Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 18
Zwanzigstes Kapitel.
Der Friedhof von Castell If
Auf dem Bette sah man, seiner Länge nach gelegt und schwach durch einen nebeligen Tag beleuchtet, der durch das Fenster drang, einen Sack von grober Leinwand, unter dessen Falten sich verworren eine lange, steife Gestalt hervorhob; es war das letzte Leintuch von Faria. dieses Leintuch, welches nach den Worten der Schließer so wenig kostete. Somit war Alles vorbei; es bestand bereits eine materielle Trennung zwischen Dantes und seinem alten Freunde; er konnte diese Augen nicht mehr sehen, welche offen geblieben waren, als wollten sie über den Tod hinaus schauen; er konnte diese fleißige Hand nicht mehr drücken, welche für ihn den Schleier verborgener Dinge gelüftet hatte, Faria, der nützliche, der gute Gefährte, an den er sich mit so viel Kraft gewöhnt hatte, war nur noch in seiner Erinnerung vorhanden. Da setzte er sich oben an sein Bett und versank in düstere, bittere Sehwermuth.
Allein! er war wieder allein geworden! er war in das Stillschweigen zurückgefallen und fand sich abermals dem Nichts gegenüber. Allein, nicht einmal mehr der Anblick, nicht einmal mehr die Stimme des einzigen menschlichen Wesens, durch das er noch mit der Erde zusammenhing! War es nicht besser, auf die Gefahr, durch das finstere Thor der Leiden wandern zu müssen, hinzugehen und Gott über das Rätsel des Lebens zu befragen? Durch seinen Freund verjagt, durch dessen Gegenwart entfernt, erhob sich wieder der Gedanke des Selbstmordes wie ein Gespenst vor der Leiche von Faria.
»Wenn ich sterben könnte.« sagte er, »so ginge ich. wohin er geht, und würde ihn sicherlich finden. Aber wie sterben? Das ist sehr leicht, fuhr er lachend fort. »Ich bleibe hier, werfe mich auf den Ersten, welcher eintritt, erdrossele ihn, und man guillotinirt mich.«
Aber da bei den großen Schmerzen, wie bei den großen Stürmen der Abgrund sich zwischen den zwei Wellengipfeln findet, so wich Dantes bei dem Gedanken an diesen entehrenden Tod zurück, und ging plötzlich von seiner Verzweiflung zu einem glühenden Durste nach Leben und Freiheit über.
»Sterben! o nein! es lohnt sich nicht der Mühe, so viel gelebt, so viel gelitten zu haben, um jetzt zu sterben. Sterben! das war gut, als ich den Entschluß dazu faßte, früher, vor Jahren, doch nun hieße es wahrlich mein elendes Geschick nur zu sehr unterstützen. Nein, ich will leben; nein, ich will bis zum Ende kämpfen; nein, ich will das Glück, das man mir gestohlen hat, wiedererringen. Ich vergaß, daß ich, ehe ich sterbe, meine Henker zu bestrafen, und, wer weiß? vielleicht auch einige Freunde zu belohnen habe: aber nun vergißt man mich hier, und ich werde meinen.Kerker nur wie Faria verlassen.«
Bei diesem Worte blieb Dantes unbeweglich, die Augen starr, wie ein Mensch, der von einem Gedanken erfaßt wird, den aber dieser Gedanke erschreckt. Plötzlich stand er auf, fuhr mit der Hand nach der Stirne, als ob er den Schwindel hätte, ging einige Male in der Zelle auf und ab, und blieb dann wieder vor dem Bette stehen.
»Oh! Oh!« murmelte er, »wer schickt mir diesen Gedanken? Bist Du es, mein Gott? Da nur die Toten von hinnen ziehen, so wollen wir die Stelle der Toten einnehmen.«
Und als wollte er seinem Geiste keine Zeit lassen, diesen verzweifelten Gedanken zu zerstören, neigte er sich über den häßlichen Sack, öffnete ihn mit dem Messer, das Faria gemacht hatte, zog den Leichnam heraus, trug ihn in seine Zelle, legte ihn auf sein Bett, umwickelte seinen Kopf mit dem linnenen Fetzen, dessen er sich gewöhnlich bediente, bedeckte ihn mit seiner Decke, küßte zum letzten Male diese eisige Stirne, versuchte es, die widerspänstigen Augen zu schließen, welche durch die Abwesenheit des Geistes furchtbar anzuschauen, fortwährend offen blieben, drehte den Kopf gegen die Wand, damit der Schließer, wenn er das Abendbrot brachte, glaubte, er wäre schlafen gegangen, wie er es oft getan hatte, kehrte in die Galerie zurück, zog das Bett an die Wand, ging in das andere Zimmer, holte aus dem Schranke Nadel und Faden, warf seine Lumpen ab, damit man unter der Leinwand das nackte Fleisch fühlen würde, schlüpfte in den ausgeleerten Sack, holte die Lage, welche der Leichnam gehabt hatte, und schloß die Naht wieder von innen. Man hätte sein Herz schlagen hören können, wenn man unglücklicher Weise in diesem Augenblick eingetreten wäre.
Dantes wurde vielleicht bis nach dem Abendbesuche gewartet haben, aber er hatte bange, der Gouverneur dürfte bis dahin seinen Entschluß ändern, und man würde den Leichnam wegnehmen. Dann war seine letzte Hoffnung verloren. In jedem Fall war sein Plan nun festgestellt. Er gedachte folgender Maßen zu Werke zu gehen.
Erkannten die Totengräber unter Weges, daß sie einen Lebendigen statt eines Toten trugen, so ließ ihnen Dantes keine Zeit sich zu besinnen; mit einem kräftigen Messerschnitte öffnete er den Sack von oben bis unten, bemühte ihren Schrecken und entfloh, wollten sie ihn festnehmen, so wehrte er sich mit seinem Messer. Brachten sie ihn bis auf den Friedhof und legten sie ihn in ein Grab, so ließ er sich mit Erde bedecken; sobald hernach die Totengräber den Rücken gewendet hatten, machte er sich Raum durch die weiche Erde und entfloh. Er hoffte, das Gewicht der Erde wurde nicht zu groß sein, daß er es aufheben könnte. Tauschte er sich, war die Erde im Gegenteil zu schwer, so starb er erstickt, und desto besser: Alles war vorbei.
Dantes hatte seit dem vorhergehenden Tage nichts gegessen, am Morgen hatte er nicht an den Hunger gedacht, und er dachte noch nicht daran. Seine Lage war zu unsicher, um ihm Zeit zu gönnen, den Geist auf irgend einem andern Gedanken haften zu lassen. Die erste Gefahr, welche Dantes lief, war, daß der Schließer, wenn er um sieben Uhr sein Abendbrot brachte, die Verwechselung wahrnahm. Zum Glücke hatte Dantes aus menschenfeindlicher Laune oder aus Müdigkeit, den Schließer sehr oft im Bette liegend empfangen, und dann setzte dieser Mensch gewöhnlich sein Brot und seine Suppe auf den Tisch und entfernte sich, ohne mit ihm zu sprechen. Aber diesmal konnte der Schließer von seiner gewöhnlichen Stummheit abgehen, mit Dantes sprechen, und wenn er sah, daß dieser ihm nicht antwortete, sich dem Bette nähern und Alles entdecken.
Als sieben Uhr Abends herannahte, fing die Angst von Dantes wirklich an. An das Herz gedrückt, suchte die eine Hand dessen Schläge zurückzudrängen, während die andere den Schweiß seiner Stirne abwischte, der an den Schläfen herabrieselte, zuweilen durchlief ein Schauer seinen ganzen Körper und presste ihm das Herz wie in einem eisigen Schraubstocke zusammen. Dann glaubte er, er würde sterben. Die Stunden verliefen ohne eine Bewegung im Castell herbeizuführen und Dantes begriff, daß er dieser ersten Gefahr entgangen war. Das galt als ein gutes Vorzeichen. Zu der von dem Gouverneur bestimmten Stunde ließen sich endlich Tritte auf der Treppe hören. Edmond sah ein, daß der Augenblick gekommen war, raffte seinen ganzen Mut zusammen, und hielt den Atem an sich . . . glücklich, wenn er zu gleicher Zeit und wie diesen die hastigen Pulsschläge seiner Arterien hätte zurück halten können.
Man blieb an der Thüre stehen; der Tritt war doppelt, Dantes erriet, daß es die zwei Totengräber waren, welche ihn holen sollten, diese Mutmaßung verwandelte sich in Gewißheit, als er das Geräusch hörte, das sie beim Niederstellen der Tragbahre machten. Die Thüre öffnete sich, ein verschleiertes Licht drang zu den Augen von Dantes; durch die Leinwand, die ihn bedeckte, sah er, wie sich zwei Schatten seinem Bette näherten. Ein dritter blieb eine Stocklaterne in der Hand haltend an der Thüre. Jeder von den beiden Männern, welche sich dem Bette genähert hatten, faßte den Sack an einem von seinen Enden.
»Der ist noch schwer für einen so magern Greis,« sagte einer von ihnen, indem er ihn beim Kopfe aufhob.
»Man sagt, ein jedes Jahr füge ein halbes Pfund dem Gewichte der Knochen bei,« sprach der Andere, und faßte ihn bei den Füßen.
»Haft Du Deinen Knoten gemacht?« fragte der Erste.
»Es wäre sehr dumm, wenn wir uns eine unnütze Last aufladen würden,« erwiderte der Zweite, »ich werde ihn unten machen.«
»Du hast Recht, vorwärts!«
»Warum einen Knoten?« fragte sich Dantes.
Man legte den vermeintlichen Toten vom Bette auf die Tragbahre; Edmond machte sich steif, um die Rolle des Hingeschiedenen besser zu spielen, und beleuchtet von dem Manne mit der Stocklaterne, welcher voraus ging, marschierte der Zug die Treppe hinab. Plötzlich überströmte Edmond die frische, scharfe Nachtluft. Dantes erkannte den Mistral4. Es war eine rasche Empfindung, zugleich voll Wonne und Angst. Die Träger machten ungefähr zwanzig Schritte, dann blieben sie stille stehen und setzten die Tragbahre auf die Erde. Einer von den Trägern entfernte sich und Dantes hörte seine Schuhe auf den Platten dröhnen.
»Wo bin ich denn?« fragte er sich,
»Weißt Du, daß er gar nicht leicht ist?« sagte derjenige, welcher bei Dantes geblieben warf und setzte sich auf den Rand der Tragbahre.
Der erste Gedanke von Dantes war, sich zu entfernen; zum Glück hielt er an sich.
»Leuchte mir doch, Tier,« sprach derjenige von den zwei Trägern, welcher weggegangen war, »oder ich finde nimmermehr, was ich suche.«
Der Mann mit der Stocklaterne gehorchte diesem Befehle, obgleich er, wie man gesehen, in wenig höflichen Worten gegeben wurde.
»Was sucht er denn?« fragte sich Dantes, »vermuthlich einen Spaten.«
Ein Ausruf der Zufriedenheit deutete am daß der Totengräber gefunden hatte, was er suchte.
»Endlich,« sagte der Andere, »das kostete Mühe.«
»Ja, aber er wird beim Warten nichts verloren haben.«
Bei diesen Worten näherte er sich Edmond, der einen schweren schallenden Körper neben sich niederlegen hörte; zu gleicher Zeit umgab ein Strick mit einem schmerzhaften Drucke seine Füße.«
»Nun, ist der Knoten gemacht?« fragte derjenige von den Totengräbern, welcher unthäthig geblieben war.
»Und zwar gut gemacht,« erwiderte der Andere, »dafür stehe ich Dir.«
»Also vorwärts!«
»Und die Tragbahre wurde wieder aufgehoben und fortgeschleppt.
Man machte ungefähr fünfzig Schritte, blieb abermals stehen, um eine Thüre zu öffnen, und setzte sich dann wieder in Marsch, das Tosen der Wellen, welche sich an den Felsen brachen, worauf das Castell gebaut ist, gelangte immer deutlicher zu dem Ohre von Dantes, je mehr man vorrückte.
»Schlimmes Wetter!« sagte einer von den Trägern, »es wird diese Nacht nicht gut in der See sein.«
»Ja, der Abbé? läuft große Gefahr, naß zu werden,« sprach der Andere.
Und sie brachen in ein schallendes Gelächter aus.
Dantes verstand den Scherz nicht, aber seine Haare sträubten sich nichtsdestoweniger auf seinem Haupte.
»Gut! wir sind an Ort und Stelle,« sagte der Erste.
»Weiter, weiter,« rief der Andere; »Du weißt wohl, daß der Letzte auf dem Wege geblieben und an den Felsen zerschellt ist, und daß uns der Gouverneur am andern Tage gesagt hat, wir wären Taugenichtse.«
Man machte, beständig steigend, noch fünf bis sechs Schritte, dann fühlte Dantes, daß man ihn beim Kopfe und bei den Füßen nahm und schaukelte.
»Eins!« sprachen die Totengräber, »zwei drei!«
Zu gleicher Zeit fühlte sich Dantes wirklich in einen ungeheuren leeren Raum geschleudert; er durchschnitt die Luft wie ein verwundeter Vogel und fiel fortwährend mit einem Schrecken, der ihm das Herz vereiste. Obgleich durch ein Ding hinabgezogen, das seinen raschen Flug noch beschleunigte, kam es ihm doch vor, als währte sein Sturz ein Jahrhundert. Endlich schoß er mit einem furchtbaren Getöse wie ein Pfeil in das kalte Waffen das ihm einem in demselben Augenblick durch das Eintauchen unterdrückten, Schrei auspreßte.
Dantes war in das Meer geschleudert worden, in dessen Tiefe ihn eine an seine Füße gebundene Kugel von sechs und dreißig Pfund hinabzog. Das Meer ist der Friedhof vom Castell If.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Insel Tiboulen
Betäubt; beinahe erstickt, hatte Dantes noch die Geistesgegenwart, seinen Atem zurückzuhalten, und da seine rechte Hand, für alle Fälle bereit, sein Messer geöffnet hielt, so schlitzte er rasch den Sack auf und streckte zuerst den Arm und dann den.Kopf heraus; nun aber fühlte er sich, trotz seiner Bewegungen, um die Kugel aufzuheben, fortwährend hinabgezogen; da bückte er sich, suchte den Strich welcher deine Beine zusammenhielt, und durchschnitt diesen mit einer äußersten Anstrengung gerade in dem Augenblick ab, wo er ersticken sollte. Hierauf stieg er mittelst eines kräftigen Fußstoßes frei auf die Oberfläche des Meeres, während die.Kugel in unbekannte Tiefen das grobe Gewebe hinabzog, welches ihm zum Leichentuche hatte dienen sollen. Dantes nahm sich nur Zeit, um Atem zu holen, und tauchte um zweiten Male unter, denn es mußte seine erste Vorsichtsmaßregel sein die Blicke zu vermeiden.
Als er zum zweiten Male erschien, war er bereits wenigstens fünfzig Schritte vom Orte seines Sturzes entfernt; er sah über seinem Haupte einen schwarzen stürmischen Himmel, an dessen Oberfläche der Wind eilige Wolken hinpeitschte, während zuweilen ein Azurwinkel entblößt wurde, auf welchem ein Stern hervortrat. Vor ihm dehnte sich die düstere, tosende Fläche aus, deren Wogen wie beim Herannahen eines Sturmes zu brodeln anfingen, während hinter ihm; schwärzer als das Meer, schwärzer als der Himmel, einem drohenden Gespenste ähnlich; der Granitriese sich erhob, dessen Spitze wie ein Arm anzuschauen war, der sich ausstreckte, um seine Beute wieder zu fassen. Auf dem höchsten Felsen erblickte er eine Stocklaterne, welche zwei Schatten beleuchtete. Es kam ihm vor, als neigten sich diese zwei Schatten unruhig zum Meere herab. Die seltsamen Totengräber mußten wirklich den Schrei gehört haben den er den Raum durchschneidend ausstieß. Dantes tauchte abermals unter und machte eine ziemlich lange Fahrt unter dem Wasser, dieses Manoeuvre war ihm einst eigenthümlich und versammelte gewöhnlich in der Bucht des Pharo zahlreiche Bewunderer um ihn, welche ihn sehr oft für den geschicktesten Schwimmer von Marseille erklärten.
Als er wieder auf die Oberfläche des Wassers kam, war die Stocklaterne verschwunden. Er mußte sich orientieren. Von allen Inseln welche das Schloß If umgeben, sind Ratonneau und Pomègue die nächsten, aber Ratonneau und Pomègue sind bewohnt; ebenso ist es mit der kleinen Insel Daume. Die sicherste Insel war also Tiboulen oder Lemaire. Die Inseln Tiboulen oder Lemaire sind eine starke Stunde von Castell If entfernt. Dantes beschloß nichtsdestoweniger eine von diesen beiden Inseln zu erreichen. Aber wie sie mitten in der Nacht finden, welche sich immer mehr um ihn her verdichtete? In diesem Augenblick sah er wie einen Stern den Leuchtturm von Planir. Wenn er sich gerade gegen diesen Leuchtturm wandte, ließ er die Insel Tiboulen etwas links, er mußte also die Insel auf seinem Wege finden, wenn er etwas links schwamm. Doch es war, wie gesagt, wenigstens eine starke Stunde von dem Castell If nach dieser Insel.
Im Gefängnisse wiederholte Faria oft dem jungen Manne, wenn er ihn niedergeschlagen und träge sah, »Dantes, geben Sie sich nicht dieser Verweichlichung hin, Sie werden ertrinken, wenn Sie die Flucht versuchen und Ihre Kräfte sind nicht erhalten worden.« Unter der schweren, bitteren Welle tönte dieses Wort an das Ohr von Dantes, er beeilte sich aufzusteigen und die Wellen zu durchschneiden, um zu sehen, ob er wirklich seine Kräfte nicht verloren hätte: mit Freuden sah er, daß ihm seine gezwungene Untätigkeit nichts von seiner Macht und Behändigkeit genommen, und er fühlte, daß er noch Herr des Elementes war, an dem er sich schon als ein kleines Kind ergötzt hatte. Die Furcht, diese rasche Verfolgerin, verdoppeln überdies die Kräfte von Dantes. Auf die Höhe der Wellen geneigt, horchte er, ob kein Geräusch zu ihm drang. So oft er sich auf die Spitze einer Wege erhob, umfaßte sein rascher Blick den sichtbaren Horizont und suchte in die dicke Finsternis zu tauchen. Jede Welle, welche etwas höher war, als die andern, schien ihm eine zu seiner Verfolgung ausgeschickte Barke zu fein; dann verdoppelte er seine Anstrengungen, die ihn allerdings entfernten, aber durch Wiederholung rasch seine Kräfte aufzehrten.
Er schwamm jedoch! und bereits war das furchtbare Schloß etwas in dem nächtlichen Dunste verschmolzen. Er konnte es nicht mehr unterscheiden, fühlte es aber immer noch. Es verging eine Stunde, während welcher Dantes begeistert durch das Gefühl der Freiheit, das sich seiner ganzen Person bemächtigt hatte, die Wellen in der Richtung, die er gewählt, zu durchschneiden fortfuhr.
»Nun schwimme ich bald eine Stunde,« sagte er zu sich selbst, »doch da mir der Wind entgegen bläst, mußte ich eine Viertelstunde von meiner Geschwindigkeit verlieren. Ich kann indessen, wenn ich mich nicht in der Richtung getäuscht habe, jetzt nicht mehr fern von der Insel Tiboulen sein. Wenn ich mich aber getäuscht hätte!«
Ein Schauer durchlief den Körper des Schwimmers. Er suchte sich einen Augenblick auf den Rücken zu legen, um auszuruhen, aber das Meer wurde immer heftiger, und er fühlte, daß dieses Erleichterungsmittel, auf welches er gerechnet hattet unmöglich war.
»Nun wohl!« sagte er: »ich werde bis zum Ende fortfahren, bis meine Arme nachlassen, bis meine Beine erstarren, bis Krämpfe sich meines Körpers bemächtigen, und dann sinke ich auf den Grund.«
Und er schwamm wieder mit der Kraft und dem Antriebe der Verzweiflung. Plötzlich kam es ihm vor als ob der bereits dunkele Himmel sich noch mehr verdüsterte, und als ob eine dichte, schwere, gedrängte Wolke sich auf ihn herabsenkte. Zu gleicher Zeit fühlte er einen heftigen Schmerz am Knie. Die Einbildung mit ihrer unberechenbaren Geschwindigkeit sagte ihm nun, es wäre der Schlag einer Kugel, und er würde sogleich den Knall eines Flintenschusses hören, aber der Knall ertönte nicht; Dantes streckte die Hand aus und fühlte einen Widerstand. Er zog sein anderes Bein an sich und berührte die Erde. Nun sah er, was der Gegenstand war, den er für eine Wolke gehalten hatte. Zwanzig Schritte von ihm erhob sich eine Felsenmasse von so bizarren Formen, daß man sie hätte für einen mitten in seinem glühendsten Brande versteinerten Herd halten können. Es war die Insel Tiboulen.
Dantes erhob sich, machte ein paar Schritte vorwärts, und streckte sich aus, Gott auf den Granitspitzen dankend, welche ihm zu dieser Stunde weicher schienen, als ihm je das weichste Bett vorgekommen war. Dann entschlummerte er, trotz des Windes, trotz des Sturmes, trotz des Regens, welcher zu fallen anfing, völlig gerädert durch die Anstrengung, zu jenem köstlichen Schlummer des Menschen, dem der Körper erstarrt, dessen Seele aber mit dem Bewußtsein eines unerwarteten Glückes fortglüht. Nach einer Stunde erwachte Edmond wieder unter dem ungeheuren krachen eines Donners; der Sturm war im Raume entfesselt und peitschte die Luft mit seinem geräuschvollen Flügelschlage. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Blitz wie eine Feuerschlange vom Himmel herab und beleuchtete die Wellen und die Wolken, welche vor einander herrollten, wie die Wogen eines unermeßlichen Chaos.
Dantes hatte sich mit seinem Seemannsblicke nicht getäuscht: er hatte an der ersten von den zwei Inseln gelandet; welche wirklich Tiboulen ist; er wußte, daß sie kahl und öde war und nicht den geringsten Zufluchtsort bot. Wenn sich aber der Sturm gelegt hätte; würde er sich wieder in die See werfen und nach der; zwar ebenfalls unfruchtbaren; aber viel größeren und folglich gastlicheren Insel Lemaire schwimmen. Ein überhängender Felsen bot Dantes einen augenblicklichen Schutz; er flüchtete sich darunter; und beinahe gleichzeitig brach der Sturm in seiner ganzen Wut los. Edmond fühlte, wie der Fels zitterte, der ihn beschirmte; an der Base der riesigen Pyramide sich brechend; sprangen die Wellen bis zu ihm zurück. Obgleich in Sicherheit, wurde er unter diesem furchtbaren Tosen; unter diesen blendenden Blitzen von einer Art von Schwindel ergriffen; es kam ihm vor, als bebte die Insel unter ihm und würde jeden Augenblick, wie ein vor Anker liegendes Schiff; sein Kabeltau zerreißen und ihn in den ungeheuren Strudel fortziehen. Nun erinnerte er sich; daß er seit vier und zwanzig Stunden nichts gegessen; er hatte Hunger; er hatte Durst. Dantes streckte die Hände und den Kopf aus; und trank das Wasser des Sturmes aus der Höhlung des Felsen.
Als er sich erhob; beleuchtete ein Blitz, der den Himmel bis zu dem Fuße des blendenden Thrones von Gott zu öffnen schien, den weiten Raum. Bei dem Schimmer dieses Blitzes sah Dantes; zwischen der Insel Lemaire und dem Cap Croiselle; eine Viertelstunde von sich entfernt; wie ein von der Höhe einer Welle in den Abgrund geleitetes Gespenst, ein kleines Fischerfahrzeug erscheinen; das zugleich vom Sturme und der Woge fortgetragen wurde. Eine Sekunde nachher erschien das Gespenst; mit furchtbarer Geschwindigkeit sich nähernd, auf dem Gipfel einer zweiten Welle, Dantes wollte schreien; er suchte einen Fetzen Leinwand; den er in der Luft flattern lassen könnte; um ihnen anzudeuten; daß sie ihrem Verderben entgegen gingen; aber sie sahen es wohl selbst. Bei dem Schimmer eines andern Blitzes gewahrte der junge Mann vier an den Matten und Stangen angeklammerte Männer; ein fünfter hielt sich an der Stange des zerbrochenen Steuerruders. Diese Männer, welche er sah, sahen ihn wohl ebenfalls, denn verzweiflungsvolles Geschrei, von den pfeifenden Windspitzen fortgetragen, drang an sein Ohr. Über dem wie ein Rohr gekrümmten Maste flatterte ein Segel in Fetzen. Plötzlich brachen die Bande, welche es noch zurück hielten, und es verschwand, fortgerissen in den dunkeln Tiefen des Himmels, wie jene großen weißen Vögel, die sich auf den schwarzen Wolken hervorheben.
Zu gleicher Zeit vernahm man ein furchtbares Krachen, Todesgeschrei gelangte zu Dantes. Wie ein Sphinx an seinen Felsen geklammert, von wo er hinausschaute in die Sturmfluth, zeigte ihm der Blitz das zerschellte kleine Fahrzeuge und unter den Trümmern Köpfe mit verzweifeltem Gesicht und Arme zum Himmel emporgestreckt. Dann versank Alles in Nacht; das furchtbare Schauspiel hatte die Dauer des Blitzes gehabt.
Dantes stürzte nach dem schlüpfrigen Abhang des Felsen, auf die Gefahr, selbst in die See zu rollen. Er schaute, er horchte, aber er hörte und sah nichts mehr: kein Geschrei, keine Anstrengung eines Menschen mehr, der Sturm allein, diese große Sache Gottes, fuhr fort mit den Winden zu brüllen und mit den Wellen zu schäumen. Nach und nach legte sich der Wind, der Himmel wälzte gegen Westen große graue, durch den Sturm gleichsam entfärbte Wolken; das Azur erschien wieder mit Sternen, welche heller funkelten als je, bald zeigte gegen Osten ein langer röthlicher Streifen am Horizont schwarzblaue Wellenlinien, die Wogen sprangen, ein rascher Schimmer lief über ihre Höhe hin und verwandelte ihre schäumenden Gipfel in eine Goldmähne. Es war der Tag.
Dantes blieb unbeweglich und stumm vor diesem großen Schauspiel, als, erblickte er es zum ersten Male, er hatte es in der Tat seit der Zeit, die er im Castell If war, vergessen. Sich nach der Festung umwendend, befragte er mit einem Kreisblicke zugleich das Land und das Meer. Das düstere Gebäude trat aus dem Schooße der Wellen mit der eindrucksvollen Majestät der unbeweglichen Dinge hervor, welche zugleich zu bewachen und zu befehlen scheinen. Es mochte ungefähr fünf Uhr sein; das Meer beruhigte sich immer mehr. »In zwei bis drei Stunden,« sagte Edmond zu sich selbst. »wird der Schließer in mein Zimmer kommen, den Leichnam meines armen Freundes finden, ihn erkennen, mich vergebens suchen und Lärm machen. Dann wird man das Loch, die Galerie finden; man wird die Menschen befragen, welche mich in das Meer geschleudert und den Schrei, den ich ausstieß, hören mußten. Sobald die Barken mit bewaffneten Soldaten gefüllt sind, werden sie dem unglücklichen Flüchtling nachsetzen, da man wohl weiß, daß er nicht fern sein kann. Die Kanone wird die ganze Küste benachrichtigen, daß sie einem Menschen, den man umherirrend, nackt und ausgehungert finden werde, keine Zufluchtsstätte geben soll. Die Spione und Alguazils werden in Kenntnis gesetzt und durchstreifen die Küste, während der Gouverneur der Insel If das Meer durchstreift. Umstellt auf dem Wasser, abgeschnitten auf dem Lande, was soll dann aus mir werden? Ich hungere, ich friere, ich habe Alles bis auf das rettende Messer, das mir im Schwimmen hinderlich war, weggeworfen; ich bin der Gnade des nächsten Bauern preisgegeben, der gern durch meine Auslieferung zwanzig Franken verdienen möchte; ich habe weder mehr Kraft, noch einen Gedanken, noch Entschlossenheit. Oh! mein Gott! mein Gott! Siehe, ob ich genug gelitten habe, und ob Du für mich mehr tun kannst, als ich selbst für mich zu tun vermag.«
In dem Augenblick, wo Edmond in einer Art von Delirium, veranlaßt durch die Erschöpfung seiner Kräfte und die Leere seines Gehirns, angstvoll dem Schlosse If zugewendet, dieses glühende Gebet sprach, sah er an der Spitze der Insel Pomègue; sein lateinisches Segel vom Horizont abhebend, und wie eine Möwe, welche die Wellen kreisend einherfliegt, ein kleines Fahrzeug erscheinen, in welchem nur das Auge eines Seemanns eine genuesische Tartane auf der noch dunkeln Linie des Meeres zu erkennen vermochte. Sie kam aus dem Hafen von Marseille und gewann die Höhe; indem sie den funkelnden Schaum vor dem scharfen Vorderteil hertrieb; das ihren runden Seiten eine leichtere Bahn öffnete.
»Oh!« rief Edmond; »wenn ich bedenke, daß ich in einer halben Stunde dieses Schiff erreicht hätte, befürchtete ich nicht, befragt, für einen Flüchtling erkannt und nach Marseille zurückgeführt zu werden! Was soll ich tun? was soll ich sagen? welche Fabel soll ich erfinden, von der sie bethört werden dürften? Diese Leute sind insgesamt Schleichhändler, Halbpiraten. Unter dem Vorwande der Küstenfahrerei treiben sie Seeräuberei; sie werden mich lieber verkaufen; als eine unfruchtbare, wenn auch gute Handlung ausführen, Wir wollen warten . . . Doch das Warten ist etwas Unmögliches; ich sterbe vor Hunger; in ein paar Stunden wird das Wenige, was mir von Kraft übrig geblieben ist; vollends verschwunden sein; überdies naht die Stunde des Besuches, man hat noch nicht Lärm gemacht, vielleicht wird man nichts vermuten, ich kann mich für einen von den Matrosen des kleinen Schiffes ausgeben, das in dieser Nacht gescheitert ist, dieser Fabel wird es nicht an Wahrscheinlichkeit gebrechen. Keiner wird zurückkehren, um mir zu widersprechen, denn das Meer hat sie insgesamt verschlungen.«.
Während Dantes diese Worte sprach, wandte er die Augen nach der Stelle, wo das kleine Schiff zerschellt war, und bebte. An dem Rande eines Felsen war die phrygische Mütze von einem der schiffbrüchigen Matrosen hängen geblieben, und’ nahe dabei schwammen einige Trümmer vom Kiel. träge Balken, die das Meer an die Base der Insel warf, an welche sie wie ohnmächtige Widder stießen.
Der Entschluß von Dantes war auf der Stelle gefaßt, er warf sich in die See, schwamm nach der Mütze, bedeckte sich den Kopf damit, ergriff einen von den Balken. und wandte sich, um in die Linie zugelangen, welche das Schiff verfolgen mußte.
»Nun bin ich gerettet.« murmelte er.
Und diese Überzeugung, verlieh ihm wieder seine Kräfte. Bald erblickte er die Tartane, welche, da sie widrigen Wind hatte, zwischen dem Schlosse If und dem Thurme von Planir lavierte. Dantes befürchtete einen Augenblick, das kleine Schiff könnte statt sich an der Küste zu halten, in die offene See gehen, wie es dasselbe zum Beispiel getan hätte, wenn Corsica oder Sardinien seine Bestimmung gewesen wäre; aber an der Art und Weise, wie es manoeuvrirte, erkannte der Schwimmer, daß es, nach der Gewohnheit der Schiffe, welche nach Italien gehen, zwischen der Insel Jaros und der Insel Calasareigne durchzufahren wünschte.
Indessen näherten sich das Schiff und der Schwimmer einander unmerklich; bei einem seiner Schläge kam sogar das kleine Fahrzeug auf eine Viertelstunde zu Dantes. Da erhob er sich auf den Wellen und bewegte seine Mütze als Notzeichen, aber Niemand bemerkte ihn auf dem Schiffe, welches schwankte und einen neuen Schlag begann. Dantes gedachte zu rufen, er maß jedoch mit dem Auge die Entfernung und sah ein, daß seine Stimme, zum Voraus weggetragen und bedeckt von dem Seewind und dem Geräusche, der Wellen, nicht bis zu dem Schiffe gelangen würde. Er wünschte sich nun Glück, daß er so vorsichtig gewesen, sich auf einem Balken auszustrecken, Geschwächt, wie er war, hätte er sich vielleicht nicht auf dem Meere halten können, bis er die Tartane, erreicht haben würde, und fuhr die Tartane vorüber, ohne ihn zu sehen, was im Reiche der Möglichkeit lag, so wäre er nicht im Stande gewesen, die Küste wieder zu erreichen. Obgleich des Weges beinahe gewiss, den das Schiff verfolgte, begleitete es Dantes doch mit seinen Augen in einer gewissen Angst bis zu der Minute, wo es umlegte und zu ihm zurückkam; dann schwamm er ihm entgegen; aber ehe sie zusammentrafen, fing das Schiff an umzudrehen. Sogleich erhob sich Dantes mit einer äußersten Anstrengung, daß er beinahe auf dem Wasser stand, bewegte seine Mütze in der Luft und gab einen von jenen kläglichen Schreien von sich, wie die Seeleute in der Not ausstoßen, und die eines Meergeistes Klage zu fein scheinen.
Diesmal hörte und sah man ihn. Die Tartane unterbrach ihr Manoeuvre und drehte ihr Vorderteil nach seiner Seite; zu gleicher Zeit bemerkte er, daß man eine Schaluppe in das Meer zu setzen sich anschickte. Einen Augenblick nachher wandte sich die Schaluppe, mit zwei Matrosen bemannt und das Meer mit seinem doppelten Ruder peitschend gegen ihn. Dantes ließ nun den Balken los, dessen er nicht mehr zu bedürfen glaubte, und schwamm kräftig, um denjenigen, welche ihm entgegenkamen, den halben Weg zu ersparen. Der Schwimmer hatte indessen auf beinahe mangelnde Kräfte gerechnet; er fühlte nun, von welchem Nutzen ihm das Stück Holz gewesen wäre, das bereits träge hundert Schritte von ihm schwamm. Seine Augen fingen an steif zu werden, seine Beine hatten ihre Biegsamkeit verloren, seine Bewegungen wurden hart und gestoßen, seine Brust keuchte.
Er stieß einen zweiten Schrei aus, die Ruderer verdoppelten ihre Thätigkeit, und einer von ihnen rief ihm italienisch: »Mut!« zu. Das Wort drang in dem Augenblick zu ihm, wo eine Woge, die er zu überwältigen nicht mehr Kraft hatte, über seinem.Kopfe hinging und ihn mit Schaum bedeckte.
