Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 37
Vierzehntes Kapitel.
Die Katakomben von San Sebastian
Franz hatte vielleicht in seinem Leben keinen so scharfen, schneidenden Eindruck, keinen so raschen Übergang von der Heiterkeit zur Traurigkeit erfahren. Als in diesem Augenblick; es war, als heilte sich Rom unter dem magischen Hauche eines Dämons der Nacht in ein Grab verwandelt. Durch einen Zufall, der die dichte Finsternis noch vermehrte, sollte der in der Abnahme begriffene Mond erst um elf Uhr Abends aufgehen; die Straßen, durch welche der junge Mann fuhr, waren daher in die tiefste Finsternis versenkt. Die Fahrt währte indessen nicht lange; nach Verlauf von zehn Minuten hielt sein Wagen, oder Vielmehr der des Grafen vor dem Gasthofe zur Stadt London.
Das Mittagsbrot harrte der Freunde; da jedoch Albert bemerkt hatte, er gedenke nicht so bald zurückzukehren, so setzte sich Franz ohne ihn zu Tische. Gewohnt, sie mit einander speisen zu sehen, erkundigte sich Meister Pastrini nach der Ursache seiner Abwesenheit, aber Franz begnügte sich ihm zu erwidern, Albert habe am Tage zuvor eine Einladung erhalten, welcher er Folge geleistet. Das plötzliche Auslöschen der Moccoletti, die Dunkelheit, welche die Stelle des Lichten eingenommen, das auf den maßlosen Lärmen folgende Stillschweigen hatten im Geiste von Franz eine gewisse Traurigkeit zurückgelassen, welche nicht ganz von einer Beimischung von Unruhe frei war. Er speiste also sehr schweigsam, trotz der Dienstfertigkeit seines Wirthes, der wiederholt erschien, um zu fragen, oh er nichts bedürfte.
Franz war entschlossen, so lange also möglich auf Albert zu warten. Er bestellte daher den Wagen erst auf elf Uhr und beauftragte Meister Pastrini, ihn sogleich benachrichtigen zu lassen, sollte Albert in irgendeiner Absicht in den Gasthof zurückkehren. Um elf Uhr war Albert noch nicht zurückgekehrt. Franz kleidete sich an und entfernte sich mit der Bemerkung, er würde die ganze Nacht bei dem Herzog von Bracciano zubringen.
Das Haus des Herzogs von Bracciano gehört zu den reizendsten Häusern von Rom; seine Frau, eine der letzten Erbinnen der Colonna, macht die Honneurs auf eine vollkommene Weise, und die Feste, welche der Herzog gibt, haben einen europäischen Ruf. Franz und Albert waren mit Empfehlungsbriefen an ihn nach Rom gekommen, er fragte deshalb Franz auch sogleich, was aus seinem Reisegefährten geworden. Franz erwiderte dem Herzog, er hätte ihn in dem Augenblick, wo man die Moccoletti ausgelöscht, verlassen und wäre ihm bei der Via Maccelo aus dem Gesichte gekommen.
»Er ist also nicht nach Hause zurückgekehrt?« fragte der Herzog.
»Ich erwartete ihn bis zu dieser Stunde.«
»Wissen Sie? wohin er gegangen ist?«
»Nicht genaue ich glaube jedoch, es handelte sich um etwas wie ein Rendezvous.«
»Teufel!« rief der Herzog, »das ist ein schlimmer Tag, oder vielmehr eine schlimme Nacht, um noch spät außen zu bleiben, nicht wahr, Frau Gräfin?«
Diese Worte waren an die Gräfin G*** gerichtet, welche so eben erschien und am Arme von Herrn Torlonia, dem Bruder des Herzogs, auf und ab ging.
»Mir däucht im Gegentheil, daß es eine bezaubernde Nacht ist,« entgegnete die Gräfin, »und diejenigen, welche sich hier befinden, werden nur klagen, daß sie so schnell vorübergeht.«
»Ich spreche auch nicht von den Personen, welche hier sind,« Versetzte der Herzog lächelnd; »die Männer laufen keine andere Gefahr, als die, in Sie verliebt zu werden, die Frauen keine andere, als vor Eifersucht zu sterben, wenn Sie Ihre Schönheit erschauen; ich spreche von den Menschen, welche in den Straßen von Rom umherlaufen.«
»Ei! guter Gott,« fragte die Gräfin, »wer läuft zu dieser Stunde auf den Straßen umher, wenn nicht, um auf den Ball zu gehen?«
»Unser Freund Albert von Morcerf, Frau Gräfin, den ich diesen Abend um sieben Uhr in Verfolgung seiner Unbekannten verlassen und seitdem nicht wieder gesehen habe,« sprach Franz.
»Wie! und Sie wissen nicht, wo er ist?«
»Durchaus nicht.«
»Hat er Waffen bei sich?«
»Er gebt in der Tracht eines Bajazzo.«
»Sie hatten ihn nicht sollen gehen lassen,« sagte der Herzog zu Franz, »Sie, der Sie Rom besser kennen, als er.«
»Oh! ja wohl, es wäre eben sei leicht gewesen, die Nummer Drei der Barberi aufzuhalten, welche heute den Preis im Wettrennen gewonnen hat,« versetzte Franz; »und dann, was soll ihm geschehen?«
»Wer weiß? die Nacht ist sehr finster und die Tiber ganz nahe bei der Via Macello.«
Franz fühlte, wie ihm ein Schauer durch die Adern lief, als er die Geister des Herzogs und der Gräfin so sehr mit seiner persönlichen Unruhe im Einklang fand.
»Ich habe auch im Gasthofe bemerkt, ich würde die Nacht bei dem Herrn Herzog zubringen, und man benachrichtigt mich, sobald er zurückkehrt,« versetzte Franz.
»Halt,« sprach der Herzog, »ich glaube, es kommt hier gerade einer von meinen Dienern, der Sie sucht.«
Der Herzog täuschte sich nicht, der Diener näherte sich Franz, sobald er diesen erblickte, und sagte zu ihm:
»Exzellenz, der Herr des Gasthofes zur Stadt London läßt Ihnen melden, daß Sie ein Mann mit einem Briefe des Vicomte von Morcerf bei ihm erwarte.«
»Mit einem Briefe des Vicomte von Morcerf?« rief Franz.
»Ja.«
»Und wer ist der Mann?«
»Ich weist es nicht.«
»Warum brachte er mir den Brief nicht hierher?«
»Der Bote hat mir keine Erklärung gegeben.«
»Und wo ist der Bote?«
»Er ging sogleich wieder ab, als er mich in den Ballsaal, um Sie zu benachrichtigen, eintreten sah.«
»Oh! mein Gott!« sagte die Gräfin zu Franz, »gehen Sie geschwinder der arme junge Mann! es ist ihm vielleicht ein Unglück widerfahren.«
»Ich laufe,« rief Franz.
»Werden Sie zurückkommen, um uns Kunde zugeben?« fragte die Gräfin.
»Wenn die Sache nicht ernster Natur ist: ist sie dies jedoch, so stehe ich nicht dafür, was aus mir werden wird.«
»In jedem Fall mit Klugheit zu Werke gegangen,« sagte die Gräfin.
»Oh! seien Sie unbesorgt.«
Franz nahm seinen Hut und entfernte sich in größter Eile. Er hatte seinen Wagen weggeschickt und erst auf zwei Uhr wieder bestellt, aber zum Glück ist der Palast Bracciano, der einer Seits auf den Corso, anderer Seits auf die Piazza del Santi Apostoli geht, kaum zehn Minuten von der Stadt London entfernt. Als sich Franz dem Gasthofe näherte, sah er einen Menschen mitten in der Straße stehen; er zweifelte keinen Augenblick daran, es wäre der von Albert abgeschickte Bote. Dieser Mensch war in einen langen Mantel gehüllt. Er ging auf ihn zu, doch zu seinem großen Erstaunen richtete der Unbekannte zuerst das Wort an ihn.
»Was wollen Sie von mir, Exzellenz?« sagte er, indem er einen Schritt zurückwich, wie ein Mensch, der auf seiner Hut zu sein wünscht.
»Seid Ihr es nicht, der mir einen Brief vom Vicomte von Morcerf bringt?« entgegnete Franz.
»Wohnt Euere Exzellenz im Gasthofe von Pastrini?«
»Ja.«
»Einem Exzellenz ist der Reisegefährte des Grafen?«
»Ja.«
»Wie heißt Euere Exzellenz?«
»Baron Franz d’Epinay.«
»Dann ist dieser Brief wohl an Euere Exzellenz gerichtet.«
»Bedarf er einer Antwort?« fragte Franz, den Brief aus Händen des Unbekannten nehmend.
»Ja, wenigstens hofft Ihr Freund auf eine Antwort.«
»So kommt mit mir herauf, und ich werde sie Euch geben.«
»Ich will lieber hier warten, »sagte der Bote lachend.
»Warum dies?«
»Euere Exzellenz wird die Sache begreifen, wenn sie den Brief gelesen hat.«
»Ich finde Euch hier?«
»Ohne allen Zweifel«
Franz ging in seinen Gasthof; aufs der Treppe begegnete er Meister Pastrini.
»Nun?« fragte dieser.
»Nun! was?«
»Haben Sie den Mann gesehen, der Sie im Auftrage Ihres Freundes zu sprechen wünschte?«
»Ja, ich habe ihn gesehen und diesen Brief durch ihn erhalten. Ich bitte, lassen Sie Lichter bei mir anzünden.«
Der Wirth gab einem Diener Befehl, Franz mit einer Kerze voranzugehen. Der junge Mann hatte bei Meister Pastrini eine sehr verstörte Miene wahrgenommen, und diese Miene Verdoppelte noch seine Begierde, den Brief von Albert zu lesen: er näherte sich der Kerze, sobald sie angezündet war, und entfaltete das Papier. Der Brief war von Alberts Hand geschrieben und von ihm unterzeichnet. Franz las ihn zweimal, soweit entfernt war er, das zu erwarten, was er enthielt. Wir teilen das Schreiben hier wortgetreu mit:
»Lieber Freund,
Sobald Sie gegenwärtiges empfangen, haben Sie die Gefälligkeit, aus meinem Portefeuille, das Sie in der viereckigen Schublade des Secretaire finden werden, den Creditbrief zu nehmen; fügen Sie den Ihrigen bei, wenn er nicht hinreichend ist. Laufen Sie zu Torlonia, lassen Sie sich auf der Stelle vier tausend Piaster geben und händigen Sie dieselben dem Überbringer ein. Es ist dringend, daß mir diese Summe ohne Verzug zukommt. Ich sage nicht mehr, da ich auf Sie zähle, wie Sie auf mich zählen können.
N. S.
l believe now to italian bandits. 13
Ihr Freund
Albert von Morcerf.
Unter diese Zeilen waren von fremder Hand folgende italienische Worte geschrieben:
Sie alle sei della mattina le quattro mille piastre non sono nelle mei mani, alle sette il conte Alberto avra cessato di vivere. 14
Luigi Vampa
Diese zweite Unterschrift erklärte Franz Alles« unter begriff das Widerstreben des Boten, zu ihm heraufzukommen, die Straße dünkte ihm sicherer, als das Zimmer von Franz. Albert war in die Hände des berüchtigten Banditen-Anführers gefallen, an welchen zu glauben er sich so lange gesträubt hatte.
Es war keine Zeit zu verlieren. Er lief an den Secretaire, öffnete ihn, fand in der bezeichneten Schublade das Portefeuille und in dem Portefeuille den Creditbrief; er war im Ganzen auf sechstausend Piaster ausgestellt; aber von diesen sechstausend Piastern hatte Albert bereits dreitausend verbraucht. Franz besaß keinen Creditbrief; da er in Florenz wohnte und nur nach Rom gekommen war, um hier sieben bis acht Tage zubleiben, so hatte er etwa hundert Louisdor mitgenommen, und von diesen hundert Louisdor blieben ihm höchstens noch fünfzig. Es waren also noch sieben bis acht hundert Piaster erforderlich, wenn Franz und Albert die verlangte Summe zusammenbringen sollten. Allerdings konnte Franz unter solchen Umständen auf die Gefälligkeit des Herrn Torlonia rechnen, und er schickte sich daher auch bereits an, in den Palast Bracciano zurückzukehren, als ein leuchtender Gedanke seinen Geist durchblitzte.
Der Graf den Mente Christo fiel ihm ein. Franz wollte eben Meister Pastrini rufen lassen, als dieser auf der Thürschwelle erschien.
»Mein lieber Herr Pastrini,« sagte er rasch zu dem Wirthe, »glauben Sie, daß der Graf zu Hause ist?«
»Ja, Exzellenz, er ist so eben zurückgekomnen.«
»Hat er Zeit gehabt, sich zu Bette zu legen?«
»Ich bezweifle es.«
»Ich bitte Sie, läuten Sie an seiner Thüre und fragen Sie ihn für mich um Erlaubnis, ihn einen Augenblick sprechen zu dürfen.«
Meister Pastrini beeilte sich, diesen Auftrag zu vollziehen; fünf Minuten nachher war er zurück und meldete Franz, der Graf erwarte ihn.
Franz durchschritt rasch den Gang, ein Diener führte ihn bei dem Grafen ein. Er befand sich in einem kleinen, ganz von Divans umgebenen Cabinet, das Franz noch nicht gesehen hatte. Der Graf kam ihm entgegen.
»Ei! welcher gute Wind führt Sie zu dieser Stunde hierher?« sagte er, »Sollten Sie zufällig kommen, um Abendbrot mit mir zu nehmen? Das wäre sehr liebenswürdig.«
»Nein, ich komme, um in einer sehr ernsten Angelegenheit mit Ihnen zu sprechen.«
»Ein einer ernsten Angelegenheit!»sagte der Graf, Franz mit dem ihm eigentümlichen tiefen Blicke anschauend: »um was handelt es sich?«
»Sind wir allein?«
Der Graf ging an die Thüre, kehrte zurück und erwiderte:
»Vollkommen allein.«
Franz übergab ihm den Brief von Albert und sagte: »Lesen Sie.« Der Graf las.
»Ah! Ah!« rief er.
»Haben Sie von der Nachschrift Kenntnis genommen .«
»Ja, ich sehe wohl:
»»Sie alle sei della mattina le quattro mille piastre non sono nelle mei mani, alle sette il conte Alberto avra cessato di vivere.««
Luigi Vampa.
»Was sagen Sie hierzu?« fragte Franz.
»Haben Sie die verlangte Summe?«
»Es fehlen mir acht hundert Thaler.«
Der Graf ging an einen Secretaire, öffnete ihn zog eine Schublade voll Gold heraus und sagte sodann zu Franz:
»Ich hoffe, daß Sie mir nicht die Beleidigung antun werden, sich an einen Andern, als an mich zuwenden?«
»Sie sehen im Gegenteil, daß ich gerade zu Ihnen gekommen bin.«
»Dafür danke ich; nehmen Sie.« Und er bedeutete Franz durch ein Zeichen, er möge Gold aus der Schublade nehmen.
»Ist es denn durchaus notwendig, diese Summe Luigi Vampa zuzuschicken?« fragte der junge Mann den Grafen ebenfalls fest anschauend.
»Bei Gott!« rief dieser, »urteilen Sie selbst, die Nachschrift ist bestimmt.«
»Ein scheint mir, wenn Sie ein wenig nachdenken wollten, würden Sie ein Mittel finden das die Unterhandlung sehr vereinfachen müßte?« entgegnete Franz.
»Welches?« fragte der Graf erstaunt.
»Wenn wir zum Beispiel Luigi Vampa mit einander aufsuchen würden, . . . »ich bin überzeugt, er schlüge es Ihnen nicht ab, Albert frei zu geben.«
»Mir? Welchen Einfluß soll ich auf den Banditen üben?«
»Haben Sie ihm nicht einen von den Diensten geleistet, die man nie vergißt?«
»Einen Dienst?«
»Haben Sie nicht vor wenigen Tagen Peppino gerettet?«
»Ah! Ah!« rief der Graf, »wer hat Ihnen das gesagt?«
»Was liegt daran? ich weiß es.«
Der Graf blieb einen Augenblick stumm und mit gerunzelter Stirne.
»Und wenn ich Vampa aufsuchte, würden Sie mich begleiten.«
»Falls Ihnen meine Gesellschaft nicht zu unangenehm wäre?«
»Gut! es sei; das Wetter ist schön, ein Spaziergang nach der Campagna, den Rom kann uns nur wohltun.«
»Soll ich Waffen mitnehmen?«
»Warum dies?«
»Geld?«
»unnötig. Wo ist der Mensch, der dieses Billet gebracht hat?«
»Auf der Straße.«
»Er wartet auf Antwort?«
»Ja.«
»Er muß ein wenig wissen, wohin wir gehen; ich werde ihn rufen.«
»Vergeblich, er wollte nicht heraufkommen.«
»Ein Ihnen vielleicht, aber bei mir wird er keine Schwierigkeiten machen.«
Der Graf trat an das Fenster des Cabinets, welches nach der Straße ging, und pfiff auf eine besondere Weise. Der Mann mit dem Mantel entfernte sich von der Mauer und schritt bis in die Mitte der Straße vor.
»Salite!« sprach der Graf mit einem Tone, als gäbe er seinem Bedienten einen Befehl. Der Bote gehorchte, ohne zu zögern, ja sogar mit einem gewissen Eifer, sprang die vier Stufen der Freitreppe hinauf und trat in den Gasthof. Fünf Sekunden nachher war er an der Thüre des Cabinets.
»Ah! Du bist es, Peppino,« rief der Graf.
Doch statt zu antworten warf sich Peppino auf die Knie, ergriff die Hand des Grafen und drückte seine Lippen wiederholt darauf.
»Oh!« sagte der Graf, »Du hast noch nicht vergessen, daß ich Dir das Leben rettete! Das ist seltsam, es sind doch heute schon acht Tage vorüber.«
»Nein, Exzellenz, ich werde es nie vergessen.« antwortete Peppino mit dem Tone der tiefsten Dankbarkeit.
»Nie! das ist sehr lang, doch schon genug, wenn Du es nur glaubst. Stehe auf und antworte.«
Peppino warf einen unruhigen Blick auf Franz.
»Oh! Du kannst vor Seiner Exzellenz sprechen,« versetzte der Graf, »es ist einer meiner Freunde. Sie erlauben, daß ich Ihnen diesen Titel gebe,« fügte er sich gegen Franz umwendend französisch bei: »es ist nötig, um das Vertrauen dieses Menschen zu erwecken.«
»Ihr könnt vor mir reden,« sprach Franz. »ich bin ein Freund des Grafen.«
»Gut!« sagte Peppino zu dem Grafen. »Euerer Exzellenz wolle mich fragen, und ich werde antworten.«
»Wie ist der Graf Albert in die Hände von Luigi gefallen?«
»Exzellenz, die Caleche des Franzosen hat wiederholt den Wagen gekreuzt, worin Teresa saß.«
»Des Hauptmanns Geliebte?«
»Ja. Der Franzose liebäugelte mit ihr, Teresa belustigte es, ihm zu antworten, der Franzose warf Ihr Sträuße zu, sie gab ihm andere dafür, alles Dies wohl verstanden mit Einwilligung des Hauptmanns der sich in dem selben Wagen befand.«
»Wie« rief Franz, »Luigi Vampa war in dem, Wagen der römischen Bäuerinnen?«
»Er führte sie als Kutscher verkleidet.«
»Und hernach?« fragte der Graf.
»Nun, hernach nahm der Franzose die Maske ab; Teresa that, immer mit Bewilligung des Hauptmanns, dasselbe; der Franzose verlangte eine Zusammenkunft, Teresa sagte sie ihm zu; nur fand sich statt Teresa Beppo auf den Stufen der San-Giacomo Kirche . . . «
»Wie!« unterbrach ihn Franz, »die Bäuerin, welche ihm sein Moccoletto entriß? . . . «
»Wer ein junger Bursche von fünfzehn Jahren; doch Ihr Freund braucht sich nicht zu schämen, daß er sich so fangen ließ, Beppo hat noch Andere überlistet.«
»Und Beppo führte ihn vor die Stadt?«
»Allerdings; ein Wagen wartete am Ende der Via Macello, Beppo stieg ein und forderte den Franzosen auf, ihm zu folgen; er ließ sich dies nicht zweimal sagen, bot Beppo ganz artig die Hand und setzte sich neben ihn. Dieser sagte ihm nun, er führe ihn nach einer Villa, welche eine Meile vor der Stadt liege. Der Franzose versicherte Beppo, er sei bereit, ihm bis an das Ende der Welt zu folgen. Sogleich fuhr der Kutscher die Strada di Ripetta hinauf, erreichte die Porta di San Paolo. und als der Franzose, zwei hundert Schritte in der Campagna, zu unternehmend wurde, setzte ihm Beppo ein Paar Pistolen vor die Brust; rasch hielt der Kutscher seine Pferde an, wandte sich auf seinem Sitze um und that dasselbe. Zu gleicher Zeit stürzten Vier von den Unseren, welche am Ufer des Alma verborgen waren, an die Kutschenschläge. Der Franzose hatte gute Lust, sich zu verteidigen, würgte Beppo auch ein wenig, wie ich sagen horte, aber es war gegen fünf bewaffnete Männer nichts zu machen: er mußte sich ergeben; man ließ ihn aussteigen, folgte dem Ufer des Flüßchens, und führte ihn zu Teresa und Luigi, die ihn in den Katakomben von S. Sebastiano erwarteten.«
»Ei, das ist eine Geschichte so gut wie jede andere,« bemerkte der Graf gegen Franz, »Was sagen Sie dazu, Sie, der Sie Kenner sind?«
»Ich würde sie sehr lustig finden, wäre sie einem Anderen, als dem armen Albert begegnet.«
»Wenn Sie mich nicht gefunden hätten,« erwiderte der Graf, »so würde dieses Liebesabenteuer Ihren Freund ziemlich viel gekostet haben: doch beruhigen Sie sich, er wird mit der Angst davon kommen.«
»Und wir suchen ihn immer noch auf?« fragte Franz.
»Bei Gott! um so mehr, als er sich an einem sehr malerischen Orte befindet. Kennen Sie die Katakomben von San Sebastiano?«
»Nein, ich bin nie in denselben gewesen, doch ich gedachte sie eines Tages zu besuchen.«
»Wohl, so ist die Gelegenheit gefunden, und es wäre wahrlich schwer, eine bessere zu finden. Haben Sie Ihren Wagen?«
»Nein.«
»Gleichviel; es ist bei mir Gewohnheit, Tag und Nacht einen Wagen angespannt halten zu lassen.«
»Tag und Nacht angespannt?«
»Ja, ich bin ein sehr launenhaftes Wesen und muß Ihnen sagen, daß mir zuweilen, wenn ich aufstehe, am Ende meines Mittagsmahles, mitten in der Nacht, in Lust kommt, nach irgend einem Punkte der Welt zu reisen, und dann reise ich auch.«
Der Graf läutete, sein Kammerdiener erschien
»Lassen Sie den Wagen aus der Remise führen,« sagte der Graf zu ihm, »nehmen Sie die Pistolen heraus, welche in den Taschen sind; es ist nicht nötig den Kutscher zu wecken, Ali fährt.«
Nach einem Augenblick hörte man das Geräusch des Wagens, welcher Vor der Thüre hielt.
»Halb Ein Uhr,« sprach der Graf, nachdem er sein Uhr gezogen, »wir hätten erst um fünf Uhr abgehen können und wären noch zu rechter Zeit gekommen; doch bei dieser Zögerung würde Ihr Gefährte vielleicht eine schlimme Stunde zugebracht haben, und es ist daher besser, ihn auf der Stelle den Händen der Ungläubigen zu entziehen. Sind Sie immer noch entschlossen, mich zu begleiten?«
»Mehr als je.«
»Wohl, so kommen Sie.«
Franz und der Graf verließen das Zimmer, gefolgt von Peppino. Vor der Thüre fanden sie den Wagen, Ali saß auf dem Bocke; Franz erkannte den stummen Sklaven der Grotte von Monte Christo. Franz und der Graf stiegen in den Wagen: Peppino setzte sich neben Ali und man fuhr im Galopp fort. Ali hatte vorher Befehle erhalten, denn er fuhr über den Corso, durch das Campo Vaccino, die Strada San Gregorio und erreichte die Porta di San Sebastiano: hier wollte der Thorwart einige Schwierigkeiten machen, aber der Graf von Monte Christo zeigte ihm einen Erlaubnisschein vom Gouverneur von Rom, der ihm zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ungehinderten Aus- und Einlaß zusicherte; das Fallgatter wurde also aufgezogen, der Thorwart erhielt einen Louisd’or für seine Mühe, und man fuhr hinaus.
Die Straße, welcher der Wagen folgte, war die alte. völlig von Gräbern begränzte Via Appiana. Von Zeit zu Zeit kam es Franz beim Lichte des aufgehenden Mondes vor, als ob eine Schildwache von einer Ruine hervorträte; doch auf ein zwischen Peppino und dieser Schildwache ausgetauschtes Zeichen kehrte sie in den Schatten zurück und verschwand. Etwas vor dem Circus von Caracalla hielt der Wagen an, Peppino öffnete den Schlag und Franz und der Graf stiegen aus.
»Ja zehn Minuten sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Graf zu seinem Begleiter. Dann nahm er Peppino bei Seite, gab ihm leise einen Befehl, und der Bandit entfernte sich, nachdem er sich mit einer Fackel versehen hatte, die er aus einem Kistchen hervorzog.
Es vergingen fünf Minuten, während welcher Franz Peppino auf einem schmalen Fußpfade inmitten der Terrainbewegungen, welche den von Convulsionen erschütterten Boden von Rom bilden, fortschreiten und dann in dem hohen, röthlichen Grase verschwinden sah, das der gesträubten Mähne einen riesigen Löwen gleicht
»Nun wollen wir ihm folgen,« sagte der Graf.
Franz und der Graf schlugen denselben Fußpfad ein, der sie nach hundert Schritten auf einen Abhang führte, welcher sich in ein Thälchen senkte. Bald erblickte man zwei Männer, die im Schatten mit einander sprachen.
»Müssen wir nach weiter gehen oder, warten?« fragte Franz den Grafen.
»Immer vorwärts; Peppino wird die Schildwache von unserer Ankunft benachrichtigt haben.«
Der eine von diesen Männern war in der Tat Peppino, der andere ein als Schildwache aufgestellter Bandit. Franz und. der Graf näherten sich., Peppino grüßte.«
»Exzellenz,« sagte Peppino, sich an den Grafen wendend, »wollen Sie mir folgen, die Öffnung der Katakomben ist nur zwei Schritte von hier.«
»Gut,« sprach der Graf, »gehe voraus.«
Es bat sich in der Tat hinter einem Gebüsch und mitten unter einigen Felsen eine Öffnung, durch welche kaum ein Mann dringen konnte. Peppino schlüpfte zuerst hinein; aber kaum hatte er einige Schritte getan, als der unterirdische Gang sich erweiterte. Er blieb nun stehen, zündete seine Fackel an, und wandte sich um, ohne Zweifel um zu sehen, ob man ihm folgte.
Der Graf war zuerst in ein Art von Luftloch gedrungen und Franz kam nach ihm. Das Terrain vertiefte sich auf einem sanften Abhang und wurde immer weiter, je mehr man vorrückte. Franz und der Graf waren Jedoch noch genöhigt, gebückt zu marschieren, und konnten nur mit Muhe zu zwei neben einander gehen. Sie machten auf diese Weise noch ungefähr fünfzig Schritte, dann wurden sie durch den Ruf: »Wer da?« aufgehalten. Zu gleicher Zeit sahen sie inmitten der Finsternis auf dem Laufe eines Carabiners den Reflex ihrer eigenen Fackel glänzen.
»Gut Freund!« antwortet Peppino, und ging allein voran, sagte einige Worte mit leiser Stimme zu der Schildwache, welche, wie die erste, grüßte und dann den nächtlichen Gästen durch ein Zeichen bedeutete, sie konnten weiter gehen. Hinter der Wache war eine Treppe von ungefähr zwanzig Stufen. Franz und der Graf stiegen die zwanzig Stufen hinab und befanden sich in einer Art von Gruftkreuzweg. Fünf Wege liefen wie die Strahlen eines Gestirnes von dieser Stelle und und in über einander gesetzten Nischen in Form von Särgen ausgegraben, deuteten die Wände an, daß man in den Katakomben angelangt war. In einer von diesen Höhlen, deren Ausdehnung sich unmöglich unterscheiden ließ, gewahrte man einige Lichtreflexe. Der Graf legte die Hand auf die Schulter von Franz und sagte zu ihm:
»Wollen Sie ein Lager ruhender Banditen sehen.«
»Gewiß!« antwortete Franz.
»Wohl! so folgen Sie mir; Peppino, lösche-Deine Fackel aus.«
Peppino gehorchte, und Franz und der Graf befanden sich in der tiefsten Finsternis, nur tanzten fortwährend etwa fünfzig Schritte vor ihnen längs den Wänden einige röthliche Scheine hin, welche noch sichtbarer geworden waren, seitdem Peppino seine Fackel ausgelöscht hatte. Sie rückten langsam vor, wobei der Graf Franz leitete, als besäße er die seltene Fähigkeit, in der Finsternis zu sehen. Franz unterschied übrigens selbst leichter, je mehr er sich den Reflexen näherte, die ihnen als Führer dienten.
Drei Arcaden, von denen die mittlere als Thüre zu betrachten war, gewährten ihnen Durchlaß. Diese Arcaden öffneten sich einer Seite nach dem Gange, wo Franz und der Graf sich befanden, anderer Seits nach einem großen Viereckigen Gemach das ganz von Nischen, den von uns erwähnten ähnlich, umgeben war. Mitten in diesem Gemach erhoben sich vier Steine, welche einst als Altar gedient hatten, wie das dieselben überragende Kreuz andeutete. Eine einzige aus einem Säulenschafte stehende Lampe beleuchtete mit einem bleichen, flackernden Lichte die seltsame Szene, die sich den Augen der im Schatten verborgenen zwei Gefährten bot.
Ein Mann saß, den Ellenbogen auf diese Säule gestützt, und las den Rücken den Arcaden zuwendend, durch deren Öffnung die Ankömmlinge ihn betrachteten. Es war der Anführer der Bande, Luigi Vampa. Rings umher sah man nach ihrer Laune gruppirt, in ihren Mänteln liegend oder an eine Art von Steinbank gelehnt, welche das Columbarium umgab, etwa zwanzig Räuber: jeder hatte seinen Carabiner im Bereiche seiner Hand. Im Hintergrunde ging schweigsam, kaum sichtbar und einem Schatten ähnlich, eine Schildwache vor einer Öffnung auf und ab, die man nur zu unterscheiden vermochte, weil die Finsternis an diesem Orte dichter war.
Als der Graf glaubte. Franz hätte seine Blicke hinreichend an diesem pittoresken Bilde geweidet, legte er den Finger an seine Lippen, um ihm Stillschweigen zu empfehlen, trat die drei Stufen hinabsteigend, welche von dem Gange in das Columbarium führten, durch die mittlere Arcade in das Gemach und ging auf Vampa zu, der so tief in das Lesen versunken war, daß er das Geräusch seiner Tritte nicht hörte.
»Wer da?« rief die Schildwache, welche, weniger von einem fremden Gegenstande in Anspruch genommen, bei dem Schimmer der Lampe etwas wie einen Schatten sah, der hinter ihrem Hauptmann immer größer wurde. Bei diesem Rufe erhob sich Vampa rasch und zog gleichzeitig eine Pistole aus seinem Gürtel. In einem Augenblick waren alle Banditen auf den Beinen und zwanzig Carabinerläufe richteten sich auf den Grafen.«
»Nun!« sagte dieser mit vollkommen ruhiger Stimme und ohne daß eine Muskel seines Gesichtes sich rührte; »nun! mein lieber Vampa, es scheint, Ihr macht Euch große Unkosten, um einen Freund zu empfangen.«
»Nieder die Gewehre!« rief der Anführer mit einem gebieterischen Zeichen einer Hand, während er mit der andern ehrfurchtsvoll seinen Hut abnahm. Dann sich gegen die seltsame Person umwendend, welche diese ganze Szene beherrschte, sprach er:
»Verzeihen Sie, Herr Graf, aber ich war so weit entfernt, die Ehre Ihres Besuches zu erwarten, dass ich Sie nicht erkannte.«
»Es scheint, Ihr habt in allen Dingen ein kurzes Gedächtnis, Vampa,« entgegnete der Graf »und Ihr vergeßt nicht nur das Gesicht der Menschen, sondern auch die Bedingungen, die Ihr mit ihnen eingegangen.«
»Welche Bedingungen habe ich vergessen, Herr Graf?« fragte der Bandit, wie ein Mensch, dem, wenn er einen Fehler begangen hat, Alles daran liegt, denselben wieder gut zu machen.
»Sind wir nicht mit einander übereingekommen, daß Euch nicht nur meine Person, sondern auch die meiner Freunde heilig sein sollen?«
»In welcher Beziehung habe ich mich gegen diesen Vertrag verfehlt, Exzellenz?«
»Ihr habt den Vicomte Albert von Morcerf entführt und hierher gebracht: und, so wißt,« fuhr der Graf mit einem Tone fort, der Franz beben machte, »dieser junge Mann gehört zu meinen Freunden, dieser junge Mann wohnt in demselben Gasthofe wie ich, dieser junge Mann hat acht Tage lang in meinem Wagen Corso gemacht, und dessen ungeachtet, ich wiederhole es, habt Ihr ihn entführt, hierher geschleppt und —« der Graf zog den Brief aus der Tasche – »ein Lösegeld wie für den Nächsten den Besten festgesetzt.«
»Warum habt Ihr mich nicht davon in Kenntnis gesetzt?« sagte der Anführer sich gegen seine Leute umwendend, welche insgesamt vor seinem Blicke zurückwichen; »warum habt Ihr mich der Unbilde preisgegeben, daß ich mein Wort breche gegen einen Mann der unserer Aller Leben in seinen Händen hat?« Bei dem Blute Christi, wenn ich dächte, einer von Euch hätte gewußt, der junge Mann wäre der Freund Seiner Exzellenz, ich würde ihm die Hirnschale zerschmettern.«
»Nun!« sprach der Graf, sich an Franz, wendend! »ich sagte Ihnen, es walte irgend ein Irrtum ob.«
»Sind Sie nicht allein?« fragte Vampa unruhig
»Die Person ist bei mir, an welche der Brief gerichtet war; ich wollte ihr beweisen, daß Luigi Vampa ein Mann von Wort ist. Kommen Sie. Exzellenz,« sprach er zu Franz, »hier ist Luigi Vampa, der Ihnen selbst zu sagen wünscht, er sei in Verzweiflung über den, Irrtum, den er begangen hat.«
Franz näherte sich; der Banditenanführer trat ihm entgegen und sprach:
»Seien Sie willkommen unter uns, Exzellenz: Sie haben gehört, was der Herr Graf sagte und was ich antwortete: ich füge bei, nicht um die vier tausend Piaster. die ich als Lösegeld Ihres Freundes bestimmte, wollte ich, daß dergleichen geschehen wäre.«
»Doch wo ist der Gefangene?« versetzte Franz, unruhig umherschauend, »ich sehe ihn nicht.
»Es ist ihm hoffentlich nichts widerfahren?« fragte der Graf, die Stirne faltend.
»Der Gefangene ist dort, antwortete Vampa, auf die Vertiefung deutend, vor welcher der Bandit als Schildwache auf und ab ging; »ich werde ihm selbst ankündigen, daß er frei ist.«
Der Anführer schritt nach dem von ihm bezeichneten Orte zu. der Albert als Gefängnis dienen sollte, und Franz folgte ihm mit dem Grafen.
»Was macht der Gefangene?« fragte Vampa die Schildwache.
»Meiner Treue, Kapitän, ich weiß es nicht, seit einer Stunde höre ich keine Bewegung von ihm.«
»Kommen Sie, Exzellenz,« sagte Vampa.
Der Graf und Franz stiegen sieben bis acht Stufen, stets den Kapitän voran, hinauf sobald dieser einen Riegel gezogen und eine Thüre aufgestoßen hatte, konnte man beim Schimmer einer Lampe, der ähnlich, welche das Columbarium erhellte, Albert sehen welcher in einen Mantel gehüllt, den ihm einer von den Banditen geliehen hatte, in einem Winkel im tiefsten Schlafe lag.
