Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 21
»Ach!« sagte Edmond zu sich selbst, »das sind ohne Zweifel die Schätze, welche der Cardinal übrig gelassen hat und der gute Abbé wird sich, als er im Traume diese glänzenden Wände erblickte, mit seinen reichen Hoffnungen unterhalten haben!«
Aber Dantes erinnerte sich der Worte den Testaments, das er auswendig wußte: »Ja der entferntesten Ecke der zweiten Öffnung,« sagte das Testament.
Dantes war aber nur in die erste Grotte gedrungen und mußte nun den Eingang in die zweite suchen.
Dantes erforschte die Örtlichkeit. Diese zweite Grotte mußte sich natürlich in das Innere der Insel vertiefen. Er untersuchte die Steinlagen und schlug an eine von den Wänden, welche ihm diejenige zu sein schien, wo die ohne Zweifel mit, großer Vorsicht markierte Öffnung sich finden mußte. Die Haue wiederhallte einen Augenblick und entlockte dem Felsen einen matten Ton, dessen Dichtigkeit den Schweiß auf der Stirne von Dantes perlen machte. Endlich kam es dem beharrlichen Gräber vor, als ob ein Teil der Granitmauer durch ein dumpferes, tieferes Echo den Ruf, der an sie erging, erwiderte. Er näherte seinen glühenden Blick der Wand und erkannte mit dem Takt den Gefangenen, was vielleicht kein Anderer erkannt hätte: nämlich daß hier eine Öffnung sein musste. Um sich jedoch keinen unnötige Arbeit zu machen, untersuchte Dantes, der wie Cäesare Borgia den Wert der Zeit ergründet hatte, die anderen Wände mit seiner Haue, befragte den Boden mit dem Schafte seiner Flinte, öffnete den Sand an verdächtigen Stellen, und kehrte, als er nichts fand, nichts erkannte, in demjenigen Teil der Wand zurück, welcher den tröstlichen Ton von sich gab. Hier mußte er wühlen.
Je mehr Beweise, daß Faria sich nicht getäuscht hatte, durch ihre Anhäufung Dantes beruhigen mußten, desto mehr gab sich sein schwaches Herz in Folge eines Geheinmisses der menschlichen Organisation dem Zweifel und beinahe der Entmutigung hin. Diese neue Erfahrung, welche ihm eine neue Kraft hätte Verleihen sollen, benahm ihm die Kraft, die ihm noch geblieben war; die Haue entfiel beinahe seinen Händen, er legte sie auf den Bodem trocknete sich die Stirne ab und stieg wieder an das Tageslicht hinauf, wobei er sich selbst den Vorwand gab, er wolle nachsehen, ob ihn Niemand bespähe, in Wirklichkeit aber, weil er der Luft bedurfte, weil er fühlte, daß er einer Ohnmacht nahe war.
Die Insel war öde und die Sonne, in ihrem Zenith, schien sie mit ihrem Feuerauge zu bedecken; in der Ferne öffneten kleine Fischerbarken ihre Flügel auf dem saphirblauen Meere. Dantes hatte noch nichts zu sich genommen, aber das Essen währte in einem solchen Augenblick viel zu lange; er goß sich einen Schluck Rhum in den Mund und kehrte mit befestigtem Herzen in die Grotte zurück. Die Haue, welche ihm schwer gedünkt hatte, war wieder leicht geworden; er hob sie auf, wie er es mit einer Feder getan hätte und ging kräftig an die Arbeit. Nach einigen Schlägen bemerkte er, daß die Steine nicht fest gemauert, sondern nur über einander gelegt und mit einem Anwurf bedeckt waren; Edmond steckte in eine von den Spalten das Eisen der Haue, drückte auf den Stiel und sah zu seiner großen Freude den Stein wie auf Angeln rollen und zu seinen Füssen fallen. Nun hatte Dantes nur noch jeden Stein mit dem eisernen Zahn der Haue an sich zu ziehen, und einer nach dein andern rollte zu dem ersten.
Sobald eine Öffnung gemacht war, hätte Dantes eintreten können, aber einige Augenblicke zögern hieß an die Hoffnung sich anklammernd die Gewißheit verzögern. Endlich ging Dantes von der ersten Grotte in die zweite.
Die zweite Grotte war niedriger, düsterer und furchtbarer anzuschauen, als die erste. Die Luft, welche nur durch die so eben gemachte Öffnung eindrang, war von dem mephitischen Geruche geschwängert, welchen Dantes zu seinem Erstaunen in der ersten nicht gefunden hatte. Dantes ließ der äußeren Luft Zeit, diese tote Atmosphäre wiederzubeleben, und trat dann ein. Links von der Öffnung war eine tiefe finstere Ecke, doch für das Auge von Dantes gab es, wie gesagt keine Finsternis. Er untersuchte mit dem Blicke die zweite Grotte: sie war leer wie die erste. Der Schatz, wenn er bestand, war in der düsteren Ecke vergraben.
Die Stunde der Angst war gekommene zwei Fuß Erde zu durchwühlen, das war Alles, was Dantes zwischen der höchsten Freude und der höchsten Verzweiflung blieb. Er schritt gegen die Ecke vor und griff, wie von einem plötzlichen Entschluß erfaßt, den Boden kühn an. Bei dem fünften oder sechsten Hiebe erscholl das Eisen auf Eisen. Nie brachte eine Totenglocke eine solche Wirkung auf denjenigen, welcher sie hörte, hervor. Hätte Dantes nichts gefunden, er wäre sicherlich nicht bleicher geworden. Er untersuchte neben der Stelle, wo er bereits untersucht hatte, und fand denselben Widerstand, aber nicht denselben Ton.
»Es ist eine hölzerne Kiste mit eisernen Reife,« sagte er.
In diesem Augenblick zog ein rascher Schatten, das Licht abschneidend, vorüber. Dantes ließ seine Haue fallen, ergriff seine Flinte schlüpfte durch die Öffnung und stürzte an den Tag hinaus. Eine wilde Ziege war über den ersten Eingang der Grotte gesprungen, und weidete einige Schritte von da. Sie bot eine schöne Gelegenheit, sich sein Mittagsmahl zu sichern, aber Dantes befürchtete, der Knall der Flinte könnte Jemand herbeiziehen. Er dachte einen Augenblick nach, schnitt einen harzigen Baum ab, entzündete ihn an dem noch rauchenden Feuer, woran die Schmuggler ihr Frühstück bereitet hatten, und kehrte mit dieser Fackel zurück. Er wollte nicht den geringsten Umstand von dem, was er sehen würde, verlieren.
Dantes näherte die Fackel dem ungestalten, unvollendeten Loche und erkannte, daß er sich nicht getäuscht hatte. Seine Streiche hatten abwechselnd auf das Eisen und auf das Holz getroffen. Er steckte seine Fackel in die Erde und ging wieder an das Werk. In einem Augenblick war eine Stelle drei Fuß lang und ungefähr zwei Fuß breit abgeräumt, und Dantes vermochte eine Kiste zu erkennen, welche mit Reifen von ziseliertem Eisen umlegt war. In der Mitte des Deckels glänzte auf einer silbernen Platte, welche die Erde nicht hatte trüben können, das Wappen der Familie Spada, nämlich ein Schwert über einen Pfahl gelegt auf einem ovalen Wappenschild, wie die italienischen Schilde überhaupt sind, und darüber ein Cardinalshut. Dantes erkannte es leicht, der Abbé Faria hatte ihm dasselbe so oft gezeichnet. Nun gab es keinen Zweifel mehr, der Schatz war hier; man hätte nicht so viele Vorsichtsmaßregeln getroffen, um an diesen Platz eine leere Kiste zu bringen.
In einem Augenblick war die ganze Umgebung der Kiste abgeräumt und Dantes sah nach und nach das mittlere Schloß, welches zwischen zwei Vorlegschlössern angebracht war, und die zwei Handhaben an den Seiten erscheinen; alles Dies war ziseliert, wie man in jenen Zeiten ziselierte, wo die Kunst die gemeinsten Metalle kostbar machte. Dantes nahm die Kiste bei den Handhaben und suchte sie aufzuheben: es war unmöglich. Dantes wollte sie öffnen: die Schlösser waren geschlossen: diese getreuen Wächter schienen ihren Schatz nicht herausgeben zu wollen. Er schob die schneidende Seite seiner Haue zwischen die Kiste und den Deckel, drückte auf den Stiel der Haue, der Deckel krachte und zersprang. Eine weite Öffnung der Bretter machte die Beschläge unnötig, sie fielen ebenfalls ab, und die Kiste war offen.
Ein schwindelartiges Fieber ergriff Dantes, er nahm seine Flinte und stellte sie mit gespanntem Hahn neben sich. Anfangs schloß er die Augen, wie es die Kinder tun, um in der funkelnden Nacht ihrer Einbildungskraft mehr Sterne zu sehen, als sie an dem noch erleuchteten Himmel zählen können, dann öffnete er sie wieder und blieb geblendet.
Drei Abteilungen schieden die Kiste: in der ersten glänzten die Goldthaler mit ihren röthlichgelben Reflexen, in der zweiten befanden sich in guter Ordnung aufgereihte, aber schlecht geglättete Goldstangen, welche vom Gold nur das Gewicht und den Wert hatten. aus der dritten endlich, welche halb voll war, zog Dantes handvollweise Diamanten, Perlen, Rubine heraus, die, eine glänzende Cascade, auf einander zurückfallend das Geräusch von Hagel auf Glasscheiben machten.
Nachdem er berührt, betastet, seine bebenden Hände in Gold und Edelsteine getaucht hatte, erhob sich Edmond wieder und lief durch die Höhlen mit der zitternden Exaltation eines Menschen, der dem Wahnsinne nahe ist. Er sprang auf einen Felsen, von wo er das Meer überschauen konnte, und sah nichts; er war allein, ganz allein mit diesen unberechenbaren, unerhörten, fabelhaften Reichtümern, welche ihm gehörten. Nur, wachte er oder träumte er? War es ein flüchtiger Traum oder umfaßte er Leib an Leib die Wirklichkeit?
Er mußte sein Gold wiedersehen, und dennoch fühlte er, daß er in dieser Minute nicht die Kraft hatte, seinen Anblick zu ertragen. Er drückte einen Augenblick beide Hände an den Kopf, als wollte er die Vernunft zu entfliehen verhindern: dann stürzte er durch die Insel ohne einer bestimmten Richtung zu folgen, scheuchte die wilden Ziegen auf und erschreckte die Seevögel durch sein Geschrei und seine heftigen Gebärden. Endlich kehrte er noch zweifelnd auf einem Umwege zurück, eilte von der ersten Grotte in die zweite und befand sich wieder im Angesicht der ungeheuren Gold- und Diamantenmine. Diesmal fiel er auf die Knie, preßte seine Hände krampfhaft an sein springendes Herz und murmelte ein für Gott allein verständliches Gebet. Bald fühlte er sich ruhiger und folglich auch glücklicher, denn zu dieser Stunde erst fing er an, an sein Glück zu glauben.
Er begann sein Vermögen zu zählen; er fand tausend Goldstangen, jede von zwei bis drei Pfund, dann häufte er fünfundzwanzig tausend Goldthaler auf, von denen jeder achtzig Franken unserer gegenwärtigen Münze wert sein mochte, insgesamt mit dem Bildniß von Papst Alexander Vl. und seinen Vorgängern, und er bemerkte, daß das Fach nur halb leer war: endlich maß er zehnmal die Weite seiner beiden Hände in Perlen, in Edelsteinen, in Diamanten, von denen viele, von den besten Goldschmieden der Zeit gefaßt, einen merkwürdigen Wert durch die Arbeit boten, abgesehen von ihrem inneren Werte.
Dantes sah den Tag sich neigen und allmälig erlöschen. Er befürchtete, überrascht zu werden, wenn er in der Höhle bliebe, und ging seine Flinte in der Hand hinaus. Ein Stück Zwieback und einige Schlucke Wein waren sein Abendbrot. Dann setzte er den Stein wieder an seine Stelle, legte sich darauf und schlief, mit seinem Leibe den Eingang der Höhle bedeckend, nur wenige Stunden. Diese Nacht war eine von den köstlichen und schrecklichen, wie sie der junge Mann mit den niederschmetternden Erschütterungen schon zwei oder dreimal in seinem Leben erfahren hatte.
Zweites Kapitel.
Der Unbekannte
Der Tag erschien: Dantes erwartete ihn längst mit offenen Augen. Bei seinen ersten Strahlen erhob er sich und stieg, wie am Tage vorher, auf den höchsten Felsen der Insel, um die Gegend zu erforschen, Es war Alles öde, wie am Tage vorher.
Edmond stieg wieder hinab, hob den Stein weg, füllte seine Taschen mit Edelsteinen, brachte, so gut er konnte, die Bretter und Beschläge der Kiste wieder an ihre Stelle, bedeckte sie mit Erde, stampfte diese Erde ein, warf Sand darauf, um die frisch umgewühlte Stelle dem übrigen Boden gleich zu machen, trat aus der Grotte hervor, legte die Platte wieder auf, häufte auf die Platte Steine von verschiedener Größe, stopfte Erde in die Zwischenräume, pflanzte in diese Myrten und Heidekraut, besprengte die neuen Pflanzungen, damit sie alt aussehen möchten, verwischte die Spuren seiner um diese Stelle her sichtbaren Tritte, und erwartete mit Ungeduld die Rückkehr seiner Gefährten. Es handelte sich nun in der Tat nicht mehr darum, seine Zeit mit Beschauung dieses Geldes und dieser Diamanten hinzubringen und, wie ein unnütze Schätze hütender Drache, an der Insel Monte Christo zu verweilen, er mußte in das Leben, unter die Menschen zurückkehren, und in der Gesellschaft den Rang, den Einfluß, die Gewalt erlangen, welche in der Welt der Reichtum, die erste und größte der Kräfte verleihen, worüber das menschliche Geschöpf zu verfügen hat.
Am sechsten Tage kehrten die Schmuggler zurück. Dantes erkannte von Ferne den Gang und die Haltung der jungen Amalie, er schleppte sich zum Hafen wie der verwundete Philoctet, und als seine Gefährten landeten, verkündigte er ihnen, während er sich noch beklagte, eine merkliche Besserung, dann hörte er seinerseits die Erzählung der Abenteurer. Das Unternehmen war ihnen allerdings gelungen; kaum aber hatten sie ihre Ladung niedergelegt als man sie durch Zeichen darauf aufmerksam machte, daß eine zur Bewachung in Toulon liegende Brigg den Hafen verlassen hatte und in ihrer Richtung steuerte; sie flüchteten sich sodann so hurtig. als sie vermochten, wobei sie nur bedauertem das Dantes, der dem Schiffe so große Schnelligkeit zu verleihen wußte, nicht da war, um dasselbe zu lenken. Bald erblickten sie auch wirklich das Jagdschiff, aber mit Hilfe der Nacht und Capo Corso umsegelnd entgingen sie ihm. Die Fahrt war im Ganzen nicht schlecht gewesen, und Alle, Jacopo besonders, beklagten es, daß Dantes dieselbe nicht mitgemacht hatte, um seinen auf fünfzig Piaster sich belaufenden Anteil an dem Nutzen zu bekommen, den sie eingetragen hatte.
Edmond blieb unerforschlich, er lächelte nicht einmal bei der Aufzählung der Vorteile, die ihm zugeflossen wären, wenn er die Insel hätte verlassen können, und da die junge Amalie nur nach Monte Christo gekommen war, um ihn abzuholen so schiffte er sich ein und folgte dem Patron nach Livorno. In Livorno ging er zu einem Juden und verkaufte für fünf und zwanzigtausend Franken das Stück vier von seinen kleinsten Diamanten. Der Jude hätte sich erkundigen können, wie sich ein Fischer im Besitz von solchen Gegenständen fände, aber er hütete sich wohl. denn er gewann mehre tausend Franken auf jedem. Am andern Tage kaufte er eine ganz neue Barke, die er Jacopo schenkte, welchem er außerdem noch hundert Piaster gab, damit er sich Leute anwerben könnte, Alles unter der Bedingung. Daß Jacopo nach Marseille ginge und dort Erkundigungen über einen Greis Namens Louis Dantes, welcher in den Allées de Meillan wohnte, und über ein Mädchen in dem Dorfe der Catalonier Namens Mercedes Erkundigung einzöge.
Jacopo glaubte, er träume. Edmond erzählte ihm, er sei aus Eigensinn, und weil ihm seine Familie das Geld zu seinem Unterhalt verweigert, Seemann geworden, aber bei seiner Ankunft in Livorno habe er die Verlassenschaft eines Oheims empfangen, der ihn zu seinem alleinigen Erben eingesetzt. Die höhere Erziehung von Dantes verlieh dieser Erzählung solche Wahrscheinlichkeit, daß Jacopo seine Angabe nicht einen Augenblick in Zweifel zog. Anderer Seits war die Dienstzeit von Edmond an Bord der schönen Amalie abgelaufen, und er verabschiedete sich von dem alten Seemann, der ihn Anfangs zurückzuhalten suchte, als er aber wie Jacopo die Geschichte von der Erbschaft erfuhr, auf die Hoffnung, den Entschluß seinen ehemaligen Matrosen zu besiegen, Verzicht leistete.
Am andern Morgen ging Jacopo nach Marseille unter Segel, er sollte Edmond auf Monte Christo wiederfinden. An demselben Tage reiste Dantes ab, ohne zu sagen, wohin er ging: von der Mannschaft der jungen Arnalie nahm er mit einem glänzenden Geschenk Abschied, und von dem Patron mit dem Versprechen, ihm eines Tage Nachricht von sich zu geben. Dantes reiste nach Genua.«
In dem Augenblick wo er ankam, versuchte man eine kleine Yacht die ein Engländer bestellt hatte, der als er hörte, die Genueser waren die besten Schiffsbauer des mittelländischen Meeres, eine in Genua erbaute Yacht haben wollte. Der Engländer hatte den Preis zu vierzigtausend Franken festgestellt; Dantes bot sechzigtausend unter der Bedingung, daß ihm das Schiff noch an demselben Tage übergeben würde. Der Engländer hatte eine Reise nach der Schweiz unternommen, bis sein Schiff vollendet wäre, und sollte erst in drei Wochen oder einem Monat zurückkommen; der Schiffsbauer dachte, er hätte Zeit, ein anderes auf den Stapel zu bringen. Dantes führte den Schiffsbauer zu einem Juden, ging mit diesem in einen Hinterladen, und der Jude zahlte dem Schiffsbauer sechzigtausend Franken aus. Der Schiffsbauer bot Dantes seine Dienste an, um ihm eine Mannschaft anzuwerben, aber Dantes dankte und erwiderte, es sei seine Gewohnheit, allein zu schiffen, er wünschte nur, daß man in der Kajüte, oben am Bette, einen Geheimschrank anbrächte, in welchem sich drei ebenfalls geheime Fächer fänden; Dantes gab das Maß zu den drei Fächern, welche am andern Tage ausgeführt wurden.
Zwei Stunden nachher verließ Dantes den Hafen, begleitet von den Blicken einer Menge von Neugierigen, welche den spanischen Herrn sehen wollten, dessen Gewohnheit es war, allein zu schiffen. Dantes ging vortrefflich zu Werke: mit Hilfe des Steuerruders, das er nicht zu verlassen nötig hatte, ließ er sein Schiff alle Evolutionen machen, die er haben wollte; man hätte es für ein vernünftiges Wesen halten sollen, das bereit wäre, dem geringsten Impuls, den man ihm verlieh, zu gehorchen, und Dantes gab in seinem Innern zu, daß die Genueser den Ruf der ersten Schiffsbauer der Welt verdienten. Die Neugierigen folgten dem kleinen Schiffe mit den Augen, bis sie es aus dem Gesichte verloren, und dann erhoben sich Debatten, wohin es ginge; die Einen sprachen für Corsica, die Andern für die Insel Elba; Diese boten eine Wette an, es ginge nach Spanien, Jene behaupteten, es führe nach Africa; Niemand dachte daran, die Insel Monte Christo zu nennen.
Es war jedoch Monte Christo, wohin Dantes ging. Er kam daselbst gegen das Ende des zweiten Tages an. Das Schiff war ein vortrefflicher Segler und hatte die Entfernung in fünf und dreißig Stunden durchlaufen, Dantes hatte sich die Lage der Küste sehr gut gemerkt.und statt in dem gewöhnlichen Hafen zu landen, warf er in dem kleinen Krek Anker. Die Insel war öde, Niemand schien gelandet zu haben, seit Dantes abgereist war. Er besuchte seinen Schatz; Alles war in dem Zustand, wie er es verlassen hatte.
Am andern Abend war das ungeheure Vermögen an Bord der Yacht gebracht und in den drei Fächern des Geheimschrankes eingeschlossen. Dantes wartete noch acht Tage; während dieser acht Tage ließ er seine Yacht um die Insel manoeuvriren und studierte sie, wie der Stallmeister ein Pferd studiert. Nach Ablauf dieser Zeit kannte er alle ihre guten Eigenschaften und alle ihre Mängel. Dantes nahm sich vor die einen zu vermehren, und die anderen zu verbessern. Am achten Tage sah Dantes ein kleines Schiff, das mit vollen Segeln auf die Insel zusteuerte; er erkannte die Barke von Jacopo, machte ein Signal, das dieser erwiderte, und zwei Stunden nachher lag die Barke neben der Yacht. Den zwei Fragen von Edmond wurde eine traurige Antwort zu Teil: der alte Dantes war tot; Mercedes war verschwunden.
Edmond vernahm diese Nachrichten mit ruhigem Gesichte, aber er stieg an das Land, wobei er Jedermann verbot, ihm zu folgen. Nach zwei Stunden kam er zurück; zwei Mann von der Barke von Jacopo gingen auf seine Yacht über, um ihn beim Manoeuvriren zu unterstützen, und er gab den Befehl, nach Marseille zu segeln. Den Tod seines Vaters hatte er vorhergesehen; aber was war aus Mercedes geworden?
Ohne sein Geheimnis bekannt werden zu lassen, konnte Edmond einem Agenten keine genügende Instructionen geben; überdies wollte er noch andere Erkundigungen einziehen, wobei er sich nur auf sich selbst verließ. Sein Spiegel hatte ihn in Livorno belehrt, daß er nicht Gefahr lief, erkannt zu werden; auch standen ihm alle Mittel, sich zu verkleiden zu Gebot. Eines Morgens lief also die Yacht, gefolgt von der kleinen Barke, kühn in den Hafen von Marseille ein und legte sich gerade vor der Stelle vor Anker, wo man ihn an jenem Abend unseligen Andenkens nach dem Castell If eingeschifft hatte.
Nicht ohne ein gewisses Beben sah Dantes in dem Sanitätskahne einen Gendarme auf sich zukommen. Doch mit der vollkommenen Sicherheit, die er erlangt hatte, reichte er demselben einen von ihm in Livorno erkauften englischen Paß, und mittelst dieses fremden Ausweises, der in Frankreich viel mehr geachtet wird als der französische, stieg er ohne Schwierigkeit an das Land. Das Erste, was Dantes erblickte, als er den Fuß auf die Cannebière setzte, war einer von den ehemaligen Matrosen des Pharaon. Dieser Mensch hatte unter ihm gedient und gereichte nun zum Mittel, Edmond über die Veränderungen zu beruhigen, die an ihm vorgegangen waren. Er schritt gerade auf denselben zu und machte mehre Fragen an ihn, welche der Matrose beantwortete, ohne nur entfernt durch seine Worte oder sein Gesicht vermuten zu lassen, daß er denjenigen, welcher mit ihm sprach, je gesehen zu haben sich erinnerte. Dantes gab dem Makrosen ein Stück Geld, um ihm für seine Auskunft zu danken, einen Augenblick nachher hörte er, daß ihm der brave Mann nachlief. Dantes wandte sich um.
»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte der Matrose, »Sie haben sich ohne Zweifel getäuscht; Sie wollten mir ein Zweifrankenstück geben und gaben mir einen doppelten Napoleon.«
»Ich habe mich allerdings getäuscht,« erwiderte Dantes, »du aber Deine Ehrlichkeit eine Belohnung verdient, so bitte ich diesen zweiten hier anzunehmen und mit Deinen Kameraden auf meine Gesundheit zu trinken.«
Der Matrose war so geblendet durch dieses Geschenk, daß er nicht einmal daran dachte, dem Geber zu danken; er schaute ihm nur nach, als er sich entfernte, und sagte:
»Das muß ein Nabob sein, der aus Indien kommt.«
Dantes setzte seinen Weg fort: jeder Schritt, den er that, brachte eine neue Erschütterung in seinem Herzen hervor; alle Erinnerungen aus seiner Kindheit, unvertilgbare Erinnerungen, ewig seinem Geiste gegenwärtig, erhoben sich in jedem Winkel eines Platzes, an jeder Ecke einer Straße, an jedem Weichsteine eines Gäßchens. Als er an das Ende der Rue de Noailles gelangte und die Allées de Meillan erblickte, fühlte er, wie seine Knie sich bogen, und er wäre bald unter die Räder eines Wagens gefallen. Endlich kam er zu dem Hause, das sein Vater bewohnt hatte. Die Osterluzeien und die Capuciner waren von der Mansarde verschwunden, wo sie die Hand des guten Mannes mit so viel Sorgfalt aufgezogen hatte. Dantes lehnte sich an einen Baum und schaute einen Augenblick nachdenkend den letzten Stock dieses armseligen Häuschens an; endlich ging er auf die Thüre zu, überschritt die Schwelle, fragte, ob keine Wohnung frei wäre, und drang, obgleich das Haus besetzt war, so lange in den Concierge, bis dieser hinaufstieg und die Personen, welche den obersten Stock bewohnten, im Namen eines Fremden um die Erlaubnis bat, ihre zwei Zimmer sehen zu dürfen.
Die Personen, welche den kleinen Raum bewohnten, waren ein junger Mann und eine junge Frau, die sich erst acht Tage vorher geheiratet hatten. Als Dantes diese jungen Leute sah, stieß er einen tiefen Seufzer aus. Nichts erinnerte ihn indessen an die Wohnung seines Vaters: es war nicht mehr dieselbe Tapete; alle die alten Geräthschaften, diese Freunde der Kindheit von Edmond, seiner Erinnerung in allen ihren Einzelheiten gegenwärtig, waren verschwunden. Nur die Wände waren dieselben. Dantes kehrte sich nach dem Bette um; es stand an derselben Stelle wie das des früheren Miethsmannes; die Augen von Dantes befeuchteten sieh unwillkürlich mit Tränen: auf diesem Platze mußte der Greis, den Namen seines Sohnes im Munde, gestorben sein. Die zwei jungen Leute schauten voll Erstaunen den Mann mit der ernsten Stirne an, über dessen Wangen zwei große Tränen floßen, ohne daß sich sein Gesicht nur im Geringsten veränderte. Aber da jeder Schmerz sein Heiligtum in sich trägt, so machten die jungen Leute keine Frage an den Unbekannten; sie zogen sich nur etwas zurück, um ihn ungestört weinen zu lassen, und da er sich entfernte, begleiteten sie ihn und sagten ihm, er könnte wiederkommen, wann er wollte, und ihr armes Haus würde ihn jeder Zeit gastfreundlich aufnehmen. Als er am unteren Stocke vorbeikam, blieb er vor einer Thüre stehen und fragte. ob der Schneider Caderousse immer noch hier wohne, der Concierge antwortete ihm jedoch, der Mann, von dem er spreche, habe schlechte Geschäfte gemacht und führe gegenwärtig die Gastwirthschaft zum Pont du Gard zwischen Bellegarde und Beaucaire.
Dantes ging hinab, fragte nach der Adresse des Eigenthümers des Hauses der Allées de Meillan, begab sich zu ihm, ließ sich als Lord Wilmore melden (dies waren der Name und der Titel auf seinem Passe) und kaufte ihm das Häuschen für die Summe von fünfundzwanzig tausend Franken ab, was wenigstens zehntausend Franken mehr war, als es wert sein mochte, Aber Dantes würde eine halbe Million bezahlt haben, wenn man so viel dafür gefordert hätte.
Au demselben Tage wurden die jungen Leute des fünften Stockes durch den Notar, der den Vertrag gemacht hatte, benachrichtigt, daß ihnen der neue Eigenthümer eine Wohnung im ganzen Hause nach ihrer Wahl überlasse, ohne auf irgend eine Weise ihren Miethzins zu erhöhen, unter der Bedingung, daß sie ihm die zwei Zimmer, welche sie bewohnten, abträten. Dieses seltsame Ereignis beschäftigte acht Tage lang alle Bewohner der Allées de Meillan und gab zu tausend Vermutungen Anlaß, von denen keine der Wahrheit entsprach. Was aber jedes Gehirn in Aufruhr brachte und jeden Geist in Unruhe versetzte, das war der Umstand, daß man denselben Mann, den man hatte in das Haus der Allées de Meillan gehen sehen, nun in dem Dorfe der Catalonier umherwandeln und in ein armseliges Fischerhäuschen eintreten sah, wo er mehr als eine Stande blieb, um Erkundigungen über verschiedene Personen einzuziehen, welche tot oder seit fünfzehn bis sechzehn Jahren verschwunden waren.
Am andern Tage bekamen die Leute, bei denen er eingetreten war, um alle diese Fragen zu machen, zum Geschenk eine ganz neue catalonische Barke, welche mit zwei Schleppnetzen und Allem, was man sonst bedarf, ausgerüstet war. Die braven Leute hätten gern dem großmütigen Frager gedankt, doch man hatte ihn, als er sie verließ, nachdem er einem Maltesen einige Befehle gegeben, zu Pferde steigen und aus Marseille durch die Porte d'Air wegreiten sehen.
