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Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 29

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Neuntes Kapitel.
Erwachen

Als Franz wieder zu sich kam, schienen die äußeren Gegenstände ein zweiter Teil seinen Traumes zu sein, er glaubte sich in einem Grabe, in welches kaum ein Sonnenstrahl wie ein Blick des Mitleids drang; erstreckte die Hand aus und fühlte Stein, er setzte sich auf und fand, daß er in seinem Burnus auf getrocknetem, sehr weichem, sehr wohlriechendem Heidekraut gelegen hatte. Jede Vision war verschwunden, und die Statuen hatten, als wären sie nur während seines Traumes aus ihren Gräbern hervorgegangen, bei seinem Erwachen die Flucht ergriffen. Er machte einige Schritte gegen den Punkt, woher dass Licht kam; auf die ganze Aufregung des Traumes folgten die Ruhe und die Wirklichkeit. Er sah sich in einer Grotte, schritt auf die Öffnung zu und erblickte durch die gewölbte Thüre einen blauen Himmel und ein Azurmeer. Luft und Wasser erglänzten in den Strahlen der Morgensonne, auf dem Ufer saßen plaudernd und lachend die Matrosen, zehn Schritte in der See schaukelte sich anmutig die Barke an ihrem Anker.

Da kostete er eine Zeit lang den frischen, gelinden Wind, der seine Stirne umspielte; er horchte auf das geschwächte Geräusch der Welle, welche an Bord erstarb und auf den Felsen eine Spitze von silberweißem Schaume zurückließ; er ließ sich gehen, ohne über den göttlichen Zauber nachzudenken, der in den Dingen der Natur liegt, besondere wenn man aus einem phantastischen Traume erwacht; dann rief das so ruhige, so reine, so großartige äußere Leben allmälig die Unwahrscheinlichkeit seines Schlafes in ihm zurück und die Erinnerungen fingen an in sein Gedächtnis wiederzukehren. Er erinnerte sich seiner Ankunft aus der Insel, seiner Vorstellung bei einem Anführer von Schmugglern, eines unterirdischen Palastes voll Pracht und Herrlichkeit, eines vortrefflichen Abendbrotes und eines Löffeln mit Haschisch. Nur kam es ihm der Wirklichkeit des lichten Tagen gegenüber vor, als wären alle diese Dinge schon vor einem Jahre vorgefallen, so lebendig war der Traum in seinem Geiste, so viel Wichtigkeit erlangte er in seinem Innern. Von Zeit zu Zeit ließ auch seine Einbildungskraft einen von den Schatten, welche seine Nacht mit ihren Blicken und ihren Küssen durchleuchtet hatten, mitten unter den Matrosen sich niedersetzen oder über einen Felsen hinschreiten oder aus der Barke sich wiegen. Übrigens hatte er einen gänzlich freien Kopf und einen vollkommen ausgeruhten Körper; keine Schwerfälligkeit im Gehirn, sondern im Gegenteil ein gewisses Wohlbehagen, eine größere Fähigkeit als je, Luft und Licht zu verzehren. Er näherte sich daher heiter seinen Matrosen. Sobald sie ihn erblickten, standen sie auf, und der Patron kam ihm entgegen.

»Herr Simbad,« sagte er zu ihm, »hat uns mit seinen Komplimenten für Euere Exzellenz beauftragt, wir sollen sein Bedauern ausdrücken, daß er nicht habe von Ihnen Abschied nehmen können; doch er hoffe, Sie werden ihn entschuldigen, wenn Sie erfahren, daß ihn eine sehr dringende Angelegenheit nach Malaga rufe.«

»Ah! mein lieber Gaetano,« sprach Franz, »alles Dies ist demnach in der Tat eine Wirklichkeit? Es gibt einen Menschen, der mich auf dieser Insel empfangen, mir eine königliche Gastfreundschaft gewährt hat, und während meines Schlafes abgereist ist!«

»Er existiert so sehr, daß Sie dort seine kleine Yacht mit vollen Segeln hinfahren sehen; wollen Sie Ihr Fernglas nehmen, so werden Sie aller Wahrscheinlichkeit nach Ihren Wirth mitten unter seiner Mannschaft erkennen.«

Bei diesen Worten streckte Gaetano seine Hand in der Richtung eines kleinen Fahrzeugs aus, das auf die Südspitze von Corsica zusteuerte. Franz zog sein Fernglas aus der Tasche, hielt es vor sein Auge und richtete es nach dem bezeichneten Punkte. Gaetano täuschte sich nicht. Auf dem Hinterteile des Schiffen stand der geheimnisvolle Fremde, gegen ihn gekehrt und ebenfalls sein Fernglas in der Hand haltend. Er war ganz so gekleidet, wie er sich am Abend vorher vor seinem Gaste gezeigt hatte, und schüttelte zum Zeichen des Abschieds ein Sacktuch in der Luft. Franz zog auch sein Sacktuch, ließ es flattern, wie jener das seinige, und gab ihm so seinen Gruß zurück. Nach einer Sekunde erschien eine leichte Rauchwolke auf dem Hinterteile des Schiffes, machte sich anmutig von dem Verdeck los und stieg langsam zum Himmel empor: dann gelangte ein schwächer Knall zu Franz.

»Hören Sie?« rief Gaetano, »er nimmt von Ihnen Abschied.« Der junge Mann ergriff seine Büchse und schoß sie in die Luft, jedoch ohne Hoffnung, es könnte der Lärm den Raum durchdringen, der die Yacht von der Küste trennte.

»Was befiehlt nun Euere Exzellenz?« fragte Gaetano.

»Zündet mir vor Allem eine Fackel an.«

»Ah! ja, ich begreife, um den Eingang in die Zaubergemächer zu suchen. Viel Vergnügen, Exzellenz, wenn das Ihnen Freude macht; die Fackel will ich Ihnen geben. Auch mich hat der Gedanke erfaßt, der Sie jetzt beschäftigt, und drei- oder viermal gab ich meiner Phantasie nach, aber am Ende verzichtete ich auf jede weitere Nachforschung Giovanni,« fügte er bei, zünde eine Fackel an und bringe sie Seiner Exzellenz.« Giovanni gehorchte. Franz nahm die Fackel und trat gefolgt von Gaetano in den unterirdischen Raum.

Er erkannte den Platz, wo er erwacht war, an seinem noch ganz zerkrümpelten Lager von Heidekraut; doch er mochte immerhin seine Fackel an der ganzen äußeren Oberfläche der Grotte hin- und herspazieren lassen, er sah nichts und erkannte nur an Spuren von Rauch, daß bereits Andere vor ihm vergeblich dieselbe Nachforschung versucht hatten. Er ließ indessen keinen Fuß von dieser, wie die Zukunft undurchdringlichen, Granitmauer ununtersucht. Er sah keine Spalte, in die er nicht die Klinge seines Jagdmessers stieß. Er bemerkte keinen hervorspringenden Punkt, auf den er nicht drückte, in der Hoffnung, er würde nachgeben; aber Alles war umsonst, und er verlor ohne irgend einen Erfolg zwei Stunden mit seinem Nachsuchen. Nach Verlauf dieser Zeit leistete er Verzicht. Gaetano triumphierte.

Als Franz an das Ufer zurückkam, erschien die Yacht nur noch wie ein weißer Punkt am Horizonte; er ergriff noch einmal sein Fernglas. doch auch mit Hilfe dieses Instruments liest sich unmöglich etwas unterscheiden. Gaetano erinnerte ihn daran, daß er nach der Insel gefahren war, um Ziegen zu jagen. was er gänzlich vergessen hatte. Er nahm seine Flinte und durchlief die Insel mit der Miene eines Mannes, der mehr eine Pflicht erfüllt, als seinem Vergnügen fröhnt, und nach einer Viertelstunde hatte er eine Ziege und zwei Zickelchen erlegt. Aber diese Ziegen obgleich wild und behende wie die Gemsen, hatten Zu große Ähnlichkeit mit unsern Hausziegen, weshalb sie Franz nicht als Wildbret betrachtete.

Dann hielten viel mächtigere Gedanken seinen Geist gefangen. Seit dem vorhergehenden Abend war er in der Tat der Held eines Märchens aus Tausend und eine Nacht, und er wurde auf eine unwiderstehliche Weise nach der Grotte hingezogen. Er begann trotz der Fruchtlosigkeit seiner ersten Forschung eine zweite, nachdem er zuvor Gaetano beauftragt hatte, eine von den zwei jungen Ziegen braten zu lassen. Sein zweiter Besuch dauerte ziemlich lange, denn als er zurückkam, war die Ziege gebraten und das Frühstück bereit.

Franz setzte sich auf die Stelle, wo man ihn am Tage vorher zum Abendbrot zu dem geheimnisvollen Wirthe eingeladen hatte, und er erblickte noch, wie eine auf der Oberfläche einer Welle sich schaukelnde Möve, die kleine Yacht, welche ihre Fahrt gegen Corsica fortsetzte.

»Ihr habt mir gemeldet,« sagte er zu Gaetano, »Herr Simbad steuere nach Malaga, während er sich, wie mir scheint, geradezu gegen Porte-Vecchio wendet.«

»Erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihnen gesagt habe, es wären unter den Leuten seines Schiffsvolkes für den Augenblick zwei corsische Banditen?«

»Es ist wahr! er wird sie an das Ufer setzen.«

»Allerdings. Ah! das ist ein Mann,« rief Gaetano, »der weder Gott noch den Teufel fürchtet, wie man sagt, und der fünfzig Meilen von seinem Wege abginge, um einem armen Menschen einen Dienst zu leisten.«

»Aber solche Dienste könnten ihn mit den Behörden des Landes, wo er auf seine Art Philanthropie treibt, in Zerwürfniß bringen?«

»Dies wohl!« erwiderte Gaetano lachend, doch er fragt den Henker nach den Behörden. Man sollte es nur versuchen, ihn zu verfolgen!i Einmal ist seine Yacht kein Schiff, sondern ein Vogel, und er würde einer Fregatte drei Knoten bei zwölf vorgeben, und dann darf er sich nur selbst auf die Küste werfen, und wird überall Freunde finden.«

Am Klarsten bei allem Dein war es, daß Herr Simbad, der Wirth von Franz, mit den Schleichhändlern und Banditen von allen Küsten des mittelländischen Meeres in Verbindung stand, was seiner Stellung einen äußerst seltsamen Anschein verlieh. Franz hielt nichts mehr auf Monte Christo zurück; er hatte jede Hoffnung verloren, das Geheimnis der Grotte zu entdecken, beeilte sich zu frühstücken, und gab seinen Leuten Befehl, die Barke für den Augenblick, wo er damit fertig wäre, bereit zu halten. Eine halbe Stunde nachher befand er sich an Bord. Er warf einen letzten Blick auf die Yacht, sie war im Begriff, im Golf von Porto-Vecchio zu verschwinden. Er gab das Signal zur Abfahrt. In der Sekunde, wo die Barke sich in Bewegung setzte, verschwand die Yacht, mit ihr erlosch die letzte Wirklichkeit der vorhergehenden Nacht: Abendbrot, Simbad, Haschisch und Statuen, Allen fing an, sich für Franz in demselben Traume zu vermengen.

Die Barke segelte den Tag und die ganze Nacht, und am Morgen bei Sonnenaufgang war die Insel Monte Christo ebenfalls verschwunden. Sobald Franz die Erde berührte, vergaß er wenigstens für den Augenblick die Ereignisse, welche er erlebt hatte, um seine Vergnügens- und Höflichkeits-Angelegenheiten in Florenz abzumachen und sich nur damit zu beschäftigen seinen Gefährten, der ihn in Rom erwartete, wieder aufzusuchen. Er reiste daher ab und langte am Sonnabend mit der Mallepost in der Siebenhügelstadt an.

Die Wohnung war erwähnter Maßen zum Voraus bestellt; er hatte sich also nur nach dem Hotel von Meister Pastrini zu begeben, was ihm nicht sehr leicht wurde, denn die Menge drängte sich in den Straßen, und Rom war bereits dem dumpfen, fieberhaften Geräusch preisgegeben, welches großen Ereignissen vorhergeht. In Rom aber gibt eo vier große Ereignisse jährlich: den Carneval, die heilige Woche, das Fronleichnamsfest und den Sanct-Peters-Tag. Das ganze übrige Jahr hindurch verharrt die Stadt in ihrer düstern Apathie, einem Zustande, der sie einer Art von Station zwischen dieser und jener Welt ähnlich macht, seiner erhabenen Station, einem Halte voll Poesie und Charakter, den Franz schon fünf- bis sechsmal erlebt und jedes mal wunderbarer und phantastischer gefunden hatte. Endlich durchschnitt er die immer mehr zunehmende, immer mehr bewegte Menge und erreichte das Hotel. Auf seine erste Frage erwiderte man ihm mit der bestellten Fiacrekutschern und Wirthen, welche das Haus voll haben, eigenthümlichen Unverschämtheit, es wäre kein Platz für ihn im Hotel de Londres. Da schickte er Meister Pastrini seine Karte und ließ Albert von Morcerf rufen. Dieses Mittel wirkte; der Wirth lief herbei, entschuldigte sich, daß er Seine Exzellenz habe warten lassen, zankte seine Kellner, nahm den Leuchter aus der Hand des Cicerone, der sich bereits des Reisenden bemächtigt hatte, und schickte sich an. Ihn zu Albert zu führen, als dieser ihm entgegenkam.

Die bestellte Wohnung bestand aus zwei Zimmern und einem Cabinet. Die zwei Zimmer gingen auf die Straße, was Meister Pastrini als denselben einen unschätzbaren Wert verleihend hervorzuheben sich bemühte. Der übrige Teil des Stockes war von einem reichen Manne gemiethet, den man für einen Sicilianer oder Malteser hielt; der Wirth konnte jedoch nicht genau angeben, welcher von den beiden Nationen der Reisende angehörte.

»Das ist sehr gut, Meister Pastrini,« sagte Franz, »aber wir brauchen für jetzt, und zwar sobald als möglich, ein Abendbrot und für morgen eine Caleche.«

»Was das Abendbrot betrifft,« erwiderte der Wirth, »so sollen Sie sogleich bedient werden; aber die Caleche . . . «

»Wie, die Caleche?« rief Albert: »keinen Scherz, Meister Pastrini, wir müssen eine Caleche haben.«

»Mein Herr, man wird Alles tun, was nur immer möglich ist, um eine zu bekommen; mehr kann ich nicht sagen.«

»Und wann haben wir Antwort?« fragte Franz.

»Morgen früh.«

»Was Teufels!« versetzte Albert; »man bezahlt sie etwas teuerer, und damit ist es abgemacht: bei Diake und Aaron um fünfundzwanzig Franken für gewöhnliche Tage, für Sonn- und Feiertage um dreißig bis fünfunddreißig Franken; legen Sie fünf Franken täglich zu, das macht vierzig, und sprechen wir nicht mehr davon.«

»Ich befürchte, die Herren dürften sich, selbst wenn sie das Doppelte böten, keine Caleche verschaffen.«

»Dann läßt man Pferde an die meinige spannen.« sie ist zwar durch die Reise etwas verstoßen, aber gleichviel!«

»Man wird keine Pferde finden.«

Albert schaute Franz wie ein Mensch an, dem man eine Antwort gibt, welche ihm ganz unbegreiflich vorkommt.

»Begreifen Sie das, Franz, keine Pferde?« sagte er.»Könnte man denn nicht Postpferde haben?«

»Sie sind seit vierzehn Tagen alle gemiethet, und es bleiben nur diejenigen übrig, welche man notwendig zum Dienste braucht.«

»Was sagen Sie dazu?« sprach Franz.

»Ich sage, daß ich, wenn eine Sache meinen Verstand übersteigt, bei dieser Sache nicht stehen zu bleiben pflege, sondern zu einer andern übergehe. Ist das Abendbrot bereit, Meister Pastrini?«

»Ja, Exzellenz.««

»Nun, so wollen wir zuerst speisen.«

»Aber die Calche und die Pferde?« entgegnete Franz.

»Seien Sie unbesorgt, sie kommen von selbst; es handelt sich nur um den Preis.«

Und mit der bewunderungswürdigen Philosophie eines Menschen, der nichts für unmöglich hält, so lange er seine Börse rund und seinen Mantelsack voll fühlt, speiste Morcerf zu Nacht, entschlief er und träumte, er führe in einer Caleche mit sechs Pferden im Carneval umher.

Zehntes Kapitel.
Römische Banditen

Am andern Morgen erwachte Franz zuerst, und sobald er wach war, läutete er. Der Klang der Glocke vibrierte noch, als Meister Pastrini in Person erschien.

»Nun!« sagte der Wirth triumphierend, ohne nur auf eine Frage von Franz zu warten, »ich vermutete es gestern, Exzellenz, als ich Ihnen nichts versprechen wollte: Sie haben zu spät daran gedacht; es ist in ganz Rom keine Caleche mehr zu miethen, versteht sich für die drei letzten Tage.«

»Ja,« erwiderte Franz, »für diejenigen, wo man sie durchaus haben muß.«

»Was gibt es?« fragte Albert eintretend; »keine Caleche?«

»So ist es, mein Freund,« sprach Franz; »Sie haben es erraten.«

»Es ist doch etwas Schönes um Euere ewige Stadt!«

»Das heißt,« versetzte Meister Pastrini, der die Hauptstadt der Christenheit in den Augen seiner Reisenden in den Augen seiner Reisenden in einer gewissen Würde erhalten wollte, das heißt, es gibt keine Caleche mehr von Sonntag Morgen bis Dienstag Abend; doch bis dahin finden Sie fünfzig, wenn Sie wollen.«

»Ah! das ist schon etwas,« sagte Albert; »wir haben heute Donnerstag, wer weiß, was bis Sonntag geschieht?«

»Es werden zehn bis zwölf tausend Fremde ankommen, und dadurch vermehrt sich noch die Schwierigkeit,« sprach Franz.

»Mein Freund,« entgegnete Morcerf, »wir wollen die Gegenwart genießen und nicht die Zukunft verdüstern.«

»Wir können doch wenigstens ein Fenster haben?« fragte Franz.

»Wohin?«

»Auf den Corso.

»Ah! ja, ein Fenster!« rief Meister Pastrini; »unmöglich, ganz unmöglich; es war noch eines im fünften Stocke des Palastes Doria übrig, und dieses wurde an einen russischen Fürsten um zwanzig Zechinen für den Tag vermiethet.«

Die zwei jungen Leute schauten sich verwundert an.

»Nun, mein Lieber,« sagte Franz zu Albert. »wissen Sie, das wir nichts Besseres tun können, als den Carneval in Venedig zubringen? wenn wir dort keinen Wagen finden, so finden wir wenigstens Gondeln.«

»Meiner Treue, nein,« rief Albert, »ich habe beschlossen, den Carneval in Rom zu sehen, und werde ihn hier sehen, und müsste ich auf Stelzen gehen.«

»Das ist ein herrlicher Gedanke,« rief Franz, »besonders um die Moccoletti auszulöschen, wir verkleiden uns als Vampyre oder als Bauern aus der Gegend von Landes, und werden großes Aufsehen machen.«

»Wünschen Euere Exzellenzen immer noch einen Wagen für Sonntag?«

»Glauben Sie, bei Gott! wir werden in den Straßen von Rom zu Fuß umherlaufen, wie Gerichtsschreiber?« versetzte Albert.

»Ich beeile mich die Befehle Euerer Exzellenzen zu vollziehen,« sagte Meister Pastrini, »nur muß ich denselben zum Voraus bemerken. daß der Wagen sechs Piaster für den Tag kostete wird.«

»Und ich, mein lieber Herr Pastrini,« erwiderte Franz, »ich, der ich nicht unser Nachbar Millionär bin, sage Ihnen, daß ich, zum vierten Male in Rom, den Preis der Calechen für gewöhnliche Tage, so wie für Sonn- und Feiertage kenne; wir geben Ihnen zwölf Piaster für heute, morgen und übermorgen, und dabei haben Sie einen schönen Nutzen.«

»Doch, Exzellenz . . . »rief Meister Pastrini, der sich zu sträuben versuchte.

»Gehen Sie, mein lieber Wirth, gehen Sie,« sprach Franz, »oder ich mache selbst den Preis mit Ihrem Affitatore, den ich auch den meinigen zu nennen die Ehre habe; er ist ein alter Freund von mir, der mir schon viel Geld gestohlen hat, und in der Hoffnung, mir noch mehr zu stehlen, sich auf weniger einlassen wird, als ich Ihnen biete; Sie verlieren sodann den Mehrbetrag, und das ist Ihre Schuld.«

»Geben Sie sich nicht die Mühe, Exzellenz,« versetzte Meister Pastrini mit dem Lächeln des italienischen Speculanten, der sich für besiegt erklärt, »ich werde mein Möglichstes tun und hoffe Sie zufrieden zu stellen.«

Vortrefflich, das heiße ich sprechen.«

»Wenn wollen Sie den Wagen?«

»In einer Stunde«

»Er wird in einer Stunde vor der Thüre sein«

Eine Stunde später erwartete der Wagen wirklich die jungen Leute; es war ein bescheidener Fiacre, den man in Betracht der feierlichen Umstände zum Range einer Caleche erhoben hatte. Aber wie unbedeutend auch sein Aussehen war, so würden sich die jungen Leute doch glücklich gefühlt haben, wenn sie einen solchen Wagen für die drei letzten Tage hätten finden können.

»Exzellenz,« rief der Cicerone, als er die Nase von Franz am Fenster erblickte, »soll ich die Carrosse näher an den Palast fahren lassen?«

So sehr auch Franz an die italienische Emphase gewöhnt war, so schaute er doch zuerst überall umher; aber diese Worte waren wirklich an ihn gerichtet. Franz war die Exzellenz, die Carrosse war der Fiacre; der Palast war das Hotel de Londres.«

Franz und Albert gingen hinab, die Carrosse näherte sich dem Palast. Ihre Exzellenzen streckten ihre Beine auf den Sitzen aus, der Cicerone sprang auf den Hintersitz.

»Wohin befehlen Euere Exzellenzen, daß man sie führen soll?«

»Zuerst nach der St. Peterskirche und dann in das Colisseum,« antwortete Albert als wahrer Pariser. Doch er wußte Eines nicht: daß man einen ganzen Tag braucht, um die Peterskirche zu sehen und einen Monat um sie zu studieren. Der Tag ging damit hin, daß man die Peterskirche sah.

Plötzlich bemerkten die zwei Freunde, daß der Abend heranrückte. Franz zog seine Uhr; es war halb fünf Uhr. Sogleich kehrte man in den Gasthof zurück; Franz gab dem Kutscher Befehl, sich um acht Uhr bereit zuhalten. Er wollte Albert das Colisseum beim Mondschein zeigen, wie er ihm die Peterskirche beim vollen Tageslichte gezeigt hatte. Läßt man einen Freund eine Stadt beschauen, die man schon gesehen, so geht man mit derselben Coquetterie zu Werk, wie wenn man eine Frau zeigt, die man geliebt hat. Franz schrieb daher dem Kutscher den Weg vor; er sollte durch die Porta del popolo hinausfahren, sich längs der äußeren Mauer hinziehen und durch die Porta di San Giovanni zurückkehren. Das Colisseum erschien ihnen ohne Vorbereitung, und ohne daß sie das Capitol, das Forum, den Triumphbogen Von Septimus Severus, den Tempel von Antonin und Fausttina als Stufen, um dasselbe zu verkleinern, auf ihrem Wege fanden. Man begab sich zu Tische: Meister Pastrini hatte seinen Gästen ein vortreffliches Mahl versprochen; er setzte ihnen ein erträgliches Essen vor, und es war nichts zu sagen.

Am Ende der Mahlzeit trat er selbst ein; Franz glaubte Anfangs, er komme, um seine Komplimente in Empfang zu nehmen, und schickte sich an, ihm diese zu machen, aber der Wirth unterbrach ihn bei den ersten Worten und sprach:

»Exzellenz, Ihr Beifall schmeichelt mir, ich bin aber nicht deshalb zu Ihnen gekommen.«

»Vielleicht, um uns zu sagen, daß Sie einen Wagen gefunden haben?« fragte Albert eine Cigarre anzündend.

»Noch viel weniger, Exzellenz, und Sie würden sogar wohl daran tun, gar nicht mehr au diese Sache zu denken. In Rom sind die Dinge möglich oder sie sind unmöglich. Wenn man einmal gesagt hat, sie seien unmöglich. so ist Alles vorbei.«

»In Paris ist es Viel bequemer; kann etwas nicht sein, so bezahlt man das Doppelte, und man hat auf der Stelle, was man verlangt.«

»Ich höre dies alle Franzosen sagen,« sprach Meister Pastrini etwas gereizt, »und ich begreife auch nicht warum sie reisen.«

»Ja wohl,« erwiderte Albert phlegmatisch, seinen Rauch gegen den Plafond ausstoßend und auf den zwei Hinterfüßen seines Lehnstuhles schaukelnd; »es reisen auch nur Narren und Dummköpfe, wie wir: vernünftige Leute verlassen ihr Hotel in der Rue Helder, das Boulevard de Gand und das Café de Paris nicht.«

Albert wohnte, wie es sich von selbst versteht, in der genannten Straße, machte jeden Tag seine fashiosnable Promenade, und speiste beinahe ausschließlich indem einzigen Kaffeehause, wo man zu Mittag speist, vorausgesetzt, man ist mit den Kellnern in gutem Einvernehmen. Meister Pastrini schwieg einen Augenblick; er dachte offenbar über die Antwort nach, die ihm Albert gegeben hatte, insofern sie ihm nicht ganz klar vorkam.«

»Doch Sie sind in irgend einer Absicht gekommen,« sagte Franz, die geographischen Betrachtungen seines Wirthes unterbrechend: wollen Sie die Gute haben, uns den Grund Ihres Besuches zu erklären?«

»Ah! richtig: hören Sie: Sie haben die Caleche auf acht Uhr befohlen?«

»Allerdings.««

»Sie beabsichtigen. das Colosseo zu besuchen?«

»Das heißt das Colisseum.«

»Das ist ganz dasselbe.«

»Gut.«

»Sie haben Ihrem Kutscher gesagt, er solle zur Porta del popolo hinaus und zur Porta di San Giovanni hereinfahren?«

»So lauten meine Worte.«

»Nun, dieser Weg ist unmöglich, oder wenigstens gefährlich.«

»Gefährlich! und warum?«

»Wegen des berüchtigten Luigi Vampa.«

»Vor Allem, mein lieber Wirth, wer ist der berüchtigte Luigi Vampa?« fragte Albert. »Er kann in Rom sehr bekannt seit, doch ich versichere Sie, in Paris kennt ihn keine Seele.«

»Wie! Sie kennen ihn nicht?«

»Ich habe nicht die Ehre.«

»Es ist ein Bandit, gegen den die Decesaris und Gasparone nur Chorknaben sind.«

»Aufgepaßt! Albert,« rief Franz, »endlich also ein Bandit! Ich bemerke Ihnen, mein lieber Wirth, daß ich nicht ein Wort von dem, was Sie sagen, glauben werde. Insofern nun aber dieser Punkt unter uns festgestellt ist, sprechen Sie so viel Sie wollen, ich höre.«

»Es war einmal . . . «

»Vorwärts!«

Meister Pastrini wandte sich gegen Franz, der ihm der Vernünftigste von den beiden jungen Leuten zu sein schien. Der brave Mann, man muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, hatte viele Franzosen in seinem Leben beherbergt, aber nie eine gewisse Seite ihres Geistes begriffen.

»Exzellenz,« sprach er mit größeren Ernst, sich, wie gesagt, an Franz wendend, »wenn Sie mich für einen Lügner halten, so brauche ich Ihnen nicht zu sagen, was ich sagen wollte; ich kann Sie indessen Versichern, daß es im Interesse Euerer Exzellenzen lag . . . «

»Albert sagt Ihnen nicht, Sie seien ein Lügner, mein lieber Herr Pastrini,« entgegnete Franz, »er sagt nur, I er werde Ihnen nicht glauben. Doch seien Sie unbesorgt, ich glaube Ihnen, sprechen Sie also.«

»Sie begreifen jedoch, Exzellenz, wenn man Zweifel in meine Wahrheitsliebe setzte . . . «

»Mein Theuerer,« rief Franz, »Sie sind empfindlicher als Cassandra, der, obgleich sie eine Probhetin war, Niemand zuhörte, während Sie wenigstens der Hälfte Ihres Auditoriums sicher sind. Setzen Sie sich, sprechen Sie, wer ist dieser Herr Vampa?«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß es ein Bandit ist, wie wir nur seit dem berüchtigten Mastrillo keinen gesehen haben.«

»Welche Beziehung hat dieser Bandit zu meinem Befehl, zu der Port-a del popolo hinaus und durch die Porta di San Giovanni hereinzufahren?«

»Sie können wohl durch das eine Thor hinausfahren, aber ich zweifle, ob Sie durch das andere hereinfahren würden.«

»Warum dies?« fragte Franz.

»Weil man mit Einbruch der Nacht fünfzig Schritte von den Thoren nicht mehr sicher ist.«

Auf Ehre?« rief Albert.

»Herr Graf,« sprach Meister Pastrini, stets tief im Herzen verwundet, daß Albert seine Wahrhaftigkeit bezweifelte, »was ich sage, ist nicht für Sie, sondern für Ihren Reisegefährten, der Rom kennt und weiß, daß man mit solchen Dingen keinen Scherz treibt.«

»Mein Lieber,« sprach Albert, sich an Franz wendend. »da haben wir ein vortreffliches Abenteuer gefunden: wir stopfen unsern Wagen mit Pistolen, Büchsen und Doppelflinten voll. Luigi Vampa hält uns an. wir nehmen ihn fest, Wir schleppen ihn nach Rom, bringen damit unsere Huldigung dem heiligen Vater dar, der uns fragt, was er zur Anerkennung eines Dienstes für uns tun könne. Dann fordern wir ganz einfach eine Carosse und zwei Pferde aus seinen Ställen und sehen den Carneval im Wagen, abgesehen davon, daß uns wahrscheinlich das dankbare römische Volk auf dem Capitol krönt und, wie Curtius und Horatius Cocles, als Retter des Vaterlandes ausruft.«

Während Albert diesen Vorschlag auseinandersetzt, machte Meister Pastrini ein Gesicht, das man vergebens zu beschreiben versuchen würde.

»Vor Allem,« fragte Franz seinen Rieisegefährten, »woher werden Sie die Pistolen, die Büchsen, die Doppelflinten nehmen, mit denen Sie unsern Wagen vollstopfen wollen?«

»Allerdings nicht aus meinem Arsenale,« erwiderte Albert, »denn in Terracina hat man mir Alles bis auf meinen Dolch genommen: und Ihnen?«

»Mir hat man dasselbe in Aquapendente getan.«

Oh!mein lieber Wirth,« sprach Albert, eine zweite Cigarre am Reste seiner ersten anzündend, »wissen Sie, daß diese Maßregel sehr bequem für die Räuber ist, und daß sie ganz aussieht, als wäre sie auf halbe Rechnung mit ihnen genommen worden?«

Ohne Zweifel fand Meister Pastrini den Spaß gefährlich, denn er antwortete nur ausweichend und das Wort an Franz als den einzigen Vernünftigen richtend, mit dem er sich verständigen könnte.

»Seine Exzellenz weiß, daß man sich gewöhnlich nicht verteidigt, wenn man von Banditen angegriffen wird.«

»Wie!« rief Albert, dessen Mut sich bei dem Gedanken, ohne ein Wort zu sagen, sich ausplündern zu lassen, empörte; »man pflegt sich nicht zu verteidigen?«

»Nein, denn jede Verteidigung wäre vergeblich. Was wollen Sie machen gegen ein Dutzend Banditen, welche uns aus einem Graben. aus einer verfallenen Mauer, aus einer Wasserleitung hervorkommen und alle zugleich auf den Reisenden anschlagen?«,

»Oh! bei Gott, ich will mich töten lassen!« rief Albert.

Der Wirth wandte sich gegen Franz mit einer Miene, welche wohl sagen wollte: »Exzellenz, Ihr Kamerad ist offenbar ein Narr.«

»Mein lieber Albert,« versetzte Franz, »Ihre Antwort ist erhaben und so viel wert. als das qu’il mourût des alten Corneile: nur handelte es sich um die Wohlfahrt von Rom, als Horaz dies sagte, und die Sache lehnte sich der Mute. Was aber uns betrifft, so bemerken Sie wohl, daß einfach von Befriedigung einer Laune die Rede ist, und daß es lächerlich wäret für eine Laune sein Leben zu wagen.«

»Ob! per Baccpo! das heiße ich sprechen,« rief Meister Pastrini.

Albert füllte sich ein Glas Latrymä Christi, das er in kleinen Zügen, zwischendurch unverständliche Worte brummelnd, leerte.

»Nun, Meister Pastrini,« sagte Franz, »nun, da mein Gefährte beruhigt ist, und Sie meine friedliche Stimmung zu beurteilen im Stande gewesen sind, sprechen Sie. Wie ist es mit dem Herrn Luigi Vampa? Ist er Schäfer oder Edelmann? jung oder alt? groß oder klein? Schildern Sie uns diesen Mann, daß wir denselben, wenn wir ihn zufällig in der Welt treffen, wie Shogard oder Laxa, zu erkennen vermögen.«

»Sie können sich nicht besser adressieren, als an mich, wenn Sie etwas ganz Genaues erfahren wollen, denn ich habe Luigi Vampa noch als Kind gekannt; und als ich eines Tages zwischen Ferentino und Alatri selbst in seine Hände fiel, erinnerte er sich zum Glücke für mich dieser ehemaligen Bekanntschaft; er ließ mich gehen, nicht nur ohne daß ich Lösegeld zu bezahlen brauchte, sondern sogar nachdem er mir eine sehr schöne Uhr zum Geschenk gemacht und seine Geschichte erzählt hatte.«

»Lassen Sie die Uhr sehen,« sagte Albert.

Meister Pastrini zog aus seiner Tasche eine prachtvolle Breguet-Uhr, worauf der Name des Verfertigers der Stempel von Paris und eine Grafenkrone angebracht waren.

»Sehen Sie.« sagte er.

»Teufel!« rief Albert, »ich mache Ihnen mein Kompliment. Ich habe die ähnliche (er zog seine Uhr aus seiner Westentasche), sie kostete mich drei tausend Franken.«

»Die Geschichte,« sprach Franz, zog einen Stuhl an sich und forderte Meister Pastrini durch ein Zeichen auf, er möge sich setzen.

»Euere Exzellenzen erlauben?« sprach der Wirth.

»Bei Gott! Sie sind kein Prediger, um stehend sprechen zu müssen.« rief Albert.

Der Wirth setzte sich, nachdem er vor jedem von seinen zukünftigen Zuhörern eine ehrfurchtsvolle Verbeugung gemacht hatte, Womit er andeuten wollte, er sei bereit, Ihnen über Luigi Vampa die gewünschte Auskunft zu geben.

»Ah doch!« rief Franz, Pastrini in dem Augenblick zurückhaltend, wo er den Mund öffnen wollte, »Sie sagen, Sie haben Luigi Vampa als Kind gekannt, es ist also noch ein junger Mann?«

»Wie, ein junger Mann! ich glaube wohl, erzählt kaum zweiundzwanzig Jahre. Oh! seien Sie unbesorgt, das ist ein Bursche, der es weit bringen wird.«

»Was sagen Sie dazu, Albert? es ist doch schön, sich mit zweiundzwanzig Jahren bereits einen Ruf gegründet zu haben,« bemerkte Franz.

»Oh, gewiss! in seinem Alter waren Alexander, Cäsar und Napoleon, welche doch in der Folge einen gewissen Lärmen in der Welt gemacht haben, noch nicht so weit vorgerückt.«

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
1870 s. 17 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain