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Kitabı oku: «Der Graf von Bragelonne», sayfa 133

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Siebenunddreißigstes bis Einundvierßigstes Bändchen

I.
Der letzte Abschied

Raoul stieß einen Freudenschrei aus und schloß Porthos zärtlich in seine Arme. Aramis und Athos umarmten sich als Greise. Diese Umarmung sogar war eine Frage für Aramis, und alsbald sagte dieser:

»Freund, wir verweilen nicht lange bei Euch.«

»Ah!« machte der Graf.

»Nur so lauge, als wir brauchen, um Euch mein Glück zu erzählen,« fügte Porthos bei.

»Ah!« wiederholte Raoul.

Athos schaute Aramis an, dessen düstere Miene ihm schon sehr wenig im Einklang mit der guten Kunde geschienen hatte, von der Porthos sprach.

»Welches Glück begegnet Euch?« fragte lächelnd Raoul.

»Der König macht mich zum Herzog,« erwiederte der gute Porthos, sich an das Ohr des jungen Mannes neigend; »zum Herzog mit Diplom.«

Aber die Beiseit des guten Porthos waren immer kräftig genug, um von aller Welt gehört zu werden; sein Gemurmel hatte den Klang von einem gewöhnlichen Gebrülle.

Athos hörte und gab einen Ausruf von sich, der Aramis beben machte

Dieser nahm Athos beim Arm, bat Porthos um Erlaubniß, einige Minuten unter vier Augen sprechen zu dürfen, und sagte dann zum Grafen:

»Mein lieber Athos, Ihr seht mich vom Schmerz verzehrt.«

»Vom Schmerz!» rief der Gras, »ah! lieber Freund!«

»Vernehmet mit zwei Worten: Ich habe gegen den König eine Verschwörung gemacht; diese Verschwörung ist gescheitert, und zur Stunde sucht man mich ohne Zweifel.«

»Man sucht Euch! . . . eine Verschwörung . . . Ei! mein Freund, was sagt Ihr mir da!«

»Eine traurige Wahrheit, ich bin ganz einfach verloren.«

»Aber Porthos . . . dieser Herzogstitel, was bedeutet dies Alles?«

»Das ist der Gegenstand meines tiefsten Leidens; das ist meine schmerzlichste Wunde. Ich habe, im Glauben an einen unfehlbaren, günstigen Ausgang, Porthos in meine Verschwörung mit hineingezogen. Er ist in die Sache, wie er dies bekanntlich thut, mit allen seinen Kräften eingegangen, ohne etwas zu wissen, und heute ist er so gut mit mir gefährdet, als er wie ich verloren ist.«

»Mein Gott!« rief Athos.

Und er wandte sich gegen Porthos um, der ihnen freundlich zulächelte.

»Ich muß Euch Alles verständlich machen. Höret mich an,« fuhr Aramis fort.

Und er erzählte die uns bekannte Geschichte.

Athos fühlte wiederholt, während der Erzählung, seine Stirne sich mit Schweiß befeuchten.

»Das ist eine große Idee,« sagte er, »aber es war auch ein großer Fehler.«

»Für den ich bestraft bin, Athos.«

»Ich würde auch nicht meinen ganzen Gedanken sagen.«

»Sagt ihn.«

»Das ist ein Verbrechen.«

»Ein Hauptverbrechen, ich weiß es, ein Verbrechen der Majestätsbeleidigung.«

»Porthos! armer Porthos!«

»Was soll ich machen? das Gelingen war, wie ich Euch gesagt habe, gewiß.«

»Herr Fouquet ist ein redlicher Mann.«

»Und ich bin ein Dummkopf, daß ich ihn so schlecht beurtheilt habe,« sagte Aramis. »Oh! Weisheit der Menschen, ungeheurer Mühlstein, der eine Welt zermalmt, und eines Tags durch das Sandkorn ausgehalten wird, das, man weiß nicht wie, in sein Räderwerk fällt!«

»Sagt durch einen Diamant, Aramis. Doch das Uebel ist geschehen. Was gedenkt Ihr zu thun?«

»Ich nehme Porthos mit mir. Nie wird der König glauben wollen, der würdige Mann habe unschuldig gehandelt; nie wird er glauben wollen, Porthos sei handelnd, wie er dies gethan, der Meinung gewesen, er diene dem König. Sein Kopf würde für meinen Fehler bezahlen, und das will ich nicht.«

»Wohin nehmt Ihr ihn mit?«

»Vorerst nach Belle-Isle. Das ist ein uneinnehmbarer Zufluchtsort. Dann habe ich das Meer und ein Schiff zur Ueberfahrt, entweder nach England, wo ich viele Verbindungen habe . . . «

»Ihr in England?«

»Ja, oder nach Spanien, wo ich noch mehr habe.«

»Wenn Ihr Porthos in die Verbannung führt, richtet Ihr ihn zu Grunde, denn der König wird seine Güter confisciren.«

»Es ist für Alles vorhergesehen. Einmal in Spanien, vermag ich mich mit Ludwig XIV. auszusöhnen und Porthos wieder in Gnade zu bringen.«

»Ihr habt Credit, wie ich sehe, Aramis,« sagte Athos mit einer discreten Miene.

»Viel, und er steht meinen Freunden zu Dienst, Freund Athos.«

Diese Worte wurden von einem aufrichtigen Händedruck begleitet.

»Ich danke Euch,« sprach der Graf.

»Weil wir einmal hierbei sind . . . Ihr seid auch ein Unzufriedener,« sagte Aramis, »Ihr auch, Raoul auch, Ihr habt Beschwerden gegen den König. Ahmt unser Beispiel nach. Kommt nach Belle-Isle, dann werden wir sehen. Ich garantire Euch bei meiner Ehre, daß in einem Monat der Krieg zwischen Frankreich und Spanien in Beziehung auf diesen Sohn von Ludwig XIII. ausgebrochen ist, der, auch ein Infant, unmenschlich von Frankreich gefangen gehalten wird. Und da Ludwig XIV. nicht einen Krieg aus diesem Grunde wollen wird, so verbürge ich Euch einen Vergleich, dessen Resultat Porthos und mir die Grandenwürde und Euch, der Ihr schon Grand von Spanien seid, ein Herzogthum in Frankreich geben soll. Wollt Ihr?«

»Nein; ich will lieber dem König etwas vorzuwerfen haben; es ist ein meinem Geschlechte natürlicher Stolz, daß es nach einem Vorzug vor den königlichen Geschlechtern trachtet. Thäte ich, was Ihr mir vorschlägt, so würde ich dem König zu Dank verpflichtet; ich würde dabei sicherlich aus dieser Welt gewinnen, aber ich verlöre in meinem Gewissen. Und so danke ich Euch.«

»So gebt mir zwei Dinge Athos: Eure Absolution.«

»Oh! ich gebe sie Euch, wenn Ihr wirklich den Schwachen und den Unterdrückten an dem Unterdrücker rächen wolltet.«

»Das genügt mir,« erwiederte Aramis mit einer Röthe, die sich in der Nacht verlor. »Und nun gebt mir Eure zwei besten Pferde, daß ich die zweite Post erreichen kann, da man mir solche unter dem Vorwand einer Reise verweigerte, welche Herr von Beaufort in dieser Gegend machen soll.«

»Ihr sollt meine besten Pferde bekommen, Aramis, und ich empfehle Euch Porthos.«

»Oh! seid unbesorgt. Noch ein Wort: Findet Ihr, daß ich für ihn zu Werke gehe, wie es sich geziemt?«

»Da das Uebel einmal geschehen ist, ja, denn der König würde ihm nicht vergeben, und dann habt Ihr immer, was er auch sagen mag, eine Stütze in Herrn Fouquet, welcher Euch nicht verlassen wird, da er trotz seines heldenmüthigen Zuges sehr compromittirt ist.«

»Ihr habt Recht. Darum bleibe ich, statt sogleich aus die See zu gehen, wodurch ich meine Furcht erklären und mich als schuldig bekennen würde, auf dem französischen Boden. Doch Belle-Isle wird für mich der Boden sein, wie ich ihn gerade haben will, der englische, der spanische oder der römische; das Ganze besteht für mich in der Flagge, die ich aufstecken werde.«

»Wieso?«

»Ich habe Belle-Isle befestigt, und Niemand wird Belle-Isle nehmen, wenn ich es vertheidige. Und dann ist, wie Ihr so eben gesagt habt, Herr Fouquet da. Man wird Belle-Isle nicht ohne die Unterschrift von Herr Fouquet angreifen.«

»Das ist richtig, nichtsdestoweniger seid vorsichtig. Der König ist schlau und er ist stark.«

Aramis lächelte.

»Ich empfehle Euch Porthos,« wiederholte der Graf mit einer Art von kalten Dringlichkeit.

»Graf,« erwiederte Aramis mit demselben Tone, »was aus mir werden wird, das wird auch aus unserem Bruder Porthos werden.«

Athos verbeugte sich, drückte Aramis die Hand, und umarmte dann Porthos voll Innigkeit.

»Nicht wahr, ich bin glücklich geboren?« sagte dieser entzückt, während er sich in seinen Mantel hüllte.

»Kommt, mein Liebster,« rief Aramis.

Raoul war vorangegangen, um Befehle zu geben und die Pferde satteln zu lassen.

Schon hatte sich die Gruppe getheilt. Athos sah seine zwei Freunde auf dem Punkte, wegzureiten-; etwas wie ein Nebel zog vor seinen Augen vorüber und lastete aus seinem Herzen.

»Es ist seltsam,« dachte er. »Woher kommt es, daß ich so große Lust habe, Porthos noch einmal zu umarmen?«

Porthos hatte sich gerade umgedreht, und er kam mit offenen Armen auf seinen alten Freund zu.

Dieses letzte Umfangen war zärtlich, wie in der Jugend, wie in den Zeiten, wo das Herz warm und das Leben glücklich.

Porthos stieg zu Pferde. Aramis kam auch zurück, um seine Arme noch einmal um den Hals von Athos zu schlingen.

Dieser Letztere sah sie aus der Landstraße sich im Schalten mit ihren weißen Mänteln verlängern. Zwei Gespenstern ähnlich wuchsen sie sich von der Erde entfernend, und sie verloren sich nicht im Nebel, nicht aus dem Abhange des Bodens. Am Ende der Perspective schienen sie sich Beide mit dem Fuße einen Schwung gegeben zu haben, der sie verdunstet in den Wolken verschwinden machte.

Da kehrte Athos mit gepreßtem Herzen nach seinem Hause zurück, und sprach zu Bragelonne:

»Raoul, irgend Etwas sagt mir, ich habe diese zwei Männer zum letzten Male gesehen.«

»Es wundert mich nicht, daß Ihr das denkt, mein Herr,« erwiederte der junge Mann, »denn ich habe in diesem Augenblick auch den Gedanken, daß ich die Herren du Vallon und d’Herblay nie mehr sehen werde.«

»Oh! Ihr,« versetzte der Gras, »Ihr sprecht wie ein aus einer andern Ursache betrübter Mensch; Ihr seht Alles schwarz; doch Ihr seid jung, und wenn es Euch begegnet, daß Ihr diese zwei alten Freunde nicht mehr seht, so werden sie nicht mehr aus der Welt sein, aus der Ihr noch viele Jahre zuzubringen habt. Aber ich..«

Raoul schüttelte sanft den Kopf und lehnte sich aus die Schulter des Grafen, ohne daß der eine oder der andere von ihnen mehr ein Wort in ihrem, zum Ueberströmmen vollen Herzen fand.

Plötzlich erregte ein Lärm von Pferden und Stimmen, am Ende der Straße nach Blois, ihre Aufmerksamkeit auf dieser Seite.

Fackelträger zu Pferde stießen heiter ihre Flammen an den Bäumen der Straße ab und wandten sich von Zeit zu Zeit um, um sich nicht zu weit von den Reitern, die ihnen folgten, zu entfernen.

Diese Fackeln, dieses Geräusch, dieser Staub von einem Dutzend reichgeschirrter Pferde bildeten einen seltsamen Contrast mitten in der Nacht mit dem dumpfen, unheimlichen Verschwinden der zwei Schatten von Porthos und Aramis.

Athos kehrte nach seinem Hause zurück, doch er hatte seine Schwelle noch nicht erreicht, als sich das Eingangsgitter zu entflammen schien; alle diese Fackeln hielten an und überströmten die Straße mit ihrem Feuer. Ein Ruf erscholl:

»Der Herr Herzog von Beaufort!«

Und Athos stürzte nach der Thüre.

Schon war der Herzog vom Pferde gestiegen und suchte mit seinen Augen um sich her.

»Hier bin ich, Monseigneur,« sprach Athos.

»Ei! guten Abend, lieber Graf,« erwiederte der Prinz mit jener offenen Innigkeit, die ihm alle Herzen gewann. »Ist es zu spät für einen Freund?«

»Ach! mein Prinz, tretet ein,« sagte der Graf.

Herr von Beaufort stützte sich aus den Arm von Athos, und sie traten in das Haus, gefolgt von Raoul, der ehrerbietig und bescheiden unter den Officieren des Prinzen ging, unter denen er mehrere Freunde zählte.

II.
Herr von Beaufort

Der Prinz wandte sich in dem Augenblick um, wo Raoul, um ihn mit Athos allein zu lassen, die Thüre schloß und sich anschickte, mit den Officieren in ein anstoßendes Zimmer zu gehen.

»Das ist der junge Mann, den ich vom Herrn Prinzen habe so sehr rühmen hören?« fragte Herr von Beaufort.

»Er ist es, ja, Monseigneur.«

»Er ist Soldat und nicht zu viel, behaltet ihn hier, Graf.«

»Bleibt, Raoul, da Monseigneur es erlaubt,« sagte Athos.

»Er ist nun groß und schön, bei meiner Treue!« fuhr der Herzog fort. »Werdet Ihr ihn mir geben, wenn ich ihn von. Euch verlange?«

»Wie versteht Ihr das, Monseigneur?« fragte Athos.

»Ja, ich komme hierher, um von Euch Abschied zu nehmen.«

»Abschied, Monseigneur?«

»Ja, wahrhaftig. Habt Ihr keine Idee, was aus mir werden soll.«

»Was Ihr immer gewesen seid, Monseigneur, ein tapferer Prinz, ein vortrefflicher Edelmann.«

»Ich werde ein africanischer Fürst, ein beduinischer Edelmann werden. Der König schickt mich ab, um Eroberungen unter den Arabern zu machen.«

»Was sagt Ihr da, Monseigneur?«

»Nicht wahr, das ist seltsam? Ich, der wesentliche Pariser, ich, der ich über die Vorstädte regiert habe, und den man den König der Hallen nannte, gehe von der Place Maubert zu den Minarets von Gigelli; ich werde vom Frondeur Abenteurer.«

»Oh! Monseigneur, wenn Ihr mir nicht das sagtet . . . «

»So wäre es nicht glaublich, nicht wahr? Glaubt mir jedoch und sagen wir einander Lebewohl. Das heißt wieder in Gunst kommen.«

»In Gunst?«

»Ja, Ihr lächelt? Oh! mein theurer Graf, wißt Ihr, warum ich angenommen habe. Wißt Ihr es wohl?«

»Weil Eure Hoheit den Ruhm vor Allem liebt.«

»Oh! seht Ihr, es ist nichts Rühmliches, mit der Muskete auf die Wilden zu feuern. Den Ruhm hole ich mir nicht dort, es ist wahrscheinlicher, daß ich etwas Anderes daselbst finden werde . . . Aber versteht Ihr wohl, es war und ist mein Wille, daß mein Leben diese letzte Facette nach den tausend Spiegelungen bekommen sollte, die ich mir habe seit fünfzig Jahren machen sehen. Denn Ihr werdet zugestehen, es ist ziemlich seltsam, als Königssohn geboren zu sein, mit Königen Krieg geführt, unter die Mächte des Jahrhunderts gezählt, seinen Rang gut behauptet zu haben, die Merkmale seiner Abstammung von Heinrich IV. an sich zu tragen, Großadmiral von Frankreich zu sein und sich in Gigelli, unter allen diesen Türken, Saracenen und Mauren tödten zu lassen.«

»Monseigneur, Ihr verharrt seltsam bei diesem Gegenstand,« erwiederte Athos beunruhigt. «Wie kommt Ihr auf die Vermuthung, ein so glänzendes Geschick werde sich unter diesem elenden Löschhorn verlieren?«

»Glaubt Ihr als ein gerechter und schlichter Mann, wenn ich aus diesem lächerlichen Grunde nach Africa gehe, werde ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, daraus hervorzutreten suchen? Ich werde nicht von mir sprechen machen? Habe ich, um von mir heute sprechen zu machen, heute, da es den Herrn Prinzen, Herrn von Turenne und mehrere Andere von meinen Zeitgenossen gibt, habe ich, der Admiral von Frankreich, etwas Anderes zu thun, als mich tödten zu lassen? Bei Gott! man wird davon sprechen, sage ich Euch, ich werde gegen und wider Alles getödtet werden. Geschieht es nicht dort, so wird es anderswo sein.«

»Ah! Monseigneur,« erwiederte Athos, »das ist Uebertreibung, und diese habt Ihr nur in der Tapferkeit an den Tag gelegt.«

»Teufel! lieber Freund, es ist Tapferkeit, zum Scharbock, zur rothen Ruhr, zu den Heuschrecken, zu den vergifteten Pfeilen zu gehen, wie mein Ahnherr, der heilige Ludwig. Wißt Ihr, daß diese Bursche noch vergiftete Pfeile haben? Und dann, Ihr kennt mich, ich denke seit geraumer Zeit daran, und Ihr wißt, wenn ich eine Sache will, so will ich sie ganz und gar.«

»Ihr habt aus Vincennes heraus wollen, .Monseigneur.«

»Oh! hierbei seid Ihr mir beigestanden, Meister; doch bei dieser Gelegenheit, ich wende mich um und um, ohne meinen alten Freund, Herrn Vaugrimaud, zu erblicken. Wie geht es ihm?«

»Herr Vaugrimaud ist immer noch der unterthänige Diener Eurer Hoheit,« erwiederte Athos lächelnd.

»Ich habe hier hundert Pistolen für ihn, die ich als Legat mitbringe. Mein Testament ist gemacht, Graf.«

»Ah! Hoheit! Hoheit!«

»Und Ihr begreift, wenn man Grimaud in meinem Testament fände . . . «

Der Herzog lachte; dann wandte er sich an Raoul, der seit dem Anfange des Gespräches in eine tiefe Träumerei versunken war, und sagte:

»Junger Mann, ich kenne hier einen gewissen Wein von Vouvray, glaube ich . . . «

Raoul ging hastig hinaus, um den Herzog bedienen zu lassen; während dieser Zeit nahm Herr von Beaufort Athos bei der Hand und fragte:

»Was wollt Ihr aus ihm machen?«

»Nichts für den Augenblick, Monseigneur.«

»Ah! ja ich weiß; seit der Leidenschaft des Königs für . . . la Vallière.«

»Ja, Monseigneur.«

»Es ist also dies Alles wahr? . . . Ich glaube, ich habe sie gekannt, diese kleine la Vallière. Sie ist nicht schön, wie mir scheint . . . «

»Nein, Monseigneur.«

»Wißt Ihr, an wen sie mich erinnert?«

»Sie erinnert Eure Hoheit an Jemand?«

»Sie erinnert mich an ein ziemlich angenehmes Mädchen, dessen Mutter in den Hallen wohnte.«

»Ah! ah!« machte Athos lächelnd.

»Die gute Zeit!« fügte Herr von Beaufort bei. »Ja, la Vallière erinnert mich an dieses Mädchen.«

»Das einen Sohn hatte, nicht wahr?«

»Ich glaube, ja,« erwiederte der Herzog mit einer sorglosen Naivetät, mit einem freundlichen Vergessen, dessen Ton und vocalen Werth nichts zu übersetzen vermöchte. »Nun, der arme Raoul da, er ist wohl Euer Sohn, wie?«

»Er ist mein Sohn, ja, Hoheit.«

»Der arme Junge wird vom König ausgestochen, und man schmollt ihm?«

»Noch etwas Besseres als das, Monseigneur, man enthält sich.«

»Ihr werdet diesen Jungen versauern lassen, das ist ein Unrecht. Höret, gebt ihn mir.«

»Ich will ihn behalten, Monseigneur. Ich habe nur noch ihn auf der Welt, und so lange er bleiben will . . . «

»Gut! gut!« rief der Herzog. »Ich hätte ihn Euch jedoch bald wiederhergestellt und zurecht gerichtet. Ich versichere Euch, er ist aus einem Teige gemacht, aus dem man die Marschälle von Frankreich macht, und ich habe mehr als einen aus einem ähnlichen Stoffe hervorgehen sehen.«

»Das ist möglich, Monseigneur, doch der König macht die Marschälle von Frankreich, und nie wird Raoul etwas vom König annehmen.«

Raoul unterbrach dieses Gespräch durch seine Rückkehr. Er ging Grimaud voran, dessen noch sichere Hände eine Platte mit einem Becher und einer Flasche vom Lieblingsweine des Herrn Herzogs trugen.

Als er seinen alten Günstling sah, gab der Herzog einen Ausruf der Freude von sich und sagte:

»Grimaud! Guten Abend, Grimaud, wie geht es?«

Nicht minder glücklich, als sein edler Gönner, machte der Diener eine tiefe Verbeugung.

»Zwei Freunde!« sagte der Herzog, kräftig den ehrlichen Grimaud bei der Schulter schüttelnd.

Eine zweite noch tiefere und noch freudigere Verbeugung von Grimaud.

»Was sehe ich da, Graf, ein einziger Becher!«

»Ich trinke nur mit Eurer Hoheit, wenn Monseigneur mich einladet,« erwiederte Athos mit einer edlen Bescheidenheit.

»Bei Gott! Ihr habt Recht, daß Ihr nur einen Becher bringen ließet, wir werden Beide daraus trinken, wie zwei Waffenbrüder. Ihr zuerst, Graf.«

»Habt die Gnade,« erwiederte Athos, indem er den Becher sanft zurückschob.

»Ihr seid ein reizender Freund,« sprach der Herzog. Und er trank und reichte dann den goldenen Becher seinem Gefährten. »Doch das ist nicht Alles,« fuhr er fort, »ich habe noch Durst, und will dem hübschen Jungen, der dort steht, Ehre erweisen. Ich bringe Glück, Vicomte,« sagte er zu Raoul, »wünscht Euch etwas, während Ihr aus meinem Glase trinkt, und die Pest soll mich ersticken, wenn das, was Ihr wünscht, nicht in Erfüllung geht.«

Er reichte den Becher Raoul, hastig befeuchtete dieser seine Lippen und sagte dann mit derselben Hast:

»Ich habe mir etwas gewünscht, Monseigneur.«

Seine Augen glänzten von einem düstern Feuer. Das Blut war ihm zu den Wangen gestiegen; er erschreckte Athos nur durch sein Lächeln.

»Und was habt Ihr Euch gewünscht?« fragte der Herzog, während er sich sachte in einen Lehnstuhl setzte, mit einer Hand Grimaud die Flasche und eine Börse darbot.

»Monseigneur, wollt Ihr mir versprechen, daß Ihr mir das bewilligt, was ich mir gewünscht habe?«

»Bei Gott! ich habe es gesagt.«

»Herr Herzog, ich habe mir gewünscht, mit Euch nach Gigelli ziehen zu dürfen.«

Athos erbleichte, und es gelang ihm nicht, seine Bangigkeit zu verbergen.

Der Herzog schaute seinen Freund an, als wollte er ihm diesen unvorhergesehenen Schlag pariren helfen.

»Das ist schwierig, mein lieber Vicomte . . . sehr schwierig,« fügte er ein wenig leise bei.

»Verzeiht, Monseigneur, ich bin unbescheiden gewesen,« sagte Raoul mit fester Stimme, »doch da Ihr mich selbst auffordertet, zu wünschen . . . «

»Zu wünschen, mich zu verlassen…« fiel Athos ein.

»Ah! mein Herr . . . könnt Ihr das glauben!«

»Ei! beim Gewitter!« rief der Herzog, »er hat Recht, der kleine Vicomte! was soll er hier machen? Er wird vor Kummer verfaulen!«

Raoul erröthete; der Prinz fuhr voll Leidenschaft fort:

»Der Krieg ist eine Zerstörung; man gewinnt dabei Alles, man verliert dabei nur Eines: das Leben, das ist dann schlimm.«

»Das heißt das Gedächtniß,« entgegnete lebhaft Raoul, »das ist dann gut.«

Er bereute, so rasch gesprochen zu haben, als er Athos aufstehen und das Fenster öffnen sah.

Diese Geberde verbarg ohne Zweifel eine Gemüthserschütterung. Raoul stürzte auf den Grafen zu. Doch Athos hatte sein Leid schon verschlungen, denn er erschien wieder bei den Lichtern mit einem heitern und unempfindlichen Gesicht.

»Nun!« sprach der Herzog, »laßt hören, geht er, oder geht er nicht? Geht er, Graf, so soll er mein Adjudant, mein Sohn sein.«,

»Monseigneur!« rief Raoul das Knie beugend.

»Hoheit,« rief der Gras, indem er die Hand des Herzogs ergriff, »Raoul wird thun, was er will.«

»Oh! nein, mein Herr, was Ihr wollt,« unterbrach ihn der junge Mann.

»Beim blauen Gewitter!« rief der Prinz, »weder der Graf, noch der Vicomte wird nach seinem Willen thun; ich werde nach dem meinigen handeln und nehme ihn mit. Die Marine ist eine herrliche Zukunft, mein Freund.«

Raoul lächelte abermals so traurig, daß diesmal das Herz von Athos blutete, und daß ihn dieser mit einem strengen Blick anschaute.

Raoul begriff Alles; er gewann wieder seine Ruhe und war so vorsichtig, daß ihm kein Wort mehr entschlüpfte.

Der Herzog, als er sah, daß die Stunde vorgerückt war, stand aus und sagte rasch:

»Ich habe Eile, doch wollte man mir vorwerfen, daß ich die Zeit durch Plaudern mit einem Freunde verloren, so würde ich antworten, ich habe einen guten Rekruten gemacht.«

»Verzeiht, Herr Herzog,« entgegnete Raoul, »sagt das nicht dem König, denn dem König werde ich nicht dienen.«

»Ei! mein Freund, wem wirst Du denn dienen? Es ist nicht mehr die Zeit, wo Du hättest sagen können: Ich gehöre Herrn von Beaufort. Nein, heute gehören wir Alle, Klein und Groß, dem König; darum, wenn Du auf meinem Schiffe dienst, keine Zweideutigkeit, mein lieber Vicomte, Du wirst wohl dem König dienen.«

Athos erwartete mit einer Art von Ungeduld die Antwort, welche aus diese peinliche Frage Raoul, der unlenksame Feind, der Nebenbuhler des Königs, geben würde. Der Vater hoffte, das Hinderniß würde den Wunsch zu Nichte machen. Er dankte beinahe Herrn von Beaufort, dessen Leichtsinn oder dessen edelmüthiges Ueberlegen die Abreise seines Sohnes, seiner einzigen Freude, in Zweifel gestellt hatte.

Doch immer fest und ruhig, erwiederte Raoul:

»Herr Herzog, die Einwendung, die Ihr mir gemacht, habe ich schon in meinem Geiste gelöst. Ich werde auf Euren Schiffen dienen, da Ihr mich gnädigst mitnehmen wollt, doch ich werde einem Herrn, der mächtiger ist, als der König, ich werde Gott dienen.«

»Gott! wie so?« fragten gleichzeitig Athos und der Prinz.

»Es ist meine Absicht, das Gelübde abzulegen und Malteser Ritter zu werden,« antwortete Bragelonne, der eines um das andere dieser Worte fallen ließ, welche eisiger, als die Tropfen, die von den schwarzen Bäumen nach den Winterstürmen herabträufen.

Unter diesem letzten Schlage wankte Athos, und der Prinz selbst war davon erschüttert.

Grimaud stieß einen dumpfen Seufzer aus und ließ die Flasche fallen, doch diese zerbrach aus dem Teppich, ohne daß Jemand darauf merkte.

Herr von Beaufort schaute dem jungen Mann ins Gesicht und las in seinen Zügen, obschon er die Augen niedergeschlagen hatte, das Feuer eines Entschlusses, vor dem Alles weichen mußte.

Athos kannte diese zarte und zugleich unbeugsame Seele; es war nicht seine Absicht, sie von dem verhängnißvollen Wege abzulenken, den sie sich gewählt hatte. Er drückte die Hand, die ihm der Herzog reichte.

»Graf, ich reise in zwei Tagen nach Toulon ab,« sagte Herr von Beausort. »Werdet Ihr mich in Paris aufsuchen, damit ich Euren Entschluß erfahre?«

»Ich werde die Ehre haben, Euch dort für alle Eure Güte zu danken, mein Prinz,« erwiederte der Graf.

»Und bringt mir immerhin den Vicomte mit, mag er mir folgen oder nicht folgen,« fügte der Herzog bei, »er hat mein Wort, und ich verlange von ihm nur das Eurige.«

Nachdem er so ein wenig Balsam aus die Wunde dieses väterlichen Herzens geworfen, zupfte der Herzog Grimaud, der mehr, als es natürlich ist, mit den Augen blinzelte, beim Ohr, und kehrte dann zu seinem Gefolge zurück, das ihn vor dem Hause beim Blumenbeet erwartete.

Ausgeruht und erfrischt durch diese schöne Nacht, legten die Pferde bald den Raum zwischen dem Schlosse und ihrem Herrn zurück. Athos und Bragelonne befanden sich wieder allein beisammen.

Es schlug elf Uhr.

Der Vater und der Sohn behaupteten einander gegenüber ein Stillschweigen, tu welchem jeder verständige Beobachter Schreie und Schluchzen errathen hätte.

Aber diese zwei Männer waren von einem so fest geschmiedeten Charakter, daß jede Gemüthsbewegung in ihnen aus immer verloren versank, wenn sie dieselbe in ihrem Herzen niederzudrücken beschlossen hatten.

Sie brachten also schweigsam und beinahe keuchend die Stunde zu, welche Mitternacht vorhergeht. Der Schlag der Uhr bezeichnete ihnen erst, wie viele Minuten diese schmerzliche Reise gedauert, die ihre Seelen in der Unermeßlichkeit der Erinnerungen an vergangene Zeiten und der Befürchtungen für die Zukunft gemacht hatten.

Athos stand zuerst aus und sagte:,,Es ist spät, Raoul . . . Morgen.«

Raoul stand ebenfalls aus und umarmte seinen Vater.

Dieser hielt ihn an seiner Brust zurück und sprach mit bebender Stimme:

»In zwei Tagen werdet Ihr mich also für immer verlassen haben, Raoul!«

»Mein Herr,« erwiederte der junge Mann, »ich hatte einen Plan gefaßt, den, mir das Herz mit meinem Degen zu durchbohren, doch Ihr würdet mich feige gesunden haben; ich habe aus diesen Plan verzichtet, und dann mußten wir uns verlassen.«

»Ihr verlaßt mich, indem Ihr geht, Raoul!«

»Höret mich an, Herr, ich bitte Euch. Wenn ich nicht reise, so werde ich hier vor Schmerz und Liebe sterben. Ich weiß, wie viel Zeit ich noch so zu leben habe. Schickt mich rasch von hinnen, mein Herr, oder Ihr werdet mich feige unter Euren Augen, in Eurem Hause verscheiden sehen; das ist stärker, als mein Wille, das ist stärker, als meine Kräfte; Ihr seht wohl, daß ich seit einem Monat dreißig Jahre gelebt habe, und daß ich am Ende meines Lebens bin.«

»So geht Ihr,« sprach Athos kalt, »so geht Ihr mit der Absicht, Euch in Afrika tödten zu lassen. Oh! sagt es . . . lügt nicht.«

Raoul erbleichte und schwieg zwei Secunden, welche für seinen Vater zwei Stunden des Todeskampfes waren; dann sprach er plötzlich:

»Mein Herr, ich habe gelobt, mich Gott zu weihen. Im Austausch für das Opfer, das ich ihm mit meiner Jugend und mit meiner Freiheit bringe, verlange ich nur Eines von ihm: er möge mich für Euch erhalten, da Ihr das einzige Band seid, welches mich noch an die Welt fesselt. Gott allein kann mir die Kraft geben, daß ich nicht vergesse, ich sei Euch Alles schuldig, und Nichts dürfe mir Euch vorgehen.«

Athos umarmte zärtlich seinen Sohn und sprach dann:

»Eure Erwiederung ist das Wort eines redlichen Mannes: in zwei Tagen sind wir bei Herrn von Beaufort in Paris, und Ihr werdet dann thun, was Euch zu thun zusagen mag. Ihr seid frei, Raoul! Gott befohlen!«

Raoul ging allein in den Garten hinab, wo er die Nacht in der Lindenallee zubrachte.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
2641 s. 19 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain