Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 39
Sechzehntes Kapitel.
Das Frühstück
In dem Hause der Rue du Helder, wo Albert von Morcerf in Rom dem Grafen von Monte Christo Rendezvous gegeben hatte, bereitete sich am Morgen des 2l. Mai Alles vor, um dem Worte des jungen Mannes Ehre zu machen.
Albert von Morcerf bewohnte einen Pavillon, welcher an der Ecke eines großen Hofes und einem andern für das Gesinde bestimmten Gebäude gegenüber lag. Nur zwei Fenster dieses Pavillon gingen auf die Straße, während drei gegen den Hof und zwei weitere rückwärts gegen den Garten gerichtet waren.
Zwischen diesem Hofe und diesem Garten erhob sich, in dem schlechten Geschmacke der kaiserlichen Architektur erbaut, die modische, geräumige Wohnung des Grafen und der Gräfin von Morcerf.
In der ganzen Breite des Besitztums dehnte sich, nach der Straße zu, eine Mauer ans, welche in bestimmten Entfernungen von Blumenvasen überragt und in der Mitte von einem großen Gitter mit vergoldeten Spießen durchschnitten war, das zu feierlicher Einfahrt diente, während die Leute vom Dienste oder die Gebieter, wenn sie zu Fuße kamen, eine kleine, beinahe an die Loge des Concierge angeklebte Thüre zu benützen hatten.
Man erriet in der Wahl des zur Wohnung für Albert bestimmten Pavillon die zarte Fürsorge einer Mutter, die sich von ihrem Sohne nicht trennen wollte, aber wohl einsah, daß ein junger Mann vom Alter des Vicomte seiner vollen Freiheit bedurfte. Man erkannte darin auch, was nicht zu leugnen ist, den verständigen Egoismus des jungen Mannes, der in dieses freie, müßige Leben der minderjährigen Söhne verliebt war, das man ihm vergoldete, wie dem Vogel seinen Bauer.
Durch die zwei nach der Straße gehenden Fenster konnte Albert seine Forschungen gegen Außen vornehmen. Der Blick nach Außen ist so notwendig für junge Leute, welche beständig die Welt ihren Horizont durchziehen sehen wollen, und wäre dieser Horizont nur der der Straße. Albert von Morcerf konnte, wenn er feine Forschungen weiter verfolgen wollte, durch eine kleine Thüre gehen, welche das Seitenstück zu der von uns erwähnten Thüre neben der Loge des Portier bildete, was eine besondere Erwähnung verdient.
Man hätte glauben sollen, es wäre ein seit dem Tage der Erbauung des Hauses vergessenes und zu fortwährender Vergessenheit verurteiltes Pförtchen, so bestaubt und bescheiden sah dasselbe aus, aber bei näherer Betrachtung offenbarten Schloß und Angeln, sorgfältig eingeölt, eine geheimnisvolle, beständige Benutzung. Diese kleine duckmäuserische Thüre spottete des Concierge, dessen Wachsamkeit und Gerichtsbarkeit sie völlig entging, da sie sich, wie die bekannte Thüre der Höhle in Tausend und eine Nacht, wie die bezauberte Sesame von Ali Baba mittelst einiger kabalistischer Worte, ausgesprochen durch die weichsten Stimmen, oder mittelst eines verabredeten Kratzens, bewerkstelligt durch die allerzartesten Finger der Welt, öffnete.
Am Ende einen weiten, stillen, als Vorzimmer dienenden Ganges, öffneten sich rechts der nach dem Hofe gehende Speisesaal von Albert und links sein kleiner Salon, von welchem man die Aussicht nach dem Garten hatte. Gesträuche und Schlingpflanzen breiteten sich fächerartig vor den Fenstern aus und verbargen dem Hofe und dem Garten das Innere der zwei einzigen im Erdgeschoße liegenden Zimmer, in welche unbescheidene Blicke hätten dringen können.
Im ersten Stocke wiederholten sich diese zwei Zimmer, bereichert durch ein drittes vom Vorzimmer genommenes. Diese drei Gelasse waren ein Salon, ein Schlafzimmer und ein Boudoir.
Der untere Salon war nur eine Art von algierischem Divan für Raucher bestimmt.
Das Boudoir des ersten Stockes ging in das Schlafzimmer und stand durch eine unsichtbare Thüre mit der Treppe in Verbindung. Es waren, wie man sieht, alle Vorsichtsmaßregeln getroffen.
Über diesem ersten Stocke fand sich ein geräumiges Atelier, welches man Mauern und Scheidewände einreißend vergrößert hatte . . . ein Pandämonium, das der Künstler dem Dandy streitig machte. Dahin flüchteten sich alle auf einander folgende Launen von Albert: Waldhörner, Baßgeigen, Flöten, ein ganzes Orchester, denn Albert hatte einen Augenblick nicht Geschmack, sondern eine Phantasie für Musik gehabt; Staffeleien, Paletten, Pastelle, denn auf die Phantasie für die Musik war die Phantasie für die Malerei gefolgt; ferner Rappire, Boxhandschuhe und Stöcke aller Art, denn nach den Überlieferungen der jungen Modeherren der Zeit, zu welcher wir nun gelangt sind, pflegte Albert mit unendlich mehr Ausdauer, als er dies bei der Musik und Malerei getan, diese drei Künste, welche die Löwenerziehung vollenden, nämlich die Fechtkunst, das Boxen und den Stock, und er empfing nach und nach in diesem für alle Leibesübungen bestimmten Zimmer Grisier, Cooks und Charles Lacour.
Das übrige Geräthe dieses Zimmers bestand in alten Kisten aus der Zeit von Franz l., welche mit chinesischem Porzellan, Vasen von Japan, Fayencen von Luca della Robbia, und Platten von Bernard de Palissy gefüllt waren; in antiken Lehnstühlen, worin vielleicht Heinrich IV. oder Sully, Ludwig XIII. Oder Richelieu gesessen hatten, denn zwei von diesen Stühlen waren mit einem geschnitzten Wappenschild geschmückt, woran überragt von einer Königskrone aus blauem Grunde die drei Lilien von Frankreich glänzten, und kamen sichtbar aus den Geräthekammern des Louvre oder wenigstens aus denen irgend eines königlichen Schlosses. Auf diesen düsteren, ernsten Stühlen lagen durcheinander reiche Stoffe mit lebhaften, von der Sonne Persiens zeugenden Farben oder aus den Fingern der Frauen von Calcutta und Chandernagor hervorgegangen. Was diese Stoffe hier thaten, ließ sich nicht wohl sagen; sie erwarteten, die Augen erquickend, eine dem Eigenthümer selbst noch unbekannte Bestimmung und erleuchteten mittlerweile das Zimmer mit ihren seidenen und goldenen Reflexen.
An dem am meisten in das Auge fallenden Platze stand ein Piano von Roller und Blanchet aus Rosenholz geschnitten, ein Piano von der Taille unserer liliputischen Salons, das aber in seiner engen, sonoren Höhle ein ganzen Orchester verbarg und unter der Last der Werke von Beethoven, Weber, Mozart, Hayden, Gretry und Porpora seufzte.
Dann überall, längs den Wänden, über den Thüren, an der Decke, Schwerter, Dolche, Criks, Keulen, Aexte, ganz vergoldete, damaszierte, incrustirte Rüstungen; Kräuterbücher, Haufen von Mineralien, mit Roßhaar ausgestopfte Vögel, welche ihre feuerfarbigen Flügel zu einem unbeweglichen Fluge erhoben und ihre Schnäbel öffnen, um sie nie wieder zu schließen.
Es versteht sich von selbst, daß dieses Zimmer das Lieblingszimmer von Albert war.
Am Tage des Rendezvous hatte jedoch der junge Mann sein Hauptquartier in dem kleinen Solon im Erdgeschosse aufgeschlagen. Auf einem, in einer gewissen Entfernung von einem breiten, weichen Divan umgebenen, Tische sah man alle bekannte Tabake der Welt, von dem gelben Tabak von Petersburg bis zu dem schwarzen des Sinai, Maryland, Porto Ricco und Latakie nicht zu vergessen, in den bei den Holländern so sehr beliebten Fayence-Töpfen. Daneben waren in Kistchen von wohlriechendem Holze nach der Größe und der Eigenschaft die Puros, die Regalia, die Havanna’s und die Manillas aufgereiht; in einem offenen Schranke fand sich endlich eine Sammlung von deutschen Pfeifen, von Schibuks mit Bernsteinmundspitzen und mit Korallen verziert, und von anderen glänzenden Rauchwerkzeuge, bereit, den Launen oder der Sympathie der Raucher zu frönen. Albert hatte selbst die Anordnung oder vielmehr die symmetrische Unordnung bestimmt, welche die Gäste einen modernen Frühstücks so gern nach dem Kaffee durch den Dampf betrachten, der ihrem Munde entströmt und in langen Schnecken zur Decke aufsteigt.
Um drei Viertel auf zehn Uhr trat ein Kammerdiener ein. Er bildete mit einem kleinen Groom von fünfzehn bis sechzehn Jahren, der nur Englisch sprach und auf den Namen John antwortete, die ganze Dienerschaft von Albert. Wohl verstanden, an gewöhnlichen Tagen war der Koch des Hotel zu seiner Verfügung gestellt, und bei großen Veranlassungen hatte er zu weiterer Bedienung den Jäger des Grafen.
Dieser Kammerdiener, welcher Germain hieß und das vollkommene Vertrauen seines jungen Herrn genoß, hielt in der Hand einen Stoß Zeitungen, die er auf den Tisch legte, und ein Päckchen Briefe, das er Albert übergab.
Albert schaute mit zerstreutem Auge die verschiedenen Sendschreiben an, wählte zwei mit zarter Schrift und wohlriechenden Umschlägen, entsiegelte dieselben und las sie mit einer gewissen Aufmerksamkeit.
»Wie sind diese Briefe gekommen?« fragte er.
»Der eine durch die Post, der andere wurde durch den Kammerdiener von Madame Danglars gebracht.
»Lassen Sie Madame Danglars sagen, ich nehme den Platz an, den sie mir in ihrer Loge anbietet . . . Warten Sie doch . . . im Verlaufe des Tags gehen Sie zu Rosa und melden ihr, ich werde gemäß ihrer Einladung nach der Oper bei ihr zu Nacht speisen; bringen Sie ihr sechs Flaschen ausgesuchten Wein, Cyprier, Xeres, Malaga, und einen Korb Austern von Ostende . . . nehmen Sie die Austern bei Borel und sagen Sie ihm, sie seien für mich bestimmt.«
»Um welche Zeit will der gnädige Herr bedient sein?«
»Wie viel Uhr ist es ist.«
»Drei Viertel auf zehn Uhr.«
»Serviren Sie um halb elf Uhr. Debray muß vielleicht in sein Ministerium gehen . . . Und überdies . . . (Albert zog seine Schreibtafel zu Rathe) . . . es ist die Stunde, die ich dem Grafen angegeben habe. Am 21sten Mai um halb elf Uhr Morgens; wenn ich auf sein Versprechen auch nicht gerade große Stücke halte, so will ich doch pünktlich sein. Wissen Sie nicht, ob die Frau Gräfin ausgestanden ist?«
»Wenn es der Herr Vicomte wünscht, werde ich mich erkundigen?«
»Ja . . . erbitten Sie sich von ihr einen von ihren Flaschenkellerrn, der meinige ist unvollständig, sagen Sie ihr, ich werde um drei Uhr die Ehre haben, zu ihr zu kommen, und lasse sie um Erlaubnis ersuchen, ihr Jemand vorstellen zu dürfen.«
Der Kammerdiener ging ab. Albert warf sich auf einen Divan, zerriß den Umschlag von einigen Zeitungen, sah nach den Schauspielern, machte eine Grimasse, als er wahrnahm, daß man eine Oper und kein Ballett gab, suchte vergebens unter den Parfumerie-Ankündigungen ein Opiat für die Zähne, von dem man ihm gesagt hatte, warf eines nach dem andern die drei gelesensten Blätter von Paris von sich und murmelte unter einem langen Gähnen:
»Diese Zeitungen werden in der Tat immer erbärmlicher.«
In diesem Augenblick hielt ein leichter Wagen vor der Thüre, und eine Minute nachher kam der Kammerdiener zurück, um Herrn Lucien Debray zu melden; ein großer blonder, bleicher junger Mann, mit grauem. Sicherem Auge, mit dünnen, kalten Lippen, mit ciselirten goldenen Knöpfen auf einem blauen Frack, mit weißer Cravate und einem an einer seidenen Schnur hängenden Lorgnon, das er mit einer Muskelnanstrengung von Zeit zu Zeit in der Höhle seines rechten Auges festzuhalten wußte, trat ohne zu lächeln, ohne zu lächeln und mit einer halboffiziellen Miene ein.
»Guten Morgen, Lucien, guten Morgen!« rief Albert. »Oh! mein Lieber, Sie erschrecken mich mit Ihrer Pünktlichkeit. Was sage ich? Pünktlichkeit! Sie, den ich zuletzt erwartete, Sie kommen um zehn Uhr weniger fünf Minuten, während das Rendezvous erst auf halb elf Uhr bestimmt ist! In der Tat, wunderbar! sollte das Ministerium gestürzt sein?«
»Nein, mein Theuerster,« entgegnete der junge Mann, sich in den Divan incrustirend; »beruhigen Sie sich, wir wanken fortwährend, aber wir fallen nie, nur ich fange an zu glauben, daß wir ganz einfach zur Unentsetzbarkeit übergeben, abgesehen davon, daß uns die Angelegenheiten der Halbinsel völlig befestigen.«
»Oh! Ja, das ist wahr, Ihr vertreibt Don Carlos aus Spanien.«
»Nein, Theuerster; verwechseln wir das nicht; wir führen ihn an die entgegengesetzte Seite der Grenze von Frankreich und bieten ihm eine königliche Gastfreundschaft in Bourges.«
»In Bourges?«
»Ja, er hat sich nicht darüber zu beklagen, den Teufel! Bourges ist die Hauptstadt von König Karl VII. Wie, Sie wüßten das nicht? Es ist seit gestern in ganz Paris bekannt, und schon vorgestern ist die Sache bei der Börse lautbar geworden, denn Herr Danglars (ich weiß nicht, wie es zugeht, daß dieser Mann die Neuigkeiten sobald erfährt, als wir), denn Herr Danglars hat auf das Steigen der Papiere gespielt und eine Million gewonnen.«
»Und Ihnen ist ein neues Band zugefallen, wie es scheint; ich sehe, daß Ihrer Brochette ein blauer Streifen zugefügt worden ist.«
»Hm! sie haben mir den Stern von Karl III. Geschickt,« erwiderte Debray nachläßig.
»Spielen Sie doch nicht den Gleichgültigen, gestehen Sie, daß Sie die Sache mit Vergnügen empfingen.«
»Meiner Treue, ja, als Vervollständigung der Toilette; ein Stern steht gut auf einem schwarzen Frack; es sieht elegant aus.«
»Ja wohl,« versetzte Morcerf lächelnd, »man gewinnt das Ansehen des Prinzen von Wales oder des Herzogs von Reichstadt.«
»Deshalb erscheine ich so frühzeitig, mein Lieber.«
»Weil Sie den Stern von Karl III. erhalten haben und mir diese erfreuliche Kunde mitteilen wollten?«
»Nein, weil ich die Nacht mit Expeditionen zubrachte: siebenundzwanzig diplomatische Depechen. Als ich diesen Morgen bei Tagesanbruch nach Hause kam, wollte ich schlafen; aber das Kopfweh plagte mich, und ich stand auf, um eine Stunde zu reiten. In Boulogne erfaßten mich die Langeweile und der Hunger, zwei Feinde, welche selten mit einander gehen und sich dennoch gegen mich verbanden . . . eine Art von carlorepublicanischer Allianz . . . ; da erinnerte ich mich, daß man diesen Morgen bei Ihnen schmause, und da bin ich nun: ich habe Hunger, füttern Sie mich, ich habe Langeweile, unterhalten Sie mich.«
»Das ist meine Schuldigkeit als Amphitryon, lieber Freund,« sprach Albert, seinem Kammerdiener läutend, während Lucien mit dem Ende seines Stöckchens, woran ein mit Türkissen besetzter goldener Knopf bemerkbar war, die Journale durcheinander warf. »Germain, ein Glas Xeres und Zwieback. Mittlerweile sind hier Cigarren, wohlverstanden, eingeschmuggelte; ich fordere Sie auf, dieselben zu kosten und Ihren Minister einzuladen, ähnliche zu kaufen, statt der Nußblätter, welche er die guten Bürger zu rauchen zwingt.«
»Bei Gott! ich werde mich wohl hüten. Sobald Sie Ihnen von der Regierung zukämen, wollten Sie solche Cigarren nicht mehr und Sie würden dieselben sogar abscheulich finden. Überdies geht das nicht das Innere, sondern die Finanzen an: wenden Sie sich an Herrn Humann, Section der indirekten Steuern, Gang A, Nro. 26.«
»In der Tat, Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre umfassenden Kenntnisse. Doch nehmen Sie eine Cigarre.
»Ah! lieber Vicomte,« sprach Lucien, an einer rosenfarbigen Kerze, welche auf einem Handleuchter von Vermeil brannte, eine Manilla anzündend und sodann sich wieder in den Divan zurückwerfend; »ah! mein lieber Vicomte, wie glücklich sind Sie, das Sie nichts zu tun haben. Sie kennen die Größe Ihres Glückes gar nicht.«
»Und was würden Sie tun, mein lieber Pacificator aller Königreiche,« sagte Morcerf mit einer leichten Ironie, »was würden Sie tun, wenn Sie nichts thäten? Wie! Sie, der Privatsecretaire eines Ministers, in die große europäische Kabale und in die kleinen Intriguen von Paris geschleudert, befugt und veranlaßt, Könige, und was noch besser ist, Königinnen zu beschützen, Parteien zu vereinigen, Wahlen zu leiten . . . Sie, der Sie mit Ihrem Cabinet, Ihrer Feder und Ihren Telegraphen mehr tun, als Napoleon von seinen Schlachtfeldern aus mit seinem Schwerte und seinen Siegen that, Sie, der Besitzer von fünfundzwanzigtausend Franken Renten, abgesehen von Ihrem Platze, der Eigenthümer eines Pferdes, wofür Ihnen Chateau-Renaud vierhundert Louisd’or geboten hat, ohne daß Sie es geben wollten, Sie, der Gebieter eines Schneiders, der Ihnen nie eine Hose verdirbt, Sie, der Sie die Oper, den Jockey-Club und die Varietés haben, finden in allem Dem nicht hinreichend Stoff, um sich zu zerstreuen? Wohl, es seit ich werde Sie zerstreuen.«
»Wie dies?«
»Indem ich Sie eine neue Bekanntschaft machen lasse.«
»Unter den Männern oder unter den Frauen?«
»Unter den Männern.«
»Oh! ich kenne bereits zu viele.«
»Aber Sie kennen keinen, wie der ist, von welchem ich spreche.«
»Woher kommt er denn? vom Ende der Welt?«
»Vielleicht von weiter her.«
»Ah! Teufel, ich hoffe, er bringt nicht unser Frühstück?«
»Nein, seien Sie unbesorgt, unser Frühstück wird in der mütterlichen Küche bereitet. Doch, Sie haben also Hunger?«
»Ja, ich bekenne es, so demütigend auch dieses Geständnis ist. Doch ich habe gestern bei Herrn von Villefort gespeist, und Sie konnten bemerken, lieber Freund, daß man bei allen diesen Leuten vom Gericht sehr schlecht ißt, es kommt mir vor, als hätten sie Gewissensbisse.«
»Ah! bei Gott, verachtet nur die Mittagsmahle, Anderer, ohne zu bedenken, wie man bei Euern Ministern speist.«
»Ja, aber wir laden wenigstens nicht Leute von feiner Bildung ein, und wenn wir nicht genötigt wären, die Honneurs unserer Tafel einigen Lümmeln zu machen, welche denken, und besonders gut stimmen, so würden wir uns wie vor der Pest scheuen, zu Hause zu speisen, das dürfen Sie mir wohl glauben.«
»Nun, mein Lieber, so nehmen Sie noch ein zweites Glas Xeres und einen Zwieback.«
»Mit Vergnügen, Ihr spanischer Wein ist vortrefflich, und Sie sehen. daß wir ganz Recht gehabt haben, dieses Land zu pacificiren?«
»Ja, aber Don Carlos?«
»Don Carlos trinkt Bordeauxwein, und in zehn Jahren verheiraten wir seinen Sohn mit der kleinen Königin.«
»Was Ihnen das goldene Vließ eintragen wird, wenn Sie noch im Ministerium sind.«
»Albert, ich glaube, Sie haben diesen Morgen das System, mit Dunst zu bewirthen, angenommen.«
»Ah! Sie müssen zugeben, das unterhält den Morgen am Besten; doch ich höre im Vorzimmer die Stimme von Beauchamp, Sie streiten sich, und das läßt Sie Geduld fassen?«
»Worüber?«
»Über die Zeitungen.«
»Oh! lieber Freund,« entgegnete Lucien mit erhabener Verachtung, »lese ich Zeitungen?«
»Ein Grund mehr, dann werden Sie sich noch viel heftiger streiten.«
»Herr Beauchamp!« meldete der Kammerdiener.
»Herein, herein! furchtbare Feder!« rief Albert, aufstehend und dem jungen Manne entgegengehend, »hier ist Debray, der Sie haßt, ohne Sie zu lesen . . . so sagt er wenigstens.«
»Er hat Recht,« erwiderte Beauchamp, »es geht ihm wie mir, ich kritisiere ihn, ohne zu wissen, was er tut. Guten Morgen, Commandeur.«
»Ah! Sie wissen es schon,« versetzte der Privatsecretaire, mit dem Journalisten einen Händedruck austauschend.
»Bei Gott! rief Beauchamp.
»Und was spricht man darüber in der Welt?«
»In welcher Welt? Wir haben viele Welten im Jahre der Gnade 1838!«
»In der kritisch-politischen Welt, deren Löwe Sie sind.«
»Man sagt, es sei ganz gerecht, und Sie säen Roth genug aus, damit etwas Blau wachse.«
»Nicht übel,« rief Lucien, »warum gehören Sie nicht zu den Unseren, mein lieber Beauchamp, mit Ihrem Geiste würden Sie in drei bis vier Jahren Glück machen.«
»Um Ihren Rath zu befolgen, erwarte ich auch nur Eines: ein auf sechs Monate gesichertes Ministerium. Nun, ein einziges Wort, mein lieber Albert, denn es ist billig, daß ich Lucien zu Atem kommen lasse: Frühstücken wir oder speisen wir zu Mittag? Ich habe die Kammer. Es ist, wie Sie sehen, nicht Alles rosa bei unserem Gewerbe.«
»Man wird nur frühstücken; wir erwarten noch zwei Personen und setzen uns zu Tische, sobald sie gekommen sind.«
»Und was für Personen sind es, die Sie beim Frühstück erwarten?«
»Einen Edelmann und einen Diplomaten.«
»Dann dauert es zwei kleine Stunden bei dem Edelmann und zwei große bei dem Diplomaten. Ich werde zum Dessert zurückkehren. Bewahren Sie mir Erdbeeren, Kaffee und Cigarren. Ich esse eine Cotette in der Kammer.«
»Thun Sie das nicht, Beauchamp, denn wäre der Edelmann ein Montmorency und der Diplomat ein Metternich, wir frühstücken auf den Punkt elf Uhr; mittlerweile machen Sie es wie Debray, kosten Sie meinen Xeres und meine Zwiebacke.«
»Gut, ich bleibe; ich muß mich diesen Morgen notwendig zerstreuen.«
»Sie sind gerade.wie Debray! doch mir scheint, wenn das Ministerium traurig ist, muß die Opposition heiter sein.«
»Ah! sehen Sie, mein lieber Freund, Sie wissen nicht, was mich bedroht. Ich werde diesen Morgen in der Deputiertenkammer eine Rede von Herrn Danglars und diesen Abend bei seiner Frau eine Tragödie von einem Pair von Frankreich hören. Der Teufel hole die constitutionelle Regierung! und da wir, wie man sagt, die Wahl hatten, warum haben wir diese genommen?«
»Ich begreife, Sie bedürfen eines Vorraths an Heiterkeit.«
»Sprechen Sie nicht schlimm von den Reden des Herrn Danglars,« rief Debray; »er stimmt für Sie, er macht Opposition.«
»Das ist gerade das Mißliche; ich hoffe auch, daß Sie ihn in den Luxembourg schicken werden, damit ich nach Belieben über seine Reden lachen kann.«
»Mein Lieber,« sagte Albert zu Beauchamp, »man sieht wohl, daß die Angelegenheiten Spaniens geordnet sind, denn Sie offenbaren diesen Morgen eine empörende Bitterkeit. Erinnern Sie sich doch, daß die Pariser Chronik von einer Heirat zwischen mir und Fräulein Eugenie Danglars spricht. Ich kann Sie also mit gutem Gewissen nicht schlecht von der Beredsamkeit eines Mannes sprechen lassen, der mir eines Tages sagen soll: »»Herr Vicomte, Sie wissen, daß ich meiner Tochter zwei Millionen gebe.««
»Stille doch!« sprach Beauchamp, »diese Heirat wird nie stattfinden. Der König konnte ihn zum Grafen machen, er kann ihn zum Pair ernennen, aber er wird ihn nie zum Edelmann machen, und der Graf von Morcerf ist ein viel zu aristokratischer Degen, um gegen zwei armselige Millionen in eine Mesalliance einzuwilligen. Der Vicomte von Morcerf darf nur eine Marquise heiraten.«
»Zwei Millionen! das ist doch nicht zu verachten,« bemerkte Albert.
»Es ist das Gesellschaftscapital eines Boulevard-Theaters oder einer Eisenbahn vom Jardin des Plantes nach der Rapée.«
»Lassen Sie ihn sprechen, Morcerf,« versetzte Debray nachläßig, »und heiraten Sie. Sie heiraten die Etiquette eines Sacks, nicht wahr? Wohl, was ist Ihnen daran gelegen? Es ist besser, ein Wappenschild weniger bei dieser Etiquette und eine Nulle mehr; Sie haben sieben gestümmelte Amseln in Ihrem Wappen, Sie geben Ihrer Frau drei und es bleiben Ihnen immer noch vier; das ist einer mehr, als Herr von Guise gehabt hat, der beinahe König von Frankreich geworden wäre, und dessen Vetter Kaiser von Deutschland war.«
»Meiner Treue, ich glaube, Sie haben Recht,« erwiderte Albert zerstreut.
»Sicherlich, jeder Millionär ist edel wie ein Bastard, das beißt, er kann es sein.«
»Stille! sagen Sie das nicht, Debray,« entgegnete Beauchamp lachend, »denn da ist Chateau-Renaud, der Ihnen, um Sie von Ihrer Paradorenwuth zu heilen, den Degen von Renaud von Montauban, seinen Ahnherrn, durch den Leib stoßen wird.«
»Er würde dadurch seines Adels verlustig werden,« antwortete Lucien, »denn ich bin gemein und zwar sehr gemein.«
»Gut,« rief Beauchamp, »das Ministerium singt Beranger, mein Gott! wohin kommt es noch mit uns.«
»Herr von Chateau-Renaud! Herr Maximilian Morrel,« sagte der Kammerdiener, zwei neue Gäste meldend.
»Vollzählig also!« rief Brauchamp, »denn wenn ich mich nicht täusche, erwarteten Sie nur noch zwei Personen, Albert?«
»Morrel!« murmelte Albert erstaunt; »Morrel, was ist das?«
Doch ehe er vollendet hatte, nahm Herr von Chateau-Renaud, ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, ein Edelmann vom Scheitel bis zur Zehe, das heißt mit dem Kopfe eines Guiche und dem Geiste eines Mortemart, Albert bei der Hund und sagte zu ihm:
»Erlauben Sie mir, mein Lieber, Ihnen den Spahis-Kapitän. Herrn Maximilian Morrel, meinen Freund und meinen Retter vorzustellen, obgleich ein solcher Mann wohl keiner Vorstellung bedarf. Begrüßen Sie meinen Helden, Vicomte.«
Und er ging auf die Seite, um den großen, edlen, jungen Mann mit der breitete Stirne, mit dem durchdringenden Auge, mit dem schwarzen Schnurrbart zu enthüllen, den unsere Leser in Marseille unter so dramatischen Umständen gesehen zu haben sich vielleicht erinnern werden, daß er wohl noch nicht bei ihnen in Vergessenheit geraten ist. Eine reiche halb französische halb orientalische, bewunderungsvoll getragene Uniform machte seine breite, mit dem Kreuze der Ehrenlegion geschmückte Brust geltend und hob die kühnen Wellenlinien seines Wuchses hervor.
Der junge Mann verbeugte sich mit anmuthreicber Höflichkeit Morrel war reizend in jeder von seinen Bewegungen, weil er stark war.
»»Mein Herr,« sagte Albert mit zuvorkommender Freundlichkeit, »Herr von Chateau-Renaud wußte zum Voraus, welches Vergnügen er mir durch Ihre Bekanntschaft bereiten würde; Sie gehören zu seinen Freunden, lassen Sie sich auch zu den unsern zahlen.«
»Seht gut,« rief Chateau-Renaud, »wünschen Sie, daß er eintretenden Falles für Sie tun möge, mein lieber Vicomte, was er für mich getan hat.«
»Und was hat er denn getan?« fragte Albert.
»Oh! es ist nicht der Mühe wert, davon zu reden,« sagte Morrel; »dieser Herr übertreibt.«
»Wie!« entgegnete Chateau-Renaud, »es ist nicht der Mühe wert, davon zu reden! Das Leben ist nicht wert, daß man davon spricht . . . ! In der Tat, was Sie da sagen, ist zu philosophisch, mein lieber Herr Morrel. Gut für Sie, der Sie Ihr Leben jeden Tag bloßstellen, aber nicht für mich, der ich es zufällig einmal aussetze . . . «
»Am Klarsten bei allem dem ist mir, dass Ihnen der Herr Kapiteln Morrel das Leben gerettet hat.«
»Oh! mein Gott, ja, so ist es,« erwiderte Chateau-Renaud.
»Bei welcher Gelegenheit?« fragte Beauchamp.
»Beauchamp, mein Freund, Sie wissen, daß ich vor Hunger sterbe,« sagte Debray, »lassen Sie sich nicht in Geschichten ein.«
»Ich verhindere es nicht, daß man sich zu Tische begibt,« entgegnete Beauchamp. »Chateau-Renaud wird uns die Sache während des Frühstücks erzählen.«
»Meine Herren,« sprach Albert, »bemerken Sie wohl, es ist erst ein Viertel auf elf Uhr, und wir erwarten noch einen letzten Gast.«
»Ah! das ist wahr, einen Diplomaten,« rief Debray.
»Einen Diplomaten oder etwas Anderes, ich weißes nicht; ich weiß nur, daß ich ihn für meine Rechnung mit einer Botschaft beauftragt habe, die er so zu meiner Zufriedenheit ausführte, daß ich ihn, wäre ich König gewesen, zum Ritter aller meiner Orden ernannt haben würde, selbst wenn ich über das goldene Vließ und den Hosenbandorden zu verfügen gehabt hätte.«
»Da man sich noch nicht zu Tische setzt,« sprach Debray, »so machen Sie es wie wir, gießen Sie sich ein Glas Xeres ein und erzählen Sie uns sodann Ihre Geschichte.«
»Sie wissen Alle, daß mir der Gedanke kam, nach Afrika zu gehen.«
»Das ist ein Weg, den Ihre Ahnen Ihnen vorgezeichnet haben, mein lieber Chateau-Renaud, bemerkte artiger Weise Morcerf.
»Ja, doch ich bezweifle, ob es, wie bei ihnen, geschah, um das Grab Christi frei zu machen.«
»Sie haben Recht, Beauchamp, versetzte der junge Aristokrat, »es geschah ganz einfach, um als Liebhaber Pistolen zu schießen. Das Duell widerstrebt mir, wie Sie wissen, seitdem zwei Zeugen, die ich gewählt, um eine Sache beizulegen, mich zwangen, einem meiner besten Freunde den Arm zu zerschmettern . . oh! Bei Gott dem armen Franz d’Epinay, den Ihr Alle kennt.«
»Ah! ja, es ist wahr, Ihr habt Euch geschlagen,« sagte Debray. »Aus welcher Veranlassung?«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich dessen erinnere!« erwiderte Chateau-Renaud; »ich weiß nur noch, daß ich mich schämte, ein Talent wie das meinige ruhen zu lassen, und an den Arabern die Pistolen versuchen wollte, die ich zum Geschenke bekommen hatte. Dem zu Folge schiffte ich mich nach Oran ein, von Oran begab ich mich nach Constantine, wo ich gerade zu rechter Zeit ankam, um die Belagerung aufheben zu sehen. Ich zog mich zurück wie die Andern. Achtundvierzig Stunden lang ertrug ich ganz gut den Regen bei Tage, den Schnee bei der Nacht, am dritten Morgen endlich starb mein Pferd vor Kälte. Armes Tier, an die Decken und an den Ofen des Stalles gewöhnt., ein arabisches Roß, das sich nur ein wenig unheimisch fühlte, als es in Arabien zehn Grade Kälte fand.«
»Deshalb wollen Sie mir mein englisches Pferd abkaufen,« sagte Debray; »Sie denken, es werde die Kälte besser ertragen, als Ihr arabisches.«
»Sie täuschen sich, denn ich habe ein Gelübde getan, nie mehr nach Afrika zurückzukehren.«
»Sie hatten also gewaltig bange?« fragte Beauchamp.
»Meiner Treue, ja, ich gestehe es,« antwortete Chateu–Renaud, »und es war Grund dazu vorhanden. Mein Pferd war also tot, ich machte meinen Rückzug zu Fuß, sechs Araber sprengten im Galopp herbei, um mir den Kopf abzuhauen, ich schoß zwei mit der Flinte, zwei mit meinen Pistolen niedere aber es blieben noch zwei übrig, und ich war entwaffnet. Der Eine nahm mich bei den Haaren, weshalb ich sie jetzt kurz trage, denn man kann nicht wissen, was geschieht, der Andere zielte mit seinem Yatagan nach meinem Halse, und ich fühlte bereits die scharfe Kälte des Eisens, als dieser Herr, den Sie hier sehen, ebenfalls auf sie chargirte, denjenigen, welcher mich bei den Haaren hielt, mit einem Pistolenschuß niederstreckte und dem Andern, der mir mit einem Säbelhieb den Hals abzuschlagen im Begriffe war, den Schädel spaltete. Der Herr hatte sich die Aufgabe gestellt, an diesem Tage einen Menschen zu retten, der Zufall wollte, daß ich dies war; wenn ich einmal reich bin, lasse ich durch Klagmann oder Marochetti eine Statue des Zufalls machen.«
»Ja.« sagte Morrel lächelnd. »es war am 5. September, am Jahrestage einer wunderbaren Rettung meines Vaters, ich feiere auch, so viel in meinen Kräften liegt, diesen Tag jedes Jahr durch irgend eine Handlung.«
»Durch eine heldenmüthige, nicht wahr?« unterbrach ihn Chateau-Renaud; »kurz ich war der Auserwählte, doch das ist noch nicht Alles. Nachdem er mich vom Eisen errettet, rettete er mich von der Kälte, indem er mir nicht die Hälfte seines Mantels, wie dies der heilige Martin that, sondern indem er mir seines ganzen Mantel gab; dann schützte er mich vor Hunger dadurch, daß er mit mir, erratet was, teilte?«
»Eine Pastete von Felix?« fragte Beauchamp.
»Nein, sein Pferd, von dem wir jeder ein Stück mit großem Appetit verzehrten, das war hart.«
»Das Pferd?« rief lachend Morcerf.
»Nein, das Opfer,« antwortete Chateau-Renaud, »fragen Sie Debray, ob er seinen Engländer für einen Fremden opfern würde?«
