meierei; wir wollen sehen – Sie wollen nicht mehr sehen? Ich gehe jetzt gerades Wegs zu meinem Clienten —«

»Und was werden Sie dabei gewinnen, Schwätzer ?«

»Zum Henker, die Ehre, meine Pflicht gethan zu haben, die ist wohl tausend Franken werth, sollte ich denken —«

»Nun,« entgegnete Langot in ärgerlichem Tone, »geben Sie mir den Wechsel und zählen Sie Ihre Thaler.«

»Hier ist er. Es ist in der That für Nichts. Wissen Sie, wie viel dieser beträgt ? – Dreitausend. Nun, ich gebe Ihnen denselben für Tausend zurück. – Sie sollen nicht sagen, das ich ein Wucherer bin; an diesem allein verliere ich zweitausend Franken, ohne zu rechnen, was ich an den anderen verloren habe und noch verlieren werde.«

Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen der mißtrauische Greis ohne Zweifel das gefälschte Papier, welches man ihm zugestellt hatte, prüfte.

Dann sah Alain, der jetzt ein Auge anstatt des Ohrs anwendete, Langot auf einen Schrank zugehen, ihn öffnen und wieder schließen.

»Sie laden mich nicht zum Abendessen ein?« sagte Richard.

»Nun, um so besser! Das wird mich von einer Verbindlichkeit befreien; ich muß bei guter Zeit wieder zu Hause sein – aber Sie werden mich doch ein Stück begleiten?«

»Wahrhaftig, wenn ich es auch nicht wollte, würde ich mich dazu genöthigt sehen.

Muß ich Sie nicht durch die Felder hinauslassen? Glauben Sie, daß all dies Hin- und Hergehen nicht bekannt werden würde?«

»Ich bin bereit, Maitre Langot!«

»Warten Sie,« sagte Dieser, »daß ich den Gartenschlüssel mitnehme.«

Alain hörte sie noch einige Augenblicke unten hin und hergehen. Der joviale Advocat, bezaubert von dem Geschäft dieses Abends, summte ein Lied zwischen einen Zähnen, und der Wucherer, welcher den Schlüssel nicht fand, benutzte die Ungeduld, welche ihm dieses Suchen verursachte, um seiner üblen Laune freien Lauf zu lassen.

Endlich gingen sie hinaus.

Das Schloß des Schrankes, worin die Wechsel aufbewahrt waren, wurde doppelt verschlossen: aber es schien Alain, als habe der Wucherer den Schlüssel auszuziehen vergessen.

Er lief zu der Thür des Bodens, öffnete sie leise und sah die beiden Männer sich durch den Hof entfernen.

Da kam ihm der Einfall, daß, wenn der Schlüssel im Schranke stecke, er sich der Wechsel bemächtigen und vermöge desselben zu einem Theile seines Vermögens gelangen könne.

Er bedachte, daß es nicht sowohl die Vorsehung, als vielmehr der Zufall gewesen, der ihn dorthin geführt, und daß er diese Gelegenheit, wenn er sie einmal verliere, vielleicht niemals wieder finden werde.

Er beschloß dieselbe also zu benutzen.

Man durfte nicht daran denken, durch den Hof in den Laden einzutreten.

Als Langot mit Richard hinausgegangen war, hatte er die Thür hinter sich geschlossen.

Aber er konnte durch die Fallthür hinuntersteigen.

Wir haben gesagt, daß der Boden mit altem Eisenwerk angefüllt war.

Alain durfte nur die Hand ausstrecken, um eine Art Meißel zu finden, der eigens zu dieser Operation, die er auszuführen hatte, gemacht schien.

Er schob das Ende des Meißels zwischen den Fußboden und die Fallthür und drückte kräftig auf das Instrument.

Die Fallthür widerstand einen Anstrengungen.

Sie wurde von innen durch einen ungeheuren Riegel festgehalten.

Aber die Aufregung hatte Alain’s Stärke verdoppelt, und bald zerbrach das Holz in Stücke, der Riegel fiel und die Fallthür öffnete sich.

Da ließ sich der junge Mann, ohne auf das Geräusch zu achten, welches dieses Aufbrechen verursachte, von dem Boden in das innere Gemach hinuntergleiten und lief zu dem Secretair.

Vergebens suchte er den Schlüssel.

Gegen eine Erwartung bemerkte er, daß Langot denselben mitgenommen hatte.

Alain war im Begriff mit diesem Möbel wie mit der Fallthür zu verfahren, als das Geräusch einer sich schließenden Thür bis zu dem jungen Manne gelangte.

Erst jetzt sah er die Folgen, welche eine Verhaftung in dieser Lage haben konnte, und er suchte zu fliehen.

Er sah sich mit verwirrtem Blicke um.

Durch den Ausgang, der zu dem Hof führte, konnte er nicht entfliehen, denn er mußte unfehlbar Langot begegnen.

Unmöglich konnte er wieder durch die Fallthür hinaufsteigen.

Dazu hätte er einer Leiter oder einer Aufeinanderhäufung von Stühlen und Tischen bedurft.

Er konnte Langot entgegengehen, ihn erwürgen und durch die Gartenthür entfliehen.

Aber dann war es ganz einfach ein Mord.

Montplet sah in einer blutigen Wolke die beiden Arme der Guillotine.

Er bemerkte eine Thür.

Er stürzte sich auf diese Thür zu.

Wenn diese Thür verschlossen war, mußte er verloren sein.

Zum Glück gab sie nach.

In dem Augenblick, wo sie nachgab, erhob sich die Klinke der Thür und Langot trat in den Laden.

Montplet befand sich in einem kleinen niedrigen Gemache, einem Nebenmagazin.

Er tappte unter den Ballen umher und fand das roh gearbeitete Treppengeländer.

Aber ohne Zweifel machte er einiges Geräusch, denn die Thür des kleinen Magazins öffnete sich, ein Lichtstrahl drang in das düstere Gemach und Langots Stimme fragte:

»Wer ist da? Wer ist da? Bist Du es, Jeanne?«

Alain stellte sich dicht an die Wand und hütete sich zu antworten.

Die Thür schloß sich wieder.

Alain fuhr fort, die Treppe hinaufzusteigen.

Aber kaum hatte er zwei Stufen erstiegen, als er den Wucherer schreien hörte.

Dieser hatte den Meißel unter seinen Füßen gefunden und den Kopf erhebend die Fallthür offen gesehen.

Alain horchte.

Ein lautes Geräusch kam von draußen; die Nachbarn liefen auf Langot’s Ruf herbei; das Haus mußte bald gefüllt sein; man wollte den Dieb verfolgen, aufspüren und verhaften.

Alain sah, daß er verloren war.

Diesmal handelte es sich nicht mehr um das Schaffot, sondern um die Galeeren, es war ein Hereinsteigen und ein Einbruch.

In diesem Augenblick war der Jäger oben auf der Treppe angekommen und tappte in einer Art von Corridor umher, an dessen Ende ein Lichtstreifen schimmerte.

Dieser Streifen deutete eine Thür an.

Bei dem Geräusch auf der Straße, bei Langot’s Geschrei öffnete sich diese Thür.

Diese Thür war die der kleinen Ladenkammer, wo Jeanne Marie wohnte.

Sie stieß einen Schrei aus, als sie einen Mann erblickte; aber dieser halberstickte Schrei kehrte gleichsam in ihre Kehle zurück.

Ehe Alain Zeit hatte zu sagen: »Ich bin es!« hatte sie ihn erkannt.

»Kommen Sie,« sagte sie.

Alain stürzte sich in das Zimmer.

Er war gerettet.

Langot fuhr fort, um Hilfe zu rufen; er behauptete, einen Mann fliehen gesehen zu haben, er zeigte das Werkzeug, womit man versucht hatte, einen Secretair zu erbrechen, er zeigte die geöffnete Fallthür, die noch an einer ihrer Angeln hing.

Es war kein Zweifel: ein Dieb hatte sich ins Haus eingeschlichen.

Da nun Alles verschlossen war, mußte er noch da sein.

Man begann die genausten Nachsuchungen.

Man durchforschte alle Winkel des Ladens und des Magazins.

Von dem Orte, wo er sich verborgen hatte, konnte Alain die Treppe unter den Fußtritten der Nachbarn krachen hören.

Man kam zu der Dachkammer Jeanne Marie’s: Die Thür war geschlossen, und erst nach langen Unterhandlungen erhielt man Eintritt.

Man fand die Wittwe völlig angekleidet und in lebhaftem Schrecken dastehend.

Sie erzählte, daß sie eben habe zu Bett gehen wollen, als sie all’ diesen Tumult gehört, der sie in einen solchen Schrecken versetzt, daß sie sich in ihr Zimmer eingeriegelt und nicht wieder herausgewagt habe.

Sobald Jeanne Marie versicherte, nicht aus ihrem Zimmer gegangen zu sein, war es unmöglich, daß der Dieb dort eingedrungen sein konnte.

Das Gemach war überdies so eng und so ärmlich möbliert, daß es unmöglich schien, sich dort zu verbergen.

Langot und seine Begleiter erlaubten Jeanne Marie also, ihre Thür wieder zu schließen, und stiegen zu dem Boden hinauf, wo ihre Nachsuchungen keinen besseren Erfolg hatten.

Man war genöthigt anzunehmen, daß der Dieb durch die Fallthür entflohen war, welche ihm gedient hatte, um sich bei dem Materialhändler einzuschleichen, und daß er, während dieser den Nachbarn geöffnet, die Felder erreicht habe.

Langot’s Schrecken war so lebhaft, daß er sich nicht niederlegen wollte und die ganze Nacht mit nutzlosen Nachforschungen hinbrachte.

Erst vier und zwanzig Stunden, nachdem er in Jeanne Maries Zimmer eingetreten war, konnte Alain herausgehen.

Sechstes Kapitel.
Der falsche Weg

Einmal außer Langot"s Hause, athmete Alain freier.

Wohin sollte er gehen?

Was sollte er thun?

Er dachte natürlich an Henin.

Eben hatte es zwölf Uhr in der Nacht geschlagen.

Er klopfte an die Thür des Steuermanns und nannte seinen Namen.

Henin kleidete sich an und öffnete.

»Ah! ah! Sie sind es ? Ich habe in der That einen Augenblick geglaubt, daß Sie in Das verwickelt gewesen, was sich in der letzten Nacht bei Langot zugetragen?«

»Und Sie haben sich nicht geirrt.«

»Treten Sie ein, und Sie sollen mir Das erzählen.«

»Nein, kommen Sie vielmehr heraus; ich bedarf der Luft.«

»Lassen Sie mir nur so viel Zeit, mich vollends anzukleiden, und ich stehe Ihnen zu Diensten.«

»Sehr gut!« Henin legte ein Beinkleid und seine Blouse an und kam wieder zu Alain, der ohne Zweifel fürchtete, wieder gefangen zu werden, und ihn zehn Schritte vor seinem Hause erwartete.

»Nun?« fragte Henin, als er zu ihm kam.

»Sie hatten Recht; mein Richard ist wenigstens ein ebenso großer Schurke wie Langot, und sie haben sich vereinigt, um mich zu bestehlen.«

Und er erzählte ihm Alles, was er gesehen und gehört hatte.

»Was denken Sie zu thun?« fragte ihn Henin.

»Ich werde mir in Saint-Lo einen Advocaten suchen, Richard zwingen, mir zurückzugeben, was er noch von meinen Wechseln und Verschreibungen übrig hat, und wenn ich sie einmal in Händen habe, wende ich mich an den Staatsanwalt. Zum Teufel! vielleicht giebt es noch Gerechtigkeit für die ehrlichen Leute —«

»Vielleicht, Sie haben Recht!«

»Wie! Sie zweifeln, daß es mir gelingen wird?«

»Und wenn die beiden Banditen ihre Wechsel verbrennen und sagen, da diese Papiere nach dem Verkauf der Meierei kein Interesse mehr für sie gehabt, so hätten sie sie vernichtet?«

»Könnte man es nicht so machen, daß sie nicht Zeit hätten, sie zu verbrennen?«

»Da müßte man sie plötzlich überfallen und Alles mit Beschlag belegen; aber sie werden ihre Verhaftung nicht auf eine Anklage ohne Beweise erwirken können. Und wer sagt Ihnen übrigens, daß sie zu dieser Stunde nicht schon ihre Vorkehrungen getroffen haben?«

»Nun denn, gesetzt, Sie wären in meiner Stelle, Henin, was würden Sie thun ?«

»Ah! verwünscht – es ist schwer zu sagen – die Rathgeber sind nicht die Zahler, wie man zu sagen pflegt. Etwas Gutes von einem Processe zu erwarten, hieße ebensoviel, als seine Haut an einen Haken hängen, um dem Haifische als Köder zu dienen. Wir wollen einmal annehmen, sie hängen den Alten. Er wird sich hängen lassen, ohne irgend Etwas einzugestehn. Dann sind Sie weit gekommen; aber man wird Ihnen nicht einmal ein Ende von dem Stricke geben, um Ihnen auf Ihrem Anstande Glück zu bringen. Nein, die Richter werden. Alles für sich behalten. Verwünscht! Ihnen wäre es freilich recht, Das wieder zu verlangen, was man Ihnen gestohlen hat!«

»Kennen Sie ein Mittel dazu?«

»Ja, meiner Treu, vielleicht.«

»Welches? – reden Sie! und ich muß gestehen, daß sie mir einen großen Dienst leisten.«

»Nun, sehen Sie, ich würde versuchen, mich mit dem Onkel freundschaftlich abzufinden; ich würde zu ihm gehen und zu ihm sagen: Ich liebe Ihre Nichte —«

Alain erröthete bis in das Weiß einer Augen.

»Wie! ich liebe seine Nichte?« stotterte er.

»Spaßvogel,« versetzte der alte Steuermann, »glauben Sie, daß die Liebe nicht mehr Spur hinterläßt, als das Kielwasser eines Bootes auf dem Meere? Sie werden vielleicht die Stirn haben, mir zu sagen, daß Dies nicht wahr ist, während Sie doch alle Abende zu uns kommen und ganze Viertelstundenlang von Jeanne plaudern, so daß es nie ein Ende nimmt. Ah! man darf deshalb nicht erröthen, meine Junge; Sie konnten nie besser wählen. Sie ist eine hübsche, wackere Frau und hat ein weiches Herz; sie ist muthig, sparsam und zierlich und lieblich wie Gewürzwein. Bei ihr können Sie gewiß sein, daß ihre Flagge sich nie entfärben wird.«

»Maitre Henin,« versetzte der junge Mann, »ich bin noch nicht entschlossen, mich zu verheirathen; aber es thut Nichts, Ihre Idee bringt eine andere bei mir hervor.«

»Eine gute?«

»Ich hoffe es.«

»Dann um so besser!«

»Maitre Henin, ich verlasse Sie.«

»Um sie in Ausführung zu bringen?«

»Richtig«

»Möge sie gelingen, wenn sie eine redliche Idee ist.«

Alain erröthete zum zweiten Mal.

»Es wird Ihnen niemals so viel Glück begegnen, wie ich Ihnen wünsche, Alain,« fuhr der Steuermann fort. »Ich weiß wohl, daß nicht Alle über Ihren Character einstimmig sind und daß auf Einen, der Gutes von Ihnen spricht, Drei oder Vier kommen, die Böses von Ihnen sprechen. O! man darf mich deshalb nicht schief ansehen. Auf dem Meere laviere ich zuweilen – es ist die Schuld des Mundes in der Unterredung niemals! Aber ich, begreifen Sie wohl, ich habe Sie handeln sehen, indem Sie Ihr Leben für einen armen kleinen Schiffsjungen aufs Spiel setzten, und ich sagte zu mir: Der Kopf mag schlecht sein, aber der Grund seines Herzens ist gut.«

Alain faßte die Hand, welche Henin ihm reichte, und entfernte sich, ohne zu antworten, indem er ihm zum Abschiede nur mit dem Kopfe zunickte.

»O! o!« sagte Henin, »ich bin der Meinung, daß wir im Begriff sind, unter einer falschen Flagge zu fahren! Dann um so schlimmer für Dich, Seeräuber! – mit den Seeräubern endet es niemals gut.«

Alain kehrte in eine Hütte zurück.

Er fand den kleinen Jean Marie in der lebhaftesten Unruhe.

Der Knabe hatte während der ganzen Nacht und während des Morgens vergebens gewartet und war dann in den Flecken gegangen.

Dort hatte er erfahren, was sich bei Langot zugetragen, – nämlich was alle Welt davon wußte, daß sich ein Dieb bei ihm eingeschlichen, die Fallthür erbrochen, die von dem Gange des Bodens in den Laden führte, und versucht, den Secretair zu erbrechen.

Darauf war ihm, der Alain zu der Treppe geführt hatte, die zu dem Boden hinaufging, ganz natürlich der Gedanke gekommen, daß dieser Dieb ein guter Freund sei, und er hatte den Tag in großer Qual hingebracht

Am Abend war er in die Hütte zurückgekehrt, indem er Montplet zu finden gehofft hatte, aber es leuchtete ihm ein, daß Montplet nicht dorthin zurückgekehrt war.

Montplet erschien dort erst um zwei Uhr Morgens.

Der kleine Jean hatte sich nicht niedergelegt.

Er saß auf dem Schemel vor dem Kamine bei einem verlöschenden Feuer und hatte Pavillon zu seinen Füßen, der ebenso unruhig schien wie er.

Plötzlich erhob Pavillon, der nach Art der Sphinxe da lag, den Kopf, bewegte dann den Schweif, so daß er den Fußboden abkehrte, ging dann auf die Thür zu und richtete sich völlig auf.

»Ah! Monsieur Montplet kommt zurück,« rief der kleine Jean.

Und er lief auf die Thür zu und öffnete sie.

Zwanzig Schritte von da erblickte er die große Gestalt eines Freundes, der sich im Dunkeln näherte.

Der Knabe lief Montplet entgegen und warf sich in seine Arme.

Darauf begannen die Fragen.

Aber es war schwierig, diese Fragen zu beantworten, Auch begnügte sich Alain damit, dem Knaben zu sagen, daß er sich vollständig beruhigen könne und daß die Angelegenheit anstatt unangenehme Folgen für ihn zu haben, vielleicht glückliche Erfolge für Alle haben werde.

Indessen bat er den kleinen Jean, es so einzurichten, daß er seine Mutter sehe, und ihr zu sagen, daß Monsieur Montplet sie in der folgenden Nacht durchaus sprechen müsse.

Der Knabe sah Alain an.

»Aber mein guter Freund,« sagte er, »Sie wissen, daß Mutter Jeanne Ihnen vor einem Monat hat antworten lassen, daß sie bei Nacht nicht ausgehen könne, weil Onkel Langot die Thüren schließe.

»Wenn Mutter Jeanne vor einem Monat nicht kommen konnte, wird sie es heute können, und wenn Onkel Langot die Thür schließt, sei ruhig, kleiner Jean, so wird sie den Schlüssel finden.«

Der kleine Jean verlangte keine Erklärung.

Obgleich aus dem Hause seines Onkels Langot verbannt, sah er doch eine Mutter fast so oft, wie er es wollte.

Er durfte sich nur an dem Winkel einer von den Straßen verstecken, die zur Kirche führten, und wenn er Onkel Langot herauskommen sah, schnell in den Laden laufen.

Die Thür öffnete sich, die Mutter drückte ihren Sohn in ihre Arme, man erspähte die Rückkehr des Onkels, und wenn man ihn am Horizonte erscheinen sah, schwankend wie einen Faun, schlug der Knabe den Rückweg durch den Hof ein und entfernte sich durch die Gartenpforte.

Er that also am folgenden Tage, was sein Freund Alain von ihm verlangt hatte.

Er besuchte seine Mutter, und zu einem großen Erstaunen begnügte sich diese, ihm zu antworten:

»Es ist gut, mein Kind; jage Monsieur Alain, daß ich kommen werde.«

Ungeachtet dieses Versprechens schien Alain den ganzen Tag unruhig Es war einleuchtend, daß er irgend ein Vorhaben in seinem Geiste überdachte, welches sein Gewissen nicht vollkommen billigte.

Man verzeihe uns, es ist kein Roman, den wir schreiben, es ist eine Geschichte.

Für einen Roman würde die Fabel, die wir vor den Augen unserer Leser abrollen, sehr schwach sein und die Personen, die wir vorführen, würden sehr wenig studiert erscheinen.

Nein.

Dieses Buch ist eine Art von Daguerreotyp, am Ufer des Meeres aufgenommen, und wir machen keinen anderen Anspruch, als genau die Wahrheit wiedergegeben zu haben.

Wir müssen also gestehen, auf die Gefahr, das Interesse zu vermindern, welches in jeder guten Composition um jeden Preis für den Helden aufbewahrt werden muß, daß unser Held ein Mensch war, daß dieser Mensch ein normännischer Bauer war, und daß er nicht nur einige von den häßlichen Fehlern an sich hatte, die dem Menschen im Allgemeinen anhaften, sondern auch, daß sich mit diesen Fehlern noch die vereinten, welche man dem Territorium zuschreibt.

Zufällig hatte er, wie Henin gesagt, im Grunde ein gutes Herz.

Als der Abend, oder vielmehr die Nacht gekommen war, fand sich Jeanne ihrem Versprechen gemäß in Alain’s Hütte ein.

Montplet erwartete sie auf der Schwelle.

Als er Jeanne erblickte, lief er ihr entgegen und umarmte sie.

Jeanne schob ihn sanft zurück.

»O! fürchten Sie Nichts,« sagte der junge Mann, »Jean Marie ist nicht da; ich habe ihn ausgeschickt, um Sprenkeln für die Schnepfen aufzustellen.«

Da gestattete Jeanne dem jungen Manne, seine Lippen auf ihre Stirn zu drücken.

Doch in dem Augenblicke, als die Lippen sie berührten, seufzte sie tief.

Man hätte sagen sollen, Alain’s Mund habe eine Wunde berührt.

Der junge Mann zog sie mit sich in die Hütte, und dort wollte er sie auf sein Knie setzen.

Aber mit großer Milde und zugleich mit großer Festigkeit sagte sie zu ihm:

»Alain, ich komme, Sie zu besuchen, nicht als eine Geliebte, sondern als eine Freundin. Haben Sie irgend einen Dienst von mir zu verlangen, so bin ich bereit, Ihnen denselben zu leisten, denn mein Leben gehört Ihnen, Das wissen Sie besser, als irgend Jemand.«

Der junge Mann wollte sie wieder an seine Brust drücken, aber sie machte sich aus seinen Armen los, setzte sich zu ihm auf einen Stuhl und reichte ihm die Hand.

»Reden Sie,« sagte sie, »ich höre Ihnen zu.«

»Und wenn ich Ihnen Nichts zu sagen hätte, Jeanne?« versetzte Montplet lächelnd.

»Sie haben mir Etwas zu sagen, Montplet, da Sie mich haben bitten lassen, zu Ihnen zu kommen.«

»Ich hatte Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, Jeanne.«

»Noch etwas Anderes, Alain. Sie würden meinen Sohn nicht zum Boten gewählt haben, wenn Sie mir nur dieses leichtfertige Wort zu sagen hätten.«

»Nun ja, Jeanne, ich hatte Ihnen noch etwas Anderes zu sagen. Als ich in Ihr Zimmer eintrat und Sie mich fragten, wie es komme, daß ich mich in dem Hause Ihres Onkels befinde, sagte ich Ihnen, daß ich mich eingeschlichen habe, um Sie zu sehen.«

Jeanne machte ein bejahendes Zeichen, indem sie einen Seufzer ausstieß.

»Nun,« fuhr Alain fort, »ich sagte die Unwahrheit.«

»Ich habe es am folgenden Tage erfahren,« sagte Jeanne; »aber Sie wissen, daß ich Ihnen keinen Vorwurf wegen Ihrer Unwahrheit gemacht habe.«

»Warten Sie, Jeanne – es ist wahrscheinlich ein Glück für uns Alle, daß die Sache eine solche Wendung genommen.«

»Ich bezweifle es,« sagte Jeanne.

»Sie werden sehen,« versetzte Montplet. »Ich kam, weil Ihr Onkel Langot mich auf unwürdige Weise bestohlen hat.«

Jeanne antwortete nicht.

»Weil ich einen Mitschuldigen Richard bei ihm eintreten sah,« fuhr der junge Mann fort, »und weil ich ihr Geheimniß erfahren wollte.«

»Ich habe Dies alles errathen,« sagte Jeanne, »als ich die Fallthür offen und das Schloß des Secretairs halb erbrochen sah.«

»Nun, Jeanne begreifen Sie, was ich Ihnen noch zu sagen habe?«

»Nein, Alain.«

»Ich habe Ihnen noch zu sagen, Jeanne, daß es nur von Ihnen abhängt, daß wir reich und glücklich sind.«

»Glücklich!« rief Jeanne.

»Ja, glücklich! Denn so großen Abscheu ich auch vor der Ehe habe, so lange ich arm bin, so werde ich doch, wenn ich wieder reich und im Besitze der Meierei bin, der Erste sein, der eine gute Haushälterin an die Spitze seines Hauses zu stellen wünscht. Nun, ich nehme Gott zum Zeugen, Jeanne, wenn Sie mich unterstützen, so sollen Sie diese gute Haushälterin sein.«

»Ich danke Ihnen, Alain, obgleich Sie eine Bedingung stellen; aber Das beweist immer, daß Sie mich nicht verachten.«

»Ich Sie verachten? O nein, Jeanne! Warum sollte ich Sie denn verachten?«

»Nun, wir wollen sehen, was erwarten Sie von mir?«

Alain zauderte.

»Ich warte,« sagte Jeanne.

»Sie wissen, daß Ihr Onkel Langot und mein Advocat Richard sich vereinigt haben, mich zu Grunde zu richten?«

»Ich weiß Nichts davon; reden Sie, Alain.«

»Die Wechsel, vermöge welcher man mich außer Besitz der Meierei gesetzt hat, sind falsch oder verfälscht.«

»Was weiter?«

»Ein Theil dieser Wechsel ist in Richards Händen, der sich derselben bedient, um Geld von Ihrem Onkel zu erpressen, die anderen, in deren Besitz sich ihr Onkel durch schweres Geld gesetzt hat, befinden sich in dem Secretair, welchen ich zu öffnen versucht habe.«

»Was weiter?« fuhr Jeanne in immer kälterem Tone zu fragen fort; denn sie begann zu begreifen, wohin Alain kommen wollte.

»Nun, Jeanne,« sagte Alain, »ich habe auf Sie, auf Ihre Liebe, auf Ihre Ergebenheit gerechnet —«

»Zu welchem Zwecke?« fragte Jeanne.

»Wie? Sie verstehen mich nicht?« fragte Alain.

»Nein.«

»Jeanne, ich muß diese Papiere haben. Ihr Glück ist der Preis.«

Jeanne richtete sich vollständig auf.

»Monsieur Alain,« sagte sie, »ich bin eine ehrliche Frau und keine Diebin —«

»Jeanne!« rief der junge Mann.

»Mein Onkel,« fuhr die Wittwe fort, »gewährt mir Gastfreundschaft, und so theuer er sie mich auch zahlen läßt, bin ich ihm doch verbindlich; ich werde diese Gastfreundschaft nicht verkennen, indem ich sein Vertrauen mißbrauche.«

»Jeanne« versetzte Alain, »indessen können wir nur durch diese Papiere glücklich sein.«

»Monsieur Alain,« antwortete Jeanne mit matter und doch ausdrucksvoller Stimme; »als ich das Geräusch Ihrer Fußtritte im Gange hörte, als ich meine Thür öffnete, als ich Sie blaß und verwirrt sah, als ich das Geschrei hörte, welches Sie verfolgte, die Schritte, welche hinter Ihnen heraufkamen, da sagte ich Ihnen nicht: »Monsieur Alain, Sie werden. Dieses thun, oder Sie werden Jenes nicht thun!« Nein! Nein! wie ich Ihnen die Thür öffnete, öffnete ich Ihnen meine Arme und mein Herz – ich empfand eine gewisse heimliche Freude, Sie zu retten, indem ich mich zu Grunde richtete. Hatten Sie nicht meinen Sohn gerettet, indem Sie Ihr Leben aufs Spiel setzten?«

»Jeanne!«

»Als Sie mir durch Jean Marie jagen ließen, daß Sie mich zu sehen wünschten, schlug mein Herz vor Freude, wie ich Ihnen gestehen will; denn ich glaubte – ich irrte mich, Monsieur Alain, Sie wollten mich sehen, um mir einen schmachvollen Handel vorzuschlagen – ich werde versuchen zu vergessen, daß ich Sie wiedergesehen habe. Adieu, Monsieur Alain!«

»Jeanne, Jeanne,« rief der junge Mann, indem er ihr den Weg vertrat.

»Sie sind ein Mann, Sie sind der Stärkere, Montplet; ich werde nicht mit Ihnen kämpfen. Wenn Sie mich bei sich behalten wollen, bis man meine Abwesenheit bemerkt, bis ich vollständig verloren bin, so können Sie es, und ich habe Nichts weiter zu thun, als zu weinen. Aber ich hoffe, Sie werden Nichts gegen mich thun, Alain, was Sie nicht gegen eine Fremde thun würden – Alles, was ich von Ihnen verlange, Monsieur, ist, zu vergessen – daß Sie meiner bedurft haben; und daß ich mich mit Leib und Seele, und ohne Bedingungen für Sie aufgeopfert habe. Wollen Sie mich jetzt hinauslassen, Alain?«

Die Zähne vor Zorn zusammengebissen, das Gesicht geröthet, sein Herz zusammengeschnürt von dem Gefühl einer eigenen Unwürdigkeit dieser Frau gegenüber, trat Alain auf die Seite und ließ sie hinaus.

Jeanne entfernte sich ohne den Kopf umzuwenden und ohne einen Seufzer auszustoßen; sie öffnete die Thür und schloß sie ohne Zaudern wieder, und als Alain zu dieser Thür eilte, um zu sehen, ob die Wittwe nicht zurückkomme, bemerkte er sie bereits zwanzig oder dreißig Schritte von der Hütte entfernt, und schon begann sie, vermöge ihrer dunklen Kleider, in der Finsterniß zu verschwinden.

Alain stieß einen Seufzer aus, und ließ seine Arme matt an seinem Körper niedersinken.

Wem galt dieser Seufzer?

Dieser Frau, die ihm Alles geopfert hatte und welcher er ihre Ergebenheit so schlecht vergalt?

Stieß er ihn aus wegen einer verlornen Hoffnungen, eines Tages sein Vermögen wieder herzustellen?

Vielleicht hatte Beides Theil daran.

Wenn der Mensch niemals vollkommen gut ist, so ist er doch auch selten völlig schlecht.

Siebentes Kapitel.
Der Fehler einer redlichen Frau

Alain blieb allein und mit sich selber unzufrieden zurück, Es war beinahe ein Uhr in der Nacht.

Der Mond ging auf Er nahm seine Flinte, eine Jagdtasche, Lebensmittel auf den ganzen Tag und machte sich auf den Weg.

Ein Gefühl der Scham bestimmte ihn, nach der entgegengesetzten Richtung zu gehen, wohin er den Knaben geschickt hatte.

Es war nach seiner Krankheit das erste Mal, daß er auf den Strich zurückkehrte.

Er fand alle seine Posten von dem schlechten Wetter und besonders von der Vernachlässigung zerstört.

Der Wind hatte eine Schutzdächer umgestürzt; die Schutzdächer, in welchen er sich auf den Anstand stellte, waren voll Sand; die Felsblöcke, hinter welchen er sich verbarg, waren von der Fluth umgestürzt; die Sandbänke und und die Wasserflächen hatten ihre Stelle verändert.

Der Jäger wendete den ganzen Tag an, sein Terrain wieder aufzusuchen und seine Schirmdächer wieder herzustellen.

Dann in der Nacht, da der Frühling gekommen war und der Winter ungewöhnlich lange gewährt hatte und das Wild in zahlreichen Schaaren nach dem Norden zurückkehrte, gelang es ihm, eine große Menge Enten zu schießen.

Bei Tagesanbruch kehrte er mit einer ungeheuren Ladung Wild in die Hütte zurück.

Der kleine Jean Marie war schon auf und erwartete ihn.

Der Knabe kam ihm entgegengelaufen.

Aber obgleich Alain ihm zulächelte, hatte er doch nicht den Muth, ihn wie gewöhnlich zu umarmen.

Dann trat er in die Hütte ein und warf einen Blick um sich, als hätte er geglaubt, er müsse Jemand finden, der ihn erwarte.

»Es ist in meiner Abwesenheit. Nichts geschehen?« fragte er.

»Doch, Monsieur Alain, Maitre Henin war hier,« jagte das Kind.

»Ah! Maitre Henin war hier? Und was wollte er von mir?«

»Ich weiß es nicht; aber so viel weiß ich, Monsieur Alain, daß der Steuerman einen gewaltigen Zorn hatte!«

»Ah! ah! er hat es Dir gesagt?«

»O! es war nicht nöthig, es mir zu sagen, ich sah es wohl. Sein Tabak ging in seinem Munde umher wie ein Eichhörnchen in einem Käfig. Weil ich ihn nur gefragt, ob er die Jeanne Marie nicht gesehen, versetzte er mir einen mächtigen Fußtritt.«

Alain antwortete nicht, aber er hegte keinen Zweifel, daß im Dorfe etwas Neues vorgegangen sei.

Sein erster Gedanke war, daß die Wittwe dem Steuermanne Alles erzählt habe.

Aber diese Art der Anklage lag so wenig in Jeanne’s Charakter, daß er den Kopf schüttelte und bei sich selber antwortete:

»Nein, Das ist es nicht!«

Welches auch der Beweggrund war, der den Steuermann dorthin geführt hatte, und welche Erklärung Henin zu verlangen kam, so war doch der Jäger wenig neugierig, ihn zu sehen.

Er fühlte deutlich genug, daß ein Benehmen bei dieser ganzen Sache nicht tadellos gewesen.

Indessen wollte er sich diese Vorwürfe wohl selber machen, nicht aber, daß ein Anderer sie ihm machte.

Er beschloß also an den Strand zurückzukehren, ohne einen Augenblick auszuruhen.

Er wollte auf einem seiner Posten schlafen.

Er nahm neue Lebensmittel und Munition mit, so daß er in drei oder vier Tagen nicht nach Hause zurückkehren durfte.

Jean Marie sah mit einer unruhigen Ueberraschung den jungen Jäger diese Vorbereitungen machen.

Als Alain kein Wort an ihn richtete, konnte sich der arme Junge nur mit Mühe entschließen, ihn zuerst anzureden.

Indessen nach einem Zaudern von einigen Minuten, als er sah daß sein Freund Montplet im Begriff war, ihn zu verlassen, fühlte er, daß er zu ihm reden müsse oder daß er ersticken würde.

»Habe ich Ihnen Etwas gethan, Monsieur Alain?« fragte er mit einer von Thränen unterbrochenen Stimme.

»Du mein armer Junge?« sagte Alain erbebend, denn er fühlte wohl, daß er ohne einen sichtbaren Beweggrund nicht so wie sonst gegen den Knaben gewesen war. »Warum fragst Du mich Das?«

»O! Monsieur Alain,« sagte der kleine Jean, »seit Ihrer Rückkehr machen Sie kein gutes Gesicht mehr gegen mich; wenn ich Sie beleidigt hatte, durften Sie es nur jagen und da hätte ich Sie sogleich um Verzeihung gebeten, denn ich liebe Sie so sehr, daß ich es gewiß nicht vorsätzlich gethan haben würde.«

»Gott ist mein Zeuge,« sagte der Jäger, »daß ich Dir Nichts vorzuwerfen habe, mein armes Kind.«

»Dann haben Sie Etwas, was Sie bekümmert, Monsieur Alain; denn in Wahrheit sehen Sie noch trauriger aus, als da Sie krank waren.«

»Ja, ich habe Verdruß, mein Junge!«

»Was ist Das, Monsieur Alain, so müssen Sie es Jeanne Marie sagen,« sagte der Knabe; »sie hegt eine solche Freundschaft für Sie, daß, wenn sie Etwas dabei vermag, die Sie von ihrem Kummer befreien wird.«

Alain umarmte den armen kleinen Schiffsjungen und machte sich auf den Weg.

Aber der Knabe folgte ihm.

»Sie gehen nicht zu Maitre Henin, Monsieur Montplet?« fragte er ihn.

»Heute nicht, kleiner Jean; der Strich ist gut und ich will ihn benutzen.«

»Aber wenn er kommt?«

»Wenn er kommt, so sagst Du ihm, was ich Dir da sage.«

»O nein, meiner Treu, ich werde es ihm nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Wenn er gestern schon ungeduldig war, wird er heute gewiß wüthend sein. Gewiß wird er einen Tabak hinunterschlucken. Leben Sie wohl und eine glückliche Jagd, Monsieur Alain.«

»Lebe wohl, kleiner Jean.«

Dann, als der Jäger sich mit großen Schritten entfernte und auf die Dünen zuging, fuhr der Knabe fort:

»O nein, ich werde ihn nicht erwarten; ich werde nach Isigny gehen, um unsere Enten und unsere Schnepfen zu verkaufen, und wenn er kommt, der alte Steuermann, nun so mag er nach Gefallen mit dem Kopfe gegen die Thür und die Mauern rennen. Ich sehe es lieber, wenn er seinen Zorn gegen Holz und Stein, als gegen meine Haut ausläßt.«

Wir wollen in wenigen Worten und ehe wir die Folgen davon mittheilen, sagen, was Maitre Henin’s Zorn erregt hatte.

Jeanne Marie hatte geglaubt, aus dem Hause gegangen zu sein, ohne daß Ihr Onkel sie gesehen.

Sie hatte sich getäuscht.

Der alte Wucherer, der seit der Nacht des Einbruchs auf seiner Hut war, hatte die Stufen der Treppe unter den Fußtritten der Wittwe, so leicht dieselben auch waren, knarren hören.

Er hatte sich nicht geregt, aber die Augen geöffnet.

Die Thür nach dem Hofe hatte geknarrt; da war er aufgestanden und hatte seine Nichte durch den Hof gehen und im Garten verschwinden sehen.

Seit jener Nacht hatte ein Kopf sich sehr angestrengt; er hatte viel nachgedacht, und je mehr er nachgedacht, desto mehr hatte er sich überzeugt, daß der Mann, wer er auch gewesen war, welcher durch die Fallthür heruntergekommen und den Secretair zu erbrechen gesucht, in Jeanne Marie’s Zimmer Zuflucht gefunden habe.

Dieser Mann war ein Dieb oder ein Liebhaber oder vielleicht Beides.

Dieser Dieb oder dieser Liebhaber, wer konnte er sein?

Die Wahrscheinlichkeit sprach für Alain Montplet.

Langot stand auf, folgte einer Nichte, sah sie durch die Gartenthür hinausgehen, um ihren Weg zu der Hütte des Jägers zu nehmen.

Er hatte keinen Zweifel mehr.

Alain konnte nicht zu ihr kommen und da ging sie zu Alain.

Er wartete, und als Jeanne Marie zurückkehrte, war er es, der ihr die Thür öffnete.

Jeanne Marie sah ein, daß sie verloren sei.

Darin irrte sie nicht.

Der Wucherer, hoch erfreut, ihrer los zu werden, befahl ihr, einzupacken und am folgenden Tage ein Haus zu verlassen.

Resigniert wie immer, versuchte Jeanne Marie nicht, sich zu entschuldigen, und machte keine Einwendungen.

Sie gehorchte.

Am folgenden Morgen um sieben Uhr verließ sie das Haus ihres Onkels, ihr spärliches Gepäck unter dem Arme, und ging gerade aus, ohne zu wissen, wohin.

Nach einer Viertelmeile fand sie das Meer.

Sie legte ihr Gepäck neben sich nieder und setzte sich auf der Düne nieder, indem sie den Ocean mit leerem und bewußtlosen Blicke ansah.

Was wollte sie machen? Was sollte aus ihr werden?

Sie wußte es nicht.

Sie begriff freilich wohl, was im Dorfe vorgehen werde, und was dort schon vorging.

Ihr Onkel verbreitete die Nachricht von ihrer Entfernung und erklärte die Ursache.

Jeanne Marie, deren Leben immer tadellos gewesen war, sollte entehrt sein.

Was die arme Wittwe vorhersah, ging pünktlich in Erfüllung.

Ganz Maisy wußte schon, daß der Materialhändler seine Nichte weggejagt hatte, weil sie einen Liebhaber bei sich empfangen, den sie jetzt in der Nacht besuchte, da sie ihn nicht mehr bei sich empfangen konnte.

Nun sagte man sich leise, daß dieser Liebhaber Montplet sei, und man flüsterte sich von einem Verfahren zu, welches Langot gegen sie zu unternehmen sich entschließen werde, und vermöge dessen Beide beschuldigt werden würden, die Absicht gehabt zu haben, ihn zu bestehlen, indem sie einen Secretair zu erbrechen versucht.

Jeanne Marie blieb nicht lange im Zweifel über Das, was in Maisy geschah.

Die ersten Personen, die an den Strand kamen und sie dort fanden, verfehlten nicht, ihr Alles zu berichten, was man sagte.

Da sie vor allen Dingen eine redliche Frau war, suchte sie ihre Schuld weder zu leugnen noch zu entschuldigen.

Sie beugte ihr Haupt unter den allgemeinen Vorwurf und nahm die Strafe an, die Gott ihr sendete.

Aber bei aller ihrer Verzweiflung wendete sich ihr Herz zu der Vorsehung hin.

Sie dankte Gott, ihr ihren lieben kleinen Jean Marie gegeben zu haben, denn sie fühlte, daß sie ohne ihre Liebe zu diesem Kinde so viele Schmach nicht hätte überleben können und daß ihre Gefühle als Christin ohnmächtig gewesen sein würden, sie zu verhindern, sich den Tod zu geben.

Sie dankte Gott, ihr Kind von ihr entfernt zu haben; denn es schien ihr, daß sie wahnsinnig hätte werden müssen, wenn sie alle diese Demüthigungen vor ihrem Sohne hätte ertragen müssen.

Sie irrte also am Strande dahin, nicht wissend, was aus ihr werden, noch was sie beschließen sollte, indem sie den Schmerz eines neuen Gesichts und eines neuen Spottes oder Mitleids floh, als der Zufall ihr Maitre Henin in den Weg führte.

Bestürzt, die ganz in Thränen zu sehen, während er in Folge einer Unterredung mit Alain sie in Freude zu finden erwartet hatte, hielt der Seemann die Wittwe an, welche ihn wie die Anderen zu fliehen versuchte, und befragte sie.

Da erzählte sie ihm in Thränen ausbrechend und mit überströmendem Herzen Alles, was sich zugetragen hatte, die Versprechungen Alain’s, ihren Widerstand, indem sie gefürchtet, daß ihr Onkel in ihr Zimmer kommen werde; endlich, aufs Aeußerte getrieben, erzählte sie ihm die Scene der vergangenen Nacht, wie Alain sie in sein Häuschen habe kommen lassen, um ihr einen Vertrag vorzuschlagen, den sie zurückgewiesen, und wie sie, von ihrem Onkel bei ihrem nächtlichen Ausgange überrascht, auf schmachvolle Weise von ihm fortgejagt worden sei.

»Ah!« rief der alte Steuermann, »er hat mir von Dem allen Nichts gesagt, der Seeräuber! Aber es liegt Etwas darunter verborgen, Jeanne Marie; ich kann den Burschen nicht für so schlecht halten, wie es auf den ersten Blick das Ansehen hat.«

»O! wenn es sich nur um mich handelte, Maitre Henin,« sagte Jeanne Marie, »so weiß Gott, daß ich die Strafe für meinen Fehler ohne mich zu beklagen hinnehmen würde, denn der Fehler ist groß, das weiß ich wohl; aber ich liebte ihn, und man ist nicht stark, wenn man liebt, und wenn das Herz nicht mit dem Verstande Schritt hält – aber es handelt sich um meinen Sohn, um diesen armen Unschuldigen, der seiner Mutter wegen erröthen muß! O, ich werde mich nicht trösten und es nie überwinden!«

»Nun, was zum Teufel, sagen Sie mir da? Sie sind nicht so strafbar, wie Sie sich darstellen, Jeanne. Werden Sie aufhören redlich zu sein, weil ein Schelm Ihr Herz getäuscht hat? Hört denn eine gute Barke auf, gut zu sein, wenn sie eine Havarie erleidet?«

Als er dann bemerkte, daß einige Neugierige, die ihn so lebhaft mit Jeanne Marie hatten sprechen sehen, sich genähert hatten, sagte er, indem er sich mit der Faust vor die Brust schlug, so daß ein Ochse hätte hinstürzen können:

»Die Redlichkeit ist hier, und man muß dumm sein wie ein Meeraal, um sie anderswo zu suchen. Kommen Sie in mein Haus, meine Tochter; die Louison wird Sie wie eine Schwester empfangen, und der Erste, der es an Respect gegen Sie fehlen läßt, dem werde ich auf dem Rücken trommeln nach der Melodie: Nimm in Acht, nimm in Acht Dein Fell, Dein Fell! so daß es die Anderen abschrecken soll. Man lasse es sich gesagt sein!«

Die letzten Worte hatte der Steuermann sehr laut ausgesprochen, so daß sie von Allen gehört wurden, und da bei ihm die Ausführung immer gleich nach der Drohung folgte, so ging man mit Ehrerbietung auseinander, als Maitre Henin Jeanne Marie’s Arm nahm und sie gegen seine Wohnung zuführte.

Wie Henin es vorhergesagt hatte, gerade so zeigte sich Louison.

Sie empfing die Wittwe wie eine Schwester und führte sie mit ebenso viel Größe als Einfachheit in die Familie ein.

Jeanne Marie der Fürsorge seiner Frau überlassend, war der alte Seemann auf die Jägerhütte zugegangen, um Alain Montplet aufzusuchen.

Achtes Kapitel.
Eine schwierige Enterung

Der kleine Jean Marie hat uns erzählt, welche üble Laune Henin gezeigt, als er Den nicht traf, den er suchte.

Aber am folgenden Tage war es noch ganz anders, als der Steuermann, ungeduldig, den Jäger in seiner Wohnung zu erwarten, zu der Hütte desselben ging, deren Thür er verschlossen fand, und in die er ungeachtet der wüthenden Fußstöße, die er auf die Thür führte, nicht eintreten konnte, da der vorsichtige Jean Marie Sorge getragen hatte, fiel von innen mit eisernen Riegeln zu versehen und zum Fenster hinauszusteigen, um zu dem Wildhändler zu gehen.

Endlich dessen überdrüssig, eine Sohlen an den Bohlen abzunutzen, welche die Thür der Hütte bildeten, hielt Maitre Henin inne und begann nachzudenken.

»Nun, nun, es ist klar wie der Tag, er hat das Weite gesucht und will uns nicht neben einander sehen; aber möge mir das Hißtau der Flagge als Cravatte dienen, wenn ich ihn nicht als Seeräuber mit meiner Fregatte verfolge! Ah! ah! er hält mich zum Besten, wie ein Mastwächter einen Bürger, einen Soldaten oder einen Kalfaterer; aber mögen die Ratten meine Treffen zernagen, wenn ich ihn nicht einst entere! Und wenn dieser Tag kommt, mag er sich in Acht nehmen, denn meiner Treu’, ich werde vom Backbord und vom Steuerbord Feuer geben!«

Und hierauf schlug der Steuermann, sehr entschlossen, Alain zu verfolgen, indem er fortfuhr, den Tabak in seinem Munde unerbittlich zu quälen, den Weg zum Strande ein, wo er nicht zweifelte, Alain zu finden.

Alain erblickte ihn am Strande, und da er sehr entschlossen war, seinen Vorwürfen zu entgehen, versteckte er sich so gut unter den Felsblöcken, daß der wackere Seemann nur wenige Schritte weit an ihm vorüberging, ohne ihn gewahr zu werden.

Länger als zwei Stunden jagte Henin den Strand nach allen Richtungen ab, und da die Fluth stieg, mußte er nothwendig wieder ans Ufer.

Als der Jäger sich von ihm befreit sah, kam er aus feinem Versteck hervor und bereitete sich auf den Anstand des Abends vor.

Er lud sorgfältig eine ungeheure Entenflinte vom Kaliber Nr. 8 mit Schrot und verbarg sich in eine jener Vertiefungen, die er in dem Sande angebracht hatte.

Der Schatten, der sich auf die Erde niederlenkte, breitete sich nach und nach über den Strand und dann über den Ocean aus.

Der erste Stern zeigte sich im Mittag.

Das Meer stieg.

Es war ruhig, und seine einförmige Bewegung ließ sich in gleichen Zwischenräumen hören.

Endlich vermehrte sich die Dunkelheit.

Es war nichts weiter deutlich zu sehen, als die kleine Lagune, neben welcher sich Alain aufgestellt hatte und welche noch wie ein Spiegel in ihrem Rahmen von Ebenholz glänzte.

In diesem Augenblicke machte ihn ein vielfaches Geräusch erbeben, welches jedem Anderen undeutlich, aber deutlich war für ein so geübtes Ohr, wie das seinige.

Man hörte ein durchdringendes Geschrei, ein helles Pfeifen, ein näselndes Gekläff vereint mit dem Schwirren der Flügel, welche die Luft schlugen.

Es waren die Regenpfeifer, die Brachvögel, die Krickenten, die Enten, welche ankamen.

Sie flogen alle in beträchtlicher Höhe über Alain’s Kopf weg.

Indessen flog ein Volk Enten eine lange Zeit in der Nähe im Kreise herum; dann plötzlich sah der Jäger das Wasser unter dem Falle mehrer Körper emporschlagen.

Die Enten ließen sich auf der Lagune nieder. Es waren mehr als fünfzig.

Sie blieben einige Zeit mit ausgestrecktem Halse, den Kopf nach der Richtung des Windes, auf dem Wasser, um sich zu überzeugen, ob das Nachtquartier, welches sie sich aufgesucht, sicher genug sei; als sie dann Nichts weiter hörten, als das regelmäßige Murmeln der Wogen, die an den Strand anschlugen, begannen die tausend Evolutionen.

Einige, die ohne Zweifel nicht gesättigt waren, tauchten unter, um die kleinen Krebse und Krabben in der Lagune zu erhaschen.

Die Eleganten von der Schaar beschäftigten sich mit ihrer Toilette, schütteten Wasser über ihre azurnen Federn und glätteten sie mit ihren Schnäbeln.

Nach und nach vereinigten sie sich am Rande der Wasserfläche in eine geschlossene Masse, die aus der Ferne ganz schwarz erschien.

Da ließ sich ein furchtbarer Knall hören und ein Hagel von Schrot fiel in die Mitte dieser unglücklichen Vögel.

Alle, welche die Stärke dazu hatten, nahmen ihren Aufflug; aber ein zweiter Schuß brachte eine gute Anzahl von ihnen herunter.

Alain hatte bei dem ersten Schusse niedrig gezielt, damit das Schrot beim Zurückprallen mörderischer sein möge, hoch bei dem zweiten, um dem senkrechten Aufsteigen der Enten zu folgen, und der Erfolg war vortrefflich.

Ein gutes Drittheil des Volks lag leblos auf der Stelle, wo es den ersten Schuß erhalten hatte; ein anderes Drittheil stürzte mit zerbrochenen Gliedern in die Lagune, und Pavillon verfolgte die Verwundeten und brachte sie ungeachtet ihres geschickten Untertauchens an’s Land.

Zufrieden mit seinem Erfolge und da er die Nacht schon zu weit vorgerückt fand, um einen zweiten Anstand zu unternehmen, legte sich Alain unter einem seiner Schutzdächer, welches er gegen den Wind wendete, nieder und versuchte ein Wenig auszuruhen.

Gegen drei Uhr Morgens war das Meer wieder zurückgetreten.

Es war die Stunde, die Ufer abzujagen, die es trocken gelassen, und der Jäger machte sich auf den Weg.

Er hatte eben einige Krickenten geschossen und bog um einen Felsenvorsprung, um sich mit Vorsicht einer Stelle zu nähern, wo er Wild vermuthete, als er einen heftigen Schlag auf die Schulter erhielt.

Er wendete sich rasch um.

Ein mit einem Stocke bewaffneter Mann, der denselben noch Rad schlagen ließ, wovon der Jäger eben das Vorspiel geschmeckt hatte, stand zwei Schritte von ihm entfernt.

Die Nacht war noch dunkel; Alain glaubte von einem Mörder angegriffen zu werden und legte rasch seine Flinte auf den Angreifenden an.

Aber ein neuer Schlag mit dem Stocke, der auf das Ende des Laufes geführt wurde, machte, daß ihm die Flinte aus den Händen auf den Sand hinfiel.

Alain beeilte sich, sie wieder aufzuheben.

»Halt, halt!« sagte die wohlbekannte Stimme des Maitre Henin, »lassen Sie Ihr Werkzeug in Ruhe, Monsieur Montplet. Obgleich ich eine ebenso schwarze Haut habe wie eine Trauerente und überdies einige Aehnlichkeit mit Ihrem wilden Geflügel besitze, so bin ich doch nicht Ihr Wild.«

»Wie!« sagte der junge Mann, »Sie sind es, Maitre Jacques? Sie hier zu einer solchen Stunde?«

»Sturm und Wetter! Das muß man wohl, da Sie Ihre Freunde fliehen und auf immer wie es scheint die Decke Ihrer Hütte mit dem Himmelsgewölbe des guten Gottes vertauscht haben.«

»Wer, ich? Sie glauben, daß ich Sie fliehe, Maitre Henin?«

»Ich weiß nicht, ob Sie mich fliehen; aber seit gestern manövrieren Sie auf solche Weise, daß ich fast Nichts von Ihnen sehen kann, und Das ist nicht redlich.«

»Ich gebe Ihnen die Versicherung, Jacques —«

»Genug! Sie sind im Begriff zu lügen, nehmen Sie sich in Acht! Und außer daß man gegen die Alten nicht unverschämt aufschneiden soll, ist es eines redlichen Mannes unwürdig, zu lügen. Glauben Sie, daß man den alten Steuermann Jacques wie einen Landbewohner darin fängt? O nein! Ich bin Ihrem Kielwasser im Sande gefolgt; ich sah sehr wohl, daß Sie hinter jedem Stein Halt machten und den Maitre Henin ausspähten und ihn aus Ihrem Wasser zu entfernen suchten. Ah! wenn dieser verteufelte Sand dort unten sich nicht in Gallert verwandelt hätte, so würden Sie der Enterung nicht ausgewichen sein; aber ich sagte zu mir selber: »Sei nur ruhig, in dem einen oder dem andern Augenblick werde ich Dich anhaken! Und in der That, sobald die Fluth es gestattete, kam ich hierher, indem ich mich nach der Flamme Ihrer Flinte richtete! Und Das ist nicht übel.«

»Sie sind da – ich sehe Sie wohl; und was weiter? Was haben Sie mir denn so Eiliges zu jagen?«

»Ah! ah! eine Fortsetzung der Aufschneiderei? Sie wissen wohl, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Was Alain besonders wußte, war, daß Henin, wenn er sich eine Sache in den Kopf gesetzt hatte, niemals davon abging.

Er entschloß sich also, sich einer Enterung zu unterziehen, wie sich der alte Steuermann ausdrückte.

»Nun, nun,« sagte er »ich sehe was es ist; Sie kommen wegen der Jeanne Marie, nicht wahr?«

»Sie sehen wohl, daß Sie wissen, was mich hierher führt.«

»Es scheint, daß Jeanne gekommen ist und Ihnen ihre Geschichte erzählt hat.«

»Es liegt Ihnen wenig daran, wie ich es erfahren habe, da ich es weiß. Alain, ich hatte Ihnen einen guten Rath gegeben, einen Rath als ehrlicher Mann; es war, – weil Sie Jeanne Marie liebten und weil die Jeanne Marie Sie liebte – die Wittwe zu heirathen. Diesen Rath haben Sie nicht befolgt!«

»Was wollen Sie?« sagte der junge Jäger, »es ist mir zuwider gewesen, eine Frau aus einem Hause heimzuführen, wo man mich beraubt hatte.«

»Die beste Fregatte, auf welcher je ein Matrose gefahren, war die Fregatte Victorieuse, welche Victory hieß, ehe wir sie den Engländern genommen hatten. Nein, nein, das sind nicht Eure wahren Gründe, Freund Alain; Sie hissen eine falsche Flagge auf, um mich aus Ihren Wassern zu entfernen; aber Sie hüten sich wohl, die rechte zu zeigen.«

»Nun, es sei,« antwortete Alain, »ich will offen mit Ihnen reden. Ich thue Jeanne Marie und ihren guten Eigenschaften alle Gerechtigkeit an; sie würde mir besser als jede Andere zur Ehe passen; aber was soll ich sagen, es will mir nicht in den Kopf, mich zu verheirathen.«

»Wirklich?«

»Ja, ich habe noch einen zu jungen Kopf und das würde uns alle. Beide auf immer unglücklich machen.«

»Mein Junge,« sagte Henin in strengem Tone, »in der Nacht, als die Sie aufnahm und in ihrem Zimmer verbarg, um zu verhindern, daß Sie gefangen genommen und als Dieb bestraft wurden, hätten Sie diese Betrachtungen anstellen sollen. Sie hätten einen Anker der Redlichkeit auswerfen sollen, um nicht auf die Klippen zu kommen.«

Da Maitre Henin sich so ausdrückte, wurde es klar, daß er Alles wußte.

Der junge Mann verweilte einige Augenblicke, ohne zu antworten.

Dann versuchte er eine leichtfertige und unbekümmerte Miene anzunehmen und sagte:

»Was wollen Sie sagen, Maitre Henin; – was hätten Sie gethan, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären ?«

»An Ihrer Stelle?« antwortete der Steuermann, dessen Stimme nach und nach immer ernster und dessen Gesicht immer strenger wurde, »an Ihrer Stelle? Ich will des Teufels sein, wenn ich mich betragen hätte, wie Sie! Ich habe das Leben gekannt, tausend Donner! – ein Leben, wogegen Ihre Streiche noch Nichts sind! Unter dem Alten, obgleich er eine verwünschte Landratte war und den Matrosen nicht sehr verehrte, hatte man doch hie und da eine Prise, einen Rückstand des Soldes, und man jubelte und trieb seinen Scherz mit den Mädchen, man berauschte sich beim Essen, so daß man unter den Tisch kam und trieb alle mögliche Kurzweil. Aber einer wackeren Frau oder einem ehrlichen Mädchen ein Leid zuzufügen, nein, Monsieur Alain, Das liegt nicht in der Art eines Matrosen; und wenn ich so gegen ein armes weibliches Wesen gehandelt hätte, wäre es mir vorgekommen, als wäre sie meine eigene Schwester – und Das wäre nicht schön gewesen.«

»Zum Henker! Maitre Jacques,« sagte Alain, »ich wußte nicht, daß Sie so tugendhaft wären.«

»Genug gelacht, Maitre Alain,« antwortete der Steuermann. »In diesem Augenblick machen Sie einen Eindruck auf mich, wie jene Chinesen, welche große Kanonen auf ihr Steuerbord malen, um die Malaien zu erschrecken; dieses Lachen kommt Ihnen nicht aus dem Herzen, mein Junge, und Ihre Spöttereien machen mir keinen Aerger und vermindern nur den Schmerz, wenn ich an das arme Wesen denke, welches Sie an der Küste gestrandet zurücklassen, nachdem Sie es zum Untergange geführt.«

»Und warum ist sie mehr verloren und gestrandet, als vorher?«

»Ah! Das ist wahr, Sie wissen nicht, was ihr begegnet ist?«

»Nein, was ist ihr denn begegnet?«

»Als die Sie vorgestern in der Nacht in Ihrem Häuschen besucht hatte – wohin es, unter uns gesagt, nicht der Mühe werth war, sie zu rufen, um ihr so schmachvolle Vorschläge zu machen, wie Sie gethan haben – ist es ihr begegnet, daß sie ihren Onkel getroffen, der sie erwartete und der sie, erfreut eine Gelegenheit dazu gefunden zu haben, wie eine Landstreicherin und Nachtläuferin aus dem Hause gejagt hat.«

»Ah! ich wußte Das.«

»Wirklich?«

»Ich schwöre es Ihnen zu, Maitre Henin.«

»Und ändert das Etwas in Ihrem Vorhaben?«

»Nun, warum,« versetzte Alain, ohne auf die Frage des Steuermannes zu antworten, »warum, da sie keinen Zufluchtsort hatte, kam sie nicht zu mir, um ihn bei mir zu finden.«

»Ah! so ist es, Sie verstoßen sie von sich als Ihre Frau, aber Sie würden sie als Ihre Geliebte aufgenommen haben! Sie hat sich wohl gehütet, das arme liebe Geschöpf des guten Gottes, und sie hat wohl gethan.«

»Es scheint mir,« sagte Alain, »daß Das immer besser gewesen wäre, als sich aufs Gerathewohl umhertreiben zu lassen; denn wenn Langot Alles gesagt hat, wie ich nicht bezweifle, so wird die arme Jeanne Marie kein Haus finden, wo sie ihr Haupt niederlegen kann.«

Und er stieß unwillkürlich einen Seufzer aus.

Die Augen des Steuermannes sprühten.

»Nun, darin irren Sie,« sagte er, »sie hat eins gefunden.«

»Welches?«

»Das meinige.« Alain wurde nachdenkend; sein Herz schnürte sich zusammen; er schämte sich einen Augenblick einer selbst.

Er hatte eine wirkliche Furcht, seine Unabhängigkeit zu verlieren, deren vollen Werth er fühlte; er glaubte nicht, daß die süßen Freuden der Ehe, wovon er bei dem Steuermann das Bild gesehen, ihn für sein Opfer entschädigen könnten; aber ungeachtet seiner ausschweifenden Gewohnheiten und eines wilden Geschmacks hatte er kein schlechtes Herz. Er hatte nie so ernstlich von Dem sprechen hören, was er als eine unbedeutende Unbesonnenheit betrachtete; die Folgen, welche dieselben bereits für die arme Wittwe gehabt hatte, rührten ihn, und er fragte sich, ob er nicht wohl thun würde, was es ihm auch kosten möge, eine Pflicht zu erfüllen.

Zum Unglück las Maitre Henin unrichtig, was in diesem Augenblick in dem Herzen des jungen Mannes vorging; er glaubte, daß er sich verhärtete, anstatt gerührt zu werden, und plötzlich mit dem Fuße stampfend, sagte er:

»Ah! es ist ein Glück für Sie, daß ich weder der Vater noch der Bruder der armen Jeanne Marie bin.«

Alain erhob den Kopf, als hätte eine Schlange ihn gestochen.

»O! o!« sagte er, »warum denn Das, wenn’s gefällig ist, Maitre?«

»Weil ich Dich lehren würde, mein Junge, daß man zuweilen seine Haut aufs Spiel setzt, wenn man einem weiblichen Wesen ein Leid zufügt.«

»Man fügt nur Der Leid zu, die sich Leid zufügen läßt,« antwortete Alain in brutalem Tone; »und Jeanne Marie möchte Ihre Frau oder Ihre Tochter sein, so wäre es immer ebenso, verstehen Sie, Maitre Jacques?«

»Das soll heißen, daß Sie sie nicht heirathen würden?« " .

»Meiner Treu, nein!«

»Und was würden Sie mir darauf antworten, um sich zu entschuldigen?«

»Ich würde Ihnen darauf antworten, gesetzt, daß ich einwilligte, mich zu entschuldigen, daß ich mich nicht für einen so hübschen Jungen halte, um anzunehmen, daß Die, welche mir nachgegeben, nicht auch ebenso gut einem Anderen würde nachgegeben haben.«

»Ah! Sie glauben, daß ich Ihnen eine solche Gemeinheit nicht an den Kopf zurückwerfen würde?«

»Eine Gemeinheit, haben Sie gesagt, Maitre Henin?«

»Eine Gemeinheit! Ja, ich habe es gesagt, und ich wiederhole es. – eine Gemeinheit.«

»Ohne Ihre sechszig Jahre, Maitre Henin, sollten Sie eine solche Beleidigung theuer bezahlen, das sage ich Ihnen.«

»Was liegt Ihnen an meinen sechszig Jahren, Bursche Alain, wenn mein Blut noch eben so roth ist, wie das Ihrige, und wenn ich Nichts weiter verlange, als einige Maß davon in ihrem Dienste zu vergießen!«

Alain zuckte die Achseln.

Seit seinem Wege zu der Hütte des Jägers am Abend zuvor unterdrückte Maitre Henin, dessen Empfänglichkeit lebhaft aufgeregt worden war, nur mit Mühe die gedämpfte Wuth, die in ihm gohr; die Folge davon war, daß er bei dieser Geberde des Mitleids losbrach, indem er völlig die Erinnerung an die friedliche Sendung verlor, die er auszuführen hatte.

»Tausend Donner!« rief er, »ist ein Schiff entmastet, weil die Würmer seinen Rumpf angenagt haben? Es ist nicht meine Meinung, Bursche Alain, wenn es auch die Ihrige ist; und ich will Ihnen zeigen, daß ein altes Wrack, wie das meinige, noch stolz seine Ladung entsenden kann; ich will mich mit Ihnen schlagen wenn Sie wollen, mit dem Säbel oder mit dem Messer, nach Ihrer Wahl, verstehen Sie Das, Sie gemeiner Strandläufer?«

Alain machte eine Bewegung, um seine Flinte zu ergreifen, die an einem Felsen lehnte.

Maitre Henin näherte sich einen Schritt, um den jungen Mann zu verhindern, sich seiner Waffe zu bedienen, indem er zugleich einen Stock zwischen die Finger nahm.

Aber Alain sah ein, daß dieser Kampf mit einem Greise unmöglich sei.

»Trennen wir uns,« sagte er; »es ist genug auf diese Weise gesprochen. Wenn ich Sie länger anhörte, Maitre Jacques, würde ich die Erinnerung an eine Freundschaft verlieren, die mir theuer gewesen ist, und ich würde nicht mehr Herr meiner selbst sein. Wenn Sie geglaubt haben, daß Beleidigungen und Drohungen etwas Anderes bewirken könnten, als mich in meinem Entschlusse zu bestärken, so haben Sie sich seltsam geirrt.«

Henin sah ein, daß er in der That einen falschen Weg eingeschlagen habe.

»Sagen Sie Jeanne Marie,« fuhr der Jäger fort, »daß ich sie aufrichtig bedauere, daß ich die Fügung des Schicksals beklage, die sie mir in den Weg geworfen; wenn es ein anderes Mittel gebe, sie zu trösten, als Das, welches Sie die Anmaßung gehabt haben, mir vorzuschlagen, würde ich glücklich sein, es anzuwenden, was es mir auch kosten würde; aber wenn es sich darum handelt, meine Freiheit zu fesseln, zärtliche Neigungen zu erschaffen, die ich noch nicht hege, mir Pflichten aufzuerlegen, die ich nicht würde erfüllen können, Das kann ich nicht. Und jetzt vergessen wir die gegenseitigen Beleidigungen, die zum Glück keine andere Zeugen gehabt haben, als die Nacht, den Ocean und Gott. Adieu, Maitre Jacques!«

Und Pavillon pfeifend, entfernte sich der Jäger rasch.

Neuntes Kapitel.
Die guten Herzen

Henin war unschlüssig ob er nicht Montplet folgen sollte; der alte Steuermann war beharrlich, und doch hätte er gern einen persönlichen Aerger vergessen, um Alain zu besseren Gesinnungen zu führen; aber der Tag war noch nicht gekommen, und in der Dunkelheit wäre es ihm unmöglich gewesen, den Jäger unter diesem Labyrinth von Klippen und kleinen Seen wiederzufinden.

Er schlug folglich wieder den Weg zur Küste ein, durchschritt den Sumpf, trat in die Hütte des Jägers und weckte Jean Marie.

Jean Marie hatte große Furcht, als er die Stimme des Maitre Henin erkannte.

Als man aber die Lampe angezündet hatte und der Knabe den Ausdruck der Traurigkeit in dem Gesichte des alten Steuermannes gesehen hatte, verwandelte sich ein Schrecken fast in Mitleid.

»O mein Gott!« sagte der kleine Jean, »was gibt’s denn, Monsieur Jacques?«

»Du mußt ohne Verzug aufstehen, mein Kind.« antwortete der Steuermann mit der größten Milde, »mußt Dein weniges Gepäck nehmen und mit mir kommen.«

»Wohin denn, Maitre?« fragte der Knabe.

»Zu Deiner Mutter.«

»So ist es also meine Mutter, die mich holen läßt?« rief der Knabe freudig.

»Ja,« antwortete Maitre Henin.

»Aber mein Freund Alain, was wird er sagen, wenn er mich nicht mehr hier findet?«

»Er wird vollkommen begreifen, warum Du nicht mehr hier bist.«

Der Knabe dachte einen Augenblick nach; dann sah er ein, daß Maitre Henin vermöge irgend einer Vollmacht das Recht habe zu handeln, wie er handelte, stand auf, kleidete sich an und packte seine wenigen Sachen zusammen.

Der Steuermann faßte seine Hand und Beide gingen auf Maisy zu.

Alles schlief in Jacques Henin’s Hause.

Louison, die allein in dem ersten Zimmer schlief, erwachte, als sie den Drücker ihrer Thür sich umdrehen hörte, und fragte:

»Bist Du es, Jacques?«

»Ja, ich bin es,« antwortete der Seemann, indem er den kleinen Knaben am Fußende des Bettes niederknieen ließ. Dann faßte er Louison’s Hand, legte diese mütterliche Hand auf die Hand des kleinen Jean Marie und sagte:

»Hier Frau, wir haben elf; es war eine schlechte Rechnung. Gott gewährt uns die Gnade, uns das zwölfte zu schicken, danke Gott!« – —

Alain brachte nach jener Scene mit Maitre Henin drei ganze Tage zu, ohne zu wagen, in seine Hütte zurückzukehren; da er nicht wußte, daß Maitre Henin Jean Marie von dort entfernt hatte, war es ihm nicht eilig, in seine Wohnung zurückzukehren und den Knaben dort wiederzusehen, dessen Anblick, wie er fühlte, ein lebendiger Vorwurf der Verzweiflung sein würde, in welche er seine Mutter versetzte; indessen begann sich das Wild, welches er jede Nacht schoß, auf beunruhigende Weise anzuhäufen; seine Lebensmittel und seine Munition wurden erschöpft, und er mußte sich wohl entschließen, den Weg zu einem Häuschen wieder einzuschlagen.

Zu einem großen Erstaunen fand er es leer.

Anfangs war er davon bezaubert; Nichts sagte ihm, seit wie langer Zeit Jean Marie das Haus verlassen habe.

Er machte selber einen Weg zu dem Wildhändler in Isigny und bei seiner Rückkehr setzte er die Gewohnheiten seines einsamen und wilden Lebens fort.

Aber er fand nicht denselben Reiz daran wie früher.

Als er nach Verlauf von zwei oder drei Tagen den kleinen Jean Marie nicht zurückkehren sah und nicht mehr in ihm reden hörte, begriff er wohl, daß irgend Etwas geschehen sei, was er nicht wußte, und errieth fast vollständig, was sich zugetragen hatte. Da wurde ihm dieses rauhe und grobe Dasein zur Last. Er hatte sich, ohne sich davon Rechenschaft abzulegen , allmählich an die naiven Plaudereien des kleinen Knaben gewöhnt, welche die Einförmigkeit seiner Abende unterbrochen, so wie an die Dienste, die er ihm geleistet, und eine Hütte, so klein sie war, erschien ihm als eine große Einöde.

Von Zeit zu Zeit, wenn er zufällig nicht ausging und am Winkel des Feuerherdes saß, ließ er seine Gedanken umherschweifen, und indem er mit den Augen mechanisch dem Rauche folgte, welchen die Schiffsrippenstücke, womit er heizte, aussendeten, schien es ihm, als zeichne sich in seinen Wolken das blasse und schwermüthige Gesicht Jeanne Marie’s ab und die schönen Augen der Wittwe nahmen nach und nach den Ausdruck des Vorwurfs und des Schmerzes an, so daß Alain diese Erscheinung nicht ertragen konnte.

Dann stand er rasch auf, nahm seine Flinte, und nur indem er sich seiner Lieblingsbeschäftigung hingab und Schaaren von Enten, Trauerenten und Krickenten und in Ermangelung derer Möven, Schnepfen und Taucherhühner schoß, gelang es dem Jäger, diese lästige Erinnerung zu verbannen.

Indessen bemächtigte sich einer die Langeweile. Da der Sommer gekommen war und die Jagd ihm keine genügende Zerstreuung gewährte, so suchte er dieselbe in den Vergnügungen, die er wegen des Verlustes seines Vermögens hatte aufgeben müssen. Der Ertrag des Winters war gut gewesen. Als vortrefflicher Jäger hatte Alain ganze Massen Wild geschossen und befand sich im Besitze von einigen hundert Franken. Dies war genug, um ihn in den Stand zu setzen, die Schenken und Billards zu besuchen.

Nun aber waren die Orte, welche der Jäger besuchte, nicht dieselben, wohin Maitre Jacques kam und Alain begegnete ihm während eines Zeitraums von drei oder vier Monaten kein einziges Mal. Wenn er ihn zufällig unter der Last der Körbe, die den Ertrag eines Fischfanges enthielten, gebeugt am Strande bemerkte, wendete er sich weislich um und ging nach der andern Seite.

Und doch, ungeachtet alles Dessen, was er that, um sich zu betäuben, gelangte Alain nicht dahin, sich von der Erinnerung an Jeanne frei zu machen, welche zugleich für ihn eine Reue und ein Bedauern war, und er wendete nur um so mehr Sorgfalt an, Jacques Henin auszuweichen, so verzweifelt er gewesen war, ihm einen Sieg anzubieten, den er bei der Gemüthstimmung, die er empfand, für möglich hielt.

Aber während der Jäger die Billardbälle rollen ließ, mit den Gläsern anstieß und mit den hübschen Mädchen der Meeresküste lachte, weinte man oft und viel in dem Hause des Maitre Henin.

Nach zwei Monaten fühlte Jeanne Marie, daß ihr Fehler für ihre Lage sehr ernste Folgen hatte.

Das arme Geschöpf konnte nicht daran zweifeln, daß sie zum zweiten Male Mutter werden sollte.

Es gibt bevorzugte Personen für den Schmerz, die niemals halb unglücklich sind.

Eine Zeitlang hoffte sie noch und verbarg ihre Unruhe in sich selber, brachte die Nächte in Thränen zu und trocknete sie, wenn der Tag kam, um ihre wackeren Wirthsleute nicht durch ihren Kummer zu betrüben, die, von der zunehmenden Veränderung ihrer Züge betroffen, nicht mehr wußten, was sie thun sollten, um zu trösten und zu zerstreuen.

Jeanne Marie schlief in demselben Zimmer, wo die Kinder des Steuermannes schliefen. In einer Nacht erwachte Therese, die älteste von seinen Töchtern, zufällig und hörte die arme Wittwe in ihrem Bette schluchzen.

Sie sagte Jeanne Marie Nichts davon, aber am folgenden Tage erzählte sie ihrer Mutter, daß die Wittwe die ganze Nacht mit Weinen zugebracht habe.

An demselben Tage befragte Louison Jeanne Marie über die Ursachen ihrer Verzweiflung. Jeanne Marie versuchte die Schuld darauf zu schieben, daß Alain sie verlassen; als aber die Frau des Seemannes ihre Zweifel an der Wahrheit dieser Aussage kund gegeben hatte und sich aufrichtig betrübt wegen dieses Mangels an Vertrauen zeigte, beschloß die arme Frau ihr Geheimniß derselben vollständig mitzutheilen.

Louison und Jeanne Marie begannen damit, zusammen zu weinen; dann sagte die Erstere zu der Anderen, sie solle sich unter die Hand des Herrn beugen. Sie bemühte sich, ihr begreiflich zu machen, mit welcher Traurigkeit es auch dem guten Gott gefalle, die Wiege eines Kindes zu umgeben, so komme es doch einer Mutter nicht zu, es zu verfluchen.

Endlich, als letzten Trost versprach sie ihr, sich mit Henin angestrengt um die Mittel zu bemühen, ihre Lage weniger schmerzlich zu machen.

Diese Mittheilung, womit Louison auch Henin bekannt machte, betrübte den alten Seemann empfindlich; er fürchtete, daß es Jeanne Marie nach dem Aufsehen, welches ihre Schwangerschaft nothwendig machen müsse, sehr schwer werden würde, in Maisy zu bleiben. Louison und er waren der Wittwe sehr zugethan, sie dachten nicht ohne Kummer daran, daß sie eine Stelle suchen mußte; sie würden sich nicht entschlossen haben, die ihre Zuflucht zu der Milde eines Hospitals nehmen zu sehen.

Ihre Schwangerschaft zu verbergen, daran dachte Jeanne Marie nicht einmal; sie hatte sie als eine Strafe Gottes angenommen, es mußte daraus erfolgen, was Gott gefiel.

Louison war der Meinung, daß Henin eine Bitten bei Montplet fortsetzen sollte; aber das Leben, welches dieser Letztere führte, hatte ihm vollends die Achtung des alten Seemannes entfremdet, der, wenig zugänglich für die gemischten Gefühle, gegenwärtig gegen den Jäger einen ebenso herzlichen Haß empfand wie ehemals eine lebhafte Freundschaft. Er wies also die Idee, welche seine Frau ausgesprochen, mit einer Energie zurück, welche dieser den Wunsch benahm, sie zu erneuern.

In dem Augenblicke, als Louison, welche die Augen niedergeschlagen, während ihr Mann Alain mit Beleidigungen und Verwünschungen überhäufte, dieselben erhob, richtete sich ihr Blick auf eine Sparbüchse, die auf dem Kamin zwischen zwei großen Muscheln und zwei Sternkorallen stand.

Sie betrachtete sie so aufmerksam, daß die Augen des Maitre Henin natürlich dieselbe Richtung nahmen.

Er stieß einen Ausruf der Erleichterung und Freude aus, ergriff die Sparbüchse und stellte sie auf den Tisch, nachdem er den Inhalt mit kindlicher Freude geschüttelt hatte.

»Tausend Donner!« sagte er, »das ist die Sache. Das wird unsere Jeanne verhindern von den boshaften Burschen von Maisy durchgehechelt zu werden.«

»Aber,« sagte furchtsam Louison, denn man fühlte, daß sie die Einwendung nur machte, um ihr Gewissen zu beruhigen, »dies sind die Ersparnisse, welche die Kinder seit zwei Jahren machen, um ihren kleinen Schwestern die Kleider zu ihrer ersten Communion zu kaufen.

»Nun, die kleinen Schwestern werden in ihren Sonntagskleidern communiciren. Glaubst Du, daß der gute Gott sie wegen ihres Aufzuges zurücksetzen wird?«

Und mit diesen Worten führte der Seemann einen kräftigen Schlag mit der Feuerzange auf die Sparbüchse, so daß sie in Stücke zersprang.

Die silbernen und kupfernen Geldstücke wurden über den Tisch und den Fußboden ausgestreut; Maitre Henin las sie auf, zählte sie und legte sie mit einer Freude, die sich in schrecklichen Flüchen zu erkennen gab, der Reihe nach auf den Tisch.

Louison fiel ihrem Manne um den Hals und umarmte ihn, so erfreut war sie.

Die Sparbüchse enthielt hundert und zehn Franken.

Es wurde sogleich entschieden, sobald die Schwangerschaft Jeanne Marie’s sichtbar würde, daß sie nach Valognes zu einer Cousine Louison’s gehen solle, die sie gegen eine mäßige Entschädigung in Pension nehmen würde.

Man theilte Jeanne Marie den Plan mit; sie weinte aus Erkenntlichkeit, wie sie alle Tage vor Schmerz weinte; dann fühlte sie sich zugleich erfreut und kummervoll: erfreut, weil sie einsah, daß ihre Abreise dringend nothwendig sei, da sie sich bald nicht mehr im Dorfe zeigen könne; kummervoll, da sie zum ersten Male, seitdem sie verwittwet war, Jean Marie verlassen mußte, und sie fragte sich, wie sie fern von ihrem Sohne leben könne.

Dieser letzte Eindruck war entschieden der stärkere, denn die arme Frau fand tausend gute Gründe, den Augenblick ihrer Abreise zu verzögern: ein Tag mehr ließ sie noch eine Liebkosung mehr gewinnen, und diese Liebkosungen ihres Sohnes zog sie selbst ihrem Rufe vor.

Indessen wurde ihre Taille weniger schlank und mächtig, als vorher. Für Louison, die sie alle Tage sah, war diese Zunahme unmerklich, aber von den üblen Andeutungen Langot’s in Kenntniß gesetzt, bemerkten die Leute des Dorfes dieselbe und hatten ihr Gespött darüber. Man hütete sich wohl, vor Maitre Henin darüber zu scherzen; man wußte, daß der Seemann im Allgemeinen friedlich und gutmüthig war, aber bei gewissen Umständen verwünscht brutal sein könne; aber wenn er fern war, sprach man sich frei aus.

Eines Tages kehrte Jean Marie, welcher seit einiger Zeit mit dem alten Steuermann aufs Meer ging, nachdem er allein aus gewesen war, um Köder zum Fischen zu suchen, mit zerrissenen Kleidern, Quetschungen im Gesicht und seine Augen roth und von Thränen aufgeschwollen ins Haus zurück. Man befragte ihn, aber er weigerte sich mit einer Halsstarrigkeit, die nicht in seinem Character lag, zu antworten. Maitre Henin nahm seine laute Stimme an, die er auf dem Wasser anwendete, fluchte, schalt und drohte, – Alles vergebens; als Jeanne Marie. Dies sah, nahm sie den kleinen Knaben bei der Hand und führte ihn in das Zimmer, wo Beide schliefen.

Die Wittwe setzte sich auf das Fußende des Bettes.

»Nun, Jean,« sagte sie zu dem Knaben, »willst Du mir gestehen, für wen und mit wem Du Dich geschlagen hast?« Jean Marie sah seine Mutter einige Augenblicke mit einer seltsamen Starrheit an, brach in Thränen aus, stürzte sich in ihre Arme und bedeckte sie mit Küssen.

Jeanne Marie machte sich sanft von ihm los.

»Liebe Mutter,« sagte der kleine Jean, »frage mich nicht danach, denn Dir möchte ich es nicht abschlagen, und wenn Du wüßtest, weshalb ich mich geschlagen habe, würde es Dir zu viel Kummer verursachen.«

Das Herz der armen Frau schlug rascher in ihrer Brust; sie erröthete und erblaßte abwechselnd unter der Gewalt eines tiefen Eindrucks.

Sie ahnte, was sich zugetragen hatte.

»Ja, mein Kleiner, Du mußt mir die Ursachen dieser Schlägerei sagen. Ich befehle es Dir nicht, ich bitte Dich darum.«

»Nun, Mutter, da Du es wissen willst,« antwortete der Knabe, »es begegneten mir die Söhne und Töchter Thomas Hommay’s, welche Muscheln zu suchen ausgingen, und sie sprachen schlecht von Dir.«

»Aber was sagten sie denn Schlechtes?« fragte Jeanne Marie stotternd.

»Nein, Mutter,« rief der Knabe, »zwinge mich nicht; ich würde nimmermehr wagen, es Dir zu wiederholen.«

Die Wittwe wußte nicht mehr, was sie sagen sollte.

Sie begriff, daß sie den armen Knaben nicht weiter fragen dürfe; aber sie hatte so große Furcht, daß man ihm die Wahrheit gesagt, daß ein Rest von Hoffnung, daß es Nichts sei, die unwillkürlich dazu trieb, den kleinen Knaben zu befragen.

»Ich will Alles wissen, Jean,« sagte sie zu ihm.

»Nun, Mutter, der Größte von den Jungen fing an, mir Beleidigungen zu jagen; ich würde meiner Wege gegangen sein, wenn Maitre Henin nicht neulich gesagt hätte, daß ein Matrose immer die durchprügeln müsse, die ihn beleidigten.

Auch wollte ich den großen Burschen, Hommay schlagen, da fing die große Fanchette, die Aelteste von den Mädchen, von Dir an; sie sagte mir, daß Monsieur Alain – daß Monsieur Alain —«

Jeanne Marie stieß einen lauten Schrei aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

»Aber es ist nicht wahr,« fuhr der Schiffsjunge fort; »sie haben gelogen, ich habe es ihnen gesagt, und darum haben sie mich geschlagen. Ja, sie haben gelogen! Sprich, Mutter! damit ich es auch von Dir höre, und ich werde sehr bald die Schläge vergessen, die ich erhalten habe.«

Jean Marie hatte die Hände seiner Mutter gefaßt und bedeckte sie zugleich mit Küssen und mit Thränen.

Jeanne Marie hatte nicht die Stärke, ihrem Sohne eine Lüge zu sagen; sie fiel ihm zu Füßen und umfaßte wie eine Flehende sein Knie.

»Verzeihe mir, mein armer Kleiner, verzeihe mir!« rief sie mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme; »verzeihe mir, Dich einen einzigen Augenblick vergessen, Dir die einzige Erbschaft geraubt zu haben, die Dein Vater Dir in einer Dürftigkeit hinterlassen konnte, einen ehrlichen und makellosen Namen. Ich werde meinen Fehler sühnen – zuerst werde ich ihn alle Tage beweinen, so lange der gute Gott mich auf dieser Erde lassen wird, dann werde ich versuchen, in meinem Herzen noch mehr Liebe für Dich zu finden, lieber Kleiner! Mein Leben soll Dir geweiht sein – aber ich beschwöre Dich, verzeihe mir und höre nicht auf, Deine arme Mutter zu lieben.«

»Ich aufhören, Dich zu lieben!« rief der Knabe mit einer Energie, die man von einem schwachen Aeußern nicht hätte erwarten sollen; »ich aufhören Dich zu lieben, weil Du unglücklich bist! – Du wirst versuchen, mir noch mehr Liebe zu schenken, sagt Du! Ich antworte Dir, von heute an liebe ich Dich noch hundert mal mehr, da ich Thränen in Deinen Augen sehe.«

Und er umarmte nochmals eine Mutter.

»Nein, Du bist nicht schuldig,« fügte er hinzu: »der Schuldige bin ich, der ich lieber hätte ertrinken als diesem bösen Monsieur Alain die Gelegenheit gewähren sollen, zu uns zu kommen und Dir Kummer zu bereiten; der Schuldige ist Er, der Deine Zärtlichkeit für mich gemißbraucht hat. Aber ich will ihn aufsuchen, diesen Monsieur Alain, ich will ihn aufsuchen!«

»Hüte Dich wohl,« sagte Jeanne Marie, ihn unterbrechend; »denn Maitre Henin ist völlig vergebens bei ihm gewesen, mein armer Jean.«

»Aber Maitre Henin war nicht ich, Mutter; er wird mit ihm von Stagegeln und vom Nothanker gesprochen haben, daß man die Lof drehen und vieren müsse, was weiß ich’s! Aber Du bist meine Mutter, und wenn ich an Dich denke, kann ich ihm gewiß beweisen, daß er schlecht gehandelt hat, indem er Dich zum Weinen brachte.«

Jeanne Marie war in großer Versuchung, ihren Sohn einer Inspiration folgen zu lassen; aber Maitre Henin, der in seinem Groll die Ausschweifungen Alain’s noch übertrieb, hatte ihr ein so schreckliches Bild davon entworfen, daß sie fürchtete, er möchte den armen Kleinen verderben; sie konnte sich also nicht entschließen, ihn dieser Demüthigung auszusetzen.

Sie nahm also ihren Sohn auf den Schoß und bat ihn mit vielen Liebkosungen im Namen der Zärtlichkeit, die er für sie hege, auf sein Vorhaben zu verzichten.

Jean Marie versprach es ihr endlich.

Zehntes Kapitel.
Der Anstand

Der Sohn und die Mutter blieben lange in derselben Stellung, ohne sich an ihren gegenseitigen Liebkosungen zu sättigen.

Als sie in das Zimmer zurückkehrten, wo Henin und Louison die erwarteten, erriethen diese an ihren gerötheten und geschwollenen Augen und von Thränen durchfurchten Wangen leicht die Gründe, weshalb Jean Marie sich geschlagen hatte.

Der Steuermann schüttelte den Kopf und erklärte, daß es Zeit sei, daß die Wittwe sich entferne; dann, ohne die Zustimmung derselben abzuwarten und ohne die flehenden Zeichen zu beachten, die sie an ihn richtete, vor dem Knaben nicht von ihrer Abreise zu sprechen, bestimmte er dieselbe auf den nächsten Sonntag.

Jean Marie war weit entfernt, diese Trennung zu erwarten, indessen gab sich eine Verzweiflung nicht zu erkennen, so wie seine Mutter es gefürchtet hatte.

Nur wurde er wieder blaß, ein Blick nahm einen starren Ausdruck an und er machte ein Zeichen mit dem Kopf, als hätte er gesagt: Es ist gut.

Seine Lippen bebten, sprachen aber kein Wort aus. Die Witwe nahm ihn in ihre Arme; der Knabe ließ es zu, ohne ein Zeichen der Theilnahme zu erkennen zu geben. Er bedurfte einer ziemlich langen Zeit, um sich zu erholen und um die Küsse zurückzugeben, womit seine Mutter ihn bedeckte.

Man hätte sagen sollen, daß er einen Entschluß fasse, der zugleich über seinen Verstand und sein Alter gehe.

Es war Montag.

Bis zum Sonnabend blieb Jean Marie düster und nachdenkend; er weinte nicht, aber seine Augen waren roth und glühend; er sprach kaum und blieb ganze Stunden in einer tiefen Träumerei.

Allein in der Nähe seiner Mutter wich seine Erstarrung, und er folgte allen ihren Bewegungen und sah sie sinnend an, als wollte er die kleinsten Einzelnheiten dieses geliebten Gesichts in sein Herz einprägen.

Wenn sie versuchte, ihn zu erheitern, ihm von der Freude der Rückkehr sprach und ihn fragte, ob dieser Gedanke, sie in vier oder fünf Monaten wieder zu sehen, ihn nicht sehr erfreuen würde, da lächelte er, aber dieses Lächeln, so wenig in Uebereinstimmung mit Dem, was seine Augen sagten, hatte etwas so tief Trauriges, daß selbst das Herz der gleichgültigen Zuschauer sich dabei zusammenzog.

Je mehr sich der Tag der Trennung näherte, desto träumerischer wurde Jean Marie.

Am Sonnabend in dem Augenblicke, als man sich zum Mittagessen niedersetzte, bemerkte man, daß der Knabe sich zum ersten Mal entschlossen hatte, den Befehlen seiner Mutter Folge zu leisten, die ihm anbefohlen hatte, in die frische Luft zu gehen.

Er war nicht im Hause.

Man suchte ihn im Garten, man erblickte ihn nicht; man rief ihn nach allen Seiten hin, aber er antwortete nicht.

Zwei von den Kindern des Maitre Henin liefen den ganzen Strand entlang und kehrten zurück, ohne Jeanne Marie’s Sohn gefunden zu haben.

Darauf stand diese stumm und zitternd auf und bat Maitre Henin, die bei ihrer Nachsuchung zu begleiten; ungeachtet ihrer Unruhe wagte sie nicht allein durch das Dorf zu gehen. Maitre Henin, dem die Traurigkeit, die der Schiffsjunge in den vorhergehenden Tagen gezeigt hatte, auch auffallend gewesen war, willigte in Das, was die Wittwe von ihm verlangte.

Sie machten sich Beide auf den Weg.

Als Alain zu den lärmenden Vergnügungen zurückkehrte, bedachte er nicht, daß das Alter und der Kummer die Bedürfnisse seines Herzens verändert hatten, welches, um sich zu zerstreuen, keine Wirthshausfreundschaften und keine Liebesverhältnisse mit leichtfertigen Frauenzimmern wollte.

Nachdem er diese wieder angefangene Lebensweise zwei Monate geführt hatte, fand er seine Kameraden einfältig, grob und geschmacklos, ebenso wie seine Geliebten; er sehnte sich nach seiner Jägerhütte, nach seinem Kamin und den traurigen Erinnerungen, welche eine Einsamkeit bevölkerten, und zog es vor, sich lieber allein zu langweilen, als in solchen Gesellschaften, und kehrte zu der Gesellschaft Pavillons und zu der Abgeschiedenheit seines alten Daseins zurück.

Der Sommer war lang und in jeder Hinsicht für ihn schwer zu ertragen.

Wir haben gesagt, daß die letzten Tage des Winters erträglich gewesen, und daß er einige hundert Franken zusammengebracht, aber die zwei Monate des Vergnügens hatten eine große Lücke hervorgebracht, und er sah mit Schrecken den Augenblick herannahen, wo ein kleiner Schatz erschöpft sein werde.

Andererseits war die Erinnerung an die arme Wittwe mit seinem ruhigen Leben zurückgekehrt und so lebhaft und mächtig geworden, daß es dem wilden jungen Manne zuweilen schien, als liebe er Jeanne leidenschaftlich und als sollte die Erinnerung an diese endlich die an Lisa auslöschen.

Wäre die Eigenliebe nicht gewesen, die ihm nicht gestattete, einen Character Lügen zu strafen, worauf er um so mehr stolz war, da es nicht ein natürlicher Character war – hätte er nicht ein unbestimmtes Gefühl der falschen Scham gehabt, so würde er mehr als ein Mal in Folge der langen schlaflosen Nächte, während welcher die liebliche Gestalt Jeanne Marie’s kam und sich an sein Bett setzte, gegangen sein, um an die Thür feines alten Freundes zu klopfen und ihn um Verzeihung zu bitten.

Aber wenn diese guten Gedanken ihm in den Sinn kamen, widersetzte er sich ihnen und wies sie mit Stolz zurück.

Man begreift wohl, daß er lebhaft den Herbst herbeiwünschte; er hoffte, daß seine Beschäftigung, die er mit Leidenschaft liebte, auf immer aus seinem Geiste und Herzen Gedanken verbannen würde, die ihm als knabenhaft und gefährlich erschienen.

Uebrigens, so nüchtern auch sein Leben geworden war, gingen doch eine Hilfsquellen zu Ende.

Es war September.

Zu dieser Jahreszeit traten die großen Ebben und Fluthen ein, wobei das Meer, indem es sich zurückzieht und vortritt, viele größere Flächen freiläßt, die, je nach der Tiefe der Küste, zwischen einer halben und einer ganzen Seemeile wechseln.

Die Wärme dauerte noch fort und das wilde Geflügel war noch nicht im Begriff, seine jährliche Erscheinung an den Ufern zu machen; die Trauerenten hielten sich noch auf dem Meere auf und lebt dieses Wild, welches der Jäger nur in Ermangelung jedes anderen mitnimmt, war unzugänglich.

Vermöge der großen Ebben und der weiten Räume, die dadurch frei wurden, konnte man sich ihnen nähern.

Aber in den Tagen der großen Ebben und Fluthen war die ganze Flußbevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, Pferde und Esel bis über die Knie im Wasser. Die Räder der Karren machten Furchen im Sande, wo sich einige Stunden vorher eine Wassermasse von einigen zwanzig Fuß Höhe befunden hatte. Die Karren wurden mit Seetang beladen, welcher dazu dienen soll, um die Felder zu düngen; die Frauen und Kinder rücken weiter vor mit ihren Krebsnetzen und die kühnsten von ihnen begeben sich zu den fernen Felsen, um in ihren Spalten die Fische, die Krabben und selbst die Hummern aufzusuchen, welche der Rückzug des Meeres überrascht und auf dem Sande zurückgelassen hat.

In der Mitte dieser allgemeinen Verwirrung ist es schwierig für die Jäger, einen einsamen und stillen Ort zu finden, um das Wild zu überraschen und aus einem Hinterhalte zu schießen.

Alain kannte ein Ufer an der Vire, etwa zwei Meilen von der Küste, welches Ufer nur bei den tiefsten Ebben frei war; immer aber wurde es durch einen Arm des Meeres vom Ufer getrennt; dieser Arm des Meeres war so breit, daß es unmöglich war, ihn ohne ein Fahrzeug zu überschreiten.

Ueberdies bestand die Bank nur aus Sand; die wenigen kleinen Felsen, womit sie hie und da übersäet war, boten keinen so tiefen Zufluchtsort dar, daß die Schalthiere sich dorthin hätten begeben sollen.

Es war also wahrscheinlich, daß dieses Inselchen von den Flußanwohnern würde verachtet werden. Alain beschloß, in der Umgegend Trauerenten aufzusuchen, und schiffte sich ein, als das Meer noch hoch war, um sich auf dem Jagdplatze zu befinden, wenn es sich senken würde.

Der Wind blies seit einigen Tagen aus Nordwesten.

Es war möglich, daß die Trauerenten die nördlichen Gegenden bereits verlassen hatten, wo sie während des übrigen Jahres leben, um sich über unsere Himmelstriche zu verbreiten, und in der That erblickte der Jäger auch bald zwei oder drei mächtige Schaaren. Er versuchte sich ihnen zu nähern, um aus seiner Barke auf sie zu schießen. Die Vögel versammelten sich, spielten, tauchten unter und flogen auf, ohne sich um diesen Gast, der sich näherte, zu kümmern.

Noch drei oder vier Ruderschläge und Alain befand sich so nahe, daß er feuern konnte; aber die Trauerenten berechneten die Entfernung so gut, daß der Jäger die Ruderschläge nicht sobald gethan hatte, als die ganze Schaar davonflog, über die Wogen dahinstreifte und sich eine Viertelmeile von dort niederließ.

Alain verstand sich zu gut auf diese Jagd, um zu versuchen, sie zu verfolgen, und er schien sich nicht um sie zu kümmern. Da es ihm nicht gelingen wollte, diese Vögel zu schießen, so dachte er sie zu fischen.

Alain hatte mit Genugthuung bemerkt, daß dieses Jahr, wie das vorhergehende sehr reich an kleinen Muscheln war, welche die Nahrung der Trauerenten bilden.

Alain wählte den Ort, der ihm am Reichsten mit diesen Schalthieren versehen zu sein schien, und er spannte ein großes Netz, welches er mit sich gebracht hatte, darüber aus.

Dies ist die Theorie dieses Fischfanges:

Das Netz wird bei der Ebbe etwa anderthalb Fuß vom Boden aufgestellt; wenn das Wasser steigt, bedeckt es das Netz, die Trauerenten folgen der Fluth auf eine Entfernung von zwei- bis dreihundert Schritten.

Die erste, welche die Muscheln bemerkt, taucht unter, alle anderen folgen ihrem Beispiel und treffen auf das Netz, welches zwischen ihnen und dem Köder ist, und sie verwickeln sich in diese im Wasser treibenden Maschen.

Wenn einige, welche mißtrauischer sind, sich entfernen und darunter hinschießen, so verwickeln sie sich wie die anderen, wenn sie heraufkommen wollen, und alle schwimmen darin.

Wenn das Meer sich zurückgezogen hat, findet man sie am Netze hängend.

Als Alain’s Vorbereitungen beendet und seine Netze ausgespannt waren, beschloß er, – da er das Gebiet noch einige Augenblicke behaupten konnte, welches der Ocean verlassen hatte, die Fluth aber bald wieder in Besitz nehmen mußte, – die Felsen abzujagen, welche es hie und da bedeckten; geschützt von ihnen, hoffte er nach Gefallen die Strandläufer und Flußschnepfen, welche die Nähe der Menschen von der Küste verjagt hatte, niederschießen zu können.

Er steckte eines von seinen Rudern in den Sand, band sein Boot an und entfernte sich.

Die Sandbank mochte eine halbe Seemeile lang sein.

Alain hatte bald drei Viertheile davon durchlaufen; einige ziemlich glückliche Schüsse machten ihm Lust, das Uebrige zu durchforschen; aber zu einem großen Bedauern mußte er bemerken, daß schon seit einiger Zeit die Bewegung des Meeres sich verändert hatte; es stieg, und es war Zeit umzukehren und das Boot wieder zu erreichen.

Aus der Ferne bemerkte Alain, daß das Boot sich auf den Wogen schaukelte.

Er gewahrte zu gleicher Zeit, daß er nicht mehr allein auf der Insel war.

Eine Gestalt von kleinem Wuchse hielt sich hinter einer Felswand versteckt.

Der Knabe hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt und schien in ein tiefes Nachdenken versunken.

Bei dem Geräusch der Fußtritte des Jägers, der sich ihm näherte, erhob der Knabe den Kopf und der Jäger erkannte Jean Marie.

Elftes Kapitel.
Das steigende Meer

Diese Erscheinung an diesem verlassenen Orte, ohne daß er sich von den Ursachen derselben Rechenschaft ablegen konnte, bewegte Alain tief, denn er hatte den Schiffsjungen nicht wiedergesehen, seitdem er zuletzt seine Hütte verlassen.

»Wer Teufel hat Dich denn hierher geführt?« fragte er den Knaben.

»Die Leute von der Barke »die Möwe,« welche zum Fischen fuhren, setzten mich hier ab, als ich ihnen sagte, daß ich hier zu thun habe.«

»Zu thun mit wem, mit den Meerschweinen?« sagte der Jäger, indem er sich zu lächeln zwang, obgleich er keine Lust dazu hatte, »denn eben jetzt sind nur sie hier.«

»Nein,« sagte der Knabe kopfschüttelnd, »mit Ihnen.«

»Wie, mit mir?« fragte Alain; »mich suchtest Du?«

»Ja, Sie!« Alain’s Gesicht bräunte sich.

»Konntest Du nicht in meine Hütte kommen? Ich denke, Du weißt den Weg dorthin, und Du bedurftest nicht der Barke, um dorthin zu fahren.«

»Hier wollte ich mit Ihnen reden und nirgend anderswo.«

»Und was hast Du mir denn so Geheimnißvolles zu sagen? Laß uns sehen!« versetzte Alain.

»Ich habe Ihnen zu sagen, daß Sie eine arme Frau ohne Stütze entehrt und auf ihr ganzes Leben unglücklich gemacht haben, und daß es böse ist, was Sie gethan haben, Monsieur Alain.«

Indem der Knabe diese Worte aussprach, sah er den Jäger fest an, als hätte er ihn herausfordern wollen.

Alain machte eine Bewegung des Zornes; die Jugend und die Schwäche Desjenigen, der diese Worte an ihn richtete, verursachten indeß, daß er denselben unterdrückte.

»Du bist ein guter kleiner Teufel, den ich von ganzem Herzen liebte,« sagte er, indem er sich wieder faßte; »ich begreife Deinen Kummer und es ist mir leid; aber man muß sagen, daß die sehr einfältig sind, welche Dir den Auftrag gegeben haben, armer Junge, zu kommen und mir Beleidigungen zu sagen.«

»Niemand hat mir diesen Auftrag gegeben,« sagte der kleine Jean kopfschüttelnd, »und im Gegentheil weiß Niemand um den Schritt, den ich in diesem Augenblicke thue. Es sind acht Tage, seitdem ich weiß, was geschehen ist, acht Tage, seitdem ich jeden Augenblick daran denke, und ganz allein habe ich den Entschluß gefaßt, zu kommen und Ihnen zu sagen: Monsieur Alain, wenn Sie ein ehrlicher Mann sind, müssen Sie wieder gut machen, was Sie gethan haben! Monsieur Alain, wenn Sie ein ehrlicher Mann sind, müssen Sie Jeanne Marie heirathen.«

Der Jäger zuckte die Achseln.

Nicht als hätte die Feierlichkeit der Worte des Schiffsjungen keinen Eindruck auf ihn gemacht; da er den Bitten und Drohungen des Maitre Henin widerstanden und sich gegen die Vorwürfe seines eigenen Gewissens gehalten hatte, würde er sich geschämt haben, den Bitten eines Kindes nachzugeben.

»Sie weigern sich also?« fuhr Jean Marie fort. »Sie haben Verzweiflung und Trostlosigkeit in eine arme Familie gebracht und Sie glauben, daß Sie nur Nein jagen dürfen, damit Alles zu Ende ist? Und Sie werden ruhig schlafen, während zwei arme Wesen, die Nichts verschuldet haben, um zu leiden, ihre Nächte in Kummer und Thränen hinbringen werden? – Nein, das wird nicht sein, Monsieur Alain, das sage ich Ihnen.«

»Du bist ein Kind.«

»Sie täuschen sich, Monsieur Alain. Die Thränen meiner Mutter haben mich zum Manne gemacht, und der Beweis davon ist, daß, wenn Sie noch ein Wenig Mitleid in Ihrem Herzen haben, so hoffe ich, daß dem Tode des Sohnes gelingen wird, was der Verzweiflung der Mutter fehlgeschlagen ist.«

»Was willst Du damit sagen, Jean Marie?«

»Daß ich nicht blos auf diese Sandbank gekommen bin, um mit Ihnen zu reden – nein, ich wußte vorher, welches Ihre Antwort sein würde, Monsieur Alain.«

»Und warum bist Du denn hierhergekommen?«

»Ich bin hierhergekommen, um hier zu sterben!«

Es war eine solche Exaltation in der Physiognomie und in den Worten des Schiffsjungen, daß Alain darüber erschrak.

»Du sterben!« rief er.

Jean schwieg.

»Aber Du bist wahnsinnig! Du hast das Fieber!« sagte der Jäger.

»Ich bin nicht wahnsinnig, ich habe nicht das Fieber,« fuhr Jean Marie, dem Anscheine nach ruhiger, fort, »indessen will ich sterben. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich mit Ihnen schlagen und versuchen, Sie zu tödten, oder mich von Ihnen tödten zu lassen. Ich bin nur ein Kind und werde sterben.«

»Und zum Teufel, warum willst Du sterben?«

»Ich will sterben, weil ich mich wegen Ihrer Schuld von meiner Mutter trennen muß und der Kummer mich, wenn ich von ihr fern bin, bald tödten wird; ich will sterben, weil ich hoffe, daß Sie Bedauern hegen werden, den Tod eines Unschuldigen bewirkt zu haben, daß die Erinnerung an ihn Sie rühren wird, daß Sie dann Ihre Pflicht thun werden, indem Sie Jeanne Marie die Ehre wiedergeben, daß sie nicht mehr weinen wird, und daß die Leute von Maisy sie nicht mehr verspotten werden; kurz ich will sterben, weil ich, wenn Das alles Sie nicht rührt, näher bei dem guten Gotte sein werde, um ihn zu bitten, meine Mutter zu überwachen und Denjenigen zu bestrafen, der sie unglücklich gemacht! – Sie sehen wohl, Monsieur Alain, daß ich gute Gründe zu dieser Entschließung hatte, daß ich nicht wahnsinnig bin und nicht das Fieber habe.«

»Und glaubst Du, daß ich es gestatten werde?« rief Alain.

Statt aller Antwort deutete der Knabe mit einer Geberde auf das Meer.

Alain wendete die Augen nach der angedeuteten Richtung.

Er hatte die Fluth vergessen!

Er bemerkte schaudernd, daß das Meer mit der Schnelligkeit stieg, welche den Fluthen im Herbst und Frühling eigen ist.

Jetzt war er an der Reihe zu bitten und zu beschwören.

»Jean Marie,« sagte er, »keine Thorheiten; ich bitte Dich dringend darum, mein Kind, laß uns zu der Barke laufen, wir werden keine Sekunde zu verlieren haben – sieh, ich muß schon tief ins Wasser gehen, um zu ihr zu kommen.«

Ein Blitz des Triumphes erhellte das Gesicht des Knaben.

»Ah! ich sagte es wohl!« rief er, »daß der Tod ihres Sohnes gut für die Jeanne Marie sein würde! Der Gedanke, meinen Geist Ihre Ruhe stören zu sehen, macht Ihnen schon Furcht.«

»Tausend Donner! wirst Du endlich kommen?« rief der Jäger ungeduldig.

»Nein, ich werde nicht kommen. Gehen Sie allein; ich bleibe, ich will hier sterben! Ich werde Ihnen das Leben wiedergeben, welches Sie auf Kosten des Glücks meiner Mutter gerettet haben; ich werde ihre Thränen nicht mehr fließen sehen; ich werde nicht mehr die Leute im Dorfe sie mit schmachvollen Worten beleidigen hören.«

Alain begriff, daß er in dem Zustande der Exaltation, worin sich der Geist des Schiffsjungen befand, vergebens versuchen werde, ihn durch Gründe zu überführen. Er benutzte also den Augenblick, wo Jean Maries Augen abgewendet waren, um nach Maisy hinzusehen, machte einen Satz bis zu ihm und versuchte ihn mit Gewalt auf seine Arme zu nehmen, um ihn bis zu dem Boote fortzutragen.

Aber indem er sich bückte, wich ihm der kleine Knabe aus und begann zu fliehen; Alain verfolgte ihn.

Der Jäger war gewandt und kräftig und doch konnte er ihn nicht erreichen, denn der Schiffsjunge schien von einer übernatürlichen Energie belebt zu sein.

Diese tolle Verfolgung währte sieben bis acht Minuten.

Alain blieb zuerst außer Athen stehen und sah nach dem Meere.

Es stieg noch immer und mit erschreckender Gewalt und Schnelligkeit.

Kaum daß das Ufer noch hundert Schritte breit war ! Er rief Jean Marie mit qualvoller Angst.

Der kleine Knabe blieb stehen, als er sah, daß der Jäger auf eine Verfolgung verzichtet hatte.

Er that einige Schritte, als wollte er den Fluthen entgegengehen, und setzte sich auf einen Stein, ohne jedoch aufzuhören, der geringsten Bewegung des Jägers mit den Blicken zu folgen.

»Jean Marie,« sagte Alain, »Du willst nicht vernünftig sein? Laß uns sehen, ich beschwöre Dich, laß uns die wenigen Augenblicke benutzen, die uns noch übrig sind, um die Barke zu erreichen.«

Der Schiffsjunge schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte er, »gehen Sie und lassen Sie mich hier; ich weiß nicht, was der Tod ist, und ob er wohlthut oder schmerzt; aber es ist unmöglich, daß ich mehr leide, als ich seit acht Tagen gelitten habe – vor dem Tode habe ich keine Furcht! Die Idee, daß er der Jeanne Marie Trost und Errettung bringen wird, muß ihn mir außerordentlich süß machen.«

Alain fühlte sich besiegt von der Gewalt dieser kindlichen Liebe.

Das Eis seines Herzens schmolz nach und nach, und die unbestimmte Zärtlichkeit, die er immer für die Wittwe bewahrt hatte, erhielt wieder Stärke genug, um die niedrigen Rücksichten der Eigenliebe zu überwinden.

Er näherte sich Jean Marie.

Der kleine Mann, welcher glaubte, daß er zum zweiten Male versuchen wollte, ihn zu überraschen, richtete sich auf seine Füße und war im Begriff zu fliehen.

»Bleib!« rief ihn Alain zu.

»Das hängt von Ihnen ab,« antwortete das heroische Kind.

Ein heftiger Kampf schien in Alain’s Herzen vorzugehen.

»Nun, so bleib!« rief er, »und was Du verlangt – nun ja —«

»Nun?«

»Nun, ich werde es thun! Es ist unmöglich, daß eine Mutter, die so zärtlich von ihrem Kinde geliebt wird, nicht die beste der Frauen sein sollte, selbst für einen Wilden, wie ich.«

»Ist es wahr, was Sie mir da jagen, Monsieur Alain?« rief Jean Marie.

»Ja, bei meiner Seele!« jagte der junge Mann.

»Sie werden die Jeanne Marie heirathen?«

»Ich werde sie heirathen.«

Der Knabe streckte mit auffallender Feierlichkeit die Hand gegen das Meer aus, welches sich brüllend näherte und nur noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt war.

»Im Angesichte des Todes schwören Sie es?«

»Ich schwöre es, mein Sohn,« sagte Alain.

»O! Sie würden mich nicht täuschen wollen in einem Augenblicke, wie dieser, nicht wahr?«

Der Schiffsjunge, der noch eben so entschlossen gewesen war, brach bei dieser unerwarteten Gegenwirkung in Thränen aus.

Dann warf er sich in Alain’s Arme und sagte zu ihm:

»Ich danke Ihnen für meine Mutter und für mich! und für sie, wie für mich schwöre ich Ihnen, Monsieur Alain, daß wir thun werden, was wir können, um Ihr Kreuz zu erleichtern. O! sie wird sich getröstet fühlen, die arme Jeanne Marie? lassen Sie uns schnell zu ihr gehen, Monsieur Alain.«

»Ja, ja,« rief der junge Jäger; »es ist schon zuviel Zeit verloren, und ich fürchte, daß wir genöthigt sein werden, uns aufs Schwimmen zu legen, um das Boot wieder zu erreichen. Inzwischen laß uns die Füße anwenden, mein Junge!«

Beide liefen nach der Richtung der Barke zu, während das Meer beständig stieg; man hätte sagen sollen, daß es sie verfolgte.

Sie waren an einer ebenen Stelle, aber eine Reihe von Felsen, sieben bis acht Fuß hoch, verbarg ihnen das Boot.

Als sie an diesen Felsen vorbeigelaufen waren, blieben sie plötzlich stehen.

Sie suchten das Boot mit den Augen: das Boot war nicht mehr an dem Orte, wo der Jäger es festgebunden hatte.

Wo war es ?

Jean Marie bemerkte es zuerst; er stieß einen Schrei der Verzweiflung aus, deutete es einem Begleiter mit dem Finger an und fiel auf die Knie, nicht mehr auf den Sand, sondern in’s Wasser.

Das Meer stieg noch immer; es hatte sie erreicht und benetzte ihre Füße.

Man bemerkte das Boot eine Viertelmeile weit auf dem Wasser – die Wellen hatten es losgerissen.

Es trieb auf die hohe See hinaus und die Strömung riß es rasch mit sich fort.

Zwölftes Kapitel.
Ein Schwimmer

Alain sah den Knaben noch immer auf den Knieen liegen und beten, er blickte um sich, um zu sehen, welche Wahrscheinlichkeit der Rettung ihm bliebe.

Keiner von den Felsen der kleinen Insel war höher als sieben oder acht Fuß, und wenn das Meer seine Höhe erreicht hatte, mußte es mehr als zwanzig Faden hoch darüber weggehen.

Am Horizonte sah man Nichts, Nichts als die rothe Scheibe der Sonne, die gleich einer Feuerkugel unter den purpurnen und goldenen Wolken sich langsam zum Ocean hinabsenkte, und die Wogen, deren weiße und rauschende Kämme sie nur mit ihrem glänzenden Reflex beleuchtete.

Das Kind betete noch immer.

Alain stieß einen Seufzer aus und zwei große Thränen rollten an seinen Wangen nieder; er war fast gleichgültig wegen eines eigenen Schicksals, aber das des Knaben und die Verzweiflung seiner Mutter rührten ihn.

A Endlich hatte Jean Marie ein Gebet beendet und stand auf.

»Was ist zu thun, Monsieur Alain?« sagte er.

»O! jetzt, da ich weiß, daß wir glücklich sein werden, wenn wir leben, sollen Sie finden, daß ich dazu ebenso viel Stärke und Muth habe, wie eben noch zu sterben. O ja! jetzt, da ich ihr eine gute Nachricht mitzutheilen habe, will ich Jeanne wiedersehen; o ja ! jetzt da mir keine Thränen aufs Herz fallen werden, will ich meine Mutter umarmen.

Alain hörte ihn nicht an.

»Kannst Du schwimmen?« fragte er den Knaben.

»Ach, nein,« antwortete der kleine Jean Marie traurig.

»Dann bleibt uns nichts Anders übrig, als auf den höchsten Felsen zu steigen und von Gott ein Wunder oder den Tod zu erwarten. – Komm, mein Kind.«

»Aber Sie, Alain,« sagte lebhaft Jean Marie, »Sie können schwimmen?«

»Gewiß.«

»Nun dann können Sie sich retten; Sie können das Land erreichen.«

Der Jäger schüttelte zum Zeichen der Weigerung den Kopf.

»Wie!« rief der Knabe, »Sie wollen mein Schicksal theilen? Sie wollen mit mir sterben?«

»Ohne Zweifel!«

»Aber ich will es nicht, Monsieur Alain. O mein Gott! aber denken Sie doch an Jeanne Marie! Sie würde allein bleiben, die arme Frau; was würde aus ihr werden, verlassen und ohne Stütze? Der gute Gott ruft mich zu sich, Sie sehen es, Alain Und in der That bin ich schmächtig und schwach, ich kann der armen Mutter nicht viel nützen, während Sie stark sind, Sie können für Ihren eigenen Lebensunterhalt und den der Mutter arbeiten. Sie werden Sie beschützen und trösten, und endlich, Monsieur Alain, werden Sie versuchen, sie zu lieben, wie ich sie liebe.«

Aber Alain war fest entschlossen, da er den Knaben nicht retten konnte, mit ihm zu sterben.

»Die Küste ist zu weit entfernt,« sagte er; »ein Mensch, ein so guter Schwimmer er auch sein mag, kann sie nicht erreichen.«

»O! sagen Sie Das nicht, Monsieur Alain, denn Das ist nicht wahr. Ihnen ist Alles möglich, und ich habe sagen hören, daß Sie meilenweit schwimmen können. Vergessen Sie also, daß ich bin. Gehen Sie, Alain! gehen Sie, mein Vater! Uebrigens, wenn ich sterben will, ist es nicht meine Schuld? Ist es nicht mein Eigensinn, der mir den Tod zuzieht, und der Sie dem aussetzt, mit mir umzukommen? Verlassen Sie mich also; gehen Sie zu Jeanne Marie, erzählen Sie ihr Alles, was geschehen wird, und sagen Sie ihr, daß ich dort oben ihren Namen aussprechen werde. Wenn das Kind, welches meine Mutter zur Welt bringen wird, ein Knabe ist, so geben Sie ihm meinen Namen Jean Marie, und wenn Jeanne ihn umarmen wird, so sagen Sie ihr ganz leise ein Wort, um sie an den andern Jean Marie zu erinnern, der dort oben sein wird, damit meine arme Seele nicht so sehr verlassen sein möge. – Dies ist Alles, was ich verlange, mein lieber Alain, Dies ist Alles.«

Und das arme Kind brach in Schluchzen aus.

Statt aller Antwort drückte Alain den Knaben an sein Herz.

Das Meer stieg noch immer; dem kleinen Knaben ging das Wasser schon bis an die Knie; der Hund heulte kläglich, der Jäger nahm den Knaben auf seine Arme und begann einen ziemlich hohen Felsen zu erklimmen, der nur wenige Schritte von ihnen entfernt war; der Hund folgte ihnen, Als Alain im Begriff war den Gipfel zu erreichen stellte er Jean Marie plötzlich hinauf, kletterte selber auf die Höhe und sah nach dem Lande hin.

»Jean! Jean! wir sind gerettet! Siehst Du dort ein Boot in der Richtung des Kirchthurmes? Wir sind gerettet, hörst Du? Denn es hat die Spitze zu uns gewendet und es wird gewiß zu uns kommen, ehe das Wasser uns erreicht hat.«

Jean Marie empfing diese Nachricht mit einem Freudengeschrei und stieg zu Alain hinauf.

»Siehst Du?« sagte dieser zu ihm, »siehst Du?«

»Ja, ja! ich sehe, Vater! O! welch ein Glück für die arme Jeanne Marie!«

Der Knabe fürchtete den Tod nur wegen des Kummers und der Verlassenheit, die er seiner Mutter verursachen würde.

Die Sonne war gänzlich vom Horizonte verschwunden, sie hatte sich beinahe ins Meer eingetaucht, wie ein Fahrzeug, welches untergeht, und die Dämmerung, die zu jener Jahreszeit sehr kurz ist, begann dunkler zu werden.

Alain hielt es für nöthig, die Aufmerksamkeit der Leute in der Barke auf sich zu lenken; er schoß zwei Flintenschüsse in die Luft, dann band er sein Taschentuch an das Ende des Laufes und bewegte ihn wie eine Flagge.

Die Barke näherte sich in gerader Linie und die Leute, die darauf waren, hatten gewiß die Signale gesehen.

Plötzlich, und als sie nur noch tausend Klafter von dem Felsen entfernt war, veränderte die Barke ohne sichtbaren Grund die Richtung und steuerte rechts an den beiden Schiffbrüchigen vorüber.

Beide stießen zu gleicher Zeit ein verzweifeltes Geschrei aus, welches aber ohne Echo blieb.

Der Jäger erneuerte die Bewegungen eines Signals; dann riß er das Taschentuch von dem Laufe seiner Flinte und wollte sie wieder laden.

Er wollte das Pulverhorn aus der Jagdtasche nehmen.

Um leichter die Höhe zu erklimmen, hatte er die Jagdtasche abgeworfen; sie war von dem Felsen herunter gerutscht und vom Wasser befeuchtet, so daß das Pulver schon naß war.

Alain warf einen qualvollen Blick über das Meer; die Schaluppe entfernte sich noch immer.

Er versuchte von Neuem sie anzurufen, aber er fühlte, daß das Geräusch der Wogen seine Stimme übertäubte.

Diese verschiedenen Ereignisse hatten ihm ein Fieber verursacht; er war in einem jener Augenblicke, wo dem Menschen Nichts unmöglich scheint.

Ohne dem kleinen Jean etwas zu sagen, begann er rasch eine Kleider abzulegen.

»Sie wollen die Küste erreichen Alain ?« sagte der Knabe mit Schwermuth; »Sie thun wohl. Besonders vergessen Sie nicht, was ich Ihnen hinsichtlich der Mutter empfohlen habe. «

»Ich will nicht die Küste erreichen,« sagte Alain; »ich will versuchen die Barke einzuholen, um sie zu Dir zurückzuführen.«

»Aber es ist unmöglich,« sagte der Knabe.

Da kommt die Nacht, so daß man die Barke schon fast nicht mehr sieht, und wenn sie einmal auf dem Meere sind, werden Sie gar nicht mehr sehen.«

»Was willst Du, mein Sohn?« sagte Alain, indem er sich auszukleiden fortfuhr, »es ist die einzige Wahrscheinlichkeit für unsere Rettung!«

Jean Marie fing an zu weinen.

»O! ich schäme mich dessen,« sagte der Knabe mit Zorn, »aber es scheint, als habe ich jetzt Furcht.«

»Muth, Kleiner!« jagte Alain; »und wenn ich sterbe und Du die Jeanne Marie wiedersieht und sei es auch dort oben, so sage ihr, daß ich gethan habe, was ich gekonnt, um mein Verbrechen wieder gut zu machen,« und er streckte dem Knaben seine Arme hin.

Dieser stürzte sich in dieselben.

Der Jäger mußte alle seine Kraft anwenden, um sich von ihm loszumachen.

Dann stürzte sich Alain, ohne einen Augenblick zu verlieren in’s Meer.

Pavillon, an den Niemand dachte, und der die passive Person von diesen Dreien war, stürzte sich nach seinem Herrn hinein, indem er es ganz natürlich fand, ihm zu folgen, wohin er ging.

Der Jäger, wie wir bei Gelegenheit gesehen haben, war ein unerschrockener und kräftiger Schwimmer; er nahm seinen Weg nicht direct auf die Barke zu, sondern oberhalb der Stelle, wohin sie, wenn sie ihren Schlag fortsetzte, nothwendig kommen und mit ihm zusammentreffen mußte.

Zum letzten Male wollte er den armen Schiffsjungen wiedersehen; indem er schwamm, wendete er den Kopf um und sah nach dem Felsen.

Da der Felsen sich von ihm westlich befand, so bemerkte er den Knaben, der dunkel gegen den röthlichen Hintergrund des Horizontes abstach.

Der Knabe lag auf den Knieen und betete, die Hände zum Himmel erhoben.

Alain endete ihm noch ein Lebewohl zu und er fuhr fort, mit Anstrengung zu schwimmen.

Bei der Bewegung, die er gemacht, hatte er bemerkt, daß Pavillon nahe bei ihm schwamm.

Er hatte einen Augenblick den Einfall, den Hund zu dem Knaben zurückzuschicken; aber er bedachte, daß Pavillon ihm ohne Zweifel nicht gehorchen werde und daß er während dieses vergeblichen Streites nur Zeit und Kräfte verlieren würde.

Pavillon war übrigens ein ebenso geschickter Schwimmer, wie ein Herr ; er hatte Schwimmfüße, denn unter seinen Vorfahren war ohne Zweifel ein Hund aus Newfoundland gewesen.

Alain ließ also Pavillon nach einem Gefallen handeln, und fuhr fort, in der Diagonale auf die Stelle zuzuschwimmen, wo er mit der Barke zusammenzutreffen hoffte.

Aber kaum hatte er drei- oder vierhundert Faden zurückgelegt, als er fühlte, daß er seine Richtung verlor; er wurde zur Rechten fortgezogen, und zur Linken mußte er schwimmen.

Er war in einem Strome, und der Strom zog ihn mit sich fort.

Er versuchte seiner Herr zu werden; eine Anstrengungen waren ohnmächtig und er erreichte.

Nichts weiter, als daß er an derselben Stelle blieb.

Er versuchte unterzutauchen; er wußte, daß diese Strömungen zuweilen in einer gewissen Tiefe nicht mehr vorhanden sind; aber zwischen zwei Wassern, fühlte er sich auf der Oberfläche, von dieser unwiderstehlichen Gewalt fortgerissen.

Er schrie und rief; aber wie auf dem Felsen antwortete das Rauschen der Wogen allein auf sein Geschrei.

Das Wasser mit einer kräftigen Anstrengung zurückstoßend, erhob er sich bis an den Gürtel aus dem Meere.

Er wollte um sich blicken; unglücklicherweise war die Nacht gekommen und sein Auge konnte nicht weiter als auf zwanzig Schritte die Finsterniß durchdringen, die ihn umgab.

Der Kampf war vergebens; und doch brachte der Gedanke, den armen Knaben zu verlassen, Alain in Verzweiflung. Er dachte beständig an ihn. Wenn eine Woge, höher, als die anderen, ihn erhob, wenn sie sich brüllend an seiner Brust brach, glaubte er den armen kleinen Körper Jean Marie’s dieser Woge als Spielwerk dienen zu sehen; er stellte sich ihm vor, an seinen Felsen angeklammert, und sah das Meer sich ringsum erheben, beständig steigen, ruhig aber ebenso drohend und unerbittlich in einer Ruhe, wie in seiner Wuth. Wenn eine verspätete Seemöve über seinen Kopf dahinflog und ihr Nachtquartier aufsuchte, glaubte er den Schrei zu hören, womit er, den Der seinen Sohn nannte, eben seine Seele dem Schöpfer wiedergegeben hatte; ein Schwindel bemächtigte sich feines Gehirns, und obgleich eine große Kälte herrschte, war er doch in Schweiß gebadet!«

Er tauchte dann unter, um diesen Schweiß von seiner Stirn zu entfernen.

Indessen wurde er immer fortgerissen, und zwar so schnell, daß er gewissermaßen keiner Anstrengung bedurfte, um sich auf den Fluthen zu erhalten.

Endlich fühlte er, wie er rasch mehrmals um sich selber gedreht wurde; dann schien es ihm, als werde eine Bewegung wieder frei.

Es war die Strömung, welche aufhörte.

Alain suchte einen Augenblick die Richtung, welcher er folgen konnte; die Nacht war finster, er sah weder Mond noch Sterne am Himmel, Nichts um sich her, als das Phosphoresciren der Wogen.

Er hatte sich in die Unendlichkeit verloren.

Pavillon schwamm noch immer einige Schritte von seinem Herrn und stieß von Zeit zu Zeit ein klägliches Geheul aus, als wollte er Hilfe herbeirufen.

Alain stellte es der Vorsehung anheim, ihn zu führen, und schwamm nach der ersten besten Richtung.

So schwamm er beinahe anderthalb Stunden.

Dann erschöpften sich seine Kräfte, eine Bewegungen wurden unsicher, und es ward ihm schwer, sich auf die Wogen zu erheben; sie gingen rollend über einen Kopf dahin.

Und es schien ihm, als ob Pavillon trauriger und klagender heulte.

Da fühlte er nach und nach, wie all sein Blut zu seinem Gehirn zurückfloß; er hörte vor seinem Ohr ein dumpfes und fortgesetztes Rauschen. Die Phantasmagorie seiner Vergangenheit stellte sich einen Augen lebhaft und vielgestaltig dar; Alles, was er gesehen, gethan oder gesprochen hatte, sah, sprach und that er zum zweiten Male. Und zu gleicher Zeit verschmolzen sich in dieser Sinnentäuschung die Spiele seiner Kindheit im Schatten des dichtbelaubten Obstgartens der Meierei mit seinem Leben in Paris, mit seinen Vergnügungen, mit feinen Bacchanalien, mit feinen beiden Duellen, mit einer Liebe zu Lisa, mit seiner Traurigkeit, mit einem Jägerhäuschen, und seinen Wanderungen in den Sümpfen. Er fand neben einander die langweiligen Gesichter der Pädagogen von Saint-Lo und die ruhige und sanfte Physiognomie des alten Montplet; er hörte das Wiehern, womit das Pferdchen seines Vaters das Haus begrüßte, wenn er nach einem weiten Ritte dorthin zurückkehrte. Die munteren Bekannten, die er in Paris zurückgelassen hatte, bildeten den Hintergrund des Gemäldes; ungeachtet ihrer Anzahl waren die Bilder alle deutlich, und zu gleicher Zeit kamen sie in das Gedächtniß Dessen zurück, der sterben sollte.

Nach und nach erschöpften sich die Kräfte, das Sausen wurde stärker, die Vision erlosch; es schien Alain, daß der dunkle Hintergrund, den er vor Augen hatte, sich mit Himmelsblau bemalte, und auf diesem Himmelsblau sah er in der Ferne eine glänzende Figur, welche größer wurde und sich ihm näherte.

Bald war sie nahe genug, um sie zu erkennen: diese Figur war die der Jeanne Marie! – sie saß auf dem Felsen, wo er ihren Sohn zurückgelassen hatte.

Der Knabe stand an ihre Brust gelehnt, neben ihr, und Beide waren von einem hellen Nimbus umgeben; Alain sah das Gesicht des Knaben nicht, aber er sah das der Mutter; die Mutter sah ihn lächelnd an, und dieses Lächeln war das einer unaussprechlichen Traurigkeit.

Plötzlich zerstreute sich das Gewölk, welches das Gesicht des Knaben zu bedecken schien, und dieses Gesicht schien ihm so blaß, daß der Knabe todt sein mußte.

Diese Idee verdoppelte das Delirium, welches sich des unglücklichen Alain bemächtigt hatte:

In einer Vision war der Felsen nur wenige Klaftern von ihm entfernt. Er nahm alle seine Kräfte zusammen, um ihn zu erreichen; er glaubte mit den Fingern die Steine zu berühren, welche das Piedestal bildeten, auf dessen Höhe sie ihm erschienen; er klammerte sich mit der Gewalt an, welche die Nähe des Todes verleiht, und wurde ohnmächtig.

In seiner Todesqual hörte er ein trauriges Geheul über seinem Kopfe.

Es war die klagende Stimme des Hundes, welcher seinerseits der Schöpfung ein letztes Lebewohl zusendete.

Dreizehntes Kapitel.
Jedem das Seine

Maitre Henin hatte jeden Morgen, den ihm Gott schenkte, die Gewohnheit, auf einer hölzernen Bank sitzend, die an der Hecke eines Gartens stand, seine Pfeife zu rauchen.

Am folgenden Tage, nachdem die eben erzählten Ereignisse geschehen waren, saß der Steuermann zu der gewohnten Stunde auf einer Lieblingsbank und rauchte wie gewöhnlich seine Pfeife.

Einige Schritte von ihm war Louison beschäftigt, Schnuren zu entwirren und Angelhaken zurecht zu biegen.

Ein Wenig weiter beschäftigten sich eine ältesten Söhne, welche die alte Barke auf den Strand gezogen hatten, Werg zwischen die Spalten zu klopfen.

Die Physiognomie des Seemannes war strenger und ernster, als gewöhnlich; die Zerstreuung, womit eine Lippen dichte Rauchwolken ausbliesen, lag nicht in seiner Gewohnheit; man fand dort nicht mehr die Ruhe und das Behagen, womit er sich dieser Lieblingserholung hingab; von Zeit zu Zeit betrachtete er, – der auf den Wogen alt geworden war und für den Ocean eine gewisse Verehrung hegte und nicht begriff, wie menschliche Wesen fern von seinen Ufern leben könnten, – das Meer mit einem vereinten Ausdruck des Zornes und Vorwurfs.

Dann versank er in so tiefes Sinnen, daß es ernster Ereignisse bedurfte, um ihn daraus zu erwecken.

In dem Augenblicke, als die aufgehende Sonne sich von dem Dunste des Horizontes frei machte, das Meer in Purpur tauchte und die Wände des Hauses vergoldete, entstand ein großer Lärm im Flecken.

Die ganze Bevölkerung, die schon am Strande beschäftigt war, verließ ihre Arbeiten und lief zur Kirche hin, und man hörte das dumpfe Summen einer versammelten Menge.

Die Frau und die Kinder des Maitre Henin thaten, was alle ihre Landsleute thaten.

Ziemlich lange blieb der Steuermann gleichgültig gegen diesen Tumult; dann stand er zornig auf, warf seine Pfeifer auf den Boden, daß sie in Stücke zerbrach.

»Machen Die einen Lärm, Sturm und Wetter!« rief er; »sie werden ihn gefunden haben, und da laufen sie der Leiche nach, wie eine Schaar von Raben. Indessen haben Diese eine Entschuldigung: sie fressen davon; aber Das ist ein hübsches Schauspiel für eine Frau und Kinder, das Gesicht eines Ertrunkenen!«

Nachdem er so seine üble Laune ausgesprochen hatte, nahm Maitre Henin, noch immer murrend, feine Richtung zu der Seite hin, wo er dieses Geräusch hörte.

Unterwegs begegnete ihm Louison, welche zurückkehrte.

»Nun?« fragte er, »nicht wahr, er ist es?«

»Nein,« entgegnete Louison, »er ist es nicht; es ist Langot, den man gefunden hat.«

»Oh!« fiel Maitre Jacques ein, »wenn es nur er nicht ist, liegt mir wenig daran, was man bei jenem alten Kaiman gefunden hat.«

»Aber warte doch, Du lässest mich niemals ausreden. Man hat Nichts bei Langot gefunden; man hat ihn selber erhängt gefunden!«

»Bah!« sagte Henin, der ungeachtet seiner Zerstreutheit der Nachricht einige Aufmerksamkeit zuwendete, »erhängt! Und weiß man, warum er sich erhängt hat?«

Einige sagen, weil er eine große Summe Geldes verloren hat; Andere, weil er mit der Justiz in Streit gekommen war; noch Andere, weil Richard behaupte, daß er ihm die Summe von hunderttausend Franken schuldig sei und ihn wegen dieser Summe verfolge: er habe sich lieber erhängen, als zahlen wollen.«

»Nun, da hat er gethan, was ich schon längst übernommen haben würde, wenn er bei mir an Bord gesegelt wäre.«

Als diese Leichenrede beendet war, wendete sich Maitre Henin zu seinem Hause, als ein Schrei der Ueberraschung und des Schreckens, den Louison ausstieß, ihn bewog, rasch den Kopf umzuwenden, und zehn Schritte vor ihm sah er Alain, Alain, den er für todt hielt, und welcher sich ihnen näherte!

Er lief ihm entgegen.

»Sie, Sie!« rief er; »Sie am Leben, tausend Donner! man könnte mir einen Dreimaster mit Allem, was dazu gehört, geben, und ich würde nicht so erfreut sein.«

Alain war ganz erstaunt von dem herzlichen Empfange, der ihm von Maitre Henin zu Theil wurde, mit dem er noch immer gespannt zu sein glaubte seit dem heftigen Streite, den sie einige Monate früher gehabt hatten.

Der Bitte des Steuermannes nachgebend, erzählte er ihm dann, was sich während der vergangenen Nacht zugetragen hatte, wie der kleine Jean Marie ihn auf der Insel aufgesucht, wie er, von der Liebe des Knaben gerührt, ihm zugeschworen, seine Mutter zu heirathen, und wie sie sich genöthigt gesehen, als die Barke von der Strömung hinweggeführt worden, sich auf den Felsen zu flüchten. Er sagte, wie er die Hoffnung gehabt, von einem Fahrzeuge gerettet zu werden, welche Hoffnung jedoch bald entschwunden sei. Dann habe sich Alain ins Meer gestürzt, um das Boot zu erreichen; aber von der Strömung fortgerissen, von den Fluthen erschöpft, sei er ohnmächtig geworden, indem es ihm vorgekommen, als klammere er sich an den Felsen an, wo er Jean Marie zurückgelassen, während er an das Felsenufer gekommen.

Kurz, nachdem die Fluth sich gesenkt, hatte er trocknen Fußes zu einer Hütte zurückkehren können, um trockene Kleider anzulegen.

»Der arme Jean Marie!« fügte Alain mit Thränen in den Augen hinzu, »wenn ich ihn mit mir genommen, hätte ich ihn vielleicht retten können.«

»Und jetzt?« fragte Maitre Henin, »was wollen Sie thun?«

»Habe ich nicht dem Knaben versprochen, seine Mutter zu heirathen? Nun, Maitre Henin, was ich der Drohung verweigerte, habe ich der Bitte zugestanden: ich bin im Begriff, mein Versprechen zu halten.«

»Das wird Ihnen wohl schwer?« fragte der alte Seemann.

»Nein, denn ich liebte Jeanne Marie von ganzem Herzen, und jetzt ist sie mir doppelt geheiligt als Frau und Mutter. Gehen Sie also, ihr die unheilvolle Nachricht anzukündigen; ich zweifle, daß die zweite, die ich ihr mitzutheilen habe, sie wegen der ersten trösten wird.«

»Lassen Sie uns gehen,« sagte Maitre Henin, »um so mehr, da Sie nicht weit zu gehen haben; Sie wissen, daß sie bei mir ist?«

Alain machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches jagen wollte: »Ja, ich weiß es.«

»So kommen Sie.«

Die beiden Männer näherten sich dem Hause; anstatt aber durch die Thür einzutreten, blieb Henin vor einem der Fenster stehen; der innere Vorhang entfernte sich und gestattete dem Blicke, in das Innere des Zimmers einzudringen.

Der Steuermann sah zuerst hinein.

»Nun!« fragte Alain, »ist sie da, das arme Geschöpf?«

»Ja, sie ist da.«

»So lassen Sie uns eintreten,« sagte der junge Jäger, einen Seufzer ausstoßend.

»Lassen Sie uns eintreten,« entgegnete Henin; »aber vorher sehen Sie.«

Alain schüttelte traurig den Kopf und näherte mechanisch sein Auge der Oeffnung; aber kaum war ein Blick in das Zimmer eingedrungen, als er einen Schrei ausstieß, sich zu dem alten Seemanne wendete und ihn mit Bestürzung ansah.

»Ah!« sagte er, »was habe ich gesehen?«

Alain hatte Jeanne Marie über ein Bett geneigt gesehen. Sie unterstützte ihren Sohn mit der einen Hand, während sie mit der anderen eine Tasse zu den Lippen ihres Kindes erhob.

»Nun ja! nun ja! was!« antwortete Maitre Henin.

Der Jäger ließ sich auf eine Kniee nieder, indem er die Hände zum Himmel erhob.

Der Seemann richtete ihn rauh empor.

»Nun,« rief er, »was wollen Sie dem guten Gott sagen?– daß er zu gut ist, zwei Wunder für einen Wilden von Ihrer Art gethan zu haben? Weiß er es denn nicht schon? Kommen Sie erst, sie zu umarmen.«

Und er schob Alain in das Haus.

Man wird leicht begreifen, wie groß die Freude der Jeanne Marie war, als sie ihren Sohn in ihren Armen hielt und Alain wiedersah, den man für todt hielt, und besonders da Alain bereuend kam und sie demüthig bat, das Geschehene zu vergessen, und sie anflehte, ihm zu gestatten, sein Unrecht gegen sie wieder gut zu machen.

Man wird auch begreifen, mit welchem lebhaften Dankgefühl gegen Gott der Jäger den kleinen Schiffsjungen umarmte, den er auf der Erde nicht wiederzusehen dachte.

»Wie hast Du Dich aus der Schlinge gezogen, mein armes liebes Kind,« fragte er ihn.

Jean Marie deutete mit dem Finger auf den guten alten Steuermann.

Alain begriff Alles.

»Ah!« sagte er, »Sie waren also in dem Boote, welches wir sahen, Maitre Henin?«

»Ei freilich! ich und die Jeanne Marie oder vielmehr die Jeanne Marie und ich; denn sie war es, die durch eifrige Erkundigungen erfuhr, daß der kleine Teufelskerl gegangen war, Sie zu verfolgen.«

»Aber warum kamen Sie denn nicht sogleich zu mir? Sie hätten mir eine famose Schwimmpartie erspart!«

»Warum? – Weil Sie, wenn Sie nicht eine vollständige Landratte wären und nur zu Ihrer Unterhaltung am Strande spazieren gingen, ohne sich um Das zu kümmern, was denselben umgibt, wissen müßten, daß zwei Seemeilen weit im Meere, östlich von der Mündung der Vire eine starke Strömung ist, die sich gegen die Küste wendet.«

»Aha!« rief Alain, »ich kenne sie jetzt und werde nicht vergessen, daß sie da ist!«

»Nun also, diese Strömung wollte ich vermeiden.

Ich sah Sie wohl! Sie trippelten auf Ihrem Eiernäpfchen von Granit mit Ihrer Nothflagge umher; aber man mußte die Sandbank umsegeln, um bis zu Ihnen zu gelangen, und Sie hatten nicht die Geduld zu warten! Nein, Sie wollten Ihre Rettung nicht dem alten Eisbären Henin verdanken!«

Alain drückte dem Steuermanne kräftig die Hand.

Als von dieser Seite Alles aufgeklärt und angeordnet war, kündigte man Jeanne Marie und Alain den auffallenden und unerwarteten Tod Thomas Langots an.

Der Onkel war, wie wir gesehen haben, nicht sehr zärtlich gegen die arme Jeanne gewesen, und doch konnte diese nicht umhin, zu weinen, als sie einen Tod erfuhr.

»Ah! meiner Treu!« rief Alain, »Du hast zu viel Thränen übrig, meine liebe Jeanne, und wenn Du nicht willst, daß Gott Dich strafe, so bewahre sie zu einer besseren Gelegenheit auf. Was mich betrifft«, fügte der Geflügelschütze heiter hinzu, »so würde ich einen Tod nicht gewünscht haben; da er es aber für gut gehalten hat, sich zu hängen, so muß ich bedauern, ihn nicht bedauern zu können.«

Man blieb an jenem Abend in dem Hause des Seemannes lange bei einander, und es war beinahe elf Uhr Abends, als Alain seine Hütte erreichte.

Am folgenden Tage wurde die wahre Ursache von Langot’s Tode bekannt.

Ein gestempeltes Papier, worin er von dem Friedensrichter zu einem mündlichen Verhöre aufgefordert wurde, fand sich auf dem Bette des Selbstmörders.

Es war eine Citation vor das Civilgericht von Saint-Lo und eine Klage von Richard gegen Thomas Langot, betreffend eine Summe von hunderttausend Franken.

Richard behielt sich vor, zur rechten Zeit und am rechten Orte die Ursachen dieser Verbindlichkeit anzugeben.

Es wurde bekannt, daß Richard vor einem oder zwei Tagen in Maisy gewesen, wo er Langot einen seiner gewohnten Besuche abgestattet.

Langot war der Anforderungen Richard’s überdrüssig geworden und hatte sich geweigert, Zahlung zu leisten.

Darauf hatte Richard, um Langot zu schrecken, das gestempelte Papier in die Hände des Gerichts gelangen lassen.

Langot hatte den Kopf verloren.

Die Angelegenheit mit Montplet war nicht der einzige Wucher, den er sich vorzuwerfen hatte; er dachte, daß eine Klage sie alle hervorrufen und daß sich Verwünschungen aus allen Ecken des Dorfes gegen ihn erheben würden.

Die Verwünschungen waren Langot ziemlich gleichgültig, – aber hinter den Verwünschungen stand der Assisenhof.

Kurz, es war mit Montplet’s Wechseln eine Fälschung vorgegangen.

Thomas Langot hatte, wie wir gesagt haben, den Kopf verloren und sich erhängt.

Vierzehntes Kapitel.
Schluß

Zwei und einen halben Monat nach ihrer Verheirathung und drei Monat nach Thomas Langot’s Tode hielten Alain Montplet, seine Frau und der kleine Jean Marie ihren Einzug in die Meierei, wo ihrer ein glänzendes Gastmahl wartete, welches zu Ehren Maitre Henin’s, Louison’s und ihrer elf Kinder gegeben wurde, und wozu man alle Freunde von Maisy, Grand-Camp und Saint-Pierre-du-Mont eingeladen hatte.

Folgendes hatte sich während dieser drei Monate zugetragen.

Thomas Langot’s Tod hatte nicht nur Richards Klage nichtig gemacht, sondern auch Richard zu Montplet’s Verfügung gestellt, der, als Besitzer der von Langot bereits eingelösten Wechsel den Advokaten leicht nöthigte, ihm auch die anderen herauszugeben.

Diese Wechsel wurden sorgfältig untersucht, und es fand sich, daß die wirkliche Summe, welche Alain Montplet von ihm erborgt hatte, 37 000 Franken betrug.

Alain Montplet hatte also von Langot’s Nachlasse eine Summe von mehr als 60 000 Franken zu fordern.

Jeanne Marie war, als directe Erbin des alten Schurken, Besitzerin des Restes.

Aber dieser Rest bestand in Schuldforderungen, die alle bestritten werden konnten.

Man ließ die Schuldner zusammenkommen und jeder wurde eidlich aufgefordert, die wahre Summe seiner Schuld anzugeben.

Jeder legte eine Erklärung ab, und es fand sich, daß der Jeanne Marie außer dem Meierhofe noch 40 000 Franken übrig blieben.

Nur war sie Alain von dem Ganzen 60 bis 70.000 Franken schuldig.

Die Heirath quittierte Alles.

Jetzt hat Alain Montplet den Meierhof auf den Fuß wieder hergestellt, wie er zur Zeit des alten John Montplet war; Jeanne ist die hübscheste Meierfrau des Cantons Saint-Lo, und Jean Marie, welcher vierundzwanzig Jahre alt ist, wird nebst seiner Schwester, die erst ihr dreizehntes Jahr erreicht hat, zu den guten Partien des Departements Calvados gerechnet.

In seinen müßigen Augenblicken wird Alain Montplet zwei oder dreimal im Jahre wieder Geflügelschütze, als welchen wir ihn, von Felsen zu Felsen springend und vor der Fluth fliehend, gesehen haben.

Pavillon ist, zu einem für einen Hund hohen Alter gelangt, ruhig eines schönen Todes gestorben und von seinem Freunde Jean Marie mit Ehrerbietung neben seinem alten Herrn dem Vater Gabion begraben worden.

Lisa Jousselin hat einen Wechselagenten geheirathet, welcher vergessen, am Ende des Monats eine Differenzen auszugleichen, ins Ausland gereist ist und sie mit drei Kindern in Paris zurückgelassen hat.

Sie ist nach Isigny zurückgekehrt, wo sie den Butterhandel, den ihr Vater aufgegeben, wieder fortgesetzt.

Sie hofft eines Tages den Tod ihres Mannes zu erfahren, was ihr gestatten wird, sich wieder zu verheirathen, da sie noch jung, schön und coquett ist.

So sei es.

Ende

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06 aralık 2019
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